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Full text of "Ausführliches Lexikon der griechischen und römischen Mythologie"

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https://archive.org/details/ausfuhrlicheslex11rosc 


THE  GETTY  RESEARCH  INSTITUTE  LIBRARY 


Halsted  VanderPoel  Campanian  Collection 


AUSFÜHRLICHES  LEXIKON 

DER 

GRIECHISCHEN  UNI)  RÖMISCHEN 

MYTHOLOGIE 

IM  VEREIN  MIT 


TH.  BIRT,  0.  CRUSIUS,  W.  DEECKE,  F.  DENEKEN,  W.  DREXLER,  R.  ENGELMANN, 
A.  FURTWÄNGLER,  J.  1LBERG,  0.  IMMISCH,  A.  KLÜGMANN(f),  MAX.  MAYER, 
0.  MELTZER,  ED.  MEYER,  R.  PETER,  A.  PREUNER,  K.  PURGOLD,  A.  RAPP, 
TH.  SCHREIBER,  Iv.  SEELIGER , II.  STEUDING,  II.  W.  STOLL,  L.  v.  SYBEL, 
E.  THRÄMER,  P.  WEIZSÄCKER,  L.  WENIGER,  G.  WISSOWA,  E.  WÖRNER  U.  A. 


HERAUSGEGEBEN  VON 

W.  H.  ROSCHER. 


ERSTER  BAND. 


MIT  ÜBER  500  ABBILDUNGEN  UNI)  EINER  GENEALOGISCHEN  TAFEL.* 


LEIPZIG, 

DRUCK  UND  VERLAG  VON  B.  G.  TEUBNER. 
1884—1890. 


Eu(pi]f.ielv  /Qi}  yaqLotuo&cu  tolg  ij/usteQoiot  /oyotöiv, 
Zotig  u7tei(jog  touovöe  Aoycuv  ij  yviL/ut]  /uij  ya&(X(jsöeiy 
i)  yervutiuv  o (jyia  \_f.iu9' cüv]  f.i i\t * eidev  f.n)ty  i/o (Jtuotv. 


Y orrede. 


Uber  Zweck  und  Plan  dieses  Lexikons,  welches  bestimmt  ist  das  treffliche 
aber  bereits  in  unzähligen  Punkten  veraltete  und  unvollständige  Werk  von  Jacobi 
(Koburg  und  Leipzig  1835)  zu  ersetzen,  habe  ich  mich  schon  in  den  Mitteilungen  der 
B.  G.  Teubnerschen  Verlagshandlung  vom  Jahre  1879,  Heft  Nr.  2,  sowie  im  Prospektus 
dieses  Werkes  zur  Genüge  ausgesprochen.  Ich  wiederhole,  dafs  es  uns  bei  der  Ab- 
fassung der  einzelnen  Artikel  in  erster  Linie  auf  eine  möglichst  objektive,  knappe 
und  doch  vollständige,  stets  auf  die  Quellen  gegründete  Darstellung  der 
litterarisch  überlieferten  Mythen  unter  gehöriger  Benutzung  der  Monumente  der 
bildenden  Kunst,  sowie  der  betreffenden  Kulte  ankommt.  Die  Deutung  steht  für 
uns  erst  in  zweiter  Linie:  sie  ist  nur  da  ausführlich  gegeben  oder  der  Darstellung  zu 
Grunde  gelegt  worden,  wo  sie  sicher  oder  doch  sehr  wahrscheinlich  ist.  Um  auch 
kunstmythologischen  Ansprüchen  einigermafsen  genügen  zu  können,  sind  dem  Texte 
zahlreiche  Abbildungen  ausgewählter,  besonders  charakteristischer  Monumente  — 
darunter  viele  unedierte  — einverleibt  worden.  Dafs  auch  die  für  Hellas  und  Born 
wichtigeren  ausländischen,  namentlich  orientalischen  und  etruskischen  Mythen  und 
Kulte  mit  zur  Darstellung  kommen  mufsten,  verstand  sich  bei  dem  auf  möglichste 
Vollständigkeit  abzielenden  Plane  des  Werkes  von  selbst.  Die  betreffenden  Artikel  der 
Herren  Ed.  Meyer,  Professor  für  alte  Geschichte  in  Halle  a./S.,  und  Dir.  Dr.  Deecke 
in  Buchsweiler  dürften  in  der  That  als  eine  höchst  wertvolle  Ergänzung  des  Lexikons 
allseitig  mit  Freuden  begrülst  werden. 

Dafs  ein  solches  Werk  heutzutage  ein  wahres  Bedürfnis  ist,  wird  wohl  all- 
gemein zugestanden  werden  und  ist  mir  auch  schon  von  vielen  philologischen  und 
archäologischen  Autoritäten  bestätigt  worden.  Ist  doch  seit  nunmehr  30  Jahren  in 
Deutschland  kein  gröfseres,  das  Gesamtgebiet  der  klassischen  Mythologie  umfassendes 
Werk  erschienen,  so  dafs  eine  neue,  den  grofsartigen  Fortschritten  der  Altertumswissen- 
schaft, namentlich  der  Kunstarchäologie  und  Inschriftenkunde  einigermafsen  gerecht 
werdende  und  das  massenhafte  Material  möglichst  zusammenfassende  Darstellung  ent- 
schieden notwendig  erscheint;  andererseits  dürfte  bei  der  fast  unendlichen  Fülle  der 
Mythen  und  Kulte  und  bei  dem  beklagenswerten  Mangel  an  tiefer  eindringenden  For- 
schungen hinsichtlich  ihrer  Zusammengehörigkeit  und  ursprünglichen  Bedeutung  ein 
Lexikon  weit  eher  zu  einer  einigermafsen  vollständigen  Zusammenfassung  des  Stoffes 
geeignet  sein  als  das  zuerst  von  mir  angekündigte  systematische  Handbuch,  da  ein 
solches  im  günstigsten  Falle  nur  die  Hauptgötter  und  Hauptheroen  behandeln  kann, 
den  gröfsten  Teil  der  kleineren  Mythen  aber  beiseite  lassen  mufs.  Die  Kraft  eines 
einzigen  Mannes,  möge  sie  noch  so  grofs  sein,  reicht  eben  nicht  aus,  um  alle  in 


VI 


Vorrede. 


Betracht  kommenden  Mythen  und  Kulte  systematisch  zu  behandeln.  Um 'das  Gesagte 
recht  augenfällig  zu  beweisen,  bemerke  ich,  dafs  selbst  in  den  beiden  besten  und  relativ 
vollständigsten  systematischen  Handbüchern  der  griechischen  und  römischen  Mythologie 
zusammen  nach  Ausweis  der  Register  kaum  300  A-namen  behandelt  sind,  während 
unser  Lexikon  (die  verschiedenen  Homonymen  mitgerechnet)  deren  über  1400  enthält. 
Hierzu  kommt  noch  der  praktische  Gesichtspunkt,  dafs  ein  Lexikon  zu  rascher  und 
zugleich  sicherer  Orientierung  weit  geeigneter  ist  als  ein  systematisches  Handbuch, 
aus  dessen  Registern  häufig  erst  mühsam  die  sämtlichen  Stellen  gesammelt  werden 
müssen,  an  denen  der  betreffende  Mythus  behandelt  ist. 

Bald  nachdem  ich  die  Ausarbeitung  begonnen  hatte,  wurde  es  mir  klar,  dafs 
ein  so  umfangreiches  Werk,  wenn  sein  Erscheinen  nicht  bis  ins  Unabsehbare  verzögert 
werden  sollte,  nicht  von  einem  Einzelnen,  sondern  nur  von  einem  Vereine  mehrerer 
Gelehrter  geschaffen  werden  könne.  Es  war  daher  mein  eifriges  Bestreben,  dem  Buche 
die  Mitwirkung  einer  Anzahl  tüchtiger,  ja  hervorragender  Männer  zu  sichern,  welche 
sich  bereit  finden  liefsen,  nach  den  angegebenen  Gesichtspunkten  zu  arbeiten.  Die  Mit- 
arbeiter am  ersten  Bande  sind  folgende  Herren: 

Gymnasialdirektor  Prof.  Dr.  Bernhard  in  Dresden,  Professor  Dr.  Th.  Birt  in  Mar- 
burg, Professor  Dr.  0.  Crusius  in  Tübingen,  Gymnasialdirektor  Prof.  Dr.  W.  Deecke 
in  Buchsweiler,  Gymnasiallehrer  Dr.  E.  Deneken  in  Berlin,  Bibliothekar  Dr.  W.  Drexler 
in  Halle  a./S.,  Oberlehrer  Dr.  R.  Engelmann  in  Berlin,  Professor  Dr.  C.  Fleischer  in 
Meifsen,  Professor  Dr.  A.  Furtwängler  in  Berlin,  Geh.  Hofrat  Dr.  Gädechens 

in  Jena,  Oberlehrer  Dr.  Greve  in  Fellin,  Oberlehrer  Dr.  Helbig  in  Bautzen,  Dr. 

P.  Herrmann  in  Berlin,  Oberlehrer  Dr.  Höfer  in  Dresden,  Oberlehrer  Dr.  J.  Ilberg 
in  Leipzig,  Dr.  A.  Klügmann  (•]*)  in  Rom,  Dr.  E.  Kuhnert  in  Königsberg,  Oberlehrer 
Di\  Lehnerdt  in  Königsberg,  Gymnasialdirektor  Prof.  Dr.  0.  Meitzer  in  Dresden, 
Professor  Dr.  Ed.  Meyer  in  Halle  a./S.,  Oberlehrer  Dr.  G.  Oertel  in  Leipzig,  Biblio- 
thekar Dr.  R.  Peter  in  Münster,  Professor  Dr.  A.  Preuner  in  Greifswald,  Gymnasial- 
direktor Prof  Dr.  A.  Procksch  in  Eisenberg,  Oberstudienrat  Prof.  Dr.  A.  Rapp  in 
Stuttgart,  Dr.  B.  Sauer  in  Athen,  Direktorialassistent  Dr.  Ohr.  Scherer  in  Braun- 
schweig, Professor  Dr.  Schirmer  in  Eisenberg,  Museumsdirektor  Prof.  Dr.  Th.  Schreiber 
in  Leipzig,  Gymnasiallehrer  Dr.  A.  Schultz  in  Hirschberg,  Professor  Dr.  K.  Seeliger 

in  Meifsen,  Oberlehrer  Dr.  H.  Steuding  in  Wurzen,  Professor  Dr.  H.  W.  Stoll  in 

Weilburg,  Professor  Dr.  L.  von  Sybel  in  Marburg,  Privatdozent  Dr.  E.  Thrämer 
in  Strafsburg,  Gymnasiallehrer  Dr.  K.  Tümpel  in  Neustettin , Direktorialassistent  Dr. 
J.  Vogel  in  Leipzig,  Dr.  F.  A.  Voigt  in  Göttingen,  Gymnasialdirektor  Prof.  Dr. 
P.  Weizsäcker  in  Calw,  Professor  Dr.  Wilisch  in  Zittau,  Professor  Dr.  G.  Wissowa 
in  Marburg,  Oberlehrer  Dr.  W olff  in  Chemnitz,  Konrektor  Prof.  Dr.  W örner  in  Leipzig.*) 
Dafs  der  bekannte  Spruch  des  Terentianus  Maurus  „habent  sua  fata  libelli“ 
nicht  blofs  für  die  vollendeten,  sondern  auch  für  die  noch  im  Entstehen  begriffenen 


*)  Für  den  zweiten  Band  haben  aufser  der  Mehrzahl  der  schon  genannten  Mitarbeiter 
noch  folgende  Herren  wichtigere  Artikel  übernommen:  Dr.  Leo  Bloch  (Berlin):  Demeter,  Per- 
sephone, Triptolemos;  Prof.  Dr.  Drefsler  (Wurzen):  Triton;  Dr.  Eninann  (Petersburg):  Leto,  Niobe, 
Zeus  (mythol.);  Oberl.  Dr.  Gläfser  (Leipzig):  Sternbilder;  Dr.  P.  Hirsch  (Königsberg):  Theban. 
Kriege;  Dr.  M.  Ihm  (Rom):  Matronae  u.  s.w.;  Privatdozent  Dr.  Immisch  (Leipzig) : Kerberos,  Kory- 
banten, Kureten,  Manto,  Neleus,  Palinuros,  Phineus,  Pyramos,  Sarpedon,,  Sinon,  Teukros,  Thisbe, 
Thoas;  Oberl.  Dr.  Lorentz  (Wurzen):  Terambos  u.  s.  w.;  Dr.  Maxim.  Mayer  (Berlin):  Kottos,  Luft- 
göttin, Parthenopaios,  Personifikationen,  Perseus,  Tyche  u.  s.  w. ; Prof.  Dr.  Pietschmann  (Göttingen) : 
Thoth;  Museumsdirektor  Dr.  Purgold  (Gotha):  Nike,  Phaethon,  Poseidon  (kunstmythol.)  u.  s.w.; 
Prof.  Dr.  Studniczka  (Freiburg):  Kyrene;  Dir.  Dr.  Weniger  (Weimar):  Iphitos  u.  s.  w.  Vgl. 
Mitteil.  d.  B.  G.  Teubnerschen  Verlagshandlung  1889  S.  36. 


Vorrede. 


VII 


Bücher  Geltung  habe,  besonders  wenn  sie  so  umfangreich  sind  und  so  langdauernde 
Vorbereitung  und  Arbeit  beanspruchen  wie  unser  Lexikon,  das  hat  auch  der  Unter- 
zeichnete Herausgeber  natürlich  zur  Genüge  erfahren  müssen.  Hat  doch  die  Vor- 
bereitung des  Ganzen  nicht  weniger  als  fünf,  die  Drucklegung  und  Herausgabe  des 
ersten  nunmehr  glücklich  vollendeten  Bandes  gar  sechs  Jahre  voll  angestrengter  Arbeit 
erfordert.  Es  sei  dem  Unterzeichneten  verstattet,  aus  „der  inneren  Geschichte“  unseres 
Lexikons  hier  nur  folgende  Thatsache  zur  Sprache  zu  bringen.  Keinem  aufmerksamen 
Leser  und  Benutzer  des  Lexikons  wird  es  entgangen  sein,  dafs  das  erste  Drittel  des 
ersten  Bandes  teilweise  nicht  auf  derselben  Höhe  steht  wie  die  beiden  andern  Drittel, 
insofern  mehrere  wichtige  Hauptartikel  des  Buchstaben  A nicht  mit  derselben  Ausführ- 
lichkeit behandelt  sind  wie  die  meisten  späteren  Artikel  von  gleicher  Bedeutung. 
Dieser  auf  den  ersten  Blick  befremdende  Umstand  findet  seine  Erklärung  und  hoffent- 
lich auch  seine  Entschuldigung  in  der  anfangs  für  den  Herausgeber  mafsgebend  ge- 
wesenen Besorgnis,  das  ursprünglich  laut  Prospektus  nur  auf  17 — 20  Lieferungen  be- 
rechnete Werk  möchte  einen  zu  gewaltigen  äufseren  Umfang  annehmen  und  deshalb  zu 
schwer  und  zu  langsam  den  nötigen  Absatz  finden,  auf  den  ein  solches  Buch  wie  das 
unsere,  das  sich  keiner  finanziellen  Unterstützung  von  seiten  des  Staates  oder  eines 
wissenschaftlichen  Institutes  zu  erfreuen  hat,  doch  immer  angewiesen  ist.*)  Dazu  kam 
noch  die  nahe  liegende  Erwägung,  dafs  gerade  für  die  Hauptgötter  der  Griechen  in 
den  trefflichen  Handbüchern  Welckers  und  Prellers  und  in  verhältnismäfsig  zahlreichen 
Monographieen  schon  ziemlich  erschöpfende  Arbeiten  Vorlagen,  daher  wir  unser  Haupt- 
augenmerk auf  die  mittleren  und  kleineren  Artikel  richten  zu  müssen  glaubten. 
Sobald  sich  aber  zeigte,  dafs  trotz  des  immer  zunehmenden  Umfangs  unseres  Werkes 
die  Nachfrage  nach  demselben  im  In-  und  Auslande  sich  steigerte  und  als  schon 
während  des  Erscheinens  der  zweiten  Hälfte  des  ersten  Bandes  eine  ungeahnt  hohe 
Abonnentenzahl  erreicht  war,  da  fiel  natürlich  jene  anfangs  für  die  Redaktion  mafs- 
gebend gewesene  Befürchtung  hinweg,  und  so  konnte  auch  den  weiteren  Hauptartikeln 
ein  weit  gröfserer  Umfang  zugestanden  werden,  als  ursprünglich  für  sie  in  Aussicht 
genommen  war.  Übrigens  wird  es  die  Sorge  der  Redaktion  sein,  in  den  als  Anhang 
zum  zweiten  Bande  vorbereiteten  Supplementlieferungen,  die  aufser  zahlreichen  Nach- 
trägen und  Berichtigungen  auch  eine  zusammenfassende  Übersicht  über  die  mytho- 
graphische  und  mythologische  Litteratur  der  Alten  von  Prof.  Dr.  E.  Schwartz  (Rostock) 
und  eine  Geschichte  der  neueren  mythologischen  Theorieen  von  Oberlehrer  Dr.  Fritzsche 
(Schneeberg)  enthalten  sollen,  auch  Ergänzungen  zu  jenen  weniger  ausführlich  ge- 
haltenen Artikeln  des  ersten  Bandes  erscheinen  zu  lassen,  welche  dieselben  auf  die 
Stufe  der  übrigen  Hauptartikel  erheben  werden.  Endlich  wird  auch  der  leider  im 
ersten  Bande  fehlende  Artikel  über  den  Mythus  und  Kultus  des  Herakles  in  diesen 
Nachträgen  zum  zweiten  Bande  seine  Stelle  finden.**) 

Mit  tiefstem  Bedauern  empfindet  der  Unterzeichnete  Herausgeber  die  Lücke, 
welche  durch  den  frühzeitigen  Tod  von  Reifferscheid  und  Klügmann  in  der  Reihe  seiner 
Mitarbeiter  entstanden  ist,  doch  ist  es  ihm  ein  grofser  Trost  gewesen,  dafs  die  beiden 


*)  Ganz  ähnlich  wie  unsern  ersten  Lieferungen  ist  es  auch  den  ersten  Bänden  von  Paulys 
Realencyklopädie  der  klass.  Altertumswissenschaft  ergangen,  die,  jedenfalls  aus  gleichen  Gründen, 
so  viel  weniger  ausführliche  Artikel  enthalten  als  die  späteren  Bände,  dafs  die  Redaktion  und 
Verlagshandlung  sich  sogar  entschliefsen  mufsten,  den  ersten  Band  einer  vollständigen  Um- 
arbeitung zu  unterwerfen. 

**)  Eine  kleinere  Anzahl  von1  Ergänzungsartikeln  hat  schon  im  Anhänge  zum  ersten 
Bande  geliefert  werden  können.  Es  sind  folgende  gröfsere  daraus  hervorzuheben:  Baal  (Ed, 
Meyer),  Besä  (Drexler),  und  Hercules  im  Kultus  (R.  Peter). 


VIII 


Vorrede. 


trefflichen  Schüler  Reifferscheids,  die  Herren  Prof.  Dr.  Wissowa  (Marburg)  und  Biblio- 
thekar Dr.  R.  Peter  (Münster),  sich  freundlichst  bereit  erklärt  haben,  die  von  ihrem 
verewigten  Lehrer  übernommenen  wichtigen  Artikel  zur  römischen  Mythologie  in  seinem 
Sinne  und  Geiste  zu  vollenden. 

Für  den  rechtzeitigen  Nachweis  von  Lücken  und  Citierfehlern  wird  die  Redaktion 
jedem  Leser  und  Benutzer  des  Lexikons  dankbar  sein  und  jede  wirkliche  Berichtigung 
oder  Ergänzung  nach  dem  Erscheinen  des  Ganzen  in  einem  Anhänge  abdrucken  lassen. 

Wir  hoffen,  dafs  sich  unser  Lexikon  einerseits  als  ein  notwendiges  Hilfs- 
buch zum  Verständnisse  der  Schriftsteller  und  Inschriften  wie  der  Monu- 
mente der  bildenden  Kunst  andererseits  als  eine  brauchbare  Grundlage  für  die 
weitere  mythologische  und  kunstmythologische  Forschung  bewähren  werde. 

An  alle  Verfasser  neuerscheinender  mythologischer  und  kunstmythologischer 
Untersuchungen  richtet  die  Redaktion  die  höfliche  Bitte,  unser  Unternehmen  durch 
Zusendung  ihrer  Arbeiten  thunlichst  fördern  zu  wollen. 

Schliefslich  fühlt  sich  der  Herausgeber  gedrungen  dem  berühmten  Numismatiker 
Herrn  Dr.  Imkoof-Blumer  in  Winterthur  für  seine  überaus  liebenswürdige  Unterstützung 
unseres  Unternehmens  den  aufrichtigsten  Dank  auch  an  dieser  Stelle  auszusprechen. 

Wurzen  b.  Leipzig  im  November  1889. 


Prof.  Dr.  W.  H.  Roscher, 

Konrektor  am  Kgl.  Gymnasium  zu  Wurzen. 


Aba  ("Aßa,  Gen.  -org),  Name  einer  Nymplie, 
mit  welcher  Poseidon  den  Ergiskos  (s.  d.),  den 
Heros  Eponymos  der  thrakischen  Stadt  Ergiske 
(später  Sergentzis)  zeugte:  Harpocr.  lex.  s.  v. 
’EqyCawri  und  Etym.  M.  369,  54.  [Roscher.] 
Der  Name  bietet  eine  Bestätigung  für  den  von 
Aristoteles  b.  Strabo  445  bezeugten  thrakischen 
Ursprung  der  Abanten.  [Crusius.] 

Abarbaree  (’Aßaqßuqiri , vgl.  ßöpßo^og) , 1) 
eine  Quellnymphe , Mutter  des  Aisepos  und  io 
Pedasos , welche  sie  dem  Bukolion,  einem 
unehelichen  Sohne  des  Königs  Laomedon  von 
Troja,  gebar:  Hom.  11.  6,  22.  Nonn.  15,  377. 
Orph.  Lap.  455.  Hesych.  s.  v.  — 2)  Najade 
von  Tyros,  Mutter  der  Tyrier:  Nonn.  40,  363. 
542.  572.  Vgl.  v.  Baudissin,  Stud.  z.  semit. 
Religionsgesch.  2,  157  ff.  [Roscher.] 

Abäris,  is  und  idis  ('Aßägig,  -idog  und  -iog), 

1)  ein  Rutuler,  Krieger  im  Heere  des  Turnus, 
welcher  von  Euryalos,  dem  Begleiter  des  Äneas,  20 
bei  einem  nächtlichen  Überfalle  erlegt  wurde: 
Verg.  Aen.  9,  344.  — 2)  Ein  Kaukasier  und  Ge- 
nosse des  Phineus,  den  Perseus  tötete:  Ov. 
Met.  5,  86.  — 8)  Ein  Dolione : Val.  Fl.  3, 
152.  [Roscher.]  — 4)  wunderthätiger  Arzt  und 
Seher,  in  einem  besonderen  Heiligtum  (in 
Sparta?)  verehrt  nach  Strab.  11  p.  531. 

[Schreiber.] 

Abas,  -antis  (’Aßceg,  Gen.  - cevzog  und  ’Aßa, 
vgl.  Suid.  u.  Steph.  Byz.  s.  v.  ’Aßca) , 1)  der  30 
zwölfte  König  von  Argos,  Sohn  des  Lynkeus 
und  der  Hypermnestra  (Pi.  P.  8,  571  Apollod. 

2,  2,  1.  Paus.  2,  16,  2.  10,  35,  1.  Dichter  b. 
Schöl.  z.  Find.  Pyth.  8,  73),  nach  einigen  auch 
des  Poseidon  oder  Chalkon  ( Schol . z.  II.  2,  536) 
und  der  Arethusa  (Aristocr.  b.  St.  Byz.  s.’Aßuv- 
zig,  Hyg.  f.  157.)  Vater  des  Akrisios,  Proitos, 
Kanethos  und  der  Eidomene  (Apollod.  2,  2,. 

1.  2.  Schol.  Eur.  Or.  965.),  auch  des  Chalkodon 
(Schol.  Eur.  Hec.  125) , Grofsvater  des  Kan-  40 
thos  und  der  Danae , Urgrofsvater  des  Per- 
seus u.  s.  w.  Seine  Gemahlin  war  Aglaia 
(Apollod.  2,  2,  1).  Er  gründete  Abai  in  Pho- 
kis  (Steph.  Byz.  s.  v.  ”Aß ca.  Paus.  10,  35,  1), 
ebenso  eine  Kolonie  in  Thessalien  (Strabo  431) 
und  eroberte  als  König  der  Abanten  mit  die- 
sen die  Insel  Euböa  (Steph.  Byz.  s.  v.  ’Aßccv zig. 
Schol.  z.  II.  2,  536  und  zu  Find.  Pyth.  8,  73. 
Vgl.  Bursian  in  Paulys  Bediene}  1,  5 f . Müller 
Orchomenos 1 386).  Besonders  berühmt  war  sein  50 
Schild,  den  einst  Danaos  der  Hera  von  Argos 
geweiht,  Abas  aber,  als  er  seinem  Vater  Lyn- 
keus die  Nachricht  von  dem  Tode  des  Danaos 
überbrachte,  von  diesem  zum  Geschenk  erhal- 
ten hatte.  Diese  Schenkung  soll  das  Prototyp 
Roscher,  Lexikon  der  gr.  u.  röm.  Mythol. 


eines  argivischen Festes  (’Acnlg  ei’Agyovg  C.  I. 
Gr. 4,  3 p.  42)  gewesen  sein,  wobei  der  Sieger 
keinen  Kranz,  sondern  einen  Schild  als  Preis 
erhielt*  (Hyg.  fab.  170  u.  273.  Verg.  Aen.  3, 
286.  u.  Servius  z.  d.  St.  Ov.  Met.  15,  163.  Vgl. 
Boeclih  expl.  Find. p.  175  u.  C.  Fr.  Hermann 
Gottesd.  Alt.  § 52,  2 u.  die  daselbst  angeführte 
Litteratur).  [Roscher.]  Schild  und  Kranz  mit 
Inschriften  auf  Münzen  von  Argos  (Kenner, 
Sammlung  Florian  Tafel  3,  6 p.  91.  Hieran 
knüpft  sich  das  Sprüchwort  rag  zgv  sv  ’Aqyei 
ccaniSa  na&sXcov  asyvvszca.  Zenob.  6 , 52. 
[Schreiber],  Endlich  scheint  Abas  nach  den  An- 
deutungen des  Aristot.  Poet.  11  u.  18  imLynkeus 
efes  Tragödiendichters  Theodektes  eine  bedeu- 
tende Rolle  gespielt  zu  haben,  welche  sich 
jedoch  nicht  mehr  mit  Sicherheit  feststellen 
läfst  (vgl.  C.  0.  Müller  de  Lynceis.  Gott.  1837). 
— 2)  Abas  = Iobates  (s.  d.)  nach  Mythogr. 
Vat.  2,  131.  — 3)  Ein  Troer,  der  den  Äneas 
nach  Italien  begleitete:  Verg.  Aen.  1,  121.  — 
4)  Ein  etruskischer  Fürst,  der  dem  Äneas 
Hilfstruppen  aus  Populonia  und  Ilva  zu- 
führte: Verg.  Aen.  10,  170  u.  427.  — 5)  Ein 
Trojaner,  Sohn  des  Traumdeuters  Eurydamas, 
von Diomedes  erlegt:  Hom.  II.  5,148.  Q.Smyrn. 
13,  209.  — 6)  Desgl.  von  Sthenelos  getötet: 
Q.Smyrn.  11,81.  — 7)  Ein  Kentaur,  Sohn  des 
Ixion  und  der  Nephele:  Ov.  Met.  12,  306.  — 

8)  Ein  Freund  des  Perseus:  Ov.  M.  5,  126.  — 

9)  Ein  Gefährte  des  Diomedes  (s.  d.),  der  von 
Aphrodite  in  einen  schwanähnlichen  Vogel  ver- 
wandelt wurde:  Ov.  M.  14,  505.  — 10)  Sohn 
des  Melampus,  Vater  der  Lysimache,  der  Frau 
des  Talaos:  Apollod.  1,  9,13.  Paus.  1,43,  5.  — 
11)  Ein  fabelhafter  Berg  in  Erytheia:  Apollod.  2, 
5,10.  — 12)  Abas  (=  Ambas?),  S.  d.  Metaneira 
(s.  Askalabos).  Schol.  Nile.  Ther.  484.  — Davon 

Abantiades  (’Aßuvzictdrjg),  Abkömmling  von 
Abas  1 u.  10,  Beiname  des  Akrisios  (Ov.  Met. 
4,  607),  Kanethos  (Ap.Bh.  1,  78  u.  Schol.),  des 
Idmon,  Sohnes  von  A.  10  (Ap.  Rh.  2,  815  u. 
Herodoros  b.  Schol.  z.  Ap.  Rh.  1,  139,  vgl.  auch 
1,  142.  Orph.  A.  188) , des  Kanthos , Enkels 
von  A.  1 (Orph.  Arg.  142)  und  endlich  seines 
Urenkels  Perseus  (Ov.  Am.  3,  12,  24.  Met.  4, 
673.  766  u.  ö.).  [Roscher]. 

Abantias,  adis  (’Aßavzuxg,  ccdog),  Beiname 
der  Danae,  Tochter  des  Akrisios,  Enkelin  des 
Abas  (s.  d.).  [Roscher], 

Abderos  (’AßSrjqog),  Sohn  des  Hermes  (oder 
Thronikos:  C.  I.  Gr.  5984  C , 14)  aus  Opus 
* Nach  YergilAen.  3,  28G  f.  wurdo  jener  Scliilddes  Abas 
später  vom  Äneas  erbeutet  und  als  Weibgesclieuk  am 
Eingänge  des  Apollotompels  auf  Actium  aufgehängt. 

1 


Abellio 


Acca 


4 


und  Liebling  des  Herakles,  zugleich  Epony- 
mos  der  thrakischen  Stadt  Abdera.  Er  wurde, 
als  er  mit  dem  Herakles  zusammen  die  Bosse 
des  thrakischen  Königs  Diomedes  erbeutet 
hatte,  von  diesen  zerrissen,  worauf  Herakles 
ihm  zu  Ehren  Abdera  gründete  und  Leichen- 
spiele stiftete,  welche  die  Abderiten  jährlich 
feierten.  Ygl.  Philostr.  Im.  2,  25.  Fr.  Osann 
in  Gerhards  Benhm.  u.  Forsch.  1852  N.  42. 
Hellan.  b.  Steph.  Byz.  s.  v.  ”Aß8r\gu.  Apollod.  2, 
5,  8.  Strab.  331,  fr.  44,  47.  Scymn.  667.  Hyg. 
f.  30.  C.  I.  G)\  5984  C.  Idol.  Hcph.  p.  47, 
20.  150,  32  Beicher.  [Eoscher.]  , 

Abellio,  Name  eines  gallischen  Gottes,  wel- 
cher auf  Ältarinschriften  des  obern  Garonne- 
thales  ( Orelli- Henzen  1952  f.)  erscheint.  Eine 
davon  lautet:  Beo  Abellioni  Minicia  Iusta.  V. 

5.  L.  M.  [Eoscher.] 

Abeona  zusammen  mit  Adeona  eine  römi- 
sche Schutzgöttin  der.  Kinder  bei.  den  ersten 
Versuchen  im  Hin-  und  Herlaufen:  Aug.  de 
civ.  d.  4,  21  u.  7,3.  S.  Indigitamenta.  [Eoscher.] 

Abia  (’Aßi'cz),  Amme  des  Glenos,  eines  Sohnes 
des  Herakles.  Sie  gründete  diesem  zu  Ire  (Tgy 
Hom.)  in  Messenien  einen  Tempel,  weshalb 
der  Heraklide  Kresphontes  später  jene  Stadt 
ihr  zu  Ehren  Abia  nannte:  Paus.  4,  30,  1. 
[Eoscher.]  Curtius,  Peloponnesos  2 p.  160.  193 
Anm.  33.  [Schreiber.] 

Abiuius,  Name  eines  gallischen  Gottes  auf 
einem  bei  Nizza  (Nicaea)  gefundenen  Altäre 
(Orelli- Henzen  6772  . . . ararn  posuit  deo  Abi- 
nio ).  [Eoscher.] 

Ableros  ("Aßh igog),  ein  Troer,  den  Antilo- 
chos,  der  Sohn  des  Nestor,  erlegte:  Hom.  II. 

6,  32.  Vgl.  lies.  s.  v.  v.ßh\gu.  [Eoscher.] 

Abnoba  Diana  oder  blofs  Abnoba,  Name 

einer  Gottheit  des  Abnoba  mons  (jetzt  Schwarz- 
wald, Pauly  JRealenc.  1,  l2,  S.  16):  Orelli  inscr. 
1986  u.  4974.  [Eoscher.] 

Abobas  (’Aßwßag),  Name  des  Adonis  (s.  d.) 
bei  denPergäem:  Hesych.  u.  Ft.  M.  [Eoscher.] 

Absyrtos  ('AijjVQZog,  "A^vgzog  Pherekyd.  nach 
Schol.  Für.  Med.  167),  von  Pacuvius  bei  Cie. 
N.  B.  3,  19,  48.  Biod.  4,  45.  und  Justin.  42, 

3 auch  Äigialeus,  von  Timonax  b.  Schol.  Ap. 
Eh.  3,  1236  auch  Phaethon,  von  Dikaioge- 
nes  bei  Schol.  Für.  Med.  167  Metapontios  ge- 
nannt, Sohn  des  Aietes,  Königs  von  Kolchis 
und  der  kaukasischen  Nymphe  Asterodeia,  s 
der  Tochter  des  Okeanos  und  der  Tethys,  oder 
der  Eurylyte  (Ap.  Eh.  3,  242  u.  Haupakt.  b. 
Schol.  z.  d.  St.),  oder  einer  Nereide  (Soph.  b. 
Schol.  z.  Ap.  Eh.  4,  223  u.  3,  242),  oder  der 
Hypsea  (?  Myth.  Vat.  1,  204),  oder  der  Hekate 
(Biod.  4,  45).  Die  verschiedenen  Versionen 
über  seinen  Tod  lassen  sich  in  zwei  Haupt- 
gruppen teilen.  Nach  der  einen  wurde  Absyr- 
tos als  kleines  Kind  von  Iason  und  Medea  auf 
der  Flucht  von  Kolchis  mitgenommen  und  zer-  6 
stückelt,  um  den  nachfolgenden  Aietes  aufzu- 
halten (vgl.  Ov.  Met.  7 , 54).  Nach  Phereky- 
des  geschah  die  Zerstückelung  noch  während 
der  Fahrt  auf  demPhasis,  nach  Sophokles  be- 
reits im  Hause  des  Aietes  (Schol.  z.  Ap.  Eh. 

4,  223  u.  228.  vgl.  Furip.  Med.  1334.  Kallim. 
b.  Schol.  z.  d.  St.  u.  Welcher , Griech.  Trag. 
333  ff.),  nach  Apollod.  1,  9,  23  f.  bei  der  Fahrt 


auf  dem  Pontos  Eux.  Die  Stadt  Tomoi  soll 
ihren  Namen  dem  Grabe  des  zerschnittenen 
Leichnams  verdanken  (vgl.  auch  Cic.  imp.  Cn. 
Pomp.  9,  22.  Steph.  Byz.  s.  v. : Togsvg.  Ov. 
Trist.  3,  9,  5 ff.  Heroid.  6,  129.  12,  113).  Ganz 
anders  lautet  die  Sage  bei  Apollonios  Eh.  4, 
305  ff.  (Strabo  315).  Derselbe  läfst  den  Ab- 
syrtos als  erwachsenen  Mann  der  Argo  auf 
dem  adriatischen  Meere  entgegenfahren , um 
sie  abzuschneiden.  Medea  aber  lockt  den  Bru  - 
der in  einen  Artemistempel  auf  einer  der 
’Azpvgzidsg  vrjcoL  an  dfer  Küste  Illyriens , wo 
Iason  ihn  erschlägt.  Etwas  anders,  aber  doch 
ähnlich,  berichten  Hygin  f.  23,  26  und  Orph. 
Arg.  1027  (vgl.  auch  Steph.  B.  s.  v.  ’AtpvgzL- 
ds g);  ganz  vereinzelt  steht  die  Angabe  des  Ehe- 
tors Leon  b.  Schol.  Furip.  Med .■  167 , nach 
welchem  Absyrtos  durch  Gift  getötet  wurde. 
Die  lateinische  Schreibung  Absyrtus  scheint 
) auf  der  verkehrten  Ableitung  von  der  Präpos. 
ab  zu  beruhen.  Weiteres  unter  Argonaut-ai. 
Hinsichtlich  der  Etymologie  ist  zu  verweisen 
auf  Pliilol.  Sujopl.  2,  267  ff.  und  auf  Kuhns  Z. 
9,  176.  [Eoscher  u.  Seeliger.] 

Abnmlantia,  eine  der  jüngsten  Bildungen  die- 
ser Eichtung,  eine  Verkörperung  des  Zustandes, 
in  welchem  das  Volk  sich  im  Genüsse  aller  Kul- 
turgüter befindet  und  niemand  darbt.  Eine  reli- 
giöse Verehrung,  wie  sie  für  andere  Gottheiten 
i dieses  Kreises  bezeugt  ist,  hat  sie  wohl  nie  ge- 
nossen; ihr  Bild  findet  sich  auf  den  Münzen 
der  Kaiser  von  Elagabal  bis  auf  Maximianus 
Hercules,  und  zwar  wird  sie  in  typischerWeise 
dargestellt,  wie  sie  aus  einem  Füllhorn  ihre 
guten  Gaben  ausstreut  (vgl.  Cohen,  med.  imper. 
Flagabale  1.  Alex.  Sev.  2.  Gordien  le  Pieux 
207 — 210.  Trajan  Bece  1.  2.  Gallien  26 — 28 
u.  s.  w.),  selten  hält  sie  auch  Ähren  in  der 
Hand  (Cohen  a.  a.  O.  Victorin  1.  Tetricus  pere 
40.  41);  ganz  vereinzelt  und  spät  ist  eine  durch 
ein  spezielles  Ereignis  veranlafste  Münzdar- 
stellung, auf  welcher  sie  Münzen  unter  das 
Volk  ausstreut  (Cohen  a.  a.  0.  Maximien  Her- 
cule  136),  immerhin  ein  Beweis  dafür,  wie  in 
der  späten  Zeit  die  realistische  Auffassung  an 
die  Stelle  der  idealeren  tritt.  | Wissowa.] 

Acacallis,  Acantlio,  etc.  s.  Akakallis,  Akan- 
tho,  etc. 

Acca.  1)  Acca  Larentia,  eine  altrömische 
Göttin  oder  Heroine,  deren  Mythus  mit.  den 
ßagen  vom  Hercules  und  Eomulus  eng  ver- 
knüpft ist.  Mythus,  a)  Unter  der  Eegierung 
des  Eomulus  oder  Ancus  Martius  (vgl.  Gell.  N. 
A.  7,  7,  6.  Macrob.  1,  10,  12.  15)  lud  einst  an 
einem  Feiertage  der  Tempelhüter  des  Hercules 
den  Gott  selbst  zum  Brettspiel  ein  unter  der 
Bedingung,  dafs  der  Verlierende  dem  Gewin- 
nenden eine  Mahlzeit  und  ein  Mädchen  ver- 
schaffen sollte.  Als  nun  Hercules  gewann,  so 
richtete  ihm  der  Tempelhüter  eine  Mahlzeit 
im  Tempel  her  und  führte  ihm  die  schönste 
und  berühmteste  Dirne  der  Stadt  zu,  nämlich 
die  Acca-  Larentia,  mit  dem  Beinamen  Fabula 
(oder  Faula  vgl.  Plut.  Q.E.  35.  Lactant.  1, 1,  20). 
Beim  Abschied  sagte  ihr  Hercules,  sie  würde 
den  Lohn  von  dem  Manne  empfangen,  der  ihr 
frühmorgens  beim  Hinansgelien  zuerst  begeg- 
nen würde.  Dieser  Mann  war  ein  Tuscer  Na- 


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5 


Acestes 


Acheloos 


6 


mens  Tarutius  (so  Flut.  Augustin .,  nicht  Ca- 
rutius  Macrob.),  der  sie  zur  Frau  nahm  und 
ihr  nach  seinem  Tode  reichen  Grundbesitz 
( agros  Turacem,  Sumurium , Lutirium  [ Momm - 
sen ] et  Solinium  nach  Cato  b.  Macrob.  S.  1, 
10,  16)  hinterliefs.  Als  Larentia  starb  oder 
verschwand  ( illa  non  comparente  Augustin.  Is- 
ysxca  . . cccpccvij  ysvs aftcu  Flut.  Rom.  5),  vermachte 
sie  ihre  Güter  dem  Romulus  oder  dem  römi- 
schen Volke  (vgl.  Macrob.  S.  1,  10,  12  f.,  der 
sich  auf  Cato  beruft;  Antias  b.  Gell.  N.  A.  7 
(6),  7;  Pint.  Rom.  4,  5;  Qu.  R.  35;  Verrius 
Flaccus  im  pränestinischen  Kalender.  Lactant. 
1,  20,  5;  Tertull.  ad  Nat.  2,  10;  August.  C.  1). 
6,  7).  b)  Nach  einer  anderen  wahrscheinlich 
von  Macer  erfundenen  Sage  ( Mommsen ) war 
Acca  L.  die  Gattin  des  Faustulus  und  Amme 
des  Romulus  und  adoptierte  diesen,  als  einer 
von  ihren  12  Söhnen,  den  sogen,  fratres  Ar- 
vales,  gestorben  war.  Seit  dieser  Zeit  bestand 
in  Rom  das  Kollegium  der  12  arvalischen  Brü- 
der, deren  priesterliches  Abzeichen  ein  Ähren- 
kranz und  eine  weifse  Binde  ispicea  corona  et 
alba  infula ) war  (vgl.  Masurius  Sabinus  b. 
Gell.  N.  A.  7 (6)  8;  Plin.  n.  h.  18,  6;  Rutilius 
Geniinus  (?)  b.  Fulgent.  9 p.  X Lersch.  Mehr  b. 
Mommsen,  die  echte  u.  d.  falsche  AccaL.  S.  102 ff., 
der  Macers  Auffassung  der  Acca  auf  den  Dop- 
pelsinn von  lupa  und  die  alte  römische  Grün- 
dungslegende von  der  Wölfin  als  Amme  des 
Romulus  zurückführen  will.  Kultus.  Jedes 
Jahr  opferte  ihr  der  Flamen  Quirinalis  mit  den 
Pontifices  zusammen  an  ihrem  Grabe,  das  sich 
auf  demVelabrum  befand,  die  üblichen  Toten- 
spenden (vgl.  Gell.  a.  a.  O.  Varro  de  1,  l.  6,23; 
Flut.  Rom .41'. ; Q.  R.  24,  35;  Macrob.  a.  a.  0. 
u.  s.  w.  Mommsen,  die  echte  u.  d.  falsche  Acca 
L.  S.  94  ff.  Marquardt , Rom.  Staatsverwaltung 
3 S.  322,  5).  Der  23.  Dezember  (nach  C.  I.  L. 
I p.  375.  Macrob.  S.  1,  10,  10  auch  als  feriae 
Iovi  bezeichnet)  hatte  davon  den  Namen  La- 
rentalia  [oder  Larentinalia]  erhalten  ( Festi 
ep.  p.  119,  1.  Lactant.  Inst.  1,  20,  4.  Varro  de 
1.  1.  6,  23.  Ovid.  f.  3,  57;  Macrob.  1,  10,  11. 
Marquardt  a.  a.  0.  S.  564).  Nach  Plut.  Q.  R. 
35  u.  Rom.  4 wurde  Acca  L.  als  Amme  des 
Romulus  auch  im  April  verehrt  (vgl.  J lomm- 
sen  a.  a.  0.  S.  101  A.  30).  Litteratur.  Har- 
tung Rel.  d.  R.  II 144  ff.  Preller  r.  M.3  2,  26  ff. 
Pciuly,  Realenc.  I2  1,  33  f.  Schwegler,  Rom. 
Gesell.  I S.  431  ff.  Mommsen , die  echte  u.  d. 
falsche  Acca  L.  in  Festgaben  f.  G.  Homeyer , 
Berl.  1871.  S.  93  ff.  Fm.  Hofmann,  Die  Arval- 
brüder , Abclr.  aus  d.  Verhandl.  der  XVII.  Vers, 
d.  Philol.  zu  Breslau,  Breslau  1858.  Preuner, 
flestia- Vesta  (1864)  S.  382  ff.  Marquardt  a.  a. 
0.  429f.  Deutung:  Eine  vollständige  Deutung 
der  Mythen  von  AccaL.  ist  bei  der  Verworren- 
heit ihrer  Legende  und  der  Mangelhaftigkeit 
der  Überlieferung,  nicht  wohl  möglich.  Echt- 
mythisches und  Ätiologisches  scheint  in  die- 
sem Falle  vermischt  worden  zu  sein.  Der  Name 
Acca  bedeutet  wahrscheinlich  Mutter  (vgl.  Skr. 
akka,  gr.  ’Akkcö  Fick  Wörterb.  2 S.  1).  Der 
Zusatz  Larentia  bezeichnet  wohl  die  Mutter 
der  12  Laren  der  Stadtflur,  deren  Vertreter 
vielleicht  die  12  arvalischen  Brüder,  die  der 
Mythus  Söhne  der  Acca  nannte,  sein  sollten. 


Wenn  Mommsen  a.  a.  0.  S.  94  A.  3 jeden  Zu- 
sammenhang von  Larentia  und  Läres  wegen 
verschiedener  Quantität  des  a leugnet,  so  ist 
dies  zwar  beachtenswert,  aber  nicht  beweisend. 
Vgl.  Corssen  Aussprache  2,  69.  Auch  Romulus 
und  Remus  scheinen  als  Zwillingslaren  verehrt 
worden  zu  sein  ( Preller  r.  M.  1 695).  Jeden- 
falls deutet  der  vielleicht  spät  erfundene  Mythus 
von  der  Adoption  des  Romulus  an  Stelle  eines 
der  arvalischen  Brüder  auf  das  Bedürfnis  hin 
den  Romulus  mythisch  mit  diesem  uralten  Kol- 
legium und  somit  auch  mit  der  Acca  L.  zu 
verbinden.  Der  eigentümlichen  Sage  von  dem 
Verhältnis  der  Acca  zum  Hercules  dagegen 
mögen  gewisse  Gebräuche,  wie  wir  sie  auch 
aus  dem  Kultus  der  Flora  kennen  ( Marquardt 
a.  a.  0.  S.  364,  1),  zu  Grunde  liegen.  Über- 
haupt ist  diese  Göttin  in  ihrem  Wesen  der 
Acca  nahe  verwandt,  wie  schon  aus  dem  Um- 
stande erhellt,  dafs  von  ihr  fast  dieselbe  Le- 
gende wie  von  jener  erzählt  wurde  ( Lactant . 
1,  20,  5).  Vielleicht  war  die  Acca  L.  ursprüng- 
lich mit  der  Dea  Dia  identisch,  worauf  na- 
mentlich ihre  beiderseitige  Berührung  mit  dem 
Kultus  der  Arvalen  hinweist.  — 2)  Acca,  Freun- 
din der  Camilla,  der  Königin  der  Volsker. 
Verg.  Aen.  11,  820  ff.  [Roscher.] 

Acestes  s.  Äigestes. 

Acliaios  (Axaiog),  Sohn  des  Xutlios  und  der 
Kveusa,  Stammvater  der  Achäer,  Bruder  d.  Ion. 
( Apollod . 1,  7,  3.  Strab.  383.  Paus.  7,  1,  2 ff.). 
Nach  Dion.  Hai.  1,  17  war  er  der  Sohn  des 
Poseidon  und  der  Larisa,  nach  Scliol.  II.  2,  681 
u.  Eust.  z.  d.  St.  des  Haimon  (nicht  Ammon), 
nach  Serv.  Verg.  Aen.  1 , 242  des  Zeus  und 
der  Phthia.  Sein  Sohn  hiefs  Phthios  nach  Steph. 
Byz.  s.  v.  'Ellas.  [Roscher.] 

Acliareus  (A%<xqsvs  ?) , ein  Pankratiast , mit 
welchem  Herakles  in  Olympia  kämpfte.  Hyg. 
f.  273.  [Roscher.] 

Achates  (Axüzgg)  1).  der  bekannte  treue  und 
tapfere  Gefährte  des  Äneas,  welcher  auch  für 
den  Erleger  des  Protesilaos  galt:  Scliol.  II.  2, 
701.  Eust.  ad  II.  326,  5.  Verg.  Aen.  1,  120 
u.  öfter.  Ov.  Fast.  3,  603.  Wahrscheinlich  hat 
Vergil  die  Person  des  Achates  nicht  frei  er- 
funden, sondern  griechischen  Quellen  entlehnt. 
Mehr  b.  Klausen  Aeneas  477  ff.  — 2)  Ein  Tyr- 
rhener  im  Gefolge  des  Bacchus  bei  seinem 
Zuge  nach  Indien:  Nonn.  13,  309.  37,  350  öf- 
ter. [Roscher.] 

Acheles  (Axslrjg) , Sohn  des  Herakles  und 
der  Omphale  nach  Scliol,  II.  24,  616.  Nach 
anderen  hiefs  er  ’Anslgg  ( Hellan . b.  Steph.  Byz.) 
oder  ’Alnaio g ( Herocl . 1,  7.),  oder  ’Ayshxog  ( Apol- 
lod. 2,  7,  8).  S.  Preller  gr.  M.  2 2,  283,  5. 
[Roscher.] 

Acheletides  (Axslrjzidsg),  wahrscheinlich  die 
Nymphen  des  lydischen  Flusses  ’A%ilr\s  bei 
Smyrna : Panyasis  b.  Scliol. II.  24,616.  [Roscher.] 

Aclieloides  (’Axslco'l'Ssg  und  ’AxslondSsg)  1) 
die  Seirenen  als  Töchter  des  Acheloos  (s.  d.): 
Ap.  Rh.  4,  893.  Ov.  Met.  5,  552.  14,  87.  Sil. 

It,  12,  34.  — 2)  die  Najaden  des  Acheloos : Verg. 
Cop.  15.  — 3)  Quellnymphen  überhaupt  Colum. 
10,  263.  [Roscher.] 

Acheloos  (Axslmog,  -dno g),  der  Gott  des 
Flusses  Acheloos  (j.  Äspropotamo),  des  gröfs- 

1* 


7 


Acheloos 


Acheloos 


8 


ten  Flusses  von  Griechenland,  der,  auf  dem 
Gebirge  Lakmon  entsprungen,  reifsenden  Lau- 
fes mit  hellem  Wasser  ( txQyvgoSLvrjg , Hesiod. 
Gallim.  in  Cer.  13.  Dionys.  Per.  433,  infolge 
des  weifsen  Bodens  seines  Bettes)  südwärts 
zwischen  Akarnanien  u.  Atolien  durch  frucht- 
bare Ebenen  dem  ionischen  Meere  zufliefst. 
Er  ist  der  Sohn  des  Okeanos  und  der  Tethys 
und  der  älteste  der  3000  Bruderflüsse,  Hes. 
Theog.  340.  Akusilaos  b.  Macrob.  Sat.  5,  18, 
10.  (fr.  11  a Mueller)  Hyg.  praef.  p.  28  Bunte. 
Tzetz.  Dyk.  712.  Auch  hiefs  er  Sohn  des  He- 
lios und  der  Gaia,  oder  des  Okeanos  und  der 
Gaia,  Nat.  Com.  7,  2.  vgl.  Serv.  z.  V.  Ge.  1,  8. 
Flut,  de  fltw.  22,  1 nennt  ihn  Sohn  des  Okea- 
nos und  einer  Najade  und  läfst  ihn  sich  in 
den  Flufs  Thestios  stürzen,  der  nun  Acheloos 
genannt  wurde  (!  ?).  Kephalion  b.  Malala  p.  164 
(Mueller  hist.  gr.  fr.  3 p.  631,  8)  nennt  Ache- 
loos Sohn  des  Poseidonios,  der  beim  Übergang 
über  den  Flufs  Phorbas,  vom  Pfeile  getroffen, 
umkam  und  dem  Flufs  den  Namen  Acheloos 
gab.  Vgl.  Tzetz.  L.  671.  Er  hiefs  früher  Thoas 
und  erhielt  seinen  Namen  von  Acheloos,  der 
mit  Alkmaion  aus  Thessalien  in  jene  Gegend 
kam,  Steph.  B.  s.  v.  Strab.  10,  450.  Acheloos 
soll  in  seinem  Gram  über  den  Verlust  seiner 
Töchter,  der  Seirenen,  von  seiner  Mutter  Gaia 
in  ihren  Schofs  aufgenommen  worden  sein, 
worauf  an  dieser  Stelle  ein  Flufs  hervorsprang, 
Serv.  V.  Ge.  1,  8,  oder  er  löste  sich  in  einen 
Flufs  auf  aus  Schmerz  über  seine  Besiegung 
durch  Herakles,  Propert.  2,  25,  33.  Hie  Be- 
hausung des  Stromgottes  wird  beschrieben  Ov. 
Met.  8,  550  ff.  — Hom.  II.  21,  194  nennt  den 
Acheloos  ■hqslcov,  den  Herrscher,  und  stellt  ihn 
mit  Okeanos  zusammen,  Flufsgötter,  welche 
trotz  ihrer  gewaltigen  Kraft  es  nicht  wagen 
können  sich  mit  Zeus  zu  messen.  Wenn  man 
an  dieser  Stelle  nach  dem  Vorgang  des  Zeno- 
dot  mit  Bergk  den  V.  195,  in  welchem  Okea- 
nos genannt  wird,  wegwirft,  so  wird  Acheloos, 
wie  sonst  Okeanos,  der  Strom,  von  welchem 
alle  andern fliefsenden  Gewässer  stammen,  Bergk 
„die  Geburt  der  Athena“  in  Jahns  Jalirb.  Bd. 
81  S.  394  f.  Vgl.  Unger , Fhilolog.  Suppl.-Bd. 
2,  S.  699  (vgl.  Philol.  24,  395  f.).  Acheloos 
war  der  König  der  Ströme,  der  vor  allen  am 
meisten  geehrt  wird,  Akusilaos  b.  Macrob.  I.  I. 
Während  die  übrigen  Flüsse  in  Griechenland  . 
nur  von  ihren  Anwohnern  Verehrung  genossen, 
wurde  Acheloos  in  ganz  Griechenland  verehrt, 
er  wurde  allgemein  bei  Opfern,  in  Gebeten  und 
Schwüren  angerufen,  Ephoros  b.  Macrob.  5, 
18.  (fr.  27  Mueller).  Seine  Verekrung  ist,  zum 
Teil  durch  aufgefundene  Münzen  und  Inschrif- 
ten , bezeugt  zu  Athen  ( Plat . Phaedr.  230  B), 
zu  Dyme,  Rhodos  ( Heffter  Götterdienste  auf 
Ehod.  3,  66  f),  bie  den  Sikelioten,  und  die  an- 
wohnenden Akarnanen  feierten  ihm  auch  Wett- 
spiele, Schol.  II.  24,  616;  ferner  zu  Oropos, 
Paus.  1,  34,  2,  in  dem  megarensischen  Flecken 
Rhus,  Paus.  1,  41,  2,  in  Mantinea  und  Myko- 
nos,  nach  Inschriften,  Stengel  Jalms  Jalirb.  1882, 
11  S.  735;  in  Metapont,  das  von  Ursprung  halb 
ätolisch  war , wurden  ihm  Agone  gefeiert, 
nach  einer  Münze  von  Metapont,  Müller,  Ar- 
cliäol.  §.  403,  2.  Millingen  anc.  coins  t.  1,  21. 


Osann  Tübing.  Kunstbl.  1831  N.  16  f.  Arch. 
Ztg.  1862.  t.  168,  4.  O.  Jahn  ebds.  S.  321.  Der 
Grund  allgemeiner  Verehrung  lag  hauptsäch- 
lich darin,  dafs  Acheloos,  in  dessen  Namen  der 
Stamm  = aqua  enthalten  ist,  überhaupt 
das  Element  des  fliefsenden  Wassers  bezeicli- 
nete,  so  dafs  das  Wort  auch  öfter  von  Dich- 
tern einfach  für  Wasser  gebraucht  wurde. 
Ephoros  l.  I.  Serv.  V.  Ge.  1,  8.  Schol,  II,  24, 
i 616.  Orpheus  b.  Lobeck  Agl.  p.  952.  Aescliyl, 
Pers.  869.  Eurip.  Bacch.  625.  Aristoph.  Lys. 
381.  fr.  130.  Lokalisiert  wurde  er  dann  als 
Eigenname  verschiedener  Flüsse,  unter  denen 
der  akarnanisch-ätolische  Flufs  durch  den  Ein- 
flufs  des  nicht  weit  von  seinen  Quellen  gele- 
genen dodonäischen  Orakels,  in  dessen  Kult 
die  nährende  Feuchte  eine  Hauptrolle  spielte* 
zu  besonderer  Verehrung  gelangte.  Das  Ora- 
kel soll  jedem  seiner  Sprüche  zugefügt  haben, 
i man  solle  dem  Acheloos  opfern,  Ephoros  1.  1. 
Schol,  II.  21,  194.  24,  616.  Dafs  man  ihm  auch 
in  Dodona  opferte , ist  selbstverständlich , s. 
Corp.  Inscr.  2908.  Aus  der  allgemeineren  Be- 
deutung des  Acheloos  erklärt  es  sich,  dafs  die 
Seirenen  seine  Töchter  sind  (Paus.  9,  34,  2. 
Acheloides  Ov.  Met.  5,  552),  die  er  mit  der 
Muse  Melpomene  oder  Kalliope  ( Apollod . 1,  3, 
4.  Serv.  V.  Ge.  1,  8.  Hyg.  praef.  p.  30.  Bunte, 
f.  125  (p.  103.)  141)  oder  mit  Terpsichore  (Ap. 
Eh.  4,  896.  Tzetz.  Lyk,  650.  671.  712)  oder 
mit  Sterope,  Tochter  des  Porthaon  (Apollod, 

I,  7,  10)  zeugte,  dafs  er  Vater  der  Quelle 
Peirene  ist  (Paus.  2,  2,  3),  der  Quelle  Kasta- 
lia  zu  Delphi  (Panyasish.  Paus.  10,  8,  5),  der 
thebanischen  Dirke  (Eurip.  Bacch,  519).  — 
Als  Nachbar  des  ätolischen  Kalydon  warb 
Acheloos  in  dem  Hause  des  Oineus  um  die 
Hand  seiner  Tochter  Dei'aneira.  Er  kam,  da 
er  als  Wassergott  die  Fähigkeit  hatte,  sich  in 
verschiedene  Gestalten  zu  verwandeln , bald 
als  Stier,  bald  als  Drache,  bald  in  menschli- 
cher Gestalt  mit  einem  Stierkopf,  Formen,  in 
denen  die  Flufsgötter  gedacht  und  abgebildet 
wurden.  Die  arme  Jungfrau  zitterte  vor  solch 
einer  Ehe;  da  kam  zu  ihrer  Freude  Herakles 
als  Werber  und  rang  dem  Acheloos  in  schwe- 
rem Kampfe  die  Braut  ab.  Als  während  des 
Kampfes  der  Flufsgott  sich  in  einen  Stier  ver- 
wandelte, brach  ihm  Herakles  ein  Horn  ab, 
und  er  gab  sich  besiegt.  Sein  Horn  tauschte 
er  von  Herakles  wieder  ein,  indem  er  ihm  das 
Horn  der  Amaltheia  dagegen  gab,  welches  die 
Nymphen  mit  Blumen  und  Früchten  füllten; 
oder  das  Horn  der  Amaltheia  ist  gleich  dem 
Hom  des  Acheloos.  Soph,  Tr  ach,  9 ff.  510  ff. 
Ov.  Met.  8 , 880  ff . 9 , 1 ff.  s.  De'ianeira,  Hera- 
kles, Amaltheia.  Schon  die  Alten  erklären  diese 
Fabel  als  einen  natürlichen  Vorgang;  Hera- 
kles habe  den  Kalydoniern  zulieb  den  wilden 
Strom  durch  Regelung  seines  Laufes  gebän- 
digt und  ihm  ein  blühendes  fruchtbares  Land 
abgerungen,  Diod.  4,  35.  Strab.  10,  458.  Schol, 

II.  21,  194.  Eustath.  Dion.  Per.  431.  — Von 
den  echinadischen  Inseln,  welche  vor  der  Mün- 
dung des  Acheloos  durch  Anschwemmungen 
entstanden  waren,  wird  folgende  Sage  erzählt: 
vier  Nymphen  opferten  an  dem  Ufer  des  Flus- 
ses allen  einheimischen  Göttern,  vergafsen  aber 


9 


Ackemenides 


Acheron 


10 


des  Acheloos;  im  Zorn  hierüber  rifs  er  mit 
seinem  Strom  das  Uferland  samt  den  Nymphen 
fort,  und  die  Najaden,  mit  Erdreich  umgeben, 
wurden  zu  Inseln.  Die  fünfte  Insel  entstand 
aus  seiner  Geliebten  Perimela,  der  Tochter  des 
Hippodamas,  welche  der  Vater  im  Zorn  über 
die  Entehrung  der  Jungfrau,  noch  ehe  sie  ge- 
bar, in  das  Meer  stürzte,  Poseidon  aber  auf 
Bitten  des  Aclieloos  in  eine  Insel  verwandelte. 
Uv.  Met.  8,  577— Cll.  Nach  Apollod.  1,  7,  3 io 
zeugte  Acheloos  mit  Perimede,  der  Tochter  des 
Aiolos  und  der  Enarete,  den  Hippodamas  und 
Orestes.  Aufserdem  hatte  Acheloos  eine  Toch- 
ter Kallirrhoe,  welche  Gemahlin  desAlkmaion 
wurde,  Apollod.  3,  7.  5.  Bei  Giern.  Mo.  Homil. 

5,  13  heifst  die  Mutter  des  Thessaliers  Myr- 
midon  Eurymedusa  Tochter  des  Acheloos  (Flufs 
in  der  Gegend  von  Lamia,  im  Reiche  des  Achil- 
leus, Strab.  9,  434).  — Die  Kunst  hat  den 
Acheloos  dargestellt  teils  als  gehörnten  Greis  20 
(auf  der  oben  erwähnten  Münze  von  Metapont), 
teils  als  Meerdrachen  mit  menschlichem  Kopfe 
und  Armen  und  Stierhörnern  ( Gerhard  Auser- 
les. Vasen.  2.  t.  115),  teils,  und  am  gewöhnlich- 
sten, als  Stier  mit  menschlichem  Gesicht  und 
langem  feuchtem  Bart  ( Soph . Track.  13).  Sein 
Kopf  auf  Münzen  von  Akarnanien , Öiniadä 
und  Ambrakia  ( Sestini  Med.  dcl  M.  Fontana 
4,  9.  10,  12.  Mionnet  2.  p.  51  u.  78.  Suppl. 

3.  p.  365  u.  453.  pl.  14)*).  Häufig  findet  sich  30 
sein  Kampf  mit  Herakles;  so  schon  am  amy- 
kläisehen  Thron  (Paus.  3, 18,  8),  in  einer  Sta- 
tuengnrppe  des  Dontas  zu  Olympia  (Pcrns.  6, 
19,  9),  in  einem  Gemälde  bei  Philostratos 
(tun.  4).  Die  erhaltenen  Kunstwerke  zusam- 
mengestellt von  Welcher  ad  Philostr.  p.  600. 
Müller  Ar ch.  §.  403,  2.  Gerhard  a.  a.  O.  S.  107. 
IJrlichs  Ann.  d.  Inst.  1839  p.  266  u.  1856  p.  104. 
Man  sehe  noch  Zoega  Bass.  tav.  74.  Braun 
Gr.  Götterl.  §.  133.  638  — 640  und  dazu  die  40 
Nachweisung  der  Kunstwerke  b.  Streber  Bayr. 
Alcad.  1838.  p.  537  fF.  Panoflca  Bert.  Alcad. 
1846  p.  230  ff.  Unger  Hieb.  Farad.  183.  Preller 
Gr.  Myth.  1,  29  f.  450.  2,  243.  Gerhard  Gr. 
Myth.  1.  §.  542.  Stark  Niobe  412.  [Stoll.] 
Acliemenides , Sohn  des  Adamastos  von 
Ithaka,  Gefährte  des  Odysseus,  den  dieser  auf 
der  Flucht  vor  den  Kyklopen  auf  Sicilien  zu- 
rückliefs.  Später  wurde  er  von  Äneas  auf- 
genommen: Verg.  Acn.  3,  614  ff.  Ovid.  Met.  50 
14,  161.  Pont.  2.  2,  25  u.  167.  [Roscher.] 
Acheron  (’Axsqcov) , 1)  ein  Flufs  der  Unter- 
welt. In  der  Ilias  wird  Acheron  als  solcher 
nicht  erwähnt;  dort  ist  die  Styx  der  einzige 
Flufs  der  Unterwelt.  Ebenso  ist’s  bei  Hesiod. 
ln  der  Odyssee  dagegen  (10,  513)  an  der  Stelle, 
wo  Odysseus  in  dem  westlichen  Vorhof  des 
Hades  die  Seele  des  Teiresias  citiert,  wird  als 
Flufs  der  Unterwelt  genannt  Acheron,  in  wel- 
chen der  Pyriphlegethon  und  Kokytos,  ein  Aus-  GO 
flufs  der  Styx,  sich  ergiefsen.  In  Epirus  im 
Lande  der  Thesproten  war  ein  Flufs  Acheron, 
der  in  seinem  Oberlauf  durch  ein  wildes  Ge- 
birgsland,  zwischen  kahlen  jähen  Felsen  in 
engen  Schluchten  wild  dahinstürzend,  hier  und 

* Aclieloos,  auf  Münzen  von  Akarnanien  bärtig  und 
bartlos,  aber  nie  geflügelt:  Imhoof-Blumer  in  der  Wiener 
Numisrn.  Zft.  X (1878)  p.  20  u.  161  Anm,  135.  [Schreiber.] 


da  sich  in  tiefe  Abgründe  versenkt,  um  erst 
nach  längerer  Strecke  wieder  zum  Vorschein 
zu  kommen,  aber  nicht  weit  von  seinem  Aus- 
Aufs  ins  Meer  im  Gebiet  der  alten  Stadt  Ephyra 
(später  Kichyros)  einen  tiefen  sumpfähnlichen 
See  mit  ungesunder  Ausdünstung,  Uyvy  ’A%s- 
qov6i'u,  AxSQOvaiäg,  Aysgovois , bildet.  Bursian 
Gcogr.  v.  Gr.  1,  27  u.  in  Pauly  II.  Enc.2  s.  v. 
Das  Unheimliche  und  Schauerliche  dieser  Ört- 
lichkeit erweckte  den  Glauben,  dafs  hier  ein 
Zusammenhang  mit  der  Unterwelt,  der  Be- 
hausung der  Toten  sei,  und  seit  uralter  Zeit 
bestand  an  dem  grauenhaften  Gewässer  ein  be- 
rühmtes Totenorakel,  von  dem  man  seit  alter 
Zeit  vermutete,  dafs  es  dem  Homer  bei  seinen 
Schilderungen  der  Totenbeschwörung  im  10. 
Buche  der  Odyssee  vor  Augen  geschwebt  habe, 
llcrodot.  5,  92,  7.  Paus.f  1,  17,  5.  9,  30,  2. 
Die  Beschaffenheit  dieser  Örtlichkeit  gab  auch 
Veranlassung,  dafs  man  den  Acheron,  der  als 
Flufs  des  „Ach  und  Wehs“  (u%og)  angesehen 
ward,  mit  dem  aclierusischen  See  und  mit  seinem 
Nebenflufs  Kokytos,  dem  Flusse  des  „Weinens 
und  Klagens“  (nconvsLv),  in  die  Unterwelt  selbst 
verlegte.  Das  Wort  ’AitJqcov,  obgleich  ursprüng- 
lich wohl,  wie  auch  ’Axshpog,  von  ä%  = aqua 
stammend,  wurde  von  den  Alten  gewöhnlich 
von  a%og  abgeleitet,  6 ü%r)  qscov.  Fragmente 
des  Melanippides  und  Likymnios  bei  Stob. 
Fel.  Phys.  1,  52  (Apollod.  fr.  10  in  Mueller  hist, 
gr.  I).  Schol.  Od.  10,  514.  Fustath.  Hom.  1667, 
38.  Tzetz.  L.  705.  (Eine  andre  Ableitung  und 
Erklärung  giebt  zu  Od.  10,  513  Autcnrieth  im 
hom.  Wörterb.  s.  v. : cc-xeqcov,  cuncta  abripiens, 
der  Abgrund,  nicht  der  Flufs  der  Unterwelt). 
— Erst  in  nachhomerischer  Zeit  tritt  Acheron 
und  der  ihn  aufnehmende  acherusische  See  als 
ein  Hauptgewässer  der  Unterwelt  hervor,  und 
zwar  als  eine  Grenze  und  Umschliefsung  der- 
selben , über  welche  die  Seelen  übersetzen 
müssen,  um  ins  Totenreich  zu  gelangen,  Eurip. 
Alk.  440.  Lucian.  de  luctu  §.  3.  Verg.  Acn.  6, 
295.  Eine  eigentümliche  Vorstellung  von  den 
Flüssen  der  Unterwelt  hat  Plat.  Phacd.p.  112  f. 
Acheron  galt  so  sehr  als  das  Hauptgewässer 
der  Unterwelt,  dafs  das  Wort  bei  Griechen  und 
Römern  häufig  für  die  Tiefen  der  Unterwelt 
überhaupt,  für  Tod  und  alles  Verpestete  ge- 
braucht wurde,  Soph.  Ant.  805.  Eurip.  (fr.  860 
Nauck)  b.  Bekker  Anecd.  p.  343.  Theokr.  15, 
103.  Ennius  p.  102.  124  Valilen.  Plaut.  Trin. 
2,  4,  124.  Verg.  Aen.  7,  312.  Ov.  Met.  11,  504. 
Cie.  de  sen.  10.  Corn.  Nep.  Dion.  10.  In  Ita- 
lien war  er  so  sehr  zum  Symbol  für  alle 
Ahnungen  und  Schrecken  der  Unterwelt  ge- 
worden, dafs  die  Etrusker  sogar  einen  Abschnitt 
der  Bücher  des  Tages,  der  sich  auf  die  See- 
len der  Verstorbenen  bezog,  acheruntisclie  Bü- 
cher nannten,  Arnob.  2,  62.  Serv.  Verg.  Aen.  8, 
398.  Müller  Etrusk.  2,  27.  Bergk  „die  Ge- 
burt der  Athena“  (in  Jahns  Jahrb.  81,  S.  399  ff.) 
führt  den  Gedanken  aus  , dafs  der  Acheron, 
wie  Acheloos  und  Okeanos,  ursprünglich  den 
himmlischen  Luftstrom  bedeutet  habe , durch 
den  die  Seelen  der  Verstorbenen  zumOrt  ihrer 
Bestimmung  wandelten,  der  aber  dann  später 
als  Totenstrom  unter  die  Erde  verlegt  worden 
sei.  — Acheron  wurde  auch  personificiert;  er 


11 


Acherusia 


Achilleus  b.  Homer 


12 


heilst  Sohn  der  Gaia,  der  Demeter,  und  soll 
in  die  Unterwelt  versetzt  worden  sein,  weil 
er  den  Titanen  im  Kampf  gegen  Zeus  zu  trin- 
ken gereicht  habe,  Natal.  Com.  3,  1.  Mit  Or- 
phne  (oder  Gorgyra,  Apollod.  1,  5,  3.  Natal. 
Com.  1.  1.)  zeugte  er  den  Askalaphos,  Ov.  Met. 

5,  539.  vgl.  Serv.  V.  Aen.  4,  462.  — Nitzsch 
Anm.  z.  Odyssee  Bä.  3 , 156  ff.  Müller  Bor. 

1,  418.  Proleg.  363.  Welcher  Gr.  Götterl.  1, 
803.  Preller  Gr.  Mytli.  1,  665,  671.  — Auch 
sonst  kommt  der  Flufs  Acheron  sowie  der 
acherusische  See  vor,  besonders  in  Gegenden, 
deren  Beschaffenheit  auf  eine  Verbindung  mit 
der  Unterwelt  schliefsen  liefs.  In  Triphylien 
z.  B.  war  ein  Flufs  Acheron,  der  von  dem  dem 
Hades  geweihten  Minthegebirge  herabkam  und 
in  den  Alpheios  flofs,  Strab.  8,  344.  Eustatli. 
Hom.  1667,  59.  Im  Gebiet  des  pontischen  He- 
raklea  hiefs  ein  Vorgebirge  ’AxsQovolg  m-aqcc 
oder  ’A%sqovgi,us  xsQQÖvrjGog  wegen  einer  in  2( 
der  Nähe  befindlichen,  in  die  Unterwelt  füh- 
renden Schlucht,  und  ein  durch  das  Vorgebirg 
ins  Meer  mündender  Flufs  (Soonautes)  soll 
früher  den  Namen  Acheron  gehabt  haben,  Xe- 
noph.  An.  5,  10,  2.  Ap.  Bh.  2,  353.  728  f.  745. 
901  u.  Schol.  Mueller  fr.  liist.  gr.  2,  35,  25. 
Tzetz.  L.  411.  695.  Dort  war  auch  ein  Toten- 
orakel, Flut.  Ginn.  6.  de  sera  num.  vind.  10.  Zu 
Hermione  in  Argolis  hatte  den  Namen  ’A%s- 
Qovaloi  Uyvrj  ein  ringsummauerter  Baum  hin-  3< 
ter  dem  Heiligtum  der  Chthonia  in  der  Nähe 
eines  Eingangs  in  die  Unterwelt,  Paus.  2,  35, 

7.  Auch  bei  Cumä  in  Campanien  war  ein 
acherusischer  See  und  ein  Niedergang  zum 
Hades,  Strab.  5,  243.  Eustatli.  Ilom.  1667,  56. 
Verg.  Aen.  6,  268  ff‘.  Heyne  Aen.  6.  Exc.  2.  — 
2)  Andron  v.  Teos  b.  Schol.  Ap.  Bh.  2,  354 
sagt,  dafs  Acheron  ein  König  in  der  Gegend 
des  pont.  Heraklea  gewesen,  dessen  Tochter 
Dardanis  mit  Herakles  den  Poimen  zeugte.  4 
Nach  dem  Tode  der  Dardanis  und  des  Poimen 
seien  in  dieser  Gegend  Dardanis  und  Poimen 
(Berg?)  nach  ihnen  genannt  worden.  [Stoll.] 

Acherusia  (-ias,  -is)  s.  Acheron. 

Achilleus  (A%illsvg,  ’A%iXsvg,  Ecoglat.  Achilles). 

I.  Homerische  Sagen. 

Die  homerische  Sage  berichtet  hauptsäch- 
lich nur  von  den  Thaten  des  Achilles  vor  Troja 
und  giebt  über  die  vor-  und  nachliegende  Zeit  ; 
nur  kurze  Andeutungen.  Sohn  des  Peleus, 
Königs  im  thessalischen  Phthia  II.  20,  206  und 
der  Nereide  Thetis  1,  280.  4,  512.  1,  358.  18, 
52,  Enkel  des  Aiakos  und  so  von  Zeus  abstam- 
mend 21,  187  — 189,  ngltidyg,  rLrjXguxdrjg,  ng- 
Xsroav,  Aianidrjg,  wurde  er  von  seiner  Mutter 
im  väterlichen  Hause  erzogen  18,  436  — 438, 
als  einziger  Sohn  24,  540,  und  als  zartes  Kind 
von  Phoinix  in  der  Bede-  u.  Kriegskunst  un- 
terrichtet 9,  441.  Nur  von  ihm  nahm  der  Knabe  ( 
Speise  und  Trank  9,  385.  Clieiron  lehrte  ihn 
die  Heilkunde  11,  831,  die  er  wiederum  dem 
Patroklos , dem  mit  ihm  zugleich  erzogenen 
Sohne  des  Menoitios,  mitteilt  23,  84—90.  Spä- 
tere Erziehung  durch  Thetis  im  väterlichen 
Hause  18,  57.  438.  Von  Nestor,  Odysseus  und 
Patroklos  in  Phthia  persönlich  zum  Kriege  auf- 
gefordert 11,  765—784.  7,  127  ( Brunn  troische 


Misccllen  1868,  1.  B.  p.  68)  führt  er  Myrmidonen, 
Hellenen  und  Achäer  in  50  Schiffen  nach  Troja 
2,  681.  16,  168  von  Patroklos  und  Phoinix  be- 
gleitet, welcher  dem  Unerfahrenen  von  Peleus 
als  Berater  mitgegeben  wurde  9,  438,  und  auf 
Geheifs  der  Eltern  gefolgt  von  Epeigeus  16, 
575,  als  Hauptheld  der  Achäer  1,  284  unter 
dem  Schutze  der  Hera  iund  Athene  stehend  1, 
55.  1,  195.  9,  254.  16,  168.  18,  203.  19,  340  ff. 
19,  407.  20,  94.  20,  120  ff.  20,  439.  21,  284.  21, 
328.22,214.  22,  226.  22,276.  Helfer  sind  ihm 
Zeus  16,  237  ff.  21,  272,  Hephaistos  21,  342  u.  Po- 
seidon 21 , 284 , sein  Feind  Apoll.  Bei  dem 
Fortgange  des  Sohnes  gelobt  Peleus  dem  Sper- 
cheios  das  Haar  desselben  zu  weihen,  falls  er 
glücklich  zurückkehre,  sowie  eine  Hekatombe 
und  50  Widder  in  seinem  Temenos  an  seinem 
Altäre  bei  den  Quellen  zu  opfern.  Achilles  läfst 
sich  daher  das  Haar  wachsen,  das  er  aber,  da 
die  Götter  den  Bitten  des  Peleus  kein  Gehör 
schenken,  dem  toten  Patroklos  weiht  23, 140  ff. 
Ferner  verspricht  Achilles  am  Tage  des  Aus- 
zuges dem  Menoitios,  ihm  den  Sohn  nebst  seinem 
Anteile  an  der  Beute  unversehrt  nach  Opus 
zurückzuführen  18,  324  — 327.  Seine  Mutter 
hatte  ihm  als  Geschick  entweder  ewigen  Buhm 
bei  frühem  Tode  oder  langes,  aber  rühmloses 
Leben  geweissagt  9,  410.  Sch.  II.  16,  37,  und 
verkündet,  er  werde  Troja  nicht  einnehmen  18, 
440.  17,  408.  18,8.  18,59,  sondern  durch  Apolls 
Geschosse  daselbst  sterben  21,  276.  19,  415. 

22,  359.  23,  80.  Im  Schiffslager  der  Achäer  hat 
er  den  äufsersten  rechten  Flügel  inne  8,  222. 
11,  8,  wo  ihm  seine  Myrmidonen  ein  Haus  aus 
Fichtenstämmen  gezimmert  haben,  dessen  Dach 
aus  Schilf  besteht.  Es  liegt  in  der  Mitte  eines 
von  einem  Zaune  umgebenen  Hofes.  Das  Thor 
ist  durch  einen  einzigen  Balken  geschlossen, 
den  nur  3 Achäer  bewegen  können,  während 
Achill  es  allein  vermag  24,  448.  Das  Haus 
birgt  eine  schöne  Truhe,  gefüllt  mit  Leibröcken, 
Decken  und  Mänteln,  welche  ihm  Thetis  mitge- 
geben  16,  222.  Seine  Biistung  ist  ein  Geschenk, 
welches  die  Götter  dem  Peleus  bei  seiner 
Hochzeit  machten  17,  194  ff.  Er  leiht  sie  dem 
Patroklos  16,  64.  16,  131  — 139.  Sein  Speer  aus 
Eschenhölz  vom  Pelion,  ein  Geschenk  des  Chei- 
ron,  ist  so  schwer,  dafs  nur  er  ihn  schwingen 
kann  16,  139—145.  Die  Büstung  raubt  dem 

> gefallenen  Patroklos  Hektor  17,  125  und  trägt 
sie  17,  194.  Achilles  nimmt  sie  ihm  wieder 
ab  22,  368.  Die  zweite  Büstung  ist  Werk  und 
Geschenk  des  Hephaistos.  Beschreibung  des 
Schildes  18,  478  — 608;  Erwähnung  der  übrigen 
Büstungsstücke  18,  610 — 613.  Sein  Busenfreund 
ist  Patroklos,  ihm  zunächst  steht  Antilochos 

23,  556.  607,  sein  Wagenlenker  ist  Automedon. 
Die  Namen  der  Busse  seines  Leibgespannes 
sind  Xanthos  und  Balios,  8,  185;  das  Nebenge- 

j spann  heifst  Pedasos  16,  152.  Sein  Sohn  Neo- 
ptolemos  wird  während  seiner  Abwesenheit 
auf  Skyros  erzogen  19,  325.  24,  467.  Blonden 
Haupthaares  1,  197.  23,  141,  mit  Augen,  wel- 
che im  Zorne  furchtbar  funkeln  1,  200,  und  mit 
gewaltiger  Stimme  begabt  18,  221  ist  er  der 
schönste  aller  vor  Troja  liegenden  Achäer  2, 
673,  sowie  der  schnellfiifsigste  23,  792  (wie 
denn  dio  seine  Schnelligkeit  betreffenden  Epi- 


13 


Achilleus  b.  Homer 


Achilleus  b.  Homer 


14 


theta  die  häufigsten  sind  noöccg  coxiig,  jtoörax^g, 
nod'ccQHrig,  ra^vg)  und  stärkste  und  tapferste  7, 
228,  ist  ysya  ^öiaiv  tpxog  ’A%cuoioiv — noXifioio 
xaxoib  1,  284.  An  Kampfeslust  dem  Kriegs- 
gotte gleich  (loo g ’EvvuXüo  22,  132,  apr/tog  16, 
166  durchbricht  er  (Qrj^rjvcoQ  7,  228)  löwenmutig 
(Q’vßoUco v 7,  228)  die  lteihen  der  Feinde,  alles 
vor  sich  herscheuchend  und  vernichtend  und 
selbst  den  Kampf  mit  Göttern  nicht  scheuend 
(21,  265),  denn  Todesfurcht  kennt  er  nicht,  io 
da  ihm  der  Ruhm  das  Höchste  ist  (19,  240. 
20,  503.  9,  413).  Als  echtes  Naturkind  kennt 
er  in  Hafs  und  Liebe  keine  Grenzen.  Furcht- 
bar sind  die  Ausbrüche  seiner  Wut  und  feines 
rasch  auflodernden  Zornes.  Auf  seinem  Rechte 
bestehend  vergiebt  er  dem,  der  ihn  verletzt, 
nicht  eher,  als  bis  ihm  volle  Genugtliuung  ge- 
worden. Ist  doch  die  ganze  Ilias  eine  Verherr- 
lichung des  Zorns  des  Achilles  und  seiner  Fol- 
gen. Der  Hafs  gegen  Agamemnon,  durch  20 
die  eigenmächtige  Hinwegführung  der  Briseis 
hervorgerufen , kann  nur  durch  einen  noch 
weit  stärkeren  Hafs  in  den  Hintergrund  ge- 
drängt werden , durch  den  Hafs  gegen  den 
Hektor,  der  ihm  den  geliebten  Gefährten  ge- 
tötet. (9,  307  Antwort  des  Achilles  auf  die 
Bitte  des  Odysseus  und  Aias;  er  weigert  sich, 
am  Kampfe  teilzunehmen;  selbst  dem  sterben- 
den und  toten  Hektor  gegenüber  kennt  er  kein 
Mitleid  22,  345;  die  im  Skamander  gefangenen  30 
12  trojanischen  Jünglinge  schlachtet  er  am 
Scheiterhaufen  des  Patroklos  mit  eigner  Hand 
23,  175.)  Ebenso  stark  aber  ist  er  in  der  Liebe 
zum  Freunde  (18,  22  ff.  18,  81.  Trauer  um  den 
Tod  des  Patroklos;  nach  dessen  Tode  überträgt 
er  seine  Liebe  auf  Antilochos  23,  556.  23,  606), 
zur  Briseis  9,  343,  zu  Vater  24,  507  und  Mutter, 
welcher  er  alle  seine  Schmerzen  anvertraut, 
bei  der  er  in  Nöten  stets  Hilfe  sucht  1,  365. 

18,  79,  trotz  des  starken  Selbstbewufstseins,  das  io 
ihn  beseelt  9,  352.  Feind  alles  versteckten 
Wesens  9,  324  liebt  er  rasches  Handeln ; langes 
Erwägen  ist  nicht  seine  Sache;  Bezeichnungen, 
welche  seine  Klugheit  oder  Weisheit  preisen, 
fehlen.  Nachdem  sein  Zorn  verraucht,  ist  er 
rasch  versöhnlich  gestimmt,  und  weiche,  milde 
Gefühle  bemächtigen  sich  seiner  (19,  56  ff 
Aussöhnung  mit  Agamemnon;  24,  518  mit 
Priamos),  wie  denn  überhaupt  eine  gewisse 
Weichheit  ein  Grundzug  seines  Charakters  50 
ist.  Fremdes  und  eignes  Leid  ruft  rasch  bei 
ihm  Thränen  hervor  1,  349.  24,  507.  Schwer 
empfindet  er  es,  dafs  ihm  durch  das  rauhe 
Eingreifen  des  Schicksals  der  Genufs  stil- 
len, friedlichen  Familienglücks  in  der  trauten 
Heimat  versagt  ist  9,  397.  Die  langen  Tage, 
welche  er  dem  Kampfe  fern  im  Kreise  seiner 
Lieben  am  Gestade  des  Meeres  zubringt,  ver- 
kürzt er  sich  durch  Spiel  auf  der  Phorminx 
und  Gesang  9,  186  ff.  Gastfrei  und  freigebig  eo 
empfängt  er  alle  ihn  Besuchenden  9,  197;  selbst 
der  bittflehende  Feind  findet  gastliche  Auf- 
nahme, nachdem  der  Groll  vergessen  24,  621  ff 
und  den  von  Agamemnon  entsandten  Herolden, 
um  die  Briseis  zu  holen,  läfst  er  das  Unrecht 
ihres  Gebieters  nicht  entgelten  1 , 335.  Der 
Pietät,  welche  er  seinen  Eltern  gegenüber  er- 
weist, entspricht  der  Gehorsam,  welchen  er 


solchen,  die  über  ihm  stehen,  leistet.  Nicht 
verachtet  er  die  Hilfe  der  Götter;  im  Kampfe 
mit  Skamandros  ruft  er  den  Zeus  um  Hilfe 
an  21,  273;  dem  Befehle  der  Götter  folgt 
er  auf  der  Stelle  1,  216.  24,  239.  1,  345.  Ab- 
gesehen von  den  schon  angeführten  Epithetis 
werden  ihm  folgende  beigelegt:  soff log,  ayv- 
fiiov , cpatdtfiog,  fisya&vfiog,  daicpQcov , o^Qifiog, 
XQcasQog,  ntXioQiog,  xlurog,  d'ovQinXvTog,  ccyctvog, 
'ü’stog,  ö'Eostxslog,  dioysvrjg,  tfibg,  diicpiXog,  oloög, 
nxoXtTCOQ&og,  %u>oytvog. 

V orTroja  liegend  zerstört  er  auf  verheerenden 
Raubzügen  11  Städte  im  Gebiete  Trojas  zu 
Lande  und  12  zur  See  9,  328.  Er  erobert  und 
zerstört  das  kilikische  Theben,  tötet  den  König 
Eetion,  verbrennt  ihn  in  seiner  Rüstung  und 
schüttet  ihm  ein  Grabmal  auf;  dessen  7 Söhne 
erschlägt  er  und  führt  die  Königin  als  Ge- 
fangene fort,  löst  sie  aber  später  aus  6,  414  ff 
1,  366.  Zur  theban.  Beute  gehört  das  Neben- 


Achilleus  (auf  einer  panathenäischen  Amphora). 

gespann  Pedasos  16,  152.  Die  Briseis  (die 
spätere  Hippodameia  ( Schol . ad  II.  1,  392. 
Schol.  Vcnet.  in  II.  1,  392.  Eustath.  z.  Hom.  II. 
1 184.  Tzetz.  Hom.  v.  350.  Hesych.  v.  ’lrnio- 
öä[itt a)  erbeutet  er  nebst  andern  Frauen  auf 
dem  siegreichen  Zuge  gegen  Lyrnessos  2,  690. 
20,  193.  Das  trauliche  Zusammenleben  des 
Achilles  und  der  Briseis  auf  Vasen  bei  Over- 
beck Gallerie  heroischer  Bildw.  p.  386  f.  Brunn 
troische  Mise.  1868.  B.  1.  p.  61  ff  Die  Dio- 
mede  nimmt  er  mit  andern  Weibern  bei  der 
Einnahme  von  Lesbos  gefangen  9,  664.  129, 
271.  Ferner  gehören  zu  seinen  Sklavinnen  Iphis 
aus  Skyros  in  Phrygien  (von  Späteren  mit  der 
Insel  verwechselt,  vgl.  den  Schol.  z.  d.  Stelle) 
9,  668,  Hekamede  aus  Tenedos  11 , 624.  Auf 
dem  Zuge  gegen  Lyrnessos  und  Thebe  tötet 
er  die  Söhne  des  Buenos  2,  689,  den  Gemahl, 


15 


Achilleus  b.  Homer 


Achilleus  b.  Homer 


16 


die  Mutter  und  3 Brüder  der  Briseis  und  zerstört 
die  Stadt  desMynes  19,  296.  2,692.  Mit  Pa- 
troklos  zusammen  erbeutet  er  troisehe  Frauen 
18,  28.  341.  Den  Aineias  verjagt  er  durch  einen 
Angriff  auf  seine  Herden  vom  Ida  auf  dem 
Zuge  gegen  Lyrnessos  und  Pedasos  20,  90.  188  ff. 
fängt  den  jugendlichen  Sohn  des  Priamos  Ly- 
kaon  auf  einem  Felde  des  Vaters  und  verkauft 
ihn  nach  Lemnos  an  Euneos  21,  34  ff.,  in  glei- 
cher Weise  Isos  und  Antiphos,  Söhne  des  Pria-  l 
mos  auf  dem  Ida,  läfst  sie  aber  gegen  Löse- 
geld frei  11,  104.  Weitere  mit  Hamen  nicht  ge- 
nannte Söhne  des  Priamos  nimmt  er  im  Laufe 
des  Krieges  gefangen  und  verkauft  sie  nach 
Samos,  Imbros  und  Lemnos  24,  752.  9 Jahre 

wagen  die  Trojaner  aus  Angst  vor  Achilles 
nicht,  sich  in  eine  Feldschlacht  einzulassen, 
sondern  halten  sich  innerhalb  der  Mauern  5, 
790;  selbst  Hektor  wagt  sich  nur  bis  zum  skäi- 
schen  Thor  und  zur  Buche  9,  353  f.  Dort  aber  2 
hält  er  dem  Achilles  einmal  Stand,  flieht  jedoch 
bei  seinem  Angriffe  9,  355.  Hingegen  erzählt 
Agamemnon  7,  112,  um  den  Menelaos  vom 
Zweikampfe  mit  Hektor  abzuschrecken,  selbst 
Achill  habe  sich  gescheut,  dem  Hektor  in  der 
männermordenden  Feldschlacht  entgegen  zu- 
treten. Dies  die  Vorgeschichte  der  Ilias,  wie 
sie  in  ihr  selbst,  soweit  sie  den  Achill  angeht, 
enthalten  ist. 

Im  10.  Jahre  des  Krieges  aber  (Beginn  3 
des  Ilias)  beruft  Achill  auf  Eingabe  der  Hera 
eine  Versammlung  der  Achäer,  nachdem  Apollo, 
erzürnt,  dafs  Agamemnon  seinem  Priester  Chry- 
ses  die  geraubte  Tochter  Chryseis  vorenthält, 

9 Tage  lang  das  Lager  der  Achäer  mit  seinen 
todbringenden  Pfeilen  heimgesucht,  um  durch 
einen  Seher  zu  erforschen,  was  der  Grund  des 
göttlichen  Zornes  sei  1,  8 — 67.  Kalchas  nennt 
denselben,  nachdem  ihm  Achill  Schutz  vor 
Agamemnon  versprochen  —100.  Agamemnon  4 
willigt  ungern  in  die  Herausgabe  des  Mädchens, 
fordert  aber  als  Ersatz  ein  Ehrengeschenk  vom 
Volke.  Auf  die  Erwiderung  des  Achill,  alle 
bisher  gemachte  Beute  sei  geteilt;  er  möge 
sich  mit  seiner  Forderung  bis  zur  Einnahme 
Trojas  gedulden,  antwortet  er  mit  Beleidigungen, 
indem  er  ihm  betrüglichen  und  eigennützigen 
Sinn  zum  Vorwurf  macht  und  ihn  zu  unge- 
bührlichem Dienste  bei  der  Wegführung  der 
Chryseis  anffordert  — 147.  Hierob  ergrimmt  ; 
entgegnet  .Achill,  Agamemnon  sei  sein  Herr 
nicht;  sein  ganzer  Ruhm  bestehe  in  der  Hab- 
gier, mit  welcher  er  von  der  Beute,  die  er, 
Achill,  auf  den  Kriegszügen  gewöhnlich  erwor- 
ben, den  Löwenanteil  für  sich  verlange.  Um 
aber  weiteren  Ehrenkränkungen  zu  entgehen, 
werde  er  sogleich  mit  seinen  Schiffen  nach 
Phthia  zurückkehren.  Als  nun  Agamemnon 
ihn  mit  geringschätzigen  Worten  gehen  heifst 
und  ihm  seine  Sklavin  Briseis  zu  entreifsen  ( 
droht,  greift  Achill  ans  Schwert,  um  Agamem- 
non zu  durchbohren:  da  hält  ihn  Athene,  von 
Hera  gesandt  und  nur  ihm  sichtbar,  zurück, 
befiehlt  ihm  nachzugeben  und  verheilst  drei- 
fachen Ersatz.  Er  gehorcht,  ergiefst  sich  aber 
in  furchtbaren  Schmähungen  gegen  den  Aga- 
memnon: bald  würden  die  Achäer  einsehen, 
was  sie  für  einen  König  hätten,  und  was  sie 


an  ihm,  Achill,  verloren  hätten.  Auf  die  Ge- 
genreden des  Nestor  und  Agamemnon  erklärt 
er  sich  bereit,  das  Mädchen  auszuliefern,  ohne 
dafür  Bache  zu  nehmen.  Schlufs  der  Versamm- 
lung — 307  (zum  Streite  zwischen  Agamem- 
non und  Achill  vgl.  Gerhard,  gr.  Mytli.  195). 
Bildliche  Darstellungen  siehe  bei  OverbeclcGallc- 
rie  heroischer  Bildtverlce  p.  382  ff).  Nun  zieht 
er  sich,  entschlossen  fernerhin  am  Kampfe 
nicht  mehr  teilzunehmen,  in  sein  Lager  zurück, 
den  von  Agamemnon  gesandten  Herolden  über- 
giebt  er  die  Briseis , ruft  sie  aber  als  Zeugen 
der  Gewaltthat  an ; vgl.  Overheck  a.  a.  0.  p.  387  ff. 
Am  Meere  sitzend  klagt  er  der  Mutter  sein 
Leid;"  sie  steigt  aus  dem  Meere  auf,  er  erzählt 
ihr  den  Vorgang  und  bittet  sie,  den  Zeus  zu 
bewegen,  von  jetzt  an  den  Troern  den  Sieg  zu 
verleihen  und  die  Achäer  bis  zu  den  Schiffen 
zurückdrängen  zu  lassen,  damit  sie  und  ihr 
König  inne  würden,  was  dieser  verbrochen,  als 
er  den  besten  der  Achäer  entehrte  — 412. 
Thetis  verspricht  Erfüllung  seines  Wunsches 
und  heifst  ihn  sich  vom  Kampfe  fern  zu  hal- 
ten, bis  sie  vom  Zeus  Nachricht  bringe,  der  seit 
gestern  bei  den  Äthiopen  weile  und  erst  nach 
12  Tagen  zurückkehre.  Nun  bleibt  Achill, 
während  seine  Myrmidonen  sich  in  Kampf- 
spielen üben  2,  774,  unentwegt  in  seinem  Lager, 
heftig  zürnend  und  von  Kampfbegierde  ver- 
zehrt.; vergeblich  sucht  er  durch  Gesang  und 
die  Töne  der  Phorminx  die  Unruhe  seiner 
Seele  zu  beschwichtigen  1,  488  ff.  9,  186.  In- 
zwischen bewilligt  Zeus  der  Thetis  den  Wunsch 
des  Sohnes : die  folgenden  Kämpfe  bringen  den 
Achäern  Verderben,  denn  der  Sieg  ist  stetig  auf 
Seite  der  Troer.  Deshalb  werden  Aias  der  Tela- 
monier  und  Odysseus  nebst  Phoinix  und  2 Herol- 
den zu  Achill  gesandt,  um  ihn  zu  versöhnen; 
Agamemnon  verspricht  nicht  nur  Herausgabe 
1 der  Briseis,  sondern  auch  aus  der  trojanischen 
Beute  Gold  und  Erz  in  Menge,  und  20  der 
schönsten  trojanischen  Weiber,  endlich  bietet  er 
ihm  eine  seiner  3 Töchter  Chrysotliemis,  Iphia- 
nassa  und  Laodike  mit  reichlicher  Mitgift  (7 
reichen  Städten  der  Peloponnes)  zur  Gemahlin 
an.  Achill  nimmt  die  Gesandten  freundlich  auf 
und  bewirtet  sie  gastlich,  weist  aber  ihr  An- 
sinnen unter  heftigen  Ausfällen  gegen  den  Heer- 
könig trotz  des  Zuredens  des  Phoinix  zurück: 
i nicht  eher  werde  er  am  Kampfe  teilnehmen, 
als  bis  Hektor  die  Schiffe  der  Achäer  in  Brand 
gesteckt;  von  seinem  Lager  werde  er  die  Feinde 
schon  fernzuhalten  wissen;  zum  Schlüsse  droht 
er  wiederum  mit  baldiger  Heimkehr.  Unver- 
richteter Sache  kehren  die  Gesandten  zurück; 
Phoinix  bleibt  bei  Achill,  der  alsdann  mit  der 
Diomede  im  Innern  des  Hauses  der  Buhe 
pflegt  9,  668,  vgl.  Overbeck  a.  a.  0.  p.  408  ff. 
G.  Robert,  Gesandtschaft  an  Achill.  Arcli. 
1 Zeit.  39  p.  138  ff.  Am  Tage  darauf  ver- 
folgt Achill  auf  dem  Verdecke  seines  Schiffes 
stehend  den  Verlauf  des  furchtbaren  Kampfes, 
der  sich  bei  dem  Schiffslager  der  Achäer  ent- 
spinnt, und  in  welchem  die  tapfersten  griech. 
Helden  verwundet  werden,  so  dafs  das  Ver- 
derben sich  immer  mehr  auch  seinem  eignen 
Lager  naht.  Als  er  nun  auch  den  Nestor  einen 
Verwundeten  aus  dem  Kampfe  zurückführen 


17 


Achilleus  b.  Homer 


Achilleus  b.  Homer 


18 


sieht,  befiehlt  er  dem  Patroklos,  sich  bei  Nestor 
nach  dem  von  ihm  nicht  erkannten  Verwun- 
deten zu  erkundigen.  Dieser  folgt  der  Weisung, 
und  durch  die  Erzählung  des  Nestor  von  dem 
Elend  der  Achäer  auf  das  tiefste  erschüttert 
bittet  er  zurückgekehrt  Achill  mit  ergreifen- 
den Worten,  ihm  zu  gestatten,  in  des  Achill 
Rüstung  die  Myrmidonen  zum  Kampfe  zu  füh- 
ren. Inzwischen  ist  das  Schiffslager  schon  ge- 
fährdet: Hektor  hat  die  Achäer  in  die  Schiffe 
zurückgeworfen,  und  nur  Aias  der  Telamonier 
hält  noch  Stand  und  wehrt  den  Brand  von  den 
Schiffen  ab.  Da  gestattet  Achill  dem  Freunde 
die  Teilnahme  am  Kampfe  in  seiner  Rüstung, 
befiehlt  ihm  aber  sich  mit  der  Vertreibung  der 
Trojaner  aus  dem  Schiffslager  zu  begnügen 
und  von  weiterer  Verfolgung  abzustehen  — 1(5, 
101.  Als  nun  aber  nach  Überwältigung  des 
Aias  sogar  die  lichte  Lohe  aus  den  Schiffen 
liervorschlägt,  befiehlt  er  Patroklos  sich  schnell 
zu  wappnen,  läfst  die  Myrmidonen  sich  rüsten, 
ordnet  ihre  Reihe  und  feuert  sie  persönlich 
zur  Tapferkeit  an.  Dann  aber  bringt  er  in 
seinem  Hause  dem  Zeus  zu  Dodona  ein  Opfer 
dar,  seinen  Mannen  Sieg  und  seinem  Freunde 
glückliche  Heimkehr  erflehend  — 16,  239. 

Die  Myrmidonen  retten  unter  Patroklos1 
Führung  das  Lager,  dieser  aber  fällt,  der  Wei- 
sung des  Achill  uneingedenk,  in  weitere  Kämpfe 
sich  einlassend  von  Eupliorbos’  und  Hektors 
Hand,  der  ihn  der  Rüstung  beraubt.  Während 
der  Kampf  um  den  Leichnam  tobt,  bringt  An- 
tilochos  dem  Achill  die  Kunde  vom  Tode  des 
Patroklos  18,  18;  vgl.  Overbeck  a a.  0.  p.  428  f. 
unsäglicher  Schmerz  bemächtigt  sich  des  Hel- 
den. Die  lauten  Ausbrüche  seines  Schmerzes 
hören  nicht  nur  die  herbeieilenden  Sklavinnen, 
sondern  auch  Thetis,  welche  sofort  erscheint 
und  ihm,  als  sie  den  Verlust  des  Freundes 
und  der  Rüstung  vernommen,  verspricht,  bis 
zum  folgenden  Morgen  neue  Waffen,  von  He- 
phaistos verfertigt,  zu  schaffen.  Denn  obgleich 
ihn  die  Mutter  an  den  nahen  Tod  erinnert,  ist 
Rache  für  den  Freund,  Rache  an  Hektor  sein 
einziger  Gedanke.  Thetis  eilt  fort:  da  erscheint 
Iris,  von  Hera  heimlich  entsandt  mit  der  Er- 
mahnung , den  Leichnam  des  Patroklos  zu 
schützen;  als  er  wegen  mangelnder  Rüstung 
in  Verlegenheit  ist,  lieifst  sie  ihn  unbewaffnet 
in  den  Kampf  gehen:  sein  blofser  Anblick 
werde  die  Feinde  fliehen  machen.  So  schreitet 
er  unbewaffnet,  doch  von  Athene  mit  feurigem 
Glanze  umstrahlt,  das  Haupt  in  Gewölk  gehüllt, 
zum  Graben  vor,  mit  furchtbarer  Stimme  drei- 
mal die  Trojaner  anrufend.  Entsetzt  fliehen  die 
Feinde,  Patroklos1  Leichnam  wird  gerettet  und 
ins  Lager  zurückgebracht.  Die  ganze  Nacht 
hindurch  dauert  die  Totenklage,  von  neuem 
verspricht  Achill  dem  Freunde  furchtbare  Rache 
an  Hektor  und  ganz  Troja  — 18,  340.  Achil- 
les1 Klage  um  Patroklos  dargestellt  auf  der 
Tabula  Iliaca.  Overbeck  a.  a.  0.  p.  432.  Früh 
am  Morgen  überbringt  19,  6 Thetis  dem  Sohne 
die  neue  Rüstung,  insbesondere  einen  höchst 
kunstreich  gearbeiteten  Schild  (18,  369—615) 
Overbeclc  a.  a.  0.  p.  442  11’.;  schon  der  Anblick 
der  Waffen  verbreitet  unter  den  Myrmidonen 
Furcht  und  Schrecken,  bei  Achill  aber  sowohl 


Freude,  als  neue  zornige  Rachgier.  Nachdem 
er  Thetis  noch  gebeten,  den  Leichnam  des  Pa- 
troklos vor  Verwesung  zu  wahren,  eilt  er  ins 
Schiffslager , beruft  eine  Versammlung  der 
Achäer,  welche  von  allen,  selbst  von  den  Ver- 
wundeten besucht  wird,  und  fordert  den  Aga- 
memnon auf,  des  alten  Grolls  zu  vergessen 
und  Friede  mit  ihm  zu  machen,  dann  aber  so- 
gleich den  Kampf  wieder  aufzunehmen.  Aga- 
10  memnon  geht  freudig  darauf  ein,  bittet  um 
Verzeihung  und  bietet  unendliche  Sühne  19, 
138.  Davon  will  aber  Achill  in  edlem  Eifer 
nichts  wissen,  sondern  drängt  zum  Kampfe. 
Auf  die  Gegenrede  des  bedächtigen  Odysseus, 
welcher  sofortige  Annahme  der  Bufse  anrät  und 
das  Heer  vor  dem  Kampfe  durch  Speise  und 
Trank  gestärkt  wissen  will,  erwidert  er,  er 
für  seine  Person  bedürfe  dessen  nicht:  nicht 
eher  würde  er  Speise  und  Trank  berühren,  als 
20  bis  er  den  Genossen  gerächt.  Allein  Odysseus1 
Vorschlag  findet  Beifall,  Briseis  wird  herbei- 
geführt, und  die  Sühngeschenke  herzugebracht. 
Overbeck  a.  a.  0.  p.  447  f.  Nunmehr  befiehlt 
Achill,  die  Schuld  der  Verblendung  des  Aga- 
memnon auf  Zeus  zurückführend,  den  Achäern, 
die  Mahlzeit  einzunehmen  und  dann  sich  zur 
Schlacht  zu  rüsten  19,  275.  Briseis  und  die 
Sühngeschenke  werden  in  Achills  Schiffshaus 
' gebracht,  welchen  die  Anführer  der  Achäer 
30  vergeblich  anflehen,  Speise  und  Trank  zu  ge- 
niefsen.  Nach  Entfernung  der  meisten  bleiben 
Agamemnon,  Menelaos,  Odysseus,  Nestor,  ldo- 
meneus  und  Phoinix  bei  dem  Trauernden  zurück, 
um  ihm  die  schlaflose  Nacht  durch  Gespräche 
zu  kürzen ; er  aber  ergeht  sich  in  rührenden 
Klagen  um  den  Heimgegangenen,  der  ihm  mehr 
gewesen,  als  der  eigne  Vater,  als  der  eigne 
Sohn,  dem  einst  nach  seinem,  des  Achilles1, 
nicht  mehr  fernen  Tode  der  Gestorbene  hätte 
40  Vater  sein  sollen.  Zeus  aber  sendet  Athene, 
die  ihm  zur  Stärkung  für  den  bevorstehenden 
Kampf  Nektar  und  Ambrosia  einflöfst  — 19, 
352.  Am  Morgen  erscheint  er  in  der  neuen 
Rüstung  auf  dem  Kampfwagen,  welchen  Auto- 
medon  führt,  unter  den  kampfbereiten  Achäern; 
mit  grauenvollem  Rufe  feuert  er  sein  Gespann 
• Xanthos  und  Balios  an,  nicht  möchten  sie  ihn, 
wie  den  vorigen  Führer  Patroklos,  tot  im  Ge- 
filde zurück  lassen.  Da  antwortet  Xanthos, 
50  dem  für  diesen  Augenblick  Sprache  und  Gabe 
der  Weissagung  von  Hera  verliehen,  diesmal 
würden  sie  ihn  lebend  aus  dem  Kampfe  zu- 
rückbringen, allein  der  Tag  des  Tode  sei  nahe. 
Trotzdem  eilt  Achill  zum  Kampfe  — 19,  420, 
bemüht  unter  den  durch  sein  Erscheinen  er- 
schreckten und  zur  Flucht  gewendeten  Troern 
auf  den  Hektor  zu  stofsen.  Da  feuert  Apollon 
den  Aineias  zum  Streite  gegen  ihn  an.  Mit  höh- 
nenden Worten  empfangt  ihn  Achill;  Aineias1 
go  Lanze  prallt  machtlos  am  Schild  des  Peliden 
ab,  dessen  Speer  hingegen  des  Aineias  Schild 
durchbohrt  und  zerschmettert.  Dieser  hebt 
gegen  den  mit  dem  Schwerte  auf  ihn  anstür- 
menden Achill  einen  gewaltigen  Feldstein  auf: 
da  wendet  mit  Beistimmung  der  Götter  Po- 
seidon von  beiden  die  Gefahr  ab,  indem  er 
Achills  Lanze  aus  dem  Schilde  des  Aineias  zieht 
und  jenem  vor  die  Füfse  legt  und  ihn  mit 


19  Achilleus  b.  Homer 

Dunkel  umhüllt,  während  er  den  Aineias  auf- 
hebt und  ihn  weithin  über  die  Reihen  der 
Troer  zurück  aus  dem  Bereiche  der  Waffen 
des  Achill  an  die  Grenze  des  Kampfgewühles 
schleudert.  Dann  nimmt  er  das  Dunkel  von 
Achill  weg,  der  nunmehr  die  Achäer  von  neuem 
gegen  die  Troer  vorführt,  welche  andererseits 
von  Hektor  zum  Kampfe  gegen  den  Peliden 
angefeuert  werden  — 20,  364.  Aber  auf  Zu- 
reden des  Apoll,  der  ihn  vor  Achill  warnt, 
weicht  Hektor  aus  dem  Getümmel;  Achill  hin- 
gegen wütet  in  den  Reihen  der  Troer.  Von 
seiner  Hand  fallen  Iphition,  Demoleon,  Hippo- 
damas,  Polydoros,  der  Sohn  des  Priamos.  Als 
Hektor  aber  den  Bruder  fallen  sieht , kann  er 
sich  nicht  länger  halten,  er  stürmt  auf  Achill 
los  und  schleudert  den  Speer.  Allein  Athene 
schwächt  die  Kraft  des  Wurfes,  sodafs  der 
Speer  machtlos  zu  den  Füfsen  des  Achill  nieder- 
sinkt. Hektor  selbst  aber  wird  von  Apoll  in 
dichten  Nebel  gehüllt,  und  dreimal  sticht  Achill 
vergebens  nach  ihm.  Da  wendet  sich  der  Pe- 
lide  gegen  andere  Feinde ; während  er  vorwärts 
stürmt,  fallen  von  seiner  Hand  Dryops,  Phi- 
letor, Demuchos,  Laogonos,  Dardanos,  Tros, 
Mülios,  Eclieklos,  Deukalion,  Rhigmos  und 
Areithoos.  Da  gelangen  seine  Rosse  an  die 
Furt  des  Xanthos  (Skamander)  21,  1,  in  den 
sich  ein  Teil  der  Troer  gestürzt  hatte,  um  dem 
furchtbaren  Feinde  zu  entgehen.  Aber  Achilles 
folgt  ihnen;  cfr.  Overbeck  a.  a.  0.  p.  448;  12 
Jünglinge  ergreift  er  lebendig,  bringt  sie  ans 
Ufer,  bindet  sie  und  giebt  sie  den  Seinen,  die 
sie  zu  den  Schiffen  führen,  um  später  die 
Totenfeier  des  Patroklos  mit  ihrem  Blute  zu 
verherrlichen.  Dann  stürzt  er  sich  wiederum 
in  den  Flufs  und  stöfst  auf  den  Lykaon,  des 
Priamos  Sohn,  den  er  schon  früher  einmal  ge- 
fangen und  in  die  Fremde  verkauft  hatte. 
Dieser  umfafst  die  Kniee  des  Achill,  der  er- 
staunt ist,  ihn  hier  wieder  zu  finden,  und  bittet 
um  Schonung.  Allein  Achill,  des  eignen  ihm 
nahen  Todes  gedenkend,  stöfst  ihm  das  Schwert 
in  die  Kehle  — 21,  121.  Da  er  diese  That 
mit  Worten  begleitet,  welche  der  Macht  des 
Skamander  Hohn  sprechen,  so  gerät  der 
Stromgott  in  Grimm  und  erwägt,  wie  er  dem 
Morden  ein  Ende  machen  könne.  Als  nun 
Achill  nach  Besiegung  des  Asteropaios  noch- 
mals den  Gott  höhnt,  dafs  er  nicht  imstande 
sei,  den  Troern  Hilfe  zu  leisten,  läfst  dieser 
warnend  seine  Stimme  ertönen,  von  weiterem 
Blutvergiefsen  abratend.  Allein  Achill  giebt 
trotzige  Antwort:  da  läfst  Skamandros,  von 
Apollo  angefeuert,  seine  gewaltigen  Wogen 
von  allen  Seiten  auf  den  Peliden  eindringen, 
die  ihm  den  Schild  vom  Arme  schlagen,  so 
dafs  er  den  festen  Standpunkt  verliert  — 21 
241.  Seine  Lanze  hatte  er  vorher  auf  dem 
Ufer  zurückgelassen.  Vergebens  fafst  er  eine 
am  Flufsrande  stehende  Ulme,  aber  samt  dem 
ihre  Wurzeln  umgebenden  Erdreich  stürzt  sie 
in  die  Wogen.  Doch  gelingt  es  ihm,  sich  auf 
das  Gestade  zu  schwingen.  Der  Strom  aber 
folgt  ihm,  erreicht  den  vor  ihm  Fliehenden 
mit  seinen  Gewässern  und  droht  ihn  zu  ver- 
nichten, so  dafs  der  Held  im  Gebet  bei  Zeus 
Schutz  und  Hilfe  erfleht,  daran  erinnernd,  dafs 


Achilleus  b.  Homer  20 

nach  seiner  Mutter  Aussage  ihm  bestimmt  sei, 
im  ehrlichen  Kampfe  vor  Trojas  Mauern  zu 
fallen  und  nicht  wie  ein  Sauhirt  in  den  Fluten 
des  Giefsbaches  umzukommen.  Da  nahen  sich 
ihm  in  menschlicher  Gestalt  Athene  und  Po- 
seidon und  sprechen  ihm  Mut  ein:  von  frischer 
Kraft  erfüllt  dringt  er  nunmehr  von  neuem 
auf  den  Stromgott  ein.  Der  aber  ruft  den  Si- 
moeis  zu  Hilfe:  ein  furchtbares  Ringen  ent- 
steht. Und  wiederum  sind  es  schützende  Gott- 
heiten, die  vom  Peliden  das  Verderben  ab- 
wenden; auf  Bitten  der  angsterfüllten  Hera 
entzündet  Hephaistos  die  Uferbäume  des  Ska- 
mander, und  durch  die  so  erzeugte  Hitze  wird 
das  Gefilde  getrocknet  und  die  Leichname  ver- 
brannt,. ja  der  Strom  selbst  gerät  in  Brand, 
so  dafs  der  Flufsgott  sich  bittend  an  Hera 
wendet,  dem  Sohne  zu  gebieten,  seiner  zu 
schonen.  Dies  geschieht,  und  der  Strom  kehrt 
in  sein  Bett  zurück,  ohne  am  Kampfe  weiter 
teilzunehmen  — 21 , 382.  Achill  aber  stürmt 
weiter , vor  sich  her  die  Troer  der  Stadt  zu- 
treibend. Agenor,  von  Apollo  mit  Mut  beseelt, 
sucht  noch  einmal  den  Peliden  aufzuhalten, 
allein  seine  Lanze  prallt  machtlos  an  der  gött- 
lichen Rüstung  ab.  Apollo  entrückt  in  Nebel 
seinen  Schützling  der  Rache  des  Achill  und 
lockt  diesen  in  Gestalt  des  Agenor  vor  ihm 
her  fliehend  in  ein  entlegenes  Feld  in  der  Nähe 
des  Skamander,  um  ihn  von  der  Verfolgung 
der  nach  der  Stadt  fliehenden  Troer  abzulenken. 
So  gelingt  es  diesen,  die  Thore  zu  erreichen 
— 21 , 605.  Inzwischen  hat  Apollo  sich  dem 
Achill  zu  erkennen  gegeben;  dieser  stürmt  nun- 
mehr direkt  auf  das  Thor  los,  wo  Hektor  allein 
von  allen  Troern  vor  den  Mauern  der  Stadt 
bleibend  trotz  der  Bitten  des  Vaters  dem  ihn 
suchenden  Peliden  entgegengeht.  Doch  bei 
seinem  Nahen  ergreift  er  die  Flucht,  Achill 
folgt  ihm  und  jagt  ihn  drei  Mal  um  die  Mauer, 
der  vom  Apollo  beschützt  vergeblich  die  ret- 
tende Stadt  und  das  dardanische  Thor  zu  er- 
reichen sucht,  denn  stets  schneidet  ihm  Achill 
den  Weg  ab  und  treibt  ihn  von  der  Stadt  weg 
ins  Freie,  gestattet  aber  den  Achäern  nicht, 
auf  ihn  zu  schiefsen,  sondern  behält  sich  selbst 
die  Ehre  des  Sieges  vor.  Bei  dem  vierten 
Umlauf  läfst  Zeus  die  Schicksalswage  über  das 
Los  der  Beiden  entscheiden:  da  neigt  sich 
Ilektors  Schale  dem  Hades  zu,  und  sofort  ver- 
läfst  ihn  Apoll.  Athene  aber  tritt  zu  Achilles, 
heifst  ihn  vom  Kampfe  ausrnhen  und  verspricht 
ihm  baldigen  Sieg  — 22,  214.  Dann  aber  for- 
dert sie  in  Gestalt  des  Deiphobos  den  Hektor 
im  Namen  seiner  Eltern  auf,  dem  Achill  Stand 
zu  halten  und  dem  Kampfe  ein  Ende  zu  ma- 
chen. Der  so  getäuschte  Held  stellt  sich  nun- 
mehr, auf  des  Bruders  Hilfe  bauend,  dem  Gegner, 
erbietet  sich  aber,  falls  er  siege,  die  Leiche 
des  Achill  den  AchätJrn  zurückzugeben,  das- 
selbe verlangt  er  für  sich,  falls  Achill  ihn  töte. 
Dieser  aber  weist  jeden  Vertrag  zurück,  und 
der  Kampf  beginnt;  demSpeere  des  Achill  weicht 
Hektor  behend  aus,  Athene  bringt  ihn  unbe- 
merkt dem  Achill  zurück.  Aber  auch  Hektors 
Lanze  vermag  nicht,  den  Schild  des  Gegners 
zu  durchbohren.  Vergebens  schaut  er  sich  nach 
Deiphobos  um,  endlich  den  Trug  der  Athene 


io 

20 

30 

40 

50 

60 


21 


Achilleus  b.  Homer 


Achilleus  b.  Homer 


erkennend.  Da  zieht  er  das  Schwert  und  dringt 
auf  Achill  ein;  der  aber  stöfst  ihm  den  Speer 
zwischen  Achsel  und  Hals,  so  dafs  er  am  Ge- 
nick wieder  herausdringt  und  Hektor  zu  Boden 
stürzt.  Nochmals  fleht  Hektor  mit  dem  Tode 
ringend  den  Gegner  an,  seinen  Leichnam  zu 
schonen  und  ihn  unversehrt  nach  Troja  zu 
schicken,  aber  Achill  bleibt  unbewegt,  und  so 
stirbt  Hektor,  den  Peliden  an  sein  nahes  Ende 
mahnend:  am  skäischen  Thore  werde  er  durch 
Paris’  und  Apollos  Hände  fallen  — 22 , 360. 
Overbeck  a.  a.  0.  p.  448  ff.  Nun  entkleidet  Achill 
den  Gefallenen  seiner  Waffen,  und  nachdem  er 
die  ihn  umstehenden  und  des  Hektor  herr- 
lichen Körper  bewundernden  Achäer  nochmals 
an  die  dem  Patroklos  schuldige  Rache  erinnert 
hat,  durchbohrt  er  ihm  die  Sehnen  zwischen 
Knöchel  und  Ferse,  zieht  Riemen  hindurch  und 
bindet  diese  am  Wagensessel  fest.  Dann  be- 
steigt er  den  Wagen  und  schleift  den  Leich- 
nam nach  den  Schiffen.  Overbeck  a.  a.  0.  p.  453  ff. 
Nun  zerstreuen  sich  die  andern  Achäer;  den 
Myrmidonen  aber  befiehlt  Achill  zusammenzu- 
bleiben, um  nochmals  die  Totenklage  um  Pa- 
troklos anzustimmen  und  den  Totenschmaus  zu 
halten.  Ihn  selbst  aber  wollen  die  Fürsten 
zum  Zelte  des  Agamemnon  führen,  damit  er 
sich  daselbst  bade  — 23,  40.  Er  aber  weigert 
sich  dessen  und  schwört  es  nicht  eher  zu  thun, 
bevor  er  den  Patroklos  bestattet,  ihm  ein  Grab- 
mal errichtet  und  sich  das  Haupthaar  gescho- 
ren habe.  Nachdem  er  den  König  gebeten, 
den  Holzstofs  errichten  zu  lassen,  nimmt  er 
teil  an  dem  gemeinsamen  Nachtmahle  und 
ruht  dann  die  Nacht  hindurch  am  Gestade  des 
Meeres.  Da  erscheint  ihm  im  Traume  Patro- 
klos , ihn  zu  schleuniger  Bestattung  seines 
Leichnams  ermahnend  23,  90.  Achill  gelobt 
es.  ln  der  Frühe  fällen  die  Mannen  des 
Agamemnon  Stämme  auf  dem  Ida  und  schlei- 
fen sie  vom  Berge  herunter  an  das  Ufer  des 
Meeres;  die  Myrmidonen  kommen  herangezogen, 
und  in  ihrer  Mitte  tragen  auserlesene  Freunde 
den  toten  Patroklos  zur  Bestattungs stätte, 
Achill  hält  ihm  das  Haupt.  Am  Ziele  ange- 
langt schneidet  er  sich  das  Haar  ab  und  legt 
es  dem  Freunde  in  die  Hände,  dann  lieifst  er 
die  Achäer  sich  zum  Mahle  begeben,  wäh- 
rend die  Myrmidonen  das  Totengerüst  bauen 
und  viele  Opfertiere  schlachten.  Darauf  legt 
Achill  den  Toten,  umhüllt  ihn  mit  Fett,  legt 
die  geschlachteten  Opfertiere  um  ihn  her,  stellt 
Krüge  voll  Ol  und  Wein  dazu  und  wirft  end- 
lich 4 Rosse,  2 Hunde  und  die  Leichen  der  12 
von  ihm  im  Skamander  gefangenen  und  nunmehr 
erwürgten  jungen  Trojaner  auf  den  Scheiter- 
haufen. Dann  entzündet  er  ihn.  Da  er  aber 
durchaus  nicht  hell  brennen  will,  ruft  er  den 
Boreas  und  Zephyros  zu  Hilfe.  Iris  überbringt 
den  Winden  die  Bitte;  sie  stürzen  sich  tosend 
auf  das  Gerüst,  so  dafs  die  Glut  mächtig  em- 
porknattert. Achilles  aber  bringt  die  ganze 
Nacht  hindurch  dem  Toten  Weinspenden,  un- 
ter Wehklagen  den  Scheiterhaufen  umgehend. 
Erst  gegen  Morgen,  als  derselbe  unter  dem 
Hauche  der  Winde  zu  Asche  geworden,  naht 
sich  ihm  der  Schlummer  23,  232.  Zur  Toten- 
feier des  Patroklos  vgl.  Overbeck  a.  a.  0.  p. 


22 

484  ff.  Bald  aber  wird  er  wieder  von  den 
Fürsten  der  Achäer  geweckt;  nun  wird  auf 
seinen  Befehl  die  Glut  mit  Wein  gelöscht,  die 
Gebeine  des  Patroklos  werden  gesammelt  und 
in  Fettstücke  eingehüllt  in  eine  goldene  Urne 
gelegt;  über  dem  zusammengesunkenen  Schei- 
terhaufen wird  das  Grabmal  aufgeschüttet. 
Dann  läfst  er  das  Volk  in  weitem  Kreise  sich 
niedersetzen , die  Kampfpreise  herbeibringen 
und  die  Leichenspiele  beginnen:  Das  Wagen- 

rennen, an  dem  sich  5 Achäer  beteiligen,  macht 
den  Anfang.  Achill  stellt  das  Zeichen  und 
bestellt  den  Phoinix  als  Kampfrichter.  Wäh- 
rend des  Rennens  schlichtet  er  einen  zwischen 
Idomeneus  und  dem  lokrischen  Aias  entstan- 
denen Streit.  Diomedes  gewinnt  den  ersten 
Preis,  nochmals  rnufs  aber  Achill  einen  Streit, 
der  zwischen  den  Siegern  ausgebrochen,  schlich- 
ten. Den  fünften  übrig  gebliebenen  Preis  giebt 
er  dem  Nestor  als  Andenken  an  Patroklos. 
Dann  folgen  Faustkampf,  Ringen,  Wettlauf, 
Speerkampf,  Diskuswurf,  Bogenschiefsen  und 
Speerwerfen.  Auf  den  letzten  Kampf  verzich- 
tet Achill  und  giebt  dem  Agamemnon  den 
Ehrenpreis  23, 897.  Nach  schlafloser,  in  Trauer 
um  den  Freund  verbrachter  Nacht  schleift 
Achill  Hektors  Leib  dreimal  um  das  Grabmal. 
Dies  wiederholt  er  jeden  kommenden  Morgen 
24,  416  f.  Am  12.  Tage  aber  gebeut  Zeus  der 
Thetis,  dem  Sohne  zu  verkünden,  die  Götter 
grollten  ihm  heftig,  dafs  er  den  Hektor  unge- 
löst bei  den  Schiffen  zurückhalte;  er  selber 
werde  Iris  zum  Priamos  senden,  damit  er  den 
Achill  angehe,  ihm  den  Sohn  zu  lösen  24,  119. 
Achill  fügt  sich  dem  Willen  der  Götter;  des 
eigenen  greisen  Vaters  und  seines  baldigen 
Endes  gedenkend  nimmt  er  den  mit  reichem 
Lösegelde  ankommenden  Priamos  erbarmungs- 
reich  auf,  ergeht  sich  in  Klagen  über  ihr  bei- 
derseitiges trauriges  Schicksal,  sucht  aber  zu- 
letzt den  Greis  zu  trösten.  Als  dieser  jedoch 
in  dringender  Weise  um  Auslösung  des  Soh- 
nes bittet,  gerät  er  in  Zorn  und  warnt  den 
Greis,  ihn  nicht  zu  reizen.  Nur  der  Befehl 
der  Götter  sei  für  ihn  malsgebend.  Darauf 
läfst  er  die  Lösegeschenke  vom  Wagen  neh- 
men, die  Leiche  Hektors  waschen,  salben,  klei- 
den, auf  den  Wagen  legen  und  iibergiebt  sie 
dem  Greise,  entläfst  ihn  aber  erst  am  folgen- 
den Morgen.  Nachdem  er  ihm  ein  Abendmahl 
zugerüstet  und  eine  Ruhestätte  für  die  Nacht 
in  seinem  Hause  bereitet,  sowie  sich  mit  ihm 
über  einen  Waffenstillstand  von  12  Tagen  be- 
treffs der  Bestattungsfeierlichkeiten  für  Hek- 
tor geeinigt  hat,  ruht  er  selbst  im  Innern 
des  Hauses  bei  der  Briseis.  Am  frühen  Mor- 
gen führt  Hermes  den  Priamos  samt  der  Leiche 
des  Sohnes  unbemerkt  durch  das  Achäerlager 
nach  Ilios  24,  690.  Hektors  Lösung  bei  Over- 
beck a.  a.  0.  p.  464  ff. 

Soweit  die  Erzählung  der  1 1 i as.  Die  Odys- 
see aber  berichtet  über  die  weiteren  Schick- 
sale des  Helden  Folgendes:  Odysseus  begegnet 
11,467  in  der  Unterwelt  der  jammernden  Seele 
des  Peliden,  welcher  ihn  um  Neoptolemos  und 
Peleus  befragt.  Hocherfreut  über  die  ihm  ver- 
kündete Tüchtigkeit  des  Sohnes  wandelt  seine 
Schattengestalt  mächtigen  Schrittes  die  Aspho- 


23 


Achilleus  nachhom. 


Achilleus  nachhom. 


24 


deloswiese  hinab.  Um  ihn  sammeln  sich,  wie 
ehedem  auf  der  Oberwelt,  die  Seelen  der  ab- 
geschiedenen befreundeten  Helden,  Patroklos, 
Antilochos , der  Telamonier  Aias  und  Aga- 
memnon 24,  15  ff.  Als  daselbst  Achill  das 
jammervolle  Ende  des  Agamemnon  beklagt, 
erzählt  dieser  24 , 35  ff. , wie  Achill  vor  llios 
gefallen  sei  (der  Name  dessen,  der  ihn  tötete, 
wird  nicht  genannt)  und  sich  um  seinen  Leich- 
nam heftiger  Streit  erhoben,  bis  es  den  Achäern  i 
gelungen,  ihn  zu  erbeuten  und  in  das  Lager 
zu  bringen.  Und  als  sie  die  Totenklage  erho- 
ben, stieg  Thetis  mit  den  Meergöttinnen  aus 
dem  Meere  empor , um  daran  teilzunehmen. 
Auch  die  9 Musen  kamen  herbei  und  besan- 
gen den  Abgeschiedenen  17  Tage  lang.  Am 
18.  Tage  aber  wird  die  Leiche  unter  grofsen 
Opfern  verbrannt,  und  mit  Rossen  und  Wagen 
umsprengen  die  Achäer  das  lodernde  Toten- 
feuer. Die  Gebeine  aber  werden  von  Thetis  2 
in  einem  goldenen  Gefäfse,  einem  Werke  des 
Hephaistos  und  Geschenke  des  Dionysos,  ge- 
sammelt und  mit  denen  des  Patroklos  gemischt. 
Über  diesen  aber,  sowie  den  Gebeinen  des  An- 
tilochos häufen  die  Achäer  am  Strande  des 
Meeres  ein  mächtiges  Grabmal.  Dann  aber  ver- 
anstaltet die  Mutter  nach  Aussetzung  herrli- 
cher Preise  grofsartige  Kampfspiele.  Odys- 
seus selbst  aber  berichtet  11,  541  ff. , dafs  an 
dem  Wettstreite,  bei  welchem  Thetis  dieWaf-  3 
fen  des  Achill  als  Siegespreis  ausgesetzt,  er 
und  Aias  sich  beteiligt  hätten.  Die  Kampf- 
richter hätten  ihm  den  Preis  zugestanden,  wo- 
rauf der  Selbstmord  des  Aias  erfolgt  sei. 

So  Achill  in  Ilias  und  Odyssee. 

II.  Nachhomerische  Sagen. 

Diese  geben  die  Ergänzung  zu  den  homeri- 
schen Mythen,  indem  sie  dieselben  nicht  nur 
ausbildeten,  nmgestalteten  und  aus  schmückten,  4 
sondern  auch  das  Knaben-  und  Jünglingsalter 
des  Achilles,  seine  Kämpfe  auf  der  Fahrt  nach 
Troja,  sowie  bei  der  Landung,  die  ersten  neun 
Kriegsjahre  vor  Beginn  der  Ilias,  die  Abenteuer 
des  zehnten  Jahres  nach  dem  Tode  Hektors, 
den  Tod,  die  Bestattung  des  Helden,  endlich 
sein  Fortleben  nach  dem  Tode  behandeln.  Sie 
bilden  also  gleichsam  den  äufseren  Rahmen 
zu  dem  Sagenkreise  der  Ilias;  poetische  Gestal- 
tung fanden  sie  in  den  nur  in  den  Excerpten  5 
des  Proklos  und  wenigen  Bruchstücken  erhal- 
tenen Epen  Kypria  des  Stasinos  oder  Hegesias, 
der  Aithiopis  und  Iliupersis  des  Arktinos  von 
Milet,  der  kleinen  Ilias  des  Lesckes  und  den 
Nostoi  des  Agias  von  Troizene,  für  uns  von 
gröfstem  Gewicht  besonders  deshalb,  weil  sie 
uns  den  ältesten  Kern  der  Sage  erkennen  las- 
sen und  den  Zusammenhang  der  Mythen  leh- 
ren. Hauptwerke:  Der  epische  Cyldus  oder 
die  homerischen  Dichter  v.  F.  G.  Welcker,  Joh.  6 
O verbeck,  die  Bildwerke  zum  Thebanischen  und 
Troischen  Heldenkreis.  L.  Preller,  griechische 
Mythologie. 

a.  Gehurt  und  früheste  Jugend. 

Nach  JEurip.  Hel.  38  ff.  (von  Welcher  cp.  C. 

2,  87  auf  den  Anfang  der  Kyprien  zurückge- 
führt; Epic.  Gr.  fr.  p.  20  K.)  erregte  Zeus  den 


trojanischen  Krieg,  damit  die  Erde  von  der  über- 
grofsen  Menschenanzahl  befreit  werde  und  alle 
Welt  Hellas’  gröfsten  Sohn  erkenne.  Zeus  und 
Poseidon  freiten  um  Thetis  {Find.  I.  8,  26  ff.), 
allein  diese  weissagte  in  der  Götterversammlung, 
dafs  aus  einer  Ehe  zwischen  ihr  und  Zeus  oder 
Poseidon  ein  Sohn  entspringen  werde,  der  mäch- 
tiger als  der  Vater  eine  stärkere  Waffe  denn 
Blitz  oder  Dreizack  führen  werde.  Deshalb 
o standen  beide  Götter  von  der  Ehe  ab.  Hin- 
gegen einem  Sterblichen  vermählt,  werde  sie 
einen  Sohn  gebären,  dem  zwar  im  Kriege  zu 
fallen  bestimmt  sei,  der  aber  an  Stärke  der 
Arme  dem  Ares  und  an  Schnelligkeit  der  Füfse 
den  Blitzen  gleich  sein  werde;  dieser  künftige 
Gatte  aber  sei  Peleus,  der  Herrscher  von  Iol- 
kos.  Apoll.  Argon.  4,  800.  Apollod.  3,  13,  5, 
1.  Fulg.  Myth.  3,  7.  Sein  Geburtsort  ist  nach 
dem  Schol.  zu  II.  23,144  das  thessalische  Phar- 
0 salos  (nslacyrnog  rvcpäv  Lycophr.  176);  er  ist 
das  siebente  Kind,  das  Thetis  dem  Peleus  ge- 
bar (Sch.  II.  16,  37.  Lycophr.  178.  Ptol.  Heph. 
6),  aber  von  allen  vorhergeborenen  Kindern 
war  keines  am  Leben,  da,  wie  schon  das  alte 
nach  dem  König  Aigimios  benannte  Gedicht 
(Sch.  Apoll.  Argon.  4,  816)  im  zweiten  Gesänge 
erzählte,  die  Mutter  ihre  Kinder,  um  ihre  Sterb- 
lichkeit zu  prüfen,  in  siedendes  Wasser  tauchte, 
wobei  sie  umkamen.  Bei  Achill  aber  habe  es 
o der  erzürnte  Peleus  verhindert. 

Eine  andere  Fassung  der  Sage  ist  folgende. 
Nach  Schol.  II.  16 , 37  wirft  Thetis , von  den 
Göttern  zur  Heirat  mit  Peleus  gezwungen,  ihre 
Kinder  ins  Feuer,  im  Glauben,  die  sterblichen 
Teile  würden  verbrennen,  das  Unsterbliche  an 
ihnen  erhalten  bleiben.  Bei  dem  siebenten 
Kinde  überrascht  sie  Peleus  und  entreifst  ihr 
den  Knaben.  Nach  Apoll.  Rh.  4,  869  und  Apol- 
lod. 3,  13,  6 birgt  sie,  um  das  Sterbliche  zu 
o tilgen,  den  Knaben  nachts  im  Feuer,  am  Tage 
salbt  sie  ihn  mit  Ambrosia.  Ptol.  Heph.  4 
erzählt,  nur  der  Knöchel  des  rechten  Fufses 
sei  verbrannt;  als  Peleus  aber  den  Knaben  dem 
Ckeiron  übergeben  hatte,  grub  dieser  den  Leib 
des  unter  demPallenegebirge  begrabenen  Damy- 
sos , des  schnellsten  aller  Giganten,  auf,  ent- 
nahm ihm  einen  Knöchel  und  setzte  ihn  dem 
Achill  anstatt  des  verbrannten  ein.  (Ebenda- 
selbst steht  eine  etymologisierende  späte  Sage, 
o Thetis  beschenkt  den  Neugeborenen  mit  den 
Flügeln  der  Arke,  der  Tochter  des  Thaumas, 
des  Bruders  der  Iris,  welche  Zeus  der  Thetis 
als  Hochzeitsgeschenk  gegeben,  daher  noSuQ- 
xrjg).  Infolge  der  Rettung  aus  dem  Feuer  nannte 
ihn  sein  V ater  nvQicaoog , die  Mutter  aber, 
weil  ihm  das  Feuer  eine  Lippe  verzehrt  hatte, 
A%ü.£vg  (a-xsllog).  Die  jedenfalls  jüngste  Ge- 
burtssage (Stat.  Achill.  1,  269.  Fulg.  Myth. 
3,  7.  Quint.  Smyrn.  3,  62.  Hyg.  Fab.  107. 
o Serv.  Verg.  Acn.  6,  57.)  berichtet,  Thetis  habe 
ihn , um  ihn  unsterblich  zu  machen , in  die 
Styx  getaucht;  die  Ferse,  an  welcher  sie  ihn 
hielt,  sei  vom  Wasser  unberührt  und  so  ver- 
wundbar geblieben. 

Die  Geburt  des  Knaben  trennt  die  Gatten. 
Thetis,  über  das  Verfahren  des  Peleus  erzürnt, 
verläfst  ihn  auf  immer,  um  in  das  Meer  zu- 
rückzukehren (Sch.  II.  u.  Apollon.  Rh.  a.  a.  0. 


25 


Achilleus  nachhom. 


Achilleus  nachhom. 


2G 


Aristoph.  Wolken  1068 ; nach  Apollod.  a.  a.  0. 
zu  den  Nereiden.).  Anders  bei  Homer;  vgl. 
II.  1,  396  u.  16,  574.  Peleus  hingegen  (nach 
Orph.  Argon.  387  ff.  Thetis  selbst)  überbringt 
den  Knaben  dem  auf  dem  Pelion  wohnenden 
Kentauren  Cheiron  (Paus.  3,  18, 12.  Sch.  11.  9, 
486),  welcher  ihn  nach  Sch.  II.  11,613  u.  Era- 
tosth.  Katasterism.  40  mit  Asklepios,  nach  Phil. 
Heroikos  708  mit  Protesilaos,  Palamedes  und 
Aias  zusammen  in  Gottesfurcht  (Pincl.  P.  6,  20),  l 
in  edler  Sitte  ( Eurip . Iph.  A.  926),  in  der  Tugend 
der  Gerechtigkeit  und  uneigennützigen  Wir- 
kens sowie  Verachtung  irdischer  Güter  ( Phi - 
lostr.  Her.  733) , in  der  Arzneikunde  (Sch.  II. 
16,  37.  9,  22.  50.  53.  Plut.  Tom.  2,  p.  1146  A) 
sowie  in  der  Musik  (Lyraspiel  und  Gesang  (Sch. 
II.  a.  a.  0.  Hör.  Epod.  13,  12.  Erzgruppe 
in  Rom  in  d.  Säpta  des  Campus  Martius  von 
unbekannter  Hand ; cfr.  Overheck  Gesell,  d.  griech. 
Plastik  2 2,  283 ; auf  dem  amykl.  Throne  Paus.  2 

з,  18,  12)  im  Jagen,  Reiten  und  allen  ritter- 
lichen Künsten  (Stat.  Achill.  2,  381  — 452, 
Philost.  maj.  im.  2 , 2.  Heroik.  730  Sidon. 
Apoll,  ep.  9,  131)  unterrichtete,  nachdem  ihn, 
den  der  Mutterbrust,  die  er  nie  genossen,  be- 
raubten (Sch.  II.  1,  1.  Stat.  Ach.  2,  383)  als 
kleines  Kind  die  Najaden  Chariklo,  das  Weib, 
und  Philyra,  die  Mutter  des  Cheiron  aufgezogen 
und  gepflegt  hatten  (Pind.  N.  3,  75.  Apollon. 
(Rh.  4,  813  u.  Sch.).  Bei  Apoll.  Rhod.  1.  553  ff.  3 
steigt  Cheiron,  als  Peleus  mit  den  Argonauten 
bei  dem  Pelion  vorüberfährt,  mit  Chariklo, 
welche  den  Kleinen  auf  dem  Arme  trägt,  vom 
Berge  herab  und  zeigt  dem  Vater  das  Kind. 
Nach  Apoll.  3,  13,  6 u.  Sch.  gab  ihm  aus  obi- 
gem Grunde  Cheiron  den  Namen  Achilleus, 
während  er  vorher  AryvQcov  liiefs.  Seine  Nah- 
rung bestand  in  Eingeweiden  von  Löwen  und 
wilden  Schweinen,  sowie  dem  Mark  von  Bären 
(Stat.  Ach.  2,  384.  Schol.  Aphth.  2,  621.  Ho-  4 
mil.  pseudoclem.  6,  10);  nach  Phil.  Her.  730. 

и.  im.  812  in  Honigscheiben  und  Rehmark. 
So  wächst  er  unter  fortwährenden  körperlichen 
Übungen  zu  einem  starken  Knaben  heran,  des- 
sen Herz  sich  an  Waffen  und  Musik  erfreut 
(Orph.  Arg.  399.  Pind.  N.  3,  79.  Stat.  Achill. 

I,  40  u.  188  ff.  u.  2,  381  ff.  Ovid  fast.  5,  388. 
Philostr.  Her.  730).  Erkämpft  mit  Löwen  und 
fängt  ihre  Jungen,  jagt  Eber  und  legt  ihre 
im  Todeskampfe  zuckenden  Körper  dem  Chei-  5 
ron  zu  Füfsen;  Hirsche  fängt  er  ohne  Hunde 
und  Netze  (Pind.  N.  3,  80  — 90.  Soph.  h.  Eust. 

II.  877,  59.  Liban.  tom.  4,  p.  86,  18.  p.  1014, 
11.  Stat.  A.  1,  166 — 170).  Später  nimmt  er 
den  Kampf  mit  den  benachbarten  Kentauren 
auf,  plündert  ihre  Wohnungen  und  raubt  ihre 
Herden  (Stat.  A.  1,  153).  So  trifft  ihn  seine 
Mutter  (Stat.  A.  1,  189).  Die  Liebe  des  Jüng- 
lings zur  Musik  und  Poesie  schildert  Philostr. 
Her.  730.  Kalliope,  von  Achilles  unter  Dar-  e 
bringung  eines  Opfers  um  ihre  Gunst  angefleht, 
erscheint  ihm  im  Traume  und  verspricht  ihm 
soviel  Kunstfertigkeit  zu  geben , dafs  er  ein 
Mahl  erheitern  und  den  Kummer  beschwichti- 
gen könne;  sein  Hauptruhm  werde  nicht  auf 
seinem  Gesänge,  sondern  auf  kriegerischen  Tha- 
ten  beruhen.  Allein  sie  werde  ihm  einen  Sän- 
ger erwecken,  welcher  seine  Thaten  verewigen 


werde.  Und  so  lernte  er  denn  mit  Leichtig- 
keit singen  und  die  Lyra  spielen.  Er  sang  die 
alten  Lieder  von  Hyakinthos , Narkissos  und 
Adonis,  sowie  die  neueren  vom  Hyllos  und 
Abderos , deren  Schicksal  ihn  zu  Thränen 
rührte. 

Nach  vollendeter  Erziehung  giebt  ihn  Chei- 
ron dem  Vater  zurück  (Sch.  II.  16,  37);  auf  ei- 
ner Vase  aus  Nocera  hingegen  (Bull.  Nap.  N. 
S.  5.  t.  2.)  führt  Hermes  ihn  dem  Nereus  und 
den  Nereiden,  worunter  die  namentlich  bezeicli- 
nete  Thetis,  zu.  Nach  Ovid  Fast.  5,  381  traf 
Achill  bei  Cheiron  mit  Herakles  zusammen;  die 
spätere  Sage  (Eratosthen.  Katasterismata  40) 
machte  Herakles  zu  seinem  Liebhaber.  Von 
dem  Aufenthalte  im  Vaterhause  nach  Vollen- 
dung der  Erziehung  durch  Cheiron  berichtet 
• die  Sage  so  gut  wie  nichts.  Nur  zweierlei  sei 
erwähnt.  In  diese  Zeit  hat  man  die  Ankunft 
des  Patroklos  in  Phthia  und  den  Anfang  des 
Freundschaftsbündnisses  zu  setzen;  beide  wur- 
den später  in  Thessalien  als  Nationalhelden 
verehrt.  Eine  wunderbare  Sage  aus  jener  Zeit 
erzählt  von  ihnen  Istros  im  13.  Buche  seiner 
Attika  (Plut.  Theseus  34).  Nach  diesem  wurde 
Alexandros,  der  in  Thessalien  Paris  hiefs,  von 
Achill  und  Patroklos  am  Spercheios  besiegt, 
wozu  vgl.  Forchhammer,  Achill  p.  27. 


Cheiron  und  Achilleus,  pompejan.  Gemälde. 


b.  Späteres  Knaben-  und  Jünglingsalter. 

Während  die  ältere  Sage  der  Kyprien  von 
dem  späteren  Knabenalter  des  Achilles  schweigt 
(die  den  Auszug  des  Achill  wahrscheinlich  in 
Anlehnung  an  die  Kykliker  darstellenden  Va- 
sengemälde siehe  am  Schlüsse  von  b S.  28,  58) 
und  ihm  erst  nach  der  Zerstörung  von  Teu- 
thrania  und  nach  der  Verwundung  des  Tele- 
phos  durch  Sturm  nach  Skyros  verschlagen 
werden  und  die  Deidamia  heiraten  läfst  (so 
der  Dichter  der  kleinen  Ilias  bei  Eustath.  II. 
1187,  15  u.  Sch.  11.  19,  326)  oder  er  nach  Sch. 
II.  9,  664  Skyros  einnahm  und  plünderte,  um 
die  von  .Peleus  abgefallenen  Doloper  zu  züch- 
tigen, als  er  sich  auf  dem  Wege  nach  Aulis 


27 


Achilleus  nachhom. 


Achilleus  nachhom. 


28 


befand,  bei  welcher  Gelegenheit  er  den  Neo- 
ptolemos zeugte,  berichtete  die  Sch.  II.  9,  664 
ausdrücklich  als  die  jüngere  bezeichnete  Sage, 
dafs,  als  die  Griechen  anfingen,  sich  zum  Kriege 
gegen  Troja  zu  rüsten,  Peleus  (nach .Apollodor, 
Statuts  A.,  Hygin,  Ovid  u.  Eustath.  II.  1187, 13 
die  Thetis)  eingedenk  des  Orakels,  dafs  seinem 
Sohne  bestimmt  sei  als  Jüngling  vor  Troja  zu 
fallen,  den  neunjährigen  Knaben  nach  der  In- 
sel Skyros  zum  König  Lylcomedes  gebracht 
habe.  Dort  sei  er  in  Mädchenkleider  gesteckt 
und  mit  den  Töchtern  des  Königs  aufgezogen 
worden  ( Soph . in  Scyriis  fr.  496 — 505.  Wel- 
cher gr.  Tr.  1, 102  — 107.  Seneca  Troad.  223.  Poly- 
gnots  Darstellung  hei  Paus.  1,  22,  6.  Pion  15, 
5 ff.  Stat.  Ach.  1,  207).  Da  nun  aber  nach  der 
Weissagung  des  Kalchas  Troja  ohne  Achill 
nicht  erobert  werden  konnte,  so  wurden  Odys- 
seus, Phoinix  und  Nestor  (bei  Ovid  Aias,  bei 
Statius.  u.  Philostr.  jun.,  Odysseus  u.  Diomedes) 
zum  Peleus  geschickt,  Achill  zu  holen.  Dort 


Achilleus’  Abholung  von  Skyros,  pompeian.  Gemälde, 

abgewiesen  hätten  sie  sich  nach  dem  von  Kal- 
chas ausfindig  gemachten  Versteck  begeben. 

Da  sie  den  Achill  unter  den  Töchtern  des  Ly- 
komedes  vermuten,  legen  sie  auf  Odysseus’  Rat 
den  Mädchen  Waffen  und  Körbchen  mit  aller- 
hand Werkzeugen  furn  Weben  vor.  Die  Mäd- 
chen greifen  nach  letzteren,  Achilles  aber  ver- 
rät sich,  indem  er  nach  den  Waffen  greift. 
Nunmehr  nimmt  er  am  Zuge  teil.  So  Sch.  II. 

16,  326.  Ovid  Metam.  13,  162  ff.  Phil.  jun. 
imag.  1.  Nach  Apollodor  3,  13,  8 entdeckte 
Odysseus  den  Achilles,  indem  er  durch  Blasen 
einer  Trompete  dessen  kriegerische  Begeiste- 


rung anfachte.  Beide  Sagen  vereinigt  bei  Hy- 
gin f.  86  u.  Stat.  Ach,  2,  165  ff.  Vgl.  aufser- 
dem  Ovid  de  arte  am.  1,  697 — 706.  Liban.  t. 
4 p.  192.  Eust.  z.  II,  1187,  15.  Tzetzes  Ch.il. 
4,  996.  Lykophr.  277  und  dazu  Tzetzes,  wel- 
cher sogar  eine  Fabel  erwähnt,  nach  welcher 
Achill  aus  Furcht  vor  Hektor  und  dem  Tode 
nach  Skyros  geflüchtet  sei.  Philostr.  Her.  731 
verwirft  natürlich  die  Weibergeschichte  als 
io  seines  Helden  unwürdig;  nach  ihm  schickt 
Peleus  den  Sohn  nach  Skyros , um  den  von 
Lykomedes  getöteten  Theseus  zu  rächen. 
Achill  erobert  Skyros,  nimmt  den  Lykomedes 
gefangen,  läfst  ihn  aber  frei,  weil  er  sich  recht- 
fertigt, heiratet  die  Deidamia  und  zeugt  mit 
ihr  den  Neoptolemos.  Die  Entdeckung  des 
Achill  unter  den  Töchtern  des  Lykomedes 
« wurde  von  Malern  mit  Vorliebe  dargestellt. 

So  von  Polygnot  in  der  Pinakothek  der  Pro- 
20  pyläen  (Paus.  1,  22,  6)'  und  Athenion  Maro- 
nites  (PK».  35,  134);  als  Gemälde  erwähnt  bei 
Ach.  Tat.  6 , 1 und  Aristaen.  2, 
5.  Die  bildlichen  Darstellungen 
der  Abholung  des  Achill  von  Sky- 
ros besprochen  von  Overbeck a.  a.  0. 
p.  287  ff.  E.  Engelmann  , zwei 
Mosaiken  aus  Sparta.  Arch.  Ztg. 
39  p.  127.  0.  Jahn,  Arch.  Beiträge 
352  ff.  Gerhard  D.  u.  F.  1858  t. 
113  p.  157.  Helbig  Camp.  Wand- 
gem.  n.  1296  ff. 

Aus  der  Liebe  zur  Deidamia  und 
der  heimlichen  Vereinigung  beider 
(vgl.  Pion  a.  a.  0.  u.  Stat.  A.  1, 
642  ff.  Seneca  Troad.  350  ex  vir- 
ginis  concepte  furtivo  stupro)  ent- 
springt Pyrrhos , später  Neopto- 
lemos genannt.  Auf  eine  römi- 
sche Tragödie , den  Aufenthalt 
des  Achilles  und  sein  Liebesieben 
auf  Skyros  behandelnd,  weist  hin 
Ov.  Trist.  2,  409  ff.  Achilles  führte 
selbst  auf  Skyros  wegen  seines 
blonden  Haares  den  Namen  Pyrrha 
(Ptolem.  Heph.  N.  H.  1) , auch 
Ksquvgsqcc  und  Issa  wurde  er  ge- 
nannt. Daselbst  werden  auch  zwei 
Söhne  Neoptolemos  und  Oneiros 
erwähnt.  Als  legitimer  Sohn  hin- 
gegen in  recktmäfsiger  Ehe  er- 
zeugt erscheint  Pyrrhos  in  den 
Kyprien  bei  Proklos,  Prop.  2,  7, 
54.  9,  16.  Philostr.  Heroic.  732. 
Tzetz.  in  Lycophr.  277.  Die  lako- 
nische Sage  hingegen  (Paus.  3,  24, 
10)  erzählte  von  einer  Werbung  des  Achill 
bei  Tyndareos  um  Helena,  bei  welcher  Gelegen- 
heit er  den  Las  getötet  habe.  Endlich  erwähnt 
Sch.  II.  19,  326  eine  Sage,  nach  welcher  Neo- 
60  ptolemos  der  Ehe  des  Achilles  und  der  Iplii- 
genia  entsprossen  sei.  Zum  Schliffs  die  Er- 
zählung des  Philostr.  Heroik,  732.  Thetis 
pflegt  den  Sohn  nach  seiner  Verheiratung  mit 
Deidamia  auf  Skyros;  als  sich  aber  die  Grie- 
chen in  Aulis  versammeln,  bringt  sie  ihn  zum 
Peleus  zurück  und  rüstet  ihn  mit  Waffen  aus, 
wie  sie  noch  niemand  zuvor  getragen.  Weiter 
weifs  die  spätere  Sage  betreffs  seiner  Aus- 


29 


Achilleus  nachliom. 


Achilleus  nachhom. 


30 


rüstung,  dafs  seine  Rosse  unsterblich  waren 
(Sch.  II.  1,  131  u.  197,  dagegen  Philostr.  Her. 
737),  ein  Geschenk  des  Poseidon  bei  der  Hoch- 
zeit seiner  Eltern  (ebenso  Ptolem.  Heph.  N. 
11.  6);  seine  Rüstung  und  Schwert  war  ein 
Geschenk  des  Hephaistos,  dem  Peleus  bei  der- 
selben Gelegenheit  gemacht  nach  Eiist.  II. 
1090,  43.  Bei  der  Abfahrt  nach  Aulis  (Flut.  Q. 
Gr.  28)  stellt  die  Mutter  ihm  einen  Sklaven 
zur  Seite,  der  ihn  warnen  soll  einen  Sohn  des  l 
Apollo  zu  töten,  denn  nach  Tzetzes  Lyc.  232 
lag  eine  Weissagung  vor,  dafs  eine  solche 
That  seinen  Tod  zur  Folge  haben  würde.  Der 
Sklave  heifst  Mnemon.  Die  Zeit  des  Aufent- 
haltes im  väterlichen  Hause  betreffen  nach  Wel- 
cher aeschyl.  Tril.  2,  305  die  ’AxAlsco?  sqccgtou', 
ein  Satyrspiel.  In  direktem  Gegensätze  zu  den 
Sagen  von  Skyros  stehen  Darstellungen  auf 
Vasen,  den  Auszug  des  Achilles  sicherlich  in 
Anlehnung  an  die  Kyprien  wenn  auch  zum  Teil  2 
mit  grofser  künstlerischer  Freiheit  und  ohne 
peinliches  Festhalten  am  Worte  des  Dichters 
schildernd.  Vollständig  neu  ist,  dafs  mehrfach 
Hermes  und  einmal  Iris  als  Stellvertreterin 
des  Genannten  als  Götterboten  erscheinen,  um 
den  im  Plause  des  Grofsvaters  Nereus  weilen- 
den Achill  zur  Teilnahme  am  Kriege  zu  be- 
wegen. Die  Darstellungen  zerfallen  nach  Brunn 
troisch.  Mise.  18G8.  1.  B.  p.  61  ff.  in  drei  Grup- 
pen. 1)  Einfacher  Abschied  des  Achilles  von  3 
Thetis  ohne  Zuthat.  Gerhard  A.  V.  184.  Overh. 
Taf.  16,  2.  p.  386.  2)  Hermes  erhält  von  Achill 
durch  Handschlag  das  Versprechen  der  Betei- 
ligung am  Kriege.  Thetis  Gerli.  A.  V.  200.  Overh. 
t.  20,  1.  p.  464.  Luckenbach,  Fleckeisens  J ah  eh. 
Suppl.  11  p.  546.  P.  J.  Meier,  JDurisschalen 
arch.  Ztg.  1883  p.  5 und  Hermes  zwischen 
Achill  und  Nereus  stehend.  Thetis.  Nereiden. 
Bull.  nap.  N.  S.  5,  2.  Welcher,  alte  Denlcm. 

5,  327.  3)  Achills  Auszug.  Cheiron  und  Her-  4 
mes  vor  dem  Viergespann,  welches  Achill  be- 
steigt, gefolgt  von  Nestor  und  Antilochos  oder 
Patroklos  (Thetis  kommt  mit  Kanne  und  Schale 
herbei)  des  Vergers  VEtrurie  pl.  38.  — Anti- 
lochos besteigt  den  von  Phoinix  gelenkten 
Wagen,  neben  dem  Iris  sichtbar  wird.  Vor 
den  Pferden  gerüstet  Achill,  dem  Nestor  die 
Hand  reichend.  Overh.  t.  18,  2.  — fDie  selb- 
ständigste Erfindung  aber  (so  Brunn  p.  71) 
findet  sich  auf  dem  Kantharos  des  Epige-  5 
nes  Ann.  d.  Inst.  1850,  tav.  d'agg.  H.  I.,  und 
doch  ist  vielleicht  der  Gesamtinhalt  der  epi- 
schen Dichtung  hier  am  vollständigsten  und 
tiefsten  erfafst.’  Auf  der  einen  Seite:  die 
Wogengöttin  Kymothea  reicht  Achill  den  Ab- 
schiedstrunk. Agamemnon,  jugendlicher  E)ne- 
ger,  Nereide;  auf  der  andern  Seite  Nestor 
dem  Antilochos  Rat  erteilend , und  Thetis 
mit  Kanne  und  Schale  als  besorgte  Mutter 
sich  an  den  besten  Freund  des  thatendur-  & 
stigen  Sohnes  wendend.  Dem  Achill  zur 
Seite  steht  ein  Begleiter,  welcher  sich  durch 
den  Namen  Ukalegon  als  eine  von  Achill  los- 
gelöste personifizierte  Eigenschaft  des  letz- 
teren ausweist.  Nach  Aristot.  Blut.  2 , 22 
zog  Achill  als  der  jüngste  der  Helden,  ohne 
durch  Eid  dazu  verpflichtet  zu  sein , nach 
Troja. 


c.  Aulis.  Die  Fahrten  nach  Troja. 

Die  Griechen  versammeln  sich  in  Aulis,  mit 
ihnen  Achill  an  der  Spitze  der  Myrmidonen 
mit  50  Schiffen  ( Dictys  Cr.  1,  18),  er  geniefst 
nach  Philostr.  Her.  732  schon  hier  neben  sei- 
ner Mutter  göttliche  Verehrung. 

1)  Erster  Zug.  Telephos.  Bei  der  ersten 
Ausfahrt,  so  berichten  die  Kyprien,  landeten 
die  Griechen  in  Teuthranien  in  Mysien  im 
Glauben , in  Troas  zu  sein , und  verwüsteten 
das  Land.  Telephos,  der  künftige  Thronerbe, 
eilt  zur  Abwehr  herbei,  wird  aber  von  Achil- 
les verwundet.  Ein  Sturm  überfällt  die  Ab- 
fahrenden und  zerstreut  sie  (Achill  nach  den 
Kyprien  nunmehr  nach  Skyros  verschlagen;  vgl. 
oben).  Da  dem  Telephos  zu  Delphi  das  Ora- 
kel zuteil  geworden,  nur  wer  ihn  verwundet, 
könne  ihn  heilen , kommt  er  nach  Argos  , wo 
sich  das  Heer  wieder  gesammelt  hat  und  wird 
vom  Achill  geheilt,  da  infolge  eines  Schick- 
salsspruches Telephos  der  Führer  der  Griechen 
auf  ihrem  zweiten  Zuge  nach  Troja  sein  mufste. 
Vgl.  Find.  1.  8,  49.  Sch.  Find.  O.  9,  107. 
Euripicles  Fragm.  d.  Telephos.  Anth.  Jacobs  t. 
2,  p.  657.  11,  110.  Sch.  II.  1,  59.  Tzetz.  Lyc. 
209.  Sch.  Nuh.  919.  Hyg.  F.  101.  Prop.  2, 
1,  63.  Ovid  M.  12,  112.  Senec.  Troad.  224  ff. 
Plin.  25,  42.  34,  152.  Phil.  Her.  690.  Lihan. 
Deel.  3 p.  230  D.  Dictys  2 , 3.  10.  Suidas  s. 
Tylecpo ?.  Eustath.  z.  II.  45,  39.  Nach  Sch.  II. 
1,  59  mufste  Telephos  vor  der  Heilung  dem 
Achill  versprechen  , den  Troern  keine  Hilfe  zu 
leisten.  Bei  Hygin  lautet  das  Orakel:  „Nur  die 
Lanze,  welche  die  Wunde  geschlagen,  könne 
sie  heilen“,  die  Heilung  erfolgt  durch  abge- 
schabte Eisenspäne.  Ebenso  bei  Eurip.  Fr.  Nauch 
725  und  Plinius , welcher  von  abgeschabtem 
Roste  spricht.  Nach  Pindar  erfolgt  die  Ver- 
wundung am  Kaikos;  in  diesen  Kämpfen  be- 
reitet sich  nach  Welcher  ep.  C.  2,  150  in  den 
Kyprien  die  Waffenfreundschaft  zwischen  Achil- 
les und  Patroklos  infolge  der  Thaten  des  letz- 
teren vor.  Patroklos  war  nämlich  bei  der  Lan- 
dung am  Kaikos  verwundet  worden:  auf  der 
Vase  des  Sosias,  Gerb.  Trinksch.  t.  7 verbindet 
ihm  Achilles , auch  als  Arzt  auftretend , den 
Fufs.  Bei  Philostr.  heilt  Achill  den  Telephos, 
vor  Troja;  nach  Dictys  unterstützen  ihn  dabei 
auf  Weisung  des  delphischen  Orakels  die  Söhne 
des  Asklepios,  Machaon  und  Podaleirios.  Nach 
Philostr.  war  endlich  der  Schild  des  Telephos, 
auf  welchen  Achill  Anspruch  erhob , von  den 
Griechen  dem  Protesilaos  zugesprochen  wor- 
den, da  er  dem  Telephos  den  Schild  wegge- 
zogen und  dadurch  die  Verwundung  desselben 
ermöglicht  hatte.  — Mit  grofser  Vorliebe  hat 
die  Kunst,  die  bildende  wie  die  dramatische, 
die  Telephossage  dargestellt  und  naeli  Bedürf- 
nis umgewandelt  und  erweitert.  Der  Kampf 
der  beiden  Helden  war  von  Skopas  in  dem 
westlichen  Giebelfelde  der  Athene  Alea  zu 
Tegea  plastisch  wiedergegeben  (Patisan.  8, 
45,  7.  Overbeck  G.  d.  gr.  Pl. 2 2,  p.  18.  Wel- 
cher A.  D.  1 p.  199  ff.  Urlichs,  Skopa's'  Leben 
u.  Werke  p.  18),  und  Plin.  35,  71  beschreibt 
das  Gemälde  des  Parrhasios,  die  Heilung  des 
Telephos  darstellend:  Achill  von  Agamemnon 


31 


Achilleus  nachhom. 


Achilleus  nachhom. 


32 


und  Odysseus  umgehen  schabt  den  Rost  der 
Lanze  in  die  Wunde  des  Telephos.  Der  gleiche 
Stoff  behandelt  auf  dem  etrusk.  Spiegel  229  hei 
Gerhard  und  einem  etrusk.  Relief  bei  H.  Brunn 
rilievi  delle  urne  JEtrusche  tav.  34,  18  der  Auf- 
fassung des  Accius  entsprechend.  Denn  auch 
die  Tragiker  hatten  sich  des  Stoffes  bemäch- 
tigt. Achill  trat  auf  in  dem  Telephos  des  Äschy- 
los,  nach  welchem  wahrscheinlich  Accius  sein 
Drama  arbeitete  (vgl.  0.  Bibbeck , die  röm.  io 
Tragödie  im  Zeitalter  der  Bepublik  p.  345);  auf 
ihn  ist  vielleicht  die  hei  Brunn  a.  a.  0.  tav. 

31  n.  11  dargestellte  Scene  zurückzuführen,  in 
welcher  Telephos , der  sich  des  kleinen  Ore- 
stes bemächtigt  und  auf  den  Hausaltar  des 
Agamemnon  geflüchtet  hat,  demselben  mit  dem 
Tode  droht , um  Gewährung  seiner  Bitte  zu 
finden;  Agamemnon,  Ulixes  und  Achill  stür- 
men auf  ihn  ein,  werden  aber  von  Klytaim- 
nestra  zurückhalten ; vgl.  Friedr.  Schlie:  die  20 
Darstellungen  der  troischen  Sagen  auf  etruski- 
schen Aschenkisten  p.  57;  der  Telephos  des  En- 
nius  hingegen  war  wahrscheinlich  nach  dem 
von  Aristophanes  so  arg  verspotteten  Telephos 
des  Euripides  gedichtet  ( Bibbeck  p.  105).  Der 
'Telephos  in  Argos’  vonÄgathon,  erwähnt  bei 
Athen.  10  p.  454  u.  Welcher  a.  a.  0.  3,  989. 
'Telephos  in  Argos’  von  Moschion  bei  Stobaeus, 
Ecl.  1,  5, 1 u.  Welcher  3, 1048.  Der  Telephos  des 
Iophon,  wohl  nach  Aschylos  gearbeitet,  spielte  30 
nach  Welchers  Vermutung  3,  976  auch  in  Ar- 
gos, alsdann  würde  Achill  auch  in  ihm  auf- 
getreten sein.  Über  den  Telephos  des  Kleo- 
phon  siehe  Welcher  a.  a.  0. 1010.  — Bei  Quint. 
Smyrn.  4, 172  ff.  heilt  Achill  den  von  ihm  ver- 
wundeten Telephos  mit  der  Lanze  am  Kaikos, 
und  dieser  schenkt  ihm  dafür  ein  Gespann 
Rosse;  vgl.  Quint.  Sm.  7,  379.  Die  bildlichen 
Darstellungen  bei  Overbeck  a.  a.  0.  p.  294  ff. 

0.  Jahn  Telephos  u.  Troilos  Kiel  1841.  [Drs.  40 
Telephos  u.  Troil.  u.  kein  Ende.  Bonn- 1859. 
Sehr.]  Archäol.  Aufsätze  164 — 180.  Gerhard 
D.  u.  F.  1857.  t.  106.  107.  n.  106.  107. 

Von  Argos  aus  begeben  sich  die  Helden 
nach  Aulis,  welches  wiederum  der  Versamm- 
lungsort des  Heeres  ist. 

2)  Zweiter  Zug.  Achilles  und  Iphige- 
neia  in  Aulis,  Landung  auf  Tenedos. 
Zwist  (und  Versöhnung)  mit  Agamem- 
non. Tod  des  Tenes.  50 

Die  Kyprien  erzählen : Agamemnon  läfst 
unter  dem  Vorwände,  seine  Tochter  dem  Achill 
zu  vermählen,  Iphigeneia  von  Mykenai  nach 
Aulis  kommen;  auf  Lesbos  veruneinigen  sich 
Agamemnon  und  Achill  infolge  einer  Zurück- 
setzung des  letzteren  von  seiten  des  Königs. 
Bei  Eurip.  Iph.  A.  erfolgt  die  HerbeihoJung 
der  Iphigeneia  ohne  Wissen  des  Achill,  welcher 
eben  im  Begriff  ist,  den  König  auf  Drängen 
der  Myrmidonen  um  schleunigen  Aufbruch  von  so 
Aulis  zu  mahnen.  Durch  die  erst  in  Aulis 
selbst  über  den  wahren  Sachverhalt  (Opfe- 
rung der  Iphigeneia)  aufgeklärte  Klytaimnestra 
von  dem  Betrug  unterrichtet  verspricht  Achill 
ihr  erzürnt  seine  Hülfe,  allein  als  das  ganze 
Heer  und  besonders  die  Myrmidonen  auf  der  Opfe- 
rung der  Iphigeneia  bestehen,  und  Odysseus  mit 
Bewaffneten  naht,  um  die  Jungfrau  abzuführen, 


giebt  er  sich,  von  den  Kriegern  mit  dem  Steini- 
gungstode bedroht,  wenngleich  unter  fortwäh- 
renden Versicherungen  seines  Beistandes  in 
sophistischer  Weise  zufrieden,  als  die  Jung- 
frau sich  freiwillig  der  Opferung  darbietet. 
In  der  für  unecht  gehaltenen  Schlufsrede  des 
Boten  nimmt  Achill  sogar  persönlich  an  dem 
Opfer  der  Iphigeneia  teil  und  spricht  das  Ge- 
bet an  Artemis.  Den  gleichen  Inhalt  vermu- 
tet Welcher  gr.  Tr.  3,  p.  947  für  die  Tragö- 
die Agamemnon  des  Ion  von  Chios.  Hingegen 
trat,  wie  man  aus  etruskischen  Sarkopbagre- 
liefs  geschlossen  hat,  Achill  in  der  Iphigeneia 
des  Ennius , welche  aus  der  des  Sophokles 
und  Euripides  kontaminiert  war,  als  wirklicher 
Verteidiger  der  Iphigeneia  auf.  Vgl.  Brunn , 
rilievi  delle  urne  Etruschetav.  37  n.  6.  tav.  38.  39. 
40.  44,  18,  19.  45,  20.  21  u.  0.  Bibbeck,  Böm. 
Tr.  p.  99 — 102.  „Demgemäfs  erblicken  wir  hier 
Achill  schwer  verwundet  zu  Boden  gesunken, 
unter  dem  Beistände  eines  treuen  Waffenge- 
fährten  mit  der  erhobenen  Linken  noch  in  der 
Ohnmacht  gegen  das  Opfer  protestierend;  ihm 
gegenüber  jenseits  des  Altars  einen  seiner  wüten- 
den Angreifer  aus  dem  Heere  eben  im  Begriff 
einen  Stein  zu  werfen“  (p.  101).  In  tiefe  Trauer 
versunken  wohnt  Achill  (nach  Brunn-,  anders 
Helbig ) auf  dem  bekannten  pompejanischen 
Wandgemälde  dem  Opfer  bei“  ( Helbig  n.  1305; 
Zahn  2,  61).  Über  die  Bildwerke  siehe  Overbeck 
a a.  0.  p.  322  f.  0.  Jahn,  Archäol.  Beiträge  378  ff. 
Brunn  a.  a.  0.,  Schlier,  a.  0.  p.  60  ff.  Homer 
weifs  von  der  erdichteten  Verlobung  der  Iphi- 
geneia und  ihrer  Opferung  nichts.  Nach  Hygin. 
F.  98  bediente  sich  Agamemnon  als  Boten 
nach  Mykenai  des  Ulixes,  er  berichtet  aber 
nichts  von  einem  Eingreifen  des  Achill.  Der 
Erzählung  der  Tragiker  kommt  am  nächsten 
Dictys  1 , 20.  Ulixes  bringt  der  Klytaimne- 
stra einen  Brief  des  Agamemnon,  wonach  er 
dem  Achill  die  Iphigeneia  versprochen;  Achil- 
les aber  wolle  nicht  eher  aufbrechen , als 
bis  das  Versprechen  erfüllt  sei.  So  beeilt  sich 
Klytaimnestra,  ihre  Tochter  mit  Ulixes  ins 
Lager  zu  senden.  Während  aber  das  Opfer 
vorbereitet  wird,  ertönt  eine  Stimme  vom  Him- 
mel , die  Göttin  verschmähe  das  Opfer  und 
werde  Ersatz  senden;  zugleich  erscheint  Achil- 
les, welcher  unterdessen  einen  Brief  von  Kly- 
taimnestra (neben  einer  Menge  Gold)  erhalten, 
worin  sie  ihre  Tochter  und  ihr  ganzes  Haus 
dem  Achill  empfiehlt.  Von  dem  Vorhaben  des 
Agamemnon  inzwischen  unterrichtet  entreifst 
er  die  Iphigeneia  ihren  Würgern  und  vertraut 
sie  heimlich  dem  Schutze  des  zufällig  anwe- 
senden Skythenkönigs  an.  Mit  dem  Aufent- 
halte in  Aulis  bringt  man  gewöhnlich,  wenn 
auch  ohne  sicheren  Grund,  das  Brettspiel  def 
Achilles  und  Aias  in  Verbindung  ( Overb . G 
h.  B.  310  ff.  Brunn  tr.  Mise.  1880  p.  173)  um 
in  diese  Zeit  wird  wohl  auch  die  späb 
Sage  anzusetzen  sein , nach  welcher  Blut 
Quaest.  Gr.  37  p.  225  Achill  die  Tanagra,  di 
Mutter  des  Poimandros , des  Königs  von  Ta 
nagra  in  Böotien,  tötete  (Eust.  erwähnt  be 
Tgaka  im  Schiffskatalog,  dafs  die  Tanagräe 
sich  weigerten , am  Zuge  gegen  Troja  teilzu 
nehmen). 


33 


Achilleus  nachhom. 


Achilleus  nachhom. 


34 


Nachdem  die  Griechen  unter  Führung  des 
Telephos  auf  Tenedos  gelandet  waren,  wurde 
(vgl.  II.  8,  229)  von  Agamemnon  eine  Muste- 
rung und  ein  grofser  Opferschmaus  veranstal- 
tet. Durch  ein  Versehen  bei  der  Einladung 
beleidigt  er  den  Achilles  (vgl.  den  Anonymus 
Ttsgl  ogyijg  Volum.  Her cul.Oxon.  1 p.  51.  Aristot. 
Rhetor.  2,  c.  24(381, 54  P.)  und  den  Opferschmaus 
Jl.  2,  405).  Hiermit  wird  in  Verbindung  gebracht 
das  jetzt  für  ein  Satyrdrama  erklärte  Stück 
des  Sophokles  ’A^cacöv  cvlloyog  ?/  avvSsntvov 
r]  GvvdentvoL.  W.  Dindtorf  P.  Sc.  Gr.  2 p.  127 
fragm.  148 — 181 ; vgl.  Cicero  ad  Quintum  fr. 
2,  16;  Athen.  8 p.  365  b.  Vol.  Here.  O.x.  u. 
Aristot.  a.  a.  0.  Anders  Welcher,  gr.  Tr.  1, 
110—113  u.  232—240.  Äschyl.  Tril.  2,  170 
Anm.  108.  Ribbech,  röm.  Trag.  p.  620  sagt 
hierüber:  fdie  Achäerhehlen,  welche  von  Au- 
lis  weiter  nach  Troja  zogen,  landeten  auf  Te- 
nedos, wo  sie  Musterung  und  einen  Schmaus 
hielten.  Achill , der  zu  spät  dazu  eingeladen 
war,  fühlte  sich  deshalb  beleidigt,  entzweite 
sich  mit  dem  Agamemnon  und  den  übrigen 
Fürsten , besonders  auch  mit  Odysseus  und 
drohte  in  die  Heimat  zurückzukehren.  Bei 
dem  Gelage  ging  es  wüst  zu,  der  später  kom- 
mende Achill  wurde  von  den  wahrscheinlich 
Trunkenen  schnöde  genug  empfangen.’  Die  von 
Quintus  Cicero  angefertigte  Übersetzung  ( Cicero 
ad  Q.  fr.  a.  a.  0.  ist  mit  Bücheier  factam  statt  3 
actam  zu  lesen)  mifsfiel  dem  Bruder.  Ribbech 
p.  619  u.  624. 

Der  Aufenthalt  auf  Tenedos  wird  von  spä- 
teren Sagen  noch  durch  die  Erzählung  vom 
Tode  des  Tenes  ausgeschmückt.  Plut.  Q.  Gr. 
28  berichtet  so : Thetis  hatte  dem  Sohne  ver- 
boten, den  Tenes,  einen  Sohn  des  Apollo,  zu 
töten  und  einem  Diener  den  Auftrag  gegeben, 
darüber  zu  wachen.  Da  verfolgt  Achilles  auf 
Tenedos  die  schöne  Schwester  des  Tenes;  die- 
ser schützt  die  Schwester  und  wird  von  Achill 
erschlagen,  welcher  ihn  zu  spät  erkennt  und 
feierlich  bestattet.  Zur  Strafe  tötet  Achill 
den  säumigen  Diener.  Tzetzes  zu  LyJc.  232  setzt 
hinzu,  Thetis  habe  die  Warnung  ergehen  lassen 
infolge  eines  Orakels  , Achill  werde  sterben, 
wenn  er  einen  Sohn  des'  Apollo  töte.  Die 
Schwester  des  Tenes  heifst  bei  ihm  Hemithea 
und  wird,  von  Achill  verfolgt,  von  der  Erde 
verschlungen.  Der  Diener  heifst  Mnemon;  vgl. 
Lykophr.  240  ff.  Der  Tod,  den  Tenes  durch 
Achilles  bei  der  Verteidigung  des  Vaterlandes 
erlitten,  wird  auch  erwähnt  bei  Paus.  10,  14,  4. 
Auf  einen  gleichen  Tod  führt  auch  Hiodor. 
Sic.  5,  83,  welcher  erzählt,  auf  Tenedos  habe 
ein  Gesetz  verboten,  in  dem  daselbst  befind- 
lichen dem  Tenes  geweihten  Tempel  den  Na- 
men des  Achill  auszusprechen.  Der  Tod  des 
Tenes  kann  aber  auch  bei  einer  späteren  Lan- 
dung des  Achill  erfolgt  sein.  Jedenfalls  ist 
die  Sage  neueren  Ursprungs , da  sie  bei  kei- 
nem älteren  Mythographen  vorkommt,  und  hat 
sich  aus  der  Sage  von  Kyknos  entwickelt,  wel- 
cher von  manchen  Vater  des  Tenes  genannt 
wird  (vgl.  Sch.  II.  1 , 38).  Die  Tragödie  Te- 
nes, fälschlich  dem  Euripides  zugeschrieben 
( Vit.  Huri]).  Cod.  Mediol.,  W.  Hindorf  3 
fragm.  696  u.  Welcher  griech.  Tr.  2,  p.  499  f.), 

Koscher,  Lexikon  der  gr.  u.  röm.  Mytliol. 


behandelte  wahrscheinlich  eine  andere  Sage 
von  ihm  , welche  sich  mehr  zur  tragischen 
Darstellung  eignete. 

Vor  dem  Wegzuge  der  Achäer  von  Tene- 
dos erfolgte  die  (wenn  auch  nirgends  ausdrück- 
lich erwähnte)  Versöhnung  zwischen  Achilles 
und  Agamemnon,  da  sie  vor  Troja  beide  von 
vorn  herein  in  freundschaftlichem  Verhältnisse 
leben. 

d)  Landung  in  Troja.  Die  ersten  neun  Jahre 
des  Kampfes. 

Die  Kyprien  erzählen:  rAls  die  Troer  die 
Achäer  an  der  Landung  zu  verhindern  suchen, 
und  Protesilaos  vom  Hektor  getötet  worden 
ist,  erlegt  Achilles  den  Kyknos,  den  Sohn  des 
Poseidon,  und  wirft  die  Troer  in  die  Flucht. 
Nachdem  die  Achäer  die  Toten  gesammelt 
haben,  schicken  sie  eine  Gesandtschaft  nach 
Troja,  Helena  und  die  Schätze  zurückzufordern. 
Auf  die  Weigerung  der  Troer  machen  sie  ei- 
nen Angriff  auf  die  Mauer.  Dann  aber  zer- 
streuen sie  sich  über  die  Landschaft  und  zer- 
stören diese  sowie  die  Städte  in  der  Umge- 
bung. Da  Achilles  die  Helena  zu  sehen  wünscht, 
so  bringen  Thetis  und  Aphrodite  beide  an  ei- 
nem Orte  zusammen.  Als  die  Achäer  nach 
der  Heimkehr  begehren,  hält  sie  Achilles  zu- 
o rück.  Hierauf  treibt  er  die  Rinder  des  Aineias 
fort,  zerstört  Lyrnessos  und  Pedasos  und  viele 
umliegende  Städte  und  tötet  den  Troilos. 
Patroklos  aber  bringt  den  Lykaon  nach  Lem- 
nos  und  verkauft  ihn  daselbst.  Aus  der  Beute 
erhält  Achilles  als  Ehrengeschenk  die  Briseis, 
Agamemnon  die  Chryseis.  Dann  folgt  der  Tod 
des  Palamedes  und  der  Entschlufs  des  Zeus, 
den  Achilles  dem  Kampfe  zu  entfremden , um 
den  Troern  Erleichterung  zu  verschaffen.’  So 
o Proklos. 

1)  T o d desProtesilaos.  Tzetzes  Lycophr. 
245  ff.  Nachdem  Protesilaos  durch  Hektor  ge- 
fallen, sprang  Achill  mit  solcher  Wucht  aus 
dem  Schifte , dafs  an  der  Stelle  des  Nieder- 
sprunges sofort  eine  Quelle  entstand.  Achill 
trat  auf  in  den  noiysveg  des  Sophokles,  welche 
den  Tod  des  Protesilaos  schildern.  W.  Hin- 
dorf, P.  Sc.  Gr.  2 fragm.  443 — 46  lb.  Welcher 
griech.  Trag.  1 p.  113  — 117.  Der  Protesilaos 

o des  Euripides  ist  anderen  Inhaltes.  Bildliche 
Darstellungen  auf  Sarkophagreliefs  (Welcher  A. 
H.  3,  553  ff.  Overb.  a.  a.  0.  327  ff.)  sind  auf  die 
Tragödie  zurückzuführen  (vgl.  Brunn  troisch. 
Mise.  1880  p.  174). 

2)  Tod  des  Kyknos.  Der  Tod  des  Kyk- 
nos am  Kaikos  (nach  Sen.  Troad.  237  u.  Agam. 
216)  durch  die  Hand  de3  Achill  war  eine  sehr 
beliebte  Sage  und  hat  daher  gar  manche  Ent- 
wicklungsphasen  durchgemacht.  Während  Find. 

o O.  2,  82  (146)  u.  I.  5,  39  (49).  Senec.  a.  a.  0. 
u.  Quintus  Smyrn.  4,  153  einfach  seinen  Tod 
durch  Achill  erwähnen  (nach  letzterem  war  er  ein 
Sohn  desPoseidon und  wurde  mit  dem  Speere  ge- 
tötet), weifs  Aristoteles  rhet.  2,  22,  10  (374,  51  P.) 
schon  zu  erzählen,  dafs  er  unverwundbar  gewe- 
sen, und  sein  Tod  erfolgt  sei,  als  er  die  Griechen 
am  Landen  verhindern  wollte.  Bei  Lykophr. 
232  zerschmettert  ihm  Achilles  die  Schultern 

O 


35 


Achilleus  nachkom. 


Achilleus  uachhom. 


36 


mit  einemSteine;  Tzetzes  hingegen  bemerkt,  es 
sei  der  Kopf  gewesen,  an.  dem  allein  er  ver- 
wundbar war.  Palaiphatos  de  incred.  12  be- 
richtet nur,  er  sei  unverwundbar  gewesen  und 
habe,  auch  als  er  vom  Achilles  mit  einem  Steine 
getötet  worden,  keine  Wunde  davongetragen. 
Ausführlicher  Dictys  2,  12.  13.  Kyknos  über- 
fällt die  Griechen,  welche,  nachdem  sie  schon 
das  Schiffslager  aufgeschlagen  haben,  mit  der 
Bestattung  des  Protesilaos  beschäftigt  sind,  i 
und  schlägt  sie  in  die  Flucht.  Da  kommt 
Achill  zu  Hilfe  und  tötet  ihn.  Am  einge- 
hendsten Ovid.  M.  12,  64  ff.  Achilles  sucht 
bei  der  unglücklichen  Landung  der  Achäer, 
nachdem  Hektor  und  Kyknos  schon  viele  ge- 
tötet, jene  im  Scklachtgewükle  und  stöfst 
auf  Kyknos.  Dieser,  ein  Sohn  des  Poseidon, 
ist  unverwundbar,  und  so  prallt  des  Achilles 
Lanze  wiederholt  an  seinem  Körper  ab.  Auch 
das  alsdann  von  Achilles  angewandte  Schwert  2 
fruchtet  nicht.  Da  dreht  er  dasselbe  herum 
und  sucht  Kyknos  durch  Schläge  auf  Kopf 
und  Schläfe  zu  betäuben.  Dies  gelingt;  Kyk- 
nos stürzt  beim  Rückwärtsschreiten  über  einen 
Stein,  Achill  kniet  auf  ihn,  erwürgt  ihn  mit 
dem  Helmband  und  beraubt  ihn  der  Waffen. 
Nach  Welcher  Gr.  Tr.  1,  116  behandelten  den 
Tod  des  Kyknos  die  noiysvse  des  Sophokles 
und  3,  961  der  Kyknos  des  Achaios.  Anders 
Urlichs.  Der  Kyknos  des  Aischylos  beruht  auf 
Vermutung.  Den  siegreichen  Kampf  des  Achill 
gegen  den  imverwundeten  Kyknos  erblickt 
Brunn  tr.  Mise.  1880  p.  201  ff.  auf  einer  Trink- 
schale des  Duris  bei  Fröhner,  Clioix  des  vases 
du  prince  Napoleon  pl.  2—4  u.  Conze , Übungs- 
blätter Ser.  6,  7.  Auf  den  Tod  des  Kyknos 
läfst  Ovid  a.  a.  0.  146  einen  Waffenstillstand 
folgen;  vor  diesem  aber  setzt  Welcher  ep.  Gyhl. 
2,  104  einen  auf  einer  Vase  aus  Vulci  ( ann . 
d.  Inst.  5.  Welcher  A.  D.  3,  428  ff.)  wahrschein- 
lich nach  den  Kyprien  dargestellten 

3)  aufgehobenen  Zweikampf  des 
Achilles  und  Hektor  an)  reine  Nachahmung 
des  zwischen  Aias  und  Hektor  unter  ausge- 
tauschten Geschenken  aufgehobenen  Zweikam- 
pfes im  7.  Gesänge  der  Ilias  273—283’  (vgl. 
Overbeck  a.  a.  0.  p.  333  f.).  Wenn  nun  Ovicl 
a.  a.  0.  erwähnt,  dafs  Achill  im  Gewühle  der 
Schlacht  nach  den  beiden  Hauptgegnern  Kyk- 
nos und  Hektor  gesucht  habe,  so  würde  sich 
an  die  Bekämpfung  und  Besiegung  des  ersteren 
der  Kampf  mit  dem  andern  sehr  folgerichtig 
anreihen.  Auf  das  im  Vasenbilde  geschilderte 
friedliche  Auseinandergehen  der  beiden  Hel- 
den lasse  ich  demnach  folgen  den  von  Ovid 
erwähnten 

4)  Waffenstillstand,  in  welchen  fallen 
würde  das  bei  Proklos  erwähnte  Begräbnis 
der  Gefallenen  und  die  vergebliche  Ge- 
sandtschaft der  Griechen  nach  Troja 
behufs  friedlicher  Herausgabe  der  He- 
lena und  der  Schätze.  Dann  folgt 

5)  V ergeblicher  Sturm  auf  die  Maue  r. 

6)  Verheerung  von  T roas  und  der 
umliegenden  Städte. 

7)  Wunderbare  Zusammenkunft  des 
Achilles  und  der  Helena  durch  Thetis 
und  Aphrodite  vermittelt  (vgl.  Welcher  ep.  C. 


2,  105),  jedenfalls  eine  Folge  des  Waffenstill- 
standes. Lylcophron  171  spricht  aber  nur  von 
einer  Vereinigung  derselben  im  Traume  (Achil- 
les der  fünfte  Gemahl  der  Helena,  vgl. 
Tzetzes  zu  dieser  Stelle,  welcher  auch  zu  141 
bemerkt,  dafs  Achill  sich  nur  dem  Traumbilde 
der  Helena  in  Liebe  gesellt  habe.  Ebenso  der 
Scholiast  zu  II.  3,  140).  Die  Vereinigung  ist 
dargestellt  auf  einem  pompejanischen  Wand- 
gemälde bei  Overbeck  a.  a.  0.  335  ff.  Selbig 
a.  a.  0.  327  deutet  es  auf  Ares  und  Aphrodite. 
Diese  Liebe  zur  Helena  benutzte  nun  wahr- 
scheinlich der  Dichter  der  Kyprien  als  Motiv 
dazu,  dafs 

8)  Achilles  die  nächRückkehr  in  die 
Heimat  trachtenden  Achäer  zurück  hält 
und  durch  beutereiche  Raubzüge  gegen 
benachbarte  Länder  und  Städte  die 
Lust  am  Kriege  bei  ihnen  zu  wecken 
sucht;  denn  dieser  zieht  sich,  da  die  liier 
infolge  der  ersten  schweren  Niederlage  die 
offene  Feldschlacht  vermeiden,  in  die  Länge 
und  macht  keine  Fortschritte  (vgl.  ThuJcyd.  1, 
11).  Es  folgen  in  den  Kyprien  die  Züge  gegen 
Aineias,  Lyrnessos,  Peclasos  und  andere 
Orte  der  Umgegend.  Während  nun  der  Raub 
der  Rinder  des  Aineias  durch  Achill  späterhin 
keine  Erwähnung  findet,  sind  die  andern  Baub- 
ziige  mannigfach  ausgeschmückt  worden.  Nach 
Parthenios  narr.  am.  26  tötet  er  auf  dem 
Verheerungszuge  gegen  Lesbos  (11.  9, 129.  271. 
664)  den  Tr  ambelos  (n.  Eustafh.  z.  II.  343, 
5 in  Milet,  wo  die  Quelle,  in  welcher  er  sich 
nach  dem  Blutvergiefsen  reinigte,  seinen  Na- 
men trug),  den  Sohn  des  Telamon  und  errich- 
tet ihm,  nachdem  er  von  dem  Sterbenden  dessen 
Herkunft  erfahren,  unter  Wehklagen  ein  Denk- 
mal. Ebenso  Tzetz.  Lylc.  467,  der  von  einem 
Zuge  gegen  Milet  spricht.  — Nach  Parth.  a. 
a.  0.  21  leistete  Methymna  ihm  kräftigen  Wi- 
derstand. Da  erblickt  Peisidike,  die  Tochter 
des  Königs,  ihn  von  der  Mauer,  verliebt  sich 
und  schickt  ihre  Amme  zu  ihm  mit  dem  Ver- 
sprechen , die  Stadt  zu  überliefern , wenn  er 
sie  zu  seinem  Weibe  mache.  Achilles  geht 
darauf  ein,  aber  in  den  Besitz  der  Stadt  ge- 
kommen läfst  er  die  Verräterin  steinigen.  — 
Ferner  erzählten  nach  Schol.  II.  6,  35  u.  Eu- 
statli.  I.  p.  621,  15  Hesiod  und  Demetrios  von 
der  Belagerung  von  Pedasos  (auch  Menenia 
oder  Monenia  damals  genannt)  Folgendes.  Als 
Achill  schon  im  Begriff  ist,  von  dem  stark  be- 
festigten Orte  abzuziehen,  wirft  eine  Jungfrau 
Pedasa,  in  Liebe  entbrannt,  ihm  einen  Apfel 
zu,  auf  welchem  geschrieben  stand,  er  möchte 
nicht  abziehen,  sondern  die  Belagerung  fort- 
setzen, da  die  Belagerten  an  grofsem  Wasser- 
mangel litten.  Achill  folgt  der  Weisung  und 
bemächtigt  sich  des  Ortes , den  er  nunmehr 
Pedasos  nennt.  Bei  Dictys  2, 16  beginnt  Achill 
mit  der  Eroberung  von  Lesbos , wo  er  Dio- 
mede,  die  Tochter  des  Phorbas  erbeutet;  dann 
nimmt  er  Skyros  und  Hierapolis.  Da  er  alles, 
was  er  Troja  freundlich  gesinnt  glaubt,  ver- 
wüstet, bitten  die  umwohnenden  Völkerschaf- 
ten um  Frieden,  indem  sie  ihm  die  Hälfte  des 
Ertrages  ihrer  Felder  anbieten.  Achilles  nimmt 
es  an  und  kehrt  ins  Lager  zurück.  Aber  bald 


37 


Achilleus  nachhom. 


Achilleus  nachhom. 


38 


wendet  er  sich  gegen  Lyrnessos,  erobert  es  und 
führt  von  dort  die  Astynome  (urspr.  Name  der 
Chryseis,  vgl.  Eustath.  ad  I.  77,  30.  118),  die 
Tochter  des  Königs  Eetion  fort.  Dann  nimmt  er 
Pedasos,  die  Stadt  des  Brises,  ein  und  erbeutet 
dessen  Tochter  Hippodameia  (urspr.  Name  der 
Briseis  n.  Eust.  ad  II.  77,  32.  Tzetz.  Ante- 
hom.  350.  Jo.  Mal.  p.  12G).  — Als  besonnenen 
Berater  auf  diesen  Zügen  (nach  Phil.  Her.  733 
nahm  er  23  Städte  ein  und  gewann  reiche  Beute)  l 
bat  sich  Achill  — so  erzählt  Phil.  Her.  712,  den 
Palamedes  aus,  da  er  selbst  in  allzu  stürmischer 
und  wenig  vorsichtiger  Weise  Krieg  führte 
(ebenso  Tzetzes  Antchom.  265  und  346).  Bei 
der  Belagerung  von  Abydos  wurden  beide  ver- 
wundet; Achill  zieht  sich  deshalb  zurück,  Pa- 
lamedes aber  nimmt  die  Stadt  ein.  — Endlich 
erwähnt  der  Schal.  II.  1 , 328  unter  den  auf 
Seezügen  erbeuteten  Städten  Sestos  und  Abydos, 
die  er  aber,  weil  zu  fest,  nicht  zerstört  habe,  2 
und  Eustath.  II.  2,  690  (322,  25)  nennt  als  die 
zwölf  Städte,  die  er  zu  Lande  eroberte,  Lyr- 
nessos, Pedasos,  Thebe,  Zeleia,  Adrasteia,  Pi- 
tya,  Perkote,  Arisbe,  Abydos,  ergänzt  werden 
Chryse  und  Killa.  Dafs  Hesiod  die  Plünde- 
rungszüge des  Achilles  besungen,  berichtet  Seil. 
II.  6,  35. 

Auf  einem  der  von  Achilles  unternommenen 
Streifzüge  durch  das  troische  Gebiet  erfolgt 

9)  die  Tötung  des  Troilos,  ein  auf  3 
Vasen  und  andern  Kunstdenkmälern  aufseror- 
dentlich  oft  dargestellter  Gegenstand.  Mit 
Hilfe  dieser  ist  man  imstande,  die  Erzählung 
des  Epos  resp.  des  Dramas  zu  rekonstruieren: 
denn  die  schriftlichen  Zeugnisse  bieten  wenig. 
Die  Sage  hat  im  Laufe  der  Zeit  mannigfal- 
tige Wandelungen  durchzumachen  gehabt.  II. 
24,  258  nennt  Priamos  Hektor,  Mnestor  und 
Troilos  die  besten  seiner  Söhne , welche  im 
Kriege  umgekommen  seien,  und  giebt  Troilos  das  4 
Epitheton  imtioxäQyri?.  Der  Scholiast  bemerkt 
dazu,  dafs,  da  dies  Wort  nur  von  einem  Manne 
gebraucht  würde,  man  sich  den  homerischen 
Troilos  als  streitbaren  Helden  zu  denken  habe, 
während  die  Jüngeren  ihn  zu  einem  rosselie- 
benden Knaben  gemacht  hätten.  Er  will  also 
imiioxaQ^i]?  in  der  Bedeutung 'Wagenkämpfer’ 
gefafst  haben,  während  es  der  spätere  Mythus 
als  Tossefroh’  fafste.  Weiter  bemerkt  der 
Scholiast  zu  der  Stelle , in  dem  Troilos  des  51 
Sophokles  habe  Achill  diesem  beim  Ein- 
reiten von  Pferden  in  der  Nähe  des  thym- 
bräisclien  IJeiligtumes  aufgelauert  (lo%sv&r]- 
vca  mit  Welcher  statt  des  überlieferten  o%sv- 
Q'rivcn ) und  ihn  getötet;  das  Gleiche  giebt  an 
Eust.  a.  a.  0.  Die  Fassung  der  Sage,  wie  wir 
sie  bei  Sophokles  finden,  geht  jedenfalls  auf 
das  Epos  zurück;  mit  ihr  stimmen  auch  die 
Kunstdenkmäler  überein.  Doch  davon  später. 
Nunmehr  erscheint  er  in  den  schriftlichen  Zeug-  c 
nissen  lange  Zeit  hindurch  als  Knabe.  Nach 
Apollodor  Hihi.  3,  12,  12  war  er  der  jüngste 
Sohn  des  Priamos  und  der  Hekabe,  galt  aber 
für  einen  Sohn  des  Apollo,  infolge  dessen  hatte 
sein  Tod  (Tzetz.  Posth.  385)  dem  Orakel  ge- 
mäfs  den  Tod  des  Achilles  zur  Folge.  Sein 
Tod  durch  Achilles  wird  schlechthin  erwähnt 
Bio  Öhr.  Or.  11,  338  (B).  Sen.  Agam.  747. 


Myth.  Vat.  2,  210.  Als  Knabe,  aber  doch  am 
Kampfe  beteiligt,  erscheint  er  bei  Vergil.  Aen. 
1,  474  ff.  ebenso  bei  Quint.  Sm.  4 (155)  413. 
419  ff.  und  Auson.  epith.  18.  Bei  beiden  also 
stirbt  er  in  der  Feldschlacht,  und  zwar  ver- 
legte Vergil  den  Kampf  und  Tod  durch  Achill 
in  die  Zeit  des  10.  Buches  der  Ilias,  Quin- 
tus  nach  den  Tod  des  Polydoros , welcher 
in  das  20.  Buch  der  Ilias  fällt  (20,  413),  Au- 
sonius  sogar  nach  den  Fall  IJektors.  Als 
vollbärtiger  Mann  hingegen  erscheint  er  bei 
Tzetz.  Posthorn.  384;  er  nimmt  an  den  Ama- 
zonenkämpfen teil  52,  lebt  noch  beim  Tode 
des  Hektor  und  wird  von  Achill  als  streitba- 
rer Wagenkämpfer  in  der  Feldschlacht  am 
Skamander  erschlagen.  Bei  Bares  33  endlich 
erscheint  Troilos  als  gewaltiger  Held,  der  un- 
ter den  Achäern  grofse  Verheerungen  anrich- 
tet. Hierdurch  wird  Achilles  bewogen,  wieder 
am  Kampfe  teilzunehmen,  wird  aber  von  Tro- 
ilos verwundet  und  gezwungen,  das  Feld  zu 
räumen.  Tagelang  verhindert  am  Kampfe  sich 
zu  beteiligen  ermahnt  er  die  Myrmidonen  zu 
einem  Angriffe  auf  Troilos,  allein  viele  Myr- 
midonen fallen.  Da  stürzt  sein  Rofs  und  wirft 
ihn  ab,  Achill  kommt  hinzu  und  tötet  ihn, 
den  Leichnam  mitzunehmen  wird  er  von  Mem- 
non  verhindert,  der  ihn  selbst  verwundet.  Da- 
rauf verfolgt  er  den  Memnon  und  tötet  ihn. 
— So  wird  aus  dem  zarten  Knaben  im  Laufe 
der  Jahrhunderte  ein  riesiger  Kämpe,  der  selbst 
dem  Achill  gewachsen  ist. 

Ganz  anders  die  Sage  bei  Biclys  4,  9. 
Achill  fängt  Lykaon  und  Troilos  und  läfst  sie 
im  Lager  der  Achäer  niedermachen,  weil  Pria- 
mos seinen  Verpflichtungen  nicht  nachgekom- 
men ist. 

Das  erotische  Element  tritt  zuerst  hervor 
bei  Servius  Ae.  1,  478.  Achill  war  für  den 
Knaben  in  Liebe  entbrannt;  um  ihn  in  seine 
Gewalt  zu  bekommen,  habe  er  den  Knaben 
durch  vorgehaltene  Ringeltauben,  welche  die- 
ser sehr  liebte,  an  sich  gelockt,  ihn  festgehal- 
ten, und  in  seiner  Umarmung  wäre  der  Knabe 
gestorben.  Ähnlich  Tzetz.  Lyk.  307.  Achilles 
liebt  den  Troilos,  ohne  Gegenliebe  zu  finden. 
Deshalb  verfolgt  er  ihn;  dieser  flieht  aber  in 
das  schützende  Heiligtum  des  thymbräischen 
Apollo.  Nach  vergeblichen  Versuchen,  ihn 
zum  Verlassen  des  Tempels  zu  überreden,  dringt 
er  ein  und  tötet  ihn  auf  dem  Altäre.  Infolge 
dessen  tötet  Apollo,  den  Knaben  rächend,  an 
gleicher  Stelle  den  Achilles.  Hier  erfolgt  der 
Mord  erst  nach  dem  Tode  des  Memnon.  So 
die  schriftlichen  Berichte. 

Weit  zahlreicher  und  stoffhaltiger  sind  die 
Bildwerke.  Nach  ihnen  hat  Welcher  in  der 
Zeitschrift  für  die  Altertumswissenschaft  1850. 
Nr.  4 ff',  u.  13  f.  und  in  den  Annalen  des  In- 
stitutes 1850  p.  66  ff.  für  die  epische  Darstel- 
lung (resp.  die  dramatische),  nach  welcher  sie 
gearbeitet  sind,  folgende  vier  Momente  unter- 
schieden: 

cc)  Achilles  im  Hinterhalt  hinter  dem  Brun- 
nen. Overheclc  a.  a.  O.  p.  339  ff. 

(5)  Verfolgung  des  Troilos  und  der  Poly- 
xena  Overbeck  p.  344  ff'. 

y)  Troilos’  Tod.  Overheck  359  ff. 


39 


Achilleus  nachkom. 


Achilleus  nachhom. 


40 


d)  Kampf  iiher  der  Leiche.  Overbeck  364  ff. 
Welcher,  alte  Denlcm.  5,  439  ff.  O.Jahn,  Tele- 
phps  u.  Troilos  Kiel  1841.  Gerhard  D.  u.  F. 
1856  n.  93  t.  91 — 94.  Jahn,  Telephos  u.  Troi- 
los, an  Welcher  16.  Okt.  1859.  Arch.  Ztg.  1863, 
57  ff.  Ibid.  1871.  Tfl.  48.  [ Schreiber , Ann.  d. 

Inst.  1875  p.  188 ff.  Klein,  Euphronios  p.  79ff. 
Luckenbach  in  J ahrb.  Suppl.  1 1 p.  600  ff. 
Schreiber.]  Brunn,  urne  Etr.  t.  48  ff.  Schlie 
a.  a.  0.  p.  85  ff. 

Die  dürftigen  Fragm.  des  Troilos  d.  Soph., 
von  dem  Welcher  gr.  Tr.  1 p.  124 — 129  eine 
Rekonstruktion  versucht  hat,  bei  THndorf  548 
— 562°.  Eine  Komödie  Troilos  schrieb  Strat- 
tis,  vgl.  Meinelce  Ilist.  com.  Gr.  p.  232.  Viel- 
leicht übersetzte  Quintus  Cicero  den  Troilos 
des  Sophokles.  Vgl.  Cicero  ad  Quint,  fr.  6, 
7 (mit  Fritzsche  Troilmn  statt  des  überliefer- 
ten trodam ) u.  Ribbeck , Reim.  Trag.  618  f. 

Mit  dem  von  den  Troern  zur  Rettung  der 
Leiche  des  Troilos  gemachten  Ausfälle  bringt 
Welcher  ep.  Cyhl.  p.  147  in  Verbindung  die 

10)  Gefangennahme  desLykaon.  Über 
die  Sage  bei  Homer  vgl.  II.  21,  35.  23,  746. 
In  den  Kyprien  [Proklos]  erfolgt  Lykaons  Ver- 
kauf nach  Lemnos  durch  Patroklos.  Quintus 
3m.  4,  382  ff.  giebt  als  Entgelt  für  Lykaon  zwei 
silberne  Mischkrüge,  Werke  des  Hephaistos,  an. 
Anders  THctys  4,  5,  vergleiche  oben  Abschnitt  9 
S.  38.  Bei  Dares  fällt  Lykaon  durch  Achill  in 
einer  weit  früheren  Schlacht,  als  bei  Homer. 

Hierauf  folgte  in  den  Kyprien  die 

11)  Verteilung  der  Beute,  welche  in 
den  Raubzügen  insgemein  gemacht  worden 
war.  Achill  empfängt  als  Ehrengeschenk  die 
Briseis  (II.  1,  366.  6,  414.  9,  128.  328.  11, 
625.  Od.  3,  105).  Nach  II.  9,  665  u.  Dictys 
2,  19  behält  er  aufserdem  für  sich  die  Dio- 
mede  zurück,  welche  Dictys  zu  einer  Jugend- 
genossin der  Briseis  macht  und  den  Achill 
fufsfällig  anüehen  läfst,  sie  beide  nicht  zu 
trennen.  Bei  Tzetz.  Antehorn.  350  u.  Fragm. 
TJffenb.  p.  679  aber  behält  er  die  Hippodameia 
ohne  Vorwissen  der  Achäer  zurück,  während 
er  die  übrigen  Schätze  nebst  der  Chryseis  der 
Volksversammlung  der  Achäer  ausliefert.  Nach 
Phil.  Iler.  733  endlich  läfst  er  sich  von  der 
ganzen  reichen  von  ihm  gemachten  Beute 
nur  eine  Jungfrau  geben. 

Eine  dem  Homer  fremde  Sage  ist  der 

12)  Tod  des  Palamedes,  auch  in  den 
Kyprien  und  in  den  Dramen  des  Sophokles 
und  Euripides  hatte  Achill  damit  nichts  zu 
thun.  Vgl.  Welcher  gr.  Tr.  1 p.  134.  Erst 
Philostratus  Her.  machte  den  Palamedes  zu 
einem  Jugend-  und  Kampfesgenossen  des  Achill; 
beide  waren  durch  innige  Freundschaft  ver- 
bunden. Her.  712  ff.  Während  sie  Lyrnessos 
belagern,  redet  Odysseus  dem  Agamemnon  ein, 
Achill  strebe  nach  der  Oberherrschaft,  Helfers- 
helfer sei  besonders  Palamedes.  Er  wird  dem- 
nach unter  einem  Vorwände  zurückgerufen 
und  getötet.  Der  entrüstete  Achill  hält  sich, 
nach  der  Eroberung  von  Lyrnessos  vor  Troja 
zurückgekehrt,  vom  Kampfe  fern,  bringt  dem 
Freunde  Totenopfer  und  bittet  um  seine  Hilfe. 
Mit  Aias  (716)  begräbt  er  ihn  im  äolischen 
Gebiete  und  errichtet  ihm  ein  Heiligtum  und 


Standbild.  734  bricht  der  Groll  gegen  den 
Agamemnon  über  den  Tod  des  Freundes  in 
der  zur  Beuteverteilung  angesetzten  Volksver- 
sammlung aus.  Hierselbst  von  Agamemnon 
und  Odysseus  der  Verräterei  beschuldigt  wirft 
er  den  Odysseus  aus  der  Volksversammlung, 
überschüttet  Agamemnon  mit  Schmähreden  und 
zieht  sich  vom  Kampfe  zurück.  Hingegen 
stellt  Tzets.  Antehorn.  365  den  Palamedes  als 
o Verführer  hin,  ebenso  Fragm.  Uffenbach.  681; 
den  Groll  des  Achill  aber  leitet  er  in  glei- 
cher Weise  vom  Morde  des  Palamedes  her 
Ilom.  3. 

Die  Kyprien  schliefsen  mit  der  Hinweisung 
auf  des  Zeus  Ratschlufs , Achill  zu  der  Troer 
Erleichterung  vom  Griechenheere  zu  trennen. 
Uber  diesen  Schlufs  im  Gegensätze  zur  Auf- 
fassung der  Ilias , wo  fZeus  nur  ungern  den 
Bitten  der  Thetis  nachgiebt,  den  Achill  durch 
o den  Sieg  der  Troer  zu  ehren’  vgl.  Welcher, 
ep.  Cyhl.  2,  149. 

e ) Die  Sagen  des  10.  Jahres,  soweit  sie  der 
Ilias  angehören,  in  späterer,  besonders  drama- 
tischer Passung. 

Nach  Ribbecks  Vermutung  (a.  a.  0.  p.  116  ff.) 
beschäftigte  sich  der  Achilles  des  Aristarclios, 
welchen  Ennius  in  seinem  Achilles  Aristarchi 
zum  Vorbild  nahm,  mit  dem  Anfang  der  Ilias 
o und  schilderte  den  Beginn  des  Streites  zwi- 
schen Achill  und  den  Atriden  betreffs  der  Bri- 
seis und  seine  Folgen. 

Livius  Andronicus  aber  und  Ennius  scheinen 
in  dem  von  ihnen  verfafsteu  und  auf  griechische 
Originale  zurückzuführenden  '‘Achilles’  die  ver- 
gebliche Gesandtschaft  der  Griechen  an  Achill, 
ihn  zur  Teilnahme  am  Kampfe  zu  bewegen, 
und  die  sich  daran  knüpfenden  Folgen  behan- 
delt zu  haben,  siehe  Ribbeck  a.  a.  0.  pp.  25 
o u.  112.  Die  hierher  gehörigen  Vasenbilder 
weichen  in  manchen  Stücken  von  der  homeri- 
schen Schilderung.ab  und  lassen  einen  Rfick- 
sclilufs  auf  die  Änderungen  machen,  welche 
sich  der  tragische  Dichter  gestattete. 

Die  Trilogie  des  Äscliylus  ’AxMrg'g  bestand 
aus  drei  Stücken:  MvQpidovsg,  NrjQstSsg,  Tov- 
ysg  oder  "ExzoQog  Ivtqcc  und  behandelt  fden 
tragischen  Stoff,  welchen  man  in  dem  Namen 
IIcaTQÖxleicc  zusammenfassen  könnte,  in  drei 
0 Akten:  nämlich  im  ersten  den  Zorn  Achills 
bis  zum  Tode  des  Patroklos,  im  zweiten  Achills 
Auszug  und  siegreichen  Kampf  mit  Hektor, 
im  dritten  die  Auslösung  des  Leichnams  durch 
Priamos’  ( Ribbeck  a.  a.  0.  349).  Der  Inhalt 
der  Myrmidonen,  in  welchen  diese  den  Chor 
bildeten,  ist  nach  Welcher,  Tr.  1,  416  ff.  fol- 
gender. Achill  sitzt  zürnend  in  seinem  Zelte, 
unbeweglich  und  stumm  (bis  zum  dritten  Akte 
redet  er  kein  Wort);  die  Achäer  sind  in  höch- 
o ster  Not;  die  dringenden  Bitten  des  Patroklos 
und  das  Grollen  des  Chores  hat  endlich  zur 
Folge,  dafs  er  sie  in  den  Kampf  entläfst.  Wäh- 
rend der  Kampf  tobt,  erscheint  eine  Gesandt- 
schaft der  Myrmidonen  vom  Schlachtfelde,  die 
Not  der  Achäer  zu  schildern  und  ihn  zum 
Kampfe  zu  rufen.  Allein  Achill  bleibt  trotz 
der  Gefahr  der  Seinen  unbeweglich  und  sprach- 
los. Das  Schweigen  löst  endlich  Antiloehos, 


i 

c 

i. 

ä 


41 


Achilleus  nachhom. 


Achilleus  nachhom. 


42 


welcher  die  Kunde  vom  Tode  des  Patroklos 
bringt.  Nun  vergibst  der  Held  des  Zorns,  an 
dessen  Stelle  das  Verlangen  nach  Rache  tritt; 
den  Sclilul's  bilden  höchste  Kampf  begeisterung, 
feurige  Rachegelübde  und  der  Ruf  nach  Waf- 
fen (onlwv , onlcov  Ssi). 

Der  Anfang  des  zweiten  Stückes,  in  wel- 
chem nach  Welcker  die  Nereiden  den  Chor 
bildeten , setzt  die  Bitte  des  Achill  an  Thetis, 
ihm  neue  Waffen  zu  verschaffen,  voraus.  Den 
Beginn  bildet  die  Überbringung  der  Waffen 
durch  die  Nereiden  und  Thetis,  nach  G.  Her- 
mann, opusc.  5, 136  pur  durch  die  Nereiden  (vgl. 
die  plastische  Darstellung  des  Skopas  Plin. 
36,  4,  7 und  die  Kypseloslade  Paus.  5,  19,  7 f., 
wo  der  Kentaur  Cheiron,  Hephaistos,  die  Ne- 
reiden und  ein  Diener  nebst  Zweigespann 
Thetis  begleiten).  Darauf  folgte  die  allgemeine 
Klage  um  den  Tod  des  Freundes,  dessen  Leiche 
wahrscheinlich  nunmehr  gebracht  wurde,  die 
Aussöhnung  mit  Agamemnon  durch  Odys- 
seus , Übergabe  der  Briseis  und  Anlegung 
der  Waffen.  Alle  undramatischen  Momente, 
wie  Kämpfe  etc.  mufsten  natürlich  in  Weg- 
fall kommen.  Im  dritten  Stücke,  in  denen 
Phryger  den  Chor  bildeten  und  welches  mit 


Münze  des  Pyrrhos,  aus  Imhoofs  Sammlung. 


dem  Unternehmen  des  Priamos  (nach  G.  Her- 
mann a.  a.  0.  von  Andromache  begleitet),  den 
Sohn  auszulösen,  beginnt,  scheint  Hermes  den- 
selben angemeldet,  und  der  Chor  das  Kommen 
seines  Herrn  vorbereitet  zu  haben.  Den  Schlufs 
machte  die  Erweichung  des  Achill  durch  die 
Bitten  und  die  Trauer  des  greisen  Priamos. 
Wie  im  ersten  Stücke  finden  wir  ihn  auch 
hier  lange  in  stumme  Trauer  versunken , tief 
eingehüllt  vor  seinem  Zelte  sitzend.  Dies  ist 
der  Hauptunterschied  des  Achill  der  Ilias  von 
dem  des  Ascliylus ; das  verhüllte  Haupt  und 
die  Stummheit  charakterisieren  die  tiefe  Trauer 
des  Helden,  welche  sich  nicht  wie  bei  Homer 
in  äufserlichem  Gebaren  und  stolzer  Härte 
äufsert.  'Wie  mit  der  Glorie  seines  Zornes 
sein  tiefster  Schmerz  sich  verbindet,  war  im 
mittleren  Drama  der  Achilleis  enthalten  und 
wie  er  erschöpft  im  Hafs  und  im  Trauern  von 
beiden  sich  scheidet , im  dritten , welcher 
uns  vorhält,  welche  Frucht  hinter  der  herrli- 
chen Blüte  des  Irdischen  anreife’.  Welcher, 
äsch.  Tr.  1,  430.  Der  Schlufs  der  Trilogie  ist 
wiederholt  dargestellt  in  Basreliefs. 

Die  Gesandtschaft  an  Achilles  auf  Vasen- 
gemälden bei  Overbeclc  a.  a.  0.  p.  408  ff. ; die 
Trauer  des  Achill  Mon.  d.  I.  6,  19 — 21.  Brunn 
Ann.  30,  352  fl'.  Totenopfer  an  Patroklos  Mon. 
d.  I.  6,  31.  Ann.  1859,  353  ff.  Mon.  9,  32.  33. 
Michaelis  Ann.  1871,  166  ft'.  Schlie  a.  a.  0. 
p.  120  ff.  Überbringung  der  Waffen  durch  The- 


tis Overb.  p.  436  ff.,  ann.  1858  tav.  Q. ; barbe- 
rinischc  Cista  Monum.  8,  31:  vgl.  Bull.  1868 
p.  70.  88.  185  f.  1869  p.  127.  Overbeck  432  ff. 
0.  Jahn,  Bcr.  d.  Sachs.  Ges.  1851,  1863.  Boulez , 
clioix  d.  v.  p.  pl.  14.  Stephani,  comptes  rend.  1865, 
41  ff.  Empfang  des  Priamos  bei  Achilles  auf 
der  Vase  von  Cervetri  monum.  8,  27.  Benndorf 
ann.  1866  p.  241  ff.  und  auf  einer  Münchener 
Vase  Jahn,  Münchner  Vas.  n.  404.  Overbeck 
io  a.  a.  0.  468  ff.  Hier  nimmt  Achilles  den  Greis 
freundlich  auf;  auf  anderen  Darstellungen  ( Ger- 
hard auserles,  griech.  Vas.  197.  Monum. 6, 19 — 21 ; 
ann.  1858  tav.  Q.)  ist  er  kalt  und  düster  als 
Trauernder  in  seinen  Mantel  gehüllt.  Auf  dem 
Sarkophage  von  Ephesus  1)  Rückkehr  der 
Leiche  des  Patroklos.  2)  Rüstung  Achills.  3) 
Hektors  Schleifung.  4)  Auslösung  und  Abwä- 
gung der  Leiche  gegen  Gold,  wie  bei  Äsehy- 
lus.  Conze,  arch.  Anz.  1864  p.  212*.  Benn- 
20  dorf,  ann.  1866  p.  241  f'.  Auf  Seite  4 finden 
sich  folgende  Personen:  Achilles,  Priamos,  An- 
dromache, Odysseus  und  Astyanax.  Hekabe 
mit  zwei  Trojanern  bei  der  auf  dem  Wagen 
liegenden  Leiche  ihres  Sohnes.  Nach  den  Ex- 
cerpten  des  Ptolemäos  N.  H.  6,  Dictys  3, 
20  ff.  Tzetzes  Horn.  307  ff.  begleiten  Polyxena 
und  Andromache  nebst  ihren  kleinen  Söhnen 
Astyanax  und  Laodamas  den  Priamos,  welcher 
auf  Wagen  Gold,  Silber  und  kostbare  Gewän- 
30  der  mit  sich  führt,  zu  Achilles.  Den  ihm  ent- 
gegenkommenden Fürsten  wirft  sich  der  Greis 
zuFüfsen  mit  der  Bitte,  Fürsprache  bei  Achill 
für  ihn  einzulegen.  Nestor  wird  erweicht, 
während  Odysseus  unnachgiebig  bleibt.  Achill 
läfst  die  Bittsteller  durch  Automedon  vor  sich 
führen;  in  seinem  Schofse  hält  er  die  Urne 
mit  der  Asche  des  Patroklos.  Priamos  sinkt, 
nachdem  er  gesprochen,  in  Ohnmacht,  Andro- 
mache aber  heifst  ihren  Knaben  vor  Achill 
40  niederknieen  und  bittet  ihn  dann  selbst  fufs- 
fällig,  ihr  wenigstens  den  Anblick  der  Leiche 
des  Gatten  zu  gewähren.  Phoinix  tröstet  den 
Priamos  (vgl.  Gerhard  auserl.  Griech.  Vas.  197 

u.  Jahn  griech.  Bilderchron.  24);  Achill  aber 
hält , nachdem  er  den  König  hart  angelassen, 
mit  den  Griechenführern  Rat,  die  ihm  die  Aus- 
lösung der  Leiche  anempfehlen.  Als  nun  auch 
Polyxena  bei  seinem  Wiedereintritt  in  das 
Zelt  sich  ihm  fufsfällig  zur  Sklavin  anbie- 

50  tet , ist  sein  Groll  gebrochen , er  brielit  in 
Thränen  aus , hebt  Polyxena  auf,  nimmt  dem 
Priamos  das  Trauergewand  ab  und  heifst  ihn 
durch  Speise  sich  stärken.  — Achills  Klage 
um  Patroklos  und  Abwägung  der  Leiche  des 
Hektor  gegen  Gold  auf  dem  Silbergefäfs  von 
Bernay  bei  Overbeck  a.  a.  0.  481.  Benndorf 
a.  a.  0.  p.  254;  auf  der  Campanaschen  Vase 
Monum.  5,  11  ( L . Schmidt  ann.  1849  p.  240  ff.). 
— Schliefslich  sei  es  noch  erwähnt,  dafs  bei 
eo  Späteren  Briseis  Hippodameia  heifst,  siehe  oben 
Homerische  Myth.  p.  1,  14  Z.  14,  und  dafs  nach 
den  Fragm.  Uffenbacli.  p.  679  ff.  u.  Tzetz.  Horn. 

v.  351.  355  nicht  die  Soldaten  bei  Verteilung 
der  Beute  dem  Achilles  die  Briseis  zugespro- 
chen hatten , sondern  dafs  ihm  vorgeworfen 
wurde,  er  habe  sie  als  Beutestück  verheimlicht 
und  seiner  Leidenschaft  folgend  sich  wider- 
rechtlich angeeignet.  — Eine  Scene  auf  der 


43 


Achilleus  nachhom. 


Achilleus  nachhom. 


44 


Kypseloslade  endlich  ging  auf  die  Paus.  5, 

19 , 2 erwähnte  nachhomerische  Sage , nach 
welcher  Cheiron,  der  inzwischen  unter  die  Göt- 
ter versetzt  worden  war , dem  Achilles , als 
sich  dieser  in  dem  Schmerze  um  den  getöte- 
ten PatroMos  aufzuzehren  drohte,  eia  Nepen- 
thes  zusendete. 

Einen  ’A%ilXevg  haben  geschrieben  Iophon, 
Kleophon,  Chairemon,  Karkinos  und  Diogenes 
von  Sinope,  über  deren  Inhalt  wir  nichts  wissen,  u 
Nach  dem  ersten  Stücke  der  äschyl.  Trilogie 
hat  vermutlich  Accius  seine  Myrmidonen  ge- 
schrieben, welches  Drama  wahrscheinlich  mit 
dem  rAchilles’  identisch  ist;  vgl.  Ribbeclc  p.  349, 
während  die  Epinausimache  desselben  Verfas- 
sers wahrscheinlich  einer  jüngeren  Überarbei- 
tung der  äschyleischen  Nereiden  entlehnt  ist. 
Sie  beginnt  mit  einer  Scene,  welche  die  Ungeduld 
des  Achilles  in  den  Kampf  zu  ziehen,  um  den 
Patroklos  zu  rächen,  schildert;  den  Schlufs  bil-  2 
det  die  Versöhnung  mitPriamus.  Einen  noch 
gröfseren  Zeitraum  umfassen  Hectoris  lutra 
des  Ennius,  da  sich  die  Handlung  vom  Aus- 
zug des  Patroklos  bis  zur  Auslieferung  der 
Leiche  an  Priamos  erstreckt,  also  die  ganze 
äschyleische  Trilogie  umfafst  ( Ribbech  119  ff.). 
Neu  ist,  dafs  der  im  Kampfe  von  Sokos  ver- 
wundete Ulixes  sich  in  das  Zelt  des  Peliden 
flüchtet  und  dafs  dieser,  nachdem  er  die  Kunde 
vom  Tode  des  Freundes  vernommen,  voll  Be-  3 
gierde  am  Kampfe  teilzunehmen  von  einem 
seiner  Myrmidonen  Waffen  leihen  will,  keiner 
aber  ihm  den  Wunsch  gewährt,  weil  sie  selbst 
mitkämpfen  wollen.  — Für  ein  Drama  des 
Sophokles  I>Qvysg , die  "ExtoQog  Ivtqu  darstel- 
lend, treten  ein  Welcher  (Gr.  Tr.  2,  134)  und 
G.  Hermann ; andere  zweifeln  dies  an.  Aufser- 
dem  werden  noch  genannt  die  "Entogog  Ivtqcc 
des  Dionysios  und  Timesitheos,  über  welche 
nichts  weiter  bekannt  ist.  Ebenso  unbestimmt  4 
ist  es,  ob  und  in  welcher  Weise  Achill  in  dem 
"Ehtcoq  des  Astydamas  und  dem  Hector  profi- 
cisecns  des  Ennius  verwendet  worden  ist  (Rib- 
bech p.  46  f.). 

Wie  die  spätere  verderbte  Zeit  die  reine 
Freundschaft  des  Achill  und  Patroklos  auf- 
fafste , erhellt  aus  der  interpolierten  Stelle 
Plato  Symp.  7, 5 u.  Xenoph.  Symp.  8,  31.  Athen. 
13  c.  75.  Plut.  Ämat.  5,  p.  13.  Aesclün.  in 
Timarch.  p.  149.  Apollodori  Bibi.  3,  13.  Lu-  t 
cian  Amor.  14,  p.  457.  Sext.  Empir.  Pyrrhon. 
Hypotypos.  3,  24.  p.  176.  Martial.  Epigr.  11, 
43,  9 — 11.  Philostr.  Imag.  2,  7 p.  820. 

f)  Der  Sagenkreis  der  Aithiopis,  der  kleinen 
Ilias,  der  Ilinpersis  und  der  Nostoi  nebst  spä- 
teren Erweiterungen. 

Die  Aithiopis  umfafste  nach  Proklos  die 
Sagen  von  Hektors  Falle  bis  zur  Bestattung 
des  Achill  und  dem  Streite  um  seine  Waffen,  e 
Er  berichtet:  rDen  Troern  kommt  die  Ama- 
zone Penthesileia,  eine  Thrakerin,  Tochter  des 
Ares  zu  Hilfe,  kämpft  mit  Achill,  wird  von 
ihm  besiegt  und  von  den  Troern  begraben; 
darauf  tötet  Achilles  den  Thersites , der  ihn 
wegen  seiner  angeblichen  Liebe  zur  Penthesi- 
leia verhöhnt  und  geschmäht  hat.  Infolge  die- 
ses Mordes  bricht  unter  den  Achäern  ein  Auf- 


stand aus.  Achill  fährt  darauf  nach  Lesbos 
und  wird,  nachdem  er  dem  Apollo,  der  Arte- 
mis und  Leto  geopfert,  durch  Odysseus  vom 
Morde  gereinigt.  Da  kommt  Memnon , der 
Sohn  der  Eos,  in  seiner  von  Hephaistos  gefer- 
tigten Rüstung  den  Troern  zu  Hilfe.  Thetis 
prophezeit  dem  Sohne  das  Schicksal  des  Mem- 
non, durch  dessen  Hand  Antilochos  im  Kampfe 
fällt,  der  aber  darauf  selbst  von  Achilles  ge- 
tötet wird.  Dieser  schlägt  dann  die  Troer  in 
die  Flucht,  wird  aber,  eben  im  Begriff  in  die 
Stadt  einzudringen,  von  Paris  und  Apoll  ge- 
tötet. Um  seinen  Leichnam  entsteht  ein  furcht- 
barer Kampf,  bis  es  dem  Aias  gelingt,  den- 
selben nach  den  Schiffen  zu  tragen,  während 
Odysseus  die  Troer  abwehrt.  Hierauf  folgt 
die  Bestattung  des  Antilochos  und  die  Aus- 
stellung der  Leiche  des  Achill.  Da  erscheint 
Thetis  mit  den  Musen  und  ihren  Schwestern 
und  erhebt  die  Totenklage,  bei  der  Bestattung 
aber  entführt  sie  den  Sohn  dem  brennenden 
Scheiterhaufen  und  bringt  ihn  nach  der  Insel 
Lenke.  Die  Achäer  aber  errichten  ihm  ein 
Denkmal  und  feiern  Leichenspiele,  wobei  sich 
zwischen  Odysseus  und  Aias  Streit  über  die 
Waffen  erhebt.  Über  den  Zusammenhang  siehe 
Welcher  ep.  Gycl.  2,  170  ff. 

1)  Die  Sagen  von  der  Penthesileia,  mit 
Vorliebe  von  Dichtern  und  Künstlern  behan- 
delt, und  die  vom  Tode  des  Thersites  ge- 
stalten sich  folgendermafsen. 

Penthesileia,  die  Amazonenkönigin  aus  Thra- 
kien (so  die  ausführliche  Schilderung  des  Quin- 
tus  Sm.  1,  475  ff.),  welche  nach  Sch.  II.  24,  804 
während  des  Leichenbegängnisses  des  Hektor 
vor  Troja  anlangte,  wirft  die  Achäer  in  die 
Flucht,  verfolgt  sie  bis  in  das  Lager  und  ist 
schon  daran,  die  Schiffe  anzuzünden,  als  der 
bei  Achilles  weilende  Aias  das  Wehgeschrei 
hört  und  denselben  zum  Kampfe  auffordert. 
So  machen  sich  beide  auf.  Aias  kämpft  zu- 
erst ohne  Erfolg;  Achill  aber  durchbohrt  die 
von  ihm  schon  an  der  rechten  Brust  verwun- 
dete Amazone  mit  einem  zweiten  Wurfe  samt 
dem  Pferde,  so  dafs  sie  zu  Boden  sinkt.  Als 
er  ihr  aber  den  Helm  abnimmt  und  ihre  Schön- 
heit gewahrt,  ergreift  Liebe  und  Trauer  sein 
Herz,  dafs  er  sie  getötet  und  nicht  vielmehr 
als  Gemahlin  nach  Phthia  geführt  habe.  Da 
schmäht  ihn  Thersites,  Achill  aber  tötet  ihn 
zur  Freude  der  Achäer  durch  einen  Faustschlag 
in  das  Gesicht.  Nur  Diomedes,  ein  Verwandter 
des  Thersites,  zürnt  ihm;  mit  Gewalt  müssen 
die  Achäer  ihn  abhalten,  gegen  Achill  die 
Hände  zu  erheben  — 781.  Das  Fragment  ei- 
ner statuarischen  Gruppe,  die  Tötung  des  Ther- 
sites durch  Achilles  darstellend,  s.  b.  R.  Schöne 
Arch.  Ztg.  1866.  TU.  208,  1,  2,  p.  153  ff.  1855. 
TU.  76.  0.  Jalm,  Bilderchron.  p.  27.  [Jetzt  als 
o Teil  einer  Scyllagruppe  erkannt.  Scli.].  Nach 
Quintus  erzählt  den  Vorgang  in  gleicherweise 
der  Sclioliast  zu  II.  2,  220,  während  der  Scho- 
liast  zu  Soph.  Pliiloct.  445  hinzufügt,  dafs 
Thersites  der  toten  Penthesileia  ein  Auge  aus- 
geschlagen habe,  infolgedessen  von  Achill  mit 
einem  Faustschlage  getötet  worden  sei,  und  dafs 
Achilles  die  Penthesileia  auch  nach  ihrem  Tode 
noch  geliebt  habe.  Gegen  ersteres  polemisiert 


45  Achilleus  nachhom. 

Tzetzes  zu  Lykophr.  999.  Nach  ihm  war  der 
Hergang  folgender:  Nachdem  es  dem  Achill 
nach  vielen  Kämpfen  und  öfteren  Niederlagen 
endlich  gelungen,  Penthesileia  zu  besiegen  und 
zu  töten,  habe  er  sie  in  Bewunderung  ihrer 
Stärke,  Schönheit  und  Jugendfrische  beweint 
und  die  Griechen  aufgefordert,  ihr  ein  Leichen- 
begängnis zu  gewähren.  Als  ihm  darauf  von 
Thersites  unkeusche  Liebe  zu  ihr  vorgeworfen 
worden  sei,  habe  er  ihn  mit  der  Faust  erschla- 
gen, Diomedes  aber,  als  Verwandter  über  den 
Mord  des  Thersites  ergrimmt,  habe  Penthesi- 
leia in  den  Skamander  geschleudert.  Ebenso 
Tzetzes  Posthorn.  116,  nur  mit  der  Änderung, 
dafs  Achilles  die  besiegte  Penthesileia  liegen 
läfst,  um  noch  andere  Amazonen  zu  töten  und 
die  Troer  in  die  Stadt  zu  jagen.  Bei  der 
Rückkehr  von  der  Verfolgung  findet  er  die  im 
Todeskampfe  liegende , bejammert  sie  etc. 
Ebenso  Joh.  Malalas  p.  161.  Weitere  Zutha- 
ten  bei  Dictys  4,  2.  Achill  ergreift  die  Ver- 
wundete an  den  Haaren  und  zieht  sie  vom 
Pferde.  Die  Griechen  sind  willens,  die  nur 
Halbtote  in  den  Fluis,  oder  den  Hunden  zum 
Zerfleischen  vorzuwerfen,  nur  Achill  will  sie 
begraben.  Da  wirft  sie  Diomedes  unter  dem 
Beifall  der  Griechen  in  den  Skamander.  Die 
einfachste  Erzählung  bei  Tr  y phiodor  v.  37  ff. : 
im  Einzelkampfe  erlegt  Achilles  die  Amazone 
aus  der  Ferne  mit  dem  Speere,  beraubt  sie 
der  Waffen  und  bestattet  sie.  Des  Sieges 
wird  in  Kürze  gedacht  bei  Hyyin.  f.  112.  Verg. 
Ae.  1,  495.  11,  661.  Sen.  Agcim.  218.  Troad. 
252.  Die  Liebe  zu  der  Getöteten  erwähnt 
Sero,  in  Verg.  Aen.  1,  495.  Westermann  Myth. 
Gr.  app.  p.  381.  Justin.  M.  ad  gentes  1.  Prop. 
4,  10,  13  (3,  11,  13)  erwähnt  aufserdem  noch 
die  vorhergehende  Entblöfsung  des  Hauptes. 
Von  unreiner  Liebe  zur  Toten  sprechen  Nonn. 
Dionys.  35,  28.  Liban.  Mclet.  28  p.  967  u. 
50  u.  51  p.  1026  — 1028;  von  den  von  Ther- 
sites ihm  gemachten  Vorwürfen  Schot,  in 
Sopli.  Philoct.  v.  444.  Endlich  erwähnt  Sero, 
zu  Verg.  Aen.  11,  661  eine  von  mehreren  an- 
geführte Sage  von  der  Liebe  des  Achill  zur 
lebenden  Penthesileia,  nach  welcher  ihrer  Ver- 
einigung Kaystros  seinen  Ursprung  verdanke, 
nach  dem  der  lydisclie  Flufs  genannt  worden 
sei.  Eine  ganz  andere  späte  Gestaltung  der 
Sage  findet  sich  bei  Ptolem.  Hepli.  nov.  hist.  6. 
Achill  wird  zuerst  von  Penthesileia  getötet, 
auf  Bitten  seiner  Mutter  lebt  er  wieder  auf, 
tötet  die  Penthesileia  und  kehrt  in  den  Hades 
zurück.  Ebenso  Eustath.  Sch.  Od.  1696,  52, 
welcher  Teiles  als  Autor  angiebt.  Endlich  er- 
wähnt derselbe  a.  a.  0.  1697,  55,  dafs  Chalkon 
aus  Kyparissos,  welcher  die  Penthesileia  geliebt 
und  ihr  im  Kampfe  'zu  Hilfe  gekommen  sei, 
dabei  von  Achilles’  Hand  den  Tod  gefunden 
habe  (so  nach  Asklepiades  aus  Myrlea). 

Über  die  Penthesilea  eines  unbekannten 
römischen  Dramatikers  siehe  Bibbeck  627;  ei- 
nen Aygllivg  O'sgoi.Tor.xovog  schrieb  Chairemon; 
vgl.  Welcher  gr.  Tr.  3,  1086,  der  auch  einen 
’A%ilksvg  des  Agathon  gleichen  Inhaltes  vermu- 
tet a.  a.  0.  992. 

Achilles  die  sterbende  Penthesileia  auffan- 
gend war  im  Bilde  dargestellt  auf  einer  der 


Achilleus  nachhom.  46 

die  vier  Fiifse  des  Zeusthrones  zu  Olympia 
einschliefsenden  wandartigen  Schranken  von 
dem  Maler  Panainos;  dem  Neffen  des  Pheidias 
Paus.  5,  11,  6;  derselbe  Moment  wiedergege- 
ben auf  der  Pulszkyschen  Gemme,  Overbeck  G. 
d.  gr.  PI.  2 2,  163  Fig.  33 a,  womit  zu  verglei- 
chen die  Amazone  des  Wiener  Münz-  und  An- 
tikenkabinetts bei  Overbeck  ibid.  Fig.  33.  Die 
Kunstwerke,  Penthesileias  Kampf  gegen  Achil- 
leus und  ihren  Tod  darstellend,  zusammenge- 
stellt  bei  Overbeck  G.  h.  B.  p.  497  ff.  Ztschrft. 
f.  A.  50  p.  291  ff.  Bull.  d.  Inst.  1868,  136. 

Den  weiteren  dürftigen  Bericht  des  Pro- 
klos  ergänzt  Welcher  ep.  C.  p.  172  folgender- 
mafsen:  Infolge  des  Mordes  des  Thersites  ent- 
steht ein  Aufstand  der  Achäer  und  Streit  zwi- 
schen Achilles  und  Agamemnon.  So  verläfst 
Achilles  Troja,  wird  von  Odysseus  auf  Lesbos 
eingeholt,  von  ihm  zur  Rückkehr  bewogen  und 
vom  Morde  gesühnt.  Dann  folgt  die  Rück- 
kehr , an  welche  sich  anschliefst  die  An- 
kunft des 

2)  Memnon.  Die  Angabe  des  Proklos  aus 
der  Aithiopis  siehe  oben.  Die  Hilfeleistung 
und  der  Tod  derselben  einfach  erwähnt  bei 
Diodor.  Sic.  4,  75.  Philostr.  imag.  1,  7.  Se- 
nec.  Agam.  213.  Troad.  247  ff.;  sein  Tod  allein 
Find.  Nem.  3,  63.  Ol.  2,  83.  Isthm.  5 (4)  40. 
8 (7)  54.  Nem.  6,  50,  wo  Achilles  vom  Wa- 
gen gesprungen  den  Memnon  im  Fufskampfe  er- 
legt: vgl.  Hyg.  f. ,.112.  Ein  neues  Motiv  fügte, 
wie  es  scheint,  Äschylus  der  alten  Sage  zu, 
der  nach  Plut.  de  aud.  poef.  1 , 65  H.  Sch.  II. 
8,  70  und  22,  208  u.  2-10  eine  Psychostasie  der 
Seelen  der  beiden  Kämpfer  'durch.  Zeus  auf 
der  Schicksalwage  hinzudichtete,  während  The- 
tis auf  der  einen,  Eos  auf  der  andern  um  das 
Leben  des  Sohnes  bittet.  Am  ausführlichsten 
ist  die  Sage  bei  Quintus  Sm.  2,  388  behandelt. 
Nestor  kommt  zu  Achill , ihm  den  Tod  des 
Antilochos  durch  Memnon  zu  melden.  Nun 
stürmt  Achilles  zu  Fufs  auf  diesen  ein  und 
verwundet  ihn  oberhalb  des  Schildes  an  der 
rechten  Schulter,  nachdem  dieser  ihm  selbst 
einen  Felsen  an  den  Helm  geschleudert  hat. 
Als  aber  auch  Achilles  von  Memnon  am  Arme 
verwundet  worden  ist,  folgt  ein  Zwiegespräch, 
dann  Schwertkampf  ( — 470).  Die  Götter  sind 
geteilter  Gesinnung,  die  einen  scharen  sich 
um  Thetis,  die  andern  um  Eos,  und  beinahe 
wäre  es  zwischen  den  erregteu  Göttern  selbst 
zum  Kampfe  gekommen,  wenn  nicht  auf  einen 
Wink  des  Zeus  sich  die  schwarze  Ker  dem 
Memnon,  die  weifse  dem  Achill  zur  Seite  ge- 
stellt hätte.  Noch  wütet  der  Kampf  weiter; 
endlich  verwundet  Achill,  nachdem  ihm  die 
Kampfeswage  in  der  Hand  der  Eris  den  Sieg 
zugesprochen,  den  Gegner  tödlich  durch  einen 
Stofs  in  die  Brust.  Bei  Dictys  4,  6 durchbohrt 
er  dem  im  Kampfe  des  Schildes  beraubten 
Gegner  die  Kehle;  bei  Tzetzes  Posthomerica  33, 
dem  Cedrenus  folgt,  tötet  er  den  aus  dem 
Zweikampfe  mit  Äias  entfliehenden  Memnon 
von  hinten  durch  einen  Stofs  in  den  Nacken. 

Über  den  Memnon  und  die  Psychostasie 
des  Äschylus,  Bestandteile  der  Trilogie  Alfho- 
nig,  s.  Dindorf  P.  S.  Gr.  1 p.  108  fr.  127aff 
Über  die  Äthiopen  oder  Memnon  des  Sophokles 


io 

20 

30 

40 

50 

60 


47 


Achilleus  nachliom. 


Achilleus  nachliom. 


48 


siehe  Welcher,  gr.  Tr.  1.  137  (vgl.  G.  Hermann 
opusc.  7,  343ff.  Nitzsch  Sagenpoesie  607 ff.  618 
— 620  ff.),  welcher  auch  einen  Memnon  oder 
Achilleus  des  Theodektes  vermutet  ibid.  3, 1078; 
über  den  Memnon  des  Timesitheos  ibid.  1046. 

D er  Kampf  zwischen  Achill  und  Memnon  unter 
Beisein  der  Mütter  war  dargestellt  am  Kypselos- 
kasten  Paus.  5,  19,  1;  ohne  letzteres  auf  dem 
amykläisclien  Throne  ibid.  3, 18, 12.  Die  Doppel- 
handlung im  Olymp  und  auf  Erden  in  Erz  ge-  l 
gossen  von  Lykios,  dem  Sohne  Myrons  in  einer 
freistehenden  Erzgruppe  zu  Olympia,  beschrie- 
ben bei  Paus.  5,  22,  2 ; vgl.  Overbeck  G.  d.  gr. 
PI. 2 2,  328  f.  Siehe  die  Kunstwerke  bei  Over- 
beck G.  h.  B.  p.  514  ff.  Mon.  d.  Inst.  6,  5. 
Gonse  Melisclie  Thongefäfse  TU.  3 p.  6.  Hey- 
demann  Arch.  Ztg.  1871.  168,  Neapler  Vasens. 
n.  2430.  2781.  ibid.  SA.  n.  120.  Die  Erzäh- 
lung des  Proklos  wird  ergänzt  durch  eine 
Yase,  die  Fortschaffung  der  aus  Feindesband  2 
geretteten  Leiche  des  Antilochos  darstellend, 
sowie  durch  das  von  Philostratos  2 , 7 be- 
schriebene Gemälde , welches  die  Totenklage 
des  Achill  über  Antilochos  zum  Vorwurf  hatte. 
Der  Kampf  um  die  Leiche  des  Antilochos  bei 
Overbeck  a.  a.  0.  517  ff.  vgl.  0.  Jalm  archäol. 
Aufs.  p.  11.  Es  folgt  in  den  Excerpten  des 
Proklos 

3)  Achilles’  Angriff  auf  die  Stadt 
und  sein  Tod  (ohne  Erwähnung  der  Penthe-  3 
sileia)  durch  Paris  und  Apollo. 

Nach  II.  21,  277  hatte  Thetis  dem  Achil- 
les den  Tod  durch  die  Geschosse  des  Apollo 
prophezeit  (Quint.  Sm.  3,  80  ff.).  II.  19,  416  f. 
sagt  Xanthos , ihm  sei  bestimmt  durch  die 
Kraft  eines  Gottes  und  eines  Menschen  zu  fal- 
len; bestimmter  spricht  Hektor  22,  359  ihm 
von  dem  Tage,  wo  ihn  am  skäischen  Thore 
Paris  und  Phoibos  Apollo  verderben  würden, 
während  18,  96  Thetis  nur  sagt,  sein  Tod  4 
werde  bald  nach  dem  des  Hektor  erfolgen. 
Pindar  P.  3, 101  erwähnt  blofs,  dafs  sein  Tod 
durch  einen  Bogen  herbeigeführt  sei,  während 
Soph.  Philokt.  332  u.  Aeschyl.  fragm.  340  Nauck 
berichtet  csie  sagen,  er  sei  vom  Phoibos  be- 
zwungen’. Gleiches  bei  Horat.  od.  4,  6,  3. 
Mytliogr.  Gr.  Western.  App.  378  sub  51.  Die 
ausführlichste  Schilderung  dieser  Form  der 
Sage  ündet  sich  bei  Qnintus  Sm.  3, 1 ff.  Achill, 
über  den  Tod  des  Antilochos  aufs  höchste  er-  5 
zürnt,  treibt  die  Achäer  zum  Kampfe  gegen 
die  Troer;  seinen  letzten  Auszug  siehe  bei  Over- 
beck a.  a.  0.  p.  536  f. ; er  selbst  wütet  in  ihren 
Reihen,  und  wieder  füllt  sich  das  Bett  des 
Skamander  und  Simois  mit  Toten.  Da  ergreift 
die  Troer  Schrecken:  sie  fliehen.  Achilles  folgt 
ihnen  auf  dem  Fufse  und  ist  eben  im  Begriff, 
die  Riegel  der  Thore  zu  sprengen , da  steigt 
Apollo  in  furchtbarer  Gestalt  mit  Pfeil  und 
Bogen  bewehrt  vom  Himmel  und  fordert  ihn  6 
auf,  dem  Befehle  eines  Gottes  zu  gehorchen 
und  zu  weichen.  Allein  Achill , daran  erin- 
nernd , dafs  Apollo  ihn  schon  bei  dem  Tode 
des  Hektor  getäuscht  habe,  läfst  ihn  stehen 
und  wendet  sich  wider  die  Troer.  Da  hüllt 
sich  der  erzürnte  Gott  in  Wolken  und  sendet 
ihm  den  Pfeil  in  die  Ferse  , welcher  schnell 
den  Tod  herbeiführt.  Auch  Find.  a.  a.  0. 


versteht  wohl  unter  dem  Pfeile  den  des  Apollo. 
Bei  Tzctz.  Lyk.  307  wird  er  von  Apollo  in 
dem  Heiligtume  erlegt,  das  er  durch  den  Mord 
desTroilos,  des  Lieblings  jenes,  besudelt  hatte. 
Das  Heiligtum  des  thymbräischen  Apollo  statt 
des  skäischen  Thores  war  schon  bei  Hellanikos, 
Bachm.,  Anecdota  Graeca  1,  467  erwähnt.  Hin- 
gegen spricht  Ovid.  M.  13,  500  von  den  Pfeilen 
des  Paris  und  Apollo,  was  so  zu  verstehen  ist, 
wie  Vcrgil.  Ae.  6,  57  u.  Ovid.  M.  12,  600,  wo 
Apoll  die  Pfeile  des  Paris  lenkt.  Als  alleiniger 
Urheber  des  Todes  wird  Paris  genannt  Eurip. 
Andrem.  655.  Hekuba  387  f.  Flut.  Comp.  Lys. 
cum  Sulla  4.  Flut.  Q.  Symp.  9,  13,  2.  Sencc. 
Troad.  356,  welche  Sage  Eustath.  Seit.  Od.  1696 
die  gewöhnlichste  nennt.  Derselbe  berichtet 
daselbst  weiter,  dafs  nach  Sostratos  Paris,  der 
Geliebte  des  Apollo,  von  diesem  in  der  Bogen- 
kunde  unterrichtet  worden  sei  und  von  ihm 
einen  elfenbeinernen  Bogen  empfangen  habe, 
mit  dem  er  den  Achill  in  den  Leib  geschossen 
habe  (vgl.  unten  die  Sage  bei  Ptolem.  Heph.). 
— Kontamination  beider  Sagen  bei  Hyg.  ff.  107 
u.  113.  Apollo,  erzürnt  über  die  Prahlerei  des 
Achill,  er  allein  habe,  indem  er  den  Hektor 
erlegte,  Troja  erobert,  nimmt  die  Gestalt  des 
Paris  an  und  verwundet  Achill  an  der  sterb- 
lichen Ferse.  Zwei  völlig  hiervon  abweichende 
Sagen  bei  Ptolem.  Ilepli.  6.  Nach  der  einen 
empfängt  Helenos,  der  Sohn  des  Priamos,  vom 
Apollo  geliebt,  von  diesem  einen  elfenbeinernen 
Bogen,  mit  dem  er  Achill  an  der  Hand  ver- 
wundet; nach  der  andern  verliert  Achill  den 
ihm  vom  Cheiron  eingesetzten  Knöchel  des  Da- 
mysos,  als  er  von  Apollo  verfolgt  wird,  stürzt 
infolgedessen  nieder  und  wird  von  ihm  getötet. 
Schliefslicli  sei  hier  erwähnt , dafs  nach 
Eust.  ad  Od.  1695  Penthesileia  den  Achill 
tötete,  dieser  wieder  auflebte,  die  Penthesileia 
tötete  und  dann  wieder  zu  den  Toten  hinab- 
stieg. Achilleus  Tod  bei  Overbeck  a.  a.  0. 
p.  537  ff. 

4)  Polyxena  (Troilos)  und  Achill. 
Hierüber  ausführlich  Pich.  Förster , Achilleus 
u.  Polyxena.  Zwei  unedierte  Deklamationen 
des  Choricius.  Hermes  17.  1882.  p.  193ff,  18 
p.  475  ff.  Luckenbach  Jahrb.  f.  Pliilol.  Suppl. 
11,  600  ff.  Preller  gr.  Myth.  1,  438. 

Von  Homer  wird  Polyxena  nicht  erwähnt; 
allein  dafs  sie  und  ihr  Verhältnis  zu  Achill  in 
den  Kyprien  besungen  worden  ist,  geht  aus 
der  stattlichen  Anzahl  archaischer  Vasenbilder 
hervor,  welche  hierauf  bezügliche  Scenen  schil- 
dern (Fran^oisvase;  Vase  des  Timonidas  aus 
Kleonä  (Arch.  Zeit.  1863.  T.  175.  Löschke 
Arch.  Zeit.  36,  116.  Luckenbach  a.  a.  0.  605). 
Sie  gestatten  betreffs  der  Erzählung  der  Ky- 
prien den  Schlufs,  rdafs,  ‘als  Polyxena  einst  in 
Begleitung  ihres  jugendlichen  Bruders,  des 
Rossetummlers  Troilos,  ausging,  um  Wasser 
zu  holen,  Achilleus  sich  hinter  dem  Brunnen 
versteckt  hielt,  und  dafs  sie  selbst  nur  in  eilig- 
ster Flucht  entkam,  während  Troilos  von  die- 
sem eingeholt  und  erlegt  wurde’.  Die  Sage 
geriet  früh  in  Vergessenheit,  da  sie  sich  weder 
sonst  in  der  Litteratur,  noch  auf  den  rotfigurigen 
Vasen  findet.  Wer  diese  Sage  in  die  Litte- 
ratur eingeführt  hat,  ist  unsicher;  vgl.  Förster 


49 


Achilleus  nachhom. 


Achilleus  nachhom. 


50 


a.  a.  0.  194  f. ; ebendaselbst  die  abweichenden 
Meinungen  anderer  Gelehrter  betreffs  der  Deu- 
tung des  Yasenbildes.  Nach  Welcher  Gr.  Tr.  3, 
1145  wurde  das  erotische  Element  durch  die 
Alexandriner  hineingebracht,  so  dafs  Penthesi- 
leia  und  Polyxena  einander  gegenüber  gestellt 
wurden,  vgl.  aufserdem  Gr.  Tr.  1,  p.  183  f.  u.  ep. 
Gycl.  2,  176.  'In  das  Herbe  der  Opferung  sollte 
durch  die  Liebe  Achills  etwas  Zartes  kommen, 
und  doch  blieb,  echt  alexandrinisch,  dem  Ganzen  io 
wegen  des  tragischen  Ausganges  der  Charakter 
der  Schwermut:  erst  im  Tode  erhielt  Achill 
die,  welche  er  im  Leben  nicht  hatte  erlangen 
können.’  So  Förster  a.  a.  0.  p.  199.  — Dafs 
die  Scene  des  Todes  vom  skäischen  Thore 
schon  frühzeitig  in  das  Heiligtum  des  thyrn- 
bräischen  Apollo  verlegt  worden  war,  hat  man 
aus  der  oben  erwähnten  Notiz  des  Fustathius 
ad  11.  p.  816,  12  (aus  Hellanikos’  Troika)  wohl 
etwas  zu  voreilig  geschlossen.  Eine  weitere  20 
Veränderung  der  Sage  ergiebt  sich  aus  Lylco- 
phron  271,  einer  Stelle,  welche  nur  Sinn 
hat,  'wenn  sie  darauf  bezogen  wird,  dafs  die 
Griechen  den  Troern  für  den  Leichnam  des 
Achill  ebensoviel  erstatten 
mufsten,  als  diese  dem  Achill 
für  Hektors  Leichnam  ge- 
geben hatten’.  Hier  an  'Ver- 
rat’ zu  denken,  ist  gewifs 
nicht  allzukühn,  besonders 
da  die  alten  auf  Theon  zu- 
rückgehenden Scholien  des 
Tzctzes  LyJc.  269  berichten: 

Achill,  in  Polyxena  verliebt, 
macht  Priamos  das  Anerbie- 
ten , auf  seine  Seite  überzu- 
gehen, falls  er  die  Polyxena 
erhalte.  Auf  dessen  Zusage 
kommt  man  im  Tempel  des 
thymbräischen  Apollo  zu- 
sammen, wo  Alexandros  den 
Achilles  meuchlings  mit  dem 
Pfeile  erschiefst.  Die  Troer  nehmen  den 
Leichnam  an  sich  und  wollen  ihn  nicht  eher 
herausgeben,  als  bis  sie  das  für  Hektor  ge- 
zahlte Lösegeld  wieder  erhalten  hätten.  So 
wird  denn  also  Hygins  110.  Fabel,  welche  ge- 
wöhnlich für  das  älteste  Zeugnis  des  bespro- 
chenen Mythos  angesehen  wird,  auf  eine  ale- 
xandrinische  Quelle  zurückzuführen  sein.  Nach  50 
ihm  will  Achill  Polyxena  zum  Weibe;  dazu 
wird  eine  Unterredung  angesetzt  (vgl.  Welcher 
yr.  Tr.  p.  183  f u.  p.  1145),  wobei  er  von 
Alexandros  und  Deiphobos  ermordet  wird.  Das- 
selbe im  Argum.  Für.  Hec.  Dictys.  4,  10.  Tzetz. 
Posth.  385  ff.  Hingegen  nennen  bei  dieser 
durch  die  Liebe  zur  Polyxena  herbeigeführten 
Zusammenkunft  Paris  als  alleinigen  Mörder 
Schol.  ad  Furip.  Troades  16.  Tzetz.  Lyh.  269, 
335.  Schol.  Für.  Hec.  385.  Bei  Servius  Aen.  3,  322  eo 
erblickt  Achill  die  Polyxena  und  fordert  sie 
zur  Gattin  unter  der  Bedingung  des  Friedens. 

Im  Tempel  des  Apollo  soll  er  die  ihm  ver- 
tragsweise zugestandene  Braut  empfangen:  da 
wird  er  von  dem  hinter  dem  Bilde  des  Gottes 
verborgenen  Alexandros  getötet.  Ebenso  Scrv. 
Aen.  6,  57  u.  Myth.  Vatic.  1,  36.  2,  205.  3,  11. 

24.  Diese  einfache  Form  der  Sage  mit  ge- 


ringen Modifikationen  (ohne  die  Ausschmückun- 
gen eines  Dictys  und  Dares)  findet  sich  noch 
bei  Fulg.  Myth.  3,  7.  Nonnos  narr,  ad  Greg, 
invcct.  1,  8.  p.  131.  Schol.  zu  Stat.  Ach.  1,  134 
und  wird  berührt  bei  Justin,  or.  ad.  Graec.  1. 
CI em.  Alex,  ström.  2,  32,  § 143.  Lihanius  eephr. 
Uhet.  gr.  1,  395  W.  Christodor,  eephr.  202 — 208. 

Ein  weiteres  neues  Motiv  brachte  Philo- 
stratos  in  die  Sage,  das  der  gegenseitigen 
Liebe  des  Achilles  und  der  Polyxena.  Heroik. 
737  wird  Folgendes  erzählt:  Beide  verlieben 

sich  in  einander,  als  sie  sich  das  erste  Mal  bei 
der  Auslösung  des  Hektor  sehen.  Priamos 
willigt  in  die  Hochzeit,  wenn  Achilles  die  Grie- 
chen bewege,  von  Troja  abzuziehen.  Zur  Be- 
schwörung des  abzuschliefsenden  Vertrages 
wird  eine  Zusammenkunft  in  dem  Tempel  des 
thymbräischen  Apollo  angesetzt,  welchen  Achill 
bei  dem  Akte  selbst  als  Zeugen  anruft;  allein 
er  fällt  durch  Paris  (und  Apollo).  Die  über 
den  Mord  erschrockenen  Troer  und  Troerinnen 
zerstreuen  sich;  dies  benutzt  Polyxena,  um  in 
das  Griechenlager  zu  Agamemnon  zu  entfliehen, 
tötet  sich  aber  am  dritten  Tage  auf  dem  Grabe 


des  Achill  mit  der  Bitte,  ihr  treu  zu  bleiben 
und  sie  auch  nach  dem  Tode  noch  heimzu- 
führen. Und  732  wird  hinzugefügt,  dafs  er 
nicht  in  den  Waffen  den  Tod  gefunden,  son- 
dern als  er,  wie  ein  Bräutigam  bekränzt , "zur 
Hochzeit  zu  kommen  meinte.  Ganz  ähnlich 
mit  der  Hauptsache  nach  gleichem  Schlüsse 
Tzetz.  Posth.  385  ff.  und  zu  Lyh.  323  mit  der 
Bemerkung,  dafs  Pbilostratos  der  einzige  Autor 
sei,  welcher  Polyxena  ins  Griechenlager  fliehen 
und  vor  der  Zerstörung  der  Stadt  sterben  lasse. 
Dem  Dictys  entnommen  ist,  dafs  Achill  ster- 
bend noch  dem  herzukommenden  Odysseus  und 
Aias  den  Namen  der  Mörder  zu  sagen  vermag 
und  ihnen  den  Auftrag  giebt,  seine  Gebeine 
in  der  seiner  Mutter  vom  Dionysos  geschenkten 
Urne  mit  denen  des  Patroklos  und  Antilockos 
beizusetzen.  0.  Jahn  ( Arch . Zeit.  1869.  p.  5) 
erkennt  den  Zug  der  Gegenliebe  der  Polyxena 
schon  auf  dem  Madrider  Relief  (Taf.  13,  B.), 
wonach  diese  Wendung  der  Sage  zeitlich  be- 
deutend heraufgerückt  würde;  dagegen  Förster 
a.  a.  0.  p.  203  Anm.  2.  Den  gleichen  Anfang 
der  gegenseitigen  Liebe  berichten  Dracontius 
deliber.  Ach.  p.  40  f,  die  Daniel.  Sch.  zu  Verg. 
Aen.  3,322.  Malal.  p.  130  B.  Ccdren.  p.  227  B. 


Kampf  um  Achilleus’  Leiche,  von  einer  archaischen  Amphora 
(vgl.  Overb.  Gail.  Taf.  23,  1). 


51 


Achilleus  nachhom. 


Achilleus  nachkom. 


52 


Tzetz.  Hom.  380  f.  Const.  Manass.  comp,  chron. 
1382  f.  Nach  Mytli.  Vat.  2,  205  hingegen  wird 
sie  von  Achill  zum  ersten  Male  gesehen,  als 
sie  Spangen  und  Ohrringe  vom  Turme  herab- 
wirft, um  Hektors  Leichnam  zu  lösen.  Auf 
der  zuletzt  angegebenen  Fassung  der  Fabel 
fufsen  endlich  die  romanhaften  Darstellungen 
des  Bictys  3,  2-5.  24—27.  4,  10—11.  5,  13, 
welchen  mit  einigen  Änderungen  I.  Malal. 
a.  a.  0.  folgt,  den  wieder  Gedren.  a.  a.  0.  aus-  n 
schreibt,  und  Bares  24—32.  43.  Jacobs  ( Tzetz . 
Postli.  498),  dem  Heyne  (II.  22,  359)  folgt, 
meint,  dafs  die  Sage  von  der  Liebe  des  Achill 
zur  Polyxena  der  Tragödie  ihren  Ursprung  ver- 
danke, was  Welcher  Gr.  Tr.  1145  bekämpft. 
Gegen  die  an  gleicher  Stelle  ausgesprochene 
Ansicht,  der  Tod  des  Achilles  sei  der  Inhalt 
des  Achilles  des  Livius  Andronicus  gewesen, 
siehe  HibbecJc,  röm.  Tr.  p.  25. 

Dieses  von  dem  weiter  wuchernden  Mythos  so  si 
reich  ausgestatteten  Stoffes  bedienten  sich  die 
Rhetoren,  um  ihre  Übungen  daran  zu  knüpfen, 
so  Libanius  u.  Christodorus  a.  a.  0.;  so  am 
ausführlichsten  Choricius  in  den  zwei  von 
Förster  veröffentlichten  Reden,  woraus  nur  das 
Eine  erwähnt  sei.  dafs  daselbst  die  Troer  nicht 
nur  von  Seiten  der  Amazonen  und  Aithiopen, 
sondern  auch  von  den  diesen  benachbarten 
Indern  Hilfe  erwarten. 

Die  bildlichen  Darstellungen  s.  b.  Overbeck ; 3t 
a.  a.  0.  339  ff.  Eine  Vermählung  des  Achill 
mit  Polyxena  auf  einem  Sarkophagrelief  hat 
0.  Jahn , Archäol.  Zeitg.  1869  1 ff . nachge- 
wiesen. 

4)  Kampf  um  die  Leiche  des  Achill. 
Totenfeier.  Thetis  entführt  den  Sohn 
nach  Leuke. 

In  der  Odyssee  5,  309  erzählt  Odysseus  von 
einem  gewaltigen  Kampfe,  der  sich  über  der 
Leiche  erhoben  habe  und  an  dem  er  besonders  i( 
beteiligt  gewesen  sei;  nach  Od.  24,  36 ff.  dauerte 
derselbe  den  ganzen  Tag  hindurch  und  wäre 
noch  nicht  beendet  worden,  wenn  nicht  Zeus 
durch  einen  Sturmwind  die  Streitenden  ge- 
trennt hätte,  so  dafs  die  Achäer  die  Leiche 
nach  den  Schiffen  tragen  konnten.  Die  Sage  der 
Aithiopis  siehe  oben.  In  der  ausführlichen  aber 
lückenhaften  Schilderung  des  Kampfes  bei  Quin- 
tus  Smyrn.  Posthorn.  3,  212  ff.  sind  es  von  seiten 
der  Troer  besonders  Glaukos,  Aineias  und  Age-  5( 
nor,  welche  die  Leiche  in  die  Stadt  zu  ziehen 
suchen.  Allein  Aias  wehrt  sie  mit  Erfolg  ab,  in- 
dem er  viele  von  ihnentötet  oder  gefangen  nimmt. 
Aineias  und  Paris  werden  von  ihm  verwundet, 
aber  auch  der  an  seiner  Seite  kämpfende  Odys- 
seus wird  getroffen.  Endlich  gelingt  es  dem  Aias , 
die  Troer  zu  verjagen,  und  die  Leiche  wird  in 
das  Schiffslager  gebracht;  vgl.  G.  W.  Nitzsch, 
Beitr.  z.  Gcsch.  d.  eg.  Poesie  d.  Gr.  p.  326, 
Anm.  138.  Bei  Bictys  4,  12  nimmt  Aias  6( 
den  Leichnam  auf  die  Schulter  und  trägt  ihn 
aus  dem  Heiligtume,  begleitet  von  Diomedes 
und  Odysseus  (vgl.  c.  10.  Ebenso  I.  Malalas 
131  B.  u.  Cedren.  228  B.).  Da  brechen  die 
Troer,  welche  nach  dem  Morde  in  die  Stadt 
geflohen  waren , heraus , den  Leichnam  zu 
rauben;  ebenso  eilt  das  Griechenheer  zum 
Kampfe.  Aias  übergiebt  die  Leiche  seinen 


Begleitern  und  treibt  die  Troer,  von  dem  andern 
Aias  und  Sthenelos  unterstützt,  in  die  Flucht. 
Tzetz.  Posth.  425  ff.  erwähnt  zwei  Fassungen. 
Nach  der  einen  trug  Aias  von  den  Troern  ver- 
folgt den  Leichnam  ins  Lager;  die  andere  (429 f.) 
geht  auf  die  zuerst  bei  Lykophr.  269  ff.  auf- 
tauchende Form  zurück,  wonach  die  Troer  den 
Leichnam  des  Ermordeten  mit  sich  in  die  Stadt 
nehmen  und  ihn  nicht  eher  herausgeben,  als 
bis  sie  das  für  Hektor  gezahlte  Lösegeld  wieder 
erhalten.  Nach  Bares  24  befiehlt  Älexandros, 
die  Leichen  des  Achill  und  des  mit  diesem 
zusammen  getöteten  Antilochos  aus  dem  Tem- 
pel zu  tragen  und  den  Vögeln  zum  Frafse  vor- 
zuwerfen. Dem  widersetzt  sich  Helenos;  auf 
seinen  Befehl  wird  die  Leiche  den  Griechen 
übergeben,  welche  sie  ins  Lager  tragen.  — An 
die  Aithiopis  lehnt  sich  wahrscheinlich  Proper- 
tius  an,  welcher  1,  10  (9),  9 — 14  schildert,  wie 
Briseis  in  tiefster  Trauer  den  toten  Achill  mit 
ihren  Annen  umfing,  den  blutigen  Leichnam 
im  Simois  wusch  und  die  in  einer  Urne  ge- 
sammelten Gebeine  des  grofsen  Helden  in  ihren 
kleinen  Händen  trug. 

Nach  Thiersch  Amalthea  1,  156  f.  u.  Epochen 
249f.  Note  und  Welcher  Alte  Benkm.  1 p.  44  ff 
war  der  Kampf  um  die  Leiche  auf  dem 
Westgiebel  des  Tempels  zuAigina  dargestellt; 
dagegen  siehe  Overbeck  Gesell,  d.  gr.  PI. 2 1, 
132  u.  Brunn,  Katalog  der  Glyptothek  p.  78. 
Bildwerke,  Kampf  und  Rettung  der  Leiche  dar- 
stellend, bei  Overbeck  a.  a.  0.  p.  540  ff  L.  Ur- 
lichs,  über  die  Gruppe  des  Pasquino , Winckel- 
mannsprogramm,  Bonn  1867.  0.  Bonner,  Ann. 
d.  Inst.  1870.  75 ff. 

Weiter  erzählte  n^n  die  Aithiopis  nach  Pro- 
klos:  Dann  begraben  die  Achäer  den  Anti- 

lochos und  stellen  die  Leiche  des  Achilles  aus. 
Thetis  erscheint  mit  den  Musen  und  den 
Schwestern  und  erhebt  die  Totenklage  um  den 
Sohn.  Ebenso  erwähnt  Pindar  Istlxm.  7,  56  ff, 
dafs  bei  Achills  Scheiterhaufen  die  helikonischen 
Schwestern  gestanden  hätten  und  ihren  Gesang 
hätten  erschallen  lassen;  Lykophr  on  273  f.  läfst 
ihn  von  den  Nymphen  beweint  werden , d.  li. 
nach  Tzetzes  von  den  Musen.  Die  ausführ- 
lichste Schilderung  dieser  Episode  findet  sich 
bei  Quint.  Smyrn.  3,  388  ff.  Dieser  schildert 
zuerst  das  ungeheure  Weh,  welches  das  ganze 
Heer  ergreift,  als  der  Leichnam  ins  Lager  ge- 
bracht wird,  dann  die  spezielle  Klage  der  Myr- 
midonen,  des  Aias,  des  Plioinix,  der  Atriden  — 
504.  Vor  Anbruch  der  Nacht  wird  die  Leiche 
auf  Nestors  Mahnung  schön  gekleidet  im  Schifis- 
hause anf  dem  Paradebette  ausgestellt;  Athene 
schützt  sie  durch  Ambrosia  vor  Verwesung. 
Es  folgt  die  Totenklage  der  Frauen  und  Diene- 
rinnen, besonders  der  Briseis — 574.  Durch 
die  lauten  Klagen  werden  Thetis  und  die  Ne- 
reiden aus  dem  Meere  herbeigerufen,  vom  He- 
likon aber  kommen  die  Musen.  Die  laute 
Klage  der  Thetis  ob  ihrer  unglücklichen  Ehe 
und  ob  des  Todes  des  Sohnes,  die  Vorwürfe, 
welche  sie  dem  Zeus  macht,  der  das  ihr  ge- 
gebene Versprechen  nicht  gehalten,  weist 
Kalliope  durch  die  Bemerkung  zurück,  dafs 
auch  die  Söhne  des  Zeus  dem  Todeslose  un- 
terworfen seien.  So  steht  Thetis  davon  ab, 


53 


Achilleus  nachliom. 

den  Zeus  aufzusuchen,  um  ihre  Klagen  vorzu- 
bringen, und  bleibt  die  Nacht  bei  dem  Sohne, 
während  die  Musen  sie  zu  trösten  suchen.  Bei 
Tagesanbruch  beginnt  wiederum  die  Klage 
des  Heeres,  in  welche  Nereus  mit  einstimmt, 
dann  folgt  Errichtung  und  Ausschmückung  des 
Scheiterhaufens,  feierliche  Umgehung  desselben 
durch  das  ganze  Heer  im  vollen  Waffenschmucke 
und  Verbrennung  desselben.  Zeus  schützt  durch 
Ambrosiaregen  den  Leichnam  und  läfst  durch  n 
Aiolos  die  Winde  das  Feuer  anfachen,  welches 
unter  dem  Gestöhne  des  Heeres  Tag  und  Nacht 
brannte.  Dann  löschen  die  Myrmidonen  die 
Glut  mit  Wein,  die  Gebeine  des  Helden  aber 
sammeln  sie  in  einer  silbernen,  mit  Gold  ge- 
schmückten Truhe.  Beigesetzt  aber  werden  sie 
in  der  auch  in  der  Odyssee  erwähnten  Urne 
(vgl.  auch  Stesichoros  b.  Schol.  II.  23,  92);  dar- 
über wird  am  Hellespont  das  Grabmal  gehäuft 
— 742.  Selbst  die  unsterblichen  Rosse  be-  2' 
weinen  den  Helden  (vgl.  J.  Grimm  I).  Myth.  1 
p.  364  f.);  im  Begriff  aber,  in  die  Heimat  zu- 
rückzukehren, werden  sie  von  den  Göttern  an- 
gewiesen, auf  den  Neoptolemos  zu  warten,  zu 
dessen  Dienste  sie  bestimmt  seien.  Den  Gang 
der  Thetis  zum  Scheiterhaufen  des  Sohnes  ist 
auch  erwähnt  im  Thetishymnus  der  Thessaler 
bei  Pliilostr.  Her.  742.  Achilles’  Totenklage 
dargestellt  auf  der  Tabula  Iliaca:  Overbeck 

a.  a.  0.  p.  555.  3 

Proklos  Aithiopis.  'Den  Leichnam  aber  ent- 
reifst  sie  dem  Scheiterhaufen  und  bringt  ihn  nach 
der  Insel  Leuke’.  Diese  Überführung  schilderte 
das  Werk  des  Skopas  im  Circus  Flaminius  in 
Rom,  vgl.  TJrlichs,  Skopas'  Leben  u.  Werke 
p.  126  ff.  Stark  Pliilolog.  21  p.  445.  Overbeck 
G.  d.  gr.  PL 2 2,  16  f.  Während  Achilles  in 
der  Odyssee  11,  467  in  der  Unterwelt  weilt, 
wie  auch  Polygnot  in  der  Lesclie  zu  Delphi 
auf  dem  die  Nekyia  darstellenden  Bilde  ihn  4 
in  der  Unterwelt  im  Kreise  seiner  Freunde 
malte  (Paus.  10,  30,  3),  versetzt  die  nach- 
homerische Sage  ihn  entweder  in  die  ely- 
sischen  Gefilde  (so  besonders  die  älteren 
Dichter)  oder  auf  die  nach  der  gewöhnlichen 
Anschauung  vor  den  Mündungen  der  Donau 
im  Schwarzen  Meere  gelegene  Insel  Leuke,  wo 
er  ein  im  Laufe  der  Jahrhunderte  mit  den  man- 
nigfaltigsten Zügen  ausgeschmücktes  Nach- 
leben führt,  das  man  mit  Fug  und  Recht  einen  5 
Nachhall  seines  ersten  Erdenlebens  nennen 
könnte.  Die  elysischen  Gefilde  der  älteren 
Dichter  He'siod,  Ibykos  und  Simonides  wurden 
später  identifiziert  mit  den  Inseln  der  Seligen; 
aber  schon  Pindar  kemrt  die  feste  Lokalisie- 
rung der  Sage  von  der  Bestattung  desselben 
auf  der  Insel  Leuke.  Diese  wurde  daun  fast 
durchweg  für  seinen  Aufenthaltsort  nach  dem 
Tode  gehalten.  I)ie  Sage  von  dem  Verweilen 
des  Helden  im  Tartarus  verschwindet  allmäh-  ( 
lieh  fast  ganz;  Lucian.  Dial.  Mort.  15  p.  399 ff', 
macht  von  der  Sage  Gebrauch,  da  er  sie  gut 
benutzen  kann,  während  er  ihn  anderwärts  im 
Pontos  Euxeinos  oder  in  den  elysischen  Ge- 
filden hausen  läfst.  Eine  ausführliche  Dar- 
stellung dieser  Sagen  giebt  II.  Koehter,  Memoire 
sur  les  iles  et  Ja  course  consacrees  ä Acliille 
dans  le  Pont-Euxin.  Memoires  de  l'academie 


Achilleus  nachliom.  54 

imperiale  des  Sciences  de  St.  Petersbourg.  Tome 
10.  1826.  p.  531  ff. 

Auf  den  Inseln  der  Seligen  wohnt  Achilles 
nach  Hesiod  Op.  et  Dies  15911'.;  es  wird  hier 
allerdings  nicht  sein  Name  genannt,  aber  doch 
gesagt,  dafs  Zeus  Helden  sowohl  des  tlieba- 
nischen  als  des  troischon  Krieges  ein  zweites 
glückseliges  Leben  auf  den  Inseln  der  Seligen 
am  äufsersten  Ende  der  Erde  am  Okeanos  be- 
reitet habe;  nach  Pind.  Ol.  2,  70  tf.  wohnt- er 
auf  Bitten  der  Mutter  daselbst  mit  Kronos, 
Rhadamanthys,  Kadmos  und  Peleus  als  Toten- 
richter, ebenso  nach  Kallistratos  (Athen.  Deipnos. 
15,  c.  50.  p.  541)  mit  dem  Tydiden  zusammen 
(vgl.  Plat.  Sympos.  179  E u.  180 13).  Der  Schöpfer 
der  Sage  hingegen,  dafs  Achilles  in  dem  elysi- 
schen Gefilde  wohne,  war  nach  Scliol.  Apoll. 
Argon.  4,  814  Ibykos,  welchem  Simonides  folgt. 
So  noch  Apoll.  Arg.  4,  811  und  Quint.  Smyrn. 
14,  224.  Dafs  das  elysische  Gefilde  und  die 
Inseln  der  Seligen  ein  und  derselbe  Ort  seien, 
spricht  direkt  aus  Lucian  Ver.  Hist.  2,  109 
u.  112,  welcher  ihn  ibid.  p.  116  neben  dem 
Theseus  daselbst  besondere  Verehrung  ge- 
niefsen  und  p.  119  als  Kampfrichter  mit  die- 
sem zusammen  in  den  Thanatusien  auftreten 
läfst.  Die  Identität  der  Insel  der  Seligen  aber 
sowohl  mit  der  Insel  im  Schwarzen  Meere,  als 
auch  mit  der  Insel  Leuke  hebt  Plin.  N.  H. 
4,  c.  13.  p.  220  ausdrücklich  hervor. 

Andererseits  aber  singt  schon  Pind.  Nem. 
4,  49  davon,  dafs  Achilles  im  Pontus  Euxinus 
eine  glänzende  Insel  bewohne  (s'x11)  *v  Ei;- 
£(iv(p  Ttskäyst  epaevrav  ’A%iltvs  — väaov,  wozu 
der  Scholiast  bemerkt,  es  sei  dies  die  Insel 
Leuke  im  Pontos,  nach  welcher  der  Sage  nach 
Thetis  den  Leichnam  ihres  Sohnes  gebracht 
habe.  Dafs  Achilles  auf  Leuke  begraben  liege, 
berichtet  aufserdem  Plin.  4,  12,  16,  welcher 
von  seinem  Grabmal  redet  (ebenso  Martian. 
Gapelia  6,  663),  während  ihn  Pomp.  Mela  de 
sit.  orb.  2,  7 auf  der  Borysthenesinsel  begraben 
sein  läfst.  Bei  Lesches  steht  von  einer  Be- 
stattung des  Achilles  auf  Leuke,  wie  Kayser 
Not.  in  Her.  327  behauptet,  nichts.  Ganz  ver- 
einzelt steht  der  Mythos  da,  welchen  der  Thetis- 
hymnus der  Thessaler  enthielt  (Pliilostr.  Her. 
742),  wonach  der  sterbliche  Teil  des  Helden 
in  Troja  begraben  lag,  während  den  unsterb- 
lichen Teil  TTövrog  £££«,  was  natürlich  nichts 
anderes  bedeuten  kann,  als  seinen  Aufenthalt 
auf  Leuke.  Die  Sage  von  dem  Aufenthalte 
des  Achill  auf  jener  Insel  war  jedenfalls  eine 
sehr  alte  und  an  den  Küsten  des  Pontos  schon 
heimisch,  bevor  die  milesischen  Küstenfahrer 
sich  daselbst  ansiedelten;  sie  brachten  dieselbe 
in  ihre  Heimat,  wo  sie  den  Liedern  vom  Tode 
Achills  einverleibt  wurde  (vgl.  Köhler  a.  a.  0. 
p.  533).  Der  erste  griechische  Dichter,  welcher 
i sowohl  die  Insel  Leuke  mit  diesem  Namen 
benennt,  als  sie  im  Pontos  liegen  läfst,  ist 
(verhältnismäfsig  spät)  Euripides  Androm.  1260 
und  Iphig.  T.  435  ff'.  Nach  Pliilostr.  Her. 
746  liefs  Poseidon  auf  Bitten  der  Thetis  für 
Achilles  und  Helena  die  Insel  aus  dem  Meere 
aufsteigen,  eine  Sage,  welche  Quint.  Smyrn.  3, 
766  ff.  folgendermafsen  umgestaltete.  'Um  den 
Klagen  der  Thetis  über  den  Tod  des  Sohnes 


55 


Achilleus  naclihom. 


Achilleus  nach  s.  Tode 


56 


Einhalt  zu  thun,  steigt  Poseidon,  nur  den 
Göttinnen  sichtbar,  aus  dem  Meere  und  heilst 
der  Göttin  ihrem  Schmerze  gebieten  mit  dem 
Trostworte,  ihr  Sohn  werde  gleich  Dionysos 
und  Herakles  unter  die  Götter  versetzt  werden. 
Zum  Wohnsitze  aber  schenkt  er  ihm  eine  Insel 
im  Meere;  die  umwohnenden  Völker  würden 
ihm  göttliche  Ehren  erweisen;  vgl.  Arrian. 
Peripl.  Pont.  Eux.  p.  21.  Anonym.  Peripl. 
Pont.  Eux.  p.  10  fl'.  Und  Dionys.  Perieg.  541  ff.  l 
erwähnt  die  Insel  Leuke  als  Aufenthaltsort 
der  hervorragenden  Heroen  und  besonders  des 
Achill,  welche  ihnen  Zeus  als  Geschenk  für 
ihre  Tapferkeit  gegeben. 

Den  Schlufs  der  Aithiopis  bilden  folgende 
Ereignisse  nach  Proklos:  Die  Achäer  häufen 
einen  Grabhügel  und  veranstalten  Wettkämpfe. 
Über  die  Waffen  des  Achilles  aber  entsteht 
zwischen  Odysseus  und  Aias  Streit;  von  hier 
an  treten  ergänzend  ein  die  Excerpte  aus  der  2 
Ilias  mikra  desLesches:  die  Entscheidung  über 
die  Waffen  wird  gefällt,  und  Odysseus  empfängt 
sie  nach  dem  W illen  der  Athene.  Dann  heilst 
es  weiter:  Und  Odysseus  holt  den  Neoptolemos 
aus  Skyros  und  schenkt  ihm  die  Waffen  des 
Vaters,  welcher  dem  Sohne  erscheint’.  Während 
Quintus  Smyrnaeus  die  Bestattung  des  Leich- 
names (siehe  oben)  ausführlich  schildert,  erwähnt 
er  die  Erscheinung  nicht.  Hieran  schliefst  sich 
nach  der  Iliupersis  des  Arktinos  das  Opfer  3 
der  Polyxena:  Dann  zünden  die  Griechen  die 
Stadt  Troja  an  und  opfern  die  Polyxena  auf 
dem  Grabe  des  Achilles.  Bevor  sie  aber  ab- 
fahren, erscheint,  wie  die  Nostoi  des  Agias 
von  Troizen  berichten,  der  Geist  des  Achill 
(des  alten  Haders  wie  in  der  Odyssee  ver- 
gessend, vgl.  Welcher  ep.  G.  2.  p.  291)  dem 
Agamemnon,  um  ihm  das  bevorstehende  Un- 
glück vorauszusagen  und  ihn  vor  der  Heim- 
kehr zu  warnen.  Nach  Eurip.  Helc.  37  u.  106  4 
erscheint  Achilles’  Geist  den  Griechen,  als  sie 
eben  im  Begriff  sind,  nach  der  Heimat  auf- 
zubrechen und  auf  dem  thrakischen  Bosporos 
lagern,  und  fordert  die  Polyxena  für  sich  als 
Opfer,  Da  sie  fürchten,  Achill  werde,  wenn  sie 
seinem  Wunsche  nicht  nachkämen,  ihrer  Heim- 
kehr hinderlich  sein,  so  beschliefsen  sie  die 
Polyxena  zu  opfern.  Sie  fällt  von  Pyrrhos’ 
Hand.  Ebenso  Ovid.  Metam.  13,  438  ff.  u.  Seneca 
Troad.  185  ff.  u.  1165.  Bei  Hygin.  110  ertönt  5 
die  Stimme  des  Achilles  aus  dem  Grabe  und 
fordert  einen  Teil  der  Beute  für  sich ; so  opfert 
man  die  Polyxena,  weil  sie  die  Ursache  seines 
Todes  gewesen  sei.  Dann  führt  Servius  Verg. 
Aen.  3 , 322  zwei  verschiedene  Fassungen  der 
Sage  an.  Nach  der  einen  forderte  Achill,  als 
er  im  Heiligtum  des  Apoll  von  Paris  zum  Tode 
verwundet  im  Sterben  lag,  nach  Trojas  Fall 
die  Polyxena  auf  seinem  Grabe  zu  opfern,  was 
Neoptolemos  auch  that;  nach  der  andern  hören  6 
die  Achäer  bei  ihrem  Aufbruch  die  Stimme 
des  Achilles  aus  seinem  Grabe  erklingen,  wel- 
cher klagt,  dafs  ihm  von  der  Beute  nichts  zu- 
teil geworden  sei.  Kalchas,  hierüber  befragt, 
bezeichnet  Polyxena  als  Opfer,  weil  Achilles 
sie  bei  Lebzeiten  geliebt  habe.  Nach  Quintus 
Sm.  14,  178  endlich  erscheint  Achilles  dem 
Sohne  im  Traume  und  befiehlt  demselben, 


die  Achäer  und  Agamemnon  zu  erinnern,  wie 
viel  Beute  sie  ihm  zu  verdanken  hätten,  und 
fordert  Polyxena;  sonst  werde  er  die  Heim- 
kehr verhindern.  Als  nun  die  Achäer  am  fol- 
genden Morgen  zum  Aufbruch  rüsten,  erregt 
Poseidon  das  Meer,  so  dafs  sie  der  Forderung 
nachkommen.  Polyxena  fällt  auf  Achilles’  Grab- 
hügel durch  Neoptolemos’  Hand,  und  sogleich 
läfst  der  Sturm  nach.  — Nach  Gorp.  I.  Gr.  1 
n.  4747  hingegen  verstummte  Achilles  im  Grabe. 
Polyxenas  Opferung  bei  Overbeck  a.  a.  0.  p.  661  ff. 

Ich  erwähne  hier  gleich  noch  einige  andere 
Erscheinungen  des  Achilles  nach  seinem  Tode. 
Nach  Schol.  Plat.  Plxaedr.  243  A.  erscheint  er 
dem  ihm  auf  seinem  Grabe  opfernden  und  ihn 
herbeirufenden  Homer  in  vollem  Waffenglanze ; 
dieser  erblindete;  ebenso  erschien  er  nach 
Philostr.  Vit.  Apoll.  Tyan.  152  dem  Apollo- 
nias von  Tyana  in  Troas. 

g)  Das  Leben  des  Achill  nach  seinem  Tode 
auf  der  Pontosinsel. 

l)Die  Ehen  desAcliillnachsein  em  Tode. 

a)  Die  Vermählung  des  Achill  mit  der 
Med  eia  nach  seinem  Tode  scheint  die  älteste 
der  hierher  gehörigen  Sagen  zu  sein.  Sie  fand 
sich  nach  Apoll.  Arg.  Sch.  4,  814  bei  Ibykos 
und  Simonides;  vgl.  Lycophr.  172  u.  Tzetz., 
Dosiadas  2,  3 u.  Apoll.  Eh.  4,  811  ff. 

b)  Die  Ehe  des  Achill  mit  I p li  i g e n e i a wurde 
von  Duris  (b.  Sch.  II.  19,  326)  in  die  Lebens- 
zeit des  Achill  verlegt,  welcher  sie  aus  Skyros 
geraubt  haben  sollte ; sie  gebar  ihm  den 
Neoptolemos;  letzteres  auch  bei  Tzetzes  zu 
Lycophr.  183.  Eigenen  mythologischen  Lau- 
nen folgt  Trimalchio  bei  Petr.  Sat.  59.  Allein 
bei  Antonius  Liberalis  27  findet  sich  die  jeden- 
falls auf  ältere  Quellen  zurückzuführende  Sage, 
Iphigeneia  sei  unter  dem  Namen  Orsilochia  dem 
Achill  auf  Leuke  als  Weib  gesellt  gewesen, 
nachdem  sie  Artemis  von  Tauris  nach  Leuke 
gebracht  und  zu  einer  unsterblichen  Göttin 
gemacht  hatte.  Ähnlich  erzählt  Eust.  ad  Dio- 
nys. Per.  106  von  der  Liebe  des  Skythenkönigs 
Achill  zur  Iphigeneia. 

c)  Die  verbreitetste  Sage  war  die  von  der 
V ereinigung  des  Achilles  mit  der  Helena  auf  der 
Pontosinsel,  welche  er  als  ihr  Gatte  nach  Paus. 
3,  19,  11  ff.  mit  den  beiden  Aias,  Patroklos 
und  Antiloclios  zusammen  bewohnte.  Aus  dieser 
Ehe  ging  nach  Ptolern.  Hepli.  4 das  geflügelte 
Kind  Euphorion  hervor,  vgl.  Horcher,  N.  Jahrb. 
f.  Phil.  Suppl.  1,  281.  Nach  Philostr.  Her.  746 
wurden  Achill  und  Helena  auf  Leuke  vereinigt, 
ohne  sich  vorher  gesehen  zu  haben;  ebenda- 
selbst erwähnt  er  die  unter  Beisein  der  Meeres- 
gottheiten stattfindende  Hochzeitsfeier,  745 
ihre  daselbst  durch  die  Parzen  vereinigten 
Statuen. 

4)  Von  einer  Vereinigung  des  Achilles  mit 
der  P o 1 y x e n a in  dem  elysischen  Gefilde  spricht 
endlich  Sen.  Troad.  954. 

2)  Seine  Lebensweise  und  seine  Be- 
schäftigungen daselbst. 

Selbstverständlich  läfst  die  Sage  den  Achill 
nach  dem  Tode  die  gewohnte  Lebensweise  fort- 
setzen; Waffenübungen  und  Übungen  im  Lauf 
gehen  neben  den  Ergötzlichkeiten  des  Mahles, 


57  Achilleus  nach  s.  Tode 

der  Liebe  und  des  Gesanges  wie  zu  seinen  Leb- 
zeiten einher  (Philostr.  Iler.  747).  Die  am  Tage 
auf  Leuke  landenden  Schiffer  hörten  oft  Kampfes- 
lärm,  sahen  aber  nichts.  Die  Nacht  aber  ge- 
hörte den  Freuden  der  Tafel  und  des  Gesanges. 
Daher  war  es  auch  streng  verpönt,  nachts  da- 
selbst zu  landen  Aristot.  mirab.  anscult.  106. 
p.  213  ff  ; nach  Sonnenuntergang  mufste  jeder- 
mann die  Insel  verlassen.  Vgl.  Max.  Tyr.  Hiss.  15, 
p.  173.  Von  einer  Landung  der  Amazonen  auf 
Leuke,  um  Achill  zu  bekriegen,  und  ihrer  Ver- 
nichtung erzählt  Philostr.  Her.  749  ff.  Ja  er 
beteiligte  sich  sogar  an  auswärtigen  Schlachten. 
So  nahm  er  an  der  zwischen  den  Lokrern  und 
Krotoniaten  560  am  Sagraflusse  geschlagenen 
Schlacht  teil,  vgl.  Schot.  Plat.  Phaed.  p.  60. 
Hermae  Schot,  ibid.  c.  19  p.  99.  Isocr.  Hel. 
Encom.  c.  28  p.  218  f.  In  gleicherweise  wehrt 
er  mit  Athene  zusammen  durch  sein  Erschei- 
nen Alarich  von  den  Mauern  Athens  ab,  vgl. 
Syriani  Hymn.  ap.  Zosim.  5 c.  6,  2 p.  407  f. 
Besonders  häufig  aber  besuchte  er  nach  Max. 
Tyr.  Hiss.  15  p.  173  die  Ebene  von  Troja,  wo 
ihn  die  Einwohner  oft  im  Verkehre  mit  andern 
Helden  zu  sehen  glaubten.  Traf  er  jemanden 
auf  seinen  Wegen,  so  redete  er  ihn  an,  wie  er 
auch  auf  Leuke  sterbliche  Gäste  mit  grofser 
Liebenswürdigkeit  aufnahm,  vgl.  Max.  Tyr. 
Hiss.  15  p.  173.  Philost.  Her.  748  ff.  u.  Max. 
Tyr.  Hiss.  27,  welcher  erzählt,  Achill  sei  nach 
seinem  Tode  von  vielen  gesehen  und  gehört 
worden.  Aber  auch  Heroen  besuchten  ihn,  so 
Orestes  Eustath.  Od.  11  p.  1696.  Mit  grofser 
Vorliebe  aber  hat  sich  die  Sage  mit  dem 
Orte  beschäftigt,  wo  Achilles  nach  dem  Tode 
seine  Übungen  im  Wettlauf  abhielt.  Derselbe 
wird  ’A%i.XXs(ng  ögöyog  oder  ’A^iXlaog  dgoyog 
genannt,  vgl.  Herod.  4,  55.  Strabo  2 c.  3 § 19 
p.  389  ff.  Hionys.  Perieg.  306  f.  Pomp.  Mela 
209.  Plin.  4,  12  § 26.  Ptolem.  Geogr.  3 c.  5 
p.  72.  Tzetz.  in  Lycophr.  192.  Anonym.  Peripl. 
P.  E.  p.  7—8.  Ammian.  Mar  cell.  20  c.  8,  (wel- 
cher ausdrücklich  sagt , dafs  Achill  dort 
Übungen  angestellt  habe)  Priscian.  Perieg.  297  f. 
Steph.  Byzant.  v.  ’A%(Xls  io g dgoyog.  Von  ögo- 
yoi  sprechen  Eurip.  Iph.  T.  435.  Hionys. 
Albian.  ap.  Schot.  Apollon.  Bhod.  2,  658.  He- 
sych.  v.  AxlXIsiov  nla-na.  Die  Überlieferung 
sagt  zwar  nichts  davon,  daf3  Achilles  Leuke 
verlassen  habe , um  auf  dem  Dromos  sich 
zu  üben,  (wie  auch  Euripides  a.  a.  O.  die 
Dromoi  mit  Leuke  identificiert,  das  sich  aber 
seiner  Natur  nach  wenig  dazu  eignet);  allein 
es  steht  aus  der  von  dem  Dromos  oder  den  Dro- 
iroi  gemachten  Beschreibungen  fest,  dafs  man 
allgemein  darunter  die  lange  schmale  Land- 
zungeverstand, welche  den  karkinitischen Meer- 
busen im  Nordwesten  begrenzend,  sich  südlich 
von  Olbia  und  der  Mündung  des  Borysthenes 
mit  dem  westlichen  Ende  weit  in  das  Meer, 
mit  dem  östlichen  in  den  genannten  Busen 
hineinerstreckt  und  nur  in  der  Mitte  durch 
einen  schmalen  Landstreifen  mit  dem  Fest- 
lande, dessenBewohner  Achillodromiten  hiefsen, 
in  Verbindung  steht.  Die  ausführlichste  Be- 
schreibung giebt  Pomp.  Mela  a.  a.  0. , der 
aufserdem  einzig  und  allein  den  Achill  das 
Wettrennen  auf  dem  Dromos  zur  Feier  eines 


Achilleus  (Kultus)  58 

über  Feinde  davongetragenen  Sieges  veran- 
stalten läfst,  während  die  andern  Airtoren  ihn 
zum  Vergnügen  sich  üben  lassen  (so  Plin.  4, 
12,  56).  Es  weist  dies  auf  eine  Sage  hin,  der 
zufolge  Achilles  schon  zu  seinen  Lebzeiten 
(vielleicht  während  des  troisclien  Krieges)  seine 
Siege  auf  einem  Dromos  durch  Wettrennen 
gefeiert  habe,  wozu  auch  Eurip.  Iph.  T.  435 
passen  würde,  da  der  Chor,  wie  aus  der  spä-^ 
teren  Frage  der  Ipliigeneia  537,  wo  Achill' 
jetzt  weile,  erhellt,  den  Glauben  der  Herrin  teilt, 
Achill  lebe  noch.  So  sind  denn  auch  die  d'gö- 
yot  nach  dem  Tode  ein  Nachklang  der  zu  Leb- 
zeiten veranstalteten.  Es  ist  daher  zweifellos, 
dafs  die  Bewohner  jener  Gegenden  von  Be- 
suchen und  Wettlaufen  Achills  auf  jener  Halb- 
insel auch  nach  seinem  Tode  gewufst,  und  die 
Dichter  von  ihnen  gesungen  haben  (vgl.  die 
ägofioL  des  Protesilaos  auf  der  thrakischen 
Chersones  am  Hellespont  bei  Philostr.  Heroic. 
663.)  Tzetzes  zu  Lykophr.  193  und  Eust.  zu 
Hionys.  Perieg.  307  führen  andere  Erklärungen 
dieses  Namens  an.  Jener  erzählt,  der  Dromos 
sei  nach  Achill  benannt  worden,  da  nur  er  ihn 
habe  durchlaufen  können ; dieser  berichtet, 
Achill  habe  in  Liebe  für  die  durch  Artemis  aus 
Aulis  nach  dem  Pontos  versetzte  Ipliigeneia 
entbrannt,  diese  bis  in  die  genannte  Gegend 
verfolgt.  Ferner  sei  der  bei  Tzetzes  zu  Lyk. 
192  erwähnten  Sage  noch  gedacht,  nach  wel- 
cher Achilles  auf  dem  Dromos  fünf  Jahre  lang 
die  von  Artemis  in  eine  alte  Frau  verwandelte, 
mit  dem  Schlachten  und  Kochen  der  geopferten 
Menschen  beschäftigte  Iphigeneia  beweint  habe. 
Zum  Schlufs  sei  noch  die  allgemeine  Bemer- 
kung des  Schot,  zu  Apollon.  Argon.  2,  658  er- 
wähnt, dafs  die  breiten  flachen  Ufer  an  den 
Mündungen  der  Flüsse  die  Laufbahn  des  Achilles 
genannt  würden,  vgl.  Forclihammer  Achill.  Kiel , 
1854,  p.  28  u.  Kiepert,  Lehrb.  d.  alt.  Geogr. 
p.  255  Anm.  4.  Noch  jetzt  kommt  der  (mo- 
derne) Name  Chilidromia  an  griechischen  Küsten 
oft  vor. 

Die  Hauptthätigkeit  des  Achill  aber  auf 
der  Pontosinsel  war  ohne  Zweifel  die  eines 
Beschützers  der  Seefahrt  und  Seefahrer  im 
Schwarzen  Meere,  eine  Thätigkeit,  welche  sich 
am  besten  gleich  im  Zusammenhänge  mit  den 
ihn  überhaupt  feiernden  Kulten  besprechen  lälst. 

III.  Der  Kultus  und  die  Kultusstätten 
des  Achilles. 

Dafs  Achilles  seit  alters  im  Schwarzen  Meere 
als  novrägxyg  gefeiert  wurde,  bezeugen  sowohl 
die  ihn  mit  diesem  Namen  bezeichnenden,  am 
Nordgestade  des  Pontos  gefundenen  Inschrif- 
ten C.  I.  Gr.  2 p.  87  n.  2076.  2077.  2080. 
2096  b—f,  als  auch  die  vielen  schriftlichen 
Zeugnisse,  welche  über  seine  Thätigkeit  «als 
Beschützer  der  Seefahrt  und  seinen  Kultus  da- 
selbst berichten.  Hiermit  ist  sicherlich  auch 
der  von  Ptolem.  Heph.  N.  II.  1 erwähnte  Bei- 
name Ugoyr]Q'Evg  in  Verbindung  zu  bringen. 
Dieser  Kultus  scheint  von  Milet  ausgegangen 
zu  sein,  wo  sich  auch  in  späterer  Zeit  eine 
nach  ihm  benannte  Quelle  befand  ( Tzetzes  zu 
Lykophr.  467.  Parth.  Erot.  26.).  Andere,  z.  B. 
Köhler  a.  a.  0.  p.  533,  nehmen  an,  der  Kultus 


59  Achilleus  (Kultus) 

des  Achilles  an  den  Küsten  des  Pontos  sei  äl- 
teren Datums ; nicht  von  den  milesischen  Küsten- 
fahrern sei  der  Kult  dorthin  verpflanzt  worden, 
sondern  sie  hätten  ihn  schon  vorgefunden.  Ich 
hingegen  glaube,  dafs  sie  nur  die  Sagen  von 
seiner  Thätigkeit  daselbst  vorfanden,  vgl.  Wel- 
cher ep.  Cycl.  2 p.  221  u.  Anm.,  welcher  die 
verschiedenen  Ansichten  zusammenstellt  und 
einer  Prüfung  unterwirft.  Durch  die  Pflanz- 
städte Milets  wurde  der  Kultus  wahrscheinlich  l 
zuerst  nach  dem  Hellespont  gebracht,  wo  in 
dem  von  Mytilene  und  Athen  gegründetem  in 
der  Nähe  seines  Grabhügels  gelegenem  Orte 
Ayjlltiov  von  den  Bewohnern  Trojas  regel- 
mäfsige  Totenopfer  dargebracht  werden,  Strabo 
13,  596  u.  Plin.  11.  N.  5,  125.  Solin.  Polyh. 
40,51.  Herodöt.  5,  94.  Pomp.  Mela  1,  18  Steph. 
Pys.  v.  Ayilltioq  ÖQiyiog.  Philostr.  V.  A.  T.  153. 
Eust.  in  II.  7,  v.  86  p.  666  1.  55.  In  dem 
Tempel  daselbst  stand  eine  Statue  des  Achilles  2 
mit  Ohrringen  versehen  Serv.  in  Verg.  Aen.  1, 
34.  Tertull.  de  Pall.  4,  19.  Allein  auch  aus 
der  Feme  wurde  dieses  gefeierte  Heiligtum 
durch  regehnäfsige  Theorieen  geehrt.  So  be- 
sonders von  Thessalien , dem  Heimatlande 
Achills  aus.  Die  ausführliche  Schilderung  dieser 
Sendungen,  sowie  ihre  Entstehung  giebt  Phil. 
Her.  741.  Das  Ganze  trug  den  Charakter  eines 
Trauerdienstes,  wie  wir  ihn  auch  anderswo 
treffen.  Von  einem  Dienste  elischer  Frauen  3 
an  einem  Kenotapli  des  Achilles  in  einem 
Gymnasion  in  Elis  berichtet  Paus.  6,  23 , 3. 
In  dem  Tempel  des  Achilleion  am  Sigeion 
erschien  der  Sage  nach  der  Held  im  vollen 
Waffenglanze  dem  Homer,  welcher  dadurch 
das  Augenlicht  verlor.  Westermann,  Biogr. 
p.  30,  20.  — Bei  der  Gründung  des  milesischen 
Byzantium  errichtete  Byzas  dem  Achilles  einen 
Altar  an  der  Stelle,  wo  später  die  Thermen 
des  Achilles  standen  Codin.  de  Orig.  Constan-  4 
tinop.  p.  2.  Hesych.  Miles.  Res  Patr.  Con- 
stantinop.  p.  47  ed.  Meursius.  Von  dem  Helles- 
ponte aus  verbreitete  sich  allmählich,  sicher- 
lich aber  schon  in  früher  Zeit,  sein  Kultus  an 
den  Küsten  des  Pontos  und  fafste  besonders 
am  kimmerischen  Bosporos  Fufs.  Von  den 
ältesten  milesischen  Kolonial städten  Istros,  01- 
bia  und  Apollonia,  deren  Gründung  zwischen 
650  und  500  v.  Chr.  fällt,  ist  vor  allen  Olbia 
als  Kultusstätte  des  Achilles  zu  nennen.  Er  5 
hatte  dort  einen  Tempel  und  eine  Priester- 
schaft Dio  Chr.  36  pp.  80  u.  85  C.  I.  Gr.  2 
introductio  p.  87  u.  p.  139  (tit.  2077).  Spiele 
wurden  ihm  zu  Ehren  daselbst  gefeiert  und 
der  Name  Ayillehq  war  sehr  beliebt.  Das 
Hauptheiligtum  des  Heros  aber  in  jenen  Ge- 
genden, dem  Achilleion  auf  dem  Sigeion  ver- 
gleichbar, scheint  die  kleine  Insel  gewesen 
zu  sein,  welche  am  Ausflusse  des  Borysthe- 
nes  liegt,  jetzt  den  Namen  Berezan  führt  und  e 
von  den  antiken  Schriftstellern  oft  mit  Leuke 
verwechselt  worden  ist,  vgl.  Köhler  a.  a.  0. 
p.  627  ff.  Die  Inschrift  C.  I.  Gr.  2,  2076  (p.  136) 
wurde  auf  dieser  Insel  gefunden;  der  Kultus 
auf  ihr  ist  sonst  noch  bezeugt  durch  Dio.  Chr. 
a.  a.  0.  p.  78  u.  85,  wo  sie  die  Achillesinsel  ge- 
nannt und  ein  Tempel  des  Heros  darauf  er- 
wähnt wird.  Vgl.  Skyl.  p.  30.  Strab.  2 p.  125. 


Achilleus  (Kultus)  60 

7 p.  306.  Epitom.  Strab.  86.  SJcytnn.  fr.  44. 
Dion.  Per.  541.  Arrian.  Peripl.  p.  21.  Paus. 
3,  19,  11.  Ptol.  3,  10,  17.  Mela  2,  7,  2.  Plin.  4, 
12,  26,  27.  Prise.  Pericg.  p.  557.  Martian. 
Capella  6,  663.  Die  Insel  ist  entweder  namen- 
los, oder  heilst  Borysthenis(PfoZew.  und  der  Epi- 
tom, d.  Strabo  a.  a.  0.),  Achillesinsel  oder  Acliillea, 
oder  wird  mit  Leuke  vor  der  Donaumündung 
verwechselt.  In  Verbindung  mit  ihr  wird  sehr 
0 häufig  und  wiederum  oft  verkehrterWeise  eine 
andere  Kultusstätte  des  Achilles  genannt,  der 
sogenannte  d'Qogoq  (oder  dpoftot)  des  Achilles, 
der  schon  oben  Erwähnung  gefunden  hat,  vgl. 
UJcert , Geogr.  d.  Gr.  u.  R.  3,  2 Abt.  p.  455. 
Kiepert , Lehrb.  d.  alt.  Geographie  p.  339,  Anm.  1. 
Besonderer  Berühmtheit  erfreute  sich  die  unter 
jenem  Namen  im  Pontos  gelegene  18  Meilen 
lange  schmale , nur  in  der  Mitte  mit  dem 
Festlande  verbundene  Düne,  die  sich  (jetzt  im 
0 westlichen  Teile  Tender,  im  östlichen  Djaril- 
aghatsch  genannt)  vor  die  Mündung  des  Bo- 
rysthenes  legt.  Die  Belegstellen  siehe  oben. 
Obwohl  die  Düne  durchaus  kahl  war,  führte 
doch  das  westliche  Vorgebirge  den  Namen 
'Hain  des  Achilles’  Strabo  7,  307.  9,  412.  Eust. 
ad  II.  2,  506  p.  270.  Auf  Tender  wurden  auch 
Marmorplatten  mit  Inschriften,  eine  Urne  mit 
Münzen  etc.  gefunden,  vgl.  Bulletin  des  sc.  histor. 
T.  9 p.  141  {Peter sb.  Zeitschrift).  Viele  Schrift- 
0 steiler  sind  sich  über  die  Lage  dieses  Dro- 
mos  im  Unklaren  geblieben,  daher  die  schwan- 
kenden und  irrigen  Angaben.  Die  Halbinsel 
war  unbewohnt,  die  Einwohner  des  angren- 
zenden Festlandes  hiefsen  Achillodromiten. 
Hierher  gehörten  die  Einwohner  einer  andern 
Kultusstätte  des  Helden:  auf  dem  östlichen 
Ufer  des  kimmerischen  Bosporos  an  der  eng- 
sten Stelle  des  Sundes  lag  der  befestigte  Ort 
AyBlsiov  mit  einem  Tempel  des  Achilles; 
0 Strabo  494.  Ptolem.  5,  9,  149.  Steph.  Byz. 
a.  a.  0.  Anonym.  Peripl.  p.  17,  3.  Den  glei- 
chen Namen  tragen  auch  befestigte  Orte  an- 
derwärts, einen  solchen  in  der  Nähe  von  Smyrna 
erwähnt  Xenoph.  Hellen.  3,  2,  13.  4,  8,  17; 
einen  zweiten  in  Sicilien  führt  an  Steph. 
Byz.  a.  a.  0.  Bei  Adramyttium  in  Mysien  War 
ein  befestigter  Graben,  dessen  Entstehung  man 
auf  Achill  zurückführte  • Strabo  613.  Eust. 
in  II.  7 v.  277.  p.  343.  Von  Inseln  aufser- 
0 halb  des  Pontos,  welche  Achill  verehrten  oder 
doch  mit  ihm  in  irgend  welchem  näheren  Zu- 
sammenhänge standen,  seien  erwähnt  die  Spo- 
rade  Astypalaea  {Cie.  de  nat.  deor.  3,  18,  45) 
und  Achillea,  Insel  bei  Samos  im  ägäischen 
Meere  Plin.  5,  37.  Den  Namen  des  Achilles 
(Ayü.Xsio?  hgfjv)  führte  ferner  ein  am  Taina- 
ronvorgebirge  gelegener  Hafen,  jetzt  Bucht 
Marinari  (Slyl.  Peripl.  46.  Paus.  3,  25,4),  jeden- 
falls mit  dem  von  Steph.  Byz.  a.  a.  0.  ange- 
0 führten  in  Messenien  gelegenen  identisch  (Bur- 
sian  Geogr.  v.  Griech.  2,  150.),  und  ein  Hafen 
auf  der  Ostküste  von  Skyros  (Ayü.lsiov , jetzt 
Bucht  Achili,  vgl.  Scliol.  II.  19,  326,  Bursian 
a.  a.  0.  2,  391).  Verehrung  fand  er  (nach 
Köhlers  Einend,  a.  a.  0.  p.  797  zu  Paus.  2, 
1,  8)  in  der  Nähe  von  Korinth  an  einem 
den  Nereiden  geweihten  Orte.  Unschwer  ist 
aus  den  bisher  erwähnten  Kulten  und  nach 


61  Achilleus  (Kultus) 

dem  Achilles  benannten  Ortschaften  dessen  enge 
Beziehung  zum  Meere  und  zum  Wasser  über- 
haupt zu  erkennen. 

Aber  auch  im  Binnenlande  wurden  ihm  gött- 
liche Ehren  an  verschiedenen  Orten  von  Grie- 
chen erwiesen.  Einen  Halbgott  nennt  ihn  Ar  ist. 
1,  374,  45  ed.  Par.  Schon  erwähnt  ist  der 
Trauergottesdienst  der  Frauen  in  Elis,  sowie 
seine  Verehrung  im  Geburtslande  durch  die 
Thessaler:  eine  Reiterstatue  von  ihm,  ein  Weih- 
geschenk der  Bewohner  von  Pharsalos,  stand 
in  Delphi  Paus.  10,  13,  5.  In  Epirus,  dem 
Lande,  welches  später  sein  Sohn  einnahm,  wurde 
er  unter  dem  Namen  Aanszog  als  Gott  ver- 
ehrt. Plut.  Pyrrh.  1.  vgl.  Aristot.  fr.  280b.  P. 
Ptolcm.  Heph.  N.  II.  1.  In  hohen  Ehren  stand 
er  ferner  bei  den  Lakedämoniern,  die  ihn  nach 
einem  Fragmente  des  Anaxagoras  ( Schol . Apoll 
Pli.  4,  815)  wie  einen  Gott  verehrten.  Nach 
Paus.  3,  20,  8 befand  sich  bei  Sparta  ein  Heilig- 
tum des  Achilles,  welches  nicht  geöffnet  werclen 
durfte.  Die  Epheben  aber,  welche  sich  in  Sparta 
amWettkampf^  beteiligen  wollten,  opferten  ihm 
vor  dem  Kampfe.  Prax,  der  Urenkel  des  Perga- 
mos,  des  Sohnes  desNeoptolemos,  sollte  das  Hei- 
ligtum gestiftet  haben.  Zu  Brasiai  hatte  er  mit 
Asklepios  zusammen  einen  Tempel,  wo  alljähr- 
lich ein  Fest  ihm  zu  Ehren  gefeiert  wurde, 
Paus.  3,  20,  8;  dasselbe  wird  von  der  Pflanz- 
stadt Tarent  berichtet  Aristotel.  mirabil.  auscult. 
4,  93,  48  P.  K.  0.  Müller , Aegin.  p.  1G2  geht 
sogar  so  weit  zu  behaupten,  Achilles  sei  von 
allen  Doriern  verehrt  worden;  vgl.  dagegen 
W i elcher  gr.  Götterlehre  3,  253.  Endlich  gab  es 
noch  in  der  Nähe  von  Tanagra  ein  ’A%ü.lsiov , 
einen  ihm  von  Poimandros  geweihten  Platz. 
Dieser  hatte  den  Polykritos  getötet;  Achill 
führte  ihn  zu  Elpenor  nach  Chalkis  und  dieser 
entsühnte  ihn.  Plut.  Qua.est.  Gr.  368,  44  Dübn. 
Sein  Speer  wurde  im  Tempel  der  Athene  zu 
Phaselis  in  Lykien  aufbewahrt.  Paus.  3,  3,  8. 

Den  gröfsten  Ruhm  aber  uncl  die  gröfste 
Verehrung  genofs  als  Kultusstätte  des  Achilles 
ohne  Zweifel  die  vor  den  Mündungen  des  Istros 
gelegene  Insel  Leuke  Eurip.  Androm.  1260. 
Pind.Nem.  4,  79.  Skyl.  ed.  Klaus,  p.  209.  Dcmetr. 
Galatian.  bei  Slcytnn.  Peripl.  43  u.  45.  Ly- 
Jcophr.  186.  Conon  narr.  18.  Strabo  2,  125  u. 
7,  306.  Ptolevi.  3, 10.  Aman.  Peripl.  Ponti  Eux. 
21.  cDafs  diese  unbedeutende  Felseninsel  den 
Griechen  so  wichtig  war,  erklärt  sich  auf  dop- 
pelte Weise.  Betrachtet  man  ihre  La, ge,  so 
sieht  man  bald,  sie  diente  in  dieser  Gegend, 
die  durch  niedrige  LTfer  an  den  Donaumün- 
dungen, durch  Sandbänke  und  Untiefen  ge- 
fährlich ist,  den  Alten,  die  immer  Küstenfahrer 
blieben,  als  Merkzeichen.  Die  Fahrten  in  den 
Pontos,  die  Anlage  der  Pflanzstädte  daselbst 
fallen  in  die  Zeit,  da  die  von  Homer  verherr- 
lichten Heroen  als  göttliche  Wesen,  als  Helfer 
in  der  Not  angesehen  und  verehrt  wurden. 
Wie  schon  der  erwähnte  Dichter  (Stesichoros) 
dem  Menelaos  nach  seinem  Tode  auf  einer 
Insel  im  Okeanos  seinen  Aufenthalt  bestimmte, 
so  wiesen  Spätere  dem  Achilles  und  anderen 
Inseln  und  Küsten  orte  in  dem  gefährlichen 
Pontos  an,  der  als  ein  anderer  Ocean  erschien, 
wo  sie  als  Retter  in  Gefahr  angerufen  wurden, 


Achilleus  (Kultus)  62 

denen  zu  entgehen  die  geheimnisvollen  Weihen 
in  Lemnos  und  Samotlirake  für  die  Seefahrer, 
am  Eingang  des  verrufenen  Meeres,  empfohlen 
wurden’.  U leert  a.  a.  O.  3,  2 p.  442. 

Die  Insel  wurde  von  Menschen  nicht  bewohnt 
(Skyl.  Car.  Peripl.  p.  30.  Arrian.  Peripl.  P.  E. 
p.  21.  Anonym.  Peripl.  P.  E.  p.  11.  Phil.  Her. 
746.  Ammian.  Mar  cell.  22  c.  8);  doch  bevöl- 
kerten sie  grofse  Scharen  von  Ziegen,  welche 
io  daselbst  von  den  Opfer  darbringenden  See- 
fahrern in  Freiheit  gesetzt  worden  waren  (Ar- 
rian. Peripl.  a.  a.  0.).  Die  hingegen,  welche  durch 
Sturm  dorthin  verschlagen,  brachten  Geld  dar 
mit  der  Bitte,  kund  zu  thun,  ob  das  Opfertier, 
welches  sie  sich  unter  den  daselbst  weidenden 
Ziegen  ausersehen,  genehm  sei.  War  das  Orakel 
mit  dem  gebotenen  Gelde  nicht  zufrieden,  so 
legten  sie  mehr  zu,  bis  es  genügend  war.  Dann 
stellte  sich  das  Opfertier  freiwillig.  Die  Insel 
20  galt  für  heilig  und  unverletzlich,  Pliil.  Iler.  248, 
und  wurde  nur  von  Schiffbrüchigen  und  solchen, 
welche  opfern  wollten,  aufgesucht,  selten  von 
Neugierigen  Max.  Tyr.  Diss.  15  p.  173;  jeden- 
falls brachten  auch  die  Einwohner  der  um- 
liegenden Küsten  von  Zeit  zu  Zeit  Opfer  dar, 
wenn  man  nicht  an  regelmäfsige  Theorieen 
denken  will  Quint.  Smyrn.  3,  777 — 779.  Eine 
Nacht  auf  der  Insel  zuzubringen  wagte  niemand 
Ammian.  u.  Phil.  Her.  a.  a.  0.  Nach  Phil.  Her. 
30  749  durfte  die  Insel  nicht  von  Frauen  betreten 
werden.  Siehe  ebendaselbst  die  Opferung  eines 
Mädchens  aus  Ilios,  des  letzten  Sprosses  des 
Priamidenhauses,  eine  Nachahmung  des  Opfers 
der  Polyxena  'durch  Achilles.  Mit  lauter 
Stimme  zeigte  Achill  den  Verschlagenen  an, 
an  welchem  Orte  der  Insel  sie  landen  sollten 
Phil.  Her.  748  oder  erschien  den  Seefahrern 
im  Traume,  um  ihnen  den  Ankerplatz  zu  weisen 
Arrian.  Peripl.  p.  22  ff.  Andere  sahen  ihn  mit 
40  Patroklos  zusammen,  wieder  andere  sahen  ihn 
in  der  Nähe  von  Leuke  auf  dem  Grofsmast 
oder  Klüverbaum  sitzend  Arrian.  Peripl.  p.  23, 
nach  Max.  Tyr.  Diss.  15,  173  als  jungen  schö- 
nen Mann  mit  blonden  Haaren  und  goldstrah- 
lenden Waffen.  Auf  der  Insel  selbst  befand 
sich  der  Tempel  mit  den  Altären,  um  die 
Opfertiere  aufzunehmen  Eurip.  Androm.  1260 
Solin.  Polyh.  c.  19  p.  29.  Arrian.  a.  a.  0.  p.  21. 
Anonym.  Peripl.  p.  11.  Paus.  19,  11.  Pliilostr. 
50  Her.  748,  749  u.  751;  die  Ruinen  des  aufser- 
ordentlich  alten,  mächtigen  kyklopenartigen 
Baues  sah  Köhler  a.  a.  0.  p.  602  ff.  In  dem 
Tempel  befand  sich  eine  Statue  des  Achilles 
Demetr.  Calatian.  ap.  Arrian.  Peripl.  P.  E.  22. 
Arrian.  a.  a.  0.  p.  11  und  Paus.  3.  19,  11,  ein 
. altes  Kunstwerk,  während  Pliilostr.  Her.  745 
von  den  vereinigten  Statuen  des  Achilles  und 
der  Helena  berichtet.  Aufserdem  barg  der 
Tempel  viele  kostbare  Weihgeschenke,  wel- 
oo  che  dem  Heros  als  Gaben  dargebracht  waren; 
ebenso  griechische  und  lateinische  Inschriften 
in  verschiedenen  Versmafsen,  die  das  Lob  des 
Achilles  und  Patroklos  sangen.  Vgl.  das  Epi- 
taphium bei  Aristot.  fr.  312  a.  318  «.  P.  Opfer 
und  Tempelschatz  beschreibt  Arrian.  a.  a.  0., 
welcher  auch  von  einem  mit  dem  Tempel  ver- 
bundenen Orakel  erzählt,  obgleich  die  Insel 
unbewohnt  war  und  einer  Priesterschaft  nir- 


Achilleus  in  d.  Kunst 


Achilleus  (Etym.  u.  Deutg.) 


64 


geuds  gedacht  wird  (siehe  oben).  * Nach  Ar- 
rian.  a.  a.  0.  und  Philostr.  Her.  746  dienten 
die  Meervögel  als  Tempelhüter.  Jeden  Mor- 
gen flogen  sie  aufs  Meer , benetzten  die 
Flügel,  flogen  dann  zum  Tempel  zurück,  be- 
sprengten ihn  und  kehrten  den  Fufsboden  mit 
den  Flügeln;  doch  wagten  sie  nie  über  den 
Tempel  hinwegzufliegen,  Plin.  N.  H.  10,  78. 
Solin.  Polyh.  19  p.  29.  Antig.  Caryst.  134. 
Diesen  Aufenthalt  teilen  aufser  Helena  nach 
Paus.  3,  19,  13  Patroklos,  Antilochos  und  die 
beiden  Äias.  Vgl.  aufserdem  Athen.  Deipnos. 
15  p.  695.  Strabo  7,  211.  Arrian.  Peripl.  P. 
E.  p.  21.  Conon  narrat.  18.  Eust.  ad  Dionys. 
Per.  545.  680.  692.  Niceph.  Blemm.  ad  Dionys. 
Per.  1 p.  414  ed.  Bernh. 

IY.  Achilles  in  der  bildenden  Kunst. 

Da  die  hauptsächlichsten  Kunstwerke  schon 
im  Vorhergehenden  bei  Besprechung  der  Mythen 
Erwähnung  gefunden  haben,  besonders  dann, 
wenn  sie  zur  Erläuterung  der  schriftlichen 
Überlieferung  dienten  oder  dieselbe  ergänzten, 
aufserdem  aber  ein  genaues  Eingehen  auf  das 
archäologische  Gebiet  weder  lripr  am  Orte  ist, 
noch  im  Vermögen  des  Verfassers  steht,  so 
sei  nur  noch  kurz  hingewiesen  auf  die  sta- 
tuarischen Darstellungen  des  Achill,  sowie  auf 
die  Hauptsammelwerke,  welche  sich  mit  den 
bildlichen  Darstellungen  des  Heros  des  nähe- 
ren befassen. 

Da  nach  Plin.  N.  II.  34,  5,  18  die  nackten 
Ephebenstatuen  mit  der  Lanze  in  der  Hand 
Achilleae  hiefsen,  so  läfst  sich  hieraus  ersehen, 
in  welcher  Weise  die  Antike  den  Helden  in  der 
Regel  zu  bilden  pflegte.  Als  Werke  hervorragen- 
der Künstler  sind  schon  erwähnt  die  in  Gruppen- 
bildern angebrachten  Statuen  von  Lykios  Paus. 
5,  22,  2,  von  Skopas  Plin.  36,  26  u.  Paus. 
8,  45,  7.  Eine  alleinstehende  (?)  Statue  des 
Achill  von  Silanion  führt  an  Plin.  34,  82.  Von 
unbekannter  Hand  sind  die  Statuen  im  Tempel 
der  Astarte  zu  ITierapolis  Lucian.  de  dea  Syr. 
40,  ein  dviovXog  bei  Christodor  291  nackt,  im 
Tempel  von  Sigeion  eine  Statue  mit  Ohrringen 
Serv.  Verg.  Aen.  1,  30,  ein  igoavov  ryg  nc/.Xctiäg 
ioyucPug  auf  Leuke  Arrian.  Peripl.  P.E.  p.  21  u. 
die  p.  61  Z.  9 erwähnte  Reiterstatue  zu  Delphi, 
auch  auf  Münzen  von  Pharsalos.  Die  charak- 
teristischen Kennzeichen  der  Bildung  des  Achil- 
les finden  sich  bei  Philostr.  imag.  2,  2 u.  7 
jun.  1.  Pleroic.  19,  5.  Biban.  ecphras.  6 und  be- 
sonders bei  Heliodor.  Aethiop.  2,  5.  Keine  der 
erhaltenen  Statuen  ist  sicher  als  die  des  Achill 
nachgewiesen ; genannt  seien  nur  der  sogenannte 
Ares  Ludovisi  und  Achilles  Borghese  in  Paris, 
letzterer  charakteristisch  durch  einen  gewissen 
sanften  und  melancholischen  Zug,  hier  für  Ares 
am  wenigsten  pafst,  aber  dem  Achill  wohl  von 
einem  Künstler  gegeben  sein  könnte’  ( K . 0.  Mül- 
ler, Handb.  d.  Arch.  d.  K.3  413,  2).  Die  be- 
stimmte Deutung  der  Statuen  wird  nämlich 
durch  die  Ähnlichkeit  der  Darstellung  mit  Mars 
erschwert.  Die  Dresdner  und  Münchner  Büste 
hängen  nach  Müller  mit  dem  Borghese  zusam- 
men und  fordern  gleiche  Deutung.  Ebenso 
zweifelhaft  ist  die  Deutung  der  schönen  Mar- 
morgruppe, die  unter  den  Namen  Pasquino  be- 


kannt ist;  vgl.  Overbeclc  a.  a.  0.  p.  551.  Taf. 
23.  Nr.  5.  Münzen  des  Pyrrlios  und  spätere 
thessalische  Münzen  zeigen  den  Kopf'  des  Achill 
B.  Bochette  Mon.  ined.  p.  411.  Vign.  15.  Der 
Schild  des  Achill  und  die  Kontroversen  dar- 
über sind  besprochen  v.  J.  Overbeclc  Gesch.  d. 
gr.  PI.2  1 p.  45  f. 

Die  sein  Leben  betreffenden  Bildwerke  sind 
zusammengestellt  v.  B.  Bochette  a.  a.  0.,  0. 
io  Midier  a.  a.  0.  413,  2 u.  415.  J.  Overbeclc , die 
Bildwerlce  zum  diebischen  und  troischen  Hel- 
denlcreis.  Friedrich  Schlie,  die  Darstellungen 
des  troischen  Sagenkreises  auf  etruskischen 
Aschenkisten.  Die  ganze  Cyklen  enthaltenden, 
sowie  die  einzelne  Scenen  seiner  Ansicht  nach 
unzweifelhaft  darstellenden  antiken  Bildwerke 
siehe  bei  Brunn  in  Paulys  Beal-Encyklopädie 
unter  Achilles  p.  89.  Das  Notwendigste  betreffs 
der  Bildwerke  ist  dem  Texte  an  entsprechender 
so  Stelle  beigefügt;  freilich  ist  das  Gegebene  lücken- 
haft und  unvollständig,  da  nur  ein  das  weit- 
schichtige Material  beherrschender  Fachmann 
hier  Erschöpfendes  zu  bieten  imstande  wäre. 

V.  Etymologie  des  Namens  und  Deutung 
der  ursprünglichen  Natur  des  Achilles. 

1)  Antike  und  den  antiken  sich  an- 
schliefsende  moderne  Deutungen. 

Die  verbreitetste  Ansicht  im  Altertume  war, 
30  dafs  der  Name  bedeute  hier  Betriiber  der  Hier’ 
diu  To  ciyog,  o ton  Xvnyv  snsvsynsiv  x oig  ’lh- 
tvaiv  Sch.  II.  1,  1.  Eustath.  z.  II.  14,  18,  eine 
Erklärung,  welche  schon  Kallimachos  hatte 
(Cramer  anecd.  Oxon.  4,  403,  27).  In  neuerer  Zeit 
ist  sie  wieder  aufgenommen  von  Pott , Kuhns 
Ztschr.  9,  211.  Ähnlich  ist  die  Deutung,  wel- 
che Eust.  a.  a.  0.  14,  13  giebt,  ano  xov  ciyog 
luXXsiv,  yyovv  Xvnyv  ifißdXlsiv , was  Benseler 
gebilligt  zu  haben  scheint,  der  das  Wort  mit 
40  'Schmerzer’  übersetzt.  Dagegen  siehe  Curtius 
Grundzüge  5 p.  119  Anm.  Eine  dritte  Zusam- 
mensetzung mit  ctyog  nimmt  an  die  Erklärung 
aus  uiog  Xuov  Sch.  II.  1,  1 Et.  M.  Eine  zweite 
beliebte  Deutung  war  dnb  tov  u ctsgyziv-ov 
nai  xov  %iXbg,  o taziv  y rav  anoQi'fuov  zQoepy 
Eust.  II.  14,  18.  So  Euphorion  Et.  AI.  v.  ’AyyX- 
Xsvg  und  Eust.  II.  15,  8 sg  <h&iyv  ytXov  nazyis 
nufinuv  dysvazog  Nonni  narr,  ad  Greg,  invect. 
1,  88  p.  157.  Eine  dritte  bei  Apollodor.  3,  13,  6 on 
50  re:  %DXy  yuGzoig  ov  i TQOGyvtyy.s  •,  vgl.  Tcrtull.  de 
pallio  4 'ille  ferarum  medullis  educatus,  unde 
et  nominis  consilium’.  Eine  vierte  bei  Tzetzes 
Lykophr.  178,  weil  er  durch  das  Feuer,  in  wel- 
ches ihn  Thetis  nach  der  Geburt  warf,  einer 
Lippe  beraubt  war.  So  der  pharsalisclie  Dich- 
ter Agamestor.  Eine  gleiche  Etymologie  des 
Wortes,  aber  auf  anderer  Deutung  fnfsend 
nimmt  an  Forclihammer,  Achill.  Kiel  1853  p.  62. 
Peleus,  der  lehmige  Flufs  (nyXög),  erzeugte  mit 
60  Thetis,  der  Läuferin  unter  den  Nereustöchtern 
(von  tH'co),  rden  Heros  der  Überschwemmung, 
des  mündungs-  und  lippenlosen  Flusses,  den 
Lippenlosen,  den  Achilleus,  von  die 

Lippe  und  dem  verneinenden  ci.  Die  Griechen 
nannten  die  Ufer  der  Flufsmündungen  Lippen’. 

2)  Moderne  Deutungen. 

Vgl.  hierüber  Curtius  a.  a.  0.  p.  119.  'Ge- 
rade in  der  Mehrdeutigkeit  eines  Wortes  liegt 


65 


Achilleus  nachhom. 


Adanos 


66 


ein  Hauptanlafs  zu  seiner  Schwerdeutigkeit. 
Die  etymologische  Wissenschaft  kann  also  in 
solchen  Fällen  sehr  oft  nur  die  Sphären  an- 
geben, innerhalb  welcher  die  Deutung  liegen 
kann,  nicht  diese  selbst  bieten’.  Infolgedessen 
läfst  Curtius  die  Deutung  zwischen  = 

’ExsXaog  Volkshalter  (so  Misteli,  Kulms  Ztschr. 
17  p.  186),  und  ’ExsXaog  Steinhalter  offen.  Die 
letztere  Erklärung  fafst  also  Achilles  als  einen 
Flufsgott.  Die  übrigen  Erklärer  lassen  sich  i 
in  drei  Gruppen  scheiden;  die  eine  erklärt 
ihn  für  einen  Flufsgott,  die  zweite  für  einen 
Lichtgott,  die  dritte  nimmt  eine  beide  Ele- 
mente vereinigende  Natur  als  das  ursprüng- 
liche an.  Für  den  Flufsgott  Achilles  tritt  am 
energischsten  ein  Forchhammer  in  der  oben 
erwähnten  Schrift  und  in  der  c Gründung  Roms\ 
Kiel  1868  p.  6 ff.  Viele  Anhänger  hat  die  Ver- 
mutung J,  Scaligers,  in  dem  ersten  Bestand- 
teile des  Namens  sei  das  Wort  'Wasser’,  2 
aqua,  gerade  so  wie  in  Acheloos  verborgen, 
vgl.  Lobeck,  Aglaoph.  p.  952 ; Welcher  gr.  Götter- 
lehre  3, 46  u.  Anm. ; derselbe  sagt  ep.  Cycl.  2,37. 
'Im  Sohne  der  Thetis  und  des  Peleus  erblicken 
wir  einen  Flufsgott.  — Aus  diesem  Dämon 
Achilles  mag  lange  vor  dem  troischen  Krieg  ein 
Myrmidonenheld  hervorgegangen  sein’.  Vgl. 
Preller  Gr.  Mytli.2  400  Anm.  1.  Kückert , Tro- 
jas Ursprung  p.  144.  Angermann,  Progr.  d. 
Landesschule  zu  Meilsen  1883  p.  11,  welcher  den  3 
Übergang  von  x in  % durch  nachfolgendes  Jr 
vermittelt  annimmt.  Dagegen  G.  Curtius  a.  a.  0. 
Fick,  Wörterbuch  d.  indogerm.  Grundsprache 3 
2,  8 erklärt  es  mit  rder  Dunkle’  {axXvg)  = 
aquilus.  Als  ursprünglichen  Lichtgott  fafst 
ihn  Sonne  Kulms  Ztschr.  10,  98,  der  den 
Namen  mit  'hell  leuchtend’  übersetzt.  M. 
Müller,  Vorles.  über  die  Wissenschaft  d.  Spr., 
deutsch  v.  C.  Böttger 2 2,  533  Anm.  68  stellt  ihn 
mit  dem  indischen  sterblichen  Sonnenheros  4 
Aliargu  zusammen.  Panofka , annali  dell'  Instit. 
Arcli.  5, 130.  7,  128  hält  den  die  Helena  {ZtXrjvri) 
verfolgenden  Achill  für  eine  männliche  Mond- 
gottheit. Eine  Doppelnatur,  die  eines  Strom- 
und  Sonnengottes,  nahm  an  Gerhard  gr.  Mytli. 

§ 878.  'Seines  Namens  und  Wesens  als  ein 
flutender  Lichtheros  (!)  gedeutet’.  887  'eineshei- 
misclien  Strom-  und  Sonnengottes  Abbild  in 
Kraft  und  Schnelle’.  896  'der  meerentsprossene 
Sohn  von  Peleus  und  Thetis  im  Sinn  des  5< 
schnellfüfsigen,  unwiderstehlichen,  wandelbaren 
Stromes,  auch  wohl  der  rasch  verflüchtigten 
Sonnenkraft,  die  er  ursprünglich  daheim  glei- 
cherweise bezeichnen  mochte’  (!).  Endlich  weist 
derselbe  a.  a.  0.  M.  P.  V.  2.  Anm  auf  den  in- 
dischen Feridan  und  germanischen  Siegfried  als 
Vorbilder  und  Widerspiele  des  griechischen 
Achill  hin.  Ganz  abweichend  von  den  genann- 
ten Erklärungen  und  sicherlich  falsch  ist  die 
von  Fligier,  zur  prähistorischen  Ethnologie  der  g> 
Balkanhalbinsel.  Wien  1877.  p.41  gegebene  Deu- 
tung. Achilleus  ist  ihm  eine  nichthellenische 
Gottheit.  'In  seinem  Namen  erinnert  er  an 
Ahi,  den  feuerspeienden  Drachen,  d.  h.  die 
dorrende  Hitze,  welcher  die  milchgebenden  Kühe, 
die  Regeuwolken,  geraubt,  und  in  den  Bergen 
eingeschlossen  hält.  Der  Bezwinger  des  Drachen 
(Ahi)  heilst  dann  Achilaras,  d.  h.  Drachen- 

Roscher,  Lexikon  der  gr.  u.  röm.  Mytkol. 


stein’.  Ohne  mich  auf  die  Etymologie  des 
Namens  einzulassen,  erkläre  ich  am  Schlüsse, 
dafs  mir  nach  den  oben  gemachten  Zusam- 
menstellungen von  Mythen  und  Kulten  die  ur- 
sprüngliche Bedeutung  des  Achilleus  als  Flufs- 
gott unzweifelhaft  zu  sein  scheint.  [Nachtrag 
zu  S.  64,  Z.  50:  Eust.  z.  II.  289,  36:  of  öl 
Ttahxioi  svQiQ'gvai  cpaoiv  iv  noXXoig  Ayafis- 
övvra  Xeyöfievov , aiorcsf)  hcu  zbv  ’AxiXXsa  ’A&g- 
Xsa  nocl  rov  KdXxavra  XäXncxvta.  Roscher.] 

[Fleischer.] 

Aclilys  ( AxXvg ) Trübsal,  Personifikation  der 
tiefsten  Trauer,  ausführlich  geschildert  von 
lies.  Scut.  Ilerc.  264  ff.  [Roscher]. 

Acionna,  Name  einer  gallischen  Göttin  auf 
einer  bei  Orleans  gefundenen  Inschrift  (Aug. 
Acionnae  sacrum  etc.  Orelli  - Henzen  1956). 
[Roscher], 

Acis  etc.  s.  Akis. 

Acoetes  (Anougg?).  1)  ein  Mäonier  (Lyder) 
oder  Tyrrhener  (nach  Ilerod.  1,  94  sollten  die 
Tyrrhener  (Etrusker)  aus  Lydien  eingewandert 
sein;  vgl.  Ov.  Md.  3,  583.  624.  u.  Hygin.  fab. 
134),  welcher  als  Steuermann  auf  einem  tyr- 
rhenischen Seeräuberschiffe  diente.  Als  seine 
Genossen  bei  einer  Landung  in  Keos  einen 
schönen  trunkenen  Jüngling  entführen  wollten, 
widersetzte  sich  Acoetes  diesem  Vorhaben,  weil 
er  in  dem  Knaben  den  Gott  Dionysos  erkannte, 
und  sollte  deshalb  von  den  übrigen  Seeräubern 
ins  Meer  geworfen  werden.  Da  offenbarte 
plötzlich  Dionysos  seine  göttliche  Macht:  das 
Schiff  stand  still  wie  in  einem  Dock,'  Weinre- 
ben rankten  sich  von  selbst  um  die  Ruder,  der 
Gott  selbst  stand  traubenbekränzt  und  den 
Thyrsus  schwingend  da,  von  Tigern,  Luchsen 
und  Panthern  umlagert,  und  wahnsinnig  oder 
erschreckt  sprangen  alle  Seeräuber,  in  Delphine 
verwandelt,  ins  Meer.  Nur  Acoetes  blieb  übrig 
und  folgte  fortan  dem  Gotte  als  Mitglied  sei- 
nes Thiasos.  So  erzählt  Dionysos  selbst  in  der 
Gestalt  des  Acoetes  dem  Pentheus  bei  Ovid 
{Met.  3,  582).  Dieselbe  Geschichte  findet  sich 
bei  Hygin.  fab.  134  (vgl.  Bunte  z.  d.  St.) , wo 
auch  ziemlich  dieselben  Namen,  wie  bei  Ovid, 
wiederkehren.  Vgl.  aufserdem  Hom.  hymn.  7 {in 
Bacchum),  Apollod.  3,  5,  3.  Aglaosthenes  bei Hyg. 
Astr.  2,  17.  Serv.  ad  Aen.  1,  67  (der  auch  auf  die 
Verwandtschaft  der  Tyrrhener  und  Lyder  [Mäo- 
nier] hinweist),  Mytli.  Vat.  1,  122;  2,  171  und 
die  schöne  bildliche  Darstellung  am  Denkmal 
des  Lysikrates  zu  Athen  bei  Müller-  Wieseler, 
JDenlcm.  d.  a.  K.  1 Taf.  37.  (Vgl.  Gerhard, 
Auserl.  Vasenbilctir  49).  — 2)  Evanders  Waf- 
fenträger und  nachher  Gefährte  seines  Sohnes 
Pallas.  Verg.  Aen.  11,  30.  85.  [Roscher], 

Adad  ( Adadus,  Aöaöovg (?)  Hesych.),  einheimi- 
scher Name  des  in  Rom  Juppiter  0.  M.  Helio- 
politanus  genannten  syrischen  Sonnengottes : 
Macrob.  S.  1,  23.  Plin.  H.  N.  37,  186.  Vgl. 
Zachar.  12,  10.  Movers  Phönizier  1,  196.  2, 
1,  513.  Preller , Röm.  M.  2 3,  402  ff  [Roscher]. 

Adamas  {Aöägag) , Troer , Sohn  des  Asios, 
von  Meriones  getötet:  II.  12,  140;  13,  560  ff 

[Roscher], 

Adanos  (Aöavog) , Gründer  von  Adana  in 
Kilikien,  Bruder  des  Saros,  Sohn  des  Uranos 
und  der  Ge.  Steph.  Byz.  s.  v.  ’Aöceva.  [Schultz.] 

3 


Addus 


67 

Addus,  Name  einer  wahrscheinlich  celtischen 
Gottheit  auf  einer  Inschrift  aus  Altripp.  Or- 
Henzen  5610:  I.  0.  M.  Addo  ex  voto  posuit 
pro  Salute  sua  suorumque  Marino  etc.  Henzen 
erklärt  im  Register  Addus  für  einen  Beinamen 
des  Juppiter.  Ygl.  Addua  = Adda,  Adduus 
(Veil.  2,  102),  Aduatuci.  [Steuding]. 

Adeona,  röm.  Göttin,  welche  ebenso  wie  die 
Abeona  (s.  d.)  die  ersten  Laufversuche  leitete. 
August,  de  civ.  d.  4,  21.  S.  Indigitamenta. 

[Roscher], 

Adepliagia  (’Aägcpciyi’ci) , die  Gefräfsigkeit, 
welche  in  einem  Tempel  Siciliens  verehrt  wurde : 
Polemon  b.  Ath.  416 b.  Ael.v.h.  1,27.  [Roscher], 

Adfereiula  s.  Indigitamenta. 

Ad  ganaae  deae  , wohl  celtische  Göttinnen 
auf  einer  Inschrift  aus  Galliano.  Labus,  Mo- 
num.  scoperti  in  Ganturio  p.  24:  Niger  Tertul- 
lius  Severus  Matronis  et  Adganais  V.  S.  L.  31. 
Orelli  2096  hat  dagegen  nach  Redaelli  „Ad- 
gnatu , liest  aber  im  Register  wie  oben.  Zu 
vergleichen  ist  vielleicht  die  gens  Adginnia, 
die  jedenfalls  auch  celtischen  Ursprungs  ist; 
vgl.;i Orelli  4018  u.  a.  [Steuding], 

Adiante  (’Aöiav rrf) , Tochter  des  Danaos  (s. 
Aigyptos).  Apollocl.  2 , 1 , 5.  [Roscher] . 

Admete  ('ASgytiq),  1)  Tochter  des  Okeanos 
und  der  Tethys:  Hesiod.  Theog.  3,  49.  Nom. 
hy.  in  Cer.  421.  Hyg.  fab.  praef.  p.  28  ed. 
Bunte.  — 2)  Tochter  des  Eurystheus.  Da  sie 
den  Gürtel  der  Amazonenkönigin  Hippolyte, 
welche  ihn  vom  Ares  als  Preis  ihrer  Tapfer- 
keit erhalten  hatte , zu  besitzen  wünschte , so 
wurde  Herakles  ausgesandt,  jenes  Kleinod  zu 
erkämpfen  ( Apollod . 2 , 5,  9).  Nach  Tzetzes  z. 
Lykophr.  1329  begleitete  Admete  den  Herakles. 
Ein  Relief  der  Villa  Albani  (Zoega  Bass.  2,  70) 
stellt  sie  dar,  wie  sie  dem  vergötterten  Hera- 
kles opfert.  Dies  lehrt  die  Inschrift:  'Hgug 
’Agys lag  isqsux  ’ASgdta  EvgvG&scog  Heil  Adfici-  < 
tag  rag  AficpiSägavrog  ( G . I.  Gr.  5984  G.,  vgl. 
Stephani  in  3Iem.  d.  Petersb.  Ali.  Ser.  6,  t.  8).  Wie 
in  dieser  Inschrift,  so  gilt  sie  auch  sonst  als 
Priesterin  der  argivischen  Hera  (Synlcell.  Chro- 
nogr.  p.  172  ed.  Par.  Euseb.  Ghron.  p.  33  Sylb.). 
Nach  einer  von  Athen.  672a  mitgeteilten  Legende 
soll  Admete  mit  dem  Kultbilde  der  Hera  von 
Argos  nach  Samos  geflohen  und  auch  hier 
Priesterin  der  Hera  in  ihrem  uralten  und  hoch- 
berühmten Heiligtume  geworden  sein.  Die  auf  £ 
den  samischen  Herakult  eifersüchtigen  Argi- 
ver  hätten  nun  Tyrrhenische  Seeräuber  überre- 
det, das  Kultbild  der  samischen  Hera  für  sie 
zu  rauben.  Als  die  Räuber  im  Begriffe  gewe- 
sen seien,  mit  ihrem  Raube  abzusegeln , habe 
plötzlich  das  Schilf  so  lange  unbeweglich  fest- 
gestanden, bis  das  Bild  wieder  ans  Ufer  ge- 
bracht worden  sei.  Hier  habe  es  Admete  am 
nächsten  Morgen  gefunden,  gereinigt  und  wie- 
der im  Tempel  aufgestellt.  Zum  Andenken  c 
an  diese  Begebenheit  aber  sei  ein  samisches 
Fest,  Tovscc  genannt,  gefeiert  worden.  Die 
Deutung  dieser  ätiologischen  Kultlegende  fin- 
det sich  bei  Welcher  in  Schwencks  etym.-mytli. 
Andeutungen  S.  276.  (Vgl.  auch  Welcher,  Göt- 
terl.  1,  368  u.  382,  Boscher,  Juno  u.  Hera  S.  78, 
sowie  den  Artikel  Hera).  — 3)  Tochter  des 
Amphidamas,  Gemahlin  des  Eurystheus,  Mut- 


Admetos  68 

ter  der  vorigen  (C.  I.  Gr.  5984  G.,  sonst  An- 
timache (s.  d.)  genannt.  [Roscher], 

Admetos  (ASgytog,  C.  I.  Gr.  8185  ’ 'Aagrizog ). 
1)  Sohn  des  Pheres  und  der  Periklymene  oder  Kly- 
mene,  König  von  Pherai  in  Thessalien,  Teilneh- 
merander kalydonischen  Jagd  und  am  Argonau- 
tenzug (Apollod.  1,  8,  2,  4 u.  9,  6,  8.  Hygin.  f.  14. 
173.  Pind.  Pyth.  4,  224.  Sopli.  Benin,  fragin. 
353.  Apoll.  Bh.  Arg.  1,  49.  Val.  F.  Arg.  1, 
444.  Orpheus  Arg.  176.  Stat.  Theb.  5,  435).’ 
Nachdem  er  Herrscher  von  Pherai  geworden, 
bewirbt  er  sich  neben  vielen  andern  Jünglin- 
gen um  die  eine  Tochter  des  Pelias,  Alke°stis; 
als  der  Vater  sie  nur  dem  geben  will,  welcher 
Löwen  und  Eber  (Apollod.  1,  9,  14)  oder  über- 
haupt wilde  Tiere  (Hygin.  f.  50  u.  51)  an  den 
Wagen  geschirrt  habe,  spannt  Apollon  einen 
Eber  und  Löwen  an  einen  Wagen  und  über- 
giebt  ihm  diesen;  damit  gewinnt  Admetos  die 
> Alkestis  in  Jolkos  (Scliol.  Eur.  Ale.  254)  und 
führt  sie  nach  Hause.  Apollon  beweist  sich 
dem  Admetos  hilfreich , weil  er  während  des 
einjährigen  Dienstes  in  Pherai  (Eurip.  Ale.  8. 
Luc.  de  sacr.  4.  Jup.  conf.  8.  Hiodor.  6,  7,  6. 
Ovid.heroid.  5,151.  Sero.  Verg.  Ae.  7,761),  zu 
dem  er  von  Zeus  wegen  der  Tötung  der  Ky- 
klopen  oder,  nach  Pherekydes,  der  Söhne  der 
Kyklopen  (Schol.  Eitrip.  Ale.  1.  Lucan.  Pliars. 
6,  368.  u.  Schol.  Apollod.  3,  104.  Hygin.  f.  49) 
i verurteilt  ist,  den  König  wegen  der  freundli- 
chen Behandlung  liebgewonnen  hat,  oder  weil 
er  ein  Liebhaber  des  Admetos  ist  (Gallim. 
hymn.  ad  Ap.  47.  Plut.  Numa  4.  Nonn.  Dion. 
10,  323.  Tibull.  2,  3,  11.  Ovid.heroid. 

Nach  Diodor  4,  53,  2 wird  Alkestis  erst  nach 
dem  Tode  des  Pelias  als  Gattin  dem  Admetos 
von  Iason  übergeben.  — Bei  der  Hochzeit  ver- 
gafs  er  der  Artemis  zu  opfern,  deshalb  fand 
er  sein  Brautgemach  mit  Schlangenknäueln  an- 
gefüllt.  Apollon  versprach  ihm  die  Schwester 
zu  versöhnen,  und  zugleich  erbat  er  von  den 
Moiren,  dafs,  wenn  Admetos  sterben  sollte,  er 
vom  Tode  verschont  bliebe,  sobald  jemand  frei- 
willig für  ihn  in  den  Tod  ginge.  Nach  Aesch. 
Eum.  172.  723.  728  hatte  Apollon  die  Moiren 
trunken  gemacht  und  in  der  Trunkenheit  ihnen 
das  Versprechen  abgenommen.  Als  der  Todes- 
tag für  Admetos  kam,  und  der  Vater  Pheres 
samt  der  Mutter  trotz  ihres  Greisenalters  sich 
weigerten  sich  zu  opfern,  erlitt  Alkestis  für 
ihren  Gatten  den  Tod;  sie  wurde  aber  von 
Herakles  dem  Tode  wieder  abgerungen,  oder 
Kore  schickte  sie  wegen  ihrer  Gattentreue  wie- 
der an  die  Oberwelt.  — - Nach  Stat.  Theb.  6, 
332  nimmt  Admetos  bei  der  Einsetzung  der 
nemeischen  Spiele  am  Wagenwettrennen  teil. 
Ebenso  beteiligt  er  sich  auf  dem  Kypselos- 
kasten  (Paus.  5,  18,  10)  an  den  Leichenspielen, 
die  zu  Ehren  des  Pelias  gefeiert  werden;  am 
Thron  des  Amykläischen  Apollo  spannt  er  Eber 
und  Löwen  an  den  Wagen  (Paus.  3,  18,  9). 
Auf  einem  römischen  Stuckrelief  (Ann.  d.  Inst. 
1860  S.  227)  fährt  er  mit  einem  Wagen,  dem 
ein  Löwe  und  ein  Eber  vorgespannt  ist,  zu 
Pelias,  der  ihn  auf  dem  Throne  sitzend  erwar- 
tet; neben  ihm  steht  Alkestis.  Über  den  Tod 
und  die  Rückkehr  der  Alkestis,  sowie  über  die 
Mythendeutungen  s.  u.  Alkestis. 


Adolenda 


69 

Nach  Phanodemos  ( Scliol . Aristoph.  vesp. 
1239)  wird  Admetos  im  Alter  aus  Pherai  ver- 
trieben und  kommt  mit  der  Alkestis  und  sei- 
nem jüngsten  Sohn  Hippasos  nach  Athen  zu 
Theseus,  um  ihn  um  Schutz  und  Hilfe  anzu- 
flehen; er  erhält  mit  seiner  Familie  Wohnung 
in  Attika.  Auf  diese  Ankunft  des  Admetos  in 
Athen  wird  ein  in  Athen  vielfach  gesungenes 
Skolion  bezogen , ’Ad'firjtov  Xöyog  oder  ysXog. 
Vgl.  Schol.  Aristoph.  Ach.  980.  Vielleicht  hängt 
mit  dieser  Vertreibung  des  Admetos  die  von 
Parthen.  erot.  5 erwähnte  Thatsache  zusam- 
men, dafs  Admetos  den  zehnten  Teil  seiner 
Unterthanen  unter  Führung  des  Leukippos  aus 
der  Stadt  fortsendet.  — Die  Kinder  des  Adme- 
tos sind  Eumelos  {II om.  B 714.  W 289),  Peri- 
mele , Gattin  des  Argos  (Sohn  des  Plirixos) 
(Anton.  Lih.  c.  23),  und  Hippasos,  s.  o.  Vgl. 
noch  Epictet.  diss.  2,  22,  11;  3,  20,  7.  [Vgl. 
auch  K.  Bissel,  d.  Mythos  v.  Admetos  u.  Al- 
kestis, Progr.  v.  Brandenburg  1882,  Koscher.] 
— 2)  Sohn  des  Augeias  (oder  aus  Argos),  ein 
Grieche , kämpft  vor  Troia  und  verwundet  im 
nächtlichen  Kampf  den  Meges , nach  Lesches’ 
Dichtung.  Paus.  10,  25,  5.  — • 3)  Ein  Trojaner, 
bei  der  Einnahme  der  Stadt  gefallen,  in  einem 
Gemälde  des  Polygnotos  in  Delphi.  Paus. 
10,  27,  1.  [Engelmann]. 

Adolenda,  eine  römische  Gottheit  des  Ver- 
brennens, welche  zusammen  mit  der  Commo- 
lenda  und  Deferunda  bei  dem  Hinwegräumen, 
Zerhacken  und  Verbrennen  eines  auf  dem  Gie- 
bel des  Tempels  der  Dea  Dia  gewachsenen 
Feigenbaumes  von  den  Arvalischen  Brüdern 
angerufen  wurde.  Preller  r.  Mytli.  3,  2,  228. 
s.  Indigitamenta.  [Koscher). 

Adon  = Adonis  (s.  d.). 

Adoneus  = Adonis.  Plaut.  Men.  1,  2,  35. 
Catull.  29,  8.  [Roscher]. 

Adonios  (AScaviog)  = Adonis.  Beide.  Anecd. 
34G,  1.  [Roscher]. 

Adonis  ("-A8 covig,  -id'og,  auch  ’Aäcov  ('Ad W? 
vgl.  Meineke  z.  Tlieokr.  15,  149),  -covog  lat.  Ado- 
nis, -is  und  -idis  oder  Adon,  -onis).  Mythus: 
Der  älteste  Dichter,  welcher  des  Adonis  ge- 
denkt, ist  Hesiod  (b.  Apollocl.  3,  14,  4;  vgl. 
Prob.  z.  Verg.  Eclog.  10, 18),  der  ihn  den  Sohn 
des  Phoinix  und  der  Alphesiboia  nennt.  Da- 
gegen war  er  nach  Panyasis  (b.  Apollod.  a.  a. 
O.;  vgl.  auch  Anton.  Lib.  34)  der  Sohn  des  sy- 
rischen Königs  Theias  und  seiner  Tochter 
Smyrna  (oder  Myrrha) , nach  Antimachus  (b. 
Probus  z.  Verg.  Ed.  10,  18)  der  Sohn  des  phö- 
nikisclien  Königs  Agenor,  nach  Zoilos  (Etym. 
M.  117,35)  der  Sohn  der  Aoa  und  des  Theias, 
nach  kyprischer  Sage  des  Kinyras  (Gründers  von 
Paphos)  und  derMetharme  (Apollod.  3,  14,  3), 
nach  Philostephanos  (b.  Prob.  z.  Verg.  Ed.  10, 
18)  endlich  des  Zeus,  von  diesem  allein,  ohne 
Umgang  mit  einer  Frau,  erzeugt.  Seine  Ge- 
schwister waren  nach  Apollod.  3,  14,  3 Oxy- 
poros,  Orsedike,  Laogone  und  Braisia.  Seine 
Schwestern  sollen  sich  infolge  des  Zornes  der 
Aphrodite  mit  fremden  Männern  gepaart  haben 
und  in  Ägypten  gestorben  sein.  Der  erste  voll- 
ständige Mythus  von  Adonis  findet  sich  bei 
Apollod.  a.  a.  0.,  der  wahrscheinlich  aus  Pany- 
asis schöpfte.  Danach  wurde  Smyrna  von  der 


Adonis  (Mythus)  70 

erzürnten  Aphrodite  zu  verbrecherischer  Liebe 
zu  ihrem  eigenen  Vater  Theias  entflammt. 
Mit  Hilfe  ihrer  Amme  (Hippolyte  nach  Anton. 
Lib.  Transf.  34)  gelang  es  ihr  zwölf  Nächte 
ihren  Vater  zu  täuschen.  Als  dieser  endlich 
seine  Tochter  erkannte  , verfolgte  er  sie  mit 
gezücktem  Schwerte,  jene  aber  flehte  zu  den 
Göttern  um  Rettung.  Von  diesen  ward  sie  in 
einen  Myrrhenbaum  verwandelt.  Zehn  Monate 
darauf  barst  der  Baum,  und  Adonis  ward  ge- 
boren. Aphrodite  aber,  von  seiner  Schönheit 
gerührt , verbarg  das  Kind  in  einem  Kasten 
und  übergab  ihn  heimlich  vor  den  übrigen 
Göttern  der  Persephone,  welche  den  Adonis, 
als  sie  seine  Schönheit  erblickte,  nicht  wieder 
herausgeben  wollte  (vgl.  darüber  Greve,  de 
Adonide  p.  14).  Den  darauf  entstandenen  Streit 
der  beiden  Göttinnen  schlichtet  Zeus  (oder  Kal- 
liope im  Aufträge  des  Zeus  nach  Hyg.  P.  Astr. 

2,  7 und  einem  Vasengemälde  bei  Heydemann, 
Vasensammlung  des  Museo  Nazionale  zu  Nea- 
pel, Berl.  1872,  No.  702)  durch  den  Ausspruch, 
dafs  Adonis  fortan  je  ein  Drittel  des  Jahres  für 
sich,  bei  der  Persephone  und  bei  der  Aphrodite 
leben  sollte.  Adonis  aber  beschlofs  immer  zwei 
Drittel  des  Jahres  bei  Aphrodite  und  ein  Drit- 
tel bei  Persephone  in  der  Unterwelt  zu  weilen 
(vgl.  Schol.  z.  Tlieokr.  id.  3 , 48.  Hyg.  f.  251 
u.  Orpli.  h.  55,  10).  Später  wurde  er  infolge 
des  Zornes  der  Artemis  auf  einer  Jagd  von 
einem  Eber  getötet. 

Dieser  ziemlich  einfache  Mythus  bei  Apol- 
lodor ist  nun  später , wie  es  scheint,  in  man- 
nigfacher Weise  ausgeschmückt  und  erweitert 
worden.  Nach  Hyginus  (fab.  58  u.  161)  soll 
Kenchreis,  die  Gemahlin  des  Kinyras  und  Mut- 
ter der  Smyrna,  die  Aphrodite  dadurch  belei- 
digt haben,  dafs  sie  ihre  Tochter  für  schöner 
als  die  Göttin  erklärte.  Als  Smyrna,  von  dem 
Bewufstsein  ihrer  verbrecherischen  Leidenschaft 
erfüllt,  sich  habe  hängen  wollen,  sei  ihre  Amme 
dazu  gekommen  und  habe  ihre  Liebe  zu  be- 
friedigen gewufst.  Aus  Scham  habe  sich  da- 
rauf Smyrna  in  Wäldern  verborgen  gehalten 
und  sei  hier  aus  Mitleid  von  Aphrodite  (nach 
Anton.  Lib.  Transf.  34  von  Zeus)  in  den  Baum 
verwandelt  worden,  aus  dem  die  Myrrhe,  ein 
wohlriechender  Balsaan,  hervorquillt.  Als  der 
Vater  diesen  Baum  mit  seinem  Schwerte  ge- 
spaltet habe,  sei  Adonis  geboren.  (Vgl.  auch 
Serv.  z.  Verg.  Aen.  5,  72  u.  Fulgentius  Mytli. 

3,  8).  Der  Schol.  zu  Tlieokr.  icl.  1,  107  giebt 
als  Grund  des  Zornes  der  Aphrodite  an,  dafs 
Myrrha  ihre  Haare  für  schöner  als  die  der 
Göttin  erklärt  habe.  Lactant.  Plac.  10  fab.  9 
(vgl.  10,  10)  berichtet,  Aphrodite  sei  auf  die 
Schönheit  der  Mutter  der  Smyrna,  Kenchreis, 
eifersüchtig  gewesen;  Servius  z.  Verg.  Ed.  10, 
18,  nicht  Aphrodites,  sondern  des  Sonnengot- 
tes Zorn  habe  Smyrna  ins  Verderben  gestürzt. 
Mit  ganz  besonderer  Vorliebe  haben  spätere 
Dichter  und  Schriftsteller , namentlich  Ovid, 
darzustellen  versucht,  auf  welche  Weise  die 
Amme  die  verbrecherische  Neigung  der  Myrrha 
erfahren,  sie  zu  befriedigen  und  den  Vater  zu 
täuschen  gewufst  habe  (Ovid.  Met.  10,  435  f. 
Anton.  Lib.  Transf.  34.  Theodor,  b.  Stob.  serm. 
64,  34.  Schol.  z.  Oppian.  Halieut.  3,  403.  Serv. 

3* 


71  Adonis  (Mythus) 


Adonis  (Beinamen)  72 


z.  V erg.  Ecl.  10,  18),  während  nach  anderen 
Myrrha  ohne  Beihilfe  der  Amme  den  Vater 
trunken  gemacht  haben  soll  ( Hygin . fab.  164°. 
Servius  ad  Aen.  5,  72.  Fulgent.  Myth.  3,  8. 
Nicephorus  Progymn.  2,  2,  bei  Walz  Bhet.  Gr. 

1,  p.  430). 

Ebenso  gab  es  auch  in  betreff  der  Geburt 
des  Adonis  mannigfache  Versionen.  So  erzäh- 
len Ovid.  Met.  10,  505.  Tzetzes  z.  Lylcophr.  v. 
829.  Nicephorus  a.  a.  0.  Doxopater  b.  Walz  io 
Bhet.  Gr.  2 p.  246  übereinstimmend  mit  Apol- 
lodor, dafs  Adonis  a,us  der  von  selbst  gebor- 
stenen Rinde  des  Myrrhenbaumes  geboren  sei, 
während  Servius  (z.  Verg.  Aen.  5,  72  u.  Ecl. 

10, 18)  berichtet,  dafs  ein  Eber  dieselbe  mittelst 
seines  Zahnes  oder  der  Vater  mit  seinem 
Schwert  (s.  oben)  gespalten  habe.  Nach  Ovid. 
Met.  10,  514  u.  Servius  Ecl.  10,  18  wurde  das 
eben  geborene  Kind  von  Nymphen  erzogen. 
Mit  grofser  Übereinstimmung  wird  berichtet,  20 
dafs  Adonis  ein  wunderschöner  jugendlicher 
Hirte  oder  Jäger  gewesen  und  von  Aphrodite 
innig  geliebt  worden  sei  ( Theolcr . id.  1,  109. 

з,  46  u.  Schol.  20,  34,  15,  84.  Mosch.  5,  35. 
Uv.  Met.  10,  525.  Orph.Hy.  66,  7.  Grat.  Fal. 
Gyneg.  66.  Io.  Damascenus  Vita  Barlaam 
in  Boissonade  Anecd.  Gr.  4,  248;  mehr  b. 
Gr.eve  de  Adonide  S.  11  Anm.  2 u.  3).  Ver- 
geblich ermahnte  Aphrodite  ihren  Liebling 
vorsichtig  zu  sein:  auf  einer  Jagd  wurde  er  so 
von  einem  Eber  am  Knie  verwundet  und  starb 

( Theocr.  id.  30.  Bion  epit.  Adon.  7 f.  Ov.  Met. 

10,  710f.  Propert.  3,  5,  37  cd.  Müller.  Apol- 
lod.  3,  14,  4.  Plut.  symp.  4,  5.  Macrob.  Sat. 

1,  21,  4 Jo.  Damascenus  a.  a.  0.  Greve  S.  11 
Anm.  4). 

Auch  über  die  eigentliche  Ursache  seines 
Todes  existieren  verschiedene  Überlieferungen. 
Nach  einigen  soll  der  auf  Adonis  eifersüchtige 
Ares  den  Eber  gesandt  oder  sich  selbst  in  den-  40 
selben  verwandelt  haben  ( Tzetzes  z.  Lylcophr. 
831.  Serv.  z.  Verg.  Aen.  5 , 72.  z.  Verg.  Fel. 

10,  18.  Schol.  Theocr.  1,  3 u.  47.  Jul.  Firmi- 
cus  de  err.  prof.  rel.  9.  Eudocia  Viol.  1,  p.  24  f. 
Nonnus  Dion.  41,  209.  Aphthonius  Progymn.  2 
( Walz  1,  61).  Anthol.  Lat.  ed.  Biese  n.  4 , 20 

и.  s.  w.  Greve  a.  a.  0.  S.  12);  nach  anderen 
veranlafste  Artemis,  die  Göttin  der  Jagd,  den 
Tod  des  Adonis  ( Apollod . 3,  14,  4.  Anthol.  Lat. 
ed.  Biese  n.  68),  nach  Ptol.  Hephaistion  (1,  p.  50 
183 , 12  ed.  Western.) ; endlich  tötete  ihn  der 
in  einen  Eber  verwandelte  Apollon,  um  seinen 
Sohn  Erymanthos  zu  rächen,  den  Aphrodite, 
weil  er  sie  im  Bade  erblickt , mit  Blindheit 
geschlagen  hatte.  Eine  ganz  abweichende  Ver- 
sion der  Adonissage  s.  b.  Serv.  z.  Verg.  Ecl. 
10,  18. 

Als  der  Ort,  wo  die  für  Adonis  so  verhäng- 
nisvolle Jagd  stattfand,  wird  von  Propert.  3, 

5,  38  M.  Idalion,  vom  Schol.  z.  II.  5 , 385  der  go 
Libanon  angegeben.  Auf  den  Libanon  weist 
auch  die  von  Lucian  ( de  dea  Syria  8.  vgl.  Stra- 
bon  755.  v.  Baudissin,  Stud.  z.  semit.  Beligions- 
gesch.  2,  159  f.)  überlieferte  Beobachtung  der 
Byblier , dafs  eine  rötliche  Färbung  des  an 
Byblos  vorüberfli eisenden  Adonis  regelmäfsig 
in  den  Tagen  eintrete,  in  welchen  der  Tod  des 
Adonis  gefeiert  wurde. 


Auch  ein  paar  sinnreiche  Pflanzensagen 
haben  sich  an  den  Mythus  vom  Tode  des  Ado- 
nis angeschlossen.  So  wurde  der  balsamische 
Saft , welcher  jedes  Jahr  aus  der  Rinde  des 
Myrrhenbaumes  hervorquillt  , Thränen  der 
Myrrha  genannt  (Anton.  Lib.  Tr  ans f.  34.  Co- 
lum.  de  r.  r.  10,  172.  Opp.  Hai.  3,  403  u. 
Schol.  Avienus  descr.  orb.  terr.  b.  Wernsdorf 
Poet.  Lat.  min.  5 p.  791  v.  1113.  Schol.  z.  II. 
18,  6).  Von  der  Rose  wurde  erzählt,  sie  sei 
ursprünglich  weifs  gewesen,  aber  als  sich  die 
ihrem  sterbenden  Liebling  zu  Hilfe  eilende 
Aphrodite  an  einem  Dorn  den  Fufs  verletzt 
habe , durch  deren  Blut  rot  gefärbt  worden 
(Paus.  6,  24,  7.  Tzetzes  z.  Lylcophr.  831.  Aph- 
thonius Progymn.  2.  West  ermann  Mythogr.  p. 
359.  Philostr.  cp.  1 u.  s.  w.  s.  Greve  a.  a.  0. 
p.  11  ff.).  Endlich  wurde  die  Entstehung  der 
Anemone  mit  dem  Tode  des  Adonis  in  Ver- 
bindung gebracht.  Nach  Ov.  Met.  10,  735 
sprofst  sie  aus  dem  Blute  des  sterbenden  Ado- 
nis hervor,  während  Bion  Id.  1,  72  singt:  So- 
viel Blut  dem  Adonis  entströmt,  soviel  Thrä- 
nen der  Göttiü.  Rosen  entblühten  dem  Blut 
und  Anemonen  den  Thränen. 

Zu  Ehren  ihres  schönen  Lieblings  soll  Aphro- 
dite nach  Ov.  Met.  10,  725  f.  ein  Trauerfest 
gestiftet  haben.  Einige  spätere  Schriftsteller 
fügen  der  Erzählung  vom  Tode  des  Adonis 
noch  hiozu,  Aphrodite  sei  untröstlich  über 
ihren  Verlust  in  die  Unterwelt  hinabgestiegen 
und  habe  hier  die  Rückkehr  des  Adonis  auf 
die  Oberwelt  erwirkt,  und  so  habe  dieser  fort- 
an entweder  zwei  Drittel  oder  die  Hälfte  des 
Jahres  bei  jener  Göttin  verlebt.  (. Theocrit . id. 
15,  102.  136  f.  144.  Hygin.  f.  251.  Orplnc.  liy. 
56,  10.  Glaudian,  in  nupt.  Honor.  et  Mar.  fesc. 
1,  16.  Jo.  Damascenus  b.  Boissonade  Anecd.  gr. 
4,  248).  Von  der  Liebe  der  Persephone  zum 
Adonis  handeln  folgende  Stellen  (vgl.  Greve  a. 
a.  0.  p.  14):  Orpli.  hy.  56,  9.  Ausonius  epit. 
in  Glauciam.  Id.  Cupido  cruci  affixus  v.  57  f., 
Clemens  Al.  Protr.  p.  21 C.  Sylb.  Just.  Mar- 
tyr , Apol.  1 , 33.  Anthol.  Gr.  ed.  Jacobs  5, 
289,  9).  Weitere  Adonissagen  s.  bei  Greve  a. 
a.  0.  15  ff. 

Als  Söhne  des  Adonis  sind  zu  erwähnen: 
Priapos,  den  Aphrodite  nach  ihrem  Umgänge 
mit  Adonis  und  Dionysos  geboren  haben  soll 
(vgl.  Etym.  M.  s.v.  ’AßagriSa.  Eudocia  Viol.  s.  v. 
"Adcovie.  Tzetzes  z.  Lylcophr.  v.  831.  Schol.  z. 
Theolcr.  id.  1,  81.  Schol.  z.  Apoll.  Bli.  1,  932), 
ferner  Golgos,  der  Eponymos  von  Golgoi  auf 
Cypern  (Schol.  z.  Theolcr.  id.  15,  100),  endlich 
Hystaspes  und  Zariadres  (Ghares  Mytil.  b.  Athen. 
p 575).  Eine  Tochter  des  Adonis  Beroe  er- 
wähnt Nonn.  Dion.  41 , 155  u.  ö.).  inbetreff 
der  verschiedenen  Dichter  (Sappho , Panyasis, 
Praxilla  u.  s.  w.)  und  Rhetoren,  welche  den 
Adonismythus  behandelt  haben,  s.  Greve  a.  a. 
0.  18  ff. 

Namen  und  Beinamen  des  Adonis.  Über 
die  verschiedenen  Formen  des  Namens  Adonis 
selbst  s.  oben.  Sie  alle  gehen  zurück  auf  das 
phönikische  Wort  Adon  Herr,  welches  übrigens 
auch  ein  ehrendes  Epitheton  anderer  Götter 
war.  (Vgl.  von  Baudissin  Studien  z.  semit.  Be- 
ligionsgesch.  Leipz.  1876  1,  S.  299  f.).  Aufser- 


73 


Adonis  (Kult) 


74 


dein  kommt  noch  der  ebenfalls  phönikische 
Name  riyyQag  in  Betracht,  der  von  yiyypag 
oder  yiyygog  Flöte  abzuleiten  ist  und  den  Gott 
als  einen  mit  Flötenspiel  gefeierten  bezeichnet 
( Pollux . On.  4,  10.  Athen.  174).  In  Cypern 
hiefs  Adonis  Kiqig  oder  Kvoig  ( Hesych . u.  Etym. 
AI.  s.  v.),  rav org  {Tzetzes  z.  Lylcophr.  831)  und 
TJvyfiaicov  {Ilvyyah'uivl  Vgl.  Hesych.  s.  v.), 
in  Perga  ’Aßcoßdg  {Hesych.  u.  Etym.  AI.  s.  v.), 
ein  Name,  den  Engel,  Movers  und  Preller  wohl 
mit  Recht  vom  semitischen  abub  (ambub)  Flöte 
ableiten  wollen  (vgl.  die  collegia  Ambubaiarum 
b.  Horat.  S.  1,  2,  1).  Noch  andere,  wahr- 
scheinlich ebenfalls  semitische  Namensformen 
sind  'Ewog  ( Schol . z.  Dion.  Per.  509) , ’Aüog 
{Phileas  im  Etym.  M.  u.  Hesych.  s.  v.)  und 
’Hoigg  {Hesych  ).  Ob  der  Name  (hsqsnXfi g {He- 
sych. s.  v.  <I>SQ£tiXfa)  semitisch  oder  griechisch 
sei,  ist  schwer  zu  entscheiden.  (Vgl.  übrigens 
Greve,  de  Adonide,  Leipziger  Dissertation  1877 
S.  47  ff.). 

Kult  des  Adonis.  Ursprünglich  blühte 
der  Kult  des  Adonis  vorzugsweise  an  der  se- 
mitischen Küste  Nordasiens , namentlich  in 
Phönikien.  Als  Hauptstätten  seiner  Verehrung 
werden  genannt : Byblos  {Lucian  de  Syria  Dea 
6 f . Strab.  755  etc.),  Aphaka  (vgl.  Etym.  AI. 
s.  v.),  der  Libanon  {Musaeus  zu  naft’  ’Hqco  47), 
Antiochia  in  Syrien  {Amin.  Marc.  22,  9,  15), 
Alexandria  in  Karien  am  Latmos  {Stepli. 
Byz.),  Perga  in  Pamphylien , Sestos  {Mu- 
saeus a.  a.  0.  42  f.),  endlich  Kypros  und  Ky- 
thera.  Von  hier  aus  scheint  der  Dienst  und 
Mythus  des  Adonis  schon  frühzeitig  nach 
Griechenland  gelangt  zu  sein.  So  wissen  wir 
von  einem  Adoniskult  zu  Argos  und  Athen 
{Paus.  2,  20,  6.  Plut.  Nie.  13.  Alcib.  18.  Phe- 
recr.  fr.  338.  Mein.  Ar.  Lys.  389  etc.).  Auch 
zu  Dion  in  Makedonien  {Greve  je.  a.  0.  29)  und 
namentlich  in  Alexandrien  in  Ägypten  scheint 
Adonis  hoch  verehrt  worden  zu  sein  (vgl.  be- 
sonders Thedkrit.  Id.  15).  Von  den  römischen 
Kaisern  soll  namentlich  Heliogabalus  den  Kult 
des  Adonis  und  der  mit  ihm  verbundenen  Sa- 
lambo  , d.  i.  der  syrischen  Venus , gefördert 
haben.  {Lamprid.  Heliog.  7.  Etym.  M.  v.  Za- 
Xaußdg).  Das  an  allen  Kultstätten  gefeierte 
jährliche  Fest  des  Adonis  hiefs  ’A8o)via  (vgl. 
darüber  Greve  de  Adonide  S.  24 — 31).  Die 
Gebräuche  dieses  Festes  scheinen  verschiedener 
Art  gewesen  zu  sein,  je  nachdem  die  Feier  in 
den  Frühling  oder  in  den  Hochsommer  fiel. 
„Entweder  nämlich  ging  ein  Trauertag  voraus 
und  die  Verherrlichung  des  Wiederauflebens 
des  Adonis  folgte,  oder  man  stellte  zuerst  das 
bräutliche  Zusammenleben  des  Gottes  mit  Aphro- 
dite dar,  uncl  darnach  sein  Scheiden,  aber 
nicht  ohne  die  Bitte  um  gnädige  Wiederkehr 
im  nächsten  Jahre.  Von  ersterer  Form  bietet 
Byblos  ein  Beispiel.  Da  hier  die  Begehung  in 
den  Frühling  fiel  {o.  Bciudissin,  Studien  a.  a.  0. 
298),  stellte  man  zuerst  das  Bild  des  Adonis  in 
Gestalt  eines  Toten  aus,  welcher  unter  den  Kla- 
geliedern (. ’Ad'wviacfioi ),  Thränen  und  Jammer- 
rufen der  an  ihre  Brust  schlagenden  Weiber 
mit  Totenopfern  und  unter  Flötenbegleiturig 
vermutlich  zu  Grabe  getragen  wurde.  Am 
Tage  darauf  aber  holte  man  ihn  jubelnd  wie- 


Adonis  (Kult) 

der  hervor  und  sagte , er  sei  auferstanden 
{Lucian.  de  dea  Syr.  6).  Ebenso  scheint  das 
athenische  Adonisfest  in  den  Frühling  gefal- 
len zu  sein  {Greve,  de  Adonide  45).  Die  zweite 
Weise  der  Feier  lehrt  nicht  blofs  Antiochia 
{Amm.  Alarc.  22,  9,  15),  sondern  auch  Alexan- 
dria kennen , wo  nach  Ausweis  der  um  die 
Bahre  gehäuften  soeben  gereiften  Früchte  die 
Begehung  in  den  Spätsommer  gefallen  sein 
rnufs  {Engel,  Kypros  2,  547).“  Sehr  berühmt 
ist  die  Beschreibung  der  glänzenden  von  Ptole- 
maios  Philadelphos  und  seiner  Gemahlin  an- 
gestellten  Feier,  welche  uns  Theokrit  in  sei- 
nem 15.  Eidyllion  gegeben  hat.  „Auf  purpur- 
nem Polster  ruhte  Adonis,  das  Bild  eines  Acht- 
zehnjährigen in  schönster  Jugendfülle,  neben 
ihm  war  auf  gleiche  Weise  Aphrodite  gebet- 
tet. Neben  ihnen  und  rings  umher  standen  oder 
lagen  Früchte  jeder  Art  und  Adonisgärtchen, 
in  silbernen  Körben  Kuchen  aus  Mehl,  Honig 
und  Öl,  allerlei  [gebackene?]  Tiere,  fliegende 
und  kriechende.  Auch  grüne  Laubdächer  waren 
errichtet,  mit  zartem  Dille  belastet,  über  welche 
Eroten  hinflatterten,  wie  junge  Nachtigallen, 
die  von  Zweig  zu  Zweig  hüpfend  den  ersten 
Flug  versuchen.  Eine  Sängerin  trug  Aphrodi- 
tens  Lob  vor,  wie  ihr  die  Horen  nach  Jahres- 
frist den  Adonis  aus  dem  Acheron  zuriiekge- 
führt  hatten.  Heute , so  schlofs  die  Sängerin, 
möge  Aphrodite  des  Adonis  sich  erfreuen,  mor- 
gen mit  dem  Frührot  wollen  wir  Weiber  ihn 
ins  Meer  tragen , mit  aufgelösten  Haaren,  das 
Gewand  zerreifsend,  die  Brust  entblöfsend  und 
lauten  Gesang  erhebend:  „Sei  uns  gnädig,  lie- 
ber Adonis,  jetzt  und  im  künftigen  Jahre! 
Freundlich  kamst  du  und  freundlich  komme, 
wann  du  wiederkehrst.“  Und  auch  das  zu- 
schauende Volk  singt-  „Gehab  dich  wohl,  ge- 
liebter Adonis,  und  zu  Glücklichen  komme  zu- 
rück!“ (Vgl.  Mannhardt,  ant.  Wald-  u.  Feldlc. 
S.  277  f.).  Ähnliche  Festgebräuche  gab  es  in 
Athen,  denn  auch  hier  finden  wir  eine  Ausstel- 
lung von  Totenbildern  {Hesych.  s.  v.  y.a&idQa), 
auch  hier  klagten  und  weinten  die  Weiber  auf 
den  Dächern  und  sangen  Trauerlieder  und  schlu- 
gen sich  an  die  Brust  {Flut.  Ale.  18.  Nicias 
13.  Arist.  Lys.  389  ff).  Eine  besondere  Rolle 
bei  allen  Adonisfesten  scheinen  die  sogenann- 
ten Adonisgärtchen  {nynoe  ’Aöcovidog)  gespielt 
zu  haben,  d.  h.  Blumentöpfe  mit  allerlei  künst- 
lich getriebenen  Pflanzen  (Blumen,  Getreide, 
Fenchel  und  Lattich),  welche  ebenso  schnell, 
wie  sie  gewachsen  waren,  auch  wieder  verwelk- 
ten, das  deutliche  Symbol  der  rasch  aufblühen- 
den und  rasch  wieder  verwelkenden  Vegeta- 
tion der  schönen  Jahreszeit  (vgl.  Greve,  de 
Adonide  S.  37  ff  Mannhardt  a.  a.  0.  S.  279, 
Anm.  2).  Von  einer  eigentümlichen  Festsitte 
in  Byblos  berichtet  Lucian  de  dea  Syr.  6 (vgl. 
auch  die  von  Greve  a.  a.  0.  S.  36  angeführten 
Stellen).  Darnach  schnitten  sich  die  Frauen 
beim  Trauerfeste  die  Haare  ab,  wie  die  Ägyp- 
ter, wenn  der  Apis  gestorben  war.  Diejenigen 
aber,  welche  sich  diesem  Opfer  nicht  unter- 
ziehen wollten,  hatten  die  Pflicht,  sich  einen 
Tag  lang  den  auf  dem  Markte  zusammenströ- 
menden Fremden  zur  Schau  zu  stellen  und 
einem  derselben  ihre  Schönheit  preiszugeben, 


75 


76 


Adonis  (in  d.  Kunst)  Adonis  (Deutung) 

den  Erlös  aber  der  Göttin  zu  weihen.  Der-  lern  verpflanzten  Tamruuz  oder  Duniuzi,  der 

selbe  Gebrauch  rnufs  auf  Cypern  bestanden  als  Geliebter  der  Istar  (=  Astarte,  Aphrodite) 

haben,  wie  die  zur  Erklärung  desselben  erfun-  gefafst  wurde.  Als  Istar  ins  Totenreich  geht, 

dene  Erzählung  beweist,  die  leiblichen  Schwe-  um  ihren  Geliebten  heraufzuholen,  hört  alle 

stern  des  Adonis,  Kinder  des  Kinyras,  die  Jung-  Zeugung  und  Fruchtbarkeit  unter  den  Men- 
frauen Orsedike,  Laogore  und  Braisia  hätten  sehen  auf.  Schliefslich  wird  Dumuzi  durch 

sich  fremden  Männern  preisgegeben  ( Apollod . Besprengung  mit  Wasser  wieder  belebt  ( Lenor - 

з,  14,  3).  Offenbar  wollten,  wie  Mannhardt  mant,  die  Anfänge  d.  Kultur  2,  58  ff.  Mann- 

a.  a.  0.  S.  284  erkannt  hat,  die  Frauen  mit  hardt,  ant.  Wald-  u.  Feldkulte  S.  274  f.).  Ähn- 

diesem  Gebrauche  das  Beispiel  der  Aphrodite  io  liehe  Mythen  und  Gebräuche  finden  sich  an 

selbst  nachahmen,  welche  mit  dem  wiederkeh-  den  verschiedensten  Orten  wieder,  z.  B.  in  Grie- 

renden  Adonis  sich  aufs  neue  vermählt.  chenland  (Linosklage,  Hyakinthos,  Narkissos) 

Bildliche  Darstellungen  des  Adonis  in  Ägypten  (Maneroslied.)  und  in  Nordeuropa 

sind  nicht  eben  zahlreich  und  gehören  meistens  (vgl.  namentlich  Mannhardt  a.  a.  0.  S.  286 ff), 

der  späteren  Kunst  an.  Einzelstatuen  sind  bis  Die  wesentlichen  Punkte , welche  der  Ado- 

jetzt  nicht  sicher  nachgewiesen.  Häufiger  niskultus  und  -mythus  mit  den  soeben  an- 
kommt Adonis  in  Kompositionen  vor,  welche  geführten  Parallelen  gemein  hat,  sind  kurz 

den  auf  die  Jagd  reitenden  und  von  Aphrodite  folgende:  a)  Die  schöne  Jahreszeit  und  ihre 

Abschied  nehmenden  Adonis,  seine  Verwundung  Vegetation  ist  personificiert  als  ein  schöner 

durch  den  Eber,  die  Trauer  der  Aphrodite  um  20  Jüngling,  h)  Derselbe  wird  im  Kultus  darge- 

ihn  u.  s.  w.  darstellen.  Solche  Darstellungen  stellt  durch  eine  menschenähnliche  Figur  und 

finden  sich  auf  Sarkophagen,  etruskischen  Spie-  die  leicht  welkenden  Kräuter  der  Adonisgär- 

geln  (mit  der  Beischrift  Atunis),  Wandgemäl-  ten.  c)  Er  kommt  im  Frühling  und  tritt  in 

den  (vgl.  Plaut.  Men.  1,  2,  3l)  und  Gemmen.  das  Verhältnis  des  Bräutigams  oder  Gatten 

(Vgl.  darüber  C.  0.  Müller , Lldb.  d.  Archäol. 3 zu  einer  liebenden  Göttin,  welche,  mag  man 

§378,3.  0.  Jahn,  Archäol.  Beitr.  (1847).  S.  45 ff.  sie  nun  als  Mond  oder  Venusstern  fassen,  vor- 

Ders.  Sur  les  representations  d'  A.  Paris  1846.  zugsweise  eine  Göttin  der  Fruchtbarkeit  auf 

Brunn  in  Paulys  Bealenc.  I2,  1 S.  178.  Mül-  Erden  ist.  d)  Im  Hochsommer  stirbt  der  Gatte 

ler-  Wieseler , Denkm.  d.  a.  K.  2 No.  292  oder  Bräutigam  und  weilt  während  des  Herb- 

и.  292 a.  Kalkmann , Arch.  Ztg.  1883  S.  110A.  30  stes  und  Winters  in  der  unsichtbaren  Welt 

11 , der  auf  gewisse  Übereinstimmungen  der  des  Todes,  e)  Mit  lauter  Klage  wird  seine 

Adonis-  und  Hippolytosdarstellungen  hin-  Bestattung,  mit  Jubel  sein  Wiedererscheinen 

weist).  Das  hier  nach  Bouillon  Musee  3,  gefeiert.  Beide  Feiern  sind  im  Frühling  und 

p.  56  Fig.  3 u.  Clarac  Musee  de  Sculpt.  T.  2 Hochsommer  in  verschiedener  Ordnung  ver- 


Adonis  auf  der  Eberjagd. 


pl.  116  n.  85  (vgl.  Müller -Wieseler  a.  a.  0.  50  bunden.  f)  Das  Bild  des  Dämons  und  die  ihn 
No.  292)  abgebildete  Relief  der  sinkenden  repräsentirende  Pflanze  werden  mit  Wasser 

Kunst  aus  dem  Louvre  stellt  rechts  Adonis  begossen,  in  Quellen  oder  ins  Meer  geworfen 

mit  einer  Chlamys  bekleidet  dar , während  (Regenzauber?),  g)  Das  göttliche  Lenzbraut- 

neben  ihm  Aphrodite  sitzt,  welcher  Eros  den  paar  wird  nachgeahmt  durch  den  religiösen 

Spiegel  hält;  ein  junger  Jäger  bringt  die  Nach-  Brauch  eines  zeitweiligen  geschlechtlichen  Bun- 

richt  von  den  Verwüstungen,  die  ein  Eber  an-  des  eines  Mannes  und  einer  Frau.  (Nach  Mann- 

richtet,  und  fordert  Adonis  zur  Jagd  auf.  In  hardt  a.  a.  0.  S.  286). 

der  Mitte  ist  der  von  dem  ungeheuren  Eber  Literatur.  Die  ältere  Literatur  findet  sich 

verwundete  Adonis  dargestellt;  drei  Jäger  be-  ziemlich  vollständig  zusammengestellt  bei  Greve, 

mühen  sich  umsonst  ihm  Hilfe  zu  leisten.  60  de  Adonide  Leipzig,  1877  S.  2.  Aus  neuerer  Zeit 
Links  erblickt  man  die  letzte  Umarmung  des  sind  zu  erwähnen:  Lübeck,  Aglaopli.  1 p.  460  ff 

verwundeten  Adonis  und  der  Aphrodite,  die  1050 ff.  Movers,  Die  Phönizier  1 S.  191 — 253. 

Diener  und  Dienerinnen  beider  äufsern  ihre  W.  H. Engel,  Kypros  2 S.  536  — 643.  H.  Brugsch, 

Trauer  um  den  Frühvollendeten.  Adonisklage  u.  Linoslied  Berl.  1852.  Clrnol- 

Die  Deutung  des  Adonismythus  und  -kul-  son,  über  Tammüz  und  die  Menschenverehrung  b. 

tus  ist  in  der  Hauptsache  schon  längst  gege-  d.  alten  Babyloniern.  Petersburg  1860.  v.  Bau- 
beo. Sie  erhellt  namentlich  aus  den  verwand-  dissin,  Studien  z.  semit.  Beligionsgesch.  1 Leipz. 

ten  Mythen  des  aus  Babylonien  nach  Jerusa-  1876.  Preller,  gr.  Myth?  1 S.  272  ff.  Stoll  in 


77 


Adranos 


Adrastos 


78 


Paulys  Bediene.  1 2 S.  175  ff.  Greve  a.  a.  0. 
Mannhardt , ant.  Wald-  u.  Feldlculte  S.  273. 
Lenormant , il  mito  di  Adone  Tammuz.  Atti 
ä.  4.  Conyr.  internaz.  d.  Orient.  1878.  Vol.  1. 
Paris.  F.  Liebrecht,  Zeitschr.  d.  Deutschen  Mor- 
genl.  Ges.  17,  397  f.  u.  wieder  abgedruckt  in 
desselben  Zur  Volkskunde.  Alte  u.  neue  Auf- 
sätze. Heilbronn  1879  S.  251  f.  [Roscher], 

Adranos  ( ’Aägavog ),  ein  dem  Hephaistos  (Vul- 
canus)  oder  Zeus  vergleichbarer , in  Sicilien 
und  besonders  in  Adranon  am  Ätna  verehrter 
Gott  (Serv.  V.  A.  9,  584),  Vater  der  Paliken. 
Blut.  Tim.  12.  Diod.  14,  37.  Steph.  Byz.  s.  v. 
"Aögcevov.  Hesych.  s.  v.  TIah.-n.OL.  Nach  Ael.  nat. 
an.  1 1 , 20  wurden  in  seinem  Tempel  gegen 
tausend  Hunde  gehalten,  welche  die  Ankom- 
menden bei  Tage  freundlich  bewillkommneten, 
die  Trunkenen  Nachts  geleiteten,  die  Schlech- 
ten aber  zerrissen.  Vgl.  G.  Hermann,  Üpusc. 
7,  322.  Der  Kopf  des  Adranos  mit  der  Bei- 
schrift AAPANOT  findet  sich  auf  dem  Avers 
einer  Münze  der  Mamertiner,  deren  Rückseite 
das  Bild  eines  Hundes  zeigt:  Eckhel,  D.  N.  1 
p.  224.  Die  Tempelstatue  des  Adranos  führte 
eine  Lanze  ( Plut . a.  a.  0.).  Über  Adranos  als 
Vater  der  Paliken  vgl.  Creuzer,  Sy  mb. 3 3,  817ff. 
Michaelis,  Die  Paliken , Halle  1856  S.  50  ff 
Welcher,  Götterl.  3,  138  ff.  S.  auch  Palikoi. 

[Roscher.] 

Adraste  (ASggazg) , eine  Dienerin  der  He- 
lena. Od.  4,  123.  [Roscher.] 

Adrasteia  {’AdguGzsux , Adygczstcc , ’Adgaczia 
Hesych.  u.  C.  I.  G.  5973,  lat.  Adrastea  u.  -ia) 
1)  Tochter  des  Zeus  Eur.  Blies.  342,  gewöhn- 
lich mit  Nigscig  (s.  d.)  identificiert  {Antim. 
b.  Harp.  u.  Suid.  s.  v.  ASg.  Hesych.  Strab.  588 
Verg.  Cir.  239.  Lib.  narr.  4.  t.  4.  p.  1100  R. 
Amm.  14,  11,  25.  s.  jedoch  auch  Menandros, 
u.  Nikostratos  b.  Suid.  a.  a.  0.  Anth.  9,  405. 
12,  160) , daher  ’AdgcLGzsia  auch  als  Beiname 
der  Nemesis  gilt,  welchen  diese  Göttin  von 
ihrem  ersten  Verehrer,  dem  phrygischen  Kö-- 
nige  Adrastos  {II.  2,  828  ff.  s.  Adrastos  2),  er- 
halten haben  sollte  {Strab.  Harp.  u.  Suid. 

a.  a.  0.).  Nach  andern  wurde  der  Name 
auf  den  argivischen  König  Adrastos  zurückge- 
führt: Lib.  u.  Suid.  a.  a.  0.  Nach  Derne- 
trios  von  Skepsis  ( b . Harp  a.  a.  0.)  war 
Adrasteia  ein  Beiname  der  Artemis,  nach  Plut. 

b.  Stob.  ecl.  phys.  186  der  Ei gagysvg.  BeaclR 
tenswert  sind  die  Redensarten  gvv  ’Ad'g.  = 
gvv  SiHtj:  Eur.  Blies.  468;  oi  rzgoGy.vvovvzsg 
zgv  ’Adgdaznciv  Gocpoi:  Aesch.  Pr.  935  (wo  Adra- 
steia offenbar  = Nemesis  ist);  vgl.  auch  Plat. 
rep.  451  a,  Dem.  or.  25,  37:  emsig  -g  ’Ad'gtxGzeici. 
Luc.  Symp.  23  u.  Schot.  Wahrscheinlich  war 
’AögtxGTfia  ursprünglich  eine  phrygische  Gott- 
heit und  mit  der  Rhea  Kybele  identisch.  (Vgl. 
die  Verse  der  Phoronis  b.  Schot,  z.  Ap.  Bh.  1, 
1129,  wo  Adrasteia  bgsig  genannt  wird,  und  die 
Idäischen  Daktylen  ihre  Diener  heifsen,  Aesch. 
b.  Strab.  580  u.  ib.  588.  Literatur:  Paulys 
Bediene.  5,  527  ff.  Marquardt  Cyzicus  S.  103  ff. 
Preller  gr.  MytliA  1,  419.  Welcher , Götterl.  3, 
35  ff.).  Eine  bildliche  teils  an  Rhea-Kybele, 
teils  an  Nemesis  erinnernde  Darstellung  der 
Adrasteia  auf  einem  den  Mythus  des  Zeuskindes 
behandelnden  Altarrelief  der  AraCapitolina(vgl. 


unter  Adrasteia  2)  s.  b.  Midier-  Wiesel  er,  Denkm. 
d.  a.  K.  2,  805.  Vgl.  auch  Overbeck,  griech. 
Kunstmytli.  Zeus  328  f.  Der  Name  ’Aöqixgziicc 
ist  entweder  phrygischen  Ursprungs  (vgl.  den 
Phryger  Adrastos  II.  2,  828  und  die  Stadt 
Adrastea  in  Mysien)  oder,  wie  Alexandros 
(=  Paris)  und  Xanthos  (=  Skamandros),  die 
griechische  Übersetzung  eines  asiatischen  Na- 
mens. In  letzterem  Falle  ist  wohl  mit  Suidas 
und  Hesychius  (s.  v.)  und  Preller  a.  a.  0.  an 
die  Ableitung  von  ÖidgccGssiv  (vgl.  dvanod'ga- 
Gzog)  zu  denken.  Der  älteste  Kult  der  Adra- 
steia war  wohl  der  von  Adrastos  am  Flusse 
Aisepos  gestiftete  {Strab.  588).  Eine  Statue 
von  ihr  stand  nach  Paus.  10,  27,  8 im  Tem- 
pel des  Apollon  und  der  Artemis  zu  Kirrha. 
— 2)  Tochter  des  Melisseus,  Schwester  der  Ide, 
der  Rhea  den  in  der  diktäischen  Höhle  auf 
Kreta  neugebornen  Zeus  übergab;  Apoll.  1,  1, 
6.  Callimach.  Hy.  in  Iov.  47,  wo  Adrasteia 
und  Ide  Kvgßävzcov  szagai,  Alhzcciui  ytlica  hei- 
fsen. Nach  Apoll.  Bh.  3,  133  ff.  schenkte  sie 
dem  Zeus  eine  kunstvolle  Kugel  zum  Spielen, 
auf  welcher  man  Zeus  auf  kretischen  Münzen 
sitzen  sieht.  Der  Scliol.  zu  dieser  Stelle  nennt 
sie  eine  Schwester  der  Kureten.  Vgl.  Span- 
heim z.  Kallim.  p.  18.  Böttigers  Amalthea  1, 
27.  Höchst  wahrscheinlich  ist  diese  Adrasteia 
ursprünglich  mit  der  eben  erwähnten  identisch 
( Wieseler  Denkm.  D.  d.  a.  K.  2,  805  Text ; vgl. 
auch  Rhea-Kybele).  [Roscher.] 

Adrastia,  nicht  sicher  lesbar  auf  einem  Al- 
tar aus  der  Nähe  von  Mikhäza,  nordöstl.  von 
Maros- Vasarhely,  Ungarn.  C.  I.  L.  3,  944:  Ln 
H.  D.  D.  Adrastiae  colleg.  Utriclariorum.  Viel- 
leicht identisch  mit  ’AdgcxGzsiu.  [Steuding.] 
Adrastos  f'Adgaczog,  episch  ”A8ggGzog) , 1) 
König  in  Argos,  Sohn  des  Talaos  und  der  Ly- 
simache , einer  Tochter  des  Abas  (oder  des 
Polybos  aus  Sikyon,  Schot.  Find.  Nein.  9,  30, 
des  Kerkyon,  Schot.  Eur.  Phoen.  150.  160), 
Enkel  des  Bias,  aus  dem  äolischen  Geschleckte 
des  Amythaon.  Bias  und  Melampus,  die  Söhne 
des  Amythaon,  waren  aus  dem  messenischen 
Pylos  nach  Argos  ausgewandert,  wo  Proitos, 
der  in  Tiryns  safs,  die  Herrschaft  mit  ihnen 
teilte.  Die  Gemahlin  des  Adrastos  war  Am- 
phithea, die  Tochter  des  Pronax,  seine  Kinder 
hiefsen  Argeia,  Hippodameia  (die  Gemahlin 
des  Peirithoos,  Hyg.  /'.  33.  Schot.  Od.  21,  295. 
Eustath.  p.  1910,  6),  Deipyle,  Aigialeia,  Aigia- 
leus,  Kyanippos  {A-pollod.  1,  9,11.  12.  13.  Schot. 
Find.  Nem.  9,  30.  Schot.  Eur.  Phoen.  150.  422. 
Schubart  Quaest.  geneal.  107  ff.  Gerhard  Gr. 
Myth.  2.  Stammtaf.  p.  226.  235.  238).  Nach 
Hyg.  f.  69.  70  heifst  seine  Mutter  Eurynome, 
Tochter  des  Iphitos,  nach  Paus.  2,  6,  3 Lysia- 
nassa,  Tochter  des  Polybos;  Hyg.  f.  71  nennt 
seine  Gemahlin  Demonassa.  — Bei  einem  Auf- 
ruhr, der  unter  den  drei  herrschenden  Geschlech- 
tern in  Argos,  den  Proitiden,  Melampodiden 
und  Biantiden , ausbrach , ward  der  Biantide 
Talaos  (oder  sein  Sohn  Pronax,  des  Adrastos 
Bruder)  von  dem  Melampodiden  Amphiaraos 
erschlagen,  und  Adrastos  floh  nach  Sikyon 
zu  seinem  mütterlichen  Grofs vater,  dem  reichen 
Polybos,  dessen  Tochter  er  heiratete,  und  nach 
dessen  erbenlosem  Tod  erhielt  er  die  Herrschaft. 


79  Adrastos 

II,  2,  572.  Find.  Nein.  9,  9 ff.  (20)  mit  Schul. 
zu  20  u.  30.  Herodot.  5 , 67.  Paus.  2 , 6 , 3. 
Serv.  V.  Aen.  6,  480.  Er  führte  nach  Pindar 
in  Sikyon  die  pythischen  Spiele  ein , deren 
Stiftung  sonst  dem  Kleisthenes  zugeschriehen 
wird,  und  stiftete  nach  Schul.  Find.  Nein.  9, 
30  das  Heiligtum  der  Hera  cUs^ccvSqo?  ( Curtius 
Pelop.  2,  492.  495).  Nachdem  er  so  Macht  ge- 
wonnen, söhnte  sich  Amphiaraos  mit  ihm  aus, 
und  er  kehrte  auf  den  Thron  nach  Argos  zu- 
rück. Er  vermählte  seine  Schwester  Eriphyle 
dem  Amphiaraos  und  schlofs  mit  ihm  den  Ver- 
trag, dafs  bei  einem  etwaigen  Streite  sie  sich 
der  Entscheidung  der  Eriphyle  fügen  wollten. 
Apollod.  3,  6,  2.  Schol.  Find.  Nein.  9,  30.  Schol. 
Od.  11 , 326.  Einst  geschah  es,  dafs  Polynei- 
ke^,  der  Sohn  des  Oidipus,  durch  seinen  Bru- 
der Eteokles  aus  Theben  vertrieben,  und  Ty- 
deus,  der  Sohn  des  Oineus,  von  Kalydon  wegen 
Mordes  flüchtig,  zu  gleicher  Zeit  in  stürmischer 
Nacht  zu  dem  Hause  des  mächtigen  Adrastos 
nach  Argos  kamen  und  dort  im  Vorhof  um 
das  Nachtlager  in  Streit  gerieten.  Adrastos, 
durch  den  Lärm  herausgerufen,  nahm  beide  in 
sein  Haus  auf  und  entsühnte  den  Tydeus  von 
seinem  Mord,  und  da  er  beide  wie  Löwen  und 
Eber  (die  Bilder  der  höchsten  Streitbarkeit) 
mit  einander  kämpfen  (ältere  Sage),  oder  den 
Polyneikes  mit  einem  Löwenfell , den  Tydeus 
mit  einem  Eberfell  bekleidet  sah,  oder  da  der 
eine  einen  Löwen,  der  andere  einen  Eber  auf 
dem  Schilde  führte,  so  erinnerte  er  sich  eines 
Orakels,  das  ihm  auftrug,  seine  Töchter  mit 
einem  Löwen  und  einem  Eber  zu  vermählen, 
und  gab  seine  ältere  Tochter  Argeia  dem  Poly- 
neikes, die  jüngere  Deipyle  (Diipyle,  Phere- 
kyd.  b.  Schol.  II.  14 , 120)  dem  Tydeus  zur 
Ehe  und  versprach  ihnen  zugleich , sie  beide 
in  ihre  Heimat  zurückzuführen  und  sie  in  ihre 
Rechte  einzusetzen.  (II,  14,  119  ff.  Apollod.  1, 

8,  5.  3,  6,  1.  Hyg.  f.  69.  Eurip.  Suppl.  131  ff. 
Phoen.  411  ff.  u.  Schol.  71.  135.  137.  411.  Diod. 
4,  65.  Paus.  9,  5,  6.  Myth.  Vat.  2,  80.  Schol. 
II.  4,  376.  14,  120.  Eustatli.  ib.  380.  Schol. 
Soph.  Ant.  831.  Stat.  Theb.  1,  350  ff.  Mna- 
seas  b.  Schol.  Eur.  Phoen.  411  teilt  den  Wort- 
laut des  Orakels  mit).  So  entstand  der  be- 
rühmte Zug  der  Sieben  gegen  Theben,  welcher 
vielfach  von  alten  Dichtern,  auch  wohl  schon 
von  Homer  behandelt  worden  ist,  namentlich 
in  einem  alten  Epos,  der  kyklischen,  von  den 
Alten  zumeist  dem  Homer  zugeschriebenen  The- 
bais  oder  der  Ausfahrt  des  Amphiaraos  ( Wel- 
cher Ep.  Cylcl,  1,  198  ff.  2,  320  ff.),  in  der  The- 
bais  des  Antimaehos  und  in  der  öfter  von  der 
alten  Sage  abweichenden  Thebais  des  Statius. 
Über  die  späteren Thebaiden  s.  W elclcerlcl.  Sehr.  1, 
395  ff.  Dieser  Zug  war  ein  beliebter  Gegenstand 
der  Tragödien,  Overbeck , Gail.  her.  Bildwerke 
1 , S.  79.  Teilnehmer  des  Zuges  waren  Bian- 
tiden  und  Melampodiden  aus  Argos , sowie 
auch  Proitiden  aus  Tiryns  (Kapaneus  und  Eteo- 
klos,  Paus.  10,  10,  2.  vgl.  Schol.  Find.  Nein. 

9,  30),  nach  späterer  Sage  auch  arkadische 
und  messenische  Bundesgenossen,  Paus.  9,  9, 
1.  Die  Atriden  von  Mykenai  dagegen  betei- 
ligten sich  nicht  an  dem  Kriege,  da  böse  Zei- 
chen einen  unglücklichen  Ausgang  verkünde- 


Adrastos  80 

ten,  II.  4,  376  fl'.  Die  sieben  Anführer  waren 
Adrastos,  Amphiaraos,  Kapaneus,  Hippomedon, 
Parthenopaios  (nach  älterer  Sage  Bruder  des 
Adrastos),  Tydeus  und  Polyneikes;  einige  zäh- 
len die  zwei  letzten  nicht  mit  und  fügen  zu 
Eteoklos  u.  Mekisteus,  Apollod.  3,  6,  2.  Der 
ausgezeichnetste  Held  ist  Amphiaraos  (Find. 
Ol.  6 , 13  ff.) , der  vermöge  seiner  Sehergabe 
den  unglücklichen  Ausgang  voraussah , aber 
durch  Eriphyles  Entscheidung  zur  Teilnahme 
gezwungen  ward,  s.  Amphiaraos.  Adrastos 
selbst  ist  der  Oberanführer,  aber  gerade  nicht 
durch  besondere  Heldentugenden , wohl  aber 
durch  Herrschertugenden  gleich  seinem  Vater 
(Find.  Nein.  10,  12)  hervorragend,  schon  ein 
älterer  Mann  und , wie  Nestor  im  Heer  vor 
Troja,  durch  Klugheit  und  Rednergabe  ausge- 
zeichnet, Stat.  Theb.  3,  386.  4,  38.  68.  Tyrt. 
fr.  12,  8 (Bergk)"Plat.  Pliaedr.  p.  268  a.  We- 
der Pindar  noch  Aschylos  heben  ihn  besonders 
hervor.  Adrastos  ehrte  vor  dem  Auszug  die 
Helden  in  seinem  Hause  durch  ein  Gastmahl 
(Athen.  11  p.  459),  das  Antimachos  in  seiner 
Thebais  beschrieben  hatte  (fr.  16—21  Stell. 
9 — 14  Hübner).  Zu  Nemea,  wo  sie  dem  Ar- 
chemoros (s.  d.)  Leichenspiele  aufführen  und 
so  die  nemeischen  Spiele  stiften,  hatte  Amphia- 
raos nochmals  Gelegenheit,  den  unglücklichen 
Ausgang  der  Unternehmung  zu  prophezeihen ; 
wie  konnte  auch  ein  glückliches  Ende  erwar- 
tet werden,  da  ein  mit  dem  Vaterfluch  Bela- 
dener (Polyneikes)  in  dem  Heere  war  ! Trotz 
aller  Warnung  zogen  sie  weiter  mit  Übermut 
und  frevelndem  Prahlen.  Am  Ismenos  besieg- 
ten sie  die  Thebaner  und  trieben  sie  in  ihre 
Mauern;  aber  darnach  bei  der  Bestürmung  der 
Stadt  ging  das  ganze  Heer  zu  Grunde , nur 
Adrastos  entkam  durch  sein  göttliches  Rofs 
Areion  (s.  d.) ; in  dunklen  Trauergewändern 
entfloh  er  auf  dem  schwarzmähnigen  Rosse 
(ei'fiaxci  Ivygcc  cpsgoiv  cvv  ’Aqsi'ovl  %vccvo%ccuy , 
Theb.  Cycl.  b.  Paus.  8,  25,  5).  II,  4,  409.  Find. 
Nem.  9, 18.  Isthm.  6,  10.  Aeschyl.  Sept.  c.  Theb. 
Soph.  O.  C.  12.  1249  ff.  Antig.  100  ff.  Eurip. 
Phoen.  u.  Suppl.  Apollod.  3,  6,  6 — 8.  Paus.  9, 
9,  1.  Schol.  II.  23,  346.  Hyg.  f.  70.  Schol. 
Eur.  Phoen.  409.  Nach  der  älteren  Sage  scheint 
Adrastos  durch  seine  tlberredungsgabe  die 
Thebaner  dazu  vermocht  zu  haben,  die  Leichen 
der  Gefallenen  zur  Bestattung  vor  Theben  aus- 
zuliefern, Find.  Ol.  6,  15.  Des  Tydeus  Grab 
ward  bei  Theben  gezeigt,  Paus.  9,  18,  2;  vgl. 
II,  14,  114.  Die  attischen  Tragiker  dagegen 
haben,  um  die  Humanität  ihrer  Vaterstadt  zu 
verherrlichen,  die  alte  Sage  umgebildet,  indem 
sie  dichteten , Adrastos  sei  auf  seinem  Rofs 
Areion  auf  den  Kolonos  in  Attika  geflüchtet 
und  habe  in  Athen  am  Altar  des  Erbarmens 
(Eieos)  das  Volk  angefleht,  ihm  gegen  Theben 
beizustehen,  das  ihm  die  Leichen  seiner  Ge- 
nossen vorenthalte.  Theseus  zog  gegen  The- 
ben, eroberte  es  und  verhalf  so  dem  Adrastos 
zur  Bestattung  seiner  Freunde,  Apollod.  3,  7,  1 ; 
vgl.  IHod.  4,  65.  Theseus  brachte  die  Leichen 
nach  Eleusis  und  bestattete  sie.  dort,  Eurip. 
Suppl,  Paus.  1 , 39 , 2.  Schon  Äschylos  hatte 
davon  gedichtet  in  der  ’Elsvaivioi , Flut.  Thes. 
29.  — • Nach  zehn  Jahren  unternahm  Adrastos 


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60 


81  Adrastos 

mit  den  Söhnen  der  im  ersten  Kriege  Gefalle- 
nen, den  sogenannten  Epigonen,  einen  zweiten 
Zug  gegen  Theben.  Ihr  Heer  war  geringer  an 
Zahl  als  das  ihrer  Väter;  aber  sie  zogen  ans 
unter  günstigen  Zeichen  der  Götter  und  er- 
oberten Theben,  wo  sie  den  Sohn  des  Poly- 
neikes,'  Thersandros,  als  König  einsetzten.  Sie 
kehrten  alle  glorreich  in  die  Heimat  zurück; 
Adrastos  aber  hatte  den  Sieg  teuer  erkauft 
durch  den  Tod  seines  Sohnes  Aigialeus  (s.  d.),  der 
in  der  Schlacht  bei  Glisas  durch  Laodamas, 
den  Sohn  des  Eteokles,  allein  von  den  Führern 
gefallen  war.  II.  4,  405  ff.  Find.  Fyth.  8,  48  ff. 
Apollod.  3,  7,  2—4  (wo  die  Namen  der  Führer 
aufgezählt  sind).  Paus.  9,  5,  7.  Hyg.  f.  71. 
Suid.  v.  ’Adqdazsiu.  Vor  Alter  und  Schmerz 
über  seinen  Verlust  starb  Adrastos  auf  der 
Rückkehr  zu  Megara , Paus.  1 , 43 , 1 . Nach 
Hyg.  f.  242  stürzten  sich  Adrastos  und  sein 
Sohn  Hipponoos  infolge  eines  Orakelspruchs  des 
Apollon  ins  Feuer  und  gaben  sich  den  Tod. 
Man  zweifelt,  ob  dies  der  argivische  Adrastos 
sei.  Der  Name  des  Sohnes  Hipponoos  scheint 
auf  den  Argiver  hinzuweisen;  wie  diesem  mit 
Bezug  auf  sein  berühmtes  Rofs  Areion  ein 
Sohn  Kyanippos  zugeteilt  wird,  so  scheint  auch 
der  Name  Hipponoos  durch  seine  Verbindung 
mit  diesem  Rosse  veranlafst  zu  sein.  Vielleicht 
stürzte  sich  Adrastos  nach  der  Dichtung,  welche 
Hygin  vor  Augen  hatte,  mit  seinem  Sohn  in 
das  Feuer,  welches  die  Leiche  des  Aigialeus 
verzehrte,  wie  Euadne  in  den  brennenden  Holz- 
stofs des  Kapaneus.  Adrastos  ward  als  Heros 
verehrt  zu  Megara,  Paus.  1,  43,  1.  Nach  Dieu- 
tychas  bei  Schol.  Find.  Nem.  9,  30  war  das 
wirkliche  Grab  des  Adrastos  zu  Megara , ein 
Kenotaph  desselben  zu  Sikyon  (auf  dem  alten 
Markt,  Gurt.  Peloponn.  2,  496).  Verehrt  ward 
er  auch  zu  Sikyon,  Herodot.  5,  67;  auf  dem 
attischen  Kolonos  hatte  er  ein  Heroon,  Paus. 

1,  30,  4.  In  Argos  sah  man  noch  in  später 
Zeit  die  Reste  seines  Palastes  unmittelbar  neben 
dem  Tempel  des  Dionysos,  mit  welchem  er 
wohl  auch  hier  identisch  war.  Paus.  2,  23,  2. 
Bursian  Geogr.  2,  55.  S.  Preller  Gr.  Myth. 

2,  350 — 367.  Gerhard  Gr.  Mytli.  2.  §.  745  f. 
748.  802 — 804.  831.  — Adrastos  war  ursprüng- 
lich ein  göttliches  Wesen  einer  veralteten  Natur- 
religion, das  zu  einem  Heros  herabgesunken 
ist,  Welcher  Ep.  Cylcl.  2,  321.  Gr.  Götterl.  1, 
447.  Derselbe, zu SchwencJcs Andeutungen  302 ff., 
erklärt  den  Sohn  des  Talaos  (v.  &uXka)  als 
die  Fülle  des  Sprossens  (v.  aägos,  adgos,  vgl. 
aÖQoavvrj , Fülle  der  Ähren,  lies.  Erg.  471), 
so  dafs  er  eine  dem  Phoroneus  ähnliche  chtho- 
nische  Potenz  war.  Ein  solches  mit  der  näh- 
renden Erde  in  Beziehung  stehendes  Wesen 
hatte  Ähnlichkeit  mit  Dionysos , und  daraus 
erklärt  sich  die  bedeutungsvolle  Nachricht  bei 
Herodot  a.  a.  O.,  dafs  an  die  Stelle  des  Kul- 
tus des  Adrastos  , dessen  nafty  die  Sikyonier 
seit  alter  Zeit  durch  tragische  Chöre  gefeiert 
hätten,  durch  den  sikyonischen  Tyrannen  Klei- 
sthenes  aus  Ilafs  gegen  Argos  der  Kultus  des 
Dionysos  eingesetzt  worden  sei.  Sikyon  war 
in  alter  Zeit  cler  ausgezeichnete  Sitz  des  Adra- 
stos, er  war  dort  der  erste  König  (11.  2,  572. 
Schol.  Find.  Nem.  9,  30 ; auch  der  Name  seines 


Adrastos  82 

Sohnes  Aigialeus  weist  auf  Sikyon),  wiewohl 
von  alters  her  sein  Kultus  auch  an  andern 
Orten  bestanden  haben  mag,  und  erst  als  er 
zu  einem  gewöhnlichen  Heros  umgewandelt 
worden  war,  und  Argos  durch  die  Ausbildung 
des  trojanischen  Sagenkreises  allgemein  als 
der  Sitz  der  ältesten  Hegemonie  der  Pelopon- 
nesos  betrachtet  wurde,  versetzte  man  ihu,  den 
Führer  der  peloponnesischen  Expedition  gegen 
Theben,  gleichsam  als  Vorläufer  des  Agamem- 
non, vorzugsweise  nach  Argos  und  machte  ihn 
zum  Herrscher  der  Stadt.  Als  Heros  steht  er  be- 
sonders im  Dienste  der  Adrasteia-Nemesis  (s.  d.) 
und  ist  der  Held , welcher  das  über  Theben 
verhängte  Geschick  zur  Erfüllung  bringt;  als 
solcher  ist  er  der  unentrinnbare  Rächer  (u-dc- 
öqÜgxco),  s.  Stoll , die  ursprüngliche  Bedeutung 
des  Ares  29.  — Am  Throne  des  Apollon  zu 
Amyklai  waren  Adrastos  und  Tydeus  darge- 
stellt, wie  sie  den  Amphiaraos  und  Lykurgos, 
des  Pronax  Sohn,  im  Kampfe  hemmen  (Tydeus 
und  Amphiaraos  sind  verwechselt  Stat.  Theb. 
5,  660  ff.),  Paus.  3,  18,  7.  Heyne  Antiquar. 
Aufs.  1 , 40.  Welcher  Ep.  Cylcl.  2 , 351.  Zu 
Delphi  stand  seine  Statue,  ein  Weihgeschenk 
der  Argiver , mit  denen  seiner  Gefährten, 
Paus.  10,  10,  3;  eine  andere  in  Argos,  Paus. 
2,  20,  4.  In  den  Darstellungen  der  erhaltenen 
Vasengemälde,  die  sich  auf  den  Sagenkreis  der 
Thebais  beziehen,  spielt  Adrastos  eine  hervor- 
ragende Rolle,  wie  in  der  betreffenden  Poesie, 
vgl.  Overbeck  Gallerte  1 S.  81  ff.  u.  Tf.  3,  2 — 4. 
Ein  archaistisches  Vasenbild  (Arm.  d.  Inst.  1839. 
p.  255  ff.  tan.  P.  Overbeck  a.  a.  O.  S.  88  n.  3. 
Taf.  3,  n.  4)  stellt  übereinstimmend  mit  Stat. 
Theb.  1,  524 — 539  die  Aufnahme  des  Polynei- 
kes  und  Tydeus  bei  Adrastos  dar.  Auf  einem 
vielbesprochenen  etruskischen  Karneolscarabäus 
der  stoschischen  Sammlung,  bei  Lippert  Dakty- 
lioth.  Mül.  3.  S.  2 n.  36.  Müller  Denkm.  1, 
63,  319.  Overbeck  Gail.  1 S.  81  n.  1 (Taf.  3 
n.  2),  ist  nach  Welckers  und  Overbecks  Deu- 
tung die  Wahrsagung  des  Amphiaraos  im 
Hause  des  Adrastos  über  den  unglücklichen 
Ausgang  des  thebanischen  Zuges  in  Gegenwart 
des  Adrastos,  Tydeus,  Parthenopaios  und  Poly- 
neikes  abgebildet;  ein  etruskischer  Spiegel  bei 
Gerhard  etrusk.  Spiegel  1,  Taf.  78  u.  Overbeck 
Gail.  1,  S.  84  (Taf.  3 n.  3)  stellt  nach  Over- 
becks Deutung  dar,  wie  vor  Adrastos  Amphia- 
raos vom  Kriege  abrät,  während  Tydeus,  das 
Halsband  der  Harmonia  in  der  Hand,  für  den 
Krieg  spricht.  S.  Müller  Handb.  d.  Arch. 
§.  412,  3.  Heydemann  Arch.  Ztg.  1866,  130, 
T.  206.  — 2)  Heros  der  Stadt  Adrasteia  in  My- 
sien,  welcher  dort  der  Göttin  Adrasteia  (s.d.)  ein 
Heiligtum  gebaut  haben  sollte,  Apoll.  Eli.  1, 
1116  mit  Schol.  Strab.  13,  588.  Suid.  u.  Steph. 
B.  ’Ad'QttGTUct.  Antimach  b.  Strab.  a.  a.  0.  (Stoll 
fr.  41.  Bühn.  36).  Eustuth.  zu  II.  2,  828.  Die- 
ser kleinasiatische  Adrastos  scheint  mit  dem 
argivisch-sikyonisehen  gleichen  Wesens  (Wel- 
cher bei  Schwende  Andeutungen  303)  und  mit 
der  Zeit  erst , gleich  diesem , in  einen  Heros 
umgewandelt  zu  sein,  dessen  Name  dann  wie- 
der in  der  trojanischen  Sage  auftritt.  Vielleicht 
ist  er  identisch  mit  — 3)  dem  Vater  der  Eu- 
rydike, Gemahlin  des  llos,  dem  sie  den  Lao- 


ii) 

20 

30 

40 

50 

GO 


83 


Adrias 


Aedon 


84 


medon  gebar,  Apollod.  3,  12,  3.  — 4)  Sohn 
des  Weissagers  Merops  aus  Adrasteiä,  ein  Bun- 
desgenosse der  Troer,  von  Diomedes  getötet, 
II.  2,  828  ff.  11,  328  ff.  — 5)  Ein  Troer,  von 
Patroklos  getötet,  II.  16,  694.  — 6)  Ein  Troer, 
welchen  Menelaos  gefangen  nahm  und  Aga- 
memnon niederhieb,  II.  6,  37.  64.  Tzetz.  Pom. 
120.  vgl.  Schol.  II.  13  , 643.  — 7)  Ein  Sohn 
des  Polyneikes,  einer  der  Epigonen,  Paus.  2, 
20,  4.  [Stoll],  l 

Adri  as  (ASqiaq) , Sohn  des  Messapiers  Pau- 
son  (Auson?),  von  welchem  das  Adriatische 
Meer  seinen  Namen  haben  soll : Eudöxos  im  Et. 
M.  19,  1.  [Roscher.] 

Adristas  [Adgiaraq  odexAtQLGTag ?),  nach  Paus. 

8,  4,  1 ein  Heros,  von  welchem  Arkas  die  Woll- 
arbeit  ( tu  i g r uXtxoiav)  erlernt  haben  soll.  Der 
Name  ist  wahrscheinlich  von  drQt'^a&ca,  = 
ngvso&ai  ( Ilesych . s.  v.  ccxqi&tcu)  und  utqiov 
(att.  rjtniov , vgl.  Curtius  Gr  dz.  d.  gr.  Etym.5  2 
60)  abzuleiten  und  bedeutet  also  den  Weber, 
d.  h.  den  Heros  eponymos  oder  Erfinder  der 
Weberei.  Ganz  ähnlich  sind  Namen  wie  Dai- 
ton  (Daites),  Keraon,  Akratopotes,  Deipneus, 
Mylas,  Kalamites  u.  s.  w.  gebildet,  welche  lau- 
ter heroisierte  Stifter  von  Gewerben  und  Thä- 
tigkeiten  bezeichnen.  Vgl.  darüber  Roscher  in 
Fleckeisens  Jahrbb.  123  S.  670  ff.  [Roscher.] 
Adryades  fASgrddsg)  = Hamadryades  (s.  Nym- 
phai).  Die  Form  findet  sich  z.  B.  bei  Prop.  1,  31 
20,  12  u.  Nonn.  Pion.  2,  92.  [Roscher.] 
Adrymes  (Adqvyrj g),  Gründer  der  Stadt  ’Aöqv- 
grjg  in  Libyen  ( Steph . Byz.  s.  v.).  [Roscher.] 
Adsailuta,  Name  einer  barbarischen  Gottheit 
auf  Inschriften,  die  bei  Laibach  (Aemona)  und 
Ratschach,  also  in  Pannonia  Superior  gefunden 
sind:  Orelli- Uenzen  5864  u.  5911.  [Roscher.] 
Adyte  fAdvrrf)  eine  der  Danaiden  (s.  Äi- 
gyptos  Apollod.  2,  1,  5.  [Roscher.] 

Aea  etc.  s.  Aia.  4 

Aecetia  = Aequitas  (s.  d.). 

Aecorna  (Aecurna)  s.  Aequorna. 

Aedon  ( ’Arjdcöv ),  a)  nach  Homer  Od.  19,  518  ff. 
(vgl.  Aesch.Ag.  1143.  fr.  283.  N.  Soph.  El.  107, 
148,  1077.  Paus.  9,  5,  9 etc.)  die  in  eine 
Nachtigall  verwandelte  Tochter  des  Pandareos 
(s.  d.)  und  Gattin  des  Zethos  von  Theben  (s.  d.), 
welche  im  frischen  Laube  wohnend,  beim  Be- 
ginn des  Frühlings  ihrem  aus  Versehen  von 
ihr  selbst  gemordeten  geliebten  Sohne  Itylos  5 
ein  wunderschönes  melodieenreiches  Lied  singt. 
Die  Ergänzung  dieser  homerischen  Legende 
liefern  die  Scholien  z.  Od.  a.  a.  0.  u.  Eu- 
stath.  p.  1875,  15  ff. , die  sich  auf  Pher#- 
kydes  (vgl.  Sturz,  fr.  29)  berufen.  Darnach 
war  Aedon  die  älteste  Tochter  des  Pandareos 
von  Milet  und  der  Harmothoe  (ihre  beiden 
Schwestern  hiefsen  Kleothera  und  Merope)  und 
Gemahlin  des  Zethos  von  Theben,  dem  sie  einen 
einzigen  Sohn,  den  Itylos,  gebar,  während  ihre  6 
Schwägerin  Niobe  (nach  andern  die  Hippome- 
dusa),  die  Gemahlin  des  Amphi on,  einen  viel 
reicheren  Kindersegen  hatte.  Aus  Neid  be- 
schlofs  Aedon  den  ältesten  Sohn  der  Niobe, 
den  Amaleus,  der  mit  Itylos  zusammen  schlief, 
zu  ermorden,  traf  aber  aus  Versehen  ihr  eige- 
nes Kind.  Trostlos  darüber  (oder  deshalb  von 
Zethos  verfolgt)  flehte  sie  die  Götter  um  Gnade 


an,  und  diese  verwandelten  sie  in  eine  Nachti- 
gall (drjSißv).  Nach  einer  anderen  Tradition 
(a.  a.  0.)  tötete  Aedon  den  Itylos  absichtlich 
um  der  Rache  ihrer  erzürnten  Schwägerin  zu- 
vorzukommen.  — b)  Anders  erzählte  Boios  in 
seiner  Ornithogonie  (vgl.  Anton.  Lib.  11)  die 
Sage  von  Aedon.  Nach  diesem  war  Aedon  die 
Gattin  des  Künstlers  Polytechnos,  welcher  zu 
Kolophon  in  Lydien  wohnte,  und  gebar  einen 
einzigen  Sohn  Itys  So  lange  sie  die  Götter 
ehrten,  waren  sie  glücklich;  als  sie  sich  aber 
frevelhafter  Weise  gröfserer  ehelicher  Liebe 
als  Zeus  und  Here  rühmten,  sandte  ihnen  Here 
zur  Strafe  die  Eris , welche  einen  Wettstreit 
in  Kunstarbeiten  in  ihnen  erregte.  Da  Poly- 
technosgerade mit  der  Herstellung  eines  Wagen- 
stuhls und  Aedon  mit  einem  Gewebe  beschäf- 
tigt war,  so  machten  sie  unter  einander  aus, 
wer  von  ihnen  zuerst  sein  Werk  vollende,  solle 
dem  andern  eine  Sklavin  geben.  Aedon  ge- 
wann mit  Hilfe  der  Hera  die  Wette,  Polytech- 
110s  aber  reiste  erbittert  zu  seinem  Schwieger- 
vater nach  Ephesos  und  gab  vor,  von  Aedon 
geschickt  zu  sein,  um  ihre  Schwester  Chelidon 
zu  ihr  zu  führen.  Pandareos  gab  sie  ihm.  Un- 
terwegs schändete  sie  Polytechnos , zog  ihr 
andere  Gewänder  an,  schnitt  ihr  das  Haar  ab 
und  bedrohte  sie  mit  dem  Tode,  wenn  sie  seine 
Schandthat  der  Aedon  verraten  würde.  So 
diente  Chelidon  eine  Zeitlang  ihrer  Schwester 
unerkannt  als  Sklavin;  als  sie  aber  einmal  an 
einer  Quelle  laut  ihr  Leid  beklagte,  belauschte 
sie  Aedon , und  beide  erkannten  sich  und  be- 
schlossen sich  an  Polytechnos  zu  rächen.  Sie 
mordeten  und  zerstückten  den  Itys,  setzten  ihn 
dem  Vater  als  Gericht  vor  und  flohen  zu  ihrem 
Vater.  Als  Polytechnos  von  einem  Nachbar 
erfahren , was  er  gegessen  hatte , verfolgte  er 
die  beiden  Frauen,  wurde  aber  von  den  Die- 
nern des  Pandareos  gebunden,  mit  Honig  be- 
strichen und  auf  eine  Wiese  geworfen.  Des 
durch  Fliegen  grausam  Gequälten  erbarmte 
sich  jetzt  Aedon  und  wehrte  sie  ab.  Ihre  El- 
tern und  ihre  Brüder  bemerkten  es  und  woll- 
ten sie  töten , aber  Zeus , der  noch  gröfseres 
Unglück  verhüten  wollte,  verwandelte  alle  in 
Vögel,  den  Pandareos  in  einen  Seeadler  (dL- 
ou'fTog),  die  Harmothoe,  die  Mutter  der  Aedon, 
in  einen  Eisvogel  (<x\hvc6v),  den  Polytechnos 
in  einen  Baumspecht  (nsler-uv),  weil  Hephaistos 
ihm  einst  ein  Beil  (ntleuvs)  geschenkt  hatte, 
und  der  Baumspecht  dem  Zimmermann  als 
gutes  Wahrzeichen  dient,  den  Bruder  der  Ae- 
don in  einen  Wiedehopf  (ß'noip),  die  Aedon  in 
eine  Nachtigall , welche  noch  immer  an  Flüs- 
sen und  im  Gebüsch  ihren  Itys  beklagt,  Cheli- 
donis  endlich  in  eine  Schwalbe,  welche  nach 
dem  Willen  der  Artemis  in  den  Häusern  der 
Menschen  wohnt,  weil  sie  bei  ihrer  Schän- 
dung einst  besonders  jene  Göttin  zu  Hilfe  ge- 
rufen hatte.  — c)  Sehr  entstellt  erzählt  end- 
lich den  Mythus  von  Aedon  Helladios  b.  Phot, 
bibl.  531  (vgl.  Eustatli.  Od.  1875,  1).  Nach 
ihm  war  Aedon  die  Tochter  des  Pandai  eos  aus 
Dulichion  und  Gemahlin  des  Boreassohnes  Ze- 
tes  und  tötete  ihren  Sohn  Aetylos(?),  als  er  einst 
von  der  Jagd  nach  Hause  zurückkehrte,  weil 
sie  argwöhnte , dafs  er  dem  Zetes  bei  einem 


!5  Aegiamunniaegus 

Ehebrüche  behilflich  gewesen  sei.  Hierauf 
rarde  sie  von  der  erbarmungsreichen  Aphro- 
dite in  eine  Nachtigall  verwandelt.  Deutung: 

]s  giebt  wenige  Sagen,  deren  Deutung  so 
renig  Schwierigkeiten  bereitet,  wie  diese, 
iahe  verwandt  ist  der  attische  Mythus  von' 
’rokne,  Philomele  und  Tereus  (s.  d.),  welcher 
ast  dieselben  Elemente  enthält;  denn  Tereus 
irird  in  einen  Wiedehopf,  Prokne  in  eine  Nack- 
igall und  Philomele  in  eine  Schwalbe  verwan-  n 
lelt,  nachdem  sie  ähnliche  Freveltliaten  wie 
lie  in  der  Sage  von  Aedon  vorkommenden 
’ersonen  begangen  haben.  Offenbar  haben 
rir  in  beiden  Sagen  uralte  Tiermärchen  vor 
ins,  erfunden,  um  die  Eigenschaften  und  Eigen- 
ümlichkeiten  mehrerer  Vögel  psychologisch 
u motivieren.  Dies  geschah  in  der  Weise,  dafs 
nan  die  betreffenden  Vögel  als  verwandelte 
lenschen  dachte,  deren^einstige  Handlungen 
ind  Charaktere  die  Eigentümlichkeiten  und  2 
jebensgewohnkeiten  jener  Tiere  erklären  soll- 
en. Vor  allem  war  es  „der  schöne  aber  weh- 
mütige Gesang  der  Nachtigall,  der  in  die  all- 
gemeine Lust  des  Frühlings  wie  ein  tiefer 
Schmerz  hineinklingt“  (s.  d.  Stellen  b.  Preller 
<r.  M.'2  2,  140,  1 u.  Horn.  liy.  in  Pan.  17), 
reicher  den  Gedanken  an  eine  schwere  Schuld 
md  tiefe  Trauer  des  Vogels  erweckte.  Eben- 
0 galt  aber  auch  die  Stimme  der  Schwalbe, 
[es  Eisvogels,  des  Wiedehopfs  als  klagend  und  3 
raurig  ( Preller  a.  a.  0.  141,  4.  142,  5.  250,  1; 
gl.  auch  Hesiod  sgycc  568.  Opp.  d.  aucup. 

),  daher  man  sie  ähnlich  zu  erklären  suchte. 
)er  Name  ’lxvg  oder  ’lxvlog  scheint  nicht  eine 
lern  eigentümlichen  Gesänge  der  Nachtigall 
lachgebildete  onomatopoietische  Namensform 
u sein,  sondern  bedeutet  wohl  einen  zarten 
Inaben,  Hesych.  s.  v.  IxvXog  . . . vsog,  analog-, 
rg\."lxvlog  als  Beinamen  des  ErosO.  I.  Gr. 8368. 
luck  die  Schlaflosigkeit  der  Nachtigall  ( Prel - 4 
er  a.  a.  0.  142 , 1)  bezog  man  auf  ihren  ver- 
neintlichen  unaufhörlichen  Schmerz.  Von  dem 
Viedehopf  aber  glaubte  man,  dafs  er  Schwal- 
>en  und  Nachtigallen  verfolge  ( Preller  a.  a.  0. 
.42,  5),  und  hielt  ihn  überhaupt  wegen  seines 
p-ofsen  Schnabels  und  Helmbusches  auf  dem 
lopfe  für  ein  verfolgungssüchtiges,  streitbares 
L’ier  ( Preller  a.  a.  0.  143,  1);  der  Specht  {ns- 
sy.dcv)  endlich  ist  wegen  seines  Schnabels,  den 
ir  wie  eine  Art  Beil  {nslsnvg)  gebraucht,  zu  5 
inem  kunstfertigen  Zimmermann  (xenxeov,  Ilo- 
vx i%vog)  geworden  ( Preller  r.  M.3  1,  337,  1).  — 
jiteratur:  Preller, Gr.  M.'2  2,  140  ff.  Schivenclc 
yiytli.  d.  Gr.  483  f.  — 2)  Name  der  Athene 
>ei  den  Pamphyliern:  Hesych.  s.  v.  [Roscher], 
Aegiamunniaegus,  ein  spanischer  Gott  auf 
ler  Inschrift  einer  Erztafel  aus  Vianno  del 
lollo  am  Flusse  Bibey  in  Spanien,  C.  I.  1.  2, 
1523 : Aeyiarnun  \ niaego  Antistius  Placidus  Cili 
ilius  Alterniacinus  V.  S.  L.  M.  Der  erste  6 
md  letzte  Teil  des  Namens  erinnert  an  den 
Hiobroger  Aegus  ( Caesar , bell.  civ.  3,  59.  79), 
lowie  an  Aegius  und  Aegia  auf  einer  Inschrift 
>ei  Grut.  718,  10.  Vgl,  Guserne,  sobre  Aegia- 
nunniaco,  deidad  de  los  antiguos  Espanoles  ms. 
Matrit.  E.  162.  Padin,  Galicia  1,  235.  Hüb  - 
1er,  act.  Berol.  1861  p.  815.  [Steuding], 

Aella  ('Aella) , die  schnellste  aller  Amazo- 


Aeracura  86 

nen,  die  zuerst  von  Herakles  getötet  wurde: 
Diod.  Sic.  4,  16.  [Roscher.] 

Aöllo  (’Asllw),  1)  eine  Harpyie  (s.  d.),  Toch- 
ter desThaumas  und  der  Elektra:  Hes.  Tlieog. 
267.  Apollod.  1 , 2 , 6.  Der  Name  bedeutet 
eigentlich  die  Windschnelle.  — 2)  Name  eines 
schnellen  Hundes  des  Aktaion  : Uv.  Met.  3,  219. 

[Roscher.] 

Aellopus  {’Atllonovg),  1)  Beiname  der  Iris, 
3 bei  Homer  nur  in  der  Form  aillonog  vorkom- 
mend: II.  8,  409.  24,  77.  159.  — 2)  Name  einer 
Harpyie,  wahrscheinlich  derselben,  welche  sonst 
Aello  hiefs  (s.  d.).  Nach  Apollodor  1,  9,  21 
liiefs  sie  auch  Nikothoe.  Sie  soll  von  der  Ver- 
folgung durch  die  Söhne  des  Boreas  ermattet 
in  den  peloponnesischen  Flufs  Tigres  gefallen 
sein,  der  später  davon  Harpys  genannt  wurde 
{Apollod.  a.  a.  0.).  NackAToww.  37,  155  (?  vgl. 
Köchly)  zeugte  sie  mit  Boreas  die  Rosse  Xan- 
0 thos  und  Podarge  (vgl.  II.  16,  150).  [Roscher.] 
Aelmanius  (?),  aut'  einer  Inschrift  aus  Cabeza 
del  Griego,  Hisp.  Tarrag.  Corp.I.L.  2,  3100: 
{A)lbanus  | . . aehnanio  \ VSV.  L.  M.  In  ael- 
manio,  das  vielleicht  am  Anfang  verstümmelt 
ist,  scheint  Hübner  der  Name  eines  Gottes 
verborgen.  [Steuding], 

Aeneas  etc.  s.  Aineias  etc. 

Aenesii  die  Begleiter  des  Aineias:  Paul. 
Iliac.  20,  6 Müll.  [Roscher], 

0 Aequitas,  römische  Personifikation  der  Bil- 
ligkeit, welche  von  den  Römern  gewöhnlich  als 
Justitia  verehrt  worden  zu  sein  scheint.  Die 
älteste  Form  des  Namens , Aecetia , findet 
sich  in  der  Inschrift  einer  Schale  aus  Vulci 
(C.  I.  L.  1 , 13) : AECETIAI  POCOLOM  (vgl. 
F.  Pitschi,  fictil.  lit.  1853,  p.  20,  jetzt  ab- 
gedruckt in  s.  Opuscula  Bd.  4).  Die  Göt- 
tin Aequitas  erwähnt  aufserdem  Arnob.  adv. 
gent.  4,  1 und  eine  Inschrift  bei  Grut.  76, 
0 3 , wo  von  einem  in  den  Tempel  der  Prä- 
nestinischen  Fortuna  geweihten  Bilde  der  Ae- 
quitas die  Rede  ist.  Häufige  Darstellungen 
der  Aequitas  finden  sich  auf  römischen  Kaiser- 
münzen. Hier  erscheint  sie  als  Frau  mit  ge- 
öffneter Linken,  Füllhorn  und  Wage,  biswei- 
len auch  wie  die  Monetae  als  Dreiverein  dar- 
gestellt. Vgl.  Preller,  r.  M.3  2,  266f.  u.  Pau- 
lys  Bealenc.'2  1,  1,  403f.  [Roscher]. 

Aequorna  (auch  Aecorna  u.  Aecurna)  wakr- 
0 scheinlich  eine  alte  latinische  Göttin  der  Kauf- 
fahrer, deren  Name  wohl  von  aeqnor  = Meer 
abzuleiten  ist.  Der  Name  erscheint  in  In- 
schriften von  Nauportus  (Oberlaibach):  C.  I. 
L.  3,  3776.  3831  u.  f.  Vgl.  Mommsen  zu  C. 
I.  L.  1,  1466  u.  Jordan  zu  Prellers  r.  M.3  2, 
122  Anm.  [Roscher], 

Aeracura  (Aera  C.?,  früher  falsch  Abracura 
gelesen),  Name  einer  Erdgöttin  und  Gemahlin 
des  Dis  Pater  {Terrae Matri  Aere  Gurae  C.  I.  L.  8, 
0 5526  = Orelli-Henzen  5721)  in  mehreren  von 
Mommsen  Arcli.  Anz.  1865.  88*  ff.  und  Jordan 
b.  Preller  R.  M.3  2,  65  behandelten  Inschrif- 
ten (vgl.  C.  I.  L.  3,  4395.  5,  725.  8126.  8200. 
8970a.  6,  142).  Besonders  wichtig  ist  ein  den 
Dis  und  die  Aeracura  auf  einem  hohen  Podium 
sitzend  darstellendes  Wandgemälde  eines  an 
der  appischen  Strafse  befindlichen  Grabgewöl- 
bes. Mercurius  als  rsyckopompos  führt  den 


87 


Aüria 


Aeternus 


88 


beiden  Unterweltsgöttern , welchen  die  Fata 
Divina  zur  Seite  stehen,  zwei  Frauen  zu.  Vgl. 
Perret,  Gataconibes  de  Borne  1 pl.  72  f.  u.  Orel- 
li-Hcnzen  6042.  Mommsen  hält  den  Namen 
für  echtlateinisch , Jordan  wohl  richtiger  für 
fremd.  [Roscher], 

Aeria  ( ’AsqCcc ),  Gemahlin  des  Belos,  Mutter 
des  Aigyptos,  auch  Potamitis  genannt:  Cha- 
rax  b.  Stepli.  Byz.  s.  v.  Alyvnzog.  [Roscher.] 

Aernus,  Gottheit  der  Galläcer  oder  Astu- 
rer  auf  einer  Inschrift  aus  Castro  de  Avelläs 
in  Portugal  ( Corp . I.  L.  2 , 2606 : Beo  Aerno 
ordo  Zoelar  ex  votu),  ist  jedenfalls  gleich  dem 
Deus  Arnus  auf  2607  ebendaher;  vgl.  Hübner 
act.  Berol.  1861  p.  806.  Mommsen  schlägt  da- 
gegen vor  auf  beiden  Inschriften  Aeterno , mit 
Kompendium  geschrieben,  zu  lesen. 

[Steuding]. 

Aerope  ( Asgörnq ),  1)  Tochter  des  Katreus, 
Enkelin  Minos’  II. , Schwester  der  Klymene, 
Apemosyne  und  des  Althemenes.  Als  ihr  Vater 
einmal  das  Orakel  nach  seinem  Ende  fragte, 
antwortete  dieses  , dafs  er  von  der  Hand  ei- 
nes seiner  Kinder  sterben  würde.  Altheme- 
nes und  Apemosyne  entflohen.  Katreus  über- 
gab nun  die  Aerope  und  Klymene  dem  Nau- 
plios,  mit  dem  Aufträge  sie  in  fremde  Län- 
der zu  verkaufen , Nauplios  aber  brachte  sie 
nach  Argos,  wo  sie  den  Pleisthenes  heiratete. 
Aus  dieser  Ehe  entsprangen  Agamemnon  (s.  d.)_ 
und  Menelaos  ( Hesiod  b.  Schot,  z.  II.  1,  7.  Apol- 
lod.  3,  2,  1.  2).  Nach  Sopli.  Aj.  1297  u.  dem 
Schot,  zu  d.  St.  (der  sich  übrigens  auch  auf 
die  Kgriocou  des  Euripides  beruft)  übergab  der 
Vater  die  Aerope  dem  Nauplios,  um  sie  ins 
Meer  zu  werfen,  weil  sie  sich  gegen  seinen 
Willen  mit  einem  Sklaven  in  ein  Liebesver- 
hältnis eingelassen  hatte.  Nach  andern  gebar 
Aerope  den  Agamemnon  (s.  d.)  und  Menelaos  nicht 
dem  Pleisthenes,  sondern  dem  Atreus  ( Ap.  3, 10, 

8.  Eurip.Or.  16  ff.  Hel.  390 ff.  Luc.  Hist.  8.  Schol. 
z.  II.  1,  7.  Hygin.  f.  97.  Tzetz.  Lykoplir.  147). 
Deshalb  hat  man  (Welcher  gr.  Tr.  2,  S.  677ff. 
vgl.;  auch  Paulys  Bediene. 2 unter  Aerope) 
vermutet,  dafs  Aerope  erst  den  Pleisthenes 
und  dann  (dessen  Sohn  oder  Vater?)  Atreus 
(s.  d.)  geheiratet  habe  und  dafs  bei  Apollod. 

3,  2,  2 die  Erwähnung  der  zweiten  Heirat 
ausgelassen  worden  sei.  Die  Nachricht,  dafs 
Pleisthenes  jung  gestorben  und  seine  Söhne 
von  Atreus  erzogen  seien  (Schol.  Hur.  Or.  5. 
Porph.  z.  II.  2,  249  , vgl.  Serv.  Verg.  Aen.  1,  458. 
Dictys  1,1.  5,  16)  beruht  vielleicht  auf  einem 
Mifs  Verständnis  und  scheint  eine  Hypothese  zu 
sein  (Welcher  a.  a.  O.  S.  679).  Als  Gemahlin 
des  Atreus  gab  Aerope  ihrem  Buhlen  Tbyestes 
das  goldene  Lamm  ihres  Gatten,  das  diesem 
die  Herrschaft  sicherte,  worauf  Atreus  sie  ins 
Meer  werfen  und  dem  Thyestes  seine  drei 
Söhne  zum  Mahle  vorsetzen  liefs  ( Sopli . b.  Schol.  60 
2.  Hur.  Or.  812  = fr.  136  N.  Paus.  2,  18,  2. 
Hygin.  f.  86.  Vgl.  auch  Aeschyl.  Agam.  1192). 
Dieser  Mythus  war  bearbeitet  von  Sophokles 
im  ’Atgsvg  rj  Mvurjvciica  (Nauck  fr.  tr.  gr. 

S.  127)  und  von  Euripides  in  den  KgrjGGcu 
(Nauck  a.  a.  0.  S.  398  ff..  Vgl.  auch  Welcher 
a.  a.  0.  1,  357 ff.  u.  2,  675  ff.).  Nach  dem  Epi- 
gramm des  Nilcodemos  bei  Brunch  Anal.  2, 


382  , 3 hatte  der  Maler  Ophelion  die  Aerope 
in  Thränen,  samt  den  Überresten  des  unseligen 
Mahles  und  der  Poine  dargestellt  (vgl.  Brunn, 
Künstler g.  2,  287).  — 2)  Tochter  des  Kepheus. 
Sie  wurde  vom  Ares  Mutter  des  Aeropos  und 
starb  während  der  Geburt,  aber  Ares  bewirkte 
durch  ein  Wunder,  dafs  der  Knabe  noch  an  der 
Brust  der  toten  Aerope  trinken  konnte.  Des- 
halb erhielt  Ares  den  Beinamen  ’Acpvnog-,  Paus. 
io  8,  44,  7.  — 3)  Gemahlin  des  Oinopion  von 
Cliios,  von  Orion  verführt:  Hes.fr.  67  ed  Götti. 

[Roscher], 

Aeropos  ( ’Aigo-nog ) 1)  nach  Paus.  8,  44,  7f. 
Sohn  der  Aerope  (Tochter  des  Kepheus)  und 
des  Ares , nach  8,5,1  Sohn  des  Kepheus, 
Königs  der  Arkader.  Nach  Herod.  9,  26  end- 
lich Sohn  des  Phegeus  (?).  Sein  Sohn  war 
Echemos  (s.  d.).  — 2)  Ein  Nachkomme  des  Te- 
menos  von  Argos,  der  mit  seinen  beiden  Brü- 
20  dein  Gauanes  und  Perdikkas  nach  Illyrien  und 
Makedonien  auswanderte:  Her.  8,  137. 

[Roscher.] 

Aesculanus,  Vater  des  Deus  Argentinus,  d.  h. 
Personifikationen  des  Erz-  und  Silbergeldes, 
„welches  letztere  in  Rom  selbst  erst  seit  dem 
Jahre  485  d.  St. , 269  v.  Ohr. , fünf  Jahre  vor 
dem  ersten  punischen  Kriege  geprägt  wurde, 
woraus  man  zugleich  einen  Schlufs  auf  das 
Alter  dieser  Gebilde  ziehen  kann.“  Vgl.  Au 
30  gust.  d.  c.  Bei  4,  21.  4,  28.  Plin.  H.  N.  33, 
44.  Preller  r.  M. 3 2,  222.  Pauly  Bediene.  1, 
1,  430.  S.  auch  Indigitamenta.  [Roscher], 

Aesculapins  s.  Asklepios. 

Aeterna , Beiname  der  Luna , doch  kommt 
er  auch  selbständig  auf  einer  Weihinschrift 
aus  Aquileja  (Corp.  Insc.  L.  5,  8209),  sowie 
vielleicht  auf  einer  solchen  aus  Old  Carlisle 
(7,  336)  vor.  [Steuding], 

Aeternitas,  die  personificierte  Ewigkeit,  er- 
40  scheint  auf  römischen  Kaisermünzen  bald 
sitzend,  bald  stehend  oder  auf  einem  von  Lö- 
wen oder  Elefanten  gezogenen  Wagen  fahrend. 
Ihre  Attribute  sind  die  Himmelskugel,  die  sich 
in  den  Schwanz  beifsende  Schlange , der  sich 
immer  von  neuem  verjüngende  Phönix , der 
langlebige  Elefant,  das  Füllhorn  oder  Sonne 
und  Mond,  welche  durch  ihren  regelmäfsigen 
Lauf  die  unendliche  Zeit  in  bestimmte  Ab- 
schnitte teilen.  Vgl.  Basche , Lex.  r.  mm.  1 
50  p.  164  ff.  Eckhel,  d.  n.  v.  7 p.  278.  Hirt,  Mythol. 
Bilderb.  2,  139.  Tölken,  überd.  Barst,  d.  Pro- 
videntia und  Aeternitas  auf  römischen  Münzen. 

[Roscher]. 

Aeternus  ist  häufig  Beiname  des  Juppiter,  Sol, 
Mithras,  auch  des  Caelus;  doch  findet  sich  auch 
eine  Reihe  von  Inschriften,  wo  nur  der  deus 
Aeternus  genannt  wird:  Gorp.Inscr.L.  3,988b. 
1286  , 3327  , 6258  (sämtlich  aus  Ungarn)  , 5, 
769  und  770  (aus  Aquileja),  8,  8923  und  9704? 
aus  Numidien);  meist  ist  dann  jedenfalls  Jup- 
piter gemeint,  wie  aus  dem  sehr  oft  vorkom- 
menden J.  0.  M.  Aeternus  zu  schliefsen  ist. 
Sonst  wird  er  noch  als  magnus  (G.  I.  L.  5,  3221) 
und  exau.ditor  bezeichnet  (5,  8208).  Den  viri- 
bus Aeterni  sind  die  Inschriften  C.  I.  L.  5,  6991, 
6992 , den  virtutibus  dei  A.  ist  3 , 988.  1 ge- 
widmet. Ein  fons  Aeterni  wird  3,  990  erwähnt. 

[Steuding]. 


Aethlios 


19 

Aethlios  (As&hog),  Sohn  des  Zeus  und  der 
’rotogeneia,  der  Tochter  Deukalions,  oder  Sohn 
.es  Aiolos.  Er  war  König  von  Elis  und  zeugte 
iiit  der  Kalyke  den  Endymion:  Hesiod  bei 
>chol.  Ap.  Rh.  4,  57.  Apollod.  1,  7,  2.  5.  Paus. 
i,  1,  3.  8,  2.  Joann.  Antiuch.  fr.  1,  20.  Hyg. 

'.  155.  Con.  narr.  14.  [Roscher], 

Afer , Sohn  des  Libyschen  Hercules , von 
lern  Africa  benannt  worden  sein  soll:  Solin. 
i.  121,  15  ed.  M.  [Roscher], 

Afferenda  s.  Adferenda. 

Agakles  (Ayar-lyg),  Myrmidone,  Vater  des 
Ipeigeus:  II  16,  571.  [Roscher], 

Agamede  (AyayriSrf),  1)  Tochter  des  Augeias, 
ie  sich  wie  Medeia  trefflich  auf  Heilkräuter 
erstand,  Gemahlin  des  Mulios  (II.  11,  738) 
md  Geliebte  des  Poseidon,  mit  dem  sie  den 
lelos,  Aktor  und  Diktys  zeugte  ( Hyg . f.  157. 
7gl.  auch  Rust.  z.  Dion.  Per.  322).  Nach 
rheohr.  2,  16  u.  Schol.  z.  d.  St.  hiefs  sie  auch  2 
'erimede,  vgl.  Prop-.  2,  4,  8.  Beide  Namen 
ieziehen  sich  auf  grofse  Klugheit  und  erinnern 
,n  Medeia.  — 2)  Tochter  der  Makaria  oder 
’yrrha,  von  welcher  eine  Ortschaft  bei  Pyrrha 
uf  Lesbos  benannt  sein  soll  (Steph.  Byz.). 

[Roscher], 

Agamedes  ( Ayuyridiqg ),  Sohn  des  Stymplielos, 
iruder  des  Gortys,  Urenkel  des  Arkas  Paus.  8,  4, 

. Nach  Charax  b.  Schol.  zu  Ar  ist.  nub.  500 
var  er  verheiratet  mit  Epikaste,  die  ihm  als 
Itiefsohn  den  Trophonios  zubrachte,  während 
r selbst  mit  ihr  den  Kerkyon  zeugte.  Nach 
inem  anderen  Schol.  a.  a.  0.  ist  er  Sohn  des 
ipollon  und  der  Epikaste,  oder  des  Zeus  und 
ler  Iokaste,  oder  des  Erginos. 

Alle  drei,  Agamedes,  Trophonios  und  Ker- 
:yon  galten  als  berühmte  Baumeister  und  unter 
hren  Wunderwerken  werden  genannt:  1)  ein 

lemach  der  Alkmene,  Paus.  9,  11,  1.  2)  ein 

,'empel  des  Apollon  in  Delphi.  Schol.  zu  Arist. 

a.  0.,  Hom.  li.  Apoll.  296.  Find.  bei  Plut. 
ons.  ad  Apoll.  14.  Plato  Axiocli.  367c.  Paus. 

',  37,  4;  10,  5,  13.  Straho  9,421.  Steph.  B.s.v. 
Rlcpoi.  3)  ein  Tempel  des  Poseidon  in  Ar- 
:adien,  an  der  Strafsc  von  Mantineia  nach 
!egea.  Paus.  8,  10,  2.  4)  ein  Schatzhaus  des 
lyrieus,  des  Königs  von  Hyria  in  Böotien. 
°aus.  9,  37,  3. 

Von  der  Erbauung  des  letzteren  erzählt 
°aus.  a.  a.  0.  eine  mit  dem  Berichte  vom 
ichatzhause  des  Rhampsinit  sich  fast  deckende 
läge  ( Herod . 2,  121;  über  die  Ursprünglich- 
st beider  Sagen  0.  Müller,  Orch.  94 ff.  Butt- 
mnn,  Myth.  2.  227  ff.  Welcher , Ep.  Cylcl.  2.30 1 ff.), 
igamedes  und  Trophonios  richteten  einen  der 
iteine  so  zu,  dafs  sie  denselben  von  aufsen 
usheben  konnten,  und  stahlen  dann  immer- 
ort von  den  Schätzen  des  Königs.  Der  König 
lyrieus  liefs  nun  um  die  Gefäfse,  in  wei- 
hen das  Gold  und  Silber  verwahrt  war,  Schlin- 
;en  und  Fallen  legen.  Als  Agamedes  in  eine 
.erselben  geriet,  hieb  ihm  Trophonios  das 
laupt  ab , damit  er  nicht  als  Mitschuldi- 
;er  verraten  werden  könnte.  Vor  dem  Tro- 
ihonios  that  sich  aber  die  Erde  auf  und  ver- 
chlang  ihn,  wo  in  dem  Haine  bei  Lebadeia 
ich  die  sogenannte  Höhle  des  Agamedes  und 
ine  Säule  befindet.  Daselbst  entstand  das 


Agamemnon  90 

Orakel  des  Trophonios  (Paus.  9,  39,  6),  wo 
von  den  um  Rat  Fragenden  Widderopfer  ge- 
bracht und  zugleich  der  Name  des  Agamedes 
mit  angerufen  wurde. 

Ähnlich  berichtet  die  Sage  der  Schol.  zu 
Arist.  a.  a.  0. ; nur  verlegt  er  dieselbe  nach 
Elis  zu  dem  Könige  Augeias  und  läfst  den 
Kerkyon  bei  dem  Diebstähle  beteiligt  sein  und 
in  Gemeinschaft  mit  Trophonios  nach  Orclio- 
menos  entfliehen.  Als  sie  Augeias  auf  den  Rat 
des  Daidalos,  der  die  Schlingen  gelegt  hatte, 
auch  hier  verfolgen  läfst,  flieht  Kerkyon  nach 
Athen,  Trophonios  nach  Lebadeia.  Vgl.  auch 
Plato  a.  a.  0.  Anders  erzählten  Find.  b.  Plut. 
cons.  ad  Apoll.  108,  39  ff,  und  Cic.  Tusc.  1,  47  das 
Ende  des  Agamedes  und  Trophonios : sie  hätten 
nach  Erbauung  des  Apollotempels  den  Gott 
um  einen  Lohn  gebeten;  der  Gott  habe  geant- 
wortet, sie  würden  ihn  am  7.  Tage  (Cic.  Tusc. 
a.  a.  0.:  post  ejus  diei  diem  tertium)  empfangen 
und  sollten  sich  inzwischen  ihres  Lebens  freuen; 
sie  thaten  also  und  wurden  darauf  in  der  7. 
Nacht  durch  einen  sanften  Tod  hinweggenom- 
men. Vgl.  auch  Hom.  hymn.  in  Apoll.  Pyth.  118. 
Benutzt  war  die  Sage  von  Trophonios,  Aga- 
medes und  Augeias  schon  von  dem  Kykliker 
Eugammon  in  seiner  Telegonie:  s.  Welcher  a,  a.  0. 
Uber  die  Deutung  derselben  s.  Trophonios. 

[Bernhard.] 

Agamemnon  (Ayuptyvcav),  heifst  nach  seinen 
Vorfahren  AzgtiSyg,  TltloniSyg,  TccvzctMdys.  Bei 
Homer  ist  er  gewöhnlich  AzgttSr\g,  und  seine 
formelhaften  Epitheta  beziehen  sich  auf  seine 
Macht  und  Herrschaft,  wie  avcci;  avSqätv  Aya- 
ptfivcov,  svgvAQSicov  Ayocptfircov , hqiigov  Aya- 
ysyvcov,  uvSiazos  u.  a.  Ähnlich  später  bei  den 
Tragikern : 'Elhccvcov  uvat,  (Soph.  El.  484), 
Azgtcog  nolvY.OLgccvog  zzaig  (Aesch.  fr.  223),  aiG/p 
TtavzoGsyvog  (Aesch.  Eum.  637),  GZQcczrjyog  ovtu- 
ßgovztjzog  (Soph.  Ai.  1386),  dvSgcov  vavßazcov 
aQfioGzr/g  (Aesch.  Eum.  456),  ysyiczov  r'EU.rjGiv 
cpdog  (Eur.  Hec.  841).  In  der  Ilias  (2,  107) 
überkömmt  er  das  Scepter  von  Thyest:  Gviar’ 
Aycqispvovi  Isztzb  cpoQrpca,  nolXyoiv  vyGoiGi  v.ai 
’Agysi  Tiocvxi  dvuGGnv.  Der  Ausdruck  „ganz 
Argos“  weist  auf  die  Vorstellung  hin,  dafs  der 
Sitz  der  Herrschaft  in  Argos  als  natürlichem 
Vororte  der  nach  der  Stadt  benannten  Land- 
schaft sei  (ebenso  nennt  Agamemnon  Argos 
als  seine  Heimat,  z.  B.  II.  9,  141;  1,  30),  wäh- 
rend der  Schiffskatalog  (2,  559  ff.)  den  Gegen- 
satz von  Argos  und  Mykenai  kennt  und  Argos 
(nebst  Tiryns,  Epidauros,  Aigina  u.  a.)  dem 
Diomed  folgen  läfst,  während  Agamemnons 
Herrschaft  auf  Mykenai , Kleonai,  Korinth,  Si- 
kyon  und  das  nördliche  Achäa  beschränkt  ist 
und  keine  Inseln  umfafst;  er  stellt  jedoch 
die  gröfste  Anzahl  Schiffe,  nämlich  hundert, 
und  giebt  noch  den  Arkadern  60  Stück  (2,  612), 
agiozog  srjv , noXv  St  Tiltiazovg  ayt  hxovg  (v. 
580);  ausdrücklich  als  König  von  Mykenai  wird 
er  genannt  z.  B.  II.  11,  46.  Jene  Stelle  des 
Scliiffskataloges  kommentiert  Strabo  8,  p.  377  ff, 
und  Thukyclides  (1,  9)  gründet  auf  jenen  Vers 
II.  2,  108  seine  Ansicht,  dafs  Agamemnon  sich 
auch  grofse  Seemacht  erworben  und  durch 
Furclitdie  andern  Herrscherzum  Zuge  nach  Troia 
gezwungen  habe.  Reichtum  ist  den  Atriden 


91  Agamemnon 

besonders  eigen,  Hesiod.  frg.  157  Götti.  Die 
Tragiker  folgten  dem  Brauche  der  homerischen 
Gedichte,  bald  Argos  bald  Mykenai  als  den 
Herrschersitz  des  Agamemnon  zu  bezeichnen 
(vgl.  Strab.  8,  p.  377).  Ephoros  (fr.  28  Muell.) 
berichtete  über  das  Verhältnis  zu  Argos,  dafs 
Agamemnon  die  Argiver  überfiel  und  bewäl- 
tigte, während  ..die  meisten  mit  Diomed  dem 
Alkmaion  nach  Atolien  gefolgt  waren ; zum  tro- 
ianischen  Feldzug  habe  Agamemnon  Diomed 
wieder  zurückgerufen.  Eine  Nachricht  aus 
einem  Historiker  bei  Paus.  2,  6,  7 läfst  Aga- 
memnon mit  einem  Heere  sich  Sikyon  unter- 
werfen. Merkwürdig  ist  die  Tradition  der  alten 
Lyriker,  welche  Agamemnons  Herrschaft  weder 
nach  Argos  noch  Mykenai,  sondern  nach  Lake- 
daimon  mit  dem  Sitz  in  Amyklai  verlegten 
und  damit  einer  lokalen  Tradition  dieses  Ortes 
folgten;  so  Stesichoros  und  Simonides  ( Schol . 
Pur.  Or.  46)  und  so  auch  Pindar,  nach  wel-  2 
ehern  (Pyth.  11,  32)  Agamemnon  starb  xlvtciig 
iv  ’ApvxXcug-,  vgl.  Nem.  8,  12  oT  x’  avec  Snug- 
x uv  Ilslonri'Cdöca.  Bei  Herodot  (7,  159)  ruft 
der  Spartaner  Syagros,  wie  würde  Agamemnon 
jammern,  wenn  er  die  Hegemonie  den  Spar- 
tanern entzogen  sähe.  In  Amyklai,  im  lsqov 
der  Alexandra  (Kassandi'a),  hatte  Agamemnon 
ein  pvfjptx,  ein  Grabmal  (Paus.  3,  19,  6).  — 
Seiner  königlichen  Macht  entspricht  auch  sein 
königliches  Äufsere,  wie  es  die  Ilias  schildert  3 
(3,  166  ff.);  er  ist  ßaoilsvg  ayaffö?  und  xga- 
xsqög  ai^gr'itgg-,  er  ist  nsld>Qiog , yv g xs  psyag 
ts,  doch  giebt  es  Helden,  die  gröfser  sind,  aber 
er  ist  mehr  als  alle  xulog  und  yspa^ög;  ja  II. 

2,  477  ff.  wird  er  an  Augen  und  Haupt  dem 
Zeus,  an  den  Hüften  dem  Ares,  an  Brust  dem 
Poseidon  verglichen.  Auch  Thaten  des  Mutes 
berichtet  die  Ilias,  wie  wenn  er  Menelaos  als 
zu  schwach  abweist  und  selbst  dem  Hektor 
sich  gegenüberstellen  will.  Er  erhält  den  ersten 
Preis  im  Wurfe  von  Achill  II.  23,  890.  Seine 
prächtige  Rüstung  II.  11,  16  ff.  — Die  Aus- 
bildung der  Sagen  vom  Hause  des  Atreus  in 
der  späteren  Poesie  brachte  Näheres  über  Aga- 
memnons Jugend.  Er  ist  hei  den  Tragikern 
Sohn  des  Atreus  und  der  Kreterin  Aerope  (Pur. 
llel.  394  u.  a.)  oder  er  ist  Sohn  der  Aerope 
und  des  Pleisthenes,  des  Sohnes  des  Atreus 
Apoll.  3,  2,  2;  schon  Hesiod  hatte  den  Plei- 
sthenes eingeschoben  (frg.  80  Götti.) ; bei  Stesi- 
choros heilst  Agamemnon  nieiofteviSag  (fr. 
42  B.) ; bei  Äschylos  (Ag.  1602)  verflucht 
Thyest  näv  xb  nisiaQ'svovg  ysvog.  Zur  Vermit- 
telung wurde  erfunden,  dafs  Pleisthenes  jung 
gestorben  und  seine  Söhne  Agamemnon  und  Me- 
nelaos von  Atreus  aufgezogen  wordSn  seien 
(Tzets.inll. p.  68 ; Serv.  adAen.  1,458;  s.  Aerope). 
— Gattin  des  Agamemnon  ist  Klytaimnestra 
(Apoll.  3,  10,  6.  Pur.  Or.  20),  die  Tochter  des 
Tyndareos  und  der  Leda,  Schwester  der  Helena 
(Hyg.  77.  78).  Nach  Pur.  Iph.  Aul.  1149  ff 
heiratete  Klytaimnestra  den  Agamemnon  wider 
Willen,  nachdem  dieser  ihren  ersten  Gatten 
Tantalos  erschlagen  und  ihr  das  Kind  von 
demselben  entrissen  hatte;  die  Dioskuren,  ihre 
Brüder,  kriegten  darauf  gegen  Agamemnon,  bis 
er  als  Bittflehender  zu  Tyndareos  kommt,  der 
dann  Versöhnung  bewirkt.  Seine  Kinder  von 


Agamemnon  92 

Klytaimnestra  sind  nach  der  Ilias  (9,  142  ff.) 
drei  Töchter,  Chrysothemis,  Laodike,  Ipliianassa, 
und  als  Letztgeborener  ein  Sohn,  Orestes.  In 
den  Kyprien  des  Stasinos  (fr.  12,  schol.  Soph. 
PI.  157)  war  bereits  Iphigeneia  zugefügt  und 
von  Iphianassa  unterschieden  worden;  dann 
kam  Elektra  hinzu,  die  der  Lyriker  Xanthos 
statt  Laodike  gesetzt  haben  soll  (Ad.  v.  h.  4, 
26;  vgl.  dazu  Robert,  Bild  u.  Lied  S.  173); 
o Elektra  und  Iphigeneia  sind  bei  den  Tragikern  die 
Haupttöchter,  doch  kennt  Sophokles  (PI.  157) 
daneben  auch  noch  Chrysothemis  und  Iphia- 
nassa, während  Euripides  nur  Chrysothemis  da- 
neben annimmt  (vgl.  Or.  23,  und  schol.  dazu,  wo 
Elektra  mit  Iphianassa  identifiziert  wird).  — 
— Was  seinVerhältnis  zu  T h y e s t anbetrifft, 
so  liefs  eine  spätere  tragische  Fabel  (Ilyg.  88, 
vgl.  Atreus)  ihn  mit  Menelaos  in  der  Jugend 
auf  Befehl  des  Atreus  den  Thyest  suchen,  in 
o Delphi  finden  und  gefangen  zu  Atreus  bringen. 
Von  der  Herrschaft,  die  Thyest  errungen  hatte, 
läfst  Äschylos  (Ag.  1605)  den  Agamemnon 
dann  Besitz  ergreifen,  indem  er  den  Thyest 
nebst  dem  kleinen  Aigisthos  aus  dem  Lande 
treibt.  — Als  die  zahlreichen  Freier  kamen, 
welche  Helena  zur  Gattin  begehrten,  riet  Odys- 
seus dem  Tyndareos,  dieselben  durch  einen 
Schwur  zu  binden,  nicht  zu  streiten  oder  dem 
wegen  der  Heirat  Angegriffenen  beizustehen; 
o nach  dem  Schwure  wählt  Helena  selbst  den 
Menelaos  (Hyg.  78),  oder  er  wird  ihr  von 
Tyndareos  gegeben  (Apoll.  3,  10,  8).  Schon 
das  jüngere  Epos  kennt  diese  Sage.  Bei  He- 
siod (frg.  136  Götti.-,  vgl.  Robert,  Bild  u.  Lied 
S.  189),  dem  Stesichoros  folgte,  vergafs  Tyn- 
dareos  der  Aphrodite  zu  opfern,  weshalb  diese 
sich  durch  seine  Töchter  rächt,  die  sie  diyd- 
povg  t s ua'i  TQiyayovg  x Grijcu  xcd  Xinsodrogccg 
(Stesich.  fr.  35).  Als  nun  Helena  geraubt  war, 
o vereinigt  sich  Menelaos  mit  Agamemnon  und 
beide  werben  zum  Rachezuge.  Schon  in  der 
Ilias  (23,  296)  wird  ein  Fürst,  Echepolos, 
genannt,  der  sich  durch  ein  Geschenk  vom 
Zuge  loskauft  und  nach  Odyssee  24,  115  kamen 
Agamemnon  und  Menclaos  selbst  nach  Ithaka, 
um  Odysseus  zum  Zuge  zu  bereden.  Ein  Orakel, 
das  Agamemnon  sich  in  Delphi  holte  und  welches 
das  beginnende  Ende  Troias  dann  prophezeite, 
wenn  die  Besten  der  Achäer  in  Streit  kämen, 
o kennt  die  Odyssee  (8,  75  ff.).  Agamemnon  war 
Oberfeldherr,  was  man  dann  entweder  aus  seiner 
Macht  erklärte  (wie  Thule.  1,9;  vgl.  Pust,  ad  II, 
p.  185)  oder  als  die  Folge  einer  regulären  Wahl 
(auf  einer  Volksversammlung  zu  Argos,  Hict. 
1,  15.  16);  bei  Euripides  (Iph.  Aul.  84)  sagt 
Agamemnon  selbst,  man  habe  ihn  Msvelsio 
IKQiv  zum  Feldherrn  gewählt,  während  Mene- 
laos (ib.  337)  ihm  vorwirft,  er  habe  demütig 
darum  geworben.  — Die  Versammlung  der 
o Schiffe  findet  in  Aulis  statt.  Nach  der  Ilias 
giebt  Zeus  beim  Betreten  der  Schiffe  zur  Ab- 
fahrt ein  günstiges  Zeichen  durch  einen  Blitz 
(2,  350  ff. ; vgl.  112.  286);  vorher  während  des 
Aufenthaltes  in  Aulis  schickt  Zeus  während 
des  'Opfers  eine  Schlange,  die  acht  kleine  Sper- 
linge und  deren  Mutter  als  neunte  verschlingt, 
was  Kalchas  auf  die  neun  Kriegsjahre  und  die 
Zerstörung  im  10.  deutet  (II,  2,  303  ff.).  Nach 


93  Agamemnon 

Äschylos  (Ag.  109  ff.)  ereignete  sich  das  Zeichen, 
dafs  zwei  Adler  eine  trächtige  Häsin  zerflei- 
schen, was  Kalchas  auf  die  Zerstörung  Troias 
deutet,  der  aber  auch  den  Zorn  der  Artemis 
vorhersagt.  In  den  Kyprien  ward  nun  ein  der 
Ilias  noch  unbekannter  erster  verfehlter  Feld- 
zug eingeschohen,  der  in  Mysien  endet;  wo- 
nach der  verwundete  Telephos  (s.  d.)  zu  den 
bei  Agamemnon  in  Argos  versammelten  Grie- 
j chen  kömmt,  des  letzteren  Söhnchen  Orestes 
auf  Rat  der  Klytaimnestra  raubt  und  so  Aga- 
memnon zwingt,  den  Achill  zu  bewegen,  dafs^ 
dieser  ihn  heile  ( Kyprien , Äschylos , s.  schol. 
Arist.  Ach.  332,  Euripides  im  Telephos  u.  a. ; s. 
Welcher , ep.  Cyhl.  2, 100. 138 ff.;  gr.  Trag.  477  ff. ; 
Ribbech , röm.  Trag.  S.  104  ff.  344  ff. ; Hyg.  f. 
101).  Nach  den  Kyprien  folgt  nun  eine  zweite 
Versammlung  in  Äulis,  wo  Agamemnon  sich 
| gegen  Artemis  überhebt  und  einen  ihr  heiligen 
Hirsch  tötet  (ebenso  Sophokles  El.  566  ff. ; vgl.  2 
Hyg.  98);  Artemis  zürnt  und  schickt  Stürme 
■ oder  Windstille,  kurz  utiIoicl  ( Eur . Iph.  Aul. 
88);  nach  Eur.  Iph.  Taur.  20  zürnt  Artemis, 
da  Agamemnon  ihr  gelobt  hatte  das  Schönste 
j des  Jahres  zu  opfern,  da  Iphigeneia  geboren 
ward.  Kalchas  verlangt  das  Opfer  derlphi- 
geneia,  das,  sowie  die  Rettung  der  Iphigeneia 
durch  Artemis,  schon  die  Kyprien  erzählten 
und  das  ein  beliebter  Gegenstand  der  Tragödie 
wurde  (Iphigeneia  von  Äschylos,  Sophokles,  3 
Welcher,  gr.  Tr.  107  ff. , Euripides,  Ennius, 
Ilibbeck,  r.  Trag.  S.  94  ff.;  Hyg.  f.  98).  — Bei 
späteren  Dichtern  (Phanokles  u.  a. , s.  Rhein. 
Mus.  N.  F.  4,  404)  ward  im  Anschlüsse  an 
eine  lokale  Tradition  vom  schönen  Argynnos 
erzählt,  dafs  Agamemnon  während  des  Aufent- 
haltes in  Böotien  jenen  Knaben  geliebt  und 
auf  semem  Grabe  ein  Heiligtum  der  Aphrodite 
Aqyv vvCg  gegründet  halbe  (Athen.  13,  p.  603  cZ. ; 

, Ciem.  Alex,  protr.  p 32;  Flut,  gryll.  c.  7).  — 4 
Endlich  gelingt  die  Fahrt  nach  Troia;  bei  dem 
festlichen  Mahle  in  Tenedos  oder  Lemnos  er- 
; eignet  sich  der  erste  Streit  des  Agamemnon  und 
; des  Achill  (s.  d.),  welch  letzterer  sich  wegen  ver- 
späteter Einladung  verletzt  fühlte;  dies  hatten 
, schon  die  Kyprien  erzählt  und  Sophokles  zu 
einer  Tragödie  verwendet  ( Nauck . frg.  p.  128; 
Welcher , gr.  Tr.  110  ff.).  Es  beginnt  nun  der 
zehnjährige  Kriegvor  Troia;  zerstreute  Raub- 
züge zersplitterten  die  Kraft,  was  Tliuh.  1,  11  5 
als  Grund  der  langen  Dauer  ansieht.  So  zer- 
störten die  Griechen  auch  Theben,  die  Stadt 
des  Eetion,  von  deren  Beute  Achill  die  Briseis, 
Agamemnon  die  Ghryseis  erhielt  (II.  1,  366  ff). 
Im  10.  Jahre  der  Belagerung  setzt  die  Hand- 
lung der  Ilias  ein.  Chryses,  Vater  der  Ghry- 
I seis  und  Apollopriester,  verlangt  die  Tochter 
gegen  Lösegeld  zurück,  was  Agamemnon  zu- 
rückweist, worauf  Apollon  Pest  sendet.  Aga- 
memnon wird  gezwungen  Ghryseis  frei  zu  geben,  c 
verlangt  aber  als  Ersatz  die  Briseis  des  Achill; 
heftiger  Streit  der  beiden  Helden ; Agamemnon 
läfst  die  Briseis  durch  seine  Herolde  Talthy- 
bios  und  Eurybates  abholen  (11. 1).  Zeus,  der 
der  Thetis  gelobt  ihren  Sohn  zu  rächen,  sendet 
Agamemnon  einen  täuschenden  Traum,  er  werde 
jetzt  Troia  einnehmen.  Agamemnon  versucht 
erst  das  Volk  durch  den  Befehl  der  Heimkehr 


Agamemnon  94 

und  zieht  dann  zur  Schlacht  aus  (II.  2);  doch 
schliefst  er  einen  Vertrag  mit  Priamos,  dafs 
die  Entscheidung  dem  Zweikampfe  des  Paris  und 
Menelaos  anheim  gestellt  werden  solle  (II.  3) ; 
als  der  Vertrag  gebrochen  wird,  führt  Aga- 
memnon das  Heer  in  die  Schlacht,  in  der  er 
selbst  mehrere  erlegt  (zu  allerei’st  den  Hodios, 
5,  38,  später  den  Elatos,  6,  33  und  den  Adra- 
stos,  den  Menelaos  gefangen  genommen  hatte 
und  leben  lassen  wollte,  den  aber  Agamemnon 
grausam  niedersticht  6,  63).  Den  Zweikampf, 
den  Hektor  verlangt,  will  Agamemnon  anneh- 
men, doch  wird  Aias  gewählt  (II.  7).  Nachher 
Waffenstillstand  und  Befestigung  des  Lagers  des 
Agamemnon.  Die  erneuerte  Schlacht  wendet 
Zeus  ungünstig  für  Agamemnon  (II.  8).  In 
nächtlicher  Versammlung  der  Fürsten  rät  er 
zur  Abfahrt,  sendet  jedoch  auf  Rat  des  Nestor 
eine  Gesandtschaft  an  Achill,  um  diesen  zu 
versöhnen;  dieselbe  ist  vergeblich  (II.  9).  ln 
der  Schlacht  des  folgenden  Tages  glänzt  Aga- 
memnon und  drängt  die  Troer  bis  vor  die 
Stadt  zurück  (II.  11,  ’Ayapipvovog  apictsta);  er 
tötet  zuerst  den  Bienor  und  dessen  Genossen 
Oileus  (11,  92),  dann  den  Isos  und  Antiphos, 
Söhne  des  Priamos  (11,  101),  dann  die  Söhne 
des  Antimachos,  Peisandros  und  Hippolochos 
(11,  122),  darauf  im  stürmischen  Vordringen 
noch  viele  andere  Unbenannte;  den  Anteno- 
riden  Iphidamas,  der  sich  ihm  entgegenstellt, 
erlegt  er  (11,  221  ff.),  und  darauf  dessen  Bruder 
Koon,  der  ihn  jedoch  am  Arme  verwundet  (11, 
248  ff);  er  mufs  sich  aus  der  Schlacht  zurück- 
ziehen, worauf  Hektor  zu  den  Schiffen  vor- 
dringt. Agamemnon  berät  sich  im  Lager  mit 
dem  ebenfalls  verwundeten  Odysseus  und  Dio- 
medes.  Poseidon  in  Gestalt  eines  alten  Mannes 
ermutigt  Agamemnon  zur  Schlacht  (14,  136  ff.) ; 
doch  die  Schiffe  werden  immer  mehr  bedrängt; 
als  sie  brennen,  schickt  Achill  den  Patroklos, 
der  die  Troer  zurücktreibt;  nach  dessen  Tode 
beruft  Achill  die  Fürsten  und  versöhnt  sich 
mit  Agamemnon  (19,  56  ff.);  dieser  schickt  grofse 
Geschenke  dem  Achill,  darunter  auch  die  Bri- 
seis, die  er  nicht  berührt  zu  haben  scheint  (19, 
243  ff.).  Von  nun  an  tritt  Agamemnon  in  der 
Ilias  ganz  zurück.  Die  Tragödien , die  ihren 
Stoff  der  Ilias  entlehnten,  konzentrierten  sich 
ganz  auf  Achill.  — In  den  Kvy.Iiy.6l  war  er- 
zählt, wie  Agamemnon  nach  dem  Tode  des 
Achill  sich  fürchtet  einem  der  Streitenden  die 
WaffenAchills  zuzusprechen;  er  liefs  die  Kriegsge- 
fangenen befragen  (Od.  11,547  nach  Aristarch  ein- 
geschoben; vgl.  d.  Schol.  dazu)  oder  er  schickte 
auf  Nestors  Rat  Horcher  aus , die  troischen 
Frauen  zu  belauschen  (iuyqcl  ’lXiüg,  schol.  Arist. 
Equ.  1056).  Nach  der  Zerstörung  Ilions  nimmt 
Agamemnon  Kassandra  als  Kriegsgefangne  mit, 
die  schon  der  Odyssee  (11,  422)  bekannt  ist, 
und  die  ihm  die  Zwillinge  Teledamos  und 
Pelops  gebar,  die  später  mit  dem  Vater  um- 
kamen (Paus.  2,  16,  6).  — Wegen  der  Rück- 
fahrt streiten  Menelaos  undAgamemnon;  erste- 
rer  will  gleich  abfahren  und  thut  es  auch, 
Agamemnon  bleibt  zurück,  um  den  Zorn  der 
Athena  durch  Opfer  erst  zu  versöhnen:  so  die 
Odyssee  3,  141  ff',  und  ebenso  die  Nosten  des 
Agias  von  Troizen,  denen  Sophokles  in  der 


95  Agamemnon 

Polyxena  folgte  ( Strabo  10,  p.  470;  Soph.  fr. 
186).  Die  Nosten  erzählten  ferner,  dafs,  als 
Agamemnon  sich  einschiffte , Achills  Schatten 
ihm  alles  künftige  Unheil  vorhergesagt  und 
ihn  zurückzuhalten  gesucht  habe  (vgl.  Welcher, 
ep.  Gylcl.  2,  291);  dasselbe  schöne  Motiv  be- 
nutzte Sophokles  in  der  Polyxena;  der  Geis.t 
forderte  hier  Polyxena  zum  Opfer  {Welcher, 
gr.  Tr.  178).  — Nach  einer  attischen  Sage, 
die  Kleitodemos  {fr.  12  Muell.)  berichtete,  ward  n 
Agamemnon  mit  dem  Palladion  bei  Athen  an- 
getrieben; Demophon  raubt  dasselbe;  zur  Ent- 
scheidung wird  ein  Gericht  von  je  50  Argivern 
und  Athenern  eingesetzt,  die  sogenannten  Ephe- 
ten.  — Die  Rückkehr  und  der  Tod  des  Aga- 
memnon war  bereits  zur  Zeit  der  Odyssee  episch 
ausgebildet;  auch  die  Nosten  enthielten  ihn; 
er  ward  von  Stesichoros  in  der  Oresteia  be- 
handelt, die  grofsen  Einflufs  auf  die  Tragödie 
hatte.  Die  ältere  epische  Auffassung  ist  diese:  2 
als  Agamemnon  nach  der  stürmischen  Überfahrt 
die  Heimat  erreicht  hat,  wird  dem  Aigisthos, 
(s.  d.)  dem  Sohne  des  Thyest,  sofort  von  einem 
bestellten  Späher  die  Botschaft  gebracht  {Od. 

4,  524);  Aigisthos  hatte  inzwischen  die  gute  und 
sich  sträubende  Klytaimnestra  verführt,  ihr 
den  Sänger  genommen,  der  ihr  Schutz  sein 
sollte,  und  sie  in  sein  Haus  geführt  {Od.  3, 263 ff.). 
Jetzt  lädt  Aigisth  den  Agamemnon  zum  Mahle 
zu  sich  und  ermordet  ihn  nebst  all  seinen  Ge-  3 
führten  mit  Hilfe  von  20  Männern , die  er  im 
Hinterhalte  aufgestellt  hatte:  Od.  4,  529  ff.; 
auch  Od.  3,  304  und  198  ist  nur  Aigisth  als 
Mörder  genannt,  ebenso  Od.  1,  35  ff.  Dagegen 
Od.  11,  409  ff.  (Nekyia)  begeht  Aigisth  die 
That  avv  ovloysvy  dlo%(p  , (ebenso  heifst  es 
Od.  24,  97),  und  dieselbe  Version  schwebt  vor 
in  dem  wohl  später  eingefügten  Verse  Od.  4, 
92.  In  der  Nekyia  tötet  Klytaimnestra  auch 
die  Kassandra  und  ist  überhaupt  bereits  das  4 
grausige  Weib,  auf  welches  Agamemnon  die 
Hauptschuld  wälzt  {Od.  11,  421  ff).  In  dieser 
Richtung  ging  die  spätere  Dichtung  weiter. 
Die  Version  der  Nosten  ist  nicht  näher  bekannt. 
Bei  Stesichoros  scheint  die  Sage  schon  wesent- 
lich wie  bei  den  Tragikern  gestaltet  gewesen 
zu  sein  {Robert,  Bild  u.  Lied  S.  163  ff.  171; 
176).  Bei  Pindar  finden  wir  ebenfalls  bereits 
Klytaimnestra  allein  als  Mörderin  genannt, 
welche  die  That  noXuo  begeht  und  zu  5 

gleich  Kassandra  hinmordet;  als  Motiv  der 
That  läfst  Pindar  die  Wahl  zwischen  dem  Tod 
der  Iphigeneia  oder  der  Buhlschaft  mit  Aigisth 
(Pyth.  11, 17  ff) ; dieselben  Motive  bei  den  Tra- 
gikern (Iphigeneia  z.  B.  Aesch.  Ag.  1417,  Soph. 
El.  530),  wo  Klytaimnestra  sich  auch  nur  als 
Vollstreckerin  der  Rache  für  Atreus’  Unthat 
hinstellt  {Aesch.  Ag.  1500).  Der  Mord  geschieht 
nun  in  der  Regel  nicht  beim  Mahle  wie  im 
Epos,  sondern  im  Bade,  wo  Klytaimnestra  c 
dem  Agamemnon  ein  grofses  Netz  überwirft 
und  ihn  dann  mit  einem  Beile  durch  drei 
Schläge  tötet  {Aesch.  Ag.  1382  ff,  zwei  Schläge 
und  einen  dritten  dem  Gefallenen  für  den 
Hades;  Soph.  El.  98  am  Kopfe;  die  Kopfwunde 
kannte  schon  Stesichoros,  s.  Robert,  Bild  u. 
Lied  S.  171;  vgl.  ferner  Aesch.  Eum.  460.  633  ff  ; 
Soph.  El.  99.  485.  445  syccGxceli'G&r]  (vgl.  den 


Agamemnon  in  d.  Kunst  96 

Schol.  z.  d.  St.)  snl  XovtQOiOt^  doch  203  und 
284  wird  der  Mord  beim  Mahle  angenom- 
men; Eur.  Or.  25  an slqco  vcpäo gute,  Or.  367; 
Eur.  El.  157  ff.;  1149.  1160;  Eur.  Iph.  Taur. 
552;  Andr.  1026;  ausnahmsweise  wird  Eur.  El. 
8 auch  Aigisth  als  beim  Morde  thätig  ange- 
deutet). — Spätere  Tragiker  scheinen  sich  wie- 
der mehr  an  die  homerische  Version  ange- 
schlossen zu  haben,  wonach  Aigisth  die  Haupt- 
) person  war;  so  das  Vorbild  des  Aegisthus  von 
Livius  Andronicus,  wo  Agamemnon  beim  Mahle 
erschlagen  wird  {Ribbech,  r.  Trag.  28 ff);  wahr- 
scheinlich ebenso  der  Aegisthus  des  Accius 
(ebenda  S.  464  ff).  Eine  tragische  Version  liegt 
auch  bei  Iiygin.  f.  117  zu  Grunde,  wonach 
Oiax,  des  Palamedes  Bruder,  der  schon  in  der 
älteren  Dichtung  {Eur.  Or.  432,  vielleicht  nach 
Stesichoros,  s.  Robert,  Bild  u.  Lied  S.  184) 
als  Feind  des  Agamemnon  und  Orest  eine  Rolle 
o spielte,  die  Klytaimnestra  durch  die  falsche 
Angabe,  Agamemnon  führe  Kassandra  als  Kebs- 
weib  mit,  aufgestachelt  hat,  so  dafs  sie  mit 
Aigisth  denselben  während  des  Opfers  am 
Hausaltare  tötete.  Vielleicht  folgt  die  Clyte- 
mestra  des  Accius  dieser  Version  {Ribbech,  r. 
Trag.  S.  460  ff).  Agamemnon  hatte  an  meh- 
reren Orten  Kulte;  vor  allem  inLakonien,  wo  er 
als  Zsvg  ’Ayaps[ii>cov,  als  ein  chthonischer  Zeus, 
verehrt  ward  {Tzetz.  Lyhophr.  1369;  Clem.  Al. 
0 protr.  p.  32  P;  Eustath.  II.  2,  25,  p.  168).  ln 
Chaironeia  war  das  Kultsymbol  sein  Scepter,  das 
man  in  der  Nähe  gefunden  zu  haben  glaubte 
und  das  sehr  heilig  gehalten  wurde;  er  hatte 
einen  eigenen  Priester,  der  jährlich  wechselte  und 
das  Scepter  jeweils  bei  sich  im  Hause,  aufbe- 
wahrte, wo  ihm  tägliche  Speiseopfer  dargebracht 
wurden  {Paus.  9, 40, 11).  ln  Ivlazomenai  war  eine 
Kultstätte  des  Agamemnon  in  den  Bädern  {Paus. 
7,  5,  11).  Sein  Grab  in  Amyklai,  im  lsqov  der 
o Alexandra,  ward  schon  erwähnt  {Paus.  3,  19, 
6);  auch  in  Mykenai  hatte  er  ein  Grab  {Paus. 
2,  16,  6).  — Sprichwörtlich  war:  Aya ysyvo- 
vog  ftvciar  snl  xa>v  SvGnsi&äv  ual  anlggcov, 
angeblich  weil  ihm  in  Troia  einst  ein  Opferstier 
entflohen  sei  und  nur  mühsam  eingebracht 
wurde  {Zenob.  prov.  1,  13;  Diog.  1,  6);  ferner 
der  Hexameter  ävx’  svegysGu jg  Ayapsyvova  Srj- 
occv  ’A%cuol,  über  dessen  ursprünglichen  Sinn 
vgh  Welcher,  ep.  Cyhl.  2,  295;  er  stand  in  alt- 
o attischen  Buchstaben  an  einer  Herme  in  Athen 
{Harpocr.  v.  Eggat).  — Ayaysyvovsia  cpgeaxa 
hiefs  eine  Gattung  von  Brunnen;  denn  Aga- 
memnon sollte  in  Äulis,  Attika  und  anderwärts 
in  Hellas  Brunnen  gegraben  haben  {Hesych. 
s.  v.,  Kleitodem.  fr.  9 Muell.).  — Ayagsgvö- 
vsiog  Scdg  (vgl.  Soph.  El.  284)  i } xqdn sga 
nach  Eustath.  p.  1507  ad  Od.  <1528  nagoigia- 
xfog  snl  xäv  sn’  oXs&qco  svooxovysvcov ; in  an- 
dern! Sinne  nenne  Sophokles  ’Ayaysyvovog  Sal- 
ta xgv  uax’  sxog  yevogsvriv  ots  zov  Ayagsg- 
vova  tQQLtyccv  of  avsXovxs g avxov.  — Auf 
Kunstdenkmälern  ist  Agamemnon  immer  ein 
bärtiger  Mann  von  königlichem  Aufsern,  meist 
mit  Scepter.  Er  ward  früh  und  häufig  dar- 
gestellt in  Scenen  der  Sage.  Auf  dem  Kasten 
des  Kypselos  ganz  der  Ilias  11,  221  ff.  ent- 
sprechend mit  Koon  kämpfend,  der  über  den 
getöteten  Iphidamas  tritt  {Paus.  5,  19,  4).  Auf 


97  Agaraestor 

einem  sehr  altertümlichen  Relief  von  Samothrake 
i (s.  d.  Abbildg.)  sitzt  er,  und  hinter  ihm  stehen 
seine  beiden  Herolde  Talthybios  und  Epeios 
(Millingen  uned.  Mon.  2G;  Glarac,pl.  116).  Die 
Agamemnon  benannte  Figur  einer  altkorin- 
thischen Vase  (I).  a.  K.  1,  18)  ist  nicht  die 
bestimmte  Person  der  Sage,  sondern  allgemein 
ein  Herrscher  (vgl.  Stephani  C.  R.  1867,  72). 

In  der  Gruppe  der  losenden  Achäer  vor  Troia 
von  Onatas  (Paus.  5,  25,  5)  war  Agamemnons  io 
Name  allein  beigeschrieben.  In  Polygno.ts 
Unterweltsbild  stand  Agamemnon  in  der  Nähe 


Agamemnon,  Talthybios  und  Epeios. 


des  Achill  cnriitTQcp  xs  vno  xgv  ccqigxsquv  ycc- 
6%ahr]v  SQBiSöyevog  neu  xatg  %sqgIv  snuvB%a>v 
qaflSov  (Paus.  10,  30,  3).  Agamemnon  und 
Menelaos  befanden  sich  wegen  ihres  Verhältnis- 
ses zur  Helena  an  der  Basis  der  Nemesisstatue 
in  Rhamnus  (Paus.  1,  33,  8).  Unter  den  Dar- 
stellungen auf  Vasenbildern  des  5.  Jahrhunderts 
sind  besonders  hervorragend  die  des  Hieron, 
wo  Agamemnon  — abweichend  von  der  Ilias 
— eigenhändig  die  Briseis  wegführt  (Mon.  d. 
I.  6,  19),  und  eine  andere  des  Hieron,  wo  er 
zwischen  die  streitenden  Helden  Odysseus  und 
Diomedes  tritt,  die  beide  ein  Palladion  her- 
beibringen (Mon.  d.  I.  6,  22).  Erst  in  späterer 
Kunst  erscheint  die  Opferung  Iphigeneias,  bei 
der  Agamemnon  gegenwärtig  ist;  berühmt  war 
Timanthes’  Bild,  der  Agamemnons  Angesicht 
verhüllte  (Overbeck  Schriftgu.  1734  ff  );  der  Zug 
ist  uns  in  einem  Pompejanischen  Bilde  noch 
erhalten  (Helbig , Wandg.  No.  1304);  ähnlich 
der  Altar  des  Kleomenes  (R.  Röchelte,  mon. 
ined.  1,  26,  1).  Auch  der  Streit  mit  Achill  er- 
scheint erst  auf  späteren  Denkmälern  (Pompejan. 
Wandbild:  Helbig  No.  1306;  Sarkophag:  Cla- 
rac  pl.  239;  Tabula  Uiaca:  Jahn,  Bilder  chro- 
nilcen  Tf.  1).  Agamemnons  Tod  auf  etrus- 
kischen Aschenkisten  s.  Brunn,  urne  etrusche 
tav.  74f.  85,  4;  vgl.  Ribbech,  röm.  Trag.  S.  468 f. 
Agamemnons  Schatten  auf  etruskischem  Spie- 
gel: Gerhard,  etr.  Sp.  180.  — Über  die  Bühnen- 
tracht der  ’JzQsig  und  ’Ayayeyvovsg  s.  Pollux 
On.  4,  116:  sie  tragen  ein  Kolncoyix  über  dem 
Chiton.  [Eust.  z.  II.  289,  35  erwähnt  eine  alte 
Nebenform  ’Ayctysdcov.  R.]  [A.  Furtwängler.] 

Agamestor  (’AyayriGxojQ),  Gemahl  einer  Nym- 

Roscher,  Lexikon  der  gr.  u.  röm.  Mythol. 


Agathodaimon  98 

plie,  Vater  des  Kleitos.  Er  wurde  in  dem  von 
Megarern  und  Böotern  gegründeten  pontischen 
Heraklea  als  Heros  verehrt:  Apoll.  Rh.  2,  849 
u.  Schol.  Q.  Smyrn.  6,  464.  [Roscher.] 

Aganippe  (’Ayavimtrj),  1)  Nymphe  der  gleich- 
namigen den  Musen  geheiligten  Quelle  am 
Helikon,  Tochter  des  Flufsgottes  Permessos 
oder  Termessos:  Paus.  9,  29,  5.  Kallim.  b. 
Serv.  Verg.  Ed.  10,  12.  — 2)  Gemahlin  des 
Akrisios,  Mutter  der  Danae,  sonst  Eurydike 
genannt:  Hygin.  f.  63.  Vgl.  Schol.  Ap.  Rh. 
4,  1091.  — 3)  Tochter  des  Aigyptos  nach 
Plut.  de  fl, uv.  16.  Davon 
Aganippis  ( 'Ayctvinnüg ),  Beiname  der  Hippo- 
krene  bei  Ov.  Fast.  5,  7.  [Roscher.] 

Aganippos  (Ayccvunnog),  ein  Troer:  Q.  Smyrn. 
3,  230.  [Roscher.] 

Aganos  •(’Ayccvog) , Sohn  des  Paris  und  der 
Helena:  Schol.  Eur.  Andr.  898,  wo  Cobet  ’Ayuvog 
schreiben  will , Tzetz.  Hom.  441.  Schol.  Ly- 
Tcophr.  851.  [Roscher.] 

Agapenor  (AyungvcoQ),  Sohn  des  Ankaios, 
Enkel  des  Lykurgos,  König  der  Arkader  im 
Kampfe  gegen  Troja:  Hom.  II.  2,  609  ff.  Hygin. 
f.  97.  Seine  Residenz  war  Tegea  (Apollod,  3, 
7,  5).  Nach  Hygin.  f.  81  u.  Apollod.  3,  10,  8 
war  er  einer  der  Freier  der  Helena.  Auf  der 
Heimfahrt  wurde  er  nach  Kypros  verschlagen, 
wo  er  die  Stadt  Paphos  und  einen  Aphrodite- 
tempel gründete  und  fortan  wohnte  (Paus.  8, 
5, 2. 3. 10, 10.  53,  7.  Lykophr.  479  u.  Schol.  Strab. 
683.  Vgl.  auch  Engel,  Kypros  1,  225.  2.  80). 
Nach  Apollod.  3,  7,  6 f . trafen  bei  ihm  die 
Söhne  des  Phegeus,  Agenor  und  Pronoos,  mit 
Amphoteros  und  Akarnan  (s.  d.),  den  Söhnen  des 
Alkmaion,  zusammen  und  wurden,  im  Begriff  das 
von  der  Harmonia  stammende  Halsband  als 
Weihgeschenk  nach  Delphi  zu  bringen,  von 
diesen  ermordet.  [Roscher.] 

Agaptolemos  (Ayecnxolsyog),  Sohn  des  Aigyp- 
tos (s.  d.):  Apollod.  2,  1,  5.  [Roscher.] 
Agasthenes  (’AyaG&svrjg),  Sohn  des  Augeias, 
Vater  des  Polyxenos,  König  in  Elis:  II.  2,  624. 
Apollod.  3,  10,  8.  Paus.' 5,  3,  4. . [Roscher.] 
Agastrophos  ( ’AyÜGXQoepog ),  Sohn  des  Paion, 
vor  Ilios  von  Diomedes  erlegt:  Hom.  II.  11, 
338.  373.  Hesycli.  [Roscher.] 

Agatliippe  (AycAHmcrj),  Geliebte  des  Apollon, 
Mutter  des  Chios:  Pseudoplut.  de  fl, uv.  7,  1. 

[Roscher.] 

Agathodaimon  (’Aya&og  Suiyav,  tx.  &sog,  ’Aya- 
dodciLycüv),  wie  schon  der  Name  lehrt,  diePersoni- 
fikation  des  göttlichen  Segens,  namentlich  des 
Natursegens,  daher  er  von  den  Römern  mit  ihrem 
Bonus  Eventus(s.d.u.  vgl.  Plin.  N.H.  36, 23),  von 
Atli.  38d.  u.  675b  mit  Dionysos  identificiert  und 
vorzugsweise  zum  Weinbau  in  Beziehung  gesetzt 
wurde.  So  berichtet  Plut.  Q.  Sy  mp.  8, 10,  3 (vgl. 
ib.  3,  7,  1),  dafs  der  Tag,  an  welchem  man  zuerst 
vom  jungen  Wein  des  neuen  Jahres  genofs,  in  Böo- 
tien  nach  ihm  benannt  worden  sei.  Hiermit 
scheint  auch  die  grofse  Rolle  zusammenzuhän- 
gen, welche  der  Agathodaimon  bei  Gastmählern 
spielte,  indem  man  ilim  unmittelbar  nach  der 
Mahlzeit  vor  Anstimmung  des  Paian  eine  Spende 
ungemischten  Weines  darzubringen  pflegte 
(Athen.  15,  675  b.  692f.,  693b.  Aristoph.  Eg. 
106.  Schol.  zu  Ar.  Vesp.  525.  JJiod.  4,  3.  Hesych. 

4 


99 


100 


Agathon 

u.  Suid  s.  v.  ’Ayci&ov  dacyovog.  Mehr  b.  Hug 
zu  Plat.  Symp.  176  A).  Dieser  seiner  Beziehung 
zum  Segen  des  Landbaues  entsprechend  bildete 
Euphranor  den  Agathodaimon  mit  einer  Schale 
in  der  Rechten  und  mit  Ähre  und  Mohn  in 
der  Linken  ( Plin . N.  H.  34,  77),  während  in 
Elis,  wo  er  unter  dem  Namen  Sosipolis  neben 
der  Tyche  verehrt  wurde,  sein  Bild  (als  nahg 
aufgefafst)  in  der  einen  Hand  das  Horn  der 
Amaltheia  hielt  {Paus.  6,  25,  4).  Überhaupt  l 
gelten  die  gute  Tyche  und  der  gute  Dämon 
für  nahe  verwandte  Gottheiten  (vgl.  auch 
Arist.  Pac.  300  u.  Schol.  Bio  Chrys.  3.  p.  115  E. 
Paus.  9,  39,  5),  daher  ihre  Bildsäulen  hie 
und  da  neben  einander  aufgestellt  wurden. 
So  gedenkt  Plinius  N.  PL.  36,  23  einer  später 
auf  dem  Capitol  in  Rom  aufgestellten  Gruppe 
beider  Gottheiten  . von  der  Meisterhand  des 
Praxiteles.,  und  Paus'.  9,  39,  5 berichtet,  dafs 
bei  dem  Orakel  des  Trophonios  zu  Lebadeia  2 
ein  gemeinsames  Heiligtum  des  Agathodaimon 
und  der  guten  Tyche  sich  befunden  habe. 
Aufserdem  sind  noch  Tempel  des  Agathodai- 
mon zu  Theben  ( Suidas  a.  a.  0.) , Syrakus 
{Flut,  de  s.  ips.  laud.  11.)  und  an  dem  Wege 
von  Mainalos  nach  Megalopolis  {Paus.  8,  36, 

5)  bekannt,  wo  er  ’AyuQ'og  ftsög  (nach  Pausa- 
nias’  Vermutung  = Zeus)  genannt  wurde.  Die 
Verehrer  des  Agathodaimon  nannten  sich  ’Ayce- 
ftoduigoviGTccL  {Hesych.)  oder  — • lactcti  und  bil-  3 
deten  Vereine,  die  unvermischten  Wein  mäfsig 
tranken:  Eofs , Inscr.gr.  3,  34.  Leutsch  z.  Apo- 
stol.  1, 10.  Hermann.,  gottesd.  Altert.  § 7,  10.  67,  9. 
Häufig  kommt  der  Agathodaimon  in  Inschrif- 
ten vor:  vgl.  C.  I.  Gr.  227b.  371.  add.  2465  f. 
u.  s.  w.  Agatlios  daemon  auf  einer  Inschrift 
aus  Rom,  bei  Orelli  1786:  ATAOS 1.  AAIMONI. 
Agatho  Baemoni  sacrum  e.  v.  s.  Später  wurden 
auch  Fürsten  mit  diesem  Gotte  identificiert, 
z.  B.  Philippos  und  Nero  {C.  I.  Gr.  add.  4 
3886.  4699). 

Litteratur.  Preller,  gr.  Myth. 2 1,  421  ff. 
Welcher,  G.  3,  210  ff.  Gerhard,  Agathodaimon 
und  Bona  Dea,  Abh.  d.  Berl.  Ah.  1847.  Der- 
selbe, Gr.  Myth.  1§  156  f.  505.  Stell  in  Paulys 
BealencyJcl.  1,  1,  534.  Hug  a.  a.  0.  [Roscher.] 

Agatlion  (AyuQwv)  1)  Sohn  des  Priamos:  II. 
24,  249.  Apollod.  3,  12,  5.  [Roscher.] 

Agathyrnos  (Ayd&vQvog),  Sohn  des  Aiolos, 
Erbauer  der  Stadt  Agathyrnon  auf  Sicilien:  5 
Biod.  Sic.  5,  8.  [Roscher.] 

Agatliyrsos  {’Ayci&vQGog),  Sohn  des  Herakles 
und  einer  Jungfrau  mit  Schlangenleib,  Stamm- 
vater der  Agathyrsen : Her.  4,  10.  Suid.  u.  Steph. 
Byz.  s.  v.  [Roscher.] 

Agaue  (AyKvrj),  1)  eine  Nereide,  Tochter 
des  Nereus  und  der  Doris:  II.  18,  42.  Hes. 
Theog.  246.  Apollod.  1,  2,  7.  Hyg.praef.  p.  28  B. 
— 2)  Tochter  des  Danaos:  Apollod.  2,  1,5.  — 

8)  Tochter  des  Thyestes:  Mantissae  Prov.  2,  6 
94.  — 4)  eine  Amazone:  Hyg.  f.  163.  — 5) 
Tochter  des  Kadmos  und  der  Harmonia,  Ge- 
mahlin des  Echion  und  von  diesem  Mutter  des 
Penthcus  (s.  d.).  Als  ihre  Schwester  Semele 
(s.  d.)  gestorben  war,  behauptete  sie  lügen- 
hafter Weise,  Zeus  habe  jene  zur  Strafe  mit 
dem  Blitze  erschlagen,  weil  sie  das  unwahre 
Gerücht  verbreitet  habe , sie  sei  von  Zeus 


Agdistis 

schwanger  geworden.  Später  rächte  Dionysos 
furchtbar  diese  gegen  die  Ehre  seiner  Mutter 
gerichtete  Lüge.  Als  er  nämlich  später  auf 
seinem  Zuge  auch  nach  Theben  kam , wo  ge- 
rade Pentheus  als  Nachfolger  des  Kadmos 
herrschte,  nötigte  er  die  Thebanerinnen  sich 
an  einem  grofsen  bakchischen  Feste  auf  dem 
Kithairon  zu  beteiligen.  Pentheus,  der  Sohn 
der  Agaue,  welcher  der  Einführung  des  Dio- 
nysoskultes in  Theben  heftigen  Widerstand 
leistete,  wurde,  als  er  heimlich  die  Feier  der 
Frauen  beobachten  wollte,  von  seiner  eigenen 
Mutter  für  ein  wildes  Tier  gehalten  und  zer- 
rissen {Hur.  Bacchae.  Apollod.  3,  4,  2.  5,  2.  Ov. 
Met.  3,  725.  Hyg.f.  179. 184.  Sen.  Oed,  445 ff.  629. 
Theocr.  id.  2{W-Philostr.  im.  2 p.  320  f.  ed.K.Opp. 
Cyn.  4,  289.  Nonn.  Bion.  46,  158  ff.).  Nach 
Hyg.  f.  184.  240  u.  254  floh  Agaue  später  zum 
Lykotherses,  König  von  Illyrien  und  tötete  ihn, 
nachdem  sie  ihn  geheiratet  hatte,  um  ihrem 
Vater  Kadmos  die  Herrschaft  über  Illyrien  zu 
verschaffen.  Darstellungen  des  Mythus  der 
Agaue  s.  bei  Müller-  Wieseler,  Benhn.  d.  a.  K. 
2.  436  ff.  O.  Jahn,  Pentheus  und  die  Mainaclen, 
Kiel  1841.  Bull.  d.  Inst.  1858  p.  170.  Catal. 
Gampana  4 N.  638.  Vgl.  H.  Brunn  in  Paulys 
Eealenc.  1,  1,  p.  536.  [Roscher.] 

Agdistis  {"AySiGzig,  auch  ’AyyÖioxig  und  ’ ’Ayyi - 
axig  auf  Inschriften.  Vgl.  C.  I.  Gr.  add.  3886, 
3993,  6837  u.  Keil  im  Philol.  [1852]  7,  198). 
Paus.  7,  17,  9 ff.  erzählt,  einer  Pessinuntischen 
Sage  folgend,  Zeus’  Same  sei  im  Schlafe  auf 
die  Erde  geflossen,  und  diese  habe  darauf  ein 
Zwitterwesen  hervorgebracht,  welches  Agdistis 
hiefs.  Die  Götter  fesselten  dieses  und  schnitten 
ihm  sein  männliches  Glied  ab.  Daraus  ent- 
sprofs  ein  Mandelbaum,  dessen  Frucht  eine 
Tochter  des  Flufsgottes  Sangarios  in  ihren 
Busen  steckte,  wodurch  sie  schwanger  wurde. 
Sie  gebar  nun  einen  Knaben,  Attes,  und  setzte 
ihn  aus,  aber  ein  Bock  kam  und  pflegte  ihn. 
Als  nun  der  Knabe  zu  übernatürlicher  Schön- 
heit heranwuchs,  verliebte  sich  Agdistis  in  ihn. 
Da  schickten  die  Verwandten  den  Attes  nach 
Pessinus,  um  die  Tochter  des  dortigen  Königs 
zu  heiraten.  Schon  wurde  der  Hymenaios  ge- 
sungen, als  plötzlich  Agdistis  erschien.  Da 
wurde  Attes  wahnsinnig  und  entmannte  sich, 
dasselbe  that  auch  der  König  von  Pessinus, 
der  ihm  seine  Tochter  zur  Frau  gegeben  hatte. 
Agdistis  aber,  welchem  diese  That  des  Attes 
tiefe  Trauer , heftigen  Schmerz  verursachte, 
setzte  es  beim  Zeus  durch,  dafs  der  Körper 
des  Attes  unverweslich  wurde.  Derselbe  Pau- 
sanias  gedenkt  1,  4,  5 eines  Berges  Agdistis 
bei  Pessinus,  wo  Attes  begraben  liege.  — Einen 
ganz  ähnlichen,  nur  in  unwesentlichen  Einzel- 
heiten abweichenden  Mythos  erzählt  Arnobius 
adv.  nat.  5,  5,  indem  er  sich  auf  einen  Schrift- 
steller Namens  Timotheos  beruft.  An  der 
Grenze  Phrygiens  lag  ein  ödes  Felsengebirge, 
Agdus  genannt  (offenbar  mit  dem  von  Paus. 
1,4,5  erwähnten  Berge  Agdistis  bei  Pessi- 
nus identisch) , an  welchem  auch  die  Sage 
von  Deukalion  und  Pyrrha  haftete.  Hier  war 
aus  einem  Steine  Kybele  entstanden , wel- 
cher Zeus  vergeblich  beizuwohnen  suchte.  Als 
ihm  dies  nicht  gelang,  liefs  er  seinen  Samen 


101  Agelaos 

auf  einen  Felsen  strömen,  und  dieser  gebar 
den  Agdistis,  ein  furchtbares  Zwitterwesen, 
das  von  Dionysos  berauscht  gemacht  und  in 
diesem  Zustande  entmannt  wurde.  Aus  seinem 
Blute  entsprofs  ein  Granatbaum,  dessen  Frucht 
Nana,  die  Tochter  des  Flufsgottes  Sangarius, 
in  ihrem  Busen  barg,  worauf  sie  schwanger 
wurde.  So  wurde  Attes  geboren.  Sangarius 
befahl  ihn  auszusetzen,  aber  irgend  jemand 
fand  ihn  und  zog  ihn  mit  Honigspeise  und 
Bocksmilch  (lac  hirquinum)  auf,  wovon  er  den 
Namen  Attis  erhielt,  weil  der  Bock  bei  den 
Phrygern  attagus  heilst.  Nach  andern  be- 
deutet Attis  den  Schönen.  Als  nun  Agdistis 
und  Kybele  sich  um  den  schönen  Jüngling, 
den  Midas,  der  König  von  Pessinus,  zum  Gemahl 
seiner  Tochter  erkoren  hatte,  stritten,  wurden 
Attis  und  seine  Begleiter  durch  die  eifersüch- 
tige Agdistis  in  Wahnsinn  versetzt,  so  dafs 
Attis  sich  selbst  unter  einer  Fichte  entmannte 
und  starb.  Kybele  begrub  sein  Glied,  aber 
aus  seinem  Blute  wuchsen  Veilchen,  mit  de- 
nen der  Fichtenbaum  bekränzt  wurde.  Die 
Tochter  des  Midas  und  Braut  des  Attis,  Ia, 
tötete  sich  selbst  aus  Verzweiflung  über  das 
Geschehene,  auch  aus  ihrem  Blute  entsprossen 
Veilchen,  welche  Kybele  begrub,  worauf  ein 
Mandelbaum  entstand,  das  Sinnbild  der  Bitter- 
keit der  Trauer.  Juppiter  aber,  von  den  Bitten 
der  Agdistis  gerührt,  gewährte  dieser,  dafs  der 
Körper  des  Attis  nicht  in  Fäulnis  geriet,  seine 
Haare  immerfort  wuchsen  und  sein  kleiner 
Finger  sich  stets  bewegte.  Hierdurch  befrie- 
digt, bestattete  Agdistis  den  Körper  des  Attis 
in  Pessinus  und  stiftete  zum  Gedächtnis  an 
ihn  ein  Priestertum  und  eine  jährliche  Fest- 
feier. S.  die  Artikel  Attis  und  Kybele. 

Deutung  und  Litteratur.  Die  ausführliche 
Deutung  dieses  offenbar  phrygischen  Mythus 
wird  unter  Attis  und  Kybele  gegeben  werden. 
Hier  nur  soviel,  dafs  Agdistis  nur  ein  Beiname 
der  Rhea  oder  Kybele  zu  sein  scheint,  welche 
nach  mehreren  Zeugnissen  ( Strab . 10,  469.  12, 
567.  Hesych.  s.  v.  ’itydumg.  C.I.Gr.  3886;  vgl. 
dagegen  auch  ib.  3993)  so  genannt  wurde. 
Attis  aber  ist  eine  deutliche  Parallele  zum 
Adonis  (s.  d.),  also  eine  Gottheit  der  im  Win- 
ter ersterbenden,  im  Frühling  wieder  aufleben- 
den Vegetation.  Diese  Deutung  wird  besonders 
durch  die  eingehende  Untersuchung  der  Ge- 
bräuche im  Kultus  der  Göttermutter  und  des 
Attis  bestätigt.  Vgl.  Mannhardt,  antike  Wald- 
u.  Feldkulte  S.  291  ff.  v.  Baudissin,  Stud.  z.  semit. 
Religionsgesch.  2,  S.  203  ff.  Preller,  Gr.  Myth .2 
1,  508  ff.  Müller,  Hdb.  d.  Arcli.  § 395. 

[Roscher.] 

Agelaos  (Ayilaof).  1)  Sohn  des  Herakles 
und  der  Omphale,  Urahn  des  Kroisos  von  Ly- 
dien ( Apollod . 2,  7,  8).  Nach  iTerod.  1,  7 hiefs 
der  Heraklide,  welcher  als  Stammvater  der 
lydischen  Dynastie  galt,  Alkaios.  Diod.  4,  31 
und  Ovid.  Her.  9,  54  nennen  dagegen  den  Sohn 
des  Herakles  und  der  Omphale  Lamos,  Palai- 
phatos  Incred.  45Laomedes.  S.  Acheles u.Akelos. 
— 2)  Sohn  des  Oineus,  Königs  von  Kalydon  und 
der  Althaia,  Bruder  des  ungleich  berühmteren 
Meleagros.  Anton.  Lib.  2 erzählt  von  ihm,  dafs  er 
im  Kampfe  gegen  die  Kureten  fiel,  als  diese  den 


Agenor  102 

Kalydoniern  Kopf  und  Fell  des  Kalydonischen 
Ebers  streitig  machten.  — 3)  Sohn  des  Hera- 
kleiden  Temenos , welcher  seinen  Vater  er- 
morden liefs,  weil  er  ihn  und  seine  beiden 
Brüder  Eurypylos  und  Kallias  gegen  seine 
Schwester  Hyrnetho  und  deren  Gemahl  De'i- 
phontes  zurückgesetzt  hatte.  Gleichwohl  fiel 
die  Königsherrschaft  von  Argos  dem  De'iphon- 
tes  zu,  weil  sich  das  Heer  für  diesen  erklärte 
(. Apollod . 2,  8,  5.  Scymn.  535).  — 4)  Sohn  des 
Stymphalos  von  Arkadien,  Vater  des  Phalan- 
thos  (Paus.  8,  35,  9).  — 5)  Ein  Sklave  des 
Priamos , der  den  Paris  aussetzen  sollte,  den- 
selben aber  wie  sein  eigenes  Kind  auferzog, 
als  er  ihn  fünf  Tage  nach  der  Aussetzung  von 
einer  Bärin  gesäugt  sah  ( Apollod . 3,  12,  5).  — 

6)  Sohn  des  Phradmon,  von  Diomedes  vor  Ilion 
erlegt  (. Hom . II.  8,  257).  — 7)  Sohn  des  Da- 
mastor,  einer  von  den  Freiern  der  Penelope 
(Od.  20,  321.  22,  131.  241.  293).  — 8)  Ein 
Grieche,  den  Hektor  tötete  (II.  11,  302).  — 
fi)  Sohn  des  Euenor  Q.  Smyrn.  4,  334.  — 10) 
Sohn  des  Hippasos  Q.  Smyrn.  1,  279.  — 11) 
Sohn  des  Maion  ib.  3,  229.  [Roscher.] 

Agelos  (’ 'Aytlog ),  Sohn  des  Poseidon  und  ei- 
ner Nymphe  von  Chios:  Jon  b.  Pausan.  7,  4, 

8.  [Roscher]. 

Agenor  (’Ayrjva>Q),l)  Stammvater  der  auch  über 
Griechenland  verbreiteten  Phönikier,  ein  Ab- 
kömmling der  Io.  Epaphos , der  Sohn  der 
Io,  ein  Ägypter,  hatte  eine  Tochter  Libye, 
welche  mit  Poseidon  den  Agenor  und  Belos 
erzeugte : Seliol.  II.  1 , 42.  (Bei  Schol.  Für. 
Phoen.  247  ist  Agenor  Sohn  des  Belos , Bru- 
der des  Phoinix.  Ebendas,  heifsen  Agenor  und 
Phoinix  Söhne  der  Io).  Belos  ward  König  in 
Ägypten  und  zeugte  mit  Ancliinoe,  der  Toch- 
ter des  Neilos,  den  Aigyptos  undDanaos;  Age- 
nor aber  ward  König  in  Phönikien  (in  Sidon 
oder  auch  in  Tyros) , wo  ihm  Telephassa  die 
Europa  und  den  Kadmos,  Phoinix  und  Kilix 
gebar,  wozu  manche  noch  den  Thasos  und 
Phineus  fügen.  Als  Europa  von  Zeus  geraubt 
worden  war,  schickte  Agenor  seine  Söhne  aus, 
sie  zu  suchen,  mit  dem  Gebot,  nicht  ohne  sie  zu- 
rückzukehren. Da  diese  die  Schwester  nicht 
fanden,  so  liefsen  sie  sich  an  verschiedenen 
Orten  nieder  , in  Kilikien  , Theben  , Thasos, 
Thrakien;  Phoinix  siedelte  sich  in  Phönikien 
an , das  von  ihm  den  Namen  erhielt.  Apol- 
lod. 2,  1.  4 u.  3,  1,  1.  Herodot.  4,  147.  7,  91. 
Ap.  Bh.  2,  178.  Schol.  Eur.  Phoen.  5.  Paus. 

5,  25,  7.  Eurip.  fr.  816  Nauck.  Hyg.  f.  178. 

6.  14  p.  43  Bunte.  19.  Serv.  V.  Aen.  3 , 88. 
Statt  Telephassa  (die  Weitleuchtende)  heifst  * 
seine  Gemahlin  auch  Argiope  (die  Glänzende), 
Hyg.  f.  6.  178.  179,  oder  Antiope , Tochter 
des  Belos,  Schol.  Eur.  I.  I.  Nach  Pherekydes 
bei  Schol.  Ap.  Rh.  3,  1186  zeugte  Agenor,  der 
Sohn  des  Poseidon,  mit  Damno,  der  Tochter 
des  Belos,  den  Phoinix,  die  Isaia,  Gemahlin 
des  Aigyptos , und  Melia , Gemahlin  des  Da- 
naos;  darauf  heiratete  er  die  Argiope,  Tochter 
des  Neilos,  die  ihm  den  Kadmos  gebar.  Nach 
Hesiod,  und  mit  diesem  stimmten  Pherekydes, 
Antimachos,  Asklepiades  überein,  war  Agenor 
Vater  des  Phoinix  und  dieser  Vater  des  Phi- 
neus ; denn  Phoinix  zeugte  mit  Kassiepeia  den 

4* 


io 

20 

30 

40 

.50 

60 


103 


104 


Agenorides 

Kilix,  Phineus  und  Doryklos,  Scliol.  Ap.  Rh. 
2,  178.  Ioannes  Antioch.  b.  Müller  fr.  liist.  gr. 
4.  p.  544, 15  giebt  dem  Agenor  und  Belos  noch 
einen  Bruder  Enyalios  und  läfst  aus  der  Ehe 
des  Agenor  mit  Tyro  den  Kadmos,  Pkoinix, 
Syros,  Kilix  und  Europa  stammen.  Bei  Hyg. 
f.  64  war  Agenor  Bruder  des  Keplieus  (vgl. 
Schot.  Rur.  JPhoen.  217) , Vaters  der  Andro- 
meda, mit  welcher  Agenor  verlobt  war.  Auch 
Dido , die  Gründerin  Karthagos , stammte  von 
Agenor  ab , Serv.  V.  Aen.  1 , 338.  641.  Butt- 
mann, Mytliol.  1,  232  ff.,  auf  den  Umstand  ge- 
stützt, dafs  Xväg  der  eigentliche  pkönikische 
Name  des  Agenor  sei , dieser  Chnas  aber  mit 
Kanaan  Zusammenfalle,  behauptet,  Agenor  oder 
Chnas  sei  der  Kanaan  des  Moses  oder  das 
Symbol  der  Phönikier  in  Asien;  s.  dagegen 
Movers,  Phönizier  2 , 1 S.  131  f.  Preller  , gr. 
Myth.  2,  23  f.  50.  — 2)  Agenor  und  Dioxippe 
zeugten  den  Sipylos,  nach  welchem  der  gleich- 
namige Berg  benannt  war,  Plut.  de  fluv.  9,  4. 
— 8)  Sohn  des  Aigyptos,  vermählt  mit  der 
Danaide  Euippe , Hyg.  f.  170.  Bei  Apollod. 
2,  1,  5 heifst  des  Agenor  Braut  Kleopatra,  und 
fiel  Euippe  dem  Argeios  zu,  eine  zweite  Euippe 
dem  Imbros,  während  bei  Hygin  Kleopatra  des 
Metalkes  Braut  heifst.  — 4)  Agenor  und  Bel- 
lerophon  waren  Söhne  des  Poseidon  und  der 
Eurynome,  einer  Tochter  des  Nysos , Hyg.  f. 
157.  — 5)  Argiver,  Sohn  des  Triopas,  aus  dem 
Geschlechte  des  Phoroneus  und  des  Argos,  von 
dem  Argos  seinen  Namen  hatte , Bruder  des 
Iasos,  nach  welchem  Agenors  Sohn  Krotopos 
zur  Herrschaft  kam,  Paus.  2,  16,  1.  1,  14,  2. 
Nach  Hellanikos  h.  Schot.  II.  3,  75  waren  die 
beiden  ältesten  Söhne  des  Triopas  Iasos  und 
Pelasgos;  sie  teilten  sich  in  die  Herrschaft  des 
argivischen  Landes,  während  der  jüngste  Bru- 
der Agenor  die  Reiterei  des  Vaters  erhielt, 
mit  der  er  Kriegszüge  ins  benachbarte  Land 
machte.  Daher  hiefs  Argos  ”lccaov  und  Ilelcc- 
Gyrnöv  und  innoßorov.  Bei  Eustath.  zu  ders. 
homer.  Stelle  p.  385  waren  die  drei  Brüder 
Söhne  des  Phoroneus.  Oder:  Agenor  war  Sohn 
des  Ekbasos,  Enkel  des  Argos,  der  ein  Sohn 
des  Zeus  und  der  Niobe  war,  einer  Tochter 
des  Phoroneus.  Sein  Sohn  war  Argos  Panop- 
tes.  Apollod.  2,  1,2.  Vgl.  Hyg.  f.  145.  — 
6)  Sohn  des  Pleuron  und  der  Xanthippe,  Enkel 
des  Aitolos ; zeugte  mit  Epikaste,  des  Kalydon 
Tochter , den  Portkaon  und  die  Demonike, 
Apollod.  1,  7,  7.  Nach  Paus.  3,  13,  5 ist  auch 
Thestios,  der  Vater  der  Leda,  ein  Sohn  des 
Agenor.  Nach  Hyg.  f.  244  sind  Agenor  und 
Plexippos  die  Oheime  des  Meleagros,  die  er 
erschlug,  also  Söhne  des  Thestios.  Bei  Schot. 
Hur.  Plioen.  160  heifst  der  Argiver  Talaos 
Sohn  des  Agenor  und  dieser  Sohn  des  Kaly- 
don, Enkel  des  Pleuron.  — 7)  Sohn  des  Phe- 
geus,  Königs  in  Psophis  in  Arkadien,  Bruder 
des  Pronoos  und  der  Arsinoe , welche  mit 
Alkmaion  vermählt  war,  aber  von  ihm  verlas- 
sen wurde.  Als  Alkmaion  das  berühmte  Hals- 
band der  Harmonia  für  seine  zweite  Gattin 
Kallirrhoe , Tochter  des  Acheloos , in  Psophis 
holen  wollte,  wurde  er  auf  des  Phegeus  An- 
stiften von  Agenor  und  Pronoos  getötet,  diese 
aber  wieder  bald  darauf  von  den  Söhnen  des 


Agko  deus 

Alkmaion  und  der  Kallirrhoe  erschlagen,  Apol- 
lod. 3 , 7 , 5.  6.  s.  Alkmaion  und  Amphoteros 
1.  — 8)  Sohn  des  Ampliion  und  der  Niobe, 
Apollod.  3,  5,  6.  Stark,  Niobe  96.  435.  — 9) 
Sohn  des  Troers  Antenor  und  der  Tlieano,  Prie- 
sterin der  Athene,  II.  11,  59.  6,  298,  einer  der 
tapfersten  Trojaner  und  Anführer  beim  Sturm  auf 
die  griechischen  Verschanzungen,  II.  12,  93. 
Mit  andern  Trojanern  eilt  er  dem  von  Aias 
niedergeworfenen  Hektor  zu  Hilfe  (14,  425)  und 
läfst  sich,  von  Apollon  aufgemuntert  (21,  545), 
mit  Achilleus  in  Kampf  ein  (21 , 590) , den  er 
ans  Schienbein  trifft,  ohne  ihn  zu  verwunden. 
Als  ihm  aber  jetzt  von  Achilleus  Gefahr  drohte, 
nahm  Apollon  Agenors  Gestalt  an,  so  dafs, 
weil  Achilleus  gegen  ihn  sich  wandte,  die 
Troer  zur  Stadt  entfliehen  konnten.  II.  21  a. 
E.  Hgg.  f.  112.  Er  tötet  im  Kampf  den  Ele- 
phenor,  II.  4,  467.  Tzetz.  Hom.  38.  Lylc.  1034, 
und  den  Klonios,  II.  15,  340.  Hyg.  f.  115. 
In  der  kleinen  Ilias  des  Lesches  verwundet  er 
den  Lykomedes,  Sohn  des  Kreon  (II.  9,  84), 
Paus.  10,  25,  3.  Auch  bei  Quint.  Sm.  ist  er 
einer  der  tapfersten  Helden  und  tötet  viele 
Griechen,  3, 214.  6,624.  8,310.  11,86.  188  ff. 
349.  Er  wird  zuletzt  getötet  von  Neoptolemos, 

13,  217.  Paus.  10,  27,  1.  Ein  Sohn  von  ihm 
heifst  Echeklos,  11.  20,  474.  — 10)  Sohn  des 
Areus,  Enkel  des  Ampyx,  Vater  des  Preuge- 
nes , Grofsvater  des  I’atreus , des  Begründers 
von  Patrai  in  Achaia,  Paus.  7,  18,  3.  4.  Gur- 
tius,  Peloponnesos  1,  437.  — 11)  Ein  Agenor 
heifst  Vater  der  Demodoke,  die  wegen  ihrer 
aufserordentlichen  Schönheit  von  vielen  Män- 
nern mit  herrlichen  Geschenken  umworben 
wurde,  Hesiod.  b.  Schot.  Od.  1,  98.  Schot.  II. 

14,  200.  — 12)  Sohn  des  Akestor,  Vater  des 
Olios  , Nachkomme  des  salaminischen  ' Aias, 
Vorfahre  des  Atheners  Miltiades,  Pherekydes  b. 
Marcell.  Vita  Thucyd.  §.  2.  Müller  fr.  hist, 
gr.  1 p.  73,  20.  [Stoll],  Davon 

Agenorides  (Aygrogidyg) , Sohn  oder  Nach- 
komme des  Agenor  (s.  d.).  So  keifsen:  1)  Pki- 
neus  (Ap.  Rh.  2,  178.  Val.  Fl.  4,  582  u.  öfter). 

— 2)  Kadmos  (Ap.  Rh.  3,  1186.  Ov.  Met.  3, 
8.  Nonn.  2,3).  — 3)  Perseus  (Ov.  Met.  4,  771). 

— 4)  ’AygvoQi'Sca  heifsen  die  Tliebaner  als  Un- 
terthanen  und  Söhne  des  Kadmos  b.  Hurip. 
Phoen.  217.  [Roscher], 

Agenoria,  die  weibliche  Parallele  zum  Ago- 
nius  oder  Peragenor,  also  eine  Göttin  der  Tkat- 
kraft  von  agere  (Augustin  d.  c.  d.  4,  11  u.  16), 
S.  Indigitamenta.  [Roscher], 

Agestas  (’Jyscrag?),  Verwandter  des  Ancki- 
ses.  Anaxicr.  in  Schot,  z.  Hur.  Androm.  224. 
Wohl  identisch  mit  Aigestes  (s.  d.).  [Roscher], 

Agganaicus , wohl  celtiscker  Beiname  des 
Juppiter  auf  einer  Inschrift  aus  Ticinum.  Or.- 
Henzen  5612:  J.  O.  M.  Agganaico  M.  Nonius 
Verus  cum  suis  v.  s.  I.  m.  Petr.  Vict.  Aldin., 
Lap.  Ticin.  p.  14  und  Labus,  mon.  scop.  in 
Canturio  p.  26  vermuten,  dafs  das  Wort  „An- 
höhe“ bedeute,  und  also  etwa  mit  Juppiter 
Capitolinus,  Casius,  Olympius  zu  vergleichen 
wäre.  Vgl.  oben  Adganaae.  [Steuding], 

Agho  deus,  Name  eines  Gottes  auf  einer 
südaquitanischen  Inschrift  aus  der  Nähe  von 
Bagneres.  Orelli  1954:  Aghoni  deo  Labusius 


105 


106 


Aglai'a 

v.  s.  I.  m.  Vielleicht  ist  Juppiter  Agganaicus 
zu  vergleichen.  [Steuding], 

Aglai'a  (: 'Aylcd'u , ’Aylcä'g ),  1)  eine  der  Chari- 
ten (s.  d.).  — 2)  Tochter  des  Thespios,  von 
Herakles  Mutter  des  Antiades  ( Apollod . 2,  7, 
8.  — 3)  Gemahlin  des  Charopos,  Mutter  des 
Nireus  von  Syma:  Hom.  II.  2,  671.  Diocl.  6, 
53.  Q.  Smyrn.  G,  492.  Antliol.  ed.  Jac.  2 p.  753. 

— 4)  Gattin  des  Abas  (s.  d.),  Tochter  des  Man- 
tineus,  Mutter  des  Akrisios  und  Proitos:  Apollod. 
2,  2,  1.  Schol.  Eur.  Or.  965.  — 5)  Gattin  des 
Amythaon,  Mutter  des  Melampus  und  Rias: 
Diod.  4,  68.  [Roscher]. 

Aglaoplieme  {’Aylaocprjgg),  eine  der  Seirenen 
(s.  d.) : Eustath.  z.  Od.  12,  167  p.  1709,  45.  Schol. 
z.  Od.  12,  39.  Vgl.  d.  folg.  Artikel.  [Roscher], 
Aglaoplionos  {’Ayluocpcovog),  eine  der  Seire- 
nen (s.  d.),  wahrscheinlich  mit  Aglaopheme  iden- 
tisch: Schol.  Ap.  Eh.  4,  892.  [Roscher], 

Aglaos  (’Aylccog),  1)  Sohn  des  Thyestes,  Schol.  2 
Eurip.  Orest.  5.812.  — 2)  Sohn  derHermione, 
Schol.  Eur.  Andr.  32.  | Roscher], 

Aglaure  {’Aylavgg) , Tochter  des  Aktaion : 
Apostol.  17,  89.  S.  Aglauros.  [Roscher], 
Aglauros  ('Aylccvgog  s.  C.  I.  Gr.  7716.  7718; 
so  auch  Paus.  Harpokr.  Hesych.  Suid.  Ovid.) 
oder  Agraulos  ('Aygtxvlog , so  bei  Apollod.  u. 
Steph.  B.).  Erstere  Form  ist  also  die  besser 
bezeugte  (vgl.  Preller , gr.  MI  1,  159,  4.  St  oll 
in  Paulys  Bealenc.  1,1,586.  Mommsen , Heor- 
tol.  434  Anm.  Benseler-  Pape,  Wörterb.  d.  gr.  Ei- 
genn.  u.  "Aygccvlo g).  — 1)  Tochter  des  Aktaios 
(s.  d.),  des  ersten  Königs  von  Athen,  Gemahlin  des 
Kekrops , Mutter  des  Erysichthon , der  Aglau- 
ros II,  Herse  und  Pandrosos : Apollod.  3,  14,  2. 
Paus.  1,  2,  5.  Eur.  Ion.  496.  Vgl.  auch  Suid. 
s.  v.  $>oivLY.ri'iK  yQ.,  wo  Aglauros  II  als  Tochter 
des  Aktaion  erscheint.  — 2)  Aglauros  II,  Toch- 
ter des  Kekrops  und  der  Aglauros  I,  Geliebte 
des  Ares,  Mutter  der  Alkippe:  Apollod.  3,  14,  2. 
Von  dieser  Aglauros  gab  es  folgende  Sagen:  ci) 
Als  Halirrhothios,  der  Sohn  des  Poseidon,  ihrer 
Tochter  Alkippe  Gewalt  angethan  hatte,  wurde 
er  von  Ares  getötet:  Apollod.  a.  a.  0.  Paus. 

1,  21,  4.  Hellanikos  b.  Suid.  s.  v.  "Agsiog  na- 
yog.  — b)  Als  noch  niemand  wufste , dafs  die 
jungfräuliche  Athena  heimlich  einen  neugebor- 
nen  Knaben,  den  kleinen  Erichthonios,  warte 
und  besorge,  einen  vielgeliebten,  von  ihr  zur 
Unsterblichkeit  bestimmten,  vertraute  sie  ihn 
in  einer  Lade  der  Kekropstoehter  Pandrosos 
(nach  Eur.  Ion  272  N.  u.  Paus.  1,  18,  2 den 
drei  Schwestern)  an,  die  ihn  in  der  Lade  hü- 
ten, aber  nimmermehr  hinein  sehen  sollten. 
Pandrosos  gehorchte,  ihre  beiden  Schwestern 
aber  öffneten  die  Lade  und  erblickten  darin 
den  geheimnisvollen  Knaben  von  einer  Schlange 
umwickelt,  worauf  sie  nach  einigen  von  der 
Schlange  selbst  getötet,  nach  andern  von  Athene 
in  Wahnsinn  versetzt  wurden,  so  dafs  sie  sich 
von  der  Akropolis  herabstürzten  ( Apollod . 3, 
14,  6.  Paus.  a.  a.  0.  Eur.  Ion.  274).  Varian- 
ten dieser  Legende  finden  sich  bei  Hyg.  f.  166 
u.  Antig.  Caryst.  12.  Vgl.  auch  Ov.  Met.  2, 
749.  S.  A.  Mommsen , Ileortologie  S.  434  ff. 

— c)  Nach  Ov.  Met.  2,  710—835  verliebt  sich 
Hermes  bei  der  Feier  der  Panathen'äen  in  die 
Herse  (nach  Ptol.  b.  Schol.  II.  1, 334  ist  Pandrosos 


Aglauros 

die  Braut  des  Hermes)  und  bittet  die  Aglauros 
seine  Bewerbung  um  die  Schwester  zu  begün- 
stigen. Athene  jedoch,  des  einstigen  Ungehor- 
sams der  Aglauros  eingedenk,  erfüllt  sie  mit 
Neid  gegen  die  von  einem  Gotte  geliebte 
Schwester,  so  dafs  sie  dem  Hermes  den  Zutritt 
zur  Herse  verweigert,  wofür  sie  in  Stein  ver- 
wandelt wird.  — d ) Aglauros  hatte  am  Ab- 
hange der  Akropolis  ein  besonderes  Heiligtum 
i und  Priesterinnen  ( Herod . 8 , 53.  Eur.  Ion 
495.  Bangabe  Ant.  hell.  2,  1111).  Mysterien 
und  Weihen  der  Aglauros  erwähnt  Athenag. 
leg.  p.  Christ.  1.  In  jenem  Heiligtum  (Demosth. 
19,  303  u.  S'c/ioL)  mufsten  die  wehrhaften  Epheben 
einen  Eid  schwören  bei  der  als  Priesterin  der 
Athene  gefafsten  Aglauros,  dem  Enyalios,  Ares, 
Zeus,  sowie  bei  der  Thallo,  Auxo  und  Hegemone 
{Poll.  8,  106.  Plut.  Ale.  15.  Hesych.  s.  v.  "Ayl. 
Nach  Ar.  Thesm.  533  u.  Schol.  schwören  auch  die 
Frauen  bei  Aglauros).  Auch  gab  es  einen  Demos 
Aygavlg  oder  ’AyQvlg,  welcher  zur  Erechthei- 
schen  Phyle  gehörte  und  nach  der  ’Ayquvlog 
benannt  sein  sollte  {Steph.  Byz.  s.  v.).  Wie 
es  scheint,  bezog  sich  auf  diese  Verehrung  der 
Aglauros  als  Göttin  die  Legende,  dafs  Agrau- 
los eine  athenische  Jungfrau  gewesen  sei,  welche 
sich  während  eines  langwierigen  Krieges  für 
das  Wohl  der  Stadt  freiwillig  geopfert  habe(PAi- 
lochorosb. Schol.  z.  Dem.  19,303,  fr.  UM.  Mehr 
b.  Mommsen,  Heort.  435  Anm.)  Wahrscheinlich 
hing  damit  auch  die  Feier  der  Plynterien  zu- 
sammen {Phot.  lex.  p.  127.  Hesych.  s.  v.  Hlvv- 
zrjQicc).  Die  Deutung  des  Aglaurosmythus 
ist  ebenso  schwierig  wie  die  Erklärung  des 
Namens.  Sicher  scheint , dafs  Aglauros  den 
Taugöttinnen  Herse  und  Pandrosos  gleichar- 
tig war,  sowie  dafs  alle  drei  Schwestern  in 
einem  inneren , wenn  auch  nicht  ganz  klaren 
Zusammenhang  mit  dem  Athenakultus  standen. 
Hierfür  spricht  auch  der  Umstand,  dafs  Athene 
selbst  die  Beinamen  "Ayhxvgog  {Harpokr.  u. 
Suid.  s.  v.)  und  ndrSgoco g {Arist.  Lys.  439 

u.  Schol.)  führte,  und  dafs  zu  Salamis  auf  Cy- 
pern,  wo  Aglauros  zusammen  mit  Athene  und 
Diomedes  verehrt  wurde , der  Aglauros  ein 
Menschenopfer  dargebracht  wurde  {Porphyr, 
de  abst.  2,  54.  Euseb.  Pr.  ev.  4,  16.  de  laucl. 
Const.  13  p.  646  b).  Vielleicht  waren  die  drei 
Töchter  des  Kekrops  ursprünglich  Nymphen 
ländlicher  Fruchtbarkeit  (daher  ’Aygavllg  vvg- 
epg  bei  Porph.  de  abst.  2 , 54  u.  AygavUSeg 
naoItvoL  bei  Eur.  Ion  23 , vgl.  Hesych.  s. 

v.  dygavloi  u.  aygavlov),  worauf  auch  die 
Namensform  ’Aygccvlog  hinweist,  welche  durch 
Spendung  nächtlichen  Taues  die  in  der  Erde 
schlummernden  Pflanzenkeime  (Erysichthon) 
pflegen  und  nähren.  Diese  Anschauung  von 
den  tauspendenden  Nymphen  ist  wohl  schon 
frühzeitig  mit  den  beiden  im  Dienste  der  Athene 
angestellten  Arrhephoren  kombiniert  worden 
{Welcher,  Götterl.  3,  105  f.)  Die  Sage  von  dem 
Felsensturz  der  Aglauros  mag , wie  Welcher 
Trilog.  S.  285  vermutet,  mit  einer  alten  Opfer- 
sitte Zusammenhängen.  Vgl.  Preller,  gr.  MI 
1 , 159  Anm.  4.  Lauer  S.  338.  Welcher  a.  a. 
0.  S.  286.  Götterl,  2,  289  f.  3, 103  ff.  Hermann, 
gottesd.  Alt.  §.  61,  3.  4.  8.  Stoll  in  Paulys 
Bealcnc.  1,  1,  587.  A.  Mommsen,  Heort.  432  ff. 


107  Agnias 

Müller , Pallas  Athene  §.4.  A.  22  u.  5,  27.  Von 
bildlichen  Darstellungen  der  Aglauros 
führt  Brunn  in  Paulys  Bealenc.  a.  a.  0.  eine 
Statue  im  östlichen  Parthenongiebel  und  einige 
den  Raub  der  Oreithyia  darstellende  Vasenbil- 
der an.  Vgl.  Welcher,  a.  L>.  1,  77  ff.  3,  145ff. 
Stark,  Annal.  d.  Inst.  1860.  Vgl.  auch  Jahn, 
Beschr.  d.  Vasensammlung  in  München  No.  376 
u.  415.  — 3)  Sohn  des  Erechtheus  und  seiner 
Tochter  Prokris:  Hyg.  f.  253.  [Roscher], 
Agnias  oder  Agnios  {’Ayvlccg  oder  ’Ayviog?), 
Vater  des  ArgosteuermannsTiphys  (s.  d.).  Apol- 
lod.  1,  9,  16.  Apoll.  Bh.  1, 106.  560  u.  ö.  Orph. 
Arg.  123.  544.  [Roscher]. 

Agon  (Ayoiv),  die  Personifikation  des  Wett- 
kampfes, ist  von  der  bildenden  Kunst  in  der 
älteren  Zeit  als  Athlet  mit  Übungsgeräten  (den 
Sprunggewichten)  dargestellt  worden,  so  von 
Dionysios  statuarisch  für  Olympia  {Paus.  5,26.3). 
Ähnlich  ist  die  Figur  einer  rotfigurigen  nola- 
ner  Vase,  Agon  (inschriftlich  APON)  als  Jüng- 
ling mit  kurzem  Unterkleid,  Mantel,  Haarbinde 
und  dem  langen  Agonothetenstab  aus  der 
Schale  dem  Hermes  libierend  ( Panofha , Abh.  der 
Berliner  Ahad.  d.  IIV’ss.  1856  Tü.  2,  5).  Un- 
bekannt ist  die  Auffassung  des  Kolotes , der 
ihn  an  dem  Preistisch  im  Heraion  zu  Olym- 
pia abbildete  {Paus.  5,  20,  1).  Ein  jüngerer 
Typus  findet  sich  auf  attischen  Tetradrachmen 
{Beule,  Monnaies  d'  Athenes  p.  222) : Agon,  ste- 
hend in  jugendlich  zarter  Gestalt,  beflügelt,  in 
der  Linken  Palme  und  Tänie,  mit  der  Rech- 
ten sich  den  Kranz  aufsetzend.  Vgl.  auch  den 
geschnittenen  Stein  Arch.  Zeitg.  1849  Tfl.  2,  2. 
Verwandt  ist  das  Graffito  einer  Spiegelkapsel 
schönsten  Stils  aus  Korinth,  jetzt  im  Museum 
zu  Lyon  {Bevue  archeol.  1868,  17  pl.  13),  wo 
dieselbe  Flügelfigur  sitzend  einen  Hahn  in  den 
Händen  hält.  [Schreiber], 

Agonius  s.  Indigitamenta. 

Agraulos  s.  Aglauros. 

Agre  ('Aygg),  Hund  des  Aktaion:  llyg.f.  181. 
Ov.  Met.  3,  212.  [Roscher], 

Agrianome  {’Ayqiavoyy]),  Gemahlin  des  Lao- 
dokos,  Mutter  des  Oileus:  Hyg.  f.  14.  p.  40, 
16B.  [Roscher]. 

Agriodos  (’Ayqcödovg?) , ein  Hund  des  Ak- 
taion: Ov.  Met.  3,  224  (Haupt:  Argiodus).  Huq. 
f.  181.  [Roscher]. 

Agriope  {’Ayqionri),  Gattin  des  Orpheus  nach 
Hermesianax  b.  Athen.  13  p.  597  b.  Vgl.  Lü- 
beck, Aglaoph.  1,  373.  [Roscher]. 

Agriopos  (’Ayqionog?),  Sohn  des  Kyklops 
(oder  ein  Kyklop?),  Vater  des  Klytios:  Schol. 
II.  18,  483.  [Roscher], 

Agrios  {’ "Ayqtog ) 1)  Beiname  des  Apollon: 
Orph.  hy.  33  (34),  5.  — 2)  des  Dionysos:  ib. 
29  (30),  3.  — 3)  Kentaur:  Apollod.  2,  5,  4. 
Vgl.  C.  I.  Gr.  8185c.  — 4)  Gigant:  Apollod. 
1,  6,  2 (vgl.  Hygin.  praef.  p.  27,  9B.).  — 5) 
Sohn  des  Odysseus  und  der  Kirke,  Bruder 
des  Latinos  und  Telegonos,  Beherrscher  der 
Tyrsener  auf  den  seligen  Inseln:  Hes.  Theog. 
1013  ff.  — 6)  Kalydonier,  Sohn  des  Porthaon 
(oder  Portheus,  II.  14,  115)  und  der  Euryte, 
Bruder  des  Melas  u.  des  Königs  Oineus,  Vater 
des  Thersites , Onchestos,  Prothoos  u.  s.  w. 
Seine  Söhne  übertrugen  ihm  die  dem  Oineus  ent- 


Aia  108 

rissene  Herrschaft,  wurden  aber  mit  Ausnahme 
des  Thersites  und  Onchestos  von  Diomedes, 
dem  Argiver , Enkel  des  Oineus  erschlagen 
{Apollod.  1,  7,  10.  8,  5.  6).  Nach  Ant.  Lib. 
37  tötet  Diomedes  auch  den  Agrios,  nach  Hyg. 
f.  175  nimmt  dieser  sich  nach  seiner  Vertrei- 
bung selbst  das  Leben.  Übrigens  wird  die 
That  des  Diomedes  bald  vor  {Apollod.  1,  8,  6) 
bald  nach  dem  trojanischen  Krieg  angesetzt 
{Hyg.  /'.  175.  Ant.  Lib.  37).  Vgl.  aufserdem 
noch  Paus.  2,  25,  2.  Ov.  Her.  9,  153.  Hyg.  f. 
242.  Q.  Smyrn.  1,  770.  II.  14,  117.  Schol.  II. 
2,  212  u.  14,  120.  — 7)  Sohn  der  Polyphonte 
(s.  d.).  [Roscher]. 

Agi’on  (’Ayqcav),  ein  Koer,  Sohn  des  Eume- 
los , Enkel  des  Merops , verehrte  mit  seinen 
beiden  Schwestern  Byssa  und  Meropis  einzig 
und  allein  die  Erde  und  verachtete  die  übri- 
gen Götter,  besonders  die  Athene,  die  Artemis 
und  den  Hermes.  Da  erschienen  plötzlich  in 
der  Nacht  die  drei  zürnenden  Gottheiten  vor 
der  Wohnung  der  drei  Geschwister,  Hermes 
als  Hirt  verkleidet,  Artemis  und  Atliena  in 
Gestalt  von  Jungfrauen,  und  luden  den  Agron 
zu  einem  Opfermahle  des  Hermes  ein,  seine 
Schwestern  aber  in  die  Haine  der  Artemis  und 
Athene.  Als  diese  Einladung  mit  Spott  er- 
widert wurde  und  Agron  sogar  mit  einem 
Bratspiefs  dem  Hermes  zu  Leibe  gehen  wollte, 
wurden  alle  drei  Frevler  sowie  ihr  Vater  Eu- 
melos  in  Vögel  verwandelt,  nämlich  Meropis 
in  eine  Nachteule  (ylccvij,),  Byssa  in  den  Vogel 
der  Leukothea,  Agron  in  einen  Regenpfeifer 
{%uqad'qi6g) , Eumelos  in  einen  Nachtraben: 
Boios  b.  Ant.  Lib.  15.  [Roscher]. 

Agrostiuai  {’Ayqcoazivca),  Bergnymphen:  11  e- 
sycli.  [Roscher]. 

Agyrtes  {’Ayvqxgg),  Genosse  des  Phineus, 
der  bei  der  Hochzeit  des  Perseus  erschlagen 
wurde:  Ov.  Met.  5,  148.  [Roscher]. 

Aia  {Ala,  Alalq  b.  Horn.)  1)  mythische  Inseln 
im  fernsten  Osten  und  Westen.  Im  östlichen 
Aia  wohnt  Aietes  (s.  d.),  im  westlichen  Kirke. 
{Hes.  Theog.  1011  — 15  u.  Schol.).  Später  iden- 
tificierte  man  das  Land  des  Aietes  mit  Kolchis, 
die  Insel  der  Kirke  dagegen  mit  dem  italischen 
Vorgebirge  Circeji,  indem  man  annahm,  die- 
ses sei  früher  eine  Insel  gewesen.  {Strab.  232. 
Verg.  Aen.  3,  386.  7,  10.  Plin.  H.  N.  3,  97). 
Nach  Homer  ( Od . 12,  3)  ist  die  westliche  In- 
sel Aiaie  der  Wohnsitz  der  Heliostochter  Kirke 
(vgl.  auch  Od.  10,  135),  der  Tanzplatz  der  Eos 
und  der  Ort,  wo  Helios,  aufgeht,  eine  Vorstel- 
lung, die  augenscheinlich  vom  Osten  auf  den 
Westen  fälschlich  übertragen  worden  ist  (vgl. 
Od.  12,  70,  wo  berichtet  wird,  dafs  auch  die 
Fahrt  der  Argo  nach  dem  westlichen  Aia  ge- 
gangen sei).  Ebenso  wie  Kirke  stammt  aber 
auch  Aietes , der  Eponymos  und  König  des 
östlichen  Aia  (vgl.  d.  Artikel  Argonauten  7, 
2)  von  Helios  {Od.  10,  137  ff.  Hes.  Theog.  956 ff ). 
Man  dachte  sich  also  wohl  den  Sonnengott 
von  dem  einen  Aia  empor-  und  zu  dem  andern 
Aia  niederfahrend,  ebenso  wie  man  auch  den 
Wohnsitz  der  Aitliiopen  zugleich  in  den  äufser- 
sten  Osten  und  Westen  verlegte  {Od.  1, 23:  At&io- 
ntxg,  toi  (byftd  dsd'aüxzca,  i6%azoi  avdqcöv,  oi  gsv 
övooyivov  'Tjztqiovog  o i d’  dvLOVzog).  Mimner- 


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Aiakos 


Aiakos 


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mos  (b.  Strab.  = fr.  11 El)  erwähnt  die  Stadt 

Ides  Aietes,  wo  die  Strahlen  des  Helios  in  gol- 
denem Gemache  liegen,  am  Rande  des  Okea- 
nos,  wohin  der  göttliche  Iason  gelangte.  Nach 
Strab.  a.  a.  0.  ist  hier  das  östliche  Aia  ge- 
meint, welches  derselbe  Mimnennos  (fr.  12, 

9 ff.  B.)  mit  dem  Lande  der  Aithiopen  zu  iden- 
tificieren  scheint.  Apollon.  Eh.  3 , 309  ff.  er- 
zählt, dafs  Kirke  ebenso  wie  ihr  Bruder  Aie- 
tes ursprünglich  im  Osten  gewohnt  habe,  aber  i 
von  Helios  auf  seinem  Sonnenwagen  nach  dem 
westlichen  Aia  im  tyrrhenischen  Meere  geführt 
sei  (vgl.  Hesiod.  a.  a.  0.).  Die  eigentümliche 
Anschauung  der  Odyssee , dafs  das  westliche 
Aia  der  Wohnsitz  der  Eos  und  der  Ausgangs- 
punkt der  Fahrt  des  Helios  gewesen  sei,  hängt 
wahrscheinlich  mit  der  Annahme  des  westli- 
chen Sonnenthors  (Od.  24,  12),  und  der  Heer- 
den  des  Helios  auf  einer  Insel  im  Westen  so- 
wie mit  dem  in  der  Sage  von  Atreus  und  2 
Thyestes  ausgesprochenen  Gedanken  von  dem 
ursprünglichen  Aufgang  der  Sonne  im  Westen 
zusammen  (Fiat.  Politic.  269  A.  Schol.il.  2,  106). 
Bei  Ap.  Eh.  4,  131  führt  Ala  mit  Beziehung 
auf  den  Sonnengott  ( Tudv ) den  Beinamen  Ti - 
rgvig.  Die  ersten  Schriftsteller,  welche  das 
östliche  Aia  mitKolchis  identificiert  haben,  sind 
Eumelos  von  Korinth  (vgl.  Epic.  Gr.  fr.  ed. 
Kinkel  p.  188)  und  Herodot  (1,  2.  7,  193).  Der 
Name  Ala  (=  yrf)  bezeichnet  wohl  ursprünglich  a 
eine  rings  von  einem  ungeheuren  Meere  um- 
gebene Insel  im  Gegensatz  zum  Wasser  (Okea- 
nos).  Vgl.  über  Aia  namentlich  Völcker.  Homer. 
Geocjr.  u.  Weltkunde  S.  117  f . u.  129  ff.  Myth. 
Geoejr.  d.  Griechen  u.  Eömer  1,  114  ff.  Preller , 
yr.  Myth. 2 1,  338  f.  2,  390.  Welcher,  Götterl. 

1,  684.  — 2)  Eine  Jägerin,  die,  vor  dem  Flufs- 
gotte  Phasis  fliehend,  von  den  Göttern  in  die 
Insel  gleiches  Namens  (Apoll.  Eh.  3 , 1074  u. 
Scholl)  verwandelt  wurde:  Val.Flacc.  5,  425.4 
— Davon  Aiaia  (Alaia,  Aiairf)  1)  = Aia  Ap. 
Eh.  3,  1074  u.  Schol.  — 2)  Beiname  der  Medea: 
Ap.  Eh.  3,  1136.  4,  243.  — 3)  Der  Kirke: 
Iiom.  Od.  9,  32.  Apoll.  Eh.  4,  559.  Verg.  Aen. 

3,  386.  Hesych.  s.  v.  — 4)  Der  Kalypso:  Prop. 

3,  10,  31.  Wahrscheinlich  beruht  hier  der  Bei- 
name Aeaea  auf  einer  Verwechselung  mit  Kirke 
(vgl.  auch  Mela  2,  120,  wo  Aia  und  Ogygia 
verwechselt  sind).  [Roscher]. 

Aiakos  (Ala-no g,  Aeacus).  Sohn  des  Zeus  und  5 
der  Aigina  (s.  cl.),  einer  Tochter  des  phliasischen 
Flufsgottes  Asopos.  II.  21,  189.  Plat.  Gorg. 
p.  526  E.  Apoll.  3,  12,  6.  Hygin.  f.  52.  Diod. 

4,  72.  Paus.  2,  29,  2.  (Vereinzelt  steht  die  An- 
gabe bei  Servius  V.  A.  6 , 566 : Eadamanthus, 
Minos  et  Aeacits  filii  lovis  et  Europae  fuerunt.) 
Er  war  der  Stammvater  der  Aiakiden.  Apol- 
lod.  a.  a.  0.  erzählt  die  Sage  in  folgender  Fas- 
sung: Zeus  raubte  die  Aigina  (nach  Athen.  566  d. 
Nonnos  Dionys.  7,  210ff.  13,  203  in  Gestalt  eines  g< 
Adlers).  Asopos  suchte  sie  und  kam  nachKorinth, 
wo  er  von  Sisyphos  erfuhr,  dafs  Zeus  der  Räuber 
sei.  (Sisyphos  bedang  sich  für  die  Anzeige 
aus,  dafs  ihm  Asopos  auf  seiner  Burg  eine 
Quelle,  die  Pcirene,  entspringen  lasse,  Paus. 

2,  5,  1;  dies  geschah,  aber  der  Verräter  wurde 
später  in  der  Unterwelt  gestraft).  Den  verfol- 
genden Vater  traf  Zeus  mit  dem  Donnerkeil 


und  trieb  ihn  in  das  alte  Flufsbett  zurück; 
seitdem  finden  sich  Kohlen  im  Flufsbett  des 
Asopos;  die  Aigina  brachte  Zeus  auf  die  Insel 
Oinone,  Herod.  5,  46.  Paus.  2,  29,  2.  (Olvo- 
nea  Find.  I.  7 (8)  45.  Oenopia  Ov.  M.  7,  472), 
welche  nun  den  Namen  Aigina  erhielt,  ver- 
einigte sich  dort  mit  ihr  (nach  Ov.  M.  6,  113 
nahte  er  ihr  in  Feuergestalt,  ignis ) und  erzeugte 
mit  ihr  den  Aiakos.  Da  dieser  einsam  auf  der 
Insel  war,  schuf  Zeus  für  ihn  die  Ameisen  in 
Menschen  um.  So  schon  Hesiod.  b.  Schol.  Find. 
N.  3,  13  (21).  Kinkel,  ep.  Gr.  fr.  1,  118  fr.  96. 
Abweichend  davon  erzählt  Ov.  M.  7,  517 — 657, 
die  Insel  sei  ursprünglich  von  einem  arbeitsa- 
men Geschlecht  bewohnt  gewesen,  Hera,  auf 
ihre  Nebenbuhlerin  erzürnt , sendete  eine  die 
Bevölkerung  vernichtende  Pest  (nach  Hyg.  f. 
52  führte  dies  eine  Schlange  durch  Vergiftung 
des  Wassers  herbei);  da  erflehte  Aiakos,  als 
er  an  einer  dem  Zeus  heiligen  Eiche  Ameisen 
emporlaufen  sah,  von  Zeus  Menschen,  so  viel 
er  Ameisen  gesehen  habe.  Nachdem  der  Gott 
seinen  Wunsch  erfüllt  hatte,  nannte  er  die 
neue  Bevölkerung  Myrmidonen  nach  yvQgg'g, 
Ameise;  ebenso  Hyg.  f.  52.  Serv.  V.  A.  2,  7. 
(Beispiel  etymologisierender  Sagenbildung).  I111 
Gegensatz  hierzu  leitet  Strabo  8 p.  375  den 
Namen  davon  ab , dafs  die  Einwohner  nach 
Art  der  Ameisen  grabend  das  gute  Land  auf 
den  Felsen  trugen,  um  dort  Feldbau  treiben 
zu  können,  und  weil  sie,  die  Ziegel  sparend, 
in  Gruben  wohnten.  Damit  stimmte  nach 
Schol.  Find.  Nem.  3,  21  Bocckli  (vgl.  Eustath. 
II.  1,  180)  Tlieagenes  in  seiner  Schrift  über  Ai- 
gina überein : Die  Einwohner  der  menschenarmen 
Insel  hätten  in  unterirdischen  Höhlen  gelebt, 
ohne  eigentliche  Wohnungen.  Daher  hätten  die 
von  auswärts  Kommenden  sie  mit  Ameisen  ver- 
glichen und  sie  Myrmidonen  genannt.  Aiakos 
aber  hätte  sie  mit  Einwanderern,  die  er  aus 
der  Peloponnes  herbeiführte , verschmolzen, 
hätte  sie  kultiviert  und  ihnen  Gesetze  gegeben. 
Daher  habe  es  geschienen,  als  seien  sie  aus 
Ameisen  zu  Menschen  geworden.  Anders  lau- 
tete die  thessalische  Sage  über  den  Ursprung 
des  Namens.  Vgl.  Myrmidon.  (Paus.  2,  29, 
2 weicht  darin  von  Apollodor  ab,  dafs  bei  ihm 
Zeus  die  Menschen  unmittelbar  aus  der  Erde 
hervorwachsen  läfst).  Zur  Gattin  nahm  Aia- 
kos die  Endeis,  Tochter  des  Skeiron  oder  Ski- 
ron  von  Megara  (vgl.  Paus..  2 , 29 , 9 ; Flut. 
Thes.  10,  der  dies  als  die  Überlieferung  me- 
garischer Schriftsteller  bezeichnet) , oder  des 
Cheiron  nach  Schol.  Find.  N.  5,  12.  Schol. 
II.  16,  14.  Hyg.  f.  14;  (’EvSrjtg  ist  wohl  eine 
Zusammensetzung  von  tv  und  dem  Dor.  Sä  = yrp 
&sä  syyaiog  oder  eyyseog).  Von  ihr  hatte  er 
die  Söhne  Peleus  und  Telamon;  aber  der  Lo- 
gograph  Pherekydes  nannte  Telamon  den  F reund, 
nicht  den  Bruder  des  Peleus  und  hielt  ihn  für 
den  Sohn  des  Aktaios  und  der  Glauke,  der 
Tochter  des  Salaminiers  Kvchreus.  (Diese  An- 
gabe des  Logographen  findet  indirekt  eine  Be- 
stätigung durch  die  Ilias , welche  von  einem 
verwandtschaftlichen  Verhältnis  zwischen  dem 
Telamonier  Aias  und  Achilleus  nichts  weifs ; 
darnach  erscheint  die  Rückführung  des  Tela- 
mon auf  Aiakos  nachhomerisch,  doch  ist  sie 


111 


Aiakos 


Aiakos 


112 


bereits  bei  Pindar  vorhanden).  Wiederum 
wohnte  Aiakos  der  Psamathe,  der  Tochter  des 
Nereus  bei,  obwohl  sie  sich,  um  ihm  zu  ent- 
gehen, in  eine  Robbe  («polxrj)  verwandelt  hatte, 
und  erzeugte  mit  ihr  den  Phokos  ($c5hos).  Da 
dieser  seinen  Brüdern  in  den  Kampfspielen  über- 
legen war , trachteten  diese  ihm  nach  dem 
Leben,  und  Telamon,  der  ihn  durchs  Los  zum 
Genossen  des  Wettkampfes  erhalten  hatte, 
tötete  ihn  durch  einen  Diskoswurf  und  verbarg  : 
die  Leiche  unter  Beihilfe  des  Peleus  in  einem 
Gehölz.  Als  der  Mord  entdeckt  wurde , ver- 
bannte Aiakos  die  Mörder  aus  Aigina.  (Nach 
Paus.  2,  29,  9 hat  Endeis  ihre  Söhne  gegen 
Phokos  aufgereizt,  bei  ihm  ist  Peleus  der  Thä- 
ter.  Über  den  vergeblichen  Versuch,  den  Te- 
lamon machte , um  sich  bei  Aiakos  von  dem 
Mord  zu  reinigen,  und  die  eigentümliche  Art 
des  gerichtlichen  Verfahrens  vgl.  Paus.  2,  29,  7.) 
Aiakos  war  der  frömmste  Mann  seiner  Zeit 
(vgl.  Flut.  Thes.  10);  als  daher  einst  in  Hellas 
Mifswachs  herrschte,  weil  Pelops  den  Arkader- 
könig  Stymphalos  arglistig  und  grausam  er- 
mordet hatte,  verhiefsen  die  Orakel  der  Göt- 
ter Befreiung  von  der  herrschenden  Unfrucht- 
barkeit , wenn  Aiakos  für  das  Land  gebetet 
habe.  Und  so  geschah  es.  Auch  sonst  findet 
sich  diese  Erzählung;  der  älteste  vorhandene 
Zeuge  ist  Isokrates  9,  14,  15;  denn  bei  Find. 
N.  5,  16 — 24  vgl.  Boeckh  ist  hiervon  nicht  die 
Rede.  Isokrates  spricht  von  einer  Dürre  und 
grofsem  Sterben  unter  der  Bevölkerung;  da- 
rum wendeten  sich  die  Fürsten  der  Städte  an 
Aiakos,  in  der  Überzeugung,  dafs  er  wegen 
seiner  göttlichen  Abstammung  und  seiner  Fröm- 
migkeit durch  sein  Gebet  am  ehesten  die  Göt- 
ter erweichen  werde.  Als  ihre  Bitte  in  Erfül- 
lung gegangen,  erbauten  sie  in  Aigina  dort, 
wo  jener  gebetet  hatte,  ein  „gemeinsames 
Heiligtum  der  Hellenen“.  Die  Sage  berichtet 
ebenso  Paus.  1,  29,  6 — 8,  nur  weist  bei  ihm 
Pythia  die  Hellenen  an  Aiakos.  (Vgl.  über  das 
Gebet  des  Aiakos  noch  Giern.  Al.  Str.  6 p.  753). 
Der  Name  Zeus  Tlocvilhqvioq  und  navsXXrjveov 
für  Berg  und  Tempel  des  Zeus  findet  sich  erst 
bei  Paus.  1,  44,  13.  2,  30,  3.  4.  2,  29,  6,  wo 
geradezu  erzählt  wird,  dafs  Aiakos  damals  den 
Tempel  auf  dem  Berge  dem  Zeus  Panhellenios 
errichtet  habe.  Nach  Diod.  4,  61  wurde  die 
Dürre  veranlafst  durch  den  Mord,  den  König 
Aigeus  von  Athen  an  Androgeos  verübt  hatte. 
Die  örtliche  Entstehung  der  Sage  läfst  sich 
noch  nachweisen.  Denn  Theophr.  n.  cggsLcov 
1,  24  berichtet,  dafs,  wenn  in  Aigina  auf  dem 
Berg  des  Zeus  „Hellenios“  sich  eine  Wolke 
niederlasse,  dies  ein  Anzeichen  für  Regen  sei, 
eine  Wetterregel,  die  noch  heute  in  Athen, 
wo  man  den  „Hagios  Elias“  vor  sich  hat,  be- 
kannt ist.  Preller  gr.  Al. 1 1,  118.  Bursian 
Geogr.  2,  85.  Welcher  gr.  Götterl.  1,  170.  Zu 
vergleichen  sind  die  vom  Priester  des  Zeus 
Lykaios  in  Arkadien  bei  anhaltender  Dürre 
veranstalteten  Gebete  und  Opfer.  Paus.  8,  38, 
3.  Auch  der  Kultus  der  alten  Schnitzbilder 
der  Damia  und  Auxesia  zu  Oie  in  Aigina  steht 
wohl  mit  dieser  Sage  in  Zusammenhang.  Ile- 
rod.  8,  83 — 87.  Find.  N.  8,  8 nennt  Aiakos 
einen  König,  tüchtig  in  Rat  und  That,  %hqI 


■auI  ßovXaig  aoiarog;  im  Fragment  des  Hesiod. 

b.  Schöl.  Find.  N.  3,  21  heifst  er  inmoxaggrig, 
Isolcr.  12,  205  führt  ihn  unter  den  Helden  auf, 
die  wegen  Frömmigkeit,  Gerechtigkeit,  Weis- 
heit im  Lied  verherrlicht  wurden.  Er  war 
ein  Liebling  des  Zeus  und  schlichtete  als 
Schiedsrichter  einst  einen  Streit  unter  den 
Göttern  Pindar  I.  8 , 23  f'. , ebenso  den  Streit 
zwischen  Nisos  und  Skiron  wegen  der  Herr- 
schaft über  Megara  Paus.  1,  39,  5.  Auf  dies 
und  ähnliches  spielt  Pind.  N.  8,  9 ff.  an.  Bei 
Pind.  0.  8,  31 — 44  findet  sich  die  sonst  unbe- 
kannte Sage,  Aiakos  habe  dem  Apollo  und 
Poseidon  die  Mauern  Trojas  bauen  helfen.  Als 
der  Bau  vollendet  war , stürzten  sich  drei 
Schlangen  auf  die  Mauern  los,  zwei  fielen  an 
dem  von  den  Göttern  erbauten  Teil  tot  nie- 
der, die  dritte  drang  an  der  von  Aiakos  er- 
bauten Stelle  in  die  Stadt  ein.  Apollo  gab 
die  Deutung,  dafs  dort  Ilion  von  der  ersten 
und  vierten  Generation  aus  Aiakos’  Stamm 
werde  erobert  werden,  was  Boechh  zur  Stelle 
auf  Telamon  und  Peleus  (unter  Herakles)  und 
auf  Neoptolemos  und  Epeios  (unter  Agamem- 
non) beziehen  will.  — Die  bei  Paus.  2,  29,  6 
erwähnte  Sage  verrät  örtlichen  Ursprung,  dafs 
Aiakos  Aigina  mit  unterseeischen  Riffen  um- 
geben habe , um  die  Insel  gegen  feindliche 
Angriffe  zu  schützen.  Nach  Plin.  n.  h.  7,  197 
entdeckte  Aiakos  (die  Lesart  ist  unsicher)  zu- 
erst das  Silber.  Bei  Serv.  V.  Aen.  8,  352  heifst 
es,  dafs  er  den  ersten  Zeustempel  in  Arkadien 
gegründet  habe.  Merkwürdig  ist  die  Angabe 
des  Stephan.  B.,  dafs  Aiakos  der  Gründer  der 
Stadt  Dia  (Dion)  in  Thessalien  sei,  womit  die 
Angabe  des  Serv.  V.  Aen.  4,  402  übereinstimmt, 
wonach  Juppiter  ihn  den  Thessalern  zum  König 
gab.  Nach  seinem  Tode  wurde  Aiakos  einer 
der  Totenrichter  der  Unterwelt.  Bei  Homer 
findet  sich  darüber  noch  nichts , obwohl  er 
den  Rhadamanthys  bereits  als  Bewohner  des 
Elysions  kennt  Od.  4,  564  und  Od.  11,  568,  frei- 
lich an  einer  spät  eingeschobenen  Stelle,  den 
Minos  des  Ricliteramtes,  das  er  auf  der  Ober- 
welt ausgeübt  hat , auch  unter  den  Schatten 
walten  läfst;  und  ebensowenig  hat  Hesiod  die 
Sage,  nicht  einmal  Pindar  gedenkt  ihrer,  ob- 
wohl er  den  Helden  häufig  preist.  Apollod. 
3,12,6.10  sagt:  Auch  nach  seinem  Tode  steht 
Aiakos  in  Ehren  bei  Pluton  und  hat  die  Schlüs- 
sel des  Hades  in  Verwahrung.  Daher  uXsidov- 
%og  genannt  C.  I.  n.  6298.  Diese  Anschauung 
begegnet  zuerst  bei  Aristoph.  Frösche  465  ff, 
wo  Aiakos  als  Pförtner  des  Hades  auftritt,  in 
gleicher  Eigenschaft  war  er  vielleicht  schon 
im  Peiritlioos  des  Euripides  ( Fragm . 594)  ge- 
nannt. Lucian.  de  luctu  4 läfst  ihn  an  dem 
Niedergang  selbst  und  bei  dem  adamantenen 
Thor  des  Hades  neben  dem  Kerberos  die  Wacht 
halten,  während  er  als  Totenrichter  nur  Minos 
und  Rhadamanthys  nennt.  Char.  c.  2.  Catapl. 

c.  4.  nimmt  Aiakos  das  Fährgeld  als  r sXcavrjg 
von  den  Toten  ein.  Isokrates  9,  15  nennt  ihn 
den  hochgeehrten  Beisitzer  des  Pluton  und  der 
Persephone,  und  damit  ist  doch  wobl  sein  Amt 
als  Totenrichter  bezeichnet,  eine  Vorstellung, 
die  durch  die  Stellen  bei  Plato  Apol.  p.  41 A. 
Gorg.  p.  523  Eff.  bestätigt  wird.  An  der  letz- 


113 


Aiakos 


Aianes 


114 


teren  Stelle  heifsen  Minos  und  Rhadamanthys 
die  aus  Asien,  Aiakos  der  aus  Europa  stam- 
mende Sohn  des  Zeus ; ßhadamanthys  richtet 
auf  der  Asphodeloswiese  an  dem  Kreuzweg, 
von  welchem  zwei  Pfade  abgehen,  der  eine  zu 
den  Inseln  der  Seligen,  der  andere  zu  dem  Tar- 
tarus, die  aus  Asien,  Aiakos  die  aus  Europa 
stammenden  Seelen,  Minos  entscheidet  in  zwei- 
felhaften Fällen.  Damit  stimmen  die  römischen 
Dichterüberein:  Hör.  Carm.  2,  13,  22.  Ov.  31. 
13,  25.  Prop.  3,  20,  30.  5,  11,  19;  auch  Se- 
neca  de  morte  Claud.  14,  15.  Bei  luv.  1,  10. 
Martial.  10,  5,  14  übt  Aiakos  das  strenge  Straf- 
amt aus.  Als  Richter  der  Unterwelt  erscheint 
er  neben  Triptolemos  und  Rhadamanthys  in- 
schriftlich bezeugt  auf  der  Vase  von  Altamura : 
Bull.  d.  Inst.  1851  p.  40.  Gerhard,  arcli.  Ans. 
1851  S.  89.  Annal.  d.  Inst.  1864,  286  (=  C. 
I.  Gr.  8425  b);  auf  der  Vase  von  Canosa  ( Mul - 
ler-Wieseler,  Denkm.  d.  a.  K.  1 T.  56  No.  275. 
Jahn,  Miinchn.  H!s.  n.  849)  neben  Minos  und 
Rhadamanthys ; er  trägt  hier  den  Richterstab 
(gaßdog) ; fernerauf  zwei  Münzen  des  k.  Mtinzkabi- 
nets  zuBerlin,  Arch.  Ztg.187lS.79.  — Kult.  Auf 
Aigina  wurde  er  als  Halbgott  verehrt,  dort  stand 
sein  Heroon,  das  Aiocysiov,  ein  viereckiger,  von 
einer  Mauer  aus  weifsem  Marmor  eingeschlosse- 
ner Raum,  in  welchem  sich  ein  wenig  über  die 
Erde  emporragender  Altar  befand,  dieser  nach 
einer  Geheimsage_  zugleich  das  Grab  des  Aia- 
kos, rings  von  Olbäumen  umgeben.  In  der 
Vorhalle  dieses  Temenos  waren  die  an  Aiakos 
abgeordneten  Gesandten  der  Hellenen  in  Relief 
dargestellt;  hier  hingen  die  aiginetischen  Sie- 
ger die  in  den  Festspielen  gewonnenen  Kränze 
auf.  Paus.  2,  29,  6.  Pind.  N.  5,  53  mit  Schol. ; 
Alamdäv  svtQYsg  aloog  bei  Pind.  O.  13,  155 
mit  Schol.;  dorthin  flüchteten  die  athenischen 
Patrioten  nach  der  Schlacht  bei  Lamia  Plut. 
Dem.  28.  Zu  Ehren  des  Aiakos  wurden  auf 
Aigina  AIciy.si.dc  gefeiert,  mit  gymnischen  Ago- 
nen verbundene  Festspiele;  vgl.  Schol.  zu 
Pind.  O.  7,  156  N.  5,  78,  zu  denen  sich 
auch  Kämpfer  aus  der  Ferne  einfanden.  Schü- 
mann, Gr.  A.  2 , 538.  Auch  zu  Athen  hatte 
Aiakos  ein  Heroon.  Denn  als  die  Athener 
Aigina  bekriegen  wollten,  gab  ihnen  das  Del- 
phische Orakel  den  Rat,  ein  Temenos  des  Aia- 
kos zu  gründen,  welches  nach  Herod.  5,  89  an 
der  Agora  gelegen  war.  Vgl.  Hesych.  s.  v. 
Aiccyszov.  Die  Aigineten  bewahrten  heilige  Bil- 
der des  Aiakos  und  der  Aiakiden,  die  sie  ein- 
stens den  mit  Athen  im  Krieg  liegenden  The- 
banern  zu  Hilfe  sendeten  (Herod.  5,  80,  81), 
und  vor  der  Schlacht  bei  Salamis  liefsen  die 
hellenischen  Flottenführer  diese  heiligen  Bil- 
der aus  Aigina  holen.  Herod.  8,  64.  83.  84. 
Die  oben  erzählten  Sagen  bekunden,  dafs  Ai- 
gina , die  durch  Schiffahrt  und  Handel  früh- 
zeitig blühende  Insel , mit  ihrem  Zeuskultus 
für  eine  Anzahl  wohl  besonders  dorischer 
Stämme  der  Peloponnes , Mittel-  und  Nord- 
griechenlands ein  ähnlicher  religiöser  Sammel- 
punkt in  einer  gewissen  Periode  gewesen  ist, 
wie  Delos  für  die  Ionier.  Daraus  erklärt  sich, 
dafs  auf  den  einheimischen  Heros  dieser  Insel 
gewisse  Fürstengeschlechter  und  Völker  ihren 
Ursprung  zurückführten.  Denn  die  wahrschein- 


lichste Ableitung  von  AiaYog  ist  die  von  cua, 
wie  AiccYog  von  Aiov  oder  Ata  (vgl.  AaßdccYog) ; 
es  ist  zu  Alccyos  ursprünglich  ftsos  oder  SaC- 
ficov  zu  ergänzen,  d.h.  der  Gott  (Dämon)  der  Insel. 
Ursprünglich  war  dies  für  Aigina  Zeus  selbst, 
dann  sein  erster  Priester  und  der  erste  König 
der  Insel,  der  nach  seiner  gerechten  Herrschaft 
auf  Erden  im  Tode  unter  der  Erde  (als  ■ 
viog  und  dem  Z svg  i&oviog  beigesellt)  weiter 
regiert  und  in  schwerer  Kampfesnot  den  Sei- 
nen hilfreich  erscheint  (vgl.  die  Sagen  von 
Karl  d.  Gr.  u.  Friedrich  Barbarossa).  Vielleicht 
gab  es  — nach  den  oben  zusammengestellten 
Notizen  — aufser  dem  Aiakos  in  Aigina  auch 
einen  in  Arkadien  und  Thessalien.  Dann 
wären  Peleus  und  Achilleus  ursprünglich  die 
Nachkommen  des  thessalischen  alanög  ftso g. 
Die  Verbindung  mit  Aigina  setzt  zur  Zeit 
dieser  Sagenbildung  einen  Einflufs  der  see- 
) mächtigen  Insel  durch  Handel  und  Gottes- 
dienst auf  Südthessalien  voraus.  Der  uralte 
Zeusdienst  auf  Aigina  erhielt  sich  für  alle  Fol- 
gezeit wegen  des  Ansehens , in  welchem  der 
höchste  Berg  der  Insel  als  Wetteranzeiger  bei 
den  Umwohnern  stand.  Die  Ableitung  bei 
Preller  Gr.  31.  2 3,  392  A.  3 und  bei  Pape-Ben- 
seler  von  alägco-orsvco  verstöfst  gegen  die  Sprach- 
gesetze;  ebenso  unmöglich  ist  die  von  O.  Mül- 
ler Aegin.  I.  p.  22  nach  Vorgang  der  Alten 
i angenommene  Beziehung  zu  altzog.  — Für 
die  Erklärung  des  Mythus  sind  zu  vgl.  0.  Mül- 
ler, Acgineticorum  Uber  Berol.  1817.  Gerhard 
gr.  31.  2.  182  §.  875  ff.  Preller  gr.  31. 3 2,  390 
— 405.  Welcher,  gr.  Götterl.  1,  169.  2,  209. 
3,  269.  Schöll,  Aias  S.  1 ff.  Büclcert,  Troia 
S.  128  f.  Forchhammer , Achill,  Kiel  1853. 
[Wörner].  Davon: 

Aiakides  (AlaYtdrjg , Aeacides),  Sohn  oder 
Nachkomme  des  Aiakos;  Herod.  5,  80.  8,  64. 
84.  Das  wahrscheinlich  aus  der  Gegend  von 
Dodona  stammende,  über  die  Hellenen  im  enge- 
ren Sinne  herrschende,  in  Thessalien,  Aigina, 
Salamis  heimische  Fürstengeschlecht,  berühmt 
durch  seine  Stärke  ( Hesiod  bei  Suidas  czlYr\, 
vgl.  Kinkel,  ep.  Gr.  fr.  1.  S.  169.  fr.  215:  ’Ah igv 
fisv  yap  tdioYSv  ’Olvgniog  AlccYlSyoiv)  und  durch 
seine  Kriegslust  ( Hesiod  b.  Polyb.  5,  2 Aiccyl- 
Sag  noXsgcg  YS%ciQTqoxccg  pvzs  SaizC).  Homer 
nennt  AlaYidyg  nur  1)  u.  2)  Peleus  u.  Achil- 
leus. Peleus : II.  16,  15  u.  ö.  (vgl.  Hes.  fr. 
98  b.  Kinkel  S.  119).  Achilleus  II.  9,  191.  11, 
805.  (Verg.  Aen.  1,  99).  3)  Pyrrhos,  Urenkel 
des  Aiakos  Paus.  1.  13.  9.  Verg h Aen.  3.  296. 

4)  Telamon  findet  sich  mit  dieser  Bezeich- 
nung bei  Apoll.  Bh.  1,  1330.  Qu.  Sm.  4,  450. 

5)  Aias  Strabo  9,  394.  Qu.  Sm.  3,244.  0)Pho- 
kos  Ov.  M.  7,  668.  7)  AluyCS gg  hiefs  der  Sohn 
des  Neoptolemos  und  der  Andromache.  Lysim. 
in  Schol.  Eur.  Andr.  24.  — Die  makedonischen 
und  die  epirotischen  Könige  leiteten  ihr  Ge- 
schlecht von  den  Aiakiden  ab,  so  Perseus  Verg. 
Aen.  6,  839.  Sil.  It.  1,  627;  Pyrrhus  Paus.  1, 
13,  3.  Ennius  bei  Cic.  de  divin.  2,  56,  116;  vgl. 
Pape-Benseler.  [Vgl.  auch  C.  I.  Gr.  1907.  3538. 
6020b.  6288  B.].  [Wörner.] 

Aianes  (Alärgg),  Sohn  des  Amphidamas,  ein 
von  Patroklos  (s.  d.)  unabsichtlich  getöteter 
Lokrer,  dem  ein  Flain  bei  Opus,  Alccveiov  zs- 


115 


Aianos 


Aias  Teläm. 


1 IG 


f isvog,  geweiht  war:  Strab.  9,  425.  Hellem. 
b Schol.  II.  12,  1 (vgl.  Pherekydes  b.  Schol.  II. 
23  , 87).  Eine  Quelle  im  opuntischen  Lokris 
hiefs  Alavtg,  Strab.  a.  a.  0.  Ygl.  Klesonymos. 

[Roscher.] 

Aianos  {Alavog),  Sohn  des  Elymos,  Königs 
der  Tyrrhener,  Gründer  von  Aiane  in  Makedo- 
nien. Steph.  Byz.  s.  v.  Alavfi.  [Roscher.] 

Aias  (Al'ccg,  C.  I.  Gr.  7377  Ai'Jra g;  vgl.  etr. 
Aivas,  lat.  Ajax). 

I.  Der  Telamonier. 

A.  Homerische  Sagen. 

Sohn  des  Telamon , des  Herrschers  von 
Salamis,  gewöhnlich  Tsluycoviog  II.  2,  528, 
zum  Unterschiede  von  Ai'ocg  Oilyog  dem  'Klei- 
nen’ II.  15,  334  auch  der  'Grofse’,  ysyag  ge- 
nannt, oft  auch  nur  Ai'ccg,  während  der  an- 
dere immer  einen  Beinamen  hat,  vgl.  Wolf, 
praef.  ad  II.  p.  29.  Ileyne , Hom.  t.  6.  p.  486. 
Homer  kennt  den  Telamonier  noch  nicht  als 
Aiakiden  und  Abkömmling  des  Zeus,  wie  die 
spätere  Sage,  welche  infolge  der  grofsen  Ähn- 
lichkeit, die  zwischen  den  beiden  gröfsten  Hel- 
den vor  Troia  in  der  Ilias  besteht  (Libanius 
ovyy.QLOtg  Al'avzog  %ca  ’A^Mscog  t.  4 p.  997), 
ihn  zum  Vetter  des  Achill  macht;  denn  Peleus 
und  Telamon  erscheinen  erst  später  als  Brüder. 
Mit  12  Schiffen  zieht  er  von  Salamis  nach  Troia 
2,  557.  Eine  jetzt  allgemein  für  interpoliert 
erklärte , der  späteren  Dichtung  entlehnte 
Stelle  8,  224  weist  ihm  den  linken  Flügel  des 
Schiffslagers  am  Rhoiteion  an,  wie  dem  Achill 
den  rechten.  Doch  wird  10,  112  f.  erwähnt, 
dafs  die  Schiffe  des  Aias  und  Idomeneus  am 
weitesten  von  dem  Zelte  des  Odysseus,  der 
nach  8,  222  die  Mitte  des  Lagers  inne  hatte, 
entfernt  gewesen  seien.  Auch  2,  558  ozrjcs  d’ 
aycov  l'v  A&rjvou'cov  l'azavzo  qidhxyysg  bezeich- 
neten  schon  die  Alten  als  eine  von  Solon  oder 
Peisistratos  zur  Unterstützung  der  athenischen 
Ansprüche  auf  Salamis  im  megarischen  Kriege 
eingeschobene  Interpolation;  vgl.  Blut.  Sol.  10, 
1.  Biogen.  Laert.  1,  2,  2.  Strabo  9 p.  394.  In 
Ilias  und  Odyssee  findet  sich  von  einem  enge- 
ren Zusammenhänge  zwischen  Aias  und  Attika 
keine  Spur.  Er  gebietet  vor  Ilion  als  selbstän- 
diger Herrscher,  der  niemandem  unterthan  ist, 
über  seine  Mannen;  daher  kolqccvos  luäv  8, 
234.  9,  644.  11,  465.  Nächst  Achill  der  gröfste 
Held  vor  Troia  tritt  er,  als  dieser  zürnend 
vom  Heere  sich  trennt,  an  dessen  Stelle  2,  768. 
8,  321.  17,  379.  Od.  11,  468.  549.  24.  17.  Dafs 
ihm  dieser  Platz  von  allen  Seiten  eingeräumt 
wird,  geht  auch  daraus  hervor,  dafs  Agamem- 
non 1,  138.  145  von  ihm,  Achilles,  Odysseus 
und  idomeneus  die  Versöhnung  mit  Apollo  for- 
dert, und  dafs  er  und  Odysseus  dazu  auserlesen 
werden,  den  Achill  umzustimmen  9, 169.  Schon 
seine  äufsere  Erscheinung  kennzeichnet  den 
Beherrscher  des  Schlachtfeldes.  Eine  herrliche, 
grofse,  mächtige  Gestalt  ragt  er  an  Haupt  und 
Schultern  über  alle  Achäer  empor  3,  226  f. 
vgl.  Luc.  Gail.  17 ; daher  sind  die  gewöhn- 
lichen Beiwörter  ysyccg  5,  610  und  nslcogiog 
17,  360  der  'riesige’,  ein  Epitheton,  welches 


von  Homer  nur  den  gröfsten  Helden  erteilt 
wird.  Auch  an  Schönheit  weicht  er  nur  dem 
Achill  17,  279  f.,  Od.  11,  550.  24,  17  f.  Charak- 
teristisch für  ihn  ist  das  volle  blühende  Ge- 
sicht 7,  212  ySLÖiowv  ßXoavQOioi  7iQOGc6naGt.v, 
vgl.  Philostr.  im.  2,  7 u.  Curtius,  Grundzüge 4 
538,  insgemein  ein  Zeichen  der  Gutmütigkeit. 
Seine  Trefflichkeit  als  Kriegsheld  aber  erhellt 
am  deutlichsten  aus  II.  13,321,  wo  Idomeneus 
sagt,  Aias  käme  im  Nahkampfe  mit  Speer  und 
Steinwurf  dem  Achill  gleich,  wenn  ihn  dieser 
auch  an  Schnelligkeit  übertreffe.  So  ist  denn 
Aias  das  Prototyp  des  wenig  beweglichen, 
schweren  Hopliten  im  Gegensätze  zu  dem  leiclit- 
fiifsigen  Peliden  vgl.  Luc.  Paras.  46;  von  aus- 
dauernder, nicht  ermüdender,  bedächtiger  und 
zäher  Tapferkeit  behauptet  er  den  Platz,  auf 
welchem  er  -steht,  ohne  sich  durch  die  Masse 
der  auf  ihn  eindringenden  Feinde  irgendwie 
beirren  zu  lassen.  Immer*  bewahrt  er  seine 
Ruhe;  selbst  zum  Weichen  gezwungen  zeigt 
er  jene  auf  dem  Bewufstsein  der  Kraft  be- 
ruhende Sicherheit  und  Festigkeit,  die  dem 
Feinde  Schrecken  einjagt.  Daher  wird  er  11, 
545  fl',  mit  einem  störrischen  Esel  verglichen, 
der  aus  dem  Kornfelde , in  dem  er  seinen 
Hunger  stillt,  durch  keine  Schläge  herauszu- 
bringen ist,  und  mit  einem  Löwen,  welchen 
Wächter  mit  Spiefsen  und  Bränden  von  der 
Heerde  zurückzuschrecken  suchen.  In  jeder  Not 
und  Bedrängnis  ist  er  die  nie  versagende  Stütze 
und  der  nie  wankende  Halt  der  kämpfenden 
Achäer;  man  denke  an  die  Verteidigung  des 
Teukros , des  Schiffslagers  und  der  Leiche 
des  Patroklos.  Daher  der  ehrende  Beiname 
f -Q-nog  ’A%<xuov  6,  5.  7,  211.  13,  321.  709  und 
die  Epitheta  alnefiog  12,  349,  aQriLog  Od.  3, 
109.  Dem  Kriegsgotte  gleich  geht  er  in  die 
Schlacht  7,  207,  und  selbst  dem  Hektor  pocht 
das  Männerherz,  als  er  sich  ihm  zum  Kampfe 
stellt  7,  216.  Daher  wird  er  auch  dioyevfj g 4,  489 
und  avzid'tog  9,  622  genannt.  Nach  dem  Fort- 
gange Achills  ist  er  allein  dem  Hektor  gewach- 
sen; er  ist  es  auch,  welcher  Hektors  und  der 
Troer  Händen  Achills  Leiche  entreifst.  Als  sein 
stehender  Kampfesgenosse,  ihn  durch  seine  Kunst 
als  Bogenschütze  unterstützend  erscheint  der  lo- 
krische  Aias  (siehe  diesen);  vgl.  besonders  13, 
701  und  das  Gleichnis  von  den  beiden  Pflugstieren. 
Von  seinen  Waffen  ist  besonders  der  Schild  ; 
zu  erwähnen.  Ein  Werk  des  Tychios  aus  Hyle  | 
(vgl.  Strabo  9,  408)  besteht  er  aus  sieben  Lagen  j 
starken  Stierleders ; die  achte,  oberste  hingegen 
ist  aus  Erz.  Dieser  Schild  leistet  ihm  oft  grofse  - 
Dienste;  vgl.  Od.  7,  266.  8,  267.  11,  485.  ^ Er 
trägt  ihn  vor  sich  her,  wie  einen  Turm  fjvzs 
nvgyov,  wie  er  auch  selbst  n vgyog  ’A%cuiäv  ge-  j 
nannt  wird.  Selbst  dem  Achill  würde  nach  j 
dessen  eigner  Aussage  diese  gewaltige  Trutz-  I 
waffe  gerecht  sein  Od.  11,  556.  ln  Anlehnung 
hieran  nannte  die  spätere  Sage  den  Sohn,  wel- 
chen Tekmessa  dem  Aias  gebar,  Eurysakes, 
d.  h.  Breitschild.  Aias  kämpft  gewöhnlich  in 
Verbindung  mit  dem  kleinen  Aias  (siehe  diesen) 
oder  seinem  Halbbruder  Teukros,  dem  besten 
Bogenschützen  im  Heere,  den  er  mit  seinem 
Schild  deckt  II.  8,  266  ff.  12,  370  ff.  vgl.  Lu-  j 
cian.  Paras.  46  all’  oi  zov  TsXa/icövog  Ai'ag 


17  Aias  Telam. 

s neu  Tsvuqos,  6 [ihr  bnUxrjg  txycc&ög,  o Sh 
o|orrjs. 

Die  Bedächtigkeit  und  Ruhe,  welche  er  im 
lampfe  bewahrt,  zeigt  er  auch  im  Rate.  Er 
pricht  nicht  oft  und  nicht  viel,  gewöhnlich  nur 
,uf  dem  Schlachtfelde,  um  die  Seinen  zur  Stand- 
laftigkeit  anzufeuern;  seine  wuchtigen  Worte 
,ber  sind  von  grofser  Wirkung  und  verfehlen 
hr  Ziel  nicht.  So  macht  er  II.  9,  624  ff.  den 
ergeb  liehen  Verhandlungen  mit  dem  zürnen- 
len  Achill  ein  schnelles  Ende,  nachdem  er  ihm 
eine  Dnversöhnlichkeit  mit  eindringlichen 
V orten  vorgehalten  und  zum  Frieden  ermahnt 
tat.  Diese  Verse  legen  zugleich  beredtes  Zeug- 
lis  ab  von  dem  wohlwollenden  Charakter  des 
lias,  seiner  Biederkeit  und  Offenheit,  Eigen- 
ichaften,  welche  ihm  allgemeine  Beliebtheit, 
,a  selbst  das  Lob  des  Feindes  erwarben.  Rühmt 
loch  selbst  Hektor  an  ihm  gfyfffog  xs  ßCr\v 
cs  v.al  hivvxy]v  7,  288.  Nie  bedient  er  sich 
leimlicher  oder  gar  unehrlicher  Mittel.  Wel- 
ihe  Offenheit  spricht  aus  9,  625  ff.;  welches 
Wohlwollen  und  welches  gute  Herz  aus  9,  639  ff. 
dafs  einem  solchen  Helden,  .der  Verständigkeit 
nit  Herzensgute  vereinigt,  Übermut  fremd  ist, 
st  selbstverständlich.  Zwar  ist  er  selbstbe- 
vufst  und  freut  sich  seiner  Kraft  und  Stärke 
1, 196  ff. ; jedoch  von  Hochmut  und  eitlem  Trotz 
st  bei  dem  homerischen  Aias  vor  Troia  keine 
spur  zu  finden.  Eine  tiefe  Gottesfurcht  beseelt 
hn.  Als  Zeus  die  um  Achills  Leichnam  Strei- 
kenden in  grause  Finsternis  hüllt,  fleht  er 
enen  in  brünstigem  Gebete  an , die  Tages- 
relle  wieder  erscheinen  zu  lassen  17,  645,  und 
?,  194  im  Begriff  mit  Hektor  den  Zweikampf 
äinzugehen  hält  er  es  nicht  unter  seiner 
Würde,  die  Achäer  um  leise  Fürbitte  bei  den 
Hottern  anzugehen.  Wo  er  im  Kampfe  das 
tirekte  Einschreiten  der  Gottheit  wider  ihn 
3rkennt,  weicht  er  gehorsam  zurück:  16,  120. 
Aber  auch  im  Verkehre  mit  den  Menschen  tritt 
sein  verständiger,  billig  denkender  Sinn  zu 
läge.  Trotzdem,  dafs  er  im  Zweikampfe  mit 
Hektor  wesentliche  Vorteile  errungen  hat,  geht 
3r  doch  auf  die  Mahnung  der  Herolde,  den 
Streit  zu  beenden,  willig  ein  und  besteht  nur 
iarauf,  dafs  Hektor  als  der  Herausforderer 
merst  seine  Bereitwilligkeit  erkläre  7,  284. 
Neidlos  blickt  er  auf  den  jtingern  Achill  und 
sucht  ihn  nicht  nur  zur  Wiederaufnahme  des 
Kampfes  zu  bewegen,  sondern  läfst  auch,  als 
Patroklos’  Leiche  von  den  Troern  ernstlich 
bedroht  wird,  dem  Achill  Kunde  vom  Tode  des 
freundes  zukommen,  um  ihn  dadurch  zum 
Kampfe  zu  veranlassen.  Seine  Selbstlosig- 
keit offenbart  sich  endlich  auch  darin,  dafs 
3r  in  den  bei  der  Bestattung  des  Patroklos 
veranstalteten  Spielen  sich  airch  an  solchen 
Kämpfen  beteiligt,  wo  er  von  vornherein  im 
Nachteile  ist,  so  im  Ringkampfe  mit  dem  be- 
henden , keinen  Kunstgriff  verschmähenden 
Odysseus  und  im  Diskoswurfe  mit  dem  als 
Diskoswerfer  gefeierten  Polypoites.  rAias  Te- 
lamonios  ist  überhaupt  in  der  Ilias  ein  Held 
von  altem  Schrot  und  Korn.  In  der  Schlacht 
furchtbar  und  unwiderstehlich,  niemals  aber 
hinterlistig  oder  grausam,  aufserhalb  dersel- 
ben sogleich  wieder  gelassen,  gutmütig  und 


Aias  Telam.  118 

wohlwollend.  Immer  bieder  gerecht  und  an- 
spruchslos braucht  er  sich  niemals  mit  jeman- 
dem über  seinen  hohen  Rang  im  Lager  zu 
streiten,  den  alle,  bei  seinen  grofsen  Vorzügen 
ihm  gern  gönnen.’  Bröndsted , Bromes  of 
Siris  p.  60;  vgl.  die  Charakteristik  bei  Pliüostr. 
her.  706. 

Wenn  er  nun  in  der  Nekyia  der  Odyssee 
dem  Odysseus  auf  seine  Bitten  keine  Ver- 
zeihung gewährt,  sondern  in  seiner  Unversöhn- 
lichkeit verharrt,  so  ist  in  dieser  Weiterbildung 
der  altern  Sage  der  Ilias , welche  von  dem 
Waffengericht  und  dem  Selbstmorde  des  Aias 
nichts  weifs,  schon  eine  Annäherung  an  die 
später  allgemeine  Charakterzeichnung  derselben 
zu  erblicken,  in  welcher  die  vßgig  eine  bedeu- 
tende Rolle  spielt.  Mehr  und  mehr  nimmt  er 
in  der  weiteren  Mythenbildung  den  Charakter 
des  Achill  an,  dem  er  ja  in  der  Ilias  schon  in 
so  vielen  Punkten  ähnelt,  wenn  ihm  auch  der 
Trotz,  die  Härte  und  Unbeugsamkeit  daselbst 
fremd  sind.  Schliefslich  sei  noch  erwähnt, 
dafs  die  dem  Achilles  eigenen,  oft  hervortreten- 
den zarten  Gefühle  der  Liebe  und  Freundschaft, 
sowie  die  Freude  am  Lyraspiel  und  am  Gesang 
dem  gewaltigen  Recken  nicht  eigen  sind;  dazu 
ist  seine  ganze  Natur  zu  derb  angelegt 

Die  T baten,  welche  die  Ilias  von  ihm 
berichtet,  sind  folgende.  Im  Kampfe  mit  den 
Troern  erschlägt  er  den  Simoeisios  4,  473  und 
den  Amphios  5,  610;  zur  grofsen  Freude  des 
Volkes  7,  182  durch  das  Los  zum  Zweikampf 
mit  Hektor  bestimmt,  wirft  er  diesen  durch 
einen  Steinwurf  nieder;  allein  den  Kanrpf  tren- 
nen Herolde,  die  Helden  versöhnen  sich;  Hektor 
giebt  Aias  zum  Andenken  sein  Schwert,  dieser 
jenem  den  Leibgurt  vgl.  Overbeclc,  G.  li.  B. 
p.  406  und  das  Bild  des  Kypseloskastens  b.  Paus. 
5,  19,  1.  Nach  dem  Kampfe  ehrt  Agamemnon 
den  von  den  Achäern  ins  Lager  begleite  teil  Helden 
durch  einen  Schmaus  7,  206  ff.  In  den  für  die 
Achäer  so  unglücklichen  Kämpfen  des  8.  Buches 
gehört  er  zu  den  10  Helden,  welche  auf  die 
Aufforderung  des  Agamemnon  es  nochmals 
wagen,  sich  dem  siegreich  vordringendem  Hek- 
tor entgegenzustellen.  Mit  seinem  Schilde 
deckt  er  den  Teukros , der  mit  seinen  Ge- 
schossen den  Troern  grofsen  Schaden  zufügt 
8,  265,  und  als  dieser  von  Hektor  schwer  ver- 
wundet wird,  schützt  er  ihn  vor  den  angrei- 
fenden Feinden  8,  331.  Endlich  aber  von  der 
Übermacht  zum  Weichen  gezwungen  wird  er 
von  den  bei  Agamemnon  versammelten  Fürsten 
auf  Rat  des  Nestor  9,  179  mit  Phoinix  und 
Odysseus  zu  Achill  gesendet,  um  ihn  mit  Aga- 
memnon zu  versöhnen.  Da  die  Zureden  jener 
nichts  fruchten,  so  rät  er  9,  624  zum  Abbruch 
der  Verhandlungen,  um  die  noch  versammelten 
Fürsten  so  schnell  als  möglich  von  dem  Schei- 
tern des  Versuches  zu  unterrichten;  zugleich 
aber  hält  er  in  bündiger,  eindringlicher  Rede 
dem  Achill  seine  Unversöhnlichkeit,  Hoffart 
und  Gefühllosigkeit  gegenüber  den  in  Angst 
und  Not  schwebenden  Landsleuten  vor;  vgl. 
Overbeclc  a.  a.  O.  p.  410.  Ann.  d.  Inst.  1858 
p.  356.  In  der  folgenden  Schlacht  kommt 
er  11,  472  dem  von  den  Feinden  schwer  be- 
drängten Odysseus  zu  Hilfe,  verscheucht  jene, 


io 

20 

30 

40 

50 

60 


119 


Aias  Telam. 


Aias  Telam. 


120 


tötet  den  Doryklos,  Priamos’  Sohn,  den  Pan- 
dokos,  Lysandros,  Pyrasos  uud  Pylartes;  den 
Hektor  aber  zu  bekämpfen  wird  er  von  Zeus 
verhindert,  der  ihm  plötzlich  Furcht  einflöfst, 
so  dafs  er,  voll  Angst,  das  Schiffslager  möchte 
erstürmt  werden,  den  Schild  auf  dem  Rücken 
sich  langsam  zum  Rückzug  wendet  1 1 , 544  ff. 
So  versperrt  er  den  ihn  in  Massen  umschwär- 
menden Feinden  den  Weg  zu  den  Schiffen. 
Auf  Eurypylos’  Zuruf,  welcher  die  Bedrängnis  l 
des  Aias  sieht  11,  587,  scharen  sich  endlich 
die  Danaerhelden  wieder  um  ihn , und  der 
Kampf  kommt  zum  Stehen  11,  596.  Bei  dem 
Kampfe  um  die  Mauer  eilt  er  dem  Menestheus 
zu  Hilfe,  tötet  den  Epikles,  der  schon  die  Brust- 
wehr erklommen,  mit  einem  Steinwurf  11,  379 
und  stöfst  den  Sarpedon  405  von  der  Mauer. 
Nach  Erstürmung  derselben  wendet  sich  Po- 
seidon, um  die  Schiffe  der  Achäer  besorgt, 
persönlich  an  die  beiden  Aias,  sie  zu  tapferem  2 
Widerstande  gegen  Hektor  und  zur  Verteidi- 
gung der  Schiffe  auffordernd  und  ihre  Seelen 
mit  Mut  erfüllend  13,  46.  Bei  dem  ersten  An- 
griff des  Hektor  stöfst  Aias  diesen  mit  der 
Lanze  zurück,  als  er  den  erschlagenen  Amphi- 
machos der  Rüstung  berauben  will  13,  190; 
auf  ihn  setzen  die  Achäer,  als  sich  der  Sieg 
immer  mehr  auf  die  Seite  der  Troer  neigt,  ihre 
letzte  Hoffnung  13,  313;  gegen  ihn  und  seine 
Schiffe  führt  Hektor  seine  Mannen  13,  681;  3 
nur  seine  und  des  Teukros  Krieger  leisten 
unter  Leitung  ihrer  Führer  so  tapferen  Wider- 
stand, dafs  die  Troer  schon  daran  denken,  von 
dem  Sturme  auf  die  Schiffe  abzustehen  11,  723; 
da  sammelt  Hektor  von  Polydamas  angeregt 
die  Tapfersten  der  Troer  und  führt  sie  in  den 
Kampf.  Aias  sucht  den  Hektor  mit  lautem 
Zurufe  dadurch  zurückzuschrecken,  dafs  er  ihn 
an  sein  nahe  bevorstehendes  Ende  erinnert  13, 
808  ; nur  der  Zorn  der  Götter  habe  die  Grie-  n 
chen  in  den  letzten  Kämpfen  unterliegen  lassen. 
Vergeblich;  Hektor  antwortet  in  hochfahrender 
Weise  und  der  entscheidende  Kampf  zwischen 
den  beiden  Helden  beginnt  14,  402.  Der  prah- 
lende Hektor  wird  durch  einen  Steinwurf  des 
Gegners  so  getroffen,  dafs  er  aus  dem  Kampfe 
getragen  werden  mufs  14,  412.  Alsdann  tötet 
Aias  den  Archelochos  464  und  Hyrtios  511. 
Als  nun  Hektor  von  Apollo  mit  neuer  Kraft 
ausgerüstet  wieder  auf  dem  Platze  erscheint,  5' 
wendet  er  sich  15,  415  gleich  wieder  gegen 
Aias,  der  den  Klytios  erlegt,  als  dieser  im  Begriff 
ist,  Feuer  an  das  Schiff  zu  legen  420.  Aias  feuert 
zwar  die  Achäer  zu  tapferer  Gegenwehr  an  520  ff., 
sieht  sich  aber  doch  genötigt,  den  bisher  mit 
Glück  verteidigten  Strand  und  die  Zelte  zu 
verlassen  und  sich  mit  seinen  Genossen  auf 
die  Borde  der  Schiffe  zurückzuziehen,  welche 
er  nunmehr  mit  einer  mächtigen,  22  Ellen 
langen,  durch  Ringe  verstärkten  Stange  ver-  6< 
teidigt  15,  676.  Aber  auch  von  hier  verdrängen 
ihn  die  Troer;  er  flüchtet  15,  728  auf  die  Steuer- 
bank, feuert  von  neuem  die  Achäer  mit  ge- 
waltiger Stimme  an  und  verwundet  mit  der 
Lanze  jeden  der  mit  Bränden  sich  dem  Schiffe 
zu  nahen  wagt.  So  fallen  binnen  kurzer 
Zeit  12  stürmende  Troer  15,  746.  Als  ihm 
aber  Hektor  die  Lanze  mit  dem  Schwerte  zer- 


schlägt, so  dafs  er  nur  noch  den  Stumpf  in 
der  Hand  behält  16,  102,  da  erkennt  er  das 
Eingreifen  der  Götter  120  und  wendet  sich  zur 
Flucht,  so  dafs  nunmehr  die  Troer  Feuer  in 
die  Schiffe  werfen  können.  Zu  dem  Kampfe 
vgl.  Overbeclc  a.  a.  O.  p.  421.  — Auch  in  dem 
letzten  grofsen  Kampfe,  den  er  in  der  Ilias  zu 
bestehen  hat,  ist  er  nicht  sonderlich  vom  Glücke 
begünstigt,  trotzdem  dafs  seine  Tapferkeit  sich 
wiederum  auf  das  glänzendste  bewährt.  Als 
Hektor  17,  128  die  Leiche  des  Patroklos  zu 
den  Troern  schleifen  will,  sie  der  Rüstung  zu 
berauben,  naht  Aias;  Hektor  läfst  die  Leiche 
liegen  und  verläfst  den  Kampfplatz.  Aias  aber 
umwandelt,  vom  Schilde  gedeckt,  schützend 
den  Leichnam,  während  die  Troer  von  allen 
Seiten  einstürmen  17,  233.  Obgleich  er  viele 
tötet,  fordert  er  doch,  die  Übermacht  fürchtend, 
den  Menelaos  auf,  ihm  Hilfe  zukommen  zu 
lassen.  Die  Achäer  folgen  seinem  Rufe.  Er 
erlegt  den  Hippotlioos,  welcher  die  Leiche 
schon  am  Fufse  gefafst  hat,  ferner  den  Sche- 
dios  und  Pliorkys.  Mit  dichtem  Dunkel  um- 
hüllt Zeus  die  um  den  Leichnam  versammelte 
Kämpfergruppe;  nur  mit  Mühe  gelingt  es  Aias, 
die  von  Schrecken  erfafsten  Genossen  zu  hal- 
ten, da  Zeus  den  Troern  weiteren  Sieg  gewährt 
356,  bis  er  endlich  seine  verzweifelte  Lage  er- 
kennend Zeus  anfleht,  das  Dunkel  zu  zerstreuen. 
Als  dies  geschehen,  geht  er  den  Menelaos  an, 
Antilochos  zu  Achilles  zu  senden,  ihm  den  Tod 
des  Freundes  zu  melden  und  ihn  dadurch  zum 
Kampfe  zu  bewegen.  Nunmehr  tragen  Merio- 
nes  und  Menelaos  die  Leiche  aus  dem  Ge- 
tümmel; Aias  mit  den  Seinen  deckt  den  Rück- 
zug 17,  716  vgl.  Overbeck  a.  a.  O.  p.  425.  Zum 
Schlüsse  sei  noch  der  Wettkämpfe  gedacht, 
an  denen  sich  Aias  bei  Gelegenheit  der  Be- 
stattung des  Patroklos  beteiligt;  vgl.  Mon.  d. 
Inst.  4 t.  31.  Er  ringt  mit  Odysseus  23,  708 ; 
zwei  Gänge  bleiben  unentschieden,  den  dritten 
verhindert  Achilles  und  giebt  beiden  den  Preis. 
Auch  der  Waffengang  zwischen  ihm  und  Dio- 
medes  bleibt  unentschieden,  da  die  Achäer, 
um  Aias  besorgt,  die  Beendigung  des  Kampfes 
wünschen.  Beide  teilen  den  Preis.  Im  Dis- 
kosAverfen  unterliegt  er  23,  842  dem  Polypoites. 

In  der  Odyssee  11,469  begegnet  Odysseus 
dem  Aias  im  Hades;  dieser  aber,  erzählt  jener 
544,  sei  von  ferne  stehen  geblieben,  weil  er 
ihm  noch  gezürnt  habe  wegen  des  Sieges,  den 
er  bei  dem  Wettstreite  um  die  Waffen  des 
Achilles  durch  die  Kunstfertigkeit  seiner  Rede 
vor  den  Preisrichtern  ( änicc&fisvog ) über  ihn 
davongetragen  hätte;  die  Kämpfe  seien  vod 
Thetis  angestellt  worden;  Richter  seien  die 
Söhne  der  Troer  und  Athene  gewesen.  Der 
Selbstmord  des  Aias  wird  nicht  ausgesprochen, 
sondern  11,  549  nur  angedeutet;  vgl.  Welcher 
kl.  Schriften  2 p.  274.  Als  nun  Odysseus  ihr 
um  Verzeihung  bittet,  554,  wendet  er  siel 
schweigend  ab  und  geht  zürnend  davon.  Auel 
über  die  Art  und  Weise  des  Gerichtes  ergeht 
sich  Odysseus  nur  in  Andeutungen.  Aristarcl 
strich  547  naidsg  öl  Tqcocov  etc.  Den  im  Waffen 
gericht  unterlegenen  Aias  malten  Parrhasios  unc 
Timanthes  im  Wettstreite  Vlin.  N.  H.  35,  71 
vgl.  Overbeck,  Schriftquellen  1699 — 1700,  Lobcci 


21 


Aias  Tclam. 


Aias  Telam. 


122 


Uas"  p.  208  und  dazu  Welcher,  ep.  Cylcl.  2 p.  180 
mm.  Die  Darstellung  des  Redekampfes  auf 
inem  schwarzfigurigen  Yasenbilde  Ann.  d. 
nst.  1865  t.  F.  ist  von  dem  Drama  beeinflufst, 
gl.  Brunn,  troisch.  Mise.  1880  p.  177.  In  der 
interweit  treffen  wir  Aias  in  Gesellschaft  des 
.chilles,  Patroklos  und  Antilochos  Od.  11,  467 
. 24,  17.  Zusammen  mit  Helden,  welche  dem 
»dysseus  feindlich  gesinnt  waren,  stellte  ihn 
ar  Polygnot  in  der  Nekyia  der  Lesche  zu  n 
»elphi  Paus.  10,  31,  1. 

B.  Naclihomerische  Sagen. 
a)  Geburt,  Jugend  und  Auszug  nach 
Troj  a. 

Schon  in  den  die  Gehurt  und  Jugend  des 
das  behandelnden  nachhomerischen  Sagen  tritt 
er  immer  mehr  um  sich  greifende  Einflufs  des 
Lchilleusmythus  zu  Tage.  Natürlich  suchte  21 
ran  auch  verwandtschaftliche  Beziehungen  her- 
ustellen.  Während  Pherekydes  Telamon  und 
’eleus  nur  als  Freunde,  nicht  als  Brüder  an- 
rkennt  (vgl.  Apollodor.  3 , 12 , 6) , gelten  sie 
päter  allgemein  als  Söhne  des  Äiakos  (s.  d.) 
nd  der  Endeis  auf  Aigina,  sind  also  Enkel 
es  Zeus,  vgl.  Dictys  2,  48,  wo  Aias  infolge 
dner  Verwandtschaft  mit  Achill  sich  guten 
rfolg  von  seiner  Sendung  verspricht,  und  iSoph. 
Uas  389.  Telamon  und  Peleus  müssen  wegen  3( 
es  an  ihrem  Bruder  Phokos  begangenen  Mor- 
es flüchten;  so  kommt  Telamon  nach  Sala- 
lis.  Er  vermählt  sich  mit  Periboia,  der  Tochter 
es  Alkathoos,  einer  Enkelin  des  Pelops,  so 
als  Aias  auch  mütterlicherseits  von  Zeus  ab- 
tammt  ( Apollod . 3,  12,  7.  Xenoph.  Kyneget.  1, 

. Paus.  1,  42,  4)  oder  Eriboia  ( Find . I.  6,  65. 
Hod.  4,  72.  Tzetz.  Lylc.  454.  Sch.  II.  16,  14)  oder 
leliboia  ( Istros  bei  Athen.  13  p.  557  a)  oder 
’hereboia  (bei  Pherekydes  a.  a.  0.)  Die  attische  4( 
age  hingegen  berichtete,  um  ihn  zu  einem 
.thener  zu  machen,  seine  Mutter  Periboia  sei 
ine  von  den  attischen  Jungfrauen  gewesen, 
lit  denen  Theseus  zum  Minotaurus  gezogen 
ei  Paus.  1,  17,  3,  und  habe  den  Theseus  ge- 
eiratet  Plut.  Tlies.  29. 

Den  grofsen  Eoien  entlehnt  sind  folgende, 
on  Späteren  mannigfach  veränderte  und  aus- 
eschmückte  Sagen,  welche  den  Herakles  zum 
rerkünder  der  Geburt  des  Aias  und  seiner  5( 
'üchtigkeit  machen.  Als  jener  nämlich  nach 
-igina  kam,  um  Telamon  zur  Fahrt  nach  Troia 
bzuholen,  findet  er  ihn  schmausend:  da  stellt 
r sich  auf  seine  Löwenhaut  und  betet,  die 
oldene  mit  dem  Weihetranke  gefüllte  Schale 
1 den  Händen  haltend,  zu  Zeus,  er  möge  dem 
’elamon  einen  Sohn  schenken  von  solch’  zäher 
.raft,  wie  sein  Löwenfell,  und  von  solchem 
lute,  wie  er  selbst  sei.  Als  Zeichen  der  Er- 
örung  aber  sendet  Zeus  einen  Adler  (aiszog),  cc 
nd  daher  sei  der  Knabe  Aiag  genannt  worden 
Jind.  I.  5,  37  u.  Schol.  Apollon.  1,  1289.  Schol. 
"lieokr.  13,  38.  Apollod.  3,  12,  7.  Nach  einem 
tifolge  wörtlicher  Deutung  des  Gebetes  ent- 
tandenen  späteren  Mythus  hüllte  Herakles 
en  bei  seiner  Ankunft  schon  geborenen  Knaben 
(i  sein  Löwenfell  und  betete  zu  Zeus  für  ihn 
m Unverwundbarkeit  (vgl.  Plato  Symp. 


p.  219  E)\  nur  die  Stelle  des  Körpers,  wel- 
che bei  Herakles  von  dem  Köcher  bedeckt 
und  deswegen  von  dem  Fell  nicht  berührt 
worden  war,  blieb  unverwundbar,  eine  Stelle 
an  der  Achsel,  Hüfte  oder  Schlüsselbein,  wie- 
derum eine  den  Achillesmythen  nachgebildete 
Sage.  Einen  vorüberfliegenden  Adler  deutet 
Herakles  auf  Erhörung  seines  Gebetes  und 
nannte  nach  ihm  das  Kind  (Tzetz.  Lylc.  455. 
457.  Sch,.  II.  23,  821.  Argumentum  zum  Aias 
des  Soph.  Aisch,  Thralc.  in  Schol.  Ai.  Soph. 
833.  Philostr.  Heroik.  719).  Nach  Lylc.  und 
Tzetz.  schenkte  Herakles  das  Löwenfell  dem 
Aias.  Von  der  Unverwundbarkeit  des  Aias 
weifs  die  Ilias  nichts;  der  Kampf  mit  Dio- 
medes  23 , 822  beweist  das  Gegenteil.  Bei 
Aesch.  fr.  7 8 hingegen  sucht  sich  Aias  vergeb- 
lich in  sein  Schwert  zu  stürzen;  es  biegt  sich, 
bis  ihm  ein  Dämon  die  verwundbare  Stelle  zeigt. 
Falsch  verstanden  hat  die  Erklärung  der  ver- 
wundbaren Stelle  der  Scholiast  zu  Soph.  Ajax 
815.  — Wie  Achilles  dem  Peneios,  so  weiht 
nach  Philostr.  Her.  720  Aias  dem  Ilissos  sein 
Haupthaar.  Als  Jüngling  gehört  er  zu  den 
Freiern  der  Helena  Apollod.  3 , 10 , 8.  Hyg. 

f 8L 

Während  aber  in  der  Ilias  Aias  als  ein 
Becke  ohne  Schuld  und  Fehle  erscheint,  ge- 
horsam gegen  die  Götter,  nachsichtig  und  be- 
scheiden gegen  die  Mitmenschen  und  insofern 
sich  wenig  zu  einem  tragischen  Helden  eig- 
net, sannen  die  späteren  Mythenbildner,  be- 
sonders die  Tragiker  darauf,,  seinen  in  der 
Odyssee  nur  angedeuteten  jähen  Untergang 
durch  Vergehen,  welche  er  schon  in  seiner  Ju- 
gend und  vor  dem  Kriege  mit  Troia  den  Göttern 
gegenüber  sich  zu  schulden  kommen  läfst,  aus 
dem  dadurch  hervorgerufenen  Hasse  der  Athene 
gegen  ihn  zu  begründen  und  zu  rechtfertigen. 
Wie  Achilles’  Tod  eine  tragische  Folge  ist 
seiner  an  der  Leiche  Hektors  begangenen  Grau- 
samkeit, so  mufsten  auch  die  Epiker  und  noch 
mehr  die  Dramatiker,  welche  seinen  Selbst- 
mord zu  besingen  gedachten,  ihm  Eigenschaf- 
ten beilegen,  welche  der  homerische  Held  nicht 
hat,  allzugrofses  Selbstvertrauen,  Übermut  und 
Verachtung  der  Götter,  vgl.  Welcher,  kl.  Schrift. 
2,  269  0’.  Welcker  vermutet  daselbst,  dafs  rdie- 
selben  von  ihm  ausgestofsenen  Reden,  welche 
bei  Sophokles  nach  der  Erklärung  des  Kalchas 
die  Unzufriedenheit  veranlafst  haben,  schon  in 
dem  alten  Epos  den  Grund  seiner  Demütigung 
und  seines  Falles  abgaben’.  Soph.  Aj.  762  wird 
erzählt,  dafs,  als  ihm  bei  seinem  Aufbruche  nach 
Troia  der  Vater  den  weisen  Rat  gegeben  zshvov 
öoqsl  ßovlov  UQazsLv  fisv , ovv  &eg>  d’  asl  uga- 
zsiv,  er  in  übermütiger  Weise  geantwortet  habe, 
mit  Hilfe  der  Götter  könne  auch  der  Schwache 
siegen,  er  hingegen  gedenke  auch  ohne  ihre  Hilfe 
Ruhm  zu  erwerben.  Und  der  Scholiast  zu  217 
berichtet,  um  speziell  den  Hafs  der  Athene  zu 
begründen,  Aias  habe  die  nach  väterlichem 
Brauche  auf  seinem  Schilde  gemalte  Athene 
weggewischt.  Der  Abschied  von  Telamon  bild- 
lich dargestellt  siehe  bei  Overbeck  a.  a.  0. 
p.  276.  Der  Auszug  des  Aias  und  Menestheus 
von  Melite  und  ihr  Abschied  von  Ly  kos,  dem 
Bruder  des  Aigeus,  auf  der  Kodrosvase  Braun, 


123 


Aias  Telam. 


Aias  Telam. 


124 


d.  Schale  des  Kodros , Gotha  1843.  G.  I.  Gr. 
8440b.  Jahn,  archäol.  Aufs.  p.  181  ff. 

Nach  Dictys  1,  13  trifft  er  zuerst  von  allen 
Helden  an  dem  Versammlungsorte  Argos  ein, 
begleitet  von  seinem  Bruder  Teukros  ( Dares  14) 
und  wird  1,  16,  nachdem  Agamemnon  zum 
Oberbefehlshaber  erwählt  worden  ist,  neben 
Achilles  und  Phoinix  zum  Anführer  der  Flotte 
gemacht.  Später  aber  wird  ihm  1,  19  neben 
Palamedes,  Diomedes  und  Idomeneus  in  Aulis  : 
vom  Heere  der  Oberbefehl  gegeben,  als  das- 
selbe den  Agamemnon  auf  seine  Weigerung, 
den  Mord  der  heiligen  Hindin  zu  sühnen,  sei- 
ner Stelle  entsetzt  hatte.  Bei  der  Landung  in 
Mjsien  2,  3 wendet  sich  das  Kriegsglück  den 
Griechen  erst  dann  zu,  als  Achilles  und  Aias 
die  Leitung  übernommen  haben.  Letzterer 
tötet  den Teuthranius,  Bruder  des  Telephos  (vgl. 
Achilleus  S.  29  ff.).  Bei  der  zweiten  Zusam- 
menkunft der  Griechen  in  Argos  liegt  ihm,  s 
Achilles  und  Diomedes  die  Sorge  um  das  Heer 
ob  2,  9.  Bei  der  Landung  zeichnen  sich  be- 
sonders Achilles  und  Aias  durch  Tapferkeit 
aus  2,  12. 

h)  Die  Kämpfe  vor  Troja. 

Aus  der  den  Kämpfen  des  10.  Kriegsjahres 
vorausgehenden  Belagerung  berichtet  die  spä- 
tere Sage  nur  von  einigen  Beutezügen  des  Aias. 
Nach  Soph.  Aj.  20  ff.  u.  487  ff',  zerstörte  er  auf  3 
einem  Kaubzuge  die  Stadt  des  phrygischen 
Königs  Teleutas,  führte  dessen  Tochter  Tek- 
messa  mit  sich  fort  und  machte  sie  zu  seinem 
Weibe.  Von  der  Ermordung  des  Teleutas  durch 
Aias  sagt  Sophokles  nichts,  um  so  die  innige 
Liebe  der  Tekmessa  zu  Aias  zu  rechtfertigen. 
Ebenso  nimmt  Quint.  5,  540  an,  dafs  ihre  El- 
tern nach  der  Eroberung  der  Stadt  vor  Aias’ 
Tode  auf  eine  nicht  näher  bezeichnete  Weise 
gestorben  seien.  Von  der  Liebe  des  Aias  zu  4 
Tekmessa  spricht  auch  Horaz  4,  2,  5.  Anders 
die  Erzählung  des  Dictys  2,  18,  welcher  zuerst 
von  einem  Einfalle  des  Aias  in  die  thraki- 
sche  Chersonnes  berichtet,  wo  Polymestor,  ein 
Schwiegersohn  des  Priamos,  Herrscher  war.  Der 
König  ergiebt  sich  dem  starken  Feinde,  liefert 
den  Polydoros,  einen  Sohn  des  Priamos,  der  ihm 
von  diesem  zur  Erziehung  übergeben  war,  aus, 
zahlt  eine  grofse  Summe  Goldes,  versorgt  die 
Griechen  auf  ein  Jahr  mit  Getreide  und  wird  5' 
Bundesgenosse  derselben.  Von  dort  geht  Aias 
nach  Phrygien,  erlegt  den  Teleutas  im  Zwei- 
kampfe, erobert  und  verbrennt  die  Hauptstadt 
und  führt  Tekmessa  als  Beute  mit  sich  fort. 
In  der  dem  Anfänge  der  Ilias  unmittelbar  vor- 
angehenden Zeit  plündert  er  2,  27  eine  Menge 
Städte  Kleinasiens  und  treibt  die  auf  dem  Ida 
weidenden  Herden  der  Feinde  weg.  Ein  an- 
derer Raubzug  bei  Dictys  2,  41.  Bei  den  Leichen- 
spielen zu  Ehren  des  Patroklos  geht  er  ihid.  3,  6i 
19  aus  dem  Faustkampfe  als  Sieger  hervor. 
Nach  4,  14  läfst  er  dem  Achill  auf  seine  eignen 
Kosten  am  Sigeion  das  Grabdenkmal  errichten 
und  zürnt  den  Griechen,  weil  sie  den  Verlust 
ihres  gröfsten  Helden  so  wenig  betrauern.  Als 
Neoptolemos  nach  Troja  kommt,  ehrt  er  den 
Aias  wie  einen  Vater,  und  mit  ihm  zusammen 
eilt  er  an  der  Spitze  der  Myrmidonen  in  den 


Kampf  4,  17.  Bei  der  Verfolgung  der  den  von 
Philoktet  getöteten  Paris  forttragenden  Troer 
wird  er,  an  der  Mauer  angelangt,  von  einem 
Steinregen  überschüttet;  sein  Schild  und  die 
Pfeile  des  Philoktet  retten  ihn.  5,  10  wird  er 
unter  den  Helden  genannt,  welche  dazu  erko- 
ren sind,  mit  den  Troern  Frieden  zu  schliefsen. 
Nachdem  die  Stadt  genommen,  fordert  Aias 
aus  der  Beute  das  Palladium;  alle,  selbst  Dio- 
) medes,  willigen  in  die  Forderung;  nur  Odysseus, 
von  den  Atriden  unterstützt,  verweigert  es 
ihm.  Aias  hatte  nämlich  nach  der  Einnahme 
der  Stadt  unter  grofsem  Beifalle  des  Heeres 
den  Tod  der  Helena  als  Sühne  für  das  viele 
vergossene  Blut  gefordert;  allein  Odysseus  hatte 
bewirkt , dafs  sie  dem  Menelaos  unversehrt 
übergeben  wurde.  Daher  der  Zorn  der  Atri- 
den gegen  Aias.  So  wird  denn  dem  Ulixes 
das  Palladium  zugesprochen.  Dies  führt  zu 
1 einer  Spaltung  unter  den  Anführern  5,  16. 
Aias  droht  offen  mit  Rache;  die  Atriden  um- 
geben sich  mit  Schutzwachen;  die  ihnen  feind- 
lich gesinnten  Anführer  scheiden  jnit  Einbruch 
der  Nacht  unter  Drohungen  und  Verwünschun- 
gen der  Weiberhelden.  Am  Morgen  findet  man 
Aias  von  einem  Schwerte  durchbohrt.  Das 
Heer  gerät  in  die  gröfste  Aufregung:  allge- 
mein werden  die  Atriden  des  Mordes  beschul- 
digt, welche,  von  ihren  Mannen  beschützt,  die 
Öffentlichkeit  meiden.  Neoptolemos  errichtet 
den  Scheiterhaufen  und  verbrennt  den  Leich- 
nam, dem  5,  16  die  Griechen  eine  dreitägige 
Totenfeier  bereiten.  Am  Schlüsse  derselben 
legen  sämtliche  Anführer  mit  Ausnahme  des 
Odysseus,  welcher  entflohen  ist,  ihr  Haupthaar 
am  Grabhügel  des  Helden  nieder.  Seine  Söhne 
Aiantides  (Mutter  Glauca)  und  Eurysakes  (Mut- 
ter Tekmessa)  werden  dem  Teukros  übergeben. 
So  die  Sagen  des  Dictys  im  Zusammenhänge. 
Schliefslicli  sei  hier  noch  erwähnt,  dafs  nach 
Dares  35  Neoptolemus  auf  Aias’  Rat  aus  Sky- 
ros  herbeigeholt  wurde. 

Die  nachhomerische  Zeit  hielt  das  Urteil 
der  Ilias  und  Odyssee,  welche  den  Aias  für 
den  zweitgröfsten  griechischen  Helden  vor  Troia 
erklärte,  fest,  vgl.  Alcaeus  fr.  48.  Sch.  Pind. 
N.  7,  27.  Soph.  Aj.  1340.  Hör.  Senn.  2,  3, 
193.  Philostr.  Her.  719  f.  Dictys  4,  5 (vgl. 
Pind.  N.  2,  19.  I.  4,  39.  Ovid  M.  13,  384. 
Flut.  Conv.  Q.  9,  5,  1). 

Schon  oben  ist  darauf  hingewiesen  worden, 
dafs  der  Charakter  des  nachhomerischen  Aias 
insofern  ein  anderer  ward,  als  sich  ihm  die 
Hybris  zugesellte.  Da  nun  die  nachhomerische 
Poesie  und  zwar  schon  das  Epos  des  Arktinos 
und  Lesches  sich  teilweise  gegen  die  schliefslicb 
siegreichen  Griechen  wandte , so  wird  jene 
neue  Charakterzeichnung  des  Aias  wohl  auch 
auf  dieses  zurückzuführen  sein.’  Zu  den  schon, 
angezogenen  Beweisen  gottlosen  Hochmuts  bei 
seinem  Auszuge  aus  Salamis  fügte  die  Dich- 
tung nach  Soph.  Aj.  777  aus  seinem  Auf- 
enthalte vor  Troja  noch  einen  dritten  hinzu 
Als  er  einst  von  Athene  im  Kampfe  zu  erneu- 
tem Vorgehen  aufgefordert  wurde,  entgegnete 
er  ihr , sie  möge  sich  zu  andern  Griechen 
stellen ; bei  ihm  werde  die  Schlacht  nicht  wan- 
ken. So  wird  das  Selbstgefühl  der  Rias  zu 


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Aias  Telam. 


Aias  Telam. 


126 


•ücksichtslosera  Hochmute  , der  ihn  nach  den 
besetzen  der  sittlichen  Weltordnung,  die  das 
Drama  lehrt,  zum  Untergange  führen  mufs. 

Aus  Kunstwerken  dürfen  wir  schliefsen, 
lafs  er  sich  in  den  späteren  Epen  auch  an  den 
Kämpfen  gegen  die  Amazonen  und  gegen  Mem- 
lon  in  hervorragender  Weise  beteiligte.  Im 
Kampfe  gegen  eine  Amazone  dargestellt  bei 
Bröndsted , Bromes  of  Siris.  In  dem  grofs- 
irtigen  Kunstwerke  des  Lykios,  Myrons  Sohn,  10 
au  Olympia  Paus.  5,  22,  2,  welches  Achill  und 
Senossen  dem  Memnon  und  seinen  Genossen 
kampfbereit  gegenüberstellte,  während  die  bei- 
den Mütter  den  die  Schicksale  der  Helden 
wägenden  Zeus  anflehen,  war  Deiphobos  der 
Gegner  des  Aias.  Der  Vorwurf  dieser,  auf 
einer  halbkreisförmigen  Basis  freistehenden  Erz- 
gruppe war  dem  Arktinos 
entnommen , vgl.  Overbeck, 

Gesell,  d.  gr.  PL*  1,  328  f. 

Aus  rein  schematischen,  die 
Namen  der  Kämpfer  ange- 
benden Vasenbildern,  welche 
Kämpfe  des  Aias  mit  Troern 
darstellen,  aufpoetische-Quel- 
len  schliefsen  zu  wollen,  wäre 
nach  Brunn,  troisch.  Mise. 

1880  p.  181  f.  falsch.  Aias  bei 
der  Totenklage  des  Antilo- 
chos  bei  Pliilostr.  imag.  2, 

7,  kenntlich  an'o  zov  ßloov- 
qov;  vgl.  II.  7,  212. 

Die  letzte  grofse  Helden- 
that  des  Aias,  die  Rettung 
der  LeichedesAchill aus 
den  Händen  der  Troer , in 
der  Odyssee  5,  309  ff.  nur 
kurz  erwähnt,  war  ausführ- 
lich geschildert  in  der  Äthio- 
pis  des  Arktinos ; vgl.  Sch. 

Arist.  JEqu.  1056.  Die  Worte 
des  Proklos  lauten:  rund  als 
über  dem  Gefallenen  ein  har- 
ter Kampf  entsteht,  hebt  Aias 
den  Leichnam  auf  und  bringt . 
ihn  nach  den  Schiffen,  wäh- 
rend Odysseus  die  Troer  ab- 
wehrt . . . Über  die  Waffen 
des  Achill  entsteht  Streit  zwi- 
schen Odysseus  und  Aias.’ 

Nach  Sophokles  Pliilokt.  373 
schreibt  sich  Odysseus  allein 
die  Rettung  der  Leiche  zu, 
wie  er  auch  Ovid  M.  13,  384 
sagt,  er  habe  auf  seinen 
Schultern  den  Leichnam  und 
die  Waffen  des  Achill  zu- 
gleich getragen.  Anders  bei 
Quintus  3 , 217  ff.  Bei  ihm 
beteiligen  sich  zwar  auch 
Aias  und  Odysseus  besonders 
ander  Verteidigung,  und  Aias  schlägt  zuletzt  die 
Troer  in  die  Flucht  3,  362,  allein  das  Herein- 
schaffen der  Leiche  geschieht  währenddem  ohne 
Erwähnung  des  Odysseus  in  aller  Ruhe.  Die 
betreff.  Bildwerke  b.  Overbeck  S.  540  ff.  Aias 
erhebt  3,  427  zuerst  die  Totenklage  um  den 
Gefallenen,  dann  Phoinix,  dann  Agamemnon. 


Bei  den  Kampfspielen  beteiligt  er  sich  am 
Waffenkampfe  gegen  Diomedes  217  ff.  , der 
Kampf  bleibt  unentschieden  und  wird  vom 
Nestor  getrennt;  den  von  Thetis  ausgesetzteu 
Preis,  vier  lesbische  Jungfrauen,  welche  Achill 
früher  erbeutet,  teilen  sie  unter  einander;  im 
Diskoswurfe  und  im  Faustkampfe  erhält  Aias 
den  Preis,  da  sich  ihm  kein  Gegner  zu  stel- 
len wagt. 

Aus  der  Odyssee  11,  469,  dem  Scholion  da- 
zu und  Eustatli.  1698  ergiebt  sich  nun,  wie 
ungefähr  Arktinos  die  Sage  des  näheren  be- 
handelt hat.  In  der  Versammlung  der  Achäer, 
welche  darüber  entscheiden  sollten,  wem  von 
beiden  die  von  Thetis  dem  Retter  des  Leich- 
nams ihres  Sohnes  ausgesetzten  Waffen  ge- 
bührten, verfochten  beide  ihre  Sache  mit  Wor- 


ten. Ausführliche  Behandlung  des  Redekam- 
pfes bei  Ovid  M.  13,  284  ff.  u.  Quint.  5,  123  ff'., 
vgl.  Overbeck,  G.  h.  B.  p.  563  ff.  und  Labbert, 
Ann.  d.  Inst.  1865  t.  F.  p.  82  ff. ; die  Gemälde 
des  Parrhasios  und  Timanthes  siehe  oben  Ab- 
schnitt A.  a.  E.  Allein  da  man  zu  keinem 
endgültigen  Resultate  kommt,  schlägt  Aga- 


Aias  mit  Achilleus’  Leiche  (vgl.  Overbeck,  Bildw.  d.  theb.  u.  tr.  H.  S.  551  ff.). 


127 


Aias  Telam. 


Äias  Telam. 


128 


memnon , um  den  Schein  der  Unparteilich- 
keit zu  wahren  , vor , troische  Gefangene  zu 
Schiedsrichtern  zu  machen.  An  sie  wurde  die 
Frage  gestellt,  wer  von  den  beiden  Bewerbern 
den  Troern  den  meisten  Schaden  zugefügt  habe. 
Diese  entschieden  für  Odysseus.  Ebenso  Phi- 
lostr.  Her.  720ff,  welcher  behauptet,  die  Troer 
hätten  aus  Hafs  oder  Furcht  vor  Aias  gegen 
ihre  Überzeugung  geurteilt,  vgl.  Quint.  5,  157. 
Taetz.  Posthorn.  485.  Bei  Eustath.  859  erkennt  io 
Podaleirios  den  in  den  Augen  des  Aias  auflo- 
dernden Zorn,  vgl.  Welcher,  Id.  Sehr.  2,  p.  274 
und  dieser  tötet  sich  denn  auch  nach  Schol.  Find. 
Isthm.  4,  58  in  früher  Morgenstunde  mit  eigner 
Hand.  Wahnsinn  und  Hinschlachten  der  Herde 
wird  hier  ebensowenig  erwähnt,  wie  in  der 
Odyssee,  (vgl.  jedoch  die  Schilderung  des 
Quintus,  welcher  5,  318  ff.  u.  352  ff.  verschie- 
dene Sagen  kontaminiert),  wo  im  Gegenteile 
11,  555  betont  wird,  dafs  die  Griechen  seinen  20 
Tod  gleich  dem  des  Achill  betrauert  hätten, 
sondern  der  Zorn  über  die  ihm  widerfahrene 
Kränkung  drückt  ihm  das  Schwert  in  die  Hand. 

— Der  Dichter  der  kleinen  Ilias  hingegen  liefs 
nach  Sch.  Aristoph.  JEqu.  1056  den  Nestor  dem 
Heere  den  Bat  erteilen , einige  Griechen  an 
die  Mauern  Troias  zu  schicken , um  die  Ge- 
spräche der  Troer  zu  belauschen  und  so  zu 
erfahren,  welchen  der  beiden  Helden  sie  für 
den  tapfersten  hielten.  Die  Kundschafter  aber  30 
hätten  das  Gespräch  zweier  troischer  Jung- 
frauen mit  angehört,  von  denen  die  eine  dem 
Aias  den  Vorzug  gegeben,  weil  er  die  Leiche 
des  Achill  aufgehoben  und  aus  dem  Getümmel 
getragen  habe,  was  Odysseus  nicht  hätte  thun 
wollen.  Die  andere  aber  habe  ihr  auf  Einge- 
ben der  Athene  (vgl.  Prohlos  Exc.)  widerspro- 
chen. Odysseus  habe  nun,  sagt  Proklos,  nach 
dem  Willen  der  Götter  die  Waffen  empfangen, 
Aias  aber  sei  in  Baserei  verfallen,  habe  die  im  40 
Kriege  erbeutete  Herde  der  Achäer  vernichtet 
und  sich  selbst  getötet. 

Nach  Eust.  285  gestattete  der  zürnende 
Agamemnon  die  Verbrennung  der  Leiche  nicht, 
vgl.  Hör.  Sat.  2,3,  187  ff.,  während  Quintus 
und  Hictys  dieselbe  erwähnen. 

Pindar  folgt  dem  Arktinos,  indem  er  den 
Selbstmord  ohne  vorhergehenden  Wahnsinn 
erfolgen  läfst  N.  8,  23.  7,  25.  I.  4,  57;  vgl. 
Ovid  M.  13,  385.  Tsetz.  Posthorn.  490.  Eustath.  50 
a.  a.  0.  Bei  ihm  scheinen  die  Aussagen  der 
Troer  nur  die  Unterlage  für  die  Abstimmung 
der  Achäer,  welche  selbst  das  Gericht  bilde- 
ten, abgegeben  zu  haben.  So  auch  Chrysippos 
bei  Schol.  Pind.  Isthm.  3,  58.  Bei  Ovid  a. 
a.  0.  stimmen  die  Achäerfürsten  ab;  er  ist 
der  erste,  welcher  von  Betrug  bei  der  Abstim- 
mung spricht;  es  seien  für  Odysseus  Stimmen 
untergeschoben  worden,  und  die  Bedekunst  des 
Odysseus  habe  auf  diese  Weise  den  Sieg  da-  60 
von  getragen.  In  theatralischer  Weise  läfst 
Ovid  den  Aias  sich  in  der  Versammlung  mit 
dem  Schwerte  durchbohren,  während  er  bei 
Quintus  (vgl.  Tzetzes  u.  Eustath.  z.  Od.  454) 
geistig  gestört  die  Versammlung  verläfst. 

Die  Darstellung  des  Arktinos  liegt  auch 
der  äschyleischen  Trilogie  zu  Grunde,  welche 
das  Ende  des  Aias  behandelte.  In  der  onXcov 


HQiGig  bildeten  die  Troer  als  Bichter  den  Chor; 
aus  der  Nachahmung  des  Pacuvius  (vgl.  0.  Bib- 
bech,  röm.  Trag.  218)  Armorum  iudicium  läfst 
sich  erkennen,  dafs  Aias  den  Vorschlag  (des 
Agamemnon) , um  die  Waffen  zu  kämpfen, 
von  vornherein  abwies,  dieselben  für  sich 
in  Anspruch  nahm  und  den  Odysseus  als 
ebenbürtigen  Gegner  nicht  anerkannte.  Den 
gleichen  Stoff  behandelten  Accius  in  dem 
Drama  gleichen  Namens  ( Bibbech  a.  a.  0.  p. 
369),  Theodektes  im  Drama  Aias  und  Antisthe- 
nes  in  der  Schulrede  Aiag.  Vgl.  Lobeck  ad 
Ajac.  p.  363.  Bei  Accius  beruft  sich  Aias  rauf 
den  doppelten  Anspruch  der  Geburt  und  der 
Tapferkeit’.  Der  zweite  Teil  schliefst  sich  an 
die  weiter  unten  zu  behandelnde  Tragödie  des 
Sophokles  an.  In  dem  mittleren  Drama  der 
äschyleischen  Trilogie  ®qr)6Gcu  bildete  der 
Selbstmord  den  Mittelpunkt.  Der  Chor  bestand 
aus  kriegsgefangenen  Frauen.  Das  Schlufsstück 
bildeten  vielleicht  die  ZaXayiviai-,  vgl.  Welcher, 
kl.  Schriften  p.  276  f. 

Hingegen  hat  sich  an  die  Behandlung  des 
Stoffes  durch  Lesches  (s.  o.)  Sophokles  in  sei- 
nem Aias  (luüTiyocpoQog  abgeschlossen.  Über 
die  Vorfabel  des  Stückes , welche  den  Tod 
des  Helden  zur  Folge  hat,  vgl.  oben.  Die 
Charakteristik  des  sophokleischen  Aias  giebt 
Welcher,  kl.  Schriften  2,  84,  den  Gang  der 
Handlung  die  alte  Hypothesis  des  Dramas, 
wozu  vgl.  Welcher  a.  a.  0.  293  ff.  u.  326  ff.  u. 
Schneidewin-Hauckd  Einleitung  z.  Sopb.  Aias 
p.  45  ff.  Hier  mögen  nur  einige  charakteristi- 
sche Eigentümlichkeiten  der  sophokleischen 
Darstellung  Erwähnung  finden.  Vorher  sei  be- 
merkt, dafs  der  sophokleisclie  Aias  nicht  nur 
in  vielen  Charakterzügen,  sondern  auch  we- 
gen der  vielen  Beminiscenzen  in  seiner  sprach- 
lichen Form  an  den  homerischen  Aias  leb- 
haft erinnert. 

Nach  Sophokles  begründet  Aias  seine  An- 
sprüche auf  die  Waffen  nicht  sowohl  durch 
seine  Verdienste  bei  der  Wiedergewinnung  der 
Leiche  des  Achill,  als  durch  seine  rühmlichen 
Kämpfe  gegen  den  Ilektor;  besonders  betont 
er  1276  ff',  den  Zweikampf  und  die  Vertei- 
digung der  Schiffe.  Ja,  Odysseus  selbst  giebt 
es  Philoht.  1350  zu,  dafs  dem  Aias  die  Waf- 
fen gebühren.  Ferner  läfst  Sophokles  den 
Aias  bei  vollem  Verstände  den  Bacheplan  fas- 
sen (Schneidewin- Hauch  a.  a.  0.  p.  41) , ein 
weiteres  Motiv  für  Athene,  die  von  ihr  gelieb- 
ten Achäer  und  besonders  Odysseus  vor  Aias 
zu  schützen  und  ihn,  auch  abgesehen  von  den 
früheren  Beleidigungen,  zu  strafen.  Eine  weitere 
Erfindung  des  Dichters  ist  es , dafs  er  den 
Chor  und  Tehmessa  durch  eine  vom  Aias  ge- 
haltene zweideutige  Bede  über  sein  wahres 
Vorhaben,  d.  i.  den  Selbstmord,  täuschen  läfst. 
Während  sie  glauben  , er  habe  ihren  Bitten 
Gehör  gegeben,  wolle  sich  am  Meerstrande  von 
dem  Verbrechen  reinigen,  die  beleidigte  Gott- 
heit versöhnen  und  das  verderbliche  Schwert 
des  Hektor  vergraben,  haben  für  ihn  und  den 
Zuhörer  die  von  ihm  gesprochenen  Worte 
einen  ganz  anderen  Sinn.  Ferner  pafste  die 
Schroffheit  des  im  Hades  weilenden  Aias,  mit 
welcher  er  den  Hafs  gegen  Odysseus  festhält 


129 


Aias  Telam. 


Aias  Telam. 


130 


vgl.  Ilor.  Sat.  2,  3,  203),  nicht  zu  den  Sitt- 
ichen Anschauungen , welche  Sophokles  auf 
ler  Bühne  vertrat,  nicht  zu  dem  Zwecke,  wel- 
chen er  bei  seiner  Dichtung  im  Auge  hatte, 
len  Athenern  einen  ihrer  bedeutendsten  Stam- 
neshelden  in  seiner  sittlichen  Gröfse  vorzufiih- 
•en.  Es  ist  dem  Aias  Ernst  mit  seiner  all- 
nählich  vor  sich  gehenden  Unterwerfung  unter 
den  Willen  der  Götter  und  unter  die  gesetz- 
lichen Einrichtungen.  Auf  'unbändige  Vevmes-  io 
senheit’  folgt  'grofsartige  Reue’  (K.  Fr.  Her- 
mann). Dieser  auch  von  Welcher , lä.  Sehr. 
286  ff.  u.  322  ff.  vertretenen  Ansicht  wider- 
spricht natürlich  weder  der  selbstgewählte 
i’od , noch  der  vor  seinem  Ende  gegen  die 
Atriden  und  das  ganze  Heer  geschleuderte, 
echt  antike  Fluch.  Auch  ein  Achill  würde 
seinen  Groll  mit  in  die  Unterwelt  getragen 
haben,  wäre  ihm  von  Agamemnon  nicht  Ge- 
nugthuung  gegeben  worden.  Die  Verteidigung  20 
des  Aias , welche  in  dem  redseligen  Athen 
natürlich  nicht  fehlen  durfte,  ist  von  Sopho- 
kles in  die  Hände  des  Teukros  und  des  Odys- 
seus, des  alten  Nebenbuhlers  gelegt  worden, 
der  hier  in  edler  Uneigennützigkeit  die  Atri- 
den, welche  die  Bestattung  verweigern,  zum 
Nachgeben  bestimmt  und  an  der  Aufhebung 
der  Leiche  selbst  teilnimmt.  Neu  ist  es  auch, 
dafs  Kalchas  den  Ausspruch  thut,  der  Zorn 
der  Athene  werde  nach  der  Entscheidung  30 
nur  noch  einen  Tag  währen;  würde  Aias  die- 
sen überleben , so  würde  er  gerettet  sein. 
Die  tragische  Ironie  läfst  diese  Kunde  den 
Aias  zu  spät  erreichen:  sie  findet  nur  einen 
Toten.  Was  das  Waffengericht  betrifft,  so 
wirft  zwar  Teukros  dem  Menelaos  Betrug  vor, 
der  Beweis  aber  wird  nicht  erbracht.  (Anders 
der  Scholiast  zu  1135,  nach  welchem  die  Ent- 
scheidung durch  die  einzige  falsche  Kugel  des 
Menelaos  herbeigeführt  wurde.)  Der  Fürsten-  40 
rat  entscheidet  unter  Leitung  der  Atriden 
in  heimlicher  Abstimmung  98.  100.  302.  390. 
443.  449.  838.  Durch  das  innige,  zarte  Ver- 
hältnis , welches  den  Helden  mit  Tekmessa 
und  seinem  Sohne  verbindet,  hat  Sophokles 
die  rauhe  Gröfse  des  Aias  dem  Menschenher- 
zen viel  näher  gerückt.  Wie  schön  ist  ferner 
das  zwischen  dem  Herrn  und  den  den  Chor 
bildenden  salaminischen  Schiffsleuten  waltende 
Verhältnis!  Auch  das  innige  Gefühl  und  der  50 
Sinn  für  die  ihn  umgebende  Schönheit  der  Na- 
tur 863,  sowie  die  heifse  Sehnsucht  nach  dem 
Vaterlande  sind  Zuthaten  des  Dichters,  welche 
das  Gemüt  des  Zuschauers  dem  unglücklichen 
grofsen  Helden  zuwenden  müssen.  Die  engen 
Beziehungen  zu  Athen  hat  Sophokles  beson- 
ders in  den  Chören  zum  Ausdruck  gebracht. 
DieSchiffsleute(202  Erechtheiden  genannt)  wün- 
schen die  Heimkehr  nach  Athen  121  f.  Aber 
auch  Aias  nimmt  Abschied  von  Athen  82 1 ff. ; co 
vgl.  Schneidewin-N auch 7 Einleitung  p.  63. 

Nach  Sophokles  dichtete  einen  Ala g yai- 
voysvog  Astydamas  der  Jüngere,  einen  Ai'ag 
Karkinos  und  Theodektes  von  Phaselis,  Livius 
Andronicus  den  Ajax  mastigophorus , Ennius 
den  Ajax  und  Telamo;  Pacuvius  Armorum  iu- 
dicium  und  Tcucer , Accius  den  zweiten  Teil 
von  Armorum  iudicium  und  Eurysaces,  Julius 

Roscher,  Lexikon  der  gr.  u.  röm.  Mythol. 


Cäsar  Tecmessa.  Auch  Octavianus  Augustus 
hat  sich  an  einem  Drama  Ajax  versucht  ( Suet . 
Oct.  85.  Macroh.  Sat.  2,  4.  Suid.  v.  Avyova- 
ros;  vgl . Lydus  de  mens.  3,  39).  Einen  Mimus, 
die  Raserei  des  Aias  darstellend,  welche  un- 
mittelbar nach  seiner  Niederlage  im  Waffen- 
gericht selbst  ausbrach , erwähnt  Luhian  de 
saltat.  82  u.  46. 

Die  vom  Drama  beeinflufsten  bildlichen 
Darstellungen  des  Redekampfes  siehe  bei 
Overbeck  a.  a.  O.  563  ff.  vgl.  Carl  Meyer,  Ann.  d. 
Inst.  1836  p.  22  ff.  Lübbert,  Ann.  1865  p.  82  ff. 
t.  P.  Heydemann,  Neapol.  Vas.  n.  3358.  Bib- 
beck  a.  a.  0.  p.  222 ff.  Brunn , troisch.  Mise.  1880 
p.  177.  Aias  im  Wahnsinn  gemalt  von  Timoma- 
chos  Cic.  in  Verrem  4,  60,  135.  Plin.  n.  h.  7,  38, 
126.  Anth.  Plan.  app.  1.  Pal.  n.  83.  Pliilostr. 
Vit.  Apoll.  2,  22;  vgl.  0.  Jalin,  Bilder  dir  onik 
p.  29.  Stephani,  compt.  rend.  1869 , 44  f.  Zu 
den  Darstellungen  des  Selbstmordes  siehe  Over- 
bech G.  h.  B.  568.  Bull.  Napol.  N.  S.  1 t.  10. 
Mon.  d.  Inst.  4 t.  33,  Heydemann,  arch.  Ztg. 
1871,  60  ff.  Nur  etruskische  Künstler  haben 
sich  an  der  Wiedergabe  dieses  für  die  Vasen- 
malerei kaum  darstellbaren  Gegenstandes  ver- 
sucht. Das  die  Auffindung  der  Leiche  durch 
Diomedes  und  Odysseus  darstellende  Bild  (vgl. 
Brunn,  troisch.  Mise.  1880  p.  177)  weicht  von 
der  sophokleischen  Darstellung  ab. 

Auch  das  spätere  Al- 
tertum betrachtete  das 
Unterliegen  des  Aias  im 
Wettstreite  als  eine  Un- 
gerechtigkeit, vgl.  Find. 

1. 3,  54.  Plat.  Apol.  p.  41 B. 

Aristot.  Päan  auf  die’ÄQS- 
rd  14.  Epigr.  des  Aristot. 

Pepl.  7 (Bergh  p.  508). 

Epigr.  d.  AsldepiadesAntli. 

Pal.  7,  145. 

Dem  vom  sophoklei- 
schen Aias  ausgesproche-  Aias  smnend  unter  den 
n i tr>7>  p u erwürgten  Tieren,  Berliner 

nen  Gedanken  466  L,  ob  „ , 

, . . ’ Karneol  ( Ooerb . S.  5C7). 

er  sein  wahnsinniges  V er- 
fahren nicht  durch  einen  von  ihm  allein  aus- 
geführten Angriff  auf  Troia  und  durch  den  damit 
notwendiger  Weise  verbundenen  Tod  sühnen 
könne  und  solle,  entspricht  die  Erzählung  des 
Pliilostr.  Her.  721,  wonach  die  Troer  den  Aias 
im  Wahnsinn  noch  mehr  fürchteten  als  vor- 
her und  den  Poseidon  und  Apollo  um  Beistand 
gegen  ihn  anflehten;  vgl.  Bibbech  inc.  frg.  33. 
Während  Philostratus  aber  damit  den  Selbst- 
mord des  Aias  verbindet,  erzählt  die  Hypo- 
thesis  z.  Sopli.  Aj.  a.  E.,  dafs  er,  bei  einem 
solchen  Angriffe  auf  Troia  von  Paris  verwun- 
det, blutend  in  das  Schiffslager  zurückkehrte; 
vgl.  Bares  35.  Ebenso  berichtete  nach  Tzetz. 
Lyh.  464  der  alexandrinische  Grammatiker  An- 
tikleides , dafs  Aias  von  Paris  mit  dem  Pfeile 
verwundet  gestorben  sei.  Die  Angaben*  des 
Bictys  s.  0.  Eine  andere  Angabe  der  Hypo- 
thesis erzählt,  die  Troer  hätten  ihn  Infolge 
eines  Orakels,  weil  er  unverwundbar  gewesen, 
mit  Erde  überschüttet  und  so  erstickt,  welche 
Wendung  Sopliron  frg.  44  benutzte.  Telamon 
beschuldigte  den  Teukros  des  Mordes,  doch 
konnte  sich  dieser  rechtfertigen,  Paus.  1,  28,  2. 


131 


132 


Aias  Telam.  (Kult) 


Aias  Telam.  (Kult) 


Nach  Qnintus  5,  654  legten  die  Achäer 
seine  Gebeine  in  eine  goldene  Truhe  und  häuf- 
ten über  derselben  nicht  weit  vom  Rhoiteion 
einen  grofsen  Grabhügel,  welcher  später  nach 
Strabo  13,  595  ein  Heroon  erhielt.  Auch  Philostr. 
Her.  721  u.  Eustath.  z.  II.  285  berichten,  dafs 
er  auf  Weisung  des  Kalchas  als  Selbstmörder 
nicht  verbrannt,  sondern  begraben  worden  sei, 
und  dafs,  als  Odysseus  weinend  die  Waffen  des 
Achill  auf  dem  Grabe  niederlegen  wollte,  es  l 
ihm  Teukros  verwehrt  habe.  In  einem  zur  Zeit 
der  Antonine  vom  Meere  an  den  Strand  ge- 
spülten riesigen  Skelette  wollte  man  das  des 
Aias  erkennen.  Der  Kaiser  liefs  es  wieder 
bestatten  Paus.  1,  35,  3.  Nach  einer  bei  den 
späteren  Bewohnern  von  Troia  gehenden  Sage 
trieb  das  Meer  die  bei  dem  Schiffbruch  ver- 
loren gegangenen  Waffen  des  Achilles  bei  dem 
Grabhügel  des  Aias  ans  Land  Paus.  1,  35,  4. 
Anth.  Pal.  9,  115.  116;  vgl.  2,  146  — 148.  Nach  2 
Plol.  5 ( West  er  m.,  Mythogr.  p.  192)  hingegen 
wurde  nur  der  Schild  angespült  und,  auf  das 
Grab  gelegt,  vom  Blitze  getroffen,  vgl.  Anal, 
adion.  n.  390.  Aus  seinem  Grabe  blühte  nach 
Euphorien  fr.  36  (Mein.)  eine  rote  Hyakin- 
thosblume  auf;  vgl.  Theoikr.  10,  28.  Paus.  1, 
35,  3.  Ovid.  M.  13,  394.  Die  Blätter  der  Iris 
communis  sind  nämlich  mit  AI  gezeichnet. 
Nach  Paus.  3,  19,  11  weilt  er  nebst  andern 
Helden  mit  Achill  zusammen  auf  der  Insel  3 
Leuke,  während  nach  platonischem  Mythos  Fiat. 
Pol.  620  (vgl.  Plut.  Q.  conv.  9,  5)  die  Seele 
des  Aias  in  Erinnerung  an  das  ungerechte 
Urteil  aus  Unwillen  gegen  die  Menschenge- 
stalt den  Körper  eines  Löwen  zum  Wohn- 
sitze wählte.  Bei  Lulcian  dial.  mort.  29  ist  er 
wie  in  der  Odyssee  in  der  Unterwelt;  nach  den 
verae  Histor.  7 aber  rast  er  noch,  als  er  in 
die  Unterwelt  kommt,  so  dafs  die  Bewohner  der 
Insel  der  Seligen  zweifelhaft  sind,  ob  sie  ihn  in  4 
ihre  Gemeinschaft  aufnehmen  sollen,  besonders 
da  er  Selbstmörder  ist.  Rkadamanthys  aber 
fällt  das  Urteil,  er  solle  Helleborus  trinken 
und  dem  Hippokrates  zur  Kur  übergeben  wer- 
den, um  dann  an  dem  Gelage  der  Heroen  teil- 
zunehmen. 

C.  Kultus. 

Der  Ausgangspunkt  der  Verehrung  des  Aias 
ist  seine  Heimat  Salamis,  deren  Heros  er  war  5 
Pind.  N.  4,  58  (76).  Er  hatte  daselbst  einen 
Tempel  mit  Bildsäule  aus  Ebenholz.  Das  ihm 
zu  Ehren  gefeierte  Fest  hiefs  Alavrsicc,  woran 
sich  Athen  noch  zu  Pausanias’  Zeit  (Paus.  1, 
35,  2)  durch  Epheben  beteiligte;  vgl.  Hesych. 
v.  Aldvzcia.  Corp.  I.  gr.  108.  232.  E.  Curtius, 
Nadir,  'd.  Ges.  d.  W.  zu  Göttingen  1860  n.  28. 
A.  Mommsen,  Heortologie  p.  411.  Nach  der 
Erwerbung  von  Salamis  unter  Solon  suchten 
die  Athener  den  grofsen  Helden,  den  die  Insel  e 
gezeugt,  auf  alle  mögliche  Weise  zu  dem  ihren 
zu  machen.  Schon  im  Altertume  galten  die 
Verse  des  Schiffskataloges,  nach  welchen  Aias 
zu  einem  Nachbar  und  Kampfgenossen  der  Athe- 
ner wird,  für  eine  von  Solon  oder  Peisistratos 
veranlafste  Interpolation,  ebenso  wie  die  Verse, 
welche  den  Athener  Menestheus  als  einen  der 
ersten  griechischen  Fürsten  vor  Troia  hinstellen 


und  den  Aias  ihm  gleichsam  unterordnen,  von 
der  Hand  eines  Atheners  herrühren.  Doch  mö- 
gen die  Athener , um  ihre  Ansprüche  auf  die 
Insel  zu  begründen,  schon  vor  Solon  bemüht 
gewesen  sein,  sich  den  Aias  durch  den  Mythos 
zu  verbinden.  Nach  Didym.  b.  Schol.  Pind.  N. 
2,  19  u.  Plut.  Sol.  10  überliefsen  die  Söhne 
des  Aias  Eurysakes  und  Philaios  gegen  Ein- 
tausch des  attischen  Bürgerrechtes  Salamis  an 
Athen;  ersterer  liefs  sich  in  Brauron,  der  an- 
dere aber  in  Melite  nieder.  So  wurde  Aias  zum 
Stammvater  des  Peisistratos  (Plut.  a.  a.  0. 
Pherekydes  b.  Marcellfn.  v.  Time.  3) , des  Mil- 
tiades  und  Kimon  Pherelc.  a.  a.  0.  Herod.  6, 
35,  4,  des  Harmodios  Plat.  Symp.  1,  10,  3 und 
des  Älkibiades  Plut.  Alk.  1 p.  121  a.  So  war 
er  der  Ahnherr  zweier  berühmter  atheniensi- 
schen  Familien,  der  Philaiden  und  Eurysakiden. 
Kleisthenes  nahm  den  Aias  (nach  Herod.  5,  66 
mit  Rücksicht  auf  jenen  Vers  des  Schiffs- 
kataloges) in  die  Zahl  der  f/geosg  snmvvpoi  auf, 
und  sowohl  er  als  sein  Sohn  genossen  in  Athen 
noch  zur  Zeit  der  Antonine  göttliche  Ehren 
Paus.  1,  35,  2.  1,  5,  2.  Ihnen  war  der  Tag 
nach  dem  Neumonde  sowie  der  zweite  Becher 
des  Mahles  geweiht;  ein  Gebot  des  Drakon 
sprach  ihnen  alle  Erstlinge  der  Früchte  zu 
und  befahl  ein  jährliches  Opfer  von  Festkuchen 
Porphyr,  de  abst.  4,  22.  Seine  Phyle  führte 
den  Namen  Alavzig  und  erfreute  sich  ganz  be- 
sonderer Vergünstigungen.  In  den  Chören 
durfte  ihr  niemals  der  letzte  Platz  zugewiesen 
werden,  und  bei  Marathon  stand  sie  auf  dem 
äufsersten  rechten  Flügel,  Plut.  Q.  conv.  1,  10, 
2.  3.  Herod.  5,  66  nennt  Aias  agiGzoysizoov  nai 
avgycciog.  V gl.  Plut.  Thein.  15.  Vor  der  Schlacht 
bei  Salamis  riefen  die  Athener  ihn  um  Hilfe 
an  und  weihten  ihm  nach  gewonnenem  Siege 
einen  phönizischen  Dreiruderer  Herod.  8,  64. 
121.  Seine  Statue  als  eines  rjgoig  srccovvyoc 
stand  in  Athen  unweit  des  Rathauses  Paus.  1 
5,  2;  auch  befand  sich  daselbst  ein  ihm  ge- 
weihtes Lectisternium  mit  Vollrüstung  Pind  | 
N.  2,  19.  So  wurde  denn  auch  seine  Mutter:! 
Eriboia  zu  einer  Athenienserin  Xenoph.  Kyneg .’!) 
1,  9.  Hiodor  4,  72  und  Philostr.  Her.  721  er 
zählen,  er  habe  sein  Haar  dem  attischen  Flussd 
Uissos  geweiht,  den  Eurysakes  nach  attische)! 
Sitte  erzogen  und  nach  vaterländischem  Brauche 
dessen  dritten  Geburtstag  im  Monat  Antheste 
rion  gefeiert,  wobei  er  sich  attischer  Opfer 
krüge  bedient  habe.  Nach  seinem  Tode  hätten 
die  Athener  seine  Leiche  ausgestellt  und  Me 
nestlieus  habe  die  Leichenrede  gehalten. 

Es  ist  natürlich,  dafs  wir  die  Verehrun: 
des  Aias  auch  in  dem  Staate  finden,  welche} 
Athen  den  Besitz  von  Salamis  so  lange  strei 
tig  machte,  in  Megara.  Die  Megarer  machte:* 
seine  Mutter  Periboia  zu  einer  Tochter  ihre' 
Königs  Alkatboos;  in  dem  megarischen  Byzan 
wurde  er  neben  Achilles  verehrt  (vgl.  Hi 
sych.  Miles.  Pes  patr.  Constant.  p.  47.  Codi)' 
de  orig.  Const.  p.  2),  mit  welchem  Kultus  auc 
der  Name  der  am  Bosporus  gelegenen  Stac 
Aianteia  in  Zusammenhang  gebracht  wird  Dii 
nys.  Byz.  Anapl.  Bosp.  Thrac.  p.  91.  Ds 
goldene  Bild  der  Athene  im  Athenetempel  vo 
Megara  soll  nach  Pausanias  Ansicht  (1,  52,  ‘ 


133 


Aias  d.  Lokrer 


Aias  d.  Lokrer 


134 


von  Aias  herrühren.  Die  Megarer  lasen  die 
oben  angezogenen  Verse  des  Schiffskataloges 
nach  Flut.  Sol.  10  u.  Strabo  9,  294  so,  dafs 
Aias  als  Führer  der  Salaminier  und  Megarer 
erschien.  Ein  berühmter  Tempel  des  Helden 
stand  auf  dem  Vorgebirge  Rboiteion;  er  ent- 
I hielt  die  Statue  desselben  Plin.  5,  125.  Paus. 

I,  35,  3,  welche  Antonius  der  Kleopatra  nach 
| Ägypten  schickte , Augustus  aber  zurückgab 

’ Strabo  13,  595.  Derselbe  Schriftsteller  (14,  072)  io 
| erwähnt  ein  Ai'avzog  id'Qvga  zov  Tsvr.gov, 
welches  sich  in  der  kilikisthen  Stadt  Olbe  im 
Tempel  des  Zeus  befand:  rat  of  nlsiczoi 

ys  zcov  isgtvoccytvcov  wvoficx^ovzo  Tsvrgoz  rj 
Ai'ctvzsg. 

Hinsichtlich  der  nicht  im  Texte  erwähnten 
| bildlichen  Darstellungen  des  Aias  vgl. 
i Müller , Handb.  d.  Archäol.  d.  Kunst  p.  410 
: u.  Brunn  in  Pauly,  B. 2 1,  028;  die  Etymologie 
und  Deutung  des  Namens  folgt  am  Schlüsse  20 
I des  folgenden  Artikels. 

Von  dem  grofsen  Ai'otg  ist  zu  scheiden 

II.  Aias  der  Sohn  des  Oileus,  gewöhnlich 
der  kleine  oder  der  Lokrer  genannt. 

A.  Homerische  Sagen. 

Aiag  ’OiliccSiqg  (II.  10,  330;  ’OiXrjog  2,  527), 
Sohn  des  Oileus,  Königs  der  Lokrer,  und  der 
Eriopis  13,  697,  Halbbruder  des  Medon,  2,  727. 

13,  695,  führt  die  Lokrer  in  40  Schiffen  nach  30 
Troia  und  zeichnet  sich  daselbst  fast  durch- 
weg im  Vereine  mit  dem  Telamonier  Aias 
kämpfend  (2,  406.  4,  273.  280.  285.  5,  519.  6, 
436.  7,  164.  8,  262.  10,  298.  12,  265.  342.  354. 

13,  46.  197.  201.  16,  555.  752.  17,  507.  531. 
669.  731.  747.  18,  157;  vgl . Bröndsted,  Bronzen 
v.  Siris  p.  50  ff.  Schöll,  Soph.  Ajax  Einl.  p.  40 
u.  50  ff.)  durch  trotzigen  Mut  und  wilde  Tap- 
ferkeit aus.  Im  Gegensätze  zu  jenem  durch 
Körpergröfse  hervorragenden  und  als  schwerer  40 
Hoplite  kämpfenden  Hplden  ist  er  von  kleiner 
Statur,  daher  gsü ov  genannt  (bei  den  Lateinern 
gewöhnlich  nach  dem  Vater  benannt,  vgl.  Cic. 
Tusc.  3,  29,  17.  de  or.  2,  60,  365.  Verg.  Aen.  1, 

41.  Ovid.  M.  12,  617.  Hyg.  81.  97.  114.  Biet. 
Gret.  1,  6.  Sil.  14,  479);  nur  mit  einem  Leinen- 
panzer angethan  (livo&togri'tg)  glänzt  er  als 
Leichtbewaffneter,  wie  die  Lokrer  überhaupt, 
(vgl.  12,  717),  im  Speerkampf,  worin  er  alle  an- 
dern Hellenen  übertrifft  2,  530,  während  er  im  50 
Lauf  nur  dem  Achilles  nachsteht  23,  791  f.,  vgl. 

2, 520,  daher  der  Beiname  z<x%vg(IIor.  c.  1,  15,  18). 
Seiner  Tüchtigkeit  sich  bewufst,  erbietet  er  sich 
zum  Zweikampfe  mit  Hektor  7,  164;  nach  Paus. 

5, 23,  5 stellte  ihn  Onatas  in  der  Statuengruppe 
der  um  den  Kampf  mit  Hektor  losenden  Helden 
dar.  Mit  Erfolg  beteiligt  er  sich , von  Posei- 
don angefeuert,  an  dem  Kampfe  um  die  Schiffe 
13,  46;  dem  von  ihm  erlegten  Imbros  haut  er 
13,  126  den  Kopf  ab  und  rollt  denselben  dem  60 
Hektor  vor  die  Füfse;  drängt  13,  701  mit  dem 
grofsen  Aias  die  Troer  zurück,  tötet  14,  442 
den  Satnios  und  521  viele  der  vor  ihm  her- 
fliehenden Feinde,  nimmt  16,  330  den  Kleobu- 
los  gefangen  und  schlägt  ihm  das  Haupt  ab. 
Auch  an  der  Verteidigung  der  Leiche  des  Pa- 
troklos  nimmt  er  in  hervorragender  Weise  teil, 

17,  256.  732.  752;  ebenso  an  der  Kettung  der 


Rosse  Achills  aus  Feindeshand  17,  507.  531, 
wobei  er  dem  Menelaos  und  Meriones  seinen 
Schutz  angedeihen  läfst.  Bei  der  Leichenfeier 
Achills  gerät  er  infolge  seines  hochfahrenden 
Wesens  mit  Idomeneus  23,  473  in  Streit;  Achill 
schlichtet  denselben,  später  aber  wird  Aias  von 
dem  durch  Athene  unterstützten  Odysseus, 
welche  ihn  in  den  Kot  der  geschlachteten 
Rinder  geraten  und  hinstürzen  läfst,  im  Wett- 
laufe besiegt  23,  754,  so  dafs  er  nur  den  zweiten 
Preis,  einen  Stier,  erhält.  Auf  einem  vulcenti- 
schen  Wandgemälde  ist  Aias  bei  der  Leichen- 
feier des  Patroklos  dargestellt:  Mon.d.  Inst.  6 
t.  31.  Bei  Philoslr.  iniag.  2,  7 ist  er  auf 
dem  die  Trauer  des  Achilles  um  Antilochos 
darstellenden  Gemälde  kenntlich  äno  zov  szol- 
gov  , an  dem  Ausdrucke  der  Entschlossenheit, 
vgl.  oben  Aias  1 p.  125  u.  Philostr.  Iler.  706. 
Eug.  Pappenheim  erklärt  Philol.  II.  Supplem. 
p.  lff.  II.  2,  528—530.  23,  449—498  und  den 
ögogog  23,  754  ff.  teilweise  für  interpoliert,  vgl. 
p.  10:  rDie  Zeit,  welcher  die  ersten  drei  Vier- 
teile unserer  Ilias  angehören,  kennt  den  Lok- 
rer Aias  als  einen  an  Mut,  Kampfestüchtigkeit, 
Gemeinsinn , Disziplin  nicht  nur  tadellosen, 
sondern  geradezu  hervorragenden  Mann’  und 
p.  15 : rder  Dichter  beider  Stücke  in  W hat 
von  dem  Helden  nicht  mehr  die  Achtung  und 
Verehrung  gebietende  Vorstellung,  wie  die  Sän- 
ger der  früheren  Rhapsodien,  das  Bild,  das  ihm 
von  Aias'  vorschwebt , ist  in  ein  pejus  ver- 
wandelt.’ 

Die  Odyssee  erzählt  von  ihm  4,  499  ff.,  dafs 
er,  als  die  Flotte  der  Achäer  infolge  der  be- 
gangenen Frevel  4,  499  ff.  5,  108  (vgl.  1,  327. 
3,  133  ff.  u.  Eustath  z.  d.  Stelle),  von  Athene 
an  den  gyrischen  Klippen  (an  der  Südostspitze 
von  Euböa,  nach  anderen  in  der  Nähe  vonMy- 
konos  und  Naxos)  zerschellt  wurde,  er  zuerst 
in  die  Tiefe  sank,  von  Poseidon  aber  auf  die 
Felsen  gerettet  ward.  Als  er  aber  kaum  ge- 
rettet hochmütig  prahlte,  er  werde  trotz  des 
grimmen  Hasses  der*Göttin  dem  Meere  ent- 
fliehen, habe  Poseidon  mit  dem  Dreizack  den 
Felsen  gespalten  und  den  Teil,  worauf  Aias 
safs,  in  die  Fluten  gestürzt.  Sein  Frevel  aber 
zog  einen  grofsen  Teil  des  Griechenheeres  ins 
Verderben.  Nach  Plin.  25,  60  malte.- Apollo- 
dor den  Untergang  des  Aias,  möglicherweise 
das  Gemälde,  welches  Philostr.  iniag.  2,  13 
schildert,  vgl.  Brunn,  die  philostr.  Gern.  p.  259. 
Woraus  der  Hals  der  Göttin  entstanden,  sagt  die 
Odyssee  nicht.  Dafs  aber  eine  feindliche  Stim- 
mung der  Athene  gegen  Aias  infolge  seines 
Übermutes  schon  vor  der  Eroberung  von 
Troia,  mit  welcher  der  Zorn  der  Göttin  von 
den  Kyklikern  gewöhnlich  in  Verbindung  ge- 
bracht wird,  bestand,  geht  aus  dem  oben  er- 
wähnten Verfahren  der  Göttin  bei  den  Leichen- 
spielen des  Patroklos  hervor.  Dazu  kommt 
noch,  dafs  sie  ihn  durch  den  Sturz  in  den 
Mist  und  durch  das  anhaltende  Ausspeien  des 
Kotes  im  Angesichte  des  ganzen  Heeres  öffent- 
lich lächerlich  macht,  ein  drastisches  Gegen- 
stück zu  der  Selbstüberhebung,  welche  seine 
zu  Idomeneus  gesprochenen  geringschätzigen 
Worte  bekunden.  Er  hatte  somit  einer  uns 
nicht  weiter  bekannten  Sage  nach  durch  seine 

5* 


135 


Aias  d.  Lokrer 


Aias  d.  Lokrer 


136 


Hybris  den  Zorn  der  Göttin  schon  früher  ge- 
weckt. Bildet  er  also  bei  Homer  schon  seiner 
äufsern  Erscheinung  und  seiner  Kampfart  nach 
einen  schroffen  Gegensatz  zu  dem  grofsen  Aias, 
so  gilt  dies  auch  von  seinem  Charakter  und 
seinem  Gebaren  gegen  die  Götter,  gegen  seine 
Feinde  und  gegen  seine  Landsleute.  Kennzeich- 
net schon  das  mehrfach  erwähnte  Abschneiden 
des  Kopfes  des  besiegten  Gegners  den  rohen 
Helden,  so  steht  damit  in  engem  Zusammen-  : 
hange  seine  Prahlerei , die  Begleiterin  der 
Rohheit.  Deshalb  steht  er  im  Rufe  eines  lieb- 
losen Zänkers  und  Lästermaules.  Und  so  ruft 
ihm  denn  Idomeneus  11.  23.  483  zu:  Aias,  im 
Zanke  der  erste,  Du  Lästerer ! Anderer  Tugend 
trägst  Du  wenig  im  Volk,  da  Dir  unfreund- 
lich Dein  Herz  ist.  (Vgl.  Pappenheim  p.  15  f.). 

Der  Charakteristik  des  Homer  ist  die  bei 
Philo str.  Her.  706  gegebene  angepafst.  Dieser 
erzählt,  dafs  Aias  als  Held  auf  gleicher  Stufe  2 
mit  Diomedes  und  Sthenelos  gestanden  habe, 
dafs  seine  Einsicht  aber  eine  schwächere  ge- 
wesen sei.  Dem  Agamemnon  sei  er  nicht 
freundlich  gesinnt  gewesen,  weder  denAtriden, 
sagt  er,  noch  einem  andern  werde  er  dienen, 
so  lange  er  noch  seinen  Speer  schwingen  könne. 
Nicht  der  Helena  wegen  sei  er  nach  Troja 
gekommen,  sondern  um  die  Barbaren  den  Hel- 
lenen dienstbar  zu  machen.  Philostr.  erwähnt 
aufserdem  seinen  wilden  Blick,  sowie  das  tro-  3 
tzige  Schütteln  des  Haupthaares  , welches  die 
Entschlossenheit  seines  Charakters  gekenn- 
zeichnet habe  (to  zr;g  yvcoyrjs  szoipov). 

B.  Der  Sagenkreis  der  Kykliker  und  die  sich 

daran  anschliefsenden  späteren  Sagen. 

In  den  Kreis  der  Athiopis  würde  nach 
Bröndsted  die  Darstellung  des  Kampfes  des 
Aias  mit  einer.  Amazone  auf  einer  Bronze  von  4 
Siris  gehören,  vgl.  Jahn,  arch.  Aufs.  p.  168. 
Über  den  in  der  Iliupersis  geschilderten  Frevel 
an  Kassandra  sagt  Prokilos  folgendes:  rAls 

Aias,  der  Sohn  des  Oileus,  die  Kassandra  mit 
Gewalt  fortschleppen  wollte,  rifs  er  auch  das 
Pallasbild  mit  fort;  deshalb  wollten  ihn  die 
darob  erzürnten  Achäer  steinigen.  Er  flüch- 
tete sich*  aber  an  den  Altar  der  Athene  und 
wurde  so  aus  der  drohenden  Gefahr  gerettet’;  vgl. 
Welcher,  ep.  Cylü.  2 p.  185  u.  522.  Der  Kas-  5' 
sandraraub  dargestellt  auf  dem  Kypseloskasten 
Paus.  5,  19,  1.  Eurip.  Troad.  69  if.  Zahlreiche 
Bildwerke  bei  Overbeck  G.  h.  D.  p.  615.  617. 
635.  Heydemann,  Iliupersis  p.  29,  4.  E.  Cur- 
tius  in  Arch.  Zty.  1882.  S.  159  ff.  Taf.  8;  vgl. 
jedoch  Bobert,  Bild  und  Lied  S.  71.  Die  be- 
deutendsten in  diesen  Sagenkreis  gehörigen 
Gemälde  waren  die  Iliupersis  des  Polygnot  in 
Delphi  Paus.  10,  26,  3 und  in  der  Stoa  Poi- 
kile  zu  Athen  Paus.  1,  15,  2,  gewifs  in  An-  gi 
lehnung  an  die  Iliupersis  gemalt,  wenn  auch 
bei  dem  delphischen  Gemälde  Lesches  nicht 
genannt  wird,  vgl.  Welcher,  gr.  Tr.  1,  163. 
Den  Mittelpunkt  des  ersten  Gemäldes  bildete 
das  Achäergericht,  den  des  zweiten  der  Reini- 
gungseid des  Aias  am  Altäre  der  Athene. 

Zieht  man  nun  noch  Paus.  10,  31  ff.  heran, 
wo  dieser  von  der  Nekyia  des  Polygnot  in  der 


Lesche  zu  Delphi  berichtet,  dafs  Aias  auf  der- 
selben mit  dem  grofsen  Aias,  Palamedes  und 
Thersites,  sämtlich  Feinden  des  Odysseus,  wür- 
felnd dargestellt  war,  und  hinzufügt,  der  Hafs 
des  Aias  gegen  Odysseus  stamme  daher,  dafs 
dieser  den  Hellenen  geraten,  den  Aias  wegen 
des  Frevels  an  Kassandra  zu  steinigen,  so 
würde  sich  das  Ganze  der  Sage  bei  den  Ky- 
klikern wohl  folgendermafsen  gestalten  : Odys- 
seus klagt  den  Aias  der  Vermessenheit  (zol- 
yyya)  an,  dafs  er  die  Kassandra  von  dem  Al- 
täre der  Athene,  auf  den  sie  geflüchtet  war 
und  den  sie  umfafst  hielt,  gewaltsam  wegge- 
rissen und  dabei  das  Götterbild  von  seinem 
Postamente  heruntergezogen  habe,  und  bean- 
tragt Steinigung.  Allein  Aias  weifs  sich  zu 
rechtfertigen  und  wird  freigesprochen. 

An  diese  Fassung  der  Kykliker  lehnte  sich 
jedenfalls  Sophokles  in  seinem  Ai'ag  Ao-nQug 
an.  Während  man  nämlich  in  früherer  Zeit 
(Heyne,  Brunch)  den  Untergang  des  Aias  als 
Vorwurf  der  Tragödie  annahm,  vermutet  Wel- 
cher a.  a.  0.  p.  131  mit  weit  gröfserer  Wahr- 
scheinlichkeit, dafs  der  Frevel  an  Kassandra 
und  das  Achäergericht  dem  Dichter  den  Stoff 
geliefert  habe.  Der  Gang  des  Dramas  würde 
alsdann  gewesen  sein:  Frevel  an  Kassandra, 
Aufstand  der  Griechen , Gericht  und  Los- 
sprechung. Die  Angabe  des  Zenobius  6,  14 

0 cog  cprjGLv  Alo%vlog  sv  Al'uvzi  Aoy.qü  beruht 
nach  Hindorf , dem  Welcher  beipflichtet,  auf 
Verwechselung  von  Alaivlog  mit  Zocponlrjg.  Hin- 
gegen berichtet  Philostr.  Her.  706,  Agamemnon 
habe  die  Jungfrau  gesehen,  als  Aias  eben  im 
Begriff  war,  sie  in  sein  Zelt  zu  führen,  habe 
sich  in  sie  verliebt,  sie  dem  Aias  weggenom- 
men und,  als  bei  Verteilung  der  Beute  dieser 
sie  als  von  ihm  erbeutet  in  Anspruch  nahm 
und  Streit  darüber  zwischen  beiden  entstand, 

0 sie  nicht  herausgegeben  unter  dem  Vorgeben, 
Aias  habe  gegen  die  Athene  gefrevelt. 

Von  einer  Schändung  der  Kassandra  durch 
Aias,  noch  dazu  an  geweihter  Stelle,  weifs  die  i 
Sage  der  Kykliker  und  des  Sophokles  nichts. 

Ihr  folgen  Very.Aen.  2,  403.  Hyg.  116.  Hictys 
5,  12.  Tzetz.  Posthorn.  735,  und  ausdrücklich 
widersprochen  wird  der  Schändung  von  Phi-  ; 
lostr.  Her.  706  u.  Tzetz.  Lyhophr.  360.  Aber  in- 
folge eines  unter  'Kultus’  näher  zu  beschreiben-  1 ^ 

1 den  Sühnopfers,  welches  die  Lokrer  jährlich 
seit  uralter  Zeit  der  troischen  Pallas  dar- 
brachten, und  welches  auf  ein  schweres  Ver- 
brechen, an  der  Jungfräulichkeit  der  Göttin 
begangen,  scliliefsen  liefs,  war  es  natürlich, 
dafs  die  gelehrten  Mythenbildner  durch  den 
Mythus  einen  Zusammenhang  herzustellen  such-  | 
ten  und  deshalb  das  Vergehen  des  Aias  bis 
zum  höchsten  Grade  steigerten.  So  als  erster 
Kullimachos  sv  Alzioig  Sch.  11.  13,  66  Schneide- 

) ivin  fr.  13  d und  im  Anschlufs  an  diesen  Ly- 
hophr. 360.  1141  f.  Prnp.  4,  1,  118  ff.  Servius 
Aen.  1,  41.  Plut.  T.  2.  p.  557.  Strabo  13  p.  895. 
Quint.  13,  422.  Tryphiodor  p.  647.  Eustatliius  1 
z.  Od.  1460;  vgl.  Cic.  de  or.  2,  66,  265. 

Nach  Prohlos  verlegte  Ilegias  in  den  Nosten 
den  Sturm,  welcher  die  Griechenflotte  vernich- 
tete, und  den  Tod  des  Aias  an  die  kaplierisclien 
Felsen  (Südostende  von  Euböa),  ebenso  die  mei-  1 


137 


Aias  d.  Lokrer 


138 


Aias  d.  Lokrer  (Kult) 


sten  andern  Quellen;  in  der  Anordnung  (erst 
Sturm,  dann  Untergang)  folgen  ihm  Lylcophr.  365 
— 467.  Sabinus  epist.  1,75.  Dictys  6,1  Die  umge- 
kehrte Folge,  erst  Tod  des  Aias,  dann  allge- 
meiner Untergang!).  SewecaAf/.  547  ff.  Hyg.  116. 
Quintus  14,  532  ff,  vgl.  auch  Eurip.  Troad.  69ff. 
Kallimachus  Sch.  II.  13,  66.  Verg.  A.  1,  43  u. 
Servius.  Ovid.  M.  14,  468  ff  LHctys  6,  1 u. 
Welcher,  ep.  Cyhl.  2 p.  280.  Bei  Vergü  Aen.  1, 
43  u.  Hyg.  a.  a.  0.  tötet  Athene  selbst  den 
Aias  durch  einen  Blitzstrahl,  vgl.  die  lokri- 
schen  Münzen  unter  C.  Kultus  , das  Gemälde 
des  Apollodor  bei  Plin.  35,  60  Ajax  f ulmine 
incensus  u.  Philostr.  imag.  2,  13.  Einen  Mimus, 
die  Ai'ccvxog  tv  rcag  nstgcag  amoltia.  darstellend, 
erwähnt  Lulcian  de  saltat.  46.  Auch  betreffs 
des  Todes  des  Aias  weicht  Philostr.  Her.  707 
in  manchen  Zügen  von  der  gewöhnlichen  Dar- 
stellung ab.  Agamemnon  habe,  um  den  oben 
erwähnten  Raub  der  Kassandra  zu  rechtfertigen, 
im  Griechenheere  verbreitet,  die  erzürnte  Athene 
werde  das  Heer  vernichten,  wenn  sie  nicht  den 
Aias  töteten.  Da  habe  dieser,  eingedenk  des 
Todes  des  grofsen  Aias  und  des  Palamedes,  in 
einem  kleinen  Fahrzeug  nachts  Troia  verlassen 
und  sei  gegenüber  Tenos  und  Andros  bei  den 
Gyren  untergegangen.  Als  aber  die  Kunde 
von  seinem  Tode  zum  Heere  gelangt  sei,  habe 
sich  grofsartige  Reue  und  Trauer  der  Gemüter 
bemächtigt.  Und  zur  Sühne  hätten  sie  sein 
Schiff  mit  Holz  angefüllt,  wie  zu  einem  Schei- 
terhaufen, schwarze  Opfertiere  geschlachtet, 
schwarze  Segel  aufgezogen,  es  fahrbereit  ge- 
macht und,  als  der  Wind  vom  Ida  kommend 
zu  wehen  angefangen,  das  Schiff  entzündet  und 
in  die  hohe  See  hinausgesandt.  Dort  sei  es 
verbrannt. 

Einzelheiten  der  späteren  Sage. 

Nach  Hyg.  97  ist  seine  Mutter  die  Nymphe 
Rene;  er  stammt  nach  Strabo  9,  425  aus  Na- 
ryx  oderNarykos,  Stadt  der  ozolischen  Lokrer, 
daher  Ovid.  M.  14,  468  Narycius  heros.  Als 
ehemaliger  Freierder  Helene  (Apollod.  3,  10, 
8 u.  Hyg.  81)  zog  er  in  den  troischen  Krieg, 
nach  Hyg.  97  mit  20  Schiffen,  begleitet  von 
einem  fünf  Ellen  langen  Drachen  Philostr.  Her. 
706,  der  ihm  wie  ein  Hund  folgte,  und  den  er 
auch  im  Schilde  führte,  und  erlegte  vor  Troia  14 
Troer  Hygin.  114.  — Aristot.  Pepl.  16.  Berglc 
p.  510  erwähnt  sein  Grab  auf  Mykonos;  nach 
Kallim.  Sch.  II.  13 , 66  begrub  ihn  die  mit- 
leidige Thetis,  nach  Lylcophr.  402  auf  Delos, 
nach  Tzetz.  z.  Lylc.  a.  a.  O.  auf  der  Klippe 
Tremon,  wohin  der  Leichnam  von  den  gyri- 
schen  Felsen  her  verschlagen  worden  war,  un- 
ter Beihilfe  der  übrigen  Nereiden.  Nach  sei- 
nem Tode  verweilt  Aias  mit  Achill  und  an- 
deren Helden  auf  der  Insel  Leuke  Paus.  3,  19, 
11  u.  Conon  narr.  18  (Westerm.  Mythogr.  p.  131), 
vgl.  Achilleus  p.  56  ff  Hingegen  verneint  Lu- 
lcian Ver.  2,  17  seinen  Aufenthalt  auf  der 
Insel  der  Seligen,  weil  er  gottlos  gewesen. 

C.  Kultus. 

Die  opuntischen  Lokrer  verehrten  Aias  als  ihren 
Stammesheros;  daher  wird  er  auf  ihren  Münzen 
(s.  d.  Abbildg.)  dargestellt,  und  zwar  als  nackter 


Münze  v.  Opus. 


Krieger  mit  Helm  und  Schwert,  im  Angriffe  den 
Schild  vorhaltend,  vgl.  Eclchel  doctr.  num.  vet.  2 
p.  192 ; auf  einer  Münze,  vielleicht  der  epiknemidi- 
schen  Lokrer,  findet  sich  der  Kopf  der  Pallas  und 
ein  Blitz,  beides  mutmafs- 
lich  in  Zusammenhang  zu 
bringen  mit  der  oben  an- 
gezogenen Sage  vom  Un- 
tergänge des  Aias  durch 
io  den  Blitz  der  Athene,  vgl. 

Eclchel  a.  a.  0.  p.  191  f.  0. 

Jahn,  arch.  Aufsätze  p.  168. 

Nach  Schol.  Pind.  Ol.  9,  1 66 
wurden  in  Opus  Alccvtsicc  ge- 
feiert, und  ein  bei  Tzetzes  Lylc.  365  erwähntes 
Trauerfest,  bei  welchem  ein  Schiff  verbrannt 
wurde,  erinnert  an  das  brennende  Schiff  bei 
der  Leichenfeier  des  Aias  vor  Ilion  (s.  o.).  Auch 
die  epizephyrischen  Lokrer  ehrten  das  An- 
20  denken  ihres  grofsen  Stammeshelden  dadurch, 
dafs  sie  für  ihn  in  der  Schlachtreihe  einen 
Platz  freiliefsen;  alseinst  der  Krotoniate  Auto- 
leon es  versuchte,  durch  die  Lücke  in  die  Reihen 
der  Lokrer  einzubrechen,  wurde  er  so  schwer 
verwundet,  dafs  er  nach  Ausspruch  des  Orakels 
nur  von  Aias  geheilt  werden  konnte.  Er  be- 
gab sich  deshalb  nach  Leuke  und  fand  dort 
Heilung.  Conon  narr.  18  (=  Westerm.  Mytliogr. 
p.  131)  u.  Paus.  3,  19,  11  erzählt,  dafs  ihn 
30  die  italischen  Lokrer  in  der  Schlacht  gegen 
die  Krotoniaten  anriefen.  Den  Schlufs  mache 
die  Erzählung  der  Sendung  lokrischer  Jung- 
frauen nach  Troia.  Tzetz.  zu  Lylcophr on  1141 
berichtet:  Drei  Jahre  nachdem  die  Lokrer  von 
dem  Zuge  gegen  Troia  wieder  heimgekehrt 
waren,  brachen  Seuchen  und  Mifswachs  aus, 
weil  der  Frevel  an  Kassandra  noch  ungesühnt 
war.  Das  Orakel,  darum  befragt,  antwortete, 
Athene  werde  wieder  versöhnt  werden,  wenn 
40  clie  Lokrer  1000  Jahre  lang  jährlich  zwei  durch 
das  Los  zu  bestimmende  Jungfrauen  nach  Troja 
schickten.  Da  die  Troianer  die  zwei  ersten 
vor  der  Stadt  töteten  und  ihre  Asche  ins 
Meer  warfen,  suchten  die  nächsten  heimlich 
in  Troja  ^inzudringen,  wo  sie  den  Dienst 
im  Tempel  der  Athene  verrichteten.  Daraus 
entwickelte  sich  der  bei  Lylcopliron  geschil- 
derte Brauch,  nach  welchem  sie  bei  ihrem 
Kommen  unter  Todesängsten  eine  nächtliche 
50  Jagd  des  Pöbels , der  sie  mit  Stöcken  etc. 
verfolgte,  zu  erleiden  hatten.  Entkamen  sie 
ihren  Verfolgern,  so  kehrten  sie  das  Heilig- 
tum der  Göttin  mit  nackten  Füfsen  und  blie- 
ben bis  ins  höchste  Alter  ehelos.  Nach  der 
Erzählung  der  liier  Strabo  13,  600  f.  begannen 
diese  Sendungen  kurze  Zeit  nach  der  Einnahme 
von  Ilion,  sie  scheinen  aber  erst  zur  Zeit  der 
Perserkriege  eingesetzt  worden  zu  sein  ( Strabo 
13,  601)  und  bestanden  nach  Plutarch  xxsgl 
60  xöiv  ßgudio og  xiucogovfitvcov  t.  2 p.  557  noch 
zu  dessen  Zeit;  vgl.  Euphorion  p.  23.  Poly- 
bius  12,  5 p.  393.  Ennius  b.  Servius  Aen.  1,  41. 
Aelian  b.  Suid.  v.  n oivrj.  Jambliclms  V.  P.  42. 
Eclchel  a.  a.  0.  p.  252  f.  Welcher,  gr.  Tr.  1, 
164.  Preller,  gr.  Myth.  2,  451. 

Eine  Statue  des  jugendlichen,  unbärtigen 
Aias  ohne  Waffen  erwähnt  Christodor  Anthol. 
Pal  2 v.  209  ff. 


Aiatos 


139 

VI.  Etymologie  und  Deutung. 

Soph.  läfst  den  Aias  Vers  430  seinen  Namen 
von  dem  Weherufe  cd  ableiten,  vgl.  Etym.  M. 
u.  Eustatli.  p.  127,  während  in  den  grofsen 
Eoeen  und  bei  Pindar  (siehe  oben)  Ai'ug  mit 
cdsxog  in  Verbindung  gebracht  wurde.  Döder- 
lein  Gl,  n.  997  übersetzt  es  mit  'der  Staunens- 
werte’, Hermann  mit  'der  Bewegliche’  von 
ai'oGco.  Da  jedoch  die  Vaseninschriften  die  n 
ursprünglich  digammierte  Form  des  Namens 
festgestellt  haben  Al'J-ag,  (vgl.  Des  Vergers 
TEtrurie  et  les  Etrusques  1 pl.  21  u.  22.  Bull, 
dreh.  1860.  N.  5,  p.  117),  so  bringt  Sonne, 
Kuhns  Ztschr.  10  p.  126  u.  Anm.  denselben  _ 
in  Zusammenhang  mit  indog.  aiva,  skr.  eva  Lauf, 
Gang,  gebilligt  von  Brugman,  Stud.  z.  griech. 
u.  lat.  Gramm.  4,  180.  Die  Bedeutung  'der 
Schnelle,  der  Läufer’  würde  aber  nur  auf  den 
schnellen  Sohn  des  Oileus,  nicht  auf  den  grofsen  21 
Aias,  den  miles  statarius  passen,  welcher  nie- 
mals bei  Homer  ein  derartiges  Beiwort  hat. 
(Die  Stellen,  die  Ebeling,  Lex.  Hom.  für  xa^vs 
citiert,  beziehen  sich  beide  auf  denkleinen  Aias). 
Es  ist  nicht  unwahrscheinlich,  dafs  zwei  ver- 
schiedene Stämme  dem  gleichlautenden  Namen 
beider  Helden  zu  Grunde  liegen.  Ein  Flufs 
Ai'aq  in  Epirus  in  der  Nähe  von  Epidamnus 
wird  von  Strabo  6,  271.  7,  316.  Ovid.  Met.  1, 
580  erwähnt,  vgl.  Plin.  N.  H.  3,  145  Flumen  3 
Aous,  a quibusdam  Aeas  nominatum.  Ein  V or- 
gebirge  Aianteion,  auf  Magnesia  s.  bei  Ptolem. 

3,  13,  16.  Plin.  n.  h.  4,  9,  16,  32.  Bursian, 
Geogr.  v.  Gnechenl.  1 p.  101.  [Fleischer.] 

Aiatos  (Ai'axog),  Sohn  des  Pheidippos,  Vater 
des  Thessalos,  Bruder ‘und  Gemahl  der  Poly- 
kleia,  ein  Heraklide;  Steph.  Byz.  s.  v.  Acoqiov. 
Polyaen.  8,  44.  Vgl.  auch  Paus.  b.  East.  Hom. 
p.  331,  21  und  Zenob.  4,  29,  wo  Aiaxog  statt 
"Agaxog  zu  schreiben  ist.  [Roscher.]  4 

Aiclimagoras  (Ai%yayoqag),  Sohn  des  Hera- 
kles und  der  Phialo , der  Tochter  des  Arka- 
ders  Alkimedon.  Nach  der  Geburt  des  Aich- 
magoras  wurde  derselbe  samt  seiner  Mutter 
im  Gebirge  ausgesetzt.  Das  Wehg*eschrei  des 
Kindes  hörte  ein  Häher  (nl 6oa)  und  ahmte 
dasselbe  nach.  Als  nun  zufällig  Herakles  vor- 
überkam, hörte  er  die  Stimme  des  Vogels  und 
ging  derselben , in  der  Meinung , ein  Kind 
schreien  zu  hören,  nach.  So  fand  er  Mutter  5 
und  Sohn,  befreite  sie  aus  ihren  Banden  und 
rettete  das  Kind.  Davon  heifst  eine  nahe 
Quelle  Kissa  (Häherquelle).  So  lautet  die  Phi- 
galische  Sage  bei  Paus.  8, 12,  3 — 4.  [Roscher]. 

Aicliinodikos  (At%p6di%og) , Geliebter  der 
Metope  oder  Amphissa,  der  Tochter  des  Eche- 
tos,  s.  d..  Schol.  Od.  18,  85.  [Schultz.] 

Aidoneus  s.  Hades. 

Aidos  (AlSm g,  Aldcö),  Personifikation  der 
Sittsamkeit,  welche  für  eine  Beisitzerin  des  e 
Zeus  und  Amme  der  Athene  galt,  weswegen 
ihr  auch  in  Athen  auf  der  Akropolis  ein  Al- 
tar errichtet  war:  lies.  Op.  200.  Soph.  O.  C. 
1268.  Paus.  1,  17,  1.  Antli.  2,  341.  Luc.  Am. 
37.  Suid.  Beide.  An.  355.  Eustatli.  II.  1279,  42, 
(22 , 451).  Ein  uraltes  Bild  der  Aidos  befand 
sich  nach  Paus.  3,  20,  10  in  der  Nähe  von 
Sparta.  Vgl.  auch  C.  I.  Gr.  7421.  [Roscher.] 


Aigaion  140 

Aietes  (Alr\xr\ g,  lat.  auch  Aeeta),  Sohn  des 
Helios  und  der  Okeanide  Perseis  (lies.  Theog. 
957,  Apolloä.  1,  9, 1)  oder  Perse  [Persa]  (Hom. 
Od.  10, 139.  Ap.  Bh.  4,  591.  Hygin.  praef.),  oder 
der  Antiope  nach  Eumelos  b.  Schol.  Pind.  Ol. 
13,  74  (53),  wo  erzählt  wird,  Aietes  habe  von 
Helios  zuerst  die  Herrschaft  über  Korinth  er- 
halten und  sei  von  da  nach  Kolchis  ausgewan- 
dert. (Vgl.  auch  Epimenides  u.  Diophantos  b. 
Schol.  z.  Ap.  Bh.  3,  242).  Seine  Schwestern 
waren  Kirke  und  Pasiphae  (Hom.  Od.  10,  136. 
Apoll,  a.  a.  O.),  seine  Gemahlin  die  Okeanide 
Idyia  ( Hes . Th.  960),  oder  die  Eurylyte,  oder 
Hekate  (mehr  b.  Schol.  Ap.  Bh.  3,  242;  vgl. 
Diod.  4 , 45),  oder  die  Nereide  Neaira  (Soph. 
b.  Schol.  z.  Ap.  Bh.  3,  242),  seine  Kinder  Absyr- 
tos  (s.  d.),  Medeia  und  Chalkiope  (Apollod.  1, 
9,  1.  23).  Nach  Ap.  Bh.  3,  242  zeugte  Aietes 
den  Absyrtosmit  der  kaukasischen  Nymphe  Aste- 
rodeia,  noch  ehe  er  sich  mit  der  Idyia  vermählte 
(vgl.  auch  Soph.  b.  Schol.  z.  Ap.  Bh.  4,  223). 
Diodor  4,  45  (vgl.  Hyg.  f.  p.  31  Ba.)  nennt  dage- 
gen Aietes  den  Bruder  des  Perses,  des  Königs 
von  Taurike,  mit  dessen  Tochter  Hekate,  einer 
Frevlerin  und  Giftmisckerin,  Aietes  die  Kirke, 
Medeia  und  den  Aigialeus  gezeugt  haben  soll. 
Aietes  war  König  von  Aia  (s.  d.),  seine  Burg 
stand  in  der  Stadt  Phasis  (Menand.  Protect. 
p.  344  Bonn).  Berühmt  ist  er  namentlich  durch 
die  Argonautensage  geworden.  Später  wurde 
er  von  seinem  Bruder  Perses  seiner  Herrschaft 
beraubt , aber  von  Medeia  wieder  eingesetzt 
(Apollod.  1,9,  28).  Seinem  Charakter  nach 
ist  er  oloocpQcov  und  wgog  (Hom.  Od.  u.  Diod. 
a.  a.  O.).  Vgl.  die  Artikel  Argonauten,  Iason 
und  Medeia.  Nach  Ken.  An.  5,  6,  37  war  Aie- 
tes noch  in  seiner  Zeit  der  gemeinsame  Name 
der  Könige  von  Kolchis.  Bildwerke:  Glavac, 
Mus . de  sc.  pl.  199  (Pariser  Sarkophag),  Arcli. 
Ztg.  1847  Taf.  3 (Vase  v.  Canosa;  vgl.  G.  I. 
Gr.  8424).  Philostr.  im.  11.  Vgl.  H.  Brunn 
in  Paulys  Bealencycld  1,  1,  222.  [Roscher.] 

Aiga  siehe  Aix  u.  Amaitheia  (Hyg.  Astr. 
2,  13). 

Aigaion  (Atyodcov),  1)  Sohn  des  Uranos  und 
der  Gaia  (Hesiod.  Th.  147;  Apollod.  1,  1,  1; 
Hygin.  p.  27  Bu.),  so  genannt  in  der  Sprache  der 
Menschen,  Briareos  in  der  Sprache  der  Göt- 
ter (Hom.  II.  1,  403).  Nach  II.  1,  396  ff.  ist  er  j 
hundertarmig,  mit  gröfserer  Gewalt  begabt  als 
sein  Vater.  Als  die  Olympier  Hera,  Poseidon 
und  Athene  den  Zeus  fesseln  wollten,  rief  The- 
tis  schnell  den  Aigaion  zu  Hülfe  auf  den  Olymp, 
und  er  setzte  sich  (nvSsi  ycdcov)  neben  Zeus, 
so  dafs  die  Götter  sich  fürchteten,  den  Zeus 
zu  fesseln.  Seine  Brüder  waren  Gyges  (Gyes)! 
und  Kottos.  Alle  drei  werden  als  ungeheure! 
Riesen  geschildert  mit  50  Köpfen  und  100 
Händen,  daher  der  Gesamtname  der  Hekaton- 
cheiren  oder  Centimanen  (snaxöyxi'QS?  od.  hk- 
x oyisigoi,  centimanus  Gyes  Hör.  carm.  2,  17. 
14;  3,  4,  69;  centum geminus  Briareus  Verg. 
Aen.  6,  287;  bei  Hesiod.  Th.  502  auch  Ovqu- 
vid'ca). 

Aus  Furcht  vor  dem  Übermafs  ihrer  Kräfte 
schliefst  sie  Uranos  ins  Innere  der  Erde.  Die 
Mutter  Gaia,  darüber  betrübt,  sinnt  auf  List 
die  That  des  Uranos  zu  rächen,  und  sucht  füi 


[41  Aigaion 

Aren  Plan  die  nicht  eingekerkerten  Söhne, 
iie  Titanen,  zu  gewinnen.  Der  listige  Kronos 
erbietet  sich  das  Werk  zu  übernehmen,  und 
Graia  verbirgt  ihn,  mit  einer  Sichel  bewaffnet, 
m Hinterhalt.  Als  nun  mit  Einbruch  der  Nacht 
Uranos  die  Gaia  zu  umarmen  sich  anschickt, 
mtmannt  Kronos  den  Vater  (Hesiod.  Th.  147ff'.). 
Nachdem  hierauf  mit  dem  Sturze  des  Uranos 
«eitweilige  Befreiung  der  Hekatoncheiren  er- 
folgt ist  ( Apollod . 1,  1,  5;  Hesiod.  5 10  ff.  u.  618), 
werden  sie  — wegen  erneuter  Unbändigkeit  — 
xbermals  eingekerkert,  dann  aber  durch  Zeus, 
der  sie  im  Kampfe  mit  den  Titanen  braucht,  end- 
gültig befreit  (vgl .Hesiod.  Th.  147f.  016 f.  734 ff., 
wo  eine  sehr  lebendige  Schilderung  der  Kampf- 
weise der  Hekatoncheiren  [sie  schleudern  F eisen] 
gegeben  ist;  Palaeph.  de  incred.  20.  Nonn,  Dio- 
nys. 39,  287),  und  zu  Hütern  der  in  den  Tar- 
faros  hinabgeschleuderten  Titanen  bestellt.  Im 
Widerspruch  damit  versetzt  sie  lies.  Th.  811  — 
319  in  die  Tiefe  des  Okeanos,  und  Poseidon 
macht  den  Briareos  zu  seinem  Schwiegersohn, 
indem  er  ihm  die  Kymopoleia  zur  Gemahlin 
giebt.  (Über  die  verschiedenen  Erklärungen 
iieser  Stelle  vgl.  Schümann,  die  Hesiod.  Theog. 
o.  227 — 240).  Eine  Abweichung  von  der  obi- 
gen Darstellung,  die  offenbar  den  Kern  des  ur- 
sprünglichen Mythos  enthält,  bildet  die  Sage, 
lafs  Aigaion  im  Titanenkampfe  nicht  Bundes- 
genosse der  Olympier,  sondern  der  Titanen  ge- 
wesen sei  [Eumel,  b.  Schol.  Apollon.  Rh.  1, 1165. 
Verg.  Aen.  10,  565 ff.),  und  ganz  aus  diesem 
Rahmen  heraus  tritt  die  Erzählung  II.  1, 
394ff. , (vgl.  Nonnus  Dionys.  43,  362 ff.  und 
Cornut.  de  nat.  deor.  17  p.  172  ed,  Osann),  nach 
welcher  Aigaion  Bundesgenosse  derThetis  war, 
als  Hera,  Poseidon  und  Athene  den  Zeus  zu 
fesseln  gedachten,  wo  sich  seine  Stärke  als 
gewaltiger  erwies  als  die  seines  Vaters  Posei- 
don ( Schol . u.  Eust.  z.  d.  St.  p.  122  u.  124). 
Vergl.  die  geistvolle  Betrachtung  Welclcers, 
Götter!.  3,  156  über  diese  Variation  des  Mythos. 

Die  Hekatoncheiren  sind  wohl  Personifika- 
tionen der  gewaltigen  Naturkräfte,  die  zur  Zeit 
der  Entstehung  des  Weltalls  sich  regten 
und  in  ihrer  Gewaltthätigkeit  selbst  die  Exi- 
stenz ihrer  Erzeuger,  des  Himmels  und  der 
Erde  in  Frage  stellten;  sie  stehen  also  auf 
gleicher  Stufe  wie  die  Titanen  und  die  drei 
Zyklopen  Brontes,  Steropes  und  Arges 
' Preller , Gr.  M.  1 p.  41  ff.).  Der  Name  Aigaion 
führt  mit  ziemlicher  Wahrscheinlichkeit  auf 
die  Kraft  des  tosenden  Meeres,  da  er  von  «f- 
yig.  den  hochaufsteigenden  Springfluten  (gleich- 
viel ob,  dies  Wort  auf  at'%  Ziege  oder  auf  sn- 
styw  [ Curtius ] zurückgeht),  von  cdy tg,  von  dem 
Beinamen  des  Poseidon  Alyiuog  (PhereTc.  b.  Schol. 
Apoll,  lili.  1,  831,  Strabo  9,  405)  nicht  wohl 
zu  trennen  ist.  Aigaion  war  auch  Beiname 
des  Poseidon,  Philostr.  v.  Apollon.  4,  6.  Am 
natürlichsten  denkt  man  dabei  an  das  Erd- 
beben , welches  sich  die  Alten  als  Folge  des 
empörten  Meeres  dachten  ( Preller  a.  a.  0.). 
Uyes  wäre  dann  der  Repräsentant  der  holIt] 
als  ( Ap . Rh.  2,  595;  vgl.  yvrjg,  yvtov , yvedov, 
v-vya  ist  nach  Curtius  Grundz.5  157  verwandt 
mit  v.vxog  (Höhle)  und  xotlog;  vgl.  v.vga  y.vq- 
xov , %vQTwQtv  b.  Hum.),  Kottos  der  Schlä- 


Aigaion  142 

ger  (v.6xxnv  xvnxsiv  Hes.)  Früher  nahm  man 
nach  G.  Hermanns  Vorgang  Gyges  als  „Mem- 
brou , Gliedermann,  Gliederkräftiger.  [Sehr 
wahrscheinlich  hat  zu  der  Vorstellung  vielarmi- 
ger  Meeresriesen  auch  die  Beobachtung  der  Poly- 
pen beigetragen,  die  oft  eine  bedeutende  Gröfse 
erreichen  und  dann  selbst  Menschen  gefährlich 
werden:  vgl.  Lenz , Zoologie  d.  alten  Griechen 
u.  Römer  S.  618  ff.  Plin.N.lI.  9,30,48.  Darstel- 
lungen solcher  Polypen,  vielleicht  zu  Amulet- 
ten bestimmt,  finden  sich  auf  den  ältesten  zu 
Mykenai  ausgegrabenen  G oldsachen : vgl.  Schlie- 
rnann,  Mylcenai  Nr.  240  u.  424.  Milchhöf  er, 
Die  Anfänge  der  Kunst  5.  29  ff.  Roscher], 
Mit  dieser  Auffassung  sind  denn  auch  zum 
Teil  die  weiteren  Sagen  im  Einklang,  die  sich 
im  Laufe  der  Zeit  an  den  Namen  Aigaion-Bria- 
reos  angeknüpft  haben.  Nach  der  einen  die- 
ser Sagen  ist  er  der  Sohn  der  Gaia  und  des 
Pontos  ( Eumelosh . Schol.  Apollon.  Rh.  1,  1165), 
nach  einer  anderen  der  Sohn  des  Poseidon 
[Eust.  ad  II.  1,  397  ff.,  Ed.  Ras.  p.  122,  31  u. 
124,  3),  oder  der  Thalassa  ( Ion  b.  Schol. 
Apoll,  a.  a.  0.);  eine  dritte  macht  ihn  zu  einem 
Meerungeheuer,  das  mit  seinen  Riesenarmen 
die  Wale  umklammert  ( Ovid . Met.  2,  10.  Schol. 
z.  Apoll.  Rh.  a.  a.  0 ),  eine  vierte  (euhemeristi- 
sche)  zu  einem  gewaltigen  Meeresherrscher,  der 
von  Euböa  aus  die  Herrschaft  über  sämtliche  Ky- 
kladen ansichrifs  (Eust.  a.  a.  0.  123,  37  ff.),  wo- 
mit es  denn  auch  zusammenhängt,  dafs  nachATe- 
sych.  s.  v.  Tixuvlöu  die  Insel  Euboia  als  Tochter 
des  Briareos  galt.  Ähnlich  die  Sage  bei  Eust. 
123,  34  u.  Tarrhaeos  b.  Schol.  Apoll,  a.  a.  0.,  die 
ihn  als  Riesen  schildert,  der,  aus  Euböa  vertrie- 
ben, in  Phrygien  am  Flusse  Rhyndakos  nicht 
weit  vom  Meere  unter  einem  Hügel  begraben 
liege,  aus  welchem  an  100  Quellen  hervorbre- 
chen , welche  Hände  des  Briareos  heifsen.  — - 
Und  auch  anderweit  fehlt  nirgends  die  Bezie- 
hung zu  dem  Meere  und  der  Meeresherrschaft, 
So  wenn  er  für  den  Erfinder  der  Kriegsschiffe 
galt  ( Archemach . b.  Plin.  7,  57),  oder  wenn  er 
als  Schiedsrichter  zwischen  Helios  und  Posei- 
don auftritt  und  dem  letzteren  den  Isthmos,  je- 
nem die  Burg  von  Korinth  zuspricht  (Paus.  2,  1, 
6 ; 4,  7) ; oder  wenn  er  mit  Poseidon  die  Fehde 
aufnimmt  und  von  diesem  ins  ägäische  Meer 
versenkt  wird,  das  von  ihm  ' den  Namen  trägt 
(Schol.  Apoll.  Rh.  a.  a.  0.,  Claud.  rapt.  Pros.  3, 
345,  Steph.  Ryz.  s.  Kagvoxog) , oder  endlich, 
wenn  er  mit  seinem  gewaltigen  Haar  die  Sonne 
verdunkelt  wie  das  aus  dem  Meere  aufsteigende 
Unwetter  (Nonn.  Dionys.  39,  287).  Die  spätere 
Sage  freilich  hat  von  der  ursprünglichen  Auf- 
fassung nur  das  Bild  des  Riesen  bewahrt: 
daher  hiefsen  die  Säulen  des  Herakles  auch 
Säulen  des  Briareos,  BqlÖ'qsco  atylca  Hesych. 
Schol.  zu  Diqnys.  Perieg.  64  u.  456 ; Find.  Nem. 
3,  38.  Ja  nach  Arist.  b.  Aelian.  v.  li.  5,  3 
war  dies  der  ältere  Name:  erst  nachdem  He- 
rakles Meer  und  Erde  von  den  Unholden  ge- 
säubert hatte,  wurde  der  Name  ihm  zu  Ehren 
geändert.  Vergl.  dazu  Tzetz.  exeg.  II.  p.  23, 
1 1 ff. : BguxQScog  r\v  'Hgar.lr\g  nuhxLoxeQog.  Va- 
ter des  Herakles  nennt  ihn  Zenob.  5,  48.  Daher 
endlich  bei  Vergil  die  Verwechslung  mit  den 
Giganten  (Verg.  Aen.  6,  287,  und  Servius  z.  d. 


io 

20 

30 

40 

50 

60 


143  Aigaios 

St.,  ib.  10,  567,  Callim.  hymn.in  Del.  141;  vgl. 
auch  C.  I.  Gr.  8182).  Kallimachos  versetzt 
ihn  an  Stelle  der  .Giganten  Typhon  und  Enke- 
lados  unter  den  Ätna.  Bei  Verg.  Aen.  10,  567 
erscheinen  die  50  Köpfe  feuerspeiend:  ein  Zug, 
der  sonst  in  den  Quellen  nicht  wiederkehrt. 
In  Betreff  der  bildlichen  Darstellungen, 
die  Aigaion  mit  Blitz  und  Dreizack  ausgerüstet 
oder  Felsen  schleudernd  zeigen,  s.  Gaedechens, 
Glaukos  d.  Meergott  S.  117  und  den  Aufsatz  n 
von  Vinet,  Revue  archeol.  10  p.  200 ff.  — 2) 
Einer  der  ruchlosen  Söhne  des  arkadischen 
Königs  Lykaon,  den  Zeus  tötete.  Apoll.  3,  8, 

1.  [Bernhard.] 

Aigaios  {Alyaiog)  1)  Beiname  des  Poseidon 
(s.  d.):  Strab.  9,  405.  Verg.  Aen.  3,  74.  Phe- 
relcyd.  b.  Schot.  Ap.  Rh.  1,  831.  — 2)  des  Ne- 
reus: Stat.  Theb.  5,  49.  - — 8)  Alyaiog  nozagog, 
Flufs  auf  der  Phäakeninsel  (Kerkyra):  Ap.  Rh. 
4,  542.  1149.  Er  galt  nach  dem  Scliol.  z.  d.  2 
St.  und  Steph.  Ryz.  s.  v.  ' Titels  als  Yater 
der  Melite  (s.  d.),  der  Geliebten  des  Herakles. 

[Roscher.] 

Aige  ( Ai'yg , lat.  A ege)  Amazonenkönigin, 
Eponyme  des  ägäischen  Meeres,  in  welchem 
sie  stirbt.  Paul.  Diacon.  p.  21.  [Klügmann.] 

Aigeiros  {Alysigog),  eine  Baumnymphe,  Toch- 
ter des  Oxylos  und  seiner  Schwester  Hama- 
dryas:  Ath.  3,  78b.  [Roscher.] 

Aigeoueus  {Alysoivsvg),  Sohn  des  Priamos:  3 
Apoll.  3,  12,  5.  [Roscher.] 

Aigestes  {Alyso zyg,  auch  ’Eysorrjg,  Ai'ysazog ) 
lat.  Acestes),  1)  Sohn  des  sicilischen  Flufsgot- 
tes  Krimisos  und  einer  Troerin  Egesta  oder 
Segesta,  der  den  Aineias  in  Sicilien  freundlich 
aufnimmt  Verg.  Aen.  1,  195.  550  ff.  5,  36  ff. 
711ff.  Ov.  M.  14,  83.  Heyne  zu  V.  A.  5.  Exc. 

1.  a)  Hauptstelle  Servius  zu  V.A.  1,  550:  Als 
Laomedon  dem  Poseidon  und  Apollo  den  Lohn 
für  die  Erbauung  der  troischen  Mauern  ver- 
weigert hatte,  und  Poseidon  das  Land  von  ei- 
nem Seeungeheuer  verwüsten  liefs,  dem  nach 
Apollos  Ausspruch  edle  Jungfrauen  zum  Frafs 
ausgesetzt  werden  mufsten , sendeten  viele 
Troer  ihre  Töchter  in  die  Fremde,  so  auch 
Hippotesoder  Hippostratos  seine  Tochter  Egesta. 
Diese  kam  nach  Sicilien , wo  der  Flufsgott 
Krimisos,  der  die  Gestalt  eines  Bären  oder 
eines  Hundes  angenommen  hatte,  mit  ihr  den 
Acestes  zeugte.  Dieser  wurde  der  Gründer  der 
Stadt  Egesta  oder  Segesta.  b)  Variante  im 
Schot,  z.  Lylcophr.  Al.  v.  952.  964.  {Kinkel)-. 
Phoinodamas  riet  den  Troern  die  Hesione  dem 
Seeungeheuer  auszusetzen;  Laomedon,  darüber 
erzürnt,  überlieferte  die  drei  Töchter  des  Phoi- 
nodamas Schiffern , welche  dieselben  in  Sici- 
lien wilden  Tieren  vorwerfen  sollten.  Aphro- 
dite rettete  sie;  einer  wohnte  Krimisos  in 
Hundsgestalt  bei  und  zeugte  mitj  ihr  den  Ai- 
gestes, der  später  die  Städte  Aigesta,  Eryx 
und  Stylla  (==  Styella?)  oder  Atalla  [wohl 
Entella  am  Krimisos!  Roscher]  gründete,  c) 
Weitere  Variante  bei  Dionys.  H.  1 , 52-.  Ein 
Ahnherr  des  Aigestos  verfeindete  sich  mit  Lao- 
medon, gegen  den  er  die  Troer  aufreizte,  und 
wurde  von  ihm  getötet.  Laomedon  übergab 
seine  Töchter  Kaufleuten,  die  sie  mit  hinweg- 
führen sollten.  Mit  ihnen  schiffte  sich  ein  vor- 


Aigesthios  144 

nehmer  Troer  ein  und  heiratete  eine  derselben 
in  Sicilien,  wo  sie  den  Aigestos  gebar.  Dieser 
nahm  die  einheimische  Sprache  und  Sitte  an 
und  kehrte  später  mit  Erlaubnis  des  Priamos 
während  des  trojanischen  Krieges  in  sein  Vater- 
land zurück,  entkam  aber  nach  Trojas  Fall 
mit  Elymos  nach  Sicilien  (so  auch  Schot,  zu 
Lylcophr.  965,  wo  Elymos  ein  unechter  Sohn 
des  Anchises  heifst  und  Serv.  V.  A.  5,  73). 
o Dort  trifft  er  mit  Aineias  bei  dessen  Landung 
zusammen,  der  für  ihn  die  Städte  Aigesta  und 
Elyma  gründet,  vgl.  Aineias  Abschn.  12.  Diese 
Wendung  der  Sage  kennt  auch  Servius  zu  V. 
A.  5,  30;  merkwürdig  ist  dort  die  Notiz,  dafs 
Aigesta  (Segesta),  nach  Troja  zurückgekehrt, 
die  Gattin  des  Kapys  geworden  sei  und  den 
Anchises  geboren  habe.  Nach  Strabo  6 p.  254. 
272  halfen  dem  Aigestos  bei  der  Gründung 
Aigestas  Genossen  des  Philoktetes.  Vgl.  auch 
o R.  Stichle , Phüologus  15  S.  601  ff.  d ) Die  Na- 
mensform schwankt  zwischen  Ai'ysGzog  Dion.  v. 
IL.  und  Alysozyg  Schot,  zu  Lykophron  u.  Stra- 
bo (?),  die  Form  Acestes  bei  Vergil  (vgl.  Hy- 
gin.  ed.  M.  Schmidt  S.  148,  12)  setzt  eine  grie- 
chische Form  ’Ansozrj g voraus , die  sich  aber 
bei  griechischen  Schriftstellern  nicht  findet; 
vielleicht  in  mifsverstandener  Ableitung  von 
ansiaQ-ai  „der  Heiler“;  bei  Vergil  5,  718  heifst 
die  Stadt  Segesta  Äcesta,  nach  Cic.  Verr. 
o act.  2,  3.  § 83  (vgl.  Plin.  n.  h.  3,  91)  waren 
die  Acestenses  (od.  Acestaei)  eine  den  Segesta- 
nern  benachbarte  Gemeinde.  Der  Name  AL'ys- 
ozog  ist  wohl  nicht  griechischer  Herkunft.  Die 
Sage  selbst  deutet  an,  dafs  Acestes  und  Ely- 
mos schon  angesiedelt  waren,  ehe  die  Aineias- 
sage  in  der  Westecke  Siciliens  anlangte.  In  Be- 
treff der  Herkunft  der  sicilischen  Elymer  von 
den  asiatischen  Elymäern  vgl.  Holm,  Gesell.  Sic. 
1,  86  ff.  und  Duncker,  G.  d.  A.  4 4 87  f.  Ace- 
o stes  wurde  aber  in  die  Aineiassage  aufgenom- 
men und  scheint  mit  ihr  nach  Latium  gekom- 
men zu  sein.  Darauf  deutet  hin:  2)  Aigestos 
ein  Lavinischer  Priester.  Dion.  H.  1,  67.  Als 
die  von  Lavinium  nach  Alba  Longa  gebrachten 
Götterbilder  der  Penaten  immer  wieder  nach 
Lavinium  zurückkehrten , wurde  Aigestos  an 
der  Spitze  von  sechshundert  Familienvätern 
von  Alba  Longa  dorthin  zu  ihrer  Pflege  zu- 
rückgesendet. Vgl.  Schwegler  R.  G.  1,  319.1 
Preller- Jordan  R.  AI.  23  S.  313.  330,  der  mit 
Recht  im  Namen  Aigestos  eine  Hindeutung  auf 
den  Zusammenhang  der  lavinisclien  Aineiassagei 
mit  Segesta  erblickt.  Klausen  Aen.  u.  d.  P 
S.  689  erklärt  den  Aigestos  für  einen  latini 
sehen  Cärimonialgeist  und  zwar  für  den  rEs 
sigdämon  der  Vorratskammer’,  eine  Kombina 
tion,  die  auch  Gerhard,  Gr.  AI.  § 943  (mit  Anm. 
ernsthaft  genommen  hat.  — • 8)  Aigestos,  Sohi( 
des  Numitor  nach  Dion.  II.  1,  76,  von  Amu! 
lius  auf  der  Jagd  ermordet.  Vgl.  Cass.  Dü 
Frg.  4,  11  der  ihn  Alysozgg  nennt.  — 4)  Eii 
mythischer  Anführer  der  Thesproten  in  Epi 
rus , die  nach  ihm  sich  Alysazaioi  nanntei 
Steph.  B.  [Wörner.] 

Aigesthios  {Alyso&iog),  Sohn  des  Zeus,  Vate 
der  Idäischen  Daktylen,  welcher  dem  Idaga 
birge  nach  seiner  Geliebten  Ida  den  Name ! 
gab : Plut.  fluv.  13,  3.  [Roscher.] 


145  Aigeus 

Aigeus  (Alyevg),  1)  Sohn  des  Pandion  und 
der  Pylia,  Tochter  des  Königs  Pylas  von  Me- 
gara , in  Megara  geboren.  Dorthin  hatte 
sein  Vater  Pandion  sich  vor  den  Metioniden 
geflüchtet;  er  wurde  später  König  des  Landes. 
Nach  Pandions  Tod  eroberte  Aigeus  mit  sei- 
nen Brüdern  Pallas,  Nisos,  Lykos  Attika  zu- 
rück und  erhielt  hei  der  Vierteilung  des  Rei- 
ches die  Oberherrschaft  und  Athen,  verdrängte 
später  auch  seinen  Bruder  Lykos  aus  dem  Be- 
sitz seines  Anteils,  der  Diakria  und  der  Tetra- 
polis  Apoll.  3, 15,  5 — 7.  Paus.  1,  5,  3.  4.  Strabo 
p.  392.  Schul,  zu  Lykophr.  494.  ecl.  Kinkel. 


dion  untergeschoben  worden  sei , Apoll.  3,  15, 

5,  oder  des  Phemios  Scliol.  z.  Lykophr.  1324 
ed.  Kinkel.  Seine  beiden  ersten  Frauen  Meta, 
Tochter  des  Hoples,  und  Chalkiope,  Tochter 
Rhexenors  , blieben  kinderlos.  Aigeus  soll,  20 
weil  er  dies  dem  Zorn  der  Aphrodite  Urania 
zuschrieb,  ihre  Verehrung  in  Athen  eingeführt 
haben  Paus.  1,  14,  7.  Aus  Furcht  vor  seinen 
Brüdern , besonders  vor  den  starken  Söhnen 
des  Pallas,  wendete  er  sich  an  das  Orakel  zu 
Delphi.  Diese  Scene  Aigeus  in  Delphi,  The- 
mis als  Pythia  bei  Gerhard  A.  V.  4,  S.  103. 
104.  T.  327.  328.  0.  Müller,  Denkm.  d.  a.  K. 

2 , 947.  Da  er  den  dunklen  Ausspruch  der 
Pythia  nicht  verstand,  begab  er  sich  zu  dem  30 
weisen  Pittheus,  dem  Sohne  des  Pelops,  nach 
Troizen.  Dieser,  den  Sinn  des  Orakels  durch- 
schauend, machte  den  Aigeus  trunken  und 
legte  ihn  seiner  Tochter  Aithra  (s.  d.)  bei. 
Dies  geschah  in  derselben  Nacht,  in  welcher 
bereits  Poseidon  der  Aithra  genaht  war,  diese 
gebar  später  den  Theseus.  Plut.  Thes.  3.  Nach 
Hy  gm  F.  37.  Paus.  2,  33,  1 fand  das  Beila- 
ger des  Gottes  und  des  Aigeus  mit  Aithra 
(s.  d.)  im  Heiligtum  der . Athene  Apaturia  auf  40 
der  Insel  Sphairia  statt.  Hygin  sagt  ausdrück- 
lich: Neptunus,  quod  ex  ea  naturn  esset , Aegeo 
conccssit.  Daher  wurde  Poseidon  für  den  ei- 
gentlichen Vater  des  Theseus  gehalten  Isokr. 
10,  18.  Ein  Vasenbild,  Poseidon  und  Aithra 
bei  Gerhard  A.  V.  1 S.  51  ff.  T.  12.  Über  des 
Sohnes  Geburt  und  erste  Jugend  vgl.  Theseus. 
Bei  Euripides  Med.  v.  663  ff.  fleht  Medeia  des 
Aigeus  Schutz  an,  als  dieser,  von  Delphi  kom- 
mend, sich  eben  nach  Troizen  begeben  will,  50 
und  erhält  die  Zusicherung  seines  Beistandes, 
nachdem  sie  ihm  versprochen  hat , dafs  sie 
seiner  Kinderlosigkeit  ein  Ende  machen  werde. 
Nach  ihrer  Flucht  von  Korinth  wird  sie  in 
Athen  des  Aigeus  Gattin  und  bekommt  von 
ihm  den  Sohn  Medos.  Apoll.  1,  9,  28.  Hygin. 

F.  26.  Ov.  M.  7,  402  ff.  Plut.  Thes.  12.  Paus. 

2,  3,  8;  vgl.  Medeia.  Als  Theseus,  zum  Jüng- 
ling herangewachsen,  unerkannt  nach  Athen 
kommt,  findet  er  dort  Medeia  im  Hause  des  eo 
Vaters  vor.  Diese,  welche  weifs,  dafs  sie  den 
rechtmäfsigen  Sohn  des  Aigeus  vor  sich  hat, 
will  durch  Gift  in  Übereinstimmung  mit  Ai- 
geus, der  sich  vor  Nachstellungen  fürchtet,  den 
unbequemen  Ankömmling  beseitigen,  aber  beim 
Mahl  zieht  Theseus  das  Messer,  an  dem  Aigeus 
den  langersehnten  Sohn  erkennt.  Medeia  ent- 
weicht mit  Medos  nach  Asien.  Apollod.  1,  9, 


Aigeides  146 

O 

% 

28.  Hygin.  F.  26.  Ov.  Met.  7,  402  ff.  Just.  2, 
6.  Plut.  'Thes.  12.  Paus.  2,  3,  8.  Schul.  II. 
11,  741.  Preller  gr.  M.  23  291  erkennt  in  der 
Sage  den  Einflufs  der  euripideischeu  Tragödie 
Aigeus.  Die  Erkennungsscene  zwischen  Aigeus 
und  Theseus  vergegenwärtigt  ein  Terracotten- 
relief  0.  Jahn , Arch.  Aufs.  185,  6.  Stark,  Arch. 
St.  93.  Heydemann , Analecta  Thesen.  Hiss. 
Berl.  1865  p.  13  f.  Bei  Ankunft  seines  Sohnes 
10  befand  sich  Aigeus  in  bedrängter  Lage.  Pal- 
las und  seine  fünfzig  Söhne,  die  den  Aigeus 
nur  für  einen  angenommenen  Sohn  des  Pan- 
dion erklärten,  erhoben  sich  gegen  ihn,  wur- 
den aber  durch  Theseus  vernichtet.  Plut.  Thes. 
13.  Auch  am  Tod  des  Androgeos  sollte  Aigeus 
schuld  sein,  Paus.  1,  27,  10.  Diod.  4,  60,  und 
mufste  sich  dafür  von  Minos  den  schimpflichen 
Tribut  auferlegen  lassen.  Als  Theseus  es  unter- 
nahm Athen  von  diesem  Tribut  zu  befreien, 
verabredete  der  Vater  mit  ihm  , dafs  er  bei 
glücklicher  Rückkehr  weifse  Segel  auf  seinem 
Schiffe  aufspannen  solle  (nach  Simonides  b. 
Plut.  Thes.  17  war  es  ein  scharlachrotes).  Aber 
der  siegreiche  Theseus  vergafs  bei  der  Rück- 
kehr die  schwarzen  Segel,  welche  das  Schiff 
führte,  abzunehmen,  und  Aigeus,  in  der  Mei- 
nung, sein  Sohn  sei  umgekommen,  stürzte  sich 
von  dem  Felsen , von  welchem  er  nach  The- 
seus ausschaute,  ins  Meer,  welches  nach  ihm 
den  Namen  empfing.  Bei  Diod.  4,  61  stürzt 
sich  Aigeus  von  der  Akropolis  hinab,  bei  Plut. 
Thes.  22  von  einem  Felsen;  unbestimmt  drückt 
sich  Paus.  1,  22,  5 aus,  des  Meeres  wird  bei 
keinem  Erwähnung  gethan.  Hygin.  F.  242  sagt : 
in  mare  se  praecipitavit,  ex  quo  Aegeum  pela- 
gus  est  dictum ; ebenso  Servius  V.  A.  3,  74. 
Paul.  ep.  p.  24.  Suidas  AiycAov  nsXocyog.  In 
Athen  hatte  Aigeus  ein  Heroon , Paus.  1,  22, 
5;  er  war  Heros  Eponymos  der  Pliyle  Aiyrft s 
Paus.  1,  5,  2 und  hatte  als  solcher  eine  Bild- 
säule nahe  an  der  Agora,  Paus.  1,  5,  1;  seine 
Statue  stand  auch  zu  Delphi,  geweiht  aus  dem 
Zehnten  der  marathonischen  Beute  Paus.  10, 
10,  1.  Aufser  den  oben  genannten  Bildwerken 
findet  sich  Aigeus  in  Gerhard  A.  V.  3 S.  40  f. 
T.  162,  1,  dem  Kampf  des  Theseus  gegen  den 
marathonischen  Stier  zuschauend,  ebd.  3,  S.  49. 
T.  168  A.  auf  einer  Darstellung  von  Antiopes 
Entführung.  In  den  Sagen  von  Aigeus  und 
Theseus  sind  uns  die  ältesten  Überlieferungen 
des  attisch-ionischen  Poseidondienstes  erhalten. 
„Aigeus  ist  der  zum  Heros  gewordene  Posei- 
don selbst.“  Preller  Gr.  M.  I3  472.  Etymo- 
logisch hängt  Alysvg  mit  aiy ig,  Wellen,  zu- 
sammen. Gurtius,  Gr.  EtA  180.  Preller  l3  466. 
Wichtig  ist,  dafs  es  Heroen  gleichen  Namens 
noch  anderwärts  gab.  [Vgl.  auch  C.  I.  Gr.  2374. 
6047.  7718b.  8440b.  Roscher.]  — 2)  Ein  Nach- 
komme des  Kadmos , Sohn  des  Oiolykos, 
Androtion  b.  Tzetz.  z.  Lykophr.  495.  Paus. 
3,  15,8.  4,  7,  8.  Herodot  4,  149;  er  hatte  ein 
Heroon  in  Sparta,  da  seine  Nachkommen  dort- 
hin eingewandert  waren;  vgl.  Aigeides  2.  — o) 
Sohn  des'  Phorbas,  Bruder  des  Aktor,  mythi- 
scher König  der  Eleer.  Diod.  4,  69.  Davon: 
Aigeides  {AiysiÖgg,  lat.  Aegides), Nachkomme 
des  Aigeus  (s.  d.),  1)  Theseus  II.  1,  265  (inter- 
poliert =)  Hes.  Scut.  182.  Ov.  M.  8,  174,  u.  ö. 


147 


Aigiale 


Aigina 


148 


Her.  4,  59.  15,  221.  Trist.  5,  4,  26,  dann  Nach- 
komme des  Theseus  Ephor,  in  Schol.  Find.  P. 
5,  101.  Ov.  Her.  2,  67.  — 2)  Alysidcu , Nach- 
kommen des  thebanischen  Aigeus,  die  nach 
der  thebanischen  Sage  mit  den  Herakliden 
nach  Sparta  gekommen  waren.  Herod.  4, 149. 
und  Abicht  z.  St.  vgl.  Find.  P.  5,  73  ff.  mit 
Schol.,  I.  6,  15  mit  Schol.  Preller  gr.  M.  I3  205. 
A.  3.  2 3 281  A.  5.  [Wörner.] 

Aigiale  od.  Aigialeia  (Alyiäly  u.  Alyialttu), 
Tochter  des  Adrastos  oder  seines  Sohnes  Ai- 
gialeus  und  der  Amphithea,  daher  ASQ-rjOtivy 
genannt,  Gemahlin  des  Diomedes  (s.  d.),  Königs 
von  Argos  ( Hom . II.  5,  412  und  Schol.  Apollod.  1, 
8,  6.  9,  13).  Als  ihr  Gemahl  nach  Troja  ge- 
zogen war,  verzehrte  sie  sich  anfangs  in  Sehn- 
sucht nach  ihm , später  aber  verblendete  sie 
die  dem  Diomedes  zürnende  Aphrodite , so 
dafs  sie  mit  verschiedenen  jungen  Argivern 
Ehebruch  trieb,  zuletzt  mit  Kometes,  dem 
Sohne  des  Sthenelos  (nicht  mit  Sthenelos,  dem 
Sohne  des  Kometes  Schol.  B.  u.  Eust.  z.  11. 
5,  412).  Als  Diomedes  heimkehrte,  mufste  er 
vor  den  Nachstellungen  der  Aigiale  und  des 
Kometes  an  den  Altar  der  Hera  (oder  Athene) 
und  später  nach  Hesperien  fliehen,  worin  er 
die  Rache  der  von  ihm  vor  Troja  verwundeten 
Aphrodite  erkannte  (Schol.  u.  Eust.  z.  II.  a. 
a.  0.  lykophr.  610f.  u.  Schol.  Ov.  Met.  14,  475. 
Vgl.  auch  Ver<).  Aen.  11,  269).  Nach  Dict.  6,  2 
hatte  Oiax,  der  Bruder  des  Palamedes,  nach 
Tzetzes  Nauplios , der  Vater  der  beiden,  die 
Klytämnestra  und  Aigiale  gegen  ihre  Männer 
durch  die  Nachricht  erbittert,  dafs  diese  von 
Troja  Frauen  mitbrächten,  die  sie  ihnen  vor- 
zögen. [Roscher], 

Aigialeus  (Alyralivg)  1)  Sohn  des  Aietes, 
Königs  von  Kolchis,  gewöhnlich  Absyrtos  ge- 
nannt (s.  d.).  ■ — 2)  Sohn  des  Inachos  und  der 
Okeanide  Melia,  Bruder  des  Phoroneus  (nach 
Schol.  Eur.  Or.  932  u.  1248  Sohn  des  Phoroneus 
und  der  Peitho).  Als  er  kinderlos  starb,  wurde 
das  spätere  Achaia  nach  ihm  Aigialeia  ge- 
nannt ( Apollocl . 2,  1,  1.  Paus.  7,  1,  1.  2,  5,  5. 
Steph.  Byz.  s.  v.  Alyialoc).  Nach  sikyonischer 
Säge  war  Aigialeus  Gründer  und  erster  Herr- 
scher der  früher  nach  ihm  Aigialeia  benann- 
ten Stadt  Sikyon:  Paus.  2,  5,  5.  7,  1,  1.  Ma- 
lal.  Ghron.  4 p.  68  Bonn.  Curtius  Pelop.  2, 
484.  — 3)  Sohn  des  Adrastos  und  der  Demo- 
nassa.  Er  war  der  einzige  Epigone,  der  vor 
Theben  (von  Laodamas)  getötet  wurde  (Apol- 
lod. 1,  9,  13.  3,  7,  2 f.  Ilyg.  f.  71.  Paus.  9, 
5,7.  Find.  P.  8,  60 f.  u.  Schol.  Eur.  Suppl.  1216). 
In  Megaris  hatte  er  sein  Grab  und  ein  Heroon, 
das  sogen.  Aiyidlccov  (Paus.  1,  44,  7.  9,  19,  2). 
Die  Argiver  weihten  sein  Bild  nach  Delphi: 
Paus.  10, 10,  2.  Vgl.  Brunn,  Künstlerg.  1,  294. 

[Roscher  u.  Stoll.] 

Aigikoreus  (AiyiKOQSvg,  auch  -yg),  Sohn  des 
Ion,  Stammvater  und  Eponymos  der  attischen 
Phyle  der  AiyinoQskg:  Her.  5,  66.  Schol.  Dem. 
24,  18.  Steph.  Byz.  s.  v.  AlyvtiOQScog. 

[Roscher.] 

Aigikoros  (AlyUoqog) , Beiname  des  Pan: 
Nonn.  Dion.  14,  75.  [Roscher.] 

Aigilos  (AL'yilog),  Stammvater  und  Epony- 


mos des  attischen  Demos  Alyehd : Fidlem,  b. 
Ath.  14,  652  e.  Schol.  Theocr.  1,  145. 

[Roscher.] 

Aigimios  (Alyiyiog),  Sohn  des  Doros,  mythi- 
scher König,  Stammvater  und  Gesetzgeber  der 
. Dorer,  als  diese  noch  im  Norden  Thessaliens 
im  Peneiosthale  (Histiaiotis)  wohnten.  Vergl. 
Diod.  4,  37  58.  Herod.  1,  56.  Stroh.  427. 
Steph.  Byz.  s.  v.  AoIqiov).  Pindar  (P.  1 , 64) 
io  gedenkt  der  uralten  dorischen  Satzungen  des 
Aigimios,  nennt  die  Dorer  snyovoi  Alyiyiov 
und  läfst  ein  Heer  des  Aigimios  und  Hyllos 
die  Insei  Aigina  einnehmen  (P.  5,  72.  fr.  4. 
ed.  B.).  Als  Aigimios  von  den  Lapithen  unter 
Koronos  hart  bedrängt  wurde,  rief  er  Herakles 
zu  Hilfe  und  dieser  verschaffte  ihm  den  Sieg. 
Zum  Danke  dafür  adoptierte  er  Hyllos,  den 
Sohn  des  Herakles,  und  gab  ihm  dasselbe  Erb- 
teil wie  seinen  eignen  Söhnen  Dymas  und 
20  Pamphylos  (Anders  Schol.  Find.  P.  1,  121, 
der  Pamphylos,  Dymas  und  Doros  als  Söhne 
des  Aigimios  nennt.)  Dies  sind  die  Stammväter 
und  Eponymen  der  drei  dorischen  Phylen, 
der  Ilylleer,  Dymanen  und  Pamphylen  (Epho- 
ros  b.  Steph.  Byz.  s.  v.  Avyccvsg.  Apollod.  2, 
7,  7.  Strab.  9 p.  427'.  Diod.  4,  37.  58.  Paus. 
2 , 28 , 6).  Der  ganze  Mythos  von  Aigimios 
war  wohl  dargestellt  in  einem  uralten  Epos, 
das  geradezu  AlyCyiog  hiefs  und  bald  dem  He- 
30  siod,  bald  dem  Kerkops  von  Milet  .zugeschrie- 
ben wurde.  Vgl.  Epic.  Gr.  fr.  ed.  Kinkel  1, 
82  ff.  Müller , Dorier  1,  28  ff.  Westermann,  in 
Paulys  Bediene ,2  1,2,  229.  Vgl.  auch  C.  I. 
Gr.  5984c.  Vielleicht  hängt  der  Name  Aigi- 
mios mit  der  sonst  unbekannten  Stadt  Aiyi- 
fuco  zusammen,  deren  Suid.  und  Zonaras  ge- 
denken. [Roscher.] 

Aigina  (Ai'yivd),  Tochter  des  Flufsgottes  Aso- 
pos , Mutter  des  Aiakos  (s.  d.).  Sie  wurde 
io  ihrem  Vater  von  Zeus  (nach  Nonn.  D.  7,  211  ff. 
13,  201  ff.  24,  77  ff.  Clem.  Dom.  5, 13  in  Adler- 
gestalt, nach  Ov.  M.  6,  113  verwandelte  sich 
Zeus  in  Feuer)  entführt  und  nach  der  Insel 
Oinone  (Herod.  8,  46)  oder  Oinopia  (Find.  I. 
7,21(45).  Ov.  Met.  7,  472  ff.)  gebracht,  die  da- 
von den  Namen  Aigina  erhielt.  Apollod.  3, 
12,  6.  Find.  I.  7,  21.  Herod.  5,  80.  Eur. 
Iph.  A.  697.  Hyg.  f.  52.  155.  Nach  Apollod. 
1,  9,  3.  3,  12,  6.  Myth.  Vat.  1,  165  verriet 
50  Sisyphos  dem  Asopos  den  Entführer  seiner 
Tochter.  Auf  Aigina  gebar  sie  den  Aiakos  (s.  d.). 
Später  kam  sie  nach  Thessalien  und  heirathete 
hier  den  Aktor,  welchem  sie  den  Menoitios, 
den  Vater  des  Patroklos,  gebar:  Pind.  Ol.  9, 
104  und  Schol.  Nach  einer  andern  Überliefe- 
rung war  Menoitios  der  Sohn  der  Damokra- 
teia,  der  Tochter  der  Aigina,  und  des  Aktor 
(Schol.  Pind.  Ol.  9,  107).  Der  Raub  der  Ai- 
gina war  ein  beliebter  Gegenstand  der  grie- 
eo  chischen  Plastik.  So  berichtet  Paus.  5,  22,  4 
und  10,  13,  3 von  zwei  Darstellungen  des  Rau- 
bes, welche  die  Phliasier  noch  Olympia  und 
Delphi  geweiht  hatten.  Das  olympische  Bild- 
werk enthielt  viele  Figuren,  aufser  der  Aigina 
selbst  waren  noch  Zeus , Atropos  und  die 
Schwestern  der  Aigina,  Nemea,  Harpina,  Ker- 
kyra  und  Thebe  dargestellt.  Plin.  35,  122  er- 
wähnt ein  Gemälde  der  Aigina  von  Elasippos. 


L49 


150 


Aiginetes 

Erhalten  sind  uns  zwei  sichere  Darstellungen 
les  Raubes  auf  Vasen  (Mus.  Gregor.  2,  20  u. 
De  Witte,  Cat.  Durand  3).  Vgl.  Müller , Arcli. 
!51,  4 u.  Brunn  in  Paulys  Bealenc 2 1,  1,  234. 
Müller-  Wieseler , D.  d.  a.  K.  2,  47.  Preller, 
p\  M2  2,  394.  Mehr  b.  Overbeck,  Gr.  Kunst- 
nyth.  Zeus  S.  399  ff.  [Roscher.] 

Aiginetes  (. Alyivyrrig ) , Sohn  des  Bereites, 
Vater  des  Pelias  Paus.  7,  18,  5.  [Roscher.] 

Aigios  (Aiyiog),  Sohn  des  Aigyptos  Apollod.  n 
2,  1,  5.  [Roscher.] 

Aigipan  s.  Pan. 

Aigis  .(Aly tg),  der  aus  Homer  bekannte  Schild 
des  Zeus,  von  dem  dieser  Gott  den  Beinamen 
cäyio%o<;  erhalten  hat.  Wenn  Zeus  die  betrod- 
delte,  hellglänzende  Aigis  ergreift  und  schüt- 
telt, dann  hüllt  er  zugleich  den  Ida  in  Wolken 
und  blitzt  und  donnert  laut,  dafs  Schrecken 
und  Grausen  die  Menschen  erfafst  (II.  17,  593  ff.). 
Zeus  zürnt,  wenn  er  die  dunkle  Aigis  schüt-  21 
telt,  z.  B.  beim  Untergang  von  Troja  (II.  4, 
167).  Sonst  wird  die  Aigis  noch  von  Athene 
und  Apollon  geführt.  II.  5,  738  ff.  legt  Athene 
die  betroddelte  Aigis  um  die  Schultern , die 
furchtbare,  um  welche  ringsum  Phobos  (Flucht) 
dargestellt  ist,  auch  Eris  (Streit),  Alke  (Wehr- 
kraft) und  die  schauerliche  loke  (Verfolgung) 
ist  darauf,  endlich  das  Gorgeische  Haupt  des 
schrecklichen  Ungeheuers , furchtbar  und  ent- 
setzlich , des  ägisführenden  Zeus’  Zeichen.  31 
Nach  11.  2,  446  ff.  ist  die  Aigis,  welche  Athene 
trägt,  unsterblich,  an  ihr  hängen  hundert  gol- 
dene Troddeln,  alle  wohlgeflochten,  jede  hun- 
dert Rinder  wert ; damit  fährt  die  Göttin 
blitzend  durch  das  Volk  der  Achäer  und  treibt 
sie  an.  In  der  Götterschlacht  trifft  Ares  sie 
auf  die  Aigis,  die  betroddelte,  furchtbare,  die 
auch  Zeus’  Blitz  nicht  bewältigt  (II.  21,  400). 
Als  Apollon  auf  den  Befehl  des  Zeus  die  Ai- 
gis in  die  Hände  nahm  und  gegen  die  Achäer  4 
schüttelte,  flohen  diese  (II.  15,  229);  mit  ihr 
bewehrt  schritt  der  Gott  vor  Hektor  her,  um 
die  Schultern  eine  Wolke,  und  hielt  die  stür- 
mische Aigis  , die  furchtbare  , dichtbesetzte, 
prächtige , die  Hephaistos  dem  Zeus  gab , sie 
zu  tragen  im  Krieg  der  Männer  (307 ff.);  so 
lange  Apollon  die  Aigis  ruhig  hielt,  stand  der 
Kampf  gleich;  da  er  aber,  den  Danaern  ins 
Antlitz  schauend,  sie  schüttelte  und  laut  da- 
zu rief,  flohen  sie  (318ff.).  Mit  goldner  Aigis  5' 
hüllt  Apollon  den  Leichnam  Hektors  ganz  ein 
(II.  24,  20).  Vgl.  v.  Sybel,  Myth.  d.  Ilias  252. 
Zweifelhaft  ist  es , ob  Homer  sich  die  Aigis 
als  ein  Ziegenfell  oder  als  einen  Schild  oder 
endlich  als  eine  Art  Panzer  gedacht  hat,  doch 
scheinen  namentlich  die  Ausdrücke  rivdaasiv 
und  TZSQi  d’  alyldi  navzu  ndlvnztv  (II.  24,  20) 
für  die  erstgenannte  Gestalt  zu  sprechen  (vgl. 
Bader  in  Fleckeisens  Jalirb.  1878  S.  578 ff. ). 
Wahrscheinlich  klingt  die  homerische  Vorstei-  6 
lung  noch  in  den  älteren  Bildern  der  Athene 
nach.  In  der  Regel  erscheint  nämlich  hier 
die  Aigis  als  ein  grofses  mantelähnliches  Fell, 
meist  geschuppt,  statt  der  Troddeln  mit  Schlan- 
gen umsäumt,  mit  dem  Gorgoneion  besetzt  und 
so  um  die  Schultern  geworfen,  dafs  es  zum 
Teil  die  Brust  deckt , zum  Teil  am  Rücken 
weit  herabhängt,  und  dafs  es,  über  den  lin- 


Aigis 

ken  Arm  geschlagen,  als  Schild  dienen 
kann.“  Vgl.  die  alterthümlichen  Athenesta- 
tuen bei  Müller-  Wieseler,  Denhn.  d.  a.  K.  1, 
34,  36,  37.  2,  229  u.  230,  sowie  die  Athene 
der  äginetischen  Giebelgruppe  ebenda  l,Taf.  Of. 
Später  „wird  die  Aigis  immer  mehr  zusammen- 
gezogen und  wird  zu  einem  an  der  Brust  an- 
liegenden meist  geschuppten  Panzer , der  in 
der  Mitte  das  Gorgoneion  trägt  (vgl.  Herod. 
4,  189).  Öfter  ist  die  Aigis  nur  angedeutet 
durch  das  Gorgoneion  und  Schlangen  am  Saume 
des  Gewandes  um  den  Hals  wie  bei  der  Athene 
von  Velletri“  (vgl.  die  Bildwerke  bei  Müllcr- 
Wieseler  2 Taf.  19—221.  Bei  dem  Apollon  vom 
Belvedere  und  dem  Apollon  Stroganoff  ist  sie 
nur  als  ein  beutelartig  mit  der  geschlossenen 
Linken  zusammengeprefstes  Tierfell  zu  denken 
(0.  Jalm,  Aus  d.  Altert umswissenscli.  S.  273. 
Wieseler,  Apollon  Stroganoff  S.  10.  Vgl.  jetzt 
auch  Kieseritzky  in  Arcli.  Ztg.  1883  Heft  1). 
Wahrscheinlich  ist  die  Aigis,  wie  schon  der 
Name  lehrt,  ursprünglich  als  ein  mit  Troddeln 
versehenes  Ziegenfell  (vgl.  alyiöei  auqndu- 
osiav  II,  0 , 309  u.  Schol.)  zu  fassen  , das  in 
der  ältesten  Zeit  oft  die  Stelle  eines  Schil- 
des vertreten  mochte  (vgl.  Paus.  4,  11,  3. 
Schol.  Ap.  Bh.  1 , 324.  Blut.  Alcib.  39.  Lie. 
25,  16.  Rom.  II.  5,  453.  Herod.  7,  91).  So 
zeigt  auch  eine  Gemme  bei  Müller- Wieseler 
2,  24  einen  jugendlichen  Zeus , der  sich  die 
Linke  mit  der  Aigis  umwickelt  hat.  Um  die 
Aigis  als  Waffe  des  Zeus  und  der  Athene 
zu  motivieren , existirten , so  viel  wir  wis- 
sen, zwei  Mythen.  Nach  Hygin.  Poit.  Ast.  2, 
13  u.  Enatosth.  Cat.  13  nahm  Zeus,  als  es  ihm 
zum  Kampfe  mit  den  Giganten  (Titanen)  an 
Waffen  gebrach , das  unverletzbare  mit  dem 
Haupte  der  Gorgo  versehene  Fell  der  Ziege, 
die  ihn  gesäugt  hatte.  Nach  Diod,  3,  70  da- 
gegen war  Aigis  ein  schreckliches,  Flammen 
sprühendes  Ungeheuer,  das  Phrygien,  den  Tau- 
rus, Libanon,  Libyen  und  zuletzt  die  Waldun- 
gen des  Keraunischen  Gebirges  verheerte,  wo 
es  von  Athene  erlegt  wurde,  die  nun  sein  Fell 
als  Brustharnisch  trug. 

Deutung.  Dafs  die  Aigis  nur  als  Symbol 
der  dunkeln , furchtbaren  , Sturm  , Blitz  und 
Donner  mit  sich  bringenden  Wetterwolke  ver- 
standen werden  kann,  geht  aus  folgenden  Er- 
wägungen hervor.  1)  Noch  bei  Aschylos  (Clio. 
594)  bedeutet  aiyig  eine  Wetterwolke,  Aristo- 
teles bezeichnet  den  Orkau  oft  mit  naraiyig, 
und  aiyi'Qsiv,  narcayi^eiv  bedeutet  ursprünglich 
das  Niederfahren  des  Sturmes  aus  den  Wol- 
ken (vgl.  Boscher,  Die  Gorgonen  S.  125  A.  266). 
— 2)  wird  die  Aigis  deutlich  mit  Gewitterer- 
scheinungen in  Verbindung  gesetzt  (II,  P 593  ff. 
D 203  ff.  Verg.  Aen.  8,  352  ff.  Sen.  Agam.  548  ff. 
Sil.  It.  12,  720.  — 3)  Die  Schlangen  oder  Trod- 
deln bedeuten  Blitze,  das  Gorgoneion  ist  das 
hauptsächlichste  Symbol  des  Gewitters  (Bo- 
scher a.  a.  O.  64ff.  u.  13 ff.).  — 4)  Die  home- 
rischen Epitheta  tQsyvri  (vgl.  viytci  sgsßsvvci 
u.  s.  w.) , Seivy,  [KXQfiKQsri  deuten  ebenfalls 
unverkennbar  auf  furchtbare  , blitzglänzende, 
dunkle  Wetterwolken  hin.  Literatur:  Stoll 
in  Paulys  Bealenc ,a  1,  1,  236.  Preller,  Gr. 
Myth.2 1,  94.  Lauer,  Syst.  d.  gr.  Mythol.  S.  192. 


151  Aigisteas 

Creuzer,  SymbÄ  4,  364.  Gerhard , Gr.  Myth. 
202,  1.  Welcher,  Gotterl.  1,  § 167.  Roscher 
a.  a.  0.  S.  124f.  Bader  in  Fleckeisens  Jahrb. 
1878  S.  57714.  Stengel  ebenda  1882  S.  51814'. 

[Roscher.] 

Aigisteas  oder  Aigistaios  {AlytazEug,  Alyi- 
gzcciqs),  Sohn  des  Midas.  Sprichwörtlich  war 
geworden  die  Redensart  Alyiarsov  ngSrgiu  von 
einem  kühnen  Unternehmen  ( Kallisthenes  b. 
Apost.  1,  58b.  u.  Arsen.  1,  99).  Wahrschein-  io 
lieh  ist  Aigisteas  mit  Anchuros  (s.  d.)  iden- 
tisch, da  von  beiden  genau  derselbe  Mythus, 
an  die  Sage  von  M.  Curtius  erinnernd,  erzählt 
wurde.  [Roscher.] 

Aigisthos  (Ai'yiop-og),  Sohn  des  Thyestes,  und 
(nach  tragischer  Überlieferung;  vgl.  Soph.  fr. 
227  IST.)  seiner  Tochter  Pelopia.  Thyestes 
schändete  seine  Tochter  nach  dem  Rate  eines 
Orakels  gewaltsamer  Weise  (als  sie  eben  in 
einer  finstern  Nacht  zu  Sikyon  der  Athene  ge-  20 
opfert  hatte),  ohne  jedoch  von  ihr  erkannt  zu 
werden.  Die  Pelopia,  welche  bald  darauf  den 
Atreus  heirathete,  setzte  den  aus  jener  Blut- 
schande entsprossenen  Aigisthos  gleich  nach 
der  Geburt  aus ; doch  wurde  er  von  Hirten 
aufgefunden  und  mit  Ziegenmilch  genährt,  da- 
her sein  Name.  Später  wurde  er  von  Atreus, 
der  ihn  für  seinen  eigenen  Sohn  hielt,  erzogen. 

Da  Pelopia  in  der  für  sie  verhängnisvollen 
Nacht  dem  Thyestes  sein  Schwert  abgenom-  30 
men  und  es  dem  Aigisthos  gegeben  hatte,  so 
wurde  dieses  Schwert  später  zum  Verräter  der 
Schandthat.  Als  nämlich  Thyestes  in  die  Ge- 
walt des  Atreus  geraten  war,  wurde  Aigisthos 
von  diesem  mit  jenem  Schwerte  ahgesandt, 
seinen  Vater  zu  töten.  Thyestes  erkannte  das 
Schwert  als  sein  Eigentum  und  frug  den  Ai- 
gisthos erstaunt,  woher  er  es  habe.  Als  nun 
dieser  antwortete,  er  habe  es  von  seiner  Mut- 
ter , veranlafste  Thyestes  den  Aigisthos  die-  ^0 
selbe  zu  holen  und  enthüllte  beiden  das  Ge- 
heimnis seines  Verhältnisses  zu  ihnen.  Dar- 
auf stiefs  sich  Pelopia  entsetzt  das  Schwert 
in  die  Brust,  Aigisthos  aber  tötete  den  Atreus, 
welcher  gerade  am  Ufer  des  Meeres  opferte, 
und  beherrschte  nun  zusammen  mit  Thyestes 
das  grofsväterliche  Reich.  Vgl.  Hy  gm.  /'.  87, 
88,  252,  der  aus  Tragödien  des  Sophokles  (vgl. 
Fr.  ed.  Hauch  p.  127.  146.  161.  231)  und 
Euripides  {Fr.  395  H.  vgl.  aufserd em  Nauck  50 
a.  a.  0.  p.  737  unter  (dvlczyg ) geschöpft  zu 
haben  scheint:  Preller,  gr. M. 2 2.389,  2.  Ael.  v. 
h.  12,  42.  Ov.  Ib.  361.  Dio  Chrys.  66,  6 p.  221 D. 
SenecaAg.  3(X  Mythogr.  Val.  1,22).  Etwasan- 
ders erzählt  Aschylos  Agam.  1583  ff.  den  Mythus. 
Nach  ihm  wurde  Aigisthos  , der  dritte  Sohn 
des  Thyestes,  als  kleines  Kind  mit  seinem 
Vater  vom  Atreus  vertrieben  und  kehrte  spä- 
ter mit  dem  Vorsatze  der  Rache  zurück.  Bei 
Homer  findet  sich  noch  nichts  von  allen  die-  eo 
sen  Sagen , die , wie  es  scheint , auf  späteren 
Epikern  und  Tragikern  beruhen  und  dem  Be- 
dürfnisse, die  Frevel  im  Hause  des  Agamem- 
non auch  in  das  frühere  Geschlecht  zurückzu- 
tragen, entsprungen  sein  mögen  (vgl.  Welcher, 
Gr.  Trag.  1,  358 ff.  Stoll  in  Paulys  Jlealenc.1 
1,  2,  2044,  Preller  gr.  M.2  2,  389).  Nach  Od. 

4,  517  ff.  herrschte  Aigisthos  nach  Thyestes’ 


Aigisthos  152 

k 

Tod  in  Mykenai  {dyQov  Iti  toyazu)v,  0Q1  d\6- 
fiazcc  vazE  OvEGzgg  zo  tiqlv , dzdg  zoz’  tveas 
GvsGziccSyg  Ai'yiG&og).  Während  der  Abwesen- 
heit des  Agamemnon  suchte  Aigisthos  dessen 
Gemahlin  Klytaimnestra  zu  verführen,  doch 
anfangs  vergeblich , so  lange  ihr  eiu  edler 
Sänger  als  ratender  und  belehrender  Haus- 
freund zur  Seite  stand.  Als  es  Aigisthos  ge- 
lungen war,  diesen  zu  beseitigen,  sträubte  sich 
auch  Klytaimnestra  nicht  mehr,  und  Aigisthos 
war  frech  genug  den  Göttern  für  das  endliche 
Gelingen  seiner  Schandthat  Dankopfer  und  Ge- 
schenke darzubringen  (Od.  3, 263  ff.  Ath.  14b).  Da- 
rauf stellte  er  eine  Wache  am  Ufer  aus,  um 
nicht  unvermutet  von  Agamemnon  mit  seinen  er- 
probten Kriegern  überrascht  zu  werden,  ging 
ihm,  als  jener  gelandet  war,  mit  erheuchelter 
Freundschaft  entgegen,  bereitete  ihm  ein  Mahl 
und  liefs  ihn  mit  seinen  Begleitern  während 
des  Schmauses  von  zwanzig  in  einen  Hinter- 
halt gelegten  Männern  ermorden.  Noch  zu 
Pausanias’  Zeit  zeigte  man  in  Mykenai  die 
Gräber  des  Agamemnon,  der  Kassandra,  ihrer 
beiden  Söhne  Teledamos  und  Pelops  und  des 
Wagenlenkers  Eurymedon,  welche  ebenfalls 
von  Aigisthos  ermordet  wurden  {Od.  4,  524  ff. 
1 , 35.  3,  234.  4,  91.  11,  387.  24,  22.  97. 

Aristot.  Pepl.  1,  2 ed.  B.  Paus.  2,  16,  5).  Nach 
Hygin.  f.  117  töteten  Aigisthos  und  Klytai- 
mnestra den  Agamemnon,  als  er  gerade  den 
Göttern  ein  Dankopfer  für  seine  glückliche 
Rückkehr  darbrachte,  mit  Beilen  (vgl.  das  von 
Overbeck,  Gail.  her.  Bildw.  S.  680  besprochene 
Bildwerk;  mehr  unter  Agamemnon  oben  S.  95). 
Nach  dem  Morde  des  Agamemnon  herrschte  Ai- 
gisthos sieben  Jahre  über  Mykenai,  im  achten 


Orestes  tütet  d.  Aigisthos  (v.  e.  Vasenbilde  b. 
Overbeck,  Gail.  T.  28,  10). 

kehrte,  wie  es  dem  Aigisthos  schon  vorher  durch 
Hermes  verkündigt  worden  war  {Od.  1 , 30), 
Orestes  zurück  und  rächte  den  Mord  seines  Va- 
ters {Od.  3,  305  ff.  Aesch.  Gho.  931  ff.  Soph.  Fl. 
1495  ff.  Für.  Fl.  840  ff'.  Hyg.  f.  119.  Ptol.  H.  4. 
S.  auch  den  Artikel  Orestes).  Bildliche  Dar- 
stellungen des  Aigisthos  finden  sich  auf  etru- 
skischen Äschenkisten,  welche  en  relief  die  Er- 
mordung des  Agamemnon  darstellen  {Overbeck, 
Gail.  S.  682),  sowie  in  Gemälden,  Vasenbildern 
und  Reliefs,  auf  denen  die  Rache  des  Orestes 
abgebildet  ist  {Overbeck  S.  694 ff.  Mon.  d.  Inst. 
5,  t.  56.  Robert,  Bild  u.  Lied  149.).  Vgl.  auch 
C.  I.  Gr.  2374.  7701.  8419.  Auf  dem  bei- 


53 


154 


Aigle 

teilenden  Sarkophagrelief  aus  dem  Palast  Circi 
,i  Rom  (abgeb.  b.  Overbeck,  Gail.  T.  28,  9 ; vgl. 
\Ius.  Pio-Glem.  5,  tau.  d'agg.  A No.  6)  wird 
dgistlios  auf  dem  Throne  von  Pylades  geto- 
st , während  Orestes  die  Mutter  mit  dem 
■chwerte  ersticht.  „Zugleich  greift  von  der 
ndern  Seite  Elektra  den  Buhlen  ihrer  Mutter 
,n,  gegen  dessen  Haupt  sie  einen  Schemel  mit 
fierklauen  als  die  erste  beste  Waffe,  die  zur 
Iand  ist,  erhebt.  Die  hinter  Pylades  herbei-  io 
ilende  Frau  kann  als  Chrysothemis  gelten; 
len  darauf  folgenden  Mann  werden  wir  als 


Aigyptios 

kedämon  in  Athen  eingewanderten  Hyakintbos 
(s.  d.).  Sie  wurde  am  Grabe  des  Kyklopen 
Geraistos  zur  Abwehr  einer  zur  Zeit  des  Mi- 
nos wütenden  Pest  samt  ihren  Schwestern  ge- 
opfert, Apollod.  3,  15,  8.  [Roscher.] 

Aigokeros  (Aiyonigcog),  1)  Beiname  des  Pan, 
dessen  Haupt  Ziegenhörner  trug:  Hygin.  /'.  196. 
— 2)  Der  Steinbock  im  Tierkreise  (lat.  Capri- 
cornus)  IjUct.  5,  013.  Germ.  Arat.  407  ff.  Egss. 
Lucan.  9,  537.  10,  213.  Vgl.  Hygin.  f.  19G. 

[Roscher.] 

Aigolios(diyoiltdg),  ein  Kreter,  der  mit  Laios, 


Relief  des  Sarkopliages  im  Palazzo  Circi  (Rom),  vgl.  Overbeck  a.  a.  O.  S.  698 ff. 


■inen  entweichenden  Therapon  oder  Leibwäch- 
ter des  Aigisthos  fassen  dürfen,  die  auf  die- 
sen folgende  Frau  als  eine  Haussklavin.  Eben- 
so kräftig  ist  die  Gruppe  des  die  Mutter  er- 
mordenden Orestes  gedacht.  Der  Sohn  hat 
die  Mutter  zu  Boden  geworfen  und  an  den 
Haaren  ergriffen , er  kniet  auf  ihren  Schenkel 
and  zückt  das  Schwert  gegen  ihren  entblöfs- 
ten  Hals.  Die  hinter  KJytaimnestra  erschei-  40 
nende  Frau  ist  vielleicht  eine  Dienerin.“  Die 
Deutung  der  übrigen  Figuren  ist  nicht  ganz 
ncher  (vgl.  Overbeck , Bildw.  z.  tlieb.  u.  tr. 
Heldenkreis  698 ff".).  [Roscher.] 

Aigle  (Aiyhr]),  1)  Gemahlin  des  Helios  und 
Mutter  der  Chariten,  eine  Naiade:  Antimachos 
Ix  Paus.  9,  35,  5.  Verg.  Ecl.  0,  20  f.  — 2) 
Eine  der  Hesperiden  (s.  d.)  Apollod.  2,  5,  11. 
Ap.  Hh.  4,  1428  ff.  Hesiod.  b.  Serv.  z.  Verg. 
Aen.  4,  484.  Hygin.  f.  praef.  p.  2GB.  — 3)  50 
Tochter  des  Helios  und  der  Klymene  (oder 
Rhode,  Schol.  Od.  17,  208).  Sie  wurde  mit 
ihren  Schwestern  , den  sogen.  Heliaden,  beim 
Tode  ihres  Bruders  Phaethon  (s.  d.)  in  eine  Pap- 
pel verwandelt;  vgl.  Hesiod.  b.  Hygin.  f.  154  u. 
15G.  Heracl.  de  incred.  36.  Westermann,  Mythogr. 
p.  345,  14.  Vgl.  Wieseler,  Phaethon  Gott.  1857 
S.  5 und  die  bildlichen  Darstellungen  ebenda. 

— 4)  Tochter  des  Asklepios  (Schol.  Ar.  Plut. 
701.  Plin.  n.  h.  35,  137),  der  selbst  alyhjsig,  ßo 
ülyluriQ  heilst  (Hesych.).  Vgl.  Welcher,  Göt- 
terl.  2,  742  ff.  — 5)  Tochter  des  Panopeus,  Ge- 
mahlin des  Theseus,  der  aus  Liebe  zu  ihr  die 
Ariadne  verliefs  Hesiod.  b.  Plut.  Thes.  20  u. 
29.  Hesiod  u.  Kerkops  b.  Athen.  557a.  — 6) 
Eine  der  thrakischen  Bakchantinnen,  Amme  des 
Bakchos  Nonn.  Dion.  14,  221.  [Roscher], 
Aiglcis  (Aiylry 's),  eine  Tochter  des  aus  La- 


Keleos  (?)  und  Kerberos  in  die  Geburtsgrotte 
des  Zeus,  worin  die  heiligen  Bienen  hausten, 
eindrang,  um  Honig  zu  stehlen.  Zeus  stand 
im  Begriff  sie  mit  dem  Blitzstrahle  niederzu- 
schmettern, als  Themis  und  die  Moiren  da- 
zwischentraten , da  in  jener  Höhle  niemand 
sterben  durfte.  Darauf  verwandelte  Zeu?  alle 
vier  Räuber  in  Vögel:  den  Aigolios  in  eine 
Nachteule  (aiycoltög),  den  Laios  in  eine  Dros- 
sel (leuog),  den  Keleos  (?)  in  einen  Strandläu- 
fer (Kf/Ubg,  Y.ohnog‘t) , den  Kerberos  in  einen 
Kerberos  (?).  Vgl.  Boios  b.  Anton.  Lib.  19. 
Deutung:  Wahrscheinlich  ist  der  ganze  My- 
thus der  schon  von  den  Alten  gemachten  Be- 
obachtung entsprungen,  dafs  gewisse  Vögel- 
arten den  Bienen  schädlich  sind:  Aristot.  ed. 
Didot.  3,  198,  24 ff.  Plin.  11,  61.  [Roscher.] 
Aigypios  (Aiyvniog),  Sohn  des  Antheus  und 
der  Bulis,  liebte  eine  Witwe  Namens  Timan- 
dra,  deren  Sohn  Neophron  den  Aigypios  listig 
zu  täuschen  wufste,  so  dafs  er  einmal  seiner 
eigenen  Mutter  statt  der  Timandra  beiwohnte. 
Als  nun  die  Bulis  ihren  und  ihres  Sohnes  Irr- 
tum erkannte , wollte  sie  dem  Aigypios  die 
Augen  ausstechen  und  ihren  Sohn  töten;  doch 
Zeus  erbarmte  sich  ihrer  und  verwandelte  sie 
in  Vögel:  den  Aigypios  und  Neophron  in  Geier 
(uiyvnLoi) , die  Bulis  in  einen  Wasservogel 
Ouävy'g),  die  Timandra  in  eine  Meise  (cdyiQ-al- 
lo g).  Vgl.  Boios  b.  Anton.  Jnb.  5.  Deutung: 
Auch  diese  Sage  beruht  auf  gewissen  Eigen- 
tümlichkeiten der  genannten  Vögel.  Der  Poynx 
oder  Phoynx  frifst  nämlich  besonders  die 
Augen  der  von  ihm  erbeuteten  Tiere  und  ist 
ein  wütender  Feind  gewisser  Raubvögel  ( An- 
ton. l.ib.  a.  a.  O.  Aristot.  ed.  Didot.  3,  185, 
6f.).  [Roscher.] 


155 


156 


Aigyplios 

Aig'yptios  ( Aiyvnriog ),  ein  greiser  Ithake- 
sier,  Freund  des  Odysseus  und  Telemachos, 
der  die  von  Telemachos  berufene  Volksver- 
sammlung eröffnete.  Aigyptios  war  Vater  von 
vier  Söhnen.  Der  erste,  Antiphos,  folgte  dem 
Odysseus  nach  Troja  und  wurde  später  vom 
Polyphemos  getötet , der  zweite  , Eurynomos, 
befand  sich  unter  den  Freiern  der  Penelope, 
der  dritte  und  vierte  bewirtschafteten  das  Gut 
des  Vaters:  Hom.  Od.  2,  1 5 ff.  [Roscher.]  x 

Aigyptos  (Ai'yvnrog),  1)  Sohn  des  Belos  und 
der  Anchinoe  Apollod.  2,  1,  4,  oder  Anchi- 
rhoe  Scliol.  Flat.  Tim.  p.  25  B (falsch  b.  Tzetz. 
Lylcoplir.  1155  Achii-oe);  Enkel  des  Poseidon 
und  der  Libya  ( Apollod . Schol.  II.  1,  42),  Bru- 
der des  Danaos,  (nach  Eurip.  b.  Apollod.  auch 
des  Kepheus  und  Phineus),  König  von  Ägypten. 
Nach  Gharax  b.  Steph.  Byz.  v.  Aiy  war  er  Sohn 
der  Aeria  (s.  d.),  die  auch  Potamitis  hiefs,  nach 
Antioch.  in  Müller,  fr.  h.  gr.  4 p.  544,  15  Sohn  2 
der  Side;  Blut,  de  fluv.  1157,  10  ff.  nennt  ihn 
Sohn  des_  Hephaistos  und  der  Leukippe.  Als 
dereinst  Ägypten  von  grofser  Trockenheit  heim- 
gesucht wurde,  gab  der  pytkische  Gott  den 
Bescheid,  nur  durch  das  Opfer  der  Königs- 
tochter könne  das  Unglück  abgewendet  werden. 
Da  führte  Aigyptos  seine  Tochter  Aganippe  zum 
Altar  und  stürzte  sich  nach  ihrer  Opferung  aus 
Betrübnis  in  den  Flufs  Melas  (Nil),  der  dann  von 
ihm  den  Namen  Aigyptos  bekam  (Blut.  a.  a.  3 
0.).  Nach  Manetho  b.  Ioseph.  c.  Apion.  1,  15 
wurde  er  identificiert  mit  dem  ägyptischen 
König  Sethosis  oder  Sethos,  sein  Bruder  Da- 
naos mit  jenes  Bruder  Armais  (ibid.  1,  26), 
Eusebios  b.  Synlcell.  Glironogr.  155  B.  dagegen 
identificiert  ihn  mit  Ramesses,  den  Danaos 
mit  Armais.  Mehr  bei  Heimisch  in  Baulys 
RE.  jx.  Aegyptus  p.  327  ff.  — Nach  Apollod. 
(a.  a.  0.)  weist  Belos  dem  Danaos  Libyen, 
dem  Aigyptos  Arabien  als  Aufenthalt  an;  der  4 
letztere  selbst  erobert  das  Land  der  Melarn- 
poden  dazu.  Von  vielen  Frauen  werden  ihm 
50  Söhne  geboren  (vgl.  jedoch  Müller,  fr.  h.  gr. 

4,  432,  1.  Tzetz.  Chil.  7,  368  ff.),  dem  Danaos 
50  Töchter.  Später  geraten  sie  unter  einander 
in  Zwietracht  wegen  der  Herrschaft.  Nach- 
dem Aigyptos  das  Land  der  Schwarzfüfsler 
unterworfen,  fängt  er  an  seinen  Bruder  Danaos 
zu  bedrängen,  dieser  baut  auf  Rat  der  Athene 
das  erste  fünfzigrudrige  Schiff,  macht  sich  5 
aus  Furcht  vor  des  Aigyptos  Söhnen  mit  seinen 
Töchtern  auf  die  Flucht  und  kommt  schliefs- 
lich  in  Argos  an.  Die  Söhne  des  Aigyptos 
(nach  Bhrynich.  fr.  1 Nauclc  auch  Aigyptos 
selbst)  folgen  ihnen  aber  nach,  wünschen  die  Bei- 
legung der  Feindschaft  und  werben  zu  diesem 
Zwecke  um  die  Töchter  des  Danaos.  Dieser, 
mifstrauisek  und  wegen  der  Flucht  grollend, 
ist  zunächst  abgeneigt,  willigt  aber  schliefs- 
lich  ein.  So  fiel  1)  die  ILypermnestra  dem  Lyn-  s 
keus*)  ohne  Los  zu,  desgleichen  2)  die  Gor- 
gophone  dem  Proteus,  weil  diese  beiden  Söhne 
dem  Aigyptos  aus  königlichem  Geblüte,^  von 
der  Argyphia  (Argypke  Tzetz.  Chil.  7,  372), 

*)  „Lynkeus  erlöste  auch  die  Kalyke“;  in  dem  Ver- 
zeichnis b.  Ajjolloclor  scheint  dies  fälschlicher  Zusatz  zu 
sein,  weil  sich  sonst  51  Töchter  des  Danaos  ergeben,  s. 
Westermann  zu  Apollod.  a.  a.  0. 


AigyptöS 

geboren  waren.  Die  übrigen  bestimmte  das 
Los  zu  folgenden  Paaren:  3.  Busiris  und 

Automate.  4.  Enkelados  und  Amymone.  5. 
Lykos  und  Agaue.  6.  Daiphron  und  Skaie. 
7.  Istros  und  Hippodameia.  8.  Chalkodon 
und  Rhodia.  9.  Agenor  und  Kleopatra.  10. 
Chaitos  und  Asteria.  11.  Diokorystes  und 
Hippodameia  (Pliolodameia).  12.  Alkis  und 
Glauke.  13.  Alkmenor  und  Hippomedusa.  14. 
Hippothoos  und  Gorge.  15.  Euchenor  und 
Iphimedusa.  16.  Hippolytos  und  Rhode.  17. 
Agaptolemos  und  Peirene.  18.  Kerkestes  und 
Dorion.  19.  Eurydamas  und  Pharte.  20.  Aigios 
xxnd  Mnestra.  21.  Argios  und  Euippe.  22.  Ar- 
chelaos und  Anexibie.  23.  Menachos  und  Nelo. 

Ohne  Los  wurden  nach  der  Gleichheit  des 
Namens  verbunden:  24.  Kleitos  und  Kleite. 

25.  Sthenelos  und  Sthenele.  26.  Chrysippos  und 
Chrysippe.  Dann  wieder  durchs  Los  bestimmt: 
27.  Eurylochos  und  Autonoe.  28.  Phantes  und 
Theano.  29.  Peristhenes  und  Elektra.  30.  Her- 
mos  und  Kleopatra.  31.  Dryas  und  Eurydike. 
32.  Potamon  und  Glaukippe.  33.  Kisseus  und 
Antheleia.  34.  Linos  und  Kleodore.  35.  Im- 
bros  und  Euippe.  36.  Bromios  und  Eui'oto. 
37.  Polyktor  und  Stygne.  38.  Clithonios  und 
Bryke.  39.  Periphas  und  Aktaia.  40.  Oineus 
xxnd  Podarke.  41.  Aigyptos  und  Dioxippe.  42. 
Metalkes  uxxd  Aclyte.  43.  Lampos  und  Oky- 
pete.  44.  Idnxoii  und  Pylarge.  45.  Idas  und 
Hippodike.  46.  Daipkroix  und  Adiante.  47. 
Pandion  und  Kallidike.  48.  Arbelos  und  Oime. 
49.  Hyperbios  und  Kelaino.  50.  Hippokorystes 
und  Hyperipte  (Apollod.  2,  1,  4.  Das  Ver- 
zeichnis bei  Hygin  f.  170  ist  anders,  aufser- 
dem  lückenhaft;  s.  die  Ausg.  v.  Schmidt  p.  32 ff). 

Als  xxun  auf  diese  Weise  die  Danaiden  ver- 
heiratet waren,  gab  Danaos  einer  jeden  einen 
Dolch  mit  der  Weisung,  ihren  Ehemann  in 
der  Brautnacht  zu  ermorden.  Alle  vollzogen 
dexx  Befehl  mit  Ausnahme  der  Hypermnestra, 
die  des  Lynkeus  schonte,  weil  er  ihre  Jung- 
fräulichkeit nicht  axxgetastet.  Dafür  liefs  sie 
Danaos  einkerkern  und  bewachen.  Die  übrigen 
Schwestern  aber  warfen  die  Köpfe  ihrer  Ver- 
mählten ixx  den  Lernasee,  begruben  die  Lei- 
chen vor  der  Stadt,  uixd  wurden  dann  auf  Be- 
fehl des  Zeus  voix  Athene  uxxd  Hermes  von 
ihrer  Schuld  gereinigt.  Nach  Baus.  2,  24,  3 
waren  umgekehrt  die  Leichen  in  den  See  ge- 
worfen worden,  weil  dort  der  Mord  begangen 
war  (daher  das  SprüchwortHapvxj  v-ccuüv.  Strabo 
371.  Zenob.  4,  86),  und  die  Köpfe,  welche  die 
Danaiden  abgeschlagen  und  als  Beweis  der 
vollzogenen  Tlxat  dem  Vater  übevbracht  hatten, 
auf  denl  Wege  zur  Akropolis  beerdigt  worden.- 
An  derselben  Stelle  befand  sich  ein  Denkmal 
zur  Erinnerung  an  die  Gemordeten.  Nach 
einer  Sage  der  Patraier,  deren  Baus.  7,  21, 
6 gedenkt,  floh  Aigyptos  aus  Furcht  vor  Da- 
naos nach  Aroe  und  starb  dort  aus  Gram 
über  das  Leid  seiner  Söhne.  Ein  Denkmal 
für  ihn  war  im  Tempel  des  Serapis  zu  Pa- 
trai.  Spi'ichwörtlich  war  Aiyvmov  yccyo g von 
dexx  zu  ihrem  Unglück  Vermählten.  Biogen. 
2,  55  u.  Apost.  5,  24.  — Aufs  er  den  vorauf- 
gehenden Citaten  möge  der  Vollständigkeit 
wegen  noch  Aesch.  fr.  42  N.  Arist.  ran.  1206, 


157 


Aineias  b.  Homer 


158 


Aigyros 

Plato  Menex.  245d,  Aesch.  Suppl.  9,  322,  334 
u.  ö.  erwähnt  sein.  Die  weitere  Variation  der 
Sage  nach  Paus.  Hygin.  u.  s.  w.  s.  unter  Danaos. 
Die  Deutung  ist  verschieden,  vgl.  Preller  2,  45  ff., 
Reinisch.  a.  a.  0.,  Gerhard  GM.  2,  134.  Aufser- 
lem  s.  den  Artikel  Danaiden.  — 2)  Aigyptos 
ein  Sohn  des  Obigen;  s.  Nr.  4L  [Bernhard.] 
Aigyros  ( Aiyvgog ),  nach  sikyonischer  Sage 
ein  Sohn  des  Thelxion  und  Vater  des  Thuri- 
machos , Abkömmling  des  Aigialeus  (s.  d.),  n 
Paus.  2 , 5 , 7.  Seine  Ahnenreihe  war  nach 
Paus.  a.  a.  0.  folgende:  Aigialeus,  Europs, 
Teichin,  Apis,  Thelxion.  Aigyros’  Enkel  war 
Leukippos,  der  Vater  der  Kalchinia.  [Roscher.] 
Aiius  oder  Aiioragatus(?),  altspanische  Gott- 
heit auf  einer  Inschrift  aus  Clunia  Sulpicia 
(Penalba  de  Castro)  Hisp.  Tarag. , C.  I.  L.  2. 
2772:  Aiioragato  L.  Aemilius  Quartio  Lapi- 
dariu  v.  s.  I.  m.  [Steuding.] 

Alklos  (’ÄixXog),  Bruder  des  Ellops  und  2 
Kothos,  aus  Athen,  Gründer  von  Eretria.  Strah. 
p.  321.  445.  447;  Scxjmn.  575;  Alcrn.  66  (26) 
ed.  Bergk;  Steph.  Byz.  s.  v.  ’Ehv&sgig.  Nach 
Flut,  (pme st.  gr.  22  war  er  Sohn  des  Xuthos. 

[Schultz.] 

Ailinos  (Ai'hvog),  Sohn  der  Kalliope,  wie  es 
scheint,  der  Erfinder  der  Dichtungsart  athvov 
Suid.  s.  v.  ecilivov.  S.  Linos.  [Roscher.] 
Ailios  (Ai'Xiog,  richtiger  'Elftos)*  Sohn  des 
Pelops  und  der  Hippodameia,  Schol.  Eurip.  3 
Orest.  5 u.  Hindorf  z.  d.  St.  [Stoll.] 

Aimylia  (AlyvUa  = Aemilia),  Tochter  des 
Aineias  und  der  Lavinia:  Plut.  Pom.  2. 

[Roscher.] 

Ainarete  (AIvkqsztj),  Tochter  des  Deimachos, 
Mutter  des  Athamas,  Königs  von  Böotien:  Schol. 
Plat.  Min.  315  c.  [Roscher.] 

Aine  {Ai'vg) , Name  einer  zu  Ekbatana  ver- 
ehrten Göttin,  Polyb.  10,  27,  12.  Vgl.  Aineias 
Kap.  231  [Wörner.]  ■) 

Aineias  (Atvsi'ag,  Aeneas),  Sohn  des  Anchises 
und  der  Aphrodite. 

1)  Homerische  Sage  bis  zum  Tod  Hek- 
tors : Aevsiag,  x ov  vn  Ayxiorj  zexs  di  Acpgo- 

öixr] , "iStjg  sv  xvryioiai  &sa  ßgozä  svvg&siGa. 

B 820.  E247.  313.  T208,  vgl.  den  4.  hom.  Ilymn. 
stg  ’AyQodtxrjv  u.  Hes.  Theog.  1008 ff’. ; er  stammt 
aus  dem  troischen  Herrschergeschlecht,  T215 
— 240  ist  seine  Ahnenreihe  angegeben:  Kapys 
sein  Grofsvater,  dann  Assarakos,  Tros,  Eri-  5 
chthonios,  Dardanos,  er  stammt  also  väterlicher- 
seits von  Zeus.  Alkathoos,  der  Gemahl  seiner 
Schwester  Hippodameia  ( N 428)  erzog  ihn  als 
Kind  in  seinem  Hause,  nach  dem  hom.  Hym- 
nus 257  ff.  liels  ihn  Aphrodite  durch  Berg- 
nymphen erziehen  und  führte  ihn  erst  im  fünf- 
ten Jahre  (v.277)  dem  Vater  zu  mit  der  Weisung, 
er  solle  ihn  für  das  Kind  einer  Nymphe  aus- 
geben. (Nach  Xenophon  de  venat.  1,  2 gehörte 
Aineias  zu  den  Zöglingen  des  Kentauren  Chei-  c 
ron).  Am  Krieg  nahm  Aineias  erst  dann  teil, 
als  Achill  seine  Rinderherden  auf  dem  Ida 
überfallen  und  ihn  nach  Lyrnessos  verjagt 
hatte.  Lyrnessos  wurde  erobert,  Aineias  ent- 
kam von  Zeus  geschützt.  T 90  f.  187  — 194. 
Darauf  führte  er  die  Dardaner  in  den  Krieg 
B 819,  die  dem  Range  nach  das  zweite  Volk 
nach  den  Troern  sind.  Im  troischen  Heere 


kommt  ihm  aufser  Hektor  niemand  im  Range 
gleich  E 180.  N 463  ff.  P 485.  T 83;  ihn  und 
Hektor  belastet  die  meiste  Kriegsarbeit  der 
Troer  und  Lykier,  weil  sie  die  Besten  sind  zu 
jeglichem  Zweck  im  Kampfund  im  Rat.  Z 77 
(vgl.  Verg.A.  11,283 — 92).  Daher  wird  er  im 
Volk  der  Troer  wie  ein  Gott  verehrt  A 58. 
und  geniefst  gleiches  Ansehen  wie  Hektor 
E 467;  seine  Epitheta:  Tqccxov  dyog  u.  ßovXg- 
cpoQog , ygGTfßQ  cpoßoio  E 217.  180.  272.  311, 
uval;  ävÖQiov  E311,  weil  von  Zeus  abstam- 
mend (vgl.  Gladstone , hom.  Studien  übers,  v. 
Schuster  86  ff,  94  ff),  fisyalgzcoQ  T 175,  bat 
cpQcov  T 267,  clxexhxvxog  ”Agr}i  N 500,  n odag 
xa%vg  N 482.  Auch  die  Feinde  wie  Meriones, 
Sthenelos,  des  Diomedes  Wagenlenker,  Idome- 
neus  erkennen  seine  Stärke  an.  TT  620.  E 244  ff. 
N 483;  mit  dem  Achilles  trifft  er  T 158  ff  als, 
ebenbürtiger  Gegner  zusammen.  Während  im 
Buch  E Diomedes  Wunder  der  Tapferkeit  voll- 
bringt, bewegt  Aineias  den  Pandalros  auf  seinen 
Wagen  zu  steigen  und  vereint  mit  ihm  dem 
Wütenden  entgegen  zu  fahren.  Nachdem  Pan- 
daros von  Diomedes’  Hand  gefallen,  umschreitet 
Aineias  die  Leiche  Xsu>v  dis  alxl  Tzsnoi&a'ig 
E 299  unter  furchtbarem  Geschrei;  da  wird  er 
von  Diomedes  mit  einem  Feldstein  getroffen, 
doch  als  er  bewufstlos  ins  Knie  gesunken  (v. 
310),  trug  ihn  Aphrodite  aus  dem  Kampfe, 
und  da  sie  selbst  von  Diomedes  verwundet  ihn 
fallen  liefs  (v.  343),  rettete  ihn  Apollo  in  dunk- 
ler%Wolke,  stiefs  dreimal  den  Diomedes  zu- 
rück und  scheuchte  ihn  zuletzt  durch  drohen- 
den Zuruf  (v.  440),  den  Aineias  brachte  er  in 
seinen  Tempel  auf  Pergamos,  wo  ihn  Leto  und 
Artemis  heilten,  während  sich  Troer  und  Grie- 
chen um  ein  Scheinbild  des  Gefallenen  schlugen 
(v.  449  ff).  Bald  darauf  kehrt  Aineias  neu  ge- 
stärkt von  Apollo  in  den  Kampf  zurück  (v.  512) 
und  erlegt  das  Brüderpaar  Krethon  und  Orsi- 
lochos  (v.  541);  an  Diomedes  verlor  er  damals 
seinen  Streitwagen  und  das  Z wiegespann,  ein 
Geschenk  seines  Vaters,  Rosse,  welche  von  den 
unsterblichen  Rossen  abstammten,  die  Tros 
einst  als  Ersatz  für  Ganymedes  von  Zeus 
empfangen  hatte.  E 265.  323  Wieder  in  den 
Vordergrund  tritt  Aineias  beim  Sturm  auf  die 
Schiffsmauer,  wo  er  erster  Anführer  der  vierten 
Heerschar  ist  M 99,  die  der  Dichter  vermut- 
lich aus  Dardanern  bestehend  denkt,  während 
die  drei  ersten  vermutlich  troischen  Heerhaufen 
von  den  drei  Söhnen  des  Priamos  Hektor, 
Paris,  Helenos  geführt  werden.  Als  beim 
Kampf  um  die  Schiffe  ( N ) Idomeneus  sich  her- 
vorthut  und  unter  anderen  Alkathoos,  den 
Schwager  des  Aineias,  getötet  hat,  ruft  Dei- 
phobos  den  Helden  gegen  Idomeneus  zu  Hilfe. 
Dieser  sieht  kaum  Aineias  heranstürmen,  als 
er  seine  Genossen  anruft,  aus  Besorgnis,  der 
i schnelle,  starke,  jugendliche  Held  möchte  ihn, 
den  alternden,  überwinden  N 480.  Beim  Zu- 
sammenstofs gehen  die  Speere  beider  fehl,  in 
der  Fortsetzung  des  Kampfes  erschlägt  Aineias 
den  Aphareus  N 541,  aber  im  übrigen  Verlauf 
des  Buches  läfst  der  Dichter  den  mit  solchem 
Nachdruck  cingeführten  Aineias  fallen.  Da- 
gegen tritt  er  beim  Kampf  um  die  Schiffe  (£] 
wieder  hervor,  nachdem  Hektor  von  Aias  durch 


159 


Aineias  b.  Homer 


IGO 


Aineias  b.  d.  Kyklikern  etc. 


einen  Steinwurf  betäubt  worden  ist.  Aineias 
schirmt  mit  Polydamas,  Agenor,  Sarpedon  und 
Glaukos  den  Gefallenen,  bis  er  aus  dem  Ge- 
fecht getragen  ist:  # 425.  Als  durch  Patro- 
klos  die  Troer  aus  dem  Schiffslager  getrieben 
worden  sind,  und  Sarpedon  von  der  Hand  des 
Patroklos  gefallen  ist,  deckt  Aineias  neben 
Glaukos  den  Rückzug  und  kommt  dabei  mit 
Meriones  in  ein  unentschiedenes  Gefecht  TI  608. 
Im  Kampfe  um  die  Leiche  des  Patroklos  for- 
dert er,  von  Apollo  — in  des  Heroldes  Pe- 


Aineias  um  die  Leiche  des  Patroklos  kämpfend, 
von  e.  Vasenbilde  b.  Overbeck , Gail.  T.  18,  3. 

riphas  Gestalt  — ermutigt , den  Hektor  zum 
Widerstand  auf,  bringt  die  Troer  zum  Stehen 
und  erlegt  im  Angriff  den  Griechen  Leiokritos. 
P 319  — 45;  Hektor  fordert  ihn,  als  den  tapfer- 
sten Genossen,  zur  Erbeutung  von  Achills 
Rossen  auf  P 484;  hinter  den  mit  Patroklos 
Leiche  zurückwei ebenden  Griechen  drängen 
vor  allen  Aineias  und  Hektor  an  P 754.  Beim 
Wiedererscheinen  Achills  tritt  zuerst  Aineias 
in  den  Kampf  gegen  diesen  ein  T 79,  von 
Apollo  in  des  Lykaon  Gestalt  angetrieben, 
da  Achill  nur  der  Sohn  eine?  geringeren  Göt- 
tin sei,  Aineias  von  Zeus’  Tochter  abstamme. 
Nach  wortreichen  Reden  werfen  die  Helden 
auf  einander  die  Speere,  ohne  sich  zu  verwun- 
den, Achill  dringt  darauf  mit  dem  Schwerte 
an,  Aineias  schwingt  einen  Feldstein,  wie  ihn 
zwei  Männer  nicht  trugen;  bevor  es  zur  Ent- 
scheidung kommt , entrückt  Poseidon  den 
Aineias  aus  dem  Schlachtgewühl  und  giebt 
ihm  die  Weisung,  erst  nach  dem  Fall  Achills 
wieder  unter  den  Vorkämpfern  zu  erscheinen. 
(Wegen  ihrer  geschwätzigen  Breite  wird  die 
ganze  Partie  T 199  ff.  den  spätesten  Bestand- 
teilen der  Ilias  zugerechnet.)  Poseidon  sagt 
dort  ausdrücklich,  dafs  aufser  Achill  kei- 
ner der  Griechen  Aineias  töten  könne  T 339. 
Demselben  Gott  legt  der  Dichter  die  künftige 
Bestimmung  des  Aineias  in  den  Mund,  dafs 
er  nach  Priamos  Fürst  der  Troer  werden  und 
das  Geschlecht  des  Dardanos  fortsetzen  solle 
T 307 f.  vvv  Sh  Sy  Aivsiao  ßi'rj  Tqcosggiv  ava'gai 
Ktxl  nccCSoiv  nutSsg,  tot  ksv  fiszöntG&e  ytveov- 
zeu,  womit  zum  Teil  wörtlich  die  Weissagung 
des  4.  homerischen  tlymnus  v.  196  f.  iiberein- 
stimmt:  Gol  S’  egtcu  cpilo g viog  o<?  r.v  Tqco- 
sgglv  ävcc’gti  % cd  rtazSsg  ncciSsGGL  SuxfntSQeg 
a-nysydovzaz.  Daher  wirft  Achilles  Tl80f.  dem 
Helden  vor,  dafs  er  solche  Hoffnungen  hege. 
Aus  N 460  folgerte  man,  dafs  Priamos  eben- 
deswegen Aineia.s  zurückgesetzt  und  sich  dafür 
dessen  Groll  zugezogen  habe,  obwohl  die  frü- 
heren Bücher  für  diese  Auffassung  keinen  An- 


halt bieten.  T 298 f.  ist  die  Frömmigkeit  des 
Aineias  gegen  die  Götter  gerühmt,  Achill  er- 
kennt aus  seinem  Verschwinden,  dafs  jener  ein 
Liebling  der  Unsterblichen  sei  T 347.  — Aus 
alledem  ersieht  man,  dafs  Aineias  in  der  Ilias 
— denn  in  der  Odyssee  wird  seiner  nicht  ge- 
dacht — zwar  mehrfach  als  der  bedeutendste 
Held  der  Troer  nach  Hektor  bezeichnet  wird, 
aber  dafs  der  Dichter  ihn  doch  nirgends  eine 
io  That  vollbringen  läfst,  die  diesem  Ansehen 
voll  entspräche.  Die  schwersten  Gefahren  über- 
steht er  nicht  durch  eigne  Kraft,  sondern  er 
wird  aus  ihnen  durch  unmittelbares  Eingreifen 
der  Götter,  der  Aphrodite,  des  Apollo,  des 
Poseidon  gerettet.  In  der  Darstellung  der  Ilias 
ist  er  bereits  der  unter  besonderer  göttlicher 
Obhut  stehende  und  zu  Höherem  bestimmte 
Held,  aber  nach  der  Ilias  und  dem  homerischen 
Hymnus  ist  er  der  künftige  Herrscher  über  die 
20  Troer  in  ihrem  Mutterlande.  In  dieser  Weise 
erklärte  schon  Strabo  13,  608  richtig  Homers 
Worte;  mit  der  späteren  Sage  sucht  Dionys, 
v.  Hol.  1.  c.  53  die  Worte  in  Einklang  zu 
bringen.  Vorzüglich  auf  Homer  beruht  das 
Bild  des  Aineias,  welches  Philostratus  Her.  13 
entwirft;  daraus  ist  bemerkenswert:  „die  Achäer 
nannten  den  Hektor  die  Hand,  den  Aineias 
den  Verstand  der  Troer  und  beirannten,  dafs 
Aineias’  Mäfsigung  ihnen  mehr  Not  mache, 
30  als  Hektors  Kampfeswut.“ 

2)  Der  epische  Kylrlos,  die  Sage'bei 
Quintus  Smyrnaeus,  bei  Dares  und  Dic- 
tys,  bis  zum  Ende  der  Kämpfe: 

Die  direkten  Nachrichten  aus  dem  Kyklos 
sind  sehr  spärlich;  gänzlich  fehlen  uns  solche 
über  die  Beteiligung  des  Aineias  an  den  Kämpfen 
vom  Tode  Hektors  an  bis  zum  Falle  Trojas. 
Nach  den  Kyprien  bei  ProJclos  Chrest.  I.  1. 
{Kinkel,  Ep.  gr.  fragm.  1 S.  17)  befahl  Aphro- 
40  dite  dem  Aineias  Paris  auf  der  Fährt  zur 
Helena  zu  begleiten  (ebenso  bei  Dictys  1,  3. 
Dares  c.  9.  38),  nach  den  Kyprien  gehört,  wie 
in  der  Ilias,  der  Überfall  der  Herden  des  Aineias 
und  seine  Verfolgung  durch  Achilles  in  den 
Anfang  des  Krieges,  nach  den  Kyprien  und  der 
kleinen  Ilias  des  Lesclies  hiefs  seine  Gemahlin 
Eurydike  {Paus.  10,  26,  1 so  auch  bei  Ennius 
nach  Cic.  de  Die.  1,  20,  40),  nach  der  Iliu 
Persis  des  Arktinos  (um  780  v.  Chr.)  stimmt 
50  ein  Teil  der  Troer  dafür,  das  von  den  Griechen 
zurückgelassene  hölzerne  Pferd  ins  Meer  zu 
stürzen  oder  zu  verbrennen;  gegen  ihren  Rat 
wird  es  in  die  Stadt  gezogen,  das  Volk  über- 
läfst  sich  den  Freuden  des  Friedensfestes;  da 
ereignet  sich  das  Wunder,  dafs  Laokoon  und 
einer  seiner  beiden  Söhne  durch  zwei  plötzlich 
erscheinende  Schlangen  erwürgt  werden;  worauf 
Aineias  und  die  Seinen  aus  der  Stadt  nach  dem  Ida 
abziehen.  Kinkel,  a.  a.  O.  S.  49.  Dies  geschah  dem-  ■ 
co  nach  bei  Arktinos  vor  der  Zerstörung  Troias, 
und  es  könnte  also  nach  der  Iliu  Persis  Aineias 
im  Lande  geblieben  sein.  (So  Niebnhr  P.  G. 
S.  102  f.  Ausg.  in  1 Bd.  1853.)  Irrtümlich  ist 
die  Angabe  des  Tzetzes  zu  Lykophr.  Al.  v.  1232 
u.  1263,  Lesches  in  der  kleinen  Ilias  habe  er- 
zählt, dafs  Andromache  und  Aineias  als  Kriegs- 
gefangene dem  Neoptolemos  übergeben  und 
von  ihm  nach  Pharsalia,  der  Heimat  Achills, 


!161  Aiueias  b.  d.  Kyklikern  etc. 

jrbgeführt  worden  seien  (Kinkel,  Ep.  gr.  fragm. 

3.  46  u.  Lylcophr.  Al.  praef.  5).  — Über  das 
Auftreten  des  Aineias  in  den  Kämpfen  vor  Troja 
rach  Hektors  Fall  giebt  Quintus  Smyrnaeus 
Ende  des  3.  Jhd.  nach  Chr.)  die  ausführlichste 
\uskunft;  einzelnes  findet  sich  in  den  späten 
Machwerken,  die  unter  Dares'  und  Dictys'  Na- 
men gehen;  manche  dieser  so  erhaltenen  Züge 
gehen  wohl  mittelbar  auf  alte  Überlieferung 
zurück.  Die  Auffassung  der  homerischen  Ge-  io 
sänge  hat  bis  in  diese  späten  Zeiten  nachge- 
wirkt. Aineias  ist  Vorkämpfer  und  Berater 
der  Troer;  Kares  c.  18  nennt  ihn  neben  den 
Söhnen  des  Priamos  und  neben  Memnon  als 
Anführer  der  Troer  (vgl.  M 99);  seine  Fröm- 
migkeit ist  hervorgehoben  Dict.  4,  17.  18;  bei 
der  Landung  der  Griechen  tötet  er  Protesilaos 
Dict.  2,  11;  nach  Dares  c.  21  deckt  er  den 
von  Menelaos  und  dem  kleinen  Aias  verfolg- 
ten Paris  mit  seinem  Schild  und  führt  ihn  20 
nach  Troja  zurück , in  einer  andern  Schlacht 
erlegt  er  Amphimaclios  und  Nireus  c.  21.  Nach 
dem  Fall  der  Peuthesileia  gehört  er  zu  denen, 
welche  zum  Frieden  raten,  Dares  c.  37;  Pria- 
mos weist  die  Ratschläge  zurück  c.  38,  worauf 
Antenor  sich  mit  Aineias  und  anderen  zum 
Verrat  der  Stadt  verbündet  c.  39  ff.  — Bei 
Quintus  Sm.  tritt  Aineias  zuerst  auf  unter  den 
Helden,  die  den  Leichnam  des  Achill  hinweg- 
zuziehen suchen  3,  214;  er  kommt  darüber  mit  30 
dem  Telamonier  Aias  in  einen  Einzelkampf, 
aus  dem  er  verwundet  nach  Ilion  zurückkehrt 
3,  286.  Der  Mysier  Eurypylos , Sohn  des  Te- 
lephos,  erkiest  den  Aineias  unter  andern  zum 
Vorkämpfer  6,  316;  im  Kampf  betäubt  Aineias 
den  Aias,  des  Oileus  Sohn,  durch  Steinwurf 
6,  520;  sein  Schild  wird  von  Teukros  durch  - 
stofsen,  er  selbst  bleibt  unverwundet,  und  er- 
legt noch  Pheres  und  Antimachos,  Genossen 
des  Idomeneus  (vgl.  Dares  c.  21).  Nachdem  40 
Neoptolemos  zu  den  Griechen  gestofsen,  tötet 
Aineias  in  der  Schlacht,  in  welcher  schliefs- 
lich  Eurypylos  von  Neoptolemos  überwunden 
wird,  den  Aristolochos  durch  Steinwurf  8,  93 
und  später  den  Damas  aus  Aulis  v.  303.  Als 
auch  Philoktet  am  Kampf  teilnimmt,  kämpfen 
die  Troer  gegen  den  Rat  des  Polydamas,  er- 
mutigt durch  Aineias,  vor  den  Thoren  10,  26; 
Aineias  tötet  mit  der  Lanze  den  Böotier  Har- 
palion  und  den  Kreter  Hyllos  v.  74.  81;  dar-  50 
auf  zwei  Diener  des  Epeios:  Deileon  und  Am- 
phion  v.  111.  Nach  dem  Tode  des  Paris  ist 
wieder  Aineias  Vorkämpfer,  er  erschlägt  die 
Kreter  Bremon  und  Andromachos,  Apollo  selbst 
ermuntert  in  der  Gestalt  des  Priesters  Po- 
lymestor  ihn  und  Eurymachos,  den  Sohn  des 
Antenor,  zu  weiterem  Kampf  11,  129  (vgl.  T79ff. 

P 319  ff'.).  Beide  Helden  treiben  darauf  das 
Heer  der  Griechen  vor  sich  her  11,  165.  183. 
Aineias  durchbohrt  mit  der  Lanze  den  Aitha-  GO 
lides  v.  201;  als  aber  Neoptolemos  die  Fliehen- 
den zum  Stehen  bringt  und  den  Kampf  auf- 
nimmt, hemmt  Aineias  zuerst  die  Flucht  der 
Seinen  v.  235;  Thetis,  die  sich  vor  Aphrodite 
scheut,  lenkt  den  Neoptolemos  von  Aineias  ab 
v.  240,  und  als  die  Gefahr  wächst,  entrückt 
die  göttliche  Mutter  ihren  Sohn  in  einer  Wolke, 
aus  Furcht  vor  Pallas,  die  den  Argeiern  bei- 

Roscher,  Lexikon  der  gr.  u.  reim.  Mytbol. 


Aineias  b.  Untergang  Ilions  162 

steht  v.  289  (vgl.  T 318  ff. , E 431  ff.).  Nach- 
dem die  Troer  in  die.  Stadt  zurückgeworfen 
sind,  verteidigt  Aineias  das  nach  der  Ebene 
zu  gelegene  Thor  gegen  Odysseus  und  Eury- 
pylos v.  355;  als  die  Griechen  unter  einem 
Schilddach  gegen  das  Thor  Vordringen,  zer- 
schmettert Aineias  mit  mächtigem  Stein  das 
Schilddach  und  treibt  durch  seine  Steinwürfe 
die  Griechen  zurück  404 — 426  (es  scheint  Verg. 
Aen.  2,  440  ff.  476  ff.  nachgeahmt  zu  sein),  den 
Lokrer  Alkimedon,  den  Gefährten  des  Aias, 
stürzt  er  durch  einen  Steinwurf  von  der  schon 
erstiegenen  Mauer  hinab  11,  460;  vor  dem 
sichertreffenden  Geschofs  des  Philoktet  schützt 
Aphrodite  ihren  Sohn,  dieser  erlegt  dafür  mit 
einem  Steinwurf  Toxaichmes,  den  Genossen 
des  Philoktet,  v.  487,  worauf  letzterer  höh- 
nisch den  Aineias  zum  Einzelkampf  vor  den 
Mauern  herausforciert  v.  491.  Als  die  Stadt 
gefallen  ist,  und  Aineias  im  Strafsenkampf 
„noch  viele  Feinde“  getötet  hat,  flieht  er  zu- 
letzt, an  der  Rettung  Trojas  verzweifelnd,  den 
Vater  auf  den  Schultern,  den  Sohn  an  der 
Hand  13 , 300  (Kreusa  wird  nicht  erwähnt) ; 
Aphrodite  geht  schützend  voran.  Vor  den 
Schritten  des  Fliehenden  weichen  die  Flammen 
zurück,  und  die  Geschosse  der  Feinde  fallen 
kraftlos  nieder  329.  (Dieser  Zug  schon  Verg. 
Aen.  2,  632  f.  Ovicl.  M.  15,  801.  441.  Fast.  4, 
800;  weitere  Stellen  bei  Klausen,  Aeneas  und 
die  Penaten  S.  161.)  Über  die  Darstellung  der 
Kämpfe  des  Aineias  auf  Vasenbildern  u.  s.  w. 
vgl.  unten  Kap.  22.  — Nach  Hygin.  Fab.  115 
tötete  Aineias  achtundzwanzig  namhafte  Feinde; 
in  der  Ilias  sind  nur  sechs  genannt , vgl. 
M.  Schmidt  z.  St.  S.  101. 

3)  Aineias  und  die  letzten  Schick- 
sale Troj  as. 

Den  Abzug  des  Aineias  aus  der  Stadt  und 
zwar,  wie  schon  Arktinos  erzählt  hatte,  noch 
vor  ihrer  Eroberung  berichtete  auch  Sophokles 
(496—406  v.  Chr.)  im  Laokoon  nach  Dionys  v. 
Halilc.  1,48:  Aineias  habe  sich  teils  auf  Anchises’ 
Befehl,  und  des  Auftrages  der  Aphrodite  einge- 
denk, teils  durch  das  kürzlich  den  Laokoontiden 
widerfahrene  Wunder,  woraus  er  das  nahe  Ver- 
derben der  Stadt  ahnte,  bewogen  zum  Abzug 
nach  dem  lda  gerüstet.  Aineias  steht  im  Kreis 
seiner  Hausgenossen  am  Thor,  den  Vater  auf 
den  Schultern,  eine  Menge  Volkes  schliefst 
sich  dem  Abziehenden  an,  und  zwar  ist  von 
einer  zu  gründenden  Kolonie  der  Phryger  die 
Rede.  Auch  sonst  gab  es  Nachrichten,  dafs 
Aineias  zur  Zeit  der  Zerstörung  nicht  in  Ilion 
gewesen  sei;  Dion.  1,  48  sagt,  nach  den  einen 
habe  er  sich  im  Seehafen  der  Troer  (etwa  An- 
tandros?),  nach  anderen  auf  einem  Kriegszug 
in  Phrygien  befunden. 

Verbreiteter  ist  die  Sage,  dafs  Aineias 
aus  der  eroberten  Stadt  abzog;  nach  der 
Tabula  Iliaca  folgte  dieser  Sage  schon  Stesi- 
clioros  von  Himera  in  der  Iliu  Persis  (c.  630  — 
550  v.  Chr.) , eine  alte  Münze  von  Aineia  aus 
der  Mitte  des  6.  Jahrh.  v.  Chr.  deutet  auf  die- 
selbe Sage  hin.  Hellanikos  von  Mytilene,  der 
ältere  Zeitgenosse  des  Herodot,  erzählte  in  den 
Tqioiy.cc  ausführlich,  Aineias  habe  in  der  ver- 
hängnisvollen Nacht  die  Burg  Trojas,  wo  sich 

6 


Aineias  bleibt  im  Lande 


Aineias  b.  Untergang  Ilions 


die  Heiligtümer,  die  Schätze  und  der  Kern  des 
Heeres  befanden,  tapfer  verteidigt , habe  dort 
die  Flüchtigen  aufgenommen,  dann  aber  das 
wehrlose  Volk  nach  dem  Ida  abziehen  lassen, 


Aineias  mit  Anchises  und  Askanios.  Terracotta  nach 
Kekule,  die  antiken  Terracotten , Bd.  1.  Taf.  37 
(s.  S.  185.  Z.  55). 


die  Burg  habe  er  noch  eine  Zeit  lang  gegen 
den  stürmenden  Neoptolemos  gehalten,  dann 
sei  er  mit  dem  Kern  des  Heeres  in  Schlacht- 
ordnung den  anderen  nachgezogen,  auf  einem 
Doppelgespann  seinen  Vater,  die  heimischen 
Götter  (darunter  das  echte  Palladion  Dion.  1, 
69),  Weib  (Kreusa,  nach  Dion.  3,  31)  und 
Kinder  und  alle  wertvolle  Habe  mit  sich  füh- 
rend. Unterwegs  holt  er  die  Vorausziehen- 
den ein  und  besetzt  nun  die  festen  Plätze. des 
Ida:  Dion,  1,  46.  47.  Bei  Verg.  Aen.  1.  2 wird 
Aineias  in  der  Nacht  durch  die  Erscheinung 
Hektors  gewarnt  und  aufgefordert  die  Penaten 
des  Staates  aus  dem  Untergang  der  Stadt  zu 
retten.  Der  Held  beteiligt  sich  darauf  zu- 
nächst am  Kampf  in  den  Strafsen,  hilft  die 
Königsburg  verteidigen,  erst  nach  dem  Fall 
derselben  und  nach  dem  Tod  des  Priamos  läfst 
er  sich  durch  die  Erscheinung  seiner  göttlichen 
Mutter  bestimmen  in  das  eigene  Haus  zurück- 
zukehren. Dort  widersetzt  sich  Anchises  hart- 
näckig der  Flucht,  bis  auch  ihn  .göttliche 
Wunderzeichen  eines  Besseren  belehren.  Den 
Vater,  der  die  Götterbilder  trägt,  auf  den 
Schultern,  den  lulus  an  der  Hand  verläfst  der 
Held  die  Stadt,  seinen  Schritten  folgt  die  Gat- 
tin Kreusa.  Vor  den  Thoren  bemerkt  er  den 
Verlust  der  Kreusa  und  eilt  in  die  brennende 
Stadt  zurück.  Dort  erscheint  ihm  der  Schatten 
der  Gesuchten  und  verkündet  ihm  ihren  eige- 


nen Untergang  und  sein  künftiges  Geschick. 
Aineias  zieht  darauf,  zu  den  Seinen  zurück- 
gekehrt,  bei  Anbruch  des  Morgens  nach  dem 
Ida  ab.  Qaintus  Smyrn.  13,  300  ff.  folgt  der 
Tradition  Vergils.  Vgl.  oben  Kap.  2 am  Ende. 
Die  Angabe  des  Macröbius  Saturn.  5,  2,4:  dafs 
Vcrgil  den  Inhalt  des  2.  Buches  wörtlich  aus 
Pisander  entlehnt  habe,  hält  man  für  einen 
Irrtum  und  glaubt,  Macröbius  habe  den  alten 
io  Pisander  von  Kameiros  (c.  640  v.  Chr.)  ver- 
wechselt mit  Pisander  von  Larenda  aus  der 
Zeit  des  Alexander  Severus  oder  mit  einem 
pseudonymen  Dichter  der  alexandrinischen  Zeit. 
Sclvwegler  r.  G.  1.  297  f.  Bcrnharcly  gr.  L.2  2 
1.  S.  316  f.  Welcher  ep.  C.  1 (1835)  p.  97  ff.  — 
Eine  besondere  Wendung  dieser  Sage  erscheint 
zuerst  bei  Xenophon  de  venat.  1,  15:  Aineias 
trug  durch  die  Rettung  der  Götterbilder  und 
seines  Vaters  den  Ruhm  der  Frömmigkeit  da- 
20  von,  so  dafs  die  Feinde  ihm  allein  verstatteten, 
das  Seine  zu  behalten;  ebenso  setzt  er  bei 
LyJcophron  Al.  v.  1263  ff.  u.  Schol.  ( Kinkel ) der. 
Rettung  der  Götterbilder  und  seines  Vaters 
Weib  und  Kinder  und  alle  Habe  nach.  Auch 
Varro  im  2.  Buch  rer  um  lmman.  nach  schol. 
Vcron.  zu  Aen.  2,  717  ed.  Mai  (vgl.  Serv. 
Verg.  Aen.  2,  636)  erzählte,  Aineias  habe  sich 
auf  der  Burg  behauptet,  bis  er  freien  Abzug 
erlangte,  worauf  er,  alles  andere  verschmähend, 
30  mit  Anchises  auf  den  Schultern  auszog,  dann 
von  den  gerührten  Griechen  Erlaubnis  erhielt, 
die  Penatenbilder , endlich  seine  ganze  Habe 
mitzunehmen;  weiter  ist  dies  ausgeschmückt 
bei  Diodor.  frg.  Uhr.  7,  Aelian  v.  h.  3,  22  u. 
b.  Quintus  Sm.  13,  344  ff. ; dort  verbietet  aus 
diesem  Grunde  Kalchas  den  Achäern,  auf  den 
fliehenden  Aineias  zu  scliiefsen,  und  verkündet 
ihnen,  dafs  der  Held  am  Thymbris  eine  Stadt 
gründen  und  über  ein  grofses  Volk  gebieten 
40  solle,  seine  Nachkommen  würden  vom  Aufgang 
bis  zum  Untergang  der  Sonne  herrschen,  er 
selbst  einst  unter  die  Himmlischen  aufgenom- 
men  werden.  — Über  die  Darstellung  der  Flucht 
des  Aineias  auf  Vasenbildern,  Münzen  u.  s.  w. 
vgl.  unten  Kap.  22-  — Die  eigentümliche  An- 
gabe Varros  {Schol.  Veron.  z.  Verg.  Aen.  2, 
717),  dafs  Aineias  zwei  Söhne  Ascanius  und 
Eurybates  mit  sich  nahm,  findet  eine  teilweise 
Bestätigung  durch  das  Schol.  z.  Lykophr.  Al. 
50  v.  1263,  wo  seine  und  der  Kreusa  Söhne  Aska- 
nios und  Euryleon  heifsen.  Naevius  erzählte 
von  Gattinnen  des  Anchises  und  Aeneas,  die 
verhüllten  Hauptes,  weinend  die  Stadt  ver- 
liefsen.  Serv.  Verg.  Aen.  3,  10.  — Nach  Paus. 
7,  19,  7 liefs  Aineias  eine  heilige  Cista  mit 
dem  Bild  des  Dionysos  in  Troja  zurück,  weil 
er  wufste,  dafs  sie  den  Findern  Unheil  bringen 
würde.  Vgl.  die  Sage  von  Eurypylos,  Sohn 
des  Euaimon  (unter  Aisymnetes). 

GO  4)  Aineias  bleibt  im  Lande.  Troisch- 
plirygische  Lokalsage. 

Der  Abzug  des  Aineias  nach  dem  Ida  fand 
sich  bei  Arktinos,  Hellanikos,  Sophokles,  Vcr- 
gil; nur  bei  Stesichoros  scheint  er  (s.  die 
Darstellung  der  Tabula  Iliaca)  gleich  die 
Schiffe  bestiegen  zu  haben.  Dafs  Aineias  in) 
Lande  blieb,  war  vielleicht  schon  die  Auffas 
sung  der  Iliu  Persis  des  Arktinos  (vgl.  ober 


: 


65 


Aineias  wandert  aus 


Aineias  in  Thrakien  etc. 


166 


ap.  2)  ferner  die  des  Logographen  AJcusilaos 
us  Argos  (c.  510  v.  Chr.)  nach  Schol.  T307: 
phrodite  stiftete  den  troianischen  Krieg  nur 
i dem  Zweck  an , um  die  Herrschaft  an  das 
aus  des  Aineias  zu  bringen.  Das  Vorhanden- 
en der  Sage,  dafs  Aineias  als  Herrscher  im 
ande  geblieben  sei,  bezeugt  Dion.  1,  53  (vgl. 
'zetzes  z.  Lykophr.  Al.  070);  nach  einem  Ana- 
ikrates  im  2.  Buch  seiner  ’JgyoXLiux  (Schol. 
renet.  z.  Eur.  Androm.  224)  blieb  er  nach 
rojas  Fall  mit  Anchises  in  Dardanos;  Abas, 
Erfasser  von  Troica  (vgl . Servi-us  Verg.  Aen.  9, 
64)  erzählte , dafs  Aineias  nach  Abzug  der 
Liechen  den  von  Antenor  vertriebenen  Astya- 
ax  wieder  in  Arisba  eingesetzt  habe.  Nach 
Dion.  1,  53  behaupteten  einige,  Aineias,  der 
V phrodite  Sohn , sei  mit  seinen  Troern  gar 
licht  nach  Italien  gekommen,  sondern  es  sei 
lies  ein  anderer  Aineias  oder  Askanios,  des 
Vineias  Sohu,  gewesen,  während  wieder  andere 
agten , Aineias  habe  zwar  sein  Heer  nach 
talien  geführt,  er  sei  aber  von  dort  nach  Troja 
urückgekehrt,  habe  dort  als  König  geherrscht 
ind  seinem  Sohne  Askanios  die  Herrschaft 
unterlassen.  Das  Grab  des  Helden  wurde  in 
ler  phrygischen  Stadt  Berecynthia  gezeigt. 
Fest.  p.  269  Romain.  Demetrios  von  Skepsis , 
in  Schüler  Aristarchs,  (vgl.  Strabo  13,607)  hielt 
eine  Vaterstadt  Skepsis  für  den  Königssitz 
les  Aineias,  wo  die  Nachkommen  des  Äska- 
iios  und  des  Hektoriden  Skamandrios  noch 
ange  das  Königtum  besessen  und  sogar  unter 
lemokratischer  Verfassung  den  Königstitel  und 
iesondere  Ehrenrechte  behalten  hätten.  Alm- 
iches  fand  sich  schon  in  den  Troika  des  1 lel- 
anikos  (bei  Dion.  1,  47) : Aineias  sendet  vor 
leinem  Aufbruch  aus  der  Heimat  den  Askanios 
ils  König  zu  den  Daskyliten  an  der  Propontis ; 
lieser  kehrt  aber  bald  mit  Skamandrios  und 
len  übrigen  von  Neoptolemos  aus  Griechen- 
and  entlassenen  Hektoriden  in  das  heimat- 
iche  Reich  nach  Troja  zurück  (vgl.  Konon, 
Narr.  41);  nach  Stephanus  Byz.  führten  die 
-roischen  Städte  Askania  und  Arisbe  auf  Aska- 
lios  ihre  Gründung  zurück,  Gentinos  auf  einen 
ler  Söhne  des  Aineias.  Wir  haben  es  also 
der  mit  einer  am  lda  einheimischen,  bereits 
n der  Ilias  angedeuteten,  sodann  aus  d6m  6. 
md  5.  Jahrh.  v.  Chr.  gut  bezeugten  Sage  zu 
hun. 

In  der  Anschauung,  dafs  nach  dem  Priamos 
lie  Herrschaft  des  Landes  an  Aineias  über- 
jegangen  sei,  dafs  dieser  überhaupt  ein  ge- 
ährlicher  Nebenbuhler  der  Königsfamilie  ge- 
vesen  (vgl.  Ilias  T 180.  N 460),  ist  die  Wen- 
lung  der  Sage  begründet,  die  nach  Dionys.  1, 
18  Menekrates  von  Xanthos  vertrat,  Aineias 
iahe,  weil  er  durch  Paris  von  den  Ehren- 
imtern  ausgeschlossen  worden,  den  Priamos 
jestürzt  und  die  Stadt  an  die  Achäer  verraten, 
lie  ihm  für  diesen  Dienst  die  Rettung  seiner 
?amilie  erlaubten  und  ihn  überhaupt  zu  einem 
ler  Ihrigen  machten.  Dieser  Zug  findet  sich 
luch  bei  Dictys  unter  anderer  Motivierung  des 
Verrates,  vgl.  4,  17.  22.  5,  12,  und  bei  Dares 
J.  37—40. 

5)  Aineias  wandert  aus. 

Die  älteste  Quelle  für  die  Auswanderung 


des  Aineias  ist  die  Ilm  Persis  des  sicilischen 
Dichters  Stesichoros  von  Himera  (c.  630 — 550) 
nach  der  Angabe  der  Tabula  Iliaca;  auf  ihr 
ist  dargestellt , wie  Aineias  beim  Sigeion  den 
kleinen  Askanios  an  der  Hand,  den  Trompeter 
Misenos  hinter  sich,  Anchises  mit  der  Adicula 
der  Götterbilder  voraus , das  harrende  Schiff 
besteigt,  beigeschrieben  sind  die  Worte:  „Aineia.s 
mit  den  Seiuigen,  wie  er  nach  Hesperien  ab- 
i fährt.“  Unter  Hesperien  versteht  man  Italien. 
Eine  ähnliche  Überlieferung  hat  Hellanikos, 
der  angebliche  Verfasser  der  Chronik  der  ar- 
givischen  Priesterinnen,  und  sein  Schüler  Da- 
mastes von  Sigeion , beide  Zeitgenossen  des 
Herodot  (vgl.  Dion.  1,  72):  „Aineias  sei  aus 

dem  Gebiet  der  Molosser  gemeinsam  mit  Odys- 
seus nach  Italien  gekommen , habe  dort  die 
Stadt  Rom  gegründet  und  sie  nach  dem  Namen 
der  Rome,  einer  der  llierinnen,  genannt,  wel- 
i che  der  Irrfahrten  überdrüssig  ihre  Genossinnen 
aufgefordert  habe , die  Schiffe  in  Brand  zu 
stecken.“  Nach  dem  Dichter  Simmias  (um 
300  v.  Chr.)  hatte  Aineias  wie  Helenos  den 
Neoptolemos  als  Gefangener  nach  Epirus  be- 
gleitet (vgl.  Schol.  z.  Eurip.  Androm.  14). 
Auch  Sophokles  wufste  nach  Strabo  13,  608 
um  die  freie  Auswanderung  des  Aineias.  In 
seinen  Antenoriden  (nach  Nauck  fr.  Ir.  Gr. 
133  ff.)  verliefs  der  Held  mit  Anchises,  Askanios 
i und  vielem  Volke  zu  Schiff  sein  Vaterland; 
wohin  er  ging,  ist  nicht  gesagt;  nach  dem 
Vorausgehenden  aber  läfst  der  Dichter  den  Ante- 
nor und  seine  Söhne  erst  nach  Thrakien,  dann 
nach  dem  Veneterland  an  der  Hadria  auswan- 
dern.  Möglich  also,  dafs  schon  Sophokles  von 
Aineias’ Fahrt  ins  Westland  gewufst  hat.  Fast 
denselben  Weg,  wie  Antenor  bei  Sophokles, 
zieht  Aineias  bei  Dictys.  Aineias  bleibt  nach 
dem  Heimzug  der  Griechen  in  Troas;  als  er 
i das  Volk  auffordert,  den  Antenor  aus  dem 
Reich  zu  treiben,  hindert  ihn  dieser  an  der 
Rückkehr  nach  Troja.  Gezwungen  wandert 
Aineias  mit  seinem  Erbe  aus,  kommt  ins  Adri- 
atische Meer  und  gründet  Corcyra  Melaena 
5,  17.  Bei  Dares  mufs  Aineias  auf  Befehl  des 
erzürnten  Agamemnon  die  Stadt  verlassen,  weil 
er  Polyxena,  die  sich  während  der  Zerstörung 
Ilions  zu  ihm  geflüchtet  hatte,  verborgen  ge- 
halten hat;  er  segelt  mit  22  Schiffen  und  einer 
i Mannschaft  von  3400  Köpfen  ab  c.  43.  44.  — 
Im  Laufe  der  Zeiten  bildete  sich  eine  förmliche 
Wan  der  sage  des  Aineias  aus;  die  wichtig- 
sten Quellen  für  dieselbe  sind  Dionysios  von 
Halikarnassos  im  1.  Buch  der  'Paficanr;  ’Aq%cuo- 
loytu  und  Vergil  in  der  Aeueis.  Vgl.  iS.  Wörner, 
die  Sage  von  den  Wanderungen  des  Aeneas  bei 
Dionys  von  H.  und.  Vergil  Progr.  Lpz.  1882. 

6)  Aineias  auf  der  Wanderung:  In 
Thrakien,  Makedonien,  auf  Samothrake. 

Für  Samothrake  und  Ainos  an  der  gegen- 
überliegenden thrakischen  Küste  berichtete  die 
Sage  von  einem  vorübergehenden  Aufenthalt 
des  Helden,  für  die  Halbinsel  Chalkidike  und 
für  Aineia  von  bleibender  Ansiedelung.  Nach 
Atticus  (Schol.  Veron.  z.  Verg.  Aen.  2,  717) 
brachte  Aineias  die  Bilder  der  Penaten  aus  Sa- 
mothrake, vgl.  Serv.  Verg.  Aen.  7,  207.  8,  679. 
3,  12.  264.  Auf  Samothrake  wurden  die  Dios- 

6* 


167 


Aineias  in  Delos  u.  Kreta 


Aineias  in  Kythera  etc. 


168 


kuren  identifiziert  mit  den  Kabiren  oder  grofsen 
Göttern,  und  auch  mit  der  Verbreitung  des 
Kabirenkultus  scheint  Aineias  schon  in  früher 
Zeit  zusammengebracht  worden  zu  sein.  Pli- 
nius  n.  h.  35,  10,  71.  In  Samothrake  wurde 
ein  von  Aineias  geweihter  Schild  in  einem 
Tempel  gezeigt.  Sero.  Verg.  Aen.  3.  287.  Saon, 
der  erste  Salier , sollte  mit  ihm  aus  Samo- 
thrake nach  Latium  gekommen  sein.  Fest. 
p.329  {Mull.).  — Verg.  3,  6.  1,  381  läfst  Aineias 
im  Sommer  nach  Troias  Pall  mit  20  Schiffen 
von  Antandros  aufbrechen,  er  nimmt  mit  sich 
Ancliises,  Ascanius,  die  Penaten  und  grofsen 
Götter  seiner  Heimat  3,  12,  landet  an  der  tbra- 
kischen  Küste,  gründet  dort, eine  nach  ihm  be- 
nannte Stadt  (Aeneadae),  aber  durch  die  Stimme 
des  dort  ermordeten  Polydor  gewarnt  verläfst 
er  bald  wieder  das  Land.  Vergil  hat  an  Ainos 
gedacht,  wo  des  Polydor  Grabhügel  gezeigt 
wurde.  Plin.  n.  h.  4,  11,  43.  Mcla  2,  2,  8.  Sem. 
Verg.  Aen.  3,  1.  Aurel.  Vict.  de  orig.  g.  r.  9, 
4.  — Hellanikos  in  den  Troika  {Dion.  1,  47. 
48)  erzählte:  Aineias  erhält  von  den  Griechen 
durch  Vertrag  freien  Abzug  aus  dem  Ida,  er 
nimmt  seinen  Vater,  seine  Kinder  aufser  Aska- 
nios  und  die  Götterbilder  mit  sich,  rüstet  eine 
Flotte  und  fährt  mit  dem  Rest  der  Troer  nach 
Palle  ne.  Die  Auswanderer  bleiben  dort  wäh- 
rend des  Winters,  bauen  auf  einem  Vorgebirge 
einen  Aphroditetempel  und  gründen  die  Stadt 
Aineia  am  thermäischen  Busen.  Dion.  1.  49. 
50;  vgl.  Konon  Narr.  46.  Eine  Münze  von 
Aineia,  die  der  Mitte  des  6.  Jahrh.  v.  Chr. 

angehört,  bestätigt  dies 
als  eine  einheimische 
Überlieferung;  vgl.  C. 
Robert,  Arch.  Ztg.  1879. 
S.23.  Friedländer,  Mo- 
natsber.  d.  Perl.  Ak.  1878. 
S.  759  ff.  In  Aineia  soll 
Aineias,  Anchises  aber 
am  Berge  Kalauros  in 
dortiger  Gegend  gestor- 
ben sein  Dion.  1,  49. 
Schol.  z.  II.  N.  459  ( Din - 
dorf)  Steph.  Byz.  s.  v.  Aivsi.ce.  Über  den  Kul- 
tus des  Helden  in  Aineia  vgl.  Liv.  40,  4,  9.  — 
Wenn  Strabo  13,  608  angiebt,  dafs  sich  Aineias 
nach  gewissen  Nachrichten  in  der  Gegend  des 
makedonischen  Olymp os  angesiedelt  habe, 
so  läfst  sich  dies  dahin  erklären,  dafs  die  Sage 
sich  von  Pallene  aus  nach  Süden  bis  zum  Olymp 
verbreitet  hatte.  Aineias  als  Kriegsgefangener 
in  Thessalien  und  zwar  in  pharsalis ehern 
Gebiet  nach  dem  Dichter  Simrnias:  Schol.  Für. 
Andr.  14. 

7)  Aineias  in  Delos  und  Kreta. 

Inbetreff  der  Fahrt  zum  König  Anios  stimmen 
Dion.  1,  50  u.  Verg.  3.  B.  überein;  es  soll  nach 
Dionys  dort  viele  Anzeichen  der  Anwesenheit 
des  Aineias  und  der  Troer  gegeben  haben,  Dion. 
1,  59  erwähnt  die  Angabe  griechischer  Mytho- 
graphen,  dafs  Launa  (=  Lavinia)  eine  Tochter 
des  Anios  gewesen  sei,  dem  Aineias  als  Bera- 
terin und  Prophetin  mitgegeben.  Servius  z.  Verg. 
Aen.  3,  80  weifs  von  einem  vertrauten  Um- 
gang des  Helden  mit  einer  Tochter  des  Anios, 
die  von  ihm  einen  Sohn  gebar,  vgl.  Aur.  Vict. 


c.  9.  Bei  Vergil  ist  Anius  zugleich  Priester 
des  Apollo;  der  Gott  giebt  dem  fragenden 
Aineias  die  Weisung,  die  Troer  sollten  ihr  ur- 
sprüngliches Mutterland  aufsuchen.  Anchises 


0 


bezieht  das  Orakel  auf  Kreta.  Daher  geht  die 


’ 


Fahrt  dorthin  weiter.  Aineias  gründet  auf  Kreta 
die  Stadt  Pergamum  (vgl.  Plin.  n.  li.  4,  59), 
aber  Pest  und  Hungersnot  treiben  die  Aus- 
wanderer von  dort  weg;  im  Traum  verkünden 
io  die  Penaten  dem  Aineias,  dafs  das  Orakel  auf 
das  Westland  Oenotria  oder  ltalia  zu  beziehen 
sei,  aus  dem  einst  der  Ahnherr  der  Troer  Dar- 
danus  auswanderte.  Nur  wenige  Ansiedler 
bleiben  in  Pergamum  zurück.  Nach  Serv.  Verg. 
Aen.  3,  133  gab  es  über  diese  Stadt  eine  drei- 
fache Überlieferung:  erstens,  die  Stadt  sei  von 
Aineias,  der  durch  einen  Sturm  dorthin  ver- 
schlagen worden,  so  benannt;  zweitens,  die 


Münze  v.  Aineia  (s.  S.  185 
Z.  33). 


20  Troern,  die  durch  ein  Unwetter  von  der  heim- 
kehrenden Flotte  des  Agamemnon  getrennt  und 
dorthin  verschlagen  worden  seien;  drittens,  in 
Pergamum  selbst  glaubte  die  Bevölkerung, 
Aineias,  der  Ahnherr  der  Stadt,  sei,  als  Ilion  noch 
stand,  dorthin  zu  einem  Heiligtum  des  Apollo 
gekommen  und  habe  mit  der  Tochter  seines 
Gastfreundes  Umgang  gehabt;  sie  gebar  einen 
Sohn,  der  des  Vaters  Namen  erhielt;  dieser 
griff  die  heimkehrende  Flotte  des  Agamemnon 
30  an;  mit  ihm  verbanden  sich  die  Troer,  welche 
durch  das  Unwetter  von  der  Flotte  des  Aga- 
memnon getrennt  nach  Kreta  sich  gerettet 
hatten,  und  er,  der  zweite  Aineias,  gründete  die 
Stadt  und  gab  ihr  den  Namen.  Diese  kretische 
Sage  hat  Vergil  offenbar  für  seine  Zwecke  frei 
benutzt. 

8)  Aineias  auf  Kythera,  inLalconien, 
Arkadien,  (Argos).  Dion.  1,  50: 

Von  Delos  kommt  Aineias  nach  Kythera,  wo 
40  er  einen  Aphroditetempel  erbaut.  Nach  der 
Abfahrt  starb  Kinaithon,  der  Genosse  des  Ai- 
neias, der  auf  dem  benachbarten  Vorgebirge 
Kinaithion  (am  messenischen  Meerbusen  auf 
lakonischem  Gebiet  Strabo  8,  360)  bestattet 
wurde;  hier  erneuerten  die  Troer  mit  den  Ar- 
kadern  den  Bund  der  Verwandtschaft  und 
liefsen  einige  Leute  zurück.  Dionys  ist  hier 
nicht  vollständig;  denn  nach  Paus.  8,  12,  8 
gründete  der  Held  an  der  Kythera  gegeniiber- 
50  liegenden  Küste  Lakoniens  die  Städte  Apliro- 
disias  und  Etis;  letztere  Stadt  sollte  nach  des 
Aineias  Tochter  Etias  genannt  sein,  Paus.  3,  22, 
1 1 ; in  Arkadien  gab  es  eine  einheimische  Sage 
von  längerem  Aufenthalt  oder  von  bleibender 
Ansiedelung  des  Helden.  Nach  den  Agnadn ia 
des  Ariaithos  aus  Tegea  liefs  sich  Aineias  im 
arkadischen  Orchomenos,  und  zwar  in  der  so- 
genannten Nesos  nieder.  Die  Stadt  Kunvcei 
(vgl.  Strab.  8,  388)  sollte  dort  Pflanzstadt  des 
,60  Aineias  und  der  Troer  sein,  nachKapys  genannt: 
Dion.  1,  49.  Ähnliches  findet  sich  bei  Strabo 
13,  608;  Dionys  und  Strabo  werden  ergänzt 
durch  Paus.  8,  i.2,  8;  darnach  bestattete  Aineias 
an  der  nach  Orchomenos  führenden  Strafse 
den  dort  verstorbenen  Anchises  am  Fufs  des 
Berges  Ancliisia;  in  der  Nähe  lag  ein  Aphro- 
ditetempel.  Der  arkadische  Dichter  Agathyllos 
wufste  von  zwei  Töchtern,  die  Aineias  mit  Ko 


lii 

II  i 


lii 


4 


69 


Aineias  auf  Zakynth  etc. 

Ione  und  Anthemone  gezeugt  und  in  der  ar- 
adischen  Nesos  zurückgelassen  hatte.  Dion. 
49.  Der  Sammelpunkt  der  Sage  in  Arkadien 
ar  die  Gegend  zwischen  Orchomenos  und  der 
andelsstadt  Mantineia.  Die  Sage  auf  Ky thera 
iängt  wohl  zusammen  mit  dem  dortigen  ural- 
m Kultus  der  phönizischen  Aphrodite.  Aineias 
erdrängte  vielleicht  dort  einen  älteren  semi- 
i.schen  Heros.  Durch  uralte  Handelsverbin- 
! ungen  der  Küste  mit  dem  Binnenlande  wurde  1 
ie  Sage  wohl  in  die  Nähe  Mantineias  getragen. 
rcrgil  hat  von  diesen  Sagen  nichts  aufgenom- 
ien,  dafs  er  die  arkadische  Sage  kannte,  be- 
weist Aen.  5,  298  f.  Den  hier  genannten  Arka- 
er  Salius  sollte  Aineias  aus  Mantineia  nach 
talien  gebracht  haben,  damit  er  die  Jünglinge 
len  Waffentanz  lehre.  Fest.  p.  329  (Müll.)  u. 
ialios  u.  Serv.  Verg.  Aen.  8,  285.  (Ob  es  auch 
n Argos  eine  Sage  von  Aineias  gab,  wissen  wir 
licht,  aber  es  stand  dort  auf  dem  Marktplatz  2 
| ;eine  Erzstatue.  Daus.  2,  21.  2). 

9)  Aineias  auf  Zakynth,  Leukas,  in 
Vktion,  in  Ambrakia. 

Auf  der  Weiterfahrt  werden  die  Troer  zu- 
lächst  in  Zakynth  wegen  ihrer  Stammverwandt- 
schaft  freundlich  aufgenommen,  die  stürmische 
lee  zwingt  sie  dort  zu  überwintern.  Die  von 
hnen  bei  dem  neu  errichteten  Aphroditeteih- 
iel  gestifteten  Festspiele  bestanden  besonders 
n einem  Wettlauf  der  Jünglinge;  sie  waren  3 
loch  zur  Zeit  des  Dionys  in  Übung.  Dem  Ai- 
aeias  und  der  Aphrodite  waren  dort  Holzbilder 
errichtet.  Von  dort  ging  es  nach  Leukas,  wo 
auf  der  kleinen  Insel  zwischen  dem  Kanal  und 
der  Stadt  der  Tempel  der  ’AcpQodhri  Alvnag 
gestiftet  wurde.  (Münzen  von  Leukas  tragen 
vorn  das  Bild  des  Aineias,  auf  dem  Revers  zwei 
Dioskurenmützen,  vgl.  Kap.  (1).  Dann  fuhr  Aineias 
weiter  nach  Aktion;  vom  Vorgebirge  des  ambra- 
lrischen  Golfes  gelangt  er  nach  der  Stadt  Am-  i 
brakia;  in  Aktion  bekundet  ein  Tempel  der 
’AcpQo8ür\  Atvuug  und  nahe  dabei  ein  Tempel  der 
grofsen  Götter,  in  Ambrakia  ein  Aphroditetem- 
pel und  ein  Heroon  des  Aineias  die  Anwesen- 
heit der  Troer.  In  dem  Heroon  mit  dem  alter- 
tümlichen Schnitzbild  des  Helden  versahen 
Priesterinnen  den  Dienst.  Vergil  hat  auch  hier 
die  ausführliche  Sage  für  seine  Zwecke  ver- 
kürzt, er  übergeht  den  Aufenthalt  auf  Za- 
kynth, Leukas  und  in  Ambrakia;  die  drei  5' 
Tage  und  Nächte  lang  seit  dem  Aufbruch  von 
Kreta  von  einem  Seesturm  verfolgte  Flotte  lädst 
er  an  den  Strophaden,  dem  Wohnsitz  der  Har- 
pyien, landen.  Von  diesen  Unholdinnen  wer- 
den die  Troer  bei  der  Mahlzeit  gestört;  als  sie 
sich  zuletzt  mit  den  Waffen  verteidigen,  weis- 
sagt ihnen  Celaeno,  dafs  sie  in  Italien  nicht 
eher  die  verheifsene  Stadt  mit  Mauern  um- 
geben würden,  bis  sie  der  Hunger  gezwungen 
die  eigenen  Tische  zu  verzehren  (3,  253  ff),  e 
Dieses  Strophadenabenteuer  scheint  Erfindung 
Vcrgils  zu  sein.  Die  Flotte  erreicht  sodann 
das  Gestade  von  Actium,  im  Tempel  des  Apollo 
hängt  Aineias  den  Schild  des  Abas  (s.  d.)  als 
Weihgeschenk  auf,  bei  dem  Tempel  veranstal- 
ten die  Troer  gymnische  Spiele.  (Letzteres  mit 
Rücksicht  auf  die  von  Augustus  gestifteten 
ludi  Actiaci).  Das  Jahr  geht  zu  Ende. 


Aineias  in  Unteritalien  170 

10)  Aineias  in  Epirus  und  dem  Be- 
reich des  adriatischen  Meeres. 

Dion.  1.  c.  51:  Von  Ambrakia  fährt  An- 
chises  längs  der  Küste  nach  Buthrotos.  Dort 
hiefs  der  Ort  des  Schiffslagers  noch  in  späte- 
rer Zeit  Troja  (bestätigt  durch  Varro  b.  Ser- 
vius  V.  A.  3,  349).  Aineias  begiebt  sich  mit 
auserlesener  Mannschaft  zu  Lande  nach  Do- 
dona,  um  das  Orakel  zu  befragen.  (Nach  Varro 
b.  Serv.  V.  A.  3,  256  erhielt  er  dort  das  Ora- 
kel von  dem  Verzehren  der  Tische,  nach  Dio- 
nys. 1 , 55  schon  in  der  Heimat  von  der  ery- 
thräischen  Sibylle.)  Dort  trifft  er  Troer  unter 
Ilelenos  an,  eherne  Mischkessel  mit  altertüm- 
lichen Inschriften  wurden  dort  als  Weihge- 
schenke des  Helden  gezeigt.  Von  Dodona 
kehren  sie  zum  Schiffslager  zurück , darauf 
geht  die  Fahrt  längs  der  Küste  nach  Anches- 
mos  oder  Onchesmos,  ursprünglich  = Anchises- 
hafen.  (Dort  sollte  nach  der  Sage  der  Ein- 
wohner Anchises  verschwunden  sein.  Prolcop. 
Goth.  4,  22.)  Hierauf  folgt  die  Fahrt  über 
das  Ionische  Meer,  und  zwar  sind  Akarnanen 
die  Führer  der  Flotte,  welche  zugleich  Patron 
von  Thurion  und  seine  Genossen  zur  Teilnahme 
an  der  Fahrt  bewegen.  — Vergil  hat  den  Zug 
nach  Dodona  übergangen;  von  Actium  läfst 
er  die  Schiffe  gleich  bis  zum  Hafenplatz  von 
Buthrotum  gelangen,  dorthin  verlegt  er  das 
Zusammentreffen  des  Aineias  mit  Helenus  und 
dessen  Gemahlin  Andromaclie.  Diese,  Herren 
des  Landes,  welches  ihnen  Neoptolemus  hin- 
terlassen hatte,  haben  am  Bache  Xanthus  eine 
kleine  Stadt  Troja  gegründet,  3,  349.  Helenus 
unterstützt  seinen  Landsmann  mit  Rat  und 
Weissagung  über  die  weitere  Fahrt  und  die 
künftige  Ansiedelung ; die  Stelle  der  Überfährt 
ist  bei  Vergil  dieselbe  wie  bei  Dionys;  den 
Akarnanier  Patron  kennt  auch  Verg.  5 , 298. 
Nach  Diktys  5,  17  besiedelte  Aineias  imAdria- 
tisclien  Meer  die  Insel  Corcyra  Mel  aen  a, 
auf  der  sich  erst  um  580  Griechen  niederge- 
lassen haben  sollen.  Vgl.  oben  Kap.  5. 

11)  Aineias  in  Unteritalien. 

Dion.  c.  51.  Die  meisten  Schiffe  landeten 
am  iapygischen  Vorgebirge,  die  übrigen  mit 
Aineias  am  sogenannten  ’A&yveaov  (castrum 
Minervae),  einem  Vorgebirge  mit  einer  Sommer- 
reede, seitdem  Aphroditehafen  genannt.  Hierauf 
fuhr  man  durch  den  tarentinischen  Golf  bis  zur 
Meerenge,  im  Tempel  der  Hera  (Iuno  Lacinia) 
wurde  eine  Filiale  mit  des  Aineias  Namen  ge- 
zeigt. Verg.  3 , 506  ff.  läfst  im  ganzen  über- 
einstimmend die  Flotte  in  den  Hafen  von 
castrum  Minervae  einlaufen , wo  den  Troern 
Pferde,  Anzeichen  des  Krieges,  am  Gestade 
erscheinen;  sie  bringen  am  Gestade  der  Mi- 
nerva und  Iuno  Opfer,  die  übrige  Fahrt  bis 
zur  Meerenge  wie  bei  Dionys.  Andere  Quellen 
lassen  auf  längere  Anwesenheit  des  Helden 
im  südlichen  Italien  schliefsen.  Wahrschein- 
lich war  es  einheimische  Sage,  im  Apbrodite- 
hafen  sei  Anchises  gestorben  und  bestattet 
worden.  Denn  nach  Varro  bei  Servius  V.  A. 
4,  427  hatte  Diomedes  die  Gebeine  des  Anchi- 
ses ausgegraben  und  mit  sich  umhergeführt, 
aber  später,  durch  Unheil  gezwungen,  gab  er 
sie  samt  dem  Palladium  dem  Aineias  heraus. 


171  Aineias  in  Sicilien 

Wie  Bionys.  12,  22  erzählt,  begegnete  dort 
(in  Calabrien)  Diomedes  dem  opfernden  Aineias 
und  wurde  dadurch  Veranlassung,  dafs  dieser 
sich  verhüllte  und  damit  einen  von  den  Nach- 
kommen bewahrten  Opferbrauch  schuf.  Vgl. 
Verg.  3,  545  u.  Servius  z.  St.;  so  hatte  erzählt 
Varro  nach  Servius  zu  V.  A.  2,  166  (3,  407). 
Die  Stadt  Siris  am  tarentinischen  Golf  in  Lu- 
canien  nannte  sich  eine  troische  Gründung 
und  suchte  dies  durch  Vorzeigen  des  troischen 
Palladiums  zu  erhärten,  Strabo  6,  264;  nach 
Aristoteles  mir  ah.  ausc.  ff  79  wurde  Diomedes 
von  Aineias,  der  König  des  Landes  geworden 
war,  meuchlings  ermordet.  Es  scheint  dem- 
nach, dafs  in  Calabrien  und  Lucanien  die  Sage 
eine  Zeit  lang  heimisch  gewesen,  später  aber 
erloschen  ist.  Vergil  hat  die'  Beziehungen 
zwischen  Aineias  und  Diomedes  11,  243 — 295 
(vgl.  8,  9 ff.)  als  freundliche  dargestellt. 

12)  Aineias  in  Sicilien. 

Dion.  1 , 52.  In  Sicilien  landet  Aineias 
bei  Drepana  und  trifft  mit  Troern  zusammen, 
die  unter  Elymos  und  Aigestos  (s.  d.)  vor  ihm 
aus  Troja  geflüchtet  waren.  Nachdem  er  ihnen 
die  Städte  • Etyma  und  Aigesta  erbaut  hat, 
läfst  er  einen  Teil  seiner  Mannschaft  zurück, 
nach  Dion,  die  der  Seefahrt  Müden,  nach  an- 
deren die  Mannschaft  der  Schiffe,  welche  durch 
troische  Frauen  verbrannt  worden  waren.  (Dies 
Ereignis  verlegten  Hellanilcos,  Damastes  v.  Si- 
geion  und  Aristoteles  nach  Dion.  1,  72  an  die 
Küste  von  Latium).  Denkmale  der  Anwesen- 
heit des  Aineias  sind  dort  der  Altar  der  Aphro- 
dite Alvsiccg  auf  dem  Elymoshügel  und  ein 
Tempel  des  Aineias  in  Aigesta,  ersterer  vom 
Helden  selbst,  letzterer  von  den  zurückgelas- 
senen Troern  errichtet.  Die  Gründung  Segestas 
durch  Aineias  kennt  auch  Cicero  Verr.  Act.  2, 

4,  72;  Strabo  13,  608  berichtet:  Aineias  sei 
mit  dem  Troer  Elymos  nach  Aigesta  gekom- 
men , habe  den  Eryx  und  Lilybäum  in  Besitz 
genommen  und  die  Flüsse  um  Aegesta  Ska- 
mandros  und  Simois  genannt.  — Bei  Verg.  3, 
554  ff.  landen  die  Troer  zuerst  am  Fufs  des 
Ätna,  nehmen  den  zurückgelassenen  Gefährten 
des  Ulixes,  den  Achämenicles,  dort  auf  und  flie- 
hen vor  den  Cyklopen  auf  die  hohe  See.  Die 
Südküste  der  Insel  umfahrend  gelangen  sie 
nach  Drepanum,  wo  Anchises  stirbt  (3,  710). 
Die  Besiedelung  Siciliens  erwähnt  Vergil  beim 
zweiten  Aufenthalt  des  Helden  zu  Drepanum 

5,  35 ff.  Acestes  und  Elymus  (5,  73.  300  f.) 
nehmen  ihn  auf,  er  feiert  dort  zu  Ehren  sei- 
nes verstorbenen  Vaters  Leichenspiele  (unter 
diesen  auch  das  trojanische  Spiel).  Während 
der  Spiele  stecken  die  der  Seefahrt  überdrüssi- 
gen Frauen  die  Schiffe  in  Brand;  der  Priester 
der  Minerva,  Nautes,  giebt  zuerst  den  Kat,  die 
Frauen,  Greise  und  Schwächlinge  bei  Acestes 
zurückzulassen  und  eine  Stadt  Acesta  zu  grün- 
den; darin  bestärkt  den  Sohn  die  Traumer- 
scheinung des  Vaters.  Aineias  gründet  Acesta, 
stiftet  der  Venus  Idalia  auf  dem  Gipfel  des 
Eryx  einen  Tempel,  setzt  für  den  Grabhügel 
des  Anchises  einen  Priester  ein  und  legt  um 
das  Grabmal  einen  heiligen  Hain  an.  (Vgl. 
Dygin.  Fab.  260.  Serv.  V.  A.  1,  570.)  Das 
Vorhandensein  der  sicilischen  Sage  ist  durch 


Aineias  in  Karthago  172 

Thukydides  6 , 2 bezeugt , der  seine  Anga- 
ben aus  Antiochos  v.  Syralcus  geschöpft  hat. 

Da  Stesichoros  von  Himer a unseres  Wissens 
zuerst  von  Aineias’  Fahrt  ins  Westland  gesun- 
gen hat,  so  ist  die  Sage  wohl  Ende  des  7.  oder 
Anfang  des  6.  Jahrhunderts  auf  Sicilien  heimisch 
geworden.  Vielleicht  verdrängten  Aineias  und 
Anchises  am  Eryx  ältere  Heroengestalten. 

13)  Aineias  in  Karthago. 

Dionys  schweigt  gänzlich  von  dieser  Sage. 
Vergil  hat  sie  im  1.  und  4.  Buch  mit  Vorliebe 
ausgeführt;  vor  ihm  fand  sie  sich  schon  bei 
Naevius  und  Varro.  Das  Abenteuer  in  Kar- 
thago verlegt  Vergil  zwischen  den  ersten  und 
zweiten  Aufenthalt  zu  Drepanum.  Die  bereits  ; 
durch  das  tyrrhenische  Meer  segelnde  Flotte 
läfst  Tuno  durch  einen  Sturm  zurück  an  die  Küste 
Afrikas  treiben.  Dido  (s.  d.),  die  Königin  des  |S 
Landes,  nimmt  die  Schutzsuchenden  in  Kar- 
thago freundlich  auf  und  fafst  auf  Veranstal- 
tung der  Venus  eine  heftige  Leidenschaft  zu 
Aineias  (1.  1) ; von  ihrer  Schwester  Anna  darin 
bestärkt  ergiebt  sie  sich  dem  Helden  auf  einer  j 
Jagd  in  einer  Grotte  des  Waldgebirges  (vgl. 
Selene  und  Endymion);  Iuno  hatte  mit  Venus  ! 
verabredet,  dafs  Aineias  die  Dido  zum  Ehege-  U 
mahl  nehme  und  beide  Völker  vereinige.  Das 
Gerücht  verbreitet  die  Verbindung  in  den  Städ- 
ten Libyens.  Iarbas,  einer  der  verschmähten  ; 
fürstlichen  Werber,  fleht  zu  seinem  Vater  Iup- 
piter,  dafs  der  Bund  wieder  aufgelöst  werde. 
Iuppiter  befiehlt  durch  Mercur  dem  Aineias,  der  ; 
unter  Didos  Einflufs  verweichlicht,  Karthago 
zu  verlassen;  dieser  gehorcht,  im  Sclimerz  über 
sein  Scheiden  stürzt  sich  Dido  in  das  von 
Aineias  zurückgelassene  Schwert,  nachdem  sie 
den  Holzstofs  bestiegen  (1.  4).  Nach  Macrob. 

5,  2,  4 (vgl.  Servius  Verg.  Aen.  1,  198)  ist  der  | 
Anfang  der  Aeneis  dem  Naevius  nachgedichtet; 
Naevius  hat  die  Sage  nicht  erfunden,  er  fand 
sie  vor  und  gestaltete  sie  für  seine  Zwecke  |: 
um.  Die  übliche  Version  der  Sage  giebt  Justin. 
18,  6:  der  König  Iarbas  verlangt  von  zehn 
Häuptlingen  der  Karthager  unter  Androhung  ■ 
eines  Krieges  die  Elissa  (=  Dido)  zur  Gemah-  |; 
lin ; durch  eine  List  wissen  diese  die  schein-  I 
bare  Einwilligung  der  Königin  zu  erlangen. 
Aber  nach  der  Bedenkzeit  von  drei  Monaten 
besteigt  sie  selbst  den  Holzstofs,  den  sie  an-  ; 
geblich  den  Manen  ihres  ersten  Gemahls  Acer-  H 
bas  errichtet  hatte,  und  giebt  sich  mit  dem 
Schwerte  den  Tod.  Dafs  Vergil  diese  Sage 
gekannt  hat,  ergiebt  die  Fassung  seiner  Er- 
zählung; er  hat  sie  aber  wahrscheinlich  nach 
dem  Vorgang  des  Naevius  mit  einer  andern 
Sage  kontaminiert.  Denn  nach  Varro  bei  Ser- 
vius Verg.  Aen.  4,  682.  5,  4 hat  Anna  (s.  d.)  den 
Aineias  geliebt  und  sich  im  Schmerz  über 
seine  Untreue  den  Tod  gegeben.  Vielleicht  war 
die  karthagische  Sage  ursprünglich  so  gestal- 
tet: Die  freundliche  und  gefällige  Anna  liebt 
den  Aineias  und  ergiebt  sich  ihm  gemäfs  ihrer 
Natur  und  als  Vorbild  der  Töchter  des  Lan- 
des , die  im  Dienst  der  Astarte  (s.  d.  und 
Adonis  S.  69  u.  75)  das  Gleiche  zu  thun  hatten. 
Die  heitere  Göttin  liefs  wohl  in  der  ur-  ; 
spriinglichen  Fassung  der  Sage  den  unsteten 
Aphroditesohn  ruhig  weiter  ziehen.  Ihr  Selbst- 


10 

20 

30 

40 

50 

60 


173 


Aineias  am  Tiber 


174 


Aineias  in  Campanien 

mord  ist  aus  der  Didosage  herübergenom- 
men.  Naevius  bat  den  Aineias  statt  mit  der 
politiscli  unbedeutenden  Anna  mit  der  Städte- 
griinderin  Dido  zusammengebracht,  um  dadurch 
dem  Hals  der  Karthager  gegen  die  Römer  ei- 
nen grofsen  Hintergrund  zu  geben;  darin  ist 
ihm  Vergil  gefolgt.  Nachdem  sich  einmal  die 
Sage  von  Aineias  in  der  W estecke  Siciliens  fest- 
gesetzt hatte,  ist  sie  bei  dem  engen  Verkehr 
zwischen  beiden  Küsten  auch  nach  Karthago 
hinübergetragen  worden;  diese  Übertragung 
wurde  erleichtert  durch  die  nahe  Verwandt- 
schaft des  Kultus  der  erycinischen  Aphrodite 
und  der  karthagischen  Astarte.  Vgl.  E.  War- 
ner, die  Sage  von  den  Wanderungen  des  Aeneas 
etc.  S.  18  f.  E.  Oberhummer , Phoenizier  in 
Akarnanien,  Münch.  1882.  S.  56.  Jedenfalls 
war  die  punische  Sage  älter  als  Naevius. 

14)  Aineias  an  der  italischen  Küste 
des  tyrrhenischen  Meeres  (bes.  in  Cam- 
panien). 

Dion.  1,  53.  Von  Drepana  geht  die  Fahrt 
nach  dem  Palinurushafen  in  Lucanien,  der 
nach  dem  dort  umgekommenen  Steuermann 
Palinurus  genannt  ist,  dann  nach  der  Insel 
Leukosia  bei  Paestum,  genannt  nach  der 
verstorbenen  Nichte  des  Aineias,  von  da  zum 
Misenosliafen  im  Land  der  Opiker,  nach 
einem  edlen  Trojaner  genannt.  Der  nahen  In- 
sel Pr  ochyta  gab  man  den  Namen  von  einer 
dort  verstorbenen  Verwandten,  dem  Vorge- 
birge Caieta  in  Latium  (Kcar\Tr\)  von  der 
Amme  des  Helden.  Darauf  gelangen  sie  nach 
Laurentum.  Verg.  5,  762  ff.  u.  6B.  (Anfang)  hat 
gleichfalls  den  Unfall  des  Palinurus  (vgl. 
auch  6,  337—83),  darauf  läfst  er  die  Schiffe 
an  der  Küste  von  Kumä  landen.  Aineias  be- 
giebt  sich  zum  Tempel  des  Apollo  und  zu  der 
mit  diesem  verbundenen  Grotte  der  Sibylle, 
beide  gelegen  im  Hain  der  Hekate  (6 , 13).  ■ 
Die  Sibylle  Deiphobe,  des  Glaucus  Tochter, 
weissagt  ihm  schwere  Kämpfe  in  Latium,  und 
als  Ursache  dieser  Kämpfe  bezeichnet  sie  die 
, fremde  Braut.  Auf  des  Helden  Bitte,  ihn  zu 
Anchises  in  die  Unterwelt  zu  führen,  giebt  sie 
ihm  die  Weisung,  aus  dem  nahen  Hain  den 
goldnen  Zweig  zu  holen,  der  den  Eingang  zur 
Unterwelt  öffnet,  zuvor  aber  den  Gefährten  zu 
bestatten,  den  er  tot  bei  den  Schiften  finden 
werde.  Nach  d^r  Rückkehr  erfährt  Aineias  den 
Tod  des  Misenus,  Sohnes  des  Troers  Aeolus  (s.  d.), 
der  am  besten  verstand  mit  der  Trompete  die 
Männer  zum  Kampf  zu  rufen.  Triton,  der  zum 
Wettkampf  heraus  geforderte  Seegott,  hatte 
ihn  am  Strande  ertränkt.  Für  den  Scheiterhau- 
fen holen  die  Troer  aus  dem  nahen  Walde 
Stämme,  dabei  fliegen  zwei  Tauben,  die  heili- 
gen Vögel  der  Venus,  vor  Aineias  auf  und  ge- 
leiten ihn  zu  dem  goldnen  Zweig.  Diesen 
trägt  er  zur  Sibylle , während  die  andern  den  i 
Misenus  am  Fufs  des  nach  ihm  benannten  Ber- 
ges bestatten.  Am  Averner  See  liegt  eine 
Höhle,  der  Eingang  zur  Unterwelt,  durch  diese 
führt  die  Sibylle  den  Helden  in  die  Unterwelt 
hinab.  Nach  seiner  Rückkehr  fährt  Aineias 
von  Kumä  aus  nach  dem  Hafen,  welchem  Caieta 
durch  ihren  Tod  den  Namen  giebt.  Von  dort 
gelangt  die  Flotte  am  Gestade  der  Kirke  vor- 


bei zur  Mündung  des  Tiber  (bis  7,  v.  36).  Dio- 
nys hat  vor  Vergil  voraus  die  Orte  Leukosia 
und  Prochyte,  1 Hin.  n.  h.  3,  12,  82  fügt  hinzu 
die  Insel  A enaria,  nach  Servius  Verg.  Acn. 
9,  710  sollte  auch  Bajä  nach  der  Boia,  der 
Amme  des  Euximus,  eines  Genossen  des  Aineias, 
genannt  sein.  Aber  mehrere  dieser  Namen 
hatten  früher  der  Odysseussage  angehört;  so 
war  Leukosia  ursprünglich  eine  Sei  reue,  Strabo 
i 6,  252.  Plin.  n.  h.  3,  85;  den  Kumäern  gal- 
ten Misenos  und  Baios,  der  Eponymos  von 
Baiä,  für  Genossen  des  Odysseus,  Strabo  1,  26. 
5,  245.  Servius  Verg.  Aen.  9,  710  (letzterer 
nach  Varro) ; später,  als  die  Aineiassage  auf- 
kam, wurden  sie  in  diese  hinübergenommen. 
— Vielleicht  beruht  es  auf  alter  Überliefe- 
rung , dafs  Prochyte  (bei  Dion.)  und  Aenaria 
(bei  Plin.)  als  Haltepunkte  der  Fahrt  gelten; 
es  waren  dies  ursprünglich  chalkidische  Han- 
delsfaktoreien; erst  später  begründeten  die 
Ansiedler  auf  dem  Festlandc  Kumä.  Die  wich- 
tigste Differenz  zwischen  Dionys  und  Fei1- 
gü  ist  der  Besuch  des  Aineias  bei  der  Kumäi- 
schen  Sibylle;  auch  hierin  scheint  Vergil  dem 
Naevius  gefolgt  zu  sein,  der  eine  kimmerische 
Sibylle  anführte  ( Preller  r.  AI.2  267),  denn  die 
kimmerische  Sibylle  ist  nur  ein  andrer  Name 
für  die  kumäische,  vgl.  Strabo  5,  244.  Als 
die  .Aineiassage  ins  Land  kam,  liiefs  es  auch, 
Aineias  habe  dieses  berühmte  Orakel  besucht. 
Für  den  Campaner  Naevius  war  dies  heimat- 
liche Sage.  Auf  Campanien  scheint  auch  hin- 
zuweisen die  Glosse  bei  Paulus,  dem  Epito- 
mator  des  Festus  (p.  20,  6 Müller)-.  Aenesi 
(=  Aenesii)  dicti  sunt  comites  Aeneae.  Vgl. 
E.  Warner  a.  a.  0.  S.  23.  Dionys  hat  die 
campanische  Sage  nicht  erwähnt,  weil  er  mit 
Varro  den  kumanischen  Ursprung  der  römi- 
schen sibyllinischen  Bücher  leugnete  (vgl.  Lange 
E.  A.  1,  448)  und  dieselben  aus  Erythrä  ab- 
leitete, vgl.  1,  55  ; er  führt  aber  1,  49  ausdrück- 
lich die  sibyllinischen  Sprüche  als  Zeugnisse 
für  Aineias’  Ankunft  in  Latium  an.  — Über  den 
Einflufs  der  sibyllinischen  Orakel  auf  die  Ai- 
neiassage vgl.  0.  Müller:  Explicantur  causae 
fabulae  de  Aeneae  in  Italiam  adventu  ( Classical 
Journ.  1822  T.  26,  308  ff.).  Weil  auf  der  Tab. 
Uiaca  der  Trompeter  Misenos  im  Gefolge  des 
Aineias  erscheint,  glaubte  'Schwegler,  schon  Sie 
sichoros  habe  den  Helden  in  die  Gegend  von 
Kumä  wandern  lassen.  Für  das  Vorhandensein 
einer  campanischen  Aineiassage  spricht  auch 
der  Umstand,  dafs  nach  öaelius  Antipater  ( Ser- 
vius Verg.  Aen.  10,  145)  Kapys,  ein  Vetter  des 
Aineias,  für  den  Gründer  Capuas  galt. 

15)  Aineias  kommt  an  der  Tibermün- 
dung  an. 

Dion.  1,  53.  Bei  Laurentum  errichten 
die  Troer  ungefähr  vier  Stadien  vom  Meere 
ein  Lager  mit  Wall  und  Graben,  der  Ort  liiefs 
Troja,  c.  64.  Unter  den  Ankömmlingen  befand 
sicli  auch  Anchises  (ebenso  bei  Strabo  5,  p.  229) 
c.  55.  Als  die  Troer  mit  ihrer  Flotte  auf  der 
Reede  von  Laurentum  vor  Anker  lagen  und 
an  der  Küste  wegen  Wassermangels  Durst  lit- 
ten, kamen,  wie  Dionys  von  den  dortigen  An- 
wohnern hörte,  von  selbst  Quellen  des  besten 
Wassers  aus  der  Erde , so  dafs  das  ganze 


175 


Aineias  in  Etrurien  etc. 


Aineias  in  Latium 


176 


Heer  getränkt  wurde.  Die  Vertiefung,  in  wel- 
cher sich  das  Wasser  zeigte,  war  der  Sonne 
geheiligt.  Dort  standen  auch  zwei  von  den 
Troern  erbaute  Altäre , einer  nach  Osten,  der 
andere  nach  Westen  gerichtet,  an  denen  Aineias 
sein  Dankopfer  dargebracht  habe.  Von  dieser 
Sage  weifs  Vergil  nichts,  hei  ihm  fährt  (7,  25  ff.) 
die  Flotte  in  die  waldumgebene  Tibermündung 
ein  und  legt  am  Ufer  des  Flusses  an;  dort 
wird  das  Lager  errichtet  (v.  157 ff.),  der  Ort 
desselben  hiefs  Troia;  vgl.  Servius  Verg.  Aen. 

7,  158  (nach  Cato  und  Livins).  Naevius  (vgl. 
Servius  Verg.  Aen.  1,  170)liefsden  Aineias  mit 
einem  einzigen  Schiff  ankommen,  dem  Prokop 
bell.  Goth.  4,  22  wurde  in  Rom  noch  das  Schiff 
gezeigt;  nach  Cassius  Hemina  bei  Solin  2,  14 
zählte  die  Mannschaft  600  Köpfe.  Die  An- 
kunft fällt  in  den  zweiten  Sommer  nach  Tro- 
jas Zerstörung  Dion.  1,  63.  Sol.  2, 14.  — Varro 
erzählte  ( Serv . Verg.  Aen.  1,  382.  2,  801),  dafs 
Aineias  seit  seinem  Aufbruch  von  Troja  täglich 
den  Morgenstern , den  Stern  der  Aphrodite, 
gesehen,  bis  er  an  das  laurentische  Gestade 
kam,  wo  der  Stern  verschwand  und  dadurch 
anzeigte,  dafs  die  Troer  das  verheifsene  Land 
erreicht  hätten.  Wie  Aineias  in  der  Sage,  such- 
ten sicherlich  unternehmende  Kauffahrer  oft 
genug  vor  alters  am  Gestade  Latiums  sich 
festzusetzen.  In  dem  ersten  zwischen  Karthago 
und  Rom  geschlossenen  Handelsvertrag  (Po- 
lyb.  3,  22)  wird  ausdrücklich  verboten,  auf 
latinischem  Gebiet  ein  festes  Lager  zu  errich- 
ten; dort  ist  auch  Laurentum  genannt.  Die 
Sage  hei  Dion.  1,  55  scheint  auf  pliönicischen 
Einflufs  zu  deuten.  — Bevor  die  Sage  von  der 
Ansiedelung  des  Aineias  in  Latium  berichtet 
wird,  mögen  noch  die  übrigen  Wanderungen 
des  Helden  zusammengestellt  werden. 

16)  Aineias  in  Etrurien. 

Nach  Verg.  B.  8 begiebt  sich  Aineia.s  von  sei-  40 
nem  Lager  aus  zu  Schiffe  nach  Pallanteum  zu 
dem  Arkader  Euander  und  bittet  ihn  um  Bei- 
stand; dieser  weist  ihn  an  die  gegen  den  ver- 
triebenen Tyrannen  Mezentius  von  Agylla  ver- 
bündeten Etrusker  (8,  470 — 519).  Bei  Cäre  liegt 
ein  dem  Silvanus  geweihter  Hain , bei  dem 
das  Heer  der  Etrusker  unter  Tarchon  lagert. 
Dort  schliefst  Aineias  mit  Tarchon  ein  Bündnis, 
er  wird  zum  Führer  der  vereinigten  Heere  ge- 
wählt; so  hatte  es  den  Etruskern  ein  Orakel 
befohlen;  mit  der  Flotte  der  Verbündeten  fährt 
er  nach  der  Tibermündung  zurück.  Unter  den 
Schiffen  der  Bundesgenossen  werden  angeführt 
Schiffe  aus  Populonia  (10,  170ff.),  Pisä  (10, 
175ff.),  Cäre  ( ib . 170),  Pyrgi  (I82ff.).  Dafs 
dies  nicht  eine  Erfindung  des  Vergil  ist,  be- 
weist Lylcophrons  Alexandra  v.  1235 — 80:  Ai- 
neias kommt  irrend  an  die  heifsen  Gewässer  des 
Lingeus  (b.  Populonia),  nach  Pisa  und  zu  den 
lämmerreichen  Schluchten  von  Agylla  (=  Cäre).  60 
Dort  schliefst  er  mit  Odysseus  eine  Eidgenos- 
senschaft und  nimmt  in  diese  die  beiden  Söhne 
des  Telephos,  Tarchon  und  Tyrsenos  auf;  da- 
rauf besiedelt  er  oberhalb  der  Latiner  und 
Daunier  das  Land  der  Boreigoner  (Aboriginer?) 
mit  dreifsig  Burgen.  — Nach  Lylcophron  also 
kam  Aineias  aus  Etrurien  nach  Latium;  in  den 
genannten  Küstenplätzen  Etruriens  war  viel- 


leicht die  Aineiassage  früher  bekannt  gewor- 
den, als  in  Latium.  Auch  der  Trompeter  Mir 
senus  im  Gefolge  des  Aineias  weist  auf  etruri- 1 
sehen  Einflufs  hin , da  den  Griechen  die  Tyr- 
rhener  für  die  Erfinder  der  Trompete  galten. 
Schol.  zu  Eurip.  Phoen.  1377. 

17)  Die  Aineiassage  in  Sardinien. 

Paus.  10,  17,  6:  Nach  der  Eroberung  Ilions 

kam  ein  Teil  der  Troer,  die  sich  mit  Aineias 
io  gerettet  hatten,  durch  Stürme  verschlagen  nach 
Sardinien;  sie  vermischten  sich  dort  mit  den 
ein  gewanderten  Hellenen,  zogen  sich  aber  in- 
folge des  Andringens  der  Punier,  durch  welche 
die  Hellenen  vernichtet  wurden,  später  in  die 
Gebirge  zurück,  bis  zur  Zeit  des  Pausanias 
Hier  (Tltsfg)  genannt.  Wie  hier,  sollten  sich 
auch  im  Elymergebiet  Siciliens  Troer  mit  Grie-  lil 
chen  vermischt  haben,  Time.  6,  2.  Die  einge-  j 
wunderten  Griechen  mögen  die  Sage  ins  Land  ■ 
20  gebracht  haben,  die  liier  pflanzten  sie  als  Tra-  ( 
dition  fort. 

18)  Die  centrale  Lage  Latiums  in  Ita- 
lien, an  der  Mündung  des  gröfsten  italischen 
Stromes,  mufs  schon  frühzeitig  den  Seehan- 
del dorthin  gezogen  haben.  Die  Erzeug- 
nisse der  höheren  griechischen,  phönicisclien, 
etruskischen  Kultur,  besonders  auch  Gegen- 
stände des  Kultus  wurden  dem  günstig  gele-  k 
genen  Lande  zugeführt  (vgl.  Liv.  5,  54.  Cie.  de 

30  rep.  2,  5);  im  Gefolge  des  griechischen  Han- 
dels kamen  die  Sagen  ins  Land , zuerst  die 
homerischen,  später  die  Aineiassage,  die  letz- 
tere nun  in  verschiedenen  Versionen,  je  nach- 
dem sie  von  Griechen,  oder  von  Puniern  und 
Etruskern  erzählt  wurde,  da  die  beiden  letz- 
teren sie  auch  erst  von  den  Griechen  gehört 
und  in  ihrer  Weise  umgestaltet  hatten.  Auf 
den  Einflufs  Kumäs  und  Campaniens  weisen 
die  sibyllinischen  Bücher  hin  mit  ihrer  Be- 
deutung für  die  Aineiassage;  auf  Etrurien  Tar- 
chon , der  Stammvater  der  Tarquinier , unter 
deren  Herrschaft  etrurisch-griechische  Kultur 
nach  Rom  kam,  sowie  die  Sage  von  Dardanus’ 
Abstammung  aus  Cortona (vgl . Verg.  Aen.  7^  205  ff'. 
240ffi);  auf  etruskisch-campanischen  Einflufs  der 
Trompeter  Misenus ; aufSicilien  der  Kultus  der 
erycinischen  Venus,  welche  Aineias  unter  dem 
Namen  der  Frutis  nach  Latium  gebracht  haben 
seilte  (Solin.  2,  14.  Serv.  Verg.  Aen.  1,  720); 

50  auf  Karthago  die  Sage  von  Anng,,  der  Schwester 
der  Dido,  die  später  Aufnahme  bei  Aineias  fand; 
vgl.  Ov.  Fast.  3,  545 — 655  und  Martial  4,  64, 
16.  So  mag  der  Handelsverkehr  mit  Kumä, 
mit  den  etrurischen  Küstenplätzen,  mit  Sici- 
lien  und  mit  Karthago  zusammengewirkt  haben, 
der  Aineiassage  in  Latium  frühzeitig  (etwa 
in  der  2.  Hälfte  des  6.  Jhcl.)  Eingang  zu  ver- 
schaffen und  in  der  Folgezeit  die  Sage  im  Lande  | 
lebendig  zu  erhalten. 

19)  Aineias  siedelt  sich  inLatium  an. 
Die  Gründung  Laviniums. 

Dionys.  1,  55ff. : a)  Als  die  Troer  äm  Ufer 
das  Mahl  einnehmen , geht  das  Orakel  vom 
Verzehren  der  Tische  in  Erfüllung  (vgl.  Kap.  9, 
10);  denn  einige  verzehrten  aufser  den  Spei- 
sen auch  die  Unterlagen  derselben,  welche 
nach  den  einen  aus  Eppichblättern , nach  an- 
deren aus  Kuchen  von  Weizenmehl  bestanden. 


177 


Aineias  in  Latium 


Aineias  in  Latium 


178 


Ascanius  bricht  zuerst  in  die.  erlösenden  Worte 
aus,  durch  welche  sich  das  Wunder  erfüllt; 
ebenso  berichtet  Vergil  Aen.  7,  107  — 148. 
(VgL  Strabo  13,  G08;  Konon  Narr.  40;  Dio 
Cass.  fr.  4,  5.  Aur.  Vict.  de  orig.  g.  r.  10,  5 ff.) 

b)  Der  zweite  Teil  des  Orakels  besagte,  wenn 
sie  diesen  Ort  gefunden,  sollten  sie  einem  vier- 
fülsigen  Führer  folgen  und,  wo  das  Tier  rasten 
würde,  eine  Stadt  gründen.  Die  Götterbilder 
werden  ans  Land  gebracht  und  am  Ort  der  i 
Erfüllung  das  Opfer  vorbereitet.  Allein  das 
zum  Opfern  bestimmte  trächtige  Mutterschwein 
reifst  sich  los  und  läuft  landeinwärts,  bis  es 
auf  einem  24  Stadien  vom  Meer  entfernten  Hügel 
ausruht.  Dem  nachfolgenden  und  über  die 
schlechte  Lage  des  Ortes  bestürzten  Aineias  be- 
fiehlt eine  aus  dem  nahen  Wald  ertönende  Stimme 
am  Orte  eine  Stadt  zu  bauen;  nach  so  vielen 
Jahren , als  das  Schwein  Frischlinge  werfen 
würde,  würden  seine  Nachkommen  eine  grofse  2 
und  gesegnete  Stadt  gründen.  Tags  darauf 
wirft  das  Schwein  auf  der  Stelle  des  späteren 
Lavinium  dreifsig  Frischlinge;  nach  eben  so 
viel  Jahren  erbauten  die  Trojaner  Alba  Longa. 
Aineias  opferte  das  Schwein  samt  den  Jungen 
an  Ort  und  Stelle,  läfst  das  Lager  auf  den 
Hügel  verlegen  und  die  Götterbilder  dorthin 
bringen;  es  beginnt  der  Bau  der  neuen  Stadt. 
Dion.  c.  56.  57.  So  auch  Varro  l.  I.  5 , 144. 
Nach  Diod.  frg.  8 B.  u.  Cass.  Dio  frg.  4,5  3 
bezeichnete  Fabius  Victor  als  Ort  des  Vor- 
gangs die  Gegend  von  Alba  Longa,  vgl.  aber 
hierüber  Jordan,  Hermes  3,  413.  Die  Wei- 
sung zum  Bau  erhielt  nach  anderer  Überlie- 
ferung Aineias  durch  die  Traumerscheinung 
seiner  vaterländischen  Götter  (=  der  Penaten). 
Dion.  c.  56  (vielleicht  nach  Fabius  V. , vgl. 
Cic.  de  divin.  1,  21,  43.  Diod.  frg.  8.  B.  Pe- 
ter, Hist.  Vom.  Hell.  1,  6.  und  nach  Cato ; vgl. 
Aurel.  V.  de  orig.  g.  r.  12,  5).  — Nach  Varro  4 
r.  r.  2,  4,  18  standen  die  ehernen  Bilder  des 
Mutterschweines  und  der  dreifsig  Jungen  auf 
einem  öffentlichen  Platze  in  Lavinium , die 
Priester  zeigten  -sogar  eine  Art  Mumie  der 
Bache.  — Vergil  berührt  nur  die  Sage;  vgl. 

3,  390  mit  8,  42 — 49,  81  ff.,  an  letzterer  Stelle 
verändert  er  willkürlich  den  Ort  der  Hand- 
lung. Beide  Sagen  hängen  mit  dem  Laren- 
und  Penatenkuitus  zusammen.  Die  erste 
Sage  bezieht  sich  auf  den  Brauch  der  mensae  5 
paniceae,  die  bei  jeder  Mahlzeit  den  Penaten 
dargebracht  wurden;  die  zweite  Sage  auf  den 
Kultus  der  Laren:  das  Schwein  ist  das  ge- 
wöhnliche Larenopfer.  Die  30  Ferkel  zeigen 
symbolisch  die  Laren  der  30  latinischen  Bun- 
desstädte an.  So  nimmt  sich  die  Sage  schon 
bei  Lylcophron  A.  1255ff.  aus,  die  Deutung  auf 
die  30  Jahre  spätere  Gründung  von  Alba  Longa 
gehört  dem  Fabius  Victor , Cato , Varro  an. 

c)  Dionys.  1,  57—59.  Latinus,  König  der  Abo-  6 
riginer,  der  gerade  mit  dem  Volk  der  Rutuler 
(um  Ardea)  Krieg  führt,  eilt  herbei,  um  die 
Ansiedlung  zu  .hindern ; aber  in  der  Nacht  be- 
fiehlt ihm  die  Erscheinung  eines  einheimischen 
Gottes  (tt?  e7u%tö()ios  daiybjv)  die  Hellenen  (!) 
ins  Land  aufzunehmen.  In  derselben  Nacht 
erhält  Aineias  durch  seine  heimatlichen  Götter 
die  Weisung,  das  Land  von  Latinus  zu  er- 


bitten. Es  kommt  der  Friede  und  ein  Bünd- 
nis zwischen  Aboriginern  und  Troern  zustande 
{Justin.  43,  1,  10;  Dio  Cass.  fr.  4,  7 läfst  den 
Latinus  erst  im  Krieg  besiegt  werden,  ehe  er 
dem  Aineias  die  Tochter  giebt;  beide  Überlie- 
ferungen  kennt  Liv.  1,  1,  6).  Die  Troer  er- 
halten vierzig  Stadien  Land  ins  Geviert  von 
jenem  Hügel  aus  gerechnet;  (400  Stadien  nach 
Appian  bei  Photius  bibl.  p.  16b.,  12.  Belclcer, 
500  jugera  nach  Cassius  IJemina  bei  Solin.  2, 
14;  2700  (oder  700)  jugeranac-h  Catos  Origines  bei 
Vcrg.  Aen.  11,  316  zwischen  Laurentum  und 
den  castra  Troiana).  Mit  den  Troern  verbün- 
det unterwirft  Latinus  die  Rutuler,  der  begon- 
nene Bau  des  Städtchens  wird  darauf  zu  Ende 
geführt,  welches  Aineias  nach  des  Latinus  Toch- 
ter Lavinia  (Aavva)  Lavinium  nennt.  (An- 
dere Version  in  Kap.  7).  — Lavinium  war  die 
geistliche  Metropole,  die  Laren-  und  Penaten- 
stadt  Latiums,  fistQOTtohg  rov  Aarivcov  yivovq 
Dion.  5,  12.  8,  49.  Dort  opferten  alljährlich 
die  römischen  Priester  und  die  höheren  Ma- 
gistrate beim  Antritt  und  bei  der  Niederle- 
gung ihres  Amtes  den  Penaten  und  der  Vesta. 
Ascon.  zu  Cic.  Scaur.  p.  21.  Serv.  Verg.  Aen. 
2,  296.  3,  12.  8,  664.  Schol.  Veron.  Verg.  Aen. 
1,  260.  Liv.  1,  14.  5,  52;  Dionys.  2,  51.  52. 
Val.  Max.  1,  6,  7.  — Dion.  1,  59  erzählt  das 
symbolische  Wunder,  das  sich  bei  Laviniums 
Erbauung  ereignete:  das  Feuer  im  Wald,  ge- 
nährt durch  Wolf  und  Adler,  bekämpft  durch 
den  Fuchs;  vgl.  Preller  r.  AL2  681  f.  Preu- 
ner , Ilestia-  Vesta  398.  — Nach  Erbauung 
der  Stadt  vermählt  Latinus  seine  Tochter 
mit  Aineias,  dem  Beispiel  der  Fürsten  folgen 
die  Untertlianen,  Troer  und  Aboriginer  ver- 
schmelzen darauf  zu  dem  Volk  der  Latiner. 
Dion.  c.  60  (übereinstimmend  Strabo  5,  229). 
Die  Gründung  Laviniums  fällt  nach  Dionys  in 
das  Ende  des  2.  Jahres  nach  Trojas  Zerstö- 
rung, c.  63.  Nachdem  Aineias  die  Stadt  mit 
Tempeln  und  Denkmalen  geschmückt  hatte, 
herrschte  er  allein  über  die  Troer.  Dionys 
erwähnt  nicht,  dafs  in  der  Nähe  von  Lavinium 
ein  Aphroditetempel,  Bundesheiligtum  der  La- 
tiner , welches  unter  der  Obhut  der  Ardeaten 
stand,  und  bei  Ardea  ein  Aphrodision  lag,  wo 
die  latinischen  Bundesstaaten  zusammenkamen, 
Strabo  5,  232.  Diese  Tempel  weisen  auf  aus- 
ländischen, vorhellenischen  Einflufs  und  Han- 
del' hin;  später,  als  sich  der  griechische  Ein- 
flufs durch  den  Handelsverkehr,  die  homerischen 
Sagen  und  die  sibyllinischen  Bücher  besonders 
von  Kumä  aus  an  dieser  Küste  bemerklich 
machte,  setzte  er  die  Aineiassage  in  Verbin- 
dung mit  diesen  älteren  Aphroditetempeln. 
(Beweis  für  den  Zusammenhang  mit  Aphro- 
dite , den  Aineias  auch  in  Latium  bewahrt, 
ist  die  Sage  von  Anna,  der  Dido  Schwester, 
welcher  er  bei  sich  Aufnahme  gewährt.  Vgl. 
Ov.  Fast.  3,  545  ff.).  Von  hier  aus  kam  Aineias 
als  Überbringer  seiner  heimatlichen  Götter  in 
den  altlatinischen  Kultus  der  Laren  und  Pena- 
ten hinein,  welche  letzteren  mit  den  grofsen 
Göttern  des  Trojaners  (den  Kabiren)  identifi- 
ciert  wurden.  — Die  Resultate  der  Forschun- 
gen Schweglers,  Klausens,  Bambergers,  Prellers, 
Preuners  fafst  zusammen  Hild,  la  legende  d'Fnce 


179  Aineias’  Kämpfe  u.  Tod 

avant  Virg.  Paris  83,  p.  40 — 73.  — Vergil  er- 
zählt die  Gründung  Laviniums  nicht,  deutet 
aber  darauf  hin  Aen.  1,  258f.  12,  193ff. 

20)  Aineias’  Kämpfe  und  Ende  in  La- 
tiu  m. 

a)  Die  Sage  nach  Dionys  (V arro). 

Turnus  (TvQQiqvog),  Schwestersohn  der  Amata 

(Afu'xa),  der  Gattin  des  Latinus,  von  den  Ru- 
tulern  zum  Anführer  gewählt , eröffnet  gegen 
Latinus  den  Krieg , im  Zorn  darüber , dafs 
Aineias  ihm  seine  frühere  Braut,  Lavinia,  ent- 
rissen habe.  Amata  selbst,  welcher  die  Ehe 
mit  dem  Fremden  verhafst  ist,  hat  ihren  Ver- 
wandten zum  Krieg  angetrieben.  In  der  Schlacht 
fallen  Latinus  und  Turnus,  des  Aineias  Genos- 
sen siegen.  Dion.  1,  64  (vgl.  Just.  43,  1,  11. 
Ido.  1,  2,  2 erwähnt  nur  den  Tod  des  Latinus, 
Dio.  Cass.  frg.  4,  7 läfst  Latinus  und  Turnus 
im  Zweikampfe  fallen.  Zonar.  7,1p.  313b. 

— Latinus  wurde  als  Iuppiter  Latiaris  verehrt 
nach  Fest.  p.  194  s.  v.  Oscillantes ; Schol.  Bob.  in 
Cie.  Blanc,  p.  256).  Aineias  regierte  nach  des 
Latinus  Tod,  da  Lavinia  die  einzige  Erbin 
war,  über  das  ganze  Reich  noch  drei  Jahre 
lang;  im  vierten  Jahr  lieferte  er  ein  Treffen 
gegen  die  Rutuler , die  von  dem  Tyrrhener- 
könig  Mezentius  (MiasvxLog)  unterstützt  wur- 
den. Während  der  Entscheidungsschlacht  bei 
Lavinium  verschwindet  Aineias; die  einen  glaub- 
ten, er  sei  unter  die  Götter  versetzt  worden, 
die  andern,  er  sei  in  dem  benachbarten  Flufs 
(Numicius),  bei  welchem  gekämpft  worden  war, 
umgekommen.  (Nach  Aurel.  Vict.  14,  2 trat 
während  der  Schlacht  ein  Gewitter  ein , wäh- 
rend dessen  Aineias  in  den  Flufs  stürzte;  später 
erschien  er  dem  Ascanius  und  anderen  in  ver- 
klärter Gestalt  am  Numicius;  ebenso  Schol. 
Veron.  zu  Verg.  Aen.  1,  260.)  Die  Latiner  er- 
bauten ihm  ein  Heroon,  einen  Grabhügel  von 
Bäumen  eingefafst,  das  Denkmal  trug  die  In- 
schrift: „dem  Vater  und  einheimischen  Gotte, 
dem  Gebieter  des  numicischen  Flusses.“  Was 
bei  Dion.  1,  64  fff og  x&oviog,  ist  Pater  oder 
Iuppiter  Indiges  bei  Liv.  1,  2,  6;  nach  letzte- 
rem lag  das  Heroon  oberhalb  des  Numicius. 

— Dionys  kennt  noch  eine  andere  Überliefe- 
rung , wonach  Aineias  dieses  Heroon  seinem 
Vater  Anchises  erbaut  habe,  der  ein  Jahr  vor 
diesem  Kriege  gestorben  sei.  — Den  Kämpfen 
mit  Turnus  und  Mezentius  liegt  eine  dunkle 
Tradition  von  Kämpfen  zwischen  den  zur  Mee- 
resküste sich  Bahn  brechenden  Latinern  und 
den  Etruskern  (Tyrrhenern)  zu  Grunde,  welche 
letztere  einst  vom  Fufs  der  Alpen  bis  zum 
Vesuv  geherrscht  haben  sollen.  Turnus  ( Tvq - 
Qgvog) , der  Bundesgenosse  des  Mezentius  von 
Ägylla  (Cäre) , ist  ein  etruskischer  Lucumo, 
Ardea  eine  tuscische  Stadt  ( Schivegler  r.  G.  1, 
331).  Die  oben  gegebene  Darstellung  des  Dio- 
nys geht  vielleicht  auf  Varro  zurück ; mit  ihm 
stimmt  im  wesentlichen  Liv.  1 , 1 ff.  überein, 
nur  ist  bei  ihm  Ascanius  der  Sohn  der  Lavi- 
nia. Livius  hat  vielleicht  aus  Q.  Fabius  Pic- 
tor  geschöpft.  ( Lachmann , de  fontibus  Livii  2, 
p.  50  ff.) 

b)  Die  Sage  nach  Cato. 

Auf  Grund  der  kurzen,  nicht  immer  deut- 
lichen Angaben  des  Servius  scheint  es,  dafs  Cato 


Aineias’  Kämpfe  u.  Tod  180 

in  den  Origines  die  Sage  folgendermafsen  er- 
zählt habe : Aineias  kommt  mit  Anchises  nach 
Latium,  schlägt  ein  befestigtes  Lager,  Troja, 
auf  Serv.  Verg.  Aen.  1,5.  7 , 158.  Die  Tro- 
janer werden  von  Latinus  freundlich  aufgenom- 
men und  ihnen  2700  (oder  700)  Juchert  Landes 
bewilligt,  dem  Aineias  die  Hand  der  Lavinia.  Da- 
rauf werden  Aineias  und  Latinus  von  Turnus,  dem 
König  der  Rutuler  und  früheren  Verlobten  der 
Lavinia-,  welcher  von  Mezentius  Unterstüzung 
empfängt,  bekriegt.  Als  aber  die  Trojaner  im 
Gebiet  des  Latinus  plünderten,  verfeindet  sich 
dieser  mit  seinem  Schwiegersohn  und  zieht  mit 
seinem  ehemaligen  Gegner  Turnus  gegen  Ai- 
neias. In  der  Schlacht  bei  Laurolavinium. 
fällt  Latinus.  Turnus  entweicht  zu  Mezentius 
und  liefert  mit  dessen  Hilfe  eine  zweite 
Schlacht,  in  der  er  selbst  getötet  wird,  aber 
auch  Aineias  verschwindet.  Der  Krieg  wird 
hierauf  zwischen  Ascanius  und  Mezentius  fort- 
sresetzt.  Letzterer  hatte  von  den  Rutulern  den 
Ertrag  der  Weinernte  jedes  Jahres  gefordert, 
dafür  treten  die  Latiner  aus  Furcht  vor  einem 
ähnlichen  Verlangen  ihm  feindlich  gegenüber  ! 
und  verbünden  sich  wohl  von  nun  an  mit 
Ascanius  ( Macrob . 3,5,  10,  vgl.  fasti  Trac- 
nest.  im  C.  I L.  1,  p.  392).  In  der  dritten 
Schlacht  wird  Mezentius  vom  Ascanius  getö-  : 
tet;  vgl.  Serv.  Verg.  Aen.  11,  316.  6,  760.  1, 
267.  570.  4,  620.  9,  745.  Klausen  597.  Schweg-  \ 
ler  1,  283.  Kuschel,  über  die  Quellen  von  Verg.  [ 
Aen.  Progr.  Breslau  1858.  S.  23.  32.  H.  Pe- 
ter, Histor icorum Bom.  Belliquiael,  p.  138  (Prol.) 
u.  p.  53ff.  (Text).  Bei  Ov.  Fast.  4,  879ff.  weiht 
Aineias  gegen  Turnus  und  Mezentius  den  Ertrag 
der  Weinernte  dem  Iuppiter  und  siegt;  so  nach 
Varro ; vgl.  Flut,  quaest.  B.  45.  Plin.  n.  h. 
14,  88;  wieder  etwas  anders  bei  Dionys.  1,65. 

e)  Die  Sage  bei  Vcrgil. 

Vergil  hat  in  den  letzten  sechs  Büchern 
die  Sage  von  den  Kämpfen  mit  dichterischer  | 
Freiheit  behandelt;  doch  steht  er  in  den  Haupt- 
zügen dem  Cato  näher  als  dem  Dionys  (Varro). 
Bei  Vergil  wie  bei  Cato  ist-  das  erste  Zusam- 
mentreffen der  Troer  und  Aboriginer  ein  freund- 
liches. Aineias  sendet  nach  Laurentum  an  La- 
tinus eine  Gesandtschaft  und  bittet  um  ein 
Stück  Land  für  die  heimatlichen  Götter  (7,  229  f.). 
Latinus  kommt  dem  Gesuche  entgegen  und 
bietet , eingedenk  eines  Orakelspruches  des 
Faunus,  dem  Helden  die  Hand  der  Lavinia  an. 
Turnus , den  die  Königin  Amata  begünstigt 
(7  , 56  f.),  rüstet  sich  zum  Krieg  gegen  die 
Fremden;  die  Latiner  treten  auf  seine  Seite,  j 
als  bei  Gelegenheit  einer  Jagd  ein  blutiger  1 
Streit  zwischen  ihnen  und  den  Begleitern  des 
Ascanius  ausgebrochen  ist  (B.  7).  Aineias  sucht 
gegen  die  Übermacht  Hilfe  bei  Euander  in 
Pallanteum  und  wird  von  diesem  an  die 
Etrusker  gewiesen,  die  sich  unter  Tarchon  ge- 
gen den  Tyrannen  Mezentius  von  Cäre  erho- 
ben hatten  (B.  8).  Während  seiner  Abwesen- 
heit wird  das  trojanische  Lager  von  Turnus 
bestürmt;  zur  Zeit  der  höchsten  Not  segelt 
von  Etrurien  die  Flotte  heran,  welche  die  Be-  1 
lagerten  entsetzt;  im  Kampfe  fällt  Pallas,  Euan- 
ders  Sohn,  von  Turnus’  Hand,  Aineias  erschlägt 
zuerst  den  Lausus , des  Mezentius  Sohn,  dann 


10 

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60 


181  Aineias’  Kämpfe  u.  Tod 

den  Mezentius  selbst;  Turnus  aber  ist  vorher 
von  Inno  vor  Aineias  gerettet  und  aus  der 
Schlacht  entfernt  worden  (B.  9.  10).  Zu  Lau- 
reDtum  herrscht  Schrecken,  die  Meinungen  sind 
geteilt;  Latinus,  gegen  dessen  Willen  der  Krieg 
begonnen  worden  ist,  rät  zum  Frieden,  Tur- 
nus dringt  auf  Krieg.  Dem  gegen  Lauren- 
tum  heranrückenden  Aineias  werden  Reiter- 
scharen entgegengesandt,  Turnus  legt  den 
Troern  einen  Hinterhalt.  Es  erfolgt  eine  Rei- 
terschlacht vor  den  Mauern  der  Stadt,  Tod  der 
Camilla  und  Flucht  der  Latiner.  Darauf  rückt 
Aineias  gegen  die  Stadt  vor,  Turnus  eilt  ihr 
zu  Hilfe  (B.  11).  Nach  den  beiden  verlornen 
Schlachten  erbietet  sich  Turnus  den  Krieg 
durch  einen  Zweikampf  mit  Aineias  zu  entschei- 
den. Während  zu  diesem  Zwecke  Aineias 
und  Latinus  feierliche  Eide  leisten,  begin- 
nen plötzlich  die  Rutuler  vertragsbrüchig  von 
neuem  den  Kampf.  Aineias  wird  verwundet, 
aber  durch  göttliche  Hilfe  wieder  geheilt. 
Nun  erfolgt  eine  dritte  Schlacht  (vgl.  Cato), 
zuletzt  bestürmen  die  siegenden  Trojaner  Lau- 
rentum.  In  dieser  (Not  erhängt  sich  die  ver- 
zweifelnde Amata  (nach  Fabins  Pictor  tötete 
sie  sich  durch  Hunger,  Serv.  Verg.  Aen.  12,  603), 
Turnus  erbietet  sich  von  neuem  zum  Zweikampf, 
durch  den  Tod  des  Gegners  rächt  Aineias  den 
Fall  seines  Freundes  Pallas  (B.  12).  Die  spä- 
tere Verheiratung  mit  Lavinia,  die  dreijährige 
Herrschaft  und  die  Vergötterung  des  Aineias 
deutet  der  Dichter  nur  an  12,  937  und  794  ff. 
1,  258.  1,  265  f.  Da  Vergil  den  Aseanius  als 
lieblichen,  wenn  auch  rüstigen  Knaben  schil- 
dert , so  hat  er  die  That , welche  die  Sage 
sonst  dem  Sohne  zuteilt,  dem  Vater  zugewie- 
sen. Ein  einziges  Mal  beteiligt  sich  Aseanius 
am  Kampfe  9,  629  ff.  — Oviä  (vgl.  Kap.  20  b. 
a.  E.,  19  c.)  führt  Met.  14,  581  ff.  die  Apotheose 
des  Helden  weiter  aus;  er  läfst  sie  erfolgen, 
nachdem  Aineias  die  Herrschaft  für  Iulus  im 
Frieden  befestigt  hat.  Dies  setzt  eine  län- 
gere friedliche  Herrschaft  des  Aineias  vor- 
aus ; derselben  Anschauung  scheint  Verg. 
Aen.  6,  764  zu  folgen;  dort  gebiert  Lavinia 
dem  Hochbetagten  ( longaevo ) den  Silvius, 
vgl.  Gell.  2,  16.  Die  Darstellungen  auf  der 
pränestinisehen  aus  guter  republikanischer 
Zeit  stammenden  Cista  (vgl.  Brunn , Mo- 
num.  d.  arch.  Inst.  Bd.  8.  T.  7.  8.  Ami.  d. 
Inst.  Bd.  36.  S.  356  ff.)  stimmen  merkwürdi- 
ger Weise  zu  Vergils  11.  u.  12.  Buch.  War 
vielleicht  die  Cista  nach  dem  beliebten  Epos 
des  Naevius  gearbeitet?  (vgl.  Hör.  Ep.  2,  1, 
53).  Dann  würde  sich  ergeben,  clafs  Vergil 
in  den  beiden  letzten  Büchern  dem  Vorgänge 
des  Naevius  in  einigen  Zügen  gefolgt  ist.  — 
Hinsichtlich  der  Verehrung  des  Aineias  als 
Iuppiter  Indiges  am  Numicius  setzt  Ilild , la 
legende  d'Enee  avant  V.  S.  42  ff.  gut  auseinan- 
der, wie  wohl  ursprünglich  bei  Lavinium  der 
Flufs  Numicius  als  Iuppiter  Indiges  (=  divus 
pater  indiges)  verehrt  wurde,  und  daneben,  da 
Lavinium  die  geistliche  Metropole  Latiums 
war,  als  Iuppiter  Latiaris.  Dieser  Iuppiter  La- 
tiaris  vermenschlichte  sich  später  in  dem  König 
Latinus,  der  im  Numicius  verschwand;  dieser 
trat  wieder  seine  göttliche  Würde  eines  Iuppi- 


Aineias  gründet  Rom  etc.  182 

ter  Indiges  an  Aineias  ab,  als  diese  Sage  frucht- 
baren Boden  in  Latium  gefunden  hatte.  Vgl. 
Preller  r.  31. 2 83.  Sclnvegler  r.  G.  1,  328  f.  1, 
287.  Anm.  21  und  309.  Anm.  5,  welcher  etwas 
von  obiger  Erklärung  abweicht. 

21)  Aineias  direkt  mit  Roms  Grün- 
dung zusammengebracht. 

a)  Aineias  gründet  Rom. 

Dion.  1,  72.  Die  älteste  Nachricht  geht 
auf  Hellanikos,  den  Zeitgenossen  Herodots,  zu- 
rück, wenn  anders  dieser  die  Chronik  der  ar- 
givischen  Priesterinnen  verfafst  hatte.  Aineias 
der  aus  dem  Lande  der  Molosser  nach  Italien 
gekommen  ist,  mit  Odysseus  , gründet  Rom. 
Dion.  1,  73;  vgl.  Kap.  5;  bei  Lylcophr.  Al.  1266ff. 
(der  vielleicht  dem  Timäus  folgte)  schliefst 
Aineias  in  Tyrrhenien  einen  Bund  mit  Odysseus 
und  mit  den  Söhnen  des  Myserkönigs  Telephos, 
Tarchon  und  Tyrrhenos,  gründet  im  Land  der 
Boreigoner  ( Aboriginer  ?)  dreifsig  Burgen,  aufser- 
dem  aber  auch  Burgen  bei  Circeji,  bei  Cajeta, 
am  Flufs  Titon  bei  Circeji,  bei  Kumä;  rätsel- 
haft ist  die  Angabe,  dafs  er  auch  eine  Burg 
am  lacus  Fucinus  (?)  im  Land  der  Marser  er- 
baut habe  , v.  1275  Schol.  ( Kinkel ).  Sallust 
Cat.  6 bringt  die  Anfänge  Roms  direkt  mit 
Aineias  und  den  Trojanern  zusammen;  ebenso 
Prokop,  b.  Goth.  4 , 22  p.  573  , 3.  Dind. 

b)  Aineias  nennt  mit  Euander  die  schon 
bestehende  Kolonie  Valentia  mit  dem  Namen 
Rome : Fest.  p.  266  Bomam,  Serv.  Verg.  Aen. 
1,  273. 

c)  Des  Aineias  Gattin  giebt  der  Stadt 
den  Namen;  sie  heifst  Rome,  Tochter  des  Te- 
lemachos,  nach  Clinias  bei  Serv.  1,  273,  oder 
Rome,  Tochter  des  Italos  und  der  Lucania,  oder 
Tochter  des  Telephos,  Plut.  Bomul.  2. 

d)  Söhne  des  Aineias  gründen  Rom: 
Romus  (älteste  Quelle  der  Gergithier  Kepha- 
lon  und  andere  bei  Dionys.  1,  72) ,‘  einer  der 
vier  Söhne  des  in  Thracien  verstorbenen  Ai- 
neias, die  anderen  Söhne  hiefsen:  Aseanius, 
Euryleon  , Romulus ; [Romus  ist  Nachkomme 
des  in  Phrygien  begrabenen  Aineias  nach 
Agatholdes,  Geschichtsschreiber  von  Kyzikos  bei 
Fest.  p.  269  Bomam , vgl.  Kap.  4;]  Romulus 
und  Remus  (=  Pcogog)  nennt  ein  römischer 
Schriftsteller  bei  Dion.  1,  73;  ähnlich  Schol.  zu 
Lylcophr.  1226.  {Kinkel)-,  die  Mitgründer  Roms 
sind  Hektors  Söhne  Astyanax  und  Sapernios; 
oder:  Aseanius  erhält  nach  Aineias’  Tod  das 
ganze  Reich  und  teilt  es  mit  seinen  Brüdern  Ro- 
mulus und  Romus;  er  gründet  Alba  Longa,  Ro- 
mus gründet  Capua,  so  genannt  nach  seinemUr- 
grofsvater  Kapys,  Anchise  nach  seinem  Grofs- 
vater  Anchises,  Aineia  (das  spätere  Ianiculum!) 
nach  seinem  Vater  Aineias,  Rome  gründet  und 
nennt  er  nach  seinem  eigenen  Namen:  röm. 
Schriftsteller  bei  Dion.  1,  73;  vgl.  Steph.  Byz. 
Ai'veia.  Romulus  und  Romus,  Söhne  des  Aineias 
und  derDexithea,  Tochter  des  Phorbas,  grün- 
den die  Stadt  nach  Plut.  Bom.  2 ; Romulus,  Sohn 
des  Aineias,  in  Hesperien  geboren  nach  Agathyl- 
los  bei  Dion.  1,  49.  Lylcophr.  1466.  Schol.; 
Romus,  Mulus  (=  Romulus),  May  lies  (Myalos?, 
vgl.  Schol.  Lylcophr.  144G.  Kinkel)  sind  Kinder 
des  Aineias  von  der  Lavinia,  Romus  giebt  der 
Stadt  den  Namen  nach  Apollodor  bei  Fest. 


io 

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50 

60 


183 


Aineias  in  d.  Kunst 


Aineias  in  d.  Kunst 


p.  266  Bomam.  Premier,  llestia-  Vesta  p.  376  A. 

2.  vermutet  Aemilia  statt  Maylles. 

e)  Enkel  des  Aineias  gründen  oder 
benennen  die  Stadt. 

Romulus  und  Rornus  (=  Remus),  Söhne  ei- 
ner Tochter  des  Aineias,  röm.  Schriftsteller  bei 
Dion.  1,  73;  so  auch  Naeoius  u.  Ennius,  vgl. 
Serv.  Verg.  Aen.  1,  273.  6,  778.  Cic.  de  divin. 

1,  20,  41,  Ungenannter  bei  Diod.  frg.  1.  8; 
Romus,  Sohn  des  Aseanius,  Erbauer  Roms  r 
nach  Dionys  von  Chalkis  bei  Dion.  1,  72;  so 
auch  Eratosthenes  (275 — 194  v.  Chr.)  nach 
Serv.  Verg.  Aen.  1,  273;  Romus,  Urenkel 
des  Aineias  nach  dem  Sikelioten  Alcimus  bei 
Fest.  p.  266  Bomam ; Romulus,  Sohn  der  Ae- 
milia, Tochter  des  Aineias  und  der  Lavinia 
nach  einem  Anonymus  bei  Blut.  Born.  2.  — 
Rome,  Enkelin  des  Aineias,  Tochter  des  Asca- 
nius,  nennt  der  Anonymus  bei  Plut.  Born.  2. 
u.  Agathocles  bei  Fest.  p.  269  Bomam,  Sol.  1,  3.  2 

Den  ganzen  Wust  der  Nachrichten  bespricht 
Schwegler  r.  G.  1 , 400  ff. , der  sie  mit  Recht 
für  Erfindungen  der  Griechen  hält,  hervorge- 
gangen aus  dem  Streben , den  Ursprung  der 
italischen  Städte  und  Nationen  mit  den  Ereig- 
nissen des  troischen  Sagenkreises  zu  verflech- 
ten; a.  a.  0.  S.  406.  Es  ergiebt  sich  daraus, 
dafs  die  historisch  beglaubigten  ältesten  Zeug- 
nisse, vgl.  Ilellanikos,  Timaios,  Eratosthenes,  die 
..gemachte“  Sage  geben , während  jüngere  3' 
Nachrichten  uns  die  latinische  Sage  erhalten 
haben.  Vgl.  Premier,  Hestia-Vesta  p.  375 — 80. 

22)  Archäologisches. 

A)  Über  die  äufsere  Erscheinung  des 
Helden  haben  sich  die  Alten  öfters  ausgespro- 
chen: nach  Philostratus  Her.  13  ist  Aineias  dem 
Hektor  an  Wuchs  und  Alter  gleich,  doch  seine 
Gestalt  nicht  so  heiter  und  gleicht  mehr  der 
eines  gesetzten  Mannes,  das  Haar  ist  lang  ohne 
künstliche  'Pflege;  mit  seinem  durchdringenden  4 
Blick  hält  er  die  Krieger  in  Ordnung.  Davon 
weicht  Dar  es  c.  12  mehrfach  ab  und  stimmt 
zum  Teil  überein  mit  Malalas  Clvronogr.  5 
p.  106  (Bonn).  Bei  Verg.  Aen.  4,  2 1 5 ff.  9, 
614ff.  12  , 99  wird  Aineias  von  den  Feinden 
als  Halbmann  verspottet  wegen  der  Phryger- 
mütze,  des  salbentriefenden  Haares,  der  wei- 
bischen® buntgestickten  Kleidung.  Die  von 
Venus  verklärte  Schönheit  des  Helden  schildert 
Verg.  Aen.  1,  388ff. , die  ihm  innewohnende,  5 
alles  bezaubernde  Liebenswürdigkeit  Ko  non 
Narr.  46. 

B)  Darstellungen  der  alten  Kunst. 

1)  Nur  litterarisch  bezeugt  sind  folgende: 
Paus.  2,  21,  2 erwähnt  eine  Erzstatue  des  Ai- 
neias auf  dem  Marktplatz  zu  Argos ; nach  Paus. 

5,  22,  2 befand  er  sich  in  einer  aus  zehn  Sta- 
tuen bestehenden  Gruppe  des  Lykios,  welche 
den  Kampf  des  Achill  und  Memnon  dar- 
stellte (Aineias  dem  Diomedes  gegenüber).  Die  6 
Gruppe  war  ein  Weihgeschenk  der  illyrischen 
Apolloniaten  zu  Olympia.  Parrhasios  hatte 
ihn  mit  Kastor  und  Pollux  auf  einem  Bild 
vereinigt,  Plin.  n.  h.  35,  71.  (vgl.  oben  Kap.  6). 
Varro  wies  dem  Bild  des  Aineias  seine  Stelle 
im  1 Buch  der  Imagines  an  und  entlehnte  die 
Darstellung  von  einer  Brunnenstatue  in  Alba. 
Io.  Lydus,  de  magistr.  1,  12  p.  130  (Bonn),  vgl. 


Bitschi.  ind.  Schol,  Bonn.  1858.,  Bhein.  Mus. 

12,  153.  13,  468.  476.  Augustus  weihte  unter 
den  Statuen  auf  seinem  Forum  Aencan  onera- 
tum  pondere  sacro  Ov.  F.  5,  563;  auf  dem  Fo- 
rum zu  Pompeji  stand  eine  Statue  des  Aineias, 
zu  welcher  die  Inschrift  erhalten  ist  bei  Momm- 
sen  J.  B,  N.  No.  2188.  [C.  I.  L.  1.  p.  283] 
Aeneas  Veneris  et  Anchisae  fdius  ( cum  nimho 
exort)o  non  con(paruisset  dictus ) est  Indiges 
(et  in  deorum ) numero  relatus.  Statue  des  Aineias 
beschrieben  bei  Christodor  Ecphr.  Antli.  Pal.  1, 

S.  43.  v.  145.  2)  Erhaltene  Dar  Stellungen. 
a)  Ereignisse  vor  dem  troischen  Krieg. 
Aineias  kommt  als  Begleiter  des  Paris  zu  Me- 
nelaos und  Helena;  beide  als  Jünglinge  in 
leichtem  Wanderkleid.  Overheck,  d.  Bildwerke 
z.  theh.  u.  tr.  Heldenlcr.  S.  263 f.  T.  12  No.  9. 
Aineias  bei  der  Entführung  der  Helena  durch 
Paris,  in  jugendlicher  Gestalt  der  Gruppe  vor- 
anschreitend (vgl.  Kap.  2)  auf  einer  Trinkschale 
aus  der  attischen  Töpferei  des  Hieron,  gemalt 
von  Makron , aus  dem  letzten  Drittel  des 
5.  Jhd.  v.  Chr.,  gefunden  in  Bosco  d’Acerra 
(dem  alten  Suessula),  vgl.  Gaz.  archeol.  1880. 

S.  87ff.  — b)  Kämpfe  vor  Troja:  bei  dem 
Kampfe  um  die  Leiche  des  Troilus:  Vasen- 
bild bei  Overbeck,  d.  Bildwerke  zum  theban.  u. 
troisch.  Heldenlcr.  S.  365.  T.  15.  No.  2;  beim 
Kampf  um  die  Leiche  des  Patroklos:  Vasen- 
bild bei  Overh.  S.427.  T.  18.  No.  3.  auch  Müller, 

D.  a.  Iv.  1,  207  (s.  0.  S.  159),  Aineias  kämpft 
schwergerüstet  gegen  Aias;  Aineias  als  Beistand 

des  Hektor  gegen  Aias  Monum.  dell'  Inst.  2,  38.  an 
Mus.  Greg.  2,  1;  beim  Kampf  um  die  Leiche 
des  Achilleus:  Vasenbild  bei  Overh.  S.  540 f. 

T.  23,  1.  Aineias  kämpft  gegen  Aias;  auf  ei- 
nem andern  Vasenbilde  Overh.  S.  541  ff.  T.  23. 

No.  2 bei  demselben  Kampfe  Neoptolemos  gegen- 
überstehend. In  der  Äginetengruppe  des  west- 
lichen Giebelfeldes  kämpft  nach  Welcher  (vgl. 
Overh.  S.  545.  T.  23.  No.  12)  Aineias  auf  troi- 
scher  Seite  voran  gegen  den  Telamonier  Aias, 
der  den  gefallenen  Achill  verteidigt.  Auf  dem  I 
Silbergefäfs  von  Bernay  (Overh.  S.  545.  T.  19.  : .. 

No.  12)  dringt  Aineias  mit.Glaukos  und  Agenor 
gegen  Aias  vor,  der  die  Leiche  des  Achill  da- 
vontragen will.  Die  beiden  Aias  gegen  Aineias 
und  Hippokles:  Vasenbild  Ami.  d.  Inst.  1862,  j 

t.  B.\  vgl.  Ann.  d.  I.  1866,  t.  Q,  wo  Aineias 
als  Zweikämpfer  zwischen  zwei  Knappen  er- 
scheint und  allein  benannt  ist.  Die  Rettung 
des  Aineias  durch  Aphrodite  ist  viel- 
leicht dargestellt  auf  einem  Vasenbild  bei  Ger- 
hard, auserl.  Vasenb.  3,  194  No.  3,  vgl.  Overh. 

S.  394.  Auf  dem  Aufsenbild  einer  Trinkschale 
erscheint  Diomedes  im  Kampfe  gegen  die 
dem  Aineias  zu  Hilfe  eilende  Aphrodite:  Jour- 
nal of  Philol . 7,  215,  dieselbe  Scene  auf  zwei 
Gemmen  Overh.  S.  395.  T.  16.  No.  5,  sowie  auf 
der  Tabula  Veroncnsis  zur  Ilias,  Gesang  E.  — 
c)  Auszug  aus  Troja.  Auf  einem  Bronzehelm 
(Overh.  S.  619  ff.  Ileydemann,  Iliupersis  S.  32) 
sind  zwei  Scenen  dargestellt.  In  der  ersten 
trägt  Aineias  seinen  Vater  auf  der  linken  Schul- 
ter, in  der  zweiten  ist  er  mit  der  Rettung  seines 
Sohnes  beschäftigt,  der  sich  auf  einen  Altar 
geflüchtet  hat,  es  scheint  als  wolle  Kreusa  dies 
hindern!  Typisch  ist  auf  den  Vasenbildern 


185 


Aineias  in  d.  Kunst 


Aineias  in  d.  Kunst 


186 


(vgl.  Overbeck  S.  618.  655  ff.)  die  Gruppe  des 
Aineias  mit  Anchises,  der  auf  des  Sohnes  Rücken 
hockt , die  Arme  um  seinen  Hals  geschlun- 
gen, von  ihm  entweder  unter  den  Knieen  oder 
unter  den  Schenkeln  gehalten.  Meistens  blickt 
der  Greis  vor  sich , zuweilen  auch  zurück. 
Auf  den  Yasenhildem  mit  roten  Figuren,  auf 
Gemmen  und  Münzen  sitzt  Anchises  auf  des 
Sohnes  Schulter.  Askanios  fehlt  häufiger, 
als  er  sich  findet , indem  zwei  knabenartige 
Gestalten,  welche  neben,  vor  oder  hinter  Aineias 
dahineilen,  sich  als  kleingemalte  Männer  aus- 
weisen.  Kreusa  erscheint  meistens  als  eine 
Aineias  folgende,  oder  auch  vorausschreitende 
Frau;  in  mehreren  Exemplaren  sind  zwei  Frauen 
dargestellt,  die  eine,  Aphrodite,  tritt  gewöhn- 
lich dem  Zug  entgegen , bisweilen  schreitet  sie 
demselben  voran ; auf  der  Tabula  Iliaca  schrei- 
tet Hermes  voraus.  Da,  wo  sich  nur  ein  Ge- 
fährte des  Aineias  findet,  ist  wohl  Achates  ge- 
meint. Overb.  S.  618.  T.  25.  No.  24.  u.  bes. 
T.  27,  No.  8.  11.  12;  Overbeck  notiert  S.  657ff. 
zwölf  Exemplare  von  Amphoren;  vgl.  Heyde- 
mann,  Iliupersis  S.  3lf.  Auf  den  Gemmen 
trägt  Aineias  den  Yater  auf  der  Schulter, 
den  Askanios  führt  er  an  der  Hand.  Overb. 

S.  660.  T.  26,  No.  10.  Entsprechend  ist  die 
Komposition  auf  den  Münzen;  Overbeck  führt 
solche  von  Segesta , Patras  in  Achaia  (T.  27. 
No.  9),  Ilion  (T.  27.  No.  10),  Dardanos, 
Othrus  in  Phrygien,  Berytus  in  Syrien  an; 
aufserdem  Münzen  des  Julius  Caesar  und 
eine  des  Antoninus  Pius.  Die  älteste  und 
interessanteste  Münze,  welche  die  Scene  dar- 
stellt , ist  die  von  Aineia  (Mitte  des  6.  Jhd. 
vor  Chr.),  vgl.  Friedländer,  Monatsber.  der  Berl. 
Ak.d.  W.  1878.  S.  759  ff.  E.Curtius,  Sitzungs- 
ber.  der  Ale.  d.  W.  1882,  43.  44.  S.  947.  C. 
Robert, arch.  Ztg.  1879  S.  23  (s.  o.  S.  167).  Aineias 
trägt  seinen  kahlköpfigen  Vater  auf  der  Schulter, 
vor  ihm  schreitet  in  hastiger  Flucht  eine  Frau 
(Kreusa),  die  ihr  langes  Gewand  mit  kräftigem 
Griff  in  die  Höhe  zieht  und  den  Kopf  zur  fol- 
genden Gruppe  zurückwendet;  sie  trägt  auf 
ihrer  linken  Schulter  ein  Kindlein,  aus  dessen 
langem , den  Oberkörper  umschliefsenden  und 
bis  zu  den  Füfsen  lierabfallenden  Gewand  Ro- 
bert schliefst,  dafs  es  nicht  Askanios,  sondern 
eine  Tochter  des  Aineias  darstelle.  Auf  einem 
in  Turin  befindlichen  Relief  {Overb.  S.  661.  ; 

T.  27.  No.  16)  erscheint  Aineias  gerüstet,  An- 
chises, der  die  Hiera  im  Schofse  hält,  sitzt  auf 
seiner  Schulter,  Askanios  geht  mit  einem  La- 
gobolon  im  Arme  an  der  Hand  des  Vaters. 
Eine  zu  Pompeji  gefundene  Terracottalampe 
zeigt  dieselbe  Gruppe  reliefartig  gearbeitet 
und  bemalt,  vgl.  die  Abbildung  S.  163.  Hey- 
demann  Arch.  Ztg.  1872  S.  120.  Anm.  33.  Ke- 
kule , die  antiken  Terracotten  Bd.  1 S.  48  ff'. 
Taf.  37.  Auf  einem  pompejanischen  Wandge-  i 
mälde  ist  die  Scene  durch  Affen  karikiert,  vgl. 
Helbig,  Wandgem.  No.  1380.  S.  310  ff.  und  die 
dort  angeführte  Litteratur;  Kekule,  a.a.  0.  Bd.  1. 
S.  48,  2.  Fig.  25.  Die  Beziehung  der  Sage 
zu  Roms  Gründungsgescliichte  tritt  hervor  auf 
der  Tabula  Iliaca,  vgl.  Mus.  Capit.  Tom.  4, 
Pars  2,  p.  353 ff.  Millin,  Gal.  rnytholog.  t.  150. 
In  Troja  sieht  man  den  bewaffneten  Aineias, 


wie  er  seinen  Vater  beschwört,  die  in  einer 
aedicula  eingeschlossenen  Götter  in  die  Hand 
zu  nehmen  (vgl.  Verg.  Aen.  2,  717),  d.  h.  sich 
zur  Flucht  zu  entschliefsen  M.  C.  4.  P.  2. 
p.  353;  ferner:  der  aus  dem  Thor  der  Stadt 
schreitende  Aineias  trägt  den  greisen  Vater  auf 
den  Schultern,  daneben  Kreusa,  Aineias  führt 
den  Askanios  mit  der  rechten  Hand,  die  linke 
Hand  des  Aineias  hält  Hermes,  der  voranschrei- 
' tet,  die  Heiligtümer  trägt  Anchises  in  der  ae- 
dicula (a.  a.  0.  354).  Aphrodite  steht  in  gött- 
licher Ruhe  auf  der  Mauer,  der  vollbrachten 
Rettung  zuschauend,  Heydemann  a.  a.  0.  S.  31. 
d)  Die  Abfahrt  nach  Hesperien  findet  sich 
gleichfalls  auf  der  Tabula  Iliaca:  am  sigeischen 
Vorgebirge  liegt  das  Schiff,  über  eine  Brücke 
steigt  Anchises,  mit  beiden  Händen  die  aedi- 
cula haltend , zu  demselben  empor , mit  der 
linken  Hand  unterstützt  ihn  von  hinten  Ai- 
neias, der  an  der  rechten  den  Askanios  führt, 
hinter  ihnen  wartet  Misenos  mit  einem  Ruder 
und  der  von  der  Schulter  herabhängenden 
Trompete  (a.  a.  0.  356).  e)  Ereignisse  wäh- 
rend der  Wanderung.  Aineias  mit  Anchi- 
ses und  Askanios  hei  Helenos(?) : lleTbig,  Wand- 
gem. No.  1391b.  S.  320;  Aineias  bei  Dido: 
ebd.  No.  1381.  S.  310;  Aineias  die  Sibylle  be- 
fragend (?) : ebd.  No.  1391.  S.  318.  f)  Ereig- 
nisse und  Kämpfe  in  Latium.  Auffindung 
der  troia  (kreifsenden  Sau)  auf  einer  ara  bei 
Rochette  Mon.  ined.  t.  69,  3;  auf  die  Gründung 
Laviniums  beziehen  sich  auch  die  Wandge- 
mälde eines  Grabes  auf  dem  Esquilin : C.  Ro- 
bert, Annali  1878,  235.  Monum.  10,  T.  60; 
Aineias  steht  dem  eine  Rolle  haltenden , an 
einem  Baum  sitzenden  Latinus  gegenüber,  zu 
seinen  Füfsen  die  Sau  mit  den  Ferkeln:  Vis- 
conti Piocl.  6,  20.  Mus.  Chiaram.  3 T.  19. 
Ein  1862  aufgefundenes  pompejanisches  Wand- 
gemälde stellt  den  Iapyx  vor,  der  dem  Aineias 
mit  der  Zange  eine  Pfeilspitze  aus  dem  Schen- 
kelknochen zieht  (vgl.  Verg.  Aen.  12,  391  ff. 
und  oben  Kap.  20  c):  Helbig,  Wandgem.  S.  312. 
No.  1383 ; ein  anderes  will  Helbig  (ebd.  No. 
1382)  auf  Aineias,  der  von  Venus  die  Waffen 
empfängt  ( Verg.  Aen.  8,  608  ff.),  beziehen.  Merk- 
würdig sind  die  Darstellungen  der  pränesti- 
nischen  Cista,  welche  11.  Brunn  in  die  Zeit 
des  hannibalischen  Kriegs  oder  wenig  später 
setzt;  vgl.  Mon.  d.  arch.  Inst.  Bd.  8.  T.  7.  8. 
Arm.  d.  Inst.  Bd.  36.  S.  356 ff.  Der  verstüm- 
melte, und  zwar  um  die  Hälfte  verkürzte  Kör- 
per der  Cista  zeigt  wechselvolle  Kämpfe,  der 
wohlerhaltene  Deckel  denFriedensschlufs.  Beide 
Darstellungen  gehören  zusammen;  derselbe  Held, 
welcher  unten  den  Todesstreich  versetzt,  läfst 
auf  dem  Deckel  die  Leiche  seines  Gegners 
herbeitragen.  Auf  dem  Deckel  sieht  man, 
wie  auf  der  einen  Seite  der  Gefallene  mit 
seinen  Spolien  von  zwei  Kriegern  herangetra- 
gen wird,  daneben  Todesgenius  mit  brennen- 
der Fackel.  Auf  der  andern  Seite  eine  Frau, 
die  aufgeregt  hinwegstürzt,  neben  ihr  ein  dem 
vorigen  entsprechender  Genius,  noch  im  Schlafe 
begriffen,  ln  der  Mitte  reicht  ein  alter  König 
dem  Sieger  die  Hand  und  beschwört  mit  er- 
hobener Rechten,  auf  abgelegten  Waffen  ste- 
llend, den  Frieden.  Neben  ihm  zwei  Frauen, 


187  Aineias  (Etymol.) 


Aineias  (Deutung)  188 


die  eine  scheint  dem  König  zuzureden , die 
andere,  mit  dem  Kranz  geschmückt,  wendet 
sich  von  der  fortstürzenden  ab.  Unten  liegt 
ein  Silenus,  ein  Flufsgott  und  eine  Nymphe. 
Auf  dem  untern  Streifen  kommt  unter  den 
Kämpfenden  auch  eine  Jungfrau  zu  Rofs  vor 
(vgl.  Camilla  bei  Vergil).  Brunn  deutete  die 
Darstellung  auf  des  Aineias  letzte  Kämpfe,  wie 
sie  Vergil  schildert , Vier  damit  nur  die  alte 
Sage  wiedergegeben  habe.  Vielleicht  liegt  die  10 
Sache  so,  dafs  der  Künstler  zu  seinen  Darstel- 
lungen durch  eine  zu  seiner  Zeit  berühmte  und 
beliebte  Dichtung  angeregt  war;  am  nächsten 
liegt  es  an  das  bellum  Punicum  des  Campaners 
Naevius  zu  denken.  Dann  gäbe  uns  jene  Cista 
ein  Bild  von  der  nävianischen  Auffassung  der 
letzten  Kämpfe  des  Helden,  welcher  sich  Ver- 
gil nicht  durchgängig,  aber  in  wichtigen  Zügen 
angeschlossen  hätte.  Indessen  bleibt  dies  nur 
eine  Vermutung.  Gegen  Brunn  erklärt  sich  20 
Nissen,  zur  Kritik  der  Aeneassage.  Fleckeisens 
Jahrb.  91.  18G5.  S.  375  tf. 

23)  Etymologie  des  Namens  Aineias. 

Die  Formen  des  Namens  sind:  AiviCa g bei 
Homer , Hesiod,  Dionys  von  Halikarnafs,  Al- 
viiyg  Menekrates  von  Xanthos  bei  Dion.  1,  48 
auf  Vasen  AINEES  — Aivstys,  Aiviag  bei  So- 
phokles, Pindar,  Thulcydides,  Xenoplton,  eben- 
so auf  Vasen,  Aivyccg  aus  römischer  Zeit  auf 
der  Tabula  lliaca  und  auf  einem  Basrelief  troi-  30 
scher  Scenen,  Revue  de  philol.  1,  441.  Über 
die  verschiedenen  Etymologieen  vgl.  Wörner 
a.  a.  0.  S.  28.  Die  älteste  Deutung  giebt  der 
homerische  Hymnus  auf  Aphrodite  v.  198: 
tw  di  val  Aivliag  bvog  iGGizca , ovvsvcc  g’ 
cclvbv  ißitv  a%og , ivsv.cc  ßgozov  ccvigog  igm- 
gov  svvij.  Etyni.  magn.:  tcccqcc  zo  cdvov  zo 
ö'eivbv  yivizcu  Alviug  vcd  Aiviiaq.  7)  nagd 
zb  ccivo g , o cggccivu  zov  in cclvov  Aiviuq  val 
AlviLccg.  Daher  Benseler-Pape:  „Lobe“  oder  <10 
„Schreck“.  Fick , d.  griech.  Personennamen 
1874  erklärt  den  Namen  aus  dem  Vollnamen: 
Ai'vmnog  'Rofsiob’,  vgl.  D.  E 263  ff.  323  tf.  (?). 
Wahrscheinlich  ist  der  Name  abgeleitet  von 
Ai'vrj  (s.  d.),  Name  einer  zu  Ekbatana  verehrten 
Göttin  ( Polyb . 10,_27,  12  Hultsch),  deren  Kultus 
mit  dem  der  ’Avaizi.q,  der  ’Avca'a , der  Aphro- 
dite Urania  übereinstimmte.  Aiviiag  bedeutet: 
Sohn  der  Aine,  vgl.  ’EggiCag,  Bogia g.  Die 
Aphrodite  des  troischen  Jda  ist  dann  eine  50 
hellenisierte  Aivg  oder’Jvca'ttg;  der  Name  Ai- 
viLccg,  der  Monatsname  Aivivog  (der  Ainemonat) 
auf'Kypros,  derName  derStadt^AaoiaufPallene 
sprechen  für  die  Ausbreitung  des  Dienstes  dieser 
Göttin  in  alter,  wahrscheinlich  noch  vorhelle- 
nischer Zeit.  Die  Aphrodite  Aiviidg  in  Leuhas, 
Actium,  bei  Segesta  im  Gebiet  der  Elymer 
gewinnt  nun  tiefere  Bedeutung.  Merkwürdig 
ist,  dafs  Dion.  1,  73  auch  auf  der  Stelle  des 
späteren  Ianiculum  bei  Rom  eine  alte  Stadt  eo 
Aivucc  erwähnt  als  Überlieferung  römischer 
Schriftsteller.  Hohn,  Gesch.  Sic.  1,  86  ff.  ver- 
mutet, dafs  die  sicilischen  Elymer  Abkömm- 
linge der  asiatischen  Elymäer,  der  Bewohner 
von  Elam,  und  durch  Vermittelung  der  Phöni- 
zier nach  Sicilien  gekommen  seien,  vgl .Dunclcer, 
Gesch.  d.  Altert.  4, 4 87  f. ; die  Elymäer  wohn- 
ten der  rAine’  in  Ekbatana  nahe  genug.  Winer 


bibl.  Realwörterb.  unter  Elam.  Über  die  Ab- 
leitung des  Namens  von  Aine  vgl.  auch  Mo- 
vers, Gesch.  d.  Phon.  1,  627.  (Ob  noch  wei- 
tere Namen  von  Städten,  Orten,  Völkerschaften 
auf  diese  Aine  zurückgehen,  bedarf  der  Unter- 
suchung.) Kulte  und  Gottheiten  des  Hinter- 
landes Asien  haben  auf  die  Sagen  der  Küsten- 
landschaften Phrygien  und  Troas  Einflufs  ge- 
habt, dies  geht  überdies  aus  dem  Umstande 
hervor,  dafs  llos  und  Assarakos,  die  zu  der 
Ahnenreihe  des  Aineias  gehören,  assyrische 
Gottheiten  sind  = rllu’  und  rAssur  der  Grofse’, 
vgl.  F.  Lenormant,  Gaz.  Areheol.  1879.  p.  239 
mit  Anm. 

24)  Zur  Erklärung  der  Sage. 

Die  hellenischen  Ansiedler  von  Troas  fan- 
den eine  einheimische  Sage  von  Aineias  vor 
und  gaben  ihr  die  hellenische  Färbung.  Die 
Sage  knüpfte  sich,  wie  sie  selbst  sagt,  an 
die  Herrschaft  alter  einheimischer  Fürsten- 
geschlechter an  und  erhielt  durch  Weissagungen 
einheimischer  Sibyllen,  die  zunächst  diesen  Ge- 
schlechtern galten,  ein  erhöhtes  Ansehen.  Durch 
die  homerischen  Dichter  wurde  sie  für  immer 
in  den  troischen  Sagenkreis  aufgenommen  und 
gelangte  zu  allgemeiner  Berühmtheit.  Jm  Ge- 
folge der  homerischen  Gesänge  ist  sie  aus 
Troas  nach  dem  Westen  gewandert,  nach 
Westen,  weil  vom  8.  bis  zum  6.  Jahrh.  der 
grofse  Zug  der  hellenischen  Auswanderung  nach 
den  Küsten  des  ionischen  und  adriatischen 
Meeres,  nach  Sicilien  und  Unteritalien  anhielt. 
Die  einzelnen  Stationen  der  Wanderung  lassen 
sich  noch  erkennen.  Dieselbe  Kraft,  welche 
die  homerischen  Gesänge  ausbreiten  half,  der 
alte  Seehandel  der  Hellenen,  hat  auch  unsre 
Sage  mit  nach  Westen  genommen.  Ob  für  die 
nächste  Station  Aineia  auf  Pallene  und  für 
Thrakien-Makedonien  überhaupt  neben  dem 
Handelsverkehr  noch  ursprüngliche  Stammes- 
verwandtschaft und  Kultusgemeinschaft  mit- 
gewirkt haben,  bedarf  weiterer  Untersuchung. 
Vgl.  Herodot.  7,  20.  W.  Deecke,  Rhein.  M.  Bd. 
36,  1881.  S.  596.  Dunclcer,  Gesch.  d.  Altert  l5 
S.  450  ff.  Die  Aineiassage  blieb  auch  auf  ihrer 
Wanderung  ihrem  Ursprung  treu,  sie  setzte 
sich  an  Orten  fest,  an  denen  ein  alter  Aphro- 
ditedienst heimisch  war;  für  mehrere  dieser 
Orte  kann  es  als  erwiesen  gelten,  dafs  dem 
hellenischen  Aphroditedienst  ein  phönizischer 
Astartekultus  vorausgegangen  war;  Aineias  ver- 
drängte an  solchen  Orten  wahrscheinlich  einen 
nichthellenischen  Heros.  Vgl.  Fr.  Fiedler,  de 
erroribus  Aeneae  ad  Plioenicum  colonias  perti- 
nentibus  Progr.  Wesel  1827.  Duncker,  Gesch. 
d.  Alt.  I5,  268.  271.  328  f.  333  f.  337  ff.  342. 
343.  Städte,  Tempel  sind  von  Aineias  gegrün- 
det worden,  heilst  nichts  anderes  als:  alte 
Geschlechter  dieser  Städte  leiteten  sich  von 
dem  Helden,  oder  von  Söhnen  und  Töchtern 
desselben,  oder  von  seinen  Genossen  ab  und 
begründeten  damit  ihre  Ansprüche  auf  das 
Priestertum  der  betreffenden  Tempel  und  auf 
andere  Vorrechte.  Parallelen  giebt  R.  Weil, 
Mitteil,  des  deutsch.  Ar'ch.  Bist,  in  Athen.  6. 
Jahrg.  S.  11.  — Auch  an  der  Küste  Latiums 
findet  sich  gerade  hei  Lavinium  ein  Aphro- 
ditetempel, Bundesheiligtum  der  Latiner;  ein 


189 


190 


Aineias  (Deutung) 

gleiches,  vielleicht  noch  älteres  bei  Ardea. 
Diese  Tempel  sieht  man  wohl  mit  Recht  als 
die  Eingangspforten  an,  durch  welche  Aineias 
in  die  latinische  Sage  eintrat.  Die  latinische 
Sage  zeigt  übrigens  Spuren  phönizisch-kartha- 
gischen,  sicilischen,  kumäischen  und  etrurischen 
Einflusses.  Es  scheint,  dafs  in  der  zweiten 
Hälfte  des  7.  Jahrh.  v.  Chr.  die  Sage  von  Troas 
aus  auf  die  Wanderung  gegangen  und  gegen 
Ende  des  6.  Jahrhunderts  in  Latium  angekom-  l 
men  ist;  es  bedurfte  Jahrhunderte,  ehe  sie 
hier  heimisch  wurde.  Bis  zu  Vergil  herab  bil- 
det dies  einen  festen  Bestandteil  der  Sage, 
dafs  Aineias  die  Bilder  und  den  Dienst  seiner 
heimatlichen  Götter  nach  Latium  gebracht 
habe  ( Verg . Acn.  7,  229  f.  12,  192.  836).  Man 
verstand  darunter  das  Palladium  und  die  Pe- 
naten (letztere  schon  bei  Naevius  nach  Pro- 
bus Verg.  Ecl.  6,  13  p.  14  Keil).  Der  altein- 
heimische Penatenkultus  erhielt  in  den  Augen  2 
des  Volkes  dadurch  ein  höheres  Ansehen,  dafs 
man  ihn  durch  einen  gottbegnadeten  Helden 
von  weit  her  ins  Land  bringen  liefs.  Der  Tra- 
dition scheint  folgendes  zu  Grunde  zu  liegen: 
Der  Seehandel  zwischen  den  Völkern  des  Mit- 
telmeerbeckens umfafste  nicht  nur  Bedürfnisse 
des  täglichen  Gebrauches  und  des  Luxus,  son- 
dern auch  Gegenstände  des  Kultus.  Hierher 
gehört  die  Nachricht  des  Solin  2,  14,  dafs 
Aineias  das  Götterbild  der  Erutis  (=  Aphrodite)  3 
aus  Sicilien  (Segesta  und  Eryx)  nach  Latium 
gebracht  habe.  Phönizier,  Hellenen,  Tyrrhener 
legten  an  den  Küsten  der  Völkerschaften,  mit 
denen  sie  in  Ilandelsverbindung  traten,  feste 
Lager  an,  welche  zugleich  zu  Warenniederlagen 
und  Werkstätten  dienten  und  durch  Altäre  zu 
Kultusplätzen  der  heimatlichen  Götter,  besonders 
der  Aphrodite,  wurden.  Solche  Plätze  wurden  an 
den  Festen  der  Göttin  Sammelpunkte  für  die  Be- 
völkerung derümgegend  mit  schwunghaften  Mes-  4 
sen.  Die  Landesbevölkerung  kaufte  dort  ne- 
ben den  anderen  Erzeugnissen  einer  höheren 
Kultur  auch  die  kleinen  Idole  aus  Terracotta 
oder  Erz , die  sie  daheim  auf  ihren  Hausaltar 
setzten  und  als  Penaten  verehrten.  Der  Handel 
mit  solchen  Idolen  lag  in  der  Hand  des  den 
Kultus  der  Gottheit  versehenden  Priesters;  er 
und  seine  Nachkommen  setzten  sich  zur 
Göttin  und  ihrem  Sohn  in  eine  Art  ver- 
wandtschaftliches Verhältnis,  vgl.  Ix.  Weil  a.  5 
a.  0.;  sein  Geschlecht  trat  unter  günstigen 
Verhältnissen  im  Lauf  der  Zeit  mit  den  ein- 
geborenen Adelsfamilien  in  Verbindung;  so 
wurde  Aineias , der  Sohn  der  Aphrodite , all- 
mählich in  die  latinische  Sage  aufgenommen 
und  galt  im  Glauben  des  V olkes  für  den  Über- 
bringer der  Penaten.  Die  Kolonisationssage 
bis  auf  Vergil  hat  offenbar  kulturhistorisch 
wahre  Züge  auf  bewahrt.  (Vgl.  E.  Curtius , 

die  Griechen  in  der  Diaspora.  Sitzungsber.  der  & 
Berl.  Ale.  d.  W.  1882.  43.  44.  S.  944  ff.  be- 
sonders S.  951).  Die  Angabe  des  Timaios  bei 
Dion.  1,  67,  dafs  die  Heiligtümer  im  inneren 
Tempelgemach  zu  Lavinium  ynrjgvni.ee  aiSrjgä 
ne :l  jjDclyiä  nul  nsgagog  Tgannog  seien,  bestätigt 
die  obige  Auffassung.  Die  Heroldsstäbe  weisen 
auf  die  schutzsuchenden  ersten  Ansiedler,  der 
nsqagog  Tgiornog  auf  die  mitgebrachte  Ware 


Aineias  (Deutg.  u.  Litt.) 

hin.  Was  darunter  zu  verstehen,  haben  Sclilie- 
manns  Ausgrabungen  gelehrt;  man  darf  dazu 
wohl  auch  rechnen  die  Idole  der  asiatischen 
Geschlechtsgöttin  (=  Aphrodite),  wie  sie  Schlie- 
mann  aus  allen  Schichten  aufgegraben  hat, 
vielleicht  auch  die  Idole  der  sogenannten 
grofsen  Götter  ( = Kabiren).  Sehr  fraglich 
wird  es  so,  ob  Mommsen,  r.  G.  I4,  472  ff.  mit 
seiner  Behauptung  recht  hat,  dafs  Timäus 
der  eigentliche  Vollender  der  später  geläufigen 
Fassung  der  Troerwanderung,  und  dafs  die  Er- 
zählung seine  eigene  nichtsnutzige  Erfindung 
sei.  Die  Sage  selbst  bewegt  sich  in  An- 
schauungen, welche  die  Unabhängigkeit  des 
Latinerbundes  von  Rom  zur  Voraussetzung 
haben,  weist  also  auf  eine  Zeit,  wo  Rom  als 
eine  von  den  latinischen  Bundesstädten  wie 
alle  übrigen  an  den  Sagen  von  Lavinium  An- 
teil hatte.  Die  Verwendung  des  Senats  für 
die  stammverwandten  liier  bei  einem  Seleukos 
und  damit  die  erste  Aufserung  des  Staats- 
dogmas von  der  troisclien  Abstammung  der 
Römer  setzt  Mommsen  l4,  473  in  das  Jahr  282 
v.  Chr.,  vgl.  Suet.  Glaud.  25.  (Dagen  II.  Nissen, 
Zur  Kritik  der  Aeneassage.  Fleckeisens  Jahrb. 
91  (1865)  S.  375  ff.).  Ehe  in  dem  konserva- 
tiven Rom  eine  solche  Sage  Staatsdogma  wer- 
den konnte , mufste  sie  durch  jahrhundert- 
lange, vielfach  im  Lande  verbreitete  und  in 
die  Familienchroniken  der  Patricier  überge- 
gangene Tradition  geheiligt  sein.  Eine  grofse 
Anzahl  römischer  Häuser  rühmte  sich  troi- 
scher  Abstammung,  vgl.  Dion.  1,  85.  Schwegler 
1 S.  334  f ; unter  ihnen  leiteten  sich  die  Iulier 
von  Aineias1  Sohn  lulos,  die  Aemilier  von  seiner 
Tochter  Aemilia  ab.  Die  Beziehungen  der  gens 
Iulia  zur  Aineiassage  sind  noch  nicht  völlig  auf- 
geklärt; die  Iulier  galten  für  ein  altes  alba- 
nisches Geschlecht  Dion.  1,  70.  2,  63.  Liv.  1,  30 
(dort  ist  Iulios  für  Tullios  zu  schreiben) ; nun 
ist  Askanios-Iulos  der  Gründer  Alba-Longas; 
was  lag  näher,  als  dafs  sich  ein  albanisches 
Adelsgeschlecht  von  dem  Gründer  Albas  ab- 
leitete? Gerade  eine  Reihe  der  ältesten  Juliev 
führen  den  Namen  Iulus  z.  B.  C.  Iulius  Iulus 
Konsul  489  Dion.  8,  1.  Vielleicht  giebt  Dion. 
1,  70  die  Tradition  des  Iulischen  Geschlechtes, 
wonach  Iulus  nicht  Askanius  selbst,  sondern 
dessen  ältester  Sohn  war,  der  anstatt  des  al 
banischen  Königtums  gewisse  priesterliche 
Würden  erhielt,  die  sich  dann  in  seinem  Ge- 
schleckte forterbten.  V gl.  Sclnvegler  1 . 335  f.  Auf 
Münzen  der  Iulier  erscheint  der  V enuskopf  zuerst 
um  die  Mitte  des  2.  Jahrh.  v.  Chr.:  Mommsen, 
Gesch.  des  r.  Miinzw.  Nr.  106.  107.  — Cuno, 
Vorgesch.  Borns  1 S.  217  ff.  stellt  die  uner- 
wiesene  und  unerweisliche  Behauptung  auf, 
die  Aineiassage  und  der  Venuskult  sei  im 
Veneterland  heimisch  gewesen  und  habe 
sich  von  dort  über  das  mittlere  Italien  aus- 
gebreitet, und  zwar  hätten  die  ursprünglich 
unweit  des  Sagrusflusses  sitzenden  Sacraner 
die  Sage  und  den  Kultus  nach  Latium  ge- 
bracht (?).  Ja  der  Name  Aeneas  soll  sogar 
vom  etruskischen  aesar  (Gott)  abgeleitet  wer- 
den. Aeneas  = Asineas,  Gottessohn. 

25)  Litteratur. 

Die  vorzüglichste,  noch  jetzt  unentbehrliche 


191  Aineades 

Darstellung  giebt  A.  Schwegler , röm.  Gesell. 
1.  Bd.2  (1867)  S.  279 — 336,  und  in  den  folgen- 
den Abschnitten;  dort  279  — 83  eine  treffliche 
Würdigung  der  früheren  Literatur.  B.  II.  Klau- 
sen, Aeneas  u.  die  Penaten  2 Bde.  Hamb.  1839. 
40,  unerschöpfliche  Fundgrube  für  die  Kennt- 
nis der  Sage,  aber  oft  dunkel  und  wirr.  Prel- 
ler, gr.  Myth.  (vgl.  das  Register)  u.  Preller- 
Jordan  röm.  jßl. 3 2,  310  ff.,  mit  einigerneueren 
Litteratur.  L.  Lange , B.  A.  I3  S.  76  mit  An- 
gabe neuerer  Litteratur,  S.  73.  448.  Preuner, 
Uestia-Vesta  373 ff.  Die  deutschen  Forschun- 
gen fafst  gut  zusammen:  I.  A.  Hild,  la  legende 
d Enee  avant  Virgile.  Paris  1883.  S.  3 f.  An- 
gabe der  Litteratur,  darunter  neuere  französ. 
Werke.  Einzelschriften  sind  an  den  einschla- 
genden Stellen  der  obigen  Darstellung  ange- 
führt. [Wörner.]  Davon: 

Aineades  (Alvsadyg,  lat.  Aeneades),  Sohn  und 
Nachkomme  des  Aineias.  So  heifsen  1)  Asca- 
nius:  Verg.  A.  9,  653.  — 2)  die  Mitglieder  des 
sich  vom  Aineias  ableitenden  Julischen  Ge- 
schlechts: Oo.  Pont.  1,  1,  35.  D.  Cass.  62,  18. 
— 8)  Die  Römer  überhaupt:  Polystr.  ep.  (Anth. 
7,  297).  Agath.  ih.  9,  155.  Hadr.  ih.  9,  387. 
6,  332.  Abiah.  ib.  9,  762.  Vgl.  auch  Lucret. 
1,  1.  Ovid.  fa.  4,  161.  Met. ' 15,  682  ff.  — 4) 
Die  Troianer:  Verg.  A.  1,  157.  565.  3,  18.  7, 

616  u.  ö.  [Roscher], 

Ainete  (Ai \vyxrf),  Tochter  des  Eusoros,  Ge- 
mahlin des  Aineus,  Mutter  des  Kyzikos:  Ap. 
Illi.  1,  950  (m.  Scliol.)  Orpli.  Arg.  506. 

[Roscher.] 

Ainetos  (Aivtrog),  Sohn  des  Deion  und  der 
Diomede:  Apollod.  1,  9,  4. 

[Roscher.] 

Aineus  (Alvsvg),  Sohn  des  Apollon  und  der 
Stilbe,  Gemahl  der  Ainete,  Vater  des  Kyzikos: 
Apollon.  A.  1,  948  u.  Scliol.  Orpli.  Arg.  505. 

[Roscher.] 

Ainios  (Ai'viog),  ein  von  Achilleus  am  Ska- 
mander  erschlagener  Päonier:  II.  21,  210. 

[Roscher.] 

Ainippe  (Alvlmirf),  Amazone  auf  einer  Hy- 
dria  in  England,  vgl.  Bröndsted,  Vases  of  Cam- 
panari  Nr.  28.  [Klügmann.] 

Aino  (Aivoä),  Troerin  auf  einem  Vasenbild 
b.  Gerhard,  Arcli.  Ztg.  1846  p.  302 f.  (vgl.  C. 
I.  Gr.  7379).  [ Roscher.] 

Ainos  (Alvog)  1)  ein  Troianer:  Q.  Smyrn.  11, 
79.  — 2)  Bruder  des  Guneus,  nach  welchem 
Ainos  in  Thrakien  benannt  war:  Steph.  Byz. 

[Roscher.] 

Aiole  (Alohq) , Tochter  des  Aiolos  und  der 
Telepora  (Telej>atra?):  Apostol.  1,  83.  Scliol. 
u.  Eust.  z.  Od.  10,  6.  [Roscher.] 

Aiolia  ( Aiolia , Aioltrf),  1)  Tochter  des  Amy- 
thaon,  Gemahlin  des  Kalydon,  Mutter  der  Epi- 
kaste und  Protogeneia,  Grofsmutter  des  Oxylos : 
Apollod.  1,  7,  7.  — 2)  mit  und  ohne  vrjoog, 
eine  mythische  Wunderinsel,  schwimmend  (nla>- 
trf),  felsig  und  von  einer  ehernen  Mauer  um- 
geben, der  Wohnsitz  des  Aiolos  (s.  d.),  des 
Beherrschers  der  Winde:  Od.  10,  lff.  Q.  Smyrn. 
14,  474.  Nonn.  13,  388.  Strab.  1,  40.  Strabo 
276  versteht  unter  Aiolia  die  äolische  Insel 
Strongyle.  Nach  andern  war  es  die  Insel  Li- 
para:  Diod.  Sic.  5,  9.  Strab.  1,20.  Vgl.  Völcker, 


Aiolos  192 

Hom.  Geogr.  S.  113  ff.  Pauly,  Bediene .2  1,  1, 
393.  [Roscher.] 

Aiolios  (Aiohog),  Freier  der  Ilippodameia, 
der  von  ihrem  Vater  Oinomaos  im  Wettrennen 
überwunden  und  getötet  wurde:  Eoien  b.  Paus. 

6,  21,  11.  Suid.  Scliol.  Pind.  Ol.  1,  127. 

[Roscher.] 

Aiolopeus  ( Alolonsvg ),  Freier  der  Hippoda- 
meia:  Scliol.  Pind.  Ol.  1,  127.  Vgl.  Aiohog. 

[Roscher.] 

Aiolos  (Ai'olog).  1 und  2)  Aiolos  I.,  Sohn  des 
Hellen  und  der  Nymphe  Orseis,  Enkel  des  Deu- 
kalion,  Bruder  des  Doros  und  Xuthos,  Stamm- 
vater der  Aiolier.  Er  herrschte  im  thessalischen 
Magnesia  und  zeugte  mit  der  Enarete,  der 
Tochter  des  Deimaclios  (oder  der  Eurydike 
n.  Gregor.  Cor.  Bhett.  vol.  7 p.  1313  W. ; vgl. 
Nauclc  fr.  trag.  p.  404)  sieben  Söhne , Kre- 
theus,  Sisyphos,  Athamas,  Salmoneus,  Deion, 
Magnes,  Perieres,  (nach  andern  auch  den  Ma- 
kar  oder  Makareus:  vgl.  Hy.  in  Ap.  Del.  37. 
Paus.  10,  38,  4.  Hyg.  fab.  242,  den  Aethlios, 
Paus.  5,  8,  2,  und  den  Mimas,  Diod.  Sic.  4, 
67)  und  fünf  Töchter,  deren  Namen  in  vielen 
Genealogieen  Vorkommen:  Ivanake,  Alkyone, 
Peisidike,  Kalyke,  Perimede;  nach  Pausanias  ! 
auch  die  Tanagra  und  die  Arne  (Paus.  9,  20, 

1 u.  40,  5).  Vgl.  Eurip.  fr.  14  N.  Apollod.  ; 
1,  7,  3,  Scliol.  Find.  Pytli.  4,  253.  Paus.  4,  2,  : 
5.  6,  21,  11,  22,  2.  Müller,  Orchomenos 1 etc.  j 
S.  138  ff.  464.  Gerhard,  Gr.  Mytli.  2,  223.  i 
Schubart,  Quaest.  geneal.  76  u.  78.  Seine  Toch- 
ter Kanake  tötete  er  nach  Hyg.  f.  238,  weil  ■ 
sie  Blutschande  mit  ihrem  Bruder  Makareus 
begangen  (vgl.  Ov.  Her.  11).  Nach  Hyg.  f.  : 
243  tötete  Kanake  sich  selbst.  Nach  Sostratos 
b.  Blut.  Parall.  hist.  gr.  et  rom.  28  (Mor.  312c). 
war  Aiolos  ein  tyrrhenischer  König  und  Ge- 
mahl der  Amphithea , mit  welcher  er  sechs 
Söhne  und  sechs  Töchter  zeugte  (vgl.  C.  I.  Gr.  ) 
6047 ; wie  es  scheint,  überträgt  Sostratos  willkür-  r 
lieh  Mythen  von  einem  anderen  Aiolos  (s.  No.  3)  * 
auf  Aiolos  I.).  Als  der  jüngste  Sohn  Makareus 
eine  seiner  Schwestern  entehrt  hatte,  sandte  i 
ihnen  Aiolos  ein  Schwert,  womit  sie  sich  beide 
töteten;  diese  Sage  behandelte  Euripides  in  sei- 
ner Tragödie  Aiolos  (vgl.  Ov.  Her.  11.  Trist.  2, 
384.  Sostratos  b.  Stob.  Floril.  64,  35  (=  II  p.  394. 
Mein.).  Welcher,  gr.  Tr.  2,  S.  860  ff.  Fragm. 
tr.  Gr.  ed.  Nauclc.  S.  291  ff.).  Bei  Hyg.  f.  125 
wird  dieser  Aiolos  mit  dem  homerischen  Be- 
herrscher der  Winde  verwechselt,.  Nach  Paus.  \ 
9,  40,  3 war  Aiolos  auch  der  Vater  der  Arne, 
der  Personifikation  einer  gleichnamigen  Stadt 
in  Thessalien  und  Böotien  (Müller,  Orchomenos 1 
391  ff.)  [Diod.  4,  67  und  der  Schot,  z.  Od.  10,  2 
nimmt  3 Aiolos  an.  Danach  war  Aiolos  I der 
Sohn  des  Hellen,  Aiolos  II  Sohn  desHippotes  und 
der  Melanippe,  Enkel  des  Mimas,  Urenkel  von 
Aiolos  I,  Aiolos  III  der  Sohn  des  Poseidon  und 
der  Arne,  der  Tochter  von  Aiolos  II.]  Diese  Arne 
wurde  von  Poseidon  Mutter  des  2)  Aiolos  II 
und  Boiotos  ( Euphorion  u.  Nikokrates  b.  Steph. 
Byz.  u.  Et.  M.  s.  v.  Boionög  und  Boicorla. 
Müller,  Orchomenos 1 392).  Von  diesem  Aiolos  II, 
der  vielfach  mit  dem  Beherrscher  der  Winde 
indentifiziert  ist , handelten  2 Tragödien , die 
Mi-lttvimrg  i)  cocpg  und  öianÜTtg  des  Euripi- 


193 


Aiolos 


Aiolos 


194 


des  ( Hauch . fr.  tr.  404  u.  408  ft'.  Hyg.  f.  157 
u.  180).  ln  der  Mtlavimtrj  g ösopOrig  wird  Me- 
lanippe, Tochter  des  Desmontes  (aus  Desmotis 
entstanden?)  oder  Aiolos  I,  in  der  Mslcevimig  r\ 
Gocpr'i  Tochter  des  Aiolos  I und  der  Hippe,  Toch- 
ter des  Cheiron,  statt  der  Arne  als  Mutter  von 
Aiolos  II  und  Boiotos  genannt.  In  der  Mela- 
nippe  fj  Gocpfj  kam  die  Aussetzung  und  Ent- 
deckung der  von  Melanippe  geborenen  Zwillinge, 
deren  Rettung  durch  ein  Geständnis  der  Mutter  io 
und  ihre  Blendung  und  Einkerkerung  durch 
Aiolos  I vor.  Nach  Hyg.  /'.  186,  der  aus  der 
anderen  Melanippe  des  Euripides  schöpfte,  liefs 
Aiolos  I (Desmontes  ?)  die  Melanippe  nach 
der  Geburt  des  Aiolos  II  und  Boiotos  blenden 
und  einkerkern , die  Söhne  aber  aussetzen. 
Hirten  fanden  die  beiden  von  einer  Kuh  ge- 
säugt und  erzogen  sie.  Als  Theano,  die  Gat- 
tin des  Königs  Metapontos  von  Ikarien , von 
ihrem  Gemahl  wegen  ihrer  Kinderlosigkeit  ent-  20 
lassen  werden  sollte,  schob  sie  die  Söhne  der 
Melanippe  unter.  Da  ihr  später  zwei  eigene 
Söhne  geboren  waren,  überredete  sie  diese,  den 
Aiolos  II  und  Boiotos  zu  ermorden.  Aber  diese 
besiegten  die  Söhne  der  Theano  im  Kampfe, 
und  Theano  tötete  sich  selbst.  Später  töteten 
sie  ihren  Grofsvater,  befreiten  ihre  Mutter, 
welcher  Poseidon  das  Augenlicht  wiedergab, 
und  zogen  zu  Metapontos,  welcher  die  Mela- 
nippe heiratete.  (Vgl.  den  folgenden  Artikel),  so 
— 3)  Aiolos  III,  nach  Homer  ein  Sohn  oder 
Abkömmling  des  Hippotes  (daher  ’Itctiotix- 
Sgg),  ein  Freund  der  Götter,  Vater  von  sechs 
Söhnen  und  sechs  Töchtern  (die  paarweise 
mit  einander  vermählt  sind  und  ein  glückli- 
ches Leben  in  Saus  und  Braus  führen),  der 
Beherrscher  der  schwimmenden  Insel  Aiolia 
(s.  d.)  im  westlichen  Olieanos  und  Schaffner 
(zayias)  der  Winde  (Rom.  Od.  10,  1— 27  f.). 

Er  empfing  den  irrenden  Odysseus  freundlich  40 
und  beherbergte  ihn  einen  Monat  lang.  Beim 
Abschied  gab  Aiolos  dem  Odysseus  einen  leder- 
nen Schlauch  mit,  worin  die  ihm  ungünstigen 
Winde  eingeschlossen  waren.  Aber  die  Ge- 
fährten des  Odysseus  öffneten , während  er 
schlief,  neugierig  den  Schlauch,  und  alsbald 
brausten  die  Winde  heraus  und  rissen  das 
Schiff  wieder  mit  sich  zurück  nach  der  äoli- 
schen Insel  (s.  Aiolia).  Odysseus  flehte  zwar 
den  Aiolos  abermals  um  Hilfe  an , wurde  50 
aber  von  diesem  als  ein  von  der  Rache  der 
Götter  Verfolgter  schroff  zurückgewiesen.  Nach 
Verg.  Aen.  1,  52  ff.  wohnt  Aiolos  auf  einer  der 
sogenannten  äolischen  Inseln  (vgl.  Ap.  Rh.  4, 
764  u.  Schol.  z.  4,  761),  wo  er  die  sausenden 
Winde  und  Stürme  in  einer  festverschlossenen 
Höhle  bändigt,  Aiolos  selbst  sitzt  auf  der 
Höhe  des  Berges  und  läfst  die  Stürme  nur 
dann  und  wann  durch  eine  mit  seinem  lanzen- 
artigen Scepter  in  die  Seite  des  Berges  ge-  co 
stofsene  Öffnung  heraus  fahren.  Diese  Vor- 
stellung ist  überhaupt  bei  späteren  Dichtern 
die  herrschende  geworden:  Quint.  Smyrn.  14, 
475.  Oo.  Met.  1,  262.  11,  748.  14,  223  ff.  Val. 
Place.  1,  576.  Die  euhemeristische  Darstel- 
lung des  Mythus  vom  Aiolos  bei  Diodor.  4, 

67  u.  5,  7 f.  ist  augenscheinlich  dem  Bestreben, 
Aiolos  III,  den  Beherrscher  der  Winde  mit 


Aiolos  I genealogisch  zu  verbinden  und  zu- 
gleich mit  Aiolos  II,  dem  Bruder  des  Boiotos,  zu 
identifizieren,  entsprungen.  Zu  diesem  Zwecke 
erfindet  Diodor  einen  neuen  Aiolos  (=  A.  II), 
durch  den  er  Aiolos  I mit  Aiolos  III  verbindet, 
sodafs  folgende  genealogische  Reihe  entsteht: 
Aiolos  I,  Mimas,  Hippotes  (Sohn  des  Mimas 
und  der  Melanippe),  Aiolos  II,  Arne,  Aiolos  III . 
Von  seinem  Aiolos  III,  den  wir  oben  Aiolos  II 
genannt  haben,  erzählt  Diodor.  4,  67  u.  5,  7f. 
folgendes.  Arne,  die  Tochter  von  Aiolos  II, 
wurde  von  ihrem  Vater,  als  sie  von  Poseidon 
geschwängert  worden  war,  einem  zufällig  an- 
wesenden Metapontier  übergeben,  der  sie  in 
seine  Heimat  mitnahm.  Als  nun  Arne  in  Meta- 
pontion  den  Aiolos  und  Boiotos  geboren  hatte, 
nahm  ihr  kinderloser  Gastfreund  diese  auf 
Geheifs  eines  Orakels  an  Kindesstatt  an.  Heran- 
gewachsen und  infolge  eines  Aufstandes  Könige 
von  Metapontion  geworden,  töteten  sie  die 
Autolyte,  die  Gattin  ihres  Pflegevaters,  welche 
mit  Arne  in  einen  Streit  geraten  war,  und  ent- 
flohen mit  ihrer  Mutter.  Aiolos  ging  auf  die 
äolischen  Inseln  im  tyrrhenischen  Meere,  die 
nach  ihm  benannt  wurden,  und  baute  daselbst 
die  Stadt  Lipara  (oder  Liparos,  der  Sohn  des 
Auson,  gab  ihm  seine  Tochter  Kyane  und  die 
Herrschaft  der  Insel,  während  er  selbst  nach 
Surrentum  auswanderte;  vgl.  Diod.  5,  7).  Mit 
der  Kyane  aber  erzeugte  Aiolos  sechs  Söhne: 
Astyochos,  Xuthos,  Androkles,  Pheraimon,  lo- 
kastos  und  Agathyrnos,  alle  ebenso  wie  ihr 
Vater  durch  Gastfreiheit , Frömmigkeit  und 
Tugend  ausgezeichnet.  Nach  Scliol.  z.  Ud.  10, 6 u. 
Apostol.  1,  83  erzeugte  Aiolos  mit  der  Telepatra 
(Telepora?) , der  Tochter  des  Laistrygonos , 6 
Söhne  und  6 Töchter.  Die  Söhne  heifsenlokastes, 
Xuthos,  Phalakros,  Chrysippos,  Pheraimon  (vgl. 
Apost.  1,  83),  Androkles,  die  Töchter  ’fcpd'y 
(?vgl.  Apost.  1,  83),  Aiole,  Periboia,  Dia,  Asty- 
krateia,  Hephaisteia  (vgl.  auch  Parth.  Er.  2).» 
Dieser  Aiolos,  sagt  Diod.  5,  7,  ist  derselbe,  zu 
dem  Odysseus  auf  seinen  Irrfahrten  gekommen 
sein  soll.  Man  erzählt  von  ihm,  dafs  er  den 
Gebrauch  der  Segel  erfunden  und  es  verstan- 
den habe,  aus  Vorzeichen,  die  er  an  dem  vul- 
kanischen Feuer  seiner  Insel  beobachtete  (vgl. 
Plin.  3,  94  u.  Strab.  6 p.  275  f.),  Wind  und 
Wetter  vorauszusagen,  weshalb  ihn  die  Sage 
auch  zum  Beherrscher  der  Winde  gemacht  hat. 

Deutung.  Die  einzelnen  Züge  der  home- 
rischen und  virgilianischen  Sage  von  Aiolos  dem 
Beherrscher  der  Winde  lassen  sich  leicht  er- 
klären. Der  Name  Ai'olog  soll  wohl  die  Be- 
weglichkeit und  Veränderlichkeit  des  Windes 
ausdrücken  (vgl.  cdöllco  und  aiolos),  das  Leben 
in  Saus  und  Braus,  welches  Odysseus  im  Palaste 
des  Aiolos  findet,  die  auch  sonst  sprichwört- 
lich gewordene  Gefräfsigkeit  der  Winde  (vgl. 
den  Artikel  Harpyien  und  Roscher,  Hermes 
S.  105.  Schwartz,  Poet.  Haturanschauungen  2, 
53).  Der  Windschlauch  des  Aiolos  erinnert 
dagegen  an  die  bei  Griechen  und  Germanen 
vorkommende  Sitte  den  Wind  in  einen  Sack 
oder  Schlauch  zu  bannen  ( Roscher , Hermes 
S.  41,  73,  106).  Ebenso  wie  Aiolos  dem  Odys- 
seus sollen  auch  die  Lappländer  den  Schiffern 
Beutel  und  Schläuche  mit  eingeschlossenen 


Roscher,  Lexikon  der  gr.  u.  röm.  Mytliol. 


7 


195 


Aiolides 


Aisakos 


196 


Winden  mitgeben  {Vofs , mytliol.  Br.  1,  58. 
Schacffer , Lapponia  etc.).  Der  V ergilischen 
Aiolossage  scheint  einerseits  die  Yorstellung 
von  den  in  Berghöhlen  hausenden  Winden 
( Roscher  a.  a.  0.  S.  20),  andererseits  eine  an 
die  natürliche  Beschaffenheit  der  Insel  Stron- 
gyle  angeknüpfte  weit  verbreitete  naturwissen- 
schaftliche Spekulation  zu  Grunde  zu  liegen 
(vgl.  Plin.  n.  h.  3,  94.  Strab.  p.  275  ff.  Sen. 
Q.  Nat.  6,  18.  Farbiger  z.  Verg.  Aen.  1,  52).  x 
Äufserdem  ist  wohl  zu  beachten,  dafs  mancher- 
lei Züge  aus  der  Sage  von  Aiolos  dem  Wind- 
gott auf  Aiolos  I und  II  übertragen  sind.  Vgl. 
JDiod.  5,  7.  Sostratos  b.  Stob.  flor.  G4,  35  und 
bei  Plutarch,  Baratt,  bist.  gr.  et.  rom.  28.  Ov. 
Her.  11,  9 ff.  Hyg.  f.  125.  Literatur:  Statt  in 
Paulys  Bediene.-  1,  1,  395.  Preller,  gr.  M. 2 1, 
495.  Jacobi,  Handwörterb.  unter  Aeolus.  — 
4)  Ein  Freund  und  Begleiter  des  Aneas  aus 
Lyrnessos,  der  in  der  Schlacht  gegen  Turnus  2 
bei  Laurentuni  fiel:  Verg.  Aen.  12,  542  ff  Vgl. 
auch  Aen.  6,  164  u.  9,  774,  wo  Söhne  eines 
Troianers  Aiolos  (Misenus  und  Clytius)  genannt 
werden.  [Roscher.]  Davon: 

Aiolides  {Aioliöqg),  Sohn  oder  Nachkomme 
des  Aiolos  (s.  d.).  — 1)  Sisyphos:  11.  6,  154. 
Ov.  Met.  13,  26.  — 2)  Kretheus:  Öd.  11,  237. 

— 3)  Athamas:  Ap.  Rh.  3,  1093.  Ov.  Met.  4, 
511.  — 4)Iokastos:  Callim.  b.  Tzetz.  Lylc.  732. 

— 5)Magnes:  Paus.  6,  21,  7.  — G)Makareus:  3 
Ov.  Met.  9,  506.  — 7)  Misenus:  Verg.  Aen.  6, 
164.  — 8)  Miuyas:  Ap.  Rh.  3,  1093  (u.  Schol.). 

— ff)  Triopas:  Marcell.  ep.  { Anth . App.  50). 
Schol.  Call.  li.  in  Cer.  100.  — 10)  Bellerophon- 
tes;  Find.  Ol.  13,  96.  — 11)  lason:  Find.  P. 

4,  127.  — 12)  Pli  rix  os:  Ap.  Rh.  2,  114.  Val. 
Fl.  1,  286.  — 13)  Idmon:  Ap.  Rh.  2,  851.  — 
14)  Kephalos:  Ov.  Met.  6,  681.  — 15)  Odys- 
seus: Verg.  Aen.  6.  529.  [Roscher.] 

Aioliou  {AlolCcov) , Sohn  des  Aiolos,  d.  i,  4 
Makar:  Horn.  hymn.  in  Ap.  Del.  37.  [Roscher.] 

Aiolis  ( Alollg ),  Nachkommin  des  Aiolos.  — 
1)  Alkyone:  Ov.  Met.  11,  573.  — 2)  Polymeie: 
Parth.  Er.  2.  — 3)  Kanake:  Ov.  Her.  11,  5. 

[Roscher.] 

Aion  (Attav) , 1)  Eine  späte  Personifikation 
der  Zeit  oder  Ewigkeit  {Q.  Smyrn.  12,  194. 
Norm.  Dion.  7,  10  u.  ö.),  entweder  Sohn  des 
Chronos  ( Eur . Heracl.  900)  oder  des  Wind- 
gottes Kolpias  und  der  Baau  (=  Nyx),  Vater  5 
des  Genos  und  der  Genea,  Bruder  des  Proto- 
gonos, der  erste  Mensch,  welcher  Baumfrüchte 
genofs  (Philo  Bgbl.  b.  Eus.  pr.  ev.  1,  10).  Eine 
vatikanische,  unter  Commodus  verfertigte  Sta- 
tue stellt  Aion  dar  „als  Mensch  mit  Löwen- 
gesicht, geflügelt,  von  einer  Schlange  umwun- 
den, deren  Kopf  gerade  über  der  Mitte  seines 
Gesichts  liegt,  mit  einem  Blitz  mitten  auf  der 
Brust,  einen  Schlüssel  in  der  rechten  und  einer 
Fackel,  sowie  mit  einem  Scepter  oder  Mafs-  6 
stabe  in  der  linken  Hand,  zu  seinen  Füfsen 
rechts  ein  Hammer  und  eine  Zange,  links  ein 
Caduceus,  ein  Hahn  und  ein  Pinienapfel.“  S. 
Müller -Wieseler  Denkrn.  d.  a.  K.  2,  967.  Zoega 
Abh.  187  ff  Layard  in  d.  Ann.  dell'  Inst.  arch. 
13  p.  170.  — 2)  Hund  des  Aktaion  (Aithon?): 
Hyg.  f.  181.  [Roscher.] 

AipytOS  ( Ai'nvzog ) 1)  Sohn  des  Hippothoos, 


König  von  Arkadien,  Vater  des  Kypselos,  wurde, 
weil  er  in  den  Tempel  des  Poseidon  zu  Man- 
tineia  eindringen  wollte,  von  dem  Gotte  ge- 
blendet und  starb  bald  darauf:  Paus.  8,  5,  5. 

10,  3.  — 2)  Jüngster  Sohn  des  messenischen 
Königs  Kresphontes  und  der  Mei-ope,  Tochter 
des  Kypselos , also  Urenkel  des  vorigen.  Als 
sein  Vater  und  seine  Brüder  in  einem  Auf- 
stande ermordet  wurden , hielt  Aipytos  sich 

o gerade  bei  seinem  Grofsvater  Kypselos  auf  und 
entging  so  dem  Tode;  als  er  aber  zum  Manne 
herangereift  war,  kehrte  er  mit  Hilfe  der  Ar- 
kader  und  der  dorischen  Fürsten  (der  Söhne 
des  Aristodemos  und  des  Isthmios)  nach  Mes- 
sene  zurück  und  rächte  den  Tod  seines  Vaters, 
indem  er  den  Polyphontes,  der  den  Kresphon- 
tes erschlagen  und  seine  Witwe  Merope  wider 
ihren  Willen  geheiratet  hatte,  tötete.  Darauf 
gewann  er  durch  seine  treffliche  und  kluge 

o Regierung  solches  Ansehen  bei  den  Vornehmen 
und  im  Volke,  dafs  man  seine  Nachkommen 
nicht  mehr  Herakliden,  sondemAipytidennannte. 
Sein  Sohn  und  Nachfolger  hiefs  Glaukos.  Vgl. 
Eur.  fr.  452  ff.  N.  Paus.  4,  3,  6 ff  5,  1.  8,  5, 

7.  Hyg.  f.  137.  184.  Apoll.  2,  8,  5.  Enn.  b. 
Auct.  ad  Her.  2,  38.  Von  Hygin.  a.  a.  O.  wird 
Aipytos  Telephontcs,  von  Euripides  Kresphon- 
tes genannt.  Vgl.  auch  Welcher,  gr.  Tr.  2, 
828  ff  und  Mittler , Dorier  1,  99.  — 3)  Sohn 

o des  Elatos,  König  von  Phäsane  am  Alpheios 
in  Arkadien  ( Find . Ol.  6 , 33  (55),  Herr- 
scher von  ganz  Arkadien  nach  dem  Tode  des 
kinderlosen  Kleitor  {Paus.  8,  4,  3.  7),  wurde 
auf  einer  Jagd  von  einer  kleinen  Schlange  ge- 
bissen und  starb  auf  dem  Berge  Sepia  unweit 
der  Kyllene,  wo  er  auch  begraben  wurde  {Paus. 

8,  16,  2 f.).  Sein  Grab  erwähnt  bereits  Homer 

11.  2,  603.  Vgl.  d.  Schol.  z.  d.  St.  Er  erzog 
Euadne  (s.  d.)  und  ging  bei  ihrer  Schwanger- 

0 schalt  zornvoll  nach  Delphi,  um  ihren  Ver- 
führer zu  erfahren.  Das  Orakel  antwortete  ihm, 
dafs  Apollon  selbst  der  Vater  des  Knaben 
(Iamos)  sei,  und  dieser  dereinst  ein  mächtiger 
Prophet  und  Vater  einer  zahlreichen  Nach- 
kommenschaft werden  solle:  Find.  Ol.  6,  33 ff. 
u.  Schol.  — 4)  Sohn  des  Neileus  (Neleus),  En- 
kel des  Kodros,  der  Gründer  vonPriene:  Strab. 
633.  Paus.  7,  2,  7.  Eustatli.  ad  Dion.  825. 

[Roscher.] 

o Aisa  {Alaa),  poetischer  Name  der  Molqcc  bei 
Dichtern:  Aescli.  Cho.  647.  Soph.  fr.  604  D. 
Q.  Smyrn.  1,  390.  10,  331  ö.  S.  Moira. 

[Roscher.] 

Aisakos  {Ai'aunog),  1)  Sohn  desPriamos  und 
der  Arisbe,  Tochter  des  Merops  {Apoll.  3,  12, 
5.  Schol.  II.  24,  497),  oder  der  Alexirrhoe,  Toch- 
ter des  Granikos  {Ov.  M.  11,  763),  Gemahl  der 
Asterope  oder  Hesperia,  Tochter  des  Flusses 
Kebren  {Apollod.  a.  a.  O.  Ov.  Met.  11,  769). 

o Nachdem  er  von  seinem  Grofsvater  Merops  die 
Traumdeuterei  erlernt  hatte,  weissagte  er  dem 
Priamos,  dafs  ein  Sohn  der  Hekabe  (Paris)  den 
Untergang  Trojas  herbeiführen  werde,  und  riet 
deshalb  jenen  nach  seiner  Geburt  auszusetzen. 
{Apollod.  a.  a.  O.  Lykophr.  224  u.  Schol.).  Als 
seine  Gattin  Asterope  oder  seine  Geliebte  (Hes- 
peria) an  einem  Sclilangenbifs  starb,  und  Äisa- 
kos  vor  Gram  sich  ins  Meer  stürzte,  wurde  er 


Aischreis 


Aitlier 


198 


197 

von  der  mitleidigen  Thetis  in  einen  Taucher 
verwandelt  ( Apollod . u.  Ov.  a.  a.  0.).  — 2)  Ein 
Anführer  der  Kentauren:  Norm.  D.  14,  190. 

[Roscher.] 

Aischreis  {AlaxqgCg),  eine  der  fünfzig  Töch- 
ter des  Thespios , von  Herakles  Mutter  des 
Leukoncs:  Apollod.  2,  7,  8.  [Roscher]. 

Aisepos  ( Aiaynog ),  1)  Sohn  des  Okeanos  und 
der  Tethys,  Gott  eines  mysischen  Flusses,  der 
bei  Kyzikos  in  die  Propontis  fällt:  Hesiod. 

, Theog.  342.  Nom.  II.  2,  825.  Q.  Smyrn.  2, 

1 590.  Plin.  5,  141.  — 2)  Sohn  des  Bukolion 
und  der  Nymphe  Abarbaree  (s.  d.),  ein  Troer: 
II.  6,  21.  [Roscher]. 

Aison  ( Ai'ocov ),  Sohn  des  Kretheus,  des  Grün- 
ders von  Iolkos,  und  der  Tyro , der  Tochter 
des  Salmoneus,  oder  der  Skarphe,  Gemahl  der 
Polymede,  der  Tochter  des  Autolykos  ( Apollod . 
1,  9.  11.  16.  Hes.  fr.  111  Götti.  Nom.  Od.  11, 
259.  Tzetz.  Lyk.  872.  Schol.  II.  2,  532),  oder 
der  Alkimede  (Ap.  Bk.  1,  46.  233.  Schol.  z.  230. 

! Ov.  Herold.  6,  105.  Hyg.  f.  3.  13),  oder  der 
Amphinome  ( Diod . Sic.  4,  50)  oder  Polypheme 
j ( Herodor . b.  Schol.  Ap.  Rh.  1 , 45)  oder  Poly- 
mela  ( Ncsiod . b.  Schol.  Od.  12,  69)  oder  Theo- 
gnete  ( Andron  b.  Schol.  Ap.  Rh.  1 , 45).  Er 
war  der  Halbbruder  des  Pelias  und  Vater 
des  Iason  (s.  d.).  Nach  Apollod.  1,  9,  27 
wollte  ihn  Pelias  unmittelbar  vor  der  Rück- 
! kehr  der  Argonauten  aus  dem  Wege  räumen, 

: Aison  aber  bat  um  die  Erlaubnis  sich  selbst 
töten  zu  dürfen,  trank  das  Blut  eines  Opfer- 
stieres und  starb  davon.  (Vgl.  Roscher  in  Fleck- 
j eisens  Jahrhh.  1883,  S.  158ff.).  Nach  Diod.  4,  50 
mufste  er  auf  Befehl  des  Pelias  Stierblut  trin- 
ken. Die  Nostoi  {Schol.  in  Nur.  tom.  4,  2,  2 
Rind.)  und  Ov.  Met.  7,  163  u.  250  ff.  erzählen  da- 
' gegen,  dafs  Aison  die  Rückkehr  seines  Sohnes 
erlebt  habe  und  von  Medeia  wieder  verjüngt 
worden  sei.  S.  den  Art.  Argonauten.  Davon 

Aisonides  {AiGovCSiqg) , Beiname  des  Iason, 
des  Sohnes  des  Aison:  Hes.  Th.  993.  Ap.  Rh. 

: 1,  46.  463.  887.  4,  785.  Theocr.  13,  17.  Orpli. 

| A.  57.  Ov.  Met.  7,  164  u.  s.  w.  [Roscher]. 

Aisyetes  {Alavfrgg) , ein  Troer,  Vater  des 
Alkathoos  {II.  13,  427),  dessen  Grabhügel  dem 
: Polites  als  Warte  diente  {II.  2,  793).  Vgl. 

1 auch  Strab.  13,  p.  597.  [Roscher]. 

Aisyle  {AlavXrf) , Name  einer  der  Hyaden 
(s.  d.),  bezeugt  von  Pherekydes  in  den  Schol. 

. z.  II.  18,  486,  wahrscheinlich  identisch  mit  der 
bei  Hyg.  Poet.  Astr.  2,  21  vorkommenden  Phae- 
■ syle(?).  [Roscher]. 

Aisymnetes  {Alavprfirgg) , ein  Beiname  des 
Dionysos,  unter  welchem  er  zu  Paträ  in  Achaia 
i verehrt  wurde  {Paus.  7,  19,  6 ff.  20,  1.  21,  6). 
Die  Entstehung  dieses  Kultus  erzählt  Paus.  a. 
a.  0.  folgendermafsen.  Infolge  eines  im  Tem- 
l pel  der  Artemis  Triklaria  begangenen  Frevels 
forderte  diese  Göttin  das  jährliche  Opfer  des 
l schönsten  Knaben  und  des  schönsten  Mädchens, 
doch  war  zugleich  vom  Orakel  zu  Delphi  ver- 
kündigt worden , dafs  dieses  Opfer  aufhören 
! solle , wenn  ein  fremder  König  den  Kultus 
eines  fremden  Gottes  einführen  würde.  Nun 
war  dem  Eurypylos,  dem  Sohne  des  Eujimon 
nach  der  Eroberung  von  Troja  bei  der  Tei- 
! lung  der  Beute  ein  Kasten  mit  dem  Bilde  des 


Dionysos,  einem  von  Zeus  einst  dem  Darda- 
nos  geschenkten  Werke  des  Hephaistos,  zuteil 
geworden,  das  nach  einigen  Aineias,  nach  an- 
deren Kassandra  zurückgelassen  haben  sollte, 
um  den  künftigen  Besitzer  ins  Unglück  zu 
stürzen.  (Nach  einer  andern  Überlieferung 
sollte  Eurypylos,  der  Sohn  des  Dexamenos  von 
Olenos,  den  Kasten  mit  dem  Bilde  vom  Hera- 
kles erhalten  haben,  als  er  diesen  auf  seinem 
Zuge  gegen  Ilion  begleitete).  Sobald  nun  Eu- 
rypylos nach  Öffnung  des  Kastens  das  Bild 
des  Dionysos  erblickte,  wurde  er  wahnsinnig. 
Um  Heilung  zu  finden,  fuhr  er  nicht  nach  Hause, 
sondern  nach  Delphi,  wo  ihm  die  Antwort  zu- 
teil wurde,  er  solle  den  Kasten  dort  weihen 
und  sich  dort  niederlassen,  wo  er  ein  fremd- 
artiges Opfer  erblicken  würde.  Vom  Winde 
nach  Ai'oe  in  Achaia  verschlagen , landete  er 
hier  gerade  in  dem  Augenblicke,  als  man  der 
Artemis  jenes  obenerwähnte  Menschenopfer 
darbringen  wollte.  Da  wurde  plötzlich  Eury- 
pylos geheilt  und  die  Bewohner  von  Aroe  stif- 
teten, als  sie  den  fremden  Fürsten  mit  seinem 
Götterbilde  sahen,  ein  Fest  des  Dionysos  Ai- 
symnetes.  Die  Entstehung  dieses  eigentümli- 
chen Mythus  erklärt  sich  wohl  zweifellos  aus 
der  Verdrängung  eines  uralten  barbarischen 
Kultus  der  Artemis  durch  den  mildere  Opfer- 
gebräuche heischenden  Dionysoskultus. 

[Roscher], 

Aithalides  {A l&cclidyg),  1)  Sohn  des  Hermes 
und  der  Eupolemeia,  der  Tochter  des  Myrmi- 
don,  aus  Phthiotis  (Alope  oder  Larisa),  der 
Herold  der  Argonauten,  zugleich  ein  tüchtiger 
Bogenschütze  {Apoll.  Rh.  1,  54  u.  Schol.  Orpli. 
Arg.  134.  Val.  Fl.  1,  437.  Hygin  f.  14),  der  von 
seinem  Vater  die  Gabe  eines  unverwüstlichen 
selbst  im  Hades  noch  fortdauernden  Gedächt- 
nisses erhalten  hatte  und  abwechselnd  in  der 
Unterwelt  und  auf  der  Oberwelt  leben  durfte 
{Ap.  Rh.  1,  641  ff.  Plierek.  b.  Schol.  z.  1,  645. 
Tzetz.  Chil.  4,  .520).  Pythagoras  verwertete 
bekanntlich  diese  Sage  für  seine  Lehre  von 
der  Seelenwanderung,  indem  er  behauptete, 
die  Seele  des  Aithalides  habe  sich  nach  meh- 
reren Wanderungen  mit  seinem  Leibe  verbun- 
den und  sei  sich  aller  ihrer  früheren  Zustände 
und  Erlebnisse  nach  deutlich  bewufst  (Heracl. 
P.  b.  Riog.  Laert.  8,  1,  4.  Schol.  Ap.  Rh.  1, 
645.  Porphyr.  V.  Pyth.  45.  Tz.  Chil..  4,  520. 
Welcher,  Aeschyl.  Tril.  209.  276).  — 2)  Grie- 
che, von  Äneas  vor  Troia  getötet:  Q.  Smyrn 
11,  201.  — 8)  Einerder  tyrrhenischen  Seeräu- 
ber (=  Aithalion,  s.  d.),  welche  den  Dionysos 
entführen  wollten  und  in  Delphine  verwandelt 
wurden:  Hyg.  f.  134.  [Roscher.] 

Aithalion  {Ai&aUav) , einer  der  Tyrrhener, 
die  von  Dionysos  zur  Strafe  in  Delphine  ver- 
wandelt wurden:  Ov.  Met.  3,  647,  s.  Aitha- 
lides 3.  [Roscher.] 

Ait.he  {Ai'&g),  eines  der  Rosse  Agamemnons, 
nach  Schol.  II.  23,  346  vom  Areion  abstam- 
mend: II.  23,  295  ö.  Paus.  5,  8,  3.  Flut. 
Gryll.  4.  de  aud.  poet.  12.  Suid.  [Roscher.] 

Aither  (Al&fiq),  die  in  der  mythischen  Kos- 
mogonie  der  Griechen  vorkommende  Personi- 
fikation des  Äthers,  d.  h.  der  oberen  reineren 
Himmelsluft  {—  caelum),  welche,  wie  bei  den 

7* 


199 


Aitkeria 


Indern , als  Sitz  des  Liclites  und  der  oberen 
Götter,  namentlich  des  Zeus,  gedacht  wurde 
(vgl.  Cic.  n.  d.  3 , 44.  53  f.  Lucret.  5 , 498. 
Verg.  Aen.  12,  140.  Gornut.  n.  d.  1.  Lelirs 
de  Ar  ist.  stud.  Hom.  167  ff.  Roth  in  der  Ztschr. 
d.  dtschn.  morgenl.  Ges.  6 , 68.  Kaegi,  Rer 
Rigveda,  Zürich  1879.  S.  22.  Anm.  124).  He- 
siod.  Th.  124  l'alst  Aitker  als  Sohn  des  Ere- 
bos  und  der  Nyx  und  Bruder  der  Hemera 
(vgl.  auch  Com.  de  nat.  d.  17),  Hygin.  fab. 
praef.  als  Sohn  des  Chaos  und  der  Caligo, 
Bruder  der  Nox,  des  Erebos  und  der  Dies. 
Mit  der  Dies  (Tag)  zeugt  er  Erde,  Himmel 
und  Meer,  mit  der  Erde  eine  Reihe  von  Übeln 
oder  Lastern  z.  B.  Schmerz,  List,  Zorn,  Trauer, 
Lüge,  Eidschwur  u.  s.  w.  ferner  Oceanus,  The- 
mis, Tartarus,  Pontus,  die  Titanen,  Briareus, 
Gyges  , Steropes  , Atlas  , Hyperion  , Saturnus, 
Ops,  Moneta,  Dione,  die  drei  Furien  ( ITyg . 
a.  a.  0.  vgl.  Cic.  n.  d.  3 , 44.).  In  den  Or-  s 
phischen  Hymnen  (vgl.  Orpli.  Hy.  5)  erscheint 
Aither  als  Weltseele,  d.  h.  als  feuriges  Lebens- 
element aller  lebenden  Wesen.  Später  iden- 
tifizierten einzelne  Dichter  Aither  und  Zeus 
oder  Uranos  und  Hessen  ihn  in  ein  eheliches 
Verhältnis  mit  der  Erde  treten:  Verg.  G.  2, 

325  u.  Forbiger  z.  d.  St.  Lucr.  1,  251.  2,  991. 
(Vgl.  Aesch.  fr.  43  N.).  Nach  Cic.  a.  a.  Ö.  44  ff. 
ist  er  Vater  des  Iuppiter  und  Caelus,  Grofs- 
vater  des  Sol.  Der  Schol.  z.  Theoikr.  1 , 121  3 
nennt  Pan  Sohn  des  Aither  und  der  Oineis 
oder  einer  Nereide.  Nach  Alcusilaos  b.  Schol. 
z.  Theoikr.  13  (arg.)  erzeugte  Aither  mit  der 
Nyx  den  Eros.  [Roscher.] 

Aitkeria  oder  Aitherie  (AlfisgCy),  Tochter 
des  Helios  und  der  Klymene,  Schwester  des 
Phaethon,  nach  dem  Tode  ihres  geliebten  Bru- 
ders wie  die  übrigen  Heliaden  in  eine  Pap- 
pel verwandelt:  Hygin.  praef.  u .fab.  154.  152. 
156.  Ov.  Met.  2,  340  ff.  [Roscher.]  4 

Aithilia  (Ai'fiiU «),  Tochter  des  Laomedon, 
Schwester  des  Priamos.  Nach  der  Zerstörung 
Ilions  wurde  sie  die  Gefangene  des  Protesi- 
laos(?).  Als  dieser,  um  Wasser  einzunehmen, 
bei  Mende  und  Skione  landete,  überredete  Ai- 
thilla  ihre  Mitgefangenen,  die  Schiffe  in  Brand 
zu  stecken,  sodafs  Protesilaos  (?)  gezwungen  war 
dort  zu  bleiben:  Conon Narr.  13.  Pomp.  Mela 

2,  2,  33.  Polyaen.  7,  47  (hier  heilst  sie  Anthia), 
Tzetz.  z.  Lylcophr.  921.  1075  (wo  sie  Aithylla  5 
genannt  wird).  Alle  diese  Schriftsteller  schöpf- 
ten wohl  aus  den  Nostoi.  [Roscher.] 

Aithiolas  (Aifiiohxf),  Sohn  des  Menelaos  und 
der  Helena,  zusammen  mit  seinem  Bruder  Ni- 
kostratos  in  Lakedämon  verehrt:  Schol.  II. 

3,  175.  Fast.  z.  II.  400,  32.  Suid.  [Roscher.] 

Aithion  (Aifiiav),  1)  Seher,  Genosse  des 

Phineus,  bei  der  Hochzeit  des  Perseus  und  der 
Andromeda  von  Perseus  getötet:  Ov.  Met.  5, 
146.  — 2)  Sohn  einer  lielikonischen  Nymphe,  6 
der  auf  dem  Zuge  der  Sieben  gegen  Theben 
fiel:  Stat.  Tlieb.  7,  756.  — 3)  Name  eines  Ros- 
ses des  Euneos:  Stat.  Theb.  6,465.  [Roscher]. 

Aithiops  (Alfiioip) , 1)  Beiname  des  Zeus: 
Lylcophr.  537  u.  Schol.  Fast.  z.  Od.  1,  22  p.  1385, 
61  ed.  R.  — 2)  Sohn  des  Hephaistos,  von 
dem  Äthiopien  benannt  worden  sein  soll:  Plin. 
N.  II.  6,  187.  — 3)  Name  eines  Sonnenrosses 


Aithra  200 

(vgl.  Alfiotp , Für.  b.  Ath.  456 b):  Fumel.  b. 
Ilyg.  f.  183.  [Roscher], 

Aithon  ( A'ificov ),  1)  Rofs  desHektor:  11.  8, 185. 
— 2)  Rofs  des  Sonnengottes:  Ov.  M.  2, 153.  Eu- 
hemeros (?)  b.Hyg.f.  183.  Myth.  Vat.  1, 113.  Schol. 
Für.  Phoen.  3.  — 3)  Rofs  der  Eos:  Sero . Verg. 
Aen.  11,  89.  — 4)  Rofs  des  Pluton:  Claud. 
rapt.  Pros.  1,  284.  — 5)  Rofs  des  Pallas,  des 
Sohnes  des  Evander,  das  seines  Herrn  Tod  be- 
weinte: Verg.  Aen.  11,  89.  — 6)  Rofs  des  Ares: 
Q.  Smyrn.  8,  242.  ■ — 7)  Der  Adler,  der  den 
Prometheus  quälte:  Hyg.  f.  31.  Vgl.  II.  15, 
690.  — - 8)  Hund  des  Aktaion:  Hyg.  f.  181.  — 
9)  Name,  den  sich  Odysseus  beilegte,  um  die 
Penelope  zu  täuschen:  Od.  19,  183.  — 10)  Bei- 
name des  Erysichthon  (oder  des  Phlegyas) 
wegen  seiner  Gefräfsigkeit  (von  hubg  cüficov 
= Heifshunger) : Tzetzes  s.  Lylcophr.  1396.  Hel- 
lan.  b.  Athen.  10,  416  b.  Ael.  Vf  11. 1,  27.  Cal- 
o lim.  Rem.  67.  [Roscher]. 

Aithops  (Aifioip) , 1)  Sohn  des  Pyrrhasos, 
Gefährte  des  Menvnon,  von  Antilochos  getötet: 
Q.  Smyrn.  2,  247.  — 2)  s.  Aithiops  3. 

[Roscher.] 

Aithra  (Aifigcc  oder  Affig « C.  I.  Gr.  7746), 
1)  Okeanide,  Gemahlin  des  Atlas,  Mutter  der 
Hyaden  und  des  Hyas:  Timaios  b.  Schol.  z.  II. 

18,  486.  Ov.  fast.  5,  171.  Hyg.  f.  192.  — 2) 
Tochter  des  Königs  Pittheus  von  Troizene, 

o besonders  berühmt  als  Gemahlin  des  Aigens 
(s.  d.)  und  Mutter  des  Tlieseus  (vgl.  Apollod. 
3 , 10 , 7.  Hyg.  f.  14.  Plut.  Utes.  3).  Nach 
Paus.  2,  31,  12  kam  noch  vor  Aigeus  Bel- 
lerophontes  nach  Troizen  und  warb  um  Ai- 
thra, wurde  aber  noch  vor  der  Vermäh- 
lung verbannt.  Derselbe  Paus.  (2  , 33  , 1 f.) 
erzählt  von  Aithra , dafs  sie , von  Athene  im 
Traume  aufgefordert,  einst  auf  die  zu  Troi- 
zen gehörige  Insel  Sphairia  (später  Hiera  ge- 
o naunt)  gegangen  sei,  um  dem  Sphairos,  dem 
Wagenlenker  des  Pelops,  ein  Totenopfer  dar- 
zubringen.  Als  sie  hier  von  Poseidon  über- 
rascht worden,  habe  Aithra  einen  Tempel  der 
Athene  Apaturia,  d.  i.  der  Täuschenden,  ge- 
stiftet und  zugleich  den  Brauch  eingeführt, 
dafs  die  troizenischen  Jungfrauen  vor  der  Hei- 
rat ihre  Gürtel  der  Athene  weihten.  Nach 
Apollod.  4,  15,  7 u.  Hyg.  f.  37  soll  Poseidon 
der  Aithra  als  neuvermählter  Gattin  des  Aigeus 
o beigewohnt  haben,  während  Plut.  Thes.  6 die 
Sache  so  auffafst,  als  habe  Pittheus  die  Sage, 
dafs  Poseidon  der  Vater  des  Theseus  sei,  blofs 
deshalb  erfunden,  weil  Poseidon  der  Haujjt- 
gott  von  Troizen  war.  Wahrscheinlich  er- 
klärt sich  die  Annahme  der  gleichzeitigen  dop- 
pelten Vermählung  der  Aithra  mit  Aigeus  und 
Poseidon  aus  der  ursprünglichen  Identität  beider, 
denn  Aigeus  (s.  d.)  scheint  nur  ein  zu  selb- 
ständiger Bedeutung  gelangter  Beiname  des 
o Poseidon  zu  sein.  Später  wurde,  als  Theseus 
und  Peirithoos  gerade  in  der  Unterwelt  ab- 
wesend waren,  Aithra,  welcher  Theseus  die  ge- 
raubte Helena  anvertraut  hatte,  von  den  beiden 
Dioskuren  von  Aphidnai  oder  Athen  (Paus.  5, 

19,  4),  wo  sie  sich  aufhielt,  nach  Sparta  ent- 
führt und  kam  so  schliefslich  als  Sklavin  der 
Helena  nach  Troia  (II.  3,  144.  Hyg.  f.  92. 
C.  I.  Gr.  6125).  Nach  der  Eroberung  dieser 


201 


Aithusa 


Aitolos 


202 


Stadt  wurde  sie  hier  unter  den  übrigen  kriegs- 
I gefangenen  Sklavinnen  von  ihren  eigenen  En- 
keln, Demophon  und  Akanias,  den  Söhnen  des 
Theseus  ( Pseudodem . 60,  29  nennt  fälschlich 
Akamas  einen  Sohn  der  Aithra),  erkannt  und 
! auf  deren  Bitte  von  der  Helena  freigegeben. 

! (Vgl.  aufser  den  schon  angeführten  Belegen 
ArJUinos  Iliupersis  fr.  3 Kinkel.  Apollod.  3, 
16,  1.  Paus.  5,  19,  1.  Lesches  ib.  25,  7f.  Hyg. 

! f.  14.  37.  79.  92.  Biet.  1,  3.  5,  13.  Ov.  Her. 

10,  131.  Plut.  Thes.  3,  4,  6,  34  f.  Vgl.  auch 
I C.  I.  Gr.  7743d.  8440b.  7746.  Nach  Hyg  in.,  f. 

\ 243  tötete  sich  Aithra  später  seihst  aus  Gram 
über  den  Tod  ihrer  Söhne. 

Bildwerke.  Bereits  auf  dem  Kasten  des 
Kypselos  war  Aithra  als  mifshandelte  Sklavin 
der  Helena  dargestellt  (Paus.  5,  19,  4.  Bio 
1 Chrys.  or.  11).  Ähnlich  war  ihre  Darstellung 
| auf  dem  Gemälde  Polygnots  in  der  delphi- 


nach  Alkimos  eine  Tochter  des  Uranos  und 
der  Ge,  nach  Seilenos  b.  Steph.  Byz.  s.  v.  TLcc- 
linf]  des  Okeanos,  nach  Demetrios  von  Kalla- 
tis  des  Briareos,  Schwester  des  Sikanos,  nach 
welcher  der  bekannte  Vulkan  benannt  worden 
sein  soll.  Simonides  erzählte  von  ihr,  sie  sei 
in  dem  Streite,  welchen  Hephaistos  und  De- 
meter um  den  Besitz  Siciliens  führten,  als 
Schiedsrichterin  aufgetreten  ( Schol . Theocr.  1, 
io  65).  Nach  Seilenos  a.  a.  O.  und  Scrv.  z.  Verg. 
Aen.  9,  584  war  sie  von  Hephaistos  (oder  Zeus) 
Mutter  der  Paliken.  — 2)  der  Vulkan  Ätna  auf 
Sicilien,  der  schon  frühzeitig  eine  Rolle  in  der 
Mythologie  spielte.  Entweder  galt  er  für  den 
Berg,  welchen  Zeus  auf  den  Typhon  schleu- 
derte: Aesch.  Pr.om.  365.  Find.  Pyth.  1,  20. 
Apollod.  1,  6,  3.  Strab.  626.  Hyg.  f.  152.  Ov. 
Her.  15,  11.  f.  491.  M.  5,  352.  Val.  Fl.  2, 
24,  oder  man  glaubte,  dafs  Enkelado3  (Orph. 


Aithra  und  Theseus,  welcher  Schwert  und  Schuhe  des  Aigeus  unter  dem  Felsen 


hervorholt,  Relief  in  Villa  Albani  (Rom). 


| sehen  Lesche  (Paus.  10,  25,  7).  Aufserdem 
findet  sich  Aithra  von  Poseidon  überrascht 
(Gerhard,  Auserl.  Vas.  1,  12),  mit  Theseus 
Paus.  1,  27,  8.  Zoega  Bassir.  48.  Mus.  Borb. 

2,  12.  Campana  op.  in  plast.  t.  117.  Gerhard 
a.  a.  0.  3,  158.  Mon.  d.  Inst.  6,  22.  Braun , 
die  Schale  des  Kodros.  Gotha  1843  (vgl.  C.  I.  Gr.  50 
j 8440b  u.  s.  w.),  endlich  nach  der  Eroberung 
Ilions  von  ihren  Enkeln  zurückgeführt  (Over- 
| heck,  Gail.  her.  Bildw.  S.  618  ff.).  Vgl.  Brunn 
in  Paulys  Realenc.-  1,  1,  484.  Ein  sehr  schö- 
nes Vasengemälde,  welches  die  Führung  der 
Aithra  aus  der  Stadt  ins  Griechenlager  durch 
ihre  Enkel  darstellt,  befindet  sich  an  einem 
Krater  aus  Volci,  jetzt  im  Britischen  Museum 
(vgl.  Mon.  d.  Bist.  2,  25).  — 3)  Gemahlin  des 
Phalanthos  (s.  d.)  Paus.  10,  10,  8.  [Roscher.]  60 
Aithusa  ( Ai'&ovGa ),  1)  Tochter  des  Poseidon 
und  der  Alkyone,  Geliebte  des  Apollon  und 
Mutter  des  Eleuther:  Apollod.  3,  10,  1.  Paus. 

9,  20,  1.  — 2)  Thrakerin,  Mutter  desLinos  und 
■ Urahnin  Homers:  Charax  h.  Suid.  s.  v.  "Oag- 
qos.  Vgl.  Lobeck  Agl.  p.  323.  Welcher , Ep. 
Cycl.2  1,  137  f.  [Roscher], 

Aitnc  (Aixvrf)  , 1)  eine  sicilische  Nymphe, 


A.  1257.  Verg.  A.  3,  578.  Opp.  Gyn.  1,  273. 
Claud.  r.  Pros.  1,  155)  oder  Briareos  unter  ihm 
begraben  seien  (Callim.  h.  in  Bel.  143).  Vgl. 
aufserdem  Strab.  248.  Sil.  It.  14,  58.  Claud. 
r.  Pros.  1, 160.  Gell.  17,  10.  Macrob.  S.  5,  17). 
Später  hielt  man  ihn  auch  für  die  Wohnung 
und  Werkstatt  des  Hephaistos  (s.  d.)  und  der 
Kyklopen:  Eurip.  Cycl.  298.  Callim.  Bel.  144. 
Cic.  de  div.  2,  43.  Hör.  ca.  1,  4,  7.  Prop.  4, 
1,  45.  Strab.  1,  20  ff.  Lucil.  Aetna  29.  Solin. 
55,  16  M.  [Roscher]. 

Aitnaios  (Alrvakog,  lat.  Aetnaeus),__  1)  Bei- 
name des  Zeus , welcher  auf  dem  Ätna  ver- 
ehrt und  dem  ein  Fest,  ra  Altvccicc,  gefeiert 
wurde:  Find.  Ol.  6,  162  u.  Schol.  Nein.  1,  6.  — 
2)  Beiname  des  ebendaselbst  verehrten  Hephai- 
stos: Eurip.  Cykl.  599.  Val.  Fl.  2,  420.  tAcl. 
h.  an.  11  , 3.  — 3)  Böiname  der  am  Ätna 
wohnhaft  gedachten  Kyklopen:  Verg.  Ae.  8, 

440.  11,  263.  3,  668.  Ov.  Pont.  2,  2,  115.  — 
4)  Sohn  des  Kabiren  Prometheus,  welcher  in 
Böotien  wohnte,  und  welchem  Demeter  eine 
geheimnisvolle  Gabe  anvertraute : Paus.  9,  25,  6. 
[Roscher], 

Aitolos  (Aucohog),  1)  Sohn  des  Endymion 


203 


Aius  Locutius 


Akakallis 


204 


und  der  Nymphe  Seis  oder  Neis,  oder  der  Iphia- 
nassa,  Herrscher  von  Elis  Apd.  1,  7,  6.  Nach 
Pausanias  (s.  u.)  galt  aufserdem  für  seine  Mutter 
bald  Asterodia,  bald  Chromia,  bald  Hyperippe. 
Seine  Geschwister  aus  derselben  Ehe  waren 
Paion,  Epeios  und  Eurykyde  (oder  Eurypbyle 
Conon  14.  Etyrn.  m.  426,  29.  Arist.  in  Schol.  II. 
11,  688).  Behufs  der  Entscheidung  über  die 
Thronfolge  ordnete  Endyxnion  einen  Wettlauf 
zwischen  seinen  Söhnen  in  Olympia  an,  in  r 
welchem  Epeios  Sieger  blieb,  worauf  erdieHerr- 
scliaft  erhielt.  Aus  Gram  über  die  erlittene 
Schmach  floh  Paion  in  weite  Ferne,  und  das 
Land  jenseit  des  Axiosflusses  in  Makedonien 
bekam  von  ihm  den  Namen  Paionien.  Aitolos 
aber  blieb  im  Lande  und  wurde  nach  der 
Flucht  des  Paion  dessen  Nachfolger.  Da  traf 
ihn  während  der  dem  Azan  zu  Ehren  veran- 
stalteten Spiele  das  Mifsgeschick,  dafs  er  un- 
vorsätzlich den  Apis  tötete  und  infolge  dessen  21 
vor  Apis’  Söhnen  aus  der  Peloponnes  ent- 
fliehen mufste  (nach  Strabo  8,  p.  357  vertreibt 
ihn  Salmoneus).  Er  entweicht  in  das  Flufs- 
gebiet  des  Acheloos  in  das  Land  der  Kureten, 
tötet  dort  Doros,  Laodokos  und  Polypoites,  die 
Söhne  des  Apollon  und  der  Phthia,  die  ihn 
gastlich  aufgenommen  hatten,  und  nachdem 
vor  ihm  die  Kureten  das  Land  geräumt,  erhält 
von  ihm  deren  Gebiet  den  Namen  Atolien. 
Paus.  5,  1,  2 — 8.  Apd.  1,  7,  6 ff.  Strabo  423;  3 
463 — 466.  Scymn.  476.  Conon.  15.  Aufser  Paion, 
Epeios  und  der  Eurykyde  werden  noch  als 
seine  Geschwister  genannt  Naxos,  St.  B.  s.  v. 
und  Pisa,  Schol.  Find.  Olymp.  1,  28.  Schol. 
Theolcr.  4,  29.  Seine  Gemahlin  war  Pronoe, 
die  Tochter  des  Phorbos,  mit  der  er  den  Pleu- 
ron  und  Kalydon  zeugte,  Apd.  1,  7,  7. 

Die  Sage  von  Aitolos  ist  mythologische 
Umdichtung  der  historischen  Thatsache,  dafs 
die  Aitoler,  im  Uranfang  der  griechischen  Ge-  4 
schichte  durch  irgend  welche  Macht  aus  der 
Peloponnes  vertrieben,  sich  in  dem  Lande  der 
Kureten,  dem  nachmals  sogenannten  Ätolien, 
niedergelassen  haben:  der  Stamm  flüchtet 
unter  dem  Namen  des  Stammesheros, 
so  dafs  also  die  alte  Deutung  des  Namens 
AlzoAog  als  „Bettler“,  „Fremdling“  ( Etym.magn ■ 
u.  tcolog'  cm b xcov  sic  a>  Qryicxzcov  ovoycczu  tlg 
log,  olov  . . cclzcn  cdzcolog  wenigstens  mit  Be- 
zug hierauf  eine  sinnige  ist.  Zwei  ätolische  5 
Städte  trugen  übrigens  die  Namen  seiner 
Söhne  Pleuron  und  Kalydon , Apd.  1 , 7 , 7. 
— 2)  Sohn  des  0 x y 1 0 s (aus  Elis)  und 
derPieria,  Bruder  des  Laios,  Paus.  5,  4,  4: 
Nach  seinem  frühzeitigen  Tode  errichteten  ihm 
seine  Eltern  nach  einem  Orakelspruche,  dafs 
seine  Leiche  weder  aufserhalb  noch  innerhalb 
der  Stadt  ruhen  dürfe,  unmittelbar  unter  dem 
Thore,  welches  nach  Olympia  und  dem  Tempel 
des  Zeus  führte , ein  Grabdenkmal.  Noch  zu  ( 
Pausanias’  Zeit  brachte  alljährlich  dort  der 
Gymnasiarch  ein  Totenopfer.  — 3)  Sohn  des 
Amphiktyon,  Enkel  des  Deukalion.  Scymn. 
590.  Steph.  B.  u.  tDvayog.  — 4)  Sohn  des  Oi- 
neus.  Hccat.  b.  Athen.  2,  35  B.  — 5)  Sohn 
des  Ares,  der  zuerst  den  Schwungriemen  am 
Wurfspeer  angebracht  haben  soll.  Plin.  7,  56, 
201.  [Bernhard.] 

1 


Aius  Locutius  (Loquens  Cic.),  der  Sprecher, 
eine  Gottheit  der  Römer  (derselbe  Begriff  durch 
zwei  synonyme  Worte  bezeichnet  wie  bei  Vica 
Pota,  Anna  Perennd).  Vor  der  Eroberung 
Roms  durch  die  Gallier  liefs  sich  eine  Stimme 
vernehmen,  die  vor  der  Ankunft  der  Gallier 
warnte.  Man  achtete  derselben  nicht;  nach- 
dem sie  sich  aber  bewährt  hatte,  liefs  Camil- 
lus  nach  Vertreibung  der  Gallier,  um  die  Nicht- 
achtung jener  Stimme  zu  sühnen,  dem  ver- 
meintlichen Rufer  ein  Heiligtum  mit  einem 
Altar  auf  derselben  Strafse  gegenüber  der  Stelle  1 
errichten,  wo  die  Stimme  gehört  worden  war.  ! 
Liv.  5,  32,  6;  50,5.  Gell.  n.  Att.  16,  17.  Cic.de 
div.  1,  45;  2,  32.  Plut.  Cam.  c.  14;  30;  de  fort. 
Born.  318,  46.  S.  Indigitamenta.  [Bernhard.] 

Aix  (Alg) , 1)  s.  Amaltheia.  — 2)  Sohn  des 
Python:  Plut.  Q.  Gr.  12.  Vgl.  Mommsen,  Bel-  i 
phika  210  f.  [Roscher.] 

Akademos  (AyciSpyog),  attischer  Lokalheros,  h 
der  den  Tyndariden  bei  ihrem  Einfall  in  At- 
tika verriet,  dafs  ihre  von  Theseus  geraubte 
Schwester  Helena  in  Aphidnä  gefangen  gehal- 
ten werde.  Deshalb  wurden  ihm  von  jenen 
hohe  Ehren  zuteil,  und  die  Lakedämonier  ver- 
schonten seitdem  jedesmal  bei  Einfällen  in 
Attika  die  nach  Akademos  benannte  Stätte  i 
der  Akademie.  Von  einigen  wurde  er  auch  He-  || 
kademos  oder  Ecliedemos  genannt.  Plat.  Tlies.  . 

0 32.  Biog.  Laert.  3,  9.  Steph.  Byz.  s.  'Ex«<Lj- 
f lsik.  Eupol.  in  Meinek.  frg.  com.  gr.  2,  p.  437. 
Schol.  Arist.  nub.  992.  Schol.  Bern.  24,  736,  6. 

[Bernhard.] 

Akakallis  (Ay.aycdlig),  eine  Nymphe.  Nach 
einer  Sage  der  Elyrier  auf  Kreta  naht  sich 
ihr  in  der  Stadt  Tarrha,  im  Hause  des  Kar-  1 
manor,  Apollon  und  zeugt  mit  ihr  den  Phyla- 
kides  und  Philandros.  Eine  Ziege  in  Erzgufs,  1 
welche  jene  Kinder  säugte,  hatten  die  Bewoh- 
ner von  Elyros  nach  Delphi  als  Weihgeschenk 
geschickt.  Paus.  10,  16,  3.  — 2)  Tochter  des  | 
Minos  (s.  d.),  von  Hermes  Mutter  des  Kydon  [1 
(Paus.  8,  53,  5.  Schul,  zu  Apoll.  Bh.  4,  1492), 
von  Apollon  Mutter  des  Naxos  (Schol.  zu  Apoll.  ! 
Bh.  a.  a.  O.),  des  schönen  Miletos  (Anton.  Lib.  1 
30)  und  des  Amphithemis  und  Garamas.  Als  ) 
sie  mit  letzterem  schwanger  ging , sandte  sie 
Minos  nach  Libyen  (Apoll.  Bhod.  4,  1490  ff.);  i 
nach  der  Geburt  des  Miletos  entfloh  sie  aus  |j 
Furcht  vor  ihrem  Vater  und  setzte  den  Sohn 
im  Walde  aus:  auf  Apollos  Geheifs  aber  !j 
nährten  und  pflegten  ihn  Wölfe,  bis  ihn 
Hirten  fanden  und  bei  sich  erzogen  (Aut.  Lib. 
a.  a.  0 ).  Bei  Apollod.  3,  1,2  ist  ihr  Name 
Akalle.  Als  Mutter  des  Kydon  bezeichnete 
sie  die  kretische  Sage;  nach  tegeatischer  war 
Kydon  ein  Sohn  des  Tegeates  und  mit  seinen 
beiden  Brüdern  Archedios  (?)  und  Gortys  in 
Kreta  eingewandert.  Paus.  a.  a.  0.  Nach 
Steph.  Byz.  s.  v.  Kvdcovla  war  Kydon  ein 
Sohn  des  Apollon,  und  Akakallis  auch  Mut- 
ter des  Oaxos,  nach  welchem  die  gleichna- 
mige Stadt  am  Ida  benannt  war.  In  Betreff 
der  Deutung  des  Mythos  s.  Boscher,  Apollon 
u.  Mars  S.  78  ff.,  der  ihn  mit  der  Legende  von 
Romulus  und  Remus  vergleicht.  — 3)  Name 
für  die  Narcisse.  Eumachos  b.  Athen.  15,  68  le.  j 

[Bernhard.] 


205 


Akakos 


Akanthis 


206 


Akakos  (’Axuxog),  ein  Sohn  des  Lykaon,  Epo- 
nymos  und  Gründer  von  Akakesion  in  Arka- 
dien (Faus.  8,  3,  2)  und  Erzieher  des  Hermes 
(Paus.  8,  36,  10),  der  nach  Paus.  a.  a.  0.  ihm 
seinen  Beinamen  Axay.r'iaiog  verdanken  sollte, 
während  derselbe  in  Wirklichkeit  wohl  den 
Gott  als  Abwehrer  des  Unglückes  und  Spender 
guter  Gaben  (äcozcog  täcov)  bezeichnen  sollte. 
(Vgl.  auch  Steph.  Byz.  s.  v.  Axccxgaiov). 

[Roscher.] 

Akalanthis  (Axcdccvih’g) , 1)  eine  der  neun 
Töchter  des  Pieros,  welche , weil  sie  sich  mit 
den  Musen  in  einen  Gesangswettstreit  einzu- 
lassen gewagt,  von  diesen  in  Vögel  verwandelt 
wurden.  So  soll  Akalanthis  in  einen  Stieglitz 
(ccxcthxvQ'ig,  dxav&t'g)  verwandelt  worden  sein. 
(Nikandros  bei  Anton.  Lib.  9 ; vgl.  auch  Ov. 
Met.  5,  295  ff.  u.  670  ff.).  Wahrscheinlich  liegt 
der  Geschichte  von  den  Töchtern  des  Pieros 
ein  altes  Tiermärchen  zu  Grunde,  welches  den 
Unterschied  des  kunstlosen  Vögelgesanges  und 
der  musischen  Kunst  hervorheben  sollte.  — 
2)  Beiname  der  Artemis  (Ar.  av.  873  u.  Schol.). 

[Roscher.] 

Akalle  (Axdllig)  — Akakallis  (s.  d.).  Apollod. 
3,  1,  2.  [Roscher.] 

Akamantis  (Axcigavzig),  Beiname  der  Aphro- 
dite bei  Parthenios:  Plin.  nat.  hist.  3,  35. 

Steph.  Byz.  s.  v.  KvziQog  und  Axagdvziov,  (wo 
Meinehe,  analecta  Alexandrina  p.  362  annimmt, 
dafs  der  Name  falsch  auf  die  Stadt  bezogen 
sei).  [Crusius], 

Akamas  (Av.uyag  = „der  Unermüdliche“), 
1)  Sohn  des  Antenor  und  der  Theano,  Füh- 
rer der  Dardaner  im  troischen  Kriege , im 
Verein  mit  Aineias  und  seinem  Bruder  Archi- 
lochos  rühmlich  beteiligt  am  Kampfe  gegen 
die  Schiffsmauer.  Als  Aias  den  Archiloclios 
getötet  hatte,  brachte  Akamas  dafür  den  Pro- 
machos um,  worauf  er  selbst  durch  Meriones’  . 
Hand  fiel.  II.  2,822;  12,100;  14,476;  16,343. 
Schol.  zu  II.  13,  643.  lies.  s.  v.  Axdgixvza.  Bei 
Qu.  Sin.  10,  168  fällt  er  durch  Philoktet.  Vgl. 
auch  Antenor  u.  Antenoriden.  — 2)  Sohn  des 
Eussoros,  Fürst  der  Thraker,  11.  2, 844.  Schol. 
Ap.  Bli.  1,  948.  Biet.  2,  35,  berühmt  durch  Tap- 
ferkeit und  Schnelligkeit  (II.  5,  492),  fällt  durch 
des  Telamonischen  Aias  Hand  (II.  6,  7.  Schol.  zu 
13,  943),  nach  Biet.  3,  4 dagegen  durch  Idome- 
neus.  — 3)  Ein  Kyklope , Diener  des  Hephai- 
stos , Val.  Fl.  Argon.  1,  583.  — 4)  Sohn  des 
Theseus  und  der  Phaidra , Heros  Eponymos 
der  Akamantischen  Phyle;  Bruder  des  Demo- 
phon , mit  dem  er  öfter  verwechselt  wird  (s. 
d.);  beide  sind  Helden  des  troischen  Krieges, 
welche  der  attische  Patriotismus  erst  spä- 
ter in  den  troischen  Sagenkreis  einschwärzte; 
bei  Homer  selbst  kommen  sie  nicht  vor,  vgl. 
Preller  gr.  M.  2,  465;  zuerst  hat  sie  Arktinos 
vonMilet  in  seiner  TUov  ztigoig  mit  der  troischen  i 
Sage  verwoben  (vgl.  Welcher , ep.  Cyld.  2, 
222;  528),  ihm  sind  dann  die  Späteren,  inson- 
derheit auch  die  Tragiker,  gefolgt,  vgl.  Sopli. 
Phil.  562.  Für.  Hec.  125.  Heracl.  35.  Tr.  31. 
Qu.  Sm.  4,  332.  Paus.  1,  5,  2;  3;  10,  10,  1; 
10,  26,  3.  Strabo  14,  683.  Biod.  Sic.  4,  62. 
Hesych.  Acscliin.  2,  31  u.  Schol.  Bern.  60,  29. 
Auf  der  Akropolis  zu  Athen  sahen  aus  dem 


dorthin  geweihten  ehernen  Rosse  neben  anderen 
Landesheroen  auch  die  beiden  Theseussöhne 
heraus,  Paus.  1,  23,  10.  Zu  Delphi  war  er  in 
der  Lesche  auf  Polygnots  Gemälde  von  Ilion 
mit  abgebildet,  Paus.  10,  26,  2,  auch  hatte  er 
dort  eine  Statue,  10,  10, 1.  Andere  Kunstwerke, 
in  denen  er  mit  Aithra  (s.  d.)  und  Demophon 
gruppiert  ist,  s.  b.  Overbeck,  Bildtv.  z.  theb.  u. 
tr.  II.  632 ff.  u.  Gerhard,  etr.  u.  camp.  Vasen 
i Taf.  12,  beim  Streit  des  Odysseus  und  Diome- 
des  um  das  Palladion  Mon.  d.  inst.  6,  22,  und 
bei  Trojas  Zerstörung  Bull.  d.  inst.  1843,  71 
(s.  Paulys  JEncyJcl.2  1,  1,  28,  Anm.).  Nach 
Plut.  Thes.  35  zieht  er  und  sein  Bruder 
mit  Elephenor,  Chalködons  Sohn,  zu  wel- 
chem Theseus  beide  bei  seiner  Flucht  von 
Athen  gesandt,  gegen  Ilion,  nach  dem  Tode 
des  Menestheus  kehren  beide  mit  der  Aithra 
nach  Athen  zurück  und  gelangen  wieder  zur 
Herrschaft.  Nach  einer  anderen  Überlieferung 
wird  er  schon  vor  dem  Auszuge  der  Griechen 
mit  Diomedes  nach  Troja  geschickt,  um  die 
Helena  zurückzufordern , Parth.  nar.  am.  16. 
Tzetz.  Anteliom.  156.  Da  entbrannte  des  Pria- 
mos  Tochter  Laodike  für  den  jugendlich- 
schönen Mann  in  so  heftiger  Liebe,  dafs  sie 
die  jungfräuliche  Scham  überwand  und  sich 
der  Philobia,  der  Gemahlin  des  Perseus,  des 
Herrschers  von  Dardanos,  anvertraute.  Diese 
wufste  durch  Vermittelung  ihres  Mannes  eine 
Zusammenkunft  zwischen  Akamas  und  Lao- 
dike in  Dardanos  zu  bewerkstelligen.  Akamas 
nahte  sich  ihr  uucl  zeugte  mit  ihr  den  Muni- 
tos  (bei  Plut.  Thes.  34  ist  Munitos  Sohn  des 
Demophon),  der  von  Aithra,  der  Grofsmutter 
des  Akamas,  nach  Trojas  Fall  mit  zurückge- 
nommen wurde,  aber  zu  Olynth  auf  der  Jagd 
durch  Schlangenbifs  umkam,  Biet.  1,  5.  Tzetz. 
Lykophr.  p.  495.  — Akamas  war  mit  im  Bauche 
des  hölzernen  Pferdes  bei  der  Eroberung  Trojas 
(Verg.Aen. 2,262.  Hyg.  98,1.  Paus.  1,23, 10.  Qu. 
Sm.  12,  326.  Tryphioil.  177,  662.  Tzetz.  Posthorn. 
647);  nach  der  Eroberung  fiel  ihm  Klymeneals 
Beute  zu,  Biet.  5,  13.  Auf  der  Rückkehr  ver- 
weilt er  eine  Zeit  lang  in  Thrakien,  gefesselt 
von  der  Liebe  zu  Phyllis;  dann  aber  verläfst 
er  sie  und  findet  auf  Kypros,  wohin  er  eine 
Kolonie  geführt  hatte,  beim  Sturze  vom  Pferde 
in  sein  eigenes  Schwert  fallend,  den  Tod.  Vgl. 
auch  Schol.  zu  Lykophr.  496.  Die  Liebesge- 
schichte mit  Phyllis  wird  auch  von  Demophon 
erzählt,  wenn  auch  mit  anderem  Ausgange, 
Hyg.  60,  24;  136,  8.  Ov.  Her.  2.  ars  am.  3, 
37.  Coluth.  rapt.  Ilel.  208.  Das  Genauere  s. 
unter  Phyllis  und  Demophon.  — Die  Stadt 
Akamantion  in  Grofsphrygien  war  nach  ihm 
benannt,  Steph.  B.  s.  v. , aufserdem  die  oben- 
genannte akamantische  Phyle  und  der  Berg  Aka- 
mas auf  Kypros.  Vgl.  Tzetz.  zu  Lykophr.  a.  a.  O. 
Strabo  14,  681 — 83.  Luc.  nav.  7.  Hesych.  Ptol. 
1,  15,  4;  5,  14,  1.  Anon.  st.  mar.  magn.  204, 
ö.  Sext.  Emp.  mathem.  1,  257  [vgl.  auch  0.  I.  Gr. 
7746.  8142.  8154R.].  [Bernhard.] 

Akanthis  oder  Akanthyllis  (Axav&ig,  Axctr- 
&vVu'g).  Autonoos  und  Hippodameia  hatten 
vier  Söhne:  Anthos,  Erodios,  Schoineus,  Akan- 
thos  und  eine  Tochter  Akanthis  (Akanthyllis). 
Die  letzteren  waren  also  benannt  nach  der  TJn- 


207  Akantko 

fruchtbarkeit  des  Landes,  das  dem  Autonoos  nur 
Binsen  (o%oCvov g)  und  Dornen  (dxav&ag)  trug. 
Dagegen  war  er  reich  begütert  an  Herden 
und  hütete  diese  selbst  mit  seinem  Weibe  und 
seinen  Söhnen.  Eines  Tages  überfielen  seine 
Stuten  den  Anthos,  der  sie  wild  gemacht  hatte, 
indem  er  sie  von  der  Weide  ausschlofs,  und 
zerfleischten  ihn.  Da  trauerte  die  gesamte 
Familie  um  den  Tod  des  Anthos,  bis  Zeus 
und  Apollo  sich  ihrer  erbarmten  und  alle 
in  Vögel  verwandelten:  den  Autonoos  in  eine 
Rohrdommel,  die  Hippodameia  in  eine  Hau- 
benlerche, den  Anthos,  Erodios,  Schoineus, 
Akanthos  und  die  Akanthis  in  die  gleichna- 
migen Vögel.  Anton.  Lib.  7.  Erodios  war  be- 
nannt nach  dem  geringen  Umfang  seines  Wei- 
deplatzes: „enel  avxov  fiQwyaev  o %ö)Qogu.  Ant. 
Lib.  a.  a.  0.  [Bernhard.] 

Akantko  (’Axccv& w),  in  dem  auf  hellenistische 
Quellen  zurückgehenden  (vgl.  Didymi  fr.  ed. 
Schmidt  p.  363)  euhemeristischen  Göttersystem 
bei  Cicero  de  nat.  deorum  3,  21  p.  595  Cr., 
235  Schorn.  — Arnob.  4, 14  p.  145  Orelli  (anders 
Arnpelius  9,  3.  Io.  Lyd.  u.  a.)  Mutter  des  vier- 
ten Helios  auf  Rhodos.  Vgl.  KdvSodog  Sohn 
des  Helios  und  der  Rhodos  (zu  xtxvScdog,  uv- 
&Qo:ig  lies. ? Üurtius  Etyrn.  p.  511).  Der  Name 
ist  wahrscheinlich  einer  (von  einem  hellenisti- 
schen Dichter  behandelten)  Verwandlungssage 
entnommen.  Vgl.  ctnccv&os  und  die  Klytia- 
Sage.  [Crusius.] 

Akanthos  s.  Akanthis. 

Akariiän  (Av.ctQvdv) , Sohn  des  Alkmaion 
und  der  Kallirrhoe,  Stammvater  der  Akar- 
nanen,  die  früher  Kureten  hiefsen.  Apolloä.  3, 
7,  5 ff.  Paus.  8,  24,  9.  Alkmaion  hatte,  nach- 
dem er  den  Mord  an  seiner  Mutter  Eriphyle 
begangen , nach  mancher  Irrfahrt  im  Ge- 
biete des  Acheloos  eine  Ruhestätte  gefunden, 
die  Tochter  des  Acheloos  Kallirrhoe  geheiratet 
und  mit  ihr  zwei  Söhne  Akarnan  und  Ampho- 
teros gezeugt.  Weil  Kallirrhoe  nach  dem  Pe- 
plos und  dem  Halsband  der  Harmonia  (s.  d.) 
Verlangen  trug,  kehrte  Alkmaion  zu  seiner 
früheren,  von  ihm  verlassenen  Gemahlin  Ar- 
sinoe,  der  Tochter  des  Königs  Phegeus  von 
Psophis,  zurück,  der  er  beides  als  Geschenk 
zurückgelassen,  als  er  fluchbeladen  aus  Psophis 
entwich,  und  entwendete  durch  List  dem  Phe- 
geus jene  Geschenke.  Als  dieser  den  Trug 
erfuhr,  liefs  er  ihn  durch  seine  Söhne  er- 
morden. Da  erbat  sich  Kallirrhoe.  von  Zeus, 
clafs  ihre  Söhne  alsbald  zu  männlicher  Voll- 
kraft gediehen,  und  als  sie  ihres  Wunsches 
Erfüllung  erlangt,  sandte  sie  dieselben  aus 
zur  Rache  des  Vaters.  Sie  erschlugen  zunächst 
die  Söhne  des  Phegeus,  mit  denen  sie  zufällig 
im  Hause  des  Agapenor  (s.  d.)  inTegea  zusam- 
mentrafen, wandten  sich  dann  gegen  die  Resi- 
denz des  Phegeus  selbst  und  mordeten  dort  die- 
sen samt  seiner  Gemahlin.  Dann  brachten  sie, 
mit  Hilfe  der  Tegeaten  und  Argiver  glücklich 
ihren  Verfolgern  entronnen,  dem  Gebote  des 
Acheloos  gemäfs  Halsband  und  Peplos  als 
Weihgeschenke  nach  Delphi.  Endlich  zogen 
sie  nach  Epirus,  wo  die  Landschaft  Akarna- 
nien  nach  dem  älteren  Bruder  den  Namen  er- 
hielt. Apollod.  a.  a.  0.  Vgl.  Ov.  Met.  9,  412— 


Akastos  208 

417.  Thubjd.  2,  102.  Ephor,  b.  Strabo  10, 
462.  Scymn.  462.  Nach  dem  Schot,  zu  Find: 
Ol.  1,  127  war  Akarnan  mit  unter  der  Zahl 
der  von  Oinomaos  getöteten  Freier  der  Ilippo- 
dameia.  [Bernhard.] 

Akaste  (’Axdaxrf),  eine  der  Okeaniden  (s.  d.) 
nach  Hes.  Th.  356,  welche  sich  nach  Hymn.  in  I 
Cer.  421  auch  unter  den  Gespielinnen  der 
Persephone  befand,  als  Hades  diese  raubte. 

[Roscher], 

Akastos  (’Axuaxog),  1)  Sohn  des  Pelias,  des 
Königs  von  lolkos , und  der  Anaxibia , der 
Tochter  des  Bias,  oder  der  Phylomache,  der 
Tochter  des  Amphion,  Bruder  der  Peisidike, 
Pelopeia,  Hippothoe  und  Alkestis  ( Apollod . , 

I,  9,  10.  Ap.  Eh.  1,  326.  Eurip.  Alk.  732), 
Vater  der  Sterope  {Apollod.  3,  13.  3),  Stlienele 
(Apollod.  3,  13, 8)  und  Laodameia  ( Hyg.f. . 103  f.).  ; 
Seine  Teilnahme  am  Argonautenzug  wird  be-  I 
zeugt  von  Ap.  Eh.  1,  224,  321.  Apollod.  1,  9, 
16.  Hyg.  f.  14.  Val.  Fl.  1,  164ff.  484ff.  Grph.  \ 
Arg.  v.  224  (Konjektur).  Dafs  sie  gegen  Wis-  j 
sen  und  Willen  des  Vaters  erfolgt  sei,  erzählte 
auch  Demagetos  bei  Schot.  Ap.  Eh.  1 , 224. 
Seine  Beteiligung  an  den  Kämpfen  der  Argo-  ; 
nauten  heben  hervor  Ap.  Eh.  1,  1041.  1082.  ' 
Val.  Fl.  6,  720.  Doch  bleibt  er  eine  sekun-  I 
däre  Figur  in  der  Argonautensage.  Seine  Teil- 
nahme an  der  kalydonischeii  Jagd  ist  bezeugt 
von  Ov.  Met.  8,  306,  inschriftlich  gesichert  in 
der  Darstellung  der  kalydonischen  Jagd  auf 
der  Vase  des  Klitias  und  Ergotimos  Mon.  d. 
Inst.  4,  54.  Arcli.  Zeitg.  8,  T.  23,  24.  Akastos  ) 
ist  des  Vaters  Nachfolger  in  der  Herrschaft 
über  Iolkos  und  veranstaltet  diesem  zu  Ehren 
die  berühmten  Leichenspiele,  Apollod.  1,  9,  27. 
Hyg.  f.  273,  die  dargestellt  waren  auf  der 
Lade  des  Kypselos;  vgl.  Paus.  5, 17,  9 xovxcp  Sa  \ 
(seil.  ’lcpLxXig)  viv.covxi  ogayn  xov  oxecpctvov  b 
’AxKoxog,  am  Throne  des  amykläischen  Apollo 
von  dem  Magnesier  Bathykles  (Paus.  3,  18,  16 
xal  ov  ’Axacxog  tQ'.gxev  ayüvcsc  enl  naxgC)  und  j 
im  Anakeion  zu  Athen  auf  einem  Gemälde  des 
Mikon  (Paus.  1,  18,  1:  xcd  of  xrjg  ygacprjg  y 
anovSr ) ficclioxcc  eg  ’Axußxov  xcd  xov g i'nnovg 
s%£L  xov  ’Axdaxov).  Am  ausführlichsten  behan- 
delt die  Sage  des  Akastos  Verhältnis  zu  dem 
Aiakiden  Peleus.  Die  Fabel,  dafs  Peleus,  bei  I 
Akastos  von  dessen  Gemahlin,  deren  leiden- 
schaftliche Liebe  von  dem  keuschen  Jünglinge 
zurückgewiesen  worden  ist,  verleumdet,  bei  der 
Jagd  auf  dem  Pelion  durch  göttliche  Hilfe  den 
Nachstellungen  seines  Gastfreundes  entgeht, 
ist  im  einzelnen  verschieden  ausgeführt  wor-  i 
den.  Hesiod  hat  die  Sage  nur  kurz  berührt: 
Akastos  habe  des  Peleus  Schwert,  ein  Geschenk 
des  Hephaistos,  verborgen,  damit  jener,  es  su- 
chend , von  den  Kentauren  im  Peliongebirge 
getötet  werde  (fr.  72.  Goettl.  bei  Porphyr,  zu 

II.  6,  164.  fr.  110  bei  Schot.  Find.  Nem.  4,  95). 
Pindar  nennt  Nem.  4,  54 ff.  des  Akastos  Ge- 
mahlin Hippolyte  (vgl.  Hör.  Od.  3,  7,  17 f.), 
durch  deren  Intriguen  der  König  veranlafst 
worden  sei  dem  Peleus  aus  dem  Hinterhalt 
Tod  zu  ersinnen;  nur  dem  Cheiron  verdanke 
dieser  seine  Rettung.  Nem.  5,  26ff.  führt  er 
Kretheis  Hippolyte  (Iasons  Schwester,  Iby- 
lcos  bei  Schot.  Ap.  Eh.  1 , 287  , die  Enkelin 


io 

20 

30 

40 

50 

60 


209 


Akeles 


I 

I 


; 


i 


des  Kretheus?)  als  die  Verleumderin  des  Pe- 
leus  bei  Akastos  ein.  Der  Schol.  zu  Nein. 
4,  88  nennt  sie  Kretheis,  die  Tochter  des  Hip- 
polytos,  und  erzählt,  dafs  Peleus,  von  Akastos 
in  der  Einsamkeit  des  Pelion  den  wilden  Tie- 
ren oder  Kentauren  zur  Beute  zurückgelassen, 
von  Hephaistos  das  rettende  Schwert  empfan- 
gen habe.  Am  ausführlichsten  ist  Apollod.  3, 
13,  3.  Nach  ihm  kommt  Peleus,  nachdem  er 
seinen  Gastfreund  Eurytion  wider  Willen  ge- 
tötet hat,  nach  Iolkos  und  wird  durch  Akastos 
von  diesem  Morde  gereinigt  (irrtümlich  bei 
Ov.  Met.  11,  409,  Fast.  2,  40  von  dem  Morde 
seines  Halbbruders  Phokos).  Von  dessen  Ge- 
mahlin Astydameia  verleumdet,  wird  er  bei 
der  Jagd  auf  dem  Pelion  zurückgelassen,  sein 
Messer  aber  verborgen  ; beim  Suchen  nach 
demselben  von  den  Kentauren  gefangen,  wird 
er  vom  Cheiron  gerettet.  Der  Schol.  zu  Ap. 
Eh.  1,  224  nennt  des  Akastos  Gemahlin  Kre- 
theis oder  Hippolyte;  nach  ihm  wird  Peleus 
von  Hermes  oder  Cheiron  mit  dem  von  He- 
phaistos gefertigten  Messer  beschenkt , mit 
welchem  er  die  wilden  Tiere  des  Pelion  tötet 
(vgl.  Ar.  Nub.  1063).  Vgl.  noch  Anton.  Liber. 
Metam.  38.  Preller , G.  ML  2,  397.  In  enger 
Verbindung  mit  der  besprochenen  Sage  steht 
die  von  der  Eroberung  der  Stadt  Iolkos  durch 
Peleus.  Nach  Find.  Nem.  3,  33  hat  Peleus 
sie  allein  ausgeführt,  vgl.  Nem.  4,  55 f.  (neegt- 
dcontv  Atfiovsaoiv ) mit  Schol.  z.  d.  St.  Nach 
Pherelcydes  bei  Schol.  Find.  3,  55  wurde  ihm 
von  den  Dioskuren  und  Iason  Hilfe  geleistet, 
vgl.  Apoll.  3,  13,  7.  Nicol.  Damasc.  fr.  56 
(Hist.  Gr.  fr.  3,  389)  und  Suidas  s.  v.  ’Aza- 
lav ttj.  Nach  Apollod.  a.  a.  0.  wird  dabei  von 
Peleus  des  Akastos  Gemahlin  getötet,  nach  Schol. 
Ap.  Bli.  1,  224  mit  dieser  Akastos  selbst  (w's 
cpaoi  ziveg).  Dagegen  ist  die  Andeutung  in 
der  Ilias  24,  488,  dafs  der  alte  Peleus  in 
des  Sohnes  Abwesenheit  von  den  Nachbarn  be- 
drängt werde,  dahin  ausgeführt  worden  , dafs 
Akastos  ihn  aus  seinem  Lande  vertrieben  habe 
(Für.  Troad.  1 1 2 7 f . ) oder  nach  Schol.  II.  £1  488 
Akastos  und  seine  Söhne  "Agxccvdgog  ■huI’Aqxl  . . . 
Der  Überlieferung,  dafs  Iason  den  Peleus 
unterstützt  habe , entspricht  die  Wendung, 
Akastos  habe  Iason  und  Medeia  aus  Iolkos 
vertrieben  (Apoll.  1,  9,  27.  Tzetz.  Lylcoplir.  175); 
dagegen  hat  nach  Diod.  4,  53  (vgl.  tlyg.  f.  24) 
Iason  dem  Akastos  die  Herrschaft  in  Iolkos 
freiwillig  abgetreten  und  ist  diesem  nachher 
Thessalos,  des  Iason  Sohn,  gefolgt  (Hiocl.  4,  55). 
Als  Herrscher  wird  Akastos  nach  Pherai  ver- 
setzt von  Mnasigeiton  bei  Flut.  Kscp.  ’El- 
hrjv.  19  p.  388.  Vgl.  O.  Müller , Orcliomc- 
nos1  255. 

Von  den  Neueren  spricht  nur  II . D.  Mül- 
ler, Gesell,  d.  gr.  St.  1,  224  von  Akastos,  der 
nach  ihm  den  Stamm  der  Aioler  gegenüber 
dem  achäischen  Peleus  und  dem  thessalischen 
Thessalos  repräsentiert;  sein  Name  sei  ein 
Schimpfwort:  „der  Ungeschminkte“  (cc-xccd). — 
[2)  König  von  Dulichion:  Od.  14,  336.  [Ro- 
scher.] [Seeliger.] 

Akeles  (’Aueforis),  Sohn  des  Herakles  und  der 
Malis,  einer  Dienerin  der  Omphale,  Epony- 
mos  der  Stadt  Akele  in  Lykien:  Ilellanikos  b. 


Akko  210 

Stcph.  Byz.  s.  v.  ’AutXrj , s.  auch  die  Artikel 
Acheles,  Agelaos  und  Acheletides. 

[Roscher.] 

Akesamenos  (,Aw.sG(G)agsv6g),  König  von  Pie- 
rien,  Gründer  und  Eponymos  von  Akesamenai, 
einer  Stadt  in  Makedonien  (Steph.  Byz.  s.  v. 
’A^saagevaf),  Vater  der  Periboia  (II.  21,  142). 

[Roscher.] 

Akesidas  (’AHSGidag),  ein  Heros,  der  zu  Olym- 
pia einen  Altar  hatte , welcher  von  einigen 
Altar  des  Idas,  des  idäischen  Daktylen  (Kure- 
ten),  genannt  wurde:  Paus.  5,  14,  7.  S.  Dak- 
tyloi.  [Roscher.] 

Akesis  ("Anscig),  ein  epidaurischer  Heilgott 
aus  dem  Kreise  des  Asklepios,  von  Pausanias 
(2,  11,  7)  dem  sikyonischen  Euamerion  und 
dem  pergamenischen  Telesphoros  gleichge- 
stellt (vgl.  C.  I.  G.  add.  511).  [Roscher.] 

Alteso  (’Aksgcq),  weiblicher  Dämon  des  Hei- 
lens,  Tochter  des  Asklepios  und  der  Epione 
(Suid.  s.  v.  ’Hniövp).  Vgl.  auch  Akesis. 

[Roscher.] 

Akeste  (’AxsGtri),  Amme  der  Töchter  des  ar- 
givischen  Adrastos,  Stat.  Theb.  1,  529.  [Stoll.] 

Akestes  (’AnsGzr]g(?),  b.  Verg.  Aen.  1,  550  ö. 
Acestes),  Eponymos  und  Gründer  von  Segesta, 
welches  auch  Azysaza  und  ’Eysc zu  liiefs.  S. 
Aigestes  und  Ägestas  und  vgl.  Serv.  z.  A. 
a.  a.  O.  [Roscher.] 

Akestor  (’Aksgzcoq)  , der  Heilbringende;  1) 
Sohn  des  Epliippos  aus  Tanagra,  von  Achilleus 
getötet.  Flut.  qu.  gr.  37.  — 2)  Sohn  des  Epidy- 
kos (-lykos?),  Nachkomme  des  Aiakos,  Vater 
des  Agenor,  ein  Athener,  Stammvater  des  Mil- 
tiades  und  Thukydides.  Pherecyd.  in  Marcell.  v. 
Time.  3 (ed.  Krüger).  — 3)  Beiname  des  Apol- 
lon (s.  d.).  Vergl.  Ar.  vesp.  1221.  Für.  Andr. 
890.  [Bernhard,] 

Akidnsa  (; AnlSovaa ),  Gemahlin  des  Skaman- 
dros  (Sohnes  des  Deimachos  und  der  Glaukia), 
von  welcher  eine  Quelle  in  Böotien  ihren  Na- 
men erhalten  haben  soll.  Ihre  3 Töchter  wur- 
den göttlich  verehrt  und  Jungfrauen  (nag&s- 
voi)  genannt.  Wahrscheinlich  sind  darunter 
die  3 Chariten  zu  verstehen  ( Flut . Q Gr.  41. 
Bursian  Geogr.  v.  Gr.  1,  223).  [Roscher.] 

Akis  (Axig) , Gott  des  gleichnamigen  Flus- 
ses , der  auf  dem  Ätna  entspringt , von  dem 
Ovid  (Met.  13,  750ff.)  erzählt,  er  sei  ein  Sohn 
des  Faunus  und  der  Nymphe  Symaithis  (vgl. 
den  sicilischen  Flufs  Zvycu&og)  und  der  von 
der  Galateia  begünstigte  Nebenbuhler  des  Ky- 
klopen  Polypliemos  gewesen.  Dieser  soll  ihn 
mit  einem  Felsstück  zerschmettert  haben,  wor- 
auf er  in  den  Flufs  Akis,  der  unter  einem  Fel- 
sen entsprang,  verwandelt  wurde  (Ov.  a.  a.  0.- 
882  ff.  Serv.  z.  Verg.  Ecl.  9,  39;  vgl.  Philox. 
fr.  6 ff.  B.).  Ein  vielleicht  hierauf  bezügliches 
Bildwerk  behandelt  O.Jalin  in  Gerhards  Denkvi. 
u.  Forsch.  1852.  Nr.  37.  S.  416.  [Roscher]. 

Akko  (Av.v.i ri),  ebenso  wie  Alphito  (’Alqnzco) 
und  Mormo  (Moggcö)  einer  der  Popanze,  womit 
die  Frauen  unartige  Kinder  schreckten  (Ghry- 
sipp.  b.  Flut,  de  stoic.  rep.  15:  d'icov  zc<  nea- 
ddgicc  zov  kcthogxoIsiv  cA  yvvainsg  uvslgyovGiv). 
Wahrscheinlich  sind  die  Ausdrücke  ccnnlfciv, 
-sa&ai  (Hesych.  Etym.  M.)  und  uu-HiGfiog  da- 
von abzuleiten,  zu  deren  Erklärung  später  die 


211 


Aklemon 


Akontios 


Geschichte  von  einer  albernen  Frau  Akko  erfun- 
den wurde,  welche  wir  b.  Flut.  prov.  Al.  65. 
Et.  M.  49,  3.  Suid.  s.  v.  äunigofievo g etc.  lesen. 
Vgl.  auch  M.  Schmidt  zu  Hesych.  s.  v.  crsnog. 
Möglicherweise  hängt  der  Name  Akko  mit 
döxog  (lakonisch  ux-hoq  Hesych.)  zusammen; 
so  dafs  unter  Akko  ursprünglich  ein  Gespenst 
mit  einem  Sacke  oder  Schlauche  gemeint 
war,  dazu  dienend  die  unartigen  Kinder  hinein- 
zustecken. So  erklärt  sich  auch  zugleich  der  i 
Name  Alphito,  da  man  Gerstenmehl  (alcpna) 
nach  Od.  2,  354 f.  380  in  Ledersäcken  oder 
-Schläuchen  aufbewahrte.  Vgl.  auch  Hesych. 
s.  v.  d<m<a  cphxvQ^sig  und  M.  Schmidt  z.  d.  St. 
Löbech,  EhematiJcon  p.  325  f.  [Roscher.] 

Aklemon  (Ayilrjycov) , Name  eines  Kerkopen 
(s.  d.)  bei  Tzetz.  Chil.  5,81.  Norm.  exp.  in  Greg. 
Naz.  1,  39  (vgl.  Lobeclc  Aglaoph.  p.  1298  c.  v. 
Lcutsch  zu  Zenob.  5,  10);  bei  JEudokia  72  p.  47 
(p.  80  Flach)  heifst  er  vielmehr  ’Atigcov.  Wei-  2 
teres  siehe  unter  rKei'kopen’.  [Crusius.] 
Akmenai  fAriurjvcd  (?)  vvycpcu ),  Beiname  der 
Nymphen  zu  Olympia:  Paus.  5,  15,  6. 

[Roscher.] 

Akmon  ('Anycov),  1)  einer  der  idäischen  Dak- 
tylen (s.  d.),  also  wahrscheinlich  die  Personi- 
fikation des  Ambos  (av.gcov):  s.  die  Verse  der 
Phoronis  b.  Schol.  Ap.  Bh.  1,  1129;  Strab.  473. 
C.  I.  Gr.  2374.  — 2)  Sohn  der  Gaia,  Vater 
des  Uranos,  Eros,  Charon:  Hesiod.  b.  Schol.  z.  3 
Simmias  b.  Jacobs  Anthol.  P.  3,  824.  Allcman 
fr.  108  B.  (vgl.  East.  II.  1154,  25.  Eudoc.  26. 
Cornut.  de  nat.  deor.  1).  Antimach.  fr.  35  Kin- 
kel. Kallimach.  Et.  M.  49,  49.  Anth.  15,  24,  1. 
Nach  andern  war  Akmon  ein  Beiname  des 
Okeanos  oder  des  Aither  (Et.  AI.  a.  a.  0.). 
Vgl.  auch  Hesych.  Auyorv  Ovqcivöqxi.’Av.govidgg. 
Da  im  Zend  agman  Stein  und  Himmel  bedeutet, 
so  ist  wohl  daraus  zu  schliefsen,  dafs  der 
Himmel  ( ovgavög ) ursprünglich  ccnficnv  = stei-  i 
nern  hiefs:  Curtius,  Grundz.  d.  gr.  Et.5  131  u. 
Poth,  Kuhns  Z.  2,  42.  S.  auch  Akmonides. 

— 3)  Ein  Gefährte  des  Diomedes,  aus  Pleu- 
ron  in  Aitolien,  welcher  von  Aphrodite  in  ei- 
nen schwanähnlichen  Vogel  verwandelt  wird: 
Ov.  Met.  14,  484—510.  — 4)  Sohn  des  Klytios 
aus  Lyrnessos  in  Phrygien,  Gefährte  des  Ai- 
neias:  Vcrg.  Aen.  10, 128.  — 5)  Solm  des  Maries-, 
des  phrygischen  Hauptgottes , Eponymos  und 
Gründer  der  Stadt  ’Aryioviu  in  Phrygien,  Bru-  5> 
der  des  Doias  ( Steph . Byz.  s.  v.  ’Anyovi'a  und 
Aoictvto?  Tttbiov),  nach  Schol.  II.  3,  189  Vater 
des  Mygdon , welcher  gegen  die  Amazonen 
kämpfte,  vielleicht  identisch  mit  No.  l.  — 6) 
Ein  Korybant:  Norm.  Dion.  13,  143.  28,  313  ö., 
vielleicht  auch  identisch  mit  No.  1.  — 7)  s. 
Aklemon.  [Roscher.] 

Akmonides  (Anfiovidys),  1)  ein  Kyklop,  sonst 
Pyrakmon  (s.  d.)  genannt : Ov.  Fast.  4 , 288. 

— 2)  Beiname  des  Charon  nach  Hesych.  s.  v.  c 

— 3)  Beiname  (Patronym.)  des  Uranos  (s.  oben 
Akmon)  und  des  Eros  (Anth.  15,  24).  — 7)  S. 
Aklemon.  [Roscher.] 

Akohtes  (’Ayiovtgg),  auch  Akontios  (’Ancvziog), 
Eponymos  und  Gründer  der  Stadt  Akontion  in 
Arkadien,  Sohn  des  Lykaon:  Apollod.  3,  8,  1. 
Stepli.  Byz.  s.  v.  ’Akovtiov.  [Roscher.] 

Akonteus  (’Akovtevs)  , ein  Genosse  des  Per- 


212 

seus,  der,  indem  er  für  diesen  streitet,  durch 
das  Gorgonenhaupt  versteinert  wird.  Ov.  Met.  ; 
5,  200  ff.  — 2)  ein  Latiner,  der  gegen  die  Troer 
fällt.  Verg.  Aen.  11,  612ff.  [Bernhard.] 

Akontios  (’Av.6vxiog)  1)  = Akontes  (s.  d.).  ' 
2)  „Ein  schöner  Jüngling  aus  der  Insel  Keos, 
von  guter,  jedoch  nicht  eben  vornehmer  Ab- 
kunft und  von  wohlhabenden  Eltern.  Dieser 
befand  sich  bei  dem  jährlichen  grofsen  Feste 
zu  Delos  und  sah  dort  ein  die  Herrlichkeiten 
des  Ortes  in  Begleitung  ihrer  Amme  beschauen- 
des, so  schönes  Mädchen,  dafs  er  auf  der  Stelle 
verliebt  in  sie  ward.  Kydippe  war  eines 
vornehmen  Mannes  Tochter,  die  ebenfalls  des 
Festes  wegen  nach  Delos  mit  ihren  Eltern  ge- 
reist war.  Er  folgte  ihr  nach  dem  Tempel 
der  Artemis;  und  als  er  sie,  des  Opfers  war- 
tend , dort  sitzend  sah , pflückte  er  eine  der 
schönsten  Quitten  und  warf  sie  hin,  nachdem 
er  die  Worte  darauf  geschrieben : „Ich  schwöre 
bei  dem  Heiligtum  der  Artemis,  dem  Akontios  ! 
mich  zu  vermählen.“  Die  Amme  hebt  den 
Apfel  auf,  reicht  sie  dem  Mädchen  und  heifst 
sie  die  Inschrift  lesen.  Kydippe  liest  laut,  und 
errötend  wirft  sie  den  Apfel  weg.  Aber  die 
Göttin  hatte  ihre  Worte  gehört:  und  so  hatte  • 
sie  geschworen,  was  Akontios  wollte.  Darauf 
kehrte  Akontios  nach  seiner  Heimat  zurück, 
wo  ihn  die  Sehnsucht  nach  der  Geliebten  ver-  i 
zehrte.  Unterdessen  bereitet  Kydippes  Vater 
seiner  Tochter  ein  Ehebündnis  nach  seiner 
Wahl.  Allein  sowie  die  hochzeitliche  Feier  1 
beginnen  soll,  erkrankt  Kydippe  plötzlich  und 
so  bedenklich,  dafs  die  Hochzeit  eingestellt 
werden  mufs.  Schnell  genest  sie  wieder:  die 
Anstalten  werden  erneut,  aber  mit  ihnen  auch 
die  Krankheit.  Die  dreimalige  Wiederholung  j, 
erregt  allgemeines  Aufsehen.  Die  Kunde  da- 
von gelangt  zu  Akontios,  er  eilt  nach  Athen,  ii 
wo  er  täglich  und  stündlich  nach  seiner  Ge-  j 
liebten  Zustand  sich  erkundigt.  Wirklich  war 
auch  seine  Liebe  unbeachtet  zwar,  aber  nicht 
unbekannt  geblieben;  und  da  ein  aufsernatür- 
licher  Einflufs  sichtbar  war,  so  regte  sich  so- 
gar der  Verdacht  eines  von  ihm  ausgehenden 
zauberischen  Frevels.  Der  delphische  Gott, 
den  der  Vater  befragen  liefs,  brachte  endlich 
die  Wahrheit  an  den  Tag,  verkündend  seiner 
Schwester  Zorn  über  begangenen  Meineid. 
Alles  übrige  entdeckte  das  Mädchen  nunmehr 
der  Mutter.  Der  Vater  anerkennend , dafs 
Akontios  in  keiner  Hinsicht  seiner  Tochter 
unwürdig  sei,  fügt  sich  willig  dem  Winke  der  ; 
Götter,  und  eine  glücklich  nunmehr  von  stat-  j 
ten  gehende  Hochzeit  bringt  den  Jüngling  zum 
Ziel  seiner  Wünsche.“  Dies  ist  Buttmanns 
Rekonstruktion  einer  bei  Ovid  Her.  20.  21 
(vgl.  Trist.  3,  10,  73f.  und  Aristainet.  ep.  1, 

10.  (s.  auch  Anton.  Lib.  1)  erhaltenen  Le- 
gende, welche  schon  früher  von  Kallimachos 
in  einem  Kydippe  betitelten  Gedichte  behan- 
delt worden  war.  Vgl.  darüber  Buttmann , : 
Mythol.  2,  115  ff.  und  die  treffliche  Mono- 
graphie von  Diltliey , de  Callim.  Cydippa, 
Lips.  1863.  Eine  ganz  ähnliche  Geschichte 
erzählt  uns  Nikandros  b.  Anton.  Lib.  1.  S. 
die  Artikel  Hermochares  und  Ktesylla.  Vgl. 
auch  die  rhodische  Legende  von  Ocliimos 


Aktaion 


214 


213  Akragas 

und  Kydippe  b.  Flut.  Q.  Gr.  27.  Buttmann 
will  in  allen  diesen  Legenden  den  Mythos  von 
Kybele  und  Attis,  von  Aphrodite  und  Adonis, 
also  von  der  Liebe  einer  Göttin  zu  einem 
Sterblichen  erkennen , worauf  allerdings  die 
Taube,  in  welche  sich  die  Ktesylla  verwan- 
delt, sowie  die  von  Anton.  Lib.  a.  a.  0.  er- 
wähnte ’Acpgodhr]  Krgavlla  oder  KzrjGvXXa 
’Etuxegyr]  von  lulis  auf  Keos  hinweist. 

[Roscher.]  i 

Akrag  as  (’Axgdyag , avzog) , Sohn  des^Zeus 
und  der  Okeanide  Asterope,  der  Erbauer  von 
Agrigent  auf  Sicilien.  Steph.  Byz.  s.  v.  ’Axgu - 
yuv reg.  — 2)  Ein  Flufs  auf  der  Südküste  Si- 
ciliens,  als  schöner  Jüngling  dargestellt  und 
von  den  Agrigentinern  als  Gott  verehrt.  All. 
v.  li.  2.  33.  [Bernhard.] 

Akraia  (’Angaia) , Tochter  des  Flufsgottes 
Asterion.  Er  hatte  drei  Töchter  Euboia,  Pro- 
symna  und  Akraia,  welche  Ammen  der  Hera  2 
waren.  Nach  der  letzteren  war  ein  Felshügel 
bei  Argolis  benannt,  wie  ein  anderer  ebenda 
nach  ihrer  Schwester  Euboia,  auf  welchem  ein 
Heiligtum  der  Hera  lag,  und  nach  der  dritten 
Schwester  Prosymna  die  ganze  Gegend  unter- 
halb dieses  Heraion.  Paus.  2,  17,  2.  — 2) 
Beiname  verschiedener  Göttinnen  und  Nym- 
phen, insofern  sie  auf  den  Höhen  der  Berge 
Kultusstätten  hatten,  a)  Der  Hera  in  Korinth, 
Eur.  Med.  1379  (Nauck) , Apollod.  1,  9,  28.3 
Strabo  8,  380.  Paus.  2,  24,  1.  Liv.  32,  23,  10. 
b)  Der  Aphrodite  in  Knidos  Paus.  1 , 1 , 3,  in 
Trözen,  id.  32,  6,  auf  Kypros  Strabo  14,  682, 
in  Argos  Hesych.  s.  v.  ’Axg sei  u.  ’Av.nic/..  c)  Der 
Artemis  in  Argos  Hesych.  a.  a.  0.  d)  Der 
Tyche  in  Sikyon  Paus.  2,  7,  5.  Vgl.  auch  ’Ayi- 
g ccilog,  Beinamen  des  Zeus.  Dicaearch.  descr. 
Gr.  fr.  2,  8.  In  betreff  der  Örtlichkeit  ist  zu 
vergleichen  Curtius,  Peloponnesos  2,  552  ff. 

[Bernhard.]  4 

Akraipheus  (’AKgcucpsvg) , Sohn  Apollons, 
Gründer  der  boiotischen  Stadt  Akraiphia:  Steph. 
Byz.  s.  v.  ’Ay.Qcaqji'a.  K.  0.  Müller,  Orchome- 
nos 1 S.  147.  [Roscher.] 

Akrätopotes  (’AngdronoTiqg) , ein  Heros  des 
Tfrinkens , zu  Munychia  verehrt , Polemon  bei 
Athen.  2,  39  c.  [Stoll.] 

Akrätos  ('A-ngäzog).  Dämon  aus  dem  Gefolge 
des  Dionysos,  in  Attika  verehrt,  Paus.  1,  2,  5. 
Verwandt,  wenn  nicht  identisch  mit  dem  in  5 
| Munychia  verehrten  Heros  Akrätopotes , dem 
Trinker  des  ungemischten  Weiues  (s.  d.),  Po - 
lern.  b.  Athen.  2 , 39.  Dionysos  führte  selbst 
den  Beinamen  Akratophoros  zu  Phigaleia. 
Paus.  8 , 39 , 4.  Im  Hause  des  Pulytion  zu 
Athen  befand  sich  neben  andern  Bildsäulen 
auch  sein  Bildnis,  Paus.  1,  2,  5.  [Bernhard.] 
Akrete  (,Angr]zri,Ygl.’'AKgazog),  eine  der  Wär- 
i terinnen  des  Dionysos:  Nonn.  Dion.  14,  224. 

[Roscher.]  g 

Akrias  (’Angiag) , ein  Freier  der  Hippoda- 
meia,  von  dem  Paus.  6,  21,  10  vermutet,  dafs 
er  ein  Lakedaimonier  und  Gründer  von  Äkriai 
' war.  S.  Akrokomos.  [Roscher.] 

Akrisios  (’A-ngiaiog),  Sohn  des  Abas  und  der 
Aglaia  (sonst  Okaleia,  vgl.  Schot.  Eur.  Or.  965), 
der  Tochter  des  Mantineus.  Schon  im  Mut- 
terleibe stritt  er  mit  seinem  Zwillingsbruder 


Proitos;  als  sie  erwachsen  waren,  kämpften  die 
Brüder  um  die  Herrschaft  und  erfanden  dabei 
die  runden  Schilde  (doni'dsg).  Als  Akrisios  ge- 
siegt hatte,  vertrieb  er  den  Bruder  aus  Argos. 
Dieser  ging  nun  nach  Lykien  zum  Iobates 
(oder  Amphianax)  und  heiratete  dessen  Toch- 
ter Anteia  (so  Homer)  oder  Stheneboia  (nach 
den  Tragikern).  Iobates  unterstützte  ihn  mit 
einem  Heere  und  verschaffte  ihm  die  Herr- 
schaft über  Tiryns,  welches  ihm  die  Kvklopen 
mit  Mauern  umgaben,  Schol.  Eur.  Or.  965.  Die 
Tochter  des  Akrisios  und  der  Eurydike  war 
Danae  (vgl.  Pherekyd.  b.  Schol.  Ap.  Bh.  4,  1091. 
Her.  6,  53),  von  welcher  der  Gott  geweissagt 
hatte,  sie  werde  einen  Sohn  gebären,  der  den 
Akrisios  töten  würde.  Dieser  Sohn  war  Perseus, 
dessen  Mythus  unter  Danae  und  Perseus  er- 
zählt ist.  Als  Perseus  den  Nachstellungen  sei- 
nes Grofsvaters  glücklich  entronnen  war  und 
das  Gorgonenabenteuer  bestanden  hatte,  kehrte 
er  mit  Danae  und  Andromeda  nach  Argos  zu- 
rück , um  seinen  Grofsvater  zu  sehen.  Dieser 
aber  war  aus  Furcht  vor  dem  Orakel  nach 
Pelasgiotis  gegangen,  wo  er  (s.  Schol.  Ap.  Bh. 

1,  40)  dem  König  von  Larissa  seine  Burg  baute. 
Hier  kämpfte  Perseus  in  einem  gymnischen 
Wettstreite  mit  und  tötete  aus  Versehen  den 
Akrisios  mit  dem  Diskos,  wodurch  das  Orakel 
erfüllt  war  (Apollod.  2,  2,  lf.  u.  2,  4,  4).  Noch 
etwas  ausführlicher  ist  die  Erzählung  des  Phe- 
rekydes  beim  Schol.  z.  Apoll.  Bh.  4,  1091,  die 
sich  noch  weiter  aus  Paus.  2,  16,  2.  4.  23,  7. 
25,  7 ergänzen  läfst.  Nach  Schol.  Ap.  Bh.  a. 
a.  0 befand  sich  das  Grab  (Heroon),  welches 
Perseus  und  die  Larisäer  dem  Akrisios  errichte- 
ten, aufserhalb  der  Stadt,  nach  Giern.  Al.  Admon. 
29  A.  Sylb.  im  Athenetempel  auf  der  Burg. 
Hyg.  fab.  63  läfst  ihn  bei  den  in  Seriphos  für 
den  Polydektes  veranstalteten  Leichenspielen 
durch  des  Perseus  Diskos,  welchen  ein  starker 
Wind  an  seinen  Kopf  trieb,  sterben.  Vgl. 
auch  C I.  Gr.  7706.  [Roscher.] 

Akrokomos  (’Ango-Maog) , ein  Freier  der 
Hippodameia  nach  Schol.  Find.  01.  1,  127.  S. 
Akrias.  [Roscher.] 

Akron  C'Axgiov,  b.  Very.  Acron),  ein  Grieche 
von  Corythus  (=  Cortonal,  Bundesgenosse  des 
Aneas,  von  Mezentius  getötet:  Very.  Aen.  10, 
719  ff.  [Roscher.] 

Akroneos  (’Axgovecog),  ein  Phäake:  Od.  8,  111, 

[Roscher.] 

Aktaia  (’Anzca'ce,  -irf),  1)  Nereide:  II.  18,  41. 
Hes.  Th.  249.  Apollod.  1,  2,  7.  Hyyin.  praef. 

2.  — 2)  Danaide,  Braut  des  Periphas:  Apiol- 
lod.  2,  1,  5.  [Roscher.] 

Aktaion  (’Auxca’cov) , 1)  Sohn  des  Aristaios 
und  der  Autonoe , Tochter  des  Kadmos , von 
Cheiron  auf  dem  Pelion  erzogen,  ein  eitriger 
Jäger  wie  sein  Vater.  Als  er  auf  dem  Kithai- 
ron  jagte,  wurde  er  von  Artemis  in  einen  Hirsch 
verwandelt  und  von  seinen  eignen  Hunden  zer- 
rissen, nach  der  gangbarsten  Sage,  weil  er  die 
Göttin  im  gargaphischen  Thale,  in  der  Quelle 
Parthenios  im  Bade  gesehen.  Hesiod.  Th.  977 
Apollod.  3,  4,  4.  Hyg.  f.  181.  Nonn.  Dion.  5, 
287  ff.  ’ Ovid.  Met.  3 , 131  ff.  Kallini.  L.  Pall. 
110.  Lact.  arg.  3,  2.  Schol.  Stat.  Th.  3,  203. 
Fulg.  Mytli.  3,  3.  Paus.  1,  44,  8.  Als  Grund 


215 


Aktaion 


Aktaion 


216 


der  Verwandlung  durch  Artemis  wird  auch  an- 
gegeben, dafs  er  die  badende  Göttin  belauert 
und  ihr  Gewalt  anzuthun  versucht  habe,  Hyg. 
f.  180;  dafs  Zeus  ihm  gezürnt,  weil  er  die  Se- 
mele  heirathen  wollte,  Akusilaos  b.  Apollod.  a.  a. 
0.,  Stesichoros  b.  Paus.  9,  2,  3;  dafs  er  sich 
rühmte,  ein  besserer  Jünger  als  Artemis  zu  sein, 
Eurip.  Baccli.  337.  Ygl.  Diocl.  4,  81.  Dem  Tan- 
sanias (9,  2,  3)  zeigte  man  auf  dem  Kithäron 


lende  Winde  und  Tau  erflehte , sowie  auch 
mit  Apollon  dr.ziog  (Lauer , System  230.  Ger- 
hard, Gr.  Myth.  §.  322,  lc).  Die  Bilder  des 
Aktaion,  die  man  auf  Bergen  und  Felsen  auf- 
stellte, dienten  dazu,  die  verderblichen  Folgen 
der  Hundstage  abzuwenden;  daher  die  Sage, 
dafs  Cheiron  durch  ein  Bild  des  Aktaion  die 
wütenden  Hunde  desselben  zur  Ruhe  gebracht 
habe.  In  der  Gegend  von  Orchomenos  war, 


am  Wege  von  Megara  nach  Plataiai  den  Fel-  io  zur  Befreiung  von  einem  Gespenst,  zur  Abwehr 


sen  des  Aktaion,  wo  er  nach  ermüdender  Jagd 
zu  ruhen  pflegte  und  von  wo  aus  er  die  Arte- 


Aktaion  u.  Artemis,  Metopo  v.  Selinus  (s.  Arch.  Ztg.  1S83  S.  230). 


der  Unfruchtbarkeit  desLandes,  ein  ehernes  Bild 
des  Aktaion  an  einen  Felsen  angeschmiedet,  das 
noch  Pausanias  sah  , und 
die  Orchomenier  verehrten 
den  Heros  jährlich  durch 
Totenopfer,  Pans.  9,  38,  4. 
— Aschylus.  hat  den  My- 
thus des  Aktaion  auch  auf 
die  Bühne  gebracht  in  sei- 
nen To'E,ozlSs g , s.  Nauclc , 
fr.  Trag.  p.  60  f.  Auch 
Phrynichos , Ioplion  und 
Kleophon  dichteten  einen 
Aktaion,  Suid.  v.  I)qvvi%., 
’/oqp. , KXsocpcov.  Die  ge- 
hörnte Maske  des  Aktaion 
erwähnt  Pollux  4,  141.  Der 
Name  Aktaion  kommt,  wie 
der  des  Aktaios,  von  dr.zr] 
(nicht  von  Zeus  dnzaiog), 
Meinelce,  Vindic.  Strab.  p. 
133 , und  scheint  zunächst 
auf  das  Küstengebirge  Pe- 
lion  zu  gehen.  Müller,  Ur- 
chom.  248.  349.  Proleg.  195. 
Welcher,  gr.  Götterl.  1,  204  f. 
616.  Kleine  Schriften  3,34. 
Preller,  Gr.  Myth.  1,  375 
— 377.  11.  I).  Müller,  My- 
tliol.  d.  gr.  Stämme  2,  1 S. 
108ff.  Das  Geschick  des  Ak- 
taion war  ein  häufiger  Ge- 
genstand der  alten  Kunst, 
welche  übrigens  seine  Yer- 
wandlung  teils  gar  nicht, 
teils  durch  das  Uberwei» 
fen  eines  Hirschfells , am  häufigsten  jedoch 
durch  ein  Hirschgeweih  auf  der  Stirn  an- 


mis  im  Bade  gesehen.  Die  berühmten  Hunde 
des  Aktaion,  50  an  der  Zahl,  werden  mit  Na- 
men aufgezählt  Hyg.  F.  181.  Ovid.M.  3,  206  ff.  deutet.  Polygnot  hatte  in  seinem  Gemälde 
Aeschyl.  b.  Pollux  5,  47.  Apollod.  a.  a.  0.  Nach-  50  der  Unterwelt  zu  Delphi  ihn  und  seine  Mut 


dem  sie  ihren  Herrn,  den  sie  nicht  erkannt, 
zerrissen  hatten,  suchten  sie  ihn  überall  und 
.wurden  'nicht  ruhig,  bis  Cheiron  ihnen  ein 
Bild  desselben  zeigte,  Apollod.  a.  a.  0.  — Der 
Hund  ist  ein  Symbol  der  Sonnenhitze  zur  Zeit 
der  Hundstage;  Aktaion,  der  von  seinen  50 
Hunden  (den  50  Hundstagen)  zerrissene  Sohn  des 
gegen  die  Sonnenglut  der  Hundstage  schützen- 
der! Gottes  Aristaios,  ist  ein  Bild  des  durch 


ter  dargestellt,  auf  einem  Hirschfell  sitzend 
und  ein  Hirschkalb  in  den  Händen,  bei  ihnen 
einen  Jagdhund  und  in  ihrer  Nähe  die  Maira, 
ein  Symbol  der  Siriushitze,  Paus.  10,  30,  3. 
Die  Denkmäler  sind  zusammengestellt  b.  Mül- 
ler, Handb.  d,  Arch.  §.  365,  5.  Denhn.  d.  a: 
K.  2,  Taf.  17  n.  183—187.  Elite  ceramogr.  2, 
99 — 103B.  II.  Prunn  in  Paulys  Realenc.  u. 
Actaeon,  Anm.  p.  140.  Am  bekanntesten  ist 


die  Hitze  der  Hundstage  zerstörten  schönen  co  die  marmorne  Statuette  des  Aktaion  im  Brit. 


Erdenlebens,  der  Lust  der  Frühlingszeit,  und 
sein  Kultus  hing  zusammen  mit  dem  auf  dem 
Pelion  existierenden  Kult  des  Zeus  duzazog 
(oder  vielmehr  dngazog , wie  bei  Dikäarch, 
Müller  fr.  hist.  gr.  2,  262,  8 nach  aufgefunde- 
nen Inschriften  zu  lesen,  Stark  b.  Gerhard  D. 
u.  F.  1859  S.  92.  Preller,  Gr.  Myth.  1,  114,  3), 
von  dem  man  zur  Zeit  der  Hundstage  küh- 


Museum ( Müller , Denhn.  2 n.  156).  Ein  Sar- 
kophag zu  Paris  ( Clarac  Mus.  de  sculpt.  2 pl. 
113—115.  Mülin  G.  m.  pl.  100—101)  giebt 
dis  Fabel  in  4 Akten:  Auszug  zur  Jagd,  Be- 
lauschen der  Artemis , Kampf  mit  den  Hun- 
den, Bestattung.  Die  Annahme,  dafs  auf 
einer  Bronzemünze  von  Orchomenos  (Mül- 
ler, Denhn.  2 n.  187)  Aktaion  dargestellt  sei, 


217 


Aktaios 


Aktorion 


218 


wird  widerlegt  von  'Friedländer  D.  u.  F.  18G4, 
133  tf.  S.  auch  G.  Rathgeber , Gottheiten  d.  Äo- 
ler  1861  S.  357 f.  [Vgl.  C.  I.  Gr.  G12GB. 
8431.  R.]  — 2)  Eine  eigentümliche  Version 
des  Aktaionmytlius  hatte  man  zu  Korinth. 
Ein  schöner  Knabe  von  Korinth,  Aktaion,  Sohn 
des  Melissos,  wurde  von  dem  Bakchiadeu  Ar- 
chias  geliebt.  Als  dieser  ihn  seinem  Vater 
entführen  wollte,  wurde  der  Knabe  zerrissen. 
Melissos  führte  Klage  bei  den  isthmischen  l 
Spielen  und  stürzte  sich,  die  Götter  um  Rache 
anrufend , wenn  der  Tod  des  Aktaion  nicht 
bestraft  werde,  von  einem  Felsen,  worauf  Pest 
und  Dürre  Korinth  heimsuchte.  Das  Orakel 
befahl  den  zürnenden  Gott  der  isthmischen 
Spiele,  Poseidon,  zu  versöhnen  und  den  Aktaion 
zu  rächen.  Die  Bakchiaden  wurden  vertrieben, 
und  Archias  ging  nach  Sicilien  und  gründete 
Syrakus.  Flut.  narr.  am.  2.  Schol.  Ap.  Rh.  4, 
1212.  Alex.  Aet.  b.  Parthen.  14.  (fr.  1 Schnei-  2 
deiv.  Delect.  1).  Vgl.  Flut.  Sert.  1.  Welcher, 
kleine  Sehr.  1,  2 2 ff.  — 3)  Aktaion,  alter  König 
von  Attika,  derselbe  wie  Aktaios  (s.  d.),  Vater  der 
Phoinike,  nach  welcher  die  <PoiviY.fjia  ygdfiyatcc 
benannt  waren.  Beide.  Anecd.  782,  19.  Suid.  v. 
fhoiVLufjux  yqdppaza.  Ft.  M.  p.  43,  8.  92,  50. 
Tzetz.  Lyk.  503.  Apostol.  20,  29.  Welcher  zu 
Schwenck,  Andeutungen  305.  Preller,  Gr.  Myth. 

2,  139.  [Stoll.J 

Aktaios  (’Ahx cczog),  1)  Vater  der  Aglauros,  3 
welche  Ivekrops,  der  erste  König,  von  Attika 
heiratete  ( Apollod . 3,  14,  lf.).  Nach  Paus. 

1 , 2 , G war  nicht  Kekrops , sondern  Aktaios 
der  erste  König  von  Attika,  nach  einer  eben- 
da 14 , 7 erwähnten  Lokalsage  des  Demos 
Athmonia  auch  nicht  dieser,  sondern  Porphy- 
rion. Nach  Steph.  Byz.  s.  v.  ’Anzy  , welcher 
sich  auf  Favorinus  beruft,  war  der  König  Ak- 
taios zugleich  Eponymos  von  Attika,  welches 
ursprünglich  nach  ihm  A-rzf  hiefs.  Ebenso  4 
berichtet  Strabo  397,  nur  dafs  er  den  Aktaios 
Aktaion  nennt.  Sehr  eigentümlich  ist  die  No- 
tiz des  Skamon,  welche  uns  Suidas  s.  v.  epoi  - 
vLaffCcc  yquiiuaza  überliefert,  wonach  Aktaion, 
Vater  der  Aglauros  (s.  d.),  Herse,  Pandrosos 
und  Phoinike  gewesen  sein  soll,  nach  welcher 
die  tpoivLHrfCu  yq.  benannt  worden  seien.  Vgl. 
aufserdem  Harpoltr.  s.  v.  ’Arzf.  Apost.  17,  89. 
C:  I.  Gr.  2374.  S.  auch  Aktaion  3.  — 2)  Va- 
ter des  Telamon  und  Gemahl  derGlauke:  Phe-  d 
rekydes  b.  Apollod.  3,  12,  6,  wo  andere  freilich 
"AaruQog  lesen.  — 3)  Sohn  des  Flufsgottes 
Istros,  Bundesgenosse  der  Troer : Philostr.  Her. 
15  f.  — 4)  Beiname  des  Zeus  ( Müller , Orclio- 
menos1  248.  349)  und  des  Dionysos  in  Chios 
(C.  I.  Gr.  add.  2214e).  |Roscher.J 

Aktis  (’AxtI g) , Sohn  des  Helips  und  der 
Rhode  (Rhodos),  Gründer  von  Heliopolis:  Diod. 

5,  56.  57.  Hellan.  b.  Schol.  Pind.  Ol.  7,  135. 
Steph.  Byz.  s.  v.  ' Fliovnohq.  [Roscher.]  6 

Aktor  ("Ahtcoq,  coqos)  , 1)  Sohn  Myrmi- 
dons  und  der  Peisidike,  Vater  des  Eüry- 
tion  aus  Phthia  (Apollod.  1,7,3;  8,  2)  u. 
der  Philomele  (Schol.  Ap.  Rh.  1,  558.  4,816). 
Nach  Diod.  4,  72  kommt  Peleus  nach  dem 
Morde  seines  Halbbruders  Phokos  von  seinem 
Vater  vertrieben  zu  Aktor,  wird  durch  ihn  von. 
seiner  Blutschuld  gereinigt  und  überkommt, 


da  Aktor  kinderlos,  die  Herrschaft  in  Phthia. 

— 2)  Sohn  des  De'ion,  des  Herrschers  von 
Phokis,  und  der  Diomede,  Vater  des  Argo- 
nauten Meuoitios  von  der  Aigina  (s.  cl.), 
Grofsvater  des  Patroklos.  Apollod.  1,  9,  4. 
16.  11.  11,  785.  Fast.  II.  112  u.  113.  Pind. 

01.  9,  104.  Ap.  Rh.  1,  69.  Diod.  4,  39.  Schol. 
11.  18,  10.  Ov.  Tr.  1,  9,  29;  Fast.  2,  39.  Val. 
Fl.  Arg.  1 , 407.  Pind.  Ol.  9 , 105ff.  und 
Schol.  zu  104  u.  107 ; an  der  letzteren  Stelle 
wird  als  Gemahlin  des  Aktor  und  Mutter  des 
Menoitios  auch Damokrateia  genannt,  die  Toch- 
ter der  Aigina;  Aktor  selbst  nach  Thessalien 
versetzt,  (ln  Öpus  ist  er  zugleich  durch  Iros 
Grofsvater  des  Eurytion  Ap.  Rh.  1 , 69—74. 
Uber  die  Verbindung  des  phthiiscb-thessali  • 
sehen,  phokischen  und  opuntischen  Aktor  s. 
Müller  Aeginetica  p.  12).  — 3)  Sohn  des  Phor- 
bas  und  der  Hyrmine,  Bruder  des  Augeias, 
Gemahl  der  Molione,  mit  welcher  er  Kteatos 
und  Eurytos  zeugte,  König  in  Elis.  Diod.  4, 
69.  Paus.  5,  1,  11.  8,  14,  9 u.  ö.  East.  z.  II. 

2,  G15ff  Vgl.  auch  II.  11,  709.  750.  13,  185. 
23,  638  u.  d.  Art.  Aktorion  und  Moliones. 

— 4)  Orchomenier,  Sohn  des  Azeus , V ater  der 
Astyoche , mit  welcher  Ares  den  Askalaphos 
und  lalmenos  zeugte.  II.  2, 513.  Paus.  9, 37,  7.  — 
5)  Sohn  des  Poseidon.  Hyg.  f.  157.  — 6)  Sohn 
des  Argonauten  Hippasos.  Apollod.  1,  9,  16. 

— 7)  Sohn  des  Akastos,  von  Peleus  unabsicht- 
lich auf  der  Jagd  getötet.  Schol.  Ly cophr.  895. 
Aufserdem  kommt  der  Name  Aktor  ohne  wei- 
tere genealogische  Bestimmung  noch  vor  als 
Vater  der  Alope,  St.  B.  s.  ’Alonr),  des  Podar- 
kes  in  Anth.  gr.  1,  p.  181;  des  Echekles  11. 
16,  189;  des  Sthenelos  Schol.  Ap.  Rh.  2,  911; 
der  Iphinoe  Schol.  II.  1,  16  u.  366;  der  Eu- 
rydike Staphyl.  in  ßchol.  II.  16,  175.  — 8) 
Ein  Gefährte  des  Äneas,  Verg.  Aen.  9,  500. 
9)  Ein  Aurunker,  mit  dessen  erbeuteter  Lanze 
Turnus  prahlt  ibid.  12,  94.  Vgl.  Juv.  sat.  2, 
100.  — 10)  Ein  Thebaner,  Bruder  des  Hyper- 
bion,  Aesch.  Sept.  555.  — Über  die  örtliche 
Verbreitung  des  mythischen  Geschlechts  der 
Aktoriden  überhaupt  s.  d.  erschöpfende  Ab- 
handlung von  Dr.  Schultz , die  Aktorionen- 
sage in  ihrer  Verflechtung  mit  andern  Sagen 
dargestellt.  Programm  v.  Hirschberg  1881. 
Aktor  wird  daselbst  (S.  17  u.  18)  als  eine  Figur 
aus  dem  Unterweltskreise  aufgefafst,  und  zwar 
als  Hirt  der  Herden  des  Unterweltgottes. 
Doch  s.  die  weiteren  Nachweise  im  Artikel 
Aktorion.  [Bernhard.] 

Aktorides  (’Av.Toqi8rig),  Nachkomme  des  Ak- 
tor : Patroklos  Ov.  Tr.  1,  9,  29;  Ov.  Met. 
13,  273.  Fast.  2,  39;  Erithos  Ov.  Met.  5,  80; 
Echekles  II.  16,  189;  Iros  Ap.  Rh.  1,  72.  (S. 
Aktorion).  [Bernhard.] 

Aktorion  (’Aktoqzov,  uvog),  Nachkomme  des 
Aktor;  insonderheit  nannte  man  so  die  Söhne 
des  unter  3 aufgeführten  Aktor,  Eurytos  und 
Kteatos,  die.  nach  seiner  Gemahlin  Molione 
auch  Molioniden  oder  Molionen  heifsen  (doch 
vgl.  Eust.  11.  882,  24ff.).  Anderweit  wird  auch 
Poseidon  als  ihr  Vater  genannt  (Apollod.  2,  7, 
2.  Hom.  II.  11,  749.  Schol.  Pind.  Ol.  11,  29), 
und  sie  selbst  in  weitere  Beziehung  zu  ihm 
gebracht:  sie  geleiten  zu  seinen  Spielen  auf 


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Aktorion 


Aktorion 


220 


dem  Isthmos  eine  Procession  (Paus.  2,  15,  1) 
und  werden  von  ihm  in  der  Schlacht  beschützt 
(Born.  II.  11,  751).  Die  Mutter  heilst b.  Paus. 
5,  2,  2.  8,  14,  9 Moline*).  Über  ihren  Ur- 
sprung waren  verschiedene  Sagen  im  Umlauf. 
Meist  erscheinen  sie  als  körperlich  selbstän- 
dige Zwillingsbrüder  aufgefafst,  so  wohl  auch 
bei  Homer.  Erst  die  spätere  Deutung  nahm 
sie  als  körperlich  verwachsene  (ätrpviig)  Brü- 
der in  verschiedener  Auffassung:  vgl.  Plie-  \ 
rek.  b.  Schol.  zu  II.  11 , 709  und  Aristarch 
zu  23,  638  u.  639.  Nach  der  letzteren  Stelle 
hatten  sie  zwei  Leiber , waren  aber  zu- 
sammengewachsen , nach  der  ersteren  batten 
sie  einen  Leib , zwei  Köpfe  , vier  Hände  und 
vier  Füfse.  Nach  Ibyk.  b.  Athen.  52  waren 
sie  aus  einem  silbernen  Ei  als  Zwillinge  ge- 
boren, hatten  einen  Kopf  und  einen  Leib  und 
ritten  auf  weifsen  Rossen  (vgl.  auch  Plut. 
de  frat.  am.  1.  u.  adv.  stoic.  44).  Nach  Hom.  2 
11.  11,  710ff.  sind  sie  die  Verbündeten  des 
Königs  Augeias  im  Kriege  mit  den  Pyliern. 
Noch  jung  verstehen  sie  sich  wenig  auf  das 
Kriegshandwerk  und  würden  deshalb  von  Nestor 
überwältigt  worden  sein,  wenn  sie  nicht  von 
ihrem  Vater  Poseidon  durch  eine  schützende 
Nebelwolke  dem  Kampfe  entrückt  worden 
wären  (a.  0.  7 50  ff.).  Weiter  gedenkt  Homer 
® ihrer  II.  23,  630  ff.  bei  den  Leichenspielen  des 
Amarynkeus , wo  sie  den  Nestor  im  Wagen-  a 
kampf  überholen;  eng  verbrüdert  wie  immer 
in  ihrem  Handeln  schwang  der  eine  die  Geifsel, 
der  andere  führte  die  Zügel  (an  ein  körper- 
liches Verbundensein  ist  hier  wenigstens  nicht 
notwendig  zu  denken).  Als  Neffen  des  Augeias 
(s.  Aktor  3)  finden  wir  sie  mit  diesem  noch 
einmal  im  Bunde  gegen  Herakles.  Als  Hera- 
kles nämlich  wegen  des  verweigerten  Lohnes 
gegen  Augeias  zu  Felde  zog  (s.  Herakles  und 
Augeias) , übertrug  dieser  den  Aktoriden  die  4 
Führung  des  Krieges.  Da  Herakles  im  offenen 
Kampf  nichts  ausrichten  konnte,  so  benutzte 
er  die  Zeit,  wo  die  Korinthier  den  isthmisehen 
Festfrieden  angekündigt  hatten;  er  legte,  sich 
in  den  Hinterhalt,  und  als  nun  auch  die  Akto- 
rionen im  Auftrag  der  Elier  sich  auf  den  Weg 
machten,  um  das  Fest  zu  beschicken,  überfiel 
er  sie  und  tötete  sie.  Lange  Zeit  blieb  der 
Mord  verborgen,  bis  die  Mutter  denThäter  in 
Erfahrung  brachte.  Auf  ihren  Betrieb  ver-  5 
langten  die  Elier  von  den  Argivern  die  Aus-  ' 
lieferung  des  Herakles,  der  damals  gerade  im 
argivischen  Tirynth  sich  aufhielt.  Die  Argi- 
ver  verweigerten  die  Bestrafung  des  Herakles, 
worauf  die  Elier  sich  an  die  Korinthier  wand- 
ten, dafs  sie  alle  Argiver  von  den  isthmisehen 
Spielen  äusschliefsen  möchten.  Als  ihnen  auch 
dieses  Verlangen  abgeschlagen  wurde,  sprach 
Molione  über  alle  Elier  einen  Fluch  aus,  die 
sich  von  den  isthmisehen  Spielen  nicht  fortan  0 
fern  halten  würden.  Diese  Satzung  hielten 
denn  auch  die  Elier  noch  in  späterer  Zeit. 
Paus.  a.  a.  0.  Schol.  Plato  Phaed.  152,  16. 
Schol.  Find.  Ol.  1 1, 28.  Diod.  4, 33.  Dagegen  sagt 

*)  Bei  Hesiod , den  die  neueren  Mythologen  fast  alle 
unter  den  (Quellen  für  den  Namen  Molioniden  anführen, 
kommt  derselbe  nicht  vor.  Nur  das  Schol.  zu  II.  23,  639 
u.  Eust.  ad  II.  a.  O.  citieren  ohne  nähere  Angabe  Ilesiod. 


Plut.  de  Pyth.  or.  p.  400,  43ff.D.,  die  Elier  seien 
von  den  Korinthiern  ausgeschlossen  worden, 
weil  sie  sich  einer  Forderung  der  Korinthier 
und  Delphier  nicht  gefügt  hätten.  Diod.  a. 
0.  läfst  'Herakles  von  Pheneos  zu  dem  Zuge 
aufbrechen  und  macht  irrtümlicher  Weise  Eury- 
tos  zu  einem  Sohne  des  Augeias.  Nach  Apollod. 
2,  7,  2 erkrankt  Herakles  auf  dem  Zuge  gegen 
Augeias  und  schliefst  deshalb  mit  den  Akto- 
o rionen  einen  Vertrag.  Als  diese  aber  von  sei- 
ner Krankheit  Kunde  bekommen , greifen  sie 
ihn  an  und  töten  viele  seiner  Streiter,  so  dafs 
Herakles  vor  ihnen  den  Rückzug  antreten 
mufs.  Erst  in  der  dritten  darauf  folgenden 
Isthmiade  tötet  er  sie  bei  Kleonä  im  Hinterhalt 
bei  dem  erwähnten  Zuge  zur  Festfeier.  Die 
Zahl  der  Kleonäer,  die  dem  Herakles  beige- 
standen und  im  Kampfe  gefallen  waren,  giebt 
Ael.  v.  h.  4,  5,  7 auf  360  an;  zu  ihren  Gunsten 
o verzichtet  er  auf  die  ihm  selbst  von  den  Kleo- 
näern  bestimmten  Ehrenbezeugungen,  womit 
sie  ihn  für  die  Befreiung  von  dem  nemeischen 
Löwen  ehrten.  (Vgl.  Schol.  Find.  a.  0.  u.  He- 
rakles). An  der  Stätte,  wo  die  Molioniden  ge- 
fallen waren,  war  ihnen  ein  Grabmal  errichtet. 
Paus.  2,  15,  1:  yvrgia  Evgvrov  Kai  Ktscctov. 
(Vgl.  dazu  Schultz,  die  Aktorionensage  in  ihrer 
Verflechtung  mit  andern  Sagen  p.  6.  Hirsch- 
berg 1881).  Über  die  Aktoriden  als  Kalydo- 
,o  nische  Jäger  s.  Ov.  Met.  8,  308.  Kteatos  zeugte 
mit  Theronike  den  Amphimachos  und  Eurytos, 
mitTheraiphone  den  Thalpios.  Hom.  11.2,  620  ff. 
13,  185ff.  Paus.  5,  3,  3.  — Der  Name  MoUrav 
wird  mit  Recht  von  den  Neueren  als  ein  ur- 
sprüngliches Appellativum  gedeutet  und  zu- 
rückgeführt auf  die  Wurzel  f toi;  Metronymikon 
ist  das  Wort  bei  den  Griechen  erst  im  Laufe 
der  Zeit  geworden.  Die  Bedeutung  des  Appel- 
lativum liegt  ganz  offen  zu  Tage  bei  Hom.  11. 
o 11,  750,  wo  Moliove  und  ’A-KtogCiovs  unverbun- 
den neben  einander  stehen,  und  unbegreiflicher 
Weise  bisher  die  Ansicht  gebilligt  worden 
ist,  dafs  zwei  Personen  in  einem  Athem  mit 
dem  Metronymikon  und  Patronymikon  bezeich- 
net werden  könnten.  Mollcov  ist  hier  „der 
mutig  in  die  Schlacht  gehende“.  Man  denke 
an  das  homerische  ysza  fimXov  iäv , an  Mars 
Gradivus  (Preller  Gr.  AI.  2, 237.  Schultz  a.  0.  S.  8). 
Daher  auch  bei  Hesych.  die  Deutung  yaxrjzfjg,bei 
0 Eust.  ad  II.  882,  21  ff.  die  Erklärung  yct%iyoi 
Kai  bgyrjzixot.  Eine  Reminiscenz  an  diese  Be- 
deutung liegt  vielleicht  noch  verborgen  in  dem 
Sprichwort  ovdhv  n gog  ryi&s  of  MohovlSca 
(Apost.  13,54),  wenn  man  auch  natürlich  leicht 
an  eine  andere  Entstehung  denken  kann.  Eines 
anderen  die  Kraft  der  Aktoriden  andeutenden 
Sprüchworts  gedenkt  Eust.  a.  0.  882,  36 : ng'og 
dvo  ovö's  'Ilga-Hlgs,  mit  Beziehung  auf  des  Hera- 
kles Kampf  gegen  die  Aktoriden  um  Elis  (s.  ob.), 
a — Die  Deutungen  des  Gesamtmythus  von  den 
Aktorionen  oder  Molionen , von  Eurytos  und 
Kteatos,  sind  sehr  verschieden.  Vgl.  Creuser 
Symbolik  2 p.  387  ff.  G.  Hermann,  Briefe  über 
das  Wesen  der  Alythologie  p.  55.  Schivenck, 
Zeitschr.  f.  Altcrtumsivissensch.  1837.  S.  41  Oft. 
Eine  merkwürdige  Deutung  versuchte  Welcher, 
Kleine  Sei  triften  2.  S.  102  ff.:  rlJie  Molionen  und 
Aloiden  in  der  Ilias ’ (vgl.  auch  Ep.  Cylclrn  1.  S. 


Alabandos 


Alastor 


222 


221 

214 ff.  Goiterl.  1,  424),  indem  er  die  Molionen  als 
Symbole  der  paarweise  mahlenden  Mühlsteine 
nahm,  ohne  jedoch  mit  dieser  Ansicht  Anklang 
zu  finden.  Preller  a.  0.  239  verzichtet  auf 
eine  Deutung.  Kürzlich  hat  einen  neuen  Weg 
| eingeschlagen  Schultz  a.  a.  0.  Kr  nimmt  als 
Ausgangspunkt  des  gesamten  Mythenkomplexes 
Thessalien,  sucht  ihn  als  äolisch  nachzuwei- 
sen und  findet  mit  demselben  untrennbar  ver- 
knüpft die  Beziehung  zu  Tod  und  Unterwelt  i 
(S.  17ff.):  „Aktor  ist  Treiber  («yw')  und  Hirte 
der  Herden  der  Unterwelt , Eurytos  ist  der 
Gewitterregen,  da  Gewitternacht  und  Unter- 
i weit  untrennbare  mythologische  Begriffe  sind, 
und  Kteatos  ist  von  dem  Urkern  der-  Sage 
ausgeschieden  als  ein  mythologisch  nicht  gleich- 
wertiger Begriff.“  „Er  scheint  erst  hinzugefügt, 
als  man  neben  dem  einen  doppelleibigen  Ak- 
torionen einen  getrennten  Doppelgänger  dachte“ 

S.  9.  Schultz  nimmt  als  Reste  der  alten  Sage  2 
nur  diese  drei:  Aktor,  Eurytos  und  Thalpios 
J (s.  d.).  [Bernhard.] 

Alabamlos  (’AXceßaväog) , Sohn  des  Kar  und 
der  Kallirrlioe,  nach  welchem  Kar  die  Stadt 
Alabanda  in  Karien  nach  einem  im  Reiter- 
kampfe gewonnenen  Siege  genannt  hatte;  denn 
j ’AXccßavöog  bedeutet  nach  Steph.  Byz.  u.  ’AXa - 
ßccvdcc  in  der  Sprache  der  Karier  dasselbe  wie 
i irniovLY.oq  und  svimtog.  So  aufser  Steph.  Byz. 
i auch  Cic.  nat.  deor.  3,  15,  19.  [Bernhard.]  3 

Alagabalus  (=  Elagabalus) , Beiname  des 
i Sol  auf  einer  Inschrift  aus  Szöny  bei  Komorn 
i (Pannonia  sup.),  Corp.I.L.  3,  4300,  vgl.  Ammu- 
j dates.  [Steuding.] 

Alainos  ("AXcuvog),  unehelicher  Halbbruder 
des  Diomedes:  Lykophr.  619  u.  Schul,  z.  d.  St. 

[Roscher.] 

Alala  (’AXccXu ),  die  Göttin  des  Schlachtrufes, 
Tochter  des  Polemos:  Find.  fr.  122  B.  ( Plut . 
ylor.  Ath.  7).  [Roscher.]  4 

Alalkomencus  (’AXaXuoysvsvg,  nicht  -rjg,  da 
Plut.  de  Daed.  Flat.  6 wohl  -st  und  -sag, 
Schul.  II.  24,  602  wohl  -sag  statt  -sa  zu  lesen 
; ist).  1)  mythischer  Gründer  und  Eponymos  von 
Alalkomenai  oder  Alalkomenion  in  Böotien 
i (Paus.  9,  33,  5.  Steph.  Byz.  s.  v.  ’AXaXuoysviov), 

1 wo  ein  uralter  Athenetempel  (^.  ’AXccXxoys- 
! vyig  II.  4 , 8)  stand , den  Alalkomeneus  ge- 
baut haben  sollte  (Steph.  Byz.  a.  a.  0.  Etym. 
AI.  56,  14.  Eust.  z.  II.  p.  439,  34).  Nach  5 
Paus.  a.  a.  0.  u.  Schul.  II.  4,  8 soll  Athene 
bei  ihm  aufgewachsen  sein  (zga^gvea).  Steph. 
Byz.  a.  a.  0.  nennt  seine  Gemahlin  Äthenais, 
Tochter  des  Hippobotos , und  seinen  Sohn 
Glaukopos,  Namen,  die  offenbar  aus  dem  alten 
Athenekult  von  Alalkomenai  abstrahiert  sind. 
Plut.  de  Daed.  Flat.  6 erzählt,  er  habe  dem 
von  Hera  verlassenen  Zeus  geraten,  ein  Bild 
derselben  von  Eichenholz  fertigen  und  im 
Hochzeitszuge  umherführen  zu  lassen,  woraus  6' 
das  sogenannte  Dädalenfest  eutstanden  sei 
(näheres  s.  unter  Hera).  Nach  Schul,  z.  II.  24, 
602  u.  Eustath.  p.  1367,  20  hiefs  seine  Ge- 
mahlin Niobe.  Wie  alt  der  Mythus  vom  Alal- 
komeneus ist,  ersieht  man  nicht  blofs  aus  der 
Bezeichnung  <xvz6%&av  bei  Paus,  und  Plut. 
a.  a.  0.  sondern  auch  aus  dem  interessanten 
(Pindarischen?)  Fragmente  bei  Bergk  P.  L.- 


fr.  adesp.  83,  3:  ’AXaXuofitvevg  Xi'pvccg  vnsg 

Kacpieidog  ||  ngazog  dv&Qoinav  ccvsoxsv,  woraus 
erhellt,  dafs  er  in  böotischer  Sage  als  erster 
Mensch  und  als  Sohn  der  Erde  galt.  Vgl. 
übrigens  auch  Pherekydes  b.  Schul,  in  Eurip. 
Phaen.  159  u.  K.  0.  Müller,  Gesch.  hellen.  St.1 
1,  213.  — 2)  Sohn  der  Niobe:  Pherek.  a.  a.  0. 

[Roscher.] 

Alalkomenia  (’AXaXuofisvi’a,  bei  Suid.  ’AXccX- 
o y.oyevsicc),  Tochter  des  Ogygos  (oder  Ogyges). 
Dian.  b.  Suid.  u.  Phot.  u.  TLgedgidCiir]  (s.  d.),  ihre 
Schwestern  waren  Thelxinoia  und  Aulis,  heilige 
Erdgöttinnen,  die  am  Tilphusischen  Berge  bei 
Haliartos  in  Böotien  ein  Heiligtum  hatten, 
blofs  in  Kopfbildern  verehrt  wurden  und  Tier- 
köpfe zu  Opfern  erhielten.  Paus.  9,  33,  2 ff. 
Steph.  B.  u.  TgspiXg.  Suid.  a.  a.  0.  Vgl.  Mül- 
ler, Orcli.  ir.  128.  Meurs.  regn.  Athen.  1,  6 S.  24. 

[Bernhard.] 

o Alan n in us,  Beiname  des  Juppiter  auf  einer 

Inschrift  aus  Brescia,  Orelli  1220  = Labus , 
Alarm.  Bresc.  n.  15 : I.  O.  AI.  Alannino  AI. 
Nonius  Agatlionicus.  Der  Name  scheint  von 
seiner  Kultstätte  abgeleitet  zu  sein.  [Steuding.] 
Alantedoba,  wohl  eine  keltische  Göttin  auf 
einer  Inschrift  aus  Ossimo  im  Val  Camonica 
am  Oglio,  C.  I.  L.  5,  4934  (echt,  trotz  Orelli 
zu  1956.  1957);  Alantedobae  Sex.  Cornelius 
Primus  v.  s.  I.  in.  Vgl.  in  betreff  des  ersten 
o Bestandteiles  des  Namens  den  deus  Alus  (s.  d.), 
der  auf  zwei  Inschriften  des  nahen  Brescia 
erwähnt  wird.  [Steuding.] 

Alastor  (AXdozag) , 1)  allgemeiner  Name 
für  folgende  dem  Volksglauben  entsprungene 
Vorstellungen,  deren  Träger  und  Interpreten 
insonderheit  die  Tragiker  waren:  a)  für  den 
„Irrgeist“  (ccXdoAcu) , der  den  Frevler  überall- 
hin verfolgt  und,  indem  er  die  Unthat  rächt, 
der  Treiber  zu  immer  neuem  Frevel  wird,  so 
o namentlich  der  in  einem  Geschlechte  fort- 
wirkende Rachegeist.  So  schiebt  Klytaimnestra 
ihre  Unthat  an  Agamemnon  auf  den  alten 
Alastor  des  Atreus,  des  Mörders  seiner  Bruders- 
kinder. Aescliyl.  Ag.  1465—1508.  Vgl.  Soph. 

0.  C.  788.  Trach.  1235.  Eur.  Gr.  1556.  Xc- 
narch.  b.  Athen.  2,  64  f.  6)  für  den  „Teufel“, 
den  bösen  Geist,  der  zur  Sünde  verführt,  ohne 
deshalb  als  Rächer  eines  Frevlers  aufzutreten. 
Eur.  Electra  978.  Iph.  Aid.  945.  c ) Endlich  ent- 

o wickelte  sich  die  Bedeutung  des  ruchlosen, 
verderbenbringenden  Menschen,  wie  bei  Aesch. 
Pcrs.  354.  Eum.  237.  Athen.  12,  541c,  und  daraus 
wurde  ein  allgemeines  Scheltwort,  wie  es  vor- 
liegt bei  Dem.  de  cor.  p.  324.  Iieisk.,  de  falsa  leg. 
p.  438  u.ö.  d)  Aufserdem  kommt  das  Wort  vor  als 
Beiname  rächender  und  strafender  Götter,  des 
Zeus  und  der  Erinyen.  Hesych.  Etym.  M. 
Ausführlicheres  über  Etymologie  und  Bedeu- 
tung bei  Welcher , Götterl.  3 p.  95 — 99.  Nü- 
9 gelsbacli,  de  religionibus  Oresteam  Aescliyli  con- 
tinentibus  1843.  Derselbe,  Nachhom.  Theöl.  S. 
335ff.  339 ff.  482.  Stoll  in  Paulys  Rcalenc. 2 1, 

1,  641.  — 2)  Sohn  des  Neleus  (Schol.  Apoll.  Iih. 
1, 152)  und  der  Chloris  (Apollod.  1,  9,9),  wurde 
samt  seinen  Brüdern  mit  A usnahme  des  Nestor 
von  Herakles  bei  der  Zerstörung  von  I’ylos 
getötet.  Nach  Parth.  erot.  13  freit  er  um  Har- 
palyke  (s.  d.),  des  Klymenos  Tochter.  Als  er 


223  Alateivia 

die  Neuvermählte  heimführen  will,  gereut  den 
Schwiegervater  sein  Versprechen,  er  eilt  dem 
Alastor  nach  und  führt  Rarpalyke,  zu  der  er 
selbst  in  blutschänderischer  Liebe  entbrannt 
ist,  in  sein  Haus  nach  Argos  zurück.  — 8) 
Ein  Lykier,  Genosse  des  Sarpedon,  der  von 
Odysseus  erlegt  wird.  II.  5,  677.  Ovid.  Met.  13, 
257.  — 4)  Ein  Grieche  II.  4,  295,  der  mit 
Mekisteus  den  verwundeten  Teukros  rettet.  II. 

8,  333  ff.,  desgleichen  den  Hypsenor  13,  421  ff.  l 
— 5)  Vater  des  Tros,  II.  20,  463.  — (»)  Name 
eines  Rosses  des  Pluto  : Claud.  rapt.  Pros.  1, 
284.  [Bernhard.] 

Alateivia,  Name  einer  Göttin  auf  einer  In- 
schrift aus  Xanten,  Or.- Uenzen  5865:  Alatei- 
viae  ex  jussu  i(psius)  Divo  Medicus.  Vgl.  Ala- 
tervae  matres.  [Steuding.] 

Alatervae  matres,  wahrscheinlich  keltische 
Göttinnen  der  nährenden  Erde,  auf  einer  In- 
schrift aus  Nether  Cramond,  C.  I.  L.  7,  1084:  2 
Matrib.  Alatervis  et  matrib.  Gampestrib.  coli. 

I Tungr.  Sie  sind  wohl  mit  den  gleichfalls 
keltischen  Gottheiten  Alus  und  Alantedoba 
(s.  d.)  vielleicht  auch  mit  Alateivia  u.  Alator 
(s.  d.)  etymologisch  zu  verbinden.  Da  neben 
Alus  Saturn  und  neben  den  Alatervae  matres  die 
matres  campestres  genannt  werden,  so  darf  man 
diese  Namen  wohl  alle  auf  al,  alati  nähren 
zurückführen.  [Steuding.] 

Alator,  Beiname  des  Mars  auf  einer  Weih-  3 
inschrift  in  Rooky  Wood,  Hertfordshire,  C.  I.  L. 
85:  D.  Marti  Alatori.  Dum  ( nonius ) Censorinus 
Gemelli  fil.  v.  s.  I.  m.  Ward  denkt  dabei  an  castra 
Alatorum.  S.  jedoch  Alatervae.  [Steuding.] 

Alaunius  oder  Alaunus,  Beiname  des  Mer- 
curius  auf  einer  Inschrift  aus  Mannheim,  Or.- 
Henzen  5866:  Genio  Mercur.  Alauni  Iul.  Ac. . .. 
nius  Augustal?  ex  v.  s.  1. 1.  m.  Wegen  der  grofsen 
Entfernung  vom  Fundort  ist  die  Ableitung 
Uenzens  von  Alauna  im  Nordwesten,  oder  von  4 
Alaunium  im  Südosten  Galliens  nicht  wahr- 
scheinlich, aber  vielleicht  sind  diese  drei  Na- 
men auf  einen  Stamm  zurückzuführen.  Dann 
dürften  die  Alounae  (s.  d.)  aus  der  Gegend 
von  Salzburg  zu  vergleichen  sein.  Die  Ver- 
bindung mit  den  Alauni  = Alani  des  Ptolem. 
hat  nicht  viel  für  sich.  Vgl.  Zeufs,  Gr.  Celt. 
774.  [Steuding.] 

Albioii  s.  Alebion. 

AlMonae.  Eine  Gruppe  römischer  Gott-  5 
heiten,  die  uns  nur  aus  einer  einzigen  Notiz 
des  Paulus  (p.  4)  bekannt  ist,  aus  welcher  wir 
erfahren,  dafs  ihnen  ein  Hain  in  Trastevere 
geweiht  war,  und  sie  das  Opfer  einer  weifsen 
Kuh  empfingen.  Diese  wenigen  Angaben  ge- 
nügen natürlich  nicht,  um  daraus  Schlüsse  auf 
die  eigentliche  Natur  dieser  Gottheiten  zu 
ziehen;  doch  macht  es  der  Umstand,  dafs  auch 
im  Kulte  der  Dea  Dia  das  Opfer  einer  uacca 
honoraria  alba  eine  Rolle  spielt  (vgl.  Henzen,  Gi 
Acta  fratrum  Arual.  p.  20  f.  ebenso  wird  auch 
der  Bona  Dea  agrestis  eine  iunix  alba  ge- 
opfert C.  I.  L.  6,  68),  wahrscheinlich,  dafs  wir 
es  auch  hier  mit  Gottheiten  der  Ackerflur  zu 
thun  haben.  [Wissowa.] 

Albiorix,  Beiname  des  Mars  auf  einer  In- 
schrift a.us  Avenio,  Or. -Ilenzen  5867:  Marti 

Albiorigi  Sex.  Cornelius  etc.  Die  Endung  rix 


Albunea  224 

ist  altgallisch,  = lateinisch  rex-,  vgl.  Ambiorix 
u.  a.  [Steuding.] 

Albsis  Pater,  Name  eines  Gottes  auf  einem 
Erztäfelchen  mit  der  Widmung  Albsi  Patre 
(C.I.L.  6,  3672.  Bphem.  epigr.  2,  198).  Viel- 
leicht bedeutet  der  Name  einen  Flufsgott  (vgl. 
Alburnus,  Albula).  Vgl.  Preller , r.  AI}  2,  138,  1. 

[Roscher.] 

Albula  = Albunea  (s.  d.)  b.  Stat.  Silv.  1,  3, 
75.  [Roscher] 

Albunea  (oder  Albuna?)  und  Albula  (Stat. 
Sill).  1,  3,  75),  die  Nymphe  einer  schwe- 
felhaltigen, weifsfarbigen  Quelle  (albulae  aquae) 
bei  Tibur,  die  aus  der  Tiefe  des  Lago 
della  Soltätara  entspringt , und  deren  Bach 
schliefslich  in  den  Anio  (Teverone)  mündet. 
Dieser  Bach  bildete  einen  Wasserfall  und  Hofs 
dann  durch  mehrere  Haine,  in  deren  einem 
sich  das  Orakel  des  Faunus  befand.  Daher 
heifst  es  bei  Verg.  Aen.  7,  81  ff. : At  rex  . . . 
oracula  Fauni  . . . adit  lucosque  sub  alta  con- 
sulit  Albunea,  nemorum  quae  maxuma  sacro 
fönte  sonat  saevamque  exhalat  opaca  mephitim. 
'Der  König  sucht  das  Orakel  des  Faunus  auf 
und  die  Haine  unter  dem  Sturz  der  Albunea, 
welche  grofs  vor  den  Bächen  des  Waldes  da- 
hinrauscht mit  dem  heiligen  Wasser  ihres 
Quelles  und  aus  dem  Dunkel  Schwefelgeruch 
haucht’.  Vgl.  Servius  und  besonders  Lade- 
wig-Schaper  z.  St..  Die  Schönheit  des  Ortes 
preist  Horat.  Carm.  1,  7,  12;  die  domus  Albuneae 
resonantis,  die  wiederhallende  Grotte  der  Al- 
bunea,  lag  vielleicht  in  der  Nähe  ihres  eige- 
nen Wasserfalles  oder  bei  dem  Sturze  des 
Anio.(?)  Bor  mann,  altlat.  Chorogr.  S.  49  ff. 
sucht  das  von  Vergil  beschriebene  Orakel  nicht 
in  Tibur,  sondern  bei  der  Solfatara  d’Alfieri 
in  der  Gegend  von  Ardea,  weil  Probus  zu  Verg. 
G.  1,  10  sagt:  oraculum  eius  (Fauni)  in  Albu- 
nea, Laurentinorum  silva,  est.  Die  Stelle  bei' 
Vergil  wird  gewifs  richtig  auf  Tibur  bezogen ; 
vgl.  Servius  Verg.  Aen.  7,  83.  Albunea  be- 
zeiehnete  übrigens  nach  Servius  a.  a.  0.  so- 
wohl die  Quelle,  wie  den  Hain.  Vergil  läfst 
den  König  Latinus  wegen  der  Wundererschei- 
nungen, die  er  an  Lavinia  beobachtet  hatte, 
dieses  hochangesehene  Traumorakel  aufsuchen. 
In  dem  heiligen  Haine  ruhte  der  Orakelsuchende 
während  der  Nacht  auf  ausgebreiteten  Schaf- 
vliefsen  und  wurde  wahrscheinlich  unter  Ein- 
wirkung der  Schwefeldünste,  welche  die  vor- 
beifliefsende  Albunea  aushauchte , in  eine  Art 
Ilallucination  versetzt.  (Vgl.  Servius  z.  St.: 
Mephitis  proprie  est  terrae  putor,  qui  de  aquis 
nascitur  sulphuratis,  et  est  in  nemoribus  gra- 
vior  ex  densitate  silvarum).  Daher  kam  es, 
dafs  Albunea  selbst  als  weissagende  Nymphe 
aufgefafst  wurde,  als  die  Carmentis  Tiburs 
(Servius  Verg.  Aen.  8,  336),  d.  i.  eben  die  weis- 
sagende Nymphe  von  Tibur  ( Servius : antique 
vates  carmentes  dicebantur)-,  als  von  Kumä 
aus  der  griechische  Sibyllenkultus  nach  Lati- 
um kam,  fafste  man  die  Albunea  als  eine 
Sibylle  auf,  und  so  heifst  sie  bei  Suidas  unter 
BißvXlcu  die  zehnte  Sibylle,  ebenso  Lactant. 
1,  6,  12,  vgl.  Crcuzer,  zur  Gesell,  altröm.  Kul- 
tur S.  101.  Es  scheint  zu  Tibur  über  sie  eine 
Sage  gegeben  zu  haben,  sie  habe  ihr  Orakel- 


ä! 

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: 

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) 

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- 

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.ach 


225 


Alburnus  Deus 


Aleos 


226 


buch  mitten  durch  den  Anio  getragen,  ohne 
dafs  die  Rolle  vom  Wasser  durchnäfst  worden 
sei.  Tibull.  2 , 5.  69 : quasque  Anienct  sacras 
j Tiburs  per  flumina  sortes  portarit  sicco  pertu- 
j Jeritque  stritt.  Vgl.  Heyne  zu  der  Stelle  (ed.  alt. 
vom  Jahr  1777.  S.  126.  obscrvat.  in  T.  S.  125  f.). 
Nach  Lactantins  1,  6,  12  wurde  sie  am  Ufer 
des  Anio  zu  Tibur  göttlich  verehrt,  noch  heut- 
zutage steht  in  Tivoli  über  dem  Abgrund,  in 
den  der  Teverone  stürzt,  ein  Tempel  der  ,,Si-  n 
bylle“  (vgl.  Jacobi  Handwb.  unter  Albunea),  und 
j zwar  erzählt  Lactantius , dafs  das  Bild  (, simula - 
crutn ) der  Sibylle,  ein  Buch  in  der  Hand  hal- 
! tend,  im  Strudel  des  Flusses  gefunden  worden 
sei,  eine  Angabe,  die  offenbar  mit  der  von 
Tibull  berührten  Sage  in  Zusammenhang  steht. 
Ihre  Sprüche  ( sortes ) liefs  später  der  Seuat 
i nach  Rom  bringen  und  auf  dem  Capitol  auf- 
bewahren. Lactant.  a.  a.  0.  — Servius  z.  Verg. 
Aen.  7,  84  sagt,  dafs  Albunea  mit  dem  Gott  21 
j Mephitis  verbunden  gewesen  sei,  wie  Venus 
mit  Adonis,  oder  Diana  mit  Virbius;  freilich 
gilt  sonst  Mephitis  oder  richtiger  Mefitis  für 
t eine  Göttin;  z.  B.  hält  man  die  Mefitis  Fisica 
bei  Mommsen,  I.  N.  n.  307  für  eine  heil’se 
Schwefelquelle.  Preller,  r.  M.  (3.  Aufl.  von 
Jordan  1,  113, .3.  448,  3.  2,  144  ff'.).  Die  Sache 
scheint  so  zu  liegen:  Albunea  war  der  latei- 

nische Name  für  solche  Schwefelquellen,  eben- 
sogut für  die  berühmte  bei  Tibur,  wie  für  die  3' 
weniger  bekannte  im  Gebiet  der  Laurenter 
j ( Probus  a.  a.O.).  Mefitis bezeichnete  wahrschein- 
lich ursprünglich  dasselbe,  es  ist  ein  fremder 
bisher  noch  nicht  erklärter  Name:  Jordan  zu 
Preller f r.  M.  2,  144.  4 (3.  Aull.).  Manche 
übersetzten  den  Namen  Albunea  etymologisie- 
! rend  mit  Leukothea  (vgl.  Servius  Verg.  Aen. 

7,  84),  welche  letztere  ursprünglich  mit  der 
Albunea  wohl  nichts  zu  thun  hatte.  Wie  die 
kalte  Schwefelquelle , später  ein  besuchtes  4 
Heilbad,  immer  mit  aquae  Albulae  oder  mit 
Albula  bezeichnet  wurde  ( Strabo  5,  238  Paus. 

4,  35.  Plin.  n.  h.  31,  10.  Vitruv.  8,  3.  Säet. 

I (Jet.  82.  Ner.  31.  Martial.  1,  12,  2),  so  nannte 
auch  Statius  Silv.  1,  3,  75  die  Albunea  selbst 
Albula:  illic  sulfureos  cupit  Albula  mergere 
; crines.  Der  Name  Albunea  hängt  wie  Albula 
I mit  albus  zusammen.  Servius  Verg.  Aen.  7, 
83  erklärt  richtig:  Albunea  dicta  est  ab  aquae 
qualitate,  quae  in  illo  fonte  est.  Die  Form  Al-  5 
buna  stand  früher  als  Konjektur  Tibull.  2,  5, 
69,  nicht  unrichtig  gebildet,  vgl.  Fortuna,  Va- 
I cuna.  Die  Albunea  hat  ein  treffendes  Analo- 
gon am  ’AXcpstös,  vgl.  G.  Curtius , Gr.  EtymJ 
I S.  293.  A.  Bütticher,  Olympia  S.  44  f.  Über 
die  Lage  der  Albunea  ist  man  noch  nicht  einig. 
Vgl.  Bonstetten,  Voyage  sur  la  scene  des  six 
derniers  livres  de  l'Eneide  p.  205  ff.  Nibby, 
Viaggio  1 p.  109.  Kephalides , Beisen  durch 
Italien  1 S.  125.  Jacobi , Handwb.  unter  Al-  1; 
bunea.  [Wörner.] 

Alburnus  Deus,  ein  rätselhafter  Gott,  dem 
M.  Amilius  einen  Tempel  gelobt  hatte,  wel- 
j ches  Gelübde  jedoch  später  der  römische  Senat 
nicht  bestätigte:  Tert.  Apolog.  5.  adv.  Marc.  1, 
18  (wo  Varro  Quelle  ist).  Vgl.  Preller , r.  MV 
1,  155,  1.  [Roscher.] 

AUlemiöS  (Albryuog,  Nebenform  "AXdog,  im 
Koscher,  Lexikon  der  gr.  u.  röm.  Mythol. 


Etym.  M.  Flor  ent.  in  Millers  ' Melanges ’ p.  21 
’AXötog)  b Ztvg,  og  sv  r<x£y  zgg  Ev^iag  ziyäzca' 
Ttagd  zo  ccXdodvtn,  zo  av^äveo  ‘ o sni  zyg  cev^ij- 
oecog  zwv  hcxqtccöv  Mefrodiog:  Etym.  M.  p.  58, 
20  Gaisf.  [Crusius.] 

Alebion  (’AXsßicav),  Sohn  des  Poseidon,  in 
Ligurien  wohnhaft,  welcher  samt  seinem  Bruder 
Derkynos  von  Herakles  erschlagen  wurde,  weil 
sie  es  gewagt  hatten,  ihn  der  aus  Erytheia 
entführten  Rinder  zu  berauben:  Apotlod.  2,  5, 
10.  Pomp.  Mela  2,  5 , 78  nennt  ihn  Albion. 
Wahrscheinlich  ist  Alebion  Eponymos  der 
von  Strabo  202  erwähnten  Stadt  ’ ’AXßiov . 

| Roscher.] 

Alegeuor  (AXtyyvmq),  Sohn  des  ltonos,  En- 
kel des  Boiotos,  Vater  des  Klonios,  der  vor 
Troja  fiel,  Dioä.  4,  67.  Schol.  11.  2,  494,  wo 
der  Vater  Eteonos,  nicht  ltonos  heifst.  [Stoll.] 

Aleisios  s.  Alesios. 

Alekto  (g4X[X]ynzco),  eine  der  Erinnyen  (s.  d.). 
Vgl . Apollo d.  1,  1,4.  Orph,  Arg.  971.  Hymn. 
68 , 2.  Cornut.  10.  Schol.  Eur.  Or.  37.  321. 
Phot.  u.  Harpolcr.  s.  v.  Evysviätg.  Verg.  Aen. 
7,  324  ö.  Tzetz.  Lylc.  406.  Theog.  81. 

[Roscher.] 

Alektor  (AXshzuq) , 1)  Sohn  des  Anaxago- 
ras,  Vater  des  Ipliis , König  in  Argos.  Apd. 

з , 6 , 2.  Paus.  2 , 18,4.  — 2)  Sohn  des 
Epeios , König  in  Elis , macht  aus  Furcht  vor 
Pelops  den  Phorbas  aus  Olenos  zum  Teilhaber 
der  Herrschaft  und  zeugt  mit  dessen  Toch- 
ter Diogeneia  den  Amarynkeus.  East.  II.  p.  303. 
Diod.  Sic.  4,  69.  — 3)  Vater  der  Iphiloche 
oder  Echemela,  die  mit  Menelaos’  Sohn  Me- 
gapenthes  verheiratet  wurde.  Hom.  Od.  4,  10. 
Nach  Eust.  ad  Hom.  p.  1479,  21  Sohn  des 
Argeios  und  der  Hegesandra,  Enkel  des  Pe- 
lops. Vgl.  Pherecyd.  b.  Schol.  zu  Od.  4,  22.  — 
4)  Vater  des  Argonauten  Leitos.  Apd.  1,  9, 
16  (bei  Hom.  II.  17,  602  Alektryon  genannt). 

[Bernhard.] 

Alektryon  (AXihzqvwv),  1)  Vater  des  Argo- 
nauten Leitos.  II,  17,  602  (vgl.  Apd.  1,  9,  16 

и.  Alektor  4).  — 2)  Ein  junger  Ifiener  des  Ares, 
den  er  sich  für  seine  Besuche  bei  Aphro- 
dite zum  Wächter  bestellt  hatte.  Einmal  war 
er  eingeschlafen  und  so  die  Veranlassung  ge- 
worden, dafs  Helios  die  Buhlerei  zwischen  Ares 
und  Aphrodite  entdeckte  und  dem  Hephaistos 
verriet,  der  jene  mit  einem  Netz  umstrickte 
und  dem  Gespött  der  Götter  preisgab.  Zur 
Strafe  verwandelte  ihn  Ares  in  einen  Hahn. 
Luc.  Gail.  3.  Eust.  ad  Hom.  1598,  61. 

[Bernhard.] 

Alemon  (Alr\ya>v),  ein  Argiver,  Vater  des 
Myskelos,  des  Gründers  von  Kroton:  Ov.  Met. 
15,  19  u.  26.  [Roscher.] 

Alemona  s.  lndigitamenta. 

Aleos  (Also s,  auch’Alfwg  und’Alfog),  l)Grün- 
1 der  und  Eponymos  von  Alea  in  Arkadien,  Sohn 
des  Apheidas,  Enkel  des  Arkas,  Gemahl  der 
Neaira,  Vater  des  Lykurgos , Ampliidamas, 
Kepheus,  der  Alkidike  und  Auge,  Teilnehmer 
an  der  Argonautenfahrt  und  Erbauer  des  Tem- 
pels der  Athene  Alea  zu  Tegea:  Eurip.  b. 
Dion.  II.  de  comp.  verb.  26  (fr.  ed.  N.  697).  Ap. 
Bh.  1,  163  u.  Schol,  (Vgl.  auch  das  Argo- 
nautenverzeichnis b.  Ap.  Bh.  cd.  Merlcel  p.  535, 

8 


227 


Alesios 


Aletes 


228 


11).  Apollod.  3,  9,  1.  1,  9,  16.  2,  7,  4.  Strab. 
615.  Diod.  S.  4,  33.  68.  Paus.  8,  4,  4.  8 ö. 
Steph.  Byz.  s.  v.  ’AXsa.  [Roscher.]  — Auf  rö- 
mischen Münzen  der  Stadt  ward  Aleos  mit 
Namensbeischrift  ( AAEOE ) dargestellt  Eckhel 
2,  299.  Mionnet  2,  256  No.  73.  [Schreiber.] 
— 2)  Thebanischer  Heros:  Blut.  gen.  Socr.  5 
(vgl.  Flut.  Lys.  28).  [Roscher.] 

Alesios  (Ah'ioiog,  auch  ’AXtioio g),  Eponymos 
und  Gründer  der  II.  B 617  u.  A 757  erwähn- 
ten Ortschaft  AXgaiov  oder  ’AXsCglov  in  Elis, 
nach  Steph.  Byz.  s.  v.  ’AXrjßi.ov  entweder  Sohn 
des  Skillus  und  Freier  der  Hippodameia  oder 
Sohn  des  Gargettos  und  Begleiter  des  Pelops. 
Vgl.  auch  Aristarch  b.  Schol.  z.  II.  A 757  (der 
ihn  ’AXiGiog  nennt)  und  Eust.  z.  II.  B 617. 

[Roscher.] 

Aletai  (Alr\xui) ' oder  Titanen,  zwei  Figuren 
der  phönikischen  Mythologie  bei  Philo  Bybl. 
fr.  2,  10  ( Müller  FHG.S,  567).  Dazu  Bimsen 
p.  36.  Movers  Pliön.  1,  664.  [Wiliscli.] 

Aletes  (AXrjvr] g),  1)  Sohn  des  Hippotes,  der 
durch  Phylas  und  Antiochos  ein  Urenkel  des 
Herakles  war  {Apoll.  2,  8,  3.  Paus.  2,  4,  3. 
Schol.  Find.  Ol.  13,  17).  Geboren  zur  Zeit 
des  Einfalles  der  Dorer,  als  sein  Vater,  eines 
Mordes  wegen  verbannt,  ein  unstetes  Leben 
führte,  erhielt  er  den  Namen  des  „Schweifers“ 
( Etym . Magn.  ’AXfjzrjg),  vertrieb  später  die  Si- 
syphiden  und  die  von  ihnen  beherrschten  Ionier 
aus  Korinth  {Ephor,  b.  Strab.  8,  389.  Conon 
narrat.  26.  Veil.  Pat.  1,  3)  und  gründete  die 
Stadt  von  neuem;  deshalb  heifsen  die  Korin- 
ther zictidsg  ’Aldzcc  {Find.  Ol.  13,  17)  oder  ’AXg- 
zidcu  {Schol.  Find.  Isthm.  2,  19)  oder  ’AXiqxiä- 
öcu  {Callim.  fragm , 103  Blomf.).  Nach  Pausa- 
nias  (a.  a.  0.)  siegte  er  in  einer  Schlacht,  ver- 
trieb das  Volk,  liefs  aber  Doridas  und  Hyan- 
thidas,  die  letzten  Nachkommen  des  Sisyphos, 
die  ihm  die  Herrschaft  abtraten,  unbehelligt. 
In  seinem  Heere  befand  sich  auch  Melas,  des 
Antasos  Sohn,  aus  Gonussa  bei  Sikyon,  den  er 
zuerst,  durch  ein  Orakel  gewarnt,  nicht  hatte 
aufnehmen  wollen,  zuletzt  aber  doch  als  Ge- 
nossen zuliefs.  Der  Nachkomme  dieses  Melas, 
Kypselos,  stürzte  später  die  Bakchiaden,  wel- 
che (freilich  wohl  mit  Unrecht)  als  Abkömm- 
linge des  Aletes  galten  {Paus.  2.  4,  4.  5,  18, 
8).  Die  Eroberung  Korinths  erfolgte  durch 
Verrat  der  Töchter  des  letzten  Herrschers 
Kreon,  worüber  ausführlich  das  Schol.  z.  Find. 
Nem.  7,  155  berichtet:  Als  Aletes  um  Korinth 
stritt,  befragte  er  das  Zeusorakel  in  Dodona; 
das  verhiefs  ihm  die  Einnahme  der  Stadt, 
wenn  jemand  ihm  eine  Erdscholle  (das  alte 
Symbol  der  Ergebung)  überreichen  würde;  er 
solle  aber  an  einem  kränzereichen  Tage  an- 
greifen. Die  Bedingung  ging  in  Erfüllung, 
als  Aletes  im  Korinthischen  einen  Landmann 
um  Brot  bat  und  eine  Scholle  erhielt.  Nun 
trat  Aletes,  als  eben  in  Korinth  ein  Toten- 
fest gefeiert  wurde  (ligsQU  nolvGzscpavog),  und 
die  Bevölkerung  bei  den  Gräbern  verweilte, 
mit  den  Töchtern  des  Königs  Kreon  in  Ver- 
bindung und  versprach  der  jüngeren  sie  zur 
Frau  zu  nehmen,  wenn  er  die  Stadt  gewinne. 
Da  liefs  sich  das  Mädchen  bereden  und  öff- 
nete das  Thor.  Aletes  nahm  die  Stadt  und 


nannte  sie  Aiog  KoQiv&og,  weil  das  Orakel 
von  Dodona  ihm  den  Weg  zur  Eroberung  ge- 
zeigt hatte.  Die  Fortsetzung  s.  u.  Hellotis. 
Etwas  anderes  erzählt  Flut.  prov.  1,  48  p.  328 
nach  Duris  den  Hergang  mit  der  Erdscholle: 
Als  Aletes  aus  Korinth  vertrieben  worden  war, 
versuchte  er  nach  einem  Orakelspruche  wieder 
dorthin  zurückzukehren;  wie  er  nun  im  Lande 
umherzog  und  einen  Hirten  um  Speise  bat, 
nahm  dieser  aus  seinem  Ranzen  einen  Klofs 
(ßcoXov)  und  gab  ihn  dem  Aletes;  der  fafste 
die  Gabe  als  glückverheifsend  auf  und  rief: 
d£%£T<xL  nal  ßcbXov  ’AXfjzgg,  Aletes“  nimmt  auch 
einen  Klofs  an.  Die  Worte  bilden  einen  Hexa- 
meterausgang und  sind  vielleicht  einem  alten 
Gedichte  entnommen,  enthalten  aber  jedenfalls 
die  früheste  Erwähnung  des  Aletes;  nächst- 
dem  folgt  Pindar.  Ganz  ähnlich  erzählen  He- 
sychios  (AXgzrjg)  und  Diogenian  (4,  27);  nur 
:u  beziehen  sie  z/t og  KoQivQ'og  darauf,  clafs  die 
Erdscholle  von  Zeus  herrührt.  Aletes  teilte 
die  Stadt  nach  einem  Orakelspruch  in  acht 
Bezirke  und  richtete  acht  Phylen  ein  {Suicl. 
ntxvzcc  6-kzg}.  Apostol.  prov.  13,  93);  er  unter- 
nahm auch  einen  Zug  gegen  Attika,  welches 
der  Opfertod  des  Ivodros  rettete  {Conon.  26); 
dabei  wurde  Megara  dorisiert  {Herod.  5,  76. 
Paus.  1,  39,  4.  Schol.  Pind.  N.  7,  155)  mit 
besonderer  Hilfe  der  Messenier  ( Scymn . 504). 
:o  Die  Eroberung  Korinths  durch  Aletes  setzt 
Veil.  Pat.  (1,13)  952  Jahre  vor  die  Zerstörung 
durch  Mummius  , also  in  das  Jahr  1098.  Di- 
clymos  {Schol.  Find.  Ol.  13,  17)  läfst  ihn  erst 
30  Jahre  später  als  die  anderen  Herakliden 
kommen  (1074),  womit  die  Fassung  des  Conon 
(s.  o.)  übereinstimmt.  Anders  der  auf  Apol- 
lodor fufsende  Bericht  des  Diodor  {fragm.  I.  6 
p.  635),  nach  welchem  die  Herakliden  bei  der 
Teilung  Korinth  aussondern,  den  Aletes  holen 
o lassen  und  ihm  die  Landschaft  übergeben.  Er 
war  ein  hervorragender  Mann,  erhöhte  die 
Macht  Korinths  und  herrschte  38  Jahre;  bei 
Malalas  script.  Byz.  p.  90  B {Oxon.  111) 
aber  35  Jahre.  — Vgl.  K.  0.  Müller , Do- 
rier 1,  84  flg.  Baoul-Bochette,  hist,  de  Vetabl. 
des  col.  Grecqu.  3 , 27.  Grote,  Gesch.  Griech. 
1 , 395.  635  {Meifsner).  Weifsenborn , Hellen 
41.  Duncker , Gesch.  d.  Alt.  3,  226.  E.  Cur- 
tius,  Peloponn.  2,  518.  Griech.  Gesch:'  1,  659. 
o Wagner , de  Bacchiadis  Cor.  p.  3.  Haacke, 
Gesch.  Kor.  bis  z.  Sturz  d.  Bacch.  6.  J.  Holle, 
de  Periandro  4 (der  ihn  für  die  Personifika- 
tion der  Handelsthätigkeit  der  Korinther  hält). 
Wie  die  Aletai  des  Philo , der  Bergmann  in 
Neukarthago  und  der  Kadmos  ’AXyxyg  des  Non- 
nos, so  ist  auch  der  korinthische  Aletes 
eine  Gestalt  der  phönikischen  Mythologie,  wor- 
auf noch  besonders  seine  Verbindung  mit 
Hellotis  (s.  d.)  hinweist;  zu  dieser  steht  er  in 
o gleichem  Verhältnis  wie  Kadmos  zur  Europa. 
Phönikisclier  Einflufs  in  Korinth  ist  auch  sonst 
mehrfach  bezeugt,  und  vielleicht  hängt  selbst 
die  Einteilung  der  Stadt  in  acht  Regionen  und 
acht  Phylen  damit  zusammen;  denn  die  Acht- 
zahl kommt  auch  in  Theben  beim  Apollo  Is- 
menios  (Eschinun)  in  Beziehung  auf  altphöni- 
kischen  Kultus  vor  {Her.  5,  59.  Apoll.  3,  4,  2. 
Paus.  9,  10,  4.  K.  0.  Müller,  Orch.  220).  Nach 


229 


Aletlieia 


Alibas 


230 


Movers  2,  2,  100  wurden  die  phönikischen 
Kabiren  Alrjzai  genannt,  das  Etym.  mayn.  setzt 
Alyzyg  geradezu  gleich  nXavfizrjg.  Dadurch 
erklärt  sich  auch  der  Vergleich  von  sieben 
Kämpfern  mit  den  i’ariQi&yoiGiv  alr/zcug  bei 
Norm.  Dion.  13, 170.  Dondorff, , Ionier  auf  Euböa 
S.  28.  Die  nüchterne  Überlieferung  über  die 
Einnahme  Korinths  vom  solygeischen  Hügel 
aus,  wie  sie  Tlnuc.  4,  42  giebt,  liefs  einen  in- 
dividuellen Führer  vermissen ; so  trat  als 
Lückenbüfser  für  den  nicht  vorhandenen  Do- 
rerhelden eine  seit  der  Zeit  phönikisclier 
Herrschaft  am  Isthmus  heimische  astronomische 
Gestalt  ein  und  die  Sage  wurde  dem  Bedürf- 
nis entsprechend  umgestaltet.  Vgl.  Wiliscli , 
Jahrb.  1878  S.  735  flg.  und  1881  ' S.  170  flg. 
Dagegen  nimmt  Schwenck  (rhein.  Mus.  6,  280) 
an,  dafs  Aletes  keine  Beziehung  zur  Hellotis 
hatte,  sondern  „die  verbannten  Herakliden  be- 
zeichnete,  welche  als  cclrjzca  aus  der  Fremde  2 
zurückkehrten“.  — 2)  Sohn  des  Ikarios  und 
der  Najade  Periboia,  Schwager  des  Odysseus. 
Apoll.  3,  10,  6.  — 3)  Sohn  des  Aigistlios,  der 
sich  auf  die  Kunde  vom  angeblichen  Tode  des 
Orestes  des  Thrones  in  Mykenai  bemächtigte, 
von  Orestes  aber  erschlagen  wurde  ( Hygin . f. 
122.  124).  — 4)  Erfinder  des  Silberbergbaues 
bei  den  Karthagern,  dem  deshalb  göttliche 
Ehre  erwiesen  wurde  und  ein  Hügel  bei  Neu- 
carthago  geheiligt  war.  Polyb.  10,  10,  11.  — 3< 
>)  Bejahrter  Genosse  des  Äneas  ( V erg.  Aen. 

!.,  121),  der  den  Nisus  und  Euryalus  zu  ihrem 
Vorhaben  beglückwünscht  (ib.  9,  246).  — G) 
3einame  des  Hippotes  (s.  Al.  1),  der  bei  Tzetzes 
id  Lyc.  1388  als  dorischer  Oikist  von  Knidos 
genannt  ist.  Diod.  5,  9.  K.  O.  Müller , Dor. 

.,  124  Anm.  — 1)  Beiname  des  Kadmos  bei 
Voran.  Dion.  1,  321.  4,  225.  13,  350.  — 8)  Bei- 
lame  eines  Arkaders  Bakis  aus  Kaphye,  der 
euch  noch  Ivydas  hiefs.  Philetas  im  Schol.  4 

I.  Arist.  pax  1036  (1071).  [Wilisch.] 

Aletlieia  (’Alri&tia),  die  personifizierte  Wahr- 
leit,  Tochter  des  Zeus  ( Pind . Ol.  11,  6 u. 
■ichol. , vgl.  auch  11.  A 526),  nach  Philostr. 
Aon.  43  neben  Amphiaraos  und  Oneiros  in 
?eifsem  Gewände  dargestellt,  von  Apelles  in  dem 

Iülde  der  Verleumdung  gemalt  (Lucian.  de  ca- 
min.  5).  Die  Römer  hielten  die  Alfi&siix  (Veri- 
as)  entweder  für  eine  Tochter  des  Saturnus 
= Kqovos  (Flut.  Q.  Pom.  11)  oder  der  Zeit  5 
L’empus):  Gell.  N.  A.  12,  11.  Hör.  c.  1,  24,  7 
ennt  sie  nuda  (unverhüllt?).  Nach  Ael.  V.  II. 

4,  34  trug  der  ägyptische  Oberrichter  ein  Amu- 
ätt  aus  Sapphir  am  Halse,  das  Aletheia  ge- 
annt  wurde.  Flut.  Q.  Symp.  3,  9,  2 nennt  sie 
ine  Amme  des  Apollon.  [Roscher.] 

Aletis  (Alr/zig),  Beiname  der  Erigone,  der 
’ochter  des  Ikaros  (s.  Aletes  2)  und  zugleich 
lame  eines  Gesanges  zu  ihrer  Ehre.  Athen.  14, 

18  j E.  Pollux  4,  55.  Welcher,  Nachtr.  zur  c 
’rü.  224.  Fest  in  Athen  und  Name  eines  Ta- 
es.  Hesych.  jWiliscli.] 

Aleuas  (Aleva g),  ein  Heraklide  in  Thessalien, 
tammvater  des  alten  thessalischen  Adelsge- 
chlechtes  der  Aleuadenr:  Pind.  Pyth.  10,  5 u. 
chol.  Tlieohr.  Id.  16,  34.  Schol.  z.  Dem.  Ol. 

, 22.  Polyacn.  8 , 44,  wo  nach  Westermann 
Pauly  Bediene.-  1 , 704)  Ale  vag  zu  schrei- 


ben ist.  Nach  Ael.  h.  an.  8,  11  weidete  er 
als  Jüngling  die  Rinder  auf  den  Abhängen  des 
Ossa  und  war  so  schön,  dafs  eine  gewaltige 
Schlange  sich  in  ihn  verliebte,  sein  Haar  küfste, 
sein  Antlitz  beleckte  und  ihm  allerlei  Gaben 
brachte.  [Roscher.] 

Alexandra  (Als'E,ccvdQa),  1)  = Kassandra  (s. 
d.):  vgl.  Paus.  3,  19,  6.  26,  5 und  den  Titel 
des  Gedichtes  des  Lylcopliron : Luc.  Lex.  25. 

— 2)  Amazone  auf  einer  rotfigurigen  Vase  aus 
Kameiros  im  Britischen  Museum:  Salzmann, 
Kameiros  pl.  58.  [Klügmann  u.  Roscher.] 

Alexandros  (AlsigotvdQog)  1)  — Paris,  Sohn 
des  Priamos.  Wahrscheinlich  ist  Alexandros 
die  griechische  Übersetzung  des  phrygischen 
Namens  Paris  (vgl.  Xanthos-Skamandros,  Hek- 
tor-Dareios.  lies.  s.  v.  Accysiog  u.  s.  w.  Gurtius, 
Grundz.  d.  gr.  Et.5  278).  Nach  Apollod.  3, 
5,  12  wurde  Paris  so  genannt,  weil  er  seine 
Herden  vor  Räubern  beschützt  hatte.  Alexan- 
dros erscheint  schon  oft  in  der  Ilias,  sodann 
bei  Herod.  1,  3 u.  a.,  namentlich  auch  in  Vasen- 
inschriften: C.  I.  Gr.  4,  3,  17  ( Indices ).  — 2) 
Sohn  des  Akanias:  Stepli.  Byz.  s.  v.  XvzqoL 

— 3)  Sohn  des  Eurystheus,  nach  Apollod.  2, 
8,  1 von  den  Athenern  im  Kampfe  mit  jenem 
Verfolger  der  Herakliden  getötet.  [Roscher.] 

Alexanor  (’AIi^üvcoq)  , Sohn  des  Machaon, 
Enkel  des  Asklepios,  Bruder  des  Sphyros.  Er 
baute  in  Titane  bei  Sikyon  dem  Asklepios  einen 
Tempel  und  hatte  daselbst  ebenso  wie  Euame- 
rion  ein  Bild,  dem  man  als  einem  Heros  nach 
Sonnenuntergang  opferte:  Paus.  2,  11,  Gif.  u. 
23,  4.  Wahrscheinlich  ein  alter  Beiname  des 
Asklepios,  der  zu  selbständiger  Bedeutung  ge- 
langte. [Roscher.] 

Alexiares  (Als'giaQr] g),  Bruder  des  Aniketos, 
Sohn  des  Herakles  und  der  Hebe:  Apollod.  2, 
7,  7.  Offenbar  sind  die  beiden  Söhne  aus  Bei- 
namen des  Herakles  hervorgegangen.  Alexia- 
res bezeichnet  demnach  ungefähr  dasselbe  wie 
Ale^l-aanog  oder  ’Als'gig,  Av(.nr]zog  ist  Beiname 
des  Herakles  C.  I.  Gr.  3817  (vgl.  auch  den 
Herakles  Ka.lliviY.og  C.  1.  Gr.  2385  u.  öfters). 

[Roscher.] 

Alexida  (Alstgidcc),  Tochter  des  Amphiaraos, 
von  welcher  die  Elasioi  (EXccglol),  die  Ab- 
wehrer  der  Epilepsie,  argivische  Dämonen,  ab- 
stammen sollten:  Flut.  Q.  Gr.  23.  [Roscher.] 
Alexinonios  (Ale^ivoyog),  Vater  des  Mela- 
neus  und  Alkidamas,  welche  Neoptolemos  er- 
legte: Q.  Smyrn.  8,  78.  [Roscher.] 

Alexippos  (Als^mnog),  Diener  des  Memnon: 
Q.  Smyrn.  2,  365.  [Roscher.] 

Alexirrlioia  (AlsigiQQoia  und  -yorf,  Tochter 
des  Antandros  (?),  Mutter  des  Karmanor  von 
Dionysos:  Schol.  II.  24,  497.  Flut.  fluv.  7,  5. 
Vgl.  auch  Nat.  Com.  5,  13  p.  497.  [Roscher.] 
Alexis  ('Alelgi g),  Sohn  des  Eleios,  Enkel  des 
Poseidon,  Bruder  des  Epeios:  Aristot.  b.  Schol. 
11.  11,  688.  [Roscher.] 

Algca  ('Alysa),  Töchter  der  Eris,  Personifi- 
kationen der  aus  dem  Streite  hervsrgehenden 
Schmerzen:  lies.  Th.  227.  [Roscher.] 

Alibas  (Alißag)  ('Totenbach’:  vgl.  Flut,  aqua 
an  ign.  util.  2.  Schol.  Aristoph.  Ban.  186  = 
Didym.  fr.  p.  248  Schm.),  Strom  im  Hades: 
Said.  s.  v.,  Etym.  M.  p.  550,  33  (=  Styx). 

8 * 


231 


Alkathaos 


Alipheros 


232 


Daher  die  fingierte  Phyle  ’Ahßccv rig  Lucian. 
Necyom.  20.  [Crusius.] 

Alipheros  (Alitprjqog) , Gründer  der  arkadi- 
schen Stadt  Aliphera,  Sohn  des  Lykaon,  von 
Zeus  mit  seinem  Vater  und  seinen  Brüdern 
wegen  Gottlosigkeit  mit  dem  Blitzstrahl  er- 
schlagen: Apollod.  3,  8,  1.  Paus.  8,  3,  4.  26, 

6.  Steph.  B yz.  s.  v.  ’AlCyuQu.  [Roscher.] 
Alistra  (AlCatqcx),  Mutter  des  Ogygos  von 
Poseidon:  Tzetz.  Lykophr.  1200.  [Roscher.]  n 
Alkaie  ßAlxccirj),  Amazone  auf  einer  Hydria 
in  England:  Bröndsted  vases  of  Campanari 
n.  28.  C.  I.  Gr.  7573.  [Klügmann.] 

Alkaios  QAhicdog) , 1)  früherer  Name  des 
Herakles : Diod.  1 , 24.  4,  10.  S.  Emp.  adv. 
dogm.  3,  36.  Ad.  v.  h.  2,  32.  Bio  Chrys.  or. 
31  p.  338  M.  Auch  Beiname  desselben:  C.I.  Gr. 
1759.  5984  B.  (vgl.  ’Abieidys  ib.  3123.  6303. 
’AXuLdris  1167).  — 2)  Sohn  des  Herakles,  Ahn- 
herr des  lydischen  Königs  Kandaules;  Herod.  21 
1,  7.  Suid.  Biod.  4,  31  nennt  ihn  Kleolaos. 

S.  Agelaos  und  Acheles  (Akeles).  — 8) 

Sohn  des  Perseus  und  der  Andromeda , Ge- 
mahl der  Hipponome  (Tochter  des  Menoikeus 
aus  Theben) , Vater  des  Amphitryon  und 
der  Anaxo:  Hesiod.  Sc.  26.  Apollod.  2,  4,  5. 

Schol.  Eur.  lieh.  886.  Nach  Paus.  8,  14,  2 
war  seine  Gemahlin  Laonome,  Tochter  des 
Guneus  aus  dem  arkadischen  Pheneos , oder 
Lysidike,  Tochter  des  Pelops.  — • 4)  Sohn  des  3' 
Androgeos,  Enkel  des  Minos,  mit  seinem  Bru- 
der Sthenelos  von  Herakles,  nachdem  er  seinen 
Vater  und  dessen  Bruder  getötet  hatte,  ent- 
führt und  mit  der  Herrschaft  über  Thasos  be- 
lehnt: Apollod.  2,  5,  9.  C.  I.  Gr.  5984  G.  Nach 
Biod.  5,  79  war  er  einer  der  Heerführer  des 
Rhadamanthys  und  erhielt  von  diesem  die  Insel 
Paros  zum  Geschenk.  — 5)  Trojaner,  von  Me- 
ges  getötet:  Q.  Smyrn.  10,  138.  [Roscher.] 
Alkamlre  ( AXuävSQr] ),  Gemahlin  des  Poly-  4 
bos  im  ägyptischen  (Theben:  öd.  4,  126.  Ath. 
191b.  [Roscher.] 

Alkandros  ('AhuxvdQog) , 1)  Lykier:  II.  5, 
678.  — 2)  Sohn  des  Trophonios  in  Lebadea: 
Gharax  b.  Schol.  Ar.  Nub.  508.  — 3)  Ein  Ge- 
fährte des  Aneas,  von  Turnus  erlegt:  Vcrg. 
Aen.  9,  767  (vgl.  II.  5,  678).  — 4)  Sohn  des 
Molosserkönigs  Munichos  und  der  Lelante, 
ebenso  wie  sein  Vater  ein  trefflicher  Seher. 
Als  einst  seine  ganze  Familie  (darunter  seine  5 
Geschwister  Megaletor  , Philaios  , Hyperippe) 
von  Räubern  überfallen  wurden  und  ihre  Burg 
in  Brand  gesteckt  wurde,  rettete  Zeus  die  we- 
gen ihrer  Frömmigkeit  von  ihm  geliebten  Men- 
schen vor  dem  Feuertode  dadurch,  dafs  er  sie 
alle  in  Vögel  verwandelte.  So  wurde  Hyperippe 
ein  Taucher  (aü&via) , Munichos  ein  Falke 
(tQLOQxrjg),  Alkandros  ein  Zaunkönig  (6q%iXos), 
Megaletor  und  Philaios  zwei  kleine  Vögel  Na- 
mens i%v£vyo)v  und  v.voiv , die  Lelante  ein  c 
Baumspecht  (mna).  Anton.  Lib.  14.  [Roscher.] 
Alkanor  (’AXhuvcoq,  lat.  Alcanor),  1)  Troja- 
ner vom  Idagebirge,  Vater  des  Pandarus  und 
ßitias , welche  den  Aneas  begleiteten : Vcrg. 
Aen.  9,  672.  — 2)  Ein  Rutuler,  welchen  Ai- 
neias  verwundete : V erg.  Aen.  10,338.  [Roscher.] 
Alkathoe  s.  Alkithoe. 

Alkatlioos  (k/Xxdffoog;  die  Prosaiker  aufser 


Apollod.  ’AXnd&ov g),  1)  Sohn  des  Pelops  und  der 
Hippodameia,  Bruder  des  Atreus  und  Thyestes,  i 
Gemahl  der  Pyrgo  und  Euaichme,  Vater  der 
Periboia,  Automedusa  und  Iphinoe,  des  Isclie- 
polis(Echepolis)  und  Kallipolis.  Hes.  Theog.  772. 
Apollod.  2,  4,  11.  3,  12,  7.  Paus.  1 , 41 , 4. 
42,  4,  6.  43,  4-5.  Find,  Isthm.  7(8),  148. 
Apoll.  Bh.  1,  517  Schol.  Xen.  Cyneg.  1,  9.  Als 
Euippos,  der  Sohn  des  Königs  Megareus,  von 
dem  Kithäronischen  Löwen  getötet  worden  1 J 
war , versprach  dieser  demjenigen  die  Hand 
seiner  Tochter  und  die  Thronfolge  in  Megaris, 
der  den  Löwen  erlegen  würde.  Auf  diesen 
Ruf  eilt  Alkathoos  aus  Elis  herbei,  tötet  den 
Löwen,  stiftet  darauf  der  Artemis  Agrotera  und 
dem  Apollon  Agraios  einen  Tempel  und  erhält  I 
die  Euaichme  als  Gattin  und  später  die  Nach- 
folge auf  dem  Throne.  Auch  galt  er  für  den 
Wiederauf  bauer  der  Mauern  von  Megaris,  nach- , 
dem  diese  durch  die  Kreter  zerstört  waren.  1 
Bei  diesem  Bau  opferte  er  als  der  erste  den 
Göttern,  welche  ngoSgofisig  genannt  wurden, 
und  Apollo  selbst  war  ihm  beim  Bau  behilf- 
lich. Noch  zu  Pausanias’  Zeit  zeigte  man  den 
Altar  jener  Götter  und  den  Stein,  auf  welchen 
Apollo  während  jenes  Baues  seine  Zither  ge- 
legt haben  sollte;  warf  man  auf  diesen  einen, 
kleinen  Stein , so  tönte  er  wie  eine  geschla- 
gene Zither.  Paus.  a.  a.  O.  Ov.  met.  8,  14ff. 
trist.  1,  10,  39ff.  Ps.-Verg.  Cir.  104ff.  Anth.\ 
Pal.  2,  297,  p.  711.  Nach  Apoll.  Bh.  a.  a.  0. 
mufste  Alkathoos  wegen  des  Mordes  seines  H 
Bruders  Chrysippos  aus  Megara  fliehen  und 
während  er  sich  aufmachte,  sich  eine  neue 
Wohnstätte  zu  suchen,  traf  er  auf  den  Löwen, 
zu  dessen  Tötung  auch  noch  andere  gleichzeitig  j; 
ausgeschickt  waren.  Er  bezwingt  ihn,  schneidet 
ihm  die  Zunge  aus  (vgl.  d.  Tristansage)  und  kehrt 
nach  Megara  zurück.  Als  mm  die  Ausgeschick- 
tep  mit  dem  Anspruch  zurückkehren,  ihnen  ge- 
bühre das  Verdienst,  das  Land  von  dem  Un- 
gethürn  befreit  zu  haben , widerlegt  sie  Alka- 
thoos durch  Vorzeigung  der  Zunge  des  Löwen. 
Dem  Alkathoos  zu  Ehren  feierte  man  in  Mega-  i 
ris  Spiele  (’Abux&oia  Pind.  Nein.  5,  84  u.  Schol.). 
nach  seinem  Namen  war  die  Burg  von  Mega- 
ris benannt  und  in  der  Nähe  des  Apollotem 
pels  war  sein  Heroon.  Ebenda  war  ein  Grabmal 
des  Kallipolis,  welchen  der  Vater  mit  einem  j 
brennenden  Scheite  beim  Opfer  getötet  hatte 
Als  nämlich  sein  Bruder  lschepolis  bei  dei 
Kalydonischen  Jagd  umgekommen  war,  eiltt 
Kallipolis,  der  dies  zuerst  hörte,  zu  dem  Vater 
Alkathoos , brachte  ihm  die  Trauerbotschaft 
und  rifs  dabei  das  heilige  Opferfeuer  auseinan 
der.  Im  Zorn  darüber  und  in  dem  Glauben 
dafs  sich  Kallipolis  habe  an  dem  Gotte  ver 
sündigen  wollen',  tötete  ihn  der  Vater.  Paus 

I,  42,  4ff.  — 2)  Sohn  desPorthaon  und  dei 
Euryte.  Apollod.  1,  7,  10.  8,  5.  Quint.  Sm 
10,  352.  Nach  Paus.  6,  20,  17.  21,  10  wai 
er  einer  von  denen , die  Oinomaos  bei  dei 
Bewerbung  um  seine  Tochter  tötete.  Nach  Apoll. 

Q.  Smyrn.  u.  Biod.  4,  65  tötete  ihn  Tydeus,  docl 
war  nach  dem  Schol * zu  11.  14,  120  dies  eir 
Sohn  des  Agrios.  — 3)  Sohn  des  Aisyetes 
ein  Führer  der  Troer  im  trojanischen  Kriege 

II.  12 , 93  ist  er  im  Verein  mit  Paris  unc 


II 


111 


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Alke 


Alkestis 


234 


233 

Agenor  Anführer  der  zweiten  Ordnung  beim 
I Sturm  auf  die  Schiffsmauer;  Gemahl  der  HiP- 
podameia,  der  ältesten  Tochter  des  Anchises. 
II.  13,  427.  466;  nach  der  letzteren  Stelle  war 
! er  Erzieher  des  Aineias  und  wurde  'von  Ido- 
! meneus  mit  Poseidons  Hilfe  beim  Kampfe  um 
die  Schiffe  getötet.  Nach  Quint.  Sm.  3 , 158 
I fällt  ..er  durch  Achilleus.  — 4)  Ein  Begleiter 
i des  Aneas , von  Cädicus  getötet,  Verg.  Aen. 
10,  747.  [Bernhard.] 

Alke  QAhirf),  1)  Tochter  des  Olympos  und 
der  Kybele  Diod.  5,  49.  — 2)  Amazone  in  Tra- 
Ijans  Gedicht:  Äntiiol.  lat.  n.  392  lliese.  — 3) 
I Hund  des  Aktaion:  Hyg.  F.  181.  Ov.  mct.  3, 
217  (vgl.  Xen.  Gyn.  7,  5.  Colum.  r.  r.  7,  12.) 

[Roscher.] 

Alkeidcs  (’AAksfdVjs,  dor.  -ag,  lat.  Alcides), 
Beiname  des  Herakles  (s.  d.),  des  Enkels  von 
Alkaios  oder  Alkeus  (s.  d.),  auch  des  Ainphi- 
tryon  (s.  d.),  des  Sohnes  des  Alkaios:  lies.  sc. 
i 112.  Kallim.  Dian.  145.  Orph.  Arg.  297.  Q. 
Smyrn.  6,  222.  292.  Anth.  14,  4 ö.  C.  I.  Gr. 
1167.  3123.  6303.  Verg.  Aen.  5,  414  ö.  Nach 
Apollod.  2,  4,  12  war  Alkeides  früherer  Name 
des  Herakles,  der  auch  Alkaios  liiefs  ( C . I.  Gr. 
1759.  5984  D).  [Roscher.] 

Alkeis  CAlngig),  Tochter  des  Antaios:  Pi- 
sand.  b.  Schol.  Find.  P.  9,  183.  [Roscher.] 
Alkestis  ('AXy-gozig),  Tochter  des  Pelias  und 
der  Anaxibie  (Hygin.  f.  51),  zeichnete  sich  vor 
ihren  'Schwestern  (Amphinome  und  Euadne 


ihres  Vaters  teil,  zu  welcher  die  Peliaden  von 
Medeia  überredet  waren  (vgl.  dagegen  Palaiph. 
de  incred.  c.  41).  Von  ihren  vielen  Freiern 
erhält  Admetos,  König  von  Pherai,  den  Vor- 
zug, weil  er  das  Gebot  des  Pelias  erfüllt  und 
(mit  Hilfe  des  Apollon)  Eber  und  Löwen  vor 
den  Wagen  spannt.  Nach  Diod.  4,  53,  2 wird 
sie  erst  nach  dem  Tode  des  Pelias  durch  Iason 
mit  Admetos  verheiratet,  wohl  um  denWider- 
10  spruch  zu  beseitigen,  der  zwischen  ihrer  frü- 
heren Vermählung  und  ihrer  Gegenwart  beim 
Tode  des  Pelias  liegt.  Als  ihr  Gatte  sterben 
soll  und  sich  niemand  findet,  der  freiwillig  für 
ihn  in  den  Hades  zu  gehen  übernimmt,  erklärt 
sich  Alkestis  bereit  ( Eurip . Alkestis).  Sie  stirbt, 
doch  Herakles,  der  an  demselben  Tage  nach 
Pherai  kam,  auf  dem  Wege  nach  den  Rossen 
des  Diomedes  begriffen,  ringt  sie  dem  Tod 
beim  Grabmal  ab  und  führt  sie  dem  Admetos 
20  wieder  zu.  So  wohl  schon  Phryniclios  ( fragrn . 
trag.  Plvryn.  2 u.  3),  nach  ihm  Euripides ; nach 
andern  wird  Alkestis  von  Herakles  aus  dem 
Hades  geholt  (Luc.  dial.  mort.  23  nul  rgv 
ofioysvrj  gov  Alagaxiv  7taQ£7xiyipccxe  HqccaIsi 
XUQi^ogsvoi,  vgl.  Apollod.  1,  9,  15  "Aidy  gu%e- 
Gaucvag , Hygin.  f.  51  Hercules  ab  inferis  re- 
vocavit),  oder  sie  wird  von  der  Persephone 
wegen  ihrer  Gattentreue  wieder  zurückgesandt 
(Fiat.  Symp.  179 G.  Apollod.  1,  9,  15.  Hygin. 
30  f.  51.  251.  Schol.  Aristoph.  Vesp.  1239,  vgl. 
noch  Luc.  de  luctu  4).  Sie  wurde  als  eine  der 


Alkestis  auf  d.  Krankenlager,  Mittelstiick  d.  Sarkopliagreliefs  in  Villa  Albani  (s.  S.  235  Z.  32). 


■ nach  Diod.  4,  53,  2,  Pelopia,  Medusa,  Peisidike, 
Hippotlioe  nach  Hygin.  f.  24,  auf  dem  Bilde 
des  Mikon,  wohl  dem  in  Athen  im  Tempel 
der  Dioskuren  befindlichen,  Asteropeia  und 
j Antinoe  genannt  nach  Paus.  1,  18,  1 u.  8,  11, 
2)  durch  Schönheit  ( Horn . B 714  diu  ywaincbv 
— Dtliao  &vyuTQwv  sidog  dgiarg)  und  Fröm- 
migkeit aus  (Diod.  4,  52,  2).  Sie  allein  nahm 
i nicht  an  der  Ermordung  und  Zerstückelung 


60  edelsten  Frauen  im  Hades  neben  Penelope, 
Euadne  und  Laodameia  gefeiert,  vgl.  Athen. 
13,  559  G.  Aclian.  rar.  hist.  14,  45.  de  nat. 
an.  1,  15.  Propert.  2,  5,  15.  Tzetses  Antehom. 
238.  Pragmatisch  wird  der  Mythus  erklärt 
von  Plutarch.  amat.  18.  Palaepli.  de  incred. 
hist.  41.  — Der  Mythus  der  Alkestis  wurde  viel- 
fach auf  der  Bühne  vorgeführt,  vgl.  Juven.  6, 
652  spectant  subeuntem  fata  mariti  Alcestim ; 


235 


Alkeus 


Alkimedusa 


236 


als  Stoff  eines  Pantomimus  nennt  ihn  Lucian 
de  satt.  52. 

Über  Darstellungen  der  Alkestis  bei  der 
Ermordung  des  Pelias  s.  u.  Peliaden,  Alkestis 
bei  den  Leichenspielen  des  Pelias,  allein  von 
den  Peliaden  benannt,  auf  dem  Kasten  des 
Kypselos,  Paus.  5,  17,  11.  Admet  und  Alkestis, 
die  auf  den  Tod  des  ersteren  bezügliche  Orakel- 
rolle empfangend,  pompejanische  Wandgemälde 
nicht  sicherer  Deutung:  JHelbig,  Wandgem.  1157 
— 1161.  Sogliano,  le  pitture  viurali  campane 
(in:  Pompei , la  regione  sotterrata  dal  Vesuvio, 
Napoli  1879)  Nr.  506,  vgl.  Pull.  d.  Inst.  1877 
S.  27.  1879  S.  69.  Sicher  nicht  hierher  gehört 
Stephani,  Compte  rendu  de  St.  Petersbourg  1860 
Taf.  2.  Abschied  der  Alkestis  von  Admetos, 
etruskisches  Vasenbild,  Arch.  Zeit.  1863  T.  180; 
vielfach  auf  etruskischen  Urnen,  vgl.  Bütschlce , 
Antike  Bildwerke  in  Oberitalien  unter  Alkestis, 
doch  ist  ihre  Zugehörigkeit  nicht  sicher.  Ab- 
schied und  Rückkehr  unter  Geleit  des  Herakles 
auf  römischen  Sarkophagen,  vgl.  K.  Bissel , der 
Mythos  von  Admetos  und  Alkestis,  seine  Ent- 
stehung und  seine  Barstellung  in  der  bildende b 
Kunst,  Brandenburg  1882,  4 (Schulprogramm), 
S.  12,  und  die  Recension  desselben  Philolog. 
Rundschau  3 S.  270  ( Bütschke ).  Doch  mit  Un- 
recht nimmt  er  die  von  K.  Robert,  Thanatos 
39  , Winckelmanns-Progr.  Berlin  1879  aufge- 
stellte Deutung  des  ephesischen  Säulenreliefs 
als  sicher  an.  Vgl.  noch  Matz,  antike  Bildw. 
in  Rom  unter  Alkestis.  Der  eingefügte  Holz- 
schnitt, das  Mittelstück  eines  in  der  Villa  Al- 
bani  (No.  140)  befindlichen  Sarkophagreliefs, 
zeigt  Alkestis  auf  dem  Krankenlager,  wie  sie 
dem  Pädagogen  eine  Rolle,  ihren  letzten  Wil- 
len, iibergiebt;  vor  dem  Bett  jammern  ihre 
beiden  Kinder,  hinter  der  Kline  stehen  zwei 
Dienerinnen;  die  Figur  des  Admetos  erblickt 
man  rechts,  wahrscheinlich  dem  Herakles  ent- 
gegen eilend  (das  Relief  ist  unvollständig) ; vgl. 
Zoeqa  bass.  ant.  1 , 43.  Millin  Gal.  myth. 
108,  428. 

Nach  K.  Bissei,  der  frühere  Deutungen  des 
Mythos  zurückweist,  ist  Admetos  der  Sonnen- 
gott, und  Alkestis,  „die  Strahlende“,  ist  die 
Morgenröte;  zugleich  soll  sie  aber  auch  das 
abendliche  Halbdunkel  (Abendrot?)  bedeuten, 
was  für  den  Gatten  stirbt,  damit  er  am  an- 
dern Morgen  in  neuem  Glanze  im  Osten  auftau- 
chen kann.  [Vgl.  auch  C.  I.  Gr.  231.  6047.  6235. 
6336.  R.]  [Engelmann.] 

Alkeus  (’AXkev g,  Grundform  zu  ’AlxfiSrjg), 
Vater  des  Amphitryo  nach  Sind.  s.  v.  ’Alv.sC- 
dr) s,  identisch  mit  Alkaios,  s.  d.  [Crusius.] 

Alkibie  (’Ahußirj),  Amazone  im  Gefolge  der 
Penthesileia  vor  Troja,  von  Diomedes  getötet, 
Quint.  Sm.  1,  45.  260.  [Stoll.] 

Alkidamas  (AhuSccpag) , 1)  Vater  der  Kte- 
sylla  (s.  d.),  wohnhaft  auf  der  Insel  Keos, 
Anton.  Lib.  1.  Ov.  Met.  7,  369;  vgl.  Akontios. 
— 2)  Sohn  des  Alexinomos,  wohnhaft  in  Kau- 
nos, mit  seinem  Bruder  Melaneus  vor  Troja 
von  Neoptolemos  getötet,  Quint.  Sm.  8,  77.  — 
3)  Ein  Mysier,  Sohn  des  Aktaios,  von  Neopto- 
lemos vor  Troja  erlegt,  Tzetz.  Posth.  556. 

[Stoll.] 

Alkidameia  (’Almöüpsia),  von  Hermes  Mutter 


des  korinthischen  Heros  Bunos.  Etnnelos  hei 
Paus.  2,  3,  10.  Als  „Einspannerin,  ein  weib- 
licher Triptolemos“  erklärt  von  Welcher  zu 
Schwencks  Andeut.  326.  [Wilisch.] 

Alkidike  (’AhudGri),  Tochter  des  Aleos,  Ge- 
mahlin des  Salmoneus,  Mutter  der  Tyro,  Apol- 
lod.  1,  9,  8.  Biod.  4,  68.  Hellanikos  b.  Schal. 
Plat.  p.  376.  Tzetz.  L.  175.  872.  [Stoll.] 
Alkimache  ( ’Ahupuxg ),  1)  Tochter  des  Aiakos, 
io  von  O'ileus  Mutter  des  Medon , eines  Stief- 
bruders des  Lokrers  Aias,  Schol,  II.  13,  694. 
Nach  II.  13,  697.  15,  336  war  die  Stiefmutter 
des  Medon,  die  Mutter  des  Aia.s,  Eriopis,  nach 
Hellanikos  Eriope;  aber  nach  Porphyrion,  Phe- 
rekydes  und  Mnaseas  war  des  Aias  Mutter 
Alkimache , die  Tochter  des  Phylakos.  Der 
Verf.  der  Naupaktika  sagte,  des  Aias  Mutter 
habe  zwei  Namen  gehabt,  Eriope  und  Alki- 
mache. Schol.  11.  15,  333.  336.  — 2)  Alkimache 
20  und  Alkimacheia,  eine  Mänade  aus  Lemnos, 
Tochter  des  Harpalion,  Begleiterin  des  Diony- 
sos nach  Indien,  wo  sie  durch  Morrheus  fiel, 
Nonn.  Bion.  30,  192.  210.  — 3)  Beiname  der 
Athene,  Suid.  s.  v.  [Stoll.] 

Alkimede  (Ahups§r\),  Tochter  des  Phylakos 
und  der  Klymene,  der  Tochter  des  Minyas, 
eine  Schwester  des  Iphiklos,  Gemahlin  des 
Aison,  Mutter  des  Iason,  Ap.  lih.  1,  45.  Phc- 
rekydes  b.  Schol.  Ap.  Rh.  1,  45.  230.  Schol, 
30  Od.  12,  69.  Hyg.  f.  13.  Ovid.  Heroid.  6,  105. 
Bei  Hyg.  f.  14  wird  statt  Glymene  zu  schrei- 
ben sein  Clymenes,  s.  Aison,  Iason.  [Stoll.] 
Alkimedes  (AXtupidrig),  ein  Genosse  des  Lo- 
krischen  Aias  vor  Troja,  Quint.  Sm.  6,  557. 

[Stoll.] 

Alkimedon  (AXntpeSav) , 1)  ein  arkadischer 
Heros,  von  welchem  eine  Ebene  im  Gebiet  von 
Mantineia  den  Namen  hatte,  Vater  der  Phialo, 
mit  welcher  Herakles  den  Aichmagoras  zeugte, 
-io  Mutter  und  Kind  wurden  von  Alkimedon  im 
benachbarten  Gebirge  ausgesetzt;  aber  Hera- 
kles fand  sie  auf,  geleitet  von  den  klagenden 
Tönen  eines  Hähers  (KCoaa).  Danach  wurde 
eine  Quelle  Ki'oGtx,  Häherquelle,  genannt,  die 
in  der  Nähe  von  der  Höhle  des  Automedon, 
wo  dieser  gewohnt  haben  sollte,  entsprang. 
Paus.  8,  12,  2.  Curtius  Pelop.  1,  243.  269, 
12.*  Bursian,  Geogr.  2,  207.  214.  — 2)  Einer 
der  tyrrhenischen  Schiffer,  die  den  Bakchos 
50  entführen  wollten  und  deswegen  in  Delphine 
verwandelt  wurden,  Ov,  Met.  3,  618.  Hyg.  /’• 
134.  — 8)  Sohn  des  Laerkes  und  ein  Anführer 
der  Myrmidonen  unter  Patroklos,  II,  16,  197. 
Als  dieser  gefallen  war  und  Automedon  allein 
auf  dem  Schlachtwagen  des  Achilleus  stand, 
übergab  er  dem  Alkimedon  die  Leitung  der 
Rosse,  um  selbst  zu  Fufs  zu  kämpfen,  II.  17, 
466  ff.  — 4)  Ein  Genosse  des  Lokrers  Aias. 
Er  versuchte  bei  dem  Kampf  gegen  die  Mauer 
60  von  Troja  auf  einer  Leiter  hinaufzusteigen; 
aber  Aineias  zerschmetterte  ihm  mit  einem 
Steine  das  Haupt.  Quint.  Sm.  11,  547  ff. 

[Stoll.] 

Alkimedusa  (Ahupsdovca),  eine  Tochter  des 
lykischen  Königs  Iobates,  die  er  dem  Belle- 
rophon  zur  Ehe  gab.  Sie  wurde  auch  Kassan- 
dra genannt.  Schol.  II,  6,  192,  vgl.  Schol,  II. 
6,  155.  [Stoll.] 


237 


Alkimenes 


Alkinoos 


Alkimenes  (’AX^iusvrjg),  1)  Sohn  des  Glaukos 
zu  Korinth,  von  seinem  Bruder  Bellerophon 
unvorsätzlicher  Weise  getötet.  Er  heilst  auch 
Deliades  oder  Peiren.  Apoll od.  2,  3,  1.  Tzctz. 
L.  17  p.  293  Müller.  — 2)  Eiuer  der  Söhne 
des  Iason  und  der  Medeia , zu  Korinth  er- 
j zeugt.  Als  Iason  sich  mit  der  korinthischen 
Königstochter  Glauke  vermählen  wollte,  wurden 
von  Medeia  seine  Söhne  Alkimenes  und  Tisan- 
dros  (der  dritte,  Thessalos,  entfloh)  ermordet  l 
und  im  Heiligtum  der  Hera  von  den  Korin- 
thiern  begraben.  Diod.  4,  54.  55.  [Stoll.] 

Alkimos  ('AXtu yog),  1)  Sohn  des  Hippokoon, 
der  zu  Sparta  ein  Heroon  hatte,  Paus.  3,  15, 

2.  Alkinoos  bei  Apollod.  3,  10,  5.  — 2)  Ein 
Myrmidone,  Wagenlenker  des  Achilleus,  11.  19, 

! 392.  24,  474.  — 3)  Vater  des  Ithakesiers  Men- 
tor, Od.  22,  235.  — 4)  Sohn  des  Neleus,  Scholl. 
II.  11,  692.  — 5)  Grieche  vor  Troja,  von  De'i- 
phobos  getötet,  Quint.  Sm.  11,  86.  — 6)  Ein  2 
! ] sehr  frommer  und  milder  König  von  Lydien, 
unter  welchem  tiefer  Friede  und  grofse  ‘Wohl- 
habenheit herrschte,  Xanthos  b.  Said.  v.  Säv- 
ffog  [vgl.  G.  I.  Gr.  3064.  i?.].  — 7)  Ge- 
, mahl  der  Areta,  Philostephanos  b.  Et.  M.  v. 

1 ’Aqs rer,  wo  Sylb.  ’AXnivov  schreibt  statt  ’AXn l- 
pov.  [Stoll.  1 

Alkinoe  (AXtuvorj),  1)  Tochter  des  Sthenelos 
und  der  Nikippe,  von  mütterlicher  Seite  Enke- 
j lin  des  Pelops , Schwester  des  Eurystheus,  3 
Apollod.  2,4,5.  — 2)  Eine  Nymphe,  deren 
Bild  sich  an  dem  Altar  der  Athene  zu  Tegea 
befand,  Paus.  8,  47,  2.  — 3)  Tochter  des  Ko- 
j rinthiers  Polybos,  Gattin  des  Amphilochos, 
des  Sohnes  des  Dryas.  Da  sie  einer  Weberin 
Nikandra  den  schuldigen  Lohn  verweigerte, 
i so  veranstaltete  Athene,  an  die  sich  Nikandra 
gewendet,  dafs  sie  sich  in  einen  Samier  Xan- 
thos verliebte  und  mit  diesem,  Haus  und  Kind 
verlassend,  entfloh;  aber  unterwegs  sprang  sie,  4 
von  bitterer  Reue  ergriffen,  ins  Meer.  Partlien. 

. Erot.  27.  [Stoll  ] 

Alkinoos  CAXMvoog).  1)  Der  homerische 
1 Alkinoos,  König  in  dem  Lande  der  Phäaken, 
die  selig  leben  wie  Götter  (Od.  5,  35)  auf  der 
nördlich  von  Ithaka  gelegenen  Insel  Scheria, 
einem  fabelhaften,  durch  Reichtum  ausgezeich- 
neten, wunderbaren  Lande  (5,  37),  ist  ein  Enkel 
des  Poseidon  (vgl.  13,  130)  und  Sohn  des  Nau- 
sithoos,  welcher  durch  die  ihm  überlegenen  5' 
Kyklopen  aus  der  Heimat  Hypereia  vertrieben, 
die  Phäaken  nach  Scheria  führte,  die  Stadt 
erbarrte  und  das  Land  verteilte,  Gemahl  der 
Arete,  seiner  Nichte,  seines  jungverstorbenen 
Bruders  Rhexenor  einziger  Tochter,  Vater  von 
fünf  Söhnen  (6,  62),  des  Laodamas  (7,  170), 
Halios  und  Klytoneos  (7,  123)  und  einer  Toch- 
ter, der  Nausikaa  (6,  17).  Mit  Weisheit  von 
den  Göttern  ausgerüstet  (6,  12.  7,  13)  waltet 
er  der  Herrschaft,  hoch  wie  ein  Gott  im  phä-  6 
akisclien  Volke  geachtet  (7,  11),  und  wird  von 
den  Unsterblichen  geehrt , welche  ihm  und 
seinem  Volke  sichtbar  erscheinen  (7, 201).  Ruhi- 
gen, gleichbleibenden  Gemütes  (7,  301)  nimmt 
er,  obgleich  er  sich  seiner  Herrscherwürde  und 
der  damit  verbundenen  Pflichten  wohl  bewufst 
ist  (11,  353),  doch  von  älteren  Fürsten  Rat  an 
(7,  155).  Hoch  achtet  er  seine  Gemahlin  Arete 


238 

(7,  69),  deren  verständiges  Urteil  auf  seinen 
Entschlufs  von  bedeutendem  Einflüsse  ist. 
Freundlich  nimmt  er  den  armen  Schiffbrüchi- 
gen auf  und  thut  alles,  ihm  sein  trauriges 
Los  zu  erleichtern  (7,  186 ff.  8,  28ff.  248.  546 ff.). 
Scharfsinnig  erkennt  er,  nachdem  er  sich  da- 
von überzeugt  hat,  dafs  Odysseus  nicht,  wie  er 
zuerst  vermutet  (7,  199),  ein  Gott  sei,  in  dem 
Fremden  den  bedeutenden  Mann  und  wünscht 
ihn  sich  zum  Eidam  (7,  313).  Teilnehmend 
und  rücksichtsvoll  gegen  den  noch  nicht  er- 
kannten Gast,  läfst  er  den  Demodokos,  als  er 
merkt,  dafs  dessen  Gesänge  in  dem  Fremd- 
linge traurige  Erinnerungen  wachrufen,  den  Ge- 
sang abbrechen  (8,  94.  9,  533),  und  in  gleicher- 
weise sucht  er  den  ausbrechenden  Zorn  des 
Odysseus  (8,  536)  und  die  Verstimmung  der 
Phäaken  durch  Gesang  und  Tanz  zu  be- 
schwichtigen. Einsichtig  und  vernünftig  er- 
kennt er  die  V orzüge  anderer  an  und  ist  Feind 
stolzer  Selbstüberhebung  (8,  236);  seine  Unter- 
tlianen  lehrt  er  diese  Fehler  ablegen  (8,  538). 
Höchst  zartfühlend  vermeidet  er  es  anfangs 
den  Fremden  nach  Namen  und  Herkunft  zu 
fragen;  er  verspricht  ihm  die  Heimkehr,  ohne 
zu  wissen,  wen  er  vor  sich  hat,  und  selbst  frei- 
gebig fordert  er  auch  die  Fürsten  zu  Geschenken 
für  den  verständigen  Fremdling  auf  (8,  389  u. 
13,  13).  Erst  spät  ersucht  er  den  Ankömm- 
ling, seinen  Namen  zu  nennen,  doch  auch  dies 
geschieht  in  aufserordentlich  feiner,  rücksichts- 
voller Weise  (8,  550).  Hat  er  ihm  schon  vor- 
her die  Rückkehr  versprochen  und  Anstalten 
dazu  getroffen,  so  bekümmert  er  sich  nunmehr 
persönlich  darum,  ob  seine  Befehle  in  genü- 
gender Weise  ausgeführt  worden  seien.  Vor- 
sorglich besichtigt  er  in  eigner  Person  das 
Schiff,  welches  den  Odysseus  nach  Hause  bringen 
soll  (13,  20).  Der  Adel  seines  Charakters  er- 
hellt aber  am  besten  aus  dem  Umstande,  dafs 
er  den  Odysseus  entsendet,  obgleich  er  weifs, 
dafs  ihm  die  Heimsendung  arges  Übel  bringen 
kann  (vgl.  Plin.  4,  12,  19  u.  Procop.  B.  G. 
4,  22).  Noch  jetzt  zeigen  die  Einwohner  von 
Korfu  allen  Fremden  von  Kanoni  aus  die  kleine 
einem  Schiffe  gleichende  Insel  Pontikonisi 
als  das  in  Stein  verwandelte  Fahrzeug  der 
Phaiaken.  Gleich  hier  füge  ich  die  von  der 
homerischen  Sage  abweichende  Darstellung 
des  Dictys  6 , 6 bei.  Daselbst  erfährt  Ulixes 
bei  Alcinous  die  Zustände,  welche  bei  ihm 
zuhause  herrschen.  Deshalb  überredet  er  den 
König,  ihn  nach  Ithaka  zu  begleiten,  um 
die  Unbill  zu  rächen.  Dies  geschieht , und 
beide  töten  mit  Telemach  zusammen  die  trun- 
kenen Freier.  Telemach  aber  heiratet  die 
Nausikaa.  In  einer  Komödienscene  einer  unter- 
italischen Vase  Ann.  d.  Inst.  1859.  p.  384. 
Mon.  ined.  9,  35,  2 erkennt  Wieseler  die  Auf- 
nahme des  Odysseus  durch  Alkinoos  und  Arete. 

Alkinoos  in  der  Argonautensage. 

Schon  Strabo  1,  21  setzt  ausführlich  aus- 
einander, dafs  der  Dichter  der  Odyssee  die 
Fahrt  des  Iason  nach  Aia,  die  Sagen  von  der 
Kirke  und  Medeia  etc.  aus  älteren  Liedern  ge- 
kannt habe  (vgl.  Od.  12,  70.  II.  7,  467.  21, 
41.  23,  747.  Od.  10,  108.  Od.  11,  256.  Apollon. 
Pli.  1 , 957  u.  Scliol.  Orph.  Arg.  496.  Mittler, 


Alkinoos 


239 

Orchomenos  p.  278);  es  ist  daher  nicht  unmög- 
lich, dafs  schon  die  alte  Argonautensage  von 
einem  Besuche  der  Argonauten  auf  der  von 
der  Phantasie  der  Dichter  mit  allen  Wundern 
ausgestatteten  Phaialceninsel  und  dem  daseihst 
gebietenden  Könige  erzählt  und  vielleicht  auch 
Homer  der  alten  Sage  manche  Züge  entlehnt 
hat.  Apollohius  Bhodius  aber  in  den  Argonau- 
tika  und  der  ihm  folgende  Pseudoorpheus  in 
dem  Gedichte  gleichen  Namens  halten  sich  in  1 
der  Hauptsache  an  die  homerische  Erzählung; 
betreffs  der  Besuche  der  Argonauten  bei  Alki- 
noos aber  berichten  sie  folgendes:  Zu  Alkinoos 
dem  Sohne  des  Phaiax,  Enkel  des  Poseidon 
und  der  Kerkyra,  der  entführten  Flufstochter 
von  Phlius , nach  welcher  die  Insel  genannt 
wurde  ( Hell  an . bei  Steph.  v.  <Pc Ja'g  {fr.  44). 
Apollon.  4,  567.  Diodor.  4,  72.  Pausan.  2,  5, 

2.  5,  22,  5.  Steph.  v.  S%igia.  Sehöl.  Odyss.  5, 
35.  13,  10),  König  der  die  Insel  Drepane  (im  2 
keraunischen  Meere  am  Eingänge  des  io- 
nischen Meeres)  bewohnenden  von  Zeus  ab- 
stammenden Phaiaken  (Apoll,  llh.'  4 , 990  ff.), 
kommen  die  vor  den  Kolcliern  flüchtenden  Ar- 
gonauten und  werden  gastlich  aufgenommen. 
Da  erscheinen  die  Kolcher  und  fordern  Heraus- 
gabe der  Medeia.  Im  Weigerungsfälle  drohen 
sie  mit  Kampf.  Diesen  verhindert  jedoch  Al- 
kinoos, gewillt  auf  friedliche  Weise  den 
Streit  beizulegen  (1010).  Medeia  aber  nimmt  3 
ihre  Zuflucht  zur  Arefe  und  den  Phaiaken, 
welche  voll  Kampfbegier  ihre  Hilfe  Zusagen. 
In  der  darauf  folgenden  Nacht  beraten  sich 
Alkinoos  und  Arete  über  das  Geschick  der 
Jungfrau.  Wie  nun  die  Königin  den  Ge- 
mahl mit  Bitten  angeht,  der  Medeia  zu  hel- 
fen, offenbart  er  ihr,  dafs  er  folgenden  Schieds- 
spruch fällen  werde.  Sei  Medeia  noch  Jung- 
frau, so  werde  er  sie  den  Kölchern  zusprechen ; 
im  entgegengesetzten  Falle  werde  er  sie  dem  ■] 
lason  lassen  (1007).  Darauf  entschlummert 
er.  Arete  aber  beeilt,  sich,  einen  Boten  an 
lason  zu  schicken  mit  der  Weisung,  sich  so- 
fort mit  der  Medeia  zu  vermählen,  sich  aber 
nicht  an  den  Alkinoos  zu  wenden,  da  dieser 
entscheiden  werde,  wie  sie  ihm  mitteile.  In 
der  Höhle  der  Makris  wird  das  Beilager 
gefeiert.  Als  ihm  dies  bekannt  geworden, 
entscheidet  Alkinoos,  unbekümmert  um  die 
Drohungen  des  Aietes,  dessen  grofse  Macht  £ 
ihm  wohl  bekannt  ist,  zu  gunsten  des  lason. 
Die  Kolcher  aber,  den  Zorn  ihres  Königs  fürch- 
tend, bitten  um  Aufnahme  in  Scheria,  die  ihnen 
auch  zuteil  wird  (vgl.  Apollod.  1,  9,  26).  Bei 
Pseudoorpheus  1298  ff.  weicht  die  Darstellung 
in  einigen  Zügen  ab.  Hier  läfst  Alkinoos  die 
Jungfrau  in  seinen  Palast  holen,  und  der  Vor- 
schlag,- die  Auslieferung  der  Jungfrau  von  ihrer 
Jungfrauschaft  abhängig  zu  machen,  geht  von 
Arete  aus.  Als  Alkinoos  den  Vorschlag  an-  ( 
nimmt,  eilt  die  den  Minyem  gewogene  Hera 
in  Gestalt  einer  Magd  zu  den  Schiffen  und 
verrät  den  Entschlufs  der  Herrscherfamilie, 
worauf  lason  schleunigst  auf  seinem  Schiffe 
Hochzeit  hält  und  infolgedessen  die  Medeia 
zugesprochen  erhält  (— - 1354).  Philetas  hin- 
gegen sagte  im  Telephos  ( Schol . Apoll.  Bh. 
4,  1141),  die  Hochzeit  habe  im  Hause  des 


Alkiopos  240 

Königs  stattgefunden.  Die  Erzählungen  des 
Apollodor  1,  9,  25  u.  Hygin.  23  bieten  nichts 
Neues.  Zur  Erinnerung  aber  an  die  gerechte 
Entscheidung  des  Alkinoos  (xcczu  zöv  vogov) 
stiftete  Medeia  dem  Apollo  Nomios  auf  der 
Insel  ein  Heiligtum  nach  Schol.  Apoll.  4,  1218. 
Die  Deutung  der  Vase  von  Kuvo  (Jahn  Münclin. 
Vas.  804),  nach  Panofka,  arch.  Ztg.  2 p.  256 
die  Aufnahme  der  Argonauten  auf  Kerkyra 
darstellend,  ist  nicht  haltbar,  vgl.  Pyl,  de  Me- 
deae  fabula  Per  dl.  1850  p.  18  ff.  und  die  I Al- 
ler ator  des  Sagenkr.  der  Medea  Ztschrift  f. 
A.  W.  1854  n.  51 — 54.  61—  63.  F.  Vater,  der 
Argonautenzug  Kasan  1845.  S.  auch  den 
Artikel  Argonautenzug.  Über  den  Antritt  der 
Herrschaft  des  Alkinoos  berichtet  endlich 
Conon  narr.  3 ( Westerm . Mythogr.  125)  fol- 
gendes. Nach  dem  Tode  des  Phaiax,  des 
Königs  von  Scheria,  gerieten  seine  beiden  Söhne 
über  die  Nachfolgerschaft  in  Streit,  einigten 
sich  jedoch  dahin,  dafs  Alkinoos  in  Ithaka 
König  wurde,  Lokros  aber  mit  dem  Schatze 
und  einem  Teile  des  Volkes  nach  Italien  aus- 
wanderte  und  Lokroi  stiftete.  Das  Schol.  z. 
Theokr.  4,  32  hingegen  nennt  als  Bruder  des 
Alkinoos  Kroton.  welcher  Stifter  der  gleich- 
namigen Stadt  wird.  Alkinoos  hatte  auf  Ker- 
kyra einen  Tempel  und  wurde  als  Heros  ver- 
ehrt (Thule.  3,  70);  nach  Eustatli.  zu  Dion. 
Per.  492  war  ein  Hafen  der  Insel  nach  ihm 
benannt.  Die  verschiedenen  Ansichten  über 
die  ursprüngliche  Bedeutung  des  Volkes,  wel- 
ches Alkinoos  beherrscht,  hat  Welcher,  Kl. 
Sehr.  2 p.  lff.  zusammengestellt  und  beur- 
teilt. Er  selbst  erklärt  sie  als  „die  Fähr- 
männer des  Todes  in  irgend  einer  auslän- 
disch entfernten  Religion  und  Sage , die , in 
die  hellenische  Heldenpoesie  gezogen , eine 
schöner  erfundene  Beziehung  nie  erhalten  konn- 
ten als  die,  den  geprüften  Dulder  Odysseus 
nach  allen  Seefahrten  in  seine  oberirdische 
Heimat  zurückzubringen“  p.  15  ff.  Mit  Alv.ivov 
ccnoloyoi  bezeichnete  man  späterhin  entweder 
eine  erdichtete  Erzählung  ( Plato  Polit.  10 
p.  614  b),  die  an  das  Wunderbare  streifte  (Lu- 
cian  var.  hist.  1,  3.  Lykophr.  764  u.  Tzetz.) 
oder  lange  Reden  insgemein  (Poll.  2,  118.  6, 120). 
— 2)  Alkinoos,  Sohn  des  Hippokoon,  wurde 
von  Herakles,  als  er  den  von  Hippokoon  aus 
Lakedaimon  vertriebenen  Tyndareos  zurück- 
führte und  wieder  in  die  Herrschaft  einsetzte, 
samt  seinem  Vater  und  seinen  elf  Brüdern 
erschlagen,  Apollod.  3,  10,  5.  [Fleischer.] 

Alkiope  (: ’AXxionr ;),  Geliebte  des  Apoll,  Mutter 
des  zweiten  Linos  bei  Photios  Lex.  s.  v.  Alvov 
p.  389  N.  Kaum  mit  Recht  schlägt  Naber  das 
gebräuchlichere  ’AlMimtr}  vor,  da  in  diesen  hel- 
lenistischen Verzeichnissen  homonymer  Götter 
mancherlei  Singuläres  vorkommt  (vgl.  den  Ar- 
tikel Akantho)  und  da  die  von  Kuhn  Zeitschr. 
f.  vgl.  Spr.  9 S.  412  erschlossene  Bedeutung 
'’starkstimmig’  (vgl.  Fick , gr.  Personennamen 
S.  201  unten)  für  die  Mutter  des  Sängers  vor- 
trefflich pafst.  Überdies  wird  der  Name  ge- 
sichert durch  die  Analogie  von  Alkiopos  (s.  d.). 

[Crusius.] 

Alkiopos  (AlKonoq) , bei  Plutarch  Quaest. 
Gr.  57  Vol.  3 p.  374  Duebn.  ein  Koer,  dessen 


241  Al  kippe 

Tochter  Herakles  heiratete , als  er  auf  der 
Rückkehr  von  Troja  Schiffbruch  erlitten  hatte 
und  nach  Kos  verschlagen  war.  [Crusius.] 

Alkippe  (Alni'nnri) , 1)  s.  Alkyonides.  — 2) 

: Tochter  des  Ares  und  der  Aglauros,  der  Toch- 
1 ter  des  Kekrops,  welcher  Halirrhothios,  der 
I Sohn  des  Poseidon,  Gewalt  anthat,  wofür  Ares 
; ihn  erschlug,  s.  Ares  und  Halirrhothios.  Apollod. 
! 3,  14,  2.  Paus.  1,  21,  7.  Eu/rip.  Iph.  T.  019. 
\ El.  1258.  Preller , Myth.  1,  268.  — 8)  Ama- 
zone, von  Herakles  getötet,  Diod,  4,  16.  — 
4)  Gemahlin  des  Atheners  Motion  und  von 
ihm  Mutter  des  Eupalamos,  des  Vaters  des 
Daidalos,  Apollod.  3,  15,  8.  — 5)  Tochter  des 
lOinomaos,  Gemahlin  des  Euenos,  Mutter  der 
Marpessa,  Plut.  Parall.  40.  Eustaih.  zu  Horn. 

| p.  776.  — 6)  Ein  Mädchen,  welches  von  ihrem 
Bruder  Astraios  im  Finstern  entehrt  wurde. 
Als  er  nachher  an  einem  Ring  seine  Unthat 
(erkannte,  stürzte  er  sich  in  einen  Flufs,  der 
;von  ihm  Astraios,  • später  Kaikos  liiefs.  Phd. 
\defluv.  21.  - — 7)  Sklavin  der  Helena  in  Sparta, 
I Od.  4,  124.  [Stoll.] 

Alkis  ("AXhis),  Sohn  des  Aigyptos  (s.  d.): 
j Apollod.  2,  1,  5.  [Roscher.] 

Alkithoü^lKtfföjj  oderid/Ua-ffo'??),  Tochter  des 
jMiuyas  im  böotischen  Orchomeuos,  Schwester 
i der  Leukippe  und  Arsippe  (Aristippe  Aelian ; 
i Arsinoe  Plutarcli).  Als  der  Dionysosdienst  in 
Böotien  sich  verbreitete,  und  alle  Frauen  und 
; Jungfrauen  vonOrchomenos  zu  Ehren  des  Gottes 
in  den  Bergen  umherschwärmten,  hielten  sich 
Alkithoe  und  ihre  Schwestern  fern  vom  Feste, 
ida  sie  die  Göttlichkeit  des  Dionysos,  des  Sohnes 
: der  Thebanerin  Semele,  nicht  anerkennen  woll- 
ijten,  und  safsen  ruhig  zu  Hause  in  emsiger 
[[Arbeit  am  Spinnrocken  und  Webebaum.  Sie 

■ schafften  den  ganzen  Tag  bis  zur  Abenddäm- 
Imerung.  Da  ertönte  plötzlich  durch  das  Haus 
Ider  Schall  von  Flöten  und  Pauken,  Epheu  und 
| Weinranken  umgrünten  die  Webstühle,  und 
ij  die  Fäden  am  Spinnrocken  wandelten  sich  in 

Reben;  das  Haus  bebt,  flammende  Fackeln 
I durchleuchten  die  Räume,  und  Scharen  von 
wilden  Tieren  stürmen  heulend  umher.  Von 

■ Schrecken  erfafst,  eilten  die  Frauen  davon  und 
suchten  sich  in  dunkeln  Winkeln  zu  bergen; 

I sic  waren  in  lichtscheue  Fledermäuse  verwan- 
delt. Ov.  Met.  4,  1 — 41.  389 — 415.  Bei  Anton. 
\Lib.  10  hatte  Dionysos  selbst  in  Gestalt  einer 
: Jungfrau  die  Schwestern  zur  Teilnahme  an  der 
i Festesfeier  aufgefordert;  da  sie  aber  nicht 
folgten,  wandelte  er  sich  im  Zorn  in  einen 
| Stier,  Löwen  und  Panther,  und  Nektar  und 
1 Milch  flofs  aus  den  Bäumen  der  Webstühle. 

Da  wurden  die  Schwestern  von  Wahnsinn  und 
[von  Begierde  nach  Menschenfleisch  ergriffen, 
sie  losten  um  die  Ehre,  dem  Gott  ein  Opfer 
zu  bringen.  Das  Los  traf  die  Leukippe,  und 
diese  gab  ihren  zarten  Sohn  Hippasos  zum 
Zerfleischen  hin.  Dann  stürzten  sie  aus  dem 
Hause  und  schweiften  in  wilder  Wut  in  den 
Bergen  umher,  bis  Hermes  sie  in  Nachtvögel 
! verwandelte,  d.  h.  in  eine  Fledermaus,  eine  Eule 
jund  einen  Uhu.  Vgl.  Aelian.  V.  1t.  3,  42. 
Plut.  Quaest.  gr.  38.  Plutarcli  knüpft  an  die- 
sen Mythus  den  zu  Orchomenos  bis  in  späte 
1 Zeiten  dauernden  Brauch,  dafs  an  dem  Feste 


Alkmaion  242 

der  Agrionien  der  Priester  des  Dionysos  Jung- 
frauen aus  dem  Geschlechte  des  Minyas  mit 
gezücktem  Schwerte  verfolgte  und  die,  welche 
er  erreichte,  töten  durfte.  Buttmann,  Mythol. 
2,  201  f.  Müller,  Orchom.  166  f.  Welcher,  Tril. 
591.  A.  Denkm.  3,  138  fl'.  Preller , gr.  Myth.  1, 
567.  Gerhard,  gr.  Myth.  1 § 454,  4.  [Stoll.] 
Alkmaion  (’AXxy cxicov),  Sohn  des  Amphiaraos 
und  der  Eriphyle,  aus  Argos,  älterer  {Paus. 
10,  10,  2)  Bruder  des  Amphilochos.  Als  Am- 
phiaraos mit  den  Sieben  gegen  Theben  in  den 
Krieg  zog,  wozu  ihn  sein  Weib,  bestochen 
durch  das  Halsband  der  Harmonia,  gezwungen 
hatte,  obgleich  er,  der  Seher,  seinen  Tod  vor- 
ausgesagt, trug  er  seinen  beiden  Söhnen,  Alk- 
maion und  Amphilochos,  auf,  wenn  sie  heran- 
gewachsen wären,  seinen  Tod  durch  Ermor- 
dung der  Mutter  zu  rächen  und  dann  gegen 
Theben  zu  ziehen.  Siehe  Amphiaraos.  Hom. 
Ocl,  15.  244  ft'.  Apollod.  3,  6,  2.  Diod,  4,  65. 
Hygin.  f.  73.  Der  Abschied  des  Amphiaraos 
von  Eriphyle  und  seinen  Kindern  war  ein 
häufiger  Gegenstand  der  Kunst.  Auf  dem  Kasten 
des  Kypselos  standen  vor  dem  Hause  des  Am- 
phiaraos Eriphyle  mit  dem  verhängnisvollen 
Halsband , neben  ihr  ihre  Töchter  Eurydike 
und  Demonassa  und  Alkmaion  als  nackter 
Knabe;  den  unmündigen  Amphilochos  hatte  eine 
alte  Amme  im  Arme.  Amphiaraos,  schon  im 
Begriff,  den  Wagen,  neben  dem  sein  Wagen- 
lenker Baton  steht,  zu  besteigen,  wendet  sich 
noch  einmal  gegen  Eriphyle  um,  zürnend  und 
mit  gezücktem  Schwerte.  Paus.  5,  17,  4. 
0.  Jahn,  archäol.  Aufsätze  S.  152  ff.  Overheck, 
Gallerie  h.  Bildiv.  1 S-  91  ff'.  — Als  die  Epi- 
gonen sich  zum  Rachezug  gegen  Theben  rüste- 
ten und  das  Orakel  ihnen  den  Sieg  verhiefs, 
wenn  Alkmaion  die  Anführung  übernehme, 
weigerte  sich  Alkmaion  mitzuziehen,  eingedenk 
des  vom  Vater  erhaltenen  Auftrages,  dafs  er 
vor  dem  Kriege  gegen  Theben  die  Mutter  töten 
solle  (wahrscheinlich  wollte  er  durch  die  Nicht- 
teilnahme an  dem  Kriege  auch  der  schweren 
Pflicht  des  Muttermordes  sich  entziehen);  aber 
Eriphyle  überredete  ihn  mit  seinem  Bruder 
zur  Teilnahme , von  Thersandros , dem  Sohne 
desPolyneikes,  zum  Verderben  des  Sohnes  durch 
den  Peplos  (schleierartiges  Gewand)  der  Har- 
monia bestochen,  wie  früher  von  Polyneikes 
durch  das  Halsband  der  Harmonia  zum  Unter- 
gang des  Gatten.  Die  Epigonen  wählten  Alk- 
maion zum  Anführer  und  gingen  in  den  Krieg. 
Apollod.  3,  7,  2.  Diod..  4,  66.  In  dem  Epigo- 
nenkrieg ist  Alkmaion  der  eigentliche  An- 
führer, während  Adrastos  nur  als  das  Bundes- 
haupt galt,  und  der  ausgezeichnetste  Held  des 
Heeres  (Alkmaion  heifst  der  Starke).  Als  die 
Epigonen  vor  Theben  anlangten,  befragten  sie 
den  Amphiaraos,  d.  h.  das  Orakel  desselben 
zu  Potniai  bei  Theben,  wo  er  von  der  Erde 
verschlungen  worden  war,  und  erhielten  die 
Antwort,  dafs  sie  siegen  würden,  und  dafs  Alk- 
maion, der  tapfere  Erbe  seines  Ruhmes,  den 
bunten  Drachen  auf  seinem  funkelnden  Schilde 
schwingend,  als  der  erste  in  die  Thore  von 
Theben  eindringen  werde ; doch  werde  Aigia- 
leus,  der  Sohn  des  früher  allein  geretteten 
Adrastos,  fallen.  Pind.  Pytli.  8,  38  ff.  In  der 


io 

20 

30 

<to 

50 

60 


243 


Alkmaion 


Alkmaion 


244 


darauf  folgenden  Schlackt  bei  Glisas  fiel  Aigia- 
leus  von  der  Hand  des  Königs  und  Anführers 
der  Tkebaner  Laodamas,  des  Sohnes  des  Eteo- 
kles,  aber  diesen  erschlug  darauf  Alkmaion; 
er  rächte  den  Tod  des  Freundes,  wie  vor  Troja 
Achilleus  den  des  Patroklos  und  des  Antilo- 
chos  an  Hektor  und  Memnon.  Apollod.  3,  7, 
Ji.  Welcher,  ep.  Cylclus  2,  385.  Nach  Paus.  9, 
■i),  2 (vgl.  9,  8,  3)  erschlägt  zwar  Laodamas 
den  Aigialeus,  wird  aber  nicht  in  der  Schlacht  l 
getötet,  sondern  zieht  mit  den  besiegten  The- 
banern  in  der  nächsten  Nacht  nach  Illyrien. 
Ein  Teil  der  Thebaner  blieb  in  der  Stadt  zu- 
rück und  wurde  belagert.  Da  sie  erkannten, 
dafs  sie  sich  nicht  halten  konnten,  knüpften 
sie  auf  den  Rat  des  Teiresias  Unterhandlungen 
an,  verliefsen  aber  in  der  Nacht  mit  Weib  und 
Kincl  heimlich  die  Stadt  und  retteten  sich  in 
die  Weite.  Die  Argiver  dringen  in  die  Thore 
ein,  Alkmaion  voran,  plündern  und  zerstören  2 
die  Stadt  und  setzen  den  Sohn  des  Polyneikes, 
Thersandros , als  Herrscher  des  Landes  ein. 
Apollod.  3,  7,  3.  4.  Diod.  4,  GG.  Paus.  9,  5,  7. 
Bildsäulen  des  Alkmaion  und  der  andern  Epi- 
gonen zu  Argos,  Paus.  2,  20,  4,  zu  Delphi, 
Paus.  10,  10,  2.  — Der  Muttermord  des  Alk- 
maion, welcher  dem  des  Orestes  sehr  ähnlich 
ist,  wird  — und  dies  war  die  ältere  Form  der 
Säge  — von  AsJdepiades  bei  Schol.  Od.  11, 
326  (vgl.  Eustath.  zur  Od.  a.  a.  0.)  und  wahr-  3 
scheinlick  auch  von  dem  kyklischen  Epos  Alk- 
maionis,  sowie  von  Sopholdes  in  seiuer  Tragödie 
Epigonen  oder  Eriphyle  vor  den  Auszug  des 
Alkmaion  gegen  Theben  verlegt.  Welcher,  ep. 
Cyld.  2 S.  391.  Griech.  Trag.  1 S.  272.  Damit 
stimmen  auch  Hygin.  f.  73  u.  Diod.  4,  GG. 
Dieser  erzählt,  dafs  Alkmaion,  als  er  von  den 
Epigonen  zum  Anführer  erwählt  worden  war, 
nun  auch  selbst  den  Gott  in  Delphi  über  den 
Feldzug  gegen  Theben  und  über  die  Bestrafung  4 
der  Mutter  befragte ; diese  war  nämlich  von 
Amphiaraos  an  seine  Teilnahme  am  Kampfe 
geknüpft  worden.  Apollon  befahl  ihm  bei- 
des zu  thun , weil  Eriphyle  nicht  blofs  das 
goldene  Halsband  zum  Verderben  des  Vaters, 
sondern  auch  den  Peplos  zum  Untergange  des 
Sohnes  genommen  habe.  Darauf  berichtet  nun 
Diodor  von  dem  Muttermorde  nichts,  sondern 
erzählt  blofs  den  Krieg  gegen  Theben;  aber  es 
versteht  sich  von  selbst,  dafs  Alkmaion,  wie  5 
er  in  dem  einen  dem  Gotte  folgte,  so  auch 
ihm  in  dem  andern  gehorsam  war  und  also 
seine  Mutter  noch  vor  dem  Auszug  tötete,  wie 
Amphiaraos  ihm  vorgeschrieben.  Welcher,  gr. 
Trag.  a.  a.  0.  Nach  Apollod.  3, 7,  5,  welcher  der 
Neuerung  irgend  eines  Tragikers  folgte,  tötete 
Alkmaion  die  Mutter  nach  seinem  Zuge  gegen 
Theben,  nachdem  er  erfahren,  dafs  sie  auch 
zu  seinem  Verderben  Geschenke  genommen,  und 
nachdem  Apollon  ihn  durch  sein  Orakel  dazu  an-  6 
getrieben.  Alkmaion  that  dies  entweder  allein 
oder  mit  seinem  Bruder  Amphilochos,  der  ihm 
zur  Seite  stand,  wie  Pylades  dem  Orestes. 
Dies  letztere  auch  in  des  Sophokles  Epigonen, 
Welcher,  gr.  Trag.  1 S.  270.  273.  Nach  der 
apollodorischen  Version  der  Sage  erklärt  Over- 
beck Gail.  1 S.  159  f.  die  Darstellung  auf  dem 
Revers  einer  Neapolitaner  Vase  bei  Scotti,  Illu- 


strazione  di  un  vaso  Italo-Greco.  Napoli  1811 
als  den  Abschied  des  Alkmaion  von  seiner 
Mutter,  die  ihn  in  den  Krieg  schickt:  zwei 
gerüstete  Helden,  deren  einem  A PI ETOE  bei- 
geschrieben ist,  stehen  auf  einer  Quadriga, 
und  ein  Weib,  durch  die  Beischrift  als  Eri- 
phyle bezeichnet,  schreitet  vor  den  Pferden 
her,  die  Rechte  erhebend  und  rückwärts  blickend. 
Auf  dem  Avers  der  Vase  befindet  sich  der  Ab- 
schied des  Amphiaraos  von  Eriphyle.  Overbeck 
a.  a.  0.  S.  94  ff.  Müller,  Denlcm.  d.  a.  K.  1. 
n.  98.  In  der  Tragödie  Alkmaion  von  Asty- 
damas  tötet  Alkmaion  seine  Mutter,  ohne  sie 
zu  erkennen.  Welcher,  gr.  Trag.  3 S.  1056.  — 
Infolge  des  Muttermordes  wurde  Alkmaion  von 
den  Erinyen  verfolgt  (Ilygin.  /'.  73)  und  kam 
wahnsinnig  zuerst  nach  Arkadien  zu  Oikleus, 
dann  nach  Psopliis  zu  Phegeus,  der  ihn  ent- 
sühnte und  ihm  seine  Tochter  Arsinoe  (Alphe- 
siboia,  Paus.  8,  24,  4)  zur  Ehe  gab.  Alkmaion 
schenkte  dieser  das  Halsband  und  den  Peplos 
der  Harmonia.  Als  aber  hernach  Unfruchtbar- 
keit über  das  Land  kam,  oder  nach  Pausanias 
sein  Wahnsinn  sich  nicht  minderte,  nahm  er 
seine  Zuflucht  zu  dem  Orakel  zu  Delphi,  das 
ihm  weissagte,  er  solle  zu  Acheloos  gehen, 
um  von  diesem  Befreiung  seiner  Leiden  zu  er- 
halten. Apollod.  3,  7,  5.  Bei  Paus.  8 , 24,  4 
u.  Thuhyd.  2,  102  wird  dieser  Ausspruch  näher 
dahin  bestimmt,  dafs  er  in  ein  Land  wandern 
müsse,  das  erst  nach  der  Zeit  des  Mutter- 
mordes entstanden  sei  und  daher  nicht  mit 
dem  Fluche  der  Mutter  hätte  belegt  werden 
können.  Er  fand  ein  solches  Land  in  der  An- 
schwemmung am  Ausflufs  des  Acheloos,  in  der 
Gegend  von  Oineadai,  wo  er  sich  niederliefs 
und  die  Tochter  des  Acheloos  Kallirrlioe  hei- 
rathete,  die  ihm  den  Akarnan  und  Amphote- 
ros gebar.  Nach  Apollod.  3,  7,  5 kam  er  von 
Psopliis  aus  zuerst  zu  Oineus,  dem  durch  seine 
Gastlichkeit  berühmten  König  von  Kalydon, 
der  ihn  freundlich  bewirtete,  dann  zu  den 
Thesprotern,  die  ihn  verjagten,  und  zuletzt 
zn  den  Quellen  des  Acheloos.  Dieser  entsühnte 
ihn  (vgl.  Ovül.  Fast.  2,  43)  und  gab  ihm  seine 
Tochter  Kallirrlioe  zum  W eibe,  worauf  er  sich 
in  der  Alluviou  des  Acheloos  niederliefs.  Später 
verlangte  Kallirrlioe  von  ihm  das  Halsband 
und  den  Peplos  der  Harmonia;  daher  begab 
sich  Alkmaion  wider  seinen  Willen  nach  Pso- 
phis  zu  Phegeus  und  bat  ihn  um  den  Schmuck, 
unter  dein  Vorgeben,  es  sei  ihm  Befreiung'  von 
dem  Wahnsinn  verheifsen,  wenn  er  das  Hals- 
band und  den  Peplos  nach  Delphi  weihe.  (Nach 
Ephoros  bei  Athen.  6 p.  232  E hatte  Alkmaion 
wirklich  den  Schmuck  auf  Befehl  des  Orakels 
nach  Delphi  geweiht,  damit  er  vom  Wahnsinn 
befreit  würde.)  Phegeus  gab  ihm  beides;  als  er 
aber  von  einem  Diener  des  Alkmaion  erfuhr, 
dafs  dieser  den  Schmuck  der  Kallirrlioe  bringen 
wolle,  so  liefs  er  ihm  durch  seine  Söhne  Pro- 
1100s  und  Agenor  (Apollod.  3,  7,  6)  oder  Te- 
menos  und  Axion  (Paus.  8,  24,  4)  auflauern 
und  ihn  ermorden.  Arsinoe,  die  ihren  Gemahl 
noch  immer  liebte,  zürnte  ihren  Brüdern  wegen 
des  Mordes;  deshalb  verschlossen  sie  dieselbe 
in  eine  Kiste  und  brachten  sie  nach  Tegea  zu 
ihrem  Gastfreunde  Agapenor,  indem  sie  ihm 


245 


Alkraaion 


Alkmene 


246 


vorlogen,  sie  habe  den  Alkmaion  gemordet. 
Später  rächten  die  Söhne  des  Alkmaion  und 
der  Kallirrlioe  den  Tod  ihres  Vaters  an  Phe- 
geus und  seinen  Sühnen  (s.  Amphoteros):  Apol- 
lod. u.  Paus.  a.  a.  0.  Ovid.  Met.  9, 407  ff.  Hygin. 
/'.  244.  245.  Klytios,  der  Sohn  des  Alkmaion 
und  der  Tochter  des  Phegeus,  zog  von  Psophis 
nach  Elis,  weil  er  mit  den  Brüdern  seiner 
Mutter,  die  seinen  Vater  erschlagen,  nicht  zu- 
i sammen  wohnen  wollte.  Paus.  G,  17,  4.  Das 
amphilochische  Argos  heilst  eine  Gründung  des 
Alkmaion  und  seiner  Söhne  hei  Strabo  7 p.  325. 
Nach  Ephoros  erzählt  Strabo  a.  a.  0.,  dafs  Alk- 
maion nach  dem  thebanischen  Kriege  den  Dio- 
medes  _ auf  seine  Aufforderung  auf  dem  Zuge 
nach  Ätolien  begleitet  habe,  um  den  Oineus 
wieder  in  seine  Herrschaft  einzusetzen.  Als 
Agamemnon  nun  darauf  zum  trojanischen  Kriege 
i aufrief,  zog  Diomedes  mit;  a^er  Alkmaion  blieb 
in  Akarnanien  und  gründete  Argos,  das  er 
■ i nach  seinem  Bruder  das  amphilochische  nannte. 

iVgl.  Strab.  10  p.  462.  — Wie  Alkmaions  Aus- 
zug gegen  Theben  ein  passender  Stoff  für  das 
‘ Epos  war,  so  war  sein  Muttermord  mit  seinen 
> bösen  Folgen  und  sein  Tod  ein  fruchtbarer 
; Gegenstand  für  die  Tragödie.  Aristot.  Poet.  13. 

Antipban.  fr.  190,  9 ff  = Athen.  6 p.  222  B. 

! Soplioliles  behandelte  in  seiner  Eriphyle  oder 
den  Epigonen  die  Ermordung  der  Eriphyle,  in 
seinem  Alkmaion  oder  Alphesiboia  die  Ermor- 
dung des  Alkmaion  zu  Psophis.  Welcher,  gr. 
Trag.  1 S.  269  ff.  278  ff.  Des  Euripides  ’AX-x- 
ytxUov  o <)ia  WoocprSog  enthielt  warscheinlich 
die  Heilung  des  Alkmaion  durch  Phegeus  und 
seine  Vermählung  mit  dessen  Tochter.  Welcher 
a.  a.  0.  2 S.  575  ff  Den  Inhalt  einer  Tragö- 
die des  Euripides  ’AXnyaüov  6 öioc  KooivAov 
! erzählt  uns  Apollod.  3,  7,  7 : Zur  Zeit  seines 

Wahnsinnes  erzeugte  Alkmaion  mit  Manto, 
der  Tochter  des  Teiresias,  zwei  Kinder,  Am- 
philochos  und  Tisiphone.  Er  brachte  die  Kind- 
lein nach  Korinth  zu  dem  König  Kreon,  dafs 
dieser  sie  aufziehe.  Später  verkaufte  die  Ge- 

1i  mahlin  des  Kreon  die  durch  Schönheit  ausge- 
zeichnete Tisiphone,  weil  sie  fürchtete,  dafs 
Kreon  sie  zu  seiner  Gattin  nehmen  würde. 
Alkmaion  kaufte  sie,  ohne  sie  zu  kennen,  und 
hielt  sie  als  Sklavin.  Als  er  dann  nach  Ko- 
rinth kam,  um  seine  Kinder  zurückzufordern, 
erhielt  er  auch  seinen  Sohn  wieder.  S.  Wel- 
! eher,  gr.  Tr.  2 S.  579  ff.  Schöll,  über  die  Tetra- 
logie des  alt.  Theaters  S.  53  u.  69.  F.  A.  Base- 
doiv , de  Euripidis  fabula  ’AXv.pscov  o d'id  Ko- 
QLvfrov.  Rostock  1872.  Achaios  schrieb  eine 
Alphesiboia,  Agathon  einen  Alkmaion,  Welcher, 
gr.  Trag.  3 S.  962.  994.  Über  andere  griechi- 
sche Tragiker,  welche  dieselben  Stoffe  behandel- 
ten, Welcher  a.  a.  0.  3 S.  1015.  1056.  1075.  1087. 
Über  Ennius  und  Attius  ebds.  1 S.  269  ff.  u. 
279  ff  2 S.  576.  Stesichoros  verfafste  ein  lyri- 
sches Gedicht  Eriphyla,  Bergh,  Poet.  lyr.  Gr.2 
p.  744.  Welcher,  ep.  Cyhl.  2 S.  391.  Preller, 
gr.  Mythol,  • 2 S.  365  ff  Gerhard,  gr.  Mythol.  2 
§ 662.  816.  — In  Psophis  zeigte  man  das  Grab 
des  Alkmaion,  umgeben  von  einem  Hain  hoher 
Kypressen,  die  man  die  Jungfrauen  nannte  und 
nicht  abhieb,  weil  sie  dem  Heros  heilig  waren. 
Paus.  8,  24,  4.  In  Theben  hatte  er  ein  Heilig- 


tum in  der  Nähe  des  Hauses  des  Pindar,  der 
ihn  seinen  Nachbar  und  seiner  Besitzung  Hüter 
nennt,  Find.  Pytli.  8,  57  (80).  Auch  scheint 
nach  derselben  Stelle  dem  Alkmaion  wie  sei- 
nem Vater  Weissagungsgabe  zugeschrieben 
worden  zu  sein;  der  Scholiast  bezieht  dies 
jedoch  auf  seinen  Vater.  Siehe  auch  die  neue- 
ren Erklärer  dieser  Stelle,  ln  Oropos  dagegen, 
wo  das  berühmteste  Heiligtum  des  Ampbia- 
10  raos  bestand,  hatte  Alkmaion  an  der  Ehre 
seines  Vaters  und  seines  Bruders  Ampliilochos 
wegen  seines  Muttermordes  keinen  Teil.  Von 
demgrofsen,  in  fiiuf  Abteilungen  geteilten  Opfer- 
altar war  die  dritte  Abteilung  der  Hestia,  dem 
Hermes,  dem  Amphiaraos  und  Amphilochos  ge- 
weiht; Alkmaion  aber  blieb  ausgeschlossen.  Paus. 
1,  34,  2.  — Laodameia,  welche  dem  Peleus  die 
Polydora  gebar,  heifst  Tochter  eines  Alkmaion. 
Schol.  11.  16,  174.  C.  I.  Gr.  6047  R.]  [Stoll.] 
20  Alkmaon  (’AXnydcov),  Sohn  des  Thestor,  bei 
der  Erstürmung  des  griechischen  Lagers  von 
Sarpedon  getötet,  II.  12,  394.  Der  Scholiast 
z.  d.  St.  bezweifelt,  ob  er  ein  Bruder  des  Kal- 
chas  gewesen  sei.  [Stoll.] 

Alkmene  (AXv.gfivg,  „die  Starke“,  Alcumena), 
Tochter  des  Elektryon  und  der  Anaxo,  einer 
Tochter  seines  Bruders  Alkaios,  beide  aus  dem 
Geschlechte  der  Perseiden.  Apollod.  2,  4,  5. 
Tzetz.  Lyh.  932.  Schol.  II.  14,  323.  Nach  Diod. 
30  4,  9 heifst  ihre  Mutter  Eurydike,  Tochter  des 
Pelops,  nach  Plut.  Thes.  7.  Schol.  Pind.  Ol. 
7,  49.  Schol.  II.  19,  116  Lysidike,  Tochter  des 
Pelops  (Schwester  des  Pelops,  Schol,  Phul.  Ol. 
7,  46).  Siehe  Ampliitryon.  Asios  bei  Paus.  5, 
17,  4 nennt  Alkmene  eine  Tochter  des  Am- 
phiaraos und  der  Eriphyle.  Sie  war  ausge- 
zeichnet vor  allen  Frauen  durch  klugen  Sinn, 
durch  hohe  und  schöne  Gestalt,  lieblich  wie 
die  goldstrahlende  Aphrodite,  lies.  Scut.  4 ff. 
40  Hom.  Od.  2,  120.  KaXh'orpvoog^  lies.  Thcog. 
526.  950.  Simonid.  173  Bergh.  Über  ihre  Ver- 
mählung mit  Ampliitryon,  dem  sie  nach  The- 
ben in  die  Verbannung  folgte,  s.  Ampliitryon. 
Als  eben  Ampliitryon  auf  der  Rückkehr  aus 
dem  Kriege  gegen  die  Teleboer  begriffen  war, 
nahte  Zeus  in  der  Gestalt  des  Amphitryon  der 
Alkmene  und  zeugte  mit  ihr  den  Herakles. 
Pind.  Nem.  10,  15.  Isthm.  7 (6),  5 (in  letzterer 
Stelle  kommt  Zeus  um  Mitternacht  in  einem 
50  goldnen  Regen  vom  Himmel  herab).  Auf  dem 
Kasten  des  Kypselos  in  Olympia  war  Zeus  als 
Mann  im  Chiton  dargestellt,  wie  er  der  Alk- 
mene einen  Becher  und  eine  Halsschnur  über- 
reicht, angeblich  Beutestücke  und  Zeichen  des 
Sieges  über  die  Teleboer.  Paus.  5,  18,  1,  vgl. 
Schol.  Od.  11,  266.  Athen.  11  p.  781  C.  D. 
(c.  16)  474  F.  475  C.  vgl.  11  p.  498  0.  Der  Be- 
such des  Zeus  in  komischer  Auffassung  (s.  Plau- 
tus’  Amphitruo)  auf  einem  Vasenbilde,  Wies  der, 
go  BühnenwesenTaf.  9. 1 1,  vgl.  12.  Mül  in,  Gail,  mytli. 
108,428.  Overb.  K.M.  Zeus,  403 ff.  Die  späteren 
Dichter  sagen,  Zeus  habe  drei  Nächte  bei  Alk- 
mene geruht,  indem  erden  Helios  bat,  einen  Tag 
nicht  aufzugehen;  daraus  haben  manche  drei 
Tage  und  drei  Nächte  gemacht  (daher  xqusontgog 
[iQUY.lrjg,  roilan.  Xscov,  Schol.  11 .14,323.  Lyhoplir. 
33.  Jacobs,  Anthol.  Pal.  p.  827).  In  derselben 
(oder  der  folgenden)  Nacht  kam  Amphitryon 


247 


Alkmene 


Alkmene 


248 


zurück,  der  sich  wunderte,  dafs  er  ohne  sonder- 
liche Freude  von  der  Gattin  empfangen  ward. 
Da  er  ihr  seine  Thaten  erzählen  wollte,  sagte 
sie  ihm,  dafs  er  ja  schon  ihr  Lager  bestiegen 
und  ihr  alles  erzählt  habe.  Von  dem  Seher 
Teiresias  erfuhr  Amphitryon,  dafs  Zeus  seiner 
Gattin  beigewohnt  [Apollod.),  oder  er  merkte 
selbst,  dafs  eine  Gottheit  hier  mit  im  Spiele 
sei;  seit  dem  Tage  hielt  er  sich  von  ihrem 
Lager  fern  ( Hygin .).  Von  Zeus  gebar  Alkmene 
den  Herakles,  von  Amphitryon  den  Iphikles, 
Zwillingskinder.  I~Ies.  Scut.  27  ff.  Theog.  943. 
Apollod.  2,  4,  8.  Diod.  4,  9.  Schol  II.  14,  323. 
Tzetz.  Lyk.  33.  Hyg.  f.  29.  Aristid.  p.  53.  Lulc. 
Dial.  Deor.  10.  Ovid.  Amor.  1,  13,  45.  Senec. 
Agam.  814  ff.  Iphikles  soll  eine  Nacht  später 
empfangen  und  geboren  sein  als  Herakles, 
Tlieokr.  24,  2.  Plin.  7,  48;  nach  Pind . Pyth. 
9,  88  (149)  wurden  sie  zugleich  geboren,  s. 
Schol.  Alkmene  war  die  letzte  sterbliche  Frau, 
der  Zeus  beiwohnte.  Diod.  4,  14.  Aus  zwei 
Vasenbildern  scheint  eine  eigentümliche  Wen- 
dung der  Sage  hervorzugehen,  nämlich,  dafs 
Alkmene  zur  Strafe  für  ihre  vermeintliche  Un- 
treue von  Amphitryon  auf  einem  Scheiterhaufen 
verbrannt  werden  soll , aber  durch  die  Da- 
zwisc-henkunft  des  Zeus  und  ein  von  ihm  ge- 
sandtes Unwetter  gerettet  wird,  vielleicht  nach 
der  Alkmene  des  Euripides  (früher  als  Apotheose 
der  Alkmene  gedeutet).  Engelmann,  Ann.  d.  Inst. 
1872,  5 — 18.  [Drs.  Beiträge  zu  Eur.  1.  Alkmene. 
Progr.  d.  Friedrichs- Gymn.  Berlin  1882.  (Schrei- 
ber)]. Preller, gr.  Myth.  2 S.  176— 178.  Wie  durch 
Hera  die  Geburt  des  Herakles  zurückgehalten, 
die  des  Eurystheus  beschleunigt  wird,  so  dafs 
Herakles  in  die  Dienstbarkeit  des  Eurystheus 
kommt,  s.  Herakles.  Vgl.  Galinthias.  Darstellun- 
gen der  Alkmene  bei  der  Geburt  des  Herakles: 
Millin, Gal.  myth.  109. 429.  Pio-Clem.  4. 37.  — Aus 
dem  späteren  Leben  der  Alkmene  wird  erwähnt, 
dafs  sie,  als  Herakles,  von  der  Knechtschaft 
des  Eurystheus  befreit,  mit  seinem  Bruder  Iphi- 
kles und  dessen  Sohn  Iolaos  sich  in  Tiryns, 
dem  alten  Sitz  ihres  Hauses,  niederlassen  wollte, 
als  Witwe  ihre  Söhne  begleitet  habe,  aber  mit 
ihnen  von  Eurystheus  wieder  ausgewiesen  wor- 
den sei,  der  den  Herakles  beschuldigte,  er 
strebe  nach  der  Königsherrschaft.  Diod.  4,  33. 
Zur  Zeit  der  Apotheose  des  Herakles  hatte 
Alkmene  nach  Sophokles  Trach.  1151  ff.  mit 
einem  Teil  der  Kinder  ihres  Sohnes  ihren  Sitz 
in  Tiryns,  ein  anderer  Teil  befand  sich  in  The- 
ben, andere  in  Trachis.  Nach  Pherekydes  bei 
Anton.  Lib.  33  wurden  die  Herakliden,  bei 
denen  sich  Alkmene  befand,  von  Eurystheus  aus 
Tiryns  vertrieben;  auch  aus  Trachis,  wo  der 
König  Keyx  sie  nicht  gegen  Eurystheus  zu 
schützen  vermochte,  wurden  sie  ausgewiesen. 
Apollod.  2,  8,  1.  Diod.  4,  57.  Hekataios  bei 
Longin.  de  suhl.  27,  2.  Darauf  fanden  sie  Auf- 
nahme und  Schutz  in  Attika.  Als  Eurystheus 
sie  auch  von  dort  vertrieben  haben  wollte, 
wurde  er  in  einer  Schlacht  besiegt  und  fand 
seinen  Tod;  sein  Kopf  wurde  von  Hyllos  der 
Alkmene  nach  Athen  gebracht,  die  aus  Rache 
ihm  die  Augen  mit  ihren  Haarnadeln  ausgrub. 
Eurip.  Ileraldiden.  Apollod,.  2,  8,  1.  Diod.  4, 
57.  Strab.  8 p.  377.  Paus.  1,  32,  5.  Alkmene 


unter  den  schutzflehenden  Herakliden  zu  Athen 
in  einem  Gemälde  von  Apollodor,  Schol.  Ari- 
stoph.  Plut.  385.  Nach  Pherekydes  bei  Anton. 
Lib.  33  wohnte  Alkmene  nach  des  Eurystheus 
Tod  mit  den  Herakliden  in  Theben  und  starb 
hier  in  hohem  Alter.  [C.  I.  Gr.  8492.  R.]  Als  nun 
die  Herakliden  sie  bestatten  wollten,  sandte  Zeus 
den  Hermes,  sie  wegzunebmen  und  auf  die  Inseln 
derSeligen  zu  bringen,  damit  sie  dort  mitRhada- 
iü  manthys  vermählt  werde.  Statt  der  Alkmene 
legte  Hermes  einen  Stein  in  den  Sarg,  sodafs 
die  Herakliden  denselben  nicht  wegbringen 
konnten.  Sie  öffneten  daher  den  Sarg  und  fan- 
den den  Stein,  den  sie  wegnahmen  und  in  dem 
Haine  bei  dem  ihr  geweihten  Heiligtum  auf- 
stellten. Ein  Grab  der  Alkmene  gab  es  zu 
Theben  nicht.  Vgl.  Paus.  9,  16,  4.  Plut.  Po- 
mul. 28.  Diod.  4,  58  sagt,  Alkmene  sei  nach 
des  Hyllos  Tod  nach  Theben  gegangen  und 
20  daselbst  gestorben';  als  sie  darauf  verschwun- 
den, habe,  sie  bei  den  Thebanern  göttergleiche 
Ehre  empfangen.  Auf  einem  Relief  zu  Kyzi- 
kos  ( Epigr . Cycic.  13)  führt  der  verklärte  He- 
rakles die  verklärte  Mutter  nach  Elysion,  um 
sie  dem  Rhadamantliys  zu  vermählen.  Alk- 
mene neben  Semele  im  Elysion,  Mar  cell,  ad 
Bcgill.  47.  59.  Andere  lassen  sie  mit  Herakles 
im  Olymp  vereint  sein , wie  Semele  und  Dio- 
nysos, Gerhard,  hyperbor.-röm.  Studien  1 S.  304. 
30  Alkmene,  ihren  Sohn  begleitend  bei  der  Ver- 
mählung desselben  mit  Hebe,  in  einem  bei 
Korinth  gefundenen  Relief  von  einem  Tempel- 
brunnen (jetzt  in  England  im  Besitz  Lord 
Guilfords),  s.  Overbeck,  Gcsch.  d.  gr.  Plastik  1 
S.  133  ff.  Nach  Paus.  1,  41,  1 starb  Alkmene 
auf  dem  Wege  von  Argos  nach  Theben  im 
Gebiet  von  Megara,  und  da  die  Ileraldiden 
darüber  stritten,  ob  man  die  Leiche  nach  Ar- 
gos oder  nach  Theben  bringen  sollte,  verkün- 
40  detc  der  delphische  Gott,  dafs  es  besser  sei, 
sie  in  Megara  zu  begraben.  Pausanias  sali 
noch  ihr  Grabmal.  Durch  die  Sage  von  der 
Vereinigung  der  Alkmene  mit  Rhadamantliys 
im  Elysion  ist  die  Sage  von  der  Ehe  beider  in 
dem  diesseitigen  Leben  entstanden.  Nach  dem 
Tode  des  Amphitryon  nämlich  soll  Alkmene 
den  Rhadamantkys  geheiratet  haben,  der  we- 
gen Ermordung  seines  Bruders  aus  Kreta  nach 
Böot.ien  entflohen  war  und  in  Okaleia  oder  dem 
so  nahen  Haliartos  wohnte.  Apollod.  2,  4,  11.  3, 
1,  2.  Plut.  Lysand.  28.  Tzetz.  Lyk.  50.  458. 
Eudokia  p.  210.  Der  durch  seine  Tugend  und 
Gerechtigkeit  ausgezeichnete  Rhadamantliys 
leitete  die  Erziehung  des  Herakles  ( Aristot . 
bei  Schol.  Tlieokr . II.  13,  9)  und  lehrte  ihn 
die  Kunst  des  Bogenschiefsens,  worin  ja  die 
Kreter  Meister  waren.  Tzetz.  a.  a.  O.  Zu  Haliar- 
tos wurden  auch  die  Gräber  des  Rhadaman- 
thys  und  der  Alkmene  gezeigt,,  Plut.  a.  a 0.  u. 
60  de  genio  Socr.  5.  Agesilans  liefs  das  Grab  der 
Alkmene  öffnen,  um  die  Überreste  nach  Sparta 
zu  bringen.  In  dem  dem  Herakles  geweihten 
Kynosarges  zu  Athen  war  aufser  den  Altären 
des  Herakles  und  der  Hebe  ein  Altar  der  Alk- 
mene und  des  Iolaos,  Paus.  1, 19,  3.  Alkmene 
und  Hebe  in  der  Nähe  des  attischen  Demos 
Aixone,  Corp.  Inscr.  n.  93.  214.  Vgl.  auch 
0.  Jahn,  Bilder  ehr.  S.  51  f.  S.  Preller,  gr.  My- 


Alkmenor 


249 

thol.  2 S.  280  f.  Es  gab  eine  Tragödie  Allt- 
i mene  von  Äschylos,  Welcher,  gr.  Trag.  1 S.  32, 
von  Enripides,  ib.  2 S.  690,  von  Ion,  ib.  3 
S.  954,  von  Astydamas,  ib.  3 S.  1060.  Aufser 
den  schon  erwähnten  Kunstwerken  sind  noch  zu 
nennen:  Alkmene  in  Darstellungen  des  schlan- 
genwürgenden Herakles:  Plin.  35,63.  Philostr. 
j tun.  imag.  5.  de  Witte,  Cat.  Durand,  n.  264. 

! Millin,  Gal.  myth.  97,  430.  110,  431.  Statuarisch 
von  Kalamis  gebildet,  Plin.  34,  71.  [ C . I.  Gr. 

7559  ß.]  [Stoll.J 

Alkmenor  (’AlnfigvaiQ) , Sohn  des  Aigyptos, 

I vermählt  mit  der  Danaide  Hippomedusa,  Apol- 
lod.  2,  1,  5.  [Stoll.] 

Alkon  ('AXk wv),  1)  Sohn  des  Ares,  aus  Thra- 
kien, einer  von  den  kalydonisclien  Jägern, 
Hyg.  F.  173,  s.  Bunte  z.  d.  St.  — 2)  Ein  Sohn 
i desHippokoon  in  Lakedämon,  ebenfalls  einkaly- 
donischer  Jäger  (Hyg.  a.  a.  0.  u.  dazu  Muncker ), 
von  Herakles  mit  seinen  Brüdern  erschlagen. 
Er  hatte  zu  Sparta  ein  Heroon.  Apollod.  3, 
10,  5.  Paus.  3,  14,  7.  3,  15,  3.  — 3)  Ein  Kreter 
I und  Begleiter  des  Herakles  auf  seinem  Zug 
| nach  Erytheia,  ein  so  geschickter  Bogenschütze, 

I dafs  er  durch  einen  auf  den  Kopf  eines  Men- 
']  sehen  gestellten  Ring  scliofs,  dafs  er  mit  sei- 
nem Pfeil  Haare  spaltete  und  eine  Schlange, 
die  seinen  Sohn  umstrickt  hatte,  so  traf,  dafs 
er  die  Schlange  tötete,  ohne  den  Sohn  zu  ver- 
wunden, Serv.  Verg.  Fd.  5, 11.  Anthol.  Pal.  6, 
331.  Manil.  5,  304.  Preller,  Mythol  2,  210,  3. 
— 4)  Ein  Heros  der  Heilkunde,  der  mit  Askle- 
pios bei  Cheiron  auf  dem  Pelion  seine  Kunst  ge- 
lernt hatte  und  in  Athen  verehrt  wurde,  wo 
! der  Dichter  Sophokles  sein  Priestertum  be- 
kleidete. Anonym.  VitaSoph.  8 p.  128.  Westerm., 
wo  Meineke  "AXxoovos  für  "AXcovo g hergestellt 
hat;  Meineke,  Fr.  Cum.  gr.  2 p.  683.  Paucker , 
de  Sophode  medici  herois  sacerdote.  Dorpat  1850. 
Berglc,  P.  lyr.  gr.“  p.  460.  Gerhard,  gr.  Myth. 
1 § 506,  2.  Preller,  gr.  Myth.  1,  427,  4.  — 
5)  Sohn  des  Erechtheus  aus  Attika,  Vater  des 
Argonauten  Phaleros;  er  floh  mit  seiner  Toch- 
ter Chalkiope  nach  Euböa,  und  als  der  Vater 
ihn  zurückforderte , lieferten  die  Chalkidier 
! ihn  nicht  aus.  Ap.  Rh.  1,  96  u.  Sdiol.  Hyg. 
j F.  14  p.  41  Bunte.  Val.  Flaue.  1,  398  schreibt 
ihm  die  Bogenkunst  von  N.  3 zu.  Nach  Orph. 
Arg.  142  kam  dieser  Phaleros,  Alkons  Sohn, 

. zu  den  Argonauten  vom  Aiseposflufs  und  war 
' der  Gründer  von  Gyrton  in  Thessalien.  — 6) 

! Troer,  Sohn  des  Megakies,  von  Odysseus,  den 
| er  im  Kampf  um  die  Leiche  des  Achilleus  ver- 
j wundet  hatte,  getötet,  Quint.  Sm.  3,  308.  4, 
i 594.  — 7)  Ein  ausgezeichneter  toreutischer 
I Künstler  der  heroischen  Zeit,  Ovül.  Met.  13, 
684  (s.  No.  8).  — 8)  Ein  Kabire  von  Lemnos, 
i Sohn  des  Hephaistos  und  der  Ivabeiro,  Bruder 
! des  Eurymedon,  Norm.  Dion.  14, 19  ff.  Gerhard, 
i Myth.  1 § 166,  2.  Panofka,  Ann.  d.  Inst.  17, 
58  (s.  No.  7).  — D)  Nach  Cic.  A(.  D.  3,  21  (ei- 
ner zum  Teil  verdorbenen  Stelle)  Sohn  des  Pelo- 
piden  Atreus;  er  und  seine  Brüder  Melampus 
und  Tmolos  werden  als  die  dritten  Dioskuren 
i genannt.  Gerhard,  Myth.  1,  165,  1.  Panofka, 
\ Arch.  Ztg.  9,  310.  [Stoll.] 

Alkyone,  auch  Halkyone (’AXuvövg),  ^Toch- 
ter des  Atlas,  eine  der  Pleiaden  („das  stür- 


Alkyone  250 

mische  Meeresgewölk  des  Winters“  Preller), 
Geliebte  des  Poseidon,  dem  sie  den  Hyrieus 
oder  Urieus,  den  Eponymos  der  böotisclien 
Hafenstadt  Hyria  oder  Uria  (oder  der  Stadt 
Hysiä  am  Kithairon?  Preller,  gr.  Myth.  2 S.  30) 
gebar,  sowie  die  Aithusa,  den  Hyperenor,  den 
Hyperes  und  Anthas  (die  Gründer  von  Hype- 
reia  und  Antheia,  aus  deren  Zusammenziehung 
Troizen  entstand;  doch  wird  Anthas  auch  nach 
Anthedon  versetzt,  Paus.  9,  22,  5.  Apollod. 
3,  10,  1.  Hygin.  Praef.  2.  Fab.  157.  192.  Paus. 
2,  30,  7.  Ovid.  Her.  18  (19),  133.  Fast.  4,  173. 
Sdiol.  II.  2,  496.  18,  486.  Diod.  3,  60.  Von 
Hygin.  F.  157  wird  noch  Ephokeus  (Epopeus?) 
als  Sohn  der  Alkyone  und  des  Poseidon  ge- 
nannt. Vgl.  Völcker,  Iapet.  Geschl.  S.  108  f.  1 16  ff. 
— Die  Alkyone,  welche  mit  Anthedon  den 
Glaukos  Pontios  zeugte  ( Mnaseas  bei  Athen. 
7,  296b,  vgl.  Völcker,  Iapet.  127),  ist  wohl 
auch  diese  Pleiade.  Die  Entführung  der  Al- 
kyone durch  Poseidon  am  Throne  des  amy- 
kläischen  Apollon,  Paus.  3,  18,  7.  — 2)  Toch- 
ter des  thessalischen  Aiolos  und  der  Enarete 
( Aptollod . 1,  7,  3 f.) , Gemahlin  des  Keyx,  des 
Königs  der  den  Doriern  nahe  verwandten  Ma- 
lier in  Trachis,  des  Freundes  von  Herakles 
{lies.  Scut.  354.  472  fl'.),  welcher  bei  Schol. 
Soph.  Trach.  40  Bruderssohn  des  Amphitryon 
heilst.  Dieses  Königspaar  ist  schon  früh  mit 
dem  Ehepaar  in  N.  3 verwechselt  und  vermengt 
worden,  wie  bei  Apollodor  a.  a.  0.  — 3)  Toch- 
ter des  Winddämons  Aiolos,  der  mit  dem  thes- 
salischen Aiolos  (s.  d.)  vermengt  worden  ist,  und 
der  Aigiale,  Gemahlin  des  Keyx,  der  ein  Sohn 
des  Heosphoros  oder  Hesperos  und  der  Nymphe 
Philonis  war.  Ihre  Geschichte  ist  hervorge- 
gangen aus  einem  alten  Naturmärchen.  Die 
Fabel  von  ihnen  heilst  bei  Schol.  II.  9,  562: 
Die  beiden  Ehegatten  nannten  einander  aus 
Hochmut  Zeus  und  Hera,  weshalb  Zeus  sie  zur 
Strafe  in  Vögel  verwandelte,  Alkyone  in  einen 
Meereisvogel  (dXrvüv) , den  Keyx  in  einen 
Taucher  xjjij).  Da  die  verwandelte  Al- 

kyone am  Meeresufer  (nagee  rotg  uiyuxXoi g,  als 
uKzedcc  ogvig,  Ap.  Rh.  1,  1087  — daher  ihre 
Mutter  Aigiale)  nistete  und  deshalb  ihre  Jungen 
von  den  Wellen  weggerafft  wurden,  so  verbot 
Zeus,  der  sie  über  den  Verlust  weinen  und 
klagen  sab,  aus  Mitleid  den  Winden,  zur  Brut- 
zeit der  Alkyone  14  Tage  lang  im  Winter 
(7  Tage  vor  und  7 Tage  nach  dem  kürzesten 
Tage)  zu  wehen.  „Der  Meeresvogel,  welcher 
seine  Jungen  um  die  Zeit  des  kürzesten  Tages 
am  Meeresstrande  ausbrütet  und  daher  seine 
Brut  leicht  in  den  Stürmen  und  Wogen  dieser 
Jahreszeit  verliert,  ist  zum  Bilde  einer  ängst- 
lichen Sorge  und  Klage  um  die  Kinder,  aber 
auch  einer  treuen  und  zärtlichen  Liebe  ge- 
worden, und  der  Taucher  (Keyx),  weil  er  auch 
ein  Vogel  mit  klagendem  Ton  ist  (Mosch.  Id.  3, 
40),  ward  zum  Gatten  der  Alkyone  gemacht.“ 
Preller,  gr.  Mythol.  2 S.  248  ff.  Vgl.  Apollod. 
1,  7,  4.  Schol.  Theokr.  7,  57.  Die  Tage  der 
Brutzeit  der  Alkyone  hiefsen  die  alkyonischen 
Tage,  ’AXnvovCö sg  ( AXnvovncn ) fgiigca,  Aristot. 
Hist.  anim.  5,  9.  Bekker,  An.  1.  377,  27.  Ari- 
stoph.  Av.  1594.  c.  Schol.  Alciphr.  1,  1.  Tzetz. 
Lykophr.  750.  „Der  Vergleich  mit  Zeus  und 


251 


Alkyoneus 


Almops 


252 


Hera  ist  motiviert  durch  die  Schönheit  dieser 
Vögel  und  das  regenbogenartige  Spiel  ihrer 
Farben.“  Preller  a.  a.  0.  Lange,  vermischte  Sehr. 

S.  211.  Die  treue  Liehe  dieses  Paares,  die 
sich  bis  in  den  Tot  bewährt,  motiviert  die 
Verwandlung  bei  Hygin.  F.  65:  Als  Keyx  in 
einem  Schiffbruch  umgekommen  war,  stürzte 
sich  die  liebende  Gattin  aus  Schmerz  in  das 
Meer,  und  nun  wurden  beide  von  den  Göttern 
in  Eisvögel  verwandelt.  Ähnliches  erzählt  l 
Ovid.  Met.  11,  410 — 750,  indem  er  Keyx,  den 
Sohn  des  Phosphoros,  und  Alkyone,  die  Toch- 
ter des  Windgottes  Aiolos  und  der  Aigiale, 
welche  wahrscheinlich  den  westlichen  Griechen 
angehörten,  nach  Trachis  versetzt.  — 4)  Toch- 
ter des  attisch-megarischen  Räubers  Skiron, 
welche,  von  dem  Vater  aufgefordert,  sich  einen 
Gatten  zu  suchen,  glaubte,  nach  Belieben  sich 
jedem  Manne  hingeben  zu  dürfen;  deshalb  von 
dem  erzürnten  Vater  ins  Meer  gestürzt,  ward  2 
sie  der  Vogel  Alkyone.  Probus  zu  Verg.  Ge.  1 
ex.tr.  s.  Müller,  fr.  hist.  gr.  4 p.  514.  — 5) 
Ein  Nebennanre  der  Kleopatra,  der  Gemahlin 
des  Meleagros,  welche  von  den  Eltern  Alkyone 
genannt  wurde,  weil  ihre  Mutter  Marpessa, 
von  Apollon  geraubt,  geweint  hatte,  uXhvovos 
nolvnsvQ'Sog  olxov  i%ovaa.  II.  9,  561  ff.  Nach 
Hygin.  F.  172  grämte  sie  sich,  nachdem  Me- 
leagros gestorben,  zu  Tode.  — G)  Alkyone  er- 
zeugte mit  Perieres  den  Halirrhothios,  den  Vater  3 
des  Seros  (Semos,  Samos?)  aus  Mantinea,  der 
zur  Zeit  des  Herakles  zuerst  in  Olympia  mit 
dem  Viergespann  siegte.  Schot.  Find.  Ol.  10, 
S3.  Hesiod.  fr.  95  (Götti).  — 7)  Eine  Schwester 
des  Eurystheus,  von  dem  Kentauren  Homados 
bewältigt,  der  deswegen  von  Herakles  erschla- 
gen ward.  Diod.  4,  12.  Wohl  dieselbe,  welche 
von  Apollod.  2,  4,  5 Allrinoe  genannt  wird. 

[Stoll.] 

Alkyoneus  (’AhivovEvg),  1)  einer  der  gewal-  4 
tigsten  und  riesigsten  unter  den  Giganten,  die 
bei  Apollod.  1,6,1  Söhne  des  Uranos  und 
der  Ge,  bei  Hygin.  Praef.  Söhne  des  Tartaros 
und  der  Ge  heifsen.  Pindar  in  dem  von  Schnei- 
deivin  (Philol.  1,421  ff.  437)  zuerst  herausgege- 
benen Fragmente  aus  Hippolyt,  ref.  haer.  5,  7 
p.  136  (Bergk , Lyr.  Gr.  p.  1058  ff'.)  führt  ihn, 
den  phlegräischen  Alkyoneus,  ngsoßmccxov  Pi- 
ydvxow,  unter  den  menschlichen  Autochthonen 
auf,  er  nennt  ihn  lstlim.  6(5),  32(46)  ovqs'C  i'oov.  5 
In  der  Gigantenschlacht  auf  dem  phlegräischen 
Felde,  das  man  gewöhnlich  auf  die  thrakische 
Halbinsel  Pallene  verlegte,  spielte  Alkyoneus 
eine  Hauptrolle.  In  derselben  durchbohrte  ihn 
Herakles  mit  seinem  Pfeil;  da  aber  Alkyoneus 
unsterblich  war,  wenn  er  auf  dem  Boden,  wo 
er  entstanden,  kämpfte,  und  jetzt  auf  der  Erde* 
wieder  warm  und  lebendig  wurde,  so  zog  ihn 


Plilegrä,  nachdem  er  Troja  erobert  und  auf 
Kos,  von  wo  er  nach  Pallene  ging  (Apollod. 
2,7,  1),  die  Meroper  bezwungen;  der  Riese 
hatte  aber  vorher  mit  einem  grofsen  Stein  12 
vierspännige  W agen  zertrümmert  und  auf  den- 
selben 24  Genossen  des  Herakles  getötet.  Der 
Scholiast  zu  Find.  Hem.  a.  a.  0.  verlegt  diesen 
Kampf  auf  den  Isthmus  von  Korinth,  wo  He- 
rakles die  Rinder  des  Geryones  aus  Erytheia 
vorbeitrieb.  Nachdem  der  Riese  die  24  Ge- 
fährten des  Herakles  mit  dem  Felsblock  ge- 
tötet , schleuderte  er  ihn  gegen  diesen ; der 
aber  schlug  mit  der  Keule  den  Fels  ab  und 
tötete  den  Alkyoneus.  Der  Felsblock  soll  noch 
auf  dem  Isthmus  liegen.  Der  korinthische  Isth- 
mus ist  hier  mit  dem  thrakischen  bei  Pallene 
verwechselt.  Schot.  Find.  Isthm.  a.  a.  0.  Auch 
von  Alkyoneus  wird  gesagt,  dafs  er  die  Rinder 
des  Helios  aus  Erytheia  weggetrieben,  Apol- 
lod. 1,  6,  1.  Deshalb  nennt  ihn  Pindar  Hem, 
6,  36  xov  ßovßöxa v.  Vgl.  die  Scholien.  Diese 
Sage  ist  Veranlassung  geworden,  dafs  der 
Kampf  des  Herakles  und  des  Alkyoneus,  der 
sonst  einen  Teil  der  Gigantomachie  bildete, 
eine  Episode  der  Geryoneis  ward.  Siehe  die 
Vasenbilder,  herausgegeben  und  erklärt  von 
0.  Jahn,  Berichte  der  sächs.  Gesellschaft  1853. 
t.  5,  7 — 9.  S.  135 — 145  und  Stephani  Parerg. 
archaeol.  15  (mel,  greco-rom.  1)  S.  587  ff.  Prel- 
o ler  gr.  Mythol.  1,  S.  58.  2,  S.  206  f.  Nach  Phi- 
lostr.  Her.  p.  671  u.  Claudian.  rapt.  Pros.  3, 
184  dachte  man  sich  später  in  Neapel  den 
Alkyoneus  unter  dem  Vesuv  liegend,  wie  Ty- 
phoeus  unter  dem  Ätna,  wie  andre  Giganten 
unter  Kos,  Mykonos  und  unter  Bergen.  — 2) 
Sohn  des  Diomos  und  der  Meganeira.  Als 
das  Ungeheuer  Lamia  oder  Sybaris,  das  in  ei-  - 
ner  Höhle  der  Kirphis  bei  Krissa  hausete, 
die  Delpliier  schwer  bedrängte  und  das  Ora- 
o kel  verkündete,  dafs  sie,  um  von  dem  Unheil 
befreit  zu  werden , einen  Jüngling  bei  je- 
ner Höhle  aussetzen  sollten,  traf  das  Los 
den  Alkyoneus , einen  schönen  Jüngling  und 
einzigen  Sohn.  Er  wurde , als  Opfer  be- 
kränzt, zu  der  Höhle  geführt.  Da  begegnete 
ihm  durch  göttliche  Schickung  Eurybatos,  der 
Sohn  des  Euphemos , und  als  er , von  der 
Schönheit  des  Jünglings  überrascht,  nach  dem 
Zwecke  des  Zuges  gefragt,  liefs  er  sich  selbst 
o an  die  Stelle  führen , ergriff  das  Ungeheuer 
und  stürzte  es  vom  Felsen  herab.  Aus  diesem 
entsprang  nun  eine  Quelle,  die  den  Namen 
Sybaris  erhielt.  Anton.  Lib.  8.  — 8)  Ein 
Äthiope,  Gefährte  des  Memnon  vor  Troja. 
Quint.  Sm.  2,  364.  [Stoll.]  Davon 
Alkyonides  (fAlv-voviSeg) , die  Töchter  des 
Giganten  Alkyoneus,  welche  sich  nach  dem 
Tode  des  Vaters  von  dem  Vorgebirge  Kana- 


Herakles  auf  Rat  der  Athene  über  die  Grenzen 
von  Pallene  hinaus,  worauf  er  starb.  [0. 1.  Gr.  co 
3145  R.]  Apollod.  1,  6,  1.  Tzetz.  Lylcophr.  63. 
Herakles,  den  Alkyoneus  unter  Anleitung  der 
Athene  mit  Pfeilschüssen  tötend,  0.  Müller , 
HenJcm.  d.  a,  K.  2,  n.  881.  Vgl.  Hirt,  Bilderbuch 
S.  198.  Nach  Find.  Hem.  4,  27(40)  erlegte  Hera- 
kles in  Gemeinschaft  mit  seinem  Waffengenossen 
Telamon  (vgl.  Isthm,  6(5),  32.  Schot.  Ap.  Bh. 

1 , 1289)  den  grofsen  gewaltigen  Kämpfer  in 


straion  auf  Pallene  ins  Meer  stürzten  und  von 
Amphitrite  in  Eisvögel  (dXxvövtg)  verwandelt 
wurden.  Ihre  Namen  waren  Plithonia,  Clitho- 
nia,  Anthe,  MSthone,  Alkippe,  Pallene,  Drimo, 
Asteria.  Vgl.  Hegesander  b.  Beicher  An.  377, 
30.  Suid.  s.  v.  ’AXtivoviösg  rigsgcu.  Eust.  z. 
Horn.  776,  18.  36.  [Roscher.]  [Stoll.] 

Almo  s.  Tyrrhus.  Verg.  Aen.  7,  532.  575. 

Almops  ("AlycoTp),  ein  Riese,  Sohn  des  Po- 
seidon und  der  Helle,  nach  welchem  die  Land- 


253 


Almos 


Aloadai 


254 


1 schaft  Almopia  in  Makedonien  benannt  war, 
Steph.  B.  v.  ’Alpaitia.  Preller  Myth.  2,  315, 
1.  Gerhard  Myth.  2 §.  688,  3.  Deimling  Le- 
; leger  132.  [Stoll.]  . 

Almos  (”Alpoe),  ein  Sohn  des  Sisyphos.  Er 
kam  zu  Eteokles  in  Orchomenos,  der  ihm  in 
seinem  Gebiet  einen  Wohnort  gab,  welcher 
nach  ihm  Almones  genannt  wurde,  Paus.  9,  24, 
5.  Später  hiefs  der  Ort  Olmones;  deshalb 

[nennt  Steph.  Byz.  v.  ’Ölgcov eg  den  Sohn  des 
Sisyphos  Olmos,  vgl.  Schol.  II.  2,  511.  Seine 
Tochter  Chrysogone  erzeugte  mit  Poseidon  den 
Minyas,  der  Orchomenos  gründete,  Schol.  Ap. 
Bh.  3,  1094.  Müller  Orch.  134.  Völcker,  Iapet. 
Geschl.  196.  Preller  Myth.  2,  315,  1.  [Stoll. j 
Aloadai  od.  Aloeidai  (’AhodScu , ’Alcoeidcu), 
Otos  und  Epliialtes,  sind  die  Söhne  des  Aloeus 
(II.)  oder  Poseidon.  Alle  Jahre  wuchsen  sie 
eine  Elle  in  die  Breite  und  eine  Klafter  in  die 
Länge  (nach  Serv.  u.  llyg.  neun  digiti  jeden 
i Monat) , so  dafs  sie  im  neunten  Jahre  neun 
Ellen  in  die  Breite  und  neun  Klaftern  in  die 
Länge  mafsen.  Sie  fesselten  den  Ares  und 
hielten  ihn  dreizehn  Monate  lang  in  einem 
ehernen  Fasse  oder  Gefängnis  (v.sgcxgog)  gefan- 
gen. Ares  wäre  zu  Grunde  gegangen,  wenn 
nicht  Eeriboia , die  Stiefmutter  der  Äloaden 
es  dem  Hermes  verraten  hätte,  der  den  Ares 
aus  seinem  Gefängnisse  rettete  (11.).  Auch 
wollten  sie  den  Ossa  auf  den  Olymp  und  den 
Pelion  auf  den  Ossa  türmen,  um  in  den  Him- 
imel  zu  steigen.  Aber  da  sie  noch  nicht  zur 
Reife  der  Jugend  gelangt  waren,  vermochten 
sic  ihr  Werk  nicht  zu  vollenden,  sondern  wur- 
den von  Apollo  getötet  (Od.).  Ilom.  II.  5, 
385  ff.;  Od.  11,  305 ff. ; Apollod.  1,  7,  4;  Hyg. 
f.  28.  Serv.  z.  Verg.  Aen.  6,  582.  Ihre  Mutter 
fphimedeia  ist  entweder  Tochter  des  Triops 
(Apoll.)  oder  des  Poseidon  (llyg.).  Sie  gebiert 
die  Aloaden  dem  Aloeus  (II.)  oder  als  Gattin 
des  Aloeus  dem  Poseidon  (Od.  Hes.  bei  Schol. 
Apoll.  Bh.  1,  481.  Apoll,  a.  a.  0.).  Nach  Apol- 
lod. ging  fphimedeia  aus  Liebe  zu  Poseidon 
beständig  ans  Meer  und  schöpfte  sich  mit  den 
Händen  Wasser  in  den  Busen,  bis  Poseidon 
mit  ihr  die  Aloaden  zeugte.  Bei  Ov.  Met.  6, 
116  überrascht  sie  Poseidon  in  Gestalt  des 

IFlufsgottes  Enipeus.  Bei  Eratosthenes  in  Schol. 
Apollod.  1 , 482  heifsen  sie  Erdgeborene  und 
werden  von  der  Frau  des  Aloeus  nur  aufge- 
zogen. Ihre  Stiefmutter  Eeriboia  oder  Eriboia 
heilst  Tochter  des  Eurymachos  (Schol.  II.). 
Der  Frevel  gegen  die  Götter  wird  auch  ab- 
weichend motiviert.  Bei  Apollod.  wollen  sie 
Idas  Meer  zum  Festlande,  und  das  Land  zum 
Meere  machen;  bei  Verg.  cul.  233  die  Welt 
l?inreifsen;  oder  Ephialtes  strebte  nach  dem 
Besitze  der  Hera,  Otos  nach  dem  der  Artemis 
(Apoll.  Schol.  II.).  Den  Ares  fesseln  sie  aus 
Zorn,  weil  er  den  Adonis  auf  der  Jagd  getö- 
tet, aber  Hermes  entführt  ihn  nach  Naxos 
| (Schol.  II.).  Auch  ihre  Bestrafung  variiert.  Zeus 
[schleuderte  den  Blitz  bei  Liban.  narr.  34  p.  1110, 
oder  Artemis  tötete  sie , indem  sie  in  Gestalt 
einer  Hirschkuh  mitten  zwischen  ihnen  hin- 
durchsprang nach  Find.  Pyth.  4,  88(156)  mit 
\Schol.;  Fr  gm.  137.  Apoll,  a.  a.  0.;  oder  Arte- 
j nis  sandte  eine  Hindin  zwischen  ihnen  durch 


(Schol.  II.  Eustatli.  z.  Ilom.  1687,  36);  oder 
Apollo  schickte  , als  sie  der  Artemis  Gewalt 
anthun  wollten , die  Hindin  (llyg.).  Beide 
warfen  mit  ihren  Speeren  nach  ihr,  trafen  aber 
statt  der  Hindin  sich  selbst.  In  der  Unter- 
welt sind  sie  zur  Strafe  mit  Schlangen  an 
eine  Säule  gebunden  und  werden  durch  das 
Geschrei  einer  Eule  (ütog)  gequält  (llyg.)  Die 
Sage  gehört  dem  thrakischen  Volksstamme  an 
i und  erscheint  daher  meist  in  Gegenden,  die 
auch  sonst  als  thrakische  Siedelungen  bekannt 
sind.  In  Thessalien  soll  ihr  Vater  Alos  (Hes. 
b.  Schol.  Apoll.  Bh.)  oder  sie  selbst  Aloion  ge- 
gründet haben  (Steph.  Byz.  s.  v.  ’AlwCov).  Sie  er- 
bauten die  Stadt  Askra  am  Helikon  und  grün- 
deten den  Dienst  der  Musen  Melete,  Mneme 
und  Aoide  (Paus.  9,  29,  1.  2).  In  Anthedon 
zeigte  man  ihre  Gräber  (Paus.  9,  22,  5).  Nach 
Naxos  (Strongyle  genannt)  werden  ihre  Mutter 
i Iphimedeia  und  ihre  Schwester  Pankratis  (Pan- 
krato  b.  Parth.  Erot.  19),  die  als  Ammen  des 
Dionysos  in  Thessalien  bezeichnet  werden, 
geraubt.  Dorthin  kommen  sie  selbst , von 
Aloeus  abgeschickt,  um  jene  zu  suchen.  Sie 
bemächtigen  sich  der  Herrschaft  der  nun  Dia 
benannten  Insel  und  fallen  schliefslich  im 
Kampf  gegen  einander.  Dort  wurden  sie  auch 
später  als  Heroen  verehrt  (Diod.  5,  51.  52);  da- 
her auf  einer  Inschrift  auf  Naxos  ein  Temenos 
i des  Otos  und  Ephialtes  erwähnt  wird  (C.  I. 
Gr.  2,  No.  2420).  In  Kreta  befand  sich  eben- 
falls ein  Grab  des  Otos  (Flin.  7,  73.  Sali.  b. 
Serv.  Aen.  3,  578).  Dort  soll  nach  Steph.  Byz. 
s.  v.  Bis  wog  die  Fesselung  des  Ares  stattge- 
funden  haben.  In  Mylasa  in  Karien  wurde 
Iphimedeia  verehrt  (Paus.  10, 28,  4).  Vgl.  Kal- 
lim.  hymn.  iu  Dian.  264.  Qu.  Smyrn.  1,  516. 
Norm.  Dion.  1,  277.  Stat.  Theb.  10,  848.  Plato 
conv.  190  B.  Arist.  de  mundo  1.  Luc.  Ilcarom. 
23.  rhet.  praec.  13.  contempl.  3 mit  Schol. 
Agatli.  mare  Erythr.  7 D.  Chrysost.  or.  29 
p.  297.  Die  moderne  Deutung  sieht  in  ihnen 
entweder  Repräsentanten  von  Erdrevolutionen 
(Creuzer,  Symb.  22,  386;  zugleich  'Tennenmän- 
ner’ ),  oder  Lichtgottheiten  (Schwench,  Andeutun- 
gen p.  222),  oder  gewaltige  dem  Olymp,  den 
Göttern  und  ihrer  Weltordnung  feindliche 
Mächte  (Wehrmann  in  Jahns  Archiv  18,  p.  5ff.), 
oder  die  mythischen  Heerführer  der  thrakischen 
Kolonieen  , Kanalgräber  und  Austrockner  der 
Sümpfe  (0.  Müller,  Orchom.  p.  387).  Die  mei- 
sten Erklärer  jedoch  deuten  sie  als  Personifi- 
kationen des  Ackerbaues , indem  sie  Aloeus 
und  die  Aloaden  von  die oy  (die  Tenne  oder 
das  Saatland)  ableiten  und  Otos  und  Ephial- 
tes auf  das  Stofsen  und  Stampfen  des  Getrei- 
des oder  Keltern  der  Trauben  beziehen  (von 
calH'ca  und  scpdlloycu).  Somit  sind  es  Wachs- 
tumsgeister , wie  sie  von  Mannhardt  in  den 
antiken  Wald-  und  Feldkulten  so  vielfach  auf 
griechischem  Boden  nachgewiesen  sind , die 
sich  teilweise  zu  ausgebildeten  mythischen  Fi- 
guren entwickelten,  teilweise  (wie  der  Dämon 
’Ecpiddrris,  s.  d.) , entsprechend  den  deutschen 
Alpen,  zu  Hausgeistern  wurden.  Vgl.  noch: 
Welcher,  Anh.  zu  Schwencks  And.  p.  313.  Kl. 
Sehr.  2 , 102 ; Ebers  in  Zeitschr.  f.  d.  Alter- 
tumswissenschaft 1846  No.  99.  Nitzsch  Erl.  z. 


Aloeus 


255 

Hom.  Od.  3,  p.  247;  Schwende,  Myth.  p.  297; 
Lauer  1,  p.  244.  Gerhard  1 §.  356.  670;  Brei- 
ter l3,  p.  81  f.  H.  I).  Müller  Ares  p.  51.  Stoll, 
die  ursprüngliche  Bedeutung  des  Ares  p.  39. 
Bott  in  Zeitschr.  f.  vergl.  Sprachw.  9 , p.  205. 
Bimtzer  in  Jahns  N.  Jalirh.  1849  Bd.  56, 
p.  61.  [Schultz.] 

Aloeus  (’Alcosv g),  1)  Sohn  des  Poseidon  und 
der  Kanake,  Bruder  des  Hopleus,  Nireus,  Epo- 
peus  und  Triops,  vermählt  mit  Iphimedeia,  der 
Tochter  des  Triops,  Vater  der  Aloaden,  Apol- 
lod.  1 , 7,4,  s.  Iphimedeia  und  Aloadai.  Die 
Stadt  Alos  in  Atolien  (?)  soll  von  ihm  gegrün- 
det sein,  Schot.  Ap.Bh.  1,  482.  — 2)  Sohn  des 
Helios  und  der  Antiope  (Perse , Tzetz.  vgl. 
Schot.  Od.  10,  139),  Bruder  des  Aietes,  Vater 
des  Epopeus.  Er  erhielt  von  seinem  Vater 
das  Land  Asopia,  während  Aietes  Korinth  be- 
kam; dieser  aber  zog  nach  Kolchis  und  gab 
Korinth  an  Bunos,  Sohn  des  Hermes,  und  als 
dieser  starb,  empfing  Epopeus  die  Herrschaft  von 
Korinth.  Baus.  2,  1,  1.  2,  3,  8.  Eumelos  b. 
Schot.  Bind.  Ol.  13,  74^52).  Tzetz.  174.  1024. 
Marlischeffel,  Hesiodi,  Eumeli  cet.  fr.  p.  397  ff. 
Welcher  in  Schwenck  Andeutungen  325.  Ger- 
hard Myth.  2 §.  823  u.  p.  237  f.  [Stoll.] 

Alöpe  ( ’AXong ),  die  schöne  Tochter  des  Ker- 
kyon,  des  eleusinisclien  Unholds.  Sie  gebar 
ohne  Wissen  des  Vaters  dem  Poseidon  ein 
Kind,  das  sie  durch  eine  Amme  aussetzen  liefs. 
Eine  Stute  säugte  das  Kind;  ein  Hirte  fand 
es  , in  ein  königliches  Gewand  gehüllt,  und 
nahm  es  mit  sich  nach  Hause.  Da  ein  andrer 
Hirte  das  Kind  zu  haben  wünschte,  gab  er 
ihm  zwar  das  Kind,  aber  nicht  das  kostbare 
Gewand;  deshalb  klagt  der  zweite  Hirte  bei 
dem  König  Kerkyon,  und  so  kommt  die  ganze 
Sache  ans  Licht,  indem  der  König  das  Kleid 
erkennt  und  die  Amme  alles  gesteht.  Alope 
wird  zum  Tode  eingesperrt,  das  Kind  aufs 
neue  ausgesetzt  und  wieder  von  einer  Stute 
genährt.  Die  Hirten  finden  es  wieder  und 
ziehen  es  auf,  da  sie  hier  ein  göttliches  Wal- 
ten erkennen.  Der  Knabe  erhält  von  den  Hir- 
ten den  Namen  Hippothoon  (Hippothoos)  und 
wird  der  Eponymos  der  attischen  Phyle  Hip- 
pothoontis.  Die  Alope  selbst  verwandelt  Po- 
seidon in  eine  Quelle  gleichen  Namens,  die 
im  Gebiete  von  Eleusis  gezeigt  wurde  und 
auch  den  Namen  (Jhlozrjg  hatte  ( Eesych . v.  j 
’AX uTtg.  Hygin.  f.  187.  238.  252.  Harpolcr.  v. 
’AXüng.  Demosth.  Epitaph,  p.  1398.  Iieislc.  Schot. 
Aristopli.  Av.  560.  Et.  M.  Inmo-thov . Baus. 

1,  5,  2).  Im  Gebiete  von  Eleusis  nahe  an  der 
Grenze  von  Megara  befand  sich  ein  Grabmal 
der  Alope,  und  nicht  weit  davon  wurde  der 
Ort  gezeigt,  wo  Kerkyon  die  Fremden  nie- 
dergerungen und  getötet  haben  soll,  bis  The- 
seus  auf  seiner  Wanderung  von  Troizen  nach 
Athen  ihn  tötete.  Baus.  1 , 39 , 3.  Bursian, 
Geogr.  v.  Griechenl.  1.  S.  331.  Damals  kam 
Hippothoon  zu  dem  Sieger  und  erbat  sich 
von  ihm  die  grofsväterliche  Herrschaft , und 
Theseus  übergab  sie  ihm  gern , da  Kerkyon 
keinen  Sohn  hatte  und  er  wufste,  dafs  Hippo- 
thoon ein  Sohn  des  Poseidon  war,  von  dem 
er  selbst  stammte,  Hygin.  f.  187.  Die  Erzäh- 
lung Hygins  ist  ein  Auszug  aus  der  euripidei- 


Alpheios  256 

sehen  Tragödie  Alope.  Welcher,  gr.  Tr.  2.  S.  711 

— 717.  Ein  Relief  an  der  Vorderseite  eines  Sar- 
kophags in  Villa  Pamiili  zu  Rom,  bei  Windcel - 
mann  Mon.  ined.  94,  scheint  auch  die  Tragödie 
des  Euripides  zum  Vorbilde  zu  haben.  [Vgl.  Matz 

— v.  Bulin,  Antike  Bildwerke  in  Bom  2 No.  2888. 
(Sehr.)]  Welcher  a.  a.  O.  und  Alte  Denkmäler 

2,  S.  20211'.  Stephani  compt.  rend.  1864,  147  ff. 
Welcher  schliefst  aus  der  Darstellung  des  Re- 

io  liefs,  dafs  die  Erkennungsscene  von  Euripides 
auf  den  Tag  verlegt  worden  sei , wo  Alope 
von  dem  Vater  eben  mit  einem  Jüngling  ver- 
mählt werden  sollte,  ln  der  Tragödie  Alope 
des  jüngeren  Karkinos  sagte  Kerkyon  zu  sei- 
ner Tochter,  wenn  sie  ihm  ihren  Buhlen  nenne, 
wolle  er  sich  nicht  betrüben.  Als  sie  dies 
that,  entsagte  Kerkyon  aus  Kummer  dem  Le- 
ben. S.  Welcher,  gr.  Trag.  3.  S.  1064.  Nach 
Plutarch.  Thes.  29  soll  Theseus  nach  Erlegung 
;o  des  Sinnis  und  Kerkyon  deren  Töchter  mit 
Gewalt  mifsbraucht  haben.  Die  thessalische 
Stadt  Alope  an  der  Südküste  der  Achaia 
Phtliiotis  hatte  ihren  Namen  von  Alope , der 
Tochter  des  Kerkyon,  oder  (nacliPhilonides)  von 
der  gleichnamigen  Tochter  des  Aktor.  Stepli. 
Byz.  v.  ’Alöng.  [S.  auch  C.  I.  Gr.  6047.  R.]  [Stoll.] 
A lopekos  (’AXconexog')  s.  Astrabakos. 

Alopios  ( ’Alomog ),  Sohn  des  Herakles  und 
der  Thespiade  Antiope,  Apollod.  2,  7,  8.  [Stoll.] 
!0  Alos  (’AXog) , eine  Dienerin  des  Athamas, 
die  ihm  verriet,  dafs  Ino,  um  Mifswachs  und 
dadurch  den  Tod  ihrer  Stiefkinder  herbeizu- 
führen , die  Saatfrucht  geröstet  habe.  Er  be- 
nannte nach  ihr  die  Stadt  Alos  im  phthioti- 
schen  Thessalien.  Stepli.  Byz.  s.  v.  Vgl.  Atha- 
mas.  [Stoll.  J 

Alotiauus , Name  eines  Genius  auf  einer 
Inschrift  zu  Florenz,  Orelli  2363:  Ex  imperio 
genii  Alotiani  Euaristus  seroitor  deorum  ex 
io  viso  lih.  an.  Bei  dem  griechischen  Namen  des 
Weihenden  darf  man  vielleicht  an  die  ’AXio- 
z icc  der  Tegeaten,  d.  h.  also  an  einen  Genius 
der  Sonne  denken.  [Steuding.] 

Aloun(ae),  in  der  Gegend  von  Salzburg  ver- 
ehrte Gottheiten,  auf  einer  Inschrift  ebendaher 
C.  I.  L.  3,  5581:  Bedaio  Aug.  et  Alounis  sacr. 
etc.  (219  n.  Chr.)  und  auf  einer  solchen  aus 
Chieming  bei  Traunstein,  C.  I.  L.  3,  5572: 
Bedaio  Aug  sacr  Äloun  Ar  Setonius  Maximia- 
,0  nus  etc.  (237  n.  Chr.).  Beide  Male  sind  sie 
also  neben  Bedaius,  dem  Gotte  von  Bedaium 
genannt,  so  dafs  sie  wohl  als  Schutzgöttinnen 
( rnatres ) dieser  Gegend  aufgefafst  werden  dür- 
fen. Orelli  zu  1964  vergleicht  passend  die 
Acounae  aus  dem  nicht  weit  südlich  davon 
gelegenen  Innichen,  die  auf  einer  Inschrift 
( Orelli  1995)  ganz  derselben  Zeit  (219  n.  Chr.) 
erwähnt  werden.  [Steuding.] 

Alplieios  (’AXcpsiog),  der  Gott  des  durch  Ar- 
ie kadien  und  Elis  fliefsenden  Alplieios,  des  gröfs- 
tenFlussesin  der  Peloponnes.  Bei  Hesiod.  Theog. 
338  finden  wir  ihn  im  Katalog  der  Flüsse,  der 
Söhne  des  Okeanos  und  der  Tethys,  vgl.  Hy- 
gin. praef.  Bei  Homer  II.  5,  545  ff.  (vgl.  Od. 

3,  489.  15,  187)  heilst  er  Vater  des  Orsilo- 
chos  (von  Telegone,  Tochter  des  Pharis,  Baus. 

4,  30,  2),  Grofsvater  des  Diokles,  des  Herr- 
schers von  Pherä  in  Messenien.  Der  Arkader 


257  Alpheios 

Phegeus  heifst  Solin  des  Alpheios,  Hygin.  f. 
244.  245.  Wie  die  Flüsse  allgemein,  hatte  Al- 
pheios in  seinem  Lande  Verehrung  und  Opfer, 
i besonders  bei  den  Eleern,  Paus.  5,  10,  7.  Leu- 
i kippos  in  Arkadien  weihte  ihm  sein  Haupt 
haar,  Paus.  8,  20,  1.  Nestor  opferte  dem  Al- 
pheios an  seiner  „heiligen  Strömung“  einen 
i Stier,  und  einen  Stier  dem  Poseidon,  ein  Rind 
. der  Athene,  II.  11,  725 ff.  In  Olympia,  das 
am  Ufer  des  Alpheios  lag,  opferte  ihm  Hera-  l 
kies,  als  er  nach  seinem  Sieg  über  Augeias  das 
Fest  einsetzte,  unter  12  Göttern,  Pind.  01.  11, 
48.  Er  errichtete  dort  6 Doppelaltäre,  sodafs 
je  zwei  Götter  einen  Altar  gemeinschaftlich 
hatten ; davon  war  einer  dem  Alpheios  und 
der  Artemis  geweiht.  Pind.  Ol.  5,  5(10)  und 
[ Schol.  Paus.  5,  14,  5.  In  der  Nähe  desselben 
war  noch  ein  andrer  Altar  des  Alpheios,  Paus. 
a.  a.  0.  Mit  dem  „nährenden“  Flusse  Alpheios 
wurde  die  arkadisch- eleische  Artemis , eine  2 
Göttin  der  nährenden  Feuchte,  der  Seen,  Quel- 
len und  Flüsse,  in  Elis  unter  dem  Namen  Al- 
(piLKLa  [Paus.  6 , 22,  5.  Schol.  Pind.  Nem.  1, 

3.  Pyth.  2,  (7)  11),  ’AhpSKüvCu  und  ’Alcpeiovoa 
{Strab.  8 p.  343;  vgl.  Meinehe,  Vindiciae  Stra- 
bonianae  p.  105)  und  als  noz ciyioc  (Find.  Pyth. 

2,  7)  in  Verbindung  gebracht.  Zu  Letrinoi  am 
Ausflufs  des  Alpheios  ins  Meer  hatte  Artemis 
Alpheiaia  einen  Tempel,  und  die  Einwohner 
, erzählten  als  Veranlassung  zu  dem  Bau  des  3 
: ( Tempels,  der  "von  Liebe  zu  Artemis  entbrannte 
Alpheios  habe,  da  er  durch  Überredung  und 
Bitten  nichts  bei  ihr  erreicht  habe,  beschlossen, 
Gewalt  gegen  sie  zu  gebrauchen;  Artemis  aber 

Ihabe  zu  Letrinoi  sicli  und  ihren  Nymphen,  mit 
denen  sie  hier  ein  nächtliches  Fest  feierte, 
das  Antlitz  mit  Schlamm  bestrichen,  so  dafs 
Alpheios  sie  nicht  erkennen  konnte  und  sich 
entfernte.  Paus.  6,  22,  5.  Gurtius  Peloponn. 

2.  S.  73.  Nach  anderer  Sage  verfolgte  Al-  i 
pheios  die  Artemis  bis  auf  die  im  Hafen  von 
Syrakus  gelegene  Insel  Ortygia,  wo  sie  auch 
als  Alpheiaia  einen  Tempel  hatte.  Schol.  Pind. 
Pyth.  2,  12.  Nein.  1,  3.  Artemis  vor  Alpheios 
flüchtend,  Telesilla  fr.  1 Bergk.  An  die  Stelle 
der  nach  alter  Landessage  von  dem  Flufsgott 
geliebten  Artemis.  Alpheiaia  trat  in  jüngerer 
Sage  die  Quellnymphe  Arethusa.  Die  Nymphe, 
zu  dem  Kreise  der  Artemis  gehörig,  war  eine 
Jägerin;  Alpheios,  ebenfalls  Jäger,  liebte  und  i 
verfolgte  sie,  und  als  sie,  um  seinen  Bewerbungen 
zu  entgehen,  auf  die  Insel  Ortygia  üoli  und  dort 
eine  Quelle  ward , wurde  Alpheios  durch  die 
sehnsüchtige  Liebe  in  einen  Flufs  verwandelt, 
der , unter  dem  Meere  fortfliefsend , mit  der 
Quelle  sich  vereinigte.  Paus.  5,  7,  2.  Oder: 
die  Nymphe  Arethusa  badet  einst  in  dem 
Flufs  Alpheios;  der  Flufsgott  erhebt  sich  und 
verfolgt  die  Nackende.  Artemis  umhüllt  sie 
mit  einer  Wolke,  verwandelt  sie  in  eine  Quelle  ( 
und  läfst  diese  wieder  auf  Ortygia  zu  Tage 
kommen,  vereint  mit  dem  Wasser  des  Alpheios, 
der  seine  menschliche  Gestalt  abgelegt  hatte. 
Ovid.  Met.  5,  752ff.  Vgl.  Serv.  Verg.  Ecl.  10, 

4.  Verg.  Aen.  3,  694.  Lulcian.  Dial.  marit.  3. 
Stat.  Silv.  1,2,  203.  Theb.  1,  271.  4,  239. 
Ibylc.  b.  Schol.  Theokr.  Id.  1,  115.  Pind.  Nem. 

1.  in,  u.  Schol.  Mosch.  Id.  7.  Bursian  Geogr. 

Roscher,  Lexikon  der  gr.  u.  röm.  Mythol. 


Alpheios  258 

v.  Griechen l.  2.  S.  288.  Eine  Quelle  Arethusa 
war  in  Elis  am  unteren  Alpheios  sowie  auf 
Ortygia  bei  Syrakus,  s.  E.  Curtius  in  Finder 
u.  Friedländers  Beiträgen  zur  älteren  Münz- 
kunde 1,  S.  234ff.  Paulys  Bcal-Encycl,  1,  2. 
S.  1507.  An  der  Gründung  von  Syrakus  {Ol.  5) 
durch  die  Korinthier  hatten  sich  auch  Leute 
aus  der  Gegend  von  Olympia  beteiligt,  nament- 
lich Mitglieder  des  Iamidengesclrlechtes , das 
zu  Olympia  am  Altar  des  Zeus,  welchem  vor 
allen  Flüssen  Alpheios  lieb  war  {Paus.  5,  13, 
5),  das  Weissageramt  verwaltete.  Diese  Aus- 
wanderer von  Olympia  brachten  den  Kultus 
und  die  Sage  von  ihrer  Artemis  Alpheiaia  mit 
nach  der  Insel  Ortygia , auf  welche  die  ur- 
sprüngliche Niederlassung  sich  beschränkte, 
und  da  auf  der  Insel  kein  Flufs  war,  Artemis 
Alpheiaia  oder  nozayia  aber  des  geliebten  Flus- 
ses Alpheios  nicht  entbehren  konnte  , so  bil- 
dete sich  der  Glaube,  die  ihrem  Tempel  be- 
nachbarte Quelle  Arethusa  enthalte  heiliges 
Alpheioswasser  {Ibylc,  bei  Schol.  Theokr.  Id.  1, 
117),  und  diesem  Glauben  kam  zu  Hilfe,  dafs 
sich  in  der  wasserreichen  Quelle  grofse  Fische 
befanden  ( Diod . 6,  3.  Schol.  Find.  Nem.  1,  1). 
Daraus  entstanden  dann  die  Sagen,  Alpheios 
sei  der  Artemis  oder  der  Arethusa  unter  dem 
Meere  hindurch  nach  Ortygia  gefolgt.  O.  Mül- 
ler Prolegg.  z.  e.  wiss.  Mythol.  S.  135ff.  Dorier 
1.  S.  375ff.  Dissen,  Explic.  ad  Find.  Nem.  1. 
p.  350.  Die  Vermischung  des  Alpheios  mit 
der  Quelle  Arethusa  bewies  man  durch  die 
Erzählung,  dafs  eine  Schale,  die  man  zu  Olym- 
pia in  den  Alpheios  warf,  zu  Ortygia  wieder 
zum  Vorschein  gekommen  sei,  und  dafs  die 
Quelle  trüber  werde,  wenn  man  in  Olympia 
Stiere  schlachte.  Strab.  6.  p.  270.  Vgl.  Se- 
neca  Quaest.  natur.  3,  26.  Serv.  Verg.  Ecl.  10, 
4 u.  Aen.  3,  694.  Fulgent.  Mythol.  3,  12,  der 
überdies  dem  Wasser  des  Alpheios  die  Wir- 
kungen der  Lethe  zuschreibt.  Das  Tauchen 
unter  dem  Meere  hin  aber  hatte  Alpheios  schon 
in  Arkadien  gelernt,  wo  er  öfter  unter  die 
Erde  taucht  und  unter  ihr  eine  Zeitlang  fort- 
fliefst.  Paus.  8 , 44 , 3.  54  , 1—3.  Strab.  8. 
p.  343.  Bursian,  Geogr.  v.  Griechenl.  2.  S.  186 f. 
Pseudo-Plut.  fluv.  19  erzählt , Alpheios , ein 
Abkömmling  des  Helios,  habe  mit  seinem  Bru- 
der Kerkaphos  in  der  Tapferkeit  gewetteifert 
und  ihn  erschlagen;  von  den  Erinnyen  verfolgt, 
stürzte  er  sich  in  den  Strom  Nyktimos , der 
nun  den  Namen  Alpheios  erhielt.  Nach  Ea- 
rip.  Iph.  Aul.  270  ff.  war  an  Nestors  Schiff  das 
Bild  des  Alpheios,  ein  Stierleib  mit  mensch- 
lichem Antlitz , und  darnach  ist  zu  erklären 
die  Gemme  bei  Mülin  P.  gr.  46  A.;  Alpheios 
in  menschlicher  Gestalt  mit  Füllhorn,  Zoega 
Bassir.  Ant.  1,  1.  Müller,  Denlcm.  d.  a.  K.  2. 
Taf.  7.  n.  76.  Sein  Bild  im  Ostgiebel. .des 
Zeustempels  zu  Olympia,  Paus.  5,  10,  2.  Über 
die  Bildung  der  Flüsse  (Alpheios  als  Mann)  s. 
Aelian.  Var.  hist.  2,  33.  Nicht  vollkommen 
gesichert  ist  die  Authenticität  eines  Gemäldes 
der  von  Alpheios  verfolgten  Arethusa,  Mon. 
d.  Inst.  3,  9.  Bull.  1853.  p.  22.  Kupfermün- 
zen des  Caracalla  und  Septimius  Severus  mit 
dem  Bilde  des  Alpheios  bei  Curtius,  Pclopon- 
nesos  1.  S.  394  A.  15.  [Stoll.] 


9 


Althaimenes 


259  Alphenor 

Alphenor  (AXcprjvcoQ) , Sohn  der  Niobe  und 
des  Ainphion , von  Apollon  erschossen , Ov. 
Met.  G,  248.  Stark,  Niobe  p,  9G.  [Stoll.] 

Alpliesiboia  (’AXcpsoißoia),  1)  Gemahlin  des 
Phoinix  und  Mutter  des  Adonis , Hesiod  bei 
Apollod.  3,  14,  4.  Probus  zu  Verg.  Ecl.  10,  18. 
Vgl.  Adonis.  — 2)  Tochter  des  Phegeus  in  Pso- 
phis,  Gemahlin  des  Alkmaion,  Paus.  8,  24,  4. 
Hyg.  f.  244.  Von  Apollod.  3,  7,  5 wird  sie 
Arsinoe  genannt.  Curtius  Peloponnesos  1,  388. 
400,  34.  Vgl.  Alkmaion.  — B)  Tochter  des  Bias 
und  der  Neleustochter  Pero,  Gemahlin  des  Pe- 
lias,  Theokr.  3,  45  u.  Schol.  Plierekydes  b.  Schol. 
Od.  11,  287.  Bei  Apollod.  1,  9,  10  heilst  sie 
Anaxibia.  — 4)  Eine  asiatische  Nymphe,  die, 
von  Dionysos  heftig  geliebt,  nicht  bewogen 
werden  konnte  sich  seinem  Willen  zu  fügen, 
bis  er,  in  einen  Tiger  verwandelt,  sie  durch 
Furcht  dahin  brachte,  sich  von  ihm  über  den 
Flufs  Sollax  tragen  zu  lassen.  Er  zeugte  mit  2 
ihr  den  Medos , der , nachdem  er  erwachsen, 
jenen  Flufs  Tigris  nannte.  Plut.  de  fluv.  24. 

[Stoll.] 

Alpliios  (’AXcpiog),  einer  von  den  Leuten  des 
Menelaos  auf  dem  Polygnotischen  Gemälde  in 
Delphi.  Paus.  10,  25,  2.  [Schultz.] 

Alpliito  (fAlgnxca) , ebenso  wie  Akko  (s.  d.) 
ein  Popanz,  mit  welchem  die  Weiber  die  un- 
artigen Kinder  zu  schrecken  pflegten:  Plut.  de 
Stoic.  rep.  15.  S.  die  unter  Akko  gegebene  3 
Erklärung  des  Namens.  [Roscher.] 

Alsir,  Name  einer  Göttin  oder  Heroine  auf 
einer  Cista  aus  Präneste,  C.  I.  L.  1, 1501.  Die- 
selbe erscheint  daselbst  nackt,  nur  mit  Schu- 
hen, Arm-  und  Halsschmuck  versehen;  sie 
stützt  sich  auf  eine  Säule,  neben  ihr  stehen 
Atalanta  und  Helena  und  diesen  gegenüber 
Paris,  so  dafs  wohl  an  ein  Analogon  des  be- 
kannten Parisurteils  zu  denken  ist.  Der  Name 
Alsir  ist  vielleicht  etruskisch,  doch  bezeichnet  4 
ihn  Deecke,  etr.  Forsch.  3 p.  23  als  rätsel- 
haft. Die  bildliche  Darstellung  erinnert  aber 
ganz  an  die  jugendlicher  Göttinnen  des  aphro- 
disischen Kreises  auf  etruskischen  Denkmälern. 
O.  Müller,  Etrusker  hrsg.  v.  Deecke  2 p.  1 1 2 f . 

[Steuding.] 

Altes  ('AX König  der  Leleger  zu  Peda- 
sos,  dessen  Tochter  Laothoe , eine  Frau  des 
Priamos,  diesem  den  Lykaon  und  Polydoros 
gebar,  II.  21,  85.  Vgl.  8 trab.  13,  584.  Deim-  r, 
ling  Leleger  11.  [Stoll.] 

Althaia  (’AX&aia) , Mutter  des  Meleagros, 
Tochter  des  Thestios  und  der  Eurythemis, 
Schwester  der  Leda , Gemahlin  des  Oineus, 
Königs  von  Kalydon  in  Atolien.  II.  9,  529 ff. 
Ewr.fr.  519,  4 (V.).  Apollod.  1,  7,  10;  8,  2 — 3. 
Diod.  Sic.  4,  34.  Paus.  8,  45,  6;  10,  31,  3 — 4. 
Strabo  10,  466.  Hygin.  f.  27,  19;  28,  2,  18; 
29,  7;  47,  4,  7,  8;  112,  8;  134,  2;  138,  9 (ed. 
Schmidt).  Anton.  Lib.  2.  Ov.  Met.  8,  445 ff.  Nach  ci 
Schol.  Apoll. Ph.  1, 146  u.  201  u.  war  sie  Tochter 
der  Deidameia,  oder  der  Laophonte.  Bei  Hyg.  47, 
10  heifst  sie  auch  Schwester  des  Iphiklos  von 
der  Mutter  Leukippe.  Als  Meleagros  7 Tage 
alt  war , traten  die  Moiren  zu  Althaia  und 
weissagten:  das  Kind  werde  sterben,  wenn 
das  auf  dem  Herde  brennende  Scheit  von 
der  Flamme  verzehrt  sein  werde.  Von  dieser 


260 

Weissagung  bewogen,  nimmt  Althaia  das  Scheit 
und  birgt  es  in  einer  Lade.  Meleagros  wuchs 
nun  heran  zum  tapferen,  unverwundbaren  Mann. 
Da  geschah  es,  dafs  er  bei  der  Jagd  des  kaly- 
donischen  Ebers  um  den  Ehrenpreis  des  Kam- 
pfes (s.  Meleagros)  mit  den  Brüdern  seiner 
Mutter  in  Streit  geriet  und  diese  tötete.  Al- 
thaia aber  streckte  im  Zorn  und  Schmerz  über 
den  Tod  der  Brüder  den  Brand  ins  Feuer  und 
o Meleagros  mufste  so  eines  plötzlichen  Todes 
sterben.  Nach  einer  andern  Sage  tötete  er 
seine  Vettern  in  dem  Kampfe  zwischen  Kureten 
und  Kalydoniern  (s.  Meleagros) , den  Artemis 
im  Zusammenhang  und  Verlauf  der  kalydoni- 
schen  Jagd  erregt  hatte , und  nachdem  ihn 
deshalb  Althaia  mit  schrecklichen  Flüchen  ver- 
wünscht, findet  er  kämpfend  den  Tod,  wäh- 
rend Althaia  mit  eigener  Hand  ihrem  Leben 
ein  Ende  macht.  Vgl.  Ovid.  Met.  Apollod.  Hom. 
o Eurip.  Ant.  Lib.  a.  a.  O.  Diod.  4,  34.  Paus. 
10,  31,  3ff.  [Bernhard.]  ln  Darstellungen  der 
Meleagersage  erscheint  Althaia  sehr  häufig 
z.  B.  Clarac  M.  de  sc.  pl.  201.  Zoega  Passiv, 
tv.  46.  Benndorf- Schoene  Later.  Mus.  Tfl.  10 
No.  509,  Matz-Duhn , Antike  Biläw.  in  Rom 
No.  3236  ff.  Vgl.  Kelcule,  de  fabula  Meleagr. 
p.  33  ff.  A.  Surber,  Die  Meleagersage.  Zürich 
1880.  [Schreiber.] 

Althaimenes  {AXfroapivris) , Sohn  des  Ka- 
o treus  , Königs  von  Kreta,  Enkel  des  Minos, 
Bruder  der  Apemosyne,  Aerope  und  Klymene. 
Da  Katreus  den  Orakelspruch  erhalten  hatte, 
dafs  er  durch  seinen  Sohn  sterben  werde,  ver- 
liefs  Althaimenes,  begleitet  von  seiner  Schwe- 
ster Apemosyne,  freiwillig  Kreta  und  landete 
in  Rhodos  an  einem  Orte , den  er  Kretinia 
nannte  (zu  Kameiros , Diod.).  Er  bestieg  den 
in  der  Nähe  gelegenen  Atabyrios,  den  höch- 
sten Berg  der  1 nsel , von  wo  man  bis  nach 
o Kreta  sehen  konnte,  und  gründete  hier  in  Er- 
innerung an  die  Götter  seiner  Heimat  den 
(ursprünglich  phönikischen)  Dienst  des  Zeus 
Atabyrios.  (Nach  Lactant.  1,  22  thut  dies  ein 
Atabyrios,  der  einmal  den  Zeus  bei  sich  be- 
herbergt hatte.)  Darnach  wurde  Althaimenes 
zuerst  der  Mörder  seiner  Schwester,  dann  der 
seines  Vaters.  Hermes  verfolgte  mit  seiner 
Liebe  die  Apemosyne,  und  als  er  sie  nicht  er- 
haschen konnte  — denn  sie  war  schneller  als 
o er  — breitete  er  ihr  frische  Felle  auf  ihren 
Weg,  so  dafs  sie  ausglitt  und  seine  Beute 
ward.  Althaimenes  wollte  die  Angabe  der 
Schwester  nicht  glauben  und  tötete  sie,  erbit- 
tert über  ihre  Schande,  durch  einen  Fufstritt. 
Katreus  batte  inzwischen  seine  beiden  andern 
Töchter  wegen  ihrer  gemeinen  Leidenschaft 
dem  Nauplios  gegeben,  dafs  er  sie  in  fremde 
Länder  verkaufe,  und  wünschte  nun  in  seinem 
verwaisten  Alter  dem  Althaimenes  sein  Reich 
3 zu  übergeben.  Er  geht  zu  Schiff  und  landet 
an  einer  öden  Küste  von  Rhodos , wo  er  mit 
Hirten , welche  ihn  und  seine  Schar  für  Räu- 
ber halten , in  Kampf  gerät.  Althaimenes 
kommt  hinzu  und  tötet  den  Vater,  den  er 
nicht  erkennt,  durch  einen  Speerwurf.  Als  er 
erfuhr,  was  geschehen,  irrte  er  verzweifelt  in 
den  Einöden  umher  und  grämte  sich  zu  Tode 
{Diod.)  oder  wurde  auf  sein  Gebet  von  der 


m 


Altliephios 


L , 

irde  verschlungen.  Infolge  eines  Orakelspruchs 
vurde  er  von  den  Rhodiern  als  Heros  ver- 
hrt.  Apollod.  3,  2,  1.  2.  Biod.  5,  59.  Vgl. 
leffter,  Gottesdienste  auf  Rhodos  3.  S.  i6ff.  81. 
Preller,  gr.  Mythol.  2.  S.  127ff.  [Stoll.]  Vgl. 
,uch  Aug.  Beclcer,  de  Rhodiorum  primordiis 
Dissert.  Jen.  2)  p.  121  ff'.  [Schreiber.] 
Altliephios  (’Al&ycpiog),  ein  Nachkomme  des 
Ylpheios,  von  welchem  eine  Weinsorte  Ali bp 
piag  hiefs.  Athen.  31c.  Suid.  s.  v.  ’AXrhrjcptug.  io 
Zonar.  12G.  [Roscher.] 

Althepos  f'AlQ’gnog),  nach  welchem  der  trö- 
.enische  Bezirk  Althepia  den  Namen  erhalten, 
lohn  des  Poseidon  und  der  Le'is  (Saat),  der 
Tochter  des  trözenischen  Königs  Oros  (Zeiti- 
ger). Unter  ihm  stritten  Poseidon  und  Athene 
im  das  Land.  Raus.  2,  30,  G.  32,  7.  Über 
lie  Bedeutung  des  Namens  (uXJaCva)  und  sei- 

Iien  Zusammenhang  mit  Poseidon  yvuxlyiog 
i.  Preller , gr.  Mythol.  1.  S.  480.  Völcker,  Ja-  20 
net.  Geschl.  S.  164.  169.  Welcher  zu  Sclnvench 
Et.-myth.  Andeutungen  S.  296.  [Stoll.] 

Altor  s.  Indigitamenta. 

Alus,  wohl  ein  celtischer  Gott  auf  zwei  In- 
schriften aus  der  Gegend  von  Brescia,  C.  I.  L. 

5,  4197:  Alo  Sex.  Nig.  Sollonius  v.  s.  I.  m. 
md  5,  4198:  Beo  Alo  Saturno  Sex.  Gommodus 
Valerius  v.  s.  I.  m.  (—  Orelli  1510,  der  falsch 
irvalo  hat;  beide  sind  trotz  Orellis  Verdacht 
seht).  Da  Alus  in  letzterer  Inschrift  mit  Sa-  30 
urnus  zusammen  genannt  wird,  dürfte  auch  er 
Ich  auf  den  Ackerbau  beziehen.  Jedenfalls 
längt  derselbe  mit  der  auf  einer  wenig  nörd- 
ich  von  Brescia  gefundenen  Inschrift  erwähn- 
ten Göttin  Alantedoba  (s.  d.)  zusammen. 

[Steuding.J 

Alykos  (’/llvKog) , Sohn  des  Skiron.  Er 
kämpfte  auf  Seiten  der  Dioskuren,  als  diese 
Apliidnä  stürmten,  und  fiel.  Nach  Hereas  soll 
r durch  die  Hand  des  Theseus  gefallen  sein.  10 
Er  lag  in  Megaris  begraben.  Blut.  Thes.  32. 

[Stoll.] 

Alyzeus  (’AXv£svg),  Sohn  des  Ikarios,  Bruder 
ler  Penelope  und  des  Leukadios,  herrschte  mit 
lern  Bruder  nach  des  Vaters  Tod  in  Akarna- 
lien.  Die  Stadt  Alyzia  war  nach  ihm  benannt. 
Alhnaionis  b.  Strab.  10,  452.  Stegh.  Byz.  v. 
4lv£s icx.  [Stoll.]  [J.  Gr.  3064.  | Roscher.] 

Alxenor  (’AX'gyvcoQ) , ein  teischer  Heros:  C. 
Alxion  (Aljgicov),  Vater  des  Oinomaos,  der  50 
;onst  für  einen  Sohn  des  Ares  gilt,  Paus.  5, 

5.  [Stoll.] 

Amakleides  (’Aga-nXsiöyg , vielleicht  falsche 
Lesart  für  ’Avav.Xcibrjg  von  Avcc/.Xrjg:  Fiele  8.  11), 
einer  der  Tritopatoren  nach  den  orphischen 
<bvGiv.ix  bei  Tzetz.  ad  Lyhophr.  738.  Schol.  Od. 

0,  2.  Suid.  s.  v.  TQLxonccTOQsg  (wo  kaum  rich- 
tig ’Aytxlnsidrjg  überliefert  ist,  vgl.  den  zweiten 
TlQwzoKlrjg)  = Etym.  M.  p.  768.  Vgl .Lobech 
Aglaopli.  p.  753  ff.  [Crusius.]  00 

Anialens  (AfuxXsvg),  Sohn  des  Amphion  und 
der  Niobe  (oderHippomedusa).  Aedon  (s.d.),  die 
Gemahlin  des  Zethos,  wollte  ihn  aus  Neid 
über  den  Kindersegen  der  Niobe  ermorden, 
tötete  aber  durch  Verwechselung  in  der  Nacht 
ihren  eigenen  Sohn  Itylos.  Schol.  u.  Fustath. 
Ad.  19,  518.  Stark,  Niobe  96.  370.  383.  Bei 
Eust.  heifst  er  Amphialeus,  s.  Aedon.  [Stoll.] 


Amaltheia 


262 


Amaltheia  (’AyuX&eux),  1)  Nährerin  des  Zeus- 
kindes, entweder  als  Nymphe  oder  als  Ziege 
gedacht.  Der  eben  geborene  Zeus  wurde  in 
Kreta  von  der  Mutter  Rhea  der  Themis  und 
von  dieser  der  Nymphe  Amaltheia  übergeben, 
die  den  Knaben  mit  der  Milch  einer  Ziege 
nährte.  Diese  Ziege  (Aiga,  Aix),  von  Helios 
stammend,  war  von  so  schrecklichem  Aussehen, 
clafs  die  Titanen  ihren  Anblick  fürchteten,  und 
die  Erde  sie  auf  ihr  Bitten  in  einer  Höhle 
Kretas  barg , wo  sie  den  Zeus  nährte.  Als 
Zeus,  zum  Manne  herangewachsen,  den  Kampf 
gegen  die  Titanen  unternahm,  wappnete  er  sich 
auf  den  Rat  der  Themis  mit  der  Aigis  (s.  d.), 
dem  Felle  jener  Ziege,  welches  undurchdring- 
lich und  mit  dem  Gorgoneion  versehen  war. 
Diese  aus  der  dem  Musaios  zugeschriebenen 
Theogonie  genommene  Erzählung  (bei  Era- 
tosth.  cat.  c.  13.  Hygin.  poet.  astr.  2, 13)  wird 
von  Schümann  (de  Iovis  incunab.  p.  12  = Opusc. 
acad.  2 p.  258)  für  die  verhältnismäfsig  älteste 
Form  der  Fabel  gehalten.  Der  Schol.  z.  11. 
15,  229  hat  aus  derselben  Quelle  geschöpft, 
nur  setzt  er  für  die  Nymphe  Amaltheia  eine 
Ziege  Aiga.  Eine  Nymphe,  die  den  jungen 
Zeus  mit  der  Milch  einer  Ziege  nährte,  heifst 
Amaltheia  an  vielen  Stellen,  Tochter  des  Okea- 
110s  (Schol.  II.  21,  194.  Hygin.  F.  182  und 
dazu  Mancher)  oder  dgs  Haimonios  (Apollod. 
2,  7,  5.  Tzetz.  Lyh.  50),  oder  des  kretischen 
Königs  Melisseus  (Lactant.  Inst.  1 , 22 , 19. 
Hygin.  Poet.  Astr.  2,  13.  Fab.  182),  oder  des 
Olenos  (Theon  zu  Arat.  64).  Nach  Ovid.  Fast.  5, 
115  barg  die  Nais  Amaltheia  den  Zeus  in  Kreta 
in  Wäldern  und  nährte  ihn  mit  der  Milch  der 
olenischen  Ziege.  Nach  Lactant.  a.  a.  O.  nährten 
des  Melisseus  Töchter  Amaltheia  und  Melissa 
den  Zeus  mit  Milch  und  Honig;  daher  sieht 
man  auf  kretischen  Münzen  sowohl  die  Ziege 
als  die  Biene.  Als  Kronos 
das  Zeuskind  suchte,  um  es 
zu  vernichten,  hängte  seine 
AmmeAmaltbeia  .es  in  ei- 
ner Wiege  an  einen  Baum, 
damit  das  Kind  weder  im 
Himmel  noch  auf  der  Erde 
noch  im  Meere  zu  finden 
wäre,  und  liefs  die  Kure- 
ten  um  den  Baum  Lärm 
machen,  damit  Kronos  den  Amaltheia  mit  d.  Zeus- 
Knaben  nicht  schreien  hörte.  kmde,  Münze  von  Aigeai 
Hyg.  F.  139.  Die  Orphi-  (Imhoofs  Sammlung), 
ker  haben  die  Amaltheia 
zur  Gemahlin  des  Melissos  gemacht  und  deren 
Töchter  Ida  und  Adrasteia  (s.  d.)  zu  Ammen  des 
Zeus,  s.  Lobech,  Aglaopli.  p.  614.  Bei  Hygin. 
F.  182  heifsen  die  Ammen  des  Zeus  Ida,  Amal- 
theia und  Adrasteia,  Töchter  des  Okeanos  oder 
des  Melisseus,  auch  wurden  sie  dodonäische 
Nymphen  genannt,  was  darauf  hindeutet,  dafs 
man  den  Zeus  auch  zu  Dodona  erzogen  glaubte. 
Auch  Apollod.  1,  1,  6 nennt  die  drei  Namen; 
aber  nur  Ida  und  Adrasteia  sind  dort  Nymphen 
und  Töchter  des  Kreters  Melisseus,  Amaltheia 
dagegen  die  nährende  Ziege.  Als  die  Ziege, 
welche  den  jungen  Zeus  auf  Kreta  säugte  und  von 
ihm  zum  Lohn  unter  die  Sterne  versetzt  wurde, 
erscheint  Amaltheia  vielfach : Hygin.  Poet. 

9 * 


263 


Amaltheia 


Amalt, heia 


264 


Astr.  2,  13.  Aral.  Phaen.  163.  Kallim.  11.  in 
lov.  49.  Apollod.  1,  1,  6.  Zenob.  2,  48  u.  a. 
Andererseits  heifsen  Aix  oder  Capra,  Aiga  und 
Helike  (Töchter  des  Olenos)  als  Aminen  des 
Zeus  Nymphen,  Anton.  Lib.  Met.  c.  36  p.  46 
{Koch).  Hygin.  Poet.  Astr.  2,  13.  Unter  die 


p.  5 u.  a.  s.  Böttiger  a.  a.  0.)  und  in  manche 
Mythen  des  Altertums  verflochten  ist,  be- 
sonders in  den  Mythus  von  Acheloos  (s.  d,). 
Acheloos  hatte  das  Horn  der  Ziege  von  Amal- 
theia,  der  Tochter  des  Okeanos,  erhalten  und 
tauschte  dagegen  das  seinige,  das  ihm  Herakles 
abgebrochen,  von  diesem  ein. 
Schot.  11.  21,  194.  Apollod.  2,  7 
5.  Tzetz.  Lylc.  50.  Oder  das  den 
Acheloos  abgebrochene  Horn  gal 
Herakles  den  Hesperiden  oder  der 
Nymphen,  welche  es  mit  Früchten 
füllten  und  Horn  des  Überflusses 
nannten.  Hyg.  f.  31.  „Sie  gaber 
es  der  Göttin  des  Überflusses, 
Copia  (s.  d.),  Ov.  M.  9,  87.  Nach 
Hesych.  v.  ’/Jgal&s lag  y-iyag  gal 
Hermes  dem  Herakles  das  Horn 
der  Amaltheia,  als  er  nach  den 
Rindern  des  Geryones  auszog.  Von 
einer  Nymphe  Amaltheia  in  Thes- 
piä,  „die  im  Besitze  des  Hornesl 
des  Überflusses  war,  spricht  Pa- 
laeph.  c.  46.  Strab.  10  p.  458 
sagt,  manche  erklärten  das  Horn 
der  Amaltheia  und  das  des  Ache- 
loos für  identisch,  und  Herakles 
habe  es  dem  Oineus  als  Preis  für 
seine  Tochter  Deianeira  gegeben. 
Auch  bei  PHod.  4,  35  ist  das  Horn 
der  Amaltheia  identisch  mit  dem 
des  Acheloos.  Natürliche  Erklä- 
rungen des  Mythus  liefern  Strdbo't 
u.  Diodor  a.  a.  0.  PHod.  3,  68 
erzählt,  dafs  der  libysche  König 
Ammon  die  Amaltheia,  eine  über- 
aus schöne  Jungfrau,  mit  der  ei 
den  Dionysos  gezeugt,  zur  Be- 
herrscherin einer  sehr  fruchtbaren 
Gegend,  welche  die  Gestalt  eines 
Kuhhornes  hatte,  gemacht  habe, 
und  dafs  von  ihr  die  Gegend  den 
Namen  des  Hornes  der  Amaltheia 
erhielt,  der  dann  überhaupt  auf 


Amaltheia  mit  dem  Zeuskinde  (?)  und  Pan  , Belief  im  Lateran  (vgl.  Benn-  jedes  fruchtbare  Land  Übertragen 
dorf  U.  Schöne,  u.  aut.  Biidw.  d.  lat.  Mus.  s.  worden  sei.  Über  Amaltheia,  das 

Sterne  wurde  die  Ziege  jedenfalls  versetzt,  Horn  der  Amaltheia  und  seine  Bedeutung  als 

mochte  sie  heifsen,  wie  sie  wollte.  Nach  Symbol  materieller  Segensfülle  s.  Böttiger, 

Schot.  Kallim.  H.  in  lov.  49  flofs  aus  dem  Amalthea  1 S.  26.  Hoch,  Kreta  1 S.  185. 

einen  Horn  der  Ziege  Amaltheia  Nektar,  aus  so  Völcher,  Mythol.  d.  Iapet.  Gesellt.  S.  89.  Prü- 
dem andern  Ambrosia  (s.  d.).  Als  die  Ziege  des  ler , gr.  Mythol.  1 S.  30f.  105.  453.  2 S.  244. 

Zeus  an  einem  Baume  das  eine  Horn  abbrach,  Lauer,  System  d.  gr.  Mythol.  S.  190  f.  Schömann, 


umwand  es  seine  Amme,  die  Nymphe  Amal 
theia,  mit  frischen  Kräutern,  füllte  es  mit 
Früchten  und  brachte  es  dem  Zeus,  der  das- 
selbe später  zugleich  mit  der  Ziege  unter  die 
Sterne  versetzte.  Ovid.  Fast.  5,  115  — 128. 
Nach  andern  brach  Zeus  der  ihn  nährenden 
Ziege  Amaltheia  ein  Horn  ab,  gab  es  den 


Opusc.  ac.  2 p.  258  ff.  Zinsow,hist.  gr.primord. 
p.  26.  Welcher,  gr.Götterl.  2 S.  231.  Gerhard , 
gr.  Mythol.  § 211,  3.  Braun,  gr.  Götterl.  § 352. 
Während  Schömann  annimmt,  dafs  die  nährende 
Amaltheia  ursprünglich  als  eine  Nymphe,  wel- 
che als  Besitzerin  aller  guten  Gaben  sich  zur 
Amme  des  Zeus  eignete,  und  später  erst  als 


Töchtern  des  Melisseus  und  legte  in  dasselbe  co  die  nährende  Ziege  aufgefafst  worden  sei 


einen  solchen  Segen,  dafs  es  mit  allem,  was 
sie  nur  wünschten,  sich  füllte,  s.  Böttiger,  Amal- 
thea „1  S.  26.  So  entstand  das  berühmte  Horn 
des  Überflusses,  cornu  copiae,  welches  vielfach 
sprichwörtlich  verwendet  (vgl.  Antiphan.  fr.  109 
= Athen.  11  p.  503  B.  Phohylides  7 Berglc, 
Lyr.  gr.  p.  358.  Philoxenos  3,  5 Berglc  p.  990. 
Tyahian  merc.  cond.  13.  Plut.  de  absurd .'  Stoic. 


kehren  andere  die  Sache  um  und  behaupten, 
dafs  die  Ziege  Amaltheia  das  Ursprüngliche 
sei.  Die  Ziege  aber  nimmt  man  als  Symbol 
der  Wolke,  und  zwar  teils  der  stürmenden 
Wetterwolke,  teils  der  befruchtenden,  nähren- 
den Wolke.  Der  junge  Himmelsgott  nährte 
sich  von  dem  strömenden  Segen  der  Wolke. 
Nach  Braun  (a.  a.  0.)  wurde  die  Ziege  dem  für 


Hr  L 


Amaltheia 


Amata 


266 


265 

lie  Herrschaft  des  Äthers  bestimmten  Gotte 
ils  Amme  ausersehen,  weil  die  Bergziege,  dem 
Adler  gleich,  auf  den  höchsten  Spitzen  der 
b Berge  in  der  Nähe  des  Himmels  weilt.  — Der 
Afame  Amaltheia  (vgl.  Althaia)  stammt  wahr- 
scheinlich von  aXd'co,  dX&cdvco,  pflegen,  nähren; 
Hesych.  erklärt  dpccXAtvec  durch  ■nXrjQ'vvsi, 
nXovzit,si,  zgicpsi.  Schümann  a.  a.  0.  p.  260  lei- 
det das  Wort  ab  von  oippu  (Amme,  Mutter) 
md  äX&co  und  erklärt  alma  mater,  nutricia. 
|i  Schwenck  Et. -myth.  Andeut.  S.  41  u.  Jacohi, 
Kandwörterb.  d.  gr.  u.  röm.  Myth.  denken  an 
ipslyco,  andere  an  apdX&ccuog  (dpaXcvHiozicc, 
Uiod.  4,  35.  Tiaqu.  zo  pr\  pccXdooeoftca , Suid.). 
Welcher,  über  eine  leret.  Kolonie  in  Theben  S.  6 
eitet  es  von  dpalg  ftsiu  ab,  das  er  „göttliche 
Hege“  übersetzt,  weil  dpuXf\  b i Hom.  II.  22, 
HO  Beiname  der  Lämmer  ist  Lauer  a.  a.  0. 
3. 190  möchte  es  zusammenbringen  mit  dpdXg  = 
dpaXXa,  Garbe  ; vgl.  Sichler  de  Amaltheac  etymo 
et  de  cornutis  deorum  imaginibus  1821.  Der 
Mythus  der  Amaltheia  ist  in  Kreta  ausgebildet, 
scheint  aber  auch  zu  Dodona  in  Epirus  heimisch 
geworden  zu  sein,  wo  ebenfalls  von  der  Ge- 
burt und  Ernährung  des  Zeus  erzählt  ward, 
und  von  da  aus  wird  das  Horn  der  Amaltheia 
mit  dem  nährenden  und  befruchtenden  Ache- 
(oos  in  Verbindung  gekommen  sein.  Auf  seinem 
Landgut  in  Epirus  hatte  Atticus,  Ciceros  Freund, 

‘ äin  Amaltheum , ein  Heiligtum  der  Nymphe 
Amaltheia,  eingerichtet,  das  er  durch  park- 
trtige  Anlagen  und  durch  Reliefs,  die  sich  auf 
len  Mythus  der  Amaltheia  bezogen,  zu  einem 
ingenehmen  Sommeraufenthalt  machte,  Cic.  de 
egg.  2,  3,  7.  ad  Att.  1, 13,  1.  16,  15.  18.  2,  20,  2. 
Schümann  a.  a.  0.  p.  260  u.  261.  Preller,  gr. 
Mythol.  1 S.  30.  Vgl.  Völclcer  a.  a.  0.  — Amal- 
heia  als  Ziege  dargestellt,  das  Zeuskind  näh- 
end, umtanzt  von  den  Kureten , an  der  capi- 
;olinischen  Ara,  Mus.  Cap.  4,  7.  Millin , Gal. 
Myth.  5,  17.  S.  Braun , gr.  Götterl.  § 354.  Als 
Hege,  das  Zeuskind  auf  dem  Rücken  tragend, 
luf  einer  Münze  Valerians,  Millin.  10,  18.  Als 
nenschliche  Pflegerin  mit  dem  Kind  auf  dem 
Ichofse,  Campana  Opere  in  plast.  1.  Mon.  d. 
tnst.  3,  17.  (Vgl.  auch  die  Abbildungen  oben 
3.  262  f.).  Mehr  bei  Overbeck,  K.  AI.  Zeus 
>22  ff.  Das  Horn  der  Amaltheia  findet  sich 
lach  Paus.  4,  30,  4.  7,  26,  3 besonders 
iei  Abbildungen  der  Glücksgöttin,  s.  Alüller,  ; 
Denhn.  d.  a.  K.  2.  n.  315.  316.  925.  927—930. 
135.  Aufserdem  sieht  man  dasselbe  an  Statuen 
md  Bildern  des  Zeus  ( Müller , Handb.  d.  Arcli. 
550,  6),  des  Herakles  ( Visconti  Pio  Clem.  2, 
i.  Millin,  Gal.  Myth.  122,  478;  s.  Preller,  gr. 
Myth.  2 S.  275),  des  Pan  ( Peilerin , JRecueil 
Tom.  1 pl.  37),  des  Pluton  ( Müller , Denkm.  2. 
i.  HO),  der  Flufsgötter  und  Landesgottheiten 
Müller,  Denlcm.  2 n.  76.  1 n.  320  g),  des  Bo- 
nus Eventus  {Müller  2 n.  943.  944)  u.  a.  ( 
Vgl.  auch  B.  P.  Hartwig,  Herakles  mit  dem 
Füllhorn.  Diss.  Leipzig,  1883.  Sehr.]  — 2) 
Amaltheia,  eine  Sibylle,  bei  Tibull  2,  5,  67 
verschieden  von  der  cumanisclien,  aber  von 
lactant.  Inst.  1,  6,  10  mit  dieser  identificiert. 
^gl.  Io.  Lyd.  de  mens.  4,  34.  Serv.  Verg.  Aen. 

>,  72.  Schol.  Plat.  Phaedr.  tom.  8 p.  287  Tauchn. 
Suid.  s.  v.  Zh'ßvX.hx.  Sie  galt  vielleicht  auch 


für  die  Erzieherin  des  Zeus,  Klausen,  Aen.  u. 
d.  Pen.  S.  299.  — 3)  Amaltheia,  Tochter  des 
Phokos,  mit  welcher  Zeus  in  Gestalt  eines 
Bären  Umgang  pflog.  Clem.  Born.  Homil.  5, 
13.  S.  Schümann  Op.  ac.  2 p.  260.  A.  52. 

[StoR] 

Amarakos  (Apaganog),  ein  königlicher  Knabe, 
Sohn  des  kyprischen  Königs  und  Aphrodite- 
priesters Kinyras.  Während  er  gerade  Salben 
> trug,  fiel  er,  uncl  durch  die  Ausgiefsung  ver- 
breitete er  einen  noch  gröfseren  Duft  als  vor- 
her. Deshalb  nannte  man  die  besten  Salben 
amarakinische.  Der  Knabe  wurde  durch  den 
Schreck  in  das  wohlduftende  Kraut  Sampsuchon 
verwandelt,  das  später  Amarakos  hiefs,  eine 
Art  Majoran,  die  auf  Kypros  sehr  häufig  wuchs. 
Diese  Pflanze  sowie  die  Myrrhe  (Myrrha,  die 
in  den  Myrrhenbaum  verwandelte  Tochter  des 
Kinyras)  wurde  in  dem  kyprischen  Aphrodite- 
i kult  viel  zu  Salben  und  Spezereien  gebraucht. 
Serv.  Verg.  Aen.  1,  693.  Enget,  Kypros  2,  95. 
125  f.  Preller,  gr.  Mijth.  1,  285,  1.  Pauly,  B. 
Encycl.  1,  1 p.  826.  [Stoll.] 

Amarynkeus  {’Apagvynevg,  v.  dp agveam,  der 
Strahlende,  was  auchAugeias  bedeutet),  König 
der  Epeier  in  Buprasion,  Sohn  des  Alektor 
und  der  Diogeneia  ( Eustath . Hom.  p.  303), 
welchem  seine  Söhne  in  Buprasion  Leichen- 
spiele feierten,  an  denen  sich  Nestor  in  seinen 
jungen  Jahren  beteiligte.  II.  23,  630,  vgl. 
Quint.  Sm.  4,  517.  Nach  Paus.  5,  1,  8 war 
sein  Vater,  Pyttios  aus  Thessalien  nach  Elis 
gekommen,  und  als  Augeias  sich  gegen  den 
Angriff  des  Herakles  rüstete,  gewann  er  dessen 
sehr  kriegstüchtigen  Sohn  Amarynkeus  als 
Bundesgenossen  und  gab  ihm  Teil  an  der 
Herrschaft,  vgl.  Paus.  5,  3,  4.  (Nach  Heka- 
taios  bei  Strab.  8 p.  341  kämpften  jedoch 
die  Epeier  mit  Herakles  gegen  Augeias).  Sein 
Sohn  Diores  war  einer  der  4 Führer  der  Epeier 
vor  Ilion.  II.  2,  622.  Ein  Sohn  des  Amaryn- 
keus namens  Hippostratos  wird  Apollod.  1, 
8,  4 genannt,  den  Hesiod  {fr.  88  Lelirs ) bei 
Schol.  Find.  Ol.  11,  38  (10,  46)  wahrschein- 
lich als  Enkel  desselben  ansieht.  Hygin.  E. 
95  läfst  den  Amarynkeus,  Sohn  des  Onesi- 
machos,  von  Mykene  aus  mit  19  Schiffen  mit 
nach  Troja  ziehen  — eine  verderbte  Stelle, 
wo  für  Mykene  vielleicht  Hyrmine  oder  Myr- 
sinos  {11.  2,  616)  einzusetzen  ist.  [Stoll.] 
Amarynthos  (Apdgvv&og),  1)  ein  Jäger  der 
Artemis , nach  welchem  der  Flecken  Amaryn- 
tlios  mit  dem  berühmten  Heiligtum  der  Artemis 
Amarynthia  {Strab.  10,  448)  benannt  war  {Stepli. 
B.  s.  v.),  ein  König  auf  Euböa  {Et.  31.  77,  42), 
Vater  des  Narkissos  (Akusilaos  b.  Probus  zu 
Verg.  Ecl.  2,  48,  wo  Amarynthos  für  Amaran- 
tlios  und  Eretriensis  für  Erechtheis  zu  schrei- 
ben ist).  Nach  Hom.  Hy.  in  Ap.  Pyth.  33 
scheint  er  ein  Geliebter  des  Apollon  gewesen 
zu  sein,  s.  Baumeister  z.  d.  St.  — 2)  Hund  des 
Aktaion,  Apollod.  3,  4,  4.  [Stoll.] 

Amastris  {"Apaargig),  Amazone,  Eponyme  der 
Stadt  am  Pontus.  Demosthenes  bei  Stepli. 
Byz.  s.  v.  [Klügmann.] 

Alllastros  {’ApaGzgog),  ein  Dolione,  von  Nestor 
getötet,  Val.  Flacc.  3,  145.  [Schultz.] 

Amata,  Gemahlin  des  Königs  Latinus  und 


Amatheia 


267 


Amazonen(Kämpfe) 


Matter  der  Lavinia.  Sie  wurde,  als  Latinus 
dem  Aeneas  seine  Tochter  zur  Gemahlin  anbot, 
durch  Iuno  angestachelt,  diese  Heirat  zu  hin- 
tertreiben, zumal  da  sie  ihre  Tochter  vorher 
schon  ihrem  Schwestersohn  Turnus  versprochen 
hatte.  Verg.  Aen.  7,  343  ff.  Als  sie  wähnte, 
dafs  Turnus  vom  Aeneas  getötet  sei,  erhing  sie 
sich  selbst:  Aen.  12,  602  f.  Jedenfalls  hängt 
die  Sage  von  Amata  mit  dem  alten  latinischen 
Vestakulte  in  Lavinium  zusammen,  da  jede  io 
Vestalin  bei  ihrer  captio  durch  den  Pontifex 
maximus  Amata  genannt  wurde  (Gell.  N.  A.  1, 

12,  14.  19).  Vgl.  Schwegler , röm.  Gesch.  1, 
287.  Preller,  röm.  Myth 3 2,  161.  330.  Premier, 
Hestia-Vesta  276  u.  396  f.  Klausen,  Aeneas 
u.  d.  Penaten  775.  [Roscher.] 

Amatheia  (AyuAsia),  Nereide,  II.  18,  48. 
Braun,  gr.  Götterl.  § 96.  99.  [Stoll.] 

Amatiios  ('Ayufi-og) , 1)  Sohn  des  Königs 
Aerias,  welcher  den  Tempel  der  Aphrodite  zu  20 
Amatlius  auf  Kypros  gebaut  haben  soll:  Tacit. 
Arm.  3,  62,  vgl.  Steph.  B.  s.  v.  ’Agcc&ovg,  nach 
welchem  Amathos  ein  Sohn  des  Herakles  sein 
sollte.  — 2)  Sohn  des  Makedon,  Gründer  der 
Stadt  Amathia  in  Makedonien,  Bruder  des 
Pieros,  der  die  Stadt  Pieria  gründete,  Schol. 

II.  14,  226.  [Stoll.] 

Amatlnisa  (Agudovoa),  Mutter  des  Kinyras, 
Gründerin  von  Amathus  auf  Kypros.  Steph. 
Byz.  s.  v.  ’Aga&ovg.  [Roscher.]  30 

Amazonen  (’Aycc&vtg,  episch  ’Aga^oviösg). 

1.  Mythologisch.  Die  Amazonen  er- 
scheinen als  mythische  Kriegerinnen  fremden 
Stammes,  welche  mit  den  berühmtesten  Heroen 
der  Griechen  kämpfen , auf  ihren  Zügen  Epo- 
nyme  von  Städten  werden  und  auch  in  Ver- 
bindung mit  dem  Kultus  von  Gottheiten  treten. 
Ihre  Kämpfe  sind  fast  die  einzigen,  deren  die 
Ilias  in  älterer  Zeit  in  Asien  Erwähnung  thut; 
aber  sie  gedenkt  der  Amazonen  überhaupt  nur  40 
kurz.  Eingeführt  in  die  nationale  Poesie  hat 
sie  erst  Arktinos,  welcher  Penthesileia  die 
erste  der  von  fernher  Troja  zu  Hilfe  eilenden 
Helden  sein  läfst.  Die  in  voller  heroischer 
Würde,  aber  einzeln  auftretende,  nach  tapferem 
Kampfe  Achill  erliegende  Amazone  ist  eine 
Schöpfung  von  höchstem  poetischen  Interesse, 
die  zu  allen  Zeiten  Nachahmung  gefunden  hat. 
Die  Heraklessage  läfst  umgekehrt  den  Vor-  • 
kämpfer  der  Griechen  in  das  Land  der  Ama-  50 
zonen  ziehen  und  dort  das  ganze  Volk  besie- 
gen. In  der  attisch-theseischen  Sage  folgt  der 
Raubfahrt  des  Theseus  der  Rachezug  der  Krie- 
gerinnen und  ihre  Niederlage  in  Attika.  Wäh- 
rend diese  drei  Sagen  in  Litteratur  und  Kunst 
hochgefeiert  sind,  haben  die  in  der  Ilias  er- 
wähnten nur  geringe  Entwicklung  gefund  en.  Den 
Kampf  mit  Bellerophon  (II.  6,  186)  denken 
sich  die  Schol.  in  Lykien,  vgl.  Aristid.  Areop. 
118;  Pindar  Ol.  13,  86  vielleicht  im  Norden;  60 
die  einzige  Kuustdarstellung,  ein  W andgemälde 
gehört  einem  Bellerophoncyklus  an  (Bullet,  d. 
Inst.  1871  p.  204;  vgl.  aufserdem  Anmali  1873 
p.  48).  Die  Hilfe,  welche  Priamos  den  Phry- 
gern  gegen  die  Amazonen  geleistet  (II.  3,  186), 
liefs  sich,  wie  Strabo  12,  552  meint,  nicht 
wohl  mit  Penthesileias  Auftreten  vereinigen. 
Die  vielspringende  Myrine,  als  deren  Grabmal 


die  Sprache  der  Götter  den  Hügel  bei  Troja 
bezeichnete  (II.  2,  814),  hat  in  den  lokaler 
Eponymiesagen  eine  Rolle  gespielt.  — Am 
Arktinos1  Aithiopis  überliefert  Proklos:  Pen 
thesileia,  Tochter  des  Ares  von  thrakischem 
Stamme,  kommt  den  Troern  zu  Hilfe;  nach 
einer  Aristeia  ihrerseits  tötet  Achill  (s.d.)  sie;  die 
Troer  bestatten  sie,  vgl.  Welcher,  Ep.Cyhl.  2] 
S.  169  ff.  Jahn- Michaelis  Bilder  Chroniken  S.  27 
111.  Diese  Hauptzüge  finden  sich  im  ersten 
Buche  von  Quint.  Smyrn.  reiner  wieder  als  in 
den  von  epischer  Auffassung  weit  entfernten' 
militärischen  Schilderungen  von  Tzetzes  Postli 


Amazone  des  Polyklet  (?) , Berliner 
Museum  (s.  S.  277  Z.  15). 

init.  Dictys  Gr  et.  4,  2.  Malalas  5 p.  125.  Phi 
lostratos,  der  Heroic.  20,  49—47  einen  Zug  de: 
Amazonen  nach  Leuke  zu  Achills  Grab  fre 
erfindet,  ahmt  ibid.  3,  34  — 36  in  der  Sage  voi 
Hiera  und  den  Myserinnen  Arktinos  nach 
Sehr  gefeiert  wurde  AchilLs  Liebesgefiihl  fiii 
die  sterbende  Feindin,  vgl.  Achilleus  u.  Penthe 
sileia.  - — Herakles’  Zug  an  den  Tliermodon 
um  den  Gürtel  der  Königin  zu  gewinnen,  wir. 
entweder  von  ihm  allein  unternommen,  wie  ii 
den  Darstellungen  der  Zwölfkämpfe,  in  wel 
chen  diese  That  gewöhnlich  die  neunte,  seltene 
die  sechste  Stelle  einnimmt,  vgl.  Annali  186 
p.  304,  oder  er  ist  von  vielen  Heroen  begleitet 
sodafs  das  Unternehmen  dem  Argonautenzugi 
ähnlich  wird,  mit  welchem  es  auch  von  eini 
gen  Epikern  in  nähere  Verbindung  gesetz 
wird,  vgl.  Apoll.  Bhocl.  2,  967.  Schol.  Find 
Nein.  3,  38.  Valer.  Flacc.  Arg.  5,  132.  Figuren 
reich  war  der  Kampf  am  Zeusthron  in  Olyn» 


269  Amazonen(Kämpfe) 

; pia  (Paus.  5,  11,  4),  vgl.  die  grofsen  Friese  von 
; Phigaleia,  vom  Maufsoleum  und  von  Magnesia 
und  manche  Vasen  Annali  1864  p.  230  ff.  Mo- 
j numcnti  9,  11.  — Apollodor  2,  5,  9,  7,  Diodor. 

4,  16  und  jene  Epiker  geben  verschiedene  Be- 
richte  über  den  Kampf.  Die  Königin  wird 
| getötet  oder  giebt  den  Gürtel,  um  eine  ge- 
j fangene  Schwester  auszulösen,  letztere  Scene 
| auch  auf  Vasenbildern  Mus.  Borbon..  6,  5.  Bull. 

\ Nap.  N.  S.  7,  13,  in  den  anderen  Darstellungen  l 
tritt  der  Gürtel  nicht  besonders  hervor,  vgl.  Hip- 
j polyte,  Melanippe.  — Die  the  seisch-attische 
; Sage  überliefert  hauptsächlich  Plutarch  Thes. 
26  ff.  Theseus  ist  Genosse  von  Herakles  in  den 
Nosten  Paus.  1,  2,  1 und  bei  Philochoros ; nach 
Pherekydes  raubte  er  Antiope  auf  einem  selb- 
ständig unternommenen  Zuge,  nach  der  Tabula 
Albani  (Jahn- Michaelis  Bilder  ehr  on.  S.  73)  und 
Schol,  Arist.  Panath.  118,  4 nahm  er  sie  erst 
in  Attika  gefangen.  Der  Rachezug  derAma-  2 
zonen  ist  von  den  attischen  Künstlern  des 
; 5.  Jahrh.,  von  Mikon  in  der  Poikile  (Arist.  Ly- 
j sistr.  679.  Arrian  Anab.  7,  3,  10)  und  im  The- 
I seion  (Paus.  1,  17,  2),  von  Pheidias  am  Schilde 
der  Partlienos  (Michaelis  Parthenon  Taf.  15 
I Schreiber,  Athena  Parthenos.  Abh.  d.  sächs. 
Gesch.  d.  Wissenscli.  1883  p.  601  ff),  auch  in 
Olympia  (Paus.  5,  11,  7),  ebenso  von  Aeschy- 
los  Eumen.  655  als  Vorbild  der  Perser- 
kämpfe gefeiert.  Die  Atthidenschreiber,  be-  3 
< sonders  Kleideinos  knüpften  viele  Traditionen 
von  Örtlichkeiten  und  Kultusgebräuchen  an 
den  Kampf  an.  ln  den  Prunkreden  des  4.  Jahrh. 

I wurde  die  völlige  Niederlage  der  Amazonen 
eine  stehende  Phrase.  Fürsten  wie  Attalos 
und  Hadrian  ehrten  die  Stadt  noch  mit  monu- 
mentalen Darstellungen  derselben  (Paus.  1,  17, 

2,  25,  2);  vgl.  den  Artikel  Antiope.  Stephani 
C.  B.  1866.  Klügmann,  Die  Amaz.  in  der 
alt.  Bit.  u.  Kunst.  Die  einzelnen  Sagen  wer-  i- 
den  bei  Diodor.  2,  46 f.  Iustin.  2,  4 in  prag- 
matischer Weise  durch  Aufstellung  einer  länge- 
ren Reihe  von  Königinnen,  einer  Doppelherr- 
I scliaft  und  weit  ausgedehnter  Kriegszüge,  die 
durch  Herakles  oder  Theseus  ihr  Ende  finden, 
vereinigt. 

Die  Ilias  nennt  die  Amazonen  dvziüvsiQcu, 

' d.  i.  Aristarchs  Lehre  und  dem  epischen  Sprach- 
gebrauche  gemäfs  männergleich,  nach  Auffas- 
sung anderer  aber  männerfeindlich,  vgl.  Schol.  5' 
u.  Eust.  ad  II.  3,  189.  6,  186.  Pind.  Ol.  11. 
17.  Letztere  entspricht  auch  dem  Beiwort  bei 
Aeschylos  Prom.  726  GTvyuvaQ.  Sie  galten  als 
der  Liebe  abgeneigt,  die  sjjäteren  Dichter  feiern 
mit  Vorliebe  ihre  Keuschheit.  Nach  allge- 
meiner Annahme  bildeten  sie  einen  Weiber- 
staat. Die  Überlegenheit  der  Weiber  ward 
auf  eine  in  einem  auswärtigen  Kriege  erfolgte 
Niederlage  der  Männer  oder  auf  klimatische, 
selbst  auf  astronomische  Verhältnisse  zurück- 
geführt:  Steph.  Byz.  v.  ’Aya^ovsg.  Ptolem.  de 
astr.  judic.  1,2p.  18.  Für  den  Staat  nahm 
man  entweder  gynaikokratische  Einrichtungen 
an,  die  Männer  wären  vorhanden  aber  geknech- 
tet gewesen,  die  Knaben  nach  der  Geburt  ge- 
blendet oder  gelähmt,  später  als  Handwerker 
verwendet:  Hesych.  v.  ßovlsi pty.  Diod.  2,  45.  3, 
53.  Sext.  Emp.  3,  217.  Steph.  Byz.  a.  a.  0., 


Amazonen  (Charakter  etc.)  270 

vgl.  das  Sprichwort  ägtata  %a>los  oiepsi  bei  den 
Parömiographen.  Oder  die  Amazonen  sollten 
zu  bestimmten  Zeiten  mit  Fremden  zusammen- 
gekommen sein,  um  Kinder  zu  erzeugen,  und 
nur  die  Mädchen  zu  Jagd  und  Kampf  aufge- 
zogen haben,  vgl.  Bion  bei  Plut.  Thes.  26. 
Hellanicus  und  Lysias  bei  Tzetz.  Posth.  14. 
Ephoros  fr.  103.  Iustin.  2,  4,  9;  die  Erzählungen 
von  Alexander  und  Thalestris  bei  Glitarch, 
Strabo  11,  504.  Schol.  Apoll.  Bhocl.  2,  965. 
Philostr.  Ileroic.  20,  42.  — Das  homerische 
Beiwort  Myrines  7t olvaxagü'yos  (II.  2,  814) 
wird  nach  Analogie  der  svouaQ&yoi.  innot  Po- 
seidons auf  die  Schnelligkeit  ihres  Gespannes 
bezogen,  allein  wie  onatgnv  ein  rhythmisches 
Hüpfen  und  Tanzen  bezeichnen  kann,  so  gab 
es  auch  eine  nach  den  Amazonen  benannte 
Tanzweise  pecten  Amazonicus , von  Stat.  Ach. 

2,  84  dem  Ringtanz  gegenübergestellt.  Kalli- 
maclios  bei  Schol.  Theolcr.  13,  25  nennt  die 
Pleiaden  als  die  ersten  Jungfrauen,  welche 
Chortanz  und  Nachtfest  feierten,  Töchter  der 
Königin  der  Amazonen.  Im  Hymnus  auf  Ar- 
temis 237  ff.  schildert  derselbe,  wie  die  Ama- 
zonen der  Göttin  in  Ephesus  erst  Kreistänze, 
dann  Reihentänze  aufführen;  letztere  hatten 
in  Aufstellung  und  Bewegung  etwas  Militäri- 
sches, Gebrauch  der  Angriffswaffen  wird  nicht 
erwähnt.  Dabei  erschollen  Syringen,  Flöten 
aus  Knochen  waren  noch  unbekannt,  vgl.  die 
Erzählung  bei  Mart.  Capell.  9,  313,  Alexander 
habe  die  Königin  durch  das  Geschenk  einer 
Flötenbläserin  sehr  erfreut.  — Die  Gottheit, 
welcher  sie  vorzugsweise  dienen,  ist  Ares,  der 
auch  Vater  vieler  einzelner  und  selbst  aller 
Amazonen  genannt  wird ; sie  bringen  ihm 
Pferdeopfer  auf  der  Aresinsel  im  Pontus  (Ap. 
Bh.  2,  387)  und  in  Athen  dar  (Aristoph.  Lysistr. 
191  c.  Schol.)  Ihre  Mutter  ist  nach  Pherekydes 
bei  Schol.  Apoll.  Bhod.  2,  990  die  Najade  Har- 
monia am  Thermodon,  nach  dem  Rhetor  Nilco- 
laos  Progymn.  6,  11  Athene;  im  übrigen  wer- 
den sie  mit  Athene  nur  selten  in  Verbindung 
gebracht,  vgl.  Diod.  3,  71.  Statius  Theb.  12, 
531,  häufiger  mit  Artemis,  sie  sind  ihre  Jagd- 
genossinnen (Diod.  4,  16),  opfern  der  nordischen 
Tauropolos  (Diod.  2,46)  und  werden  besonders  im 
Kultus  der  ephesischen  Artemis  (vgl. unten) 
genannt,  bei  Pyrrhichos  im  Peloponnes  schrieb 
man  ihnen  die  Kultusbilder  der  Artemis  Astra- 
teia  und  des  Apollon  Amazonios  zu  (Pausan. 

3,  25,  3).  Nach  Pindar  Olymp.  8,  47  ist  Apollo 
ihnen  freundlich,  aber  in  ihren  Kämpfen  mit 
Herakles  und  Theseus  begünstigt  er  letztere, 
vgl.  Macrob.  Saturn.  1,  17,  18  und  den  Fries 
von  Phigaleia.  Auch  Dionysos  kämpft  gegen 
sie  in  der  ephesischen  Sage  (Tacit.  Ann.  3,  61. 
Plutarch  Quaest.  gr.  56),  was  auf  einem  Sarko- 
phage in  Cortona  (Arch.  Ztg.  1845  Taf.  30)  an- 
gedeutet ist.  — Zu  manchen  Erzählungen  bot 
der  N ame  Anlafs.  Die  meisten  Späteren  leiten 
ihn  ab  von  d priv.  und  (ux£6g  und  berichten, 
die  Amazonen  verstümmeln  den  Mädchen  die 
eine  oder  beide  Brüste,  damit  sie  besser  den 
Bogen  spannen  und  den  Speer  schleudern 
(Schol.  und  Eust.  II.  3,  189.  Diodor.  2,  45. 
Iustin.  2,  4,  5.  Apollod.  2,  5,  9.  Arrian  Anab. 
7,  13,  2) ; vgl.  auch  die  lateinische  Bezeichnung 


271  Amazonen  (Name  u.  Tracht) 

Unimammia  bei  Plaut.  Curcul.  3,  75  und  den 
Namen  Oinumama  auf  einer  pränestinischen 
Ciste  ( Montmi . 6 , 55).  Abweichend  erklärt 
Philostr.  Ileroic.  20,  42,  die  Amazonen  wurden 
nicht  an  der  Brust  gesäugt.  Herodian  bei 
Cramer  Anecd.  3 p.  293,  9 mifsbilligt  jene 
Etymologie,  denn  f ia£6g  habe  ein  kurzes  <x, 
’Juagcov  aber  ein  langes  wie  yä£a  Gerstenbrot. 
Einen  Hinweis  auf  letzteres  Wort  kann  man 
auch  bereits  in  dem  Beiwort  der  Amazonen 
bei  Aeschyl.  Sappl.  274  ugsoßopoi  erkennen. 
Ygl.  die  Notiz  bei  Step'h.  Byz.,  dafs  die  Ama- 
zonen Sauropatiden  heifsen  tckqu  to  actvQctg 
noLzsLV  nal  sg&lsiv.  Andere  Etymologieen  von 
Themistagoras  bei  Cramer,  Anecd.  Oxon.  1 
p.  80  (xl  avv  xaig  gcovaig  uycoGcu  und  bei  Isidor 
Orig.  9,  2,  64  quasi  ayu  £oögcu.  — Einzelna- 
m e n sind  sehr  zahlreich,  Genossinnen  der  Pen- 
thesileia  zählen  Q.  Smyrn.  1,  42  ff.  Tzetz.  Posth. 
174  ff. , Gegnerinnen  von  Herakles  Diodor.  4, 
16,  audere  Hygin.  163,  Schol.  II.  3,  189,  Tra- 
jans  Gedicht  in  Antli.  lat.  n.  392  Riese  auf; 
dazu  kommen  viele  auf  Vasenbildern , vgl. 
Stephani  C.  P.  1866  S.  175  n.  2.  Pott,  Ztschr. 
f.  vgl.  Sprachf.  8,  425  ff.  hebt  hervor,  dafs  die 
Namen  wenig  oder  nichts  Barbarisches  än  sich 
haben;  den  Gesamtnamen  hatte  derselbe  Etym. 
Forsch.  1836.  2 S.  261  von  cc  priv.  und  zend. 
mas'ya  Mensch  abgeleitet  (ein  etymologisches 
Gegenstück  zu  den  skytlrischen  ’Evagssg  Herod. 
1,  105),  Göttling,  Comment.  de  Amaz.  1848  von 
a priv.  und  f uxggslv  = quae  contrectari  sese  a viro 
non  patitwr.  — Ihre  Tracht  ist  diejenige  der 
Männer,  der  Griechen  sowohl  als  der  Fremden. 
Wie  griechische  Krieger  tragen  sie  oft  den 
kurzen  Chiton  in  der  Weise,  dafs  er  die  rechte 
Brust  nackt  läfst;  in  der  späteren  Kunst  ist 
dies  Gxrjfux  Aya^ovunöv  ( Pliilostr . Imag.  2,  5,  2), 
habitus  Arnazonicus  ( Lampridius  Vita  Commodi 
11),  das  von  den  römischen  Dichtern  oft  ge- 
feierte seminudum  pectus  ganz  konventionell. 
Arrian  7, 13,  2 und  Curtius  6,  5,  19  wissen  diese 
Tracht  mit  der  Verstümmelung  der  Brust  nicht 
zu  vereinigen,  Servius  ad  Aen.  1,  492  sagt  kurz 
nudant  quam  adusserunt  mammam.  In  der 
Kunst  ist  die  Verstümmelung  nie  dargestellt. 
Der  berühmte  Gürtel  der  Königin,  nach  Apol- 
lod.  2,  5,  9,  2 das  Symbol  der  Herrschaft, 
heifst  gewöhnlich  ^cogt/jq  wie  derjenige  der 
Männer.  Dio  Chrysost.  8,  136,  Nonn.  Dion. 
25,  250  und  Claudian  11,  37,  welche  von  rQcovr\ 
und  [cltqu  sprechen , fassen  das  Lösen  des 
Gürtels  in  erotischem  Sinne  auf.  Der  lateini- 
sche Ausdruck  schwankt  zwischen  balteus  und 
cingulmn.  Euripides  Here.  für.  410  u.  Ion  1143 
gedenkt  eines  reichverzierten  Mantels  der  Köni- 
gin, den  Herakles  in  Delphi  gestiftet  habe. 
Die  fremdländische  Tracht  erwähnt  Strabo  11, 
504.  Palaephatus  33.  — Nach  der  älteren  im 
Epos  meist  beibehaltenen  Anschauung  kämpfen 
die  Amazonen  mit  den  schweren  Waffen  der 
griechischen  Heroen;  andererseits  bezeichnen 
sie  schon  Pindar  Ol.  13,  125.  Nem.  3,  38. 
Aeschylgs  Suppl.  292.  Eum.  564.  Polygnot  bei 
Pausan.  10,  31,  8 als  ruhmvolle  Schützinnen, 
ihr  Bogen  ist  der  skythische  oder  gekrümmte, 
der  mit  dem  Köcher  an  der  linken  Hüfte  ge- 
tragen wird.  Amazonenköcher  als  Kampfpreise 


Amazonen  (Waffen  u.  Wohnsitz)  272 

ausgesetzt  bei  Vergil  Aen.  5,  311.  Nonnus  Dion. 
37,  117.  Daneben  führen  sie  wie  die  Schützen 
die  GKyaQig,  securis,  die  Axt  mit  einer  Schneide 
und  einer  Spitze,  von  Xenophon  Anab.  4,  4, 
16  der  persischen  Waffe  gleichgestellt.  Pen- 
thesileia  ist  Erfinderin  der  securis  bei  Plin.  7, 
201.  Spätere  weisen  ihnen  auch  die  zwei- 
schneidige Axt  nslsYxug,  bipennis  zu,  vgl.  Q. 
Smyrn.  1,  597  und  besonders  Plutarch  Quaest. 
gr.  45,  wo  das  bekannte  Attribut  des  Zeus  von 
Labranda  von  Herakles’  Beute  hergeleitet  wird. 
Ihr  Schild  heifst  nslta  oder  ysqQov  wie  der 
Schild  der  Thraker  oder  Perser.  Verglichen 
wird  er  einem  Rhombos  ( Paus . 1,  41,  7.  Plut. 
Thes.  27)  oder  häufiger  einem  Halbmond,  wie 
die  Glossa  Placidi  bei  Mai  3 p.  496  genauer 
sagt,  einem  Viertel-  oder  Drittelmond.  Neben 
der  rundlichen  Pelta  mit  einem  Ausschnitte 
findet  sich  auch  die  breitere  mit  zwei  neben 
einander  liegenden  Ausschnitten.  Xenophon  bei 
Pollux  1,  134  vergleicht  sie  einem  Epheu- 
blatte,  Plinius  3,  43  der  Formation  der  Ost- 
küste von  Bruttium  (eine  zweite  Notiz  bei  Plin. 
12,  5 ist  irrtümlich,  vgl.  Theophrast.  Hist,  plant. 
4,  4,  4).  Dargestellt  ist  sie  zuerst  auf  apuli- 
schen  Vasenbildern.  Bei  Vergil.  Aen.  11,  611; 
Stat.  Theb.  12,  524,  auf  einigen  Vasen  und  dem 
bemalten  Sarkophag  aus  Corneto  Monum.  9,  60 
kämpfen  sie  vom  Streitwagen  herab.  Gröfse- 
ren  Ruhm  aber  hatten  sie  als  Reiterinnen,  zu- 
mal in  der  attischen  Sage  ( Pindar  Ol.  8,  62. 
Euripid.  Here.  für.  405.  Hippol.  306.  582. 
Aristoph.  Lysistr.  679).  Nach  Lysias  Epitaph. 
4 waren  sie  die  ersten , welche  zu  Pferde 
kämpften.  — Ihr  gefeiertster  Sitz  ist  Themis- 
kyra  am  Thermodon  im  späteren  Pontus.  Nach 
epischer  Anschauung  {Paus.  1,  2,  1.  Diodor  4, 
16)  ist  Tliemiskyra  eine  Stadt  mit  einer  Königs- 
burg; auch  leiten  Appian  Mithrid.  78.  East, 
ad  11.  2,  814  Namen  und  Gründung  der  von 
Lucull  belagerten  gleichnamigen  Stadt  von 
den  Amazonen  her;  die  Logographen  jedoch 
bezeichnen  damit  eine  Ebene  am  Thermodon. 
Pherekydes  fr.  25  nennt  als  Teile  von  ihr  die 
doiantische  Ebene  uud  den  akmonischen  Hain, 
wo  Ares  mit  der  Najade  Harmonia  die  Ama- 
zonen gezeugt  habe.  „Nicht  vereinigt  in  einer 
Stadt,  sagt  Apollon.  Phod.  2,  996,  wohnen  sie, 
sondern  über  das  Land  hin  zerstreut,  in  drei 
Stämme  gesondert,  die  einen  in  Themiskyra, 
getrennt  von  ihnen  die  Lykastischen  und  wie- 
derum getrennt  die  speerwerfenden  Chadisi- 
schen.“  Von  letzteren  hatte  schon  Ilekataios 
gesprochen;  vgl.  Schol.  Nach  Herodot  4,  110 
kommen  die  Amazonen  vom  Thermodon  (s.  d.)  an 
die  Ufer  der  Maiotis,  nach  Aeschylos  Front . 
723  umgekehrt  von  Kolchis  zum  Thermodon, 
ebenso  nach  den  späteren  Historikern  Nicol, 
Damasc.  fr.  153.  Sallust.  fr.  3,  46.  ed.  Kritz. 
Justin.  2,  4,  2.  Ainrnian.  Marcell.  22,  8,  17.  18. 
Ihre  Anwesenheit  im  Norden  der  Maiotis  ent- 
sprach besonders  den  Vorstellungen  der  Athe- 
ner. Für  Euripid.  Ilerc.  für.  416  ist  die  Maio- 
tis sogar  das  Ziel  des  herakleischen  Zuges, 
auch  bei  Propert.  3,  11,  14.  Statius  Achill,  2, 
86.  Scneca  Hippol.  400.  Claudian  de  raptu 
Proserp.  2,  60  gilt  der  Norden  als  die  eigent- 
liche Heimat;  der  Tanais  wird  zum  Amazonen- 


io 

20 

30 

40 

50 

60 


273 


Amazonen  (Wohnsitze) 


Amazonen  in  Ephesos  etc. 


274 


Hufs,  oder  der  Thermodon  wandert  mit  in  den 
Norden.  Dort  sind  sie  auch  Feindinnen  der 
Greife  geworden,  viele  spätere  Vasenbilder  und 
Terracottenreliefs  zeigen  ihre  Kämpfe  mit  diesen 
Fabeltieren , vgl.  Klügmann  a.  a.  0.  S.  54  f. 
Aeschylos  Prom.  415  nennt  sie  des  kolchischen 
Landes  einheimische  Jungfrauen,  und  hei  Sta- 
tins Silv.  1,  6,  53  ist  selbst  der  Phasis  ein 
Amazonenflufs.  Der  Kaukasos  wird  auch  in 
Clitarchs  Erzählungen  von  Thalestris  erwähnt;  io 
doch  wandert  dabei  alles  vom  Schwarzen  zum 
Kaspischen  Meere,  vgl.  Strabo  11,  505.  Diodor 
17,  77.  Curtius  6,  4,  17.  5,  24.  Genauer  be- 
sprochen werden  die  kaukasischen  Amazonen 
von  Pompejus’  Begleitern  im  mitliridatischen 
Kriege  Strabo  11,  504.  — Andere  Sagen  gehen 
westlich.  Wie  nach  Arktinos  Penthesileia  von 
thrakischem  Stamme  war,  so  sprechen  auch  an- 
dere Epiker  von  Amazonen  in  Thrakien,  vgl. 
Vergil  Aen.  11,  659  ff.  Q.Smyrn.  1,  168.  Ama-  20 
zonen  in  Illyrien  erwähnt  Servius  Aen.  11,842, 
bei  den  Vindeliciern  ibid.  1,243,  vgl.  Ilorat. 
Carm.  4,  4, 17,  der  wohl  auf  Domitius  Marsus’ 
Amazonis  anspielt.  Yindelicia  ist  als  Amazone 
dargestellt  und  noch  die  Sagen  von  Augsburg 
in  Sigm.  Meisterlins  Chronik  kniffen  an  den 
troisclren  Krieg  an,  während  die  Erzählungen 
von  Libussa  und  dem  böhmischen  Mägdekriege 
den  Einflufs  der  libyschen  Märchen  des  Mi- 
tylenäers  Dionysios  zu  zeigen  scheinen.  Letz-  30 
tere  liest  man  bei  Diodor  3,  53  ff.  mit  Beru- 
fung auf  erdichtete  uralte  Quellen.  Von  ihrem 
Sitze  am  Tritonsee  durchziehen  die  Amazonen 
unter  ihrer  Königin  Myrine  Libyen  und  Asien 
bis  in  die  äolische  Heimat  des  Dionysios,  von 
der  aus  sie  auch  Samothrake  besuchen;  dann 
kehren  sie  heim  und  werden  von  Herakles  ver- 
nichtet. Von  diesen  Thaten  der  Myrine  weifs 
sonst  nur  ein  Epigramm  der  Anthol.  lat.  n. 
860  Riese.  Amazonen  in  Aithiopien  schildert  10 
Zenothemis  Schol.  Apollon.  2,  965.  — Wichtiger 
sind  die  Eponynriesagen  von  Städten  an 
der  kleinasiatischen  Küste,  vgl.  Philologus  1870 
S.  524  ff.  Westlich  von  Themiskyra  ist  zu- 
nächst Sinope  zu  nennen,  die  dortige  Ama- 
zonensage erwähnten  ILekataios  und  Andron 
von  Teos  bei  Schol.  Apollon.  Bhod.  2,  946. 
Scymn.  Ghius  941.  Tabula  Albani  Jalin- 
Michaelis  Bilder  ehr.  S.  72;  vgl.  Iustin.  2,  4,  17. 
Herakles  vertrieb  die  Amazonen  von  dort,  wie  50 
die  Städtesagen  überhaupt  besonders  an  seinen 
Zug  anknüpfen.  Der  Bithyner  Demosthenes 
nannte  eine  Amazone  als  Eponyme  der  Stadt 
Amastris  (s.  d.)  Steph.  Byz.  s.  v.  Tzetzes.  Ghil.  13, 
134.  Ein  anderer  Bithyner  Arrian  hat  das- 
selbe für  viele  Städte  seiner  Heimat  über- 
liefert, (s.  d.)  vgl.  Steph.  Byz.  v.’Aya'zövsiov,  &i- 
ßul's , Kvvva , MvqIeik.  JEustath.  ad  Dion. 
Perieg.  828.  Eudocia  p.  38.  Für  Pythopolis 
bei,  Nikaia  beruft  sich  Plutarch  Thes.  26  auf  eo 
Menekrates’  Geschichte  der  letzteren  Stadt. 
Nach  Eustath.  a.  a.  0.  sollen  hier  auch 
einige  Quellen  gleichnamig  mit  Amazonen  sein, 
womit  wohl  die  Sage  der  von  Nonnos  Dion. 
15,  313.  16,  26.  225.  247.  17,  6.  48,  825  als 
Amazone  bezeichneten  Nymphe  Nikaia  Zusam- 
menhänge Für  Äolis  und  Ionien  ist  die  An- 
gabe von  PFcrakleides  Pont.  fr.  34  wichtig, 


Herakles  habe  den  Amazonen  das  Gebiet  von 
Pit.ane  bis  Mykale  überlassen,  denn  ihre  Sagen 
linden  sich  nur  innerhalb  dieses  Gebietes, 
sogar,  wie  es  scheint  nur  in  bestimmten  Ge- 
genden desselben.  Besonders  hat  Ephoros  die- 
selben behandelt  und  in  Verbindung  mit  der 
Ilias  gebracht,  vgl.  Strabo  11,  505.  12,  550, 
die  äolischen  auch  der  Mytilenäer  Dionysios; 
die  äolischen  Städte  sind  Myrine,  der  in  der 
Ilias  (2,  814)  gefeierten  Amazone  gleichnamig, 
Kyme , deren  alten  Namen  Amazoneion  schon 
Hecatäus  erwähnte  {Steph.  Byz.  v.  Kvyrj.  Dio- 
dor. 3 , 55.  Mela  1 , 90) , Gryneia , wo  nach 
Scrv.  Aen.  4,  325  Apollo  die  Amazone  Gryne 
schändete,  Pitane  uncl  Mitylene  {Diodor  a.  a.  0.). 
Dann  ist  Smyrna  eine  Amazonenstadt:  Tacit. 
Ann.  4,  56.  Steph.  Byz.  s.  v.  Plin.  5,  118. 
Aristides  p.  372.  440,  vgl.  Synkcllos  p.  310 
Mvqlvcc  t]  nciQ(i.  tuti  SyvQva  Isyoysvri 
Besonders  reich  und  mannigfaltig  sind  die 
e p Ire  s i s c h e n Sagen,  vgl.  Guhl,  Ephesiaca.JEz 
Eponymie  schlofs  sich  an  verschiedene  Ört- 
lichkeiten in  der  Stadt,  so  an  das  dortige  Sa- 
morna  oder  Smyrna,  Sisyrbe,  seltener  an  Ephe- 
sos selber;  vielmehr  galt  die  Priesterin  Ephe- 
sos als  Mutter  der  Arnazo  oder  der  Stifter  des 
Heiligtums  Ephesos  als  Enkel  von  Penthesileia. 
Andere  erzählen  im  Anschlufs  an  die  Ableitung 
von  squlvca,  Herakles  habe  den  Amazonen  das 
Land  überlassen,  die  Göttin  ihnen  Rettung  zu- 
gestanden , vgl.  Strabo  14 , 633.  Schol.  II.  6, 
186.  Steph.  Byz.  v.  ’Ecpsao g,  Etavgßrj.  Hesych. 
v.  Etymol.  M.  v.  "Ecpsaog  Kavotpog. 

Eustath.  ad  Dion.  Perieg.  828.  Sie  sind  die 
frühesten  unter  den  Sterblichen,  die  das  Asyl 
des  Tempels  genossen  {Tacit.  Ann.  3,61.  Paus. 
7,  2,  7),  auch  die  berühmte  Statuenreihe  stellt 
sie  wohl  als  Schützlinge  dar.  Nach  Pindar 
bei  Paus.  a.  a.  0.  haben  sie  das  Hieron  er- 
richtet, d.  i.  das  berühmte  Bild  der  Göttin, 
Kallimachos  IT.  in  Dian.  238  schildert  ihr 
Opfer  und  ihre  Tänze.  Später  schreibt  man 
ihnen  in  summarischer  Weise  den  Bau  des 
Tempels  und  die  Gründung  der  Stadt  zu, 
Mela  1,  88.  Ilygin.  223.  225.  Ampelius  8,  18. 
Solin.  40,  2,  oder  läfst  sie  als  Vorgänger  Hero- 
strats den  Tempel  verbrennen:  Euseb.  Chronic, 
ad  ann.  871.  Clemens  Alex.  Protr.  4,  52.  In 
der  Nähe  hatten  Latoreia  {Athen.  1,  57),  Pygela 
{Strabo  12,  551),  Anaia, {Steph. Byz.  s.v.),  Samos 
{Plutarch  Quaest.  gr.  56),  auch  Patmos  {Stadias- 
mus  Maris  magni  283)  Amazonensagen.  Wie 
alle  diese  Orte  am  Meere  liegen,  so  wird  auch 
die  Eponymie  von  Meeresteilen  auf  Amazonen 
zurückgeführt,  vgl.  Aege  bei  Paul.  Diac.  p.  21 
und  Myrto  bei  Schol.  Apoll.  Bhod.  1,  752.  — • 
Im  eigentlichen  Griechenland  haben  nicht 
Städte , sondern  nur  Gräber  und  Lagerplätze 
Namen  von  ihnen,  vgl.  Plutarch  Thes.  27,  so 
in  Athen,  wo  das  Amazoneion  nicht  vom  Areo- 
pag  zu  trennen  ist,  in  Challcis,  Megara  {Paus. 
1,  47,  7),  Troezen  (Paus.  2,  32,  9),  bei  Chaironeia 
in  Böotien  {Steph.  Byz.  v.  ’Aya^ovsiov),  wo  cs 
auch  einen  Flufs  Thermodon  gab,  bei  Skotussa 
und  Kynoskephalai  in  Thessalien.  Während 
diese  Sagen  sich  an  die  attische  anschliefsen, 
bleibt  die  auf  die  Amazonen  zurückgeführte 
Stiftung  der  Noana  der  Artemis  Astrateia  und 


275  Amazonen  (Deutung) 

des  Apollon  Amazonios  zu  Pyrrhichos  in  La- 
konien  isoliert  ( Pausnn . 3,  25,  3).  In  Unter- 
italien endlich  soll  die  Stadt  Klete  nach  Pen- 
thesileias  Amme  benannt  sein:  Lykophr.  993. 
Schol.  vs.  1331  und  Steph.  Byz.  v.  ’Aga^ovsg. 

0.  Müller,  Dorer  1,  391  hat  aufgestellt,  dafs 
den  Griechen  die  Amazonensage  aus  dem  Kul- 
tus und  speziell  dem  Hierodulenwesen  der 
Göttin  von  Komana  am  Iris  erwachsen  sei. 
Viele  haben  dies  gebilligt  und  die  Züge  und 
Kämpfe  der  Amazonen  im  allgemeinen  als 
Ausbreitung  des  Dienstes  asiatischer  Mond- 
und  Naturgöttinnen  aufgefafst,  vgl.  StacTcelberg, 
Apollotempel  zu  Bassä,  Ilichlefs  und  Gruber 
in  der  Encyklop.  Gerhard,  Gr.  Myth.  2 S.  175  ff. 
332.  Preller,  Gr.  Mytliol.  I3,  254  f.  23,  85  f. 
Doch  sind  Hierodulen,  an  welchen  die  Griechen 
den  kriegerischen  und  jungfräulichen  Charakter 
ausgeprägt  finden  konnten,  der  für  sie  das 
Wesen  der  Amazone  ausmachte,  weder  in  je- 
nem Komana  (vgl.  Strabo  12,  559)  noch  anders- 
wo bekannt.  Mit  den  asiatischen  Gottheiten 
kommen  die  Amazonen  überhaupt  nicht  in  Be- 
rührung, ebensowenig  mit  Minos  undKadmos; 
Züge  in  das  innere  Asien  werden  kaum  erwähnt 
(über  Pindai’s  Bezeichnung  der  Amazonen  als 
syrisches  Heer  vgl.  Hermes  5 S.  444  f.) , und 
die  berühmtesten  Niederlassungen  der  Phöni- 
kier  weisen  keine  Amazonensagen  auf.  An- 
dere Gelehrte,  wie  Freret,  Memoir.  de  l'acad.  d. 
inscr.  21p.  106  ff.  Welcher,  Ep.  Cylcl.  2 S.  200  ff 
Stoll  in  Paulys  Bediene,  s.  v.,  Elügmann  in  der 
angeführten  Schrift  haben  die  grofse  Überein- 
stimmung der  Sitten  der  Frauen  nordischer 
Völker  mit  denen  der  Amazonen  hervorge- 
hoben. Was  die  Ilias  13,  5.  Aeschyl.  fr.  192. 
Ilippokrates  de  aere  10.  Herodot  1,  125  f.  216. 
4,  9.  116  f.  Plato  leyy.  7 p.  804.  Pausan.  1, 
21,  6 über  das  Reiten  und  Jagen,  die  Kriegs- 
dienste der  Weiber,  die  Pferdeopfer,  den  Ares- 
kultus, die  Ernährung  durch  Fleisch  und  Milch, 
die  Verstümmelung  des  Busens,  die  Waffen, 
die  Gürtel  bei  den  Hippomolgen,  Skythen,  Sau- 
romaten,  Massageten  erzählen,  findet  sich  in 
den  Amazonensagen  wieder;  Tomyris  tritt  auf 
wie  eine  Amazonenkönigin  ; die  Skythen  bezeich- 
nten die  Amazonen  als  Oiorpatai,  d.  i.  Männer- 
töterinnen  oder  Männerherrscherinnen : Herod. 
4,  110.  Zeufs , Die  Deutschen  S.  295.  Möllen- 
hoff, Bcr.  d.  Bert.  Alcad.  1866  S.  555.  Cuno, 
Forschungen  S.  197.  282.  Einen  Stamm  bei 
ihnen  nennt  Fiphorosrvvcay.oyiQazovgsvoi-.Skyvin. 
Chius  881.  Skylax  p.  70.  Mcla  1 , 19,  116. 
Plin.  6,  7,  19.  Die  nordischen  Völker,  Kim- 
merier und  Skythen,  sind  mehrfach  in  Klein- 
asien eingebrochen;  ihre  Züge  dehnten  sich 
weit  aus  und  führten  an  einzelnen  Stellen  zu 
Niederlassungen,  so  in  Antandros  und  beson- 
ders in  Sinope,  das  Themiskyra  nicht  ferne 
liegt.  Auch  die  Völkerschaften  im  Osten  des 
Thermodon,  die  Chalyber,  Slcythenen  weisen 
Spuren  von  Verbindungen  mit  dem  Norden 
auf.  Es  gab  dort  Waffen  und  auch  Tänze, 
welche  an  diejenigen  der  Amazonen  erinnern, 
Xenophon  Anab.  4,  7,  16.  5,  4,  12.  Ein  Heilig- 
tum des  Herakles  und  ein  nach  ihm  benanntes 
Vorgebirge  in  der  Nähe  des  Thermodon  (Apoll. 
Bhod.  2,  367  ff.  963  ff.  c.  schol.)  wird  zur  Loka- 


Amazonen  in  d.  Kunst  276 

lisierung  der  Sage  beigetragen  haben,  ln  den 
äolisch-ionischen  Sagen  scheint  die  Eponymie 
wichtiger  zu  sein  als  der  Kultus,  um  so  be- 
merkenswerter ist,  dafs  der  den  Göttern  be- 
kannte Name  der  Myrine  sich  an  den  drei 
Hauptstätten  jener  Sagen  wiederholt.  In  Ephe- 
sus sind  die  Amazonen  als  Fremde  Stifterinnen 
des  fremdartigen  Kultusbildes,  das  Wesen  der 
Göttin  bleibt  ihnen  fern;  ihren  Kultus  haben 
sie  nicht  verbreitet.  Normaler  ist  ihre. Ver- 
bindung mit  Ares  in  Athen.  Für  Eponymie- 
sagen  waren  sie  ihres  Geschlechtes,  ihres  ge- 
feierten, kriegerischen  Charakters,  ihrer  un- 
begrenzten Zahl  wegen  sehr  geeignet.  Für 
die  Sagen  im  Westen  läfst  sich  auf  gynaiko- 
kratische  Sitten  illyrischer  und  liburnischer 
Stämme  (Skylax  p.  21.  Nicol.  Damasc.fr.  111), 
für  Dionysios’  libysche  Erzählungen  auf  die 
seltsamen  Jungfrauenkämpfe  bei  libyschen  Stäm- 
men (Herocl.  4,  80)  hinweisen.  Bei  römischen 
Soldaten  Amazonensagen  hervorzurufen  genügte 
die  Beteiligung  der  Weiber  am  Kampfe  oder 
auch  Analogie  der  Waffen,  so  in  dem  Kriege  | 
am  Kaukasus  und  gegen  die  Rhäter.  — Lit-  ( 
teratur.  Die  ältere  s.  bei  V dicker , Mytliol. 
Geogr.  S.  217  ff  Von  der  neueren  sei  hier  aufser 
den  bereits  angeführten  besonders  Ukert,  Abhdl. 
d.  I.  Kl.  der  bayer.  Akad.  1849,  dann  A.  D. 
Mordtmann , Die  Amazonen  Hannov.  1862, 
Bergmann , Les  Amazones  dans  l’histoire  et 
clans  la  fable.  Colmar.  W.  Stricker,  die  Ama- 
zonen in  Sage  und  Geschichte  Berlin  1868  ge- 
nannt. 

II.  Kunstarchäologisch.  Die  Künstler 
haben  siestets  alsKriegerinnen  aufgefafstund 
durch  Tracht  wie  Haltung  deutlich  von  Athene 
unterschieden,  von  den  Sagen  aber  nur  den 
allgemeinen  Inhalt  dargestellt.  Auf  archaischen 
Vasen  mit  Tierreihen  sind  Amazonenbilder  sehr 
selten,  auf  allen  späteren  häufig,  besonders  die 
Gruppe,  in  welcher  der  Grieche  vordringt,  die 
Amazone  halb  unterliegt  halb  flieht.  Auf  den 
schwarzfigurigen,  wo  Herakles’  Kampf  am  be- 
liebtesten war,  sind  sie  griechisch  gerüstet 
und  kämpfen  zu  Fufs,  von  den  Heroen  nur 
durch  Farbe,  Form  der  Augen  und  den  das 
Gesicht  weniger  bedeckenden  Helm  unterschie- 
den; die  in  der  Tracht  skythiseber  Schützen 
auftretenden  sind  nur  Nebenfiguren,  vgl.  z.  B. 
Gerhard,  A.  V.  95.  104.  207.  Auf  den  rot- 
figurigen erscheinen  sie  häufig  als  Reiterinnen, 
sind  dann  nie  besiegt,  oft  sogar  im  Vorteil; 
die  fremdartige  Tracht  und  Bewaffnung  ist 
ihnen  gegeben,  um  Uniformität  zu  vermeiden. 
Die  Gruppierung  ist  meist  einfach.  Die  Namen 
weisen  oft  nach  Athen,  vgl.  die  Zusammen- 
stellungen Annali  1867  p.  211  ff.  1874  p.  1 ff, 
aulserdem  Kämpfe  mit  den  Greifen.  Die  spä- 
ten grofsen  unteritalischen  Vasen  haben  fries- 
artige, figurenreiche  Kompositionen  mit  leb- 
hafteren, mannigfaltigeren  Gruppen,  die  weib- 
lichen Körperformen  sind  deutlicher  angegeben, 
die  rechte  Brust  entblöfst,  die  Tracht  farbig, 
die  Waffen  kaum  jemals  noch  griechisch,  die 
Schilde  epheublattförmig ; vgl.  Annali  1876 
p.  173.  Unter  den  Statuen  gehört  allein  das  I 
berühmte  Fragment  in  Wien,  dessen  Ergän- 
zung zu  der  von  Achill  gehaltenen  Penthesi-  I 


io 

20 

30 

40 

50 

60 


277 


Amazonen  in  d.  Kunst 


Amazonen  in  d.  Kunst 


278 


fl 

M 

VI 

S; 

leia  durch  die  Darstellung  eines  geschnittenen 
Steines  gesichert  ist  ( Sacken , die  ant.  Skulpt. 
Taf.  1 S.  3 f.)  der  archaischen  Kunstweise  an, 
die  Sterbende  ist  von  grofser  Amuut  und  Züch- 
tigkeit. Stattliche,  wenn  auch  ermattete  Krie- 
gerinnen stellen  die  Statuen  dar,  welche,  in 
zahlreichen  Exemplaren  vorhanden,  als  Kopieen 
der  von  Pheidias,  Polyklet,  Kresilas  u.  a.  her- 
riihrenden  und  im  Tempel  zu  Ephesus  gestif- 
teten betrachtet  werden.  Da  es  nur  wenige 
litterarische  Nachrichten  über  sie  giebt  (vgl. 
Plinius  34,  8,  18,  48.  Lucian  Imag.  4,  6), 
so  ist  man  für  die  Bestimmung  der  einzelnen 
gröfstenteils  auf  stilistische  Beobachtungen 
angewiesen.  Für  die  polyldetische  (s.  die  Ab- 
bildg.  S.  268)  wird  jetzt  insgemein  diejenige 
gehalten,  welche  den  rechten  Arm  auf  den  Kopf 
gelegt  hat  (Monum.  9,  12);  über  die  beiden  an- 
deren, welche  sich  auf  Lanzen  stützen  (Müller  - 
Wieseler,  Denkm.  1,  137.  138),  schwankt  das  Ur- 
teil nicht  nur  zwischen 
Pheidias  und  Kresilas, 
sondern  es  werden  auch 
andereKtinstler  genannt, 
die  nicht  für  Ephesus 
gearbeitet  haben,  na- 
mentlich Strongylion, 
Plinius  34,  82.  Eine 
Entscheidung  ist  um  so 
schwieriger,  da  einer 
der  beiden  Typen  noch 
nicht  in  einer  völlig  er- 
haltenen sicheren  Kopie 
vorliegt  und  es  zweifel- 
haft ist,  ob  er,  wie  die 
übrigen,  eine  ermattete 
Kriegerin  dargestellt 
hat,  vgl.  Jahn,  Ber.  d. 
scichs.  Ges.  d.  W.  1850 
S.  37  ff.  Steiner,  über  den  Amazonenmythus  in 
der  ant.  Plastik  1857  S.  55  ff.  Schöll,  Philo- 
logus  20  S.  416  ff.  M.  Hofmann  ebendas.  23 
S.  397  ff.  Klügmann,  Rhein.  Mus.  1866  S.  322  ff 
Friederichs  Bausteine  S.  114  f.  Kekule  in  Com- 
mentat.  in  hon.  Momms.  S.  481  ff. 

Von  einigen  wird  auch  die  Bronzestatuette 
einer  Reiterin  von  einfacher , aber  kräfti- 
ger Bewegung  (Mus.  Borb.  4,  21)  auf  Stron- 
gylion zurückgeführt.  Von  sehr  grofsartigem 
Stile  ist  die  Statue  einer,  wie  es  scheint 
knieend  fortgeschleppten  Amazone  in  Palazzo 
Borghese  zu  Rom  (Matz-Dahn , Ant.  Bildw. 
No.  947,  abgebildet  Monum.  9,  37).  Unter 
den  Statuen,  welche  von  Brunn  Annal.  1870 
p.  292  ff.  als  Überreste  der  von  Attalos  auf 
der  Akropolis  zu  Athen  gestifteten  Gruppen 
erkannt  sind,  befindet  sich  nur  eine  Amazone; 
tot  auf  einen  Felsen  ausgestreckt,  läfst  sie  die 
Eigentümlichkeiten  der  pergamenischen  Kunst 
nur  in  geringem  Mafse  erkennen.  Eine  Reihe 
anderer  unter  einander  nicht  verwandter,  meist 
noch  wenig  behandelter,  später  Statuen  und 
Gruppen  ist  aufgezählt  von  Klügmann , Die 
Amaz.  in  d.  alt.  Litt.  u.  Kunst  S.  83  n.  117. 
Unter  den  Reliefs  hat  die  Komposition  des 
Schildes  der  Parthenos  von  Pheidias,  die  durch 
die  steil  aufsteigende,  an  den  Schauplatz  des 
Kampfes  in  Athen  erinnernde  Fläche  sehr 


Amazonenkampf , (Kamee, 
Arch.  Ztg.  1876.  Taf.  1). 


Amazone  des  Pheidias  (?) 
mit  Lanze,  vgl.  Klügmann , 
d.  Amaz.  i.  d.  alt.  L.  u.  K. 
S.  64. 


mannigfaltig  wurde,  sich  nicht  nur  mit  grö- 
fserer  oder  geringerer  Treue  an  späteren  Athena- 
schilden  wiederholt,  vgl.  Michaelis  Parthenon 
Taf.  15,  sondern  hat  mit  ihren  höchst  charak- 
teristischen Kampfmoti- 
ven auch  auf  andere 
Werke  Einflufs  gehabt. 

Die  grofsen  Friese  zu 
Phigaleia  und  Magnesia 
io  und  am  Maussoleum 
feiern  Herakles’  Zug  wie 
eine  nationale  Grofs- 
that  Auf  dem  Friese 
von  Phigaleia  (gut  ab- 
gebildet in  den  Anc.  marbles  vol.  4)  sind  die 
Figuren  stämmig,  die  Gesichter  ohne  viel  Aus- 
druck , die  Gewänder  nicht  immer  glücklich 
gelegt,  die  Bewegungen  energisch,  die  Kampf- 
scenen  wild , zugleich  aber  in  anziehender 
20  Weise  von  Scenen  des  Mitleids  und  der  Göt- 
terhilfe unterbrochen;  günstiger  urteilt  Kekule 
Kunstmus.  zu  Bonn  No.  140.  Der  Fries  des 
Maussoleum,  an  welchem  Skopas  und  seine  Ge- 
nossen wetteiferten , nur  zum  Teil  erhalten 
(Monum.  5,  1 — 3,  18 — 21),  hat  bei  grofser  Man- 
nigfaltigkeit der  Erfindung  von  Kampfmotiven 
schönen  Flufs  der  Linien,  klare  Umrisse,  No- 
blesse in  den  Formen  und  eine  sehr  feine  Cha- 
rakteristik der  verschiedenen  Geschlechter  und 
30  Lebensalter.  Der  Fries  am  Tempel  der  Arte- 
mis zu  Magnesia  Glarac.  pl.  117  C — I,  dessen 
Entstehungszeit  nicht  feststeht,  zeugt  von  tief- 
gesunkener künstlerischer  Bildung.  Erfindung 
und  Ausführung  sind  gleich  schwach.  Von 
anderen  gleichfalls  späten  Marmorfriesen  giebt 
es  an  manchen  Orten  dürftige  Reste.  Aus  der 
Zeit  der  höchsten  Kunstblüte  rühren  noch  ein- 
zelne kleinere  Metall  und  Th onreliefs  her, 
so  vor  allem  die  schönen  Bronzen  (Bröndsted, 
40  Bronzes  of  Siris  1837),  welche  einen  Harnisch 
oder  Helm  verzierten,  auch  die  Phalerae  aus 
der  Krim  Comjrte  Rendu  1865  pl.  5.  Aber 
nicht  nur  Waffen,  sondern  auch  Geräten  ver- 
schiedenster Art  gab  man  ähnlichen  Schmuck, 
vgl.  die  in  Unteritalien  wie  in  Etrurien  häufigen 
vergoldeten  Thon vasen  mit  ringsumlaufen- 
den Kämpfen  (Monum.  9,  26),  einzelne  Gruppen 
auch  von  Greifenkämpfen  auf  kleinen  Gefäfsen, 
bisher  noch  wenig  publiciert,  die  Gruppe  von 
50  Achill  und  Penthesileia  und  eigentümlich  kom- 
ponierte Kämpfe  auf  den  Friesplatten  aus  Ter - 
racotta  bei  Campana  Op.  in  plast.  tav.  74 ff 
Ferner  Reliefs  und  Zeichnungen  aus  der  ili- 
schen  und  herakleischen  Sage  auf  Toiletten- 
cisten  und  Spiegeln  bei  Gerhard  Etr.  Sp. 
Taf.  9.  10. 136.  233.  341  u.  s.  w.  Schöne,  Annali 
1866  p.  163.  166.  171.  Monum.  6,55.  Arch.  Ztg. 
1876  Taf.  1.  Auf  den  Wandgemälden  der 
campanisehen  Städte  sind  Amazonensagen  sel- 
eo  ten  ;als  rein  dekorative  Figuren  sind  die  Krie- 
geriunen  benutzt  Mus.  Borb.  6 tav.  3,  Helbig 
n.  1248f.  u.  S.  460.  Wie  am  Maussoleum,  so 
sind  Amazonenkämjffe  später  auch  an  vielen  an- 
deren Gr abmonumenten  dargestellt,  worauf 
vielleicht  die  Rolle , welche  sie  in  den  Epita- 
phien spielten,  eingewirkt  hat,  vgl.  die  Stele 
aus  Apollonia  Monum.  grecs  1877  pl.  3,  dann  die 
Sarkophage.  Von  ihnen  zeigen  eine  centrale 


279 


Amazonen  in  d.  Kunst 


Ambrosia  u.  Nektar 


280 


Komposition  mit  feinabgewogener  Symmetrie 
der  Nebengruppen  der  berühmte  Wiener  Sarko- 
phag ( Sacken , die  ant.  SJculpt.  Taf.  2.  3) , ein 
früher  in  Vigna  Altoviti  zu  Rom  befindlicher, 
und  die  Reihe  der  besonders  in  Rom  häufigen 
Penthesileiasarkophage,  z.  B.  Visconti  Mus.  P. 
GL  5,  21,  auf  deren  Deckel  dann  auch  wohl 
andere  Scenen  der  ilischen  Sage  dargestellt 
sind,  Mülin  Gail.  myth.  n.  592;  vgl.  auch  den 
etruskischen  Monum.  8,  18  und  den  schönen 
bemalten  aus  Corneto  Monum.  9,  60.  Die  übri- 
gen Sarkophage  scheiden  sich  hinsichtlich  der 
auf  ihnen  dargestellten  Gruppen  in  zwei  Klas- 
sen; die  eine,  welche  mehr  Scenen  der  Nieder- 
lage als  des  Kampfes  zeigt  ( Arch . Ztg.  1876 


Ambi.  sagrus  primus  operi.  po  l.  I.  Der  Name 
ist  wohl  aus  ambhi  = um,  zu  beiden  Seiten 
und  einer  Ableitung  von  saghura  — haltend, 
gewaltig,  gebildet,  so  dafs  er  der  Bedeutung 
nach  mit  conservator  oder  den  Beinamen  tutor, 
tutator,  custos  zusammenfallen  würde. 

[Steuding.] 

Ambrakia  (’Ay ßguxia)  1)  Tochter  des  Phor- 
bas,  Mutter  des  Dexamenos.  St.  B.  v.  As- 
iü  ^aysvixi.  — 2)  Tochter  des  Augeias.  St.  B. 
s.  v.  u.  Eust.  zu  Dionys.  Per.  492.  — 8)  Toch- 
ter des  Melaneus,  Schwester  des  Eurytos. 
Ant.  Lib.  4.  Von  ihnen  soll  der  Ort  Ambra- 
kia  den  Namen  haben.  [Bernhard.] 

Ambrax  ('Ay ßga£),  Sohn  des  Thesprotos, 


Taf.  7)  schliefst  sich  vielleicht  an  Athen  an,  Enkel  des  Lykaon,  nach  welchem  die  Stadt 

die  andere,  von  welcher  das  Umgekehrte  gilt,  Ambrakia  benannt  war,  Steph.  B.  s.  v.  ’Ayßgania. 

ist  nur  in  Rom  und  Italien  vertreten , vgl.  Eustath.  z.  Dionys.  Per.  492.  Dionys.  A.  11. 

z.  B.  Foggini  Bassiril.  d.  Plus.  Cap.  tav.  23.  1,  50  nennt  ihn  Sohn  des  Dexamenos,  Kö- 

Über  die  Darstellungen  des  Dodelraathlos  vgl.  nig  von  Ambrakia.  [Stoll.] 

Annali  1864  p.  304ff.  1868  p.  249 fl'.  Die  Mo- 4ü  Ambrosia,  1)  Ambrosia(«fi(J^ooua)und  Nek- 
numente,  auf  welchen  die  Amazonen  als  Re-  tar  (vldrag).  Gewöhnlich  ist  unter  Ambrosia 

präsentanten  von  Städten  oder  Ländern  die  Speise,  unter  Nektar  der  Trank  der  Göt- 

erscheinen,  sind  nicht  zahlreich;  das  früheste  ter  zu  verstehen,  auf  deren  Genufs  wesentlich 

scheint  das  sogenannte  Schwert  des  Tiberius  ihre  Unsterblichkeit  mit  beruhte  (vgl.  die  Sa- 

(Lersch,  Bonner  Winckelmannsprogr.  1849)  mit  gen  von  Demophoon  und  Achilleus , welche 

der  Darstellung  der  die  Doppelaxt  haltenden  durch  Salben  mit  Ambrosia  unsterblich  wer- 

Vindelicia.  zu  sein.  Auf  der  puteolanischen  den  sollten,  von  Tantalos,  der  nach  Find.  Ol. 

Basis  vereinigt  keine  der  14  kleinasiatischen  ; 1 , 91  durch  den  Genufs  von  Ambrosia  und 

Städtefiguren  die  Tracht  einer  Amazone  mit  Nektar  unsterblich  geworden  war,  sowie  Stel- 

den  ihr  eigentümlichen  Waffen;  ebensowenig  50  len  wie  11.  E340f.  T 38f.  Hes.  Theog.  793 ff. 

ist  dies  der  Fall  bei  den  auf  der  Piazza  Pietra  Od.  e 197,  endlich  die  Gleichsetzung  von. 

zu  Rom  gefundenen  Darstellungen  der  Provin-  dyßgoGi'a  und  a ftuvaeiu  Luc.  Dial.  Deor.  4. 

ciae,  und  unter  den  kleinasiatischen  Münzen  Sc  hol.  Find.  P.  9,  113).  In  den  homerischen 

der  Kaiserzeit  bieten  nur  diejenigen  Smyrnas  Gedichten  werden  Ambrosia  und  Nektar  in  dem 

häufige  und  zweifellose  Amazonentypen.  Phi-  angegebenen  Sinne  häufig  neben  einander  ge- 

lologus  1870  S.  530  ff.  [A.  Klügmann.]  [Auch  stellt  (II.  T 352.  Od.  s 199  u.  92.  1 359;  vgl. 

die  neuerdings  von  Benndorf  aufgefundenen  in  auch  Hymn.  Merc.  248.  in  Cer.  49.  Hes.  Theog. 

Wien  befindlichen  Reliefs  des  Heroon  von  Gj öl-  639,  796),  ebenso  wie  Giros  yb's  norys,  Giros 

baschi  (Lykien)  enthalten  einen  Kampf  zwischen  yial  ysftv , Giros  xai.  olvos  u.  s.  w.  Bisweilen 

Griechen  und  Amazonen  : vgl.  darüber  den  60  wird  auch  jeder  der  beiden  Ausdrücke  allein, 

„Vorläuf.  Bericht  über  zwei  österr.  archaeol.  Ex-  ohne  den  andern,  gebraucht  (II.  A 597.  A 3. 

peditionen  nach  Kleinasien“  von  0.  Benndorf,  Od.  y 62.  Ilymn.  in  Ap.  Del.  10).  Sehr  son- 

Wien  1883,  sowie  die  „Archäolog.- epigraph.  derbar  ist  daher  Hymn.  in  Ven.  231  die  Ne- 

Mittheilungen  aus  Oesterreich“  6,  2.  [Roscher.]  beneinanderstellung  von  airco  r dyßQOGiy  rs, 

Ambas  s.  Abas  12.  wofür  wahrscheinlich  airco  dyßQOOicp  (vgl.  uy- 

Ambisagrns,  Beiname  des  Iuppiter  auf  der  ßgoaiov  ildctg  u.  ähnl.  II.  N 35.  E 369)  zu 
Inschrift  eines  kleinen  Altars  aus  Aquileia,  C.  schreiben  ist.  Aber  schon  in  den  homerischen 

I.  L.  5,  790:  I.  0.  AI.  & (=  conservator ) et  Gedichten  kommt  Ambrosia  aufserdem  auch 


Ambrosia  u.  Nektar 


281 

in  der  Bedeutung  Salbe  und  Reinigungs- 
mittel (gvgga)  vor,  z.  B.  II.  & 170,  wo  von 
Hera  erzählt  wird,  dal's  sie  ihre  Haut  mit  «f i- 
\ ßgoGirj  gereinigt  habe , Od.  a 192,  wo  Athene 
die  Penelope  mit  ambrosischer  Seife  (* aXXsi 
agßgoGup)  wäscht,  II.  TI  670,  wo  der  Leichnam 
des  Sarpedon,  wahrscheinlich,  um  ihn  vor  Ver- 
wesung zu  schützen , mit  Ambrosia  gesalbt 
wird  u.  s.  w.  (Vgl.  auch  Ilymn.  in  Cer.  237. 
II.  W 185.  Ap.  Rh.  4,  871  u.  Schol.  Apollod. 

3,  13,  6.)  Diese  ambrosische  Salbe  wird  so- 
gar gelegentlich  von  den  Göttern  zum  Hei- 
len von  Wunden  benutzt  ( Bion . 11.  Very. 
Aen.  12,419).  Ferner  erscheinen  II.  T 38  Nek- 
tar und  Ambrosia  als  Ein  balsamiere  ngs- 
mittel,  da  von  Thetis  erzählt  wird,  sie  habe 
der  Leiche  des  Patroklos,  um  sie  vor  Verwe- 
sung zu  schützen,  Ambrosia  und  Nektar  durch 
die  Nase  eingeflöi'st,  wie  es  nach  Herodot  2,  86, 
die  Ägypter  mit  ihren  Einbalsamierungsmitteln 

J zu  tliun  pflegten.  Vielfach  wird  auch  der 
: aufserordentliche  Wohlgeruch  des  Nektars 
und  der  Ambrosia,  sowie  ihre  Lieblichkeit 
und  Süfsigkeit  hervorgehoben,  daher  z.  B. 
Eidothea  dem  Menelaos,  um  den  Übeln  Robben- 
geruch zu  vertreiben,  Ambrosia  unter  die  Nase 
I legt  (Od.  d 445.  Vgl.  auch  Theogn.  8.  Philox. 
b .Ath.  409e.  Tlieocr.  Id.  17,  28.  Lucr.  2,847. 
Anth.  Gr.  6,  275.  Verg.  Geo.  4,  415.  Ov.  Met. 

4,  250.  10,  731).  Höchst  merkwürdig  ist  es  3 
endlich , dafs  neben  der  Tradition  des  Homer 
und  Hesiod,  welche  in  Ambrosia  die  Götter- 

I speise,  in  Nektar  den  Göttertrank  erblicken, 
j noch  eine  zweite,  ebenfalls  recht  alte  bestand, 

I wonach  das  Umgekehrte  der  Fall  ist.  Vgl. 
j Sappho  fr.  51  Berglc.  Allcman  fr.  97  B,  An- 
i axandrides  b.  Ath.  2,  p.  39  a u.  JEurip.  Hipp. 
748,  wo  von  einer  Quelle  der  Ambrosia  im 
Hesperidengarten  die  Rede  ist.  Offenbar  ist 
hier  derselbe  Ort  gemeint,  von  wo  nach  Od.  i 
g 62  die  nileiui  = nXrjidSsg  (vgl.  Ath.  489 eff. 

\ Eustath  z.  Od.  g 62)  dem  neugebornen  Zeus 
Ambrosia  bringen,  indem  sie  dabei  durch  die 
I Irrfelsen  hindurchfliegen  müssen.  Neugebo- 
rene Götterkinder  dachte  man  sich  auch 
! sonst  mit  Nektar  und  Ambrosia  gefüttert  (Ilymn. 
in  Ap.  Del.  123.  Find.  Pyth.  9,  64  Boeckh). 
Wenn  Ambrosia  auch  als  Futtergras  für  die 
Götterrosse  erscheint  (II.  E 369.  777.  N 35), 
i so  beruht  dies  wohl  auf  einer  Übertragung 
des  Begriffes  Unsterblichkeitsspeise  von  den 
Göttern  auf  ihre  Rosse.  — Wie  erklärt  sich 
nun  die  Vieldeutigkeit  des  Ausdruckes  Ambro- 
sia, welcher  nicht  nur  die  Speise,  sondern  auch 
die  Salbe  und  das  Reinigungsmittel,  eine  Ein- 
balsamierungsessenz und  ein  Parfüm,  ja  sogar 
im  Austausch  mit  Nektar  den  Trank  der  Göt- 
ter bezeichnet?  Sehr  wahrscheinlich  aus  der 
mannigfaltigen  Verwendung  des  Honigs,  der 
genau  dieselben  Funktionen  wie  Ambrosia  und 
Nektar  hat,  d.  h.  bald  als  Speise,  bald  in 
verdünnter  Form  als  Trank  gebraucht  wurde 
(Met,  gsXiKQCiTov,  vd'Qogsh.)-  Ein  berauschender 
i Honigtrank  spielte  bei  den  Griechen  vor  Ein- 
führung des  Weinbaues  eine  grofse  Rolle 
(Hehn,  Kulturpflanzen'2  S.  134.  Orpheus  h.  Por- 
phyr. de  antro  n.  16.  Ath.  468  a),  ferner  wurde Ho- 
nigalsSalbe  (Plin.n.h.  11,  37f.  22,108.  Aristot. 


Ambrosia  u.  Nektar  (=  Honig)  282 

de  an.  h.  9,  40,  21.  Probl.  1,2.  Galen,  ed.  K. 
13,  731.  12,  70.  Cels.  6,  6,  34),  als  Seife  (Ari- 
stot. Probl.  1,  2.  Galen,  ed.  K.  10,  569.  11, 
744.  Cels.  5,  16.  Porphyr,  de  antro  n.  15.  Ja- 
cobs Del.  epigr.  gr.  6,  46),  als  Einbalsamie- 
rungsmittel (Htrod.  1,  198.  Strab.  746.  Diod. 
15,  93.  Ken.  Hell.  5,  3,  19.  Lucr.  3,  886.  Co- 
lum.  12,  45.  Stob.  Flor.  6,  3.  Stat.  Silv.  3,  2, 
117.  Joseph.  Ant.  14,  7,  4.  Plin.  n.  h.  22,  108 
etc.)  benutzt.  Auch  schrieb  man  dem  Genüsse  des 
Honigs  eine  gesundmachende,  lebenver- 
längernde Wirkung  zu  (Ath.  2,  46eff.  Geopon. 
15,  7.  Laert.  Diog.  vita  Pyth.  18, 19.  Jamblich, 
v.  Pyth.  97.  Plin.  h.  n.  22,  114)  und  brauchte 
ihn  in  unzähligen  Krankheitsfällen  als  wirk- 
samstes Arzeneimittel  (Aristot.  Eth.  Nie.  5,  9, 
15.  Plin.  n.  h.  22,  107  u.  110).  Ja  es  läfst 
sich  sogar  nachweisen , dafs  der  Honig  gera- 
dezu als  Götterspeise,  und  der  aus  ihm 
bereitete  Met  als  Göttertrank  betrachtet 
wurde  (vgl.  Hymn.  in  Merc.  562:  fit  Oe  gdsea 
idcodfj.  Orph.  b.  Porphyr,  de  antro  n.  16.  Ba- 
trachom.  39).  Auch  als  erste  Nahrung  neu- 
geborener Götterkinder  kommt  Honig  vor,  ge- 
radeso wie  sonst  Nektar  und  Ambrosia  (vgl. 
Apoll.  Ph.  4,  1131.  Diod.  5,  70.  Anton.  Lib. 
19.  Kallim.hy.  in  Jov.  48  u.  s.  die  Artikel  Me- 
lissa und  Melisseus).  Vom  jungen  Zeus  gab 
es  demnach  zwei  Traditionen.  Nach  der  einen 
o sollten  ihn  die  Peleiai,  d.  i.  die  Pleiaden  (s. 
oben),  mit  Ambrosia  und  Nektar  (Od.  g 62. 
Moiro  b.  Ath.  491b.  Overbeck,  Kunstmyth.  1, 
1 (Zeus)  S.  329),  nach  der  andern  Bienen  mit 
Honig  ernährt  haben.  Beide  Versionen  ge- 
hen offenbar  auf  denselben  Grundgedanken 
zurück,  denn  die  Bienen  fangen  erst  nach  dem 
Aufgang  der  Pleiaden  an  Honig  einzutragen 
(Aristot.  II.  a.  5 , 22 , 4.  Plin.  n.  h.  11,  30 : 
nec  omnino  prius  Vergiliarum  exortu  [viel  fit]). 
o Endlich  ist  noch  auf  die  für  unsere  Gleichsetzung 
von  Ambrosia  - Nektar  und  Honig  besonders 
beweiskräftige  Thatsache  zu  achten,  dafs  das 
ganze  Altertum  den  Honig  für  einen  wie 
Manna  vom  Himmel  auf  Pflanzen  und  Bäume 
fallenden  Tau  , also  schon  an  und  für  sich 
für  eine  Art  Himmels-  oder  Götterspeise  hielt. 
(Vgl.  unsern  Ausdruck  „Honigtau“  = <xeqo- 
gsXi,  dyoGopiXi,  vor  gsXi  und  folgende  Stellen: 
Theophr.fr.  190.  Galen,  ed.  K.  6,  739.  Aristot. 
o h.  an.  5,  22,  4.  Plin.  n.  h.  11,  30.  Ath.  500  c. 
Polyaen.  4,  3,  32.  Diod.  17,  75  u.  s.  w.).  Auch 
insofern  stimmen  die  Vorstellungen  von  Am- 
brosia undNektar  mit  denen  vomHonig  wunder- 
bar überein,  als  beide  als  Inbegriff  der  Süfsig- 
keit, Lieblichkeit  und  des  Wohlgeruchs  be- 
trachtet und  in  metaphorischer  Bedeutung  von 
der  Süfsigkeit  der  Rede  und  des  Gesanges  ge- 
braucht wurden.  (Vgl.  z.  B.  II.  A 249.  Res. 
Tlieog.  83.  Find.  Nem.  3,  74.  Ol.  7,  7.  Anth. 
o Gr.  7,  29,  3).  Ibykos  (b.  Ath.  39  b;  vgl.  Schol. 
Pind.  Pyth.  9,  113.  Tzetz.  Hist.  8, 984)  bezeichnet 
die  Ambrosia  als  neunfache  Potenz  des  Honigs. 
— Litte ratur:  Koscher,  Nektar  und  Ambro- 
sia, Leipzig  1883.  Berglc  in  Fleckeisens  Jahrbb. 
1860  (Bd.  81)  S.  377 ff.  Stoll  in  Paulys  Peal- 
enc.2  1 unter  Ambrosia.  Buttmann , Lexil.  1, 
p.  133.  Nügelsbach,  Ilom.  Tlieol.2  p.  41.  Prel- 
ler, Gr.  Myth.2  1,  88,  1.  — 2)  Tochter  des  At- 


283 


Ambrosius 


las  und  der  Pleione , eine  Hyade  und  dodo- 
näische  Nymphe , Amme  des  Dionysos  ( Uyg . 

F.  182  u.  192.  P.  Astr.  2,  21.  Pherekydes  b. 
Schol.  II.  18,  48G).  Nach  Nonnos  Dion.  21, 

17 ff.  und  Asklepiades  b.  Hyg.  P.  Astr.  2 , 21 
wurde  sie,  als  der  König  Lykurgos  den  Dio- 
nysos und  seinen  Thiasos  verfolgte,  in  eine 
Rebe  verwandelt.  Vgl.  das  Sarkophagrelief 
der  Villa  Borghese  b.  Müller- Wieselcr,  D.  d. 
a.  K.  2,  37,  441  und  das  Bildwerk  des  von  io 
de  Witte  Ami.  d.  Inst.  17,  p.  114  Anm.  7 be- 
schriebenen Glasbechers  ( Stoll  in  Paulys  lieal- 
enc V 1,  848).  Was  die  Deutung  dieser  Ambrosia, 
anbetrifft,  so  war  dieselbe  ursprünglich  wohl 
die  Personifikation  des  Honigtaus  ( vov  ysh, 
asQOfish,  dgoGoysh.) , worüber  zu  vergleichen: 
Roscher , Nektar  u.  Ambrosia  S.  14ff.  Dafür 
spricht  auch  die  Sage  von  der  Ernährung  des 
neugeborenen  Dionysos  mit  Honig  ( Roscher 
a.  a.  0.  S.  62,  wo  auf  Ap.  Rh.  4,  1134  ver-  20 
wiesen  ist,)  und  der  Umstand,  dafs  die  Hyaden 
ebenso  wie  die  Pleiaden , die  ebenfalls  die 
deutlichsten  Beziehungen  zum  Honig  haben  (s.  o.), 
Töchter  der  Pleione  sind  ( Roscher  S.  28  ff). 

[Roscher.] 

Ambrosius,  ein  Dolione,  von  Peleus  getötet, 
Val.  Flacc.  3,  138.  [Schultz.] 

Ambrosos  (’AyßQcoco g),  Heros  eponymos  der 
phokischen  Stadt  Ambrosos,  Paus.  10,  36,  2. 
Der  Name  lautet  auch  ’'AyßQvaog  ( Strcibo ),  ’Ay-  so 
cpQVGog  ( Steph . Byz,).  Vgl.  Bursian  Geogr.  1, 
183,  3.  [Stoll.] 

Ameiaias  (Ayeivia g),  Liebhaber  des  spröden 
Jünglings  Narkissos  (s.  d.)  in  Thespiai.  Als 
dieser  ihn  hartherzig  verschmähte  und  ihm 
zuletzt  ein  Schwert  schickte , tötete  er  sich 
mit  demselben  vor  der  Thüre  des  Narkissos, 
nachdem  er  vorher  um  einen  Rächer  gefleht. 
Narkissos  verfällt  in  Liebe  zu  sich  selbst,  fühlt 
sein  Unrecht  und  bringt-  sich  um,  Konon  24.  40 
Vielleicht  ist  ’Ayvviug , d.  i.  der  Rächer , zu 
schreiben , oder  auch  ’Afuviag , da  in  vielen 
Namen  t für  v eingetreten  ist,  Welcher  Aesch. 
Tril.  613.  A.  Denkm.  4,  166,  5.  [Stoll.] 

Amestrios  (’AyfjOTQLog),  Sohn  des  Herakles 
und  der  Thespiade  Eone,  Apollocl.  2,  7,  8. 

[Stoll.] 

Amisodavos  ( ’AfuGcööuQog , auch  ’AyiGobccQog), 
König  in  Lykien  oder  Karien,  der  die  Chimaira 
zum  Verderben  der  Menschen  aufgezogen  haben  50 
soll,  11.  16,  328.  Apollod.  2,  3,  1.  Fustcdh. 
Hom.  1062,  57.  Aelian.  N.  A.  9,  23.  Euheme- 
ristische  Erklärungen  s.  bei  Tzetz.L.  17,  p.  300 
Müller.  Plut.  de  mul.  virt.  9,  nach  welchem 
Amisodaros  bei  den  Lykiern  ’loäqug  hiefs  und 
aus  der  Kolonie  der  Lykier  in  der  Gegend  des 
troischen  Zeleia  war.  Preller,  Mytli.  2,  82,  3. 
Seine  Söhne  Atymnios  und  Maris , Gefährten 
des  Sarpedon,  wurden  vor  Troja  von  den  Söh- 
nen des  Nestor  getötet,  11.  16,  317ff.  Von  eo 
Späteren  wird  er  mit  Iobates  vertauscht  und 
Schwiegervater  des  Bellerophon  genannt,  Schol. 

11.  6,  170.  16,  328.  [Stoll.] 

Ammon,  richtiger  Amon  (‘Ayycov)  ist  der 
Name  des  Stadtgottes  des  ägyptischen  The- 
ben. Durchweg  haben  in  Ägypten  die  lokalen 
Distrikte,  die  Nomen,  ihre  besonderen  Gott- 
heiten, die  in  den  Tempeln  des  Hauptortes 


Ammon  (in  Theben) 


284 


verehrt  werden.  Gewöhnlich  steht  neben  dem 
obersten  Gotte  seine  Gemahlin  und  ein  Sohn 
(oder  eine  Tochter);  an  sie  schliefsen  sich  die 
untergeordneten  Gottheiten  und  Dämonen  des 
Ortes  an.  So  besteht  die  Trias  von  Theben 
(oder  richtiger  des  diospolitischen  Nomos)  aus 
Amon,  seiner  Gemahlin  Mut  (oder  Mut  urt  ==  die 
grofse  Mutter)  und  ihrem  Sohn,  dem  Mondgott 
Chunsu.  Die  Etymologie  des  Namens  Amon 
kennen  wir  so  wenig  wie  die  der  meisten  ande- 
ren ägyptischen  Götter;  die  Theologen  der  spä- 
teren Zeit  erklären  ihn  als  den  rgekeimnisvollen’, 
r verborgenen’  und  dachten  dabei  unzweifel- 
haft an  den  schon  früh  in  der  Geheimlehre 
vorkommenden  Gott,  „dessen  Namen  verbor- 
gen (amen)  ist“,  d.  h.  die  grofse  pantheistische 
Gottheit,  von  der  alle  Einzelgötter  nur  Namen 
sind  und  deren  eigentlicher  Name  unbekannt 
ist.  Daher  Plut.  de  Is.  9,  wo  der  Name 
’Ayovv  nach  Manetho  xb  HSHQvyfievov  ned  rf/v 
V-Qvrpiv  bedeuten  soll  (vgl.  Jambl.  de  myst.  8, 
3).  Seiner  ursprünglichen  Funktion  nach  scheint 
Amon  ein  Gott  der  Fruchtbarkeit  und  Zeu- 
gung gewesen  zu  sein;  daher  wird  er  so  häufig 
ithyphallisch  dargestellt;  sein  heiliges  Tier, 
in  dessen  Gestalt  er  erscheint  ( Ilerod . 2,  42), 
ist  der  Widder,  und  zwar  ein  Widder  mit 
nach  unten  gekrümmten,  die  Ohren  utnschlie- 
fsenden  Hörnern,  den  sogen.  Ammonshörnern. 
Dagegen  wird  der  in 
der  Gegend  des  ersten 
Katarakts  heimische, 
aber  auch  sonst  in  Ägyp- 
ten viel  verehrte  Gott 
Chnum(Kneph)  als  Wid- 
der mit  horizontal  ver- 
laufenden Hörnern  dar- 
gestellt, s.  Lepsius,  Z. 
für  äg.  Sprache  1877  S. 

11  ff.,  der  die  von  WH-  f^~\l 
lcinson , Parthey  u.  a.  7 
vertretene  Behauptung , 

Ammon  werde  in  Ägyp- 
ten nie  widderköpfig  dargestellt,  völlig  wider- 
legt. Auch  die  grofsen  Widderfiguren,  welche 
in  langen  Reihen  an 
den  thebanischen  Tem- 
pelstrafsen  standen, 
sind  Darstellungen  des 
Gottes.  Noch  gewöhn- 
licher bildet  mau  ihn 
allerdings  in  Menschen- 
gestalt, mit  blauer  Haut- 
farbe ; dann  kommen  ih  m 
als  charakteristisches 
Abzeichen  zwei  hohe 
Federn  zu,  die  er  auf 
der  Haube  trägt.  Alle 
Götter  der  Zeugung, 
die  meist  als  Stiere 
oder  Widder  aufgefafst 
werden,  sindin  Ägypten 
teils  von  Anfang  an, 
teils  infolge  theologi- 
scher Kombination  zu- 
gleich Sonnengottheiten.  Denn  die  Sonne,  deren 
tägliche  Schicksale  den  Mittelpunkt  der  ge- 
samten ägyptischen  Mythologie  bilden,  wird 


Amon  als  Widder. 


Amon  mit  Federliaube. 


285 


Ammon  (in  Theben) 


286 


a.  a.  auch  sehr  häufig  als  'kräftiger  Stier’  ge- 
dacht, der  zeugend  inmitten  des  Himmels  steht 
md  von  der  Himmelsgöttin  den  Sonnengott  des 
lächsten  Tages,  zugleich  seinen  Sohn  und  sich 
'.elbst,  erzeugt.  So  ist  auch  Amon  schon  sehr 
Tüll  zum  Sonnengott  geworden  und  trägt 
ils  solcher  den  Diskus  mit  der  Uraeusschlange 
— dieselbe  bedeutet  die  vernichtende  Sonnen- 
flut — auf  dem  Haupt. 

In  der  ältesten  Epoche  der  ägyptischen  Ge-  10 
jchichte,  als  der  Schwerpunkt  des  Landes  in 
VIemphis  lag,  spielten  wie  Theben,  so  auch 
seine  Götter  gar  keine  Rolle.  Erst  als  die 
Dynastien  der  Pyramidenbauer  ins  Grab  ge- 
sunken waren,  etwa  gegen  Ende  des  dritten 
lahrtausends  v.  Chr. , mit  dem  Regierungsan- 
tritt der  12.  Dynastie,  wurde  Theben  die  Haupt- 
stadt des  Landes.  Damals  waren  die  religiö- 
ien  Anschauungen  ganz  Ägyptens  bereits  völ- 
lig von  der  monotheistischen  Geheimlehre  be-  20 
herrscht , nach  der  alle  Götter  nur  Namen 
oder  Formen  des  Einen  uranfänglichen  und 
ewigen  Sonnengottes  waren.  Der  Hauptname 
dieses  Gottes  war  nach  den  lokalen  Kulten 
verschieden;  für  die  Reichsreligion  traten  be- 
ireiflicher Weise  die  Gottheiten  der  Haupt- 
stadt in  den  Vordergrund.  So  wurde  Amon- 
Ba',  d.  i.  der  mit  dem  Sonnengott  identifizierte 
imon,  die  angesehenste  Gottheit  ganz  Ägyp- 
tens, in  dessen  Namen  die  Könige  kämpften  30 
md  siegten , der  ihnen , seinen  Söhnen  , die 
;frone  aufs  Haupt  setzte,  dem  sie  gewaltige 
['empelbauten  errichteten  und  einen  bedeuten- 
len  Anteil  von  den  Einkünften  des  Reiches 
md  der  Kriegsbeute  überwiesen.  Amenemha't 
, der  Begründer  der  12.  Dynastie,  legte  zu- 
1 jleich  den  Grund  zu  dem  grofsen  Reichstem- 
iel  des  Amon  in  Theben  (Karnak) , an  dem 
die  folgenden  Geschlechter  bis  auf  die  Ptole- 
näer  hinab  weiter  gebaut , aus  dem  sie  all-  40 
nählich  das  gigantischste  Tempelgebäude  der 
frde  geschaffen  haben.  Auch  die  Zeiten  des 
Verfalls,  der  Fremdherrschaft  der  Hyksos,  hat 
lie  Herrscherstellung  des  Amon  überlebt.  Ein 
hebanisches  Königsgeschlecht  war  es , dem 
(etwa  um  1530  v.  Chr.)  die  Befreiung  des  Lan- 
des gelang,  und  unter  den  grofsen  Kriegsfür- 
| den  und  Bauherren  der  18.  Dynastie,  vor  al- 
len Dhutmes  III  und  Amenhotep  III,  stieg  das 
\nsehen  und  der  Wohlstand  des  Gottes  im-  50 
ner  mehr. 

Dann  trat  eine  höchst  interessante  Reaktion 
ün.  Es  hatte  sich  eine  Partei  gebildet,  welche 
nit  der  Geheimlehre  Ernst  machen , den 
Monotheismus  wirklich  durchführen  wollte. 
Ule  Götter  sollten  nicht  wie  bisher  lediglich 
ür  Formen  des  einen  Sonnengottes  erklärt, 
;ondern  definitiv  beseitigt  werden,  die  „Son- 
lenscheibe“  (absichtlich  wählte  man  das  Appel- 
ativum , nicht  einen  der  alten  Namen  der  co 
lonnengottheiten)  ausschliefslich  verehrt  wer- 
ten. Der  König  Chuenaten  („Abglanz  der 
ionnenscheibe“,  urspr.  Amenhotep  IVj  wurde 
Ür  die  Reformation  gewonnen  und  führte 
lieselbe  mit  gröfster  Energie  durch ; dem  einen 
lonnengotte  baute  er  (in  Teil  Amarna)  einen 
leuen  Tempel  und  verlegte  die  Residenz  hier- 
her. Alle  alten  Götter  wurden  beseitigt,  ihre 


Ammon  (in  Äthiopien) 

Namen  an  den  Tempelwänden  wo  man  sie 
erreichen  konnte,  ausgemeiselt.  Begreiflicher- 
weise wurde  kein  Gott  stärker  von  der  Ver- 
folgung betroffen  als  der  bisherige  Hauptgott, 
Amon.  — Dauernden  Bestand  hat  die  Refor- 
mation indessen  nicht  gehabt;  in  den  lang- 
wierigen Wirren  nach  Chuenatens  Tode  ge- 
langte die  alte  Orthodoxie  wieder  zur  vollen 
Herrschaft,  die  Bauten  des  Königs  wurden  zer- 
stört, die  Tempel  und  die  Priesterschaft  ge- 
wannen ihre  alte  Macht  aufs  neue.  Die 
nächste  Dynastie  (die  neunzehnte)  , der  vor 
allem  Seti  I und  Ramses  II  angehörten,  war 
dem  Amon  eifrig  ergeben , von  ihnen  stammt 

u.  a.  die  berühmte  grofse  Säulenhalle  von  Kar- 
nak. Das  Ansehen  und  der  Wohlstand  des 
th^banischen  Gottes,  d.  h.  der  Oberpriester  des 
Amon,  wuchs  immer  mehr  und  drängte  scliliefs- 
lich  das  Königthum  völlig  in  den  Schatten. 
Die  Inschriften  der  späteren  Ramessidenzeit 
lehren  uns,  dafs  alle  wichtigen  Angelegenhei- 
ten, z.  B.  politische  Prozesse,  direkt  von  dem 
Gotte  entschieden  wurden,  indem  die  Amons- 
statue selbst  die  Orakel  ertheilte.  (S.  darüber 
vor  allem  Naville,  inscr.  histor.  de  Pinodgem 
III,  1883).  So  konnte  schliefslick  um  1050 

v.  Chr.  der  Oberpriester  Hrihor  es  wagen,  die 
legitimen  Herrscher  bei  Seite  zu  schieben  und 
sich  selbst  die  Krone  aufs  Haupt  zu  setzen. 
Auf  die  Dauer  hat  sein  Geschlecht  dieselbe 
nicht  behauptet ; in  Tanis  erhob  sich  ein  neues 
(das  21.)  Königshaus,  das  auch  über  Theben 
die  Herrschaft  gewann.  Aber  während  der 
folgenden  Jahrhunderte,  in  denen  die  äufsere 
Macht  des  Staates  mehr  und  mehr  verfiel,  be- 
hielten die  Amonspriester  von  Theben  (jetzt 
gewöhnlich  königliche  Prinzen) , immer  die 
angesehenste  Stellung  nach  dem  König. 

Inzwischen  hatte  sich  in  dem  lange  Zeit 
von  Ägypten  beherrschten  L ande  Kusch  (griech . 
Äthiopien,  das  heutige  Nubien)  ein  neuer  mäch- 
tiger Staat  gebildet,  mit  der  Hauptstadt  Na- 
pata.  Die  Kultur  und  Religion  von  Äthiopien 
war  völlig  ägyj) tisch , und  so  erscheint  auch 
hier  der  (menschenköpfig  gebildete)  „Amon 
von  Theben“  als  Hauptgottheit.  Neben  ihm 
wird , wie  es  scheint  von  Taharka  (um  7 00 
v.  Chr.)  an  ein  zweiter,  widderköpfig  gebilde- 
ter „Amon  vom  heiligen  Berge“  (d.  i.  Gebel 
Barkal  bei  Napata)  verehrt.  Die  Inschriften 
lehren,  dafs  auch  die  Theorie  der  ägyptischen 
Priester  hier  völlig  durchgeführt  war ; das  Ora- 
kel des  Amon  entscheidet  über  alles,  ja  der 
Gott  erwählt  die  Könige  und  kann  sie  ab- 
setzen. Wie  wir  aus  Diodor  3,  6 erfahren, 
hat  zur  Zeit  des  Ptolemäos  Philadelphos  Kö- 
nig Ergamenes  diesem  Unfug  ein  Ende  ge- 
macht. 

In  der  zweiten  Hälfte  des  achten  Jahrhun- 
derts eroberten  die  äthiopischen  Könige  Ägyp- 
ten und  haben  um  den  Besitz  desselben  lange 
Jahre  hindurch  erst  mit  den  einheimischen 
Fürsten , dann  mit  den  Assyrern  Kriege  ge- 
führt. Schliefslich  unterwarf  Asarhaddon  von 
Assyrien  (um  671)  ganz  Ägypten  und  plünderte 
Theben;  sein  Sohn  Assurbanipal  stellte  nach 
einem  Aufstande  die  Herrschaft  wieder  her 
und  schlug  die  Ätliiopen  'aufs  neue’  aus  dem 


287  Ammon  (in  d.  lib.  Wüste) 


„ Ammon  (b.  d.  Griechen)  288 


Lande.  Die  Befreiung  von  der  Fremdherrschaft 
gelang  dann  Psammetich  I (seit  663  v.  Chr.), 
der  einem  unterägyptischen  Fürstengeschlecht 
wahrscheinlich  libyscher  Herkunft  entstammte. 
Er  nahm  seine  Residenz  in  Sais  im  Delta,  und 
seitdem  ist  der  Schwerpunkt  des  Landes 
dauernd  in  Unterägypten  geblieben;  Theben 
hat  seine  herrschende  Stellung  für  alle  Zu- 
kunft verloren.  Daher  kommt  es , dafs  von 
jetzt  an  auch  der  thebanische  Amon  zurück- 
tritt.  An  den  einzelnen  Hauptkultusstätten 
verehrt  man  nach  wie  vor  die  lokalen  Gott- 
heiten als  die  höchsten  und  „einzigen1'';  für 
die  Reichsreligion  gelangen  namentlich  die 
Götter  von  Memphis , Ptah  und  sein  Kreis, 
wieder  zu  maßgebender  Bedeutung. 

Wie  nach  Äthiopien  ist  der  Amonskultus 
auch  in  die  anderen  Dependenzen  des  altägyp- 
tischen Reichs  gedrungen;  z.  B.  wissen  wir 
von  Ramses  III,  dafs  er  einen  Ammonstempel 
im  südlichen  Palästina  errichtete;  doch  findet 
sich  von  einem  Eindringen  des  Amon  in  die 
Religion  der  syrisch- phönikischen  Stämme  keine 
Spur.  Dagegen  hat  er  in  den  Oasen  der  liby- 
schen W ü s t e dauernd  Eingang  gefunden.  Die- 
selben , oder  jedenfalls  die  wichtigsten  von 
ihnen,  die  grofse  Südoase  (Uäh  ed-dächile  und 
el-chärige)  und  die  kleinere  Nordoase  (Uäh 
el-bachrije)  sind  jedenfalls  seit  dem  Anfänge 
des  neuen  Reichs  in  ägyptischem  Besitz  und 
werden  in  den  Volkslisten  der  Pharaonen  seit 
Dhutmes  III  häufig  erwähnt.  Die  weiter  west- 
lich gelegene  und  durch  grofse  Sandwüsten  von 
den  Kulturländern  getrennte  Oase  von  Siwa, 
oder  wie  die  alten  Ägypter  sie  nennen,  die 
„Oase  des  Palmengefildes“,  soll  dagegen  nach 
Herodot  2,  42  eine  Kolonie  der  Äthiopen  und 
Ägypter  sein , wäre  also , wenn  die  Angabe 
zuverlässig  ist , erst  zur  Zeit  der  Äthiopen- 
lierrschaft  um  700  v.  Chr.  besetzt  worden.  In 
Hibis,  der  Hauptstadt  der  grofsen  Oase  (daher 
’Afitvrjßig  d.  i.  Amon  von  Hibis  C.  I.  Gr.  4955), 
wie  in  Siwa  haben  die  ägyptischen  Könige 
dem  Amon  Heiligtümer  gebaut.  Der  grofse 
Tempel  von  Hibis  (el-chärige),  dessen  Wände 
einen  berühmten  Hymnus  auf  Amon  enthal- 
ten, in  dem  er  als  der  einzige  , ewige  Gott, 
der  Schöpfer,  von  dem  die  andern  Gottheiten 
nur  Gestalten  sind,  gepriesen  wird,  ist  erst 
in  der  Perserzeit,  von  Dareios  I erbaut  und  von 
Nechtharheb , einem  der  letzten  einheimischen 
Herrscher  Ägyptens  (um  375  v.  Chr.) , er- 
weitert worden , und  dem  Namen  des  letzte- 
ren begegnen  wir  auch  in  den  Überresten  des 
Amonstempels  von  Ummbeida  bei  Siwa.  In- 
dessen zweifellos  hat  es  hier  schon  früher 
kleinere  Heiligtümer  desselben  Gottes  gegeben, 
und  es  ist  sehr  möglich,  dafs  die  noch  wenig 
untersuchten  Ruinen  des  Haupttempels  der 
Anionsoase  (in  Agarmi,  etwa  10  Min.  nördlich 
von  Ummbeida  vgl.  Diod.  17,  50,  4)  um  mehrere 
Jahrhunderte  älter  sind.  Dargestellt  wird  Am- 
mon in  den  Tempelskulpturen  von  Siwa  im- 
mer als  widderköpfiger  Gott  Herod.  4,  181; 
s.  die  Abbildungen  bei  Jomard,  voyage  ä Sy- 
ouah , und  v.  Minutoli,  Meise  zum  Tempel  des 
Jup.  Amon. 

In  der  von  den  Griechen  Ammonion  ge- 


nannten Oase  von  Siwa  erteilte  der  Gott  Orakel. 
Die  Schilderung , welche  die  Griechen  von 
dem  Verfahren  dabei  geben  — dieselbe  geht 
bei  allen  Schriftstellern  auf  Alexanders  Be- 
gleiter Kallisthenes  zurück,  dem  sie  zunächst, 
wie  es  scheint,  Aristobul  entlehnte  ( Strabo  17, 
1,  43.  Diod.  17,  50  f.  Gurt.  4,  7,  23  f. ; vgl. 
Herod.  2,  58)  — entspricht  genau  den  bild- 
lichen Darstellungen,  welche  die  Berichte  über 
io  die  Orakelerteilung  des  Amon  in  Theben  in 
der  Zeit  der  letzten  Ramessiden  und  der  21. 
Dynastie  begleiten  (s.  o.).  Das  Bild  der  Gott- 
heit [Gurt.  4,  7,  23  umbilico  maxime  similis  est 
habitus  (des  Götterbildes)  beruht  auf  einem 
absurden  Mifsverständnis]  befindet  sich  in  einer 
Kapelle  (crfjxo g),  die  inmitten  der  heiligen  reich- 
verzierten Sonnenbarke  steht.  Letztere  wird 
von  den  Priestern  in  feierlicher  Prozession  auf 
den  Schultern  getragen,  ein  langes  Gefolge 
20  von  heiligen  Frauen,  die  Hymnen  zu  Ehren 
des  Gottes  singen,  schliefst  sich  an.  Dann  er- 
teilt das  Götterbild  selbst  das  Orakel,  und 
der  Oberpriester  (Trpoqp^t^s)  legt  es  aus. 

Durch  die  Gründung  der  Kolonieen  in  Kyre- 
naika  (um  630  v.  Chr.)  haben  die  Griechen 
den  Ammon  zunächst  kennen  gelernt , und 
zwar  als  den  Orakelgott  der  Ammonsoase.  Dafs 
man  den  Hauptgott  Ägyptens  und  der  Oase 
dem  Zeus  gleiclisetzte,  ist  natürlich.  Als  solcher 
so  wurde  er  seit  alten  Zeiten  eifrig,  ja  geradezu 
als  Hauptgott  Kyrenaikas  verehrt  {Find.  Pyth. 
4,  28.  Fiat.  Politic.  257  B.,  vgl.  Pausan.  10, 
13,  5).  Wollte  man  den  Zeus  Ammon  bildlich 
darstellen,  so  fügte  man  dem  gewöhnlichen 
Zeustypus  die  nach  unten  gewundenen  Widder- 
hörner bei  (vgl.  u.).  In  dieser  Gestalt  erscheint 
er  wiederholt  schon  auf  archaischen  Münzen 
der  kyrenaischen  Städte 
(Kyrene,  Barka,  Euesperi- 
40  des  u.  a.)  und  wird  spä- 
ter der  bei  weitem  häufigste 
Miinztypus  derselben.  Ne- 
ben ihm  findet  sich  auf 
den  Münzen  vereinzelt  vor 
Alexander  und  sehr  häufig 
in  der  Ptolemäerzeit  ein 
bartloser  Kopf  mit  Amons- 
hörnern, dessen  Bedeutung 
unsicher  ist.  Müller  nennt 
50  ihn  den  libyschen  Bac- 
chus (num.  de  l'anc.  Afr. 

1,  101  ff.);  [daneben  findet  sich  in  späterer 
Zeit  auch  der  griechische  Dionysos],  Der  be- 
kannte Mythograph  Dionysios  von  Mitylene 
erzählt  nämlich  (bei  Diod.  3,  66 — 74),  der  li- 
bysche Dionysos  sei  ein  Sohn  des  Ammon  und 
der  Rhea  gewesen,  und  werde  von  den  Libyern 
wie  Ammon  widderhörnig  gebildet  (c.  73). 
Natürlich  ist,  was  Dionysios  von  seinen  Thaten 
60  erzählt,  absolut  wertlose  Fabelei;  aber  die 
letztere  Angabe  mag  richtig  sein.  Möglich  ist 
es,  dafs  wie  Lepsius  Z.  f.äg.Spr.  1877,  19  aus- 
geführt hat,  der  einheimische,  widderköpfige 
Gott  Harschef,  der  namentlich  in  Herakleopolis 
als  Hauptgott  verehrt  wurde,  aber  auch  im 
Ammonium  vorzukommen  scheint,  diesem 
griechisch  libyschen  Typus  zu  Grunde  liegt. 
[Von  anderen  Münztypen  findet  sich  namont- 


Ammon  b.  d.  Griechen 


Ammon  b.  d.  Griechen 


290 


289 

lieh  Apollo,  der  bekanntlich  in  einer  der  Grün- 
dungssagen eine  Rolle  spielt,  und  Athene,  d.  i. 
offenbar  Neit,  die  Hauptgöttin  der  libyschen 
Stämme  an  der  Grenze  des  Delta,  die  von 
den  Griechen  seit  alter  Zeit  mit  der  tritoni- 
i.  sehen  Göttin  identificiert  wurde.  Beide  Typen 
sind  rein  griechisch  gebildet.  Das  Wappen 
der  Städte  ist  bekanntlich  das  Silpliium,  aufser- 
dem  findet  sich  einige  Male  ein  Rofs.  Siehe 
vor  allem  Mütter , Numism.  de  l'anc.  Afrique 
1.  1800. 

ln  Griechenland  ist  der  Ammonkultus  nie 
weit  verbreitet  gewesen.  Pindar  war  ihm, 
wohl  wegen  seiner  Beziehungen  zu  Kyrene, 
besonders  ergeben  und  hat  dem  Gott  einen 
Hymnus  geweiht,  der  später  im  Ammonium  auf 
einem  Altar  aufgezeichnet  war {Pausan.  9, 16,  1, 
vgl.  Find.  fr.  36  Berglc)-,  ebenso  hat  er  ihm  in 
Theben  ein  von  Kalamis  gearbeitetes  Götter- 
bild errichtet.  Sonst  werden  Kultusstätten 
des  Gottes  nur  in  Sparta  und  Gythion  erwähnt 
( Pausan . 3,  18,  3.  21,  8).  Dagegen  genofs  das 
Ämmonsorakel  seit  dem  fünften  Jahrhundert, 
wo  man  bekanntlich  überall  begann,  sich  aus- 
ländischen Kulten  zuzuwenden  und  den  frem- 
den Göttern  mehr  zu  trauen  als  den  einheimi- 
schen, hohes  Ansehen,  ln  der  delphischen 
Kroisosfabel  wird  es  unter  den  angesehensten 
Orakeln  genannt  {Her.  1,46),  und  die  Prophe- 
tinnen von  Dodona  erzählten  dem  Herodot 
eine  Geschichte  , dafs  zwei  schwarze  Tauben 
aus  Theben  in  Ägypten  ausgeflogen  seien  und 
die  eine  das  Ammonium,  die  andere  Dodona 
■ gegründet  hätten,  eine  Geschichte,  die  natür- 
lich die  thebanischen  Priester  mit  geringen 
Modifikationen  (die  Tauben  wurden  in  heilige 
Frauen  verwandelt)  bestätigten  {Her.  2,  54  f.). 
Die  Spartaner  sollen  seit  alten  Zeiten  den  Gott 
eifrig  befragt  und  geehrt  haben;  bekanntlich 
mchte  dann  Lysander  (der  dem  Gott  auch  in 
eiern  thrakischen  Aplyyte  einen  Tempel  bauen 
liefs)  mit  Hilfe  des  Ammoniums  seine  ehr- 
geizigen Pläne  durchzusetzen  {Flut.  Lys.  c.  20). 
Auch  die  Athener  holten  sich  im  Ammonium 
wie  in  Delphi  und  Dodona  Rat  {Aristoph.  Aves 
1 619.  716.  Flat.  legg.  5,  738  C.  Alcib.  2 p.  149  D. 
Flut.  Nie.  13.  Cim.  18),  und  eine  Rechnung 
ius  dem  Jahre  333  v.  Chr.  erwähnt  u.  a.  die 
/on  den  Strategen  dem  Ammon  ausgerich- 
i :eten  Opfer  {G.  I.  gr.  157  = G.  I.  Att.  2, 
141).  Zum  höchsten  Ansehen  gelangte  das 
: Orakel  dann  durch  den  Zug  Alexanders.  Was 
ler  Priester  dem  König  verkündete,  hat  die- 
• ser  bekanntlich  nie  verraten;  wohl  aber  ist 
3S  allgemeine  Überlieferung,  dafs  er  ihn  als 
. "lohn  des  Ammon  (Zeus)  angeredet  habe,  und 
,‘s  knüpfen  sich  daran  die  bekannten , wie 
is  scheint  zum  Teil  von  Alexander  begün- 
stigten Erzählungen  von  seinem  übermensch- 
ichen  Ursprung.  Im  Munde  des  Ägypters  war 
lie  Anrede  durchaus  keine  übertriebene  Schmei- 
chelei; seit  den  ältesten  Zeiten  gelten  die 
Pharaonen  als  Inkarnationen  und  Söhne  der 
höchsten  Götter , des  Rar,  des  Horus  u.  s.  w., 
md  unzählige  Male  wird  der  König  des 
leuen  Reiches  in  den  Inschriften  von  Ammon 
wie  von  allen  anderen  grofsen  Göttern)  als 
ein  Sohn,  den  er  sich  gezeugt  und  zur  Herr- 

Roscher,  Lexikon  der  gr.  u.  rüm.  Mytliol. 


schaft  berufen  hat,  angeredet.  Mehrere  der 
ägyptischen  Könige,  vor  allem  Amenhotep  III 
und  Ramses  II,  haben  die  letzte  Konsequenz 
dieser  Anschauungen  gezogen  und  „ihrem  leben- 
den Abbild  auf  Erden“  in  Nubien  (als  Lan- 
desgottheit der  Provinz)  Tempel  gebaut.  Hier 
pflegen  die  divinisierten  Könige  in  mensch- 
licher Gestalt,  aber  mit  dem  Ammonshom  an 
der  Schläfe,  also  ganz  in  der  Weise  der  grie- 
chischen Ammonsbilder  dargestellt  zu  werden. 
Die  beigegebene  Abbildung  zeigt  König  Amen- 
hotep III  in  dieser  Gestalt;  durch  den  ihm 
aufgesetzten  Halb-  und  Vollmond  wird  er  zu- 
gleich mit  dem  thebanischen  Mondgott  Chunsu, 
dem  Sohne  Ammons,  identificiert.  Diese  Sitte 
ist  von  den  Griechen  übernommen.  Ptolemäos  I 


König  Amenhotep  als  Yon  einer  Lysimachos- 

Ammon.  münze. 

und  Lysimachos  haben  auf  ihren  (teils  auf 
Alexanders,  teils  auf  ihren  eigenen  Namen  ge- 
prägten) Münzen  häufig  den  Kopf  Alexanders 
mit  Ammonshörnern  dargestellt  (s.  Müller, 
numism.  d’Alex.  S.  29  ff.  Münzen  des  Lysima- 
chus  S.  8 ff- ; vgl.  auch  Ephippos  bei  Athen. 
12,  537  c);  ebenso  hat  sich  Seleukos  häufig 
mit  den  Hörnern  abbilden  lassen.  Bis  in  die 
arabische  Tradition  haben  diese  Anschauungen 
nachgewirkt;  wenn  die  Koraninterpreten  den 
sagenhaften  König  von  Jemen  Dhu-lqarnain 
d.  i.  „den  Herrn  der  beiden  Hörner“  für  Alexan- 
der erklären,  so  liegt  dabei  eine  Erinnerung 
an  die  ihm  zugeschriebenen  Ammonshörner  zu 
Grunde. 

In  der  hellenistischen  Zeit  tritt,  wie  in 
Ägypten  selbst  (abgesehen  von  den  jetzt  rein 
lokal  gewordenen  Kulten  in  Theben,  in  der  gro- 
fsen Oase  u.  a.),  so  auch  in  der  griechischen 
W eit,  der  Gott  wieder  völlig  zurück.  Das  Ansehen 
des  Orakels  erlosch  {zo  sv  ’Ayycovi  aysdov  ti 
BuXslemtaz  XQVGTVQI0V  sag't  Strabo  17 , 1,  43), 
nur  die  römischen  Dichter  verwerten  es__noch 
mitunter.  In  Inschriften  wird  (aufser  in  Ägyp- 
ten selbst)  Ammon  kaum  je  erwähnt;  während 
Isis,  Osiris,  Sarapis  überall  gefeiert  und  als  die 
mystischen  Urgötter  eifrig  verehrt  werden, 
nennt  eine  einzige  Inschrift  aus  Kios,  die  den 
Anubis  verherrlicht,  als  seine  Eltern  die  Isis 
und  den  Osiris,  der  mit  Zeus  Sarapis,  und  dem 
fisyas  oßgigos  ’Ayycov  identisch  sei  {G.  I.  Gr. 
3724).  Sonst  findet  sich  Ammon  im  G.  I.  Gr. 
nur  4535  bei  Beirut,  4696  in  Kanopos,  5142  in 
Kyrene,  ferner  in  thebanischen  und  Oasenin- 
schriften genannt;  in  lateinischen  Inschriften 
kann  ich  ihn  nirgends  nachweisen.  Etwas 
häufiger  (abgesehen  natürlich  von  Kyrenaika) 

10 


io 

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30 

40 

50 

GO 


Ammudates 


291 

findet  er  sich  auf  Münzen  abgebildet;  verein- 
zelt finden  sich  Büsten  und  Masken  (s.  die  Zu- 
sammenstellung bei  Overbeck,  gr.  Eunstmyth. 

2,  277 ff.)-  Die  ganz  hysterogenen  und  wertlosen 
Bearbeitungen  der  Mythengeschichte,  in  denen 
er  vorkommt  — das  Orakel  wird  in  die  Ge- 
schichte von  Perseus  und  der  Kassiopea  und  von 
Herakles’  Zug  nach  Ägypten  verflochten  (beides 
knüpft  an  die  Alexandergeschichte  an  und  ist 
zuerst  von  Kallisthenes  erfunden,  s.  Strabo  l.  c.  xo 
Arrian  3,3);  Dionys  von  Mitylene  erzählte 
ausführlich  von  den  Thaten  Ammons  und  sei- 
nes Sohnes  Dionysos  ( Diod . 3,  68  ff.  s.  o.)  u.  a. 

- verdienen  keine  eingehendere  Besprechung. 

Dagegen  ist  Ammon  von  den  Griechen 
und  Römern  mit  einem  phönikischen,  in 
Nordafrika  eifrig  verehrten  Gotte  verschmol- 
zen worden,  dem  Ba‘al  chammän  d.  i.  dem  „feu- 
rigen Ba‘al“,  einer  Form  des  Sonnenba‘als;  der- 
selbe erscheint  namentlich  im  karthagischen  20 
Gebiet  in  zahllosen  Inschriften  als  Hauptgott 
und  wird  hier  immer  mit  seiner  Gemahlin  Tut 
(Aussprache  unbekannt,  vgl.  ZDM.  31,  728) 
zusammen  verehrt.  Ihm  verdankt  Ammon  zu- 
nächst das  H,  das  ihm  die  Römer  gewöhnlich 
geben  (z.  B.  auch  C.  I.  Lat.  8,  9018  Juppiter 
Hammon) , um  seinetwillen  nennt  Vergil  Aen. 

4,  198  den  Jarbas  Hammone  satus.  Auch  die 
Angabe  des  Macrobius  (Sat.  1,  21,  19),  der 
übrigens  bekanntlich  alle  Götter  zu  Sonnen-  30 
gottheiten  macht,  die  Libyer  hielten  den  widder- 
hörnigen  Ammon  für  die  untergehende  Sonne, 
wird  hierher  gehören , und  auf  alle  Fälle  die 
äuget.  ’Aggcovog  BuXi&covog  bei  Thapsos  ( Strabo 
17,  3,  16,  vgl.  Steph.  Bys.  s.  v.  Bcilig). 

Litteratur.  Böclch,  Staatshaushalt  22  132f. 
Partliey,  das  Orakel  und  die  Oase  des  Ammon, 
in  Äbh.  d.  Berl.  Ale.  1862.  Overbeck,  gr.  Kunst- 
mytliol.  2,  273  ff.  (der  durch  Partliey  und  an- 
dere verführt,  die  Existenz  des  widderköpfigen  40 
ägyptischen  Ammon  bestreitet  und  den  Gott 
aus  Griechenland  ableiten  will).  Lepsius , die 
widderköpfigen  Götter  Ammon  und  Chnumis, 
in  Ztsclir.  f.  äg.  Sprache  1877,  8 ff . Ferner  die 
numismatischen  Werke  von  L.  Müller  u.  s.  w. 
sowie  die  betr.  Abschnitte  meiner  Gesell,  d. 
Altert.  Bd.  1.  [Eduard  Meyer.] 

Amnuxdätes*  is,  Beiname  des  Sol  auf  einer 
Inschrift  aus  Szöny  bei  Komorn,  C.  I.  L.  3,, 
4300 : Leo  Soli  Alagdbal{o ) Amvmdati  mil.  50 
leg.  I.  ad  ( iutricis ) etc.  Sonst  erwähnt  ihn  nur 
Commodianus  instr.  1, 18:  Ammudatemque  suum 
cultores  more  colebcmt.  Magnus  erat  Ulis,  quando 
fuit  aurum  in  aede.  Mittebant  capita  sub  nu- 
mine  quasi  praesenti.  Ventum  est  ad  summum, 
ut  Caesar  toller  et  aurum:  Lefecit  numen,  aut 
fugit , aut  transit  in  ignem  etc.  Hier  ist  also 
von  seiner  vergoldeten  Standsäule  die  Rede. 
Der  Name  bedeutete  die  cStandsäule’  (arab. 

' ammudat\  kegelförmig  zu  denken).  Ygl .Mordt-  so 
mann,  Z.  d.  dtsch.  niorg.  Ges.  31,  91  ff.  u.  Beds- 
lob  ebenda  32,  733,  sowie  den  Artikel  Elaga- 
balus.  [E.  Meyer  u.  Steuding.] 

Amnisiades  (Agviaidösg  und  ’Afivioideg),  die 
Nymphen  der  Quelle  und  des  Flusses  Amnisos 
auf  Kreta,  welche  besonders  im  Dienste  der 
Artemis  standen,  Kallim  II.  in  Dian.  15.  162. 
Ap.  Bli.  3,  881.  Stepli.  B.  v.  ’Agvioog.  [Stoll.] 


Ampelos  292 

Amoime  (’Agoigi j) , Danaide  , vermählt  mit 
dem  Aigyptiden  Polydektor , Hyg.  F.  170. 
Bunte  schreibt  nach  Apollod.  2,1,5  Polyktor. 
Auch  Amoime  scheint  korrupt;  eine  Oime 
kommt  Apollod.  a.  a.  0.  vor.  [Stoll.] 

Amor  s.  Eros. 

Ampelos  ('Agitslog),  der  Weinstock  als  Per- 
sonifikation. ' Ein  junger  schöner  Satyr,  Sohn 
eines  Satyrs  und  einer  Nymphe,  Liebling  des 
Dionysos  in  Thrakien.  Während  der  Knabe 
von  einer  an  einer  Ulme  aufrankenden  Rebe 
Trauben  pflückte,  stürzte  er  herab  und  starb. 
Dionysos  versetzte  ihn  als  Vindemitor  unter 
die  Stei’ne.  Ovid.  Fast.  3,  407  ff.  Nach  Nonnos 
Dionys.  10,  175  ff.  kam  der  in  den  Wäldern 
Lydiens  gefundene  Liebling  des  Dionysos  um 
durch  einen  Sturz  von  einem  wildgewordenen 
Stiei’,  auf  dem  er  spielend  ritt.  Zeus  verwan- 
delte ihn  dem  Dionysos  zu  Liebe  in  eine  Rebe, 
deren  Frucht  ihn  seitdem  entzückt.  Eine  schöne, 
zwischen  Rom  und  Florenz  gefundene  Marmor- 


gruppe  des  Britischen  Museums  ( Ancient  Mar- 
blcs  in  the  British  Museum  P.  3.  pl.  11.  Spe- 
cimens  of  ancient  Sculpture  Vol.  2.  pl.  50 
Müller,  Denlan.  d.  a.  K.  Taf.  32,  n.  371)  stellt 
den  Knaben  dar,  wie  er,  eben  in  der  Verwand 
lung  begriffen,  dem  ihn  liebevoll  umarmender 
Dionysos  eine  Traube  darbietet.  Vgl.  Himer 
Or.  9 p.  560.  Plin.  18,31,74.  Ouvaroff,  Non- 
nos S.  29  ff.  Köhler,  über  die  Dion,  des  Non- 
nos S.  23  ff.  Müller,  Ilandb.  d.  Arch.  §.  385,  3 
E.  Braun, gr.  Götterl.  §.  531.  Gerhard,  Prodromus 
mytliol.  Kunsterlüärung  S.  221,  50.  [Stoll.] 


293  Ampheres 

Amplieres  (’AycpfiQr]s) , Sohn  des  Poseidon 
und  der  Kleito,  Herrscher  in  Atlantis,  Fiat. 
Kritias  114b.  [Stoll.] 

Ampliialos  (’Aycpia2.og),  1)  ein  Phaiake,  Sohn 
des  Polyneos , bei  den  Spielen  des  Alkinoos 
Sieger  im  Sprang,  Od.  8,  114.  128.  — 2)  Sohn 
des  Neoptolemos  und  der  Andromaclie,  Hyg. 
F.  123.  — 3)  Name  eines  Griechen  auf  dem 
polygnotischen  Gemälde  der  Iliupersis  zu  Del- 
phi, Paus.  10,  25,  2.  [Stoll.] 

Amphianax  (’Aycpuxva^),  1)  König  in  Lykien, 
der  dem  aus  Argo'lis  geflüchteten  Proitos  seine 
Tochter  Anteia  oder  Stheneboia  zur  Ehe  gab 
und  ihn  wieder  nach  Argolis  zurückführte. 
Er  wird  auch  Iobates  genannt.  Apollod.  2,  2, 

1.  Schol.  II.  6,  200.  Pherekydes  b.  Schol.  Od. 
11,  326.  vgl.  II.  6,  157  ff.  — 2)  Sohn  des  An- 
timachos, Vater  des  Oitylos,  nach  welchem  die 
Stadt  Oitylos  in  Lakedämon  benannt  war, 
Paus.  3,  25,  7.  Plierekydes  b.  Schol.  II.  2,  585. 

[Stoll.] 

Amphiaraos  (dor.  ’AycpuxQäog,  Pind.  Nein. 
9,  30  ’Aycpidgriog,  ion.  Agcpuigecog,  oft  auch  bei 
Attik.  u.  Sp.  ’Acpiagscog  G.  I.  Gr.  7710.  Overb. 
Bildw.  102 , 13.  ’AyqndgTjg  Pind.  Nem.  9 , 57. 
vgl.  Meineke,  Anal.  Alex.  p.  109.  "Agcpig  Aescli. 
fr  gm.  404  ed.  Nauck;  vgl.  Fick,  gr.  Personen- 
namen S.  10),  Sohn  des  Oikles  und  der  Hyper- 
mnestra  (Klytaimnestra  b.  Hygin  f.  250)  Pind. 
Pyth . 8,  55.  Apollod.  1,  8,  2.  3,  6,  3.  Paus. 

з,  12,  5.  Diodor  4,  68.  Schol.  Aescli.  Sept.  v. 
569.  Hygin  f.  70.  73  — bei  Späteren  auch 
Sohn  des  Apollo,  Hygin  f.  70.  128.  Welcher,  ep. 
Cykl.  2,  322,  5 — , Enkel  des  Antiphates  (nach 
Paus.  6,  17,  6 des  Mantios),  Urenkel  des  nebst 
dessen  Bruder  Bias  von  Pylos  nach  Argos  ein- 
gewanderten Melampus  ( Odyss . 15,  225 — 248. 
Schol.  Pind.  Nein.  9,  30  u.  Böckhs  Anmerkg.  z. 
d.  St.  Herod.  9,  34.  Paus.  2,  18,  4)  — Amphia- 
raos  wird  daher  von  Dichtern  als  Hogcoveiögg 
bezeichnet  {Paus.  7,  17,  7)  — Vater  des  Alkmaion 
und  Amphilochos  (Od.  15,248.  Paus.  2,  18,  4 

и.  20,  5.  Apollod.  3,  7,  2.  Herod.  3,  91),  des 
Oikles  nach  Diodor  4,  32,  ferner  der  Eurydike 
und  Demonassa  und,  nach  Asios,  der  Alkmene 
(Paus.  5,  17,  4.  L.  Attius  Epigon.  frgm.  11). 

[Seine  Stammtafel  s.  bei  Gerhard,  Mythol.  2, 

[ S.  225  Eckermann,  Melampus  S.  171.  Al- 
exida  als  Tochter  des  Amphiaraos  nennt  Plu- 
\tarch  quaest.  gr.  23  (Panofka,  Asklepios  u.  d. 
Askl.  Berlin  1846.  p.  1.)  Bei  lateinischen 
| Schriftstellern  werden  drei  andere  Söhne  als 
! die  Erbauer  von  Tibur  erwähnt  (nach  Solin. 
c.  2 , 8 Enkel  des  Amphiaraos , von  dessen 
I Sohne  Catillus  abstammend):  Tiburtus,  Coras, 
Catillus  (Aen.  7,  670.  11,  640.  Hör.  od.  l,  18, 

2.  2,  6,  5.  Plin.  16,  44,  87). 

Als  berühmter  Held  und  Seher  war  er  ein 
' Liebling  des  Zeus  und  Apollon  (Od.  15,  245, 

1 253.  u.  Eustath.  ad  h.  I.  Plato , Axiochus 
i 368  A).  Die  Sehergabe  erhielt  er  in  dem 
I „mantischen“  Hause  zu  Phlius,  in  welchem  er 
eine  Nacht  geschlafen  hatte  Paus.  2,  13,  6. 

| Eine  ganz  hervorragende  Rolle  spielte  er  im 
Zuge  gegen  Theben,  weshalb  er  den  Mit- 
itelpunkt  der  kyklischen  Thebais  (auch  ’Au- 
| ipiugsü)  e^slceai ’a  genannt)  bildete  (Welcher,  ep. 
\Cylcl.  1,  187.  2,  324,  8 gegen  Bergk,  de  reliq. 


Amphiaraos  294 

com.  Att.  p.219).  Seine  Heldentugenden  und 
seine  Sehergabe  finden  wir  vielfach  gerühmt, 
Pindar  Nem.  10,  16.  Ol.  6,  26 — 30.  Asklepia- 
des  b.  Schol.  z.  d.  St.  Sopli.  Oed.  Col.  1313,  seine 
Besonnenheit,  Gerechtigkeit  und  Frömmigkeit 
war  selbst  von  den  Feinden  anerkannt,  Aesch. 
Sept.  568,  609 — 612.  Von  der  späterenSage  wird 
er  auch  in  die  wichtigsten  Ereignisse  der  vor- 
historischen Zeit  verflochten.  Eckermann,  Mel. 
S.  72.  So  nimmt  er  an  der  kalydonischen 
Jagd  teil  (Apoll.  1,  8,  2.  Hygin  f.  173,  vgl. 
Xenoph.  Cyneg.  1,  2),  im  Giebelfeld  des  Athene- 
tempels zuTegea  war  Amphiaraos  in  der  einen 
.Jägergruppe  mit  dargestellt,  Paus.  8,  45,  4; 
ebenso  ist  er  unter  den  Argonauten  (s.  d.)  zu 
finden  (Apoll.  1,9,16,  Deilochosh.  Schol.  Apoll. 
Rh.  1,  139)  und  zwar  als  Seher  neben  Mopsos 
und  Idmon  (vgl.  Schol.  Pind.  Pyth.  4,  337).  Bei 
den  Leichenspielen  zu  Ehren  des  Pelias  siegt 
er  im  Lauf,  Stesichoros  b.  Ath.  4,  172  e (Bergk 
fr.  3). 

Amphiaraos  verdrängte  in  Verbindung  mit 
den  Anaxagoriden  (Proitiden)  den  Adrastos 
aus  Argos  und  nötigte  ihn  zur  Flucht  nach 
Sikyon,  Menaichmos  b.  Schol.  Pind.  Nem.  9, 
30.  Herod.  5,  67.  Paus.  2,  6,  6.  Dieser  söhnte 
sich  aber  später  wieder  mit  Amphiaraos  aus, 
indem  er  ihm  seine  Schwester  Eriphyle  zum 
Weibe  gab,  deren  Entscheidung  bei  etwaigen 
neuen  Zwistigkeiten  Amphiaraos  sich  zu  un- 
terwerfen eidlich  gelobte,  Schol.  Pind.  a.  a.  O. 
Apollod.  1,9,13.3,6,2.  Diodor  4,  65,  Asklepia- 
cles  b.  Schol.  Od.  11,  326.  Als  nun  Adrastos 
das  seinem  Schwiegersöhne  Polyneikes  gege- 
bene Wort,  ihn  nach  Theben  zurückzuführen, 
einlösen  wollte,  verweigerte  Amphiaraos  seine 
Teilnahme  an  dem  Zuge,  wohl  beim  Königs- 
mahl im  Hause  des  Adrastos  (Apoll.  3,  6,  1. 
Antimachos  b.  Athen.  11,  475  d,  482  f.  Stat. 
Theb.  3,  345),  da  er  dessen  unglücklichen 
Ausgang  vorauswufste , und  warnte  auch  die 
übrigen;  vgl.  die  Darstellung  der  Weissagung 
des  Amphiaraos  (mit  Beischrift)  im  Hause  des 
Adrastos  in  Gegenwart  des  Adrastos,  Polynei- 
kes, Tydeus,  Parthenopaios  auf  einem  etrus- 
kischen Karneolskarabäus,  Welcher,  ep.  Cykl, 
2,  322,  25.  Overb.,  Bildw.  S.  81,  Taf.  3,  2, 
anders  Preller,  Myth.  2,  357,  2,  und  die  Ab- 
bildung auf  einem  etruskischen  Spiegel:  Am- 
phiaraos (mit  Beischrift)  dem  Adrastos  vom 
Kriege  abratend,  während  Tydeus  für  denselben 
spricht  (Overb.,  Bildw.  S.  84,  Taf.  3,3;  vgl. 
auch  Christodor  Anthol.  Palat.  ed.  Jac.  1 p.  48, 
259).  Da  gewann  Polyneikes  auf  den  Rat 
des  Anaxagoriden  Iphis  die  Eriphyle  (nach 
Schol.  Od.  11,  326  Tochter  des  Iphis) , durch 
das  goldene  Geschmeide  der  Harmonia  für 
sich  (Hom.  Od.  11,  326.  15,  247.  Soph.  El, 
836  u.  Schol  Plat.  Reip.  9,  590.  Paus.  9,  41. 
Cic.  Verr.  4,  39 , vgl.  Athen.  6 p.  232  f.),  und 
so  wurde  Amphiaraos  von  Eriphyle,  die  trotz 
seines  Verbotes  von  Polyneikes  das  Geschenk 
angenommen,  zur  Teilnahme  gezwungen.  Da 
er  aber  seinen  Untergang  vorherwufste,  so  trug 
er  seinem  Sohne  Alkmaion  (s.  d.)  als  dem  älteren 
(Asklep.  a.  a.  O.  Diodor 4, 65.  Hygin  f.  73.  Paus. 
5,  17,  7.  10,  10,  4),  nach  Apollod.  3,  6,  2 seinen 
Söhnen  (vgl.  Welcher,  ep.  Cykl.  345,  52)  auf, 

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Amphiaraos 


Amphiaraos 


296 


vor  dem  eigenen  Zuge  gegen  Theben  ihn 
an  der  Urheberin  zu  rächen.  Mythogr.  gr.  345, 

8,  vgl.  auch  Philostr.  Vit.  Apoll.  4.  38.  Hör. 
Od.  3, 16,  11.  Dem  jüngeren  Sohne  Amphilochos 
(s.  d.)  gab  er  bei  seinem  Abschied  noch  gute 
Lehren,  in  denen  er  bescheidenes  Wesen  und 
Fügsamkeit  gegen  Fremde  wie  im  Unglück 
fordert  (Find,  fr  gm.  inc.  68 — 70  ed.  B.  Wel- 
cher, ep.  Gykl.  324,  8.  346).  Abweichend  von 
der  allgemeinen  Tradition,  welche  die  Schuld 
der  Eriphyle  anerkennt  (vgl.  Hom.  Od.  11, 
325.  Soph.  El.  844.  Atli.  6 p.  233  a),  stellte 
Stesichorus  in  seiner  „Eriphyle“  (Berglc,  P. 
lyr.  p.  979)  als  das  Motiv  ihrer  Handlungs- 
weise die  Vaterlandsliebe  hin,  Schleier  macker, 
z.  plat.  Pep.  p.  608.  Welcher,  ep.  Gyld.  392. 
Eckermann,  Mel.  S.  50.  Overb.,  Bildtu.  S.  101. 
Von  der  Bestechung  der  Eriphyle  durch  Adra- 
stos  vermittelst  eines  Halsbandes,  das  er  hatte 
anfertigen  lassen,  berichtet  Hygin  f.  73  (vgl. 
Schol.  Soph,  El.  836.  Eustath.  Od.  11,  325 
(Eudok.  p.  22)  Ribbeck,  röm.  Trag.  S.  488,  1), 
ebenso  von  einem  geheimen  Versteck  des  Am- 
phiaraos, das  Eriphyle  verraten;  vgl.  Serv.  Verg. 
Aen.  6,  445.  Hierauf  scheint  sich  auch  die 
Äufserung  des  Cic.  Epist.  ad  fam,  6,  6 zu  be- 
ziehen : vcl  pudore  victus  ut  in  fabulis  A.  W el- 
cker,  ep.  Gyld.  345,  51  vermutet  hier  eine  Ver- 
wechslung mit  Alkmaion.  — So  kommt  es  zum 
Aus zuge,  Giern.  Alex.  Strom.  1,  400  P,  trotz 
der  ungünstigen  Zeichen  des  Zeus  Pind.  Nein. 

9,  44 f.  Der  Abschied  des  Amphiaraos  bil- 
dete mit  eine  der  Darstellungen  auf  dem  Kyp- 
seloskasten,  Paus.  5,  17,  4.  Vor  dem  Hause 


Eriphyle  und  Amphiaraos  ( Overbeck , Bildw.  d.  theb. 
Ueldenkr.  S.  102). 

steht  Eriphyle  mit  dem  Halsschmuck,  daneben 
Eurydike,  Demonassa  und  Alkmaion,  den  Am- 
philochos trägt  eine  Alte,  Amphiaraos  schon 
im  Begriff  den  Wagen  zu  besteigen  (die  Rosse 
zügelt  sein  Wagenlenker  Baton)  wendet  sich 


zornigen  Antlitzes  mit  gezücktem  Schwert  nach 
Eriphyle  zurück.  Das  Hauptmotiv  dieser  Scene 
findet  sich  auch  auf  einem  alten  Amphorage- 
mälde: Overb.  S.  92,  Taf.  3,  5.  O.  Jahn,  arch. 
Aufs.  S.  155.  Ber.  d.  sächs.  G.  1858  S.  105. 
Bedeutend  milder  ist  die  Auffassung  auf  dem 
Avers  einer  Neapler  Vase:  Amphiaraos  (mit 
Beischrift  G.  I.  Gr.  7711)  neben  Baton  in  voller 
Ruhe  auf  dem  Wagen,  vor  demselben  Eriphyle 
io  den  Blick  zur  Erde  gewandt,  Overb.  S.  94,  Taf. 
3,  7.  Hierher  gehören  ferner  eine  Vase  von 
Caere  und  eine  Lekythos  von  Cervetri,  Overb. 
S.  102:  Amphiaraos  (mit  Beischrift  C.  I.  Gr. 
7710)  mit  dem  Helme  in  der  Hand,  Eriphyle 
piit  einem  Söhnchen  auf  dem  Arme,  das  Hals- 
band erhebend.  Ein  freundlicher  Abschied 
findet  sich  nur  auf  einer  Hydria  von  Vulci, 
Overb.  S.  104,  Taf.  4,  1 : Amphiaraos  (mit  Bei- 
sclirift  C.  I.  Gr.  7709)  reicht  der  Eriphyle  die 
20  Rechte,  hinter  ihr  eine  Tochter,  ferner  Oikles  (?) 
und  Baton  (?)  Overb.  S.  105,  26.  Aufserdem  wer- 
den hierher  gerechnet  ein  Amphoragemälde  aus 
Caere,  Overb.  S.  97,  Taf.  3,  6,  zwei  andere  im 
Britischen  Museum,  Overb.  S.  97  u.  99,  und  zwei 
aus  der  Durandschen  Sammlung  Overb.  S.  103  u. 
104,  ferner  die  Gemälde  auf  einer  Hydria  ( Ger- 
hard, auserles.  Vasenbild.  2,  Taf.  9 1 . Overb.  S.  96) 
und  einer  anderen  imBritischen Museum  (Overb. 
S.  99).  Über  zwei  andere  Vasengemälde  s.  Overb. 
so  S.  104,  über  eine  Vase  im  Britischen  Museum 
s.  Robert,  Ami.  1874  S.  82;  vgl.  auch  J.  de  Witte, 
Ann.  1863  S.  233  [u.  Revue  arch.  22.  1870. 
p.  261  ff] 

Das  erste  Abenteuer  bestehen  die  Helden 
bei  Nemea.  Während  Hypsipyle,  die 
Wärterin  des  Opheltes,  Sohnes  des  dor- 
tigen Königs  Lykurgos,  dem  dürstenden 
Heere  einen  Brunnen  zeigt,  wird  der 
Knabe  von  einer  Schlange  getötet.  Die 
Helden  erlegen  dieselbe  (trotz  d^s  Ein- 
spruches des  Amphiaraos)  und  bestatten 
darauf  das  Kind.  Amphiaraos,  der  in 
dem  Schicksale  des  Knaben  das  Vorzei- 
chen ihres  eigenen  Unterganges  erkennt, 
giebt  ihm  den  bezeichnenden  Namen 
Ar cliem or os  (s.  d.  u.  vgl.  Argument 3 
zu  Pind.  Nein.).  Nach  der  Aussöhnung 
mit  den  Eltern  (Hygin.  f.  74.  Myth.  Vat. 
2,  141)  stiften  die  Helden,  dem  Toten 
zu  Ehren,  die  nemeischen  Spiele  (Apoll. 
3,6,  4,  Argumente  zu  Pind.  Nein.,  Schol. 
Find.  Nein.  8,  85.  Paus.  2,  15,  2 u.  3. 
Hyg.  f.  74.  Tzetzes  zu  Lykophron  373. 
Stat.  Theb.  5,  738.4,  718—722,  vgl.  Rib- 
beck,  röm.  Trag.  S.  160,  157  u.  158).  Auf 
einer  ruveser  Amphora  finden  wir  drei 
Helden  im  Kampfe  mit  dem  Drachen, 
den  Amphiaraos  aber  in  warnender  Stel- 
lung abgebildet,  Overb.  S.  112,  Taf.  4, 
2.  Als  Lykurgos  in  der  Wut  des  Schmer- 
zes an  der  Wärterin  blutige  Rache  neh- 
men will,  tritt  Tydeus  ihm  feindlich  ent- 
gegen, doch  gelingt  es  dem  Adrastos  und 
Amphiaraos  diesen  zurückzuhalten  und  die 
Sache  zum  gütlichen  Austrage  zu  bringen,  Stat. 
Hieb.  5,  660  f.  Eine  Darstellung  am  amykläi- 
sclien  Throne  bezieht  sich  hierauf  (Paus.  3,  18, 
7),  wo  aber  Tydeus  und  Amphiaraos  verweck- 


u.  troj. 


297  Amphiaraos 

seit  sind,  vgl.  0.  Jahn,  arcli.  Aufs.  S.  158. 
Welcher,  ep.  Gyld.  351,  dagegen  Boules,  Vases 
clu  m.  de  Leide  p.  55;  vgl.  ferner  6 Vasen- 
bilder besprochen  von  Jahn,  Ber.  d.  sächs.  G. 
1853  S.  21 — 30  u.  Taf.  3.  Nach  Argument  2 
zu  Bind.  Nem.  läfst  Eurydike,  die  Gemahlin 
des  Lykurgos,  die  Hypsipyle  einkerkern.  Am- 
phiaraos aber  zeigt  vermöge  seiner  Kunst 
deren  Söhnen  Thoas  und  Euneos  das  Gefäng- 
nis und  bewirkt  so  deren  Befreiung.  Eine  l 
ruveser  Amphora  ( Ov . S.  114,  Taf.  4,  3)  zeigt 
uns  in  der  Mittelscene  den  Amphiaraos  (mit 
Beischrift  C.  I.  Gr.  8432)  als  Beistand  der  Hyp- 
sipyle vor  Eurydike;  die  ebenfalls  abgebildete 
feierliche  Besorgung  der  Leiche  deutet  Overh.  auf 
den  Erfolg  des  Amphiaraos  und  fafst  sie  als 
Hinweis  auf  die  folgenden  Leichenspiele.  Ver- 
mutliche Quelle  des  Bildwerkes  ist  die  Hypsi- 
pyle des  Euripid.es  ( Welcher,  gr.  Tr.  2,  554  f.) 
Overh.  S.  115,  30.  Ein  anderes  Vasenbild  be-  2 
schreibt  Jahn,  Ber.  d.  sächs.  G.  1853  S.  30. 
Auch  die  Darstellung  auf  einer  apulischen  Am- 
phora Ov.  S.  119,  Taf.  4,  4 {Jahn,  a.  a.  0.  S.  31 
u.  32)  und  (?)  ein  etruskisches  Asclienkistenre- 
lief  (vgl.  Overh.  S.  121,  Taf.  5, 1)  werden  hier- 
her gerechnet,  vgl.  noch  Arcliäol.  Ztg.  1854. 

t.  67,  68.  Boules,  Arm.  1867  S.  150  if.  Bibheck, 
röm.  Trag.  S.  160,  159.  Bei  den  Leichenspie- 
len siegte  Amphiaraos  im  Wagenrennen  (Val- 
chen.  dlgaxi.  Welcher,  ep.  Cykl.  353,  74)  und 
Diskuswerfen,  Apollod.  3,  6,  4. 

Das  Heer  rückte  darauf  gegenT  heben  her- 
an. Die  7 Heerführer  besetzten  die  7 Thore  der 
Stadt  {Sophohl.  Oed.  Col.  1323.  Eur.  Suppl.  925. 
Apollod.  3,  6,  8.  Diodor  4,  65.  Hyg.  f.  70,  vgl. 
Stat.  Th.  8,  353),  Amphiaraos  nach  Aesch.  Sept. 
570  das  Homoloische,  nach  Eur.  Phoen.  1109 
das  Proitische,  vgl.  Apollod.  3,  6,  6.  Auch  hier 
scheint  Amphiaraos  seine  Wahrsagung  wieder- 
holt zu  haben,  dafs  es  dem  Adrastos  allein 
beschieden  sei  heimzukehren.  Aesch.  Sept.  v.  50 

u.  Schol.  Welcher,  ep.  Cykl.  326;  vgl.  die  Dar- 
‘ Stellung  des  Amphiaraos  auf  dem  den  Opfer- 
tod des  Menoikeus  darstellenden  Gemälde  Phi- 

1 'lostr.imag . 1,4.  Als  Tydeus,  der  nach  Aeschy- 
■ los  am  proitischen  Thore  steht,  kampfbegierig 
I den  Ismen os  überschreiten  will,  widersetzt 
sich  Amphiaraos  der  ungünstigen  Opfer  wegen 
! {Aesch.  Sept.  378,  273  — 276,  vgl.  Eur.  Plioin. 
171  — 174  u.  Schol,;  1110)  und  gerät  so  mit 
jenem  in  Streit  (v.  382—394.  571  — 575;  über- 
haupt ist  Tydeus  Hauptgegner  des  Amphia- 
raos bei  Aescliylos). 

Nach  dem  Tode  der  Brüder  entbrannte  der 
Kampf  von  neuem.  Am  Tage  vor  der  Schlacht 
flog  ein  Adler  herab,  entführte  die  Lanze  des 
! Amphiaraos,  der  mit  den  übrigen  Führern  beim 
I Mahle  safs,  und  liefs  sie  dann  wieder  fallen. 
i Sie  grünte  als  Lorbeerbaum  aus  der  Erde  auf. 

| Trisimachos  bei  Plut.  parall.  gr.  et  rom.  c.  6. 
ln  der  Schlacht  selbst  tötet  Amphiaraos  den 
Melanippos,  Sohn  des  Astakos,  durch  welchen 
Tydeus  schwer  verwundet  worden  war,  nach 
'Schol.  Find.  Nem.  10,  12  auf  Tydeus’  Bitten, 

I und  bringt  demselben  das  Haupt.  Dieser 
j schlürft  das  Gehirn  des  gespalteten  Schädels, 
worauf  sich  Athene,  die  eben  im  Begriff  war, 
jihm  die  Unsterblichkeit  zu  verleihen,  entsetzt 


Amphiaraos  298 

abwendet.  Plierekyd.  b.  Schol.  II.  5 , 126. 
Eustath.  II,  5,  413.  Paus.  9,  18,  1.  Tzetzes  zu 
Lyhophr.  1066.  Mythogr.  gr.  p.  374,  16  f.  Nach 
Apollod.  3,  6,  8 verleitet  Amphiaraos  aus  Hafs 
gegen  Tydeus  denselben  zu  der  erwähnten 
Ünmenschlichkeit,  um  ihm  die  Unsterblichkeit 
zu  entziehen;  in  betreff  des  Textes  des  Apol- 
lod. vgl.  Welcher,  ep.  Cykl.  365,  107.  Over- 
beck, Bildtv.  S.  131,  Taf.  5,  8 u.  9 bezieht  die 
Darstellung  einiger  Gemmenbilder  hierauf  (Am- 
phiaraos mit  dem  Kopf  des  Melanippos  in 
ruhiger  nachdenklicher  Haltung;  andere  Er- 
klärungen s.  ebendas.). 

Doch  auch  den  Amphiaraos  ereilt  schliel’s- 
lich  sein  Geschick.  Infolge  des  Schreckens, 
den  Zeus  in  die  Reihen  der  Argeier  sandte 
{Find.  Nem.  9,  63.  Paus.  9,  9,  2),  wendet  sich 
auch  Amphiaraos  am  Ismenos  zur  Flucht,  ver- 
folgt von  Periklymenos , wird  aber,  noch  ehe 
dessen  Lanze  ihn  erreichen  kann,  in  die  vom 
Blitzstrahl  des  Zeus  gespaltene  Erde  nebst  sei- 
nem Wagenlenker  und  Zweigespann  aufgenom- 
men. Find.  Nem.  9,  57 — 65.10,  14 — 16.  Olymp. 
6,19 — 22.  Apollodor  a.  a.  0.  Diodor  4,  65.  Paus. 
2,23,2.  Eur.  Suppl.  925  — 927 . Aesch.  Sept.  587 
{Welcher,  ep.  Cykl.  366,  111).  Soph.  El.  837. 
Athen,  6 p.  232  f.  Diogenes  I.  4,  48.  Agathar- 
chides  b.  Photius  Bibi.  p.  443  b,  18  B.  Mythogr. 
gr.  374,  15.  Dygin  f.  73.  Stat.  Hieb.  7,  816 
— 820,  8.  So  endet  er  in  der  Blüte  seiner  Jahre 
Odyss.  15,  246.  Von  nun  an  waltet  er  als 
göttlicher  Prophet.  Soph,  Electr.  841  rr.  Schol. 
{Suid.  s.  v.  Ttdgrpv^og) , Schol.  Aesch.  Sept.  v. 
589.  Strabo  16  p.  762.  Paus.  1,  34,  2 u.  5. 
Xenoph.  Cyneg.  1 , 8.  Philostr.  vit.  Apoll.  2, 
37,  vgl.  heroic.  680.  Cic.  de  div.  1,  40.  Vater. 
Maxim,  8,  15,  3. 

Die  beiden  Rosse  Thoas  und  Dias  stamm- 
ten nach  Stat.  Theb.  4,  214.  6,  319 — 322  aus 
Amyklai  von  Kyllaros,  dem  Rosse  des  Kastor, 
(vgl.  Antimachos  b.  Schol.  Bind.  Ol.  6,  21  {cod. 
dßvGTtxzovs),  Stoll,  Antim.  fr  gm.  34),  nach  an- 
deren waren  sie  von  thessalischer  Rasse  {Schol. 
Find.  a.  a.  0.,  Euphorion  frgm.  19),  bei  dem 
sie  zur  Quelle  (hvaddsia  entfliehen  (vgl.  Mei- 
nehe,  Anal.  Al.  p.  54).  Ein  Viergespann  wird 
erwähnt  bei  Soph.  frgm.  870  cd.  Nauch.,  Eur. 
Suppl,  501,  927.  Propert.  2,  25,  39  und  fin- 
det sich  auf  den  betreffenden  bildlichen  Dar- 
stellungen {Overh.  Taf.  3,  5 ist  nur  ein  Drei- 
gespann erkennbar). 

Die  älteste  Sage  nennt  die  Gegend  von 
Theben  als  den  Ort  seiner  Niederfahrt, 
vgl.  die  Dichter  von  Homer  Od.  15,  247  und 
der  Thebais  an  bis  Pindar  und  Sophokles,  ebenso 
Hygin,  Plin.  nat.  h.  16,  44,  87.  Solin.  c.  2,  8; 
mit  der  Verpflanzung  seines  Kultus  wandert 
aber  auch  diese  Sage.  So  erzählte  man  von 
seiner  Niederfahrt  bei  Oropos  Schol.  Pind.  6, 
18,  22,  23.  Tertull.  de  anim.  46.  Nach  tana- 
gräischer  Sage  fand  dieselbe  bei  Harm a in  der 
Nähe  von  Mykalessos  statt  {Paus.  1,  34,  2.  9, 
9,4,  Trisimachos  bei  Plut.  parall.  c.  6),  das 
seinen  Namen  von  dem  hier  gebrochenen 
und  zurückgelassenen  Wagen  des  Adrastos 
erhielt  (nach  anderen  vom  Wagen  des  Am- 
phiaraos, der  leer  hierhergeeilt,  nachdem  Am- 
phiaraos in  der  Schlacht  aus  demselben  ge- 


299 


Amphiaraos 


Amphi  araos 


300 


stürzt)  Strabo  9,  c.  404,  vgl.  Eustath.  II.  2, 
202,  31.  Hermann,  Gottd.  Altt.  § 13,  4;  auch 
das  attische  Harma  hei  Phyle  wurde  später 
in  diese  Sage  von  der  Flucht  liineingezogen, 
TJnger,  Farad.  Theb.  p.  41,  vgl.  Bursian,  Geogr. 
1,  252.  Auf  seine  Niederfahrt  bei  Oropos  be- 
zieht sich  das  Gemälde,  das  Philostrat.  Imag. 
1,  27  ( Eudolcia  23)  beschreibt:  Die  beiden 

weifsen  Rosse  in  wilder  Flucht,  Amphiaraos 


scheint  ( Preller , Ber.  d.  sächs.  Ges.  1852  S.  167). 
Aus  diesem  Heiligtum  erteilte  Amphiaraos 
auch  den  Epigonen  den  Orakelspruch  (ein  spä- 
teres versificiertes  Machwerk  besafs  das  oro- 
pische  Paus.  1,  34,  3)  Find.  Pyth.  8,  55—78. 
Hissen  ad  Find.  p.  288  gegen  Böckh , adnot. 
p.  313 — 315.  Welcher,  ep.  Cykl.  381,  1.  Auch 
bei  Plutarch  Arist.  19  u.  de  def.  orac.  5 ist 
wohl  an  dieses  Heiligtum  zu  denken.  Dasselbe 


auf  dem  Wagen  statt  des  Helmes  die  Infula  io  war  vermutlich  zwischen  Potniai  und  Theben 


auf  dem  Haupt,  mit  den  verklärten  Zügen  des 
Sehers,  der  gähnende  Schlund  mit  dem  Thore 
der  Träume  sichtbar,  Oropos  als  Jüngling  dar- 
gestellt. Der  Wagenlenker  wird  nicht  erwähnt, 
vgl.  Eur.  Plioen.il  2.  [Erhaltene  bildliche  Dar- 
stellungen sind  selten.  Ein  Sarkophagrelief 
der  Villa  Panfili  ( Matz - v.  Huhn,  Antike  Bild- 
werke in  Rom  No.'  3339.  Overb.  S.  148.  Taf. 
6,  9)  zeigt  Amphiaraos  in  voller  Rüstung  mit 


in  der  Nähe  des  Ortes  gelegen,  wo  Amphia- 
raos nach  thebanischer  Sage  von  der  Erde  ver- 
schlungen worden  war.  Noch  Paus.  9,8,2 
fand  jenen  Platz  umfriedigt  und  mit  Säulen 
geziert  vor , vgl.  Schol.  Trick  Soph.  Elect. 
v.  838 ; Welcher,  gr.  Götti.  3,  296. 

Ob  das  Heiligtum  des  Amphiaraos  zu  Kno- 
p ia,  von  dessen  Verlegung  nach  Oropos  Strab. 
9 c.  404  berichtet,  mit  dem  genannten  iden- 


Helrn  vornübergebeugt  auf  einem  Zweigespann  20  tisch  ist  (so  Preller,  Ber.  S.  167.  Müller,  Or- 

fahrend;  unter  den  Rossen  eine  weibliche  Ge-  chom.  p.  475),  bleibt  zweifelhaft,  vgl.  TJnger, 

stalt  mit  blofser  Brust  aus  einer  Felsspalte  Farad.  Theb.  162—170.  408 — 416.  Welcher,  a. 

hervorragend.  Auf  einer  etruskischen  Aschen-  Henkm.  S.  174.  Bursian,  Geogr.  1,  200.  Das 

hochberühmte  oropische, 
schliefslich  das  einzige  Ora- 
kel des  Amphiaraos,  stand 
in  dem  Bezirke  von  Psophis 
( Strabo  9,  A.  612.  Suid.  s. 
v.),  y2  Stunde  vom  Meere 
entfernt  (Bionys.  ccvayg.  p.  142 
ed.  Mein.),  1 ’/2  Stunde  süd- 
östlich von  Oropos  (irrige 
Angabe  b.  Pausan.  1 , 34, 
1)  an  der  Strafse  von  Oro- 
pos über  Aphidnai  nach  Athen 
(Hikaiarch  p.  142  ed.  Fuhr), 
am  linken  Ufer  eines  was- 
serreichen Baches  (Liv.  45, 
27),  und  war  von  bedeuten- 
dem Umfange.  Der  Philo- 
soph Menedemos  weilte  hier 
längere  Zeit  (Biogen.  L.  2, 
142.  Philol.  1854," 25).  Lea- 
kes  Annahme  N.  Greece  2,  440, 
dasselbe  an  die  jetzt  Mccv- 
QoSr\\iGGi  genannte  Stelle  zu 
setzen,  ist  durch  die  dort  vorgenommenen  Aus- 
grabungen bestätigt  worden:  Preller,  Ber.  1852 


Amphiaraos’  Niederfahrt,  von  e.  etrusk.  Ascheukiste  (vgl.  Overbeck,  Bildw.  z.  theb. 
u.  troj.  Heldenkr.  S.  148). 


kiste  zieht  eine  Furie  das  Viergespann  mit 
Amphiaraos  und  Baton  in  den  Erdschlund 
(Overb.  S.  148.  Taf.  6,  8).  Andere  Darstellungen 


S.  140  ff.  mit  Berichtigungen  von  Bursian,  Ber. 


(das  herrliche  Relief  von  Oropos  Overb.  Taf.  50  1859  S.  110;  vgl.  Geogr.  1,  220.  Der  aus 


6 , 6 und  das  sog.  Monochrom  aus  Herculaneum 
ebend.  Taf.  6 , 7)..  sind  jetzt  richtiger  als  auf 
die  agonistische  Übung  des  Apobaten  bezüg- 
lich gedeutet.  Vgl.  Koerte,  Antike  Sculpturen 
aus  Boiotien  (Mitth.  d.  deutsch,  arch.  Inst,  in 
Athen  Bd.  II)  S.  413  No.  193.  Schreiber.] 

Die  älteste  Verehrung  des  Amphiaraos 
ist  in  der  Gegend  von  Theben  zu  suchen. 
Hier  besafs  er  ein  Traumorakel  (AyguagdtsLov, 


weifsem  Marmor  erbaute  Tempel  (Paus.  1,  34, 
2)  lag  am  linken  Bachufer  oberhalb  des  Ab 
banges  (Reste  einer  antiken  Terrassenmauer 
erkennbar) , das  Stadion  auf  dem  Abhange 
selbst  hart  am  Bache  (die  Seite  gegen  den- 
selben durch  eine  Mauer  gestützt) , das  Te- 
menos  erstreckte  sich  auch  auf  das  rechte 
Ufer.  Nach  der  Tradition  der  Oropier  ver- 
ehrte man  ihn  hier  zuerst  als  Gott , als  sol- 


AyqnciQeiov), das  noch  zur  Zeit  des  Mardonios  60  eher  wird  er  auch  Zeus  ’A.  genannt:  Hikaiarch 


in  hohem  Ansehen  stand  (Herod.  8,  134),  später 
aber  durch  das  oropische  in  Vergessenheit  ge- 
riet. Den  Thebanern  selbst  war  die  Befragung 
desselben  untersagt.  Herod.  a.  a.  O.  Die  reichen 
Gaben  des  Kroisos,  der  es  ebenfalls  befragt 
hatte,  sah  Ilerodot  1,  42  im  Tempel  des  isme- 
nischen  Apollo,  mit  dem  ein  unmittelbarer 
Kultuszusammenhang  stattgefunden  zu  haben 


a.  a.  0.,  Preller,  Mythol.  2,  362,  1.  Welcher, 
gr.  Götterl.  3 , 296. ' Im  Innern  des  Tempels 
stand  ein  Marmorbild  des  Gottes:  Paus.  a.  a.  0. 
Sein  Bild  war  dem  des  Asklepios  ähnlich, 
vgl.  den  Kopf  auf  einer  oropischen  Münze 
Overb.  S.  151,  Taf.  6,  10.  Der  Hauptaltar  hatte 
5 Abteilungen,  vou  denen  die  erste  dem 
Zeus,  Herakles  und  Apollo-Paion , die  zweite 


301  Amphiaraos 

den  Heroen  und  Heroinen,  die  dritte  der  Hestia, 
dem  Hermes,  dem  Amphiaraos  und  seinem 
Sohne  Amphilochos,  die  vierte  der  Aphrodite, 
Panakeia,  Iaso  (Tochter  des  Amphiaraos  [oder 
Asklepios],  Aristoph.  Schol.  Flut.  701.  lies.  s.  v.), 
Hvgieia  und  Athene  Paeonia,  die  fünfte  den 
Nymphen,  dem  Pan,  Acheloos  und  Kephissos 
geweiht  war,  Paus.  1,  34,  2.  Wer  den  Gott 
befragen  wollte,  mufste  auf  diesem  Altar  zu- 
3rst  ihm  und  den  übrigen  Göttern  ein 
■nov  darbringen  (nachdem  er  sich  3 Tage  des 
Weines  enthalten  und  einen  vollen  Tag  ge- 
fastet Philostr.  vit.  Apoll.  2,  37,  90)  — alsdann 
jinen  Widder  opfern,  auf  dessen  Felle  er  hierauf 
im  Tempel  schlief  und  die  Offenbarungen  des 
3ottes  im  Traume  erwartete,  Paus.  a.  a.  0.  § 3. 
Ryperid.,  Iiede  f.  Euxenippos.  Herrn.,  gottesd. 
Alt.  § 41 , 8.  In  der  Nähe  des  Tempels  be- 
fand sich  eine  Quelle  (’A.  nriyff).  Da  Amphia- 
:aos  hier  als  Gott  aus  der  Erde  emporgestiegen 
sein  sollte,  so  war  der  Gebrauch  derselben  zu 
gottesdienstlichen  Verrichtungen  verboten;  da- 
gegen erforderte  die  Sitte,  dafs  die  durch  die 
iingebungen  des  Gottes  Genesenen  aus  Dank- 
barkeit Gold-  oder  Silbermünzen  hineinwarfen, 
Paus.  a.  a.  0. 

Aufserdem  werden  noch  die  Bäder  des  Am- 
bhiaraos  ’AycpioiQocov  oder  Aficpiugsia) 

genannt,  eine  von  der  genannten  verschiedene 
md  nach  Bursian  ebenfalls  innerhalb  des  hei- 
igen  Bezirkes  liegende  Quelle  (vgl.  Preller, 
Ber.  S.  185,  97.  148,  17.  Antli.  Pal.  Epigr.  d. 
A rat.  p.  490  Jac.  Euphorion  b.  Steph.  B.  v. 
ÜQcaTtoq.  Meinelce,  Anal.  Al,  p.  108)  mit  be- 
;onders  kühlem  Wasser  (Xen.  Memor.  3,  13,  3. 
irasistratos  und  Euenor  b.  Athen.  2 p.  46  c u.  d. 
Aristoph.  frgm.  ed  Meinelce  2 p.  950).  Die  hohe 
Bedeutung  und  Wirksamkeit  dieser  Heilanstalt 
irsieht  man  aus  C.  I.  Gr.  1570b. 

Auch  Festspiele  fanden  zu  Ehren  des  Am- 
bhiaraos  (AyepnxQÜKx,  C.  I.  Attic.  1171  u.  1177, 
jen.  ’Aggnsgdcov,  1174  u.  1198  ’Aycpngsicov,  1193 
IgcpLcuQiCcov)  in  Oropos  statt  (Didymos  b.  Schol. 
Find.  Olymp.  7,  153).  Sieger  in  den  musischen 
md  gymnischen  Spielen  sind  uns  inschriftlich 
bezeugt,  Pittahis,  ephem.  archaeol.  1853  n.  1317 
l.  1319.  Preller,  Ber.  1852  S.  150  u.  Ber.  1854 
3.  203  u.  204,  wie  auch  Agonotheten  für  diese 
Spiele.  C.I.Att.  1171,  1173,  1174,  1177,  1193, 
L198.  Als  Beamte  des  Tempels  lernen  wir 
lufser  dem  isgsvs  (C.  I.  Gr.  1570  a.  Preller, 
Ber.  1852  S.  158  n.  5,  S.  167  n.  7)  die  ff qccq- 
'cu  und  den  ovlloysvq  kennen,  G.  I.  1570  a. 

Dafs  das  Amphiareion  eine  Art  Staats- 
irchiv  für  die  Oropier  war,  geht  namentlich 
lus  C.  I.  Gr.  1566  hervor.  In  betreff  dieses  Am- 
bhiareions  vgl.  noch  Preller,  Ber.  1852  S.  145, 
) u.  10.  C.  I.  Att.  3,  25  u.  61  A.  1 Z.  13. 
Philostr.  vit.  Apoll.  4,  24.  Imag.  1,  27.  Steph. 
Byz.  s.  v.  Kogong.  Giern.  Al.  Protrept.  10  P. 
Auch  in  Harma  bei  Mykalessos  scheint  ein 
deiligtum  gewesen  zu  sein;  Stellen  siehe  bei 
Unger  (der  Harma  mit  Knopia  identifiziert) 
x 164,  desgleichen  bei  dem  attischen  Har- 
na:  Müller,  Orchomenos  S.  475.  Eclcermann 
Melamp.  S.  66,  vgl.  Bursian,  Geogr.  1,  252. 
Beiden  waren  Aovtqu  ’A.  zugesellt : Eustatli. 
II  2,  202,  31.  Steph.  Byz.  s.  v.  "Agger,  vgl. 


Amphiaraos  302 

Preller , Ber.  d.  sächs.  Ges.  d.  W.  1852.  S. 
148,  17. 

Sölin.  7,  24  (Pomp.  Mela  2,  3,  6)  erwähnt 
ein  fanurn  Amphiarai  in  Ramne.  Auch  in 
der  Stadt  Argos  gab  es  ein  Heiligtum  des 
Amphiaraos  in  der  Nähe  des  Dionysos- 
tempels und  des  Hauses  des  Adrast  (Paus. 
2,  23,  2),  ferner  ein  von  den  Söhnen  des 
Tyndareos  ihrem  dvcipibq  ’A.  errichtetes  He- 
roon  in  Sparta,  Paus.  3,  12,  4;  ebenso  hatte 
er  ein  Heroon  in  Sykai,  einer  Vorstadt  von 
Byzanz,  Hesych.  Mil.  frgm.  16,  Frgm.  histor. 
Gr.  4,  148. 

Sein  Standbild  befand  sich  in  Athen  neben 
dem  der  Eirene,  Paus.  1,  8,  2.  In  Delphi  zeigte 
man  unter  den  Weihgeschenken  der  Argiver 
aufser  der  Gruppe  der  7 Führer  (unter  denen 
Amphiaraos)  auch  den  Wagen  des  Amphiaraos 
mit  Baton,  ein  Werk  des  Aristogeiton  und  Hy- 
patodoros:  Penis.  10, 10,  2.  Welcher,  a.  Denkm. 
S.  178,  11. 

Abgesehen  von  der  kyklischen  Thebais,  die 
das  meiste,  was  wir  über  Amphiaraos  Teil- 
nahme an  dem  Zuge  gegen  Theben  wissen, 
enthalten  haben  mufs,  und  den  Thebaiden  des 
Antimachos  von  Kolophon,  Antagoras  von  Rho- 
dus,  Menelaos  von  Aigai,  des  Ponticus  Lyn- 
ceus  (Teuffel,  li.  L.  244,  3)  und  der  des  Sta- 
tius,  der  vielfach  von  der  Tradition  ab  weicht  (bei 
ihm  kommt  Amphiaraos  zuerst,  das  Brüder- 
paar zuletzt  um,  vgl.  Welcher,  hl.  Sehr.  S.  395  ff.) 
und  den  erwähnten  Tragödien  des  Aischylos 
und  Euripides,  den  Phoinissen  des  Strattis  und 
Aristophanes,  der  Septem  des  Amphis  und  Ale- 
xis, in  denen  Amphiaraos  eine  gröfsere  oder 
geringere  Rolle  spielte,  war  Amphiaraos  auch 
der  besondere  Gegenstand  dramatischer  Poesie. 
So  schrieb  Karkinos  einen  Amphiaraos  (Nauch, 
tr.gr.fr.  619),  desgleichen  Kleophon  (Suid.  s.  v.), 
Sophokles  ein  Satyrdrama  gleichen  Namens 
(Nauch  p.  122.  Welcher,  Nachtr.  z.  A.  Tr.  S.  287. 
318.  Eckermann,  Mel.  S.  56);  Komödien  gab  es 
von  Aristophanes  (Meinelce,  frgm.  com.  2,  2 
p.  949 ff.)  Apollodor  (H.  crit.  p.  463).  Philippides 
(ib.  p.  472;  vgl.  noch  p.  167).  Die  römische 
Tragödie  eines  Anonymos  erwähnt  Ribbech, 
trag.  rom.  frgm.  p.  364. 

Amphiaraos  gehörte  zunächst  als  heil-  und 
sühnkräftiger  Prophet  den  chtlionischen 
Gottheiten  und  zwar  wie  Melampus  dem 
Kreise  des  Dionysos  an.  Als  Lokalgott  war 
er  kein  anderer  als  Hades  selbst,  Suid.  s.  v. 
’Ttd.yipv'ioq,  Eckermann,  Mel.  S.  70.  Darauf  ist 
wohl  auch  das  Symbol  des  Wagens  zu  deuten, 
das  seinen  Kultus  stets  begleitet  (vgl.  Ger- 
hard, Mytli.  § 436,  2 e.  Müller,  Orchom.  S.  140). 
Später  tritt  er  dann  gleich  der  Mehrzahl  der 
Melampodiden  in  den  Kreis  apollinischer 
Mantik,  weshalb  wir  ihn  als  Seher  und  als 
Sohn  des  Apollo  bezeichnet  finden.  Als  Heil- 
gott wird  ihm  ähnlich  wie  dem  Asklepios  die 
Iaso  beigesellt.  Böotien,  das  eigentliche  Land 
der  chtlionischen  Götter  und  der  Mantik,  war 
die  Hauptstätte  seines  Kultus,  der  sich  dann 
nach  Argos  und  über  ganz  Griechenland  ver- 
breitete, Paus.  1,  34,  2.  Val.  Max.  8 a.  E. 
Seinem  Kult  wurde  später  auch  Fremdartiges 
beigemischt;  so  soll  Amphiaraos  sich  zuerst 


303 


Amphibia 


Amphiktyon 


304 


der  Bohnen  enthalten  haben,  welche  die  Pytha- 
goreer  mieden:  Didym.  Geopon.  2,  35  p.  183. 
Eckermann,  Mel.  S.  67.  Die  böotischen  Orakel 
mögen  seine  Persönlichkeit  schon  vor  der  dich- 
terischen Ausbildung  in  den  tbebiseben  Sagen- 
kreis aufgenommen  und  dadurch  zur  Ausdeh- 
nung und  Erweiterung  seines  Mythus  beige- 
tragen haben,  Müller,  Orchom,  222;  auch  die 
Sage  von  seiner  Aufnahme  in  die  Unterwelt 
scheint  am  Orakelorte  selbst  entstanden  zu 
sein,  WelcJcer,  ep.  Cylcl.  2,  366.  Jedenfalls 
stand  er  zur  Zeit  des  Säugers  der  The- 
bais  bereits  in  hohem  Ansehen.  Deshalb 
spielt  er  jene  bedeutende  Rolle  auf  dem 
Zuge  gegen  Theben,  namentlich  als  Seher, 
ohne  den  die  Heere  der  Heroen  nie  auszogen. 
Fast  aus  allen  Zügen  seines  Mythus  leuchtet 
sein  göttlicher  Ursprung  hervor,  wie  sich 
derselbe  auch  bei  seinem  Ende  zeigt,  wo 
er  mit  seinem  Wagenlenker  lebend  in  die 
Tiefe  fährt , während  die  übrigen  Helden 
vom  Tode  dahingerafft  werden  oder  ent- 
kommen; zu  vergleichen  ist  die  Sage  von 
lasion.  Der  Name  ’AycpiaQuog  selbst  wird  von 
Welcher,  Trilog.  S.  164.  Preller,  Mythol.  2, 
354  als  der  Beter  (aggz-riQ)  gedeutet,  vergl. 
Eckermann,  Mel.  S.  41,  2,  von  Pape-Benseler, 
Wörterb.  d.  gr.  Eigenn.  1 S.  78  als  der  Er- 
flehte. Eine  seltsame  Ableitung  giebt  Ptole- 
mäus  Heph.  bei  Phot.  bibl.  140 , A.  36  {My- 
thogr.  gr.  p.  186,  27)  : ozi  ’A.  sv.hqQ'g,  snsi 
äyq>co  oi  zrj g yyzQog  yovsig  rjQtxGavro  ctvxrjv 
avev  t ehslv  yoyov.  Vgl.  auch  Fick,  gr.  Ei- 
genn. S.  9,  9 u.  10,  103.  [0.  Wolff’.] 

Amphibia  (’AyepißCci) , Tochter  des  Pelops, 
Gemahlin  des  Sthenelos,  Mutter  des  Eurystheus, 
Pherehydes  bei  Scliol.  11.  19,  116.  Hesiod 
a.  a.  0.  nannte  sie  Artibia,  Tochter  des  Am- 
phidamas  ; bei  Apollod.  2,  4,  5 heilst  sie  Ni- 
kippe,  Tochter  des  Pelops.  [Stoll.] 
AmpMdämas  (’Aycpidayag) , 1)  Arkader  aus 
Tegea,  Sohn  des  Lykurgos  und  der  Eleophile 
oder  Eurynome,  Vater  des  Meilanion  und  der 
Antimache  [oder  Admete  (s.  d.)  R.],  der  Gemah- 
lin des  Eurystheus.  Apollod.  3,  9,  2.  [ G . I. 

Gr.  5984  G.  R.]  Nach  Hesiod  bei  Schol.  II. 
19,  116  war  die  Mutter  des  Eurystheus,  Ge- 
mahlin des  Sthenelos , Artibia  (nach  andern 
Antibia),  eine  Tochter  des  Amphidamas.  Bei 
Schol.  II.  2,  603  ist  der  Stammbaum  dieser : 
Zeus,  Arkas,  Amphidamas,  Aleos,  Ankaios, 
Agapenor;  ibid.  609:  Zeus,  Arkas,  Amphida- 
mas, Lykurgos,  Ankaios,  Agapenor.  Nach 
Paus.  8,  4,  6 u.  Ap.  Pli.  1,  161  ff.  (vgl.  2,  1046) 
ist  dagegen  Amphidamas  Sohn  des  Aleos  und 
somit  Bruder  des  Lykurgos,  des  Eepheus  und 
der  Auge,  und  selbst  mit  Eepheus  und  An- 
kaios, den  Söhnen  des  Lykurgos,  ein  Teil- 
nehmer am  Argonautenzug,  womit  auch  Hyg. 
f.  14  (der  seine  Mutter  Kleobule  nennt)  über- 
einstimmt. — 2)  Sohn  des  ägyptischen  Königs 
Busiris,  von  Herakles  mit  diesem  zugleich  er- 
schlagen, als  sie  ihn  opfern  wollten.  Apollod.  2, 
5, 11.  Bei  Schol.  Ap.  Eh.  4, 1396  heifst  erlphida- 
mas.  — 8)  Ein  Held  aus  Skandeia  auf  Eythere, 
Gastfreund  des  Molos,  dem  er  den  von  Auto- 
lykos  empfangenen  Helm  des  Amyntor  schenkte, 
welchen  dann  des  Molos  Sohn  Meriones  vor 


- 


Ilion  trug.  II.  10,  266  ff.  — 4)  Ein  Eönig  von 
Chalkis  auf  Euböa,  der  gegen  die  Eretrier  fiel 
und  zu  dessen  Andenken  seine  Söhne  Spiele 
stifteten,  bei  denen  Hesiod  (über  Homer  siegend) 
den  ersten  Dichterpreis  gewann,  einen  golde- 
nen Dreifufs,  welchen  er  den  Musen  vom  He- 
likon weihte.  lies.  Opp.  652  f.  lies,  et  Hom. 
certamen  3.  14.  Flut.  conv.  sept.  Sap.  10.  — 
5)  Vater  der  Naupidame  [Nausidame?  R.], 
io  welche  mit  Helios  den  Augeias  zeugte.  Hy- 
gin.  f.  14.  — 6)  Vater  des  Elytonymos  (oder 
Eleisonymos , Eleonymos  u.  s.  f.  s.  Heyne , 
not.  ent.  ad  Apollod.  a.  a.  0.)  in  Opus,  wel- 
chen Patroklos  als  Eind  erschlagen  hatte.  II. 
23,  87  mit  den  Scholien  und  Schol.  12, 1.  Apol- 
lod. 3,  13,  8.  In  den  Scholien  heifst  der  Enabe 
auch  Aianes  (s.  d.)  und  Lysandros.  — 7)  Va- 
ter der  Harmothoe , der  Gemahlin  des  Pan- 
dareos.  Schol.  Od.  20,  96.  — S)  Einer  der  Hel- 
20  den , die  im  trojanischen  Pferde  waren.  Try- 
pliiod.  excicl.  II.  182.  [Stoll.  | 

AmpMdikos  {’AyyCöiiio g),  Sohn  des  Astakos, 
ein  tapfrer  Thebaner,  der  'in  der  Schlacht  mit 
den  Sieben  vor  Theben,  nach  der  Sage  der 
Thebaner,  den  Parthenopaios  erlegte.  Dies  that 
nach  Euripides  ( Phoen . 1160  ff.)  und  der  ky- 
klischen  Thebais  Periklymenos , der  Sohn  des 
Poseidon.  Apollod.  3,  6,  8.  Paus.  9,  18,  4. 
Pausanias  nennt  ihn  Aspliodikos  und  sah 
30  sein  Grab  bei  Theben  an  der  Oidipusquelle. 

[Stoll.] 

Ämpliklokos  (’Aycpidoxog),  Sohn  des  Orcho- 
menös,  Bruder  des  Aspledon  und  Elymenos. 
Hesiod  bei  Eustath.  p.  272,  18.  Steph.  Byz. 
Aonlridcav.  [Stoll.] 

AmpMklos  ('Agcpi-Aog),  ein  Trojaner,  von 
Meges  getötet  II.  16,  313.  [Schultz.] 

Amphiktyon  (’AycpiHzvcov),  1)  ein  in  das  at- 
tische Eönigsgeschlecht  eingeschobener  Auto- 
40  chthon,  der  seinen  Schwiegervater  Eranaos,  Eö- 
nig von  Athen,  vertrieben  und  sich  die  Herrschaft 
angemafst  hatte,  aber  nach  10  Jahren  von 
Erichthonios  wieder  gestürzt  wurde.  Paus.  1, 
2,  5.  Apollod.  1,  7,  2.  3,  14,  6.  Nach  lustin 
2,  6 lebte  er  zur  Zeit  der  deukalionischen  Flut, 
gab  der  Stadt  den  Namen  Athenai  und  weihte 
sie  der  Athene.  Von  Apollodor  (1,  7,  2)  so- 
wie von  Eusebius,  Chronic,  fragm.  G.  • p.  118 
ed.  Scaligcr  wird  er  Sohn  des  Deukalion  und 
50  der  Pyrrha  genannt  und  mit  No.  2 identificiert. 
Mit  seinem  Namen  verknüpfen  die  Athener  die 
Einführung  des  Dionysoskultus  von  Eleutlierai 
nach  Athen.  Pegasos  soll  von  Eleutherai  nach 
Athen  eingewandert  und  dort  mit  seinen  bak- 
chischen  Heiligtümern  von  dem  Eönig  Am- 
phiktyon freundlich  aufgenommen,  Dionysos 
selbst  von  Amphiktyon  bewirtet  worden  sein. 
Paus.  1,2,4.  20,  2.  38,  8.  Schol.  Aristoph. 
Acharn.  p.  383.  G.  Der  Name  Pegasos , der 
60  Quellmann,  der  Wassermann,  deutet  auf  die 
Mischung  des  Weines  mit  Wasser,  welche  Dio- 
nysos den  Amphiktyon  gelehrt  haben  soll, 
weshalb  dieser  ihm  im  Tempel  der  Horen  einen 
Altar' und  daneben  den  Nymphen  einen  Tem- 
pel weihte.  Philochoros  bei  Athen.  2 p.  38  c u.  d. 
4 p.  179  e.  Eustath.  zu  Homer  1815,  61.  — 
2)  Der  mythische  Stifter  der  delphiscli-pyli 
sehen  Amphiktyonie,  ein  Sohn  oder  Enkel  des 


305  Amphilochos 

Deukalion.  Theopomp,  bei  Ilarpolr.  s.  v.  Dio- 
nys. Hai.  Ant.  4,  25.  Taus.  10,  8,  1.  2.  Schol. 
Eurip.  Or.  1087.  Marmor  Ox.  Ep.  8 p.  19. 
21.  Suid.  u.  Zonar,  s.  v.  Er  hatte  bei  Anthela 
an  den  Thermopylen , einem  Mittelpunkt  der 
Amphiktyonie , neben  dem  Heiligtum  der  De- 
meter Amphiktyonis  einen  Tempel  (. Herodot . 
7,  200)  und  soll  nach  der  parischen  Chronik 
in  Thermopylai,  nach  Skymnos  v.  Chios  (v.  587) 
über  die  Lokrer  geherrscht  haben.  Nach 
Eustath.  zu  Horn.  p.  277,  19  zeugte  er  mit 
Chthonopatra  den  Physkos,  den  Vater  des 
Lokros;  nach  Steph.  Byz.  v.  <Pvo/.og  war  Aito- 
los  der  Sohn,  Physkos  der  Enkel  Amphiktyons. 
Itonos  wurde  in  Thessalien  von  Amphiktyon 
erzeugt,  Schol.  Ap.  Eli.  1,  551,  vgl.  Tzetz. 
Lylc.  1206  S.  No.  1.  [Stoll.] 

Amphilochos  (’dpqpilo/og),  1)  Sohn  des  Am- 
phiaraos  und  der  Eriphyle,  aus  Argos,  jünge- 
rer {Paus.  10,  10,  2)  Bruder  des  Alkmaion. 
Hom.  Ocl.  15,  248.  Als  Amphiaraos  (s.  d.)  von 
Eriphyle  in  den  Krieg  gegen  Theben  und  den 
vorausgesehenen  Tod  geschickt  wurde,  trug  ei- 
sernen beiden  Söhnen  (oder  dem  Alkmaion 
allein,  wahrscheinlich  weil  Amphilochos  noch 
unmündig  war , Diod.  4 , 65)  auf,  wenn  sie 
herangewachsen  wären , seinen  Tod  an  der 
Mutter  zu  rächen.  Apollod.  3,  6,  2.  7,  2.  S. 
Amphiaraos  und  Alkmaion.  Den  Muttermord 
führte  entweder  Alkmaion  allein  aus  oder  mit 
Amphilochos,  Apollod.  3,  7,  5.  Alkmaion  allein 
nach  Asklepiades  bei  Schol.  Ocl.  11.  326.  Diod. 
4,  65.  Ilyy.  f.  73,  wahrscheinlich  auch  in  dem 
kyklischen.  Epos  Epigonen  und  in  den  Epigo- 
nen des  Äscliylos.  In  Sophokles’  Epigonen 
(oder  Eriphyle)  stand  ihm  sein  Bruder  zur 
Seite,  wie  Pylades  dem  Orestes.  Welcher,  ep. 
Cylcl.  2 S.  345.  Gr.  Tray.  1 S.  270.  273.  Am- 
philochos zog  mit  seinem  Bruder  in  den  Krieg 
gegen  Theben.  Apollod.  3,  7,  2.  Schol.  II.  4, 
404.  Taus.  2,  20,  4.  in  dem  Verzeichnis  der 
Teilnehmer  bei  Hyy.  f.  71  fehlt  er.  Die  ky- 
klischen  Nostendichter  machten  ihn  zum  Teil- 
nehmer des  trojanischen  Krieges,  und  so  kommt 
er  unter  die  Freier  der  Helena  ( Apollod . 3,  10, 
8)  und  in  das  hölzerne  Pferd  {Quint.  Sm.  12, 
323).  Nach  Trojas  Fall  soll  Amphilochos,  als 
Weissager  mit  Kalchas  und  Mopsos  zusammen- 
gebracht, an  verschiedenen  Orten  der  klein- 
rsiatisclien  Küste  Städte  und  Orakel  gegründet 
naben.  Nach  Schol.  II.  2,  135  blieben  Kalchas 
und  Amphilochos,  als  die  Sieger  von  Troja  heim- 
kehrten, zurück,  weil  ihnen  die  Schiffe  nicht 
nehr  seetüchtig  schienen,  und  zogen  zu  Land 
von  Troja  weg.  Oder  sie  blieben  beide  zu- 
rück, da  sie  als  Seher  das  Verderben  der  grie- 
chischen Flotte  an  den  kaphareischen  Felsen 
.'Oraussahen ; „denn  beiden  war  es  bestimmt, 
'.u  den  Städten  Pamphyliens  und  Kilikiens  zu 

Icommen.“  Quint.  Sm.  14,  360  ff.  Sie  kamen 
iach  Klaros  bei  Kolophon,  wo  Kalchas  starb 
ms  Gram,  dafs  der  Weissager  Mopsos  ihn  be- 
legt hatte.  Strab.  14  p.  642.  Nach  Kalliuos 
■sollen  darauf  die  Leute  des  Kalchas  mit  Mo- 
jsos  über  den  Taurus  gegangen  und  zum  Teil 
n Pamphylien  geblieben,  zum  Teil  sich  in 
filikien  und  Syrien  zerstreut  haben,  Strab.  14 
i.  668.  Sophokles  verlegte  den  Seherstreit 


Amphilochos  306 

des  Kalchas  und  Mopsos  und  den  Tod  des  Kal- 
chas, wie  auch  andere  thaten,  nach  Kilikien, 
indem  er  es  Pamphylien  nannte.  Strab.  14 
p.  675.  Pamphylien  und  Kilikien,  Stammsitze 
semitischer  Nationen,  waren  ein  rechtes  Prophe- 
tenland, weshalb  die  Griechen  bei  zunehmen- 
der Hellenisierung  dieser  Gegenden  auch  ihre 
Propheten  hierher  gelangen  liefsen.  Die  Pam- 
phylier  leitet  Herodot.  7,  91  von  dem  mit  Kal- 

lo  chas  und  Amphilochos  aus  Troja  gekommenen 
Volke  ab.  Vgl.  Strab.  14  p.  668.  Quint.  Sm. 

14,  367.  Die  Stadt  Poseideion  an  der  Grenze 
von  Kilikien  und  Syrien  nennt  Herod.  3,  91 
eine  Gründung  des  Amphilochos.  Zu  Mallos 
in  Kilikien  hatte  Amphilochos  ein  berühmtes 
Orakel  (yccvxdov  äipsvdioxuxov  xcov  in  iyov, 
Paus.  1,  34,  2).  Es  galt  als  eine  gemeinschaft- 
liche Gründung  des  Mopsos  und  Amphilochos. 
Strab.  14  p.  675,  vgl.  Cic.  de  divin.  1,  40,  88. 

20  Nach  der  Gründung  ging,  wie  Strab.  14  p.  676 
erzählt,  Amphilochos  nach  Argos,  kehrte  aber, 
da  ihm  die  dortigen  Verhältnisse  nicht  gefielen, 
nach  Mallos  zurück , und  da  Mopsos  ihm  den 
Anteil  an  dem  Orakel  verweigerte,  gerieten 
sie  in  einen  Zweikampf,  in  welchem  beide 
fielen.  Ihre  Gräber  bei  Megarsa  am  Flusse  Py- 
ramos  waren  feindlich  geschieden,  man  konnte 
von  dem  einen  aus  das  andere  nicht  sehen. 
Vgl.  Lykophr.  439  ff.  Tzetz.  zu  Lyh.  439.  440. 

30  444.  980.  Lukian.  Alex.  29.  Deor.  cqncil.  12. 
Eupliorion  bei  Meinehe,  Anal.  90.  Über  das 
Orakel  zu  Mallos  G.  Wolff,  de  noviss.  orac.  aet. 
30.  Vgl.  Preller,  gr.  Myth.  2 S.  481  ff.  Nach 
Hesiod  b.  Strab.  14  p.  676  ward  Amphilochos 
von  Apollon  bei  Soloi  getötet.  Selbst  in  Spa- 
nien glaubte  man  an  eine  Einwanderung  des 
Sehers  Amphilochos.  Strab.  3 p.  157.  Justin. 
44 , 3.  Nach  Thukyd.  2 , 68  (vgl.  Strab.  7 
p.  326.  10  p.  462.  Paus.  2,  18,  4)  kehrte  Am- 

40  philochos  von  Troja  nach  Argos  zurück  und 
begab  sich  dann,  unzufrieden  mit  den  dortigen 
Verhältnissen,  nach  Akarnanien,  wo  er  Argos 
Amphilochikon  gründete.  Vgl.  No.  2.  Amphi- 
lochos hatte  ein  Heroon  zu  Sparta,  Paus.  3, 

15,  6;  in  Athen  einen  Altar,  Paus.  1,  34,  2. 
In  Oropos  wurden  er  und  seine  Kinder  neben 
Amphiaraos  verehrt , Paus.  1.  34,  2.  S.  Alk- 
maion. — 2)  Sohn  des  Alkmaion  und  der  Manto, 
der  Tochter  des  Teiresias,  s.  Alkmaion.  Er 

50  gilt  für  den  Erbauer  von  Argos  Ampliilochi- 
kon  in  Akarnanien,  dessen  Gründung  übrigens 
auch  seinem  Vater  Alkmaion  und  dem  Amphi- 
lochos No.  1 zugeschrieben  wird.  Apollod.  3, 
7,  7.  Tzetz.  Lykophr.  440.  980,  wo  auch  in 
anderer  Beziehung  die  beiden  Amphilochos  ver- 
wechselt werden.  Von  väterlicher  wie  mütter- 
licher Seite  vongrofsen  Sehern  abstammend,  von 
dem  Melampodideu  Amphiaraos  und  von  Tei- 
resias, wurde  er,  selbst  ein  Seher,  als  der 

oo  Stammvater  der  ätolischen  und  der  akarnani- 
schen  Sehergeschlechter  angesehen.  Aristid. 
1 p.  77.  Melampodideu  in  Akarnanien,  dessen 
Seher  vor  allen  berühmt  waren  {Paus.  9,  31, 
.4.  Lübeck,  Aylaoph.  310),  werden  erwähnt  He- 
rodot. 7,  221.  S.  Preller , gr.  Mythol.  2 S.  369  f. 
— fl)  Sohn  des  Dryas,  Gemahls  der  Alkinoe, 
einer  Tochter  des  Korinthiers  Polybos.  Par- 
titen. Erot.  27.  [Stoll.] 


307 


'Aiupiloyica 


Amphion 


308 


’Afitpikoyiai , personificierfce  Wortstreite- 
reien,  Töchter  der  Eris,  lies.  Tlieog.  229.  Braun, 
gr.  Götter!  § 261.  267.  [Stoll.] 

AmpliiinäcllOS  (Agcpigaxo?) , 1)  Sohn  des 
Elektryon,  Königs  von  Mykene,  und  der  Anaxo, 
des  Alkaios  Tochter,  Bruder  der  Älkmene,  der 
mit  seinen  Brüdern  im  Kampfe  mit  den  Söh- 
nen des  Pterelaos,  welche  des  Vaters  Rinder 
wegtreiben  wollten,  umkam.  Apollod.  2,  4, 

5.  6.  — 2)  Sohn  des  Kteatos  und  der  Thero-  io 
nike,  Freier  der  Helena  ( Apollod . 3,  10,  8. 
Hygin.  f.  81),  Enkel  des  Aktor  oder  des  Po- 
seidon (II.  13,  185.  206),  einer  der  Anführer 
der  Epeier  vor  Troja  (11.  2,  620  u.  Scho!  Hyg. 
f.  97),  von  Hektor  erlegt,  I!  13,  185.  Paus. 

5,  3,  4.  Aristot.  Pep!  31  (Rergk).  — 3)  Sohn 
des  Polyxenos , eines  Führers  der  Epeier  vor 
Troja  (II.  2,  623),  der  seinem  Sohne,  welcher 
ihm  nach  der  Heimkehr  von  Troja  geboren 
wurde,  aus  Liebe  zu  seinem  gefallenem  Freunde  20 
Amphimachos  No.  2 dessen  Namen  beilegte. 
Sein  Sohn  war  Eleios.  Paus.  5,  3,  4.  — 4) 
Sohn  des  Nomion,  der  mit  seinem  Bruder 
Nastes  die  Karer  den  Trojanern  zu  Hilfe  führte, 
aber  von  Achilleus  in  den  Skamander  gestürzt 
ward.  II.  2,  870  f.  u.  Scho!  Quint.  Sm.  1,  281. 
Auson.  Epigr.  17.  — 5)  Ein  Grieche,  der  im 
trojanischen  Pferde  war.  Quint.  Smyrn.  12, 
325.  — 6)  Amphimachos  und  Donakinos  fan- 
den die  im  Gebiete  von  Schoinus  gelandeten  30 
Leichen  der  Ino  und  des  Palaimon  und  brach- 
ten sie  nach  Korinth  zu  Sisyphos.  Tzetz.  Ly- 
Ttophr.  107.  229.  Eudoc.  p.  238.  [Stoll.] 
Auiphiiuaros  (AgcpCyugo g),  Sohn  des  Posei- 
don , zeugte  mit  Urania  den  Linos.  Paus.  9, 
29,  3.  Vgl.  Eustath.  p.  1163,  62.  [Stoll.] 
Amphimedoii  (’Acptytdcav),  1)  Ithakesier,  Sohn 
des  Melaneus,  bei  welchem  sich  Agamemnon 
als  Gastfreund  aufhielt,  als  er  den  Odysseus 
zum  Zuge  nach  Troja  aufforderte.  Als  Freier  40 
der  Penelope  wurde  er  von  Telemachos  er- 
schlagen. Od.  22,  284.  24,  103.  115.  — 2)  Ein 
Libyer,  Genosse  des  Pliineus,  bei  der  Hochzeit 
des  Perseus  getötet.  Ovül.  Met.  5 , 75.  — 8) 
Trojaner,  von  dem  Lokrer  Aias  erlegt.  Quint. 
Smyrn.  13,  211.  [Stoll.] 

Ampliinöme  (’Aycpivöfig) , 1)  eine  der  Ne- 
reiden. I!  18,  44.  Eustatli.  p.  1130,  10.  Hyg. 
praef.  — 2)  Mutter  des  Iason,  Gemahlin  des 
Aison,  welche,  als  Pelias  das  ganze  Geschlecht  so 
des  Iason  vertilgen  wollte,  sich  selbst  tötete, 
nachdem  sie  den  Pelias  an  seinem  eigenen 
Herde  verflucht  hatte.  Hiod.  4,  50,  Vgl.  Apoll. 

1,  9,  27.  Dieser  nennt  sie  (1,  9, 16)  Polymede, 
Apoll.  Rh.  (1,  45  ff.)  Alkimede.  S.  Aison  und 
Iason.  — 8)  Tochter  des  Pelias,  von  Iason  mit 
Andraimon  vermählt.  Hiod.  4,  53.  — 1)  Mutter 
des  Böotiers  Harpalion,  welchen  Aineias  vor 
Troja  erlegte,  Gemahlin  des  Arizelos.  Quint. 
Smyrn.  10,  75.  [Stoll.]  eo 

Ampliinomos  (’Aycpivoyos),  1)  Sohn  des  Ni- 
sos  aus  Dulichion,  Freier  der  Penelope,  von 
Telemachos  erlegt.  Od.  16,  394.  18,  395.  412. 
22,  89.  Strab.  7 p.  328.  — 2)  Vater  der  Thy-  ■ 
ria,  mit  welcher  Apollon  den  Kyknos  zeugte. 
Ant.  Lib.  12.  — 3)  Ein  Trojaner,  von  Neo- 
ptolemos  erschlagen.  Quint.  Smyrn.  10,  88.  — 

4)  Nach  Pherekydes  einer  von  den  Gefährten 


des  Odysseus , welche  von  der  Skylla  ver- 
schlungen wurden.  Scho!  Od.  12,  257.  [Stoll.] 
Amphion  (’Agrpioiv),  1)  Sohn  des  Zeus  und 
der  Antiope  (s.  d.),  einer  Tochter  des  Asopos 
oder  des  Nykteus,  Königs  in  Ilyria  oder  in 
dem  an  der  Nordseite  des  Kithairon  gelegenen 
Hysiai  (Müller,  Orchom.  S.  99.  Stark,  Niobe 
361  f.  Preller,  gr.  Myth.  2 S.  30),  Zwillings- 
bruder des  Zethos.  Vgl  .Horn.  Od.  11,260.  Apol- 
lod. 3,  10,  1.  Paus.  2,6,2.  Ap.  Rh.  1,  735  und 
Scholiast,  der  fälschlich  zwei  Antiopen  an- 
nimmt, Tochter  des  Nykteus  und  Tochter  des 
Asopos,  und  diese  zur  Mutter  der  Zwillingsbrüder 
macht.  An  den  Kithairon  (vgl.  über  dessen  Be- 
deutung in  der  griechischen  Mythenwelt  Stark 
a.  a.  O.  S.  364.  387)  und  seine  Umgebung  sind 
besonders  die  Sagen  von  Antiope  und  der 
Jugend  ihrer  Kinder  geknüpft.  Im  Kithairon 
war  ihr  wegen  ihrer  Schönheit  (Paus.  2,  6,  2. 
Ap.  Rh.  4,  1090.  Hygin.  f.  8.  Proper!  1,  4,  5; 
ihr  Bild  war  von  den  Sikyoniern  in  den  Tempel 
der  Aphrodite  gestellt,  wie  eines  der  Helena, 
Paris.  2,  10,  4)  Zeus  genaht,  und  zwar  in  Gestalt 
eines  Satyrs,  was  vielleicht  zuerst  von  Euripi- 
des  in  seiner  Tragödie  Antiope  gedichtet  war 
(Stark  S.  365).  Scho!  Ap.  Rh.  4,  1090.  Ovid. 
Met.  6,  110.  Stat.  Theb.  9,  423.  Mythogr. 
Vat.  1,  204.  Io.  Mala!  p.  49.  Georg.  Oedr.  1 
p.  44.  S.  Welcher,  gr.  Trag.  2 S.  817,  der 
S.  811: — 828  die  Antiope  des  Euripides  be- 
spricht. Vgl.  Valckenaer  Hiatr.  c.  7.  8 p.  58 — 
— 87.  Ilcyne,  Antiqu.  Aufs.  2 S.  206  — 212. 
NaucJc , fragm.  trag.  Graec.  p.  326  sqq.  Preller, 
gr.  Myth.  2 S.  32.  Den  Inhalt  der  euripide- 
ischen  Tragödie,  welche  Ennius  nachgebildet 
hat  (0.  Ribbeck,  Tragic.  lat.  reliqu.  p.  279) 
giebt  Hygin.  f.  8 folgendermafsen : Antiope, 
die  Tochter  des  Nykteus,  wurde  wegen  ihrer 
Schönheit  von  Zeus  geschwächt.  Da  der  Vater 
sie  deswegen  strafen  wollte,  entfloh  sie  und 
traf  zufällig  mit  Epopeus  (Hygin  schreibt  Epa- 
phus  für  Epopeus,  wie  auch  sonst  die  römi- 
schen Grammatiker,  z.  B.  Scho!  Stat.  Theb.  u. 
Mythogr.  Vatic .),  dem  König  von  Sikyon  zu- 
sammen, der  sie  mit  sich  nach  Hause  nahm 
und  heiratete.  (Oder  sie  floh  direkt  nach  Sikyon 
zu  Epopeus  und  heiratete  ihn,  Apollod.  3,  5,  5 
vgl.  Scho!  Ap.  Rh.  4,  1090).  Nykteus  starb 
aus  Gram  und  Zorn  (oder  tötete  sich  selbst, 
Apollod.),  beschwor  aber  sterbend  seinen  Bruder 
Lykos,  dem  er  die  Herrschaft  hinterliefs,  dafs 
er  Antiope  (und  Epopeus)  bestrafe.  Lykos  zog 
gegen  Sikyon,  tötete  den  Epopeus  und  führte 
Antiope  in  Fesseln  mit  sich  fort.  Im  Kithai- 
ron (bei  Eleutherai,  Apollod.)  gebar  Antiope 
Zwillinge  und  liefs  sie  dort  zurück.  (Nach 
Scho l.  Ap.  Rh.  hatte  sie  schon  vor  dem  Kriegs- 
zug des  Lykos  gegen  Sikyon  die  Zwillinge  ge- 
boren und  im  Kithairon  bei  einem  Hirten  aus- 
gesetzt). Ein  Hirte  (ein  Höriger  des  Pandio- 
niden  Oineus,  wohnhaft  zu  Eleutherai  am  Nord- 
abhang des  Kithäron,  Dio  Ghrys.  15  p.  447, 
ohne  Zweifel  nach  Euripides)  zog  die  Knaben 
auf  und  nannte  sie  Zethos  und  Amphion.  Ly- 
kos übergab  Antiope  seiner  Gemahlin  Dirke 
zur  Peinigung  (Lykos  und  Dirke  peinigen  sie 
in  Gemeinschaft,  Apollod.)-,  aber  sie  entflieht 
später  bei  günstiger  Gelegenheit  (die  Fesseln 


309*  Amphion 

waren  ihr  von  selbst  abgefallen,  jedenfalls  auf 
Veranstaltung  des  Zeus,  Apollod.)  und  kommt 
in  dem  Kitliairon  zufällig  zu  dem  Gehöfte,  wo 
ihre  indes  herangewachsenen  Söhne  wohnten. 
Zethos  hält  die  um  Schutz  Flehende  für  eine 
flüchtige  Sklavin  und  weist  sie  zurück.  Unter- 
dessen kam  Dirke , welche  als  Bakekantin 
mit  andern  Frauen  im  Ivithairon  umher- 
schwärmte, zu  demselben  Gehöfte,  fand  An- 
tiope  und  schleppte  sie  fort,  um  sie  zu  töten.  10 
(Dirke  übergab  sie  ihren  Söhnen,  um  sie  zu 
töten,  Schul.  Ap.  Rh.).  Da  entdeckte  der  Hirt 
den  Jünglingen,  dafs  Antiope  ihre  Mutter  sei. 

Sie  eilen  der  Dirke  nach  und  entreifsen  ihr 
die  Mutter;  die  Dirke  aber  binden  sie  mit  den 
Haaren  an  die  Hörner  eines  Stieres  und  töten 
sie  so.  Da  sie  im  Begriffe  waren,  auch  den 
Lykos  (welchen  sie  unter  dem  Vorwand  her- 
beigerufen, ihm  die  Antiope  übergeben  zu  wol- 
len, Schol.  Ap.  Eh.)  zu  töten,  verbot  es  ihnen  20 
Hermes,  der  dem  Lykos  befahl,  die  Herrschaft 
dem  Amphion  abzutreten  (nach  Apollodor  töten 
sie  ihn).  So  die  Erzählung  bei  liygin.  f.  8, 
womit  im  allgemeinen  Apollodor  und  Schol. 
Ap.  Eh.  a.  a.  0.  übereinstimmen.  Nach  Paus. 

2,  6,  2 hatte  Epopeus  des  Nykteus  Tochter  aus 
Theben  geraubt.  Nykteus  zog  gegen  Sikyou, 
wurde  in  einer  Schlacht  besiegt  und  auf  den 
Tod  verwundet.  Sterbend  übertrug  er  seinem 
Bruder  Lykos  die  Rache.  Da  aber  Epopeus  30 
unterdessen  ebenfalls  an  einer  in  der  Schlacht 
empfangenen  Wunde  gestorben  war,  so  war 
Lykos  des  Kriegs  überhoben;  denn  Lamedon, 
der  Nachfolger  des  Epopeus,  lieferte  freiwillig 
die  Antiope  aus.  Auf  dem  Wege  nach  The- 
ben gebar  sie  die  Zwillinge.  Als  den  Ort,  wo 
Antiope  die  Knaben  niederlegte,  nennt  Paus. 

1,  38,  9 eine  Grotte  bei  Eleutherai;  in  deren 
Nähe  war  eine  kalte  Quelle,  in  welcher  der 
Hirte  die  Knaben  wusch,  liygin.  f.  7 giebt  10 
uns  noch  eine  andere  Version  der  Sage : Antiope, 
des  Nykteus  Tochter,  war  des  Lykos  Gemah- 
lin und  wurde  von  ihm,  da  Epopeus  ihr  heim- 
lich beigewohnt,  verstofsen,  worauf  Zeus  ihr 
nahte.  Lykos  heiratete  jetzt  die  Dirke,  und 
da  diese  Verdacht  hatte,  dafs  ihr  Gemahl  heim- 
lich noch  die  Antiope  liebte,  liefs  sie  dieselbe 
durch  ihren  Diener  fesseln  und  einkerkern. 
Als  die  Zeit  ihrer  Geburt  nahte,  entfloh  An- 
tiope mit  dem  Willen  des  Zeus  in  den  Kithai-  50 
ron,  wo  sie  eine  Stätte  zur  Niederkunft  suchte 
und  an  einem  Zweiwege  gebar.  Deshalb  be- 
nannten die  Hirten,  welche  die  Knaben  wie 
ihre  Kinder  aufzogen,  den  Zethos  ctn'o  zov  £1 p 
zslv  z 07tov  und  den  Amphion  ozt  sv  8io8co  r) 
ozl  dficpl  bSov  avzov  irii isv.  Ebenso  Euripi- 
des:  nccQa  zb  nctQa  zrjv  aycpoSov  ’r'iyovv  naget 
zo  apcpl  zr\v  bSov  yevvri&rjvcu  (Fr.  182  bei 
Nauck,  fragm.  trag.  gr.  p.  328)  und  Zethos 
von  'Qyztiv  (vgl.  184).  Et.  M.  p.  92,  27.  Art-  60 
stoph.  fr.  304.  S.  Stark  S.  3G7,  der  den  Namen 
Amphion  von  der  Doppelseitigkeit  der  Brüder 
und  Zethos  von  fs co  herleitet.  Eifersucht  der 
Dirke  gegen  Antiope  bei  ihrer  Peinigung  neh- 
men auch  an  Propert.  3 , 15.  Lutat.  zu  Stat. 
Titelt.  4,  570.  Mythogr.  Vat.  1,  97.  2,  74.  Epi- 
gramm v.  Kyzik.  7.  Nach  Schol.  Eurip.  Phoen. 
102  wurde  Antiope  von  Dirke  dem  Zethos  und 


Amphion  310 

Amphion,  welche  auf  einem  Gehöfte  der  Dirke 
aufgewachsen  und  daher  ihre  Diener  waren, 
übergeben,  damit  diese  sie  durch  Stiere  zer- 
reifsen  (dheionctoca)  liefsen,  weshalb  Dirke  her- 
nach derselben  Strafe  verfällt.  Wahrschein- 
lich erlitt  auch  bei  Euripides  Dirke  die  de:- 
Antiope  zugedachte  Strafe  durch  die  Zwillings- 
brüder, indem  sie  von  einem  wilden  Stier 
zu  Tode  geschleift  wurde.  Welcher  S.  825. 
Die  Scene , wie  Dirke  von  den  beiden  Brü- 
dern zur  Strafe  an  den  Stier  gebunden  wird, 
ist  dargestellt  in  der  berühmten  Kolossal- 
gruppe in  Neapel,  dem  sogen.  Farnesischen 
Stier  (toro  Farnese),  gearbeitet  von  den  tral- 
lianischen  Künstlern  Apollonios  und  Tauriskos, 
Plin.  36,  4, 10.  Winckeltnann,  W.  6,  1 S.  128  ff. 
(vgl.  2 S.  233).  7 S.  190.  Heyne,  antiquar. 
Aufs.  2 S.  182.  Welcher,  alte Dcnkm.  1 S.  352  ff. 

0.  Jahn  in  der  archäol.  Zeitung  1853,  n.  56  f. 
vgl.  11.  58.  Müller,  Handb.  d.  Arch.  § 157. 
Denkm.  d.  a.  K.  l,  Taf.  47  , n.  215  a.  Over- 
beck, Gesell,  d.  griech.  Plastik  2 S.  240  ff.  Die- 
selbe Gruppe  auf  einer  Münze  von  Thyateira 
(Eckhel,  N.  aneccl.  tb.  15,  1,  vgl.  J).  N.  3 p.  91. 
122.  Müller  a.  a.  0.  n.  215  b)  und  auf  Reliefs 
etruskischer  Totenkisten  (archäolog.  Zeitung 
1852,  S.  502  f.).  Eine  freiere  Nachbildung  die- 
ser Gruppe  auf  einer  Gemme  bei  Millin  Gail, 
myth.  pl.  140,  n.  514.  Müllern,,  a.  0.  n.  215c,*) 
Dirke  wurde  von  Zethos  und  Amphion  in  die 
gleichnamige  Quelle  geworfen  (Apollod.  3,  5,  5. 
Paus.  9,  25,  3)  oder  von  Dionysos,  dessen  Ba- 
kchantin  sie  war  (Paus.  9,  17,  4),  in  diese  Quelle 
verwandelt.  Hyg.  f.  7.  Eine  Quelle  Dirke  war 
im  Kithairon,  der  bei  Stat.  Theb.  9,  678  ff. 
mons  THrcaeus  heilst,  Preller , gr.  Myth.  2 S. 
33.  Stark,  Niobe  S.  365.  Bekannter  ist  die 
Quelle  Dirke  bei  Theben,  von  der  dieselbe 
Sage  gilt.  Stellensammlung  über  Dirke  bei 
Unger,  Theb.  Paradox,  p.  82 — 103.  Antiope 
ward  von  dem  durch  den  Tod  der  Dirke  er- 
zürnten Dionysos  in  Wahnsinn  versetzt  und 
schweifte  umher,  bis  Phokos  in  Titkorea  sie 
heilte  und  heiratete.  Hier  starb  sie  und  ruhte 
mit  Phokos  in  gemeinsamem  Grab.  Paus.  9, 
17,  4.  10,  32,  7.  Den  Lykos  versetzte  Posei- 
don auf  die  Seligen  Inseln.  Apollod.  3,  10, 

1 , s.  Stark,  Niobe  393.  — In  der  Stille  des 
Landlebens  hatten  die  Zwillingsbrüder  sich  zu 
zwei  ganz  verschiedenen  Charakteren  heraus- 
gebildet. Zethos  war  kräftig,  rauh  und  harten 
Sinnes  (Horaz  nennt  ihn  severus,  Properz  du- 
rus,  Seneca  trux)  und  der  Jagd  und  Vieh- 
zucht ergeben,  Amphion  dagegen,  von  weiche- 
rem und  zarterem  Gemüt  (mollis,  Properz), 
liebte  Gesang  und  Saitenspiel,  ein  Gegensatz, 
der  von  Euripides  in  der  Antiope  und  von 
anderen  Schriftstellern  so  entwickelt  ward,  dafs 
sie  zu  Vertretern  des  musischen  und  banausi- 
schen, des  philosophischen  uud  praktischen 
Sinnes  und  Lebens  geworden  sind : Eubul.  bei 
Athen.  2 p.  47,  vgl.  8 p.  351  B.  Apollod.  3, 
5,  5.  Au  et.  ad  llerenn.  2,  27,  43.  Cie.  de  inv. 
1,  50,  94.  de  or.  2,  37,  155.  de  rep.  1,  18,  30. 
Verg.  Ed.  2 , 23  und  Serv.  Lutat.  zu  Stat. 

*)  Andere  Monumente  sind  publiciert  von  Dilthey, 
Archäol.  Zeitung  1878  Taf.  7 — 9.  [Schreiber] 


311  Amphion 


Amphion  3 12 


Achill.  1,  13.  Horat.  Ep.  1,  18,  41.  Propert. 
3,  15,  19.  41.  Senec.  Here.  für.  916.  Dio  Chrys. 
or.  73  extr.  S.  Welcher,  gr.  Trag.  2 S.  818 — 
823.  Auch  in  der  Gruppe  des  farnesischen 
Stieres  ist  der  Kontrast  im  Charakter  der 
Brüder  sichtbar.  [Noch  deutlicher  ist  er  an- 


gegeben in  dem  schönen  Relief  des  Palazzo 
Spada,  wo  Zethos  als  rüstiger  Jäger,  Amphion 
als  Freund  des  Leierspiels  fein  charakterisiert 
wird  (Matz-Buhn,  Antike  Bildwerke  in  Rom 
No.  3565.  Braun , Zwölf  antike  Basreliefs  Taf. 
3.  Schreiber].  Asios  in  den  Versen  bei  Baus. 


2,  6,  2 scheint  den  Amphion  als  Sohn  des 
Zeus,  den  Zethos  als  Sohn  des  menschlichen 
Epopeus  anzunehmen  (das  gleiche  Verhältnis 
bei  Kastor  und  Polydeukes),  und  darin  schei- 
nen ihm  manche  von  den  Späteren  gefolgt 
zu  sein.  Das  musikalische  Wesen,  das  auch 
in  den  Dioskuren  von 
Sparta  vorausgesetzt 
wird,  aber  wenig  ent- 
wickelt ist  ( Theo - 
krit.  Id.  22,  24  ruft 
sie  an  als  Imtrjeg,  v.i- 
üaQiGuxl , ds&lrjTrj- 
q eg,  doiSoi),  tritt  bei 
Amphion  (dem  böo- 
tisclien  Dioskuren) 
ganz  besonders  her- 
vor. Er  war  berühmt 
unter  den  mythi- 
schen Sängern  und 
Musikern,  wurde  ne- 
ben Thamyris , Or- 
pheus und  Linos  ge- 
stellt und  galt  wohl 
auch  für  den  älte- 
sten Sänger,  den  Her- 
mes mit  der  Leier 
beschenkte  und  das 
Spiel  lehrte  , der 
Tiere  und  Steine  mit 
sich  fortrifs.  SoEu- 
melos  in  der  Euro- 
pia  und  der  Verfas- 
ser der  Minyas  bei 
Baus.  9,5,4.  In 
den  alten  musika- 
lischen Überlieferun- 
gen von  Sikyon  war 
Amphion  an  die 
Spitze  der  Kitharö- 
den  gestellt,  Plut. 
de  music.  c.  3 p. 
1132.  Myro  (Baus.  , 
a.  a.  0.)  sagte,  dafs 
Amphion  von  Her- 
mes mit  der  Leier 
beschenkt  worden 
sei,  weil  er  ihm  zu- 
erst einen  Altar  (al- 
so einen  Kultus)  ge- 
gründet habe.  Vgl. 
Panyasis  und  Alexan- 
der Aitolos  bei  Bro- 
bus  ad  Verg.  Ecl.  2, 
24,  wo  zu  schreiben: 
quod  primus  ei  aram 
dedicaverit  oder  (ju. 
pr.  ei  in  ara  libave- 
rit  ( Meineke , Anal. 
p.  251).  Auf  Hermes 
wird  gewöhnlich  die 
Kitharödik  des  Am- 
phion zurückgeführt  (vgl.  Apollod.  3,5,5.  Scliol. 
Eurip.  Bhoen.  115.  Horat.  Carm.  3,11, 1.  Lutat. 
ad  Stat.  Theb.  1,  10.  Achill.  3,  11.  Blin.  N.  H. 
7,  56,  204.  Stark,  Niobe  S.  373  f.  über  Am- 
phions  Stellung  zu  Hermes) , oder  auch  auf 
Zeus  (Eustath.  Od.  11,  262.  Herakleides  bei 


Amphion  u.  Zethos,  Relief  des  Pal.  Spada  (nach  Braun , Zwölf  antilce  Basrel.  Taf.  3). 


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313  Amphion  Amphion  314 


Vlut.  de  inusic.  3.  Eudoc.  Viol.  p.  18),  oder 
ruf'  die  Musen  ( Pherclcydes  und  Armenidas  b. 
Schol.  Ap.Rh.  1,  740.  tichol.  Hom.il.  13,301), 
ober  auf  Apollon  erst  spät;  erst  Dioskorides, 
sin  jüngerer  Epigramm endichter,  läfst  den  Am- 
ohion  die  Leier  von  Apollon  erhalten,  und  die 
späteren  Rhetoren  wie  die  Byzantiner  schlie- 
ßen sich  dann  an.  Schol.  Ap.  Rh.  1 , 740. 
Menand.  n.  eniöeiy.z.  IG  p.  327,  12.  Eustath. 
Od.  11,  2G2.  Eudoc.  p.  18.  Iul.  Valer.  de  reb.  to 
■fest.  Alex.  1,  66.  — Der  Mythus  von  Zetlios 
and  Amphion  haftet  an  verschiedenen  Or- 
ien  Böotiens  und  der  Nachbarschaft,  konzen- 
triert sich  aber  zuletzt  auf  Theben.  Euri- 
oides  in  der  Antiope  nimmt  Hysiai  als  Wohn- 
art  des  Nykteus  und  Ly  kos  an;  bei  Äpollod. 

},  5,  5.  7 wohnten  Nykteus  und  Lykos,  von 
Euböa  flüchtig,  in  Hyria,  von  wo  aus  Lykos 
len  Laios  in  Theben  der  Herrschaft  beraubte; 

3r  wurde  von  den  Thebanern  zum  Kriegs-  20 
Fürsten  (noleyixgxog)  erwählt  und  nach  einer 
Herrschaft  von  20  Jahren  von  Zethos  und  Am- 
phion, nachdem  sie  die  Dirke  bestraft  hatten, 
jetötet,  worauf  diese  selbst  sich  zu  Herren  der 
Stadt  machten.  Nach  ihrem  Tode  wird  Laios 
König.  Nach  Paus.  9,  5,  2.  3.  5 ist  Nykteus 
während  der  Minderjährigkeit  des  Labdakos 
König  in  Theben , und  nach  ihm  wird  Lykos 
Vormund  des  Labdakos  und  darauf  des  Laios. 
Zethos  und  Amphion  besiegen  den  Lykos  in  30 
ainer  Schlacht  und  nehmen  dem  Laios  die 
Herrschaft.  Nach  Pherekycles  bei  Schol.  Ap. 
Eh.  1,  735  ummauerten  Zethos  und  Amphion 
f heben,  um  es  gegen  die  Phlegyer  zu  schützen, 
welche  dem  damaligen  König  Kadmos  feind- 
selig waren.  Nach  Syncell.  p.  15  7.  Euseb. 
p.  29  n.  632  verjagen  sie  diesen.  Polydoros, 
les  Kadmos  Sohn,  vertreibt  sie  wieder,  Diod. 

L9,  53.  Vor  der  thebanischen  Herrschaft  safsen 
sie  in  Eutresis  bei  Thespiai,  das  sie  ummauer-  40 
en,  Strabo  9 ja.  411.  Steph.  Byz.  v.  Evzgyoig. 
Eustath.  II.  2,  502.  So  werden  die  Mitglieder 
lieses  kriegerischen  Geschlechtes  von  Hyria 
m verschiedenen  Stellen  in  das  thebanische 
Königsgeschlecht  der  Kadmiden  eingeschoben; 
sie  unterbrechen  es  als  Usurpatoren  der  Herr- 
schaft und  bilden  als  Kriegsfürsten  ( nolsycig - 
(oi)  einen  Gegensatz  gegen  das  priesterliche 
Königtum  ( ßaailsig ) der  Kadmiden.  EineVer- 
jindung  des  amphionischen  Geschlechtes  mit  50 
len  Kadmiden  findet  nicht  statt.  S.  Müller, 
Orchotn.  S.  99.  227  ff.  Andere  lassen  noch  vor 
Kadmos  den  Zethos  u.  Amphion  in  Theben  sitzen 
and  die  Stadt  zum  Schutz  gegen  die  räube- 
•ischen  Phlegyer  ummauern.  Nach  ihrem  Tode 
.cam  der  Phlegyerkönig  Eurymaclios  heran  und 
verstörte  Theben.  Die  Stadt  lag  verödet  bis  zur 
Ankunft  des  Kadmos,  der  sie  auf's  neue  aufbaute. 
Schol.  II.  13,  301.  Eustath.  Od.  11,  262.  Müller, 
Orchom.  S.  191.  — Allgemeiai  bekannt  ist  die  GO 
Befestigung  Thebens  durch  Zethos  u.  Amphioia. 
Hom.  Od.  11,  262  sagt,  dafs  beide  zuerst 
len  Sitz  des  siebenthorigen  Thebeais  gründe- 
'en  und  ummauerten,  da  sie,  obgleich  stai-k, 
lie  Stadt  nicht  ohne  Mauern  und  Türme  be- 
vohnen  konnten.  Die  Unterstadt  Theben  ( f] 
lato)  710hg,  'TjTo&rißri  oder  auch  ©rißg)  wurde 
ron  den  Brüdern  ummauert,  als  Neustadt  zu 


der  von  Kadmos  erbauten  Burg  Kadmeia,  Paus. 
2,  6,  2.  9,  5,  3.  Homer  sagt  nichts  von  der 
anusischen  Kunst  des  Amphioai  und  der  Zu- 
sammenfügung der  Mauern  durch  seine  Leier. 
Schon  Hesiod , der  böotische  Sänger-,  soll  nach 
Palaepli.  42  erzählt  haben , dafs  Zethos  und 
Amphion  die  Mauer  voia  Theben  durch  die 
Kithara  erbaut  hätten  (lies.  fr.  204.  Lehrs). 
Auch  Eumelos  in  der  Europia  hatte  davon 
berichtet,  Paus.  9,  5,  4.  Die  weitere  Sage  bringt 
auch  in  diesen  Mauerbau  den  Gegensatz  der 
Brüder:  während  der  rauhe  und  starke  Zethos 
die  Steinblöcke  mit  gewaltiger  Kraft  zur 
Mauer  auftürmte,  setzte  Amphion  an  seiner  Bau- 
stelle die  Steine,  und  noch  gröfsere,  ohne  Aaa- 
strengung  durch  seiaae  Laute  in  Bewegung, 
ein  Gegensatz , wie  wir  ihn  auch  zwischen 
Poseidon  und  Apolloaa  bei  dem  trojanischen 
Mauerbau  seheai.  Ap.  Rh.  1,  735.  Über  den 
Mauerbau  von  Theben  s.  Apollod.  3,  5,  5.  Schol. 
Ap.  Rh.  1,  740.  763.  Schol.  Eurip.  Phoen.  116. 
Tzetz.  Lylc.  436.  598.  1209.  Hygin.  f.  9.  Ho- 
rat.  Od.  3,  11,  2.  Ars  poet.  394.  Propert.  1, 
9,  10.  Ovid.  Met.  6,  178.  Senec.  Here.  für. 
262  f.  915.  Phoen.  566  ff.  Stat.  Silv.  2,  2,  60  ff. 
Theb.  4,  357  ff.  und  sonst.  Plut.  de  princ.  5. 
Nonn.  Dionys.  25,  415  ff.  Unger  Hieb.  Parad. 
c.  2.  3.  Die  Stadt  erhielt  7 Thore,  weil  die 
Leier  Amphions  7 Saiten  hatte  ( Eustath . Od. 
11,  263),  und  Amphion  benannte  die  Thore 
nach  deia  Namen  seiner  Töchter,  Hygin.  f.  69, 
doch  stimmen  die  angeführten  Namen  der 
Töchter  nicht  mit  denen  der  Thore,  s.  Stark, 
Niobe  S.  381  ff.  Auch  die  Bewohaaer  von  Epi- 
damiaos  rühmten  sich  von  Amphion  erbauter 
Mauern  (Stellen  bei  Unger,  Theb.  Parad.  1,  3 
p.  43 — 52),  und  eine  athenische  Inschrift  einer 
treffiicheir  Mauer  stellt  die  zauberische  Sanges- 
kunst des  Amphion  uaad  Ivyklopenhände  zu- 
sammen. Göttling  in  Ber.  d.  K.  S.  Ges.  der 
Wiss.  1853  Mai.  Stark,  Niobe  S.  376.  — In 
Theben  vermählte  sich  Zethos  mit  Thebe  (Apol- 
lod. 3 , 5 , 6)  oder  Niobe  (Schol.  II.  24 , 602) 
oder  mit  Aedon  und  starb  aus  Trauer , als 
diese  durch  eine  unglückliche  Verwechselung 
ihren  eigenen  Sohn  getötet  hatte , s.  Aedon. 
Amphion  heiratete  Niobe , die  Tochter  des 
Tantalos.  Dies  ist  vielleicht  schon  seit  He- 
siod (s.  Apollod.  3,  5,  6),  entschieden  aber  seit 
Pherekydes  von  Lei-os  die  herrschende  Angabe 
(Stark,  Niobe  S.  368 f.),  während  eine  ältere 
Tradition  ihm  die  Hippomedusa  zur  Gattin 
giebt,  Eustath.  Od.  19,  518.  Spätere  Autoren 
erzählen,  dafs  Pelops,  als  er  aus  Asien  nach 
Griechenland  flüchtete,  seine  Schwester  Niobe 
dem  Amphion  in  Theben  vermählt  habe.  Ni- 
col. Damasc.  Müller,  Frgm.  hist.  gr.  3 p.  367, 
17.  Strab.  8 p.  360.  vgl.  Paus.  6,  20,  8.  Bei 
der  Hochzeit  der  Niobe  wurde  nach  Pindar 
(Plut.  de  mus.  15  p.  1136,  22.  Find.  Fr.  42 
Bergk)  zuerst  die  lydische  Harmonie  gelehrt  und 
lyrische  Weisen  kamen  dabei  zur  Aufführung; 
Amphion  hatte  sie  infolge  der  Verwandtschaft 
mit  Tantalos  gelernt,  Paus.  9,  5,  4.  Über  die 
Kinder  des  Amphion  und  der  Niobe  und  das 
tragische  Ende  des  Amphionischen  Hauses  s. 
Niobe.  (Amphion  bei  der  Tötung  seiner  Kin- 
der in  Reliefdarstellungen  auf  Sarkophagen  s. 


315 


Amphion 


Amphios  316  31 


Stark,  Niobe  S.  192.  196;  ob  auch  in  der  be- 
kannten Niobidengruppe?  S.  31  lf.).  Amphion 
selbst  gab  sich  nach  dem  Untergang  der  Söhne 
den  Tod  ( Ovid . Met.  6,  271)  oder  ward  eben- 
falls nach  Erlegung  seiner  Kinder  erschossen 
( Apollod . 3 , 5 , 6).  Nach  Paus.  9,5,5  kam 
die  ganze  Familie  des  Amphion,  also  wohl 
auch  er  selbst,  durch  eine  Pest  (die  Pfeile  des 
Apollon)  um.  Nach  LuJcian.  cle  satt.  c.  41  ward 
Amphion  wahnsinnig.  Als  er  den  Tempel  des  io 
Apollon  (das  Ismenion  bei  Theben  oder  den  del- 
phischen) zu  stürmen  und  zu  vernichten  ver- 
suchte, erschofs  ihn  Apollon.  Hygin.  f.  9.  My- 
thogr.  Vat.  1,  156.  Nachher  Angabe  des  Tima- 
goras in  den  Thebaika  (Schot.  Eurip.  Phoen.  159. 
Müller  frgm.  hist.  gr.  4,  p.  520)  kam  Amphion 
mit  seinem  Hause  uui  durch  eine  Reaktion 
der  älteren  Bevölkerung  gegen  die  mächtigen 
Eindringlinge.  Er  erzählt , dafs  die  Spartoi, 
von  Amphion  und  seiner  Familie  bedrückt,  20 
diesen,  als  sie  nach  Eleutherai  zu  einem  Fa- 
milienopfer gingen,  einen  Hinterhalt  legten 
und  sie  erschlugen.  In  der  Unterwelt  ward 
Amphion  auf  dieselbe  (jedoch  nicht  bekannte) 
Weise  wie  Thamyris,  der  wegen  seiner  Prah- 
lerei gegen  die  Musen  biifste , gestraft , weil 
er  gleich  Niobe  gegen  Leto  und  ihre  Kinder 
mit  Worten  gefrevelt  (ix  .. . axiSQQiifs).  Minyas 
bei  Paus.  9,  5,  4.  Welcher  Ep.  Cycl.  1.  S.  258. 
Stark,  Niobe  S.  386.  — - In  Theben  existierten  30 
später  noch  manche  Erinnerungen  an  Amphion 
und  seine  Familie.  Eine  Anhöhe  nordöstlich 
von  der  Kadmeia  liiefs  t 6 ’Agyuov.  Xenoph. 
Hellen.  5,  4,  8.  Arr.  Anab.  Alex.  1,  8,  6.  Stark 
S.  378.  Bursian,  Geogr.  v.  Griechenl.  1.  S.  228. 
Nicht  weit  davon  war  das  gemeinsame  Grab 
des  Amphion  und  Zethos.  Paus.  9,  17,  3.  10, 

32,  7.  Aeschyl.  S.  c.  Tlieb.  527.  Eurip.  Phoen. 
146  mit  Scliol.  Suppl.  665.  Aristot.  Pepl.  41. 
Plut.  gen.  Socr.  4.  Stark  S.  378  f.  Bei  dem-  40 
selben  lagen  als  Grundmauer  benutzte,  nicht 
sehr  sorgfältig  bearbeitete  Steine,  welche  nach 
dem  Volksglauben  der  Leier  des  Amphion  ge- 
folgt waren.  Paus.  9,  17,  5.  In  demselben 
Stadtteil,  in  der  Nähe  des  prötischen  Thores 
waren  auch  die  Grabdenkmäler  der  Kinder  des 
Amphion,  die  der  Töchter  getrennt  von  denen 
der  Söhne.  Paus.  9,  16,  4.  Stark  379  f.  Ein 
halbes  Stadion  davon  lag  die  Pyra  derselben, 
von  welcher  man  noch  in  Pausanias’  Zeit  Asche  50 
bewahren  wollte.  Paus.  9,  17,  1.  Auch  zu 
Tithorea  am  Parnafs,  wo  Antiope  begraben  war, 
hatten  Zethos  und  Amphion  ein  gemeinsames 
Grab.  Steph.  Byz.  v.  Ti&oQaia.  Paus.  9,  17, 

3.  10,  32,  6.  Wenn  die  Sonne  in  das  Zeichen 
des  Stiers  trat  (im  April,  Ovid.  Fast.  4,  716. 

5,  603),  suchten  die  Tithoreer  von  dem  Grabe 
des  Zethos  und  Amphion  in  Theben  Erde  zu 
rauben,  um  sie  auf  ihr  Grab  der  Antiope  zu 
bringen,  weil  dadurch  ihr  Land  fruchtbar,  das  go 
thebanische  unfruchtbar  würde,  und  deshalb 
bewachten  die  Thebaner  um  diese  Zeit  das 
Grab  des  Amphion.  — Amphion  und  Zethos 
waren  ursprünglich  göttliche  Potenzen  (Mächte 
des  Lichts),  welche  sich  zu  einem  ähnlichen 
engverbundenen  Zwillingspaar  von  Zeussöhnen, 
Dioskuren,  wie  Kastor  und  Polydeukes  zu  Lake- 
dämon, herausgebildet  hatten;  doch  ist  ihre 


Grundidee  nicht  so  stark  und  vielseitig  ent- 
wickelt, wie  bei  den  spartanischen  Dioskuren, 
die  einen  weitverbreiteten  Kultus  hatten.  Eu-  '< 
ripides  (Here.  für.  29.  Phoen.  606)  nennt  sie 
die  weifsrossigen  Söhne  des  Zeus , die  weifs- 
rossigen  Götter,  Schutzgötter  Thebens.  Vgl. 
Hesych.  u.  Phavor.  v.  Jlogkovqoi,  Pherekyd. 
bei  Schot,  Od.  19,  523.  Welcher,  Gr.  Göiterl.  j 
1.  S.  614f.  Der  Kaiser  Tiberius  errichtete  vor 
dem  Tempel  des  Dionysos  zu  Antiochia  zwei 
hohe  Säulen  zu  Ehren  zcov  sl;  AvzLonrjg  ysv- 
vyd'svxaiv  /Eogkovqcov.  Io.  Malal.  p.  234,  17. 

In  ihre  Sage,  in  welcher  manche  Namen  noch 
an  ältere  allegorische  Naturmythen  erinnern, 
sind  dann  historische  Bestandteile,  welche  ver- 
schiedene Orte  und  besonders  Theben  betref-  ! 
fen,  eingewebt.  Uber  das  Verhältnis  des  Am-  | 
pliion  zum  Apollo  und  zum  Dionysoskult  s.  1 
Stark,  Niobe  385  f.  387  f.  — Vgl.  im  allgemei- 
nen Burmeister  de  fabula,  quae  de  Niobe  eius- 
que  liberis  agit , Wismar  1836.  Welcher,  Gr.  \ 
Trag.  2.  S.  811 — 828.  Alte  Henkm.  1.  S.  352  ff. 
Kret.  Kolonie  in  Theben  S.  82  ff.  Heyne,  Ob-  \ 
serv.  in  Apollod.  3,  5,  5f.  Schwenck,  Et.  myth,  I 
Andeutungen  S.  196  f.  O.  Jahn,  Archäol.  Zeitg.~  =■ 
1853  n.  56.  57.  C.  Bötticher,  Dirke  als  Quelle  i 
u.  Heroine,  Berl.  1864;  s.  auch  Bit.  Gentralbl  I 
1866,  369.  Stark,  Niobe  u.  d.  Niobiden,  Leip- 
zig 1863,  besonders  S.  361—395.  Enger,  Theb.  ' 
Farad,  p.  14 ff.  Stuhr,  Mythol.  2 S.  108 ff. 
Gerhard,  Gr.  Myth._2.  §.  716.  739—741.  Frei-  [ 
ler,  Gr.  Mythol.  2.  S.  21.  30 — 34.  — 2)  Sohn 
des  Iasos  (oder  Iasios) , König  im  böotischen 
Orchomenos.  Seine  jüngste  Tochter  Chloris, 
die  er  mit  Persephone,  der  Tochter  des  Min- 
yas, zeugte,  heiratete  den  Neleus,  König  in 
Pylos.  Hom,  Od.  11,  281  ff.  c.  Schot,  Paus.  9, 
36,  4.  Auch  Pelias,  der  Bruder  des  Neleus, 
hatte  eine  Tochter  dieses  Amphion  namens 
Philomaclie  zur  Gemahlin.  Tzetz.  Lyk.  175 
(p.  434  Müller).  Chloris  ist  öfter  mit  der  Toch- 
ter des  thebanischen  Amphion  gleichen  Na- 
mens verwechselt.  Apollod.  3,  5,  6.  Diod.  4, 
68.  Hygin.  f.  10,  14.  Paus.  2,  21,  10.  Heyne  | 
z.  Apollod.  1,  9,  9.  T11  der  älteren  Sage  ist  er 
vielleicht  identisch  mit  No.  1 , mit  dem  er 
auch  später  öfter  vermengt  wird.  Müller,  Or- 
chotn.  S.  231.  370.  Buttmann,  Mythol.  2 S.  214f. 
Stark,  Niobe  S.  356 — 360.  Preller , Gr.  Myth. 

2 S.  315.  Schwenck,  Bit,  Mus.  N.  F.  10,  3. 

S.  369—392.  — 3)  Ein  Sohn  des  thebanischen 
Amphion  und  der  Niobe,  mit  seiner  Schwester 
Chloris  von  Apollon  verschont.  Apollod.  3, 

5,  6.  Paus.  5,  16,  3.  Stark  S.  354.  — 4)  Ein 
Anführer  der  Epeier  vor  Troja.  II.  13,  692.  — 

5)  Sohn  des  Hyperasios  und  der  Hypso , Bru- 
der des  Asterios  (Asterion,  Hygin.),  Argonaut 
aus  Pellene  in  Achaia.  Ap.  Ith.  1,  176.  Orph. 
Arg.  214.  Hygin.  f.  14.  Vater.  Flacc.  1,  365ft. 
nennt  den  Bruder  Deukalion,  Stark  S.  367.  — 

6)  Ein  Waffengefährte  des  Epeios  vor  Troja. 
Quint.  Sm.  10,  110.  — 7)  Ein  Kentaur.  Diod. 

4,  12.  [Stoll.] 

Ampliios  ('Apcpiog),  1)  Sohn  des  Selagos  aus 
Paisos  in  Mysien,  Bundesgenosse  der  Troer, 
von  dem  Telamonier  Aias  erlegt.  II.  5,  612. 
Tzetz.  Homeric.  89.  — 2)  Sohn  des  Sehers 
Merops  aus  Perkote  in  Mysien , mit  seinem 


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317  Amphiro 

Bruder  Adrastos  vor  Troja  von  Diomedes  ge- 
tötet. Der  Vater  hatte  beide  nicht  in  den 
Krieg  ziehen  lassen  wollen,  weil  er  ihren  Tod 
voraussah.  II,  2,  828ff.  11,  328ff.  [Stoll.] 

Ampliiro  (Apcpigco) , Okeanide,  lies.  Thcog. 
360.  Schoemann,  Opusc.  Ac.  2,  148  übersetzt: 
Bifida.  Braun,  Gr.  Götterl.  §.  161.  [Stoll.] 

Amphis  (’Agcpig),  verkürzter  Name  für  Am- 
phiaraos  ( ov  ovynony , «11«  fisraGxrjfuxziGyög), 
Aeschylos  (fr.  404  Nauck)  bei  Et.  M.  p.  93, 
51;  vgl.  p.  159,  31.  Zon.  Lex.  p.  165. 

[Stoll.] 

Amphissa  (’AycpiGGtx),  1)  Tochter  des  Makar, 
Enkelin  des  Aiolos,  eine  Geliebte  des  Apollon, 
nach  welcher  die  gleichnamige  Stadt  der  Lo- 
krer  benannt  war.  Sie  hatte  hier  auch  ein 
Denkmal.  Baus.  10,  38,  2.  3.  — 2)  Tochter 
des  durch  seine  Grausamkeit  berüchtigten  Eche- 
tos,  Königs  von  Epirus,  der  sie,  weil  Aichrno- 
dikos  sie  geschwächt , blendete  und  eiserne 
Gerstenkörner  mahlen  liefs,  mit  dem  Verspre- 
chen, er  werde  ihr  die  Sehkraft  wiedergebeu, 
wenn  sie  die  Gerste  gemahlen  habe.  Auch 
den  Aichmodikos  verstümmelte  er  aufs  grau- 
samste. Amphissa  wird  auch  Metope  ge- 
nannt. Schot.  Od.  18,  85.  Eustath.  Hom.  1839, 
1.  [Stoll.] 

Amphissos  ('Ay.cpi.GGog),  Sohn  des  Apollon 
und  der  Dryope , einer  Tochter  des  Dryops, 
Königs  im  Oita;  sein  Stiefvater  war  Andrai- 
mon,  der  Sohn  des  Oxylos.  Zu  einem  starken 
Manne  herangewachsen,  baute  er  im  Oita  die 
Stadt  Oita , wo  er  herrschte , und  dem  Apol- 
lon einen  Tempel.  Auch  den  Nymphen,  welche 
seine  Mutter  in  ihre  Gemeinschaft  aufgenom- 
men hatten , gründete  er  einen  Tempel  und 
Spiele , bei  denen  Frauen  sich  nicht  zeigen 
durften.  Anton.  Lib.  32.  Vergl.  Ov.  Met.  9, 
326  ff.  [Stoll.] 

Ampliistlienes  (’Aycpio&svrig),  Lakedämonier, 
Sohn  des  Amphikles,  Enkel  des  Agis , Vater 
des  Irbos,  dessen  Söhne  Astrabakos  und  Alo- 
pekos  das  Bild  der  Artemis  Orthia  fanden  und 
rasend  wurden.  Paus.  3,  16,  6.  [Stoll.] 

Ampliistratos  (’Aycpiotgazog)  , mit  Krekas 
Wagenlenker  (yvtoxog)  der  Dioskuren;  beide 
blieben  von  dem  Heere  des  Iason  in  Kolcliis 
zurück  und  wurden  dort  Stammväter  des  Vol- 
kes der  Heniochen,  Strab.  11,  496.  Arist.  Pol. 
8,  3,  4.  Justin.  42,  3.  [Stoll.] 

Amphitliea  (Aycpi&sa),  1)  Gemahlin  des  Au- 
tolykos , dem  sie  die  Antikleia,  Mutter  des 
Odysseus,  und  den  Aisimos,  Vater  des  Sinon, 
gebar,  Od.  19,  414ff.  Tzetz.  Lyk.  344.  — 2) 
Gemahlin  des  Adrastos , Tochter  des  Pronax, 
Apollod.  1,  9,  13.  — 3)  Gemahlin  des  Lykur- 
gos  in  Nemea,  der  ein  Sohn  des  Pheres  war, 
Mutter  des  Opheltes;  sie  heifst  auch  Eurydike, 
Apollod.  1,  9,  14.  — 4)  Gattin  des  etruski- 
schen Königs  Aiolos,  Plut.  par.  min.  28.  Stob. 
Flor.  64,  35.  — 5)  Amphithea  oder  Hemithea, 
Tochter  des  Kyknos , Schwester  des  Tenes, 
PLekat.  b.  Steph.  Byz.  v.  TsvsSog.  Vgl.  Paus. 
10,  14,  2.  Tzetz.  Lyk.  232.  [Stoll.] 

Ampliitheinis  (AiKpi.Jtyig),  1)  auch  Garamas 
genannt,  ein  Sohn  des  Apollon,  welchen  ihm 
Akakallis  (s.  d.),  die  Tochter  des  Minos,  in  Li- 
byen gebar,  nachdem  Minos  sie  während  ihrer 


Amphitrite  318 

Schwangerschaft  dorthin  gebracht.  Er  zeugte 
mit  der  Nymphe  Tritonis  den  Nasamon  und 
Kaphauros,  welchen  Ilyg.  f.  14,  p.  44  Bunte 
Kephalion  nennt.  Ap.  Bh.  4,  1490ff.  u.  Schol, 
Agroitas  b.  Herodian.  n.  aov.  leig.  p.  11,  19 
nennt  eine  Anzahl  von  Söhnen,  welche  Amphi- 
themis in  Libyen  mit  Nymphen  erzeugte;  doch 
sind  ihre  Namen  schwer  zu  entziffern,  s.  Mül- 
ler fr.  hist.  gr.  4 p.  294,  1.  — 2)  Kentaur,  be- 
gleitet den  Dionysos  nach  Indien,  Nonn.  Ilion. 
14,  191.  [Stoll.'] 

Amphitlioe  (’Äycpi&örj),  Nereide,  II.  18,  42. 
Hyq.  praef.  p.  28  Bunte.  Braun,  Gr.  Götterl. 
§.98.  [Stoll.] 

Amphitrite  (’AyqnxqCzrf) , die  Königin  des 
Meeres,  ihrem  Namen  nach  die  „die  Erde  um- 
rauschende Meeresflut“;  denn  der  zweite  Teil 
des  Wortes  wird  von  einem  in  zgi^ca,  zgvgco 
enthaltenen  Stamme  abzuleiten  sein,  der  auch 
dem  Namen  des  Triton , des  lärmenden  und 
tosenden  Brausers  des  Meeres,  zu  Grunde  liegt. 
Sclitvenck  ( Etym.-myth . Andeutungen  S.  182) 
leitet  das  Wort  von  zgsu>,  „drehen,  zittern, 
d.  i.  psw“  ab  und  erklärt  die  „Erdumwogende“ ; 
ähnlich  Welcher  (Gr.  Götterl.  1 S.  311),  mit 
Berufung  auf  Hesych.  zgizca , gsvycc,  zgoyog, 
<po ßog,  und  Schömann  Opp.  2 p.  167  (=  Cir- 
cumflua).  Homer  erwähnt  sie  nicht  in  der 
Ilias,  dagegen  mehrmals  in  der  Odyssee,  doch 
kaum  als  eine  lebensvolle  Persönlichkeit. 
Während  Poseidon  bei  Homer  ein  lebendiger, 
frei  über  dem  Meere  waltender  Gott  ist,  er- 
scheint Amphitrite  mehr  wie  eine  Allegorie 
des  Meeres,  des  Meeres  als  Elementes  des  Welt- 
ganzen; sie  wird  in  der  Odyssee  immer  nur 
in  Bezug  auf  die  Meereswoge  (nvycc  ’Aycpizgi- 
r gg,  Od.  3,  91.  12,  60),  die  sie  wider  die  Fel- 
sen treibt,  und  auf  die  Meerwunder  und  See- 
ungeheuer genannt,  die  sie  nährt  und  pflegt, 
mit  denen  sie  bisweilen  die  Schiffer  aus  der 
Tiefe  schreckt  (5,  422.  12,  97).  Nitzsch,  Anm. 
z.  Odyssee  2.  S.  64.  Nägelsbach,  hom.  Theolog. 
S.  78  f.  Ihre  Epitheta  bei  Homer  sind  rlvx q, 
dyccazovog , Hvccvcomg.  Wahrscheinlich  ist  sie 
auch  Od.  4,  404  (vgl.  Schol.)  als  naXy  ’AXo- 
Gvdvrj  bezeichnet,  ein  Wort,  das  als  Epitheton 
ihrer  Schwester  Thetis  und  der  andern  Nerei- 
den gebraucht  wird  (II,  20 , 207.  Ap.  Bh.  4, 
1599  u.  Schol.).  Bei  späteren  Dichtern  wird 
ihr  Name  oft  für  das  Meer  gesetzt , Eurip. 
Kykl.  702.  Oppian.  Halieut.  1,  83f.  343.  422f. 
Dionys.  Perieg.  53.  99.  Quint.  Smyrn.  8,  63. 
Catull.  64,  11.  Ovid.  Met.  1,  14  u.  sonst.  Op- 
pian. Hat.  1,14.  386  nennt  sie  geradezu  ©«- 
Xccggcc.  Homer  erwähnt  nichts  von  verwandt- 
schaftlichen Verhältnissen  der  Amphitrite.  He- 
siod.  Theog.  243  u.  254  nennt  sie  unter  den 
Nereiden,  den  Töchtern  des  Nereus  und  der 
Doris,  vgl.  Apollod.  1,  2,7,  der  sie  aber  1,2,2 
unter  den  Töchtern  des  Okeanos  und  der  Te- 
thys aufzählt,  vgl.  1,  4,  6.  In  dem  angebli- 
chen Hymnus  des  Arion  auf  Poseidon  b.  Bergk 
Lyric.  Gr. 2 p.  662  heifst  sie  die  Mutter  der 
Nereiden,  so  dafs  hier  eine  Okeanide  Amphi- 
trite statt  der  Okeanide  Doris  als  Gattin  des 
Nereus  angenommen  werden  mufs.  Überhaupt 
werden  Okeaniden  und  Nereiden,  sowie  Okea- 
nos und  Nereus  öfter  vermengt,  wie  auch  in 


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319  Amphitrite 

den  Katalogen  des  Ilesiod  ( Tlieog . 240 ff.  349 ff’.) 
manche  Namen  von  Okeaninen  und  Nereiden 
identisch  sind.  Sclioemann  Opp.  2.  p.  165 ff. 
Amphitrite  und  Thetis  erscheinen  als  die  aus- 
gezeichnetsten unter  den  Nereiden ; sie  sind 
die  Chorführerinnen  derselben , und  Amphi- 
trite verkehrt  auch  als  Herrscherin  der  See 
noch  gerne  mit  den  Schwestern.  Mit  Rück- 
sicht auf  diesen  Chor  der  Schwestern , der 
snatögnodeg  NgoySsg  ( Soph . 0.  B.  722),  heifst 
Amphitrite  bei  Sophokles  (fr.  607)  in  den  Hy- 
drophoren nolvnoivog.  Hesych.  v.  -notvog.  Schol. 
Soph.  Antig.  1.  Poseidon,  der  in  ältester  Zeit 
vielfach  mit  Demeter  in  Verbindung  gestan- 
den, erwählte  sich  die  schöne  Nereustochter 
Amphitrite  zur  Gemahlin.  Er  sah  sie  auf 
Naxos  mit  ihren  Schwestern  den  Reigen  tan- 
zen und  entführte  sie.  Schol.  Od.  3,  91.  Eu- 
stath.  Horn.  p.  1458,  40.  Oder  als  Poseidon 
um  sie  warb,  flüchtete  sie  verschämt  zu  Atlas, 
in  die  tiefe  Verborgenheit  des  Weltmeers  (Op- 
pian.  Halieut.  1,  388  sv  ’Qusuvoio  doyoiGi); 
nach  langem  Suchen  fand  sie  der  Delphin  und 
führte  sie  dem  Poseidon  als  Gattin  zu,  wes- 
halb der  Gott  zum  Danke  den  Delphin  unter  die 
Sterne  versetzte.  Eratosth.  Cat.  31.  Hygin.  Poet. 
Astr.  2, 1 7.  Der  Raub  der  Amphitrite  auf  Vasen 
dargestellt:  Elite  ceramogr.  3.  pl.  19 — 25.  Als 
Poseidon  mit  der  schönen  Nymphe  Skylla  Um- 
gang pflog , warf  seine  Gattin  aus  Eifersucht 
Zauberkräuter  in  die  Quelle,  in  welcher  Skylla 
badete , und  verwandelte  sie  dadurch  in  das 
bekannte  Ungeheuer.  Tzetz.  Lylcophr.  45.  650. 
Vgl.  Verg.  Cir.  70ff.  Dem  Poseidon  gebar  Am- 
phitrite nach  Ilesiod  Theog.  930  (vgl.  Hygin. 
praef.)  den  Triton,  wozu  Apollod.  1,  4,  6.  3, 
15,  4 (vgl.  Lylcophr.  886)  noch  die  Töchter 
Benthesikyme  (die  Wogerin  der  Tiefe)  und 
Rhode  oder  Rhodos  (die  Rauscherin,  vgl.  qoJsco) 
fügt.  Bei  Pindar  jedoch  heifst  Rhodos  Toch- 
ter der  Aphrodite,  Gemahlin  des  Helios,  nach 
Aslclepiades  Tochter  der  Amphitrite  und  des 
Helios,  nach  andern  Tochter  der  Aphrodite 
und  des  Helios,  nach  Herophilos  Tochter  des 
Poseidon  und  der  Aphrodite.  Find.  Ol.  7,  14 
(24)  u.  Schol.  Als  Gemahlin  des  Poseidon  ge- 
langte die  Meernymphe  zu  hohen  Ehren.  In 
dem  homerischen  Hymnus  in  Apoll.  Del.  94  ist 
sie  mit  den  ehrwürdigsten  Göttinnen  bei  der 
Geburt  des  Apollon  zugegen,  wie  auch  in  dem 
Relief  des  Gitiadas  zu  Sparta  (Paus.  3,  17,  3) 
mit  Poseidon  bei  der  Geburt  der  Athene. 
Neben  dem  Meereskönig  Poseidon  ist  sie  die 
Königin  der  See , wie  Hera  neben  Zeus  Köni- 
gin im  Olympos,  Persephone  neben  Hades  in 
der  Unterwelt.  Oppian.  Hai.  1,  391  nennt  sie 
albg  ßccGilsiu,  sie  hiefs  nooeidcovicc  oder  JTo- 
Gsidmvr]  in  demselben  Sinn,  wie  die  dodonische 
Gattin  des  Zeus  Auövy  hiefs.  Schol.  Od.  3, 
91.  Lobeck  Proleg.  Pathol.  p.  32.  n.  27.  Wie 
Zeus  7i oGig  "Hq gg  genannt  wird,  so  Poseidon 
TioGig  Agcpugirgg , Pind.  Ol.  6,  104.  Quint. 
Smyrn.  7,  374.  Die  Seeleute  opferten  dem 
Poseidon , der  Amphitrite  und  den  Nereiden, 
Arrian.  de  venat.  34.  Als  die  weibliche  Seite 
des  Meeres  wurde  Amphitrite  an  vielen  Orten 
zugleich  mit  Poseidon  verehrt  und  in  Kunst- 
werken ihm  ebenbürtig  an  die  Seite  gestellt. 


Amphitrite  320 

Tempel  und  Feste  hatte  sie  mit  Posei- 
don zusammen  in  Tenos , wo  der  Erzgiefser 
Telesias  beide  in  Kolossalstatuen  von  9 El- 
len Höhe  dargestellt  hatte  (Clem.  Alex.  Protr. 
p.  41.  Strab.  10.  p.  487.  Böclch  C.  I.  Gr.  2. 
n.  2329.  [Tacit.  Ann.  3,  63.  Schreib.]  2331 
— 2334),  auf  Lesbos,  wo  (’nata  ^ggagov  ’Ag- 
(piTQLTrjg)  Poseidon  als  Opfer  einen  Stier,  Am- 
phitrite und  die  Nereiden  eine  Jungfrau  aus 
dem  königlichen  Stamm  der  Pentheliden  ver- 
langten, die  lebendig  ins  Meer  versenkt  wurde 
(Flut.  Sept.  Sap.  conv.  20.  de  sol.  anim.  36. 
Athen.  11,  15) , ferner  in  Syros  und  Mykonos 
(Rofs,  Inselreisen  1.  S.  9.  Inscr.  P.  2.  n.  107. 
135).  Dargestellt  war  Amphitrite  mit  Posei- 
don am  Altar  des  Hyakinthos  zu  Amyldai 
(Paus.  3,  19,  4),  am  Thron  des  Zeus  zu  Olympia 
(Paus.  5,  11,  3),  im  westlichen  Giebelfelde  des 
Parthenon  (Müller,  Denhn.  d.  a.  K.  1.  Taf.  27, 
n.  121.  Overbeck,  Gesell,  d.  griech.  Plastik  1. 
S.  275.  288).  Mit  Hestia,  der  Göttin  der  fest- 
gegründeten Erde , wurden  Amphitrite  und 
Poseidon  als  die  Rejn'äsentanten  des  erdum- 
gürteten  Meeres  öfter  in  Bildwerken  verbun- 
den, wie  zu  Olympia,  Paus.  5,  26,  2.  Auf  der 
Schale  des  Sosias  (Monum.  ined.  d.  Instit.  tn. 
24.  n.  25.  Müller,  Denhn.  1.  Tf.  45.  n.  210b) 
sitzt  Amphitrite  neben  Hestia.*)  In  gröfseren 
Kompositionen  erscheint  Amphitrite  an  der 
Seite  des  meerbeherrschenden  Poseidon  ent- 
weder thronend  oder  auf  dem  Wagen  (den  sie 
dem  Gatten  wohl  auch  ausspannt,  Ap.  Pli.  4, 
1325.  1365  ff.)  über  das  Meer  hin  fahrend  oder 
im  feierlichen  Hochzeitszuge  heimgeholt,  um- 
geben von  den  mannigfaltigen  niederen  Wesen 
der  See.  In  dem  Heiligtum  des  Poseidon  auf 
dem  Isthmus  standen  im  Pronaos  zwei  Bilder 
des  Gottes  mit  einem  Bilde  der  Amphitrite 
und  dabei  das  derTlialassa;  im  Innern  befand 
sich  als  ein  Weihgeschenk  des  Herodes  Atti- 
cus  ein  kostbares  Kunstwerk:  Poseidon  und 
Amphitrite  auf  einem  Viergespann  stehend,  in 
der  Nähe  Palaimon  auf  einem  Delphin,  neben 
dem  Gespann  Tritonen,  auf  dem  Postamente 
des  Wagens  die  Geburt  der  Aphrodite  (Tha- 
lassa  das  Kind  Aphrodite  emporhebend)  und 
auf  beiden  Seiten  derselben  Nereiden,  ferner 
die  Dioskuren , die  Retter  zur  See , Galene 
(Windstille),  Thalassa,  ein  Hippokamp,  Ino, 
Bellerophon  mit  seinem  Pegasos.  Paus.  2,  1, 
7 f.  Der  Hochzeitszug  des  Poseidon  und  der 
Amphitrite  ist  dargestellt  auf  einem  schönen 
Relief  zu  München,  O.  Jahn  in  d.  Berichten 
d.  sächs.  Gesellschaft  1854  p.  160ff.  t.  3—8. 
S.  160 ff.  Overbeck,  Atlas  d.  griech.  Kunstmytli. 
Tf.  13,  16;  vgl.  Ber.  d.  sächs.  Ges.  1876  p.  llOff. 
Unter  den  erhaltenen  Bildwerken  sind  noch 
weiter  zu  nennen  der  in  Constantine  gefun- 
dene Mosaikboden  mit  dem  Herrscherpaare  auf 
einem  Viergespann,  Explor.  scient.  de  l'Alge- 

*)  Inschriftlich  bezeugt  erscheint  Amphitrite  auf  der 
von  Euphronios  gemalten  Schale  aus  Ciire,  jetzt  im 
Louvre,  neben  Theseus  und  Athena  (nach  dem  von  Paus. 
1,  17  erzählten  Mythus),  während  Poseidon  ausgelassen 
ist.  Abgebildet  Monuments  grecs  1S7‘2  pl.  1.  Conze,  Yor- 
legeblätter  5,  1.  Vgl.  Klein,  Euphronios  (auch  in  den  Denk- 
schriften d.  Wiener  Akad.  d.  Wiss.  Bd.  29  p.  9 u.  G7  ff.)  und 
überhaupt  Overbeck.  K.  Myth.  Poseidon  p.  350  ff.  [Schreiber.] 


10 

20 

30 

40 

50 

60 


321  Ampliitryon  Amphi  tryon  322 


rie.  Archeol.  pl.  19.  20,  139  — 141.  Amphitrite 
auf  einem  Relief  bei  Zoega  Bassir.  t.  1 ; Am- 
phitrite  bei  der  Hochzeit  des  Peleus  auf  der 
Franfoisvase,  Mon.  d.  Inst.  4.  t.  54.  55.  Overb. 
Gail.  T.  9 , 1 ; Amphitrite  und  Poseidon  beim 
Göttermahle,  Mon.  d.  Inst.  5,  49.  Die  thro- 
nende Amphitrite  El.  ceramogr.  3 , 10  u.  25., 
i Amphitrite  mit  der  königlichen  Kopfbinde, 
ib.  27.  Die  Kunst  giebt  der  Amphitrite  die 
Bildung  der  Nereiden , nur  wird  sie  oft  durch 
königliche  Attribute  vor  den  Schwestern  aus- 
gezeichnet und  kenntlich  gemacht,  sie  erscheint 
dann  als  eine  schöne,  reizende  Göttin,  der  Aphro- 
dite ähnlich,  mit  feuchtem  fliefsenden  Haupt- 


des  Elektryon  (s.  Alkmene),  bei  Apollod.  a.  a.  0. 
u.  Tzetz.  Lylcophr.  932  Gemahlin  des  Mestor, 
eines  Bruders  des  Alkaios  und  Elektryon.  Eine 
Tochter  dieses  Mestor , Hippothoe , hatte  dem 
Poseidon  auf  den  echinadischen  Inseln  an  der 
akarnanischen  Küste , wohin  er  sie  gebracht, 
den  Taphios  geboren,  der  sich  auf  einer  die- 
ser Inseln,  Taphos,  niederliefs  und  sein  Yolk 
Taphier  oder  Teleboer  nannte.  Sein  Sohn  war 
io  Pterelaos  (nach  Schot.  Ap.  Rh.  1,  747  war  er 
Sohn,  nicht  Enkel  des  Poseidon  und  der  Hip- 
pothoe), dessen  Söhne,  sechs  an  der  Zahl,  mit 
den  Taphiern  (schlimmen  Seeräubern,  Schot. 
Ap.  Rh.  a.  a.  0.)  nach  Argolis  kamen  und  von 


Aus  d.  Hochzeitszuge  des  Poseidon  u.  der  Amphitrite  ( Relief  in  München). 


, iaar,  das  wohl  auch  mit  dem  Netze  umflochten 
ist.  Als  Meeresgöttin  trug  sie  bisweilen,  wie  40 
rach  Thetis  und  andere  Wassergottheiten,  an 
len  Schläfen  Scheren  des  Seekrebses;  so  eine 
Itatue  zu  Rhodos,  die  nach  Konstantinopel  über- 
jeführt  wurde,  vgl.  Cedren.  comp.  hist.  p.  265. 
Winckelmann  Werke  2.  S.  505  ( Fernow ).  Auf 
. demmen  und  Münzen  und  Vasenbildern  er- 
. icheint  sie  häufig  auf  Seetieren  sitzend  oder 
ron  ihnen  gezogen.  Ihre  Büste  auf  Münzen 
ler  Gens  Crepereia,  auf  Gemmen  und  am  Bo- 
jen des  Augustus  zu  Ariminum,  Müller,  Handb.  50 
l.  Arch.  §.  356,  2.  Denkm.  2.  Tf.  7.  n.  79—81. 
Die  auf  Amphitrite  bezügl.  Inschriften  s.  im 
ndex  z.  C.  I.  Gr.  Vol.  4,  3 p.  17.  R.]  [Stoll.] 
Amphitryon  ( ’AycpixQvwv , Amphitryo,  in  älte- 
er  Schreibweise  Amphitruo,  der  „Vielgeprüfte“, 
,Vielgeplagte“,  ein  von  seinem  Sohne  Hera- 
:les  abstrahierter  Name,  von  tqvco,  E.  Braun, 

Ir.  Götterl.  §.  542;  doch  s.  auch  Preller,  Gr. 
Mythol.  2.  S.  176),  Sohn 'des  Alkaios,  Königs 
■'On  Tiryns,  und  der  Astydameia,  der  Tochter  go 
les  Pelops  (Peleus  fälschlich  bei  Schot.  II.  19, 
116),  oder  der  Laonome , Tochter  des  Menoi- 
reus,  ein  Enkel  des  Perseus.  Apollod.  2,  4,  5. 
Paus.  8,  14,  2.  Schot.  II.  a.  a.  0.  Nach  Pan- 
amas a.  a.  0.  mufs  die  Mutter  des  Amphitryon 
on.  manchen  auch  Lysidike,  Tochter  des  Pe- 
ops , genannt  worden  sein ; gewöhnlich  aber 
leifst  diese  Mutter  der  Alkmene , Gemahlin 
Koscher,  Lexikon  der  gr.  u.  röm.  Mythol. 


Elektryon,  dem  König  von  Mykene,  den  An- 
teil ihres  Grofsvaters  Mestor  an  der  Herrschaft 
forderten.  Da  Elektryon  sie  abwies , trieben 
sie  dessen  Rinder  fort.  Die  8 Söhne  des  Elek- 
tryon, die  Brüder  der  Alkmene,  eilten  zur  Ab- 
wehr herbei  und  fielen  alle  im  Kampfe;  auch 
die  Söhne  des  Pterelaos  kamen  alle  um  mit 
Ausnahme  des  Eueres,  der  die  Schiffe  bewachte. 
(Nach  Schot.  Ap.  Rh.  a.  a.  0.  fiel  auch  Elektryon, 
und  Alkmene  versprach  dem  die  Ehe,  der  den 
Tod  ihres  Vaters  rächen  werde;  dies  that  Am- 
phitryon und  ward  ihr  Gatte).  Diejenigen 
Taphier,  welche  entkamen,  nahmen  die  Rin- 
der mit  und  übergaben  sie  dem  Polyxenos, 
König  der  Eieier.  Von  dem  kaufte  sie  Amphi- 
tryon und  brachte  sie  nach  Mykene  zurück. 
Als  nun  Elektryon,  um  den  Tod  seiner  Söhne 
zu  rächen,  gegen  die  Taphier  auszuziehen  be- 
absichtigte, übergab  er  dem  Amphitryon  die 
Herrschaft  und  seine  Tochter  Alkmene,  nach- 
dem er  ihn  hatte  schwören  lassen,  dals  er  sie 
bis  zu  seiner  Rückkehr  nicht  berühren  wolle. 
Bevor  aber  Elektryon  auszog,  tötete  ihn  Am- 
phitryon , ohne  es  zu  wollen.  Als  nämlich 
Amphitryon  die  ihm  übergebenen  Rinder  in 
Empfang  nahm , lief  eins  von  der  Herde 
fort;  Amphitryon  warf  nach  ihm  seine  Keule, 
und  diese,  von  den  Hörnern  des  Rindes  ab- 
springend, traf  den  Elektryon  tötlich.  (Nach 
dies.  Scut.  11  erschlug  ihn  Amphitryon 

11 


323  Amphitryon 

gsvog  tcsqI  ßovci.  Vgl.  Schol.  11.  14,  323  ßocov 
&[x,(pt.Gßr]TrjG£cos  %uqiv).  Dies  nahm  Sthenelos, 
der  Bruder  des  Elektryon,  zum  Vorwand,  den 
Amphitryon  aus  Argolis  zu  vertreiben  und  sich 
der  Herrschaft  von  Mykene  und  Tiryns  zu  be- 
mächtigen. Amphitryon  zog  mit  Alkmene  nach 
Theben , wo  er  von  dem  König  Kreon  vom 
Morde  gereinigt  ward.  Da  Alkmene  dem,  der 
den  Tod  ihrer  Brüder  rächen  werde,  ihre  Hand 
versprach,  so  beschlofs  Amphitryon  den  Zug 
gegen  die  Taphier  oder  Teleboer.  (Nach  Hes. 
Scut.  12  ff.  folgte  Alkmene  aus  grofser  Liebe 
dem  wegen  des  Mordes  ihres  Vaters  Flüchti- 
gen als  Gattin  nach  Theben  und  lebte  dort 
mit  ihm,  doch  ohne  ehelichen  Umgang;  denn 
Amphitryon  hatte  ihr  schwören  müssen,  nicht 
eher  ihr  Lager  zu  berühren,  als  bis  er  ihre 
Brüder  an  den  Taphiern  gerächt  habe,  vgl. 
Schol.  Find.  Nein.  10,  15(25).  Schol.  II.  14, 
323.  Schol.  Od.  11,  265.  Nach  Diod.  4,  10 
floh  Amphitryon  erst  nach  der  Geburt  des  He- 
rakles von  Tiryns  nach  Theben).  Amphitryon 
forderte  den  Kreon  zur  Teilnahme  an  dem 
Zuge  auf,  und  der  versprach  sie,  wenn  Amphi- 
tryon Theben  von  dem  teumessischen  Fuchs 
befreie.  Dies  geschah  mit  Hilfe  des  Atheners 
Kephalos  (s.  d.).  Amphitryon  zog  jetzt  mit 
Kephalos,  Kreon,  Heleios  von  Argos  und  Pa- 
nopeus  gegen  Pterelaos  aus  (vgl.  Hes.  Scut. 
23  ff.)  und  verwüstete  die  Inseln  der  Taphier. 
Solange  aber  Pterelaos,  den  sein  Vater  Poseidon 
durch  ein  goldenes  Haar  unsterblich  gemacht 
hatte,  am  Leben  war,  konnte  er  Taphos  nicht 
nehmen.  Da  zog  die  Tochter  des  Pterelaos,  Ko- 
maitho,  die  sich  in  Amphitryon  (oder  Kephalos, 
Tzetz.  Lylc.  932  u.  934)  verliebt  hatte,  dem  Vater 
das  Haar  aus,  dafs  er  sterben  mufste,  und  alle 
Inseln  wurden  nun  unterworfen.  Amphitryon 
fuhr,  nachdem  er  die  Komaitho  getötet,  mit 
der  Beute  nach  Theben  und  übergab  die  In- 
seln dem  Heleios  und  Kephalos,  welche  dort 
nach  ihnen  benannte  Städte  gründeten.  (Nach 
Kephalos  wurde  Kephallenia  benannt,  Tzetz. 
Paus.  1,  37,  4.)  Apollod.  2,  4,  5 — 7.  Vergl. 
Tzetz.  Lylc.  932.  Schol.  Ap.  Bh.  1,  747.  Flut, 
narr.  am.  3.  Die  Hypothesis  A des  hesiodi- 
schen  Schildes  bei  Göttling  enthält  manche 
Abweichungen.  Dort  sind  Elektryon  und  Am- 
pKitryon  Brüder  und  Söhne  des  Alkaios.  Der 
ältere  Elektryon  enthält  dem  jüngeren  Amphi- 
tryon, als  er  erwachsen,  seinen  Teil  von  dem 
väterlichen  Vermögen  vor,  weshalb  Amphi- 
tryon die  Taphier  und  Teleboer  zu  Hilfe  ruft. 
Elektryon  mit  seinen  Söhnen  wird  besiegt  und 
getötet.  Die  Sage  von  dem  Zuge  gegen  die 
Taphier  war  berühmt,  und  es  gab  sogar  ein 
eigenes  Gedicht  darüber,  s.  Schol.  Od.  3,  267. 
Auch  Pindar  gedenkt  der  Thaten  des  Amphi  - 
tryon  gegen  die  Teleboer,  Nein.  10,  13.  Er  ist 
ein  tapferer  Krieger  und  besonders  geschickt 
in  der  Kunst  des  Wagenlenkens,  worin  er  auch 
seinen  Sohn  Herakles  selbst  unterrichtete,  Find. 
Fyth.  9,  81.  Apollod.  2,4,9.  Theolcr.  24,  120. 
Attius  scheint  eine  Tragödie  über  diesen  Zug 
gegen  die  Teleboer  gedichtet  zu  haben,  s.  Fib- 
beclc,  Fern.  Trag.  p.  327  sqq.  Über  die  Tragödie 
Amphitryon  von  Sophokles  s.  Welcher , Gr. 
Trag.  1.  S.  371  ff". , üb.  Plautus'  A.  ib.  1478f.  Aus 


Ainplioteros  324 

der  von  den  Teleboern  mitgebrachten  Beute 
weihte  Amphitryon  zu  Theben  dem  Apollon  einen 
Dreifufs,  Paus.  9, 10,4.  Herodot.  5, 59,  vgl.  Athen. 
11,  p.  498  c.  Theolcr.  Id.  24,4.  Während  seiner 
Abwesenheit  in  diesem  Kriege  zeugte  Zeus  in 
der  Gestalt  des  Amphitryon  mit  Alkmene  den 
Herakles,  s.  Alkmene.  Von  Amphitryon  gebar 
Alkmene  den  Iphikles.  Schol.  Ap.  Fh.  1,  1241 
nennt  eine  Tochter  des  Amphitryon  und  der 
lo  Alkmene  Laonome,  Gemahlin  des  Argonauten 
Polyphemos.  Nach  Hygin.  f.  29  zeugte  Zeus 
den  Herakles,  während  Amphitryon  gegen  Oi- 
chalia  ausgezogen  war.  Vgl.  Serv.  Verg.  Aen. 
8, 103.  Den  Chalkodon,  König  der  Chalkidier, 
der  gegen  die  Thebaner  in  den  Krieg  gezogen 
war,  tötete  Amphitryon  in  der  Schlacht,  Eu- 
statli.  Hom.  p.  281,  45.  Paus.  8,  15,  3.  9,  17, 
2.  Amphitryon  fand  tapfer  kämpfend  seinen 
Tod  in  einer  Schlacht  gegen  die  Minyer  von 
!0  Orchomenos  und  ihren  König  Erginos , die  er 
gemeinschaftlich  mit  Herakles  (s.  d.)  bekriegte 
( Apollod . 2,  4,  11),  und  wurde  in  Theben  be- 
graben. Paus.  1,  41,  1.  Pind.  Fyth.  9,  81. 
Nein.  4,  20  mit  d.  Schol.  In  Eurip.  Here.  für. 
( Welcher , Gr.  Trag.  2.  S.  694ff.),  dessen  Fabel 
nach  jenem  Minyerkriege  fällt,  ist  Amphitryon 
noch  am  Leben  und  wäre  auch  von  dem  ra- 
senden Sohne  getötet  worden , wenn  Athene 
es  nicht  noch  rechtzeitig  gehindert  hätte 
io  (v.  908) , indem  sie  nach  thebanischer  Sage 
ihm  einen  Stein  an  die  Brust  warf,  worauf  er 
in  tiefen  Schlaf  versank  und  dann  wieder  zu 
sich  kam.  Paus.  9,  11,  1.  In  Theben  zeigte 
man  noch  zur  Zeit  des  Pausanias  die  Trümmer 
des  Hauses  des  Amphitryon , in  welchem  er 
nach  seiner  Flucht  aus  Argos  mit  Alkmene 
gewohnt  hatte , mit  dem  Gemache  der  Alk- 
mene ; Troplronios  und  Agamedes  (s.  d.)  sollten 
es  ihm  gebaut  haben.  Paus.  9,  11,  1.  S.  das 
:0  Vasenbild  bei  Winckelmann,  Monum.  ined.  P. 
1.  n.  190.  Müller,  Denkm.  d.  a.  K.  2.  taf.  3. 
n.  49.  Preller,  Gr.  Mythol.  2.  S.  176  ff.  [Vgl. 
auch  C.  1 Gr.  5984  D.  8492.  R.]  [Stoll.] 
Amphoteros  (ilfrqpörfpog),  I)  ein  Sohn  des  Alk- 
maion  (s.  d.)  und  der  Kallirrhoe,  der  Tochter  des 
Acheioos,  Bruder  des  Akarnan  (s.  d.).  Als  Alk- 
maion  von  den  Söhnen  des  Phegeus,  des  Königs 
in  Psophis,  Pronoos  und  Agenor  {Apollod.)  oder 
Temenos  und  Axion  {Paus.  8,  24,  4 ff.),  erschla- 
'0  gen  worden  war,  erflehte  seine  Gemahlin  Kal- 
lirrhoe von  Zeus,  der  sie  liebte,  dafs  er  ihre 
beiden  noch  zarten  Söhne  alsbald  reife  Män- 
ner werden  lasse,  damit  sie  sogleich  Rache 
nehmen  könnten  an  den  Mördern  ihres  Vaters. 
Zeus  erfüllte  den  Wunsch.  Amphoteros  und 
Akarnan,  plötzlich  grofs  geworden,  ziehen  zur 
Rache  aus;  sie  treffen  die  beiden  Söhne  des 
Phegeus,  welche  auf  dem  Wege  nach  Delphi 
waren,  um  das  Halsband  und  den  Peplos  der 
o Harmonia  dort  dem  Apollon  zu  weihen , in 
Tegea  bei  Agapenor  (s.  d.)  und  töten  sie.  Darauf 
gehen  sie  nach  Psophis  und  töten  den  Phe- 
geus nebst  seiner  Frau.  Halsband  und  Peplos, 
die  sie  den  Söhnen  des  Phegeus  abgenommen, 
weihten  sie  auf  Befehl  ihres  Grofsvaters  Ache- 
loos dem  Gotte  in  Delphi.  (Nach  Athen.  6. 
p.  232  E.  hatte  Alkmaion  den  Schmuck  nach 
Delphi  geweiht.)  In  der  Hut  des  beruhigen- 


325  Ampykos 

len  Gottes  ruhte  der  an  den  Kostbarkeiten 
laftende  Fluch.  Dann  ziehen  sie  nach  Epirus, 
sammeln  daselbst  viel  Volks  und  lassen  sich 
n Akarnanien  nieder,  das  diesen  Namen  von 
Ykarnan  erhalten  hat.  Apollod.  3,7,  6.  7. 
Ovid.  Metam.  9,  413.  Vgl.  Paus.  8,  24,  4.  S. 
Ylkmaion  u.  Äkarnan.  Das  Halsband  und 
len  Peplos  der  Harmonia  nahmen  später  aus 
lern  Tempel  zu  Delphi  die  Führer  des  heili- 
gen Krieges,  um  sie  ihren  Weibern  zu  schen- 
ken, uncl  bei  diesen  richteten  sie  neues  Un- 
leil  an.  Athen.  6.  p.  232  E.  ff.  Partlien.  Prot. 
i5.  Mythogr.  lat.  1, 151.  2,  78.  Das  Halsband 
vurde  auch  zu  Amathus  im  Tempel  der  Aph.ro- 
lite  und  des  Adonis  gezeigt,  Paus.  9,  41,  2, 
ler  Peplos  zu  Gabala  in  Syrien  im  Tempel 
ler  Doto,  Paus.  2,  1,8.  — 2)  Ein  Lykier,  vor 
froia  von  Patroklos  getötet.  11.  16,  415. 

[Stoll.] 

Ampykos  (”Aynvnog),  1)  Priester  der  Deme- 
;er  bei  den  Kephenern,  auf  der  Hochzeit  des 
’erseus  von  Phineus  getötet.  Ovid.  Met.  5, 
LlOf.  — 2)  Vater  des  Sehers  Mopsos,  Gemahl 
ler  Chloris.  Hygin.f.  14.128.  Hes.  Scut.  181. 
4 p.  Uh.  1,  1083.  Schol.  Ap.  Rh.  1,  65,  wo 
ler  Vater  Titavon  heifst ; bei  Tzetz.  Lykophr. 
581  (vgl.  980)  heifst  der  Vater  Titairon.  Paus. 
>,  17,  4 nennt  ihn  ”Ay nv£.  — 3)  Vater  des 
dmon.  Orph.  Arg.  721.  [Stoll.] 

Ampyx  (’'Aynvig),  1)  s.  Ampykos  No.  2.  - — 
!)  Sohn  des  Pelias,  Sohns  des  Aiginetes.  Paus. 

, 18,  4.  — 3)  Ein  Genosse  des  Phineus,  von 
’erseus  durch  das  Medusenhaupt  versteinert. 
)vül.  Met.  5,  184.  — 4)  Ein  Lapithe,  der  auf 
ler  Hochzeit  des  Peirithoos  den  Kentauren 
icheklos  erlegte.  Ovid.  Met.  12,  450.  [Stoll.] 
Amuces , Inschrift  zweier  einander  völlig 
leichender  Spiegel  aus  Präneste  und  Madrid, 
on  denen  der  eine  nach  Brunn  wohl  eine 
roderne  Nachbildung  des  anderen,  echten  sein 
ürfte,  ist  die  etruskische  Umbildung  von  "Ayv- 
og  (s.  d.);  C.  1.  L.  1,  55.  Add.  1 p.  554. 
I,  4966,  4.  [Steuding.  | 

Amykla  (’Ayvxla).  Dieser  Name  beruht  auf 
rischer  Lesart  Apollod.  3,  5,  6 statt  des  hand- 
chriftlichen  ’Ayvv.hxg-,  dieser  Niobide  wird  mit 
leliboia  dem  nach  andrer  Tradition  gerette- 
Jn  Paare  Amphion  und  Chloris  entgegenge- 
bellt  (vgl.  Beryll,  Poet.  Lyr.  Gr.  Telesilla  fr. 
).  Ebenso  gehört  Paus.  2,  21 , 9 der  Acc. 
yvnhxv,  wie  sich  aus  dem  folgenden 
ovg  ergiebt,  zu  dem  Nom.  ’Ayvv.lug.  S.  Amy 
las  No.  2.  [Schirmer.] 

Amyklas  (’Ayvv.hxg) , 1)  Sohn  des  Königs 
akedaimon  und  der  Sparta,  einer  Tochter  des 
urotas,  Bruder  der  Eurydike;  er  zeugte  mit 
iomede,  der  Tochter  des  Lapithas,  von  Söh- 
en  den  Kynortes  und  Hyakinthos  ( Apollod . 3, 
0,  3;  letzterer  war  nach  Apollod.  1,  3,  3 Sohn 
es  Pieros,  nach  Luc.  P>.  B.  14.  Ov.  Met.  10, 
)6.  13,  396  des  Oibalos),  ferner  den  Harpalos 
Paus.  7,  18,  5)  oder  Argalos,  der  als  der  äl- 
:ste  dem  Vater  in  der  Herrschaft  folgte  ( Paus . 

, 1,  3.  Biet.  Gr  et.  1,  9),  und  nach  Ar  ist.  Mi- 
s.  b.  Schol.  Pind.  Pyth.  3,  14  (B.)  den  Leuk- 
<pos , der  nach  Apollod.  3,  10,  3 von  Perie- 
s,  einem  Sohne  des  Kynortes,  stammte.  Als 
jichter  des  Amyklas  werden  genannt:  Lao- 


Amykos  326 

dameia  {Paus.  10,  9,  5)  oder  Leaneira  ( Apol- 
lod. 3,  9,  1),  die  Gemahlin  des  Arkas,  Daphne 
( Phyl . b.  Plut.  Ag.  9.  Parth.  Prot.  15),  Heges- 
andra (Schol.  Od.  4,  10  u.  22)  und  als  Schwes- 
ter des  Hyakinthos  Polyboia  (Paus.  3,  19,  4) 
Amyklas  gründete  die  Stadt  Amyklai  (Paus. 
3,  1,  3.  Steph.  Byz.  s.  v.)  und  war  nach  Giern. 
Homil.  5,  15  ein  Liebling  des  Apollo.  — 2) 
Sohn  der  Niobe,  welcher  von  deren  Kindern 
allein  mit  seiner  Schwester  Meliboia  oder  Chlo- 
ris am  Leben  blieb  ( Telesilla  b.  Apollod.  3,  5, 
6.  Paus.  2,  21,  9).  Er  fehlt  in  der  Aufzählung 
der  Niobiden  Apollod.  3,  5,  6 u.  Hyg.  fab.  11, 
sowie  in  der  Schilderung  des  Ovid  (Met.  6, 
224  ff.).  [Schirmer.] 

Amy  kos  ('Ayvnog,  der  Zerfleischer,  v.  äyvaaco), 
1)  König  der  Bebryker  in  Bithynien,  in  der 
Gegend  von  Chalkedon,  ein  Sohn  des  Poseidon 
und  der  bithynischen  Nymphe  Melie  (Bithynis 
bei  Apollodor),  ein  roher  ungeschlachter  Riese, 
wie  so  viele  Poseidonssöhne,  gewaltiger  Faust- 
kämpfer und  Erfinder  des  Castus  und  des  über- 
trieben künstlichen  Faustkampfes,  der  jeden 
Fremden , welcher  in  sein  Land  kam , zum 
Faustkampfe  zwang  und  so  tötete.  Ap.  Rh. 
2,  1 ff.  Apollod.  1,  9,  20.  Hyg.  f.  17.  Servius 
Verg.  Aen.  5,  373.  Plat.  Legg.  7 p.  796  A. 
c.  Schol..  Sein  Bruder  war  Mygdon,  welchen 
Herakles  tötete.  Apollod.  2,  5,  9,  vgl.  Schol. 
Ap.  Rh.  2,  758.  Der  Faustkampf  des  Amykos 
mitPolydeukes  war  eine  wesentliche  Episode  der 
Argonautensage  (s.  d.),  ausführlich  erzählt  von 
Ap.  Rh.  2,  1 — 163  u.  Theokr.  Id.  22,  27—134. 
Vgl.  Orph.  Arg.  656  ff.  Valer.  Flacc.  4,  118  f. 
Sidon.  Apoll,  carni.  5,  162  f.  Luhian.  Bial.  B. 
26,  1.  Tzetz.  Lyhophr.  516.  Als  nämlich  die 
Argonauten  an  der  Küste  des  Amykos  lande- 
ten, kam  dieser  hinzu  und  forderte  mit  wildem 
Drohen  den  Besten  unter  ihnen  zum  Zweikampf 
heraus.  Polydeukes  nahm  die  Forderung  an,  ein 
gewandter  und  starker  Jüngling,  schön  wie  ein 
strahlender  Stern  gegenüber  dem  plumpen, 
dem  Typhoeus  vergleichbaren  Riesen,  und 
erschlug  jenen  nach  hartem  Kampfe  (Ap. 
Rh.).  Nach  Theokrit  trafen  nach  der  Landung 
Kastor  und  Polydeukes  im  Walde  den  gewal- 
tigen Amykos,  der,  in  ein  Löwenfell  gehüllt, 
an  einer  schönen  Quelle  lagerte  und  den  Trunk 
aus  derselben  nur  gestatten  wollte,  wenn  einer 
von  ihnen  im  Faustkampf  mit  ihm  sich  messe. 
Der  Besiegte  solle  sich  dem  Sieger  ganz  zu 
eigen  geben.  Polydeukes  nahm  den  Kampf 
auf,  nachdem  die  Bebryker  und  Argonauten 
herbeigerufen  worden  waren,  und  überwand 
den  Gegner;  aber  er  tötete  ihn  nicht,  sondern 
liefs  ihn  bei  seinem  Vater  Poseidon  schwören, 
dafs  er  in  Zukunft  keinem  Fremden  mehr  feind- 
lich ehtgegen  treten  wolle.  Ppicliarmos , der 
eine  Komödie  Amykos  geschrieben,  wie  So- 
phokles ein  Satyrdrama  desselben  Namens 
(Böckh,  Tr.  Gr.  c.  10.  Welcher,  Nachtr.  zur 
äschyl.  Trilogie  S.  287),  und  der  Epiker  Pei- 
sandros  lassen  den  besiegten  Amykos  von 
Polydeukes  gebunden  werden.  Schol.  Ap.  Rh. 
2,  98.  Die  zu  Präneste  gefundene,  zur  Aufbe- 
wahrung von  gymnastischem  Geräte  gebrauchte 
sog.  Ficoronische  Cista , [jetzt  im  Museo  Kir- 
clieriano  des  Collegio  Romano  zu  Rom]  auf 

11  * 


327 


Amymone 


Amyntor 


328 


welcher  die  Landung  der  Argonauten  (s.  d.)  an 
der  bithynischen  Küste  dargestellt  ist,  ent- 
hält in  dem  mittleren  breiten  Streifen  die 
Scene , wie  Polydeukes  in  der  Nähe  einer 
Quelle  den  besiegten  Amykos  an  einen  Baum 
bindet,  wahrscheinlich  um  eine  ähnliche  Rache 
an  ihm  zu  nehmen,  wie  Apollon  an  dem  im 
musischen  Wettkampfe  besiegten  Marsyas. 
Abbildungen  dieses  schönen  Kunstwerkes  sind 
veröffentlicht  von  Bröndsted  (Kopenhagen  1847), 
Marchi  1848.  E.  Braun  (Leipzig  1849)  u.  0. 
Jahn,  (Leipzig  1849),  den  Mittelstreifen  s.  in 
0.  Müllers  Derikm.  d.  a.  K.  1,  Taf.  61.  n.  309, 
vgl.  Handb.  d.  Archäol.  § 173,  3 (s.  Argonauten). 
Die  Bestrafung  des  Amykos  auch  auf  einem 
etruskischen  Aschengefäfs,  Bartoli,  Sepolcri  t. 
95.  Dempster , JEtr.  reg.  1,  9.  Auf  einem  in 
der  Ficoronischen  Cista  gefundenen  Spiegel 
stehen  Amykos  und  Polydeukes  zum  Kampfe 
bereit,  Müller,  Denlcm.  n.  310.  Gerhard,  Spie- 
gel T.  171.  Der  Mythograph  Ptolemäus  Chen- 
nus  ( Script . Ivistor.  poet.  ed.  Gale  p.  322)  sagt, 
dafs  nach  einigen  Iason,  nicht  Polydeukes  mit 
Amykos  gekämpft  habe.  Der  Platz  des  Kampfes 
heifse  Iasonslanze  und  die  nahe  Quelle  Helena. 
In  Bithynien,  an  einer  Stelle,  die  Amykos  ge- 
nannt wurde,  fand  sich  ein  ygcgov  Äyvnov,  auf 
des  Amykos  Grabe  wuchs  der  Tolllorbeer,  der 
überall,  wo  man  ihn  hinbrachte,  Streit  erregte, 
Schol.  Ap.  Rh.  2,  159.  Plin.  N.  H.  16,  44. 
[Vgl.  noch  C.  I.  Gr.  5984  C.  R.]  — 2)  Ein 
Kentaur,  Sohn  des  Ophion,  der  auf  der  Hoch- 
zeit des  Peirithoos  den  Lapithen  Keladon 
erschlug  und  dann  von  Pelates  erlegt  ward. 
Ov.  Met.  12,  245  ff.  — 8)  Ein  Troer,  Gemahl 
des  Theano,  Vater  des  Mimas.  Verg.  Aen.  10. 
704.  — 4)  Sohn  des  Priamos,  Bruder  des  Dio- 
res,  Gefährte  des  Aneas,  von  Turnus  erlegt. 
Verg.  Aen.  1,  221.  12,  509,  vgl.  5,  297.  — 5) 
Amycus,  Elati  filius,  unter  den  Weissagern  auf- 
geführt bei  Hyg.  f.  128  (eine  wahrscheinlich 
korrupte  Stelle;  man  vermutet  Ampycus).  — 
6)  Amykos  (oder  Amyklos?),  Sohn  des  Talos, 
ein  Kreter,  Tzetz.  Lykophr.  431.  [Stoll.] 
Amymone  ( ’Ayvfidvri ),  eine  von  den  Töchtern 
des  Danaos,  die  ihm  von  verschiedenen  Frauen 
geboren  waren.  Die  Mutter  der  Amymone  hiefs 
Europe.  Apollod.  2,  1,  5.  Als  Danaos  mit 
seinen  Töchtern,  vor  den  Söhnen  des  Aigyp- 
tos  flüchtend,  an  die  Küste  von  Argos  kam, 
fand  er  das  Land  wasserlos,  weil  Poseidon  aus 
Zorn  über  Inachos,  der  das  Land  nicht  ihm, 
sondern  der  Hera  zugesprochen,  die  Quellen 
hatte  versiechen  lassen  {Paus.  2,  15,  4).  Er 
schickte  deshalb  seine  Töchter  aus,  Wasser  zu 
suchen.  Amymone  warf,  während  sie  verein- 
zelt suchte,  ihren  Spiefs  nach  einem  Hirsch, 
traf  aber  einen  schlafenden  Satyr.  Als  dieser 
ihr  Gewalt  anthun  wollte,  erschien  Poseidon; 
der  Satyr  entfloh,  und  Amymone  ergab  sich 
dem  Retter,  der  ihr  die  Quellen  von  Lerna 
Apollod.  2,  1,  4.  Nach  Hyg.  f.  169 


rief  die  jagende  Amymone,  von  dem  getrof- 
fenen Satyr  bedrängt , die  Hilfe  des  Posei- 
don an.  Der  stiefs  an  der  Stelle,  wo  sich  ihm 
Amymone  verbunden  hatte,  mit  seinem  Drei- 
zack Wasser  aus  der  Erde,  welches  die  lernä- 
ische  Quelle  und  der  amymonische  Flufs  ge- 


nannt ward.  Oder:  Die  nach  Wasser  für  ein 
Opfer  ausgesandte  Amymone  war  aus  Müdig- 
keit eingeschlafen.  Als  ein  Satyr  sie  bewäl- 
tigen wollte  und  der  um  Hilfe  angerufene  Po- 
seidon seinen  Dreizack  nach  ihm  warf,  heftete 
sich  der  Dreizack  in  einen  Felsen  ein.  Nach- 
her hiefs  er  die  Amymone,  um  sie  zu  belohnen, 
denselben  herausziehen,  und  es  sprangen  drei 
Quellen  hervor,  welche  der  amymonische,  später 
io  der  lernäische  Quell  genannt  wurden.  Der 
Sohn  des  Poseidon  und  der  Amymone  war 
Nauplios,  der  Gründer  von  Nauplia.  Hyg.  a.  a.  0. 
u.  /'.  14.  157.  Vgl.  Strabo  8 p.  368.  371.  Luk. 
JDial.  Marin.  6.  Paus.  2,  37,  1.  38,  2.  4,  35, 

2.  Ap.  Rh.  1,  134.  c.  Schol.  u.  Schol.  Ap.  Rh. 

3,  1240.  4,  1091.  Eitrip.  Phoen.  188.  Orph. 
Arg.  200.  Schol.  II.  4,  171.  Eustath.  II.  p.  461. 
Propert.  2,  26,  45  ff.  Philostrat.  1,  8.  Äschylos 
hat  die  Fabel  von  Amymone  in  einem  Satyr- 

20  drama  behandelt.  Welcher , Nachtr.  zur  Trilog. 
S.  308.  Droysen , Übersetzung  des  Äschylos  2 
S.  103.  Die  „tadellose“,  „vortreffliche“  Quelle 
Amymone  des  wasserreichen  Distriktes  Lerne, 
welche  sich  in  der  von  Natur  an  Wasser  armen 
Umgegend  von  Argos  durch  die  Fülle  ihres 
Sprudels  auszeichnet  und  als  Bach  nach  kur- 
zem Laufe  sich  in  das  Meer,  den  Busen  von 
Nauplia,  ergiefst,  hat  die  Veranlassung  ge- 
geben zu  dem  Mythus  von  der  Liebe  der 
30  Danaide  Amymone  und  des  Poseidon.  Völ- 
cker,  lapet.  Geschl.  S.  192  ff.  Buttmann,  My- 
tliol.  2 S.  93 — 107.  Preller,  gr.  Mythol.  1 
S.  480.  Curtius,  Peloponnesos  2 S.  369.  Bursian, 
Geogr.  von  Griechenland  2 S.  67  u.  in  Paulys 
Real-Encylcl.  1,  1 S.  926.  Stark,  Niobe  S.  347. 
Die  Liebe  des  Poseidon 
und  der  Amymone  war  ein 
Lieblingsgegenstand  der 
Kunst,  s.  Hirt  in  Böttigers 
40  Amaltheia  2,  277  — 301. 

Müller,  Handb.  d.  Archäol. 

§ 356,  3.  Denkm.  d.  a.  K. 

1,  Taf.  40.  n.  172.  2,  Taf. 
t,  n.  82  84.  Gerhard,  Poseidon  u.  Amymone, 

aUSerl.  Vasenb . Tat.  11.  Spie-  Münze  von  Argos  aus 
gel  Taf.  44.  0.  Jahn,  Vasen-  imiioofs  Sammlung. 
bilder  S.  34—40  u.  Taf.  4. 

Archäol.  Aufs.  S.  28  ff  Elite  ceramogr.  3,  17. 18. 
26 — 30.  R.  Iiochette,peint.  de  Pomp.  t.  2.  Heydc- 
50  mann , Neap.  Vasens.  n.  1980.  [C.  I.  Gr.  8352 
R.]*).  — Als  Danaos  seine  Töchter  mit  den 
Söhnen  des  Aigyptos  vermählte,  ward  Enkela- 
dos  ihr  Gemahl,  Apollod.  2,  1,  5;  bei  Hyg.  f. 
170  hat  der  Vermählte  den  wahrscheinlich  kor- 
rupten Namen  Midamos.  [Vgl.  noch  C.  I.  Gr. 
2374.  R.]  [Stoll.] 

Amyntor  (Ayvvxcoo),  1)  Sohn  des  Ormenos, 
nach  Achaios  bei  Schol.  Pind.  Ol.  7,  42  (B.) 
Enkel  desselben,  Sohn  des  Pheres,  nach  an- 
go  deren  Sohn  des  Zeus,  auf  den  Amyntor  selbst 
sein  Geschlecht  zurückführte,  König  in  Hellas 
(II.  9,  447  f.),  nach  II.  10,  266  in  Eleon,  das 
nach  II.  2,  500  in  Böotien  zu  suchen  ist.  Die 
Grammatiker,  wie  Krates  bei  Strabo  9,  439, 
verlegten  es  auf  den  Parnafs,  weil  in  dieser 


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*)  Die  Denkmäler  gesammelt  bei  Overbeck,  Kunstmyth. 
roscidon  S.  350  ff.  Sehr. 


329 


Anaitis 


330 


Ainyros 

! Gegend  Autolykos  ansässig  war  (Ocl.  19,  394. 
411),  der  auf  einem  Streifzuge  in  das  Gebiet 
seines  Grenznachbars  Amyntor  diesem  den  vor 
Troja  von  Meriones  getragenen  berühmten 
Helm  raubte  (77  10,  266  ff.).  Nach  Apolloä.  2, 

7,  7 und  Diod.  4,  37,  4 fiel  er  als  König  von 
Ormenion  im  magnesisclien  Thessalien , das 
sein  Vater  Ormenos  gegründet  hatte  ( D . Ske- 
) psios  bei  Strabo  9,  438;  vgl.  Eustath.  p.  762, 
34  ff.),  im  Kampfe  mit  Herakles.  Ov.  Met.  12,  l 
364  keifst  er  König  der  Doloper,  wohl  weil 
sein  Sohn  Phoinix  nach  seiner  Flucht  vor  dem 
Vater  jenes  Volk  beherrschte  (II.  9,484.  Apol- 
lod. 3,  13,  8).  Diesen  trieb  Amyntor,  nachdem 
er  ihn  verflucht,  nach  Apollod.  3,  13,  8 auch 
geblendet  hatte,  aus  dem  Hause,  weil  er  auf 
Geheifs  seiner  Mutter  Hippodameia  mit  Klytia, 
der  Geliebten  des  Vaters,  Umgang  gepflogen 
hatte  (Eiist.  a.  a,  0.  42.  Das  Nähere  s.  unter 
Phoinix).  Kinder  des  Amyntor  waren  aufser  2 
dem  erwähnten  Phoinix  Euaimon,  der  Vater 
des  Eurypylos  (Eust.  a.  a.  0.  36),  ferner  Kran- 
tor, der,  vom  Vater  dem  siegreichen  Peleus 
als  Geisel  übergeben , dessen  Waffenträger 
wurde  (Ov.  Met.  12,  361  ff.),  und  Astydameia 
'(Apollod.  2,  7,  8.  Schol.  Find.  Ol.  7,  42),  die 
er  nach  Diod.  4,  37,  5 zu  seinem  Verderben 
dem  Herakles  verweigerte.  — 2)  Gemahl  der 
Danaide  Damone,  wenn  die  Lesart  Hyg.  f.  170 
richtig  ist.  Beide  Namen  fehlen  Apollod.  2, 

1,  5.  — 3)  Sohn  des  Phrastor,  Enkel  des  Pe- 
lasgos  und  der  Menippe,  der  Stammeltern  der 
Pelasger  (Hellan.  b.  Dion.  Hai.  Ant.  B.  1,  28). 

[Schirmer.] 

Ainyros  ('AyvQog),  Sohn  des  Poseidon,  nach 
welchem  Stadt  und  Flufs  Amyros  in  Thessa- 
lien benannt  sein  sollen.  Steph.  Byz.  s.  v. 
Valer.  Flacc.  2,  11.  Schol.  Ap.  Bh.  1,  596. 

[Stoll.] 

Amytliaon  (’Ayv&acov),  ein  Aiolide,  Sohn  des 
Kretheus  in  Iolkos  und  der  Tyro,  einer  Toch- 
ter des  Salmoneus,  Bruder  des  Aison  und  Phe- 
res,  wohnhaft  zu  Pylos  in  Messenien,  zeugte 
mit  Eidomene,  Tochter  des  Pheres,  den  Bias 
und  den  Seher  Melampus.  Apollod.  1,  9,  11. 
Rom.  Od.  11,  235.  258.  Diod.  4,  68.  Anti- 
machos  bei  Schol.  Eurip.  Phoeniss.  150.  Schol. 
Ap.  Bh.  1,  121.  143  u.  nach  4,  1781  im  Pevog 
’AnoXhov.  p.  532  (Keil).  Schol.  Find.  Pyth.  4, 
223  (126).  Schol.  Hom.  II.  2,  591.  Tzetz.  Lyk. 
175.  872.  Seine  Tochter  Aiolia  war  Gemahlin 
des  Kalydon.  Apollod.  1,  7,  7.  Nach  Pindar 
Pyth.  4,  125  (220)  kam  er  mit  den  übrigen 
Gliedern  seines  Hauses  nach  Iolkos  in  das 
Haus  des  Aison,  um  für  dessen  Sohn  Iason 
von  Pelias  das  Reich  zu  fordern.  Paus.  5,  8, 

1,  nennt  ihn  unter  denen,  welche  die  olym- 
pischen Spiele  erneuert  haben  sollen.  Die 
Amythaoniden  waren  ausgezeichnet  durch  Ver- 
standeskraft, wie  die  Aiakiden  durch  Stärke, 
die  Atriden  durch  Reichtum.  Hesiod  b.  Nikol. 
Damasc.  in  Excerpt.  Valesii  p.  445;  vgl.  Suid. 
’Ahaq.  [Stoll.] 

Anabestas,  Inschrift  einer  auf  dem  Palatin 
gefundenen  Säule  C.  I.  L.  6,  21.  NachMomm- 
sen  ist  es  ein  Dat.  plur.  eines  Götternamens, 
der  mit  derselben  Präposition  wie  Angerona, 
anceps  gebildet  ist.  [Steuding.] 


Anagyros  (’Avayvgo g),  ein  attischer  Heros, 
Eponymos  des  Demos  ’Avayvgovg.  Wegen  Ver- 
letzung seines  Heiligtumes  strafte  er  furcht- 
bar einen  in  der  Nähe  wohnenden  Greis.  Ze- 
noh.  2,  55.  Apostol.  9,  79.  Suid.  [Roscher.] 

Anaia  (’AvaCa),  Amazone,  Eponyme  der  Sa- 
mos gegenüberliegenden  Ortschaft , wo  sich 
ihr  Grab  befand;  vgl.  Epjhoros  bei  Steph. 
Byz.  s.  v.  Schol.  u.  Eustath.  zu  11.  3,  189. 

[Kliigmann.] 

Anaideia  (’Avca'dsi a) , Personifikation  der 
Schamlosigkeit  (Xenoph.  Conv.  8,  35),  welche 
zu  dem  Sprichworte  Veranlassung  gab  Q'sog  fj 
avaideia  mit  dem  Sinne:  auch  Unverschämt- 
heit hat  ihr  Gutes  ( Plut . Prov.  25.  Suidas  v. 
ffiog).  Nach  Cic.  legg.  2,  11  gab  Epimenides 
nach  der  Reinigung  Athens  vom  kylonischen 
Frevel  die  Weisung,  ihr  und  der  "Tßgig  einen 
Tempel  zu  errichten.  Clemens  Alex,  ad  gent. 
2,  26  erzählt,  er  habe  jenen  Gottheiten  Altäre 
geweiht  (vgl.  Theoph.  b.  Zenob.  4,  36,  wo  Epi- 
menides nicht  erwähnt  wird).  Istros  erzählte 
nach  Suid.  a.  a.  0.  von  einem  lsqov  ’AvcaSsiag 
in  Athen.  Vielleicht  beruhen  diese  Notizen 
auf  der  von  Paus.  1 , 28 , 5 berichteten  Tkat- 
sache,  dafs  die  beiden  Steine,  auf  welchen  vor- 
dem Tribunal  des  Areiopag  der  Angeklagte 
und  der  Kläger  standen,  nach  der  Hybris  und 
Anaideia  benannt  waren;  sie  konnten  in  spä- 
terer Zeit  leicht  für  alte  Altäre  gehalten  wer- 
den (vgl.  Grote,  Gesell.  Griech.  übers,  v.  Meißner 
2,  68,  Anm.  78).  Nicol.  Dam.  fr.  21  ( Müller ) 
erwähnt  einen  %mqog  ’Avcaösicxg  in  der  Nähe 
von  Troja,  wo  ein  Herold  der  Gattin  des  Sa- 
mon,  eines  Bundesgenossen  des  Skamandros, 
Gewalt  anthat.  [Schirmer.] 

Anaitis  (fAvcdxig)  pers.  Anähita,  Name  einer 
persi sehen  Göttin,  welche  die  Griechen  in 
der  Regel  der  Artemis  gleichsetzten.  Schon 
dadurch  ist  ausgedrückt,  dafs  sie  eine  Göttin 
des  Naturlebens  und  der  Fruchtbarkeit  ist. 
Denn  wo  immer  die  Griechen  eine  fremde  Göt- 
tin als  Artemis  bezeichnen,  ist  unter  letzterer 
die  ephesische,  und  nicht  etwa  eine  Mondgöt- 
tin oder  etwas  Ähnliches,  gemeint. 

In  dem  Heimatlande  der  parsischen  (zoroastri- 
schen)  Religion,  dem  nordöstlichen  Iran,  wurde 
eine  mächtige  Göttin  verehrt,  unter  deren  Ob- 
hut vor  allem  die  Wasser  stehen  und  die  den 
seiner  Bedeutung  nach  nicht  sicher  zu  erklä- 
renden Namen  Ardvi  süra  Anähita  (nach  Geld- 
ner  in  Kuhns  Ztschr.  25,  374  „die  hilfreiche 
lautere  oder  jungfräuliche  [letztere  Übersetzung 
ist  mir  im  höchsten  Grade  unwahrscheinlich] 
Ardvi“)  führt.  Ihrem  Ursprünge  nach  ist  sie, 
wie  es  scheint,  zunächst  die  Göttin  des  Oxus- 
stroms.  Es  heifst  von  ihr,  dafs  sie  „gewaltig 
dahinströmt  vom  Berge  Hukarja  zum  See 
Vorukascha“,  dafs  sie  „tausend  Arme  und  tau- 
send Kanäle“  hat,  eine  Beschreibung,  die  nur 
auf  den  Oxus  pafst.  Ein  Hymnus  des  Avesta 
(Jascht  5),  der  freilich  in  seiner  jetzigen  Fas- 
sung, wie  die  Behandlung  der  Mythologie  lehrt, 
nicht  in  alte  Zeiten  hinaufreichen  kann , der 
aber  für  uns  die  einzige  einheimische  Quelle 
für  den  Kultus  dieser  Göttin  ist  und  zweifellos 
manche  alte  Züge  bewahrt  hat,  preist  sie  als 
die  Göttin  des  Wassers  und  der  Fruchtbarkeit, 


331  Anaitis 

welche  Herden  und  Wohlstand  vermehrt,  den 
Frauen  Fruchtbarkeit,  leichte  Geburt  und  gute 
Milch  gewährt,  den  Samen  der  Männer  reinigt. 
Wie  auf  Erden  so  strömt  sie  auch  im  Himmel; 
nach  einer  in  allen  Mythologieen  gewöhnlichen 
Übertragung  ist  der  See  Vorukascha,  der  zu- 
nächst nur  der  Aralsee  sein  kann,  zugleich  der 
Himmelsocean  und  der  Urquell  aller  Gewässer ; 
Anähita  wird  von  Zoroaster  angerufen,  aus 
der  Sternenwelt  auf  die  Erde  herabzukommen, 
um  die  Verehrung  der  Gläubigen  entgegenzu- 
nehmen und  ihnen  ihre  Wohlthaten  zu  ge- 
währen. 

Soweit  wir  bis  jetzt  die  Entwickelung  der 
iranischen  Religion  verfolgen  können,  ist  die 
reine  Lehre,  welche  an  den  Namen  des  Zara- 
thuschtra  anknüpft  und  die  V erehrung  des  Ahu- 
ramazda  verkündet,  zunächst  eine  wesentlich  ab- 
strakte Religion  gewesen.  Der  gute  Gott,  wel- 
cher Himmel  und  Erde  geschaffen  hat , ver- 
langt von  den  Menschen,  dafs  sie  sich  seinem 
Dienst  ergeben,  die  Wahrheit  üben  und  die 
Lüge  hassen,  die  richtigen  Formen  und  Satzun- 
gen des  Kultus  beobachten , das  Reich  des 
Guten  durch  ihre  Thaten,  durch  Urbarmachung 
des  Bodens  und  Pflege  des  Viehs,  durch  Opfer 
und  Bekämpfung  der  Lüge  und  der  Dämo- 
nen mehren.  Ihm  gegenüber  stehen  die  feind- 
lichen Dämonen  der  Lüge,  Ahriman  an  der 
Spitze;  umgeben  ist  er  von  einer  Schar  guter 
Geister,  die  im  wesentlichen  reine  Abstraktio- 
nen sind.  In  dieser  Form  predigen  die  Gäthä’s 
die  Religion,  in  diesen  Anschauungen  ist  Da- 
rius  aufgewachsen,  sie  verkündet  er  in  seinen 
Inschriften.  „Die  andern  Götter , welche  es 
giebt“  treten  für  Darius  vollkommen  in  den 
Hintergrund  gegen  den  einen  Ahuramazda,  „den 
gröfsten  der  Götter“.  Indessen  diese  abstrakte 
Religion  vermochte  sich  auf  die  Dauer  nicht 
rein  zu  erhalten.  Die  Masse  des  Volks  wird 
sich  von  den  Naturgottheiten,  die  es  zum 
Teil  seit  uralter  Zeit  verehrte , nie  losgesagt 
haben;  sie  waren  ihm  weit  fafsharer,  man 
konnte  sie  weit  leichter  durch  Formeln  und 
Opfer  beeinflussen  und  von  ihnen  Schutz  er- 
hoffen, als  von  den  hohen  verstandesgemäfs 
gedachten  Wesen,  die  an  der  Spitze  der  Reichs- 
religion standen.  So  ist  es  gekommen , dafs 
allmählich  diese  Gottheiten , an  ihrer  Spitze 
der  Sonnengott  Mithra  und  die  Anähita,  immer 
bedeutender  hervortraten  und  den  idealen  Kern 
der  Religion  ganz  in  den  Hintergrund  dräng- 
ten. Berossos  berichtet  uns,  Artaxerxes  II  (404 
— 362)  habe  den  Kultus  der  Anaitis  hei  den 
Persern  eingeführt,  ihr  in  Babylon,  Susa  und 
Ekbatana,  den  drei  Hauptstädten  seines  Reichs, 
ferner  in  Persepolis,  Baktra,  Damaskos  (?)  und 
Sardes  Altäre  und  Statuen  errichtet.  Diese 
Angabe  ist  auf  das  schlagendste  durch  die 
Achämenideninschriften  bestätigt  worden : Ar- 
taxerxes II  ist  der  erste,  welcher  neben  Ahura- 
mazda den  Mithra  und  die  Anähita  (hier  Ana- 
hata  geschrieben)  anruft,  während  in  den  zahl- 
reichen Inschriften  des  Darius  und  Xerxes 
beide  nie  genannt  werden.  — Bei  Berossos 
fr.  16 , aus  dem.  Alex,  protr.  .1,5  [ebenso 
in  dem  angeblich.  Berossosfragment  bei  Aga- 
thias  2,  24]  wird  die  Göttin  der  Aphrodite 


Anaitis  332 

gleichgesetzt,  ebenso  in  der  bekannten  Stelle 
Her.  1,  131  (of  nigacu)  emfisga&if/.ccGi  y.a'i  zrj 
OvQcxvi'r]  ‘Q'vsiv , n aga  x s ’Aaovgiwv  fi<x9ovzsg 
v-cci  Agaßiav.  ycxleovGi  de  ’Acaigioi  zyv  ’Aopgo- 
§bxr\v  Mvhrzcc  (Belit  = Baaltis) , ’Agaßioi  de 
’Alizza  (rect.  Ahldx  = Allät  Her.  3,  8),  lieg- 
et ai  de  Mizguv.  Hier  hat  Herodot  ohne  Zwei- 
fel die  beiden  zu  seiner  Zeit  den  Griechen 
noch  nicht  geläufigen  Namen  Mithra  und  Anä- 
hita verwechselt;  im  übrigen  ist  seine  Angabe 
insofern  richtig,  als  die  spätere  Form  des  Kul- 
tus der  altiranischen  Göttin  ganz  von  babylo- 
nischen Elementen  durchsetzt  ist.  Dies  lehrt 
schon  der  oben  angeführte  Hymnus  des  Avesta, 
in  dem  die  natürlichen  Grundlagen  des  Kul- 
tus sehr  zurücktreten;  vor  allem  aber  die  An- 
gaben der  Griechen,  nach  denen  der  Anaitis- 
kult  völlig  zu  einem  dem  babylonischen  Isch- 
tar-Nanä- ebenste  (s.  Art.  Astarte)  entsprechen- 
den Kult  der  Göttin  der  Zeugung  geworden 
ist.  Auch  das  Bild  der  Anaitis  ist  dem  dieser 
babylonischen  Göttin  nachgebildet;  im  Avesta  j 
( Jascht  5,  126)  wird  eine,  wie  Halevy  (in  Dar- 
mesteters  Zendavesta  2,  53)  bemerkt,  jedenfalls 
der  stereotypen  Form  des  G ötterbildes  entlehnte 
Beschreibung  der  Göttin  gegeben,  nach  der  sie 
ein  schönes  starkes  Mädchen  ist  mit  schwel- 
lenden Brüsten;  auf  dem  Haupte  trägt  sie  eine 
goldene  Sternenkrone;  Ohrringe  und  ein  Hals- 
band von  Gold  schmücken  sie.  Bekleidet  ist 
sie  mit  einem  Gewände  von  Biber(?)fell.  Mit 
Ausnahme  des  letzteren  erinnern  alle  diese 
Züge  lebhaft  an  die  bekannten  Darstellungen 
der  babylonischen  Göttin  (s.  Art.  Astarte).  In 
der  Hand  hält  sie  den  heiligen  Baresmazweig, 
der  zweifellos  eine  Umgestaltung  der  Blumen 
ist,  welche  semitische  Göttinnen  tragen. 

Seit  der  Perserzeit  hat  sich  die  iranische 
Religion  nach  Westen  verbreitet.  Armenien 
ist  ganz  iranisiert,  in  Kappadokien  finden  wir 
in  Zela  ein  Heiligtum  der  „persischen  Götter“ 
und  überall  im  Lande  persische  „Feuerzünder“ 
(äthravan  = nvgcu&og,  Strabo  15,  3,  15);  auch  . 
im  westlichen  Kleinasien  begegnen  uns  per- 
sische Kulte.  So  tritt  uns  denn  auch  Anaitis 
in  diesem  Gebiete  mehrfach  entgegen , und 
zwar  infolge  ihrer  Gleichsetzung  mit  der  Ar- 
temis Tauropolos  häufig  in  der  Umformung  Ta- 
vazg  (so  auch  hei  Berossos  a.  a.  0.;  vergl.  dazu 
Cr.  Hoffmann,  Auszüge  aus  syrischen  Akten  persi- 
scher Märtyrer,  in  Abh.  für  Kde.  des  Morgenl. 

7,  S.  135).  Im  lydischen  Hierocaesarea  führte 
man  den  Kult  der  Diana  Persica  auf  Kyros 
zurück  ( Tac . Ami.  3,  62,  vgl.  Paus.  5,  27,  5), 
in  Philadelphia  werden  Anaitisspiele  ( ’Avaei - 
■es iß)  gefeiert  (Lebas-  Waddington,  voyage  arcli. 
inscr.  3,  3424);  vgl.  Paus.  3,  16,  8 Avdcöv  oig 
sGziv  ’Agzeyidog  legov  ’Avcai'xidog.  In  Armenien 
wird  die  Landschaft  Akilisene  am  obern  Eu- 
phrat auch  Anaitica  [und  Tavcdzig]  genannt 
(Strabo  11,  14,  16.  Plin.  5,  83.  33,  82.  JDio  Cass. 
36,48.  53,  vgl.  Procop.  Goth.  4,  5.  Pers.  1,  17). 
Von  dem  Kult  der  Göttin  berichtet  Strabo, 
dafs  ihr  Sklaven  und  Sklavinnen  geweiht  wur- 
den, dafs  auch  die  Töchter  des  Landes  bis  zu 
den  höchsten  Ständen  hinauf  sich  ihr  zu  Ehren 
prostituierten.  Ferner  erfahren  wir , dafs  ihr 
Kühe  heilig  sind,  denen  „die  Fackel  der  Gott- 


10 

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60 


333 


Anaitis 


Anaxarete 


334 


heit“  als  Mal  eingebrannt  wird  (JPlut.  Luc.  24). 
Im  pontischen  Zela  ( Strabo  11,  8,  4f.  12,  3, 
37)  wurde  Anaitis  mit  Omanos  und  Anadates 
; (Amandates?,  s.  Lagarde,  Ges.  Abh.)  zusammen 
I verehrt,  von  denen  jener  der  Ameschaspenta 
Vohumano  „der  gute  Sinn“,  dieser  vielleicht 
Amertatät  „der  Genius  der  „Unsterblichkeit“, 
ist;  nach  späteren  Anschauungen  sind  sie  die 
Schirmherren  der  Tiere  und  Pflanzen.  Auch 
Zela  war  reich  an  Hierodulen  und  allem  Fest-  l 
gepränge.  Eng  verbunden  mit  dem  Anaitis- 
kultus  ist  nach  Strabo  überall  das  Sakaeenfest, 
ein  Freudenfest,  das  aus  Babylonien  zu  stam- 
men scheint  (s.  weiter  Berossos  fr.  3 und  Dio 
Chrys.  or.  4,  66;  meine  Gesell,  des  Altert.  1 
§ 463).  Man  sieht , wie  der  Anaitiskult  hier 
überall  völlig  von  babylonischen  Elementen 
durchsetzt  ist;  den  Iraniern  ist  die  Prostitu- 
tion zu  Ehren  der  Gottheit  immer  fremd  ge- 
blieben. Vgl.  noch  die  „Mysterien  der  "Aqzs-  2 
(US  Tlegasici'1  Diod.  5,  77. 

Während  der  Kult  des  Mithra  sich  über 
die  ganze  griechisch-römische  Welt  verbreitet 
hat,  ist  der  der  Anaitis  ihr  fremd  geblieben. 
Die  Darstellungen  auf  Reliefs  und  Vasen,  in 
denen  G ern.gr d,  Arcli.  Ztg.  1854,  lff.  die  per- 
sische Artemis  hat  erkennen  wollen,  scheinen 
sämtlich  nicht  diese,  sondern  die  ephesische 
und  ihr  nahe  verwandte  kleinasiatische  Göt- 
tinnen darzustellen.  Der  Anaitiskult  des  eigent- 
lichen Persiens  wird  bei  den  Schriftstellern  noch 
einige  Male  erwähnt,  so  der  von  Egbatana  bei 
Blut.  Artax.  27.  Isid.  Charac.  6 (’Avca'tig)  und 
Polyb.  10,27, 12  (. Al'vg ),  der  von  Susa  wahrseb. 
Plin.  6, 135;  ferner  vgl.  Strabo  16,  1,  4.  Dagegen 
scheint,  wo  von  der  Artemis  in  Elymais  die  Rede 
ist,  namentlich  beim  Zuge  des  Äntioclios  Epi- 
phanes,  durchweg  die  in  Susa  und  Babylonien 
seit  uralter  Zeit  heimische  Göttin  Nanai  (Nä- 
vaia)  gemeint  zu  sein  (Pol.  31,  11.  Maccab.  2, 

1,  13  ff.  u.  a.);  nur  Aelian.  hist.  an.  12,  23:  „im 
Tempel  des  Adonis  in  Elymaea  werden  zahme 
Löwen  gehalten“,  ist  für  Adonis  vielleicht  Anai- 
tis einzusetzen.  Auch  ob  die  von  Flut.  Ar- 
tax. 3 erwähnte  persische  Athene , in  deren 
Tempel  der  König  seine  Würde  antritt,  die 
Anaitis  ist,  ist  mir  sehr  fraglich.  Ebenso  kann 
ich  der  von  Ho  ff  mann  a.  a.  0.  154  ff.  vorgeschla- 
genen Gleichsetzung  eines  auf  indoskythischen 
Münzen  vorkommenden  Münzbildes  mit  der 
Beischrift  Nccvu  mit  der  Anaitis  nicht  unbe- 
dingt beistimmen.  Wie  die  Armenier  eine  für 
Athene  , d.  i.  die  (griech. !)  Kriegsgöttin , er- 
klärte „Nane  Tochter  Aramazds“  kennen 
(Hoffmann  a.  a.  0.  134),  mag  auch  die  altira- 
nische Religion  eine  Nanai  gekannt  oder  adop- 
tirt  haben.  — In  unserem  Avesta , dessen 
Schlufsredaktion  nicht  älter  zu  sein  scheint 
als  die  spätere  Arsakiden-  und  die  Sassani- 
denzeit  (s.  in.  Gesell,  des  Alterth.  1,  § 414ff.), 
hat  Anähita  die  Stellung  einer  mächtigen 
Göttin,  die  sie  in  der  Volksreligion  einnahm, 
behauptet.  Aber  sie  wird  dem  zoroastrischen 
Religionssystem  eingeord.net  und  erscheint  als 
eine  Vorkämpferin  der  guten  Ordnung,  die  von 
Ahuramazda  und  allen  Heroen  angerufen  wird 
und  ihnen  Segen  und  Sieg  verleiht. 

In  früherer  Zeit  hat  mau  (so  auch  Movers, 


ferner  Stichel,  de  Dianae  pers.  monum.  Graech- 
wyliano,  Progr.  Jena  1856)  die  Anaitis  vielfach 
für  eine  semitische  Göttin  erklärt  und  mit  al- 
len möglichen  andern  Gottheiten  (fAnat,  Tnt, 
Heit  u.  s.  w.)  identificiert.  Alle  diese  Annah- 
men sind  völlig  unhaltbar;  s.  m.  Aufsatz  Z. 
F>.  M.  31,  716  ff. 

Litte  r atu  r.  Aufser  den  Werken  über 
iranische  Altertümer  namentlich  Windischmann, 
die  pers.  Anahita  oder  Anaitis , Abh.  d.  Bayr. 
Ah.,  pliil.  CI.  8,  1858  uud  G.  Hoffmann  a.  a.  0. 
Geldner,  Kuhns  Ztschr.  25,  374.  [Ed.  Meyer.] 

Ananke  (’Araynrj),  die  zur  Gottheit  gewor- 
dene Notwendigkeit  (Necessitas) , welche  in 
Korinth  mit  der  Bia  zusammen  ein  Heiligtum 
hatte:  Paus.  2,  4,  6.  Hesiod  u.  Farm.  b.  Flat, 
symp.  195  c.  de  republ.  616.  Vgl.  C.  I.  Gr. 
4379  0,  wo  sie  das  Epitheton  svzshqg  führt. 
Mehr  unter  Necessitas.  Vgl.  auch  Pauly  Beal- 
enc.  u.  Necessitas.  [Roscher.] 

Anatole  (’Avazolff),  eine  der  Horen,  Hyg.  f. 
183.  [Stoll.] 

Anax  u.  Anakes  ('Avcc£  u.  "Avansg),  1)  Sohn 
des  Uranos  und  der  Ge,  autochthoner  Herr- 
scher und  Eponymos  von  Anaktoria,  dem  spä- 
teren Milet,  Vater  des  Asterios,  der  sein  Nach- 
folger wurde.  Paus.  1,  35,  6.  7,  2,  5.  Steph. 
Byz.  s.  v.  Mihqzog.  Eustath.  ad  Hom.  II.  1,  8 
(p.  21,  24.  An  dieser  Stelle  ist  die  Schreibung 
des  Codex  ’Aränzogog  in  "Avanog  verwandelt). 
— 2)  Anakes,  ein  Name  für  schützende  Dä- 
monen, ähnlich  dem  Namen  der  Kabiren  (vgl. 
Preller,  Myth.  1,  696),  vorwiegend  für  die  Dios- 
kuren  gebraucht  (z.  B.  Paus.  2,  22,  6.  7 u.  ö. 
vgl.  den  Artikel  Dioskuren , Preller  2 , 104. 
105),  aber  auch  für  die  Kureten  bei  Paus.  10, 
38,  3 und  die  Tritopatoren  in  Athen,  Cie.  de  n. 
deor.  3,  21,  53.  Der  Name  ist  nicht  nur  gleich- 
bedeutend, sondern  sprachlich  gleich  dvccszeg. 
Die  Etymologieen  der  Alten : dvcnußg  £%siv  oder 
unb  zrjg  zcov  dsivcöv  uva6%£Ge(og  oder  uvEtuxg 
(uvekci g)  in  der  Bedeutung  dvco  (Flut.  Thes.  33. 
Plut.Numa  13.  Eustath.  ad  II.  p.  21,  18,  ad 
Od.  1425,  59)  erklären  wohl  das  Wesen,  nicht 
aber  den  Namen  der  Anakes,  vgl.  Preller,  gr. 
Myth.  2,  105.  Note.  [Vgl.  noch  Index  z.  C. 
I.  Gr.  (Vol.  4,  3 p.  17)  R.]  [Oertel.] 

• Anaxarete  (’Aralagezr]),  eine  kyprische  Jung- 
frau aus  dem  edlen  Geschlechte  des  Teukros, 
welche  aus  hartherzigem  Stolze  die  Liebe  eines 
Jünglings  aus  niedrigem  Stande,  namens  Iphis, 
so  hartnäckig  verschmähte,  dafs  dieser  sich 
zuletzt  voll  Verzweiflung  an  ihrer  Thrire  er- 
hängte. Weit  entfernt  sich  durch  diesen  Selbst- 
mord rühren  zu  lassen,  ging  Anaxarete  in  ihrer 
Gefühllosigkeit  so  weit,  dafs  sie,  als  die  Leiche 
des  Unglücklichen  zum  Begräbnis  an  ihrem 
Hause  vorübergetragen  wurde,  spöttisch  aus 
dem  Fenster  den  Leichenzug  mit  anselien 
wollte.  Kaum  hatte  sie  jedoch  den  Kopf  zum 
Fenster  hinausgesteckt  und  des  Iphis  Leiche 
erblickt,  als  sie  zur  Strafe  in  eine  Statue  ver- 
wandelt wurde,  welche  sodann  im  Tempel  der 
Venus  prospiciens  in  Salamis  als  warnendes 
Beispiel  liebloser  Hartherzigkeit  aufgestellt 
wurde.  So  berichtet  Ov.  Met.  14,  698  fl.  Fast 
dieselbe  Geschichte  erzählt  Hermcsianax  bei 
Anton.  Lib.  39,  welcher  nur  insofern  abweicht, 


335  Anaxias 

als  er  den  Jüngling  Arkeophon,  Solan  des  Min- 
nyridas, aus Phönizien,  die  hartherzige  Grie- 
chin aber  Arsinoe , Tochter  des  Nikokreon, 
Königs  von  Salamis,  nennt  und  den  liebenden 
Jüngling  sich  durch  Enthaltung  jeglicher  Speise 
töten  läl'st.  Bei  Flut.  Amat.  20,  12  dagegen 
heilst  der  Jüngling  Euxynthetos,  das  Mädchen 
Leukomantis,  f welche  noch  jetzt  in  Kypros 
TIccQccuvmovGa  genannt  wird’.  — Derselbe 
Schriftsteller  vergleicht  damit  die  kretische 
Geschichte  von  Asandros  und  Gorgo.  Nach 
Welcher,  Götterl.  2,  711  ist  die  Sage  „wohl  aus 
einer  Geschichte,  die  tiefen  Eindruck  gemacht 
haben  mufs,  als  Legende  hervorgegangen.  Ein 
kleiner , in  Rom  wiederholt  vorkommender 
Marmor  (vgl.  Annali  d.  Inst.  1839  tav.  ä'agg. 
K.  Braun,  Vorschule  Taf.  59.  Archäol.  Ztg. 
1857  No.  97),  höchst  wahrscheinlich  nach  der 
Statue  in  Salamis,  stellt  die  rächende  Göttin 
[d.  i.  die  ’Acpgodltr]  n<xga.vivnxov6cc  = prospiciens ] 
so  dar,  dafs  leise  göttliche  Trauer  auf  ihren 
schönen  Zügen  schwebt,  die  Versteinerung 
aber  ausgedrückt  ist  durch  eine  mit  ihr  in 
tiefe  Trauer  versunkene  Gorgo,  die  auf  ihrem 
Haupte  liegt.“  Welcher  meint,  dafs  in  diesem 
Falle,  wie  auch  sonst,  der  Name  von  der  be- 
straften.Schönen  auf  die  Göttin  übergegangen 
sei  (?).  Übrigens  macht  Wyttenbach,  Index  verb. 
in  Flut.  2,  1187  darauf  aufmerksam,  dafs  das 
7i<xQcr/,vnzELV  vorzugsweise  ein  6%ryjisy.  nogvi%6v 
war,  was  trefflich  zu  der  Rolle,  welche  die 
Aphrodite  (Astarte)  gerade  im  phönizischen 
Kypros  und  in  unserem  Mythus  spielt,  pafst. 
Das  Vergehen  der  Anaxarete  möchte  daher 
nicht  blofs  in  dem  Verschmähen  des  phöni- 
zischen Jünglings,  des  Verehrers  der  Astarte 
(s.  d.),  sondern  wohl  auch  in  der  höhnischen 
Persiflage  eines  auf  die  Göttin  zurückgeführten 
und  ihr  gewissermafsen  geheiligten  gestus  me- 
retricius  seitens  einer  Griechin  bestanden 
haben.  Die  Legende  eröffnet  sonach  einen 
Einblick  in  das  ursprüngliche  Verhältnis  der 
griechischen  Kolonisten  zu  dem  Kultus  der 
kyprischen  Astarte.  [Roscher.] 

Anaxias  (’Ava^üu g)  oder  Anaxis  ("Avalgig)  und 
Mnasinos,  rSöhne  der  Dioskuren  und  der  Hi- 
laeira  und  Phoibe’  waren  in  Holzbildern  von 
Dipoinos’  und  Skyllis’  Hand  im  Tempel  der 
Dioskuren  zu  Korinth  aufgestellt  (Paus.  2,  22, 
5)  und  am  Throne  des  amykläischen  Apollon 
angebracht  (Paus.  3,  18,  13).  Wahrscheinlich 
ist  Anaxis  identisch  mit  Anogon,  den  Apol- 
lod.  3,  11,  2 Sohn  des  Kastor  und  der  Hilaeira 
nennt,  Mnasinos  derselbe  wie  Mnesileos,  der 
Sohn  des  Polydeukes  und  der  Phoibe  (Apollod. 
a.  a.  0.).  [Roscher.] 

AnaxiMa  (’Avcc^ißicc) , 1)  Tochter  des  Bias, 
Gemahlin  des  Pelias,  Mutter  des  Akastos, 
der  Peisidike,  Pelopeia,  Hippothoe  und  Al- 
kestis.  Apollod.  1,  9,  10.  Hygin.  fab.  14.  51. 
— 2)  Tochter  des  Kratieus,  Gemahlin  des 
Nestor  und  Mutter  des  Perseus,  Stratichos, 
Echephron,  Aretos,  Peisistratos , Antilochos, 
Thrasymedes  und  der  Peisidike  und  Polykaste. 
Apollod.  1,  9,  9.  — 3)  Tochter  des  Pleisthenes 
und  der  Aerope,  Schwester  des  Agamemnoxa, 
Gemahlin  des  Strophios  und  Mutter  des  Pyla- 
des.  Paus.  2,  29,  4.  Ilesiod  bei  Tzetz.  exeg.  in 


Anckiale  336 

lliad.  p.  68,  20.  [Bei  Ilygin.  fab.  117  heifst 
die  Gemahlin  des  Strophios  Antioche],  Eusta- 
thius  ad  lliad.  2,  588  (p.  296,  25)  und  Dictys 
Cretensis  1,  1 sagen,  die  zweite*  Gemahlin 
Nestors  sei  Agamemnons  Schwester  gewesen. 
Da  nun  ein  Kratieus  sonst  nirgends  vorkommt,  so 
wird  es  wahrscheinlich,  dafs  bei  Apollodor  statt 
Kgaxiscog  ’Axgseog  zu  lesen  und  2)  und  3)  iden- 
tisch sind.  Demnach  hätte  die  Schwester  des 
Agamemnon  zuerst  eine  Ehe  mit  Nestor  und 
dann  mit  Strophios,  dessen  Spröfsling  Pylades 
war,  eingegangen.  — 4)  Eine  Nymphe  in  In- 
dien, die  Helios  liebte.  Sie  floh  vor  seiner 
Verfolgung  in  den  Tempel  der  Artemis  Orthia 
am  Ganges;  Helios  aber,  von  weiterer  Nach- 
stellung abstehend,  fuhr  von  hier  auf.  Der 
Ort  hiefs  danach  Anatole:  Flut,  de  fluv.  4,  3. 
— 5)  Gemahlin  des  Kerkaphos,  Mutter  des 
Maiandros.  Flut,  de  fluv.  9,  1.  [Oertel.] 
Auaxileia  (’Ava^ilsia) , Amazone  auf  einer 
Hydria  in  England,  vgl.  Bröndsted,  Vases  of 
Gampanari  n.  28.  C.  I.  Gr.  7573.  [Kliigmann.] 
Anaxiroe,  Tochter  des  Koronos,  Gemahlin 
des  Epeios  und  Mutter  der  Hyrmina.  Paus.  5, 
1,  6.  [Oertel.] 

Auaxis  ('Av a|tg)  s.  Anaxias. 

Auaxithea  (’Ava^i&sa),  eine  der  Danaiden 
(s.  d.),  sie  gebar  vom  Zeus  den  Olenos.  Steph. 
Byz.  s.  v.  Hlsvog . Eustath.  ad  Hom.  II.  11, 
756  (p.  883,  2).  (Unter  den  bei  Hygin.  fab. 
170  und  Apollod.  2,  1,  5 genannten  Danaiden 
kommt  Auaxithea  nicht  vor).  [Oertel.] 

Anaxo  (’Avce£c6),  1)  Tochter  des  Alkaios  und 
der  Hipponome  (oderÄstydameia  oder  Laonome), 
Gemalilin  des  Elektryon  und  Mutter  von  8 
Söhnen  und  der  Alkmene  (s.  d.)  Apollod.  2,  4, 
5.  Schol.  ad  lliad.  14,  323.  Arsenius,  viol.  131 
(Leutseh,  paroemiogr.  t.  2).  Tzetzes  ad  Lycoplir. 
933.  — 2)  Eine  trözenische  Jungfrau,  von  The- 
seus  geraubt,  dessen  Gemahlin  vor  der  Phaidra, 
Flut.  Thes.  29.  comp.  Tlies.  et  Bomul.  6.  Athe- 
naeus  13,  557  B.  [Oertel], 

Ancasta  dea,  eine  jedenfalls  celtische  Göt- 
tin auf  einer  Weihinschrift  aus  Clausentum 
(Bittern  bei  Southampton)  C.  I.  L.  7,  4.  Zu 
vergleichen  ist  der  Name  des  britannischen 
Stammes  Ancalites  bei  Gaes.  bell.  galt.  5,  21. 

[Steuding.] 

Ancharia,  eine  zu  Faesulae  verehrte  Göttin, 
von  der  Tertull.  Apolog.  24  sagt:  unicuique 
provinciae  et  civitati  suus  deus  est,  ut  Syriae 
Atargatis , Faesulanorum  Ancharia  [Roscher]; 
vgl.  auch  die  allerdings  etwas  verdächtige  In- 
schrift aus  Faesulae,  Orelli  1844:  L.  Magilius 
L.  F.  Paullinus  Variscus  III  vir  signum  An- 
cliariae  sua  pec.  restitu  L.  I).  D.  D.  Nach 
Müller - D eecke , Etrusk.  2 p.  62  Anm.  86  ist 
Ancharia  ein  echt  etruskischer  Name  und  mit 
dem  der  Familie  Ankare  nebst  Ableitungen 
zusammenzustellen.  Vgl.  Steph.  Byz.  vAynaga, 
nbXig  ’lxuXiag.  xo  id'vinov  ’AyHccguxyg  u.  Gerh. 
Gottli.  d.  Etr.  n.  110.  [Steuding.] 

Ancliiale  (’Ayxuxhq),  1)  Tochter  des  Iapetos, 
Gründerin  und  eponyme  Heroine  der  Stadt 
Anchiale  in  Kilikien  am  Kydnos,  die  nach  an- 
dern von  Sardanapal  gegründet  sein  soll.  Sie 
wird  Mutter  des  Kydnos  genannt.  Steph.  Byz. 
s.  v.  ’Ay%t,<xXr].  — 2)  Nymphe  in  Kreta,  die 


io 

20 

30 

40 

50 

60 


Anchises 


337  Anchialos 

Mutter  der  idäischen  Daktylen.  Apoll.  Rhod. 

1,  1130.  [Oertel.] 

Anchialos  (’Ayxialog),  1)  Vater  des  Mentes, 
König  der  Taphier  und  Freund  des  Odysseus 
( Hom . Od.  1,  180).  — 2)  Ein  Phäake,  der  sich 
an  den  Festspielen  zu  Ehren  des  Odysseus  be- 
teiligt (Od.-  8,  112).  — 3)  Hirte,  Erzieher  des 
Paris.  Aslilep.  bei  Schol.  ad  II.  3,  325.  — 4) 
Grieche,  mit  Menesthes  zusammen  von  Hektor 
erlegt.  II.  5,  609.  [Oertel.]  i 

Ancliimaclie  (’Ayxiydxy),  Amazone,  Gefähr- 
tin Penthesileias  bei  Tzctz.  Postli.  182. 

[Kliigmann.] 

Ancliimos  ('Ayxigog),  einer  von  den  Gefähr- 
ten des  Odysseus,  der  von  der  Skylla  ver- 
schlungen wurde,  Pherckydes  b.  Schol.  Od.  12, 
257.  [Stoll.] 

Anchinoe  ( ’Ayxt-vor]  oder  ’Ayx^ögl),  1)  Toch- 
ter des  Neilos,  Gemahlin  des  Belos  (s.  d.) : 
Apollod.  2,  1,~4.  Schol.  II.  1,  42.  — 2)  Ge-  2 
mahlin  des  Proteus,  Mutter  der  Kabeiro  (welche 
von  Hephaistos  den  Kadmilos  gebar):  Steph. 

Byz.  unter  Kaßupia.  [Roscher.] 

Anchios  (’Ayxiog  ?),  zweifelhafter  Name  eines 
Kentauren,  den  Herakles  (s.  d.)  zu  Pholoe  er- 
legte, als  er  hier  den  Pholos  (s.  d.)  besuchte, 
Apollod.  2,  5,  4 (wo  jedoch  nach  Roscher,  'Über 
: lie  Kentaurennamen ’ in  Fleckeisens  Jahrb.  1872 
S.  426  wohl  ”AQv.zog  (vgl.  lies.  Sc.  Here.  186) 

?u  lesen  ist).  [Oertel.]  3 

Anchiroe  (oder  -rrhoe)  (’AyxiQÖrp  -QQog),  1) 
Tochter  des  Erasinos  (s.  d.) , Schwester  der 
Byze,  Melite  und  Moira,  welche  in  dem  My- 
thus der  Britomartis  (s.  d.)  eine  Rolle  spielte: 
Anton.  Lib.  40.  — 2)  Gemahlin  des  Penthilos 
)s.  d.),  Mutter  des  Andropompos,  eines  Vor- 
fahren des  Kodros,  vielleicht  mit  der  vorigen 
dentisch:  Hellan.  b.  Schol.  z.  Plat.  Symp. 

208 d.  — 3)  Tochter  des  Neilos,  Gemahlin  des 
Belos  (s.  d.),  Mutter  des  Aigyptos  und  Danaos  4 
's.  d.),  deren  Name  auch  ’Ayxivog  (s.  d.)  ge- 
ichrieben wird.  — 4)  Beigeschriebener  Name 
;iner  Statue,  welche  eine  zum  Brunnen  tretende 
Wasserträgerm  (Danaide?)  darstellt:  (geschrie- 
ben: Anchyrrhoe)*)  O.  Jahn,  archäol.  Aufs.  26. 
Brunn  in  Paulys  Realenc. 2 1,  1 , 972.  — 5) 
fochter  des  libyschen  Flufsgottes  Chremetes, 
iemahlin  des  Psyllos,  Mutter  des  Libyers  Kra- 
aigonos:  Nonn.  Dion.  13,  380.  [Roscher.] 

Ancliises  ( ’Ayxiogg ),  1)  Sohn  des  Kap.ys  und  5 
ler  Themis,  der  Tochter  des  llos,  und  Enkel 
les  Assarakos.  II.  T 239.  Apoll.  3,  12,  2,  3. 
Ennius  bei  Philargyr.  z.  Verg.  Georg.  3 , 35. 
Itammbaum:  Zeus,  Dardanos,  Erichthonios, 
fros,  Assarakos,  Kapys  II.  T215 — 40;  er  heifst 
Jäher  bei  Homer  avu | dvögcov  E 268 ; vgl. 
riadstone,  hom.  St.,  übers,  v.  Schuster  S.  86  ff. 
Aff.  Dionys  v.  II.  1,  62  nennt  als  Mutter  die 
iajade  Hieromneme,  und  Serv.  Verg.  Aen.  5,  30 
!ie  Aigesta  (Egesta).  Abweichend  bezeichnet  c 
lygin.  f.  94  (p.  88,  17  M.  Schmidt ) den  Assa- 
akos  als  Vater.  Anchises  war  Herrscher  in 
lardanos,  fan  Gestalt  Unsterblichen  ähnlich’ : 

■ hom.  Hymn.  v.  55.  Hyg.  f.  270  (p.  145  M. 
Schmidt).  Zeus  flöfste  der  Aphrodite  zur  Strafe 

*)  Vgl.  Matz , Archäol.  Zeit.  1874  p.  31  und  Michaelis 
od.  1875  p.  24.  Matz-Duhn,  Ant.  Bilclw.  in  Rom  nr.  821 
-820.  [Schreiber.] 


338 

für  ihre  Überhebung  Liebe  zu  Anchises  ein; 
als  er  einst  auf  dem  Ida  seine  Rinderherden 
weidete,  trat  Aphrodite  geschmückt  zu  dem 
schönen  Hirten  und  nannte  sich  Tochter  des 
phrygischen  Königs  Otreus.  Hermes  habe  sie 
aus  der  Mitte  ihrer  Gespielinnen  entrafft  un:l 
hierher  gebracht,  damit  sie  des  Anchises  Gat- 
tin werde.  Das  Beilager  der  Göttin  und  des 
Sterblichen,  eine  Parallele  zu  der  heiligen  Hoch- 
zeit des  Zeus  und  der  Hera,  besingt  der  4. 
hom.  Hymnus ; vgl.  II.  B.  820.  E 247.  T 208. 
Hes.  Th.  1008.  Apollod.  u.  Hygin.  a.  a.  0. 
Vergib  Aen.  1,  617  u.  Servius  z.  St.,  Tlieocrit. 

1 , 106.  Nonnus  Dionys.  15,  210.  Nach  dem 
Beilager  gab  sich  die  Göttin  dem  Anchises  zu 
erkennen , weissagte  ihm  die  Geburt  eines 
Sohnes,  gebot  ihm  aber,  diesen  für  den  Sohn 
einer  Nymphe  auszugeben , denn  Zeus  werde 
ihn  mit  seinem  Blitze  treffen , wenn  er  die 
wahre  Mutter  nenne;  hom.  Hymn.  v.  286 ff. 
Darstellung  dieser  Scene  bei  Müller-  Wieseler 

2.  Bd.  2.  II.  S.  225  No.  293.  Förster,  Hochz.  des 
Zeus  u.  der  Hera  S.  7.  No.  2.  Gerhard  arch. 
Ztg.  1847.  No.  1.  T.  1,  Münze  der  Hier  bei 
Millin,  mythol.  Gail.  T.  44.  No.  644.  Nach 
Verg.  Aen.  1,  617f.  gebar  die  Göttin  den  Ai- 
neias  am  Simois.  Da  Anchises  unter  seinen 
Genossen  beim  Wein  das  Geheimnis  ausplan- 
derte,  wurde  er  vom  Blitzstrahl  des  Zeus  ge- 
troffen, nach  einigen  davon  getötet,  Hygin.  a. 
a.  O.,  nach  anderen  nur  gelähmt,  Verg.  Aen. 
2,  647  ff.  u.  Servius  z.  2,  649,  oder  des  Augen- 
lichts beraubt,  Servius  Verg.  Aen.  1,  617.  u. 
2,  687,  letzteres  nach  Angabe  des  Tlieocrit. 
Bei  Vergil  ist  Anchises  sehend.  Dafs  er  80 
Jahre  alt  geworden  sei,  sagt  Eustatli.  z.  II. 
M 98.  Aufser  Aineias  wird  auch  Lyros  oder 
Lyrnos,  der  Gründer  von  Lyrnessos,  ein  Sohn 
der  Aphrodite  und  des  Anchises  genannt.  Apol- 
lod. 3,  12,  2,  3.  Von  seiner  Gattin  Eriopis 
hatte  er  die  Hippodameia  II.  N 429  u.  Schol. 
z.  St. , Hesych. ; ein  natürlicher  Sohn  des  An- 
chises soll  Elymos  gewesen  sein  nach  Tzetz. 
z.  Lykopin,  v.  965  (Kinkel)  u.  Servius  Verg. 
Aen.  5 , 73.  Laokoon  ist  sein  Bruder  nach 
Hygin.  f.  135  (p.  115,  1 M.  Schmidt ),  der  hierin 
wohl  dem  Laokoon  des  Sophokles  gefolgt  ist. 
Welcher,  gr.  Trag.  1,  151  ff.  Da  Laokoon  bei 
Hygin.  f.  135  (p.  115  M.  Schmidt ) Sohn  des 
Tyrrheners  Acoetes  heifst,  und  Elymos  nach 
Steph.  Ryz.  unter  Aiavr)  ein  nach  Macedonien 
eingewanderter  König  der  Tyrrhener  ist,  so 
scheint  es,  dafs  manche  den  Anchises  aus  Tyr- 
rhenergeschlecht  ableiteten.  Vgl.  K.  0.  Müller, 
Orchomenos 2 S.  438.  Von  den  Pferden  Laome- 
dons,  die  Zeus  dem  Tros  geschenkt  hatte,  liefs 
Anchises  heimlich  seine  Stuten  belegen  und 
erzog  sich  aus  ihnen  sechs  Rosse,  deren  zwei 
er  dem  Aineias  schenkte.  II.  E 265 ff.  Anchi- 
ses war  Gastfreund  des  königlichen  Sehers 
Anios  auf  Delos,  Verg.  Aen.  3,  82  oder  gar  Ver- 
wandter desselben  nach  einem  Palaephatus 
Serv.  Verg.  Aen.  3,  80;  ebenso  hatte  er  nach 
Verg.  8,  156  mit  dem  Arkader  Euander  in 
Pheneos  Gastfreundschaft  geschlossen  noch  vor 
derZeit  des  troischen  Kriegs.  Aineias  trug  ihn 
aus  derbrennenden  Stadt  (vgl.  Aineias  Kap.  3, 
und  über  die  Darstellungen  dieser  Scene  ebenda 


339 


Anchises 


Anculi 


340 


Kap.  22.  vgl.  Archäol.  Ztg.  Jahrg.  38. 1880.  S.  189), 
die  Sage  ist  durch  eine  Münze  von  Aineia  be- 
zeugt, welche  der  Mitte  des  6.  Jhds.  v.  Chr.  ange- 
hören soll  (s.  ohenS.  167).  Von  Gattinnen  desAn- 
• chises  und  Aineias,  die  unter  Thränen  Ilion  ver- 
liefsen,  wufste  Naevius:  Serv.  Verg.  Aen.  3,  10. 
vgl.  oben  Eriopis.  Aineias  bediente  sich  sei- 
ner auf  der  Fahrt  als  Ratgeber,  denn  es  wohnte 
ihm  die  Gabe  der  Weissagung  inne.  So  nach 
Naevius  ( scliol . vet.  z.  Verg.  Aen.  2,  678),  nach 
Ennius  ( Probus  z.  Verg.  Ed.  6,  31)  und  nach 
Vergil  (Serv.  z.  Aen.  2,  687),  vgl.  Dion.  1, 
48;  Vergil  stellt  ihn  als  aller  priesterlichen 
Weisheiffkundig  hin:  Servius  z.  Verg.  Aen.  3, 
607.  — Über  den  Ort,  an  dem  Anchises  ge- 
storben sein  soll , schwanken  die  Angaben 
aufserordentlich.  Ein  Grab  des  Anchises  am 
Ida,  welches  die  Hirten  jährlich  bekränzten, 
erwähnt  Eustathius  zu  ILM  98;  oder  er  war 
während  der  Irrfahrten  seines  Sohnes  auf  der 
Halbinsel  Pal  lene  am  Berg  Kalauros  unweit 
des  Anthemosflusses  gestorben  und  hatte  dort 
sein  Grab.  Scliol.  z.  II.  N 459.  Dind.  (wo  iv 
Tlvdvy  Konjektur  ist  für  sv  nvcivy),  vgl.  IIo- 
non  Narr.  46,  oder  zu  Aineia  Steph.  Byz. 
Ai'vsia , oder  in  Arkadien  am  .Berge  Anchisia 
Paus.  8,  12,  8 in  der  Nähe  eines  Aphroditetem- 
pels, oder  zu  Anchisos  in  Epirus  Prolcop. 
Gotli.  4,  22,  wo  er  verschwunden  sein  sollte; 
der  Ort  ist  mit  Onchesmos  und  dem  Anchises- 
hafen  bei  Dionys.  1,  51  gleichbedeutend,  vgl. 
E.  Hübner,  Flecheis.  Jalirbb.  1879.  S.  413  ff. ; 
oder  im  südl.  Italien  am  Aphroditehafen  bei 
dem  iapygischen  Vorgebirge.  Diomedes  führte 
seine  Gebeine,  die  offenbar  für  segenbringend 
galten,  mit  sich  umher,  vgl.  Aineias  Kap.  11; 
oder  er  stirbt  in  Drepanum  auf  Sicilien: 
Verg.  Aen.  3,  710  und  erhält  auf  dem  Berge 
Eryx  ein  Heroon.  Verg.  Aen.  5,  760f.  Hy- 
gin.  f.  260  (p.  144,  M.  Schmidt ).  Bei  Vergil  1.  5 
werden  ihm  dort  am  Jahrestage  seines  Todes 
Leichenspiele  gefeiert,  darunter  die  ludi  Tro- 
iani;  Hygin.  f.  273  (p.  118  M.  Schmidt );  von 
dieser  Leichenfeier  leitete  man  die  Gebräuche 
bei  den  Totenopfern  in  Rom  und  Latium,  das 
novemdiale  sacrificium  und  die  ludi  novemdia- 
les  her:  Verg.  Aen.  5,  64.  Ov.  Fast.  2,  543. 
Preller  r.  M.  480.  482  ; oder  endlich  Anchi- 
ses stirbt  in  Latium;  so  schon  Cato  nach 
Serv.  Verg.  Aen.  1,  570;  3,  711  (Hygin.  fab. 
260).  Nach  Dion.  1,  64  gab  es  eine  Sage,  dafs 
Aineias  das  Heroon  am  Numicius  dem  ein 
Jahr  vor  dem  Krieg  mit  Mezentius  verstorbe- 
nen Anchises  geweiht  habe,  vgl.  Strabo  5,  229. 
Nur.  Vict.  de  orig.  g.  II.  10.  11.  Nach  dem 
Namen  des  Anchises  soll  Remus  eine  Stadt 
Anchise  in  Latium  gegründet  haben.  Dion.  1, 
73.  Vergil  versetzt  den  Verstorbenen  nach 
eigener  Erfindung  in  das  Elysium,  damit  da- 
durch die  Fahrt  des  Aineias  in  die  Unterwelt 
motiviert  werde.  Der  Name  wird  im  Etym.  m. 
abgeleitet  i iccqoc  z6  ciy%i,  xo  eyyvg  ysvio&ca  xyg 
’AcpQodixyg,  vgl.  dazu  Klausen,  Aen.  u.  d.  Pen. 
1,  33;  wahrscheinlich  ist  er  nichtgriechischen 
Ursprungs;  Müllenlioff,  d.  Altert.  S.  21  glaubt, 
er  sei  einem  phrygischen  nachgebildet.  — 2) 
Vater  des  reichen  Echepölos  aus  Sikyon  II. 
W 296.  Davon: 


Anchisiades  (Ay%iai6iSyg,  ov),  1)  Nachkomme 
des  Anchises,  Aineias  II.  P 754.  T 160.  Verg. 
Aen.  8,  521.  5,  407  u.  ö.  — 2)  Echepölos 
aus  Sikyon  II.  W 296. 

Ancliisias  (Ayxioicig,  uöog),  Beiname  der  Aphro- 
dite nach  einer  Inschrift  aus  Ilium  novum, 
Le  Bas,  As.  min.  1039.  [Wörner.] 

Ancliuros  ('Ay%ovQog),  Sohn  des  phrygischen 
Königs  Midas,  Gemahl  der  Timothea.  Bei  Ke- 
ro  lainai,  der  Stadt  des  Midas,  öffnete  sich  einst 
die  Erde,  der  Schlund  wuchs  mehr  und  mehr 
an  und  drohte  der  Stadt  Verderben.  Der  Kö- 
nig bekam  vom  Orakel  auf  seine  Frage  die 
Antwort,  der  Schlund  würde  sich  schliefsen, 
wenn  er  sein  kostbarstes  Besitztum  hineinge- 
worfen. Da  Gold  und  Edelsteine  nichts  hal- 
fen, stürzte  sich  Anchuros  in  den  Schlund,  der 
sich  sofort  schlofs.  Die  Quelle  der  ganzen  Er- 
zählung scheinen  die  Metamorphosen  des  Kal- 
20  listhenes  gewesen  zu  sein.  Plut.  parall.  5. 
Ancitia  s.  Angitia.  [Oertel.] 

Anculi  und  Ancmlae  hiefsen  nach  Paul.  p.  20 
s.  v.  ancillae  dienende  Gottheiten,  so  genannt 
rquod  antiqui  anculare  dicebant  pro  ministrare.’ 
Vorzugsweise  scheint  diese  ganze  Wortfamilie  im 
alten  Latein  dem  Gebiete  der  Priestersprache 
angehört  zu  haben,  wie  dies  durch  die  Erklä- 
rung von  anclabris  mensa  bei  Paul.  p.  11  s.  v 
und  p.  77  escariae  mensae  (vgl.  die  von  II.  0. 
30  Müller  hergestellte  Glosse  des  Labbaeus  an- 
clabres)  bestätigt  wird.  In  sakralem  Sinne 
sehen  wir  das  Verbum  anclare  auch  in  einem 
Fragment  des  Livius  Andronicus  bei  Priscian. 
6,  17  p.  208  II.  angewandt.  Eine  Nebenform 
vojr  anculae  ist  ancillae,  wovon  es  ebenfalls 
eine  Ableitung  anciliare  = servire  (=  ancu- 
lare) gab,  vgl.  Non.  p.  71  s.  v.  Anculus  ist 
natürlich  das  Deminutivum  von  Ancus,  das  in 
dem  Namen  des  Königs  Ancus  Marcius  sich 
40  erhalten^  hat.  Varro  hielt  das  Pränomen  An- 
cus für  sabinisch,  vgl.  Inc.  auct.  de  praenom. 
4;  und  dafs  die  Sabiner  wirklich  das  Wort 
kannten,  ersehen  wir  aus  Serv.  Aen.  12,  348 
und  dem  Zusatz  des  Interpolator  Servii  z.  d. 
St.,  der  uns  die  Cupenci  (Diener  des  Guten) 
als  Priester  des  Hercules  kennen  lehrt,  vgl. 
Cupra  und  Hercules.  Noch  eine  weitere  Ver- 
zweigung des  Stammes  ancus  hat  Preller  II 
31. 3 1,  411  ermittelt  in  den  Ancites  und  An- 
50  gitiae  einiger  Inschriften  verschiedener  itali- 
scher Völkerschaften,  die  wir  gleichfalls  als 
dienende  Gottheiten  aufzufassen  haben.  Ganz- ; 
lieh  abzuweisen  ist  selbstverständlich  die  An- 
sicht einiger  alten  Grammatiker,  die  anclare  1 
als  griechisches  Lehnwort  auffafsten  und  es 
von  ccvxXslv  ableiteten,  vgl.  Priscian.  a.  a.  0., 
Paul.  p.  11  anclare,  Non.  p.  107  exanclare, 
p.  292  exanclare,  G.  Löwe,  Prodrom,  gloss.  lat. 
p.  371  ff.  — Derselbe  Begriff  dienender  Gott- 
00  heiten  männlichen  und  weiblichen  Geschlechts 
findet  seinen  Ausdruck  in  den  Famuli  Divi 
und  Virgines  Divae  der  Arvalakten.  Wie  ij 
der  Kultus  zwischen  Anculi,  Anculae  und 
Famuli,  Virgines  unterschied,  läfst  sich  nicht 
feststellen.  Es  war  eine  Lehre  der  römischen 
Theologie  ' singula  numina  habent  inferiores 
potcsta.tes  quasi  ministros’’ , Serv.  Aen.  5 , 95, 
vgl.  Mart.  Cap.  2,  152.  Einzelne  Vertreter 


341  Andarta  dea  Aug. 

dieser  dienenden  Götterklasse  sind  in  die  Sage 
eingetreten  und  Laben  es  zu  einer  mythologi- 
schen Entwickelung  gebracht,  so  Virbius,  der 
Diener  der  Diana,  und  der  in  einem  gleichen 
Verhältnis  zu  Mars  stehende  Picus.  Horat. 
A.  P.  239  nennt  den  Silen  Diener  des  Bacchus, 
Seneca  Here.  für.  100  f.  die  Furien  Dienerinnen 
des  Dis;  Mart.  Cap.  1,  36  läfst  die  Discipli- 
nae  im  Dienst  des  Merkur  stehen.  Als  die- 
nende Gottheiten  erscheinen  vor  allem  die 
Genien,  besonders  wenn  sie  den  Göttern  opfern, 
vgl.  Hercules.  Ferner  werden  die  den  einzel- 
nen Gottheiten  geweihten  Tiere  als  deren  fa- 
muli  und  famulae  betrachtet;  wir  werden  solche 
zu  erkennen  haben  in  den  Corniscae  Divae,  die 
unter  dem  Schutz  der  Iuno  standen  (Paul. 
p.  64  s.  v.);  der  picus  Martins  gehört  hierher 
als  der  heilige  Vogel  des  Mars,  ln  der  um- 
brischen  Auguraldisziplin  wird  eine  Klasse  von 
Auspicalvögeln , die  den  lat.  oscines  zu  ent- 
sprechen scheint,  anclar  ( nom . pl.)  und  anglaf, 
angla  (acc.  pl.)  genannt  und  mithin,  da  diese 
Wörter  olfenbar  = lat.  anculae,  als  dienende 
Vögel  einer  Gottheit  aufgefafst  ( Iguv . Taf.  6 a. 
16.  5.  1.  3.  6.  b.  49;  vgl.  Aufrecht-Kirchho/f, 
Umbr.  Spr.-Denkm.  2,  32.  41.  Huschke,  Iguv. 
Taf.  46  f.  Bücheier , N.Jlibr.  f.  Pli.  111,  i.875 
p.  317).  Interessant  ist  es,  dafs  der  Genius 
selbst  noch  einen  famulus  erhält  in  der  Schlange, 
die  seine  Gegenwart  anzeigt,  vgl.  Bel  ff  er  scheid, 
De  Darum  picturis  Pompeianis,  Annali  d.  inst. 
35  (1863)  p.  130.  Als  Diener  der  Verstorbe- 
nen erscheint  die  Schlange  bei  V erg.  Aen.  5, 
95  u.  Vater.  Flacc.  3,  457  f. , als  famulus  der 
Naiaden  bei  Sil.  Itdl.  6,  288  f.  Auch  die  Prie- 
ster der  Gottheiten  wurden  famuli  genannt, 
wie  die  Priester  des  Hercules  Cupenci , vgl. 
Cie.  de  leg.  2,  9,  22.  Seneca  Agam.  254  f.  Dem 
Syrer  Elagabal  ist  nicht  zuzutrauen,  dafs  er 
an  die  dienenden  Gottheiten  der  altrömischen 
Religion  dachte  bei  seinem  Ausspruch  'omnes 
deos  sui  dei  ministros  esse , cum  alios  eius 
eubicularios  appellaret,  alios  servos,  alios  di- 
versarum  rerum  ministros’  (Ael.  Lamprid.  v. 
Elag.  7),  dem  nur  die  Vergleichung  mit  sei- 
nem Hofstaat  zu  Grunde  liegt,  vgl.  Henzen, 
Acta  fr.  Arv.  p.  145.  [R.  Peter.] 

Andarta  dea  Aug.,  eine  keltische  Göttin  auf 
;iner  Inschrift  aus  der  col.  Dea  Augusta  Vo- 
iontiorum  (Die  in  der  Dauphine)  Orelli  1958: 
Deae  Aug.  Andartae  L.  Carisius  Serenus  Illlvr 
Aug.  v.  s.  1.  m.  Aufserdem  auf  den  Inschrif- 
ten bei  Gruter  88,  9 u.  10.  Dom  Martin,  Be- 
ig.  des  Gaulois  2 hält  sie  für  eine  Victoria. 
Vielleicht  ist  Juppiter  Andero  zu  vergleichen. 

[Steuding.] 

Andero  oder  Anderomis , ein  keltischer, 
•ielleicht  (nach  Hübner)  von  einer  Örtlichkeit 
ntlehnter  Beiname  des  Juppiter  auf  einer  In- 
chrift  aus  Gallaecia,  C.  I.  L.  2,  2598:  I.  0.  M. 
inderon  sac.  M.  Ulpius  Aug.  lib.  Eutyches. 
Proc.  Metall.  Alboc.  Wohl  desselben  Stam- 
mes sind  die  keltischen  Ortsnamen  Anderitum 
n Aquitanien  und  Anderida  in  Britannien. 

[Steuding.] 

Andes  ('Avdrjs).  Dieser  Name  beruht  auf 
bischer  Lesart,  Steph.  Byz.  s.  v.  "Adavce.  S. 

! andes.  [Schirmer.] 


Androgeos  342 

Andescox,  wohl  Beiname  des  Mercurius  auf 
einer  Inschrift  aus  Camulodunum,  Colonia  vic- 
trix  (Colchester),  C.  I.  L.  7,  87 : Numinib.  Aug. 
et  Mer cu.  deo  Andescoci  vov.  etc.  Vergl.  die 
von  ande  (ävxC)  abgeleiteten  kelt.  Namen  b. 
Fick,  gr.  Pers.  p.  LXX.  [Steuding.] 

Audraimon  (’ArdgcEycov),  1)  Vater  des  Thoas, 
Gründer  von  Amphissa,  wo  noch  sein  Grabmal 
gezeigt  wurde,  Paus.  10,  38,  5.  Er  war  ver- 
heiratet mit  Gorge,  der  Tochter  des  Oiueus 
von  Kalydon.  Dieser  wurde  von  den  Söhnen 
des  Agrios  eingekerkert,  von  seinem  tapferen 
Enkel  Diomedes  aber  befreit  und  gab  nun  die 
Herrschaft  seinem  Schwiegersöhne  Andraimon. 
Sein  Sohn  Thoas  führt  dann  die  Ätolier  vor 
Troja:  II.  2,  638.  Od.  14,  499.  Dictys  Cre- 
tensis  2,  13.  Apollod.  1,  8,  1.  Paus.  5,  3,  7. 
Arist.  bei  Harp.  s.  ’AurpioGa.  Vgl.  Preller  2, 
370.  — 2)  Sohn  des  Oxylos  und  Gemahl 
der  Dryope,  die  vom  Apollon  den  Amphissos 
gebar.  Ovid.  Metam.  9,  363.  Antonin.  Lib. 
32.  Bei  Apollodor  2 , 8 , 3 wird  Oxylos  Sohn 
des  Andraimon  genannt.  Dies  ist  entweder 
eine  Verwechslung  Apollodors,  oder  auf  eine 
immerhin  mögliche  Textkorruptel  zurückzufüh- 
ren: tc5  ’AvSgaigovog  = zä  Aiyovog.  Der  Stamm- 
baum des  Andraimon  von  Amphissa  und  Ka- 
lydon ist  nämlich  dieser:  Andraimon,  Thoas, 
Haimon,  Oxylos,  Andraimon  d.  J.  [Oertel.] 

Andreus  (’AvSgsvg),  Sohn  des  Peneios,  ein 
Thessalier,  Eponymos  und  Gründer  von  Andreis, 
dem  späteren  Orchomenos.  Er  teilte  dann  sein 
Reich  mit  dem  eingewanderten  Athamas  und 
heiratete  dessen  Tochter  Euippe,  mit  der  er- 
den Eteokles  zeugte , den  einige  allerdings 
auch  einen  Sohn  des  Kephissos  nennen,  Paus. 
9,  34,  6—9.  Diod.  Sic.  5,  79.  Über  Andreus, 
als  Gründer  von  Andros  (Paus.  10,  13,  4)  vgl. 
Andros.  [Oertel.] 

Andro  (’AvSgeo),  Amazone,  Gefährtin  Penthe- 
sileias  bei  Tzets.  Posth.  179;  auf  der  fragmen- 
tierten Vase  aus  Ruvo  Annali  d.  Inst.  1856. 
Tav.  15  wohl  zu  Andromache  (s.  d.)  zu  ergän- 
zen. [Klügmann.] 

Androdaixa  (Avd'godai'£,<x),  eine  Führerin  der 
Amazonen  vor  Troja,  von  Achilleus  getötet, 
Tzetz.  Posthorn.  179.  [Stoll.] 

Androgeos  (’Avdgoyecog,  lat.  Androgeus  und 
-eon),  1)  Sohn  des  Minos  und  der  Pasiphae 
(nach  Asklepiades  der  Krete,  Tochter  des  Aste- 
rios),  Bruder  des  Katreus,  Deukalion,  Glaukos, 
der  Akalle,  Demodike,  Ariadne  und  Phaidra 
(Apollod.  3,  1,  2.  Diod.  4,  60.  Sero.  Verg.  Aen. 
6,  14).  Er  kam  nach  Athen,  beteiligte  sich 
an  den  panathenäischen  Spielen  und  besiegte 
alle  anderen  Wettkämpfer.  Da  sandte  ihn  der 
eben  von  Troizen  heimgekehrte  Aigeus  gegen 
den  marathonischen  Stier  aus,  wobei  er  um- 
kam (vgl  auch  Paus.  1,  27,  10).  Nach  an- 
derer Überlieferung  wurde  er  auf  dem  Wege 
nach  Theben,  wo  er  den  äycov  des  Laios  mit- 
machen wollte,  von  seinen  neidischen  Mitbe- 
werbern heimtückisch  überfallen  und  ermordet. 
Als  Minos,  der  gerade  auf  Paros  den  Chariten 
opferte,  den  Tod  seines  Sohnes  erfuhr,  voll- 
endete er  zwar  das  angefangene  Opfer,  aber 
er  warf  seinen  Kranz  fort  und  hiefs  die  Flöten- 
spieler schweigen,  was  von  da  an  auf  Paros 


io 

20 

30 

40 

50 

60 


343 


Androkles 


Andromache 


stehende  Opfersitte  wurde.  Darauf  rüstete  er 
eine  Flotte  gegen  Athen,  eroberte  das  von 
Nisos  beherrschte  Megara  (nach  einigen  Quel- 
len, z.  B.  Sero.  z.  Verg.  Ed.  6,  74  waren 
auch  Megarer  am  Morde  des  Androgeos  be- 
teiligt gewesen)  und  belagerte  alsdann  Athen. 
Als  sich  die  Belagerung  in  die  Länge  zog, 
bat  er  Zeus,  ihm'  Genugthuung  zu  ver- 
schaffen, worauf  Pest  und  Hungersnot  aus- 
brach. Um  diese  Plagen  abzuwenden,  opfer- 
ten die  Athener,  einem  alten  Orakel  folgend, 
die  Töchter  des  Hyakinthos  am  Grabe  des 
Geraistos.  Als  dieses  Opfer  jedoch  nichts 
nützte,  befragten  sie  das  Orakel.  Dieses  ant- 
wortete, sie  sollten  dem  Minos  die  Genug- 
thuung geben,  die  er  verlange.  Da  verlangte 
dieser  von  ihnen  jährlich  7 Jünglinge  und  7 
Jungfrauen,  welche  dem  Minotäuros  zum  Frafse 
dienen  sollten.  So  Apollod.  3,  15,  7 (vgl.  auch 
die  ähnlichen  Berichte  b.  Cat.  64,  77  ff.  JDiod. 
4,  60  f.  Hyg.  f.  41.  Ov.  Met.  7,  458.  Flut.  Thes. 
15.  Paus.  1,  27,  10.  Schot.  Fiat.  Min.  321 A. 
Serv.  Verg.  Aen.  6,  14.  Ed.  6,  74.  Schot.  II. 
A590.  Eust.  z.  Od.  p.  1688,  32).  Nach Biod.i,  60 
wurde  Androgeos  von  Aigeus  bei  Oinoe  auf  dem 
Wege  nach  Theben  erschlagen,  weil  er  nach  sei- 
nem panathenäischen  Siege  mit  den  Söhnen  des 
Pallas  innige  Freundschaft  geschlossen  hatte. 
Hettadios  b.  Phot.  bibl.  p.  534  B.  will  das 
Opfer  der  Pharmakoi  am  Feste  der  Thargelien 
(vgl.  Mommsen  Heort.  417  ff.)  auf  den  Mord 
des  Androgeos  zurückführen.  Nach  Phitochor. 
b.  Ptut.  Thes.  16  behaupteten  die  Kreter,  dafs 
die  athenischen  Jünglinge  und  Jungfrauen,  die 
die  Athener  jährlich  nach  Kreta  senden  mufs= 
ten,  nicht  dem  Minotäuros  preisgegeben  wor- 
den seien,  sondern  die  Preise  in  gymnischen 
Wettkämpfen  gebildet  hätten,  welche  Mi- 
nos zum  Gedächtnis  des  Androgeos  veranstal- 
tete. In  Phaleron  befand  sich  ein  Altar  des 
Androgeos,  genannt  Altar  des  Heros  (Paus. 
1,1,4.  CI.  Al.  Protr.  26  a Sylb.  nennt  ihn 
naxa  TiQVfivuv  pgcog.  Vgl.  d.  Schot,  z.  d.  St.). 
Meiesagoras  b.  Hesych.  s.  v.  sn’  Evgvyvr]  ayiiw 
berichtet , dafs  im  Kerameikos  zu  Athen 
ein  uycdv  imxäcpiog  zu  Ehren  des  Eurygyes, 
des  Sohnes  des  Minos , stattgefunden  habe. 
Ebenda  wird  ein  Eragment  des  Hesiod  (fr.  106 
Götti.)  angeführt,  in  welchem  dieser  den  An- 
drogeos Eurygyes  nennt,  ('EvQvyvyg  ö’  sxi 
uovqos  ’Ad'gvaicov  fepdcov’?).  Nach  Pr op.  2,  1, 
61  soll  Asklepios  den  Androgeos  durch  Zauber- 
kräuter wieder  lebendig  gemacht  haben.  Auch 
war  von  Söhnen  des  Androgeos  die  Rede, 
denen  Herakles  die  Insel  Thasos  geschenkt 
haben  sollte  ( Apollod . 2,  5,  9).  Verg.  Aen.  6, 
20  erzählt,  Dädalus  habe  die  Thüren  des 
Apollotempels  zu  Cumä  unter  anderem  auch 
mit  der  Darstellung  des  Todes  des  Androgeos 
geschmückt.  — 2)  Grieche,  von  Aineias  bei 
der  Eroberung  Ilions  erlegt:  Verg.  Aen.  2,  370 ff. 

[Roscher.! 

Androkles  (’Ardgonlfis),  Sohn  desAiolos(s.  d.) 
und  der  Kyane  (Tochter  des  Liparos) , be- 
herrschte mit  seinem  Bruder  Pheraimon  Sici- 
lien  and  xov  nog&yov  ys%gi  Ailvßodov.  Diod. 
Sic.  5,  8.  Apostol.  1,  83.  [Oertel.] 

Androkrates  (fAv8goY.gd.xi jg),  ein  platäischer 


Heros , der  bei  Platää  ein  Heiligtum  hatte, 
Herodot.  9,  25.  Thule.  3,  24.  Phil.  Aristid.  11. 
Clem.  Alex.  adm.  ad  gent.  p.  26  A.  [Stoll.] 

Androktasiai  (’AvdgoYxceoicu) , Töchter  der 
Eris,  Göttinnen  des  Männermordes  (Hes.  Theog. 
228).  [Schirmer.] 

Andromache  (’AvSgoydxri),  1)  a)  bei  Homer 
Tochter  des  Eetion , Königs  von  Thebe  am 
Plakos,  welches  von  Kilikern  bewohnt  wurde, 
io  Schwester  von  7 Brüdern,  Gattin  des  Hektor 
(s.  d.),  Mutter  des  Astyanax  oder  Skamandrios 
(II.  6,  395 ff.).  Ihren  Vater  und  ihre  7 Brüder 
erschlug  Achilleus  (s.  d.)  , als  er  auf  einem 
Streifzuge  Thebe  zerstörte  (II.  6,  414  ff.),  ihre 
Mutter  führte  er  mit  sich  fort , entliefs  sie 
aber  später  gegen  Lösegeld ; doch  starb  sie 
bald  darauf,  getroffen  von  dem  Pfeile  der  Ar- 
temis (425 ff).  Ihrer  Eltern  und  Brüder  be- 
raubt, hängt  sie  mit  um  so  innigerer  Liebe  an 
20  ihrem  Gatten , der  ihre  Gefühle  mit  gleicher 
Zärtlichkeit  erwidert  (s.  d.  berühmte  Stelle  II. 
6,  429  ff.  u.  450  ff).  Nach  II.  22,  470  scheint 
sie  in  einem  besondern  Verhältnis  zur  Aphro- 
dite gestanden  zu  haben,  die  ihr  am  Hoch- 
zeitstage allerlei  Kopfschmuck  (ugnv’g,  YtYgv- 
(palog,  avccdeafiT],  Yggdsgrov)  schenkte.  Herz- 
zerreifsend  ist  ihre  Trauer  und  Klage  um  den 
geliebten  Gatten  (II.  22,  460ff.  u.  24,  725ff.). 
Ihre  Schönheit  wird  durch  XevYwXsvog  bezeich- 
30  net:  II.  6,  371.  377.  24,  723.  — b ) Als  Troja 
zerstört  wurde,  giug  ihre  düstere  Ahnung  hin- 
sichtlich ihres  Sohnes  Astyanax  (II.  24,  735) 
in  Erfüllung,  er  wurde  entweder  von  Neopto 


lemos  von  der  Mauer  herabgeschleudert  oder 


SB 


von  Odysseus  getötet  (s.  Ep.  Gr.  fr.  ed.  Kin- 
kel 1,  p.  46  u.  50;  vgl.  auch  die  Bildwerke  b. 
Overbeck  Gail.  S.  622  ff).  Sie  selbst  fiel  nach 
der  Ilias  parva  (fr.  18  Kinkel)  und  der  Uiu- 
persis  (p.  50  K.)  dem  Neoptolemos  (s.  d.)  zu, 
40  der  sie  mit  nach  Thrakien  und  ins  Land  der 
Molosser  nahm  (Ep.  gr.  fr.  ed.  K.  p.  53).  Hier 
gebar  sie  dem  Neoptolemos  nach  Paus.  1,  11, 
1 drei  Söhne,  den  Molossos  (Myth.  Vat.  1,  41. 
2,  208),  Pielos  und  Pergamos,  nach  Hyg.  /’. 
123  auch  den  Amphialos  (?).  Als  Neoptolemos 
(s.  d.)  zu  Delphi  ermordet  wurde,  soll  er  ster- 
bend befohlen  haben,  dafs  Llelenos  (s.  d.),  der 
bisherige  Schwager  der  Andromache,  welchem 
er  die  Rettung  seines  Lebens  verdankte  und 
so  den  er  auch  mit  nach  Epirus  genommen  hatte, 
sein  Reich  erben  und  die  Andromache  heira- 
ten solle  (Verg.  Aen.  3,  295  u.  Serv.  z.  d.  St. 
Myth.  Vat.  1,  41.  140.  2,  208;  s.  auch  Soph.fr. 
201  ff  A.  Paus.  1,  11,  lff  2,  23,  6.  Vgl.  Wel- 
cher, Gr.  Tr.  1,  223.  Stiehle,  Philol.  8,  70ff). 
Euripides  dagegen  läfst  den  Neoptolemos  und 
die  Andromache  in  Plithia  wohnen  und  letztere 
nachdem  Tode  des  Neoptolemos,  dessen  Gattin 
Hermione  (s.  d.)  die  Andromache  und  ihren  Sohn 
eo  ermorden  lassen  will,  auf  den  Rat  der  Thetis 
dem  Helenos  vermählt,  und  mit  diesem  und 
ihrem  Sohne  Molossos  nach  Epirus  geschickt 
werden.  Thetis  weissagt  die  künftige  Herr- 
schaft des  Molossos  in  Epirus  (Eur.  Andr. 
1243 ff.  und  die  Hypothesis  dazu;  auch  der  Tra- 
giker Antiphon  schrieb  eine  Andromache,  Nauck, 
fr.  tr.  gr.  615).  Aus  der  Ehe  mit  Helenos  ent- 
sprofs  ein  Sohn,  Kestrinos,  nach  welchem  die 


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345 


Andromachos 


Andromeda 


346 


Andromeda  in  der  Gegend  von  Iope  lokalisiert 
war)  und  der  Kassiepeia  (Kassiope).  Da  diese 
sich  gerühmt  hatte,  schöner  als  die  Nereiden 
zu  sein , so  schickte  Poseidon  zur  Strafe  eine 
Überschwemmung  und  ein  Seeungeheuer  («jj- 
tos).  Da  nun  das  Orakel  des  Ammon  Erlösung 
verhiefs,  wenn  Andromeda  dem  Seeungeheuer 
preisgegeben  würde,  so  liefs  Kepheus  dieselbe 


Landschaft  Kestrine  benannt  wurde  ( Paus . 1, 

11,  lf.  2,  23,  6).  Nach  Verg.  Aen.  3,  295ff. 
trifft  Aineias  auf  seiner  Wanderung  in  Epirus 
die  Andromache  als  Gattin  des  Helenos  und 
läfst  sich  ihr  Schicksal  von  ihr  erzählen 
v.  324  ff.)-  In  Epirus  sollten  Helenos  und  An- 
Jromache  ein  zweites  Ilion  erbaut  haben  (336). 

Nach  Helenos’  Tod  w änderte  sie  mit  ihrem 
Sohne  Pergamos,  der  in 
Teuthrania  durch  den 
Zweikampf  mit  Areios 
ein  Königreich  gewann 
und  Gründer  der  nach 
dim  benannten  Stadt 
wurde,  nach  Asien  zu- 
rück. Zu  Pergamos  gab 
es  noch  zu  Pausanias’ 

Zeit  ein  Heroon  der  An- 
dromache {Paus.  1,  11, 

2).  Was  die  erhaltenen 
Bildwerke  anbetrifft,  so 
vgl.  Overbeck, Gail.  402ff. 

622  f.  und  Brunn  in  Pau- 
lys  Realenc.'1  1,  1,  990. 

Schon  Polygnot  hatte 
sie  in  der  Lesche  von 
Delphi  gemalt,  wie  sie 
ihren  Sohn  an  der  Brust 
hielt  {Paus.  10,  25,  4). 

Plut.  Brut.  23  gedenkt 
eines  den  Abschied  der 
Andromache  von  Hek- 
tor  darstellenden  rüh- 
renden Gemäldes.  Vgl. 
auch  Ov.  A.  A.  2,  645 
und  Tzetzes  Posth.  368; 
aufserdem  s.  G.  I.  Gr. 

6047.  6125.  7690.  8142. 

(Roscher.]  — 2)  Für 
die  Vasenmaler  der  ge- 
bräuchlichste Amazo- 
nenname. Gegnerin  von 
Herakles : Gerhard,  Etr. 
u.  camp.  Vasenb.  17,  2. 

Brit.  Mus.  n.  820. 

Brundsted,  VasesofCam- 
panari  n.  28.  Gegnerin 
vonTheseus:  Gerhard  A. 

V.  4 , 329.  Salzmann, 

Kameiros  pl.  58.  An- 
nali  1856.  tav.  15.  Ohne 
Gegner  : Gerhard  A.  V. 

103.  199.  Museo  Bor- 
bon. 10,  63.  in  der  Lit- 
teratur  seltener : Eust. 
und  Schol.  II.  3,  189- 
Tzetz.  Postli,  176.  Hy. 

(/in.  163?  [Klügmann.]. 

Andromachos  {’AvdQ6yu%os),  1)  Sohn  des  an  einen  Felsen  am  Strande  festbinden.  Da 
Aigyptos  , vermählt  mit  der  Danaide  Hero,  60  erschien  Perseus  (s.  d.),  von  der  Erlegung  der 


Perseus  u.  Andromeda  (Relief  des  Capitol.  Museums;  vgl.  Braun,  12  antike 
Basreliefs  Taf.  10). 


llyg.  f.  170.  — 2)  Ein  Kreter  vor  Troja,  von 
Aineias  getötet,  Quint.  Sm.  11,  41.  [Stoll.]  — 
3)  Name  eines  beim  Untergange  Ilions  Getö- 
teten auf  einer  Vase : C.  I.  Gr.  8142.  [Roscher.] 
* Andromeda  (’Ardgoysdcc),  Tochter  des  Ke- 
pheus, Königs  der  Aithiopen  (oder  der  Phöni- 
4er  nach  Gon,  narr.  40;  vgl.  Strab.  43.  759. 
Paus.  4 , 35 , 9 , wonach  die  Geschichte  von 


Gorgo  zurückkehrend,  verliebte  sich  in  Andro- 
meda und  versprach  dem  Vater,  das  Ungeheuer 
zu  erlegen,  wenn  er  ihm  die  Andromeda  zur  Frau 
geben  wolle.  Kepheus  und  Perseus  beschworen 
beide  was  sie  versprochen , und  letzterer  be- 
freite die  Andromeda.  Als  aber  Phineus  (nach 
Hyg.  f.  64  Agenor),  der  Bruder  des  Kepheus, 
dem  Andromeda  vorher  verlobt  gewesen  war, 


347  Andros 


Angerona  348 


Anspruch  auf  seine  Braut  erhob  und  dieselbe 
mit  seinen  Anhängern  dem  Perseus  streitig 
machte,  wurde  er  von  diesem  durch  Vorhal- 
ten des  Gorgonenhauptes  versteinert.  Hierauf 
folgte  Andromeda  dem  Perseus  nach  Hellas 
und  herrschte  mit  ihm  zusammen  über  Tiryns. 
Sie  gebar  ihm  6 Kinder  (vgl.  jedoch  Herodor 
b.  Schol.  Ap.  Rh.  1,  747).  Der  älteste  Sohn, 
den  Andromeda  noch  in  Aithiopien  • geboren 
und  beim  Kepheus  zurückgelassen  hatte,  hiefs 
Perses;  von  diesem  sollten  die  Perser  abstam- 
men (vgl.  auch  Herod.  7,  61.  150).  Die  andern 
in  Mykenai  geborenen  Kinder  hiefsen:  Alkaios, 
Sthenelos,  Heleios,  Mestor,  Elektryon,  Gorgo- 
phöne.  So  berichtet  Apollod.  2,  4,  3 u.  5,  wohl 
nach  Pherekydes.  Vgl.  Müller  fr.  liist.  Gr.  1, 
frgm.  26  u.  Redde,  de  Perseo  etA.  p.  5.  S.  aufser- 
dem  Ar.  Thesm.  1012  ff.  u.  Schol.  und  1056  f. 
u.  Schol.  Ov.  Met.  6,  670 ff.  (O.  schöpfte  teil- 
weise aus  Euripides:  vgl.  Fedde  p.  14).  Hyg. 
f.  64.  Sophokles  b.  Erat.  Kat.  16.  36.  Eurip. 
ib.  17.  Agatharchides  b.  Phot.  Bibi.  p.  442  A. 
Lykophr.  834ff  u.  Schol.  Schol.  Ap.  Rh.  4,  1091. 
Diod.  4,  9.  Schol.  Ar.  Nub.  556.  Luc.  Dial. 
mar.  14.  de  domo  22.  Myth.  Vat.  1,  73.  Schon 
früh  fabelte  man  von  einer  Versetzung  der 
Andromeda  wie  auch  des  Perseus,  Kepheus  und 
des  Seeungeheuers  unter  die  Sterne  (durch 
Athene).  So  schon,  wie  es  scheint,  Euripides 
{Erat.  a.  a.  O.  36.  16.  17  — vgl.  jedoch  Fedde 
a.  a.  O.  p.  34ff  — Arat.  Phaen.  198.  Hyg.  Poet. 
Astr.  2, 11  ff.  3,  10.  Luc.  s alt.  44.  Schol.  Germ. 
191.  Nonn.  25,  142.  47,  450).  Die  Geschichte 
der  Andromeda  war  ein  beliebter  Gegenstand 
der  tragischen  Kunst.  Vgl.  Hauch  fr.  tr.  Gr. 
p.  736.  Mehrb.  Fedde  p.  5ff.  Welcher  a.  a.  0. 
1,  349  ff.  2,  644.  3,  1335.  Ebenso  wurde  An- 
dromeda häufig  von  der  bildenden  Kunst  dar- 
gestellt: Luc.  de  clomo  22.  Ach.  Tat.  3,  6. 
Vgl.  inbetreff  der  erhaltenen  Monumente  Mül- 
ler, Hdb.  d.  Arch.  414,  3.  K.  F.  Hermann, 
Perseus  u.  Andromeda , Göttingen  1851.  Stark, 
Archäol.  Stud.  96.  Fedde,  de  Perseo  et  Andro- 
meda, Berlin  1860.  S.  47  ff.  Minervini,  Memo- 
rie  academiche,  Neapel  1862  p.  33  ff.  Stoll  u. 
Brunn  in  Paulys  Realenc.  I2,  1,  991.  [ Hey - 
demann,  7.  Hall.  WincTcelmannsprogr.  p.  9 ff 
Sehr.]  Eine  euhemeristische  Deutung  giebt  Co- 
non  narr.  40.  Neuere  Deutungen  s.  bei  Hug, 
über  d.  Myth.  280;  vgl.  Preller 2 2,  71.  Mir 
scheint  der  Kampf  des  Perseus  mit  dem  %rj- 
rog  der  eigentliche  Kern  der  Sage  zu  sein. 
Dieses  Ungeheuer  aber  ist  wohl  nur  eine  so 
zu  sagen  östliche  Variante  der  furchtbaren 
Gorgo,  der  Tochter  der  Krjzd>,  welche  Perseus 
am  westlichen  Okeanos  erlegt.  S.  Roscher, 
Gorgonen  Kap.  1.  [Roscher.] 

Andros  ('AvÖQog),  Sohn  des  Eurymachos  oder 
Anios  ( Steph . Byz.) , bekam  die  Insel , deren 
Heros  eponymos  er  wurde,  von  Rhadamanthys 
geschenkt  und  besiedelte  sie.  Als  er,  durch 
eine  Empörung  bewogen,  die  Insel  verliefs, 
gründete  er  Antandros.  Auf  Andros  herrsch- 
ten nach  ihm  Pelasger.  {Con.  narr.  41).  Pau- 
sanias  nennt  10,  13,  4 den  Gründer  des  an- 
clrischen  Reiches  Andreus  und  erzählt , dafs 
eine  Statue  von  ihm  nach  Delphi  geweiht  sei. 
Dafs  der  Name  des  Heros  nicht  vollkommen 


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fest  stand,  sondern  mehrere  Bildungen  existier- 
ten, beweist  Steph.  Byz.  zivig  ds  epaoev  ’AvöqRcc 
zovzov  Y.KL  ’Aviov  naida.  [Oertel.] 

Andrusteliiae  matronae  werden  bei  Or.-Hen- 
zen  5931  aus  einer  Inschrift  bei  Lersch , C.  M. 
1,  21  angeführt.  Wahrscheinlich  sind  sie  nach 
einer  Örtlichkeit  genannt;  vgl.  den  Namen  der 
Insel  Andrus  zwischen  Irland  und  Britannien 
{Plin.  n.  h.  4,  30,  2).  [Steuding.] 

Anexibie  {’Avs^ißig) , eine  Danaide ; s.  Ai- 
gyptos. 

Angelia  {’AyysMcc),  die  Verkünderin,  Perso- 
nifikation, Tochter  des  Hermes,  Pind.  Ol.  8, 
82(106).  Vgl.  ’H%di  Pind.  Ol.  14,  21.  [Stoll.] 
Angelos  ('Ayyslog),  1)  Nach  Sophron  b.  Schol. 
Theokr.  2 , 12  war  Angelos  die  Tochter  des 
Zeus  und  der  Hera.  Unter  der  Pflege  der 
Nymphen  zur  Jungfrau  herangewachsen,  stahl 
sie  der  Mutter  ihre  Salbe  und  gab  sie  der 


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20  Europa,  der  Tochter  des  Phoinix.  Vor  dem 
Zorne  der  Hera  flüchtete  sie  sich  zuerst  in 
eine  Wochenstube,  dann  unter  einen  Leichen- 
zug und  wurde  endlich  am  Acherusischen  See 
von  denKabeiren  gereinigt;  von  nun  an  stand 
sie  in  Beziehung  zur  Unterwelt.  — 2)  Beiname 
der  Artemis  iu  Syrakus  ( Hes . s.  v.),  die  mit 
Hekate,  der  Mondgöttin  und  Herrscherin  der 
Nacht,  identisch  war  {Theokr.  2,  14.  33).  ”Ay- 
yslog  hiefs  sie  wohl  wegen  ihres  Verhältnisses 
so  zu  Persephone  (vgl.  Hom.  Hymn.  in  Cer.  25. 
52.  438  ff  Paus.  8,  31,  2),  nach  anderen  als 
auf  den  Strafsen  wandernde  Göttin  {Preller, 
Gr.  Myth.  I3,  259).  — 3)  Falsche  Lesart  statt 
"Ayslog  (s.  d.),  Paus.  7,  4,  8.  [Schirmer.] 
Angelus  bonus,  dienender  Geist  (=  Her- 
mes?) auf  einem  Grabgemälde  von  der  via 
Appia,  Or.-Henzen  6042.  Derselbe  führt  eine 
Frau  Namens  Vibia  in  die  Versammlung  der 
Toten  ein  (vgl.  Aeracura).  [Steuding.] 

40  Angerona.  . Die  cliua  Angerona  oder  Ange- 
ronia  gehört  zu  den  römischen  Gottheiten, 
welche  zu  der  Zeit,  als  die  grammatisch- anti- 
quarische Forschung  sich  der  Beschäftigung 
mit  den  einheimischen  religiösen  Institutionen 
zuwandte,  bereits  aufgehört  hatten  im  Bewufst- 
sein  des  Volkes  lebendig  zu  sein.  Direkte 
Urkunden  der  Verehrung,  Votivinschriften  und 
ähnliches  scheinen  den  alten  Grammatikern 
ebensowenig  Vorgelegen  zu  haben  wie  uns 
50  (denn  die  Inschrift  Orelli  116  ist  wohl  fraglos 
eine  Fälschung  des  Pirro  Ligorio),  und  so  wa- 
ren sie  für  ihre  Deutungen  des  Wesens  der 
Göttin  völlig  auf  Rückschlüsse  aus  den  we- 
nigen ihnen  noch  vorliegenden  Thatsachen 
angewiesen.  Vor  allem  wurden  noch  in  der 
augusteischen  Zeit  der  Angerona  am  21.  De- 
zember feriae  publicae  gefeierf,  die  Angerona- 
lia  oder  Diualia  {Fast.  Maff.  u.  Praen.  Varr. 
I.  I.  6,  23.  Plin.  n.  h.  3,  65.  Macr.  1,  10,  7) ; 
eo  an  diesem  Tage  wurde  ihr  von  den  Pontifices 
in  dem  (an  den  gradus  der  noua  uia  am  Pa- 
latin unweit  der  porta  Romanula  gelegenen, 
vgl.  Varro  I.  I.  5,  164.  Becker,  Topogr.  114) 
sacellum  Volupiae  ein  Opfer  dargebracht;  dort 
nämlich  war  auch  das  Bild  der  Göttin  aufge- 
stellt u.  zwar  in  eigentümlicher  Auffassung, 
indem  ihr  Mund  rverbunden  und  versiegelt’ 
(ore  obligato  atque  signato  Masur.  Sabin.  bei 


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349  Angerona 

Wacr.  1,  10,  8 ore  obligato  obsignatoque  Plin. 
>,  65  vgl.  Solin.  1,  6)  war  und  sie  wahrschein- 
ich  aulserdem  noch  dadurch,  dafs  sie  den  Fin- 
der an  den  Mund  legte , eine  Gebärde  des 
Jtillschweigens  machte  ( Macr . 3,9,4).  Je 
ärglicher  dieses  thatsächliche  Material  war, 
in  um  so  weiterer  Spielraum  war  den  Kom- 
nnationen  der  alten  Gelehrten  geboten,  welche 
labei  teils  an  die  Etymologie  des  Namens, 
eils  an  die  merkwürdige  Darstellungsweise 
Les  Bildes  anknüpften.  Den  Namen  leitete 
nan  bald  von  einer  bräuneartigen  Krankheit 
.ngina  ab,  von  der  das  römische  Volk  durch 
in  Gelübde  an  die  Angerona  sollte  befreit 
vordcn  sein  (Jul.  Modest,  bei  Macr.  1,  10,  9. 
Paul.  p.  17),  bald  davon,  dafs  diese  Göttin 
len  Menschen  von  Angst  und  Beklemmung 
rlöse  (quod  angores  et  sollicitudines  animo- 
um  propitiata  depellat  Verrius  bei  Macr.  1, 
.0,  7).  Eine  symbolisierende  Richtung  der 
dythendeutung  ( Masurius  Sabinus  bei  Macr. 
!,  10,  8)  fand  in  dem  Stillschweigen  gebieten- 
len  Gestus  des  Bildes  und  in  dem  Standorte 
les  letzteren  'in  ara  Volupiae’  einen  Hinweis 
larauf,  dafs  wer  seinen  Schmerz  und  seine 
Ingst  standhaft  unterdrücke,  vermittelst  der 
leduld  zur  Freude  gelange.  Am  verbreitet- 
ten  jedoch  scheint  eine  andere  Ansicht  ge- 
wesen zu  sein,  welche  den  genannten  Gestus 
nit  dem  Geheimnisse  zusammenbrachte,  wel- 
hes  über  dem  wahren  Namen  der  Stadt  Rom 
chwebte  (Plin.  3 , 65;  über  die  Sache  vgl. 
ran  zu  Macr.  3,  9),  weshalb  manche  sie  auch 
ür  die  eigentliche  Schutzgöttin  der  Stadt  Rom 
delten  (Macr.  3,  9,  4).  Ganz  vereinzelt  end- 
ich  steht  die  Notiz  des  Gloss.  Labb.  'Ange- 
onia  g &sbg  rrjg  ßovlrjg  xal  xaiqdv’,  die  mög- 
icherweise  auf  einem  für  uns  nicht  mehr  kon- 
rollierbaren  Mifsverständnisse  beruht. 

Was  die  Deutungsversuche  der  Neueren 
nlangt,  so  können  die  Kombinationen  von 
Gausen,  Aeneasu.d.  Penaten  2,  1037  und  von 
£.  Gerhard,  alcacl.  Abhandl.  1,  319  f.  als  auf 
3tzt  gänzlich  beseitigten  Voraussetzungen  be- 
uhend  füglich  übergangen  werden.  Hartung 
Uelig.  d.  Köm.  2,  247)  fafst  Angerona  unter 
linweis  darauf,  dafs  von  ango  angero  gebildet 
ei  wie  lambero  von  lambo  (Paul.  p.  118),  als 
ine  Göttin  der  Angst,  ihre  Gebärde  als  die 
es  unterdrückten  Angstschreies,  nähert  sich 
Iso  der  Auffassung  des  Masurius  Sabinus. 
°reller  dagegen  (Köm.  Myth.3  2 , 37)  leitet 
en  Namen  von  demselben  Stamme  ab  wie 
mgitia  (so  früher  zweifelnd  auch  Mommsen, 
Jnterit.  Dial.  p.  250)  und  erklärt  die  Göttin 
slbst,  da  ihr  Fest  zeitlich  denen  des  Satur- 
ns,  der  Ops  u.  s.  w.  benachbart  war  und  das 
acellum  Volupiae  in  derselben  Gegend  sich 
'efand  wie  das  sogen.  Grab  der  Acca  Laren- 
ia,  für  eine  der  Ops,  Acca  Larentia,  Dea  Dia 
erwandte  Göttin  der  römischen  Stadtllur,  die 
bendarum  auch  habe  zur  Stadtgottheit  wer- 
ten können.  Gegenüber  diesen  beiden  wenig 
wingenden  Kombinationen  ist  sehr  anspre- 
hend  die  Deutung  von  Mommsen  (C.  I.  L.  1, 
>.  409),  der,  geleitet  durch  den  Umstand,  dafs 
as  Fest  der  Göttin  in  die  Zeit  des  Winter- 
olstitiums  fällt,  dieselbe  für  eine  Gottheit  des 


Angerona  350 

neuen  Jahres  erklärt , die  Bruchstücke  der 
pränestinischen  Fasten  in  diesem  Sinne  er- 
gänzt und  den  Namen  Angeronalia  ableitet  ab 
angerendo , dno  xov  avacpsQSGQ'ca  tov  rjfoov, 
wie  Agonalia  ab  agendo.  Zur  Evidenz  fehlt 
dieser  Kombination  nur  der  Umstand,  dafs  sie 
die  Stillschweigen  gebietende  Gebärde  des  Bil- 
des, sowie  auch  die  Verbindung  der  Angerona 
mit  der  Volupia  unerklärt  läfst. 

Die  Nachrichten,  welche  wir  über  die  Be- 
schaffenheit des  Bildes  der  Angerona  im  Hei- 
ligtume  der  Volupia  besitzen,  haben  nament- 
lich in  früherer  Zeit  öfter  die  Gelehrten  ver- 
anlafst , unter  dem  vorhandenen  Denkmäler- 
material nach  Repliken  jener  Statue  zu  suchen, 
ohne  zu  bedenken,  dsfs  es  doch  im  höchsten 
Grade  unwahrscheinlich  ist,  dafs  das  schon  in 
varronischer  Zeit  nicht  mehr  vorhandene  Bild 
einer  so  gut  wie  ganz  verschollenen  Göttin 
noch  sollte  häufig  nachgebildet  worden  sein. 
So  ist  denn  auch  eine  Klasse  der  früher  auf 
Angerona  bezogenen  Bildnisse  jetzt  mit  Sicher- 
heit als  blofse  Amulettfiguren  erkannt;  es  sind 
nackte  Frauen , welche  die  eine  Hand  an  den 
Mund,  die  andere  mit  ausgespreizten  Fingern 
auf  das  Gesäfs  legen  (z.  B.  Montfaucon , ant. 
expl.  2,  191,  3.  4.  Gaylus,  Kecueil  7,  4,  5.  6), 
beides  Gesten,  deren  unheilabwehrende  Bedeu- 
tung sich  durch  viele  Analogieen  feststellen 
läfst;  vgl.  0.  Jahn,  über  den  Aberglauben  des 
bösen  Blickes,  Ber.  d.  sächs.  Gesellschaft  1855, 
47  f.  Eine  andere  früher  mit  Unrecht  hierher 
bezogene  Reihe  von  Figuren,  welche  Frauen 
in  dorischem  Chiton  mit  etwas  geneigtem 
Haupte  und  an  den  Mund  gelegtem  Finger 
darstellen  (z.  B.  Montfaucon,  ant.  expl.  1,  213, 
1.  Müller  - Wieseler , Denkm.  cl.  alt.  Kunst  2, 
948),  sind  sicher  griechischen,  nicht  römischen 
Ursprungs,  wenn  man  auch  über  die  Deutung 
des  Motivs  im  Zweifel  sein  kann;  vgl.  Boetti- 
ger , kl.  Schriften  3,  288 ff.  0.  Jahn  a.  a.  0. 
p.  48,  68.  Hübner,  ant.  Bildw.  in  Madrid  zu 
No.  531.  Noch  schlimmer  endlich  steht  es 
mit  einigen  andern  Denkmälern,  welche  teils 
ganz,  teils  in  dem  entscheidenden  Punkte  auf 
moderner  Fälschung  beruhen;  man  hat  näm- 
lich einigen  kleinen  Bronzestatuetten  beklei- 
deter Frauengestalten,  um  das  'os  obligatum 
obsignatumque’  der  Angerona  herzustellen,  ei- 
nen wirklichen  Mundverschlufs  angelegt  und 
diese  gefälschten  oder  interpolierten  Bildnisse 
haben  verschiedene  ältere  Gelehrten  zu  den 
abenteuerlichsten  Kombinationen  verführt.  Eine 
derartige  Bronzestatuette  ist  von  Joach.  van 
Vliet,  diatribe  academica  de  dea  Angerona,  Ut- 
recht 1766  publicirt  und  in  gutem  Glauben  an 
ihre  Echtheit  besprochen,  eine  zweite  ist  zu- 
gleich mit  einigen  andern  gefälschten  oder 
mifsverstandenen  Denkmälern  Veranlassung  zu 
den  wüst-mystischen  Erörterungen  Sichel' s (Re- 
vue archeol.  2 (1845)  633ff.  676 ff.  3,  221ff.  321ff. 
3 64 ff.  4,  20  ff.)  über  Angerona  gewesen.  Ge- 
genüber diesen  Ausschweifungen  ungezügelter 
Phantasie  hat  Letronne,  Revue  archeol.  4,  130  ff. 
den  wirklichen  Thatbestand  festgestellt  und 
zugleich  mit  Recht  betont,  dafs  wir  die  Hoff- 
nung, Bildnisse  der  Angerona  zu  finden,  ein 
für  allemal  aufzugeben  haben.  [Wissowa.] 


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351  Angitia 

Angitia  (od.  Ancitia),  eigentlich  eine  altitali- 
sche Göttin,  nach  späterer  Auffassung  eine  Toch- 
ter des  Aietes,  Schwester  der  Medeia  und  Kirke, 
welche  sich  in  der  Umgebung  des  Fucinersees 
niedergelassen  haben  sollte  und  wegen  ihrer  Heil- 
und  Zauberkunst  von  den  dortigen  Bewohnern 
göttlich  verehrt  wui-de  (Sil.  Ital.  8,  500.  Caelius 
b.  Solin.  2,  27).  Nach  ihr  war  ein  an  jenem 
See  gelegener  Hain  benannt  ( Verg . Aen.  7, 
759).  — Serv.  ad.  Aen.  7,  750  identificiert  sie  mit 
Medeia,  die,  als  sie  mit  Iason  aus  Kolchis  ent- 
flohen, nach  Italien  gekommen  und  von  den 
zum  Marserstamme  gehörigen  Marrubiern,  die 
sie  über  die  Heilmittel  gegen  Schlangen  be- 
lehrte ( quod  eins  carminibus  serpentes  ange- 
rent),  Angitia  genannt  worden  sei.  Die  Form 
Anguitia  wird  durch  die  besten  Handschriften 
widerlegt.  Auch  die  in  Luco  gefundene  In- 
schrift Orelli-Henzen  115  (=  5826  u.  Momm- 
sen,  I.  B.  N.  5592) , nach  welcher  der  ihr 
heilige  Hain  mit  einer  Mauer  umgeben  gewesen 
zu  sein  scheint,  bietet  die  Form  Angitiae.  Die 
Pluralformen  Angitiis  auf  der  in  Sulmo  auf- 
gefundenen Inschrift  Orelli-Henzen  1846  (= 
Mommsen,  I.  B.  N.  5433  u.  7255)  und  Anciti- 
bus  auf  der  Inschrift  Mommsen , I.  B.  N.  6012 
beziehen  sich  wahrscheinlich  auf  die  drei  zau- 
berkundigen Töchter  des  Aietes  (s.  ob.  340,  49). 
Als  wohlthätige  Heilgöttin,  etwa  der  Bona  Dea 
in  Born  entsprechend,  fand  die  Göttin  Angitia, 
wie  die  Fundorte  der  zuletzt  erwähnten  Inschrif- 
ten beweisen,  eine  weitere  Verbreitung,  aber  der 
Zentralsitz  ihrer  Verehrung  blieb  wohl  das  an 
Schlangen  und  offizineilen  Kräutern  reiche 
Gestade  des  Fucinersees.  (Vgl.  Plin.  N.  H.  7, 
2,  2 (15).  25,  2,  5 (10).  Gell.  N.  A.  16,  11. 
Hartung,  Belig.  d.  Böm.  2,  198.  Preller,  röm. 
Myth ,3  1,  410ffi).  [Schirmer.] 

Anigemius,  Beiname  eines  Genius  auf  einer 
Inschrift  aus  Celeia,  Or.-Henzen  5771:  Genio 
Anigemio  cultores  ejus  v.  s.  I.  m.  Das  W ort  ist 
vielleicht  von  ano  Ahne  und  gama  verschwistert, 
verwandt  abzuleiten,  vgl.  ani-cula  u.  geminus. 

[Steuding.] 

Anigl’ides  (’Ariygidsg,  ’AviyguxSsg),  Nymphen, 
nach  dem  Küstenflusse  Anigros  in  Triphy- 
lien  benannt.  Nahe  bei  seiner  Mündung  am 
Abhange  des  Berges,  der  einst  Samikon  trug, 
befinden  sich  zwei  noch  jetzt  bemerkbare 
Höhlen,  in  denen  lauwarme  Schwefelquellen 
entspringen;  die  eine  war  den  vvyepca’Aviygi- 
8s g oder  ’Ariygiudsg  heilig.  Ihnen  weihten 
dort  Gebete  und  Opfer  Leute,  welche  an  weifsen 
Flecken  im  Gesicht,  einer  Art  Aussatz  oder 
Flechten  litten.  Hierauf  wurden  die  leidenden 
Körperteile  in  dem  schwefelhaltigen  Schlamme, 
der  sich  am  Höhlenrande  ahlagert,  abgerieben, 
und  der  Patient  schwamm  durch  den  Flufs 
hindurch,  dessen  Fluten  den  Schaden  völlig 
liinwegnahmen  ( Strabo  8,  346.  Paus.  5,  5,  11. 
Eust.  p.  880,  50.  Vgl.  Curtius,  Pelop.  2,  80  ff.). 

[Schirmer.] 

Aniketos  (ylvtv.rjxog) , Sohn  des  unter  die 
Götter  versetzten  Herakles  und  der  Hebe  ( Apol - 
lod.  2,  7,  7),  der  mit  seinem  Bruder  Alexiares 
die  unbesiegbare  und  das  Böse  abwehrende 
Kraft  des  Herakles  Kallinikos  und  Alexikakos 
repräsentierte  ( Preller , gr.  Mytliöl.  23,  257). 


Anios  352 

Nach  Baton  b.  Schol.  Pind.  Istlnm.  3,  104  (B.) 
war  er  ein  Sohn  der  Megara.  [Schirmer.] 

Anio  und  Anien,  ienis,  linker  Nebenflufs  des 
Tiber.  Serv.  zu  Verg.  Aen.  1,  273  erzählt,  dafs 
der  Anio  (statt  des  Tiber)  die  Ilia  nach 
der  Geburt  des  Romulus  und  Remus  zur  Frau 
genommen  habe,  und  hierauf  bezieht  sich  wohl 
auch  die  Bemerkung  des  Porphyr,  zu  Hör. 
Od.  1,  2,  20,  llia  sei  früher  die  Frau  des  Anio 
gewesen.  Dieses  Schwanken  ist  vielleicht  auf 
eine  ursprüngliche  Namensgleichheit  beider 
Flüsse  zurückzuführen,  zumal  wenn  wir  beden- 
ken, dafs  Tibur  am  Anio  liegt,  und  dafs  dieser 
jetzt  (doch  wohl  imAnschlufs  an  die  alte  Vulgär- 
sprache) Teverone  heifst.  Auch  soll  ja  der  Tiber 
einst  Albula  (s.d.)  genannt  worden  sein,  und  eine 
Albula,  Albunea  (s.d.)  oder  aquae  Albulae  finden 
wir  unterhalb  Tiburs  am  Anio  wieder.  Dann  wäre 
wohl  Tiburtus,  einer  der  Gründer  von  Tibur,  als 
der  ältere  Name  des  Flufsgottes  Anio  aufzufas- 
sen (vgl.  Preller , r.  MS  2,  139.  [Steuding.] 

Allion  ( ’Avicov ),  Heerführer  des  Rhadaman 
thys,  der  die  Insel  Delos  erhielt  ( Diod . 5,  79,  2). 

[Schirmer.] 

Anios  ("Avlo g),  1)  ein  delischer  Priester  des 
Apollon,  vgl.  Preller  gr.  M.  I3,  226.  Sein  Va- 
ter ist  entweder  Apollon  oder  nach  Tzetzes 
ad  Lykophr.  580  Zarex , der  Sohn  des  Ka- 
rystos , der  nachherige  Gemahl  seiner  Mut- 
ter. Die  Notiz  bei  Steph.  Byz.  s.  v.  Mv- 
j lovog  von  einem  Ainios  oder  Anios , dem 
Vater  des  Mykonos,  der  der  Sohn  des  Kary- 
stos  gewesen  sei,  ist  zu  erklären  aus  der  V er- 
wechslung  des  Grofsvaters  mit  dem  Vater.  Es 
lassen  sich  diese  Angaben  also  vereinigen : Vater 
war  Apollo,  Stiefvater  Zarex  und  Stiefgrofs- 
vater  Karystos.  Seine  Mutter,  Rhoio,  ist  eine 
rein  dionysische  Heroine,  Tochter  des  Staphy- 
los  und  der  Chryseis,  väterlicherseits  Enkelin 
des  Dionysos  selbst  (vgl.  Tzetzes , a.  a.  0.  570  und 
die  unten  angeführten  Stellen).  Als  Staphylos 
die  Schwangerschaft  seiner  Tochter  bemerkt, 
setzt  er  sie  in  einer  lagvcitg  auf  dem  Meere 
aus.  Diese  gelangt  nach  Euböa  (Tzetzes).'  Hier 
gebiert  Rhoio  einen  Sohn,  den  sie  Anios  nennt 
diu  to  uviu&rivca  8T  uvxov.  Apollo,  der  Vater, 
bringt  ihn  nach  Delos  und  verleiht  ihm  die 
Gabe  der  Mantik.  Nach  andern  ist  die  lag- 
vaE,  gleich  in  Delos  angeschwommen  und  Anios 
in  Delos  geboren,  Diod.  5,  62.  Luc.  Apul.,  de 
orth.  § 4,  4.  Schon  seiner  Abstammung  nach 
ist  Anios  also  ein  alter  apollinisch-dionysischer 
Kultheros,  eine  Personifikation  der  Beziehungen 
zwischen  Dionysos  und  Apollon.  Apollon  und 
Dionysos  sind  in  ihrem  Naturwesen  verwandt, 
und  haben  auch  in  ihrer  Ausprägung  im  Kulte 
vieles  gemeinsam,  so  die  Kathartik,  Mantik 
und  den  Enthusiasmus.  Daher  finden  wir 
gleiche  Beinamen  (vgl.  Preller  1,  221  u.  ö.), 
gemeinsame  Heiligtümer  (Preller  1,  222)  und 
sehen  auf  antiken  Vasen  beide  mit  ihrem  Ge- 
folge vereint  oder  ihre  Attribute  vertauscht 
(vgl.  Stephani,  compte  rendu  1861,  58  ff.  1862, 
147,  Archäol.  Zeitung  1865,  97  ff.).  Ein  wei- 
terer Beweis  für  diese  Verwandtschaft  und  zu- 
gleich eine  Personifikation  dieser  Beziehungen 
ist  Anios.  Sein  Grofsvater  Staphylos,  die  Wein- 
rebe, seine  Mutter,  Rhoio,  die  Granate,  sind 


io 

20 

30 

40 

50 

60 


353 


Anios 


Ankaios 


354 


echt  dionysische  Gestalten;  sein  Vater  ist 
Apollon.  Der  Sage  von  der  Aussetzung  der 
lihoio  liegt  wohl  eine  Kultwanderung  zu  Grunde. 

In  den  dionysischen  Kult  war  viel  Apollinisches 
eingedrungen;  die  Neuerer  wurden  vertrieben 
und  fanden  auf  Delos  einen  Platz  für  ihren 
Apollon-Dionysoskult.  Dafs  der  neue  Kult  sich 
dem  Dionysos  nicht  entfremdete  , geht  daraus 
hervor,  dafs  die  sofort  zu  behandelnden  Töchter 
des  Anios  wieder  bakchische  Wesen  sind.  n 

Mit  der  Dorippe  zeugt  Anios  3 Töchter: 
Dino,  Spermo,  Eiais ; diese  bekommen  vom 
mütterlichen  Urgrofsvater  die  Gabe,  Wein,  Ge- 
treide und  Öl  in  Fülle  zu  schaffen  und  werden 
deshalb  die  Weinverwandlerinnen,  Oinotropoi, 
genannt.  Tzetzes  a.  a.  0.  Dictys  1,  23.  Serv.  ad 
Virg.  Aen.  3,  80.  Ovid.  Met.  13,  633  ff.  Etym. 
magn.  s.  v.  AmQLmrrj,  vgl.  Preller -l3,  557.  — 
Diese  Töchter  waren  im  Altertume  bekannt, 

1)  als  Versorgerinnen  der  Griechen  vor  Troja,  2> 

2)  als  Wirtinnen  des  nach  Italien  fliehenden 
Aineias. 

1)  Die  Sage  von  der  Versorgung  der  Grie- 
chen ist  in  3 verschiedene  Formen  überliefert. 

a)  Die  älteste  Wendung  ist  jedenfalls  die- 
jenige, die  nach  Tzetzes  die  Kyprien  und  nach 
dem  Schot,  ad  Hom.  Od.  C,  164  Simonides  von 
Keos  überlieferten  (vgl.  Welcher,  ep.  Cylcl.  2, 
t97  ff.  Meinehe,  An.  Alex.  16  ff.).  Nach  dieser 
vurden  sie  entweder  von  Palamedes  ( Kyprien ) 31 
>der  von  Menelaos  und  Odysseus  ( Simonides ) 
lach  Troja  geholt,  um  die  Griechen  dort  zu 
/ersorgen.  Gegen  diese  Sagenform  spricht 
«ich  nicht  die  Notiz  bei  Tzetzes,  Pherekydes 
jrzähle,  Anios  habe  den  auf  dem  Zuge  nach 
Troja  in  Delos  landenden  Griechen  geweissagt, 
lafs  sie  9 Jahre  würden  vor  Troja  liegen  müs- 
en,  und  sie  aufgefordert,  diese  9 Jahre  in  De- 
os zu  verbringen,  zugleich  aber  ihnen  ver- 
prochen,  dafs  seine  Töchter  sie  mit  Lebens-  4 
nitteln  versorgen  würden. 

b)  Eine  zweite,  gewifs  jüngere  Wendung, 
esen  wir  bei  Dictys  und  Servius  (a.  a.  0.). 
■Jach  dieser  wären  die  Oinotropoi  nach  Aulis 
gekommen  und  hätten  die  Griechen  für  die 
fahrt  und  den  Krieg  verproviantiert. 

c)  Die  dritte  Wendung,  deren  Quelle  wir 
■bensowenig,  wie  die  der  zweiten  kennen,  hat 
ms  Ovid  (a.  a.  0.)  überliefert.  Er  erzählt,  die 
linotropoi  wären  dem  Agamemnon  nicht  frei-  5 
willig  gefolgt  und  als  dieser  Gewalt  brauchen 
md  sie  in  Ketten  hätte  legen  wollen,  wären 
ie  von  Dionysos  in  Tauben  verwandelt  wor- 
len.  Dafs  diese  Wendung  eine  späte  Wuclie- 
ung  der  Sage  ist,  ist  auf  den  ersten  Blick 
inleuchtend. 

2)  Die  zweite  erst  unter  römischem  Ein- 
lusse  entstandene  Sage  ist  die  von  der  Be- 
virtung  des  Aineias  durch  die  Oinotropoi  (s. 
iben  S.  167  f.).  Ovid.  a.  a.  0.  Verg.  Aen.  3,  c 
JO.  Dion.  Halle,  hist.  Rom.  1 , 59.  Aurelius 
Victor,  de  origine  gentis  Romanae  9,  vgl.  Heyne, 
’xcursus  1 ad  Verg.  Aen.  3.  Dieser  Aufent- 
lalt  des  Aineias  auf  Delos  stimmt  nicht  mit 
ler  gewöhnlichen  Überlieferung,  wonach  Ai- 
ieias  mit  den  Henetern  über  Thrazien  und  die 
ngrenzenden  Länder  in  das  adriatische  Meer 
gekommen  sein  soll,  Verg.  1,  242.  Liv.  1, 

Roscher,  Lexikon  der  gr.  u.  rüui.  Mytliol. 


1,  [vgl.  Stiehle  im  Philologus  15,  593],  Aure- 
lius Victor  macht  sogar  die  Latinerin  Lavinia 
zur  Tochter  des  Anios.  Zwei  Söhne  werden 
von  Anios  erwähnt:  Thasos,  der  von  Hun- 
den zerrissen  wurde  (vgl.  Hygin.  f.  247.  Kal- 
limachos  in  den  Schot,  ad  Ov.  Ib.  479,  Prel- 
ler 1,  380  — dafs  diese  Zerreifsung  von  den 
Hunden  nichts  anderes  bedeutet , als  die 
nach  der  Meinung  der  Alten  verderbliche  Wir- 
kung des  Sirius,  ist  wohl  allgemein  ange- 
nommen) und  Andros  (s.  d.),  der  Gründer 
der  Stadt  und  Bebauer  der  Insel  gleichen  Na- 
mens bei  Steph.  Byz.  s.  v.  "AvÖQog  und  Ovid 
Met.  13,  644.  Von  einigen  wird  auch  Anios 
selbst  Bebauer  von  Andros  genannt,  vgl.  Apo- 
stolius  16,  2.  Phavorinus  s.  v.  'Poico.  Dion. 
Halle,  hist.  Rom.  1,  50.  — 2)  Sohn  des  Aineias 
und  der  Lavinia,  nur  einmal  erwähnt  von  Ser- 
vius ad  Verg.  Aen.  3,  80.  — 3)  Localgott  der 
Eleer  [Delier?  R.] , Clemens,  adm.  ad  gentes 
26  A.  Sylb.  [Oertel.] 

Ankaios  ( Ayv-cdog ),  1)  Sohn  des  Lykurgos 
und  der  Eurynome  oder  Kleophile  oder  Anti- 
noe,  Bruder  des  Iasos,  Epochos , Amphidamas 
und  Kepheus  (letztere  beiden  werden  von  Ap. 
Rh.  1,  164  Söhne  des  Aleos  genannt),  Apollod. 
3,  9,  2,  ein  tegeatischer  Heros,  zu  dessen  Ehren 
die  Arkader  noch  in  späten  Zeiten  ein  Fest 
feierten.  Er  nahm  teil  an  der  Argonauten- 
fahrt ( Apollod . 1,  9,  16.  Hygin.  f.  14.  17.  Apoll, 
Rhod.  1,  164.  Paus.  8,  4,  7)  und  gilt  nächst 
Herakles  für  den  stärksten,  er  sitzt  mit  die- 
sem auf  der  mittelsten  Ruderbank  (Ap.  Rh.  1, 
398.  531),  schlägt  mit  ihm  die  Opferstiere 
( ibid . 1 , 426)  und  greift  zuerst  die  Bebryker 
an  (ibid.  2,  118).  Zurückgekehrt  nimmt  er  teil 
an  der  Jagd  des  kalydonischen  Ebers  (Apol- 
lod. 1,  8,  2.  Paus.  a.  a.  0.  u.  8,  45,  2.  Ov. 
31et.  8,  315)  und  wird  von  diesem  getötet  (Ov. 
Met.  8,  391).  Diese  seine  Teilnahme  an  der 
Jagd  ist  auch  monumental  bezeugt.  Er  war 
mit  dargestellt  von  Skopas  im  Giebel  der 
Athena  Älea  in  Tegea,  verwundet  und  mit 
seiner  stehenden  Waffe,  der  Doppelaxt,  Paus. 
8,  45,  4 (Overbeck,  Schriftquellen  -1150),  fer- 
ner in  einem  Gemälde  des  Aristophon  von 
Thasos,  Plin.n.h,  35,  138  (Overb.  1127  No.  1, 
vgl.  Jahn,  Berichte  der  k.  s.  Ges.  d.  W.  1848 
S.  127).  Erhalten  ist  sein  Bild  noch  auf  einem 
griechischen  Terracottarelief,  vgl.  Jahn  a.  a.  0. 
und  auf  mehreren  Vasenbildern:  Gerhard,  aus- 
erl.  Vasenb.  t.  235—237.  327.  Stephani,  compte 
rendu  1867,  58  ff.  80  ff.  Annali  delT  instituto 
1868,  320,  vgl.  Bulletino  delV  inst.  1846  p.  131. 
Kekule,  de  fab.  Meleag.  34  ff.  Körte,  die  Personi- 
fikationen etc.  S.  56ff.  Preller  gr.  M.  23,  306.  307. 
Der  allen  bildlichen  Darstellungen  gemeinsame 
Zug  ist  die  auch  litterarisch  bezeugte  V erwun- 
dung  und  seine  Charakterisierung  durch  Bären- 
fell und  Doppelaxt.  — Sein  Sohn  ist  Agapenor, 
der  mit  um  Helena  wirbt  (Apollod.  3,  10,  8) 
und  den  Griechen  60  Schiffe  zum  Kriege  gegen 
Troja  stellt  (II.  2,  609).  — 2)  Sohn  des  Zeus 
oder  Poseidon  und  der  Astypalaia  oder  Alta 
(Hygin.  fab.  14),  König  der  Leleger  in  Samos, 
Gemahl  der  Samia,  der  Tochter  des  Maiander 
und  Vater  des  Enudos,  Samos,  Perilaos,  Ali- 
therses  und  der  Parthenope,  Paus.  7,  4,  2.  Er 

12 


355 


Anna 


356 


Ankyor 

wird  vielfach  mit  dem  vorhergehenden  ver- 
wechselt, weil  er  sowohl  Argonaut  war  als 
auch  seinen  Tod  durch  einen  Eber  fand.  Trotz- 
dem ist  er,  wenigstens  als  Argonaut,  das  strikte 
Gegenteil  des  Arkaders  Ankaios.  Während  sich 
jener  durch  Kraft  auszeichnet,  ist  der  Samier 
ein  kluger,  der  Schiffahrt  kundiger  Mann.  Ap. 
Bh.  1,  188.  Er  wird  nach  dem  Tode  des  Ti- 
phys  Steuermann  Ap.  Uh.  2,  867 — 900  4,  210. 
Apollod.  1,  9,  23.  Hygin.  fab.  14  (vgl.  Thir- 
wall , philol.  Museum  1,  106 — 121),  seine  Reden 
haben  viel  Einflufs  auf  die  Argonauten  Apoll. 
Bhod.  2,  1258.  Auch  mit  Landbau  und  beson- 
ders mit  Rebenanpflanzung  beschäftigte  ersieh. 
Als  er  einst  einen  Weinstock  pflanzte,  sagte 
ihm  ein  Seher,  dafs  er  die  Rebe  des  gepflanz- 
ten Stockes  nicht  kosten  werde.  Der  Wein 
ward  reif,  er  kelterte  ihn  und  hatte  schon  den 
Becher,  mit  Most  gefüllt,  am  Munde,  um  des 
Sehers  Wort  zu  nichte  zu  machen.  Da  sagte 
dieser  das  geflügelte  Wort:  7ioV.cc  yszatgv  ns- 
Ist,  hvXlko g xai  %stXsog  uhqov.  In  demselben 
Moment  bekam  er  die  Kunde , dafs  ein  Eber 
seine  Felder  verwüste.  Er  setzte  den  Becher 
ab,  zog  aus  und  ward  vom  Eber  getötet,  Schol. 
ad  Apoll.  Bhod.  1,  188.  Tzetzes,  ad  LyTcophr. 
488  — 490.  In  beiden  Stellen  liegt  die  oben 
schon  erwähnte  Verwechslung  vor.  Nach 
Tzetzes  hat  Lykophron  das  geflügelte  Wort 
auf  den  Arkader  angewandt.  Nach  dem  Sclio- 
liasten  soll  Pherekydes  erzählt  haben,  dafs  der 
Eber  der  kalydonische  gewesen  sei.  — 3)  Ein 
ätolisclier  Heros  aus  Pleuron,  den  Nestor  am 
Leichenfeste  des  Amarynkeus  im  Ringkampfe 
besiegte.  II.  23,  635.  Quint.  Smyrn.  4,  312. 

[Oertel.] 

Ankyor  ( ’AyuvcoQ ),  Sohn  des  Arkaderkönigs 
Lykaon;  er  wurde  mit  seinem  Vater  und  sei- 
nen Brüdern , den  Nyktimos  ausgenommen, 
von  Zeus  mit  dem  Blitzstrahl  erschlagen,  da 
sie  diesem  die  Eingeweide  eines  Knaben  als 
Speise  vorgesetzt  hatten  ( Apollod . 3,  8,  1). 

[Schirmer.] 

Anna,  1)  A.  Perenna.  — Ovids  (fast.  3,  523 
— 696,  vgl.  145 f.)  ausführliche  Beschreibung 
ihres  Festes,  welches  an  den  Iden  des  März 
in  einem  Hain  nahe  dem  linken  Tiberufer,  nicht 
weit  von  der  Stadt  gefeiert  wurde  (vgl.  dazu 
unter  dem  genannten  Tage  die  Basti  Vat. 
C.  I.  L.  1 p.  322  [u.  Mommsen  z.  d.  St.  p.  388 
vgl.  p.  375  u.  Ephem.  ep.  1 p.  34]  = 6 p.  633: 
„feriae  Annae  Perennae  via  Flamfinia]  ad 
lapidem  prim  [um]“,  also  etwa  in  der  Gegend 
der  heutigen  Porta  del  popolo  ; ferner  die 
Fasti  Farn . , O.  I.  L.  1 p.  330  = 6 p.  635: 
„Annae.  Per[ennae]u;  Martial.  4,  64,  16  f. : „et 
quod  virgineo  cruore  gaudet  Annae  pomiferum 
nemus  Perennae“ , sichtbar  von  des  Dichters 
Besitzung  auf  dem  Ianiculum  aus),  läfst  von 
der  öffentlichen  Bedeutung  desselben  nichts  i 
mehr  erkennen,  während  bei  Macrob.  Sat.  1, 
12,  6:  „eodem  quoque  mense  et  publice  et  pri- 
vatim ad  Annarn  Perennam  sacrifcatum  itur, 
ut  annare  perennareque  commode  liceat“,  bez. 
Lyd.  de  mens.  4,  36:  „siöoig  MaQzi'cug  . . . 

sv%ctl  SryioGLUL  vnsg  xov  vyistvov  ysveo&ou  tov 
sviavrov“,  ihrer  noch  gedacht  wird.  Ob  für 
die  weitere  Ausbreitung  ihres  Kultus  der  in 


eine  der  Erzählungen  bei  Ovül  (v.  581 — 588) 
eingeflochtene  Zug,  wonach  die  flüchtige  pu- 
nische  Anna  am  Crathis  Zuflucht  suchen  will 
(vgl.  Klausen,  Aeneas  und  die  Penaten  2,  270; 
Merkel,  proleg.  ad  Ov.  fast.,  Berol.  1841,  p.  216), 
und  die  Äufserungen  bei  Sil.  It.  8,  46  f.  201  f. 
in  ausreichender  Weise  Zeugnis  ablegen,  mufs 
mindestens  zweifelhaft  bleiben. 

Nach  Ovid  zog  an  dem  Festtage  das  nie- 
i dere  Volk  (plebs)  nach  dem  Hain  der  Göttin 
aus,  lagerte  sich  paarweise  (wobei  nach  Mar- 
tial. a.  a.  O.  eventuell  noch  an  weiteres  zu 
denken  wäre)  teils  unter  freiem  Himmel,  teils 
unter  Zelten  und  anderweitigen  improvisierten 
Schutzdächern  im  Gras  und  trieb  allerlei  aus- 
gelassene Kurzweil.  Vor  allem  wurde  scharf 
getrunken;  man  trank  sich  Jahre  zu,  indem 
man  deren  einander  so  viele  wünschte  oder 
selbst  zu  erreichen  hoffte,  als  man  Becher 
i hinter  einander  leeren  konnte.  Dazwischen 
wurden  Reigentänze  aufgeführt  und  mit  leb- 
hafter Gestikulation  Lieder  vorgetragen,  teils 
solche,  wie  man  sie  in  den  Theatern  gehört, 
teils  — und  dies  geschah  von  den  weiblichen 
Festgenossen  — herkömmliche  Gesänge  obseö- 
nen  Inhaltes  (v.  675  f.  695  f ).  Um  letzteren 
Gebrauch,  wie  er  sagt,  zu  erklären,  webt  Ovid 
im  Anschlufs  an  den  letzten  unter  seinen  weiter- 
hin zu  erwähnenden  Versuchen  zur  Deutung 
des  Mythus  die  folgende  Erzählung  ein,  die 
vermutlich  selbst  einem  derartigen  Lied  ent- 
nommen ist:  Au  die  jüngst  zur  Göttin  erhobene 
Anna,  die  „freundliche  Alte“,  habe  sich  Mars 
mit  der  Bitte  gewandt,  dafs  sie  die  Minerva 
bestimme  ihm  zu  Willen  zu  sein,  indem  er  es 
mit  dem  Hinweis  auf  das  Einfallen  ihres  Festes 
in  seinen  Monat  und  auf  ihr  Wesen  als  „comis 
anus“  motivierte,  dafs  er  gerade  sie  darum 
angehe;  Anna  habe  sich  in  schalkhafter  Weise 
scheinbar  dazu  bereit  gezeigt,  habe  ihn  längere 
Zeit  mit  vorgespiegelten  Hoffnungen  hingehal- 
ten, endlich  auf  sein  fortgesetztes  Drängen  die 
Erfüllung  seines  Wunsches  ihm  zugesagt,  nun- 
mehr aber  sich  selbst  als  Braut  verhüllt  ihm 
zuführen  lassen  und  den  nach  erfolgter  Ent- 
hüllung zwischen  Zorn  und  Beschämung  schwan- 
kenden Gott  weidlich  ausgelacht,  wie  denn 
auch  Venus  sich  an  der  Sache  höchlich  erfreut 
habe.  Soweit  die  Erzählung.  War  nun  von 
den  Feiernden  der  Lust  Genüge  gethan,  so 
kehrten  diePärchen  taumelnd  heim,  eine  Augen- 
weide für  die  ihnen  Begegnenden,  die  sie  wohl 
scherzhaft  als  „Selige“  (fortunati)  bezeichne- 
ten.  — Zur  Ergänzung  ist  dem  vorbezeichne- 
ten  Thatbestande  noch  hinzuzufügen  der  Hin- 
weis auf  einen  Mimus  des  D.  Laberius  na- 
mens Anna  Peranna,  dessen  spärliche  Frag- 
mente ( Scaen . Born.  poes.  fr.,  rec.  O.  Bibbeek, 
ed.  2,  vol.  2 p.  279)  jedoch  keinerlei  weiteren 
Aufschlufs  geben,  ferner  auf  eine  aus  Varros 
Ey.ioycc%iu  (Gell.  n.  A.  13,  24,  4)  unter  ande- 
ren erhaltene  Anrufung  „te  Anna  ac  Peranna “, 
endlich  auf  ein  in  den  Fasti  des  Philocalus 
(C.  I.  L.  1 p.  344)  zu  a.  d.  14.  Kal.  Iul.  er- 
wähntes „Annae  sacrum“,  für  welches  keine 
anderweitige  Überlieferung  vorliegt. 

Über  das  Wesen  der  Göttin  war  man  sich 
zu  Ovids  Zeit  im  Unklaren  und  erging  sich  in 


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357 


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Anna 


358 


Vermutungen,  über  die  der  Dichter  mehr  oder  we- 
niger ausführlich  — in  ersterem  Falle  nicht  ohne 
auch  seinerseits  einigen  poetischen  Schmuck 
hinzuzufiigen  — referiert.  Einesteils  identifi- 
cierte  man  sie  also  mit  Anna,  der  Schwester  der 
Dido-Elissa.  Drei  Jahre  nach  dem  selbstge- 
wählten Tode  der  letztem,  als  der  verschmähte 
Bewerber  larbas  Karthago  eingenommen  habe, 
sei  jene  zu  dem  befreundeten  König  von  Mal- 
ta, Battus,  entflohen  (über  die  Einsetzung  von 
Kyrene  statt  Malta  bei  Silius  Lt.,  der  sich 
sonst  in  der  einschlägigen  Partie,  l.  8,  v.  28 
— 202,  ausschliefslich  von  Ovid  abhängig  zeigt, 
s.  Klausen,  Aeneas  und  die  Penaten  2,  721), 
habe  jedoch  nach  abermals  drei  Jahren  auch 
von  hier  weichen  müssen,  da  der  Gastfreund 
ihr  gegen  Pygmalion,  der  in  noch  immer  nicht 
gesättigter  Rachgier  mit  Krieg  drohte,  kei- 
nen Schutz  mehr  zu  gewähren  vermochte. 
Im  Begriff  am  Flufs  Krathis  in  Unteritalien 
eine  neue  Heimat  zu  finden,  sei  sie  vom  Sturm 
an  das  Gestade  von  Laurentum  verschlagen 
worden,  hier  mit  Aineias  zusammengetroffen  und 
von  ihm  freundlich  in  sein  Haus  aufgenommen 
worden.  Hier  jedoch  von  der  eifersüchtigen 
Lavinia  mit  Nachstellungen  bedroht,  sei  sie 
nachts,  durch  die  im  Traum  ihr  erschienene 
Schwester  gewarnt,  entflohen  und  vom  Flufs 
Numicius  (j.  Rio  torto,  südlich  von  Lavinium 
ins  Meer  mündend)  in  seine  Wellen  aufge- 
nommen worden.  Denen,  welche  sie  suchten, 
habe  es  aus  demselben  wie  von  ihrer  Stimme 
entgegengetönt  (v.  653  f.):  placidi  sum  nympha 
Numici,  amne  perenne  lutens  Anna  Perenna 
vocor.  — Andere  hielten  die  Göttin  für  iden- 
tisch mit  Luna,  die  mit  ihren  monatlichen  Um- 
läufen das  Jahr  füllte,  andere  mit  Themis, 
andere  mit  Io,  wieder  andere  mit  einer  der 
Töchter  des  Atlas,  die  dem  Zeus  die  erste 
Nahrung  gereicht  habe.  Besondere  Glaub- 
würdigkeit spricht  der  Dichter  der  zuletzt  von 
ihm  wiedergegebenen  Erklärung  zu:  Als  die 
auf  den  Heiligen  Berg  ausgewanderte  Plebes 
nach  Aufzehrung  der  mitgenommenen  Vorräte 
Mangel  zu  empfinden  begann,  habe  eine  zu 
Bovillä  wohnhafte  alte  Frau  namens  Anna  all- 
morgendlich frisch  bereitete  Kuchen  noch  dam- 
pfend unter  sie  verteilt  , und  .es  sei  ihr  daher 
aus  Dankbarkeit  nach  erfolgter  Rückkehr  in 
die  Stadt  ein  signum  perenne  errichtet  worden. 

Hiervon  sondert  sich  ohne  weiteres  eine 
Reihe  von  Zügen  aus,  welche  augenscheinlich 
gelehrter  Spekulation  oder  *volksmäfsigen  Er- 
klärungsversuchen ihren  Ursprung  verdanken, 
somit  höchstens  indirekt  zur  Aufhellung  des 
Wesens  der  entschieden  italischen  Göttin  bei- 
tragen können.  Die  Zusammenstellung  mit 
Luna  ebenso  wie  mit  Themis,  der  Mutter  der 
Horen,  und  mit  Io  (Merkel,  a.  a.  0.,  p.  214 ff.) 
läfst  am  ehesten  eine  Beziehung  auf  das  Jahr 
und  dessen  Verlauf  erschliefsen;  diejenige  mit 
der  Tochter  des  Atlas  dürfte  nur  auf  den  Na- 
mensanklang  mit  ’Ayvut  zurückzuführen  sein. 
Das  letztere  Moment  war  auch,  mindestens 
vorwiegend,  für  die  Verbindung  mit  der  pani- 
schen Anna  mafsgebend,  die  in  ihrer  speciellen 
Ausführung  den  Stempel  des  künstlich  Ge- 
machten deutlich  an  sich  trägt.  Weil  wesent- 


lich auf  diesen  Elementen  fufsend,  kann  daher 
auch  die  nach  Andeutungen  von  Movers  (s. 
bes.  Phon.  2,  2,  95  f.)  neuerdings  wieder  von 
E.  Teltscher  ( Über  das  Wesen  der  Anna  Pe- 
renna u.  d.  Dido,  Progr.  v.  Mitterburg  1877) 
versuchte  Deutung  am  wenigsten  befriedigen, 
wonach  die  phönikische  Anna  einerseits  das 
Vorbild  der  griechischen  Xocqig , bez.  Xclgizt-g, 
andererseits  dasjenige  der  italischen  Anna  ab- 
gegeben habe:  letzterer  Vorgang  aber  habe 
sich,  ohne  griechische  Vermittelung,  im  An- 
schlufs  an  den  frühzeitigen  Verkehr  der  Phö- 
niker  mit  Italien  vollzogen,  und  Anna  ent- 
spreche speciell  derjenigen  Xocgig,  welche  bei 
den  Griechen  als  JTsi&co  erscheine,  gleichwie 
Dido  der  Evcp Qoovvrj.  — In  der  von  Ovid  an 
letzter  Stelle  gegebenen  Deutung  bleibt  aller- 
dings neben  dem  westvollen  Element  der 
„freundlichen  Alten“  und  neben  der  sich  selbst 
als  Produkt  der  Volksetymologie  hinreichend 
kennzeichnenden  Ableitung  des  zweiten  Na- 
mens der  Göttin  das  meiste  noch  unverständlich. 

Von  den  durch  den  echten  Bestand  des 
Mythus  an  die  Hand  gegebenen  beiden  Mög- 
lichkeiten der  Deutung  vertrat  in  neuerer  Zeit 
die  eine,  welche  an  den  Begriff  des  fliefsenden 
Wassers  anknüpft,  zuerst  eingehender,  obwohl 
mit  vielfach  unzulänglichen  Beweisgründen, 
Klausen  ( Aeneas  u.  d.  Penaten  2,  717 — 728: 
Anna  Perenna  ist  die  Nymphe  des  weichen 
Wassers,  wie  es  aus  unversiegbarem  Quell  das 
ganze  Jahr  hindurch  rinnt  — insofern  auch  ein 
Bild  der  rinnenden  Zeit  — und  in  Gestalt  des 
jeweiligen  Landesflusses,  wie  z.  B.  des  Numi- 
cius für  Lavinium,  des  Tiber  für  Rom,  den 
Gau  befruchtet),  dann,  jedoch  ohne  dieses  Mo- 
ment ausschliefslich  zu  betonen  (vgl.  auch 
C.  I.  L.  1 p.  388),  Th.  Mommsen , unterital. 
Dialekte,  S.  248  f. ; dieser  betrachtet  die  Göttin 
als  „die  Volle,  ganz  Volle“  (Zusammenstel- 
lung wie  Dea  Dia  u.  dgl.  m. ; zu  Grunde  liegt 
eine  Participialbildung  *amnus  „gesättigt,  voll“, 
vgl.  äaai,  aazca  etc.),  „zu  der  man  betet,  ut 
annare  perennareque  commode  liceat,  welche 
aber  auch  die  Göttin  des  vollen,  ganz  vollen 
Flusses  ist,  die  verehrt  wird  in  der  Mitte  des 
März  zur  Zeit  der  Hochwasser“. 

Die  andere,  sich  unmittelbar  darbietende 
Beziehung  auf  das  Jahr  stellte  zuerst  Creuzer, 
Symbolik  etc.  22,  S.  972  ff.  in  den  Vordergrund, 
indem  er  das  Fest  der  Göttin  für  eine  Feier 
des  mit  dem  Frühling  neugewordenen  Jahres, 
sie  selbst  als  eine  Personifikation  desselben, 
zugleich  als  die  Beherrscherin  der  feuchten 
Sphäre , als  die  Nährmutter  und  Spenderin 
aller  guten  Gaben  auffafste.  Ähnlich  und 
gleichfalls  unter  Anknüpfung  an  tvy  zul  via 
etc.  fafste  sie  dann  Preller,  röm.  Mythol.-, 
S.  304  ff.  als  „die  wechselnde  Mondgüttin  des 
laufenden  Jahres,  die  in  jedem  Monat  alt  und 
wieder  jung  ist,  vollends  in  dem  Frühlings- 
monat März,  wo  sie  nicht  ohne  Grund  gerade 
zur  Zeit  der  Iden,  d.  h.  des  Vollmondes,  als 
Freudenspenderin  und  als  Buhle  des  Mars  mit 
ausgelassener  Lustbarkeit  verehrt  wird“,  und 
wies  namentlich  auch  auf  den  Mamurius  Ve- 
turius  der  Mamuralienfeier  am  Vortage  der 
Iden  des  März  als  eine  entsprechende  Gestalt, 

12* 


359 


Anna 


Annona 


360 


sowie  auf  die  Beziehung  des  Märchens  vom 
Mars  und  der  Anna  Perenna  zu  dem  Bündnis 
des  Mars  mit  der  Nerio  hin. 

Zum  vorläufigen  Abschlufs  erscheint  die 
Frage  gebracht  durch  II.  Usener,  italische  My- 
then, Ithein.  Mas.,  n.  F.  30  S.  182 — 229:  Anna 
und  Peranna  (denn  das  ist  die  ursprüngliche 
Form,  und  sie  läfst  keine  andere  Beziehung 
als  diejenige  auf  annus  zu)  sind  an  sich  zwei 


bezogen.  Die  wesentlichen  mythischen  Züge 
der  Ehe  zwischen  Mars  und  Nerio  müssen 
auch  ehemals  bei  den  Italikern  ein  Bestand- 
teil der  Hochzeitsriten  gewesen  sein,  und  wie 
bei  stammverwandten  Völkern,  neben  der  Vor- 
stellung von  einem  Gott  und  einer  Göttin  des 
alternden  Jahres,  die  abgethan  werden,  sich 
in  den  Hochzeitsbräuchen  vielfach  die  Sitte 
findet,  dafs  der  Bräutigam  oder  dessen  Stell- 


verschiedene Persönlichkeiten,  die  nur  unter  io  Vertreter  erst  mit  einem  alten  Mütterchen  ge- 


einem  bestimmten  Gesichtspunkt  zu  einer  ein- 
heitlichen verschmolzen.  Anna  ist  das  lau- 
fende Jahr  mit  seinem  Segen  (und  in  dieser 
Eigenschaft  allein  galt  ihr  wohl  die  Feier  im 
Juni,  mit  Bezug  auf  die  nahe  Erntezeit),  Per- 
anna ist  das  abgelaufene,  das  ,,durchgejahrte“ 
Jahr,  und  erst  mit  Rücksicht  auf  den  sich  voll- 
endenden Jahresring,  bei  der  Feier  des  Jahres- 
schlusses, traten  beide  Begriffe  zu  der  Einheit 


neckt  wird , ehe  die  Herausgabe  der  wahren 
Braut  erfolgt,  so  hat  der  Mythus  der  Anna 
Perenna  in  ihrer  Beziehung  zu  Mars  auch  das 
zweite  Moment  noch  in  enger  Vereinigung  mit 
dem  ersteren  erhalten.  — 2)  Anna,  Schwester 
der  Dido  (Elissa),  s.  diese  und  unter  Anna  1. 

[Meitzer.] 

Annona.  Aus  der  grofsen  Wichtigkeit,  welche 
im  kaiserlichen  Rom  die  Versorgung  der  Stadt 


der  Anna  Perenna  zusammen.  Auch  bei  den  20  mit  überseeischem  Getreide  für  sich  bean- 


Italikern  wurde  augenscheinlich  ehedem,  wie 
dies  bei  stammverwandten  Völkern  in  zahl- 
reichen Beispielen  und  bis  auf  die  Gegenwart 
herab  nachweisbar  ist,  das  alte  Jahr  feierlich 
abgethan  (daher  der  Sturz  in  den  Flufs),  um 
durch  die  bei  Ovicl  beschriebene  Festlichkeit, 
unter  Wünschen  für  das  Gedeihen  des  kom- 
menden Jahres,  erneuert  zu  werden.  Das  männ- 
liche Gegenstück  zu  der  Göttin  nach  ihren 


spruchte  (vgl.  0.  Hirschfeld,  Philologus  29,  lff. 
Mommsen,  Staatsrecht  2,  992 ff.)  erklärt  es  sich, 
dafs  sich  in  der  römischen  Staatsreligion  nach 
und  nach  die  Vorstellung  einer  eignen  diesem 
wichtigen  Zweige  der  Verwaltung,  der  cura 
annonae,  vorstehenden  Gottheit  bildete.  Diese 
Göttin  Annona  wird  in  der  uns  vorliegenden 
alten  Litteratur  nie  erwähnt,  um  so  häufiger 
aber  ist  ihr  Vorkommen  sowohl  auf  Inschriften 


zwei  Modifikationen,  bez.  deren  Vereinigung,  30  als  namentlich  auf  Münzen,  welch  letztere  uns 


bietet  Mars  als  Jahresgott.  Er  ist  einerseits 
der  mit  jedem  neuen  Jahre  neugeschaffene, 
andererseits  der  Gott  des  absterbenden  Jahres 
(Mamurius  Veturius,  d.  i.  Vetusius).  Auch  der 
letztere  mufste  abgethan  werden,  um  dem  Gott 
des  neuen  Jahres  Platz  zu  machen;  und  wenn 
der  darauf  bezüglichen  Feier,  den  Mamuralia, 
der  14.  März  zugewiesen  war,  während  das 
neue  Jahr  doch  schon  mit  dem  1.  März  be- 


noch die  ganze  Entwicklung  der  Vorstellung 
verfolgen  lassen  (vgl.  darüber  H.  Brunn,  An- 
nali  cl.  inst.  1849,  138  f.).  Gröfstenteils  sind 
es  Bronzemünzen,  vom  Senate  zu  Ehren  von 
Kaisern  geprägt,  welche  sich  besondere  Ver- 
dienste um  die  annona  erworben  hatten;  doch 
findet  sich  die  Göttin  auch  auf  Gold-  und  Sil- 
bermünzen vereinzelt.  Die  ältesten  einschläg- 
lichen  Münzen  zeigen  die  Annona  nicht  allein, 


gönnen  hatte,  so  erklärt  sich  dies  daraus,  dafs  40  sondern  mit  Ceres  gruppiert:  letztere  sitzt  an 


der  neue  Jahresgott  erst  herangewachsen  und 
erstarkt  sein  mufste,  um  den  alten  überwinden 
und  abthun  zu  können.  Die  männliche  und 
die  weibliche  Personifikation  des  scheidenden 


der  einen  Seite  eines  Altars,  auf  dem  der  Mo- 
dius,  das  Symbol  des  Erntesegens,  steht;  an 
der  andern  Seite  steht  Annona,  das  Füllhorn 
im  Arm;  im  Hintergründe  erblickt  man  ein 


361  Anociticus 

aber  finden  wir  nur  noch  zwei  unter  sich  nahe 
verwandte  Typen  neben  einander  im  Gebrauch ; 
beide  zeigen  die  Göttin  in  der  allgemeinen 
Auffassung  einer  Ceres  gleichend  zwischen 
Modius  und  Schiffsvorteil  stehend  mit  Ähren 
in  der  einen  Hand;  verschieden  ist  nur  das 
Attribut  der  anderen  Hand , bei  der  einen 
Reihe  das  allgemeine  Abzeichen  der  segen- 
spendenden Gottheiten,  das  Füllhorn , bei  der 
anderen  als  Andeutungen  des  Seeverkehres 
Steuerruder  oder  auch  Anker;  natürlich  geben 
die  einzelnen  Münzen  die  Normaltypen  nicht 
immer  rein  und  vollständig  wieder,  sondern 
lassen  einzelnes  fort,  namentlich  hei  den  spä- 
teren Kaisern;  Musterbeispiele  des  ersten  Ty- 
pus bieten  Golien,  med.  imp.  Adrien  667 — 671. 
Suppl.  75.  Antonin  Je  Vieux  470—472,  des 
zweiten  Cohen,  Adrien  662.  663.  Ganz  in  der- 
selben Weise  tritt  Annona  auch  auf  den  tes- 
serae  frumentariae  auf.  Vgl.  0.  Benndorf,  Bei- 
träge zur  Kenntnis  des  att.  Theaters  S.  47  ff. 
Marquardt , Köm.  Staatsiv.  2,  124,  8.  Daneben 
findet  sich  auf  den  Münzen  der  Kaiser  Hadrian 
( Cohen  93 — 95.  664),  Antoninus  Pius  ( Cohen  7) 
und  AI.  Aurelius  ( Cohen  410)  auch  der  blofse 
Modius  als  Symbol  der  Annona.  Inwieweit 
die  Münzdarstellungen  der  Göttin  auf  statua- 
rische Typen  zurückgehen,  mufs  bei  der  Lücken- 
haftigkeit des  Materials  dahingestellt  bleiben; 
dafs  es  aber  Statuen  der  Annona  gab , zeigen 
uns  die  Inschriften.  So  weiht  zu  Rusicada  in 
Numidien  ein  M.  Aemilius  Ballator  aus  eige- 
nen Mitteln  Statuen  des  Genius  seiner  Vater- 
stadt und  der  Annona  sacrae  urbis  (C.  I.  L.  8, 
7960)  und  Reliefdarstellungen  der  Göttin  fan- 
den sich  auf  dem  Votivaltare  des  mensor  per- 
petuus  dignissimi  corporis  pistorum  siligina- 
riorum  Aelius  Vitalio  (C.  I.  L.  6,  22)  und  wahr- 
scheinlich auch  auf  dem  Grabstein  des  adiutor 
praefecti  annonae  Carpus  ( C . I.  L.  6,  8470.  vgl. 
Brunn,  Annali  1849,  137  f.).  Darnach  hat  man 
auch  mit  Erfolg  versucht  auf  erhaltenen  Denk- 
mälern die  Figur  der  Annona  nachzuweisen; 
namentlich  hat  Brunn  ( Annali  1849 , 135  ff. 
Sitz.  Ber.  d.  bayr.  Ahad.  1881,  2,  119  ff.)  ein 
Relief  des  vatikanischen  Museums  ( Arcli . Zeit. 
1847,  Taf.  4)  und  einen  in  der  Vigna  Aquari 
bei  Rom  gefundenen  Sarkophag  (Matz- Duhn 
No.  3095)  in  diesem  Sinne  erklärt.  Es  mufs 
zugegeben  werden,  dafs  auf  beiden  Denkmälern 
die  für  Annona  in  Anspruch  genommenen  Fi- 
guren keinem  der  Münzbilder  ganz  genau  ent- 
sprechen; doch  finden  sich  derartige  Differen- 
zen auch  anderweit,  und  gerade  Brunns  Deu- 
tung der  Figur  des  Sarkophages  Aquari  findet 
ihre  glänzende  Bestätigung  durch  die  inschrift- 
lich beglaubigte  Annona  auf  der  (jetzt  nicht 
t mehr  vorhandenen)  Ara  des  Aelius  Vitalio, 
welche  nach  der  Beschreibung  des  Smetius 
! mit  jener  in  allen  Punkten  übereinstimmte 
j ( C . 1.  L.  6,  22).  [Wissowa.] 

Anociticus,  wohl  ein  britannischer  Gott  auf 
der  Inschrift  eines  Altars  aus  Condercum  (Ben- 
well),  C.  I.  L.  7,  504:  Deo  Anocitico  iudiciis 
, optimorum  maximommque  Impp.  n.  sub  Ulp. 
Marcello  cos.  Tineius  Longus  etc.  W ahrschein- 
lich  ist  er  mit  dem  Antenociticus  (s.  d.)  iden- 
i tisch.  [Steuding.J 


Antaios  362 

Anogou  (’Avcoycov),  Sohn  des  Kastor  und  der 
Hilaeira,  der  Tochter  des  Leukippos,  Apollod. 
3,  11,  2.  Bei  raus.  2,  22,  6.  3,  18,  7 heifst 
er  Anaxis  (s.  Anaxias).  Tzetz.  Lylc.  511  nennt 
als  Söhne  des  Kastor  und  der  Hilaeira  ’Avuycov 
r)  nal  Avlo&og.  Preller,  Mytliol.  2, 

98.  [Stoll.] 

Anonyinos  (’Avwvvgog),  ein  Gigant,  der  in 
Gemeinschaft  mit  Pyripnoos  der  Hera  nach- 
stellte und  von  Herakles  getötet  wurde,  Ptolem. 
Heph.  2.  [Stoll.] 

Antaios  (’Avzccio g) , 1)  Sohn  des  Poseidon 
und  der  Ge , ein  libyscher  Riese  und  gewalti- 
ger Ringer,  der  alle  zu  ihm  kommenden  Frem- 
den zum  Zweikampfe  zwang  und  mit  den 
Schädeln  der  Besiegten  seines  Vaters  Tempel 
schmückte.  Find.  Istlun.  3,  70.  Flat.  Theaet. 
169 B.  legg.  7,  796 A.  Von  Herakles,  der  dem 
Ungestüm  des  Wüstenunholdes  die  Regeln  der 
griechischen  Palaistra  entgegensetzte,  ward 
er  endlich  trotz  der  Unterstützung  seiner  Mut- 
ter besiegt  und  getötet,  Diod.  4,  17.  Nach 
der  späteren  Überlieferung  wird  diese  Unter- 
stützung der  Ge  so  erklärt,  dafs  er  unbesieg- 
bar gewesen  sei,  so  lange  er  die  Erde  berührte, 
dafs  ihn  deswegen  Herakles  in  die  Höhe  ge- 
hoben und  in  der  Luft  erdrückt  habe.  Apol- 
lod. 2,  5,  11.  Dygin.  fab.  31.  Quint.  Smyrn. 
6,  286.  Lucan.  Fharsal.  4,  590.  Stad.  Theb. 
6,  893.  Juven.  sat.  3,  89.  Ovid,  Ibis  393.  Dafs 
diese  letztere  Version  der  Sage  späteren  Ur- 
sprunges ist,  scheint  aus  den  monumentalen 
Quellen  hervorzugehen , die  erschöpfend  Ste- 
phani im  compte-rendu  pour  1867  S.  13ff.  ge- 
sammelt hat.  Wenn  auch  Gerhard,  auscrles. 
Vasenb.  2,  S.  105  zu  weit  geht,  wenn  er  behaup- 
tet, den  Zug  des  Hebens  hätten  erst  römische 
Kunstwerke , so  haben  doch  die  archaischen 
Vasen  diesen  Zug  entschieden  nicht  (vgl.  Ger- 
hard, a.  V.  2,  t.  114.  Stuart  vol.  3,  ch.  1.  pl. 
3.  11.  14.  mus.  etr.  528),  und  auch  in  den  jün- 
geren griechischen  Kunstwerken  erscheint  er 
verhältnismäfsig  selten  (vgl.  Steph.  a.  a.  O. 
Gerhard  a.  a.  0.).  Wohl  ist  aber  auf  den 
meisten  dieser  Vasenbilder,  wie  auf  den  Gem- 
men und  einigen  anderen  unten  noch  im  Zu- 
sammenhänge zu  besprechenden  Kunstwerken 
Gaia  als  Gehilfin  des  Antaios  und  Pallas  als  die 
des  Herakles  dargestellt,  so  dafs  die  Sage  von 
einer  Unterstützung  des  Antaios  durch  Ge  alt 
und  ursprünglich  zu  sein  scheint.  Gerhard 
a.  a.  0.  104  meint,  das  Heben  sei  erst  durch 
die  Kunst  in  die  Sage  gekommen.  Eher  ist 
diese  Erweiterung  der  Sage  das  Werk  mytho- 
graphischer  Spekulation.  Wäre  sie  alt,  so 
hätte  man  diesen  Kampf  nicht  als  einen  pro- 
totypischen  für  die  griechische  Palaistra  an- 
sehen  können;  denn  dann  hätte  eben  Hera- 
kles nicht  vermöge  seiner  palästrischen  Fer- 
tigkeit, sondern  durch  eine  List  gesiegt. 

Dieser  Kampf  des  Herakles  mit  Antaios  ist 
in  den  kyklischen  Thaten  des  Herakles  selten 
dargestellt,  doch  finden  wir  ihn  am  Theseion 
zu  Athen  (vgl.  Welcher,  ahad.  Kunstmus.  156 
Anm.  9.  174  Anm.  34)  und  in  den  praxiteli- 
schen  Metopen  am  Herakleion  in  Theben,  Paus. 
9,  11.,  6 ( Overb . Soliriftq.  1285).  Aufserdem 
sind  uns  noch  zwei  Beschreibungen  von  statua- 


10 

20 

30 

40 

50 

60 


363 


Autaios 


Anteia 


364 


rischen  Gruppen  dieses  Gegenstandes  erhalten 
bei  Brunclc,  anal.  3,  n.  284  und  hei  Libanios, 
clcphr.  4 p.  1032  sowie  die  eines  Gemäldes  bei 
Philostr.  2,  21.  Die  erhaltenen  Werke  sind  in 
dem  oben  citierten  compte-rendu  zusammenge- 
stellt. Herauszuheben  sind 

a)  von  kleinen  Gruppen  die  fragmentierte, 

in  Aquileja  gefundene  Marmorgruppe,  Wiener 
Jahrbücher  48.  Taf.  1.  No.  3;  vgl.  0.  Müller, 
Handbuch  der  Archäologie  410,  14.  : 

b)  Das  Relief  im  Museo  Kircheriano. 

c ) Verschiedene  echte  Gemmen,  Tassie  5814 
— 5823,  vgl.  lmpr.  d.  Inst.  1,  68. 

d)  Das  Mosaik  aus  dem  Grabe  der  Naso- 
nen,  vgl.  Stephani  a.  a.  0.  15. 

e)  Von  Vasenbildern  aufser  den  obenge- 
nannten die  Vase  des  Euphronios,  Annali  dell' 
instituto  1855.  tav.  5. 

[Gegen  die  Echtheit  der  von  Stephani  an- 
geführten Marmorgruppen  Glarac  802,  2016  u. 
804,  2018  A.  sowie  der  Bronzegruppe  Monum. 
d.  inst.  1856,  105  sind  gegründete  Bedenken 
erhoben  worden.]  *) 

Das.  Lokal  der  Sage  ist  nach  der  gewöhn- 
lichen Überlieferung  bei  Tingis  in  Mauretanien 
zu  suchen,  welche  Stadt  von  der  Gemahlin  des 
Antaios  Tinge  ihren  Namen  haben  soll.  Hier 
wurde  auch  des  Riesen  Grab  gezeigt,  jenes 
berühmte  Grab,  welches,  wenn  man  seine  Erde 
lockerte,  Regen  herbeizog  (Pomp.  Mela  3,  10). 
Sertorius  soll  es  haben  öffnen  lassen,  um  die 
überlieferte  Länge  des  Riesen  zu  kontrollieren, 
soll  aber,  nachdem  er  sich  von  der  Wahrheit 
der  Tradition  überzeugt,  das  Grab  wieder  zu- 
geschüttet und  geweiht  haben,  Strabo  17  p.  829. 
Blut.  Sert.  9.  Die  mauretanischen  Könige  leite- 
ten ihr  Geschlecht  von  Herakles  und  der  Tinge 
ab.  Diese  sollen  nach  der  Besiegung  des  An- 
taios einen  Sohn , Namens  Sophax  (Flut.  a. 
a.  0.)  oder  Palaimon  (Tzetz.  Lylc.  622,  vgl.  Ile- 
sych.a.  TLcdcdywv)  oderPolemon  ( Etyrn . magn.) 
gezeugt  haben.  Das  Nähere  hierüber  s.  b.  Mo- 
vers, Phönizier  2,  2.  S.  39.  Keil,  neue  Jahrb. 
Suppl.-Bd.  4,  621  und  vgl.  die  einschlagenden 
Artikel.  Andere  verlegen  den  Ort  des  Kampfes 
nach  Lixos,  Plin.  n.  h.  5,  3 (vgl.  19,  63),  einer 
benachbarten  Stadt.  So  viel  steht  fest,  dafs 
Antaios  eine  mauretanische  Persönlichkeit,  das 
Lokal  seiner  Sage  Mauretanien  ist. 

Von  Pind.  Pyth.  9,  185  wird  Irasa  iu  Ky- 
rena'ika  die  Heimat  des  Antaios  genannt,  vgl, 
Herod.  4 , 158.  Dieser  kyrenaische  Antaios 
hat  eine  schöne  Tochter,  die  Barke  oder  Al- 
kers, die  er  demjenigen  zu  geben  verspricht, 
der  ihn  selbst  im  Wettlaufe  besiegt,  und  in- 
folge dieser  Bedingung  dem  Alexidamos  geben 
mufs,  vgl.  Müller,  Orchomenos  S.  346  Aber 
schon  der  Scholiast  zu  Pindar  will  diesen  An- 
taios von  dem  Mauretanier  unterscheiden.  Die 
lokale  Verschiedenheit  liefse  sich  noch  erklären, 
aber  Antaios  der  Mauretanier  ist  ein  anderer 
Heros  als  sein  kyrenaischer  Namensvetter,  die- 
ser ein  Schnellläufer,  jener  ein  gewaltiger,  ur- 
kräftiger , ungestümer  Ringer , so  disparate 
Züge,  dafs  sie  ein  und  derselben  Persönlichkeit 

*)  Vgl.  Klein,  Euphronios  in  den  Wiener  Denksehr.  Bd. 
29  S.  53  des  Sep.-Abdr.,  wo  auch  die  übrigen  Vasenbilder 
zusammengestellt  sind.  [Schreiber.] 


selbst  an  verschiedenen  Orten  wohl  kaum  ange- 
dichtet werden  können  [?].  Über  die  Bedeutung 
der  Antaiossage  vgl.  Gerhard,  a.  V.  2,  105 ff. 
Creuzer,  Symbolik  1,326.  2,  338.  2, 77  ff.  Müller, 
Dorier  1,  452.  Von  einer  Naturbedeutung*)  des 
Mythus  wird  derjenige  sofort  absehen,  der  den 
Sagenzug  von  der  Hilfe  seitens  der  Mutter  für 
das  Werk  später  Spekulation  hält.  Auch  von 
dem  Berichte  des  Mela  über  die  Eigenschaft  des 
Grabes,  Regen  herbeizuziehen,  ist  abzusehen, 
er  ist  nichts  als  eine  Lokalsage , wie  wir  sie 
noch  häufig  in  der  norddeutschen  Geeste  und 
Mai  schebene  finden,  wo  die  Hünengräber  auch 
das  Wetter  beeinflussen.  Antaios  ist  nichts 
als  einer  jener  von  Poseidon  stammenden  Un- 
holde, eine  Repräsentation  des  libyschen  Barba- 
rismus (wie  Busiris  des  ägyptischen)  und  im 
allgemeinen  der  vis  consilii  expers-,  der  Sieg 
des  Herakles  ist  der  Sieg  des  Hellenentums 
und  das  Eindringen  seiner  Kultur  in  Libyen, 
vgl.  Preller  23,  216  — 19.  — 2)  Ein  Heerführer 
des  Turnus,  Verg.  Aen.  10,  561.  [Oertel.] 

Antandre  (’Av zuvögg),  Amazone,  Gefährtin 
Penthesileias,  Q.  Smyrn.  1,  43.  531. 

[Klügmaun.] 

Antandros  ('Avzccvöqos)  , Name  eines  Teil- 
nehmers an  der  kalydonischen  Eberjagd  auf 
der  Eran^oisvase : C.  1.  Gr.  8185.  [Rosoher.] 

Autariste  (’Avzagiozg),  Amazone  auf  einer 
Hydria  in  England,  Bröndsted,  Vases  of  Cam- 
panari  n.  28.  [Kliigmann.] 

Anteia  (”Avzsiu) , Tochter  des  Iobates  (oder 
Iobatos,  Schol.  Find.  Ol.  13,  82),  oder  Amphia- 
nax  (Apollod.  2,2,  1.  Schol.  Hom.  X 325.  Hy- 
gin.  astr.  18.  Ädiuvarces  b.  Schol.  Stat.  Theb. 
4,  589  ist  wohl  nur  aus  Iobates  verderbt),  Gat- 
tin des  Proitos.  Als  es  ihr  nicht  gelingt,  den 
Bellerophontes , der  an  ihrem  Hofe  weilt , zu 
verlocken  (Hom.  Z 164  reg  ds  yvvrj  IIqolzov 
£7C(ggvazo  Sl’  ’Avzsia , ’SQvnzaöi'T]  cpiXözyn  fu- 
yrgiBvcu),  verleumdet  sie  ihn  bei  Proitos,  als 
ob  er  ihr  schmähliche  Anträge  gestellt  habe; 
Proitos  scheut  sich  seinen  Gast  selbst  zu  töten 
und  schickt  ihn  deshalb  nach  Lykien  zu  sei- 
nem Schwiegervater  mit  todbringenden  Zei- 
chen. Nach  Hygin.  astr.  18  verleumdet  sie 
ihn  nicht,  sondern  Bellerophontes  entfernt  sich 
freiwillig,  'ne  saepius  audiret  quocl  nollet’.  Von 
den  Tragikern  an  wird  sie  Stheneboia  genannt 
und  als  Tochter  des  Apheidas,  Königs  von  Ar- 
kadien , bezeichnet  (Apollod.  3 , 9 , 1).  Ihre 
und  des  Proitos  Tochter  ist  Maira  (Schol.  Hom. 
X 325.  Paus.  10,  30,  2).  Vgl.  noch  Schol.  Ari- 
stoph.  Ban.  1043.  Lulc,  de  cal.  26.  H.  A.  Fi- 
scher, Belleroplion,  eine  mytholog.  Abhandlung, 

*)  Mir  ist  eine  Naturbedeutung  der  beiden  wohl  iden- 
tischen Antaios  doch  sehr  wahrscheinlich.  Verschiedene 
Züge  deuten  auf  die  in  der  libyschen  Wüste  so  häufi- 
gen Windhosen  „die  sich  bald  sehr  schnell,  bald  mit 
1 majestätischer  Langsamkeit  bewegen“  ( Cornelius , Meteoro- 
logie 222),  also  auch  personificiert  als  Schnellläufer 
gefafst  werden  können.  Dafs  Winde  und  Windhosen  als 
furchtbare  Unholde  aufgefafst  werden  können,  lehren  die 
Mythen  von  Typhoeus  und  Skeiron.  Solche  Windhosen 
scheinen T wenn  sie  ihren  Höhepunkt  erreicht  haben,  auf 
der  Erde  zu  fufsen,  sie  erlöschen,  indem  die  Verbindung 
aufhört.  Das  Verhältnis  des  Antaios  zu  Poseidon  erklärt 
sich  wohl  aus  der  Vorstellung  der  Wasserhose. 

[Koscher.] 


365  Anteias 

Leipzig  1851,  8.  Über  Kunstdarstellungen  vgl. 
die  Artikel  Bellerophontes  und  Stlieneboia. 
Engelmann,  Bellerofonte  c Pegaso,  Ami.  d.  Inst. 
1874,  S.  5.  [Engelmann.] 

Anteias  (’Avrsiag,  ’Avt(ag),  Sohn  des  Odys- 
seus und  der  Kirke,  der  Antium  in  Italien  ge- 
gründet und  nach  sich  benannt  haben  soll. 
( Xenagoras  b.  Dion.  Hai.  Ant.  Jl.  1 , 72,  wo- 
nach Euseb.  Chr.  p.  205.  Syncell.  p.  193 A. 
Steph.  Byz.  s.  v.  ’ 'Avxeia ).  [Schirmer.] 

Anteuoeiticus,  wohl  ein  britannischer  Gott 
auf  der  Inschrift  eines  Altars  aus  Condercum 
(Ben well),  G.  I.  L.  7,  503:  Deo  Antenocitico 
et  numinib.  Augmtor.  Ad.  Vibius  etc.  Neben 
der  Inschrift  sind  Blumengewinde,  ein  Messer 
und  ein  Krug  dargestellt.  Vgl.  Anociticus. 

[Steuding.] 

Autenor  (’Avtt'ivcoq),  Sohn  des  Aisyetes  oder 
Hiketaon  und  der  Kleomestra  ( Eust . ad  Hom. 
349.  Dict.  4,  22.  Schol.  ad  II.  3,  206),  einer 
der  vornehmsten  troischen  Geronten , Gemahl 
der  Athenapriesterin  Theano,  der  Tochter  des 
Kisses  (II.  6 , 298)  und  Vater  einer  stattli- 
chen Reihe  heldenhafter  Söhne.  Homer  nennt 
den  Archelochos  und  Akamas,  die  mit  Aineias 
Führer  der  Dardaner  waren  (II,  2 , 822), 
den  Iphidamas,-  der  von  Agamemnon  getötet 
wurde  (II.  11,  22),  den  Helikaon,  den  Gemahl 
der  Priamidin  Laodike  (3,  123,  vgl.  Paus.  10, 
26,  3),  den  Laodokos,  in  dessen  Gestalt  sich 
die  Athene  verwandelte  (4,  87),  den  Erstgebo- 
renen Koon,  der  bei  der  Rettung  seines  Bru- 
ders Iphidamas  selbst  umkommt  (11,  248),  den 
Demoleon , der  dem  Achill  zum  Opfer  fiel 
(20,  395),  den  Pedaios,  der  von  Menes  erlegt 
wurde  (5,  69),  endlich  den  Polybos  und  Age- 
nor  (11,  59).  Aus  anderen  Quellen  sind  noch 
bekannt  Hippolochos  (Schol.  Pind.  Pyth.  5,83), 
Eurymachos  (Paus.  10,  27,  3),  Medon,  Thersi- 
lochos  (Verg.  Aen.  6,  483)  und  Glaukos  (Verg. 
und  Paus.  a.  a.  O.  Mythogr.  Vat.  1,  204.  Dict. 
3,  26.  4,  7.  5,  2),  ein  Begleiter  des  Paris  auf 
seiner  Reise  nach  Griechenland  und  Genosse 
seines  Frevels,  von  seinem  Vater  infolge  dessen 
verstofsen,  von  Agamemnon  getötet.  Als  Toch- 
ter wird  bei  Paus.  a.  a.  O.  Krino  erwähnt. 
— Nach  der  älteren  Tradition  ist  Antenor 
der  Nestor  der  Trojaner  (Eurip.  b.  Athen.  15, 
1.  Plato,  sympos.  221  C),  klug  und  gerecht  im 
Rate(Zh'cl.  3, 26),  Feind  aller  Frevelthat  und  Un- 
gerechtigkeit, 'boni  honestique  sectator’  (Dict. 
1,  6.  11.  12).  Weil  er  in  dem  Raube  der  He- 
lena einen  Frevel  sieht,  rät  er  zum  Frieden 
und  nach  dem  Zweikampfe  des  Aias  und  Rek- 
tor zur  Rückgabe  der  Helena  und  der  mit  ihr 
geraubten  Güter  (II.  7,  347);  von  einem  Ver- 
rate an  seiner  Vaterstadt  oder  von  der  später 
hinzugedichteten  prinzipiellen  Opposition  ge- 
gen Priamos  ist  nicht  die  Rede.  Im  Gegenteil, 
wir  finden  ihn  mit  Priamos  zusammen  am 
skäischen  Thore  dem  Kampf  zuschauend  (II. 
3,  148),  wir  sehen  ihn  mit  Priamos  zusammen 
den  Vertrag  über  den  Zweikampf  des  Paris 
und  Menelaos  abschliefsen  (II.  3,  262),  wir 
finden  ihn  auf  der  Framjoisvase  neben  Priamos 
stehend  (vgl.  Mon.  dell'  inst.  4.  Weizsäcker, 
rhein.  Mus.  1877,  1 ff.).  Dafs  er  die  Gesandten 
(Odysseus  und  Menelaos)  aufnimmt  (II.  3,  207. 


Antenor  366 

Dict.  1,  6),  ist  kein  Verrat,  sondern  die  Pflicht 
jedes  Mannes.  Daher  stammt  in  der  älteren 
Sage  die  Freundschaft  der  Griechen  mit  ihm 
und  seinem  Hause.  Nach  der  kleinen  Ilias(Paws. 
10,  26,  3)  erkennt  Odysseus  in  der  Eroberungs- 
nacht den  Helikaon , den  Sohu  Antenors,  urd 
führt  den  Verwundeten  lebend  aus  der  Schlacht. 
Da  nun  diese  Scene  von  Polygnot  in  seinem 
Leschegemälde  verwandt  ist,  wird  es  wahr- 
scheinlich, dafs  auch  die  von  Polygnot  dar- 
gestellte Scene  (Paus.  10,  27,  2)  am  Hause  des 
Antenor  aus  der  kleinen  Ilias  geflossen  ist. 
Danach  steht  Antenor  mit  dreien  seiner  Kin- 
der an  seinem  mit  einem  Pardelfelle  als  zu 
schonend  bezeichneten  Hause  und  rüstet  sich 
zur  Flucht  (vgl.  Welcher,  ep.  Cykl.  2,  246). 

Ganz  anders  ist  sein  Verhältnis  zu  den  Grie- 
chen in  der  späteren  Sage.  Schon  vor  dem 
trojanischen  Kriege  war  er  in  Griechenland 
gewesen,  um  die  Hesione  zurückzufordern,  und 
hatte  mit  den  griechischen  Fürsten  Freund- 
schaften geschlossen  (Dar.  5).  Er  wird  als  Ge- 
sandter der  Troer  ins  Lager  der  Griechen  ge- 
schickt und  verhandelt  hier  mit  Agamemnon, 
Odysseus,  Idomeneus  und  Diomedes  über  die 
Bedingungen  des  Verrats.  Die  Hälfte  der  Güter 
des  Priamos  werden  ihm  als  Preis  versprochen, 
einer  seiner  Söhne  soll  König  werden  (Dict. 
4,  22).  Zurückgekehrt  hält  er  eine  den  Pria- 
miden  offen  feindselige  Rede , in  der  er  zur 
Übergabe  auffordert  (Dict.  5,  1)  und  die  Grie- 
chen gegenüber  seinen  Landsleuten  lobt.  Noch- 
mals mit  Aineias  als  Gesandter  zu  den  Grie- 
chen gesandt  (Dict.  5,  4)  befestigt  er  den  Ver- 
rat (Serv.  ad  Aen.  1,  246.  651).  Er  oder  seine 
Gattin  Theano,  die  Äthenepriesterin,  verschaff- 
ten den  Griechen  das  Palladion  (Dict.  5,  8. 
Tzetzes,  Posthorn.  515  Ders.  ad  Lykophr.  658. 
Saidas,  s.  v.  naXladiov]  vgl.  Welcher,  gr.  Tr.  1, 
147),  er  öffnete  das  Pferd  und  das  Thor  (Tzetz. 
Lykophr.  340 — 47.  Serv.  Aen.  2 , 15.  Dion. 
Halic.  1,  46,  vgl.  Aurel.  Victor,  de  orig. 
9.  Serv.  Aen.  1,  245).  Über  sein  und  seiner 
Söhne  Schicksal  nach  der  Eroberung  der 
Stadt  existieren  mehrere  Versionen:  1)  Nach 
Pindar  Pyth.  5,  83  (vgl.  Schol.)  kamen  die 
Antenoriden  mit  Helena  nach  Kyrene  und 
liefsen  sich  dort  nieder,  wo  sie  noch  zu 
des  Scholiasten  Zeit  heroische  Ehre  hatten. 
— 2)  Die  verbreitetere  Sage , die  wir  nach 
Eust.  ad  Hom.  p.  405  auf  die  Antenoriden  des 
Sophokles  zurückführen  können,  ist  diese  (vgl. 
Welcher,  gr.  Tr.  1 , 166) : Antenor  und  seine 
Söhne,  oder  seine  Söhne  allein,  seien  mit  den 
Henetern,  deren  Führer  Pylaimenes  vor  Troja 
gefallen  war,  nach  Thrakien  und  von  da  nach 
Venetien  gekommen,  hier  hätten  sie  die  Euga- 
neer  vertrieben  und  u.  a.  Patavium  gegründet, 
Strabo  5,212.  12,543.544.552.  1,48.  3,150. 
13,  607.  Schol.  Pind.  Pyth,  a.  a.O.  Quint.  Smyrn. 
13,  293.  Tryphiod.  656.  Liv.  1,  1.  Serv.  ad 
Verg.  Aen.  1,  246.  5,  605  (vgl.  Heyne,  ex- 
curs.  7 ad  Aen.  1).  Solin.  13.  Plin.  3,  19.  Ja, 
einzelne  Gefährten  seines  Zuges  seien  bis  nach 
der  iberischen  Halbinsel  gekommen  und  hätten 
dort  Okella  gegründet  (Strabo  3,  157).  — 3) 
Die  dritte,  wohl  späteste  Version  ist  die,  dafs 
er  nach  der  Eroberung  Trojas  dageblieben  sei 


io 

20 

30 

40 

50 

60 


367  Anteros 

und  ein  Reich  gegründet  habe  (Biet.  5 , 17. 
Bar.  43).  Diese  Version  hat  wieder  Varia- 
tionen: 

a)  Er  vertrieb  den  Astyanax  aus  Arisbe, 
den  dann  Aineias  wieder  einsetzte  (Serv.  Aen. 
9,  264). 

b)  Er  wurde  selbst  von  Aineias  vertrieben 
und  gründete  Korkyra  Melaina  (Biet.  5,  17). 

Über  den  Antenor  vgl.  den  reichhaltigen 
Aufsatz  Stiehle's,  Philol.  15,  593  ff.  [Oertel.] 

Anteros  ( ’Arttgcog ) s.  Eros. 

Antevorta  s.  Indigitamenta. 

Antlias  fAv&ag , "AvQ’rjs),  Sohn  des  Poseidon 
und  der  Alkyone,  der  Tochter  des  Atlas,  Vater 
des  Aetios  (nach  Steph.  Byz.  s.  v.  ’Av&yd civ 
auch  des  Dios).  Er  gründete  Antheia , sein 
Bruder  Hyperes  Hypereia.  Neben  seinem  Sohne 
Aetios,  der  das  Reich  des  Vaters  mit  dem  des 
Oheims  erbte , machten  sich  die  Pelopiden 
Troizen  und  Pittheus  geltend,  und  der  letztere 
vereinigte  nach  dem  Tode  seines  Bruders  jene 
beiden  Städte  unter  dem  Namen  Troizen. 
Spätere  Nachkommen  des  Aetios  gründeten 
Halikarnassos  und  Myndos  in  Kleinasien  (Paus. 
2,  30,  8 f.).  Daher  hiefsen  die  Halikarnassier 
poetisch  Antheaden  (Steph.  Byz.  s.  v.  ’AQ'fjvca), 
besonders  aber  war  dies  der  Name  des  Ge- 
schlechts, das  im  Besitze  der  Priesterschaft 
bei  dem  aus  Troizen  mitgebrachten  Kultus  des 
Poseidon  blieb  (vgl.  Boeclch  z.  C.  I.  Gr.  2655). 
Die  Gründung  von  Halikarnassos  schreibt  Strabo 
8,  374  dem  Anthas  selbst  zu,  den  er  von  Pit- 
theus vertrieben  sein  läfst.  (Vgl.  Strabo  14, 
656.  Steph.  Byz.  s.  v.  'AhHccQvaGoog.  0.  Mül- 
ler, Bor.  I2,  108 f.)  Die  Stadt  Anthedon  in 
Böotien  soll  nach  demselben  Anthas  benannt 
sein  (Paus.  9,  22,  5;  vgl.  jedoch  Anthedon), 
und  die  Insel  Kalauria,  so  lange  Anthas  und 
Hyperes  in  Troizen  herrschten,  Anthedonia 
und  Hypereia  geheifsen  haben  ( Aristot . b. 
Plut.  Qu.  Gr.  19).  Plutarch  (a.  a.  0.)  fügt 
die  Erzählung  des  Mnasigeiton  hinzu,  dafs 
Anthas  als  Knabe  verloren  gegangen  und  in 
Pherai  bei  Akastos  oder  Adrastos,  wo  er  als 
Mundschenk  diente,  wiederaufgefunden  wor- 
den sei  (vgl.  Athen.  1,  p.  31 C.).  Auch  die  la- 
konische Stadt  Anthana  hatte  von  Anthas, 
dem  Sohne  des  Poseidon,  ihren  Namen  nach 
Steph.  Byz.  s.  v.  ’Av&ocva,  wo  nach  Philoste- 
phanos  erzählt  wird,  Kleomenes,  der  Bruder 
des  Leonidas,  habe  jenen  getötet  und  auf  sei- 
ner abgezogenen  Haut  Orakel  aufgezeichnet. 
Es  ist  dies  wohl  eine  Erfindung  des  am  Hofe 
des  Ptolemaios  IV.  lebenden  Philostephanos, 
welche  die  von  Ptolemaios  Philopator  an  Kleo- 
menes, dem  Sohne  des  späteren  Königs  Leo- 
nidas, vollzogene  grausame  Strafe  rechtferti- 
gen sollte  (vgl.  Müller,  F.  H.  G.  3,  30  ad 
fr.  8).  [Schirmer.] 

Anthe  ("Avthrj),  eine  Tochter  des  Alkyoneus, 
s.  Alkyonides. 

Anthedon  (’Av&rjddv) , 1)  Sohn  des  Dios, 
Enkel  des  Anthas,  eines  Sohnes  von  Poseidon 
und  der  Tochter  des  Atlas  Alkyone,  Gründer 
von  Anthedon  an  der  Nordküste  von  Böotien 
(Steph.  Byz.  s.  v.  Avß'rj&cov).  Daraus,  dafs  diese 
Stadt,  in  welcher  Glaukos  Pontios  als  Stamm- 
vater verehrt  wurde  (Bilcaiarch.  de  Gr.  Urb. 


Antheus  368 

1,  23  ff.  Paus.  9,  22,  6;  vgl.  Strabo  9,  405. 
Schol.  Apoll.  Bh.  1,  1310.  Nonn.  Panop.  13, 
73 ff.  39,  100),  nach  anderer  Tradition  (Paus. 
9,  22,  5)  von  Anthas  (s.  d.),  dem  Grofsvater  des 
Anthedon,  einem  Sohne  der  Alkyone,  ihren 
Namen  erhielt,  erklärt  sich  die  Athen.  7,  296  B. 
nach  Mnaseas  gegebene  Notiz,  dafs  Anthedon 
Gemahl  der  Alkyone  und  Vater  des  Glaukos 
Pontios  gewesen  sei  (s.  Glaukos).  — 2)  Eine 
Nymphe,  nach  welcher  die  Stadt  Anthedon  be- 
nannt sein  soll  (Paus.  9,  22,  6).  [Schirmer.] 
Antheia  (’AvQ'sik) , 1)  Beiname  der  Hera 
mit  Bezug  auf  den  tsgog  yeegog.  Als  solche 
hatte  sie  in  Argos  einen  Tempel,  vor  welchem 
sich  der  Grabhügel  der  Weiber  befand,  welche, 
von  den  ägäischen  Inseln  mit  Bakchos  gekom- 
men, im  Kampfe  gegen  die  Argiver  gefallen 
waren,  Paus.  2,  22,  1.  Poll.  4,  78.  Suid.  s.  v. 
Welcher  zu  Schwenchs  Andeutungen  S.  267  ff. 
274f.  Preller,  Gr.  Mythol.  1 S.  132.  Gerhard, 
Gr.  Myth.  §.  220,  1.  222,  4.  — 2)  Beiname 
der  Aphrodite  bei  den  Knosiern,  Hesych.  s.  v. 
Preller,  Gr.  Myth.  1 S.  283.  Welcher,  Gr. 
Götterl.  1.  S.  374.  Gerhard,  Gr.  Myth.  §.  366, 
1.  372,  3.  — 3)  Tochter  des  Thespios.  Apol- 
lod.  2,  7,  8.  [Stoll.J  — 4)  Eine  Hesperide  auf 
einer  Vase  von  Paestum:  C.  I.  Gr.  8480. 

[Roscher.] 

Autheias  (’Av&sia g),  Sohn  des  Autochthonen 
Eumelos  (=  der  Schafreiche,  der  Hirte),  ein 
Achäer.  Als  Triptolemos  aus  Attika  kam  und 
den  Eumelos  den  Getreidebau  lehrte,  spannte 
heimlich  Antheias  die  Drachen  an  dessen  W agen, 
um  zu  säen;  aber  er  fiel  vom  Wagen  und  fand 
so  seinen  Tod.  Triptolemos  und  Eumelos  grün- 
deten zu  seinem  Andenken  die  Stadt  Antheia 
auf  dem  Boden,  wo  später  Paträ  stand.  Paus. 
7, 18,2.  Curtius  Peloponnesos  1,  S.  436.  S.  An- 
thos.  [Stoll.J 

Antheios  (’Av&seog),  1)  s.  Antheus.  — 2)  Bei- 
name des  Zeus , Welcher  zu  Schwench,  Andeu- 
tungen S.  275.  Gr.  Götterl.  2.  S.  196.  Ger- 
hard, Gr.  Mythol.  §.  199,  7.  Lauer , System  d. 
gr.  Myth.  S.  204ff.  [Stoll.] 

AutheTs  (Avürgg),  Tochter  des  aus  Lakedai- 
mon  in  Athen  eingewanderten  Ilyakinthos, 
die  mit  ihren  Schwestern  Aigleis,  Lusia  (Ly- 
taia?)  und  Orthaia  auf  dem  Grabhügel  des 
Kyklopen  Geraistos  geschlachtet  wurde,  als 
Zeus  auf  Bitten  des  Minos  über  Athen  Hun- 
gersnot und  Pest  verhängt  hatte  (Apollod.  3, 
15,  8.  Hyg.  f.  238;  s.  Androgeos).  [Schirmer.] 
Antheleia  (’Avd'fjlsLa),  eine  Danaide,  s.  Ai- 
gyptos. 

Autliemone  (’Av&syovri),  eine  Arkaderin,  die 
dem  Aineias  in  Nesos  eine  Tochter  gebar 
(Agathyll.b.  Bion.  Hai.  Amt.  B.  1,  49;  s.  oben 
Aineias  Kap.  8).  [Schirmer.] 

Antlies  (’Av&rjg),  1)  ein  mythischer  Sänger, 
Zeitgenosse  des  Amphion  und  Linos,  aus  dem 
thrakischen  Anthedon  in  Böotien,  Ps.-Plut.  de 
mus.  3.  S.  Anthos.  — 2)  s.  Anthas.  [Stoll.] 
Antheus  (’Av&svg),  1)  Beiname  des  Diony- 
sos, wie  Paus.  7,  2,  6 angiebt,  nach  der  Stadt 
Antheia  in  Achaia,  wie  denn  überhaupt  kleine 
Ortschaften  dergleichen  sie  mit  religiösem 
Glanze  umgebende  Herleitungen  gern  sahen. 
Wahrscheinlicher  aber  ist,  dafs  jener  Name 


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369  Anthippe 

wie  "Avfhos  (Paus.  1,  31,  4)  den  Gott  des  Früh- 
lings bezeichnet,  wo  alles  treibt  und  schwillt, 
(vgl.  Pott  in  Kulms  Z.  6, 329.  Preller,  Gr.  Myth. 
I3,  584).  — 2)  Gefährte  des  Dionysos,  Sohn 
des  Agelaos  mit  dem  Beinamen  Lyktios  nach 
seiner  Vaterstadt  Lyktos  auf  Kreta;  er  wurde 
vom  Inderfürsten  Deriades  getötet  (Nonn.  Pa- 
j nop.  35,  382.  32,  187).  — 3)  Ein  Antenoride, 
Liebling'  des  Paris  und  De'iphobos , den  Paris 
widerWillen  im  Spiele  tötete  ( Tzetz . Lykoplir. 
134).  — 4)  Gefährte  des  Aineias,  der,  auf  der 
stürmischen  Fahrt  von  der  Küste  Italiens  nach 
Afrika  von  jenem  getrennt,  in  Karthago  sich 
wieder  mit  ihm  vereinigte  und  später  mit  ihm 
gegen  Turnus  kämpfte  ( Verg . Aen.  1,  181.  510. 
12,  443).  — 5)  Ein  schöner  Jüngling  aus  Ha- 
likarnassos  von  königlicher  Abkunft.  Als  er 
sich  bei  Phobios  , dem  Herrscher  von  Milet, 
als  Geisel  aufhielt , suchte  dessen  Gemahlin 
Kleoboia  oder  Philaichme,  von  leidenschaft- 
licher Liebe  zu  dem  Jünglinge  entbrannt,  bei 
diesem  vergeblich  Gegenliebe.  Aus  Zorn  über 
die  entschiedene  Zurückweisung  veranlafst  sie 
ihn,  in  einen  Brunnen  zu  steigen,  und  wirft 
einen  schweren  Stein  auf  ihn,  der  ihn  sofort 
tötet  ( Parthen . Erot.  14  nach  Aristot.  u.  Alex. 
Aetol.,  derAntheus  einen  Sohn  des  Königs  von 
Assesos  und  Liebling  des  Hermes  nennt).  — 
6)  Sohn  des  Nomion,  Vater  des  Aigypios,  der 
im  äufsersten  Thessalien  wohnte  (Anton.  Lib. 
5).  Er  ist  wahrscheinlich  identisch  mit  dem 
bei  Leon.  Tar.  94  (Jacobs  Anth.  Gr.  1,  245) 
erwähnten  Antheus,  der  nach  glücklich  über- 
standener Seefahrt  am  Peneios  in  Thessalien 
ums  Leben  kam.  — 7)  Hyg.  f.  157  in  der  Auf- 
zählung der  Söhne  des  Poseidon  ist  statt  An- 
theus ex  Astyphile  nach  Paus.  7,4,1  und 
Apollod.  2,  7,  1 zu  lesen  Ancaeus  ex  Astypa- 
laea.  [Schirmer.] 

Anthippe  (’Av&rmiri),  1)  Tochter  des  Thes- 
pios,  mit  welcher  Herakles  den  Hippodromos 
'zeugte:  Apollod.  2,  7,  8.  — 2)  Eine  Chaone- 
rin,  Geliebte  eines  vornehmen  Jünglings,  welche 
jvon  Kichyros , dem  Sohne  des  chaonischen 
[Königs  bei  einer  Pantherjagd  unversehens  ver- 
wundet wurde,  worüber  Kichyros  so  erschrak, 
dafs  er  besinnungslos  vom  Pferde  fiel  und  starb. 
Die  Chaoner  erbauten  sodann  ihm  zu  Ehren 
die  Stadt  Kichyros.  Parthen.  Narr.  amat.  32. 

[Roscher.] 

Anthippos  ("Av&ii. z7iog),  Vater  der  Hippe,  der 
Gemahlin  des  Elatos  und  Mutter  des  Argo- 
nauten Polyphemos  (Hyg.  f.  14,  wo  die  Hand- 
schrift hippea  antippi  bieten.  [Schirmer.] 

Antlios  (’ 'Av&og ),  1)  Sohn  des  Autonoos  und 
der  Hippoclameia,  der  von  seines  Vaters  Pfer- 
den zerrissen  und  in  einen  Vogel  verwandelt 
wurde,  welcher,  das  Geschrei  der  Pferde  nach- 
ihmend , beständig  vor  ihnen  flieht , Anton. 
Lib.  7.  Plin.  N.  H.  10,  42.  — 2)  Bruder  des 
Hyperes  aus  Anthedon  (s.  Anthas),  als  unmün- 
diges Kind  abhanden  gekommen,  von  seinem 
Bruder  gesucht  und  zu  Pherä  bei  Akastos 
wiedergefunden,  dessen  Sklave  und  Mundschenk 
}r  geworden,  Plut.  Quaest.  graec.  19. — Anthos, 
Anthas,  Anthes,  Antheus  ist  trotz  der  ver- 
schiedenen - Endungen  immer  derselbe  Name 
v7on  derselben  Grundbedeutung,  der  an  verschie- 


Antigone  370 

denen  Orten  auftaucht.  Er  bedeutet  ursprüng- 
lich das  Blumenkind,  wie  Hylas  das  Waldkind, 
und  ist  ein  schöner  Knabe  oder  Jüngling,  der, 
die  aufsprossende  und  schnell  vergehende  Vege- 
tation personificirend,  mit  so  vielen  andern  ver- 
wandten Knaben  und  Jünglingen  der  Sage 
(Hylas,  Hyakinthos,  Abderos)  dasselbe  Los  hat, 
früh  auf  gewaltsame  Weise  den  Tod  findet, 
verschwindet  und  gesucht  und  betrauert  wird. 
Dafs  er  sich  in  mehrere  Personen  zersplittert 
hat,  hier  als  König,  dort  als  Sänger  auftritt, 
hat  er  mit  andern  ähnlichen  Wesen  gemein 
(Linos,  Orpheus,  Adrastos  u.  a.).  Sein  Name 
wird  zur  Benennung  von  Städten  verwandt, 
wie  der  des  Kyzikos,  Abderos  u.  a.  Vergl. 
Welcher,  Gr.  Trag.  3.  S.  995 f.  [Stoll.] 
Antlirakia  (’Av&Quru'cc),  eine  arkadische  Nym- 
phe, die  der  Bedeutung  ihres  Namens  gemäfs 
(vgl.  LI.  9,  213.  Hom.  h.  in  Merc.  140.  238. 
Hes.  s.  v.  dvQ-Quruov)  eine  Fackel  tragend  ab- 
gebildet war  (Paus.  8,  31,  4.  47,  3). 

[Schirmer.] 

Antliylla  ('Av&vllu) , Zuschauerin  bei  der 
Erlegung  des  Minotauros  auf  einer  schwarz- 
figurigen Vase  in  München:  C.  L.  Gr.  8139. 

[Roscher.] 

Antiades  (’Avziädr;g),  Sohn  des  Herakles  und 
der  Aglaia,  der  Tochter  des  Thespios:  Apol- 
lod. 2,7,8.  [Roscher.] 

Antianeira  (’Avzkxvsiqcc),  1)  Tochter  des  Me- 
netos,  von  Hermes  Mutter  der  Argonauten  Ery- 
tos  und  Echion  (Apoll.  Rh.  1,  51  ff.  LLyg.  f. 
14.  160.  Vgl.  Find.  Pyth.  4,  316  B).  — 2)  Toch- 
ter des  Aioliden  Pheres,  die  dem  Apollo  am 
thessalischen  Flusse  Amphrysos  den  Argonau- 
ten Idmon  gebar  (Orph.  Argon.  188 ff.).  Da 
dieser  a.  a.  0.  natg  vo&og  des  Abas  heifst 
(vgl.  Apoll.  Rh.  1,  142),  so  wird  Antianeira  mit 
diesem,  dem  Sohne  des  ihr  stammverwandten 
Aioliden  Melampus  (s.  Abas  10),  vermählt  gewe- 
sen sein.  Nach  Plierekyd.  b.  Schol.  Apoll.  Rh. 
1,  139  war  die  Mutter  des  Idmon  Asteria,  die 
Tochter  des  Koronos.  — 3)  Amazonenführerin, 
nach  ihrer  die  Männer  beschämenden  Tapfer- 
keit benannt  (Pott  in  Kuhns  Z.  8,  426);  sie  fiel 
nach  Penthesileia  mit  andern  Amazonen  durch 
das  Schwert  der  von  Achilleus  geführten  Grie- 
chen (Tzetz.  Posthorn.  176).  Plutarcli  (Proverb. 
15)  und  Eustathios  (p.  403,  9)  legen  einer  Ama- 
zone dieses  Namens  das  Sprichwort  uqiotcc  %(n- 
Xbg  olqxU  in  den  Mund.  [Schirmer.]  — The- 
seus’  Gegnerin  auf  einer  Vase  aus  Cumä.  Fio- 
relli  Racc.  Cum.  tav.  8.  [Klügmann.] 

Antias  (AvzCag),  Zuschauer  bei  der  Erlegung 
des  Minotauros  auf  einer  Vase  (s.  Anthylla), 
C.  L.  Gr.  8139.  Vgl.  Anteias.  [Roscher.] 
Antibrote  (’Arzißgozy),  Amazone,  Gefährtin 
Penthesileias,  Q.  Smyrn.  1,  45.  532. 

[Klügmann.] 

Anties  (’Avn'rjs),  Satyr  auf  einer  schwarzfig. 
Vase  in  Leyden:  C.  L.  Gr.  7459.  [Roscher.] 
Antigone  (Avzryövri),  1)  Tochter  des  Oidi- 
pus,  Schwester  der  Ismene,  des  Polyneikes  und 
Eteokles.  Nach  der  böotischen  Landessage 
und  dem  alten  Epos  sind  diese  vier  Kinder 
nicht  mit  Epikaste  oder  lokaste,  der  Mutter 
und  Gemahlin  des  Oidipus,  gezeugt,  sondern 
mit  Euryganeia,  der  Tochter  des  Phlegyerkönigs 


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371  Antigone 

Hyperphas  (oder  Periphas).  Auch  hei  Homer 
(Od.  11,  271  ff.)  liegt  diese  Form  der  Sage  zu 
Grunde.  Aus  der  Angabe  des  Homer,  dafs  die 
Götter  sofort  die  unnatürliche  Ehe  von  Mutter 
und  Sohn  den  Menschen  offenbar  gemacht 
hätten,  folgert  Paus.  9,  5,  5 mit  Recht,  dafs 
Iokaste  dem  Oidipus  die  vier  Kinder  nicht 
geboren  haben  könne.  Die  Mutter  derselben 
sei  Euryganeia,  die  Tochter  des  Hyperphas; 
und  er  beruft  sich  dabei  auf  die  Oidipodeia  l 
des  Kinaithon  und  den  alten  Maler  Onasias, 
der  in  dem  Tempel  der  Hera  zu  Plataiai  den 
Feldzug  der  Sieben  gegen  Theben  dargestellt 
hatte  (Paus.  9,  4,  1).  Hier  sah  Euryganeia 
betrübt  dem  Zweikampf  ihrer  Söhne  zu.  Oidi- 
pus hatte  also,  nachdem  Iokaste  sich  erhängt 
und  er  selbst  sich  geblendet,  als  König  von 
Theben  mit  Euryganeia  eine  zweite  Ehe  ge- 
schlossen, aus  der  ihm  die  genannten  Kinder 
entsprossen;  vgl.  Schol.  Eurip.  Phoen.  13  u.  2 
17G0  (wo  Eurygane).  Apollod.  3,  5,  8. 

Pherelcydes  bei  Schol.  Eurip.  Phoen.  53 
( Müller , fr.  hist.  gr.  1 p.  85  fr.  48)  giebt  dem 
Oidipus  sogar  drei  Frauen  hinter  einander : Io- 
kaste gebar  ihm  den  Phrastor  und  Laonytos  (?), 
welche  im  Kriege  gegen  die  Minyer  umkamen; 
die  zweite  war  Euryganeia,  welche  nach  dem 
Scholiasten  von  manchen  für  eine  Schwester 
der  Iokaste  gehalten  wurde , die  Mutter  der 
Antigone  und  Ismene,  des  Eteokles  und  Poly-  3 
neikes,  und  nach  deren  Tode  heiratete  er  Asty- 
medusa,  die  Tochter  des  Sthenelos.  Schneide- 
win,  die  Sage  v.  Oedipus.  Welcher,  ep.  Cyld. 

2,  313  f.  Preller , gr.  Mytli.  2,  344.  Erst  die 
Tragiker  haben,  um  das  Grausenhafte  in  dem 
Geschicke  des  Oidipus  zu  erhöhen,  die  Mutter 
desselben,  Iokaste,  auch  zugleich  zur  Mutter 
seiner  Kinder  gemacht,  und  dies  ist  für  die 
Folge  die  herrschende  Sage  gehlieben.  Auch 
die  Sagen  von  der  heldenmütigen  Liebe,  mit  4 
welcher  Antigone  ihren  im  Elende  herumwan- 
dernden Vater  begleitet  und  ihren  dem  Grabe 
vorenthaltenen  Bruder  Polyneikes  bestattet, 
sind  erst  von  den  attischen  Tragikern  ge- 
dichtet. Das  alte  Epos  weifs  nichts  von  einem 
in  der  Fremde  wandernden  und  in  der  Ver- 
bannung sterbenden  Oidipus,  Schneidewin  a. 
a.  0.  S.  11.  Einl.  zu  Soph.  Oed.  Col.  S.  3.  In 
Sophokles  Oed.  Col.  begleitet  Antigone,  hoch- 
herzig allen  Entsagungen  und  Gefahren  trotzend,  5 
den  greisen  blinden  Vater,  eine  Bettlerin  den 
Bettler,  in  seiner  Verbannung  bis  auf  den  at- 
tischen Kolonos,  wo  der  Vater  den  ersehnten 
Tod  findet,  und  begiebt  sich  dann  wieder  mit 
der  gleichfalls  dorthin  von  Theben  gekom- 
menen Ismene  nach  Theben  zurück , um  wo- 
möglich die  einander  bekriegenden  Brüder  zu 
versöhnen  (vgl.  Eurip.  Phoen.  1679  ff.  Apollod. 

3,  5,  9.  Hyg.  f.  67  extr.)  — Nach  Aeschyl.  Sept. 

c.  Th.  861  ff.  1005  ff.  bestattet  Antigone  mit  6i 
ihrer  Schwester  und  thebanischen  Jungfrauen 
die  beiden  vor  Theben  im  Zweikampf  gefal- 
lenen Brüder,  obgleich  die  Ältesten  der  Stadt 
den  Befehl  gegeben  hatten,  nur  den  Eteokles, 
der  die  Stadt  verteidigt  hatte,  ehrenvoll  zu 
begraben , den  Polyneikes  aber , der  fremdes 
Kriegs volk  gegen  die  Vaterstadt  geführt,  den 
Raubvögeln  preiszugeben.  Hieran  schliefst  sich 


Antigone  372 

Sophokles  in  seiner  Antigone  an,  doch  so,  dafs 
Antigone  die  Bestattung  des  Polyneikes  gegen 
das  Verbot  des  Kreon,  der  nach  dem  Tode  der 
Söhne  des  Oidipus  als  nächster  Verwandter 
die  Regierung  übernommen  hat,  allein  auf  sich 
nimmt  und  ausführt  als  eine  heilige  Familien- 
pflicht, welche  kein  Gesetz  einer  willkürlichen 
Staatsgewalt  verhindern  darf.  Sie  wird  füi 
ihre  heroische  That  von  Kreon  verurteilt,  in 
dem  Grabgewölbe  der  Labdakiden  lebendig 
begraben  zu  werden  ( Apollod . 3,  7,  1).  Sie 
erhängt  sich  in  der  Gruft,  und  Haitnon,  Kreons 
Sohn,  welchem  die  Jungfrau  verlobt  ist,  er- 
sticht sich  vor  ihrer  Leiche  , nachdem  er  in 
einer  Anwandlung  verzweifelnden  Zornes  ge- 
gen den  Vater,  der  ihn  zu  beruhigen  und  von 
der  Leiche  abzuziehen  versucht,  das  Schwer! 
gezogen  hat.  Auch  die  Gemahlin  des  Kreor 
giebt  sich  den  Tod  unter  Flüchen  gegen 
den  Gemahl,  der  sie  des  einzigen  Sohnes  be  j 
raubt  hat.  So  wird  Kreon,  der  hartherzig  ii 
einseitiger  Aufrechterhaltung  seiner  Herrscher 
gewalt  die  heiligen  Rechte  der  Familie  ge 
kränkt  hat,  in  der  eigenen  Familie  schwer  be  l 
straft  und  erkennt,  dafs  menschliche  Satzung 
nicht  streiten  soll  wider  die  ewigen  ungeschrie  j 
benen  Gesetze  der  Götter.  Auch  am  Ende  de:! 
Phoinissen  des  Euripidcs  erklärt  Antigone  den 
Kreon,  dafs  sie  die  Leiche  des  Polyneikes  ge1 
gen  sein  Verbot  bestatten  werde.  Die  verlo 
ren  gegangene  Tragödie  Antigone  von  Euri 
pides,  von  der  nur  weniges  erhalten  ist  ( Naue , 
trag.  gr.  fragm.  p.  322  ff.),  scheint  im  ganze; 
mit  dem  Inhalt  der  sopliokleischen  Antigon 
übereinzustimmen,  nur  dafs  die  Tragödie  eine; 
heiteren  Schlufs  hatte,  indem  Kreon,  der  die  mi 
Haimon  bei  der  Bestattung  des  Polyneikes  ei 
griffene  Antigone  bestrafen  wollte,  durch  di 
Dazwischenkunft  des  Dionysos  dahin  gebrach 
wurde , sie  dem  Haimon  zur  Frau  zu  geber 
Sie  gebar  ihm  den  Maion.  Aristoph.  Arguii 
Soph.  Antig.  u.  Schol.  Soph..  Ant.  1350.  Schnei 
elewin,  Einleit.  z.  Soph.  Antig.  S.  29.  Prelle) 
Gr.  Myth.  2,  364.  Anders  suchte  diese  Tra 
gödie  nach  Hyg.  f.  72  zu  konstruiren  Welcher 
gr.  Trag.  2 SÄ563-72.  3 S.  1588 f.  Der  Ir 
halt  von  Hyg.  f.  72  ist  wohl  einem  spätere 
Tragiker  entnommen.  Nachdem  Kreon  de 
Befehl  gegeben  hatte,  die  Leiche  des  Polyne 
kes  unbestattet  zu  lassen,  hoben  Antigone  un 
Argeia,  die  Gemahlin  des  Polyneikes,  heimlic 
in  der  Nacht  dessen  Leiche  auf  und  legte 
sie  auf  denselben  Scheiterhaufen,  auf  welchei 
die  Leiche  des  Eteokles  verbrannt  wurde.  A 
sie  von  den  Wächtern  ergriffen  wurden,  ent 
floh  Argeia;  Antigone ^ aber  wurde  zu  Kreo 
geführt  und  von  diesem  seinem  Sohne  Ha 
mon  übergeben,  dafs  er  sie  töte.  Haimon,  dc!| 
die  Antigone  liebte,  gehorchte  nicht,  sondei 
brachte  die  Jungfrau  auf  das  Land  zu  Hirte 
und  lebte  mit  ihr  in  heimlicher  Ehe.  Als  eiji 
Sohn  aus  dieser  Ehe  erwachsen  war,  kam  < 
nach  Theben,  um  sich  an  der  Feier  von  Le 
clienspielen  (vielleicht  des  Ampliitryon)  zu  bi 
teiligen,  und  wurde  an  dem  Zeichen  des  Dr; 
eben,  welches  alle  Nachkommen  der  theban 
sehen  Sparten  als  angebornes  Adelszeichen  a: 
Leibe  trugen,  von  Kreon  erkannt.  Herakh 


373  Antigone 

bittet  umsonst  den  Kreon  um  Verzeihung  für 
Haimon  und  Antigone;  deshalb  tötet  Haimon 
sich  und  seine  unglückliche  Gattin.  Kreon 
aber  gab,  nachdem  der  letzte  Sprofs  des  Spar- 
tengeschlechtes (denn  den  Enkel  betrachtet  er 
als  Bastard)  zu  Grunde  gegangen,  seine  Toch- 
ter Megara  dem  Herakles  zur  Frau,  damit  er 
ein  neues  Geschlecht  begründe.  Diese  spätere 
Form  der  Sage  scheint  zwei  Vasenbildern  zu 
Grunde  zu  liegen , deren  eines  die  Hauptper- 
sonen: Haimon,  Antigone,  Herakles,  Kreon, 
Isinene  durch  Inschriften  bezeichnet,  Ileyde- 
mann,  über  eine  nacheuripideische  Antigone, 
Berlin  1868  u.  Arcli.  Ztg.  1870,  108  ft'.  Die  Be- 
stattung des  Polyneikes  durch  Antigone  auf 
einem  Gemälde,  Thilostr.  Im.  2,  29.  Eine 
Parodie  dieser  That  auf  einem  Vasengemälde 
bei  Gerhard , Antike  Bildiv.  Tf.  73.  Wieseler, 
Theatergebäude  etc.  Tf.  9 No.  7 S.  55  ff.  Welcher, 
A.  Denkm.  3 S.  504  ff.  Tf.  35,  1.  Overbeck, 
Gallerie  her.  Bildiv.  1.  S.  143  (die  Deutung 
ist  indes  nicht  sicher).  Bei  Theben  gab  es 
einen  Platz  ZvQpu  ’Avziyovyg ; dort  soll 
Antigone  die  Leiche  des  Polyneikes  zu  dem 
brennenden  Scheiterhaufen  des  Eteokles  ge- 
schleppt und  auf  denselben  gelegt  haben,  Paus. 
9,  25,  2.  — Das  bräutliche  Verhältnis  des  Hai- 
mon  und  der  Antigone  ist  eine  Dichtung  des 
Sophokles,  auf  welche  Euripides  in  seinen 
Phoinissen  (v.  756.  1635 ff’.)  Rücksicht  nimmt, 
indem  er  dichtet,  dafs  Kreon  gemäfs  dem  Auf- 
trag des  Eteokles  die  Antigone  seinem  Sohne 
Haimon  vermählen  will,  was  jedoch  Antigone 
zurück  weist,  da  sie  ihren  Vater  in  die  Ver- 
bannung zu  begleiten  entschlossen  ist.  Nach 
der  älteren  Sage  vor  Sophokles  ist  Haimon, 
der  schönste  Jüngling  in  Theben , durch  die 
Sphinx,  die  er  bekämpfen  wollte,  umgekom- 
men, Kinaithon  in  der  Oidipodeia  und  Pseu- 
do-Pisander  bei  Schol.  Eurip.  Phoen.  1760. 
Vgl.  45.  Apollod.  3,  5,  8.  Damit  stimmt  II. 
4,  394,  wo  Maion , der  Sohn  des  Haimon,  ein 
Führer  des  dem  Tydeus  von  den  Thebanern 
gelegten  Hinterhaltes  heifst,  Stoll  Ares  21.  — 
Nach  einem  Dithyrambos  des  Ion  von  Cliios, 
eines  Zeitgenossen  des  Sophokles , lebten  An- 
tigone und  Ismene  noch  zur  Zeit  des  Epigo- 
nenkrieges; beide  Schwestern  sollten  von  Lao- 
damas , dem  Sohne  des  Eteokles , im  Tempel 
der  Hera  entehrt  worden  sein  (■x.urcenQoiG&rivcn, 
richtiger  nazaTtgoi^rivcu , doch  lesen  dafür 
andre  Y.azoinQriGQ'rjvea) , Aristoplianes'  Argum. 
Soph.Antig.  Preller, Gr.  Myth.  2,363, 2.  — Bild- 
licher D ar  Stellungen  aus  der  Geschichte  der 
Antigone  giebt  es  wenige,  s.  Hirzel , Arcli.  Ztg. 
1862,  Lief.  59.  Heydemann,  über  eine  nacheuri- 
pideische Antigone  S.  1 5 f.  Overbeck , Gallerie 
1 S.  70  ff.  — 2)  Tochter  des  Eurytion  (Eury- 
tos,  Tzetz.)  in  Phthia,  Enkelin  des  Myrmido- 
nenherrschers  Aktor , mit  dem  nach  Phthia 
geflüchteten  Peleus  vermählt,  dem  sie  die  Poly- 
dora gebar.  Als  darauf  Peleus , der  mit  sei- 
nem Schwiegervater  zur  kalydonischen  Jagd 
gezogen  war , diesen  durch  einen  unglück- 
lichen Lanzenwurf  tötete,  floh  er  nach  lolkos 
zu  Akastos,  der  ihn  von  dem  Morde  reinigte. 
Hier  verliebte  sich  des  Akastos  Gemahlin 
Astydameia  in  ihn , und  da  er  ihr  nicht  zu 


Antiklos  374 

willen  war,  so  meldete  sie,  um  sich  zu  rächen, 
seiner  Gemahlin  nach  Phthia,  dafs  Peleus  des 
Akastos  Tochter  Sterope  heiraten  wolle,  wor- 
auf Antigone  sich  erhängte.  Apollod.  3 , 13, 
1 — 3.  Pherekydes  b.  Tzetz.  L.  175  p.  444  Müll. 
( O . Müller , fr.  hist.  gr.  I p.  73.  fr.  16).  Schol. 
II.  16,  175.  — 8)  Tochter  des  Laomedon, 
Schwester  des  Priamos.  Da  sie  sich  der  Hera 
gegenüber  mit  ihrem  schönen  langen  Haare 
brüstete,  verwandelte  diese  ihre  Haare  in 
Schlangen;  die  Götter  aber  erbarmten  sich 
ihrer  und  verwandelten  sie  selbst  in  einen  Storch, 
der  den  Schlangen  feind  ist.  Serv.  V.  Georg. 
2,  320.  Vgl.  Aen.  1,  27.  Ov.  Met.  6,  93.  — 
4)  Tochter  des  Pheres,  von  Pyremos  Mutter 
des  Argonauten  Asterion,  Hyg.  f.  14.  Der 
Vater  des  Argonauten  Asterion  heifst  Kome- 
tes  bei  Ap.  Bh.  1,  35.  Orph.  Arg.  161.  Val. 
Fl.  1,  355.  Paus.  5,  17,  4.  [Stoll.] 

Antikleia  (’AvzUXsia),  1)  Tochter  des  Auto- 
lykos,  Gemahlin  des  Laertes,  Mutter  des  Odys- 
seus ( Od . 11,  85.  Paus.  10,  29,  8.  Hyg.  f.  97. 
Istros  b.  Plut.  Qu.  Gr.  43),  den  sie  nach  Silen. 
b.  Schol,  Od.  1,  75  bei  dem  Berge  Neriton  auf 
Ithaka,  von  einem  Regenschauer  überrascht, 
gebar  (daher  die  Etymologie  STtsiSy  nar « zyv 
bdov  vgsv  o Zeig),  und  der  Ktimene  (Od.  15, 
363).  Odysseus  sprach  mit  ihr  bei  seinem  Be- 
suche im  Hades  (Od.  11,  152  ff.  Hyg.  f.  125). 
Sie  war  aus  Schmerz  über  die  lange  Abwesen- 
heit des  Sohnes  gestorben  (Od.  11,  202f.  15, 
358).  Hyg.  f.  243  erzählt  von  Selbstmord,  der 
von  Homer  (Od.  16,  356 f.)  nur  leise  angedeutet 
wird.  Antikleia  war  eine  Freundin  der  Jagd 
(Od.  11,  172 f.  198f.)  und  deshalb  ein  Lieb- 
ling der  Artemis  (Callim.  Hymn.  in  Dian.  211). 
Die  von  Plutarch  (a.  a.  O.)  erwähnte  Tradition, 
dafs  Antikleia  von  Sisyphos  Mutter  des  Odys- 
seus war,  giebt  Hyg.  f.  201 : Der  schlaue  Äu- 
tolykos  hatte  dem  Sisyphos  Vieh  gestohlen; 
als  dieser,  um  das  entwendete  Gut  wiederzuer- 
halten, bei  Autolykos  verweilte,  ergab  sich  ihm 
dessen  Tochter  Antikleia,  die,  später  dem  Laer- 
tes vermählt,  den  Odysseus  gebar.  Es  liegt 
dieser  Sage  der  Versuch  zu  Grunde,  den  ver- 
schlagenen Odysseus  von  dem  v. igdiczog  <xv- 
Sqüv  abstammen  zu  lassen  (vgl.  Soph.  Aias 
190  u Aesch.  b.  Schol.  z.  d.  St.  Philokt.  417. 
448  f.  625.  1311.  Eurip.  Kyll.  104.  Iph.  Aul, 
524.  Suid.  s.  v.  ZTcvcpog.  Ov.  Biet.  13,  31f. 
Serv.  Verg.  Aen.  6 , 529).  — 2)  Mutter  des 
Keulenträgers  Periphates,  den  sie  nach  Apol- 
lod.  3,  16,  1.  Paus.  2,  1,  4.  Hyg.  f.  158  dem 
Hephaistos,  nach  Hyg.  f.  38,  wenn  die  Lesart 
Corynetem  Neptuni  filium  richtig  ist,  dem  Po- 
seidon gebar.  Vielleicht  ist  sie  mit  No.  1 
identisch.  — • 3)  Tochter  des  Diokles,  des  Kö- 
nigs von  Pherai,  Schwester  des  Krethon  und 
Ortilochos,  die  dem  Machaon,  dem  Sohne  des 
Asklepios,  den  Nikomachos  und  Gorgasos  ge- 
bar (Paus.  4,  30,  3).  [Schirmer.] 

Antiklos  ('AvziuXog),  ein  Grieche  im  troja- 
nischen Pferde.  Als  Helena  mit  De'iphobos, 
der  nach  der  späteren  Sage  ihr  Gatte  war, 
dasselbe  betrachtete  und  die  darin  versteckten 
Haupthelden  der  Griechen,  die  Stimmen  ihrer 
Gattinnen  nachahmend,  bei  ihren  Namen  rief, 
wollte  Antiklos  antworten,  Odysseus  aber  hielt 


io 

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375 


Antilochos 


376 


Antikyreus 

ihm  den  Mund  zu,  bis  Athene  die  Helena  weg- 
geführt hatte,  und  rettete  so  die  Helden  von 
der  in  der  Anwesenheit  des  Deiphobos  beste- 
henden Gefahr  (Od.  4,  271  ff.  Qu.  Smyrn.  12, 
317.  Vgl.  Nitzsch , Anrn.  z.  Od.  1,  p.  259  f. 
Welcher,  Ep.  Cylcl.  2,  255 ff.).  Die  Geschichte 
wurde  nach  Schol.  Od.  4,  285  in  einem  kykli- 
schen  Epos,  wahrscheinlich  in  der  Thag  iuhqü 
des  Lesches,  ausführlich  behandelt.  (Vergl. 
Welcher  a.  a.  0.  244  f.).  Nach  Tryphiodor,  der  v 
v.  454 ff.  nach  Lesches  erzählt,  erstickte  Anti- 
klos unter  den  Händen  des  Odysseus  (vgl. 
Tzetz.  Posthorn.  647).  [Schirmer.] 

Antikyreus  (’Avriv.vQsvg),  Eponymos  vonAn- 
tilcyra  und  Zeitgenosse  des  Herakles,  welchen 
er , als  er  raste , mit  Nieswurz  geheilt  ha- 
ben sollte:  Steph.  Byz.  s.  v.  ’Avti-hvqk.  Paus. 
10,  26,  5.  [Roscher.] 

Antileon  ( ’Avtilscov ),  der  eine  der  Zwillings- 
söhne, welche  Prokris,  die  älteste  von  den  2 
Töchtern  des  Thespios,  dem  Herakles  gebar. 

( Apollod . 2,  7,  8).  [Schirmer.] 

Antilochos  (’AvTilo%og),  Sohn  des  Nestor  von 
Pylos  und  der  Anaxibia  (nach  Od.  3,  452  der 
Eurydike),  Bruder  der  Peisidike,  Poly käste, 
des  Perseus,  Stratichos,  Aretos,  Echephron, 
Peisistratos,  Thrasymedes  ( Apollod . 1,  9,  9. 
Diel.  Gret.  1,  13),  neben  welchem  er  der  äl- 
teste der  Nestoriden  war  (Paus.  4,  31,  11), 
Vater  des  Paion  (Poms.  2,  18,  8).  Nach  Hyg.  f.  3 
252  wurde  er  als  Kind  auf  dem  Ida  ausgesetzt 
und  von  einer  Hündin  ernährt,  nach  Xenoph. 
Venat.  1,  2 von  Cheiron  unterrichtet.  Er  ge- 
hörte zu  den  Freiern  der  Helena  (Apollod.  3, 
10,  8.  Dio  Clirys.  11  p.  327  R.  Iiyg.  f.  81) 
und  zog  dann  (nach  Hyg.  f.  97  mit  20  Schiffen) 
gegen  Troja  mit  seinem  Bruder  Thrasymedes 
und  seinem  Vater,  der,  durch  ein  Orakgl  vor 
einem  Athiopen  gewarnt,  ihm  den  Chalkon  als 
Schildknappen  zugesellte.  (Ashlepiades  b.  Eust.  i 
Hom.  p.  1697,  54.  Ptolem.  Nov.  Hist.  1 ed. 
Westermann  p.  184).  Nach  einer  anderen  Er- 
zählung kam  er  im  5.  Jahre  der  Belagerung 
vor  Troja  an  ohne  Wissen  des  Vaters  und  er- 
bat sich  aus  Furcht  vor  dessen  Unwillen  die 
Fürsprache  des  Achilleus.  Dieser  bewunderte 
den  schönen  Jüngling,  Nestor  führte  ihn  stolz 
zu  Agamemnon  (Philostr.  Her.  3 , 2).  Er  ge- 
hört zu  den  Lieblingshelden  Homers , der  ihn 
als  jugendkräftigen  Läufer  und  Kämpfer  rühmt  5 
(II.  15,  569  ff.  Od.  3,  lllf.  4,  202)  und  Wun- 
der der  Tapferkeit  verrichten  läfst  (II.  4,  457  ff. 

5,  565  ff.  580  ff.  6,  32.  13,  396  ff.  418  ff.  545  ff'. 
14,  513.  15,  575ff.  16,  317 ff.,  womit  jedoch 
Hyg.f.  114  nicht  übereinstimmt),  sogar  unter  per- 
sönlicher Teilnahme  des  Poseidon  (13, 93.  554 ff.). 
Dieser  und  Zeus  unterwiesen  ihren  Liebling  in 
der  Kunst , Rosse  zu  lenken  (II.  23 , 306  ff.). 
Tzetz.  PostJi.  262  ff.  wird  neben  seinen  kriege- 
rischen Eigenschaften  (vgl.  Dio  Clirys.  11,  6 
353  R.)  seine  jugendliche  Schönheit  (vgl.  An- 
tehom.  226.  Koluth.  Iiapt.  Hel.  264.  Eust.  u. 
Pliilostr.  a.  a.  0.)  und  seine  Klugheit  hervorge- 
hoben (vgl.  Aus.  Epit.  7).  Den  durch  solche 
Vorzüge  ausgezeichneten  Helden  liebt  Achilleus 
(s.  d.)  nächst  Patroklos  am  meisten  (II.  23,  556. 
Od.  24,  78  f.  Tzetz.  Posth.  263.  Anonym.  Symm. 

3 ed.  Westerrn.  p.  345).  Wegen  dieser  Freund- 


schaft uud  zugleich  wegen  seiner  Schnellfüfsig- 
keit  wird  er  von  Menelaos  auf  Wunsch  des 
Aias  dazu  bestimmt,  den  Tod  des  Patroklos 
dem  Achilleus  zu  melden  (II.  17,  652  ff.  681  ff. 
Ael.  H.  A.  1,  42);  mit  ihm  zusammen  beweint 
er  den  Freund  (II.  18,  32  ff).  Er  trägt  sodann 
mit  anderen  auserlesenen  Helden  die  von  Aga- 
memnon für  Achilleus  gelobten  Geschenke  in 
die  Volksversammlung  (II.  19,  238  ff.).  Bei 
den  zu  Ehren  des  Patroklos  veranstalteten 
Leichenspielen  erringt  er  im  Wagenrennen  mit 
Hilfe  seiner  vortrefflichen  Rosse  und  einer 
List  den  zweiten  Preis,  obwohl  er  ihm  Anfangs 
streitig  gemacht  wird  (II.  23,  301  ff  354.  402ff. 
514  ff.  612);  im  Wettlauf  mit  Odysseus  und 
Aias  wird  er  besiegt,  dennoch  erhält  er  von 
Achilleus  ein  halbes  Talent  Gold  neben  dem 
ausgesetzten  letzten  Preise.  (II.  23,  755  ff. 
785  ff).  Nach  Dict.  Cret.  3,  19  siegte.er  auch 
mit  dem  Diskos.  Er  fiel  durch  den  Athiopen 
Memnon,  den  Sohn  der  Eos  (OP  3,  111.  4,  188. 
Eust.  a.  a.  0.  Tzetz.  Posth.  260.  Dict.  Cret.  \ 

4,  6.  Hyg.  f.  112),  dem  er  nach  Dio  Clirys. 

11  p.  352  R.  eine  tödliche  Wunde  beibrachte, 
nach  Hyg.  f.  113  durch  Hektor  (vgl.  Ov.  Her. 

1,  15).  Nach  Find.  P.  6,  28  ff.  rief  Nestor, 
als  Paris  das  eine  seiner  Rosse  getötet  hatte 
und  Memnon  ihn  bedrängte,  den  Sohn  zu  Hilfe. 
Dieser  fing  mit  seinem  Leibe  den  Speer  des 
Feindes  auf  und  rettete  so  das  Leben  des  j 
Vaters.  Wegen  dieser  aufopfernden  Liebe  er- 
hielt er  den  Beinamen  cpdonduog  (Xenopli. 
Ven.  1,  14)  und  wurde  als  Muster  kindlicher 
Pietät  nach  dem  Vorgänge  der  Aithiopis  des 
Arktinos  (Prolcl.  Chrest.  ß.  Welcher,  ep.  Cylcl.  ' t 

2,  173  f.  521.  Boeclcli,  explic.  ad  Find.  p.  299) 
im  Altertume  hoch  gefeiert  (Arist.  Pepl.  11 
(15).  Dio  Clirys.  a.  a.  0.  Pliilostr.  Im.  2,  7.  Her.  j 

3,  2.  Auson.  a.  a.  0.).  Die  Trauer  des  Vaters  j | 
(S021I1.  Phil.  424  f.  Trypliiod.  18.  Tzetz.  Posth. 
281.  Hör.  Od.  2,9,  13  f.)  teilte  das  ganze  Heer  ! 
(Philostr.  Im.  2,  7.  Quint.  Smyrn.  2,  633.  3,  516f.  ! 

5,  604  f. ),  besonders  aber  Achilleus  (s.  d.),  den 
der  Tod  des  Freundes  zur  äufsersten  Wut  ge- 
gen die  Troer  und  gegen  Memnon  reizte  (Qu. 
Smyrn.  3,  10  ff.  Prolcl.  Clirest.  ß.).  Nach  Dares  > 
Pliryg.  34  fiel  Antilochos  durch  die  Hand  des 
Paris  zugleich  mit  Achilleus,  als  dieser  sich 
durch  das  Versprechen  der  auf  Rache  sinnen- 
den Hekabe,  ihm  ihre  Tochter  Polyxena  zum 
Weibe  zu  geben,  in  den  von  Feinden  besetzten 
Tempel  des  Apollon  zu  Thymbra  hatte  locken 
lassen.  Die  Asche  beider  Helden  ruhte,  wie 
Achilleus  es  gewünscht  hatte,  zusammen  mit 
der  des  Patroklos  in  einem  Kruge,  der  ein 
Werk  des  Hephaistos  und  ein  Geschenk  des 
Dionysos  an  Thetis  war  (Od.  24,  72  ff.  Tzetz. 
Lylcophr.  273);  dieser  wurde  in  dem  berühm- 
ten Grabhügel  am  Gestade  des  Hellespontos 
beigesetzt,  wo  die  Bewohner  von  Ilion  noch 
zur  Zeit  Strabons  den  drei  Freunden  und  dem 
Aias  Toten opfer  darbrachten  (Tzetz.  Posth.  465. 
Strab.  13  p.  596).  Diese  vier  Helden  zusam- 
men sah  auch  Odysseus  iu  der  Unterwelt  (Od. 
11,  467  ff  24,  15  ff.).  Nach  Paus.  3,  19,  3 
verweilten  sie  als  verklärte  Heroen  auf  der 
Insel  Leuke  an  der  Mündung  des  Istros,  wohin 
schon  nach  der  Aithiopis  (Prolcl.  Clirest.  ß.) 


377 


Antilochos 


Antimachos 


378 


Thetis  den  Leichnam  ihres  Sohnes  aus  dem 
brennenden  Scheiterhaufen  brachte  (vgl.  Preller, 
gr.  Myth.  2,  438,  s.  oben  S.  53).  Die  Klage  des 
Achilleus  und  der  Griechen  um  den  gefallenen 
Antilochos  war  dargestellt  auf  dem  bei  Philostr. 
2,  7 beschriebenen  Gemälde  (vgl.  Overb.  Gail. 
p.  531).  Antilochos  in  der  Unterwelt  neben 
Achilleus  und  Patroklos  in  der  Nekyia  des 
Polygnot  in  der  Lesche  zu  Delphi  {Paus.  10, 
30,  3)  und  als  Herrscher  von  Messenien  neben 
Nestor  und  Thrasymedes  auf  einem  Gemälde 
des  Omphalion , eines  Schülers  des  Nikias 
{Paus.  4,  31,  11).  Die  erhaltenen  Darstellungen 
beziehen  sich  auf  sein  Verhältnis  zu  Achilleus. 
So  auf  der  den  Auszug  zum  Kampfe  darstellen- 
den Vase  des  Epigenes  ( Ann . d.  inst.  1850. 
tav.  d'agg.  H.  /.),  auf  der  Abbildung  der  Aus- 
lieferung der  Leiche  des  Hektor  {Overbeck 
Gail.  T.  20.  n.  4,  wo  Amphilochos  statt  Anti- 
lochos steht.  Vgl.  p.  473  u.  515  ff.)  und  auf 
einer  Vase  von  Volci,  wo  der  Kampf  um  die 
Leiche  des  Patroklos  und  die  Überbringung 
der  Trauerbotschaft  durch  Antilochos  und  Phoi- 
nix,  welche  Iris  begleitet,  dargestellt  ist.  {Miiller- 
Wieseler  1,  Taf.  44  n.  207.  Overb.  Gail.  Taf.  18. 
n.  2 u.  p.  428).  Sein  Tod  ist  dargestellt  auf 
einem  etruskischen  Urnenrelief  {Millin,  Gal. 


der  Admete  (s.  d.  u.  vgl.  Apollod.  3,  9,  2.  2, 
5,  9).  Auf  dem  Relief  der  Villa  Albani  {Zoiiga 
tab.  70)  heilst  die  Gattin  des  Eurystheus  wie 
ihre  Tochter,  die  Herapriesterin,  ’Adpaztx.  (Vgl. 
Heyne,  ad  Apollod.  2,  5,  9.)  [Schirmer.] 
Äntimaclios  {’Avzificexog),  1)  Sohn  des  Hera- 
kles und  der  Nikippe,  einer  von  den  50  Töch- 
tern des  Thespios  {Apollod.  2,  7,  8).  Pherekyd. 
b.  Schol.  Find.  Isthm.  3,  104  (P>.)  macht  ihn, 
wie  den  Sohn  der  De'ianeira  Glenos  {Apollod. 
2,  7,  8)  und  deren  Bruder  Klymenos  {Apollod. 

1,  8,  1),  neben  Therimachos  und  Ivreontiades 
(vgl.  Apollod.  2,  4,  11)  zu  einem  Sohne  der 
Megara  und  erzählt,  dafs  er  mit  seinen  Brü- 
dern von  Herakles  ins  Feuer  geworfen  worden 
sei.  — 2)  Sohn  des  Pyles , Bruder  des  von 
Herakles  getöteten  Kyathos,  der  nach  Paus. 

2,  13,  8 ein  Sohn  des  Oineus  war  {Athen.  9, 
411  Ä.).  — 3)  Sohn  des  Thrasyanor,  Vater 
des  Deiphontes,  des  Schwiegersohnes  des  Te- 
menos  {Paus.  2,  19,  1.  Nicol.  Hamasc.  fr.  38 
Müller ),  und  des  Amphianax  {Paus.  3,  25,  10). 
— 4)  Einer  der  Söhne  des  Aigyptos(s.  d.),  von  der 
Danaide  Idea  (Idaia,  Midea?)  getötet  {Hyg.  f. 
170).  Das  Paar  ist  Apollod.  2,  1,  5 nicht  er- 
wähnt. — 5)  Ein  Kentaur,  mit  vier  anderen 
von  dem  Lapithen  Kaineus  auf  der  Hochzeit 


Antiloclios  auf  Nestors  Wagen  gehoben,  Relief  e.  etrusk.  Aschenkiste  (vgl.  Overbeck,  Bildio.  z.  theb. 

u.  tro.  Heldenkr.  S.  530  f.) 


myth.  pl.  163  n.  596.  Overb.  Gail.  Taf.  22  n. 
12  u.  p.  530)  und  vielleicht  auf  der  tyrrheni- 
schen Amphora  bei  Gerhard  A.  V.  Taf.  208. 
(Vgl.  Taf.  205  u.  220).  [Vgl.  auch  C.  I.  Gr. 
6125.  6126.  3128.  7691.  8158.  8200.  8407.  8409. 
R.]  [Schirmer.] 

Antimache  (’Avzigäxrf),  Tochter  des  Am- 
phidamas,  eines  Sohnes  des  Lykurgos  und 
der  Kleophile  oder  Eurynome , Schwester  des 
Melanion,  Gemahlin  des  Eurystheus,  Mutter 


des  Peirithoos  getötet  {Ov.  Met.  12,  460).  — 
60  0)  Ein  Troer,  der,  durch  das  Gold  des  Paris 
bestochen,  die  Zurückgabe  der  Helena  wider- 
raten {II.  11,  123  ff.)  und  den  mit  Odysseus  zu 
jenem  Zwecke  nach  Troja  geschickten  Mene- 
laos zu  töten  befohlen  hatte,  weshalb  seine 
Söhne  Peisandros  und  Hippolochos  mitleids- 
los von  Agamemnon  getötet  wurden  {II.  11, 
138  ff.  Vgl.  Tzetz.  Antehom.  158  ff.  Ad.  Nat. 
An.  14,8).  Ein  anderer  Sohn  des  Antimachos, 


AntinoS 


379 

Hippomachos,  wurde  von  Leonteus  getötet  (11. 
12,  188  f.).  Nach  Biet.  Cret.  4,  21  wurden  die 
Söhne  des  Antimachos  von  Aias  und  Diomedes 
ergriffen  und  von  den  über  die  That  des  Vaters 
entrüsteten  Griechen  gesteinigt;  Antimachos 
seihst  wurde  wegen  seines  für  die  Troer  ver- 
hängnisvollen Rates  aus  ganz  Phrygien  ver- 
bannt (5,  4).  Quint.  Smyrn.  nennt  als  Tochter 
des  Antimachos  die  kampfesmutige  Tisiphone, 
die  Gattin  des  Meneptolemos,  und  erwähnt  den 
Brand  seines  Hauses  (1,  405.  13,  433).  — 7) 
Ein  Grieche  im  trojanischen  Pferde  (Quint. 
Smyrn.  12,  323).  — 8)  Ein  Kreter  im  Gefolge 
des  Idomeneus,  mit  Pheres  von  Aineias  getötet 
(Quint.  Smyrn.  6,  622  1).  — [9)  Teilnehmer  an 
der  kalydonischen  Eberjagd  und  am  Kentau- 
renkampfe: C.  1.  Gr.  8185  a u.  c.  Roscher.] 

[Schirmer.] 

Antinoe  (’Avzivorj),  1)  Tochter  des  Kepheus, 
die  auf  Geheifs  des  Orakels  einer  Schlange 
folgend  die  Mantineer  aus  der  alten  Stadt 
führte  und  die  neue  Ansiedelung  am  Fliifschen 
Ophis  veranlafste,  wo  ein  Denkmal  ihr  An- 
denken ehrte  (Paus.  8,  8,  4.  u.  9,  5).  — 2) 
Tochter  des  Pelias,  die  mit  ihrer  Schwester 
Asteropeia  nach  der  von  Medeia  unter  falscher 
Vorspiegelung  angeratenen  Zerstückelung  des 
Vaters  nach  Arkadien  floh;  in  der  Nähe  von 
Mantineia  wurden  ihre  Grabmäler  gezeigt.  Die 
Namen  dieser  Töchter  des  Pelias  überlieferte 
der  Maler  Mikon  (Paus.  8,  11,  3);  sie  werden 
weder  Apollod.  1,  9,  10  ff.  noch  Biod.  4,  51  ff. 
erwähnt.  (Vgl.  Hyg.  f.  24).  — 8)  Gemahlin 
des  Arkaderkönigs  Lykurgos,  Mutter  des  An- 
kaios  und  Epochos  (Schot.  Apoll.  liliod.  1,  164), 
welche  Apollod.  3,  9,  2 Eurynome  oder  Kleo- 
phile  heifst.  [Schirmer.] 

Antinoos  (’Avzivoog),  1)  Sohn  des  Eupeithes 
aus  Ithaka  (Od.  1,  383.  4,  641  u.  öfter),  der 
unverschämteste  unter  den  Freiern,  der  nicht  < 
nur  in  frecher  Weise  zur  Verheiratung  der  Pe- 
nelope drängte  (2,  113  ff'.  18,  288  f.),  sondern 
sogar  dem  Telemach  nach  dem  Leben  trach- 
tete, um  sich  selbst  die  Herrschaft  anzueignen 
(4,  660  ff.  773  ff.  16,  363  ff.  418  ff.  20,  271  ff. 
22,  52  f.).  Er  schmäht  den  Eumaios,  weil  er 
den  als  Bettler  auftretenden  Odysseus  in  den 
Palast  geführt  hat  (17,  375  ff),  wirft  einen 
Schemel  nach  diesem  (17,  462  ff.)  und  reizt 
ihn  zum  Faustkampfe  mit  Iros  (18,  36  ff.).  Als  i 
nach  den  vergeblichen  Versuchen,  den  Bogen 
des  Eurytos  zu  spannen,  Odysseus  sich  dazu 
bereit  erklärt,  weist  ihn  Antinoos  mit  bitte- 
rem Hohne  ab  (21,  288  ff.).  Daher  wendet 
Odysseus  gegen  ihn  zuerst  das  Geschofs;  er 
sinkt  zusammen,  als  er  im  Begriff  ist,  aus  dem 
zweihenkeligen  Weinkruge  zu  trinken,  und 
reifst  im  Fallen  den  Tisch  mit  den  Speisen 
und  Getränken  um  (22,  8 ff.  24,  179.  424).  Den 
Versuch,  seinen  Sohn  zu  rächen,  büfst  Eupei-  c 
thes  mit  dem  Leben  (24,  426  ff.  522  ff.).  — 2) 
Der  unter  die  Heroen  versetzte  Liebling  des 
Kaisers  Hadrian  gehört  nicht  in  eine  Mytho- 
logie im  strengeren  Sinne.  [Schirmer.] 

Antioclies  (Avzioxgg),  statt  des  sonst  nicht 
vorkommenden  Namens  ist  Apollod.  1,  8,  5 
wohl  ’Avzlo%og  einzusetzen.  S.  Antiochos  No.  2. 

[Schirmer  ] 


Antiope  380 

Antiochos  ( ’AvzCoxog ),  1)  Sohn  des  Herakles 
und  der  Meda,  der  Tochter  des  von  ihm  be- 
siegten Dryoperkönigs  Phylas  (Paus.  1,  5,  2. 
10,  10,  1.  Biod.  4,  37,  1),  Vater  des  Phylas 
(Paus.  2,  4,  3.  Apollod.  2,  8,  3),  Eponymos 
der  attischen  Phyle  Antiochis  (Paus.  1,  5, 
2).  [Vgl.  auch  G.  1.  Gr.  8185.  Roscher.]  — 
2)  Sohn  des  Melas , mit  seinen  Brüdern  von 
Tydeus  wegen  Empörung  gegen  dessen  Vater 
Oineus  getötet.  (Apollod.  1,  8,  5.  Andere  Les- 
art ist  ’Avzio%r\v).  — 3)  Sohn  des  Pterelaos, 
des  Sohnes  des  Taphios,  Bruder  des  Chromios, 
Tyrannos , Chersidamas,  Mestor  und  Eueres. 
Als  Taphios  mit  den  Söhnen  des  Pterelaos 
gegen  Elektryon  von  Mykene  zog,  um  das 
Reich  seines  mütterlichen  Grofsvaters  Mestor 
zu  erobern,  kamen  jene  alle  bis  auf  Eueres 
um  (Apollod.  2,  4,  5 f.).  — 4)  Einer  der  Söhne 
des  Aigyptos,  von  Itea  ermordet  (Hgg.  f.  170). 
Beide  sind,  ebenso  wie  Antimachos  und  Idea, 
Apollod.  2,  1,  5 nicht  erwähnt.  [Schirmer.] 

Antion  (’Avziiav),  Sohn  des  Lapithen  Peri- 
phas  und  der  Astyagyia;  er  zeugte  mit  Peri- 
mela,  der  Tochter  des  Amythaon,  den  Ixion, 
der  nach  anderen  ein  Sohn  des  Peision  oder 
Plilegyas  oder  Ares  war  (Biod.  4,  69,  3.  Aesch 
b.  Schot.  Find.  Pytli.  2,  39  (B.).  Pherekydes 
b.  Schot.  Ap.  Rh.  3,  62).  [Schirmer.] 

Antiope  (’Avziong),  1)  Tochter  des  Flufs-! 
io  gottes  Asopos  (Od.  11,  260.  Asios  b.  Paus.  2, 
6,  4.  Ap.  Rli:  1,  735),  nach  den  Tragikern  und 
Späteren  Tochter  des  Thebaners  Nykteus  (Schot. 
Od.  11,  260.  Rust,  ad  Hom.  p.  1682,  43)  und 
der  Polyxo  (Apollod.  3,  10,  1).  Die  Identität, 
welche  der  Scholiast  z.  Apoll.  Rh.  1,  735  be- 
streitet, ergiebt  sich  aus  Paus.  2,  6,  1.  Ge- 
boren wurde  Antiope  nach  Hesiod  in  Hyria, 
nach  Euripides  in  Hysiai  (Steph.  Byz.  s.  v. 
Ttdct  und  'Tg ia.  Apollod.  3,  5,  5),  welche  bei- 
o den  Namen  nach  einigen  identisch  waren  (Strab. 
9,  404).  Ihre  aufserordentliche  Schönheit  (Ap. 
Rh.  4,  1090.  Paus.  2,  6,  1.  Prop.  1,  4,  5.  Hyg. 
f.  8)  gewann  ihr  die  Liebe  des  Zeus,  der  ihr 
in  Satyrgestalt  nahte  (Schot.  Ap.  Rh.  4,  1090. 
Nonn.  Panop.  31,  218.  Ov.  Met.  6,  110  f.).  Sie 
gebar  ihm  die  Zwillinge  Amphion  (s.  d.)  und  Ze- 
thos  (Od.  11,  262),  nach  Asios  a.  a.  O.  nur  den 
einen,  den  andern  dem  Epopeus  von  Sikyon. 
Dieser  hatte  nach  Paus.  2,  6,  2 ff.  Antiope  ge- 
o raubt  und  sich  mit  ihr  vermählt.  In  dem 
Kampfe , der  sich  deshalb  zwischen  ihm  und 
den  Thebanern  entspinnt,  wird  sowohl  er  als 
Nykteus  verwundet.  Letzterer  wird  nach  The- 
ben gebracht  und  tibergiebt  dort  sterbend  die 
für  den  minderjährigen  Labdakos  übernom- 
mene Regierung  seinem  Bruder  Lykos  mit 
dem  Aufträge,  Epopeus  mit  einem  gröfseren 
Heere  zu  bekriegen.  Dieser  aber  ist  unter- 1 
dessen  gestorben,  und  sein  Nachfolger  Lame- 
) don  liefert  Antiope  aus.  Auf  dem  Wege  nach 
Theben  gebiert  sie  bei  Eleutherai  die  Zwillinge 
(vgl.  Paus.  1,  38,  9).  Auch  nach  den  Excerp- 
ten  des  Proldos  aus  den  Kyprien  des  Stasinos 
(Chrest.  1),  wo  Antiope  mit  Verwechselung  des 
Vaters  und  seines  Stellvertreters  Tochter  des 
Lykos  (nach  der  Emendation  von  Heyne)  ge- 
nannt wird,  wird  sie  von  Epopeus  geschwächt 
und  deshalb  Sikyon  zerstört.  Apollod.  3,  5,  5 


1.. 


I.s: 

I 

j : 


ww 


38 1 Antiope 

erzählt  also:  Antiope  flieht,  von  Zeus  schwanger, 
vor  den  Drohungen  ihres  Vaters  zu  Epopeus. 
Nachdem  sich  Nykteus  in  der  Verzweiflung 
über  die  Tochter  selbst  den  Tod  gegeben,  er- 
obert in  seinem  Aufträge  Lykos  Sikyon,  tötet 
dessen  König  und  führt  Antiope  gefangen  hin- 
weg. Auf  dem  Wege  nach  Theben  gebiert 
sie  in  Eleutherai  die  beiden  Knaben,  die,  von 
ihr  ausgesetzt,  von  einem  Hirten  aufgezogen 
werden.  Den  Mifshandlungen,  welche  Antiope  1 
von  Lykos  und  seiner  Gattin  Dirke  zu  leiden 
hat,  entkommt  sie  auf  wunderbare  Weise;  sie 
gelangt  nach  dem  Wohnsitze  ihrer  Söhne  und 
veranlafst  sie  zur  Bestrafung  ihrer  Peiniger. 
Die  Verwandtschaft  dieser  Tradition  mit  der 
epischen  des  Pausanias  geht  daraus  hervor, 
dafs  hier  wie  dort  Antiope  nach  ihrem  Aufent- 
halte in  Sikyon  die  Zwillinge  gebiert.  Das- 
selbe berichtet  Nicol.  Dam.  fr.  14  ( Möller ), 
der  darin  von  Apollod.  abweicht,  dafs  er  An-  2 
tiope  beim  Wasserschöpfen  im  Garten  des  Ly- 
kos mit  ihren  vom  Lande  herbeigekommenen 
Söhnen  die  Bestrafung  ihrer  Peiniger  verab- 
reden läfst.  Die  Fabel  der  Tragödie  Antiope 
des  Euripides  und  Ennius  (Pacuvius?)  war 
nach  Hyg.  f.  8 folgende:  Antiope  flieht,  von 
Zeus  schwanger,  aus  Furcht  vor  der  Strafe 
des  Vaters  in  den  Ivithairon.  Nachdem  sie 
! hier  geboren  und  die  Zwillinge  ausgesetzt  hat, 
geht  sie  mit  Epopeus,  mit  dem  sie  zufällig  3 
zusammentrifft,  nach  Sikyon  und  wird  dessen 
Gattin.  Epopeus  aber  wird  von  Lykos  im 
Aufträge  des  Nykteus,  der  vor  Gram  über  die 
Tochter  gestorben  ist,  getötet  und  Antiope 
gefangen  nach  Theben  geführt.  Hier  hat  sie 
von  Dirke,  der  Gattin  des  Lykos,  schwere 
Qualen  zu  erleiden,  bis  sich  eine  Gelegenheit 
zur  Flnclit  bietet.  Sie  gelangt  zu  ihren  Söh- 
nen, wird  aber  von  Zethos,  der  sie  für  eine  Skla- 
vin hält,  nicht  aufgenommen.  Dirke,  die  einer  4 
bakchischen  Feier  wegen  ebendahin  kommt, 
läfst  Antiope  ergreifen,  diese  aber  wird  ihr 
von  Zethos  und  Amphion,  nachdem  sie  von 
ihrem  Pflegevater  ihre  Herkunft  erfahren,  wieder 
i entrissen,  und  Dirke  erleidet  nun  die  bekannte 
Strafe.  S.  Amphion.  (Vgl.  Welcker,  gr.  Trag. 

2,  811  ff.  Hartung,  Eurip.  restit.  2,  415  ff.). 

■ Mit  dieser  Form  der  Sage  stimmen  Schol.  Ap. 
Eh.  4,  1090  und  Prop.  4,  14  (15)  im  wesent- 
lichen überein;  ebenso  Schol.  Eurip.  Phoen.  5 
102,  wo  hinzugefügt  wird,  dafs  Dirke  der  er- 
i griffenen  Antiope  dieselbe  Strafe  zugedacht 
habe,  der  sie  dann  selbst  anheimfiel.  Hygin 
schickt  der  Euripideischen  Fabel  folgende  vor- 
aus (j f.  7):  Antiope,  die  Gattin  des  Lykos,  war 
’ von  Epopeus  überlistet  und  deshalb  von  ihrem 
Gemahl  verstofsen  worden.  Nachdem  sie  sich 
aber  dem  Zeus  ergeben  hatte,  warf  sie  Dirke, 
die  zweite  Gemahlin  des  Lykos,  in  dem  Arg- 
wohne, dafs  dieser  mit  Antiope  geheimen  Um-  ci 
gang  gepflogen,  gefesselt  ins  Gefängnis.  Aus 
demselben  entfloh  Antiope  beim  Herannahen 
der  Geburt  unter  dem  Beistände  des  Zeus  in 
den  Kithairon,  wo  sie  an  einem  Doppelwege  die 
Zwillinge  gebar.  Nach  Kephalion  b.  Matal,  p.  45 
(fr.  6.  Müller ) , vgl.  Suidas  v.  ’üvtionrj,  Cedren. 
p.  24,  dessen  Tradition  deutliche  Spuren  von 
Euhemerismus  zeigt,  war  Antiope,  die  Tochter 


Antiope  382 

des  Nykteus,  Priesterin  des  Helios  und  Bak- 
chantin.  Nachdem  sie  ein  Argiver,  dessen 
Geschlecht  sich  der  Abstammung  von  Zeus 
rühmte,  im  Tempel  geschändet,  übergab  sie 
ihr  Vater  seinem  Bruder  Lykos,  dem  Könige 
von  Argos,  mit  dem  Aufträge,  das  Vorkommnis 
genau  zu  untersuchen  und  Antiope  nebst  ihrem 
Verführer  streng  zu  bestrafen.  Dieser  aber 
fühlt  Mitleid  mit  der  Sünderin  und  beschliefst, 
die  Strafe  erst  nach  ihrer  Niederkunft  zu  voll- 
ziehen. Die  von  ihr  gebornen  Zwillinge  läfst 
er  auf  dem  Kithairon  aussetzen.  Während  aber 
Lykos  auf  einem  Kriegszuge  abwesend  ist, 
nimmtDirke,  die  wegen  jener  Nachsicht  argwöh- 
nischeGattin  des  Lykos,  Antiope  und  eine  An- 
zahl bewaffneter  Begleiter  mit  sich  in  die 
Gegend  des  Kithairon  und  ist  dort  im  Begriff, 
Antiope  auf  einen  wilden  Stier  binden  zu  lassen, 
als  deren  Söhne  mit  anderen  Landleuten  her- 
beieilen und,  von  ihrem  Pflegevater  über  ihre 
Herkunft  aufgeklärt,  die  Mutter  befreien.  Nach 
Paus.  9,  17,  C wurde  Antiope  wegen  der  an 
Dirke,  einer  eifrigen  Verehrerin  des  Dionysos, 
vollzogenen  grausamen  Strafe  von  diesem  Gotte 
in  Raserei  versetzt,  Phokos,  der  Sohn  des  Or- 
nytion , ein  Enkel  des  Sisyphos , heilte  die 
durch  Griechenland  Schweifende  in  Tithorea, 
einer  pliokischen  Stadt  am  Parnassos , und 
vermählte  sich  mit  ihr.  Dort  wurde  ihr  ge- 
meinsames Grabmal  gezeigt  (vgl.  Paus.  10,  32, 
10  f.  Steph.  Byz.  v.  Tiftoguicc.)  Die  Bewohner 
von  Tithorea  suchten  auf  jenes  Grabmal  von 
dem  des  Zethos  und  Amphion  in  Theben  Erde 
zu  bringen,  wenn  die  Sonne  in  das  Zeichen 
des  Stiers  trat , weil  nach  einem  Orakel  des 
Bakis  hierdurch  die  Fruchtbarkeit  ihres  Lan- 
des gefördert  werden  sollte  (Paus.  9,  17,  4). 
Zu  Sikyon  stand  im  Heiligtume  der  Aphrodite 
das  Bildnis  der  Antiope.  (Paus.  2,  10,  4.)  Der 
Name!drTtöjr?}  (nach  Pott  in  Kuhns  Z.  6,268  „der 
uns  entgegenblickende  Mond“),  ferner  die  Be- 
ziehung zu  Nykteus  (d.  i.  der  Nächtliche) , zu 
Lykos  (d.  i.  der  Lichte) , zu  Epopeus  (d.  i. 
König  der  Höhe) , zu  den  Aid g kovqol  Isvy.o- 
naloi  (Schol.  Od.  19,  518)  Zethos  und  Am- 
phion, die  wie  die  spartanischen  Dioskuren 
als  göttliche  Mächte  des  Lichtes  aufzufassen 
sind , ferner  zur  Aphrodite  Urania  in  Sikyon 
und  zu  Helios  deutet  darauf  hin,  dafs  Antiope 
ursprünglich  eine  Naturmacht  und  zwar  den 
zur  Nachtzeit  leuchtenden  Mond  bedeutete 
(v gl.  Preller,  griech.  Myth.  23,  31  f.).  E>ie  Figur 
der  Antiope  im  Hintergründe  der  Kolossal- 
statue des  Farnesischen  Stiers  ist  bei  einer 
Restauration  des  Bildwerkes  hinzugefügt  wor- 
den (Müller-  Wiesel  er,  Denkmäler  1,  zu  Taf.  47, 
n.  215  a.)  Die  Darstellung  des  etruskischen 
Spiegels  bei  Inghirami , Mon.  Etr.  Ser.  2, 
tav.  17  ist  nach  neueren  Gelehrten  nicht  auf 
das  Liebesverhältnis  des  Zeus  zu  Antiope 
zu  beziehen  (vgl.  Wieseler  zu  Müller,  Denk- 
mäler 2 , Taf.  3 , n.  46  u.  Overbeck , Kunst  - 
mythöl.  1 Zeus  405  f.  Mehr  unter  Amphion, 
vgl.  namentlich  Jahn  in  Arcli.  Ztg.  1853  S. 
65  ff).  [Schirmer.]  — 2)  Amazone,  Toch- 
ter des  Ares  (Hygin  f.  241),  Schwester  der 
Hippolyte  (Paus.  1 , 41 , 7),  Königin  mit 
Otrere  (Apollon.  Bhod.  2 , 387).  Bei  lustin. 


I 


383  Antiope 

2 , 4 , 19  führt  Herakles’  Gegnerin  diesen 
Namen , gewöhnlich  aber  die  von  Theseus 
Geraubte,  besonders  bei  denjenigen , welche 
Theseus  zum  Teilnehmer  an  Herakles’  Zug 
machten.  Nach  den  Nosten  {Paus.  1,  2,  1) 
überliefert  sie  Themiskyra  aus  Liebe  zu  The- 
seus, von  dieser  Liebe  sprechen  auch  I sokrates 
Panath.  193  und  Menekrates  in  der  Sage  von 
Pythopolis  {Plutarch  Thes.  26).  Nach  Philocho- 
ros  bei  Plutarch.  a.  a.  0.  erhielt  Theseus  sie  als 
Ehrenpreis,  nach  Bion  lockte  er  sie  durch 
List  auf  sein  Schiff.  Nach  der  Tabula  Albani, 
{Jahn- Michaelis  Bilderchronik  S.  73)  und  dem 
Schol.  Ar  ist.  Panath.  118,  4 nahm  er  sie  in  der 
Schlacht  in  Attika  gefangen.  Pinclar  bei  Plu- 
tarch a.  a.  0.  nennt  sie  Mutter  des  Demo- 
phon, Asklepiades  von  Tragila  b.  Schol.  Eurip. 
Hippol.  10.  307.  581  u.  Hygin  241.  250  Mutter 
des  Hippolytos.  In  der  Theseis  empörte  sie 
sich  mit  ihrem  Gefolge  und  griff  Theseus  an, 
als  er  Phaidra  heiraten  wollte,  wurde  aber 
von  Herakles  erschlagen.  Nach  der  patrioti- 
schen Tradition  aber  stirbt  sie,  nachdem  die 
Amazonen  gegen  Athen  gezogen,  entweder  als 
Opfer  von  Theseus’  Hand  {Hygin  241.  Ovid. 
Heroid.  4, 117.  Seneca  Phaedr.  227.  927)  oder  sie 
wird  von  der  Amazone  Molpadia  getötet  {Plu- 
tarch und  Paus.  a.  a.  0.  Diodor  4,  28).  Ihr 
Grabmal  befand  sich  am  itonischen  Thore  zu 
Athen  Plato  Axioch.  p.  364  d.  Pausan.  a.  a.  0. 
Auf  den  Vasen  ist  ihr  Name  selten;  vgl.  die 
Rüstungsscene  Gerhard,  A.  V.  103  und  die  Bil- 
der von  Theseus’  Raub:  Monum.  1,  55.  München 
n.  7.  Brit.  Mus.  n.  827.  Die  Darstellungen  von 
Theseus’  und  Antiopes  Hochzeit  auf  Vasen 
sind  sehr  zweifelhaft,  vgl.  Klügmann,  die  Amaz. 
in  d.  alt.  Bit.  u.  Kunst  S.  6 ff.  [Klügmann.] 

— 8)  Von  Helios  Mutter  des  Aloeus,  der  nach 
Paus.  2,  1,  1 Vater  des  Epopeus  ist,  und  des 
Aietes,  des  Vaters  der  Medeia,  der  bis  zu 
seiner  Auswanderung  nach  Kolchis  Korinth 
beherrschte.  {Eumelos  b.  Schol.  Pind.  Ol.  13, 
74.  Tzetzes  z.  Lykophr.  174.  Diophanes  b. 
Schol.  Apoll.  Ith.  3,  242.)  Ihre  nahe  Beziehung 
zu  Helios  und  Epopeus  deutet  auf  ursprüng- 
liche Identität  mit  No.  1.  — 4)  Tochter  des 
Aiolos  (s.  d.),  von  Poseidon  Mutter  des  Boio- 
tos  und  Hellen , wenn  die  Lesart  Hygin  f. 
157  richtig  ist.  Diod.  4,  67  heifst  die  Mut- 
ter des  Boiotos  und  Hellen  Arne  (s.  d.).  — 
5)  Tochter  des  Thespios , die  dem  Herakles 
den  Alopios  (s.  d.)  gebar  {Apollod.  2,  7,  8.) 

— 6)  Tochter  des  Pylon,  Gemahlin  des  Eu- 
ry tos , des  Königs  von  Oichalia , Mutter  der 
Argonauten  Klytios  und  Iphitos,  des  Deion, 
Toxeus  und  der  Iole  oder  loleia  {Schol.  Soph. 
Tr  ach.  266,  wo  die  Handschrift  Antioche  bie- 
tet. Schol.  Apoll.  Rli.  1 , 87.  Hygin  f.  14. 
Vgl.  Diod.  4,  37.)  — 7)  Schwester  des  Melea- 
gros  {Anonym,  b.  Westermann,  Mythogr.  p.  345.) 

— 8)  Gemahlin  des  Laokoon  {Serv.  ad  Verg. 
Aen.  2 , 201.)  — 9)  Nach  Scrv.  ad  Verg.  Ecl. 
6,  48  Gemahlin  des  Proitos.  Wie  sich  aus  der 
Hinzufügung  des  bei  den  Tragikern  üblichen 
Namens  Stheneboia  ergiebt,  liegt  eine  Ver- 
wechselung mit  Anteia  vor  (vgl.  Apollod.  2, 
2,  1.)  [Schirmer.] 

Antipaplios  (Avzinaqiog),  Sohn  des  Aigyptos, 


Antiphos  384 

vermählt  mit  der  Danaide  Kritomedia,  I/ya.  f. 
170.  fStoll.] 

Antiplias  {’Avticpcxg),  an  der  einzigen  Stelle, 
wo  dieser  Name  sich  findet,  Hygin.  fab.  135, 
lesen  Bunte  und  M.  Schmidt  Antiphaten  statt 
des  handschriftlichen  Antiphantem.  S.  Anti- 
phates No.  6.  [Schirmer.] 

Antiphates  ( ’Awicpäzrig ),  1)  Sohn  des  Sehers 
Melampus  und  der  Iphianassa  oder  Iphianeira, 
Bruder  des  Mantios,  Abas  (s.  Abas  10),  Bias  und 
der  Pronoe.  Er  zeugte  mit  Zeuxippe  den  Oik- 
les,  der  nach  Paus.  6, 17,  6 Sohn  des  Mantios  ist, 
und  Amphalkes;  durch  Oikles  war  er  Grofs vater 
des  Amphiaraos  {Od.  15,  242  ff'.  Diod.  4,  68, 
5.  Apollod.  1,9,  13.)  — 2)  König  der  men- 
schenfressenden Laistrygonen , der  einen  von 
den  auf  Kundschaft  ausgeschickten  Gefährten 
des  Odysseus  ergriff,  um  ihn  als  Mahl  zu  be- 
reiten, bei  der  Verfolgung  der  beiden  andern 
aber  mit  seinen  riesigen  Laistrygonen  alle 
Schifte  bis  auf  das  des  Odysseus  vernichtete 
{Od.  10,  80  ff.  u.  199.  Ovid.  Met.  14,  234  ff. 
Pont.  2,  9,  41.  Horat.  A.  p.  145.  Tibull.  4,  1, 
59.)  Daher  sprichwörtlich  für  einen  Wüte- 
rich luv.  14,  20.  Nach  Dictys  Cret.  6,  5 waren 
Antiphates  und  Polyphemos  Söhne  des  Ky- 
klops  und  Laistrygon.  — 8)  Ein  Troer,  den 
Leonteus  tötete  {11.  12, 191.)  — 4)  Natürlicher 
Sohn  des  Sarpedon  von  einer  Mutter  aus  (dem 
mysischen)  Theben,  der  in  der  Begleitung  des 
Aineias  von  Turnus  getötet  wurde  {Verg.  Aen. 
9,  696  ff.)  — 5)  Ein  Grieche  im  trojanischen 
Pferde  {Trypliiod.  180.  Tzetz.  Posth.  648.)  — 
(>)  Sohn  des  Laokoon,  der  mit  diesem  und 
seinem  Bruder  Thymbraios  durch  die  Schlangen 
erwürgt  wurde  {Hyg.  f.  135.)  [Schirmer.] 

Antiplionos  {’Avzicpovog),  Sohn  des  Priamos 
{II.  24,  250.  Hyg.  f.  90.  Tzetz.  Hom.  447. 
Posth.  51),  von  Neoptolemos  getötet  {Quint. 
Smyrn.  13,  215),  nach  Dictys  Cret.  4,  7,  wenn 
die  Emendation  des  handschriftlichen  Antipus 
richtig  ist,  von  Aias  Telamonios.  [Schirmer.] 

Antiphos  (’ 'Avxupog ),  1)  Sohn  des  Thessalos 
und  als  solcher  Enkel  des  Herakles  und  der 
Chalkiope,  einer  Tochter  des  Eurypylos , des 
Königs  von  Kos  {II.  2,  678  f.  Apollod.  2,  7, 
8.  Schol.  Pind.  Nein.  4,  40  <B.)  Dict.  Cret.  1, 
14.  2,  5.)  Nach  Hyg.  f.  97  ist  er  Sohn  des 
Thessalos  und  (wohl  mit  Verwechselung  der 
Mutter  und  Grofsmutter)  der  Chalkiope.  Er 
herrschte  mit  seinem  Bruder  Pheidippos  über 
die  Koer  und  führte  auf  30  Schiffen  die  Be- 
wohner von  Nisyros,  Krapathos , Kasos,  Kos 
und  den  Kalydnischen  Inseln  (vgl.  Strabo  10, 
489)  gegen  Troja  (17.  2,  676  f.  Diod.  5,  54,  1. 
Dict.  Cret.  1,  17.)  Mit  Pheidippos  und  Tlepo- 
lemos  ging  er  als  Abgesandter  zu  Telephos 
{Dictys  Cret.  2,  5.)  Nach  Aristot.  Pepl.  39 
{Berglc)  beteiligte  er  sich  an  der  Zerstörung 
von  Troja  und  hatte  mit  seinem  Bruder  ein 
gemeinschaftliches  Grabmal  im  thesprotischen 
Ephyra,  das  die  Vaterstadt  beider  heilst.  Diese 
Stelle  sowie  Strabo  9,  444,  wonach  von  Ephyra 
Nachkommen  der  beiden  Brüder  in  das  Land 
zogen,  das  sie  nach  ihrem  Stammvater  Thes- 
salien benannten , deutet  auf  Thesprotien  als 
die  eigentliche  Heimat  (vgl.  Apollod.  2,  7,  0. 
Hyg.  f.  225) , von  wo  aus  sie  die  Herrschaft 


Anubis 


385  Antippos 

über  Kos  als  Urenkel  des  Eurypylos  sich  an- 
eigneten, nachdem  schon  Kalydna  und  Nisy- 
ros  in  den  Besitz  ihres  Vaters  Thessalos  ge- 
langt waren  ( Diod . 5 , 54.).  Den  engsten  Zu- 
sammenhang mit  dem  griechischen  Stammlande 
beweist  auch  die  Teilnahme  am  trojanischen 
Kriege,  da  die  Ilias  aufser  diesen  beiden  Brü- 
dern und  dem  2,671  erwähnten  Nireus  keinen 
Krieger  aus  einer  Kolonie  von  der  Ostküste 
des  ägäischen  Meeres  oder  den  kleinasiatischen  i 
Inseln  im  Heere  der  Achäer  kennt.  — 2)  Sohn 
des  Priamos  und  der  Hekabe,  der  den  Leukos, 
einen  Gefährten  des  Odysseus,  erlegte.  (II.  4, 
489  ff.  Apollod.  3,  12,  5.  Tzetz.  Hom.  40,  wo 
er  im  Gegensatz  zu  II.  11,  102  ein  natürlicher 
Sohn  des  Priamos  heilst.)  An  der  Seite  seines 
unechten  Bruders  Isos,  mit  dem  er  von  Achil- 
leus beim  Weiden  der  Schafe  auf  dem  Ida  er- 
griffen, aber  gegen  Lösegeld  wieder  freige- 
geben worden  war,  wurde  er  von  Agamemnon  2 
getötet  (II.  11,  101  ff.  Hyg . f.  113);  nach 
i Dict.  Cret.  2 , 43  fiel  er  im  Kampfe  mit  den 
I beiden  Aias,  Diomedes  und  Idomeneus.  — 3) 
Sohn  des  Talaimenes  und  der  Nymphe  des 
gygäischen  Sees,  wenn  nicht  die  Worte  rvyairj 
z sxs  Xifivrj  II.  2,  865,  wie  Eustaih.  p.  365,  41 
angiebt,  bildlich  (als  Geburtsort  oder  Lieblings- 
aufenthalt) zu  verstehen  sind.  Er  führte  mit 
seinem  Bruder  Mesthles  die  Maioner  vom  Tmo- 
los  den  Troern  zu  (II.  2,  864  ff.  Dict.  Cret.  2,  3 
| 35.)  Nach  Dar  es  Phryg.  21  tötete  ihn  Dio- 
medes. — 4)  Ein  Grieche  aus  Mykene,  der  von 
der  Hand  des  Mysierkönigs  Eurypylos,  eines 
Verbündeten  des  Priamos,  fiel  (Qu.  Smyrn.  6, 
616).  — 5)  Sohn  des  mit  Odysseus  befreun- 
deten Ithakesiers  Aigyptios,  Bruder  des  Freiers 
Eurynomos;  er  war  der  letzte  von  den  Ge- 
fährten des  Odysseus,  die  Polyphemos  ver- 
schlang (Od.  2,  19  f.  Qu.  Smyrn.  8,  126).  Vor 
Troja  kämpfte  er  mit  Eurypylos,  tötete  dessen  4 
Genossen  Meilanion  und  entkam  glücklich 
seiner  Verfolgung  (Qu.  Smyrn.  8,  115  ff.).  — 6) 
Neben  Mentor  und  Halitherses  Od.  17,  68  als 
väterlicher  Gastfreund  des  Telemachos  erwähnt. 
Da  aber  Od.  2,  15  Aigyptios,  der  Vater  des 
vorigen,  in  Verbindung  mit  Halitherses  (v.  157) 
und  Mentor  (v.  225)  genannt  wird,  so  ist  an- 
zunehmen, dafs  an  unsrer  Stelle  eineVerwech- 
: selung  des  Aigyptios  mit  seinem  Sohne  Anti- 
phos  vorliegt.  — 7)  Sohn  des  Myrmidon  und  b 
der  Peisidike,  einer  Tochter  des  Aiolos,  Bruder 
des  Aktor  (Apollod.  1,7,3.)  — 8)  Sohn  des 
Herakles  und  der  Thespiade  Laothoe,  wenn 
die  Heynesche  Lesart  Apollod.  2,7,8  "Avzi- 
cpoe  statt  des  handschriftlichen  ”Avzt,dos  rich- 
tig ist.  [Schirmer.] 

Antippos  s.  Anthippos. 

Antissa  ('Avzigocc),  Tochter  des  Makar,  nach 
welcher  die  gleichnamige  Stadt  auf  Lesbos 
genannt  war,  Steph.  Byz.  s.  v. ; vgl.  Schol.  II.  c 
24,  544.  [Stoll.] 

Antoci(les(?),  britannischer  Gott  auf  der  In- 
i Schrift  eines  kleinen  Altars  aus  Borcovicium 
(Housesteads),  C.I.  L.  7,  656:  D.  Antocidi  etc. 

; (das  folgende  ist  nicht  recht  lesbar).  Momm- 
sen  vermutet,  dafs  auch  hier  der  sonst  An- 
Tenociticus  oder  Anociticus  (s.  d.)  genannte 
{Gott  gemeint  sei.  [Steuding.] 

Roscdek,  Lexikon  der  gr.  u.  rüm.  Mytliol. 


386 

Autodike  (’AvzoSUr]  ?) , Danaide  , mit  dem 
AigyptidenKlytos  vermählt,  Hyg.  f.  170.  Wahr- 
scheinlich ist  zu  schreiben  Autodike.  Bei 
Apollod.  2,  1,  5 heilst  ein  Aigyptide  Kleitos. 

[Stoll.]  | 

Anton  ("Avzcov),  fingierter  Sohn  des  Hera- 
kles, von  welchem  die  römische  gens  Antonia 
abzustammen  sich  rühmte:  Plut.  Ant.  4 u.  36. 

[Roscher.] 

Antores  (’Avzcagiqg) , Genosse  des  Herakles, 
der  von  Argos  nach  Italien  auswanderte  und 
sich  dort  dem  Euandros  anschlofs.  Er  wurde 
an  der  Seite  des  Aineias  von  Mezentius,  dem 
mit  Turnus  verbündeten  Könige  von  Cäre,  ge- 
tötet. (Verg.  Aen.  10,  778  ff.  Vgl.  Serv.  z.  d. 
St.  über  die  griechische  Form  dieses  Namens.) 

[Schirmer.] 

Antyllos  (" 'AvzvXXog ),  Name  eines  Satyrs  auf 
einer  Vase:  C.  I.  Gr.  8439.  [Roscher.] 

Anubis  ("Avoyßt g),  ägyptisch  geschrieben  An- 
pu,  ist  beiden  Ägyptern  der  Herrscher  des  Gra- 
bes und  der  Totenwelt.  In  den  Texten  heifst  er 
„der  Herr  des  Grabes“,  „er  gewährt  eine  gute 
Bestattung  nach  hohem  Greisenalter“,  er  wird 
in  den  Formeln  angerufen , durch  die  dem 
Toten  die  Opferspeisen,  welche  ihm  zustehen, 
zuteil  werden.  Er  leitet  und  überwacht  die 
Balsamierung;  er  beschützt  den  Toten  auf  sei- 
ner Wanderung  in  das  Westreich,  gewährt  ihm 
„zu  wandeln  auf  den  schönen  Pfaden,  auf  de- 
nen clie  Frommen  wandeln“.  In  dieser  Eigen- 
schaft heifst  er  sehr  gewöhnlich  „der  Pfadöffner“ 
(ap  nat).  Gebildet  wird  er  mit  einem  Schakal- 
kopf; denn  offenbar  dachten  sich  die  Ägypter 
die  Schakale,  welche  die  Grabbautefi  draufsen 
am  Rande  der  Wüste  umschwärmen,  deren 
dumpfes  Geheul  die  Nacht  durchdringt , als 
Inkarnationen  der  Gottheit,  welche  das  Grab 
bewacht.  Die  Angaben  der  Griechen,  welche 
dem  Anubis  einen  Hundskopf  geben,  sind  ir- 
rig. Besonders  verehrt  wurde  Anubis  in  den 
mittleren  Teilen  Oberägyptens,  im  Nomos  An- 
taiopolites  (äg.  Duf)  und  in  den  von  den  Grie- 
chen infolge  einer  Mifsdeutung  des  schakal- 
köpfigen Gottes  Lykopolites  (Hauptstadt  Siut) 
und  Kynopolites  (Hauptstadt  die  „Anubisstadt“ 
Kynopolis)  genannten  Gauen. 

Schon  in  unseren  ältesten  Texten  beginnen 
die  Geheimlehren  der  Osirisreligion  in  die  äl- 
teren Formen  des  Totendienstes  einzudringen, 
durch  die  derselbe  alsbald  völlig  umgestaltet 
worden  ist.  Infolgedessen  tritt  a.ueh  Anubis 
gegen  Osiris  und  die  Götter  seines  Kreises 
zurück  und  wird  eine  untergeordnete  Gottheit, 
Er  besorgt  die  Bestattung  des  Osiris,  assistiert 
mit  Thoth  beim  Totengericht  und  ist  wie 
dieser,  aber  ihm  weit  untergeordnet,  der  Füh- 
rer der  Toten,  der  Leiter  in  die  Unterwelt. 
Nach  einer  auch  bei  Plutarcli  de  Is.  14  vor- 
liegenden Sage,  auf  die  auch  in  einem  ägyp- 
tischen Zauberpapyrus  der  römischen  Zeit  (s. 
Erman,  Zeitschr.  für  ägypt.  Sprache  1883,  S.  102) 
angespielt  wird,  hat  ihn  Osiris  von  seiner 
Schwester  Nephthys  in  heimlicher  Ehe  ge- 
zeugt. 

Im  Gefolge  der  Gottheiten  der  ägyptischen 
Geheimlehre,  unter  denen  für  die  Griechen  Isis 
obenansteht,  ist  auch  Anubis  der  griechischen 

13 


387 


Auxur 


388 


Kulturwelt  bekannt  geworden  und  wird  bei 
den  Schriftstellern  und  in  Inschriften  einige 
Male  erwähnt.  Dafs  man  ihn  als  ipvxonogTcog 
dem  Hermes  gleichsetzte  oder  gelegentlich  mit 
diesem  zu  einem  Hermanubis  verschmolz  ( Flut . 
de  Isid.  61) , ist  begreiflich  genug.  Auf  In- 
schriften werden  in  Ambrakia  und  auf  De- 
los und  Chios  Sarapis  Isis  Anubis  Harpokra- 
tes  als  gemeinsam  verehrte  Götter  angerufen 
(C.  I.  Gr.  1800.  2230.  2297ff.  , vgl.  6841; 
ferner  3724  aus  Kios:  ovgtxviav  ndvzcov  ßaoi- 
Xsv  %<xlqs  cecp&tz’  ’ 'Avovßi , Sohn  des  Osiris).  Die 
Deutungen,  welche  die  Schriftsteller  der  spä- 
testen Zeit,  vor  allem  Plutarch  de  Is.,  von 
Anubis  geben,  brauchen  hier  nicht  angeführt 
zu  werden.  [Ed.  Meyer.] 

Auxur,  Verbündeter  des  Turnus,  dem  Ai- 
neias  im  Kampfe  die  linke  Hand  samt  dem 
eisernen  Schilde  herunterhieb  ( Verg.  Aen.  10, 
545  f.).  [Schirmer.  | 

Anxurus  (Axur),  Beiname  des  Juppiter  ( Verg. 
Aen.  7,  799),  der  nach  Sero.  z.  d.  St.  in  der 
Gegend  der  uralten  volskischen  Stadt  Anxur 
oder  (wohl  etruskisch)  Tarracina  als  bartloser 
Jüngling,  wie  der  albanische  und  römische 
Vejovis,  mit  der  jungfräulichen  Feronia  (s.  d.) 
verehrt  wurde.  Serv.  erwähnt  aufser  der  Ety- 
mologie avsv  £,vqov,  dafs  in  der  Nähe  von 
Tarracina  eine  Quelle  sich  befinde,  die  einst 
Anxur  geheifsen  habe.  Münzen  der  gens  Vi- 
bia  zeigen  das  Kultusbild  des  Iovis  Axur,  wie 
er  hier  heilst:  ein  thronendes,  jugendliches 
Götterbild  mit  Scepter  und  Schale,  das  Haupt 
mit  einer  grofsen  Blätterkrone  geschmückt 
( Cohen  Cohs.  T.  41  Vib.  13,  vgl.  Fabretti  Gloss. 
Lt.  123.  L.  Stephani  Nimbus  u.  Strahlenkranz 
S.  18f.  Rasche,  Lex.  rei  num.  s.  v.  Anxur. 
Morell.  Th.es.  Num.  Farn.  T.  2,  t.  2.  Har- 
tung, Relig.  d.Röm.  2,  194.  Preller,  röm,  Myth. 
I8  2671).  ^Schirmer.] 

Anytos  (Avvxog),  Titane,  der  die  Despoina, 
die  arkadische  Persephone,  erzogen  haben 
sollte  und  daher  im  Tempel  dieser  Gottheit 
neben  derselben  (bewaffnet)  dargestellt  war 
(Paus.  8,  37,  5).  [Schirmer.] 

Ao  '(Aw),  Name  des  Adonis  (s.  d.):  Et.  M. 
117,  33.  [Roscher.] 

Aoa  (Ao 5a),  Mutter  des  Theias,  Vaters  des 
Adonis:  Zoll,  im  Et.  M.  117,  35  ff. 

[Roscher.] 

Aoide  (’Aoidr'i,  lat.  Aoede),  der  personifizierte 
Gesang,  eine  der  ältesten  drei  Musen  (s.  d.), 
Schwester  der  Melete  und  Mneme:  Paus.  9, 
29,  2.  Vgl.  Cic.  de  n.  deor.  3,  54,  der  vier 
Musen  nennt:  Thelxinoe,  Aoide,  Arche,  Me- 
lete. [Roscher.] 

Aon  (’ 'Amv ),  ein  böotischer  Heros,  Sohn  des 
Poseidon,  Vater  des  Dymas,  auf  den  die  Na- 
men ’'Ao veg,  ’Aovlk,  ’Aüviog  zurückgeführt  wur- 
den ( Schol . Stat.  Thcb.  1,  34.  Ach.  1,  19.  St. 
B.  s.  v.  ”Aovsg).  [Schirmer.] 

Aooi  (’ 'Acooi  fffol,  wohl  = ’Eaoo),  nach  He- 
sych.  s.  v.  ffjol  ot  er.  Agopov  gszaYogLG&svzsg 
tig  Eafio^QÜYrjv  (rjy  Argivov  (so  Lübeck,  Ag- 
laoph.  p.  1284**;  cod.  ligvrjv).  Ein  noch  un- 
gelöstes Rätsel  der  griechischen  Religionsge- 
schichte; vermutlich  aus  einer  hieratischen 
Sage  von  Samothrake.  Wenn  man  in  dem 


Aphai'eus 

gänzlich  unbekannten  Agogog  die  Ortschaft 
TtioSqo gog  Al&ionioxg  ( Ptolem . 4,  6,  7)  suchen 
darf,  würden  damit  die  lemnisch-samothraki- 
schen  Gottheiten  (doch  wohl  aus  dem  Kabi- 
renkreise)  aus  dem  heiligen  Lichtlande  Äthio- 
pien hergeleitet , wie  auch  nach  Phavorinos 
bei  Stcph.  Byz.  s.  v.^AGKoip  (=  Müller,  F. 

LI.  G.  3 p.  583)  die  Äthiopen  ngwxoi  ftsovg 
szigyacxv.  Diese  Annahme  eines  mythischen 
Zusammenhanges  zwischen  Samothrake  und 
'Äthiopien’  wird  bestätigt  durch  Hesycli.  Ai- 
IhonCci'  7]  ZctyoQ'QixYrj.  [Crusius.] 

Aoos  ("Acoog  =’Ecpog)  1)  Name  des  Adonis:  [ 
Etym.  M.  s.  v.,*vgl.  Ahrens , Kuhns  Zeitschr.  . 

3 S.  173ff.  s.  oben  Ao  u.  Aoa.  — 2)  Sohn  der 
Eos  und  des  Kephalos , König  von  Cypern : 

Et.  M.  s.  v.,  vgl.  Engel,  Kypros  2 S.  119 ff., 
646,  Ahrens  a.  a.  0.  — 8)  Sohn  des  Kephalos, 
Eponymos  der  'Aoer’  genannten  Kilikier:  Lle- 
sych.  s.  v.  "Acool.  [Crusius.] 

Aora  (Autgci),  Nymphe,  nach  der  die  kre-  l 
tische  Stadt  Aoros  benannt  sein  soll , Steph.  j v 
Byz.  s.  v.  "Acogog  p.  154  M.  [Crusius.] 

Aoris  (”Aogig  — "Aßccgog^  'wie’Aßavzsg  — ”Ao- 
vsg,  Javanim  = ’ldovsg),  Sohn  des  Aras,  Bru-  | - 
der  der  Araithyrea  (s.  d.),  Paus.  2,  12,  5. 

[Crusius.] 

Aornos  (’ ’Aogvog ) s.  Avernus. 

Aortes  (?  ’Auqzt] g) , naqd  (bsQSYvdsi  sig  zäv 
KvyXwtuov:  Poll.  10,  139.  [Roscher.] 

Apate  ( ’Andczrj ),  Personifikation  der  Täu- 
schung und  des  Trugs,  eine  Geburt  der  Nacht, 
lies.  Theog.  224.  Braun,  Gr.  Götter l.  §.  252. 
259.  Nonn.  Dion.  8,  113  ff.  [Stoll.]  Ihre  Ge- 
stalt erscheint  auf  Vasen  (vgl.  Mon.  ined.  p. 
la  section  frang.  de  Vinstit.  arch.  tab.  21  = C. 

I.  Gr.  8437  und  die  Dareiosvase:  Gerhard, 
Arch.  Anz.  1854  p.  483  ff.  = C.  I.  Gr.  8447  c. 

[Roscher.] 

Apemosyne  (’AnyfioGvvri),  Tochter  des  kre- 
tischen Königs  Katreus,  Schwester  des  Althai-  !■ 
menes , der  mit  ihr  nach  Rhodos  ging.  Als 
sie  dort  von  Hermes  wider  ihren  Willen  ge- 
schwächt worden  war,  tötete  sie  der  Bruder 
durch  Fufstritte , weil  er  ihr  die  Erzählung 
von  dem  Attentate  des  Hermes  nicht  glaubte. 
Apollod.  3,  2,  1.  S.  Althaimenes.  [Stoll.] 
Apenninus,  Beiname  des  Iuppiter  nach  ei- 
nem Tempel  desselben  auf  dem  Apennin  in 
der  Nähe  von  Iguvium  an  der  via  Flaminia; 
vgl.  Orelli  1220  u.  Henzen  5613  (Appenninus) 
(vgl.  Aur.  Vict.  Caes.  9 u.  Epit.  9.  Claudian. 
Cons.  Lion.  6,  502  ff.).  Dort  war  auch  ein  Ora- 
kel (vgl.  Scr.  hist,  august.  Claud.  10  u.  Vopisc. 
Firm.  3).  [Steuding.] 

Apesas  (’Ansaag),  ein  alter  Heros  und  König 
in  Nemea,  nach  welchem  der  dem  Zeus  gehei- 
ligte Berg  Apesas  bei  Nemea  benannt  war, 
Steph,  Byz.  s.  v.  [Stoll.] 

Aphaia  (AqwCa),  eine  auf  Aigina  und  Kreta 
verehrte  Göttin,  welche  Pindar  besungen  hatte, 
nach  Pausanias  identisch  mit  der  Britomartis 
(s.  d.)  und  Diktynna:  Paus.  2,  30,  3.  Hesycli. 
u.  ’Acpaia  u.  M.  Schmidt  z.  d.  St.  [Roscher.] 
Aphareus  (’AcpaQsvg),  1)  nach  messenisclier 
Sage  (Paus.  3,  1,  4)  ältester  Sohn  des  messe- 
nischen  Königs  Periores  (der  für  einen  Sohn 
entweder  des  Aiolos  oder  des  Kynortas  galt) 


389  Apheidaa 

und  der  Gorgophone,  der  Tochter  des  Perseus. 
Seine  Brüder  waren  Leukippos,  Tyndareos  und 
lkarios  ( Apollod . 1 , 9,  5.  2,  4,  5.  Stesich.  ib. 

3,  10,  3;  vgl.  Paus.  4,  2,  4).  Nach  Paus.  3,  1, 

4 wohnte  er  in  Thalamai  und  nahm  den  von 
Hippokoon  und  lkarios  vertriebenen  Tynda- 
reos, der  nach  lakonischer  Sage  Sohn  des  Oi- 
balos  und  der  Gorgophone  war,  bei  sich  auf. 
Seine  Gemahlin  war  Arene , die  Tochter  des 
Oibalos  und  der  später  mit  diesem  verheiratet  l 
gewesenen  Gorgophone  (daher  sie  zugleich 
Gattin  und  Schwester  des  Aphareus  heilst, 
Paus.  4,  2,  4),  welche  ihm  drei  Söhne,  den 
Idas,  Lynkeus  und  Pisos  gebar  ( Apollod . 3,  10, 

3.  PhereJc.  b.  Schol.  Ap.  Ith.  1,  152.  Theocr. 
22,  139;  hinsichtlich  des  Pisos  vgl.  auch  Paus. 

5,  17,  9.  Schol.  z.  Tlieokr.  4,  29),  der  zu  Ehren 
er  die  Stadt  Arene  gründete  (Paus.  4,2,  4). 
Nach  Peisandros  hiel's  seine  Gemahlin  Poly- 
dora, nach  TheoJcrit  (Id.  22,  206)  Laokoos(s)a  2 
(vgl.  Schol.  Ap.  Pli.  a.  a.  0.).  Nach  Paus.  4, 

2,  4 nahm  er  auch  seinen  Vetter  Neleus,  Sohn 
des  Kretheus,  als  derselbe  vor  Pelias  floh,  bei 
sich  auf  und  gab  ihm  das  Gebiet  und  die  Herr- 
schaft von  Pylos.  Auch  Lykos,  der  Sohn  des 
Pandion,  soll  vor  Aigeus  fliehend  nach  Arene 
gekommen  sein  und  den  Aphareus  und  seine 

j Gemahlin  in  die  Orgien  der  grofsen  Götter 
eingeweiht  haben.  Sein  Grabmal  befand  sich 
auf  dem  Markte  in  Sparta,  wohin  die  Sparta-  3 
ner  wahrscheinlich  später  seine  Gebeine  ge- 
schafft hatten  (Paus.  3,  11,  11,  vgl.  Tlieokr. 
22,141.  199.207).  Ein  Gemälde  von  ihm  und 
seinen  Söhnen  und  Nachfolgern  in  der  messe- 
nischen  Königsherrschaft  befand  sich  nach  Paus. 

4,  31,  11  an  der  Hinterwand  des  Tempels  der 
Messene  zu  Messene.  — 2)  Sohn  des  Kaletor, 
von  Aineias  vor  Troja  erlegt  (II.  9,  83.  13,  478. 
541,  vgl.  C.  I.  Gr.  6125).  — 3)  Kentaur,  auf 
rler  Hochzeit  des  Peirithoos  von  Theseus  ge-  i 
tötet:  Ov.  Met.  12,  341.  [Roscher.] 

Apheidas  (’Acpsiöctg),  1)  Sohn  des  Arkas  und 
Ter  Leaneira,  oder  der  Meganeira,  oder  (nach 
iEumelos)  der  Nymphe  Chrysopeleia  (Apollod. 

1,  9,  1),  oder  der  Dryade  Erato,  Bruder  des 
l ilatos  (Apollod.  a.  a.  0.)  und  des  Azan  (Paus. 

1,  4,  2.  10,  9,  5;  vgl.  auch  Tzetz.  u.  Schol. 

. Lykophr.  480),  nach  Scliol.  u.  Eust.  z.  II. 

!,  603  auch  des  Ainphidtimas,  der  vielleicht 
nit  Apheidas  identisch  ist.  Nach  dem  Tode  5 

Iles  Vaters  fiel  ihm  die  Herrschaft  überTegea 
u,  welches  daher  von  Dichtern  ’Acpsihtxvzsiog 
driQos  (vgl.  Ap.  Pli.  1,  162  u.  Schol.)  genannt 
vurde,  während  Azan  die  Landschaft  Azania, 
ilatos  das  Gebiet  von  Kyllene  erhielt.  Seine 
tinder  waren  Aleos  und  Stheneboia  (Paus.  u. 

1 pollod.  a.  a.  0.).  Nach  Ariaithos  b.  Schol. 

■ II.  4,  319  war  auch  der  Arkader  Ereutlia- 
ion  ein  Sohn  des  Apheidas  (oder  Amphida- 
uas?  vgl.  Schol.  u.  Eust.  z.  II.  2,  603).  Von  6 
lim  hiefs  eine  tegeatische  Plryle  ’Acpsiduvzsg 
Paus.  8,  45,  1.  Curtius,  Peloponneses  1,  251.) 
üne  Statue  von  ihm  stand  nach  Paus.  10,  9, 

'f.  in  Delphi,  ein  Werk  des  Argivers  Antipha- 
>es.  Vgl.  Brunn,  Künstler  gesell.  1,  283.  — 2) 
önig  eines  Stammes  der  Molosser,  der  nach 
!nn  ’AcpsitUxvzeg  hiefs  (Stepli.  Byz.  u.  ’Acpsi öav- 
fs).  — 3)  Sohn  des  Polypemon  aus  Alybas, 


Aphrodite  (orient.)  390 

Vater  des  Eperitos,  für  den  sich  Odysseus  aus- 
giebt  (Od.  24,  305;  vgl.  Eust.  z.  d.  St.).  — 4) 
Kentaur  b.  Ov.  Met.  12,  317ff.  Vgl.  Roscher 
in  Fleclceisens  Jahrhh.  1872.  S.  426. 

[Roscher.] 

Aphidnos  ('A(piövog),  nach  Stepli.  B.  v.  ’Aipi  - 
öva  ein  attischer  Autoclithon,  nach  welchem 
die  Stadt  Aphidnai  genannt  wurde.  Er  war 
ein  Freund  des  Theseus,  welchem  dieser  die 
geraubte  Helena  und  seine  Mutter  Aithra  in 
Aphidnai  zur  Verwahrung  gab,  als  er  mit  Pei- 
rithoos in  die  Unterwelt  ging.  Als  später  die 
Dioskuren  nach  Erstürmung  von  Aphidnai  und 
Befreiung  der  Helena  in  Athen  gastliche  Auf- 
nahme fanden,  wurden  sie  von  Aphidnos  als 
Söhne  angenommen  und  in  die  eleusinischen 
Mysterien  eiugeweiht,  Plut.  1 lies.  31.  33.  Nach 
Schol.  II.  3,  242  war  Aphidnos  zur  Zeit  der 
Erstürmung  von  Aphidnai  daselbst  König  und 
verwundete  den  Kastor  am  Schenkel.  Vgl. 
Preller,  Gr.  Myth.  2,  114,  1.  [Stoll.] 

Aplmais  (l’Acpvaig),  eine  Nymphe,  von  wel- 
cher die  phry gische  Stadt  (’Äcpvtiov)  benannt 
sein  sollte.  Stepli.  Byz.  u.’Acpvsiov.  [Roscher.] 

Aplmeios  (Acpvsiog),  Eponymos  von  Acpvsiov . 
Stepli.  Byz.  u.  "Acpvsiov.  [Roscher.] 

Aphrodite  (’AcppoSizg).  Dafs  der  ganze  Mythus 
und  Kultus  der  Aphrodite,  wie  er  uns  überlie- 
fert und  in  den  gangbaren  Handbüchern  der 
griechischen  Mythologie  dargestellt  ist,  das 
Produkt  einer  höchst  merkwürdigen,  frühzei- 
tigen Vermischung  griechischer  und 
orientalischer  (semitischer)  Religion  sei, 
ist  zwar  schon  längst  erkannt  worden ; dennoch 
aber  hat  noch  niemand  den  Versuch  gemacht, 
die  orientalischen  und  griechischen  Vorstel- 
lungen im  Aphroditemythus  streng  von  einan- 
der zu  sondern  und  dadurch  das  Verständnis 
des  ursprünglichen  Wesens  dieser  Göttin  zu 
fördern. 

a)  Die  orientalische  Aphrodite  (vgl. 
Astarte). 

Alle  uns  bekannten  semitischen  Völker  mit 
einziger  Ausnahme  der  Hebräer  verehrten  eine 
höchste  weibliche  Gottheit,  die  zugleich  als 
Göttin  des  Mondes  (oder  Venussternes;  vgl. 
Sayce,  in  Transact.  of  the  soc.  of  Bibi.  Arch. 
3,  1,  S.  196  ff.)  und  als  Prinzip  aller  weibli- 
chen und  irdischen  Fruchtbarkeit  gedacht 
wurde.  Beide  Funktionen  hängen  auf  das  in- 
nigste mit  einander  zusammen,  da  der  Mond 
einerseits  durch  die  Katamenien  das  ganze 
weibliche  Geschlechtsleben  zu  regeln,  anderer- 
seits durch  Spendung  des  für  den  Pfianzenwuchs 
in  den  südlichen  regenarmen  Ländern,  speziell 
im  Orient,  so  notwendigen  Taues  die  (durch 
Feuchtigkeit  bedingte)  Fruchtbarkeit  des  Bo- 
dens zu  fördern  scheint  (vgl.  die  Stellen  bei 
Roscher , Iuno  u.  Hera.  Stud.  z.  vgl.  Mythol. 
d.  Gr.  u.  Römer  Heft  2,  S.  19  ff.  Winer,  Bibi. 
Redlwörterb.  unter  Tau.  v.  Baudissin , Stud. 
z.  Semit.  Religionsgescli.  1,  241.  2,  151.  Ders. 
Jahre  et  Moloch  23).  Diese  Göttin  nun  führte 
bei  jedem  der  semitischen  Stämme  einen  be- 
sonderen Namen:  sie  hiefs  z.  B.  bei  den  Phö- 
niziern Astarte  (s.  d.),  bei  den  Assyrern  Istar, 
bei  den  Syrern  Aschera  (zu  Askalon  Atarga- 
tis  = Derketo;  vgl.  Herzogs  Realenc.  u.  Atar- 

13  * 


391  Aphrodite  (orient.) 

gatis),  in  Babylon  Mylitta  (eigentl.  Moledeth, 
d.  i.  die  Gebärenmachende).  Gehen  wir  ge- 
nauer auf  die  einzelnen  Funktionen,  Mythen 
und  Kulte  ein , so  ist  Folgendes  hervorzu- 
heben. 

1)  Dafs  wir  in  den  genannten  Göttinnen  in 
der  That  ursprüngliche  Mondgöttinnen  zu 
erkennen  haben,  erhellt  zunächst  aus  den  Über- 
lieferungen des  Altertums  selbst.  So  sagtJFe- 
rodian  (5,  6,  10)  von  der  mit  der  griechischen 
Aphrodite  Urania  identificierten  phönizischen 
Astarte:  Ovqccvi'mv  (boivinsg  Aorgoag^yv  ovo- 
ptx^ovGi,  csl/jvrjv  sivca  ftehovreg.  Vgl.  auch 
Lucian  de  dea  Syr.  4:  ’Aazägzgv  S’  lycö  donem 
Stbqvcdriv  eyysvcu,  und  (hinsichtlich  des  Na- 
mens ’Agtqokqxt])  die  den  Mond  als  Königin 
der  Sterne  feiernden  Bezeichnungen  regina  si- 
derum  ( caeli ) und  ’AGzgdgxrj  {Hör.  ca.  saec.  35. 
Appul.  Met.  2,  254  Bip.  Orpli.  hy.  9,  10.  Pliil- 
astrius  de  liaer.  15.).  So  erklären  sich  auch  auf 
das  einfachste  die  römischen  Bezeichnungen 
der  karthagischen  Hauptgöttin  „Virgo  caele- 
stis“  oder  „luno  caelestis“  {Munter,  Bel.  d. 
Karth.  74f.  Preller , B.  M.3  2,  406  f.),  worunter 
man  ebenso  wie  unter  der  griechischen  Ov- 
guviu  (vgl.  Her.  1,  105)  in  der  eben  angeführ- 
ten Stelle  des  Herodian  wahrscheinlich  nur 
Übersetzungen  eines  auf  die  Mondgöttin  be- 
züglichen semitischen  Namens  zu  verstehen 
nat  (vgl.  Jerem.  7,  18  u.  44,  17ff.).  Dafs  die 
römische  Iunö,  mit  der  später  die  karthagische 
Astarte  identificiert  wurde,  eine  Mondgöttin 
sei,  habe  ich  im  zweiten  Hefte  meiner  Studien 
zur  vgl.  Mythol.  der  Gr.  u.  B.  nachgewiesen. 
Wenn  Astarte  gehörnt  oder  mit  dem  Attribut 
der  Mondsichel  dargestellt  (s.  Astarte u.  vgl. 
Gen.  14,  5.  Sanchon.  fr.  ecl.  Orelli  p.  34.  Eclc- 
hel,  Hoctr.  num.  1,  3 , 369ff.  v.  Baudissin, 
Sind.  z.  Semit.  Bel.  2,  264  u.  in  Herzogs  Enc. 

1 , 72 1 f.)  und  als  avgßcoyog  des  Sonnengottes 
Baal  verehrt  wurde  {v.  Baudissin  in  Herzogs 
Enc.  1 , 720  u.  723) , so  scheint  auch  dies 
direkt  aus  ihrer  Mondbedeutung  zu  folgen. 
In  einer  von  Oppert  mitgeteilten  Beschwö- 
rungsformel endlich  wird  Istar  geradezu  die 
Erhell  er  in  der  Nächte  genannt  {Bosclier 
a.  a.  O.  S.  20). 

2)  Wie  schon  oben  angedeutet  wurde,  waren 
die  genannten  Mondgöttinnen  zugleich,  so  viel 
wir  wissen,  die  Förderinnen  aller  weib- i 
liehen  und  überhaupt  aller  animali- 
schen und  vegetativen  Fruchtbarkeit. 
Hierher  gehört  vor  allen  Dingen  der  babyloni- 
sche Name  Mylitta  oder  Moledeth,  welcher 
geradezu  die  G ebärenmachende  bedeutet 
{Hunclcer,  Gesch.  d.  Alt.3  1,  220),  ferner  die 
Rolle,  welche  die  altchaldäische  Istar  in  einem 
von  Schräder  {Höllenfahrt  d.  Istar  1874)  be- 
handelten Hymnus  spielt,  wo  sie  als  Göttin 
der  Fruchtbarkeit  auftritt,  insofern  bei  ihrem  i 
Hinabsteigen  in  die  Unterwelt  alle  Zeugung 
und  Befruchtung  aufhört  (vgl.  Haug , Beil.  z. 
Augst.  Allgem.  Ztg.  1875.  S.  1092  u.  Herzogs 
Bealenc.  1,  721).  Sicherlich  hängt  mit  dieser 
Funktion  auch  die  für  Kypros , Karthago, 
Babylon  u.  s.  w.  bezeugte  Sitte  des  Opfers  der 
.Jungfrauschaft  und  mancher  andere  anstöfsige 
Gebrauch  auf  das  innigste  zusammen  {Herod. 


Aphrodite  (orient.)  392  j 

1,  93.  94.  196.  199.  Strab.  745.  Iust.  18,  5. 
21,  3.  August,  c.  D.  2,  4.  2,  26.  4,  10.  Luc. 

D.  S.  6.  Athen.  572f'.  Lactant.  1,  17.  Val. 
Max.  2,  6,  15.  Vgl.  oben  u.  Adonis  S.  74f. 
Herzogs  Bealenc.  1 , 724.  Hunclcer  a.  a.  O. 
349).  Eine  interessante  kyprische  Legende 
von  der  sog.  ’A.  ncegccKVTtzovGa  {Venus  pro- 
spiciens) , welche  wahrscheinlich  auf  den  ur- 
sprünglichen . Antagonismus  der  griechischen 
i Kolonisten  auf  Kypros  gegen  den  phönizischen 
Astartekultus  zurückzuführen  ist,  s.  oben  u. 
Anaxarete. 

Überhaupt  scheint  die  orientalische  Aphro- 
dite vorzugsweise  eine  Göttin  der  Frauen 
und  von  diesen  verehrt  gewesen  zu  sein.  Inbetreff 
der  vielfach  erwähnten  obseönen  Gebräuche  in 
ihrem  Kultus  wird  hier  und  da  hervorgehoben,  j 1 
dafs  auch  verheiratete  Frauen  an  ihnen  teil- 
genommen hätten  {Val.  Max.  a.  a.  0.  August.  ' * 
i G.  H.  2,  26.  Hunclcer  a.  a.  0.  349.  Herzogs 
B.  1 , 724).  Besonders  eifrige  Verehrerinneh 
der  Göttin  waren  aber  die  Hetären  (2.  Kön.  . j 
23,  7.  Aug.  C.  H.  2,  26),  die  mehrfach  gera- 
dezu als  ihre  Hierodulen  auftreten. 

Berühmt  waren  namentlich  die  Hierodulen 
vom  Berge  Eryx  und  von  Korinth,  wo  schon 
in  den  frühesten  Zeiten  pliönizischer  Einüufs 
nachweisbar  ist  {v.  Baudissin , Stud.  2,  174. 
198.  201).  „In  Korinth  hatte  Aphrodite  in  den 
besten  Zeiten  der  Stadt  über  tausend  solcher 
Mädchen  in  ihrem  Dienst,  welche  dem  Frem- 
den ebenso  gefährlich  waren,  als  sie. dem  Got- 
tesdienste Glanz  und  Ansehen  verliehen.  Hat- 
ten doch  auch  sie  in  der  Not  der  Perserkriege  | 
durch  brünstiges  Gebet  zu  ihrer  Göttin  zum 
Woble  der  Stadt  mitgewirkt,  wie  dieses  hei--  i 
nach  von  der  Stadt  dankbar  anerkannt  wurde, 
und  hat  doch  selbst  die  Muse  Pindars  es  nicht 
verschmäht,  den  Dienst  der  Mädchen  mit  zier- 
lichen Worten  zu  verherrlichen,  als  ein  vor- 
nehmer Korinthier  nach  einem  Siege  in  Olym- 
pia der  Aphrodite  seiner  Vaterstadt  eine  An- 
zahl davon  geweiht  hatte  {Athen.  13,33.  Strab. 

8,  378.  Alkiphr.  3,  60).  Im  Dienste  der  ery- 
cinischen  Venus  auf  Sicilien  aber  hat  dasselbe 
Institut  sich  bis  in  die  Zeiten  der  Römer  er- 
halten, welche  jenen  Gottesdienst  auch  in  die- 
ser Hinsicht  unter  ihren  mächtigen  Schutz 
nahmen“  {Strab.  6,-272.  Hiod.  4,  83.  Cie.  in 
Q.  Gaec.  div.  17.  Vgl.  Preller,  gr.  ML  1,  285. 
Welcher,  Götterl.  1,  670.  2,  712.  Hermann, 
Gottesd.  Altert.  20,  16). 

Dafs  die  orientalische  Aphrodite  überhaupt 
als  Göttin  aller  animalischen  und  vegeta- 
tiven Fruchtbarkeit  gedacht  wurde,  scheint 
aus  folgenden  Thatsachen  hervorzugehen.  Auf 
dem  Eryx  glaubte  man,  dafs  die  Göttin  an  je- 
dem Morgen  durch  Tau  und  frischen  Gras- 
wuchs alle  Spuren  der  auf  ihrem  unter  freiem 
Himmel  errichteten  Hauptaltare  dargebrachten 
Brandopfer  wieder  vertilge  {Aelian  N.  A.  10, 

50,  vgl.  Tue.  II.  2,  3.  Pervigil.  Ven.  15).  Da 
der  Tau , wie  schon  oben  bemerkt , als  eine 
Wirkung  des  Mondes  (oder  Venussternes)  be- 
trachtet wurde  und  in  den  südlichen  im  Som- 
mer fast  ganz  regenarmen  Ländern  das  Ge- 
deihen der  Vegetation  hauptsächlich  vom  Tau 
abhängt , so  kann  man  auch  in  diesen  beiden 


393  Aphrodite  (orient.) 

Zügen  direkte  Beziehungen  zum  Monde  er- 
blicken. Hierher  gehört  die  Paphische  Sitte 
der  Göttin  Gärten  zu  heiligen  ( A . leQoynqnU ;; 
v.  Baudissin  a.  a.  0.  2,  210)  und  die  Rolle, 
welche  Astarte- Aphrodite  im  Mythos  von  Adonis 
(s.  d.)  spielt.  Die  karthagische  Virgo  caelestis 
galt  sogar  als  Wetter-  und  Regengöttin  ( plu - 
viarum  pollicitatrix  Tert.  Apol.  23) ; auf  kartha- 
gischen Kaisermünzen  führt  sie , auf  einem 
rennenden  Löwen  sitzend,  in  der  Rechten  den 
Blitz,  in  der  Linken  die  Lanze,  während  ,,ein 
Fels  neben  ihr,  aus  welchem  Wasser  hervor- 
quillt, an  den  Segen  der  Höhe  erinnert,  um 
den  sie  in  Karthago  angegangen  wurde“  ( Prel- 
ler',  R.  M.3  2,  407).  Diese  Anschauung  mag  mit 
dem  im  Altertum  verbreiteten  Gedanken  Zu- 
sammenhängen, dafs  der  Mond  das  Wetter 
beeinflusse  und  Regen  oder  Sturm  anzeige 
[Verg.  Geo.  1,  427 ff.  Aratus  Diosem.  4 6 ff.  Plin. 
n.  h.  18,  35,  79.  Vgl.  Roscher,  Hermes  d.  Wind-  2 
gotti&u.  101).  So  erklärt  sich  wohl  auch  die 
Auffassung  der  orientalischen  Aphrodite  als 
Glücksgöttin  (Fortuna  Caeli;  vgl.  Preller , R. 
M.s  2,  407.  Gr.  M.2  1,  281;  — Ascliera  = die 
Glückliche,  Beglückende:  Herzogs  II.  1,  723) 
und  die  Bezeichnung  des  besten  Wurfes  im 
Würfelspiel  mit  dem  Namen  der  Aphrodite 
[Becker  ',  Gallus  3,  329).  Zugrunde  liegt  wohl 
die  Vorstellung,  dafs  die  das  Wetter  beherr- 
schenden Gottheiten  auch  das  menschliche 
Schicksal  leiten  (vgl.  Roscher,  Hermes  83  ff. 
App  ul.  M.  11,  1). 

3)  Schon  die  orientalische  Aphrodite  scheint 
ebenso  wie  die  griechische  deutliche  Beziehun- 
gen zum  Wasser  oder  feuchten  Element  gehabt 
zu  haben.  „Nach  einer  von  Nigidius  Figulus  bei 
Schol.  German.  Arat.  v,  243  und  Ampelius  lih. 
\mem.  2,  S.  3,  35  W.  erhaltenen  Legende  fan- 
den die  Fische  ein  grofses  Ei  im  Euphrat, 
welches  sie  ans  Ufer  schoben,  wo  es  von  einer 
Taube  ausgebrütet  wurde.  So  sei,  heifst  es, 
die  syrische  Venus  entstanden,  eine  gute  und 
gnädige  Göttin,  welcher  dm  .Menschen  sehr 
viele  Wohlthate'n  verdanken.“  Überhaupt  hiel- 
ten einige  diese  Göttin  für  das  feuchte  Prinzip 
in  allen  natürlichen  und  für  das  gute  in  allen 
menschlichen  Dingen  ( Plutarch  vita,  Crassi  17). 
Zu  Hierapolis  in  Syrien  war  nach  Lucian  [de 
dea  Syr.  46  f.)  ein  heiliger  Teich  mit  einem 
Altar  in  der  Mitte,  zu  welchem  täglich  viele; 
hinzuschwammen,  um  ihn  zu  bekränzen;  an 
dem  Teiche  wurde  ein  Fest  gefeiert,  bei  wel- 
chem man  die  Götterbilder  ans  Wasser  trug. 
Wie  in  Hierapolis  Hauptgottheit  die  Atargatis 
(=  Astarte)  war , so  hatte  auch  die  in  dem 
philistäischen  Askalon  verehrte  Derketo  (= 
Atargatis)  einen  grofsen  und  tiefen  See  in  der 
Nähe  ihres  Tempels;  dieser  See  war  wie  der 
von  Hierapolis  voller  Fische  ( Diod . Sic.  2,  4, 

2.  Aelian.  h.  n.  12,  2).  In  diesen  See  sollte  i 
nach  einer  späteren  euhemeristischen  Erzäh- 
lung Derketo  sich  gestürzt  haben;  sie  wurde 
bis  auf  das  Antlitz  in  einen  Fisch  verwandelt. 
Nach  einer  andern  Angabe  hatte  ein  Fisch  die 
Derketo  aus  einem  See  gerettet  oder  sie  war 
mit  ihrem  Sohne  in  den  See  bei  Aska- 

’on  versenkt  worden  zur  Strafe  für  ihren  Über- 
mut. Auf  den  Kult  der  Derketo  gehen  auch 


Aphrodite  (orient.)  394 

zurück  die  abendländischen  Erzählungen  von 
Aphrodite  oder  Diana,  welche  mit  ihrem  Sohne 
Eros  sich  ins  Wasser  (den  Euphrat)  gestürzt 
habe  und  in  einen  Fisch  verwandelt  worden 
sei  (s.  die  von  v.  Baudissin  in  Herzog-Plitt, 
Realenc.  unter  Atargatis  gesammelten  Belege 
und  aufserdem  denselben  in  Studien  etc.  2, 
165.  Preller,  Ii.  M.3  2,  396ff.). 

Den  Grund  für  alle  diese  Vorstellungen 
i müssen  wir  wieder  in  der  ursprünglichen  Mond- 
bedeutung der  orientalischen  Aphrodite  er- 
blicken ; denn  der  Mond  galt  vielfach  als  Tau- 
spender und  Prinzip  lebenschaffender  Feuch- 
tigkeit (v.  Baudissin  a.  a.  0.  2,  151  ff.  Roscher, 
Juno  und  Hera  S.  17 , Anm.  12).  Auch  der 
wahrscheinlich  phönizische  Mythus  von  der 
Geburt  der  Aphrodite  aus  dem  Meere,  sowie 
die  der  Aphrodite  svnloi-ce , nsluyia  zugrunde 
liegende  Vorstellung  gehört  wohl  hierher  (vgl. 
namentlich  die  schöne  Legende  vom  Polychar- 
mos  b.  Athen.  675  f.  u.  Achill.  Tat.  1,  1,  2). 
Den  schon  frühzeitig  weite  Seefahrten  unter- 
nehmenden Phöniziern  wird  die  Wichtigkeit 
der  Gestirne  für  die  Orientierung  auf  dem 
Meere  und  der  Einflufs  des  Mondes  auf  Ebbe 
und  Flut  ebenso  wenig  wie  den  Griechen  ent- 
gangen sein  (vgl.  Arist.  de  mu.  4.  de  mirab. 
ausc.  55.  Plin.  n.'h.  2,  212).  Auch  die  in  der 
semitischen  wie  in  der  griechischen  Mytholo- 
gie vorkommende  Vorstellung,  dafs  der  Mond 
ebenso  wie  die  Sonne  und  die  Sterne  aus  dem 
Meere  (Okeanos)  aufsteige,  mag  jenen  Ideen 
mit  zugrunde  liegen  (vgl.  v.  Baudissin,  Stud. 
2,  183f.  Preller,  gr.  Myth.2  1,  340.  347.  1). 

4)  Wie  aus  dem  neuerdings  so  berühmt  ge- 
wordenen von  Oppert  und  Schräder  [Höllenfahrt 
d.  Istar.  1874;  vgl.  Delitzsch  in  G.  Smiths 
Chalcl.  Genesis,  deutsche  Ausg.  1876.  S.  203  u. 
313)  behandelten  Hymnus  auf  die  Istar,  sowie 
aus  dem  Mythus  von  Adonis  (s.  oben  S.  72) 
hervorgeht,  gab  es  eine  Sage,  wonach  die  orien- 
talische Aphrodite  in  die  Unterwelt  oder  das 
Totenreich  hinabsteigend  gedacht  wurde. 
Vielleicht  hängt  damit  die  Thatsache  zusam- 
men, dafs  auf  Cypern  das  Grab  der  Aphrodite 
gezeigt  wurde  [Preller,  gr.  MJ  1,  275).  Wahr- 
scheinlich erklärt  sich  diese  Vorstellung  aus  dem 
zeitweiligen  spurlosen  Verschwinden  des  Mon- 
des an  den  Tagen  des  Mondwechsels  und  bei 
Verfinsterungen,  die  auf  alle  Naturvölker  einen 
Entsetzep  erregenden  Eindruck  zu  machen 
pflegen. 

5) .  Mehrfach,  z.  B.  in  Cypern,  Babylo- 
nien und  Karthago  stellte  man  sich  Aphro- 
dite (Astarte)  mit  einer  Lanze  oder  einem 
Blitze  oder  auch  mit  einem  Köcher  und  Bogen 
bewaffnet  vor  [Welcher,  G.  1,  669f,  Preller, 
gr.  MI  1,  267  f. , röm.  31. 3 2,  407  Fr.  Delitzsch, 
in  Smiths  Chald.  Genesis,  deutsche  Ausgabe 
(1876)  S.  272.  v.  Baudissin  in  Herzog-Plitt, 
Realenc.  f.  prot.  Theol.  1 , 721.  Vgl.  1.  Sam. 
31,  10).  Das  erklärt  sich  ebenso  wie  die  Be- 
waffnung der  Artemis,  Diana  und  des  Apollon 
einfach  aus  dem  nahe  liegenden  Vergleiche 
der  Mond-  und  Sonnenstrahlen  mit  Pfeilen  oder 
Lanzen,  sowie  aus  dem  oben  berührten  Einflüsse 
auf  das  Wetter,  welchen  man  dem  Monde  zu- 
schrieb (vgl.  Roscher,  Juno  u.  Hera  29). 


395 


Aphrodite  (in  Hellas) 

6)  Kultu  s.  Im  Kultus  waren  der  orientali- 
schen Aphrodite  von  Tieren  der  Widder,  der  Zie- 
genbock (s.  S.  419),  das  Rebhuhn,  die  Taube  (S. 
409),  die  Purpurmuschel  und  gewisse  Fische, 
von  Pflanzen  die  Cypresse,  Myrte  und  Granate 
geheiligt  ( Duncker , Gesell,  d.  Alt.3  l,-348f.  Prel- 
ler, gr.  M ,s  1,  290ff.  Welcher,  G.  2,  716.  v. 
Baudissin,  Stud.  2,  181  f.  192.  197.  199.  208  ff.). 
Die  Taube  galt  im  Altertum  bekanntlich  für 
das  fruchtbarste  und  zärtlichste  Geschöpf  (s. 
Lenz,  Zoologie  d.  Gr.  u.  E.  351  ff.).  Die  an- 
geführten Pflanzen  dagegen  wurden  zur  Be- 
reitung von  Arzneien,  welche  Störungen  der 
menschlichen  Fruchtbarkeit  heilen  sollten,  ge- 
braucht (Plin.  n.  h.  23,  107  ff.  28,  102.  24, 

14ff.  23,  160ff.).  Zu  Paphos  scheint  man  auch 
vom  Himmel  gefallene  S.teine  (Meteorsteine) 
der  Aphrodite  geweiht  zu  haben ; wenigstens 
zeigen  kyprische  Münzen  einen  von  Leuchtern 
und  Fackeln  umgebenen  pyramiden-  oder  kegel-  2( 
förmigen  Stein  (s.  unten  S.  407  u.  vgl.  Preller  Gr. 
AI.2  1,  291),  den  v.  Baudissin  (St.  2,  220)  ge- 
wifs  mit  Recht  als  einen  nach  dem  Glauben  der 
Alten  aus  dem  Monde  gefallenen  Meteorstein 
ansieht.  Endlich  scheint  Aphrodite  schon  bei 
den  Phönikern  hie  und  da  auf  Bergen  verehrt 
worden  zu  sein  (v.  Baudissin , Stud.  2,  262). 
Vgl.  in  betreff  der  orientalis'chen  Aphrodite  na- 
mentlich den  Artikel  Astarte , ferner  Movers, 
Phon.  1,  559ff.  601  ff.  Stark,  Gaza  258ff.  v.Bau-  3' 
dissin  bei  Herzog- Plitt,  Encyclop.  1,  719ff.  (wo- 
selbst S.  725  eine  reichhaltige  Litteraturüber- 
sicht  gegeben  ist) , Sclilottmann  bei  Eiehm, 
Handwörterb.  unter  Astarte.  Duncker,  Gesell, 
d.  Alt.3  1,  220,  348ff.  Meitzer,  Gesell,  d.  Kar- 
thager 1,  129  u.  476. 

b)  Die  orientalische  Aphrodite  bei 
den  Griechen. 

Diese  soeben  in  ihren  wesentlichsten  Funk- 
tionen behandelte  orientalische  Göttin  hat  be-  4 
reits  in  so  früher  Zeit  bei  den  .Griechen  Ein- 
gang gefunden  und  ist  von  diesen  in  dem 
Grade  hellenisiert  worden , dafs  sie  schon  in 
den  homerischen  Gedichten  fast  ganz  den  Ein- 
druck einer  echtgriechischen  Gottheit  macht. 
Dennoch  war  in  homerischer  Zeit  das  Be- 
wufstsein  von  der  ausländischen  Abkunft  der 
Göttin  noch  keineswegs  erstorben,  wie  schon 
aus  den  Namen  und  Beinamen  Kvngig  (II.  5, 
330.  422.  760.  883),  Kvngoysvrig,  Kvngoysvsia  5 
(Hesiod.  Th.  199.  Panyasis  b.  Athen.  2,  3),  Ku- 
nglet (Find.  Oh  1,  75.  N.  8,  7)  und  aus  der 
besonderen  Hervorhebung  ihres  Kultus  zu  Pa- 
phos (Od.  8,  362.  Hy.  in  Ven.  58,  59,  66,  292) 
erhellt,  wovon  sie  auch  geradezu  IhxepCcc  hiefs. 
Ein  zweiter  Hauptausgangspunkt  ihres  Dien- 
stes war  die  Insel  Kythera  (Kv&yga  u.  Kv&rj- 
grj),  ebenfalls  eine  schon  sehr  frühzeitig  wegen 
der  daselbst  ergiebigen  Purpurschneckenfische- 
rei gegründete  Kolonie  der  Phöniker  (Bur-  ( 
sian,  Geogr.  v.  Gr.  2,  140),  von  der  die  Göt- 
tin schon  bei  Homer  den  Namen  Kv&sqsux 
führt  (Od.  8,  288.  18,  193.  Vgl.  II.  15,  432. 
Hom.  II.  10,  1).  Teils  von  diesen  beiden  In- 
seln , teils  von  anderen  schon  in  ältester  Zeit 
in  Hellas  gegründeten  phönikischen  Kolonieen 
aus  scheint  sich  bereits  in  vorhomerischer  Zeit 
der  Aphroditekultus  über  ganz  Hellas  nach 


Aphrodite  (Mondgöttin)  396 

Lemnos , Lesbos,  Böotien,  dem  Peloponnes, 
nach  Korinth  u.  s.  w.  verbreitet  zu  haben, 
während  die  westlichen  Ivolouieen  Griechen- 
lands in  Italien  und  Sicilien  vorzugsweise  von 
den  punischen  Niederlassungen  daselbst  be- 
einflufst  wurden.  Die  berühmtesten  Kulte  der 
karthagischen  Astarte  befanden  sich  bekannt- 
lich in  Karthago  selbst,  in  Panormos  und  auf 
dem  Eryx  (Aphrodite  ’Egvxlvw,  Venus  Erycina). 
Vgl.  über  die  Verbreitung  des  Aphroditekultus 
in  Griechenland  Preller,  gr.  M.2  1,  260f.  Ger- 
hard, Mytliol.  § 360  ff.  Scheiffele  in  Paulys  Bedi- 
ene. 6,  2,  2452.  Wir  wenden  uns  nunmehr  zu 
den  Funktionen  der  hellenisierten  Aphro- 
dite, welche  wir  im  genauen  Anschlufs  an 
die  im  vorigen  Abschnitt  nachgewiesenen  j 
Grundideen  der  orientalischen  Göttin  behan- 
deln wollen. 

1)  Von  direkten  Bezügen  der  Aphrodite  zum 
Monde  lassen  sich  in  der  griechischen  Mytho- 
logie nur  verhältnismäfsig  wenige  nachweisen. 
Der  Grund  davon  ist  wohl  in  folgenden  beiden 
Thatsachen  zu  suchen,  erstens  dafs  die  Grie- 
chen, als  sie  die  orientalische  Aphrodite  ken- 
nen lernten , bereits  mehrere  Mondgöttinnen 
(Hekate , Artemis , Selene)  besafsen  und  zwei-  - 
tens,  dafs  die  ursprüngliche  Bedeutung  dev 
Aphrodite  schon  im  Oriente  selbst  so  sehr  ver-l  /, 
blafst  war,  dafs  sie  hinter  den  übrigen  Funk-  1 
tionen  notwendiger  Weise  stark  zurücktreten  I 
mufste.  Eine  deutliche  Beziehung  zum  Monde  i 
dürfte  zunächst  in  den  Beinamen  naoicpdeoGu 
Tcacicpäg,  nccoicpctrjg  (Arist.  Mirab.  133.  Io  t 
Lyd.  de  mens.  44  p.  214  R.  Man.  3,  346  R. ; vgl 
auch  Paus.  3,  26,  1)  zu  erblicken  sein,  zuma) 
da  nayepagg,  naßicparig  auch  von  dem  Sonnen 
gott  Helios,  der  Mondgöttin  Artemis  und  vor 
den  Sternen  gebraucht  wird.  Ferner  gehört,  (■ 
unzweifelhaft  der  schöne  sinnige,  vielleicht 
auch  ursprünglich  phönikische  Mythus  vor 
Phaetlion  (s.  d.  und  vgl.  v.  Wilamowitz  in 
Hermes  1883  S.  416 ff.),  dem  schönen  jugend-  < 
liehen  Sohne  der  Eos  (Hemera)  und  des  Kepha 
los,  hierher,  den  Aphrodite  seinen  Eltern  ent- 
führt und  zum  nächtlichen  Aufseher  ihres  fl 
Tempels  (d.  i.  des  Himmels)  gemacht  hat  (Hes 
Th.  986  ff'.  Ders.  b.  Paus.  1,  3,  1,  wo  Aphro 
clite  ausgefallen  ist.  Hyg.  A.  2 , 42).  Da  I 
unter  Phaetlion  zweifellos  der  Venusstern  za 
i verstehen  ist,  welcher  neben  dem  Monde 
am  Himmel  als  leuchtendstes  Gestirn  zt 
stehen  pflegt,  so  wird  man  auch  hierin  eint 
direkte  Beziehung  zum  Monde  erblicken  dür- 
fen. Übrigens  hiefs  derselbe  Stern  nach  Arist 
de  mu.  2.  Tim.  Locr.  96  e.  Plotin.  p.  64‘. 
Ox.  auch  ’AcggoSirgg  oder  r’Hgug  dazyg ; mai 
hielt  ihn  ebenso  wie  den  Mond  für  tauspen- 
dend und  befruchtend  (Plin.  n.  li.  2,  37.  V erg  \ 
Aen.  8,  589.  Anthol.  lat.  1023,  11.  17.  1167 
i 7)  und  betrachtete  seinen  Aufgang  als  da: 
Signal  zu  Vermählungen  und  Liebeszusammen 
künften  (vgl.  Anthol.  gr.  cd.  Br.  3,  75,  13.  3 
113,  9.  Sapph.  fr.  133B.  Bion.  9.  Gatull.  62 
Himer,  or.  13,  9.  V erg.  cd.  8,  30  u.  Serv.  z 
d.  St.  Fest.  s.  v.j oatrimi).  Dieser  Stern  schein 
_ schon  im  Mythus  der  orientalischen  Aphrodite 
eine  bedeutende  Rolle  gespielt  zu  haben.  Auel 
die  Beinamen  ’Aßzegict  (Grameri  Anecd.  Paris 


397  Aphrodite  (G.  d.  Fruchtbarkeit) 

1,  318.  Welcher,  G.  1,  073)  und  Ovoaviu  wird 
man  wohl  am  besten  auf  die  Mondgöttin 
Aphrodite  beziehen.  Letzterer  dürfte,  wie  schon 
oben  angedeutet  wurde,  ursprünglich  nur  die 
' Übersetzung  eines  phönikischen  Namens  sein 
(vgl.  die  Himmelskönigin  bei  Jeremias  und  die 
Virgo  caelestis  in  Karthago).  Auf  Grund  des 
Namens  Urania  entwickelte  sich  wahrschein- 
lich der  Mythus  von  der  Entstehung  der  Aphro- 
dite aus  den  ins  Meer  gefallenen  Schamteilen 
des  Uranos  ( Hes . Theog.  190)  oder  von  ihrer 
Abstammung  von  Caelus  und  Hemera  (Cic.  N. 
B.  3,  59). 

2)  Aufserordentlicli  reich  entwickelt  ist  im 
Mythus  der  griechischen  Göttin  die  Funktion 
einer  Förderin  der  weiblichen  und  überhaupt 
aller  animalischen  und  vegetativen 
Fruchtb  a r k e i t , wie  sie  sich  vorzugsweise  in 
der  schönsten  Zeit  des  Jahres , im  Frühlinge 
äufsert.  Am  schönsten  schildert  das  Wesen 
dieser  Frühlingsgöttin  der  Homerische  Hym- 
nus auf  Aphrodite  (5,  3 ff.  u.  09  ff).  Hier  er- 
scheint sie  als  eine  alles  Lebendige  in  Luft 
und  Wasser,  Menschen  und  Tiere,  ja  sogar  die 
Götter  beherrschende  Göttin,  welcher,  als  sie 
ihren  geliebten  Ancliises  auf  dem  Ida  besucht, 
Wölfe,  Löwen  und  Panther  paarweise  huldi- 
gen , alle  dem  süfsen  Triebe  der  Liebe  fol- 
gend. Denn  die  Liebe  ist  in  diesem  Mythus 
im  Grunde  nichts  anderes  als  der  auf  Frucht- 
barkeit gerichtete  Trieb  der  Menschen , Tiere 
und  Pflanzen.  Alles  Treiben  und  Werden,  so- 
wohl der  vegetativen,  als  der  animalischen 
Natur  legt  Aphrodite  sich  bei  in  Versen  aus 
den  Danaiden  des  Aiscliylos  (fr.  43  cd.  N.), 
die  so  sinnreich  und  schön  sind,  dafs  ich  nicht 
umhin  kann  sie  hierherzusetzen: 

sqü  glv  ayvog  ovgavbg  zQcaGcu  x&ova, 
SQag  de  yaiav  lagßdvsi  ydfiov  zv%siv, 
bfißgog  d an  svvdsvzog  ovQctvov  nsaaiv 
t'y.vcs  yaiav  r\  dl  zinzszai  ßgozoig 
(irjlcov  zs  ßoGv.ag  Hat  ßiov  ArjugzQiov 
äsvdQcözig  copa  d’  7h  voxi^ovxog  yagov 
zsksibg  tazi.  rav  d’  eycb  nagaiziog. 

Ähnlich  feiert  Lukrez  in  den  begeisterten 

(Eingangsworten  seines  philosophischen  Gedich- 
tes die  Macht  der  grofsen  Liebesgöttin  im  Be- 
reiche der  ganzen  organischen  Natur  (cpvGig), 
und  viele  -andere  Dichter  sind  ihm  gefolgt 
von  Vergil  und  Ovid  an  bis  herab  zu  den 
Orphikern  (vgl.  die  Stellen  b.  Preller  1,  204 
u.  Welclcer,  G.  2,  VOOff).  Aber  bereits  die 
älteren  Dichter  und  Philosophen,  namentlich 
Hesiod,  Parmenides  und  Empedokles,  hatten  die 
allgewaltige  Göttin  gepriesen,  die  fruchtbare 
Liebesgöttin,  der  schon  beim  ersten  Betreten 
des  festen  Bodens  , bald  nach  ihrem  Empor- 
tauchen aus  dem  Meere,  üppiges  Gras  unter 
den  Füfsen  emporspröfst  (lies.  Th.  194.  Ath. 
600.  Plat.  Symp.  178  B).  „In  einem  Chorliede 
der  Medeia  des  Euripides  haucht  Aphrodite, 
aus  des  Kephissos  Wellen  schöpfend,  die  Flur 
an  mit  lieblicher  Lüfte  sanft  gemischtem  We- 
hen, mit  Rosen  im  Haar  geschmückt,  zugleich 
aber  hier  aussendend  die  der  Weisheit  gesell- 
ten zu  allerlei  Tugend  wirkenden  Eroten  ( Eit- 
rip. Med.  830 ff).  Und  im  Hippolyt  (447)  _ sagt 
Euripides  von  ihr:  sie  wallt  durch  den  Äther 


Aphrodite  (G.  d.  Fruchtbarkeit)  398 

und  in  den  Meereswogen,  alles  entsteht  durch 
sie,  sie  ist  es,  welche  säet  und  welche  Liebe 
eingiebt.“  Auf  die  Göttin  der  vegetativen 
Fruchtbarkeit  beziehen  sich  wohl  die  Beina- 
men £slöa>Qog,  riniodcoQog,  svxagnog  und  dcüQi- 
zig.  Aphrodite  ist  ferner  „die  Göttin  der  Gär- 
ten, der  Blumen,  der  Lusthaine,  die  reizende 
Göttin  des  Frühlings  und  der  Frühlingslüfte.“ 
Ihr  war  besonders  der  Frühling  geweiht ; zur 
Nachtzeit  bei  Mondenschein  dachte  man  sie 
sich  im  Frühling  ihren  Reigen  anführend 
(Hör.  ca.  1,  4,  5);  ihre  vornehmsten  Feste 
scheinen  Frühlingsfeste  gewesen  zu  sein  (K.  Fr. 
Hermann,  Gottesd.  A.  52,  30).  Man  verehrte 
Aphrodite  häufig  in  Gärten  und  feuchten, 
üppige  Vegetation  erzeugenden  Niederungen 
gleich  Artemis  und  den  Nymphen.  So  hiefs 
sie  in  Paphos  iSQO-/.rjitig ; in  Athen  ist  von  ei- 
ner Urania  sv  nrinoig , zu  Samos  von  einer 
Aphrodite  sv  naldgoig  oder  sv  slsi  die  Rede 
(vgl.  Strab.  8,  343.  Athen.  13,  31).  „Anders- 
wo wurde  sie  im  Schmucke  der  Blumen  als 
av&sia  verehrt  ( Preller 2 1,  271,  2),  und  immer 
ist  sie  mit  Blumen  bekränzt , die  durch  sie 
gedeihen  und  blühen,  vor  allen  mit  Myrten 
und  Rosen,  den  Blumen  der  schönsten  Jahres- 
zeit.“ Ein  überaus  häufiges  Attribut  der  Aphro- 
dite in  der  älteren  Kunst  ist  die  Blüte  (s.  un- 
ten Aphrodite  in  der  Kunst).  Eine  ganz  be- 
sonders innige  Beziehung  der  Aphrodite  zur 
Vegetation  des  Frühlings  verrät  der  schöne 
tiefsinnige  Mythus  von  Adonis  (s.  d.).  Wenn 
ferner  die  Horen  häufig  der  Aphrodite  ge- 
sellt erscheinen,  z.  B.  zu  Olympia  (Paus.  5, 
15,  3.  Hom.  hg.  6,  5),  so  deutet  dies  eben- 
falls auf  Aphrodites  Beziehungen  zum  Früh- 
ling und  zur  Fruchtbarkeit  der  Vegetation  hin. 
„Stasinos  aus  Cypern  läfst  der  Aphrodite,  die 
auf  dem  Ida  für  Paris  sich  schmückt,  die  Ho- 
ren und  die  Chariten  farbige  Kleider  anlegen, 
getaucht  in  die  Fülle  der  Frühlingsblumen  und 
vom  Dufte  sämtlicher  Horen  durchhaucht.  An 
einer  andern  Stelle  des  reizenden  Gedichts 
winden  Aphrodite  und  ihre  Dienerinnen,  Nym- 
phen und  Chariten , duftige  Kränze  aus  den 
Blumen  der  Erde  unter  schönem  Gesang  im 
quellenreichen  Gebirge  des  Ida“  (vgl.  Epic.  gr. 
fr.  ed.  Kinkel  p.  22  f.). 

Aber  nicht  blofs  die  vegetative,  sondern  auch 
die  animalische  Fruchtbarkeit  und  der 
mit  dieser  zusammenhängende  Gesell  lechts- 
trieb  wurde  auf  die  Aphrodite  zurückgeführt, 
wie  dies  in  den  schon  angeführten  herrlichen 
Versen  des  homerischen  Hymnus,  sowie  in  dem 
HesiodischenMytlius  von  der  cpdoggriär'ig  Aphro- 
dite (Hes.  Th.  200)  angedeutet  ist.  Darum 
waren  der  Aphrodite  besonders  die  durch  star- 
ken Geschlechtstrieb  und  Fortpflanzungsfähig- 
keit ausgezeichneten  Tiere,  wie  die  Taube,  die 
Gans,  das  Rebhuhn,  der  Sperling,  der  Ziegen- 
bock , der  Widder , das  Kaninchen  und  der 
Hase  (s.  d.  Bild  S.  399)  geheiligt  (vgl.  Wel- 
cher, G.  2,  710 ff.  Preller,  gr.  M."  1,  290f.  und 
die  betr.  Stellen  in  Lenz,  Zoologie  d.  Gr.  u. 
Börner.  Gotha  1856). 

Bei  den  Menschen  lieifst  der  Fortpflanzungs- 
trieb, der  das  Band  der  Ehe  knüpft,  Liebe, 
und  darum  ist  Aphrodite  zur  Liebes  - und  Ehe- 


390 


Aphrodite  (G.  d.  Liebe) 

göttin  geworden.  Sehr  schön  sagt  Welcher, 
G.  2,  709:  „Beides  geht  von  ihr  aus,  alles 
Zauberische,  Glückliche,  Quälende,  wodurch 
der  von  Lieblichkeit  ergriffene  Sinn  und  aller 
Drang  des  Verlangens  der  Geniefsliclikeit  und 
mehr  als  tierischen  Begehrlichkeit , wodurch 
die  Sinne  gereizt  und  entflammt  werden.  Sie 


Aphrodite  (G.  d.  Liebe) 


400 


Altertümliche  Aphrodite  auf  e.  Throne  sitzend,  unter 
dem  ein  Hase  (Kaninchen?)  liegt.  Relief  d.  Villa 
Albani  (Müller- Wieseler , D.  a.  K.  2,  Tf.  24  n.  257). 

reicht  von  den  unschuldigsten  reizendsten  Be- 
thörungen und  Gaukeleien  zu  den  innigsten  und 
heiligsten  Banden  unter  Menschen,  zu  himm- 
lischen Gefühlen  und  Ahnungen  hinauf  und  zu 
dem  blofsen  Tier  im  Menschen  und  tief  da- 
runter hinab.“  Die  edlere,  reinere  Liebe,  welche 
zur  Vollendung  in  der  Ehe  (zslog  Q'cdeQOio  ya- 
[ioio)  führt,  vertritt  vorzugsweise  Aphrodite 
OvQccvea,  den  gemeinen  rein  sinnlichen  Trieb 
aber  die  Aphrodite  ndvdryiog.  Diese  Unter- 
scheidung scheint  schon  einer  ziemlich  frühen 
Zeit  anzugehören,  da  mehr-fach,  z.  B.  in  The- 
ben und  in  Athen,  die  Ovqccvlcc  der  Hccrdryiog 
als  eine  erhabenere , edlere  Göttin  ausdrück- 
lich gegenüber  gestellt  wird  (vgl.  Paus.  9,  16, 

2.  Xen.  Symp.  8,  9.  Welcher,  G.  1,  672ff.), 
welcher  Gegensatz  namentlich  von  Platon 
(Symp.  180  D.  und  Hug  z.  d.  St.)  besonders 
betont  worden  ist.  Für  wie  ehrwürdig  z.  B. 
die  Aphrodite  Ovqccvlcc  in  Athen  galt,  geht 
aus  ihrer  Benennung  „älteste  der  Moiren“  deut- 
lich hervor  (Paus.  1,  19,  2.  Vgl.  Orph.  hy.  55). 
Ein  anderer  Beiname  dieser  Aphrodite  war 
’Olvyniu.  Sie  wurde  als  solche  in  Sparta  und 
Sikyon  verehrt,  und  ihre  Priesterinnen  mufsten 
sich  der  gröfsten  Keuschheit  befleifsigen  (Paus. 

3,  12,  9.  2,  10,  4).  Urania  spendet  Eheglück 
nach  einem  schönen  Epigramme  Tlieokrits  (13). 
Als  in  Rom  ein  Bild  der  Venus  nach  den  grie- 
chischen Sibyllinen  eingeweiht  wurde,  wählte 
man  dazu  aus  hundert  erlesenen  Matronen  die 
Sulpicia  aus  (Plin.  7,  35).  Pheidias  bildete  die 
Urania  mit  einer  Schildkröte  unter  dem  Fufse 
ab,  weil  dieses  Tier  ein  Symbol  der  Häuslich- 
keit war  (Paus.  6,  25,  2.  Plut.  pr.  coni.  32. 
Preller,  gr.  M.~  1,  268,  1).  Nach  Artemidor 
2,  37  ist  Aphrodite  Urania  eine  Helferin  zur 
Ehe  (vgl.  auch  II.  5,  429)  und  eine  Göttin  des 


Kindersegens;  sie  wurde  bei  allen  Vermählun- 
gen angerufen  (Diod.  5,  73.  Paus.  2,  34,  11. 
3 , 13 , 6.  Muson.  b.  Stob.  Flor.  67 , 20 ; vgl. 
auch  Empedolcl.  v.  205.  lies.  s.  v.  Qcddywv 
dvaaaa)  und  wachte  über  der  Erfüllung  von 
Eheversprechen , wie  aus  der  Geschichte  von 
Ktesylla  und  Hermochares  (s.  d.)  oder  von  Ky- 
dippe  und  Akontios  (s.  d.)  hervorgeht  (vgl.  An- 
ton. Lib.  1.  Ovid.  Her.  21.  Buttmann,  Mythol. 
io  2, 115  ff'.)-  Die  hierher  gehörigen  Beinamen  der 
Göttin  sind  Aphrodite  Hera  (in  Sparta:  Paus. 

з,  13,6),  Harma  (zu  Delphi:  Plut.  Amat.  23,  7, 
von  uQyo^SLv),  Kurotrophos  (in  Athen:  Plato  b. 
Athen.  10,  58.  Sophokles  ib.  13,  61.  Brunch, 
Anal.  2,  383)  und  Kolias  oder  Genetyllis,  welche 
letztere,  wie  schon  der  Name  lehrt,  eine  Ge- 
burtsgöttin war  (vgl.  Ar.  Nab.  52  u.  Scliol. 
Lys.  2.  Hesych.  Suid.  Paus.  1,  1,  4.  Welcher, 
G.  2,  713,  69  etc.).  Dafs  die  Funktion  der 

20  Aphrodite  Kurotrophos  uralt  ist,  erhellt  schon 
aus  der  Geschichte  von  den  Töchtern  des 
Pandareos,  welche  Od.  20,  67  ff',  erzählt  ist. 
Übrigens  lassen  sich  alle  diese  Funktionen 
auch  bei  anderen  Mondgöttinnen,  z.  B.  bei 
Hera  und  Artemis  nachweisen.  (Roscher,  Juno 

и.  Hera  51  ff'.). 

Im  engsten  Zusammenhänge  mit  diesen  Vor- 
stellungen steht  es,  wenn  Aphrodite  als  Göttin 
der  Liebe  und  ihrer  Genüsse,  als  eine  Her- 
30  rin  über  die  Herzen  sowohl  der  Menschen  als 
der  Götter  gilt,  die  imstande  ist  Abneigung 
oder  Zuneigung  einzuflöfsen,  wie  dies  nament- 
lich aus  ihren  Beinamen  ccyioGzgocpüx  und  sm- 
GzQocpia  (Paus.  1,  40,  5;  9,  16,  2)  hervorgeht. 
Schon  Homer  betont  diese  Seite  im  Charakter 
der  Aphrodite,  wenn  sie  (II.  14,  215)  von  ihrem 
buntgestickten  Busengurt  redet , worin  alle 
ihre  Bezauberungsmittel  sind,  cpdö zyg,  eysgog, 
otxgiGzvg,  nagqxxGig  (vgl.  auch  Hes.  Th.  205 ff), 
40  oder  wenn  er  (ib.  198)  die  Hera  sie  um  die 
Gabe  der  Liebe  anflehen  läfst,  womit  sie  Göt- 
ter und  Menschen  zu  bezwingen  weifs.  Ihren 
Lieblingen  wie  Paris  (II.  3,  54),  Kinyras,  Ai- 
neias,  Phaon  (s.  diese 
Art.)  verleiht  sie  die 
Gabe  zauberischer 
Schönheit  und  ver- 
führerischerLiebens- 
würdigkeit,  während 
so  die  Frauen  die  Macht 
der  Aphrodite  vor- 
zugsweise als  eine 
verderbliche  empfin- 
den, indem  sie  durch 
sie  von  unglücklicher 
Liebesleidenschaft 
heimgesucht  werden 
(vgl.  die  Mythen  von 
Helena,  Ariadne,  Me- 
60  deia,  Pasiphae,  Phai- 
dra  und  andere  von 
Preller,  gr.  MJ  1, 

283  f.  angeführte  Sa- 
gen). Auch  die  Er- 
findung des  Liebes- 
zaubers wurde  der  Aphrodite  zugeschrieben, 
wie  aus  den  Sagen  von  Iason  (Pincl.  Py.  4, 
215  ff.)  und  von  Phaon  (s.  d.)  erhellt. 


Aphroditebüste  im  Louvre 
(Paris):  vgl.  Müller- Wieseler,  D. 
a.  K.  2,  Tf.  24  No.  256. 


401  Aphrodite  (G.  d.  Schönheit)  Aphrodite  (G.  d.  Meeres  etc.)  402 


Natürlich  mufste  eine  solche  Göttin,  welche 
Schönheit  und  Liebreiz  zu  spenden  vermag,  auch 
selbst  als  ein  Ideal  aller  weiblichen  An- 
mut und  Schönheit  gedacht  werden  (in  betr. 
der  Schönheit  d.  M o n d göttin  s.  Roscher,  Stucl.  2, 
36).  Darum  preist  schon  Homerihr  süfses  Lächeln 
(cpdoggeiörig  II.  3,  424.  4,10.  5,  375  u.  ö.),  ihren 
wunderschönen  Hals,  ihre  reizende  Brust,  ihre 
strahlenden  Augen  (II.  3 , 396) , ihre  weifsen 
Arme  (5,  314),  und  spätere  Dichter  überbieten 
sich  förmlich  in  der  üppigen  Ausmalung  ihres 
Bildes,  wobei  sogar  die  feinsten  Details  ihrer 
Toilette  nicht  vergessen  werden  (vgl.  Rom.  hy. 
in  Ven.  86.  hy.  6,  7 — 11.  Od.  18,  192  und  über- 
haupt die  schöne  Darstellung  Prellers,  gr.  M.- 
1,  277f.),  Wenn  ein  schönes  Weib  geschildert 
werden  soll,  so  wird  sie  mit  Aphrodite  vergli- 
chen (II.  9,  389.  24,  699.  Od,  4,  14.  17,  37  ö.). 
Die  Anmut  der  Göttin  liegt  auch  in  dem  schö- 
nen Mythus  von  ihrem  Verhältnisse  zu  den 
Chariten  ausgesprochen,  welche  als  ihre  Die- 
nerinnen gedacht  werden  (II.  5,  338.  Od.  18, 
194).  Die  hierher  gehörigen  Beinamen  sind 
MoQcpcö  (Paus.  3,  15,  8),  yXvuvgslXtxog,  v.cdv- 
nämg,  sXiHoßXscpuQog,  ßcacom'g  (Hesych.),  xQVGsg, 
noh >xQvaog,  xQVGoaticpcevog,  svczecpavog  u.  s.  w. 

Hieran  schliefst  sich  passend  die  Funktion 
der  Aphrodite  als  Göttin  und  Vorsteherin 
I cler  Hetären,  welche,  wie  schon  oben  gezeigt 
worden  ist,  bereits  im  Oriente  vielfach  die 
Bolle  von  Hierodulen  spielten,  ursprünglich  also 
’ religiösen  Zwecken  dienten.  In  Korinth,  wo 
phönizischer  Einflufs  besonders  deutlich  wahr- 
nehmbar ist,  gab  es  zur  Zeit  der  Blüte  mehr 
als  tausend  Hierodulen  (Strabo  378);  viele 
reiche  Männer  setzten  ihre  Ehre  darein , ihre 
schönsten  Sklavinnen  der  Korinthischen  Aphro- 
dite zu  weihen.  „Wie  feierlich  dieser  Gebrauch 
genommen  wurde,  zeigt  ein  Epigramm  des  Si- 
monides  und  das  Skolion  des  Pindar  (fr.  99), 
aufzuführen  im  Tempel  der  Aphrodite  für  Xe- 
nophon , der  ihr  für  den  Sieg  in  Olympia 
.•  schöne  Mädchen  gelobt  hatte,  worin  der  Dich- 
! ter  nach  einem  Eingang  zu  Ehren  eines  sol- 
1 chen  Chors  sich  wundert,  was  die  Herren  des 
Istlimos  sagen  werden  zu  diesem  mit  fgemein- 
i samen  Mädchen’  verknüpften  Anfang“.  In 
Athen  gründete  Solon,  in  der  Absicht  das  He- 
tärenwesen zu  ordnen,  einen  Tempel  der  Aphro- 
dite Pandemos,  d.  i.  der  öffentlichen  oder  all- 
gemeinen Liebesgöttin,  und  weihte  derselben 
eine  Anzahl  öffentlicher  Mädchen,  die  hier  wie 
in  Korinth  sich,  wie  es  scheint,  jedem,  der  es 
wünschte,  zur  Verfügung  stellen  mufsten  (vgl. 
Welcher,  G.  1,  672.  2,  712  f.  Preller,  gr.  M.° 
1,  288,  1.  K.  F.  Hermann,  GotteSd.  Alt.  62,  45). 
Aufserdem  besafs  Athen  noch  einen  Tempel 
der  Aphrodite  Hetaira,  welcher,  wie  Apollodor 
(b.  Athen.  571c.  Phot.  Lex.  s.  v.)  berichtet, 
weibliche  und  männliche  Hetären  versammelte. 
Derselbe  Beiname  kommt  auch  anderwärts, 
z.  B.  zu  Ephesos  und  Samos  vor  (Athen.  572  f.). 
Zu  Abydos  gab  es  eine  Aphrodite  Porne  (Athen. 
ja.  a.  0.).  Noch  andere  hierher  gehörige  Kulte, 
die  zum  Teil  die  widerwärtigsten  Ausschwei- 
fungen verraten,  erwähnt  Welcher,  G.  2, 
714  ff. 

3)  Wie  schon  die  orientalische  Aphro- 


dite , so  hatte  auch  die  hellenische  Göttin 
die  deutlichsten  Beziehungen  zum  Wasser 
oder  zum  Meere,  was,  wie  schon  erwähnt, 
sich  leicht  aus  ihrer  ursprünglichen  Mondbe- 
deutung erklären  läfst.  Bereits Hesiod(Tli.  188ff.) 
kennt  denMythus  von  der  Entstehung  der  Aphro- 
dite aus  dem  Schaume,  der  sich  im  Meere  um 
das  Zeugungsglied  des  Uranos  bildete,  als  Kronos 
dasselbe  nach  der  Entmannung  des  Vaters  her- 
10  abgeschleudert  hatte.  Nach  einer  sehr  ver- 
breiteten Auffassung  soll  sogar  der  Name 
Aphrodite  auf  diesen  Mythus  zurückweisen 
(vgl.  Res.  Th.  195  ff.  u.  Plat.  Krat.  406  C.), 
während  er  in  Wahrheit  wohl  aus  dem  Semi- 
tischen zu  erklären  ist  (Rommel  in  Fleckeisens 
Jahrb.  125  (1882)  Heft  3;  vgl.  jedoch  0.  Gruppe 
in  d,  Philol,  Wochenschr.  1883  S.  1348).  Auch 
nach  dem  homerischen  Hymnus  auf  Aphrodite  (6, 
3 ff.)  wird  sie  im  weichen  Schaume  durch  die 
20  Meereswoge  vom  Westwind  nach  Kypros  getrie- 
ben, wo  sie  die  Horen  aufnehmen  und  schmücken, 
um  sie  zum  Olymp  emporzuführen.  Bion  nennt 
Aphrodite  darum  ein  Kind  des  Zeus  und  der 
See  (10,  1),  und  es  gab  Bildwerke,  welche  die 
personifizierte  See  (Thalassa)  darstellten , die 
eben  geborene  Göttin  auf  dem  Arme  tragend 
(Paus.  2,  1,  7).  Auf  zahlreichen  Sarkophagen, 
Gemmen  und  Münzen  begleiten  Tritonen  uncl 
Nereiden  die  Schaumgeborene  durchs  Meer 
30  (Welcher,  G.  2,706).  Ihre  hierauf  bezüglichen 
Beinamen  sind  EvtcXolk  (berühmt  geworden 
durch  die  Knidische  Statue  des  Praxiteles  und 
nach  einem  Epigramme  der  Anyte  (A.  9,  144) 
die  den  Schiffern  günstige  Fahrt  verleihende 
Aphrodite  bezeichnend) , rcdyvca’a  , neXayia 
(—  Venus  marina),  TIovtlu  , At-gvgßia , quXog- 
yLGzsiQcc  (Anthol.  10,21,7),  ’Avadvoysvr],  dcpgo- 
yevyg,  OaXaGGÜx.  Mit  Bezug  auf  ihre  Funktion 
den  Schiffern  günstige  Fahrt  zu  verleihen  und 
4o  die  See  zu  beruhigen  scheinen  ihr  öfters  Tem- 
pel und  Statuen  am  Meeresufer  errichtet  wor- 
den zu  sein  (Brunch,  Anal,  3,  205,  265).  Die 
Aphrodite  Alvnäg,  die  göttliche  Beschützerin 
des  Aineias  (s.  d.)  -auf  seinen  Irrfahrten,  dürfte 
wohl  am  besten  als  Göttin  des  Meeres  aufzuiässen 
sein.  Die  der  Meeresgöttin  Aphrodite  gehei- 
ligten Tiere  waren  der  Schwan  und  der  Del- 
phin (Ror.  Ca.  4,  1,  10.  Ovid.  Met.  10,  708. 
Welcher,  G.  2,  717).  Vgl.  Welcher , G.  2,  705ff. 
50  Preller , gr.  MA  1,  263 f.  u.  269  f. 

4)  Wie  die  orientalische  Aphrodite,  so 
hatte  auch  die  griechische  Göttin  wenigstens 
eine  deutliche  Beziehung  zum  Totenreiche 
oder  zur  Unterwelt.  Es  gab  nämlich  zu 
Delphi  ein  Bild  der  Aphrodite  STUXvpßCcc, 
Tig'og  6 rovg  tuxroLXoysvovg  sni  rccg  x°hs  uvcc- 
■nalovvrcu  (Flut.  Q.  Rom.  23).  Die  von  Prel- 
ler, gr.  MA  1,275,  3 damit  verglichene  Aphro- 
dite tvgßcoQvxog  (Clern.  Al.  Protr.  p.  24  S.) 
60  gehört,  wie  Welcher,  G.  2,  715  wahrscheinlich 
gemacht  hat,  entschieden  nicht  hierher  (vgl. 
übrigens  Gerhard , Archäol.  Nachl.  aus  Rom. 
S.  121  ff).  Wahrscheinlich  hängt  jener  Del- 
phische Kult  mit  der  schon  oben  besproche- 
nen orientalischen  Vorstellung  zusammen,  dafs 
die  Göttin  der  Fruchtbarkeit  und  des  Mondes 
im  Winter,  also  in  der  unfruchtbaren  Jahres- 
zeit, oder  an  den  Tagen  des  Mondwechsels  so- 


403 


Aphrodite  (bewaffnet) 


Aphrodite  (Kultus  etc.) 


404 


wie  bei  Mondfinsternissen , in  die  Unterwelt 
hinabsteige,  wie  man  denn  in  Cypern  ihr  eige- 
nes Grab  zeigte,  so  gut  als  das  des  Zeus  auf 


Aphrodite  v.  Melos  (Louvre  in  Paris);  vgl.  S.  414, 

Z.  56 ff. 

Kreta  ( Preller , gr.  M.2  1,  275.  Anders  Wel- 
cher, G.  2,  716). 

5)  Wenn  Aphrodite  mehrfach  alseine  krie- 
gerische Göttin  gefafst  und  demnach  be- 
waffnet (S.  408)  dargestellt  wurde,  so  ist  hierbei 


sicherlich  an  eine  Übertragung  altorientalischer 
V orstellungen  und  Kulte  zu  denken  (s.  oben  S.  394) 
So  findet  sich  eine  bewaffnete  Aphrodite  nicht 
blofs  in  Cypern  (Hesych.  I'y^sio«  ’A.) , in  Ky- 
thera  (Paus.  3,  23,  1)  und  auf  Akrokorinth 
(Paus.  2,  5,  1),  an  welchen  Orten  orientali- 
scher Einflufs  deutlich  nachweisbar  ist,  son- 
dern auch  in  Sparta  (Paus.  3, 15,  8;  vgl.  auch 
G.  I.  Gr.  1444.  ’Acpg,  svonhoc;)  und  sonst 
io  (Mionnet  3,  231  ff.).  Die  Anthologie  enthält 
mehrere  auf  eine  mit  Helm  und  Speer  be- 
waffnete Aphrodite  gehende  Epigramme  (An- 
thol.  gr.  2,  S.  677  ff.  cd.  Jacobs).  So  erklären 
sich  zugleich  ihre  Beinamen  ’Aqslu  und  vLy.y- 
cpoQog;  zweifelhaft  erscheint,  ob,  wie  Welcher 
vermutet  (Götterl.  1,  669),  auch  die  häufig  vor- 
kommende Verbindung  der  Aphrodite  mit  Ares 
auf  die  Idee  einer  bewaffneten  Göttin  zurück- 
zuführen  ist  (vgl.  Welcher , Götterl.  1 , 669.  2, 
20  708.  Preller,  gr.  Myth.2  1,  267  f.  und  dagegen 
die  gründliche  Untersuchung  von  Tümpel, 
Ares  und  Aphrodite.  Leipz.  1880). 

6)  Kultus  der  helleni sierten  Aphro- 
dite. Was  zunächst  die  der  Aphrodite  heiligen 
Tiere  und  Pflanzen  betrifft,  so  sind  aufser  den 
schon  oben  (S.  395)  bei  der  Besprechung  der 
orientalischen  Göttin  aufgeführten  noch  zu  er- 
wähnen von  Tieren:  der  Sperling  als  Symbol  der 
Fruchtbarkeit  (Sapph.  fr.  1 cd.  B.,  vgl.  Paul. 
30  p.  312),  der  Wendehals,  der  als  Liebeszauber 
eine  Holle  spielte  (Find.  Pyth.  4,  215  ff.  Schal. 
Theohr.  2,  17),  der  Schwan  (Hör.  ca.  4,  1,  10. 
Stat.  Silv.  1,  2,  142.  3,  4,  22.  Preller  1,  291) 
und  der  Delphin,  welche  der  Aphrodite  Pela- 
gia  heilig  gewesen  zu  sein  scheinen,  der  Hase 
oder  das  Kaninchen  wegen  ihrer  Fruchtbarkeit 
(Welcher,  Götterl.  2,  717),  endlich  die  Schild- 
kröte (s.  oben  S.  399),  von  Pflanzen:  die  Rose 
(Bion  id.  1,  74),  der  Mohn  und  die  Linde  (Hör. 
40  ca.  1,  38,  2.  Paus.  2,  10,  4.  Cornut.  24).  Der 
Planet  Venus  hiefs  ’AcpQo8(xr]q  daxyg  oder  ilqpgo- 
Si't y,  was  wohl  auf  orientalischen  Ursprung 
liinweist  (Plat.  Epin.  987  b.  Tim.  Locr.  97  a. 
S.  Emp.  adv.  math.  5,  29  etc.).  Hinsichtlich 
der  weiten  Verbreitung  des  Kultus  der  Aphro- 
dite ist  auf  die  Zusammenstellungen  bei  Ger- 
hard, Mythol.  1 S.  380  ff.  und  bei  Schümann, 
gr.  Alt.2  2 S.  496  zu  verweisen.  Die  Feste 
der  Aphrodite  hiefsen  ’ArygoScaicc.  Davon  hatte 
50  wahrscheinlich  der  Monat  ’AcpgoÖioiog  seinen 
Kamen  erhalten,  dem  wir  in  den  Kalendern 
von  Bithynien,  Cypern  und  Iasos  begegnen. 
Auf  Cypern  entspricht  dieser  Monat  ungefäh 
unserem  Oktober  (K.  Fr.  Hermann,  gr.  Mo 
natshunde  S.  48).  Mehr  b.  Gerhard  a.  a.  O 
§ 374  ff.  u.  377  ff  Paidy  Bealenc.  6,  2,  2458 
c)  Spuren  einer  echtgriechischen  Göt 
tin,  welche  schon  sehr  frühzeitig  mit  de 
orientalischen  Aphrodite  verschmol 
zen  wurde.  Wie  wir  soeben  gezeigt  haben, 
lassen  sich  bei  weitem  die  meisten  V orstellun- 
gen, welche  der  Grieche  an  den  Namen  der 
Aphrodite  zu  knüpfen  pflegte,  ohne  weiteres  auf 
die  orientalische  Aphrodite  (Astarte)  zurückfüh- 
ren. Etwas  anders  steht  es  mit  einigen  wenigen 
nunmehr  zu  besprechenden  Zügen,  welche  echt- 
griechisches Gepräge  tragen  und  sich  am 
besten  durch  die  Annahme  einer  althellenischen, 


405  Aphrodite  (=  Hebe  u.  Charis?) 

wegen  der  Ähnlichkeit  ihres  Wesens  schon 
sehr  frühzeitig  mit  der  orientalischen  Aphro- 
dite identifizierten  Göttin  erklären  dürften. 
Diese  nicht  leicht  aus  orientalischem  Mythus  und 
Kultus  erklärbaren  Züge  sind,  die  Beziehungen, 
welche  Aphrodite  zu  echtgriechischen  Gottheiten 
wie  Zeus,  Dione,  Hephaistos,  sowie  zum  Ares 
hatte.  Die  schon  sehr  früh  bezeugte  Sage  von 
der  Abstammung  der  Aphrodite  von  Zeus  und 
Dione  ( Hom . II.  20,  107.  5,  371)  läfst  mit  io 
ziemlicher  Sicherheit  auf  eine  Vermischung  von 
Aphrodite  und  Hebe , der  Tochter  des  Zeus 
und  der  Hera,  schliefsen,  wenn  man  bedenkt, 
dafs  Dione  (=  Inno)  der  epirotische  Name  der 
Hera  war  ( Apollod . b.  Scliol.  z.  Od.  3,  91),  und 
dafs  sich  eine  wirklich  auffallende  Wesens- 
gleichheit der  Aphrodite  und  Hebe  in  mehre- 
ren Zügen  nackweisen  läfst,  die  wir  für  uralte 
halten  dürfen  ( Roscher , Juno  u.  Hera  S.  26). 
Ähnliches  gilt  auch  von 
Aphrodites  Ehe  mit  He- 
phaistos (Od.  8,  270;  vgl. 
auch  Welcher , Götterl. 

2,  707),  als  dessen  Ge- 
mahlin in  der  Ilias  (18, 

383)  Charis  (s.  d ),  die 
personifizierte  Anmut, 
eine  ebenfalls  der  Aphro- 
dite vielfach  wesens- 
gleiche Göttin,  genannt 
wird.  Wahrscheinlich 
ist  in  diesem  Falle  die 
Verbindung  des  kunst- 
sinnigen Göttersclnnie- 
des  mit  Charis  das  Ur- 
sprüngliche  und  Hepha- 
istos’ Ehe  mit  Aphrodite 
nur  die  Folge  einer  Ver- 
schmelzung der  we- 
sensgleichen Göttinnen. 

Auch  der  Mythus  von 
dem  mütterlichen  Ver- 
; hältnis  der  Aphrodite  zu 
I Eros  ist  vielleicht  eclit- 
i griechischen  Ursprungs, 

, aber  erst  nach  Hesiod 
| entstanden  , als  Aphro- 
! dite  schon  völlig  lielle- 
nisiert  und  zur  weibli- 
- chen  Personifikation  der 
Liebe  geworden  war 
(vgl.  Hesiod.  Th.  120. 

Platon.  Symp.  178  B). 

Wenn  endlich  Aphrodite  nach  Hesiod  die  Gat- 
tin des  Ares,  mit  dem  sie  Pliobos,  Deimos 
und  Harmonia  zeugte  (Theog.  933  ff.),  gewesen 
sein  soll,  so  ist  dieser  Mythus  wohl  derselben 
dichterischen  Spekulation  entsprungen , die 
| später  in  dem  philosophischen  Mythus  des 
Empedokles  von  Philia  und  Neikos  (Liebe  und  eo 
Hals)  einen  Ausdruck  gefunden  hat  (vgl.  übri- 
i gens  Welcher,  Götterl.  1,  069.  2,  707  1'.).  Als 
S derjenige  Ort,  wo  diese  Sage  vorzugsweise 
j heimisch  war,  wird  uns  Theben  genannt  ( Wel- 
! eher  a.  a.  O.). 

Litteratur:  Manso,  Mythol.  Versuche  1794, 

S.  1 — 308.  Creuzer,  Symb.  2,  461  ff.  3,  201  ff. 

| Stuhr,  Bel.  Syst.  d.  Hell.  2,  376  ff.  Engel, 


Aphrodite  (in  d.  Kunst)  406 

Kypros  2,  3 — 649.  Gerhard,  über  Venusidole 
( Berl . Alcad.  1843).  Ilers,  gr.  Mythol.  § 358 ff. 
Scheiffele  in  Paulys  Bealenc.  6,  2,  2448  ff. 
Jacobi,  Hanäwörterb.  d.  Myth.  unter  Aphro- 
dite. Preller,  gr.  Myth.2  1,  259  ff.  Welcher, 
Götterl.  1,  239.  666  ff.  2,  699  ff.  Bernoulli, 
Aphrodite.  Beitr.  z.  gr.  Kunstmyth.  Leipzig 
1873.  Weiteres  s.  b.  Scheiffele  in  Paulys 
Bealenc.  6 , 2,  2463  ff.  Einzelne  Mythen  , in 
denen  Aphrodite  eine  Rolle  spielt,  s.  unter  Ado- 
nis, Aineias,  Anchises,  Ares,  Eros,  Helene,  He- 
phaistos, Kinyras,  Paris,  Phaethon,  Pygmalion 
u.  s.  w.  Von  den  bisherigen  Deutungen  ist  die 
von  M.  Müller  ( Vorles . üb.  cl.  Wissenschaft,  cl. 
Spr.2,  deutsch  von  Böttger  2,  405)  zu  bemerken, 
welcher  sie  für  die  Göttin  der  Morgenröte  hält, 
ohne  ihre  semitische  Abkunft  zu  berücksichtigen. 
Ähnlich  L.  Meyer,  Bemerh.  z.  alt.'  Gesch.  d. 
Griech.  Mythol.  Gott.  1857  S.  36.  [Roscher.] 


Die  orientalische  nackte  Göttin. 

Unter  den  verschiedenen  Typen,  welche 
die  orientalische  Kunst  der  unter  verschiede- 
nen Namen  verehrten  und  nach  so  verschie- 
denen Seiten  wirksamen  grofsen  Göttin  gab, 
ist  einer,  dessen  Weg  nach  Griechenland  sich 
aufs  deutlichste  verfolgen  läfst.  Es  ist  der 
des  völlig  nackten  Weibes,  das  steif  auf- 
recht stehend,  in  der  Regel  mit  beiden  Hän- 
den sich  die  Brüste  hält.  So  ward  sie  in 
Babylonien  und  Assyrien  verehrt  (doch  ist  der 
Typus  offenbar  von  Babylon  ausgegangen),  wie 


Aphrodite  u.  Ares  (attisches  Votivrelief,  vgl.  Monuments  Grecs  Taf.  I). 

Aphrodite  in  der  Kunst. 


407 


408 


Aphrodite  (in  d.  Kunst) 


Aphrodite  (in  d.  Kunst) 


die  Cylinder  von  dort  zeigen,  auf  denen  — immer 
im  älteren  Stile  — jene  Figur  oft  wiederkehrt 
(z.  B.  Lajard,  culte  de  Mithra  pl.  30,  1.  53,  6. 
Perrot  et  Chipiez,  hist,  de  l'art  2 p.  505.  Berlin, 
Petermannsche  Sammlg.  No.  18.  83.  103.  112. 
75.  130.  178.  200;  a.ls  kleine  Nebenfigur  Lajard 
pl.  26,  1.  40,  9);  ebenso  ferner  in  Terracotten 
aus  Babylon  (im  Louvre;  Heuzey,  terresc.  du 
Louvre  pl.  2).  Durch  Phönizier  ward  der  Ty- 
pus nach  Ägypten  geführt,  wo  er  strenger 
stilisiert  wird  und  die  Arme  in  der  Regel  ge- 
rade herabhängend  gebildet  werden  (Terra- 
cotten aus  Ägypten,  geprefst,  mit  stehenge- 
lassenem Hintergrund,  im  British  Museum); 
phönikische  Elfenbeinarbeiten  brachten  diesen 
modifizierten  Typus  wieder  nach  Assyrien  zu- 
rück (Elfenbeinstatuetten  aus  Nimrud  im  Brit. 
Mus.,  z.  B.  Perrot  et  Chip.,  hist,  de  l'art  2, 
p.  508).  In  Griechenland  finden  wir  zunächst 
jenen  altbabylonischen  Typus  genau  wieder 
in  mykenäischen  Goldblechen,  wo  die  Göttin 
von  den  ihr  heiligen  Tauben  umflogen  wird 


( Schlicmann , Mykenae  No.  267.  268),  ferner 
in  Troja  (Schliemann , Ilios  No.  226)  und  in 
den  rohen  Marmoridolen  der  Inseln  (Ger- 
hard, Ges.  ah.  Abhandlgn.  Taf.  44,  1 — 4.)  — 
Besonders  wichtig  als  der  Ort,  von  dem  die 
Göttin  hauptsächlich  zu  den  Griechen  kam,  ist 
Cypern.  Hier  ward  sie  in  ihrem  uralten 
Heiligtume  zu  Paphos  in  Gestalt  eines  Kegels 
verehrt ; zahlreiche  Münzen  der  römischen  Zeit 
zeigen  uns  den  Tempel  mit  dem  Idole;  der 
Kegel  endet  oben  immer  in  einen  Knopf,  zu- 
weilen sind  auch  armartige  Ansätze  angegeben 
(die  einzelnen  Münzen  variieren  sehr;  eine  abg. 

D.  a.  K.  2,  285  e,  vgl.  285 f.); 
auch  hier  wie  bei  manchen  an- 
dern sog.  anikonischen  Idolen 
wird  eine  primitive  Nachbildung 
menschlicher  Gestalt  zu  Grunde 
liegen.  — Wir  finden  ferner  auf 
Cypern,  in  Terracotten  erhal- 
ten, nackte  Idole,  die  sich  je- 
nen babylonischen  anschliefsen, 
roh,  mit  überbreiten  Hüften, 
grofsen  Ringen  in  den  Obren, 
beide  Hände  an  den  Brüsten, 
vogelartige  Gesichter  (z.  B.  Ber- 
lin Cypr.  109.  110  von  Dali , s. 
Holzschnitt);  hierauch  das  merk- 
würdige Motiv:  eine  Hand  an 
der  Brust,  die  andere  am  Unter- 
leib ( Heuzey , terresc.  pl.  10,  7); 

Kyprisdie  Aphro-  t?rner  Idole  - die  sich  der  in 
dite  (Berliner  m-  Ägypten  mit  dem  Typus  vorge- 
seum).  nommenen  strengen  Stilisierung 
anschliefsen,  mit  straffen  klaren 
Formen,  teils  die  Hände  an  den  Brüsten  (be- 
sonders gut  Berlin  Cypr.  127),  teils  die  Arme 
gerade  herabhängend.  Dieser  ägyptisierende 
Typus  des  nackten  Idols  fand  sich  nun  ebenso 
in  Kameiros  auf  Rhodos  (Terracotten,  Elfen- 
bein, glasierter  Thon)  und  selbst  in  der  tief- 
sten Schicht  zu  Ephesos  ( British  Mus.)  und 
im  Westen  auch  in  Sardinien  (beide  Hände 
an  den  Brüsten,  Br.  Mus).  Auf  Cypern  sind 
ferner  vertreten  Idole  in  Gestalt  eines  Brettes 
mit  Kopf  und  Brüsten  (Berlin,  Cypr.  108)  der- 


art , wie  sie  auch  anderwärts  in  Griechenland 
für  weibliche  Gottheiten  verwendet  wurden. 
Endlich  finden  wir  das  nackte  Idol,  in  ent- 
wickelterem, echt  eyprisch-archaischem  Stile 
mit  reichen  Halsketten  geschmückt,  entweder 
die  Hände  an  den  Brüsten  (Berl.  Cypr.  128. 
126;  vgl.  auch  den  Sarkophag  Cesnola- Stern, 
Cypern  Taf.  45,  1)  oder  die  eine  gesenkt,  auf 
der  andern  die  Taube  (Berl.  Cypr.  125);  auch 
io  eine  Hand  an  der  Brust,  die  andere  auf  dem  Bauch 
(Cesnola- Stern,  Cypern  Taf.  50,  3).  In  Grie- 
chenland selbst  hat  sich  das  nackte  Idol  noch 
nicht  oft  gefunden;  vielleicht  gehören  einige 
rohe  Figuren  aus  den  tiefsten  Schichten  in 
Olympia  hierher  und  in  Sparta  die  sehr  ar- 
chaische Marmorstatue  einer  knieenden  nackten 
Frau  mit  zwei  Kindern  neben  sich  (Mitt.  d. 
arcli.  Inst.  2 S.  297),  jedenfalls  eine  Geburts- 
göttin, an  das  ägyptische  Idol  bei  Cesnola- 
20  Stern,  Cypern  S.  414  erinnernd.  ■ — Bereits  ent- 
wickeltem, archaischem  Stile  gehören  zwei  grie- 
chische Bronzestatuetten  an,  die  Aphrodite  mit 
Blüte  und  Knospe  in  den  Händen  nackt  dar- 
stellen (arch.-ep.  Mitt.  aus  Öst.  2,  Taf.  8 S.  159 
u.  194;  Replik  in  Dresden  No.  16;  beide  dien- 
ten als  Gerätstützen;  denselben  Zweck  hatte 
eine  dritte,  sehr  merkwürdige  nackte  Aphro- 
ditestatuette aus  Bronze,  die  auf  einer  Schild- 
kröte steht  (vgl.  unten)  bei  M.  Wilde,  signa 
30  aut.,  aes  tob.  11).  — Die  in  Cypern  bezeugte 
bärtige  und  überhaupt  doppelgeschlechtige 
Aphrodite  (Lajard,  culte  de  Venus  p.  65)  ist 
in  Denkmälern  nicht  sicher  nachweisbar.  Da- 
gegen ist  von  der  vielfach  (besonders  Cy- 
pern, Kythera,  Korinth,  Sparta)  verehrten  be- 
waffneten Aphrodite,  wie  ich  glaube,  ihr 
spartanisches  Idol  auf  einer  Münze  erhalten 
(mit  Helm,  Lanze  und  Bogen,  zur  Seite  ein 
Bock  und  ein  Schiffsakroterion , Numism. 
40  chron.  n.  s.  13  pl.  5,  3;  Percy  Gardner,  types 
of  gr.  coins  pl.  15,  28,  von  andern  für  Apoll 
oder  Athena  gehalten). 

Die  bei  weitem  überwiegende  Bildung  in  der 
archaisch-griechischen  Kunst  ist  die  völlig 
bekleidete.  Diese  war  1)  in  nichts  unter- 
schieden von  der  anderer  Göttinnen ; ein  sol- 
ches Idol  auf  den  Münzen  römischer  Zeit  von 
Aphrodisias  (von  vorn  D.  a.  K.  2,  284  c,  von 
der  Seite  285  d.  Lajard,  cnlt.  d.  Ven.  pl.  3 A, 
50  1 — 4;  19, 13),  langbekleidet,  Kalathos  auf  dem 
Kopfe,  die  Fiifse  ganz  geschlossen,  beide  Un- 
terarme leer  vorgestreckt;  derart  war  das  Idol, 
das  Theseus  nach  Delos  gebracht  haben  soll 
(Paus.  9,  40,  2 -zcitsigi  slg  ’citQaycovov  G%r\ycc, 
doch  mit  vorgestreckten  Armen)  und  wohl 
auch  das  hermenförmige  der  Urania  in  Athen 
(Paus.  1,  19,  2).  — 2)  Sich  anschliefsend  an 
die  Motive  der  nackten  Idole;  also  beide 
Hände  au  die  Brüste  gelegt:  in  Cypern  ( Ccs - 
eo  nola,  Salaminia  p.  202);  oder  die  eine  Hand 
an  die  Brust  fassend,  die  andere  an  den  Unter- 
leib, wo  sie  das  Gewand  vor  der  Schamgegend 
zusammenrafft:  so  in  Ephesos  eine  Marmor- 
statuette aus  der  tiefsten  Schicht  (Brit.  Mus.)-, 
in  Olympia  sehr  archaische  Bronze  mit  phöni- 
kisierendem  Gesichtstj'pus  (Ausgr.  v.  Ol.  Bd.  3, 
Taf  24);  auf  der  Akropolis  zu  Athen  streng- 
archaische Marmortorse.  — 3)  Charakterisie- 


409  Aphrodite  (in  d.  Kunst) 


Aphrodite  (in  d.  Kunst)  410 


rung  durch  Attribute ; Blume,  Apfel  und  Taube 
sind  die  wichtigsten  derselben;  in  Cypern  fan- 
den wir  dies  zum  Teil  schon  bei  nackten  Ido- 
len. Bekleidete  kommen  auch  in  Cypern  viel- 
fach vor;  doch  ist  die  überwiegende  Menge 
der  weiblichen  cypriscben  Kalksteinfiguren,  die 
Blüten,  Taube,  Ähren,  Ziege,  Harfe,  Leier 
u.  dgl.  tragen,  für  Sterbliche  mit  Weihge- 
schenken zu  hal- 
ten; diese  brin-  10 
gen  die  Objekte 
dar , Aphrodite 
hält  sie  als  At- 
tribute. Eine  Gat- 
tung von  Tlion- 
statuetten  , die 
zum  Teil  als  Salb- 
gefäfse  verwandt 
wurden  und  die 
in  gleicher  Wei-  20 
se  in  Phönikien, 
Rhodos , Delos, 
Kleinasien, 
Athen , Etrurien 
auftritt  , zeigt 
Aphrodite  in  ar- 
chaisch - griechi- 
scherGewandung, 
mit  langen  Lo- 
cken, noch  etwas  30 
phönikisieren- 
dem  Gesichtsty- 
pus , den  einen 
Arm  gesenkt,  auf 
der  andern  an  die 
Brust  gelegten 
Hand  meist  die 
T aube  ( MuseeNa - 
pol.  3 pl.  26  ff. 
Sächs.  JBer.  1860,  40 
223.  Arcli.  Ztg. 
1882,  S.  333). 
Derart  ferner  eine 
vorzügliche,  so- 
eben erst  auf 
der  Akropolis  in 
Athen  gefundene 
Statue  (mit  den 
Schnabelschuhen 
kleinasiatischer  50 
Sitte)  und  ein 
ausgezeichneter 
Torso  in  Marseille 
( Gaz . arcli.  1876, 
pl.  31,  mit  Kala- 
Aphrodite  mit  Taube  (archaische  thos  auf  dem 
Thonstatuette;  vgl . Longperier  Musee  Kopfe,  die  1 aube 
Napoleon  pl.  26).  auf  der  Rechten), 

'ähnlich  eine  Ter- 

racotte  aus  Samos  Arch.  Ztg.  1864,  Taf.  182,  1.  oo 
— Die  Hand  des  gesenkten  Armes  ist  schon  in 
diesen  Beispielen  das  Gewand  zuweilen  an- 
fassend gebildet;  dies  Motiv  wird  im  ent- 
wickelteren archaischen  Stil  immer  nachdrück- 
licher und  zierlicher  ausgebildet;  die  andere 
auf  die  Brust  gelegte  Hand  erhält  dann  statt 
der  Taube  gewöhnlicher  die  Blüte;  der  Kopf 
oft  mit  Kalathos.  Dieser  Typus  ist  in  zahl- 


reichen Thon-  und  Steinstatuetten  aus  Cypern 
und  Griechenland  bekannt;  doch  ist  der  Typus 
ein  so  allgemeiner,  dafs  er  auch  für  andere 
Gottheiten,  ja  auch  Sterbliche,  die  Yotivgaben 
darbringen , benützt  wurde.  Man  kann  daher 
meist  nicht  mit  Sicherheit  sagen,  ob  Aphro- 
dite gemeint  ist  ( Stephani , Compte  r.  1873,  14tf. ; 
1875,  74  erkennt  einseitigerweise  immer  Eilei- 
thyia).  Dasselbe  ist  der  Fall  bei  der  späteren 
Modifikation  des  Typus  (die  besonders  in  Mar- 
mortorsen von  Athen  und  Delos  erhalten  ist), 
wo  der  eine  Arm  mit  der  Blüte  nicht  auf  die 
Brust  gelegt,  sondern  vorgestreckt  ist  (über 
diesen  siehe  besonders  Bernoulli,  Aphr.  S.  40  ff. 
und  Gherardo-Gherardini  im  Bull,  della  comm. 
arcli.  com.  di  Roma  1881,  wo  die  vollständigste 
Zusammenstellung;  Arcli.  Ztg.  1882,  S.  326); 
die  Römer  nahmen,  wohl  schon  in  früher  Zeit, 
diesen  überaus  weit  verbreiteten  Typus  für 
ihre  Spes  an.  Die  Tracht  des  Typus  besteht 
immer  aus  ionischem  Chiton  und  auf  der  einen 
Schulter  geheftetem  und  unter  der  andern 
Achsel  durchgezogenem  Obergewande  mit  Über- 
schlag. — Mit  Eros  verbunden  erscheint  Aphro- 
dite wesentlich  in  diesem  Typus  auf  einem  (im 
Artikel  fEros’  abgebildeten)  Relief  aus  Calabrien 
(Ann.  d.  1. 1867,  D),  wo  Aphrodite  eine  Granat- 
blüte in  der  Rechten  hält,  auf  dem  vorge- 
streckten linken  Arme  aber  Eros  steht,  nach 
der  alten  Gewohnheit,  beigeordnete  Gottheiten 
der  Hauptfigur  auf  Hand  oder  Arm  zu  stellen. 
Eine  vorzügliche  archaisierende  Thonstatuette 
aus  Kleinasien  (Berlin  No.  7676)  zeigt  den 
Typus,  doch  mit  der  Taube  auf  der  Linken, 
und  Eros  auf  der  Schulter  sitzend  mit  Füll- 
horn; letzteres  ist  sicher  ein  Motiv  späterer 
Kunst;  an  einem  archaistischen  Relief  ähnlich: 
n.  a.  E.  2,  260. 

Neben  diesen  Typen  der  stehenden  Aphro- 
dite treten  Sitzbilder  sehr  zurück.  Es  fehlen 
meist  sichere  Kennzeichen,  um  aus  den  so  sehr 
zahlreichen  archaischen  Thonstatuetten  sitzen- 
der Gottheiten  Aphrodite  herauszukennen;  eine 
Blüte,  die  bei  solchen  mannigfaltig  vorkommt, 
reicht  dazu  nicht  hin;  sehr  selten  geben  Taube 
und  Apfel  in  den  vorgestreckten  Händen  sichern 
Aufschlufs  (solche  Figuren  z.  B.  aus  Ägina). 
Doch  mufs  der  sitzende  Typus  nicht  selten 
gewesen  sein;  eine  bedeutende  Statue  derart 
war  von  Kanachos  für  Sikyon  gefertigt  (Paus. 
2,  10,  -5);  sie  trug  den  Kalathos  oder  Polos 
auf  dem  Kopf,  in  der  einen  Hand  Apfel,  in 
der  anderen  Mohn.  Noch  älter  war  das  Sitz- 
bild der  Morpho  in  Sparta  (Paus.  3,  15,  10) 
mit  Schleier  und  Fesseln  an  den  Füfsen  (über 
deren  ursprüngliche  Bedeutung  als  Schmuck 
s.  Curtius  in  den  Nuove  Mcmor.  d.  Inst.  p.  374). 
Vielleicht  Aphrodite  auf  einem  Relieffragment 
]).  a.  K.  2,  257  mit  dem  Hasen  unter  dem 
Thron  (s.  oben  S.  399),  wie  auf  einer  Münze 
von  Nagidos  ibid.  258  a. 

Auf  archaischen  Vasen  (vgl.  besonders  die 
Darstellungen  des  Parisurteils)  ist  Aphrodite 
nicht  besonders  charakterisiert;  von  Hera  wird 
sie  zuweilen  durch  den  Mangel  von  Kalathos 
oder  Scepter  unterschieden;  als  Attribut  trägt 
sie  oft  die  Blüte.  — Archaische  K öp  fe  der  Aphro- 
dite finden  sich  besonders  auf  den  Münzen  von 


411  Aphrodite  (in  d.  Kunst) 


Aphrodite  (in  d.  Kunst)  412 


Knidos,  wo  sich  die  Typen  so  folgen:  mit  Haube, 
kurz  aufgenommenes  Haar  (z.  ß.  D.  ci.  K.  2S, 
255);  dann  ohne  Haube,  dasselbe  Haar;  dann 
mit  einfach  in  den  Nacken  herabfallendem 
Haar;  endlich  in  feinstarchaischem  Stile  mit 
an  dem  Ende  im  Nacken  unten  zusammen- 
gebundenem Haare  und  zuweilen  einem  Myr- 
thenkranze  statt  der  einfachen  Binde.  Mit 
grofser  Wahrscheinlichkeit  hat  v.  Sallet  in 
seiner  numism.  Zeitschr.  Bd.  9,  1881,  S.  141  io 
einen  schönen  Berliner  Bronzekopf  (Arch.  Ztg. 
187G,  Taf.  1.  2,  S.  20  ff.)  von  Kythera  wegen 
seiner  Übereinstimmung  mit  jenen  Münzen  für 
Aphrodite  erklärt.  — Möglich  ist  es  ferner 
auch,  dafs  wir  in  dem  vortrefflichen  Kolossal- 
kopfe der  Y.  Ludovisi  ( Mon . cl.  I.  10,  1.  An- 
nali  1874,  38  ff.)  eine  archaische  Aphrodite 
mit  einfach  herabfallendem  Haare  besitzen.  — 
Yon  Münzen  vgl.  ferner  Zweidritteldrachme  von 
Korinth  {Mionnet  S.  4,  33,  183):  Aphroditekopf  20 
mit  hinten  aufgenommenem  Haare  in  der  Art 
des  Mannorkopfes  der  Akropolis  in  Athen 
Mitt.  d.  arcli.  Inst.  6,  Taf.  7,  1,  der  vielleicht 
auch  Aphrodite  darstellt.  Da  die  genannten 
drei  Köpfe  alle  sehr  schmale,  längliche  Augen 
zeigen,  so  darf  man  vermuten,  dafs  bereits  die 
archaische  Periode  das  Auge  der  cpiloyyndr'is 
damit  charakterisierte.  — Von  vorne  stellt 
eine  sehr  archaische  Münze  von  Eryx  den  Kopf 
der  Aphrodite  dar  ( Brit . Mus.,  catal.,  Sicily  30 

p.  62).  _ 

Periode  des  strengen  Stiles.  Erhalten 
sind  vor  allem  mehrere  griechische  Bronze- 
statuetten, die  als  Spiegelstützen  dienten  {Gaz. 
arch.  1876,  40.  Arch.  Ztg.  1879,  Taf.  12  S.  100 
u.  204,  wo  auch  die  anderen  citiert) ; sie  zeigen, 
dafs  die  Umwandlung  der  Tracht  in  dieser 
Zeit  sich  auch  auf  Aphrodite  erstreckte;  sie 
trägt  den  einfachen  dorischen  Chiton  mit  un- 
gegürtetem  Überschlag;  das  Motiv  des  An-  40 
fassens  des  Gewandes  mit  der  gesenkten  Linken 
ist  geblieben;  auf  der  vorgestreckten  Rechten 
pflegt  Apfel,  Granate  oder  Taube  zu  sein.  — 
Eine  bedeutende  Statue,  die  von  Kalamis  ge- 
fertigte, die  wahrscheinlich  den  Beinamen  Sos- 
andra  hatte  {Arcli.  Ztg.  1864,  190)  und  die 
auf  der  Akropol-is  stand,  ist  uns,  wie  ich  ver- 
mute, in  einem  Relief  {Braun,  Vorsch.  cl.  KM. 
Taf.  79.  D.  a.  K.  2,  259,  s.  beistehenden 
Holzschnitt)  nachgebildet  erhalten;  sie  trägt  50 
zwar  noch  den  ionischen  Chiton,  doch  jenen 
dorischen  mit  dem  Überschlag  darüber;  die 
gesenkte  Rechte  fafst  das  Gewand,  in  der 
Linken  die  Granatblüte;  das  Haar  von  der 
Haube  bedeckt  (dafs  dies  der  Beschreibung 
der  Sosandra  nicht  widerspricht , hat  schon 
Bernoulli,  Aphr.  S.  63  bemerkt);  der  Chiton 
so  kurz,  dafs  die  Knöchel  sichtbar  sind,  wie 
dies  eben  von  der  Sosandra  überliefert  ist;  die 
Stellung  streng,  rechtes  Standbein.  — Eine  60 
nackte  Aphroditestatue  vom  Esquilin  {Bull, 
della  comm.  arch.  munic.  3,  tav.  3 — 5),  welche 
sich  ein  Haarband  umlegt,  zeigt  zwar  einen 
strengen,  fast  archaischen  Typus  in  Haar  und 
Gesicht,  ist  jedoch  sicher  ein  Produkt  später, 
willkürlich  eklektischer  Kunstweise. 

Pheidiasische  Periode,  a)  Aphrodite  als 
einzelnes  Götterbild:  von  der  Golclelfen- 


beinstatue  des  Pheidias  in  Elis  {Paus.  6,  25,  1) 
wissen  wir  nur,  dafs  sie  den  Fufs  auf  eine 
Schildkröte  setzte,  ein  Tier,  dessen  Symbolik 


hier  nicht  ganz  verständlich  ist  (Häuslichkeit 
nach  Plutarch  de  Is.  et  Os.  75),  die  aber  un- 
ter den  Füfsen  der  Aphrodite  auch  in  einer 
altgriechischen  (M.  Wilde,  signa  ant.  aes  tab. 

11,  vgl.  oben)  und  einer  altetruskischen 
Bronze  {Gerhard, , Abh.  Taf.  29 , 3)  wieder- 
kehrt. Die  berühmte  Aphrodite  iv  v.gnoi<z  des  | 
Alkamenes  {Overbeck,  Schriftqu.  812  ff.)  glaube 
ich  in  einem  in  sehr  zahlreichen  Nachbil- 
dungen erhaltenen  Typus  zu  erkennen , den 
umstehende  Abbildung  (nach  dem  Pariser  Exem- 
plar, s.  D.  a.  K.  23,  263  und  die  Litteratur 
im  Texte)  zeigt;  freilich  gehören  die  Exem- 
plare (aufgezählt  bei  Bernoulli,  Aphr.  S.  86  ff.) 
alle  römischer  Kopistenarbeit  an  — mit  Aus- 
nahme etwa  eines  in  Villa  Wolkonsky  in  Rom 
schlecht  erhaltenen  — und  auch  die  neuer- 
dings in  Kleinasien  gefundenen  Terracotta- 
repliken  {Fröhner,  terresc.  de  V Asie  min.  pl. 

22,  1.  Bull,  de  corr.  hell.  6,  pl.  18)  gehen 
schwerlich  über  das  1.  Jahrh.  v.  Chr.  zurück. 
Trotzdem  ist  der  ältere  Charakter,  der  Pheidia- 
sische  Stil  in  Proportionen,  Brust,  Gewand, 
Haar  und  besonders  dem  Gesicht  in  den  bessern 
Exemplaren  unverkennbar.  Die  Linke  hielt 
wahrscheinlich  den  Apfel,  die  zierliche  Rechte 
zog  den  Mantel  empor;  der  Chiton  läfst  nur 


413  Aphrodite  (in  ct.  Kunst) 


Aphrodite  (in  d.  Kunst)  414 


die  linke  Brust  entblöfst.  Einen  diesem  Ty- 
pus verwandten  Kopf  (das  Haar  wie  dort  hin- 
ten in  eine  Binde  gefafst)  von  vorzüglicher 
Arbeit  besitzt  das  Berliner  Mus.  (No.  457  A); 
er  zeigt  auch  wieder  die  schmalen  Äugen.  Auf 

römischen  Mün- 
zen  erscheint 
der  Typus  mit 
der  Beischrift 
genetrix ; viel- 
leicht hat  ihn 
Arkesilas  bei 
seiner  Statue 
der  genetrix  in 
Rom  (. Plin . 35, 
156)  benutzt. 
Gemmen  zeu- 
gen von  einer 
interessanten 
späteren  Modi- 
fikation des  Ty- 
pus : die  Göt- 
tin legt  das 
Schwert  um, 
ohne  dafs  ir- 
gend etwas  We- 
sentliches sonst 
geändert  wäre 
(Cades  7,  T.  76). 
Wahrscheinlich 
war  es  diese 
selbe  Aphrodi- 
te, mit  der  Al- 
kamenes  den 
Agorakritos  be- 
siegte; des  letz- 
teren W erk 

ward  zwar  als 
Nemesis  in  Rha- 
mnus aufge- 
stellt (Plin.  36, 
17),  ist  aber  doch  für  Aphrodite  zu  verwen- 
den; auch  diese  Statue  (wie  die  des  Alka- 
menes)  hielt  den  Apfelzweig  in  der  Linken, 
in  der  Rechten  aber  die  Schale , auf  dem 
Kopfe  hohen  Stephanos,  wohl  feierlicher,  steifer 
i als  jene;  sie  trug,  wenn  die  Münze  numism. 

I chron.  1882,  pl.  5,  p.  89  mit  Recht  auf  sie 
bezogen  wird,  den  gegürteten  dorischen  Chi- 
I ton  wie  die  Parthenos  des  Pheidias.  — Ein 
schönes  Votivrelief  aus  Megara  (Sybel , Catal. 

' d.  Sculpt.  zu  Athen  No.  388)  zeigt  einen  ge- 
wifs  noch  im  5.  Jahrli.  geschaffnen  Typus: 
streng  stehend , ionischer  Chiton , Mantel  an 
Unterkörper  und  linker  Schulter,  Haare  auf- 
i genommen,  auf  der  vorgestreckten  Linken 
Granatapfel,  auf  der  etwas  gesenkten  Rechten 
Taube.  — Ans  Ende  dieser  Periode  gehört  ein 
Typus,  der  bereits  das  Weichlich-Bequeme  in 
IderGöttin  durch  angelehnte  Haltung  ausdrückt; 
als  Stütze  dient  zuweilen  ein  archaisches  Idol 
der  Göttin  selbst;  ionischer  Chiton  mit  über 
den  Gürtel  fallenden  Falten,  Mantel  mit  drei- 
eckigem Überschlag  vorn,  über  den  Hinter- 
kopf als  Schleier  gezogen  und  von  der  Rechten 
gefafst;  Beine  gekreuzt;  bestes  Exemplar,  mit 
Kopf,  der  aufs  deutlichste  ebenso  wie  die  Fal- 
ten den  Stil  dieser  Periode  zeigt,  in  Berlin 


Paris). 


(Gerhard,  ges.  Ahli.,  Tf.  29,  6);  andere  Clarac 
498  C,  1019  A und  B;  ferner  etwas  vereinfacht, 
ohne  Mantel,  auf  hermenförmiges  Idol  gestützt 
mit  Kalathos  in  einem  schönen  Fragment  eines 
offenbar  attischen  Votivreliefs  4.  Jahrh.  im  La- 
teran, Benndorf-Schöne,  Lateran  Taf.  13,  2.  — 
Thronend  ward  Aphrodite  seltener  gebildet; 
Münzen  von  Eryx  (zum  Theil  noch  5.  Jahrh.) 
zeigen  sie  so,  auf  der  Rechten  eine  Taube 
io  (z.  ß.  D.  a.  K.  2,  258),  ferner  die  Münzen  von 
Nagidos,  mit  der  Schale  in  der  Rechten,  den 
linken  Arm  auf  die  Rücklehne  gestützt,  mit 
oder  ohne  Kalathos,  unter  dem  Throne  ein 
Hase(?);  auch  Terracotten  von  Cypern,  freien 
griechischen  Stiles,  den  Apfel  vor  die  Brust 
haltend,  mit  Kalathos  (z.  B.  Berlin  C.  153). 
Späterer  Erfindung  ist  die  in  der  Art  des  Phei- 
diasischen  Zeus  thronende  mit  Scepter,  auf 
der  rechten  Hand  eine  Nike,  auf  römischen 
20  Münzen  (Lajard,  culte  de  Ven.  pl.  21A,  11. 
D.  a.  K.  2,  274.  Bernoulli,  Aphr.  S.  200). 

h)  In  Darstellung.  Am  Parthenonfriese 
(Michaelis  Taf.  14,  41)  sitzt  Aphrodite  in  ioni- 
schem Chiton  und  Mantel,  der  über  den  Kopf 
gezogen  ist,  die  Linke  auf  Eros  gelehnt.  In 
Metope  (Michaelis  Tf.  4 , 25)  sehr  zerstört, 
ganz  bekleidet.  Im  Westgiebel  des  Parthe- 
non sitzt  Aphrodite  ganz  nackt  im  Schofse 
einer  Frau,  die  man  gewöhnlich  Thalassa  nennt; 
30  die  Veranlassung  zu  der  in  dieser  Zeit  sehr 
überraschenden  Bildung  ist  wohl  die,  dafs 
Pheidias  eine  bestimmte  Aphrodite , wohl 
die  von  Kolias  darstellen  wollte,  die  wohl  als 
ein  altes  nacktes  Idol  verehrt  wurde.  Wie 
die  Anadyomene  an  der  Basis  des  Zeusthro- 
nes beschaffen  war  (Paus.  5,  11,  8),  wissen 
wir  nicht;  was  Stephani  (C.  r.  1870/71,  50  ff.) 
darüber  vermutet,  ist  haltlos  (vgl.  Fleckeisens 
Jahrh.  1875,  S.  588  ff.);  wahrscheinlich  war 
40  sie  indes  ganz  nackt,  am  ehesten  so,  wie  der 
gewöhnliche  Typus  sie  zeigt  (Stephani  ibid. 
S.  7 9 ff.  Aufzählung  der  Exemplare) , dessen 
Motiv  dasselbe  ist  wie  das  des  sich  die  Binde 
umlegenden  avccdov gevog,  den  Pheidias  an  dem- 
selben Throne  bildete. 

Epoche  des  vierten  Jahrhunderts. 
Auf  dem  Üb  er  gange  von  der  vorigen  zu  dieser 
Periode  nenne  ich  zunächst  eine  Statue  (Clarac 
698,  1655.  Matz-Dahn,  Cat.  No.  606),  die  dem 
5ü  Urbilde  der  Venus  von  Milo  verwandt  ist;  die 
Stellung  ist  sehr  ähnlich,  doch  hat  sie  noch 
den  Chiton,  zog,  wie  es  scheint,  den  Mantel 
mit  der  Linken  empor  und  legte  die  Rechte 
ans  Gewand;  ihr  Kopftypus  trägt  noch  den 
Charakter  vom  Ende  des  5.  Jahrh.  — Das 
Original  der  Venus  von  Milo,  mit  welcher  wir 
zu  den  halbbekleideten  Einzelstatuen  über- 
gehen, war,  wie  ich  glaube,  ein  Bronzewerk; 
die  Göttin  hielt  den  Schild,  um  sich  darin  zu 
eo  spiegeln;  es  war  die  Umbildung  einer  alten 
bewaffneten  Aphrodite,  nicht  der  Schild  des 
Ares ; vgl.  die  römischen  Münzen  von  Korinth 
und  Patras  D.  a.  K.  2a,  269.  269  a;  auch  Mitth. 
d.  Inst,  in  Athen  2,  10;  die  späte  Replik  von  Ca- 
pua  (Millingen  anc.  mon.  2,  4 giebt  das  Motiv 
und  die  Haartracht  wieder;  die  Nike  von  Bre- 
scia (Dütsclilce,  Bildiv.  in  Oherit.  Bd.  4,  No.  375) 
modificiert  das  Gewand  etwas,  behält  aber  im 


415  Aphrodite  (in  d.  Kunst) 


Aphrodite  (in  d.  Kunst)  41G 


Kopfe  am  meisten  von  dem  ursprünglichen 
strengen  Charakter  bei|;  der  Kopf  Matz-Buhn, 
Bildic.  in  Born  No.  797)  ist  eine  schöne,  doch 
ins  Weiche  umgebildete  Replik.  Auch  der  Chiton 
mag  dem  ursprünglichen  Motiv  angehört  haben, 
das  auch  Apollon.  Rh.  (Arg.  1, 742ff.)  vorschwebte. 
Die  Melische  Figur  (s.  oben  S.  403)  rührt  je- 
denfalls von  einem  sehr  bedeutenden  Künstler 
her,  der  indes  wie  es  scheint  erst  im  3.  Jhrh. 
v.  Chr.  arbeitete ; er  gestaltete  das  Motiv  zwar  io 
in  wenig  glücklicher  Weise  um,  indem  er,  den 
Schild  beseitigend,  den  Oberkörper  mehr  von 
vorne,  den  Kopf  aufgerichtet  darstellend,  ihr 
in  die  erhobene  Linke  einen  Apfel  gab  und 
die  Rechte  nur  nach  dem  Gewände  greifen 
liefs;  aber  er  gab  der  Ausführung  eine  wun- 
derbare Naturwahrheit  und  Frische;  der  Kopf 
bewahrt  noch  etwas  von  der  Strenge  des  äl- 
teren Originales;  das  Gewand  ist  ganz  in  Mar- 
morstil übersetzt.  Von  dieser  Gestalt  des  20 
Typus  scheinen  keine  direkten  Repliken  erhal- 
ten zu  sein.  Die  Litteratur  bei  Wieseler,  T).  a.  K. 

23,  No.  26S — 270;  dazu  Overbeck,  Plastik  23, 

S.  331  ff.  mit  der  verfehlten  Annahme  der  Zu- 
gehörigkeit einer  Inschrift;  wegen  Zugehörig- 
keit der  Hand  mit  dem  Apfel  und  Restauration 
der  Arme  s.  Hasse,  Venus  v.  Milo , 1882,  wo 
nur  die  Annahme  des  Haarbandes  falsch  ist. 

— Ein  verwandter  Typus  ist  der  der  Aphro- 
dite von  Arles  (D.  a.  E.  23,  271),  von  der  30 
neuerdings  ein  viel  besseres  Exemplar,  doch 
nur  als  Torso  in  Athen  gefunden  ward;  sie 
hielt  vermutlich  einen  Spiegel  in  der  Linken. 

— Ferner,  ebenfalls  mit  dem  Mantel  um  den 
Unterkörper,  die  Aphrodite  von  Ostia  (Ber- 
noulli,  Aphr.  S.  178),  die  vielleicht  den  Spinn- 
rocken in  der  erhobenen  Linken  hielt  und  den 
Faden  mit  der  Rechten  zog  und  einem  Origi- 
nale des  Praxiteles  nachgebildet  sein  kann  (vgl. 
Furtwängler,  S.  Sabouroff , zu  Taf.  82);  jeden-  4,0 
falls  hat  ihr  Kopf  bereits  rein  Praxitelischen 
Charakter.  — Ferner,  in  stolzer  Haltung  die 
Linke  in  die  Seite,  die  Rechte  auf  eine  belie- 
bige Stütze  (spätere  Kopisten  setzen  einen 
Delphin)  gestützt,  mit  Mantel  um  den  Unter- 
körper und  mit  jugendlichen  Formen:  Bcr- 
noulli , Aphr.  S.  366  ff.  I).  a.  K.  23,  274  a. 
Furtwängler,  S.  Sabouroff,  zu  Taf.  95.  — Von 
einzelnen  Köpfen  ist  als  vorzügliche  griechi- 
sche Arbeit  einer  von  Tralles  zu  nennen  ( arch .-  50 
ep.  Mitt.  aus  Oest.  4,  Taf.  1.  2.  S.  66  ff.),  der  der 
Melischeu  Statue  verwandt  ist,  ohne  zu  ihr  in 
näherer  Beziehung  zu  stehen.  — Von  Münzen 
sind  besonders  die  Köpfe  auf  denen  freien  Stiles 
von  Knidos  zu  bemerken,  wo  die  Haare  immer 
aufgenommen  sind;  ferner  Königsmünzen  von 
Cypern,  wo  der  Typus  etwas  lokal  Abweichen- 
des hat. 

Ganz  nackt  oder  nur  mit  einem  leichten 
Gewandstücke  drapiert,  ward  Aphrodite  wohl  eo 
erst  seit  Praxiteles  und  Skopas  häufiger  dar- 
gestellt; doch  besitzen  wir  einen  Torso  der- 
art (Bernoulli , Aphr.  S.  279  ff.),  dessen  über- 
aus einfache  keusche,  fast  etwas  strenge  For- 
men mehr  mit  der  Tradition  Phidiasischer 
Kunst  Zusammenhängen  als  mit  der  Praxite- 
lischer;  die  Figur  stemmte  die  Linke  in  die 
Seite  und  stützte  die  Rechte  auf  einen  Pfeiler; 


sehr  ähnlich  die  schöne  Paste  Cades,  impr.  7 K, 
28.  — Die  berühmteste  Aphrodite  des  Praxi- 
teles war  die  zu  Knidos  ( Overbeck , Schriftqu. 


Knidisohe  Aphrodite  d.  Praxiteles  auf  e.  Münze  von 
Knidos  (Müller-  Wieseler  B.  a.  K.  I,  No.  146  a). 

1227  ff.),  deren  Nachbildung  auf  Münzen  römi- 
scher Zeit  und  Statuen  erhalten  ist  (s.  Arch. 
^.1876  ff.  Ber- 
noulli S.  20G  ff. ; 
beistehend  im 
Holzschnitt  das 
Exemplar  in 
München) ; sie 
war  ganz  nackt 
und  fafste  nur 
mit  der  Linken 
ein  Gewand- 
stück , wie  es 
scheint  so,  dafs 
esungewifswar, 
ob  sie  es  an 
sich  ziehen  oder 
auf  die  Hydria 
unten  niederle- 
gen wolle;  die 
Rechte  war  vor 
die  Scham  ge- 
halten; derKopf 
hatte  neben 
vollendetem 
Liebreiz  auch 
den  schmach- 
tenden Aus- 
druck in  den 
schmalen  Au- 
gen, der  von  nun 
an  der  Aphro- 
dite fast  immer 
gegeben  ward. 

Ein  vortreffli- 
ches Köpfchen 
dieses  Typus, 

Original  der 
Praxitelischen 
Zeit,  ward  in 
Olympia  gefun-  Praxiteles  (Münchener  Glyptothek ; nach 
den  (Ausgr.  Bd.  v'  Lützow,  Münch.  Antiken  Tf.  41). 
5.).  Die  Haare 

sind  hier  noch  immer  einfach  zur  Seite  ge- 
strichen. — Etwas  späteren,  wohl  hellenisti- 
schen Ursprungs  ist  der  dem  vorigen  verwandte 
Typus,  der  uns  in  fast  zahllosen  geringen,  aber 


417 


Aphrodite  (in  d.  Kunst) 


Aphrodite  (in  d.  Kunst) 


418 


auch  in  zwei  vorzüglichen  Statuen  spätgriechi- 
scher Arbeit  vorliegt,  die  beide  in  der  Aus- 
führung sehr  von  einander  abweichen , der 
Mediceischen  ( Chirac  612)  und  der  Capitolini- 
schen  ( Clarac  621); 
beide  Hände  machen 
die  Schamgebärde  (vor 
Brust  und  Schofs),  die 
wir  in  anderm  Sinne 
bereits  an  einem  alten 
cyprisclien  Idol  gefun- 
den; das  Standbein  ist 
immer  das  linke,  der 
Blick  nach  ihrer  Lin- 
ken; die  Zuthaten  wie 
Delphin  oder  Badege- 
fäfs  sind  gleichgültig 
und  wechseln.  Die 
Haare  sind  wie  an  den 
späteren  Apollotypen 
auf  dem  Oberkopfe  in 
einen  Knoten  geschlun- 
gen (Aufzählung  Ber- 
noulli,  Aphr.  S.  223  ff.) 
— Viele  Varianten  fer- 
ner lassen  sie  ein  mehr 
oder  weniger  grofses 
Gewandstück  vor  den 
SckofsLalten(iSmiOMZ- 
li , Aphr.  S.  248  ff.). 
Von  Interesse  durch 
die  Inschrift  die  J). 
a.  K.  2,  275;  durch 
schöne  Ausführung  die 
in  Syrakus  (Chirac  pl. 
608,  1344).  Ein  sin- 
kendes Gewand  stück 
zwischen  den  Knieen: 
Clarac  625,  1403,  eine 
vortreffliche  Figur  mit 
Kopf,  griechischer  Ar- 
beit, einfache  Haar- 
tracht des  4.  Jahrh. 

Näherten  sich  schon 
die  eben  besproch- 
nen  Typen  einem  Situationsbilde , so  ist 
dies  ungleich  mehr  der  Fall  bei  den  fol- 
genden, die  ihre  Entstehung  erst  der  Zeit 
um  und  nach  Alexander  verdanken.  Es  wur- 
den damals  gern  Motive,  die  vordem  nur  in 
der  Malerei  oder  in  Reliefdarstellungen  oder 
in  der  Kleinkunst  üblich  waren,  in  die  statua- 
rische Kunst  übertragen.  Auch  werden  Grup- 
pierungen mit  Eros  häufiger.  Dafs  die  überaus 
häufigen  Repliken  der  sich  die  Haare  aus- 
pressenden, auf  dem  linken  Beine  stehenden 
nackten  Anadyomene  (< Stephani  CB.  1870/71, 
S.  79  ff.)  vielleicht  mit  dem  Pheidiasisehen  Re- 
lief übereinstimmen,  ward  oben  bemerkt;  die 
berühmte  Anadyomene  des  Apelles  mag  im 
Oberkörper  wenig  verschieden  gewesen  sein, 
da  sie  sich  die  Haare  ausrang;  ihr  Unterkörper 
scheint  aber  im  Wasser  verborgen  gewesen  zu 
sein  ( Benndorf  in  den  Mitt.  d.  Inst,  in  Athen 
1,  50  ff.).  Eine  andere  Komposition  der  Geburt 
Aphrodites,  die  mit  dem  Oberkörper  aus  einer 
geöffneten  Muschel  herauskommende  oder  in 
einer  Muschel  kauernde  (Arth.  Ztg.  1875,  Taf. 

Roscher,  Lexikon  der  gr.  u.  rüm.  Mythol. 


6.  7.  Mitt.  d.  Inst.  7,  Taf.  13.  Stephani  CB. 
1870/71,  S.  66ff.)  scheint  indes  nicht  über  das 
Gebiet  der  Kleinkunst  herausgedrungen  zu  sein; 
sie  ist  schon  aus  dem  4.  Jahrh.  bezeugt.  Sie 
ward  später  verdrängt  durch  die  in  späterer 
Malerei  und  Reliefs  gewöhnliche  Darstellung 
der  von  Meerdämonen  auf  einer  Muschel  em- 
porgehobenen neugeborenen  Göttin  (vgl.  Baus. 
2,  1,  7.  Stephani  CB..  1870/71,  S.  128  ff.)  — 
io  Die  sich  badende,  kauernde  Aphrodite  war  ein 
in  Malerei  (Vasen)  und  Kleinkunst  (Gemmen 


30 


Mediceisclie  Aphrodite 
(Florenz). 


40 


Aphrodite  im  Bade  kauernd  (Museo  Pio-Clement. 
vgl.  Müller-  Wieseler , D • a.  K.  2,  No.  279). 

z B.)  schon  zu  Anfang  des  4.  Jahrh.  beliebtes 
Motiv;  statuarisch  wurde  es  erst  später;  die 
erhaltenen  Statuen  ( Clarac  627;  629  — 631. 
Stephani,  CB.  1870/71,  S.  58  ff.  Gaz.  archeol. 
50  18  7 0,  pl.  13.  14)  gehen  auf  ein  Original  von 
sehr  reifen,  ja  fetten  Formen  zurück;  die  Haare 
sind  die  späteren  mit  der  Schleife  oben;  jeden- 
falls ist  die  gewöhnliche,  übrigens  ganz  haltlose 
Zurückführung  auf  den  Sikyonier  Daidalos 
falsch.  — Ein  besonders  reizvolles  Motiv  zeigt 
die  nackte  Aphrodite,  die  mit  der  Rechten  die 
Sandale  des  linken  erhobenen  Fufses  zu  lösen 
sucht;  der  linke  Arm  ist  erhoben  und  zuweilen 
gestützt;  inkleinen  Bronzen,  doch  auch  kleineren 
Go  Marmorstatuen  sehr  häufig;  die  Haartracht  ist 
die  spätere  ( Wieseler  zu  D.  a.  K.  23,  283.  Furt- 
wängler,  S.  Sabouroff,  Taf.  37.)  — Den  Kestos 
sich  um  die  Brust  legend,  oft  in  kleinen  Bronzen 
( D . a.  K.  23,  282).  Mit  erhobener  Sandale 
(Eros  drohend?)  ebenfalls  in  Bronzen  (II Gese- 
ier zu  D.  a.  K.  23,  285  b.)  — Die  sog.  Kalli- 
pygos  (I).  a.  K.  2,  276.  Bernoulli,  Aphr.  341  ff.) 
ist  eine  ganz  ungewisse  Aphrodite;  es  ist 

14 


419 


Aphrodite  (in  d.  Kunst) 


Apis 


420 


durchaus  nicht  nötig  für  das  bei  Athen.  12, 
p.  554  erwähnte  Heiligtum  einer  Aphrodite 
v.alli-jtvyog  eine  Darstellung  jener  Art  voraus- 
zusetzen; jene  Statue  mag  einem  niedereren 
Kreise  angehören.  — Endlich  kömmt  Aphrodite 
auch  nackt  vor,  sich  ein  Wehrgehäng  umlegend, 
(. Bernoulli , S.  448);  auf  Münzen  des  Augustus 
und  römischen  Gemmen  oit  angelehnt,  halb- 
bekleidet mit  Helm  und  Lanze  in  den  Händen, 
als  victrix  {Bernoulli  S.  185),  eine  römische 
Schöpfung,  vielleicht  im  entfernten  Anschlüsse 
an  die  alte  bewaffnete  Aphrodite. 

Von  besonderen  Bildungen  sind  folgende 
bemerkenswert:  trauernd  verhüllt,  so  dafs  vom 
Gesichte  nur  die  Augen  sichtbar  sind,  thronend, 
in  Terracotten  freien  griechischen  Stiles  von 
Cypern  {Mon.  grecs  1874,  vgl.  Preller,  gr.  Myth. 
23,  287,  4.)  — Zu  Hofs  reitend:  Stephani , CB. 
1867,  48.  Bernoulli  S.  412.  Bull.  d.  I.  1870, 
36,  griechische  Spiegelkapsel;  vielleicht  die 
sog.  Selene  vom  grofsen  Pergamenischen  Friese 
{vorl.  Ber.  1 S.  54,  H.)  — Auf  einem  Schwane 
durch  die  Luft  oder  übers  Wasser  getragen, 
öfter  in  Vasen  und  Terracotten  vom  4.  Jahrh. 
an  ( Wieseler  zu  J).  a.  K.  23,  286.  Cesnola,  Sa- 
laminia  1882,  p.  204.)  — Auf  einem  Bocke 
reitend:  die  ndvdryiog  des  Skopas  in  Elis  {Paus. 
6, 25, 1);  Bronzespiegelkapsel  im  Louvre,  Aphro- 
dite auf  Bock  reitend,  rechts  und  links  ein 
Reh;  über  die  enge  Beziehung  der  Ziege  zu 
Aphrodite  s.  Stephani , CB.  1869,  84  ff.  1859, 
126;  einige  zweifelhafte  Terracotten,  wo  Aphro- 
dite ganz  verhüllt,  s.  Treu,  Winclcelm.-Progr. 
Berlin  1875,  S.  15.  — Auf  einem  Widder  rei- 
tend; wie  es  nach  Münzen  scheint,  in  Cypern 
und  Kleinasien,  s.  Stephani,  CR.  1869,  87.  — 
Aphrodite  den  Eros  säugend : Gemme  bei 

Stephani,  CR.  1864,  pl.  6,  1 S.  184.  — Mit 
Ares  gruppiert,  statuarisch  nur  in  Werken 
römischer  Zeit  {1).  a.  K 2,  290.  291).  — In 
gröfsern  Darstellungen  erscheint  Aphrodite 
besonders  in  denen  der  Sage  von  Alexandros- 
Paris  und  Menelaos  (von  ältester  Zeit  an),  von 
Anchises,  Adonis  (erst  seit  hellenistischer  Zeit), 
im  Streite  mit  Persephone,  mit  Ares,  s.  d. 

[Furtwängler.] 

Apis  (Anus).  1)  der  ägyptische  Apis.  Be- 
kanntlich glaubte  das  ägyptische  Volk,  dafs 
die  Gottheiten  in  Bäumen  und  Tieren,  aber 
auch  in  anderen  Gegenständen , wie  z.  B. 
einer  Stabsäule,  ihren  Wohnsitz  genommen 
hätten  und  aus  ihnen  wirkten.  Unter  den 
in  den  einzelnen  Orten  verehrten  Tieren  be- 
gegnen uns  namentlich  heilige  Rinder  in  gro- 
sser Anzahl , von  denen  für  die  spätere  Zeit 
neben  dem  in  Heliopolis  verehrten  Stiere  Mne- 
vis  der  in  Memphis  verehrte  Hapi , griech. 
^Amg,  besonders  hervortritt.  Schon  in  der  Pyra- 
midenzeit werden  Priester  desselben  gelegent- 
lich erwähnt,  z.  B.  J.  de  Rouge,  inscr.  4;  zu 
gröfserer  Bedeutung  ist  er  erst  in  den  Zeiten 
des  neuen  Reichs  gelangt.  Im  Totenbuch 
findet  er  sich  nur  in  dem  ziemlich  späten 
Cap.  97,  ZI.  7.  [Die  Tradition  bei  Manetho, 
der  Kult  der  Stiergottheiten  Apis  und  Mnevis 
und  des  Bocks  von  Mendes  sei  vom  zweiten 
König  der  zweiten  Dynastie  Kakau  {Kcus%cog) 
d.  i.  „Stier  der  Stiere“  eingeführt,  ist  aus  dem 


Namen  des  Herrschers  gebildet  und  historisch 
wertlos;  eine  analoge  Angabe  des  Artapanos 
bei  Euseb.  praep.  ev.  11,  27,  12.] 

Die  Aufgabe  der  Theologie  war  es,  die  Ver- 
ehrungswesen des  Volksglaubens  dem  System 
einzureihen  und  mit  den  grofsen  Gottheiten  der 
officiellen,  frühzeitig  von  Geheimlehren  über- 
wucherten Religion  in  Verbindung  zu  setzen. 
Beim  Apis  geschah  dies  in  der  Weise,  dafs 
io  man  ihn  für  eine  Inkarnation  des  Hauptgottes 
von  Memphis,  des  Ptah,  erklärte.  Daher  heifst 
er  sein  Sohn  oder  sehr  gewöhnlich  „das  neue 
Leben  des  Ptah“.  Dieser  Gott  selbst,  dessen 
ursprüngliche  Bedeutung  sehr  dunkel  ist,  war 
im  System  wie  alle  grofsen  Götter  ein  Licht- 
gott geworden  und  wurde  gewöhnlich  mit 
Osiris  (und  Sokar)  identificiert.  Daher  hat 
auch  Apis  (wie  übrigens  alle  Stiergottheiten 
Ägyptens)  eine  solare  Natur;  als  Symbol  wird 
20  ihm  der  Sonnendiskus  zwischen  die  Hörner 
gesetzt.  [DieScheibezwischen  zweiHör- 
nern  ist  in  Ägypten  immer  die  Sonne, 
nie  der  Mond.]  Insofern  ist  es  auch  nicht 
ganz  unrichtig , wenn  die  Griechen  den  Apis 
für  eine  Inkarnation  des  Osiris  erklären  {Strabo 
17,  1,  31.  Plut.  de  Is.  20.  29.  Diod.  1,  85; 
s.  indessen  unten).  Ein  Lichtfunke,  so  erzählte 
man,  fuhr,  wenn  der  alte  Apis  gestorben  war, 
vom  Himmel  hernieder  und  zeugte  den  neuen 
30  Gott  von  einer  Kuh,  die  darnach  nicht  wieder 
gebar  {Herod.  3,  28;  darnach  zahlreiche  andere, 
z.  B.  Mela  1,  9).  Die  Zeichen,  an  denen  man 
ihn  erkannte , beschreiben  die  Griechen  viel- 
fach, mit  einzelnen  Abweichungen  {Her.  3,  28. 
Strabo  17,  1,  31.  Plin.  8,  184  [daraus'  Am- 
mian.  22,  14,  7].  Aelian.  hist.  an.  11,  10  u.  a.; 
nach  den  Späteren  hätte  er  namentlich  auf 
der  rechten  Seite  eine  Mondsichel  getragen, 
weshalb  er  dann  meist  im  vollen  Widerspruche 
40  mit  den  Monumenten,  im  Gegensatz  zu  dem 
Sonnenstier  Mnevis  zu  einem  Tiere  des  Mon- 
des gemacht  wird,  so  Aelian.  hist.  an.  11,  11. 
Plut.  de  Is.  43.  Porphyr,  bei  Euseb.  praep. 
ev.  3,  13,  1.  Schol.  Stat.  Th.  3,  478;  an- 
ders Macrob.  Sat.  1,  21,  20).  Auf  den  Denk- 
mälern wird  er,  in  Übereinstimmung  mit  den 
griechischen  Angaben , als  schwarzer  Stier 
mit  einzelnen  weifsen  Flecken  dargestellt; 
auf  dem  Rücken  trägt  er  gewöhnlich  ein 
50  rotes  Tuch. 

einer  der  rohen  Skiz- 
zen auf  den  Stelen 
des  Serapeums  ent- 
nommen. Zu  den 
Feierlichkeiten,  mit 
denen  ein  neuer  Apis 
eingeführt  wurde, 
vgl.  Ilerod.  3,  27  ff. 

Diod.  1,  85.  Aelian 
60  a.  a.  O.  Die  Angabe, 
dafs  er  nur  eine  be- 
stimmte Anzahl  von  Jahren  habe  leben  dürfen, 
und  wenn  er  nicht  vorher  starb,  von  den  Prie 
stern  in  einen  Brunnen  gestürzt  worden  sei 
{Plin.  8,  184.  Plut.  de  Is.  56),  läfst  sich  mo- 
numental nicht  belegen.  Die  von  neueren  Chro- 
nologen {Ideler,  Handbuch  1, 182)  aufgestellte, 
auch  von  Lepsius  vertretene  Annahme  einer 


Die  beigegebene  Zeichnung  ist 


421  Apisaon 

Apisperiode  von  25  Jahren  ist  durch  nichts 
begründet. 

Seit  Amenhotep  III  (18  Dyn.,  ca.  1400  v.  Chr.) 
hat  man  den  Apis  in  der  Totenstadt  von  Sak- 
kara  ■westlich  von  Memphis  bestattet.  Unter 
Rarnses  II  legte  sein  Sohn  Cha'mus,  der  Ober- 
priester des  memphitisclien  Ptah,  einen  grofsen 
unterirdischen,  in  den  Felsen  gehauenen  Grab- 
bau mit  28  Grabkammern  für  ihn  an.  Psam- 
metich  I hat  dann  eine  neue  weit  grofsarti- 
gere  und  kostbarere  Gallerie  hinzugefügt , in 
der  die  folgenden  Stiere  beigesetzt  sind.  Dar- 
über erhob  sich  der  Tempel  des  verstorbenen 
Gottes,  das  Sarapeum  von  Memphis  (s.  darüber 
die  Publikation  des  Entdeckers  desselben, 
Mariette , le  Serapeum  de  Memphis  1857 , in 
neuer  Bearbeitung  von  Maspero  seit  1882). 
Denn  wie  jeder  Tote,  sei  es  ein  Mensch  oder 
ein  Gott,  ist  auch  der  verstorbene  Apis  iden- 
tisch mit  Osiris,  dem  in  das  Totenreich  ein-  2 
gegangenen  Sonnengotte,  und  -keifst  daher 
Osar-kapi  = Sciganeg , d.  i.  Osiris-Apis.  Be- 
kanntlick ist  der  Kult  dieses  Gottes  in  der  Ptole- 
mäerzeit einer  der  wichtigsten  Ägyptens  ge- 
worden, s.  Art.  Sarapis;  der  wakre  Sackver- 
halt, den  Paus.  1,  18,  4 andeutet,  schimmert 
auch  in  den  bei  Flut,  de  Is.  29.  Clern.  Alex. 
Strom.  1,  21,  106  bewahrten  Angaben  noch 
durch.  [Zur  Bestattung  des  Apis  und  den  un- 
geheuren Kosten  derselben  vgl.  Diod.  1,  84]. 

In  den  späteren  Zeiten  des  neuen  Reichs 
wuchs  die  Verehrung  wie  des  verstorbenen, 
so  auch  des  lebenden  Apis  fortwährend  an 
Ansehen  und  Bedeutung.  Psammetick  I (663 
— 610)  hat  ihm  in  Memphis  einen  grofsen 
Tempel  gebaut  ( Her . 2,  153),  auf  den  die  An- 
gaben Strabos  17,  1,  31  zu  beziehen  sind;  auch 
die  Mutter  des  Gottes  wurde  hier  verehrt. 
Dafs  man  aus  dem  Verhalten  des  Stieres  Ora- 
kel entnahm  — dafs  er  von  Germanicus  kein 
Futter  annehmen  wollte,  bedeutete  diesem  den 
Tod  ( Plin . a.  a.  0.)  — , ist  begreiflich  genug.  Aus 
dem  Ansehen  des  Stiers  von  Memphis  erklärt  es 
sich,  dafs  er  den  Griechen,  als  sie  seit  Psanime- 
tich  I Ägypten  genauer  kennen  lernten,  sofort 
bekannt  wurde.  Sie  nannten  ihn  Epaphos  (vgl. 
Herod.  a.  a.  O.)  und  machten  ihn  zum  Sohne  der 
mit  der  Isis  (die  sie  für  eine  Mondgöttin  hiel- 
ten) identificierten  Io  (vgl.  Diod.  1,  21,  96), 
Dinge , von  denen  die  Ägypter  begreiflicher 
Weise  nichts  wissen  wollten  ( Aelian . a.  a.  0.).  ln 
späteren  Fabeleien  wird  er  dann  gar  mit  dem 
Argiver  Apis  (s.  d.),  dem  Sohne  des  Plioroneus, 
dem  ersten  Arzte  ( Aeschyl . suppl.  262),  nach  dem 
der  Peloponnes  Apia  hiefs,  zusammengeworfen 
I {Clem.  Alex.  Strom.  1,  16,  75.  21,  106;  nach 
Apollodor  2,  1,  4 wird  Apis  der  Sohn  des  Pho- 
roneus  nach  seinem  Tode  unter  dem  Namen 
Sarapis  als  Gott  verehrt).  [Ed.  Meyer.]  — 

2)  Sohn  des  Phoroneus  und  der  Nymphe  Te- 
ledike  (Laodike?),  Enkel  des  Inaclios  und  der 
Ökeanide  Melia,  Bruder  der  Niobe,  ererbte  von 
i seinem  Vater  die  Herrschaft  über  die  ganze  Pe- 
loponnes, welche  von  ihm  Apia  (s.  Gurtius,GrdzA 
469)  genannt  wurde  (vgl.  Alcus.  b.  Tzetz.  Lylc. 
177.  Rhian.  b.  Steph.Byz.  u.  ’Ania.  Schol.  II.  1, 
22.  Schol.  Ap.  Rh.  4,  263) , herrschte  aber  so 
j gewaltthätig,  dafs  er  von  Thelxion  und  Tel- 


Apollon  (Sonnengott)  422 

cbin  ermordet  wurde.  Er  starb  kinderlos  und 
wurde  nach  seinem  Tode  für  einen  Gott  ge- 
halten und  als  solcher  Sarapis  genannt  [Apol- 
lod.  2 , 1 , 1 . Aristeas  b.  Clem.  Al.  Str. 
p.  322  Sylb.)  Wenn  Apollod.  1,  7,  6 u.  Schol. 
11.  13,  218  ihn  von  Aitolos  getötet  werden 
lassen,  so  ist  das  wohl  eine  Verwechselung 
mit  Apis  4.  Später  rächte  Argos,  der  Sohn 
der  Niobe  und  des  Zeus,  seinen  Tod  [Apollod. 
2,  1,  2).  Vgl.  auch  Polemon  b.  Eus.  pr.  ev.  10, 
10.  Infolge  der  Gleichheit  des  Namens  wurde 
er  mehrfach  mit  dem  ägyptischen  Apis  (s.  d.) 
identificiert,  und  es  entstand  die  Sage,  dafs  er 
Hellas  verlassen,  in  Ägypten  regiert  und  hier 
Memphis  gegründet  habe  ( Aristipp . b.  Giern. 
Al.  Str.  p.  322.  Sylb.  Euseb.  Ghron.  271.  August, 
civ.  d.  18,  5 u.  6).  Der  Name  Apis  ist  wohl  erst 
aus  ’Ania  — ntlonowgoog  abstrahiert.  — 3) 
Sohn  des  Sikyoniers  Teichin,  Vater  des  Thel- 
xion, nach  welchem  die  Peloponnes  Apia  ge- 
nannt worden  sein  soll. [Paus.  2,  5,  7).  Offen- 
bar ist  dieser  Apis  der  sikyoniscken  Sage  ur- 
sprünglich identisch  mit  Äpis  1.  — 4)  Sohn 
des  Iason  aus  Pallantion  in  Arkadien,  von 
Aitolos  unabsichtlich  bei  den  zu  Ehren  des 
Azan  gefeierten  Leichenspielen  getötet  [Paus. 
5,  1,  8,  vgl.  oben  Apis  1.)  — 5)  Sohn  des 
Apollon , Seher  und  Arzt  [IctzgoycivTig)  aus 
Naupaktos,  der  Argos  von  schädlichen  Tieren 
befreite,  so  dafs  das  Land  ihm  zu  Ehren  Apia 
genannt  wurde  [Aesch.  Suppl.  262  ff.),  vielleicht 
identisch  mit  dem  b.  Porphyr,  de  abst.  3,  15 
genannten.  [Roscher.] 

Apisaon  [’Ajuoocwv)  , 1)  Sohn  des  Pliausios, 
ein  Troer,  welchen  Eurypylos  erlegte  [II.  11, 
578.)  — 2)  Ein  Paionier,  Sohn  des  Hippasos, 
von  Lykomedes  getötet  [II.  1 7,  348.)  [Roscher.] 
Apistia  [’Amoziu) , Inschrift  eines  geschnit- 
tenen Steines,  auf  welchem  die  Köpfe  des  Pan 
und  einer  Frau  [’Atugtlcc'I)  abgebildet  sind: 
C.  I.  Gr.  7040  b.  [Roscher.] 

Apollon  (bei  Homer  und  den  Späteren  ge- 
wöhnlich 'AnblXcov,  dorisch  ’Ai isXlwv  : Ahrens 
de  dial.  2,  122,  tliessalisch  ”AnXovv : vgl.  über 
diese  Formen  sowie  über  die  verschiedenen 
Deutungen  des  Namens  Lauer , System  d.  gr. 
Myth.  255  f.  Welcher,  Götterl.  1,  460  f.  Preller, 
gr.  Myth.-  1,  183).  Dafs  Apollon,  dessen  Kult 
seit  den  ältesten  Zeiten  bei  allen  griechischen 
Stämmen,  namentlich  bei  den  Doriern  [Müller, 
Dorier  1,  199  ff.)  und  Ioniern  ( Milclihöf er , der 
attische  Apollon,  München  1873),  verbreitet 
war  und  folglich  schon  der  Periode  ihrer  Ein- 
heit angehört,  ursprünglich  die  Bedeutung  eines 
Licht-  und  Sonnengottes  hatte,  darf  als 
eine  der  sichersten  Tkatsacken  der  Mythologie 
bezeichnet  werden.  Nicht  blofs  die  meisten 
Züge  des  Gottes  in  Kultus  und  Mythus  lassen 
sich  aus  dieser  Anschauung  erklären,  sondern 
es  führt  darauf  auch  die  auffallende  Überein- 
stimmung aller  wesentlichen  Funktionen  des 
Apollon  mit  denen  des  altitalischen  Licht - 
und  Sonnengottes  Mars  und  des  Helios  (vgl. 
Roscher , Apollon  u.  Mars  Leipzig  1873). 

I.  Apollon  als  eigentlicher  Sonnengott. 

Diese  seine  ursprüngliche  Bedeutung  zeigt 
sich  noch  am  klarsten  in  einigen  Beinamen, 

14* 


423 


Apollon  (Sonnengott) 

welche  etymologisch  leicht  verständlich  sind 
und  ihn  als  den  Lichten,  den  Lichtgeborenen 
oder  Glänzenden  charakterisieren  sollen.  Die 
bekanntesten  unter  ihnen  sind  Avunog,  AvAiog, 
Avnrjysvi jg  (II.  4,  101,  119),  welche  allgemein 
auf  die  Wurzel  Xva  leuchten  zurückgeführt 
werden  ( Curtius , Grundz.  d.  gr.  Etym.b  160  L), 
und  <$oißog,  als  dessen  Wurzel  cpap  scheinen, 
leuchten  anzusehen  ist  ( Cuitius  a.  a.  0.  296). 
’AnoXXwv  AvALog  oder  AvASiog  hatte  Kulte  zu 
Argos  (Patts.  2,  19,  3.  Soph,  EL  6 u.  Schol.), 
Sikyon  (Patts.  2,  9,  7)  und  Athen  ( ibid . 1, 
19,  3).  Vergl.  auch  C.  I.  Gr.  466.  1119. 
ln  den  Tempellegenden  dieser  Orte  leitete 
man  freilich  den  Namen  von  XvAog  Wolf  ab, 
was  jedoch  wohl  nur  auf  einer  falschen  Volks- 
etymologie beruht,  und  sich  einerseits  aus  dem 
frühzeitigen  Verluste  eines  von  der  Wurzel 
Xva  gebildeten  Substantivums  in  der  Bedeu- 
tung von  Licht,  anderseits  aus  dem  Umstande  2 
erklärt,  dafs  der  Wolf  dem  Apollon  geheiligt 
war  (vgl.  den  Juppiter  Lucetius,  die  Artemis 
AvabCu  zu  Troizen  und  die  Diana  Lucina). 
Aufserdem  gehören  noch  hierher  die  die  gol- 
denen Lichtstrahlen  des  Sonnengottes  trefflich 
charakterisierenden  Beinamen  %gvaoA6yag{Pind. 
Ul.  6,  41.  7,  32.  Eur.  Suppl.  975;  vgl.  Ion 
887)  oder  xQnGoi&iiQog  {C.  I.  Gr.  2342),  rä- 
xsGcov  TcatiiQ  aqtfftrog  ( C . I.  Gr.  2342),  cfiasoiy- 
ßgozog  { ib . n.  6797),  ferner  der  Apollon  AiyXrp 
xri g von  Anaphe  ( Strab . 484.  Apollod.  I,  7, 
26.  Apoll.  Hk.  4,  1718,  1729.  C.  I.  Gr. 
2482),  der  Apollon  Enoynog  { Hesych .),  ein  Bei- 
name, welcher  auch  bei  Zeus  vorkommt  und 
wohl  dem  Zsvg  rLavxonxiqg  oder  nHXiog  Ila v- 
omyg  analog  zu  erklären  ist,  endlich  der  Apol- 
lon Ecöiog  von  Thynias  (Ap.  Uh.  2,  686,  700 
u.  Schol.  z.  684)  und  der  ’Evavgog  von  Kreta 
( Ilesycli . vgl.  ib.  s.  v.  tvavgco'  ngcot.  Egg rsg), 
welche  beiden  Namen  offenbar  den  Gott  der 
aufgehenden  Sonne  bezeichnen  sollen,  der  viel- 
fach als  Sieger  über  Nacht  und  Winter  mit 
Päanen  begrüfst  wurde  ( Preller , gr.  Mylh.  1, 
192,  4.  Schwalbe,  über  d.  Paian  S.  26). 

II.  Apollon  als  Gott  des  Jahres , der 
Jahreszeiten  und  Monate. 

Da  alle  natürliche  Zeitrechnung  auf  der 
Beobachtung  des  scheinbaren  jährlichen  Son- 
nenlaufes und  der  durch  den  Wechsel  der 
Jahreszeiten  und  Mondphasen  gebotenen  Ein- 
teilung desselben  beruht,  so  lag  es  sehr  nahe 
den  Sonnengott  auch  als  Zeitordner  zu  den- 
ken und  clemgemäfs  alle  natürlichen  Zeit- 
bestimmungen seinem  Wirken  zuzuschreiben 
(vgl.  Ov.  Met.  2,  25).  Diese  sind:  a)  das 
Jahr , d.  i.  nach  Aratos  (749)  der  Zeitraum, 
welchen  die  Sonne  braucht,  um  ihre  grofse 
Bahn  zu  vollenden  (yiyav  ’bygov  iXccvvsiv), 
weshalb  es  schon  bei  Homer  „Lichtbahn“  {Xv- 
Aaßag  ■ vgl.  Curtius,  Grundz.  d.  gr.  Et.6  161) 
genannt  wurde.  — b)  Die  Jahreszeiten,  deren 
man  seit  ältester  Zeit  bald  zwei  {%siyu  und 
ftigog)  bald  vier  (xsiga,  tag,  frigog,  oncoga) 
unterschied  (vgl.  darüber  Koscher , Apollon  u. 
Mars  S.  20).  — c)  Die  12  Monate.  — d)  Die 
Monatsteile  oder  die  7-  und  10-  tägigenWochen 
(Roscher  a.  a.  0 21).  — e)  Die  sogenannten 


Apollon  (G.  d.  Jahres  etc.)  424 

Ennaeteriden  oder  grofsen  Jahre  {ysyuXot.  oder 
cUölol  smavzoi),  d.  h.  Cyklen  von  99  Mond- 
monaten oder  8 Jahren,  nach  deren  Verlauf 
Mond  und  Sonne  wieder  in  dasselbe  Verhält- 
nis treten,  und  deren  Gebrauch,  wie  die  Mythen 
von  Kadinos  ( Apollod . 3,  4,  2),  Apollon  {Mül- 
ler, Dorier  1,  322,  2)  und  Herakles  {ib.  437) 
lehren,  sicher  ein  uralter  war  (vgl.  K.  0.  Müller, 
Orchomenos  218  f.  Dorier  1,  330.  Proleg.  423. 
i Scliömann,  gr.  Alt.2  2,  425).  Im  Kultus  zeigt 
sich  nun  die  Beziehung  des  Apollon  zu  allen 
diesen  Zeitabschnitten  in  der  Thatsache,  dafs 
alle  für  die  Einteilung  des  Jahres  wichtigen 
Tage,  nämlich  die  der  Neu-  und  Vollmonde, 
die  siebenten  und  zwanzigsten  Tage  des  Monats, 
endlich  die  Anfänge  des  Sonnenjahres  und  der 
Ennaeteris  für  apollinisch  galten. 

Auf  den  Gott  des  Jahres  und  der  Mond- 
phasen bezieht  sich  ein  eigentümlicher  Brauch 
i der  thebanischen  Daphnephorien,  eines  Festes 
des  ismenischen  Apollon,  welchen  Proklos 
bei  Photios  bibl.  321  folgenclermafsen  schildert: 
„Sie  bekränzen  ein  Holz  vom  Ölbaum  mit 
Lorbeerzweigen  und  bunten  Blumen,  an  dessen 
Spitze  eine  eherne  Kugel  befestigt  wird,  wel- 
cher man  kleinere  anhängt;  um  die  Mitte  des 
Holzes  aber  legen  sie  kleinere  Kugeln  . . . 
und  heften  purpurne  Stemmata  an ; das  unterste 
Ende  des  Holzes  aber  umgeben  sie  mit  einem 
aqiacozov  (d.  i.  eine  Scheibe  oder  Kugel,  welche 
aus  Bingen  bestand  und  die  verschiedenen 
Mondphasen  darstellte).  Die  oberste  Kugel 
bedeutet  die  Sonne , auf  welche  man  den 
Apollon  bezieht;  die  unten  befindliche  den 
Mond,  die  hinzugefügten  kleineren  Kugeln  die 
Gestirne  und  Sterne,  die  Stemmata  aber  den 
sviavoiog  ögoyog,  denn  sie  betragen  gerade 
305.“  Das  hohe  Alter  dieses  Festes,  welches 
offenbar  die,Grenzscheide  zweier  Jahresepochen 
bildete,  erhellt  aus  dem  Umstande,  dafs  es  aul 
Polematas,  einen  mythischen  Anführer  der  Böo- 
ter,  zurückgeführt  wurde,  und  aus  der  Sage,  dafs 
bereits  Herakles  Daphnephoros  des  ismenischen 
Apollon  gewesen  sein  sollte  (vgl.  Paus.  9,  10,  4. 
Proklos  Chrest.  p.  988  — p.  387  ed.  Gaisf.). 
Aufserdem  verdient  Erwähnung,  dafs  in  den 
meisten  bekannten  Kalendern  der  Griechen  ein 
dem  Apollon  heiliger  oder  nach  einem  seiner 
Feste  benannter  Monat  an  der  Spitze  des  Jahres 
stand  {Roscher  a.  a.  0.  S.  22  f.  vgl.  A.  Mornm- 
sen  Delphi/ca  160).  Ja,  es  finden  sich  so- 
gar zwei  Beinamen  des  Gottes,  welche  ihn 
als  Gott  der  Jahreszeiten  charakterisieren: 
’Slgofiidcov  auf  einer  Inschrift  von  Tenos  {C.  I. 
Gr.  2342)  und  Slgizgg  b.  Lykoplir.  352  (vgl.  d. 
Schol.  z.  d.  St.),  womit  die  Thatsache  überein- 
stimmt, dafs  Apollon  auf  Monumenten  der  bil- 
denden Kunst  mehrfach  mit  den  Horen  ver- 
einigt erscheint  ( Wieseler,  Denkm.  d.  a.  K.  2, 
129.  Welcher,  a.  Denkm.  2,  52.  Götterl.  1,  469). 

Dafs  ferner  dem  Apollon  auch  die  12  Mo- 
nate als  die  natürlichen  Teile  des  Sonnenjahres 
geheiligt  waren,  geht  aus  der  bestimmten  Über- 
lieferung hervor,  dafs  ihm  an  jedem  Neumond- 
tag ein  Opfer  dargebracht  wurde,  wovon  er 
den  Beinamen  Nsoygvio g erhielt  {Herod.  6, 
57.  Schol.  Arist.  PI.  1126.  Schol.  Pind.  A. 
3,  1.  Schol.  Od.  20,  155).  Ein  auf  den 


425  Apollon  (G.  d.  Frühlings) 

Neumondtag  fallendes  Apollonfest  kommt  be- 
reits in  der  Odyssee  vor  (|  102,  t 307).  Auf 
die  Teilung  des  Monats  in  7-tägige  Wochen 
bezieht  sich  wohl  die  vielfach  überlieferte  That- 
sache,  dafs  dem  Apollon  der  Siebente  jedes  Mo- 
nats heilig  war,  woraus  sich  der  Mythus  von 
der  Geburt  des  Gottes  am  Siebenten  und  die 
Beinamen  'Eßdogsio?  und  ’EßdofidytTrjg  oder 
-yevg?  ( Aesch . Sept.  781  u.  Schol.  Flut.  Q.symp. 

8, 1,  2.  C.  I.  Gr.  p.  463)  erklären.  Ebenso  waren  i 
auch  die  Vollmondtage  (Plut.  Dio  23)  und  die 
zwanzigsten  Tage  der  Monate  {sUdösc)  dem 
Apollon  geheiligt  ( Etym . M.  298,  1).  Die  Be- 
ziehungen des  Apollon  zur  alten  achtjährigen 

I Schaltperiode  zeigen  sich  nicht  blofs  in  der 
ennaeterischen  Feier  der  thebanischen  Daphne- 
phorien  {Phot,  hihi.'  321)  und  der  alten  pythi- 
schen  Spiele  {Mittler,  Porter  1,  331.  Schoe- 

Imann,  gr.  Alt.  2,  64),  sondern  auch  in  der 
Thatsache,  dafs  die  Athener  zur  Zeit  des  The-  2 
seus  zu  dem  Apollonfeste  von  Knossos  aller 
I 8 Jahre  {Stt  svvecc  iuöv)  Menschenzehnten  sen- 
den mufsten  {Müller,  Dorier  1,  242).  Noch  in 
der  römischen  Kaiserzeit  war  das  Bewufstsein 
von  der  zeitordnenden  Bedeutung  des  Apollon 
lebendig,  wie  mehrere  Stellen  im  Horazischen 
carmen  saeculare  beweisen  {Roscher  a.  a.  0. 

| 24  f-)- 

III.  Apollon  als  Gott  der  warmen  Jahres- 
zeit, d.  i.  des  Frühlings,  Sommers  und 
Herbstes. 

Da  nach  der  Anschauung  der  Alten  die 
Kraft  der  Sonne  im  Winter  erlahmte  oder  ganz 
zu  schwinden  schien  (Hcsiod,  egycc  526  sagt 
ausdrücklich,  dafs  Helios  im  Winter  bei  den 
Athiopen  weile,  wie  denn  im  Winter  nicht 
blofs  die  Tage  kürzer,  sondern  auch  die  Wol- 
ken viel  zahlreicher  sind  als  im  Sommer:  vgl. 
Mommsen,  griech.  Jahreszeiten  S.  141,  378,  421, 
464),  so  dachte  man  sich  den  Sonnengott  Apol- 
lon nur  im  Sommer  thätig  und  feierte  ihn  nur 
in  dieser  Jahreszeit.  In  der  That  fallen  alle 
bekannten  Feste  des  Apollon  nur  in  die  warme 
; 8 bis  9 Monate  umfassende  Jahreszeit,  und 
Plutarch  de  ti  ap.  D.  9 berichtet  ausdrück- 
lich von  den  Delphern , dafs  sie  während 
der  drei  Wintermonate  den  Dionysos,  in  der 
übrigen  Zeit  aber  den  Apollon  verehrt  hätten. 
Da  nun  die  warme  Jahreszeit  in  Frühling, 
eigentlichen  Sommer  und  Herbst  zu  teilen  ist, 
j und  in  jeder  dieser  Perioden  die  Sonne  sehr 
] verschiedene  (gute  oder  schädliche)  Wirkun- 
gen hervorbringt,  so  müssen  wir  Frühlings-, 
Sommer-  und  Herbstfeste  des  Apollon  unter- 
scheiden, deren  Charakter  je  nach  den  zu 
Grunde  liegenden  Anschauungen  ein  sehr  ver- 
schiedener war. 

a)  Apollon  als  Gott  des  Frühlings. 

Der  Frühling  bedeutet  auch  für  die  Griechen 
die  schöne  heitere  Jahreszeit  im  Gegensatz  zu 
dem  rauhen  regnerischen  unfreundlichen  Win- 
ter {Roscher,  Apollon  u.  Mars  S.  30  ff).  Man 
i feierte  daher  im  Frühling  heitere  Feste,  welche 
vor  allem  dem  wolilthätigen  Sonnengott  ge- 
heiligt waren.  Mythisch  wurde  das  Erwachen 
des  Lenzes  entweder  als  Rückkehr  des  in  der 


Apollon  (G.  d.  Frühlings)  426 

Ferne  weilenden  Apollon  (vgl.  Hcs.  egya  526) 
oder  als  dessen  Wiedergeburt  und  Sieg 
über  die  dämonischen  Gewalten  des  Winters 
aufgefafst. 

Dafs  man  den  Apollon  während  des  Win- 
ters in  der  Ferne  weilend  und  im  Frühling 
zurückkehrend  dachte , geht  zunächst  ans  der 
Sitte  der  sog.  vpvoi  xlrjriv.ot  hervor,  mit  de- 
nen der  Gott  im  Frühjahr  gewissermafsen  ein- 
i geladen  wurde,  während  man  ihm  beim  Ein- 
tritt des  Winters  mit  sog.  vyroi  dnonsg-nTinot 
das  Geleite  gab.  Man  sprach  geradezu  von 
dnodrjpicu  und  smSrjgLceL  des  Apollon  {Menand. 
Tr.  stciSstkt.  1,  4.  Theogn.  775  ff.  Pion.  Perieg. 
525.  Plut.  demus.  15,  3 — 7.  Procop.  Soph.  Ep. 
p.  435  ed.  Aur.  Allobr.  1606).  Nach  Pindar 
Pytli.  4,  5 orakelt  die  Pythia  ovv.  ccnoSdgov 
’Anollan’o g tv%ovto s,  d.  i.  am  7.  Tage  des  Mo- 
nats Bysios,  dem  Stiftungstage  des  Orakels 
und  Geburtstage  des  Gottes  (vgl.  Claudian.  28, 
30.  Plut.  Q.  gr.  9 u.  Roscher  a.  a 0.  S.  32. 
Mommsen,  Pelphika  280 ff),  welches  Fest  wahr- 
scheinlich den  Namen  Theophania  führte.  Ge- 
wifs  bezog  sich  darauf  ein  schöner  Päan  des 
Alkaios,  von  welchem  der  Rhetor  Himerios  {or. 
14,  10.  Bergk,  Poetae  lyr. 3 930)  eine  Skizze 
erhalten  hat.  Nach  Alkaios  will  Zeus  den 
eben  geborenen  jugendlichen  Gott  auf  einem 
Schwanenwagen  nach  Delphi  senden,  wo  er 
allen  Griechen  Recht  und  Gesetz  verkünden 
soll.  Der  aber  fährt  zunächst  zu  den  Hyper- 
boreern, bei  denen  er  sich  ein  ganzes  Jahr 
aufhält,  während  die  Delpher  Päane  dichten 
und  Melodieen  komponieren  lassen  und  Chöre 
von  Jünglingen  am  Dreifufs  aufstellen,  welche 
den  Gott  aus  dem  Hyperboreerl a n de  herbei- 
rufen. Da  nun,  als  der  Gott  die  Zeit  für  ge- 
kommen hielt,  wo  die  delphischen  Dreifüfse 
ertönen  sollten , flog  er  auf  einem  Schwanen- 
wagen nach  Delphi,  und  zwar  mitten  in  der 
warmen  Jahreszeit,  weswegen  bei  der  Ankunft 
des  Gottes  derselbe  mit  einem  Frühlingsliede 
begrüfst  wird,  und  die  Nachtigallen,  Schwalben 
und  Cikaden  ihn  besingen,  und  Kastalia  und 
Kephissos  durch  Anschwellen  ihrer  silberhellen 
Fluten  ihre  Freude  über  die  endlich  erfolgte 
Rückkehr  zu  erkennen  geben.  Dafs  in  diesen 
Worten  Alkaios  eine  Frühlingsfeier  gemeint 
hat,  habe  ich  in  meiner  Schrift  Apollon  u. 
Mars  S.  34  nachgewiesen.  Ähnlich  besingt 
auch  Kallimachos  in  seinem  apollinischen 
Hymnus  eine  Epidemia  des  Gottes,  wobei  die 
Zither  und  der  Paian  ertönt,  die  Schwäne  in 
den  Lüften  singen,  und  von  den  Jünglingen 
heitere  Tänze  aufgeführt  werden  (vgl.  auch 
das  Fragment  des  Ananios  b.  Bergk , Poetae 
lyr.3  986).  Man  feierte  also  im  Frühling  an 
den  meisten  Kultstätten  des  Apollon  seine 
Wiederkehr  aus  einem  mythischen  Lande,  wo 
er  während  des  Winters  verweilt  haben  sollte, 
mit  festlichen  Gelagen,  Opfern,  Tänzen  und 
Gesängen  und  nannte  dieses  Land  Aithio- 
pien  {lies.  tgyct  526) , oder  Lykien  ( Verg. 
Aen.  4,  143),  d.  i.  Lichtland,  oder  das  der 
Hyperboreer , welcher  Name  eigentlich  die 
Leute  jenseits  der  Berge  bezeichnet  {Curti.us, 
Grundz.  d.  gr.  Et.5  348).  Von  den  Hyperbo- 
reern heilst  es,  dafs  bei  ihnen  ein  halbes  Jahr 


427  Apollon  (Gehurt). 

hindurch  Tag  und  ewiger  Frühling  herrsche. 
Sophokles  (hei  Strabo29b)  redet  von  einem  ur- 
alten Garten  des  Phoibos  (Doißov  nahubg  v.rp 
7tog),  und  verschiedene  Schriftsteller  ( Diocl . Sic. 

2,  47.  Plin.  v.  h.  4,  89.  Find.  Pyth.  10,  37  f.) 
preisen  die  Heiterkeit  des  Himmels,  das  schöne 
Klima,  die  Fruchtbarkeit  des  Bodens  und  die 
Glückseligkeit  der  Bewohner  jenes  apollini- 
schen Wintersitzes.  Das  hohe  Alter  jener 
Frühlingsfeier  läfst  sich  aus  ihrer  weiten 
Verbreitung  erkennen,  denn  sie  fand  nicht  blofs 
an  den  Hauptsitzen  des  Kultus  in  Delphi  und 
Delos,  sondern  auch  in  Milet,  Megara  und 
Böotien  statt  und  darf  auch  in  Athen  voraus- 
gesetzt werden  (Menander  n.  siuSsl-ax.  1,  4. 
Theogn.  775ff.  A.  Mommsen,  Heortol.  58  f.).  Zu 
Delphi  hiefs  das  Fest  Osocpuvi. a und  wurde 
mit  lustigen  Gelagen  begangen,  da  Herodot 
erzählt,  dafs  der  grofse  silberne  Krater  des 
Kroisos  am  Tage  der  Theoplranien  von  den  21 
Delphiern  gefüllt  worden  sei  ( Ilcrod . 1,  51. 
Näheres  über  dies  Fest  s.  b.  A.  Mommsen, 
Delphika  280  ff.) 

Mit  dieser  Vorstellung  von  der  Wieder- 
kehr des  Apollon  im  Frühjahr  ist  die  Idee  sei- 
ner Geburt  um  dieselbe  Zeit  nahe  verwandt: 
man  dachte  sich  den  Gott  des  Sommers  im 
Beginn  des  Lenzes  geboren,  weil  seine  belebende 
Kraft  sich  in  jedem  Frühling  erneuert.  Nach 
delphischer  Tradition  sollte  Apollon  am  7.  By-  3 
sios,  d.  h.  am  Tage  der  Theophanien,  geboren 
sein,  an  welchem  allein  in  früherer  Zeit  die 
Pythia  zu  orakeln  pflegte  ( Plut . Q.  gr.  3). 
Von  dem  Verhältnis  der  Geburtstagsfeier  zu 
der  Epiphanie  (Wiederkehr)  des  Gottes  läfst 
sich  wohl  annehmen,  dafs  seine  Geburt  als 
seine  erste  Erscheinung  und  die  jährliche 
Wiederkehr  aus  dem  mythischen  Lichtlande 
als  eine  Wiederholung  der  ersten  Epiphanie 
aufgefafst  wurde  ( Roscher , Apollon  u.  Mars  37).  4 

Wenn  inbetreff  der  Feier  a,uf  Delos  bald 
von  einer  Geburt  des  Apollon  am  7.  Tharge- 
lion ( Laert . Diog.  3,  2),  bald  von  einem  Epi- 
phanienfeste im  Beginn  des  Frühlings  die  Rede 
ist  ( Verg.  Aen.  4,  143.  Dion.  Perieg.  525),  so 
erklärt  sich  dieser  scheinbare  Widerspruch 
wohl  aus  der  Annahme,  dafs  in  der  älteren 
Zeit  auch  zu  Delos  der  Geburtstag  des  Gottes 
mit  seiner  Wiederkehr  im  Frühling  zusammen- 
fiel, später  aber  beides  aus  einander  gerissen  j 
oder  zusammmen  auf  den  siebenten  Tharge- 
lion , den  Tag  des  attischen  Thargelien- 
festes , verlegt  wurde  ( Boscher  a.  a.  0.  38. 
Schreiber , Apollon  Pythoktonos  47).  Den  My- 
thos von  der  Geburt  des  Apollon  auf  Delos 
findet  man  ausführlich  behandelt  im  homeri- 
schen Hymnus  auf  den  Apollon  Delhis  und  bei 
Kallimachos  (Hy.  in  Delum  ; vgl.  auch  Pindar 
b.  Strab.  10,  485.  Theogn.  5—10  und  den  Ar- 
tikel Leto.)  e 

Eine  dritte,  höchst  eigentümliche  und  wahr- 
scheinlich uralte  Geburtstagsfeier  fand  endlich 
auch  zu  Ortygia  bei  Ephesos  statt,  das  ebenso 
wie  Delos,  Tegyra  (Plut.  de  def.  or.  5.  Steph. 
Byz.  u.  Teyvga),  Amphigeneia  (Steph.  Byz.  s.  v.), 
Lykien  (Steph.  Byz.  s.  v.  Tsyvg a.  Hagnon  b. 
Schol.  z.  II.  J 101),  Delphi  (Nävius  b.  Macrob. 
Sat.  6,  5,  8)  und  Zoster  in  Attika  (Steph.  Byz. 


Apollon  (Drachentöter)  428 

a.  a.  0.  Hesycli.  u.  Zcoaxi'ig.  Et.  M.  414,  22)  der 
Geburt  des  Gottes  sich  rühmte.  Hier  wurden 
geräuschvolle  kuretische  Waffentänze  aufge- 
führt, womit  die  der  Leto  feindliche  Hera  ab- 
geschreckt und  die  gebärende  Mutter  unter- 
stützt worden  sein  sollte.  Dieser  Brauch  stimmt 
auffallend  mit  der  römischen  Kultsitte  am  Ge- 
burtstage des  Mars  überein  (Boscher  a.  a.  0. 
39.  Strabo  639  £). 

Eine  dritte  im  Kultus  und  Mythus  des 
Frühlingsgottes  Apollon  ausgesprochene  An- 
schauung war  die,  dafs  er  während  und  un- 
mittelbar nach  seiner  Geburt  von  dämonischen 
Mächten  in  Gestalt  von  Drachen  oder  Rie- 
sen gefährdet  worden  sei,  diese  aber  mit  seinen 
Geschossen  siegreich  überwunden  habe.  So 
erzählen  mehrere  Schriftsteller  übereinstim- 
mend einen  Mythus,  wonach  der  junge  Apollon 
unmittelbar  nach  seiner  Geburt,  noch  auf  den 
Armen  seiner  Mutter  getragen,  den  Drachen 
(gewöhnlich  Python  oder  Delphyne  genannt: 
s.  d.)  getötet  habe,  der  ihn  vernichten  wollte, 
eine  Legende,  deren  Popularität  aus  mehreren 
Bildwerken  erhellt,  und  welche  deutlich  be- 
weist, wie  eng  die  beiden  Ideen  der  Geburt 
und  des  Drachenkampfes  mit  einander  ver- 
knüpft waren  (vgl.  Hom.  hy.  in  Ap.  Pytli. 
122 ff  u.  178 ff  Eurip.  Ipli.  T.  1250 f.  Kallim. 
hy.  in  Apoll.  103.  Ap.  Bh.  2,  707f.  Klearchos 

b.  Athen.  701.  Daris  im  Et.  M.  469,  46.  Li- 
ba.nios  narr.  19  p.  1105  [ Westermann,  mythogri 
376.]  Macrobius  Sat.  1,  17,  52.  Serv.  z.  Verg. 
Aen.  3,  73.  Vgl.  Boscher  a.  a.  0.  40  u.  Schrei- 
ber, A.  Pythoktonos  lff.,  der  auch  S.  67  die  hier- 
her gehörigen  Bildwerke  eingehend  behandelt). 
Das  hohe  Alter  dieser  Sage  vom  Drachen- 
kampfe geht  aus  ihrer  weiten  Verbreitung  her- 
vor; denn  nicht  blofs  zu  Delphi,  sondern  auch 
zu  Delos  (Schreiber  a.  a.  0.  46  und  in  den 
Jahrb.  f.  klass.  Philol.  1880  S.  685),  zu  Gry- 
neia  in  Aiolis,  zu  Sikyon  und  Tegyra  erzählte 
man  davon  (Schreiber  a.  a.  0.  50.  Boscher  a. 
a.  0.  40  u.  in  Jalirbb.  für  dass.  Philol.  1880  S. 
601  ff.),  und  als  Pythios  oder  Pythaeus  wurde 
Apollon  vielfach  verehrt  (Krause  in  Paulys 
Bediene.  6,  336).  Hinsichtlich  der  Pythienfeier 
zu  Delphi  vgl.  A.  Mommsen,  Delphika  149  ff 
u.  Schreiber  a.  a.  0.  S.  17  ff. , s.  auch  S.  95 
u.  Boscher  in  den  Jahrbb.  f.  klass.  Philol,  1879 

1 S.  734  f. 

Wasnundie  Deutung  dieses  mit  der  Früh- 
lingsfeier des  Apollon  jedenfalls  zusammen- 
hängenden Mythus  betrifft,  so  kann  der  Drache, 
welcher  unmittelbar  nach  der  Geburt  des  Früh- 
lingsgottes erlegt  wird,  wohl  nur  als  ein  Sym- 
bol des  Winters  gefafst  werden:  der  Drachen- 
kampf des  Apollon  im  Frühjahr  bedeutet  also 
den  Sieg  des  lebenspendenden  Sonnengottes 
über  die  dämonische  Gewalt  des  Winters,  d.  i. 
der  unfruchtbaren  und  schädlichen  Zeit  des 
Jahres  (vgl.  Hom.  II.  P 549  und  Od.  | 522 
mit  Hom.  hy.  in  Ap.  Pyth.  125).  Die  Sage 
vom  Riesen  Tityos  (s.  d.)  scheint  nur  ein  an- 
derer Ausdruck  für  dieselbe  Idee  zu  sein  ( Bo- 
scher a.  a.  0.  41).  Dieselbe  Vorstellung  eines 
Kampfes  zwischen  dem  Gott  des  Lichtes  und 
des  Frühlings  mit  den  Dämonen  der  Finster- 
nis und  des  Winters  beim  Beginn  der  warmen 


429  Apollon  (Delphinios  etc.) 

Jahreszeit  liegt  mehreren  indischen  und  ger- 
manischen Sagen  zu  Grunde  ( Roscher  a.  a.  0. 
42.  Schreiber  a.  a.  0.  58ff.).  Wie  der  Kampf 
des  Sommers  und  Winters  im  Frühling  von 
i den  Germanen  mimisch  dargestellt  wurde,  in- 
dem ein  vermummter  Sommer  und  Winter  auf- 
treten  und  so  lange  mit  einander  kämpfen, 
bis  der  Sommer  siegt,  wobei  das  zuschauende 
Volk  gleichsam,  den  Chorus  abgiebt  und  in 
den  Preis  des  Überwinders  ausbricht  ( Grimm 
\ ätsche.  Mytli.3  724 ff.),  so  feierte  man  auch  in 
Delphi  den  Sieg  des  Apollon  mit  einer  musi- 
j kalisclien  und  dramatischen  Aufführung  des 
Drachenkampfes.  Das  Fest,  an  welchem  die 

I Erlegung  des  Drachen  dramatisch  dargestellt 
wurde,  hiefs  Ztstizi ’iqiov  { Roscher  in  Jahrbb.  ff. 
i Jäass.  Philol.  1879,  734  f. ) , der  musikalische 
• Vortrag,  welcher  dasselbe  Thema  behandelte, 
voyog  nvfhxos  (die  betreffende  Litteratur  s. 
b.  Schreiber  a.  a.  0.  19  Anm.  48).  Dafs  die 
goldenen  Pfeile , welche  Apollon  bei  dem 
Drachenkampfe  gebraucht,  die  Sonnenstrahlen 
bedeuten,  beweisen  Stellen  wie  Eurip.  Or.  1259. 
Baccli.  458.  Here.  für.  1090  u.  s.  w.  (. Roscher 
a.  a.  0.  64  Anm.  126.) 

Mit  dem  Beginn  der  warmen  Jahreszeit 
erneut  sich  aber  nicht  blofs  die  Erde,  sondern 
auch  das  Meer  wird  wieder  belebt,  denn  die 
Schifte,  welche  seit  dem  Untergange  der  Plei- 
aden  (Hes.  spya  619)  auf  dem  trockenen  Lande  ; 
gelegen  haben,  können  wieder  in  See  gehen 
j ( Hes . a.  a.  0.  678.  Plin.  n.  li.  2,  122).  Daher 
verehrten  auch  die  Seefahrer,  Fischer  und  Ko- 
lonisten, welche  mit  Sehnsucht  den  Frühling 
erwarten,  um  ihre  Fahrten  zu  beginnen,  eben- 
so wie  die  Bewohner  des  Binnenlandes  den 
ij  Frühlingsgott  Apollon,  insofern  im  Lenze  die 
J rauhen  Winterstürme  auf  hören  und  das  Meer 
j wieder  schiffbar  wird.  Der  gebräuchlichste 
Kultname  des  Gottes  in  dieser  Bedeutung  ist  i 
i dslcpiviog  ( G . I.  Gr.  442.  2554),  als  welchem 
ihm  in  Attika  das  Frühlingsfest  der  JsXcpivux 
j ( Mommsen , Heort.  48ff.  398ff.  Dclph.  310f. 

( Preller  in  d.  Ber.  d.  sächs.  Ges.  d.  Wiss.  6 
j (1854)  152)  gefeiert  wurde.  Der  Name  AsX- 
cpCviog  erklärt  sich  wohl  am  besten  aus  der 
Bedeutung,  welche  der  Delphin  für  die  See- 
fahrer hatte  ( Phile  1549.  Plin.  n.  h.  18,  361; 
vgl.  auch  die  liegende  im  Hymnus  in  Ap. 
Pyth.  222,  wo  Apollon  sich  in  einen  Delphin  £ 
j verwandelt).  Da  nun  im  Frühjahr  auch  die 
Auswandererschiffe  in  See  zu  gehen  pflegten, 
so  wurde  der  Apollon  Delphinios  auch  Onti- 
ßtfig  und  Acoyazurig,  d.  h.  Städtegründer  und 
Erbauer  genannt  ( Schol . z.  Pind.  Nein.  5,  Sl). 
Damit  hängt  auch  die  Annahme  der  Traum- 
deuter zusammen , dafs  die  Erscheinung  des 
Apollon  Delphinios  ctnodrifu'ag  und  KtvyGsig 
verkünde  ( Artemid . Onirocr.  133,  8 Hercher). 
Zahlreiche  Kultstätten  des  Delphinios  hat  Prcl-  e 
! ler  in  d.  Ber.  d.  sächs.  Ges.  d.  Wiss.  6 (1854) 

S.  143f.  zusammengestellt  (vgl.  Blut,  de  sollert. 

1 an.  36).  Natürlich  lagen  dieselben  ohne  Aus- 
nahme am  Meeresgjestade , und  so  erklären 
sich  die  Beinamen  ’Anxiog,  ’En äv-mog  und  ’An- 
T.<xiog,  welche  sich  auf  den  an  der  Küste  von 
1 Fischern  und  Seefahrern  verehrten  Delphinios 
i beziehen  (Ap.  Bh.  1,  403.  Orph.  Arg.  1306. 


Apollon  (G.  d.  Sommers)  430 

Steph.  Byz.  s.  v.  flv.xf.  Schol.  z.  Theocr.  Id. 
5,  14.  Strabo  588).  Endlich  gehören  hierher 
noch  die  Kultnamen  des  Apollon  als  Gottes 
der  Ausfahrt  und  Landung  ’Enißarr'jQiog , ’Ey- 
ßdaiog  und  ’Exßctciog,  welchem  die  Argonauten 
mehrfach  da,  wo  sie  ein-  und  ausstiegen,  Al- 
täre errichteten  (Paus.  2,  32,  2.  Ap.  Bll.  1, 
359.  404.  966.  1186). 

b)  Apollon  als  Gott  der  lieifsen  Jah- 
ireszeit,  d.  i.  des  Sommers  und  Herbstes 
Wenn  wir  die  apollinischen  Feste  der  heifsen 
Jahreszeit  betrachten,  um  aus  den  zu  Grunde 
liegenden  Anschauungen  ein  klares  Bild  von 
der  Thätigkeit  des  Gottes  während  dieser  Zeit 
zu  gewinnen,  so  finden  wir,  dafs  alle  hierher 
gehörigen  Feste  ihrem  Charakter  nach  ent- 
weder Sühn  - oder  Erntefeste  oder  beides  zu- 
gleich sind.  Zur  Charakteristik  dieser  Jahres- 
zeit ist  vorerst  zu  bemerken,  dafs  in  ihren 
i Beginn,  welcher  am  besten  durch  den  attischen 
Monat  Thargelion  bezeichnet  wird,  wie  noch 
heutzutage , die  Ernte  der  wichtigsten  Feld- 
früchte fiel  (Hesiod.  sgya  383.  A.  Mommsen, 
Progr.  d.  Schleswiger  Domschule  1870,  7.  Gr. 
Jahreszeiten  1,  54),  deren  Reifen  wesentlich  der 
im  Mai  und  Juni  ausbrechenden  dörrenden  Son- 
nenglut zugeschrieben  wurde  (Roscher  a.  a.  0. 
55).  Ein  zweites  Charakteristikum  dieser  Jah- 
reszeit ist  das  durch  dieselbe  Sonnenglut  her- 
beigeführte Verdorren  der  Vegetation  und  die 
Häufigkeit  epidemischer  Krankheiten  (Fieber), 
welche  viele  Menschen  dahinraffen.  Dem  ent- 
sprechend verehrte  man  den  Sonnengott  Apol- 
lon einerseits  als  eine  wohlthätige  Macht 
des  Erntesegens  und  der  Gesundheit, 
andererseits  als  eine  verderbliche,  durch 
Opfer  und  Gebete  zu  sühnende  Gottheit,  in- 
sofern man  ihm  alle  in  dieser  Jahreszeit  be- 
sonders häufigen  Krankheiten  und  die  der  Ernte 
schädlichen  Landplagen  zuschrieb. 

Das  erste  hier  zu  erwähnende  Fest  war  das 
der  Thargelien,  welches  nicht  blofs  zu  Athen, 
sondern  auch  zu  Milet,  Ephesos,  Delos  und 
Massilia , vielleicht  auch  in  Delphi  gefeiert 
wurde  (Roscher  a.  a.  0.  56;  Mommsen,  Del- 
phika  313 ff).  Nach  A.  Mommsen,  (Heortol. 
424)  kamen  bei  der  attischen  Feier  zwei 
ganz  verschiedene  Ideen  zum  Ausdruck.  Am 
6.  Thargelion  nämlich  war  es  nach  dem  Zeug- 
nis des  Helladios  (b.  Phot.  bibl.  534b)  in  Athen 
Sitte  eine  Prozession  mit  zwei  Menschen  zu 
halten  (quxQfxanovg  aysiv),  von  denen  der 
eine  zur  Sühne  für  die  Männer,  der  andere 
für  die  Frauen  dargebracht  wurde.  Es  war 
dieser  Sühnbrauch  eine  Abwehr  pestartiger 
Krankheiten  (Xoifunäv  voacov  unozQonuxayog), 
wie  sie  im  Sommer  und  Herbst  auszubrechen 
pflegen  und  wurde  mythisch  mit  der  Ermor- 
dung des  Kreters  Androgeos  (s.  d.)  in  Zusam- 
menhang gebracht.  Ganz  verschieden  war  da- 
gegen der  Charakter  der  anderen  Hälfte  des 
Thargelienfestes , d.  i.  der  Feier  des  nächsten 
Tages  oder  des  7.  Thargelion.  An  der  Grenze 
der  heifsen  Jahreszeit  nnd  des  Frühlings  galt 
es  nicht  nur  den  Gott  der  verderblichen,  pest- 
bringenden Hitze  zu  versöhnen,  sondern  auch 
demselben  für  die  ersten  Gaben  der  Ernte  zu 
danken.  Man  brachte  ihm  daher  in  Verbin- 


431  Apollon  (G.  d.  Sommers) 

düng  mit  den  Horen  am  7.  Tage  die  Erst- 
linge der  Ernte  (fhxQyrjh.cc)  dar,  bestehend  aus 
den  mannigfaltigsten  Erzeugnissen  der  Jah- 
reszeit, -von  denen  das  Fest  und  der  Monat 
den  Namen  erhalten  haben.  (Vgl.  Mannhardt, 
antike  Wald-  u.  Feldlculte  228.)  Um  dieselbe 
Zeit  wurden  auf  Delos  die  JijXux  gefeiert, 
ebenfalls  ein  Erntefest,  wie  aus  den  Andeu- 
tungen des  Kallirnachos  und  Plutarchos  her- 
vorgeht ( Kallim . hy.  in  Del,  278.  Flut.  sept. 
sap.  conv.  14).  Vgl.  Mannhardt  a.  a.  0.  232. 
Mommsen  FLeort.  402  f.  415.  Von  den  spar- 
tanischen Apollonfesten  scheinen  die  Hyakin- 
thien  den  attischen  Thargelien  ziemlich  ähn- 
lich gewesen  zu  sein.  Nach  den  von  K.  Fr. 
Hermann  ( Gottesd . Alt.  53,  36  f.)  und  Schü- 
mann  (gr.  Alt.  a2,  435)  angeführten  Zeugnissen 
war  es  die  Rücksicht  auf  die  verheerenden  Wir- 
kungen der  Sonnenhitze,  welche  nicht  nur  dem 
Mythos  des  schönen  von  dem  Gotte  durch  einen  2 
Diskoswurf  getöteten  Hyakinthos  (s.  d.)  zu 
Grunde  lag,  sondern  auch  dem  ersten  Tage 
das  Gepräge  der  Trauer  mitteilte,  während  an 
dem  darauf  folgenden  Tage  ein  fröhliches  Fest 
der  Ernte  mit  Spielen,  Tänzen  und  reichlichen 
Opferschmäusen  gefeiert  zu  werden  pflegte. 
Der  Monat,  in  welchen  die  Hyakinthien  fielen, 
galt  für  den  heifsesten  und  gefährlichsten  des 
ganzen  Jahres,  es  war  der  Monat  des  Sirius- 
aufganges. Sicher  hängt  damit  die  Sage  von  3 
Kynortas  (s.  d ),  d.  h.  Hundsaufgang,  dem  Bruder 
des  Hyakinthos,  zusammen  ( Roscher  a.  a.  0.  58). 
ln  Argos  entspricht  den  Hyakinthien  das  Li- 
nosfest,  an  welchem  man  den  Apollon  ver- 
söhnte, weil  er  wegen  der  Tötung  seiner  Ge- 
liebten, der  Psamathe,  das  Land  mit  Seuchen 
heimgesucht  hatte,  und  den  Linos  (s.  d.),  den 
als  Knaben  von  Hunden  zerrissenen  Sohn  bei- 
der, beklagte  (Schümann  a.  a.  0.  509.  Schwalbe, 
üb.  d.  Pcian  25).  4 

In  dem  auf  den  Monat  der  Hyakinthien 
folgenden  Karneios  wurden  in  Sparta  die  Kar- 
neia  gefeiert,  ursprünglich  ein  rein  agrarisches 
Fest  mit  deutlichem  Bezug  auf  die  beginnende 
Weinernte , worauf  noch  der  Wettlauf  der 
Staphylodromen  hinweist  (Paus.  3,  13,  3.  He- 
sych.  s.  v.  GTacpvXoÖQ.  Eekkeri  an.  1,  303,  25), 
das  aber  seit  der  Einwanderung  der  Dorier  zu 
einem  Rriegerfeste  geworden  zu  sein  scheint 
und  in  dieser  Bedeutung  den  attischen  Boe-  e 
dromien  vergleichbar  ist. 

Die  meisten  anderen  Sommerfeste  des  Apol- 
lon galten  entweder  dem  Abwehr  er  sommer- 
licher Landplagen  oder  dem  Spender  des 
Herbstsegens.  So  wurden  die  vielfach  ver- 
breiteten Sminthia  dem  Abwehrer  der  Mäuse 
(Hermann,  Gottesd.  Alt.  67,  10.  Schümann , gr. 
Alt.2  2,  443.  C.  I.  Gr.  add.  2190b,  3577,  6125 
1.  7029 c;  vgl.  auch  3582),  die  Aktia  auch  dem 
Vertilger  der  lästigen  und  nach  der  Ansicht  < 
der  Alten  pestbringenden  Fliegen  gefeiert 
(Clemens  Al.  Protr.  p.  19  D.  ed.  Lugd.  Plin. 
n.  h.  10,  75.  Winer  bibl.  Peahoörterb .3  1,  376), 
während  man  in  Athen  und  Aiolis  Apollon 
als  noQvömog  oder  noQvoniwv , d.  i.  als  Ab- 
wehrer der  Heuschrecken  anrief  (Paus.  1,  24, 
8.  Strab.  613.  Plin.  n.  h.  11,  101  f.) 

Den  Abschlufs  des  gesamten  apollinischen 


Apollon  (G.  d.  Sommers)  432 

Festcyklus  in  Athen  bildeten  endlich  die  Pya- 
nepsia  im  Beginn  des  darnach  benannten  Mo- 
nats an  der  Grenze  des  Sommers  und  Winters, 
wenn  der  Frühuntergang  der  Plejaden  erfolgt. 

Zu  dieser  Zeit  verlieren  die  Bäume  ihr  Laub, 
Stürme  treten  ein,  die  Seefahrt  wird  gefährlich, 
der  Augenblick  ist  da,  wo  Apollon  und  mit 
ihm  die  gute  Jahreszeit  Abschied  nimmt 
(Mommsen  Heort.  57).  Dann  sind  auch  sämt- 
1 liehe  Herbstfrüchte,  namentlich  der  Wein,  ge- 
erntet, daher  man  vor  dem  Eintritt  des  Win- 
ters dem  Apollon  als  Sonnengott  und  Zeitiger 
der  Herbstfrucht  die  Eiresione  darbrachte,  d.  h. 
einen  mit  Binden  und  Früchten  behangenen 
Lorbeer-  oder  Ölzweig,  das  Symbol  der  glück- 
lich beendeten  Jahresernte.  Wir  haben  dem- 
nach die  Pyanepsieu,  welche  nicht  blofs  in  ! 
Athen,  sondern  auch  in  Kyzikos  gefeiert  wur- 
den , entschieden  als  ein  herbstliches  Ernte- 
j dankfest  anzusehen  (vgl.  aufser  den  bei  Ro- 
scher a.  a.  0.  61  Anm  120  angeführten  Stellen 
namentlich  noch  die  schöne  Untersuchung  von 
Mannhardt , ant.  Wald-  u.  Feldkulte  214  ff.). 
Erwägt  man  diese  Bedeutung  des  Apollon  als 
Erntegott  und  die  von  Mannhardt  a.  a.  0.  246 
dargelegte  Verbindung  der  Begriffe  der  Ernte 
und  des  Friedens,  so  wird  man  es  wahrschein- 
lich finden , dafs  „sowohl  die  sämtliche  apol- 
linische Daphnepliorie  (vgl.  Preller,  gr.  Myth ,2 
j 1,  221)  als  die  Verwendung  des  bekränzten  j 
Ölzweigs  zum  Bittzweig  (Hiketeria)  der  um 
Flieden  und  Schutz  Flehenden  und  zum  Stabe 
des  Frieden  heischenden  Heroldes“  aus  dem 
Kreise  der  in  der  Eiresione  verkörperten  Vor- 
stellungen hervorgegangen  sind“  (Mannhardt 
a a.  0.  258). 

Fassen  wir  nunmehr  die  anderweitigen 
Überlieferungen  ins  Auge,  welche  die  aus  einer 
Betrachtung  der  apollinischen  Sommerfeste  ' 

0 gewonnenen  Anschauungen  ergänzen  und  be- 
stätigen, so  haben  wir  zunächst  der  evidenten 
Beziehung  des  Apollon  zu  Ackerbau  und  Vieh- 
zucht  zu  gedenken,  welche  sich  ohne  weiteres 
aus  seiner  Bedeutung  als  Gott  der  alle  Feld-  , 
fruchte  und  Futterkräuter  zeitigenden  Sonne 
und  aus  seiner  Funktion  als  Herr  über  Ge- 
sundheit und  Krankheit  der  Menschen  und 
Tiere  erklärt. 

Seine  Bedeutung  als  Go  tt  desAckerbaues 
0 ist  besonders  klar  ausgesprochen  in  den  Kult- 
namen ’EpvGi'ßio?  und  ZirccXiux?,  durch  welche 
er  als  Abwehrer  des  Kornbrandes  (sQVGtßi)) 
und  Beschützer  des  Getreides  (2.  von  Giro? 
und  dXaXy.siv)  bezeichnet  wird.  Auch  dies 
deutet  auf  einen  Sonnengott,  denn  die  Ent- 
stehung des  Kornbrandes  wurde  den  scharfen 
Sonnenstrahlen  zugeschrieben,  wenn  diese  den 
in  der  Nacht  gefallenen  Tau  austrockneten, 
wie  man  denn  auch  andere  Krankheiten  des 
0 Getreides  auf  die  schädliche  Wirkung  der  Sonne 
zurückführte  (Roscher  a.  a.  0.  62).  Als  ’Eqv- 
Gt'ßio?  hatte  Apollon  bekanntlich  Kulte  auf 
Rhodos  und  Kypros  (Strabon  613.  Ptolemaios 
Flepli.  ed.  Westermann  198,  11),  den  Beinamen 
Zczdlnccg  führte  er  nach  Paus.  10,  15,  2 zu 
Delphi.  _ H; 

Sehr  zahlreich  sind  ferner  die  Kulte,  Bei- 
namen und  Mythen,  welche  sich  auf  Apollon 


433 


Apollon  (Pestgott  etc.) 


Apollon  (Orakelgott  etc.)  434 


als  Beschützer  der  Viehzucht  beziehen, 
was  wir  teils  aus  seiner  Bedeutung  als  Gott  der 
warmen  Jahreszeit,  insofern  diese  die  zur  Er- 
nährung der  Menschen  und  Tiere  notwendigen 
Pflanzen  hervorbringt,  teils  aus  seiner  Funktion 
als  Gott  der  Gesundheit  und  Krankheit  auch 
der  Tiere  zu  erklären  haben;  denn  nach  II. 

A 50  sendet  er  auch  diesen  die  verderbliche 
Seuche  (vgl.  Schol.  11.  <T>  447).  Es  genügt  hier 
auf  die  Darstellungen  Prellers  ( gr . Myth.  1,  l 
207 f.)  und  Welcher s (Götterl.  1,  485f.)  zu  ver- 
weisen und  darauf  aufmerksam  zu  machen, 
dafs  die  Mythen  von  dem  Hirtendienste  beim 
Laomedon  (s.  d.u.  vgl.  II.  <Z>448)  und  Admetos  (s. 
d.  u.  vgl  11.  B 766)  jedenfalls  in  dieser  Auf- 
fassung des  Gottes  ihren  Ursprung  haben.  So 
erklärt  es  sich  zugleich,  warum  die  Wald- 
triften (vany , saltus)  dem  Apollo  heilig  sind 
(Oed.  Tyr.  1103:  reo  y«p  nlcevsg  ccygövopoL 
nccocu  cpi'lai),  und  weshalb  er  nach  Macroh.  2 
Sat.  1,  17,  43.  Schol.  Ar.  nub.  144.  Steph.  Byz. 
n.Nany  geradezu  als  Nccnctiog  verehrt  wurde; 
denn  die  in  den  Wäldern  gelegenen  Wiesen 
bieten  dem  Vieh  die  beste  und  reichlichste 
Nahrung  ( Roscher  a.  a.  0.  63).  Die  Beinamen 
des  Apollon  als  Hirtengottes  sind:  ’Eiriyyhog , 
’Onucov  pylcov  (Find.  P.  9,  64),  Mal  oste,  TJoi- 
yviog , Nöfitog,  Agvov.oy.yg,  Pal.ci^iog,  Tgayiog. 
Als  Hirt  tritt  Apollon  bekanntlich  auch  im 
Hymnus  auf  Hermes  auf  3 

Zum  Schlufs  haben  wir  noch  des  Apollon 
als  Senders  der  Krankheiten,  namentlich 
der  Seuchen  zu  gedenken,  der  als  solcher 
natürlich  auch  ein  Heilgott  ist  und  Gesund- 
heit verleihen  kann,  indem  er  alle  verderblichen 
Einflüsse  fernhält  und  abwehrt  (vgl.  Preller,  gr. 
Myth.  1,  212 f.  Welcher,  Götterl.  1,  459,  537 f. 
540  f.).  So  sendet  Apollon  die  Seuche  den 
Achäern  11.  A 42,  den  Trojanern  Apollod.  2, 

5,  9,  den  Phlegyern  Paus.  9,  36,  2 und  Ar-  i 
givern  Cjnon.  19.  Die  hierher  gehörenden 
Kultnamen  sind  OvXiog,  d.  i.  vyiaanvög  vctl 
ncacovivog  ( Strabo  635.  Macroh.  1,  17,  21), 
’Aviaiog,  ’Avsacoövvog  ( C . I.  Gr.  5973  c.),  ngoaxd- 
xyg,  irjxi'iQ  vocuiv  ( C . I.  G.  6797),  Tlctidv  oder 
Ucadv  (Paus.  1,  34,  3.  C.  I.  Gr.  1946.  2342. 
5039.  1897.  C.  I.  Att.  210  u.  s.  w.),  vovoolv- 
xyg  (C.  I.  Gr.  5973  c),  Aoi’fuog/AXsIgivciv.og  (Paus. 

1,  34),  ’Emvovgiog  (Preller  a.  a.  O.  213,  vgl. 
auch  Find.  Pyth.  5,  59),  Opif er  (Ov.  M.  1,  5 
521),  Medicus  (Auy.  C.  D.  7,  16).  Selbstvei-- 
ständlich  erklärt  sich  diese  Funktion  aus  sei- 
ner Bedeutung  als  Gott  der  heifsen  Jahres- 
zeit, da,  wie  wir  oben  gesehen  haben,  die 
pestartigen  Krankheiten  besonders  im  Sommer 
und  Herbst  verheerend  aufzutreten  pflegen  und 
von  den  allzuheifsen  Sonnenstrahlen  veranlafst 
za  sein  scheinen.  Da  man  nun  dieselben  ganz 
allgemein  als  glühende  Pfeile  auffafste,  welche 
Apollon  herabsendet  — eine  Vorstellung,  die  o 
sich  auch  bei  andern  indogermanischen  Völ- 
kern, z.  B.  den  Germanen,  findet  (lloscher  a.  a.  , 
0.  S.  64  Anm.  I26f.)  — so  nannte  man  alle  an 
akuten  Krankheiten  Verstorbenen  nach  Hippo- 
hrates  2 p.  34  cd.  Kühn  ßlyxoi,  d.  i.  von  den 
apollinischen  Pfeilen  Getroffene,  und  dachte 
sich  in  Pestzeiteu  geradezu  den  Gott  mit 
j Pfeilen  schiefsend,  wie  ihn  uns  die  Ilias  (/4  49f.) 


vorführt  (lloscher  a.  a.  0.  64).  Hierher  gehört 
endlich  auch  die  Sage  von  Asklepios  (s.  d.), 
welcher  der  Sohn  des  Apollon  sein  sollte. 

IV.  Apollon  als  Gott  der  Orakel,  der 
Musik  und  der  Dichtkunst. 

Unmittelbar  aus  der  ursprünglichen  Bedeu- 
tung des  Apollon  als  Sonnengott  erklären  sich 
o auch  seine  Beziehungen  zur  M antik  und 
Musik.  Denn  mit  Recht  meint  Welcher,  Götterl. 
1,  533,  Licht  und  Wahrsagung  durch  Geistes- 
licht seien  verwandt  (vgl.  Farmen,  b.  Sext. 
Emp.  adv.  math.  7,  111  p.  213  Behh.  Find.  fr. 
74  B.  Ol.  7,  72.  Boeth,  Cons.  5,  2),  und  des- 
wegen wäre  dieselbe  in  manchen  Religionen 
mit  dem  Sonnengott  verbunden  gewesen,  da- 
her auch  Helios  (z.  B.  in  Rhodos)  als  Orakel- 
gott erscheine  ( Diod . 5,  56).  Ganz  ähnlich  führen 
:0  Lauer  (275)  und  Sclnvench  (Gr.  Myth.  111)  die 
Weissagung  des  Apollon  auf  die  Eigenschaft 
der  Allwissenheit  zurück,  die  man  dem  Son- 
uengotte  zuschrieb  (’HsXiog,  og  xidvx’  scpogä 
vcd  xrdvx ’ tn avovsi  Hom.  II.  3,  277).  Eines 
der  ältesten  und  wichtigsten  Objekte  antiker 
Mantik  scheint  das  für  den  Ackerbauer,  Hir- 
ten und  Seefahrer  so  bedeutsame  Wetter 
gewesen  zu  sein  (Koscher,  Hermes  102),  und  um 
dieses  vorausbestimmen  zu  können,  beobachtete 
o man  von  jeher  vorzugsweise  die  Sonne  (Theo- 
phr.  de  sign.  pluv.  5,  22,26.  Arat.  819  f.  T 7 erg. 
Geo.  1,  438f.  Plin.  n.  h.  18,  342).  Ebenso 
beobachtete  man  aber  auch  Raben,  Habichte, 
Wölfe,  Delphine  und  andere  Tiere  (Theophr. 
de  sign.  pluv.  16,  17,  19,  39,  40,  46,  52.  Ari- 
stot.  fr.  159b),  von  denen  man  glaubte,  clafs 
sie  eine  bevorstehende  Änderung  des  Wetters 
anzeigten,  und  so  wurden  dieselben  scliliefs- 
lich  dem  mantischen  Gotte  Apollon  geheiligt, 
o So  erklärt  sich  wohl  auch  die  innige  Beziehung, 
welche  Apollon  als  Orakelgott  zu  Zeus,  dem 
Gott  des  Himmels  und  des  Wetters  hatte  (vgl. 
Hy.  in  Mer c.  468 ff.  u.  Kallimach.  Ap.  29);  wie 
er  denn  nach  Aischylos  (Hum.  19.  612.  705)  nui- 
der  Prophet  des  Zeus  ist,  welcher  dessen  Rat- 
schlüsse den  Menschen  . verkündet  (Welcher, 
Götterl.  2,  365,  Preller,  gr.  M.'2  1,  213).  Die 
hierher  gehörigen  Beinamen  des  Apollon  sind : 
7t gooxpiog  (Paus.  1,  32,  2),  ffsdptoe  (ib.  2,  31,  6), 
o dlsvQoyctvxig  (Hesych.),  Ao^i'ag  (Curtius,  Grdzl 
739),  , yggaxygiog  (C.  I.  Gr.  3527. 

5039).  Zusammenstellungen  apollinischer  Ora- 
kel findet  man  bei  Schoemann , Gr.  Alt.  2,  298 f. 
Hermann,  Gottesd.  Alt.  § 40.  Kinch , Bel.  d. 
Hellenen  2,  440  f.  Sie  lassen  sich  in  Spruch- 
und  Zeichenorakel  teilen.  Die  gröfste  Bedeu- 
tung für  das  griechische  Leben  hatte  das  del- 
phische Orakel , sowohl  in  religiöser  als  in 
politischer  Beziehung.  Denn  infolge  dieses  del- 
3 phischen  Einflusses  geschah  es  z.  B.,  dafs  auch 
nach  den  nichtdorischen  Staaten  der  delphische 
, Kalender  gelangte  (A.  Mommsen , Helphiha 
125 ff.),  namentlich  nach  Athen,  wo  man  in- 
schriftliche Datierungen  vax’  ugiovxu  und 
nax u fteov  zu  unterscheiden  hat.  Und  wie  in 
Griechenland  der  gesamte  Kultus  unter  der 
Oberleitung  des  delphischen  Orakels  stand,  so 
wurde  seiner  Entscheidung  auch  Krieg  und 


435  Apollon  (G-.  d.  Musik  etc.) 

Frieden,  die  Gründung  von  Kolonieen  und  das 
Ordnen  bestehender  Staaten  anheimgegeben 
(Hermann,  Gottesd.  Alt.  § 5). 

Die  Beziehungen  ferner,  welche  Apollon  zur 
Musik  und  Dichtkunst  hat,  können  wohl 
am  besten  unmittelbar  aus  seiner  Bedeutung 
als  Orakelgott,  sowie  aus  dem  Umstande,  dafs 
in  seinem  Kulte  von  jeher  die  Musik  eine 
grofse  Rolle  spielte , abgeleitet  werden  (vgl. 
0.  Müller,  Dorier 1 1,  343  ff.').  Wie  nahe  sich  i 
im  höchsten  Altertum  die  Begriffe  der  Weis- 
sagung und  der  Dichtung  berührten,  erhellt 
namentlich  aus  Odyss.  8,  488,  wo  Odysseus  in 
betreff  des  Demodokos  voraussetzt , dafs  er 
seinen  epischen  Gesang  vom  Untergange  Trojas 
entweder  von  der  Muse  oder  von  Apollon  er- 
lernt habe.  Dafs  Apollon  hier  eigentlich  nur 
als  der  inspirierende  Gott  der  Weissagung  zu 
denken  sei , ist  höchst  wahrscheinlich  (vgl. 
Nägelsbach,  Hom.  Theol.2  S.  114).  Da  nun  aber  s 
epischer  Gesang  ohne  die  Begleitung  der  Phor- 
minx , einer  Art  Zither , undenkbar  war  (vgl. 
den  Ausdruck  tpoggigcov  8’  avsßäU ex’  aeidsiv 
Od.  1,  155.  8,  ‘266  u.  s.  w.  u.  0.  Müller,  Geseh. 
d.gr.  Lit.1  1,  54),  so  mufste  schon  aus  diesem 
Grunde  der  inspirierende  Gott  des  Gesanges 
auch  zu  einem  Gotte  der  Musik  werden. 
Aufserdem  mochte  die  metrische  Form  der 
apollinischen  Örakelsprüche,  sowie  die  bedeut- 
same Rolle , welche  der  Paian  , (den  Apollon  3 
selbst  nach  der  Erlegung  des  pythischen  Dra- 
chen zuerst  angestiramt  haben  sollte) , ferner 
der  pythische  Nomos,  die  Zithermusik  (Mül- 
ler, Dorier 1 1,  342ff.  Theognis  776ff.)  im  Kul- 
tus und  Mythus  des  Gottes  spielte,  dazu  bei- 
tragen, ihn  zu  einem  Gotte  des  Gesanges  und 
der  Musik  (vgl.  fl.  1 , 602.  Tlieognis  1 ff.  liy. 
in  Merc.  476.  502),  zu  einem  göttlichen  Sänger 
und  Zitherspieler  (hy.  in  Ap.  Pyth.  23.  C.  I. 
Gr.  5039  lvgov.T,vnog),  endlich  zu  einem  Freund  4 
und  Führer  der  Musen  (yovGccystrjg  vgl.  II.  1, 
603.  Hy.  in  Merc.  450.  Pind.  N.  5,  23.  Hes. 
scut.  Ilerc.  201.  Paus.  5,  18,  4.  10,  19,  4.  C.  J. 
Gr.  2342),  sowie  aller  Sänger  und  Musiker  zu 
machen.  (Vgl.  darüber  Preller,  gr.  M?  1,  213ff. 
Welcher,  Götterl.  2,  369  ff.  Müller,  Dorier 1 1, 
342 ff.)  Bei  der  engen  Verbindung  von  Musik 
und  Tanz  wurde  Apollon  schliefslich  auch  zu 
einem  Tänzer,  oQxyGtrig  (Pind.  fr.  1 15  ed.Boeclch). 

5 

V.  Apollon  als  Gott  des  Krieges. 

Dafs  Apollon  vielfach,  namentlich  aber  in 
der  ältesten  Zeit,  die  Geltung  eines  Kriegsgot- 
tes hatte,  ist  bereits  von  mehreren  Mythologen 
anerkannt  (vgl.  Müller,  Dorier  1,  245  u.  299  f. 
Welcher,  Götterl.  1,  534f.  Preller,  gr.  Myth.  1, 
209 f.  Schwenclc  111  u.  145),  aber  noch  immer 
nicht  gehörig  betont  worden , wahrscheinlich 
deshalb,  weil  die  darauf  bezüglichen  Thatsa- 
chen  noch  nicht  alle  unter  einen  Gesichts-  e 
punkt  gebracht  worden  sind.  Fragen  wir  nach 
dem  Zusammenhang  dieser  Funktion  mit  der  » 
Grundbedeutung  des  Gottes,  so  ist  darauf  zu 
antworten , dafs  der  Sonnengott  als  bewaffne- 
ter Held  gedacht  wurde,  welcher  die  dämo- 
nischen, in  Gestalt  von  Drachen  oder  Riesen 
auftretenden  Mächte  des  Winters  und  der 
Finsternis  mit  seinen  Speeren  oder  Pfeilen, 


Apollon  (Kriegsgott)  436 

d.  i.  den  Lichtstrahlen  (vgl.  oben),  siegreich1 
überwältigt.  Diese  Anschauung  des  streitba- 
ren  Licht-  und  Sonnengottes  ist  eine  so  allge- ! 
meine,  nicht  blofs  in  indogermanischen,  son- 
dern auch  semitischen  Mythen  verbreitete,  dafs 
sie  als  eine  der  begründetsten  Annahmen  der ; 
mythologischen  Wissenschaft  bezeichnet  wer- 
den kann.  Vgl.  Boscher  a.  a.  O.  S.  70 ff.  und 
unten  S.  440  Z.  50. 

Wie  nun  Zeus,  Indra,  Wuotan,  Thor  und 
Herakles  wegen  ihrer  mythischen  Kämpfe  mit 
feindlichen  Dämonen  zu  Göttern  des  Krieges 
geworden  sind,  so  erscheint  auch  Apollon,  der 
Besieger  des  Python,  Tityos,  der  Kyklopen 
(Hur.  Ale.  5)  und  der  Aloiden  (Od.  X 318), 
nicht  selten  als  Kriegsgott,  und  zwar  am  häu- 
figsten in  der  älteren  Zeit,  so  lange  die 
Einflüsse  des  ausländischen  Areskultus  (s.  Bo- 
scher  a.  a.  0.  S.  9)  die  Spuren  dieser  Bedeu- 
tung des  Gottes  noch  nicht  mehr  oder  weni- 
ger verwischt  hatten. 

Vor  allem  kommt  hier  der  sehr  verbreitete 
Kult  des  Apollon  BogSgoyiog  oder  Boce&öog  in 
Betracht  (vgl.  Boscher  a.  a.  0.  S.  71  Anm.  148), 
dessen  Etymologie  schon  auf  Schlachtgeschrei 
und  Sturmlauf  hinweist  (Curtius,  Grundz.5  256). 
Leider  sind  wir  über  das  dem  Namen  des 
Monats  BoySgofudv  zu  Grunde  liegende  Fest 
der  BorjÖQÖyice  nur  hinsichtlich  der  attischen 
Feier  genauer  unterrichtet:  es  fand  dabei  be- 
kanntlich eine  kriegerische  Pompe  statt  (Momm- 
sen,  Heort.  211  f. , Hermann,  Gottesd.  Alt.  55, 

4 — 5). 

Eine  ganz  ähnliche  Bedeutung  mufs  der 
von  Macrohius,  Sat.  1,  17,  46  erwähnte,  aber 
jedenfalls  verkehrt  erklärte  Beiname  ’ElsXsv g 
gehabt  haben.  Derselbe  bezeichnete  ebenfalls 
den  Gott  des  Schlachtrufs  (fielen  oder  dhxld 
vgl.  iS  nid.  s.  v.  Schol.  Ar.  av.  364) , welcher  in» 
entweder  das  Kriegslied  (ncudv)  einleitete  (He-  io 
sych.  s.  v.  e’lelev)  oder  im  Augenblicke  des  (ln 
Angriffs  selbst  erscholl  ( Acliaios  fragm.  35  N.  ®] 
Xen.  Anal).  1,  8,  17.  18.  5,  2,  14  etc.). 

Ebenso  war  auch  der  Paian  selbst  als  1 tle 
Schlachtgesang  und  Siegeslied  dem  Apollon 
geheiligt  (vgl.  Schwalbe,  üb.  d.  Bdtg.  d.  Päan  iS 
p.  29 ff.)  und  wurde  mythisch  auf  den  Kampf  . 
des  Gottes  mit  dem  Drachen  zurückgeführt,  ( 
bei  welchem  zuerst  das  fe  ncauv  angestimmt  , 
worden  sein  sollte  (Strab.  422:  tovg  de  nag- 
vaGGtovg  ....  ncttciTolgsvovTog  snmslsvsiv  i's 
ncadv,  txcp  ov  tov  nouavioyov  ovtcog  e|  effons 
nagixSod’rjvKi  toig  gillovoi  ovynintsiv  sig  na- 
gäta^iv.  Schol,  Z.  II.  10,  391:  svgr] gtx  yev  cre-i 
t ov  (tov  ’Anollavog)  b ncuav  . . . ystcc  8s  tgv  ' ' 
vCv.gv  tov  ögdxovtog  avtov  i^svgfv  (vgl.  Eust. 
z.  d.  St.  Ebenso  Kallim.  Ap.  103.  Apollon,  i 
Bh.  2,  711.  Duris  b.  Etym.  M.  unter  ’lryt. 
Athen.  701.  Macrob.  Sat.  1,  17,  18). 

Ungefähr  gleichzeitig  mit  den  attischen 
Boedromien  wurden  die  dorischen  Kameen  ge- 
feiert ( Hermann,. Monatslcunde  65),  welche  eben- 
falls dem  Apollon  als  Schlachtengott  galten, 
wie  aus  den  kriegerischen  Gebräuchen  dieses 
Festes  deutlich  hervorgeht  (Schömann,  gr.  Alt. 

2,  437  f.  Hermann,  Gottesd,  Alt.  53,  30).  Um 
die  Mitte  des  Sommers  brachte  auch  Dion 
nach  Flut.  Dion.  23  dem  Apollon  ein  Opfer 


437 


Apollon  (Kriegsgott) 


Apollon  (jtccrpcoog  etc.) 


438 


dar,  verbunden  mit  einer  Pompe  völlig  ge- 
rüsteter Krieger.  Wie  in  Attika  der  ’AnoXXcov 
Borjdqöyiog  als  der  Gott  gedacht  wurde,  welcher, 
im  schnellen  Laufe  gegen  den  Feind  vorge- 
hend , den  Schlachtruf  (ßorj)  ertönen  läfst,  so 
scheint  man  ihn  auch  bei  der  Feier  der  Kar- 
neen  als  Läufer  verehrt  zu  haben;  wenigstens 
rührt  er  in  einer  Inschrift  (C.  I.  G.  1446)  den 
Beinamen  AQoycasvg.  Der  kriegerischen  Pompe 
der  Boedromien  entsprechen  die  karneischen 
Waffentänze  zu  Kyrene , von  denen  Kallima- 
hos  hy.  in  Apoll.  85  berichtet. 

Auf  Rhodos  wurde  Apollon  nach  einer  bei 
Jlofs  inscr.  3 , No.  282  mitgeteilten  Inschrift 
[ds  Sxgccx ccytog  gefeiert,  ein  Beiname,  welcher 
in  andere  Kriegsgötter , wie  Zevg  Sx qdxiog 
>der  Sxgaxrjyog  ( Preller , gr.  Myth.  1,  109), 
Igi ]g  Sxodnog  (Pint.  aviat.  14.  Etym.  M.  729, 
56),  A&yvä  Sxgaxia  (Luc.  cl.  mar.  9,  1.  Pint. 
braec.  reip.  g.  5)  erinnert. 

Was  ferner  die  epische  Auffassung  Apol- 

Sons  betrifft,  so  hat  schon  Welcher,  Götterl. 

534  darauf  aufmerksam  gemacht, 
lafs  er  auch  bei  Homer  mehrfach 
,1s  Kriegsgott  auftritt.  So  nament- 
ich  II.  T 79 , wo  er  Xuocaoog  ge- 
mimt wird,  welches  Prädikat  nur 
anz  evidenten  Gottheiten  des  Kam- 
ifes,  wie  Ares,  Eris  und  Athene  zu- 
ornint,  ferner  H 81,  wo  ihn  Hek- 
or  um  Sieg  anfleht  und  ihm  Waf- 
enbeute  gelobt  (vgl.  auch  Paus.  1, 

1,  7.  4,  34,  9 Eurip.  Phoen.  200  f. 

Hem.  Strom.  1,  349),  endlich  O 229, 

08  II  788  und  S 456,  wo  er  ent- 
weder die  furchtbare  Aigis  (s.  d.) 
um  Schrecken  der  Krieger  führt 
vgl.  die  beistehende  von  Furt- 
fängler  (s.  u.)  freilich  bezweifelte 
Lekonstruktion  des  Apollon  vom 
äelvedere) , oder  selbst  in  den 
ampf  eingreift,  indem  er  den  Pa- 
roklos  tötet  u.  s.  w.  Ganz  ähn- 
che  Anrufungen  des  Gottes,  wie 
l.  H 81,  finden  sich  bei  Aischy- 
)S  Sept.  131 , wo  Apollon  als  Av- 
eiog  vom  Chor  aufgefordert  wird, 
as  feindliche  Heer  zu  vernichten, 
nd  in  einem  Fragmente  des  Lyri- 
ers  Timotheos  (b.  Macr.  Sat.  1, 

7,  20  u.  Bergh,  poetae  lyr.3  p.  1272), 
inem  Gebete  um  Rettung  vor  den 
einden: 

Sv  z’  cö  tov  dsl  nolov  ovgccviov 
ccht toi  XctyrtQixig  'Ahe  ßtxXXcov, 

Ttsyipov  tSuxßöXov  ßeXog 

aüg  ano  vevgag,  ci>  l'e  Ilcudv. 

Endlich  ist  noch  zu  bemerken, 
afs  die  gewöhnliche  Bewaffnung 
es  Apollon,  von  der  er  die  Bei- 
amen  ’AcpgrcoQ,  ’AgyvQUTolgog , KXv- 
itolgog,  r'Enatog  , 'Ev-cceQyog  , ’Exa- 
r/ßolog  und  'E/a zyßeXexgg  erhalten 
at  (vgl.  Welcher , Götterl.  1 , 531. 

'r  eil  er,  gr.  Myth.2  1,  223),  zwar 
us  Pfeil  und  Bogen  besteht,  was  wir  schon 
ben  (S.  429)  in  Übereinstimmung  mit  anderen 
'ythologen  auf  die  Sonnenstrahlen  bezogen 


haben,  dafs  daneben  aber  noch  eine  andere, 
jedenfalls  aus  uralter  Zeit  stammende  Auffas- 
sung vorkommt,  derzufolge  er  als  Kriegsgott, 
ebenso  wie  Mars  und  Ares , aufser  mit  dem 
Bogen  auch  mit  Helm  (wie  auch  Helios  b. 
Hom.  hy.  31,  10),  Lanze,  Schwert  und  Dop- 
pelbeil ausgestattet  wurde.  Helm,  Bogen  und 
Lanze  führten  die  uralten  Kultbilder  zu  Amy- 
klai  und  auf  dem  Thoinax  (Paus.  3,  10,  8 
io  und  19,  2),  eine  Lanze  die  von  den  Mega- 
rensern  infolge  eines  Sieges  über  die  Athener 
nach  Delphi  geweihte  Statue  (Plut.  d.  Pyth. 
or.  16).  Helm,  Pfeil  und  Bogen  sind  Attribute 
des  Apollon  auf  den  Münzen  von  Metapont 
(Müller,  Dorier 1 1,  264).  Mehr  bei  Koscher 
a.  a.  O.  S.  75  Anm.  159. 


20 


VI.  ApoHon  als  iiKTQcöog  und  aqxriyexrig 
von  Stämmen  und  Städten. 

Da  Apollon,  wie  wir  gesehen  haben,  für 
die  wichtigsten  menschlichen  Verhältnisse  als 


Apollon  v.  Belvedere,  mit  der  Aigis  ergänzt  (vgl.  jedoch  unten 
A.  in  d.  Kunst  S.  465  Z.  1). 

Gott  des  Ackerbaues,  der  Viehzucht,  der  Ge- 
sundheit und  des  Krieges  von  der  gröfsten 
Bedeutung  war,  so  lag  es  nahe,  ihn  als  na- 


439  Apollon  (nargmog  etc.) 

TQcöog  (C.  I.  Gr.  378.  465)  und  dQxyyszgg  ( C . 1. 
Gr.  3905.  3906  b;  vgl.  agxgyog  3595  u.  ngo - 
nüzcoQ  3497.  3500),  d.  i.  als  mythischen  Ahn- 
herrn oder  als  Stammgott  zu  verehren,  in- 
dem man  ihn  zu  Stämmen  und  Stadtgemein- 
den in  einem  väterlichen  Verhältnis  stehend 
dachte  und  sich  durch  diese  Auffassung  sei- 
nes mächtigen  Schutzes  zu  versichern  glaubte. 
Andere  wahrscheinlich  hierher  gehörige  Bei- 
namen sind:  FfvhcoQ  ( M aerob . Sat.  2,  2,  1), 
was  Varro  mit  Genetivus  übersetzt.  Als  sol- 
cher wurde  er  auf  Delos  verehrt  (vgl.  Flut, 
de  Pyth.  or.  16:  ’A.  nagnebv  Sozyga  Kal  na- 
zgäov  Kal  ysvsciov  Kal  (pildvd'QcoTtov).  Ferner 
ngoGzdzrjg  ( Müller , Dorier  1,225,  8)  und  TIqo- 
yovo g ( Plut . Demetr.  40).  Auf  diese  Weise  las- 
sen sich  alle  diejenigen  Sagen  erklären,  welche 
Apollon  als  Ahnherrn  mythischer  Stammväter 
od'er  Städtegründer  darstellen.  Zu  den  erste- 
llen gehören  Ion,  Doros,  Dryops,  Lapitbes,  Sy- 
ros,  Amphithemis  (s.  diese);  noch  viel  zahl- 
reicher sind  aber  die  Städtegründer , welche 
ausdrücklich  als  Söhne  des  Apollon  bezeich- 
net werden:  Amphissos,  Chairon . Delphos, 

Eleuther,  Epidauros,  Koronos.  Kydon,  Lyko- 
reus , Marathos,  Megareus , Miletos  , Naxos, 
Oaxos  , Onkios , Philandros,  Phylakides  (s. 
diese  u.  vgl.  Roscher  a.  a.  O.  S.  78  Anm. 
172).  Im  höchsten  Grade  beachtenswert  ist 
es  nun,  dafs  einige  dieser  Städtelegenden  in 
auffallendster  Weise  mit  bekannten  italischen 
Sagen  übereinstimmen,  in  denen  Mars  als  Vater 
des  Städtegründers  erscheint.  So  soll  nach 
Nikandros  bei  Ant.  Lib.  30  Miletos,  der  Sohn 
des  Apollon  und  der  Akakallis,  in  einem  Walde 
ausgesetzt  und  von  Wölfen,  die  der  Vater 
ihnen  sandte , bewacht  und  ernährt  worden 
sein,  bis  Hirten  ihn  fanden  und  seine  Pflege 
übernahmen.  Später,  erzählte  man,  sei  er  vor 
den  Nachstellungen  seines  Grofsvaters  Minos 
nach  Karien  geflohen  und  habe  daselbst  Milet 
gegründet.  Fast  dieselben  Elemente,  welche 
die  Romulus-  und  Miletossage  enthält,  finden 
wir  in  der  apokryphen  Legende  von  Lykastos 
und  Parrhasos,  welche  Plutnrchos  ( parall . min. 
36)  aus  einem  gewissen  Zopyros  von  Byzan- 
tion  schöpfte.  Auf  eine  ganz  ähnliche  Sage 
dürften  die  Münztypen  von  Kydonia,  das  nach 
Stephanos  von  Byzanz  auch  Apollonia  hiefs, 
führen,  da  sie  den  Gründer  derselben,  den 
kleinen  Kydon , nach  Stephanos  einen  Sohn 
des  Apollon  und  der  Akakallis,  ebenfalls  von 
einer  Wölfin  gesäugt  darstellen.  Vgl.  Pasche, 
lexicon  rei  num.  1,2,  1134f.  Ferner  wissen 
wir  aus  Paus  10,  16,  5,  dafs  die  Bewohner 
von  Elyros  auf  Kreta  eine  eherne  Ziege  nach 
Delphi  weihten,  welche  die  beiden  Söhne  des 
Apollon  , Phylakides  und  Philandros,  wahr- 
scheinlich die  Ktisten  der  Stadt,  säugte.  Of- 
fenbar gehen  alle  diese  kretischen  Gründungs- 
sagen auf  einen  gemeinsamen  Urtypus  von 
sehr  hohem  Alter  zurück  (vgl.  v.  Halm.  Sag- 
wissenschaftl.  Studien  341  ff.  Dauer,  d.  Kyros- 
sage  u.  Verwandtes.  Wien  1882.  Sepp  im  Aus- 
land 1875  S.  220).  Aufser  den  ebengenannten 
Söhnen  des  Apollon  sind  noch  Folgende  zu  er- 
wähnen: Idmon,  Chios,  Aristaios , Orpheus, 
Hymenaios,  Ialemos,  Anios,  Euripides,  Mopsos, 


Apollon  (G.  d.  Ivolonieen)  440 

Ismenios,  Teneros,  Linos,  Laodokos,  Polypoi- 
tes,  Syros,  Kyknos,  Galeos,  Philammon  u.  s.  w. 
(s.  die  betr.  Artikel). 


VII.  Apollon  als  Gott  der  Kolonisation. 

Im  engsten  Zusammenhang  mit  der  soeben 
besprochenen  Auffassung  des  Apollon  als  na- 
t. qwoq  und  aoirtyizpg  steht  wahrscheinlich  seine 
10  Funktion  als  Führer  und  Schirmer  der  Kolo- 
nistenscharen. Es  bestand  nämlich  in  Grie- 
chenland wie  in  Italien  seit  den  ältesten  Zei- 
ten die  Sitte,  diejenigen  Glieder  des  Stammes 1 
oder  der  Gemeinde,  welche  ausgesendet  wur-|  : 
den,  um  Kolonieen  zu  gründen,  einem  Gotte, 
zu  weihen , an  dessen  Schutze  besonders  ge- 
legen war.  Dieser  Gott  ist  nun  bei  den  Griechen 
in  der  Regel  kein  anderer  als  Apollon,  der  Pro- j 
phet,  Schutzgott  und  Ahnherr  so  vieler  Stämme ! 

20  und  Städtegründer.  Vielleicht  läfst  sich  aber 
noch  ein  zweiter  Grund  für  diese  Bedeutung 
des  Apollon  anführen.  Bekanntlich  eignet  sich  j u 
keine  Jahreszeit  besser  zur  Aussendung  von 
Kolonieen  als  das  Frühjahr,  und  zwar  nicht  8. 
blofs  wegen  der  dann  eintretenden  Schiffbar-  ahs 
keit  des  Meeres  und  günstigen  Witterung, 
sondern  auch  deshalb,  weil  die  vielfachen  Ar-  fc 
beiten  und  Anstrengungen,  welche  die  Grün-  im 
düng  und  Einrichtung  der  Kolonie  erfordert,1!  « 
30  die  ganze  warme  Jahreszeit  in  Anspruch  neh-  üi 
men  und  vor  Beginn  des  Winters  im  wesent- 
liehen  vollendet  sein  müssen,  da  dieser  den,  ml; 
Bau  der  Häuser  und  die  etwaigen  Kämpfe  mit  a 
den  Einwohnern  des  occupierten  Landes  (vgl  ■ men 
Hermann.  Staatsalt.  76,  11  — 12)  entweder  gan? 
unmöglich  macht  oder  sehr  erschwert.  Sc 
wissen  wir,  dafs  in  historischer  Zeit  die  atti- 
sehen  Auswandererschiffe  bald  nach  Beginr  . 
des  Frühlings  im  Munychion  abzugehen  };)fieg-  loloa 
40  ten;  denn  aus  dem  Jahr  01.  113,  4 ist  in  Boecldit 
Seeurlnmden  14  a.,  lin.  189f.,  eine  Verordnung  ^ 
enthalten,  welche  die  Anlegung  einer  Kolonie  |g(S 
betrifft  und  denjenigen  Trierarchen , die  ihre  j({ 
Schiffe  zum  10.  Munychion  bereit  machen,  Be  ^ 
lohnnngen  verhelfst  (vgl.  A.  Mommsen.  Heort 
398  f.).  Ein  deutlicher  Beweis  für  unsere  Vor-  1 
aussetzung,  dafs  den  Auswanderern  daran  ge 
legen  war.  möglichst  zeitig  im  Jahre  aufzu- 
brechen.  Um  dieselbe  Zeit  rückte  man  be- 
50  kanntlich  auch  ins  Feld,  um  Krieg  zu  führen  ^ 
nachdem  im  Winter  die  Waffen  geruht  hatten  .. ... 
Aus  solchen  Gründen  erklärt  sich  höchst  ein 
fach  die  Thatsache,  dafs  man  die  ausziehen  ,!  ^ 
den  Scharen  dem  Frühlings-  und  Kriegsgott; 
Apollon  befahl  und  denselben  in  den  Mutter 
städten  und  Kolonieen  als  Kziazyg  ( C . I.  Gr , ^ 
5141)  ’Ayrjzcao , ’Aygzris , Agipyszyg,  01kigzz\\ 
und  Amgazizy g (vgl.  Roscher  a.  a.  0.  83  Anm, 
180)  verehrte.  Ja  man  glaubte  sogar,  dal 
eo  Apollon  sichtbar  oder  unsichtbar  die  Kolo 
nisten  führe  und  selbst  bei  dem  Bau  de 
Städte  mit  Hand  anlege.  Vgl.  Kallim.  hy.  m 
Apoll.  55 : , 

( hoißcg  Ss  enogtroi  zrohag  dieytzgriGavro 
av&gconot ‘ <hoißog  ydp  asl  noh'f ggi  cpilySi 
KTi^ogivyg.  avz.bg  81  {tsgeibia  bboißog  vcpatvsi 
Daher  tritt  er  in  den  Mythen  von  Alkat-boo, 
und  Laomedon  geradezu  als  Erbauer  von  Me 


'441  Apollon  (Sühngott) 

Igara  und  Ilion  auf  (vgl.  Paus.  1,  42,  2.  II. 
j H 452).  So  sollte  nach  der  Gründungssage  von 
Krisa  Apollon  die  kretischen  Kolonisten  in  Ge- 
il  statt  eines  Delphins  geführt  haben  (Hymnus  in 
'Ayoll.  Pyth.  259,  295,  316),  während  er  bei 
jier  Gründung  von  Kyrene  in  Gestalt  eines 
Raben  erschien  (Kallini.  hy.  in  Ap.  66).  Die 
ißewohner  von  Apollonia  am  ionischen  Meere 
dsandten  nach  Olympia  ein  Weihgeschenk  uiit 
['folgenden  Versen  ( Raus . 5,  22,  2):  l 

pvapaz’  ’Anuhkcovtctg  uvunstp s&a,  r uv  svi 
növzco 

1 Iovtcp  Hoißog  conto  antQOSnopag. 

Wir  knüpfen  daran  die  Bemerkung-,  dafs 
mit  dieser  Funktion  des  Apollon  als  Städte- 
gründers jedenfalls  auch  die  übeiaus  häutig 
vorkommende  Sitte  Zusammenhängen  dürfte, 
Jie  Kolonien  ex  voto  nach  dem  Gotte  zu  be- 
nennen. Stephanos  von  Byzanz  unter  ’Anollat- 
vLcc  kennt  deren  nicht  weniger  als  25.  2 

Eine  ganz  besondere  Art  der  Kolonisation 
war  die  Auswanderung  infolge  eines  Gelübdes, 
welches  wegen  eines  allgemeinen  Unglücks, 
z.  B.  bei  Mifswachs  (ücpoQia)  von  Staatswegen 
gethan  wurde,  eine  Sitte,  die  nach  Dionysios 
von  Halikarnatsos  1 , 16  und  Air  ab.  250  in 
Griechenland  mehrfach  vorkam  und  entschie- 
den mit  dem  (dem  Mars  geheiligten)  ver  sa- 
orum  der  Italiker  verglichen  werden  mufs.  In 
solchen  Fällen  weihte  man  eine  bestimmte  An-  3 
zahl  von  Menschen  dem  Apollon  und  sandte 
sie  dann  unter  dem  Schutze  desselben  aus,  wie 
js  z.  B.  von  den  Chalkidiern  bezeugt  ist,  von 
lenen  Strub.  257  berichtet:  Kztoptx  Ö’  iazi  zo 
Pyytov  XtxhuÖicov,  ovg  nazot  %Qr\Gpov  dtnaztv- 
tdivzug  zcö  ’AnoXhcovt  dt’  acpoQtav  vozsqov  tu 
dslcpcov  cmowriocu  ösvqo  cpaot.  Man  erkennt 
tus  diesen  Worten  deutlich,  dafs  derartige 
Kolonieen  auf  Menschenzehnten  beruhten,  die 
im  Kultus  des  Apollon  gar  nicht  selten  waren  i 
vgl.  Müller,  Dorier  1,  255—260.  Hermann , 

{' lottesd . Alt.  20,  17.  Schoemann,  gr.  Alt.  2, 
210  f.  Athen.  4,  p.  173)  und  an  die  Stelle  von 
Menschenopfern  getreten  sein  mochten  (Her- 
jnann  a.  a.  0.  27 , 15). 

VIII.  Apollon  als  Gott  der  Sühne  und 
Reinigung. 

Zu  den  erhabensten  und  tiefsinnigsten  Ideen  5 
ler  griechischen  und  aller  Religion  überhaupt 
gehört  der  Gedanke,  dafs  der  mit  Schuld  be- 
: aaitete  Mensch  durch  eint  n Gott  gereinigt  und 
■rlöst  werden  könne.  Dieser  den  Schuldbelade= 
len  erlösende  Gott  ist  nun  in  der  griechischen 
Religion  in  der  Regel  kein  anderer  als  Apol- 
on,  in  dessen  Kultus  die  Reinigungen  und 
i sühnungen  von  jeher  eine  bedeutsame  Rolle 
gespielt  zu  haben  scheinen , wie  man  schon 
aus  der  Feier  des  delphischen  Stepterionfestes  u 
■rkennen  kann,  bei  welcher  Apollon  selbst  als 
ein  vom  Morde  (des  Drachtn)  Gereinigter  auf- 
jgefafst  wurde  (vgl.  darüber  A.  Mommsen,  Del- 
\ohilca  209 ff.  uucl  Roscher  in  Fleckeisens  Jahrbb. 

!1 87 9 S.  734ff.).  Fragen  wir,  woher  es  komme, 
lafs  gerade  Apollon  die  Funktionen  der  Reini- 
gung und  Sühnung  zugeschrieben  wurden,  so  ist 
dnesteils  an  die  antike  Auffassung  der  Schuld 


Apollon  (Ideal  d.  Jünglinge)  ' 442 

als  einer  pestartigen  Krankheit  (Näyelsbach, 
Nachhom.  Theol.  357  f.  Schoemann , Gr.  Alt.  2, 
343  ff.) , andernteils  an  die  oben  besprochene 
Funktion  des  Apollon  als  Senders  und  Abweh- 
rers  von  ansteckenden  Seuchen,  welche  in  der 
Regel  als  Folge  von  Sünde  und  Verschuldung 
gefafst  wurden,  endlich  auch  an  die  nahe  Ver- 
wandtschaft der  drei  apollinischen  Thätigkei- 
ten  der  Weissagung,  Heilung  und  Reinigung 
(Preller,  gr.  MS  1,  222)  zu  erinnern.  Eine  be- 
sonders hervorragende  Stellung  unter  den 
apollinischen  Heiligtümern  scheint  in  dieser 
Beziehung  das  delphische  Orakel  eingenommen 
zu  haben , wie  namentlich  aus  der  Sage  von 
Orestes  (s.  d.)  erhellt,  in  welcher  Apollon  als 
Leiter  der  Blutrache  und  als  Sühner  derselben 
zugleich  erscheint.  Gewifs  mit  Recht  vermutet 
Welcher  (Götterl.  2,  378),  dafs  von  Delphi  aus 
zuerst  oder  am  nachdrücklichsten  dem  Morde 
gesteuert  worden  und  eine  bestimmte  Ordnung 
der  Reinigung  durchgesetzt  worden  sei.  „Der 
flüchtige  Mörder  wurde  aus  dem  bürgerlichen 
Leben  und  aus  der  religiösen  Gemeinschaft 
auf  volle  8 Jahre  (e.  Ennaeteris)  ausgestofsen, 
und  man  dachte  sich  ihn  von  den  Furien  ver- 
folgt und  bösem  Wahnsinn  verfallen.  Aber 
wenn  er  sich  als  Büfsender  nnd  Schutzflehen- 
dtr  (tHszrjg,  nQoozQoncuog)  an  Apollon  wendet, 
so  hat  dieser  Reinigung  und  Sühnung  für  ihn, 
indem  er  ihn  mit  dem  Blute  des  Sühnopfers 
besprengt  und  mit  dem  heiligen  Lorbeerzweige 
alle  Unsauberkeit  von  ihm  abkehrt.  Zugleich 
legt  er  ihm  heilsame  Werke  der  Bufse  auf, 
die  der  Sünder  dann  im  Dienste  Apollos  und 
als  sein  Eigner  verrichtet,  bis  die  Zeit  abge- 
laufen ist  und  er  wieder  in  das  Leben  zurück- 
kehren kann.  Apollon  ist  in  dieser  Hinsicht 
der  wahre  Heiland  und  Reiniger,  ocozr'iQ  und 
y.ccQ'uqoio g,  als  welchen  ihn  Aischylos  in  sei- 
nen Eumeniden  feiert.“  Ein  anderer  hierher 
gehöriger  Beiname  ist  IcczQopuvzig,  d.  i.  der 
Seelenarzt , welcher  zugleich  die  Gabe  des 
Hellsehens  oder  der  Weissagung  und  der  Hei- 
lung besitzt  (Aisch.  Eum.  62).  Vgl.  Welcher, 
Götterl.  1,  459f.  2,  375ff.  Preller , gr.  MS  1, 
220ff.  Ü.  Müller,  Dorier1  1,  332 ff.  Stoll  in 
Paulys  RealencS  1,  1276 ff 

IX.  Apollon  als  Ideal  der  männlichen 
Jugend. 

Da  Apollon  wie  fast  alle  bekannten  Son- 
nengötter seit  ältester  Zeit  als  ein  schöner, 
stattlicher  und  kräftiger  Heldenjüngling  ge- 
dacht wurde  (vgl.  Hymn.  inAp.  Pyth.  271.  Fal- 
lt t/t.  Ap.  36.  Apoll.  Rh.  2,  674 ff) , welcher 
alle  Gegner  siegreich  überwindet,  so  eignete 
er  sich  trefflich  zum  idealen  Vorbilde  und 
zum  göttlichen  Beschirmer  der  männlichen 
Jugend.  Besonders  verbreitet  war  seine  Ver- 
einung als  viovQozQocpog , welchem  die  erste 
Schur  des  Haupthaares  geweiht  zu  werden 
pflegte  (üd.  T 86.  Hesiod.  Theog.  347.  Fal- 
lt m.  Ap.  12 ff.  Thcophr.  Char.  21.  Preller,  gr. 
MS  1,  209,  3),  und  als  Vorstand  der  Gymna- 
sien und  Palästren  (neben  Hermes  und  Hera- 
kles; vgl.  Plut.  quaest.  conv.  8,  4,  4).  Und 
zwar  galt  er  hier  für  einen  Vorsteher  entwe- 


443  Apollon  (Attribute) 


Apollon  (Attribute)  444 


der  des  Faustkampfes,  wie  er  denn  einst  selbst 
den  gewaltigen  Phorbas  (s.  d.)  im  Faustkampfe 
besiegt  haben  sollte  (II.  23,  660  u.  Schul.  II. 
in  Ap.  Pyth.  33;  vgl.  auch  das  Vasenbild  b. 
Gerhard  t.  70  u.  Paus.  10,  32,  6),  oder  des 
Wettlaufs  {Sgoguiog)  , oder  der  Jagd  und  des 
Bogenschiefsens  {aygevg,  aypcaog,  uygsv rag, 
&ggsizocg  {II.  23,  872.  Soph.  Oed.  Col.  1091. 
Xen.  de  ven.  1 , 1 ; 6,3.  Pollux  5 , 39  und 
mehr  b.  Stall  in  Paulys  Pealenc } 1,  1266).  So 
erklärt  es  sich  endlich  auch,  dafs  eine  Reihe 
apollinischer  Feste,  wie  z.  B.  die  Gymnopädien 
in  Sparta , die  Theoxenien  zu  Pellene , die 
Aktia  und  vor  allem  die  Pythien  zu  Delphi 
mit  gymnischen  Agonen  verbunden  waren. 
(Mehr  b.  Preller,  gr.  M.2  1,  209  f.  Welcher, 
Götterl.  2,  382.  Müller,  Dorier1  1,  294.) 

X.  Symbole  und  Attribute. 

1)  Der  Wolf  (vgl.  Ad.  h.  an.  10,  26.  Plut. 

de  Pytli.  or.  12.  Eustatli.  ad  II.  449,  1).  Man 
pflegte  an  den  Kultstätten  des  Apollon  Wölfe 
aufzustellen , z.  B.  in  Delphi  {Ael.  a.  a.  0. 
Paus.  10, 14,  7.  Plut.  Pericl.  21)  und  vor  den 
Gerichtshöfen  in  Athen , welche  unter  dem 
Schutze  des  Apollon  standen  {Müller,  Dorier 1 
1,  245,  3 und  335).  Nach  dem  Scholiasten  z. 
Soph.  El.  6 wurden  dem  argivischen  Apollon 
sogar  Wölfe  geopfert  (vgl,  Xen.  An.  2,  2,  9), 
wovon  er  den  Beinamen  Ivnox- tovog  erhalten 
haben  soll.  Diese  Bedeutung  des  Wolfes  im 
Kultus  des  Apollon  beruhte,  wie  Müller  ( Do- 
rier1 1,  305)  und  Welcher  {Götterl.  1,  481)  ge- 
wifs  richtig  vermuten,  nicht  auf  einer  später 
öfters  geltend  gemachten  Paronomasie  (Apol- 
lon IvKSiog , Xvnriyevr'ig  — kvnog;  vgl.  Aisch. 
Sept.  131),  sondern  mufs  einen  andern  Grund 
haben,  der  freilich  bis  jetzt  noch  nicht  mit 
Sicherheit  erkannt  ist.  Bedeutungsvoll  er- 
scheint, dafs  der  Wolf  sowohl  das  Bild  des 
siegreichen  Helden  als  des  flüchtigen  Mörders 
oder  Totschlägers  und  ein  prophetisches  Tier 
ist  (vgl.  Mannhardt,  Ant.  Wald-  u.  Feldkulte 
336.  Schoemann,  Gr.  Alt.2  2,  242.  0.  Jahn 

in  d.  Der.  d.  Sächs.  Ges.  d.  Wiss.  v.  1847  S. 
423.  Theophr.  de  sign.  pluv.  46)  und  auch  sonst 
als  Attribut  von  Sonnengöttern  (z.  B.  des  ita- 
lischen Mars  und  Soranus)  vorkommt  (vgl. 
Mannhardt  a.  a.  0.  31 8 ff.). 

2)  Das  Reh  oder  die  Hirschkuh  (vgl.  un- 
ten: Apollon  in  der  Kunst  S.  541  und  die  von 
Preller,  gr.  AI.2  1,  225,  2 gesammelten  Stel- 
len). Dies  Tier  war  wohl  ursprünglich  dem 
Apollon  (ebenso  wie  der  Artemis)  als  Jagd- 
gott geheiligt  (vgl.  Stoll  in  Paulys  Pealenc.2 
1,  1266). 

3)  Die  Ziege  oder  der  Bock  (auf  Münzen 
von  Tylissos:  Müller,  Dorier 1 1,  208  u.  318. 
Welcher,  Götterl.  1,  471).  Wahrscheinlich  hat 
man  in  diesem  Falle  nicht  an  zahme,  sondern 
wilde  Ziegen  {doguddsg,  cdysg  aygiciC)  zu  den- 
ken, welche  ebenso  wie  Rehe  und  Hirsche  ge- 
jagt wurden  {Xen.  An.  5,  3,  10). 

4)  Der  Schafbock,  ein  Attribut  desAap- 
vilog  {Welcher,  Götterl.  1,  471). 

5)  Die  Maus,  Heuschrecke,  Eidechse 
waren  in  den  speziellen  Kulten  des  Apollon 


XgLvO'sv g,  Tlogvoniiov  und  Xavgov.z6vog  Attri- 
bute des  Gottes  (vgl.  über  den  Xavgoyizövog 
Welcher,  Götterl.  2,  366  u.  A.  Denlzm.  l, 
406  ff.  unten  S.  462). 

6)  Von  den  Vögeln  waren  dem  Apollon  der 
Schwan,  der  Habicht  {isga'S, , yiignog),  der 
Geier  {yvzp  oder  ulyvmog)  und  der  Rabe  gehei- 
ligt (vgl.  Welcher,  Götterl.  2, 362 ff.  1,  487.  Mül- 
ler, Dorier1  1,  302.  Preller,  gr.  AI.2  1, 190.  Iio- 
io  scher,  Apollon  u.  Mars  89).  Der  Schwan  scheint 
in  diesem  Falle  das  Symbol  des  nahenden  Früh- 
lingsgottes, der  Habicht,  Geier  und  Rabe  aber 
als  wetterprophezeiende  Tiere  Attribute  des 
orakelnden  Apollon  gewesen  zu  sein  (vgl. 
A.  Mommsen,  Sclüeswiger  Progr.  v.  1870  S.  19. 
Poscher  a.  a.  0.  33ff.  Theophr.  de  sign.  16,  17, 
39,  40,  52). 


20 


30 


40 


7)  Der  Delphin,  das  Symbol  des  Apollon 
als  Eröffners  der  Seefahrt  (s.  oben  S.  429)  oder 
als  Aslcpiviog  (vgl.  Preller,  gr.  AI.2  1,  201,  l 
u.  Welcher,  G.  1,  471).  Nach  Theophr.  de  sign. 
19  benutzte  man  auch  den  Delphin  als  Wet- 
terorakel. 

8)  Der  Greif,  die  bekannte  aus  dem  Orient 
stammende  Mischung  von  Löwe  und  Adler, 
von  welchem  man  annahm,  dafs  er  im  hohen 
Norden,  in  der  Nähe  des  Hyperboreerlandes, 
heimisch  sei,  scheint  durch  den  Mythus  von 
dem  Verhältnis  des  Apollon  zu  jenem  Lande 
zu  einem  apollinischen  Attribut  geworden  zu 
sein  (vgl.  Aesch.  Prorn.  802.  Herod.  3 , 116. 
Welcher,  Götterl.  2,  364.  Preller,  gr.  AI.2  1, 
190.  Krause  in  Paulys  Pealenc.  3,  974). 

9)  Der  Lorbeer  wegen  seiner  medicini- 
schen,  prophetischen  und  reinigenden  (sühnen- 
den) Kraft  (vgl.  Boetticher,  Baumkultus  S.  338  ff.). 
Wir  finden  ihn  im  delphischen  Adyton  {Schot. 
Ar.  Plut.  213.  Eur.  Iph.  T.  1245)  und  am  Al- 
tar zu  Delos  gepflanzt  {Eur.  Heli.  458.  Sen. 
Verg.  Aen.  3,  91),  und  die  Eingänge  des  del- 
phischen Tempels  mufsten  von  den  Tempel- 
dienern regelmäfsig  mit  frischen  Lorbeerzwei- 
gen geschmückt  werden  {Eurip.  Ion  78.  103). 
Zahlreiche  Bildwerke  stellen  den  Gott  mit 
Lorbeer  bekränzt  dar  {Posclier,  Apollon  u.  Mars 
90  Anm.  207).  Aus  der  Bedeutung  der  Pflanze 
im  apollinischen  Kultus  entstand  bekanntlich 
die  ätiologische  Legende  von  der  Liebe  Apol- 
lons zur  Daphne  (s.  d.) 


' 

. 

i 

' 

. 


50 


XI.  Verwandte  Gottheiten. 

Selbstverständlich  zeigen  alle  Sonnengötter 
der  verwandten  Völker,  z.  B.  der  germanische 
Freyr,  Helios,  der  italische  Soranus  in  Kultus 
und  Mythus  gröfsere  oder  geringere  Ähnlich- 
keit mit  Apollon ; keiner  aber  mehr  als  der 
italische  Mars,  welcher  fast  in  allen  seinen 
Funktionen  eine  so  unverkennbare  Parallele 
eo  zum  Apollon  bildet,  dafs  für  die  gräkoitalische 
Urzeit  eine  völlige  Identität  der  beiden  Göt- 
ter angenommen  werden  darf.  Als  die  Haupt- 
punkte, in  welchen  sich  diese  Identität  zeigt, 
hebe  ich  folgende  hervor.  Beide  sind  ursprüng- 
lich Sonnengötter  und  haben  als  solche  gleich- 
bedeutende Namen:  Mars  (von  Wu.  mar 
glänzen)  und^otßog  oder  Avus  log,  AvA  rjy  fvyg  (der 
auf  Inschriften  vorkommende  Mars  Leucetius 


1:45  Apollon  (verw.  Götter) 

»der  Loucetius  ist  möglicherweise  keltischen 
Jrsprungs).  Da  der  scheinbare  Sonnenlauf  die 
Grdnung  des  Jahres  bestimmt,  so  wurde  der 
Beginn  des  Jahres  mit  einem  Feste  gefeiert, 
las  bei  den  Griechen  dem  Apollon,  bei  den 
tömern  dem  Mars  galt.  Wahrscheinlich  waren 
Aich  die  Anfangstage  der  Monate  beiden 
Göttern  geheiligt.  Beide  werden  vorzugsweise 
n der  warmen  Jahreszeit  wirkend  gedacht, 
weswegen  ihre  sämtlichen  Feste  nur  in 
liese  Zeit  fallen.  Weiter  galt  der  Früli- 
ing  als  beiden  Göttern  geheiligt;  ihr  Ge- 
>urtstag  wurde  beim  Beginn  desselben  fest- 
ich  begangen.  Im  Sommer  dachte  man  sich 
leide  entweder  wohlwollend  und  segnend, 
ider  strafend  und  zürnend,  und  suchte  sie 
leshalb  mit  Gebeten  und  Sühnopfern  zu  be- 
ch wichtigen.  Alle  Krankheiten  der  war- 
nen Jahreszeit,  vor  allem  die  Menschen 
ind  Tiere  mordende  Fest,  welche  man  für  die  2 
Wirkung  der  Sonnenstrahlen  hielt,  allen  Mifs- 
vachs,  wie  er  namentlich  aus  dem  ebenfalls 
,uf  die  Sonne  zurückgeführten  Kornbrand  (ro- 
ngo,  igvoißg)  hervorging,  aber  auch  anderseits 
,lie  Segnungen  durch  gute  Ernte  und 
Gesundheit  schrieb  man  der  Wirkung  dieser 
Gottheiten  zu  und  verehrte  sie  demgemäfs  als 
oder  averrunci.  Wie  Apollon  so  galt 
Aich  Mars  als  Orakelgott;  die  Beziehung 
,uf  Kampf  und  Schlacht  ist  beiden  ge- 
nein, sie  werden  beide  als  bewaffnete  Strei- 
er  gedacht.  Wie  Apollon  in  mannigfachen 
sagen  griechischer  Stämme  und  Städte  als 
cßTpöiog  und  aQxgysvgs  erscheint , so  auch 
dars-Quirinus  in  den  Sagen  von  der  Gründung 
toms  und  Cures’.  Dieselbe  Sage,  welche  vom 
tomulus,  dem  Sohne  des  Mars , handelt,  läfst 
ich  auch  in  allen  wesentlichen  Zügen  bei 
diletos  und  Kydon,  den  Gründern  von  Milet 
ind  Kydonia  und  Söhnen  des  Apollon,  nach- 
veisen.  Apollon  und  Mars  führen  oder  be- 
chützen  gleicherweise  die  wandernden  Ko- 
onistenscharen;  die  eigentümliche  damit 
usammenhängende  Sitte  des  ver  sacrum  fin- 
let  sich  auch  im  Kulte  des  Ajiollon.  Endlich 
iahen  Apollon  und  Mars  drei  identische 
Symbole:  den  W olf,  den  Habicht  und  den 
jorbeer  (vgl.  Roscher,  Apollon  u.  Mars  6f.). 

L itteratur.  Creuzer,  Symbolik  2,  3.  0. 
Füller,  Dorier  1,  200 — 370.  Haupt,  de  A. 
ultu  post  Troiana  tempora  propagato  ( Allg . 
'chulzeitung  1830,  2 No.  74).  Schwenck,  My- 
hol.  Skizzen , Frankf.  1836  p.  98 — 168.  Gott- 
chick,  Apollinis  cultusBerol.  1839.  Fresenius , 
e Apollinis  numine  solar i , Marburg  1840. 
laym,  de  Apollinis  origine  etc.  Spec.  1 Laub. 
841.  W.  Sclvwartz , de  antiquissima  Apollinis 
atura,  Berol.  1843.  Schönborn,  Über  das  We- 
rn Apollons  und  die  Verbreitung  seines  Dien- 
tes,  Berl.  1854.  Schwalbe,  Über  die  Bedeutung 
es  Paian  als  Gesang  im  Apollinischen  Kultus, 
lagdeburg  1847.  Lersch , Apollon  der  Heil- 
igender, Bonn  1848.  Bauer,  Syst.  d.  gr.  My- 
Uol.,  Berl.  1853.  S.  253ff.  Gerhard,  Griech. 
Hythol.  Preller,  Gr.  MythA  1 , S.  182  ff. 
yeleker,  Götterl.  1,  45  7 ff.  2,  33  7 ff.  Stoll  und 
yädechens  in  Paulys  RealencA  1,  1253  ff.  Ro- 
her, Apollon  «w.  Mars,  Leipz.  1873.  Milch- 


Apollon  (b.  d.  Körnern)  446 

liöfer,  Über  den  attischen  Apollon,  München 
1873.  Schreiber , Apollon  Pythoktonos,  Leip- 
zig 1879. 

XII.  Apollon  bei  den  Körnern. 

Der  Kult  des  griechischen  Apollon  ist  schon 
in  sehr  früher  Zeit,  unter  Tarquinius  Super- 
bus zugleich  mit  den  sibyllinischen  Büchern 
von  Cumae  nach  Rom  gekommen  und  hat  hier 
bald  so  feste  Wurzel  geschlagen,  dafs  er  fast 
den  Eindruck  eines  altitalischen  Kultus  macht. 
Mit  seiner  Einführung  beginnt  die  allmähliche 
Hellenisierung  des  gesamten  römischen  Got- 
tesdienstes. Das  innige  Verhältnis  der  Sibyl- 
len (s.  d.)  zum  Apollon  ist  mehrfach  be- 

zeugt (vgl.  Verg.  Aen.  6,  36.  Serv.  z.  Aen.  6, 
36  u.  321.  Ov.  Met.  14,  133ff.  Liv.  10,  8. 
Klausen,  Aeneas  S.  203 ff.  Paulys  Realenc. 
6,  1150.  Preller,  röm.  M.s  1,  2991’.).  In  Rom 
erzählte  man  von  der  Rumänischen  Sibylle, 
sie  habe  dem  Könige  Tarquinius  zuerst  9,  dann 
6,  endlich  3 Bände  immer  für  denselben  Preis 
angeboten  ( Dionys . H.  4,  62.  Gell.  N..  A.  1, 
19.  Tzetzes  z.  Lykophr.  1278ff.).  Diese  Er- 
zählung läfst  mit  ziemlicher  Sicherheit  die 
Verehrung  des  Rumänischen  Apollon,  dessen 
Priesterin  die  Sibylle  (s.  d.  u.  vgl.  Marquardt, 
Staatsverw.  3,  336ff.)  war,  von  jener  Zeit  an 
voraussetzen.  Ebenso  aber  wie  die  sibyllini- 
schen Bücher  scheint  auch  das  delphische 
Orakel  auf  den  römischen  Apollokultus  früh- 
zeitig eingewirkt  zu  haben.  Dafs  die  Städte 
Caere  und  Spina  zu  Delphi  Schatzhäuser  hat- 
ten, ist  bekannt  (vgl.  Strab.  214.  220.  Herod. 

1,  167).  Auch  Rom  selbst  hatte  alte  Verbin- 

dungen mit  diesem  Centrum  apollinischen  Got- 
tesdienstes. Schon  zur  Zeit  der  Tyrannenver- 
treibung, sodann  während  der  Belagerung  von 
Veji  sollen  die  Römer  Gesandtschaften  zur 
Befragung  des  Orakels  nach  Delphi  ge- 
schickt haben  (Liv.  1,  56.  5,  15  u.  21.  Diod. 
14,  93).  Ebenso  nach  der  Schlacht  bei  Can- 
nae  (Liv.  22,  57.  23,  11.  Appian.  Han- 

nib.  27).  Vielleicht  ist  auch  der  Apollokult 
von  Rhegion  nicht  ohne  Einflufs  auf  Rom 
gewesen,  wie  aus  der  von  Hyg.  /'.  261  (vgl. 
Serv.  z.  Aen.  2 , 116)  berichteten  Erzählung 
von  der  Übertragung  der  Gebeine  des  Orestes 
nach  Aricia  und  Rom  hervorzugehen  scheint 
(Hecker,  de  Apollinis  ap.  Rom.  cultu.  Leipz. 
1879  , 14).  Wie  die  Römer  hatten  auch  die 
benachbarten  Etrusker  schon  in  sehr  früher 
Zeit  den  griechischen  Gott  als  Aplu  oder  Apulu 
(vgl.  das  thessalische  "Anlovv  G.  I.  Gr.  n.  1766 
u.  f.)  bei  sich  aufgenommen.  In  Rom  hiefs  er 
ursprünglich  Apello  (vgl.  Paul.  p.  22.  Mac- 
rob.  1,  17),  wobei  man  an  die  Ableitung  von 
pellere  dachte  (vgl.  auch  das  griechische  ’Anil- 
lav : C.  I.  Gr.  1065.  8426.  Ahrens  de  dial. 

2,  122.  Herodian.  b.  Fast.  z.  II.  183,  11), 
später  Apollo , gen.  Apollonis , -enis  u.  -inis 
(Preller,  röm.  Myth.3  1,  302).  Auch  eine  an  das 
Verhältnis  von  Proserpina  zu  IIsQGscpovg  er- 
innernde , auf  alte  V olksetymologie  zurück- 
gehende Form  Aperta  (von  aperire  oder  = 
cmsLQyuiqsl)  läfst  sich  nach  weisen  (Paid.  22: 
Aperta  . . . vocabatur,  quia  patente  cortina  re- 


447 


Apollon  (b.  d.  Römern) 


Apollon  (b.  d.  Römern) 


448 


sponsa  ab  eo  dentur.  Vgl.  Eitsclil  im  Eh.  Mus. 
1857.  106  ff.  u.  476  f.  = Op.  2,  492.  514). 

Der  älteste  nachweisbare  Tempel  des  Apol- 
lon zu  Rom  befand  sich  auf  den  sogenannten 
Flaminischen  Wiesen,  auf  einer  Fläche,  welche 
schon  früher  dem  Apollon  geweiht  worden 
zu  sein  scheint  ( Liv . 3,  63,  wo  statt  des  hsl. 
Apollinarem  mit  Jordan  in  Preller  E.  31. 3 1 , 303, 
1 wahrscheinlich  Apollinar  oder  -are  zu  lesen 
ist).  Jener  Tempel  wurde  im  Jahr  432  v.  Chr. 
zur  Abwehr  einer  verderblichen  Pest  gelobt 
und  vier  Jahre  später  geweiht  {Liv.  4,  25). 
Der  daselbst  verehrte  Apollo  hiefs  Medicus 
{Liv.  40,  51  vgl.  Preller,  r.  Myth.3  303,  1 u. 
Heclcer  a.  a.  0.  9).  Der  bei  Liv.  7,  20  erwähnte 
Tempel  ist  wahrscheinlich  damit  identisch. 
Denn  nach  dem  ausdrücklichen  Zeugnis  des 
Asconius  (z.  Cic.  in  toga  cand.  p.  91  Or.)  gab 
es  bis  auf  Ciceros  Zeit  nur  einen  einzigen 
Apollotempel  in  Rom,  welcher  aufserhalb  der 
porta  Carmentalis  zwischen  dem  Forum  Oli- 
toriurn  und  dem  Circus  Flaminius  gelegen 
war.  (Mehr  bei  Heclcer  a.  a.  0.  4 ff.) 

Eine  Hauptrolle  spielte  Apollon  bei  den  so- 
genannten Lectisternien,  einem  jedenfalls 
griechischen,  durch  die  sibyllinischen  Bücher  in 
Rom  eingeführten  Brauche,  wobei  auch  Latona 
und  Artemis  bedeutungsvoll  hervortreten.  Das 
erste  Lectisternium  fand  im  Jahre  399  v.  Chr. 
statt  {Liv.  5,  13.  Dion.  H.  12,  9).  Auch  sie 
galten  dem  Abwehrer  sommerlicher  Seuchen, 
also  ebenfalls  dem  Apollo  Medicus  {Liv.  a. 
a.  0.  Augustin,  de  civ.  d 3,  17).  Vgl.  Mar- 
quardt, Eöm.  Staatsverw.  3,  46  u.  ob.  S.  433. 

Die  apollinarischen  Spiele  führte  man 
212  v.  Chr.  während  des  zweiten  punischen 
Krieges  ein,  als  Hannibal  nach  der  Eroberung 
von  Tarent  abermals  bis  Campanien  vorrückte, 
während  Hasdrubal  Oberitalien  mit  einem  Ein- 
falle bedrohte,  in  dieser  schweren  Zeit  be- 
fragte man  die  sibyllinischen  Bücher  und  die 
Sprüche  des  Marcius,  von  denen  einer  lautete: 
„ hostes , Eomani,  si  expediere  voltis,  vomica  quae 
gentium  venit  longe,  Apollini  vovendos  censeo 
ludos,  qui  quotannis  Apollini  fantu  (Liv.  25, 12. 
Macrob.  1,  17,  28).  Das  Resultat  dieser  Be- 
fragung waren  die  genannten  Spiele  (ludi  Apol- 
linares) , welche  unter  Leitung  des  Praetor 
urbanus  im  Circus ' Max.  abgehalten  wurden, 
wobei  das  Volk  mit  Lorbeer  bekränzt  zu- 
schaute, die  sibyllinischen  Decemvirn  aber  das 
Opfer  nach  griechischer  Weise  zu  verrichten 
hatten  {Macrob.  a.  a.  0.  27  ff.).  Später  (208 
v.  Chr.)  wurden  diese  Spiele  auf  Veranlassung 
einer  Pest  ein  für  allemal  gelobt  und  auf  ei- 
nen bestimmten  Tag,  den  13.  Juli  festgesetzt 
(vgl.  Friedländer  b.  Marquardt  a.  a.  0.  480). 
Wenn  man  sich  später  darüber  stritt,  ob  die 
ludi  Apollinares  des  Sieges  oder  der  Gesund- 
heit wegen  {victoriae  an  valetudinis  ergo  Liv. 
u.  Macrob.  a.  a.  0.)  gestiftet  worden  seien, 
so  erklärt  sich  dies  einerseits  aus  der  doppel- 
ten Stiftung  der  Jahre  212  und  208,  anderseits 
aus  der  doppelten  Bedeutung  des  Apollo  als 
Gott  des  Sieges  und  der  Gesundheit.  Vgl. 
auch  die  Legende  über  die  erste  Feier  der 
Spiele  bei  Macrob.  1,  17,  25  und  Fest.  p.  326. 
(Mehr  darüber  b.  Marquardt  a.  a.  0.  und  in 


at 


*zi 


13: 


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Paulys  Eealenc.  4,  1 203  f.  Preller,  röm.  3Iyth.3 
1,  305.)  Wie  aus  den  angeführten  Thatsachen 
hervorgeht,  wurde  also  Apollon  von  den  älte- 
ren Römern  vorzugsweise  als  Orakelspender 
und  als  rettender  Gott  des  Sieges  und  der  Hei- 
lung verehrt  undf.mit  scenischen  und  circen- 
sischen  Spielen  gefeiert  (nach  Macrob.  1,  17, 
15  indigitierten  die  Vestalischen  Jungfrauen  den 
Gott  als  Medicus  und  Päan.  Sonstige  Beina- 
io  men  des  Apollo  als  Heilgott  s.  b.  Hecker  a. 

а.  0.  S.  29  ff.). 

Für  die  spätere  Auffassung  des  Apollo  ist 
die  ins  Jahr  83  v.  Chr.  fallende  grofse  Feuers- 
brunst nicht  unwichtig/ insofern  sie  unter  an- 
derem auch  die  ältere  Sammlung  der  für  den 
apollinischen  Kult  so  mafsgebenden  sibyllini- 
schen Sprüche  vernichtete,  in  die  neue  Samm- 
lung fanden  namentlich  Sprüche  der  erythräi- 
schen  Sibylle  Eingang,  welche  ein  eigentüm- 
20  lieh  orientalisches  Gepräge  tragen  {Dion.  Hm. 
4,  62,  der  sich  auf  Varro  beruft;  Tac.  Ann. 

б,  12.  Lact.  1,  6.  Justin.  31.  Coli.  16.  August. 
C.  D.  18,  23.  Paus.  10,  12,  5).  Hierzu  kam 
noch  die  infolge  der  Verbreitung  der  stoischen 
Philosophie  in  Rom  immer  mehr  um  sich 
greifende  Anschauung  des  Apollon  als  Son- 
nengottes (vgl.  Gornut.  Fat.  deor.  32.  Cic. 
Fat.  deor.  2,  68.  3,  51),  welche  namentlich 
von  Dichtem  vertreten  wird  (vgl.  den  häufi- 

30  gen  Gebrauch  von  Plioebus  = sol,  Phoebe  = 
iuna.  Ovid.  Fast.  3,  109  ff.  Hör.  ca.  saec.  lff. 
u.  9 ff.). 

Eine  ganz  aufserordentliche  Bedeutung  er- 
hielt der  Kultus  des  Apollo  unter  Augustus, 
dessen  Vorfahren  schon  uralte  Beziehungen  zu 
diesem  Gotte  gehabt  haben  sollten  {Seiv.  z. 
VereJ.Aen.  10,316).  Vielleicht  hängt  dies  mit 
der  Nachricht  von  einem  von  der  Iulischen 
Familie  gepflegten  Gentilkult  des  schon  früh- 
40  zeitig  mit  Apollo  identificierten  Veiovis  zusam- 
men (Preller,  r.  M.3  1,  307).  Hierzu  kam  noch, 
dafs  mehrere  höchst  merkwürdige  Thatsachen 
und  Erfahrungen  in  Augustus  einen  ganz  be- 
sonderen Schützling  des  Apollo  erblicken 
liefsen.  Vor  allem  ist  hier  auf  die  Erzählung 
des  Suetonius  {d.  Aug.  94;  vgl.  auch  Plutarch 
Brutus  24)  zu  verweisen,  wonach  Augustus 
für  einen  Sohn  des  Apollo  galt , ferner  auf 
den  Schutz,  den  ihm  der  Gott  in  den  Schlach- 
50  ten  von  Philippi  und  Aktium  gewährt  haben 
sollte  (vgl.  Val.  Max.  1,  5,  7.  Eoscher  in  Fleck- 
eisens  Jahrbb.  1880,  603ff.  Verg.  Aen.  8,  704. 
Propert.  4,  6,  29);  endlich  auf  die  Nachricht, 
dafs  Augustus  sich  sogar  in  apollinischer  Hal- 
tung oder  mit  den  Insignien  des  Gottes  dar- 
stellen liefs  {Suet.  Aug.  70.  Serv.  z.  Verg.  Fel. 
4, 10.  Comm.  Cruq.  Hör.  Ep.  1, 13, 17.  Vgl  Klau- 
sen, Aeneas  S.  1102f.  C.  I.  Gr.  add.  2903  f.).  So 
ist  es  zu  erklären,  dafs  Augustus  für  die  Verherr- 
oo  lichung  des  Apollo  mehr  als  alle  Römer  vor  und 
nach  ihm  gethan  hat.  Unter  seinen  Stiftun- 
gen sind  vor  allen  die  Erweiterung  und  Aus- 
stattung des  Tempels  zu  Aktium  und  die 
Gründung  des  palatinischen  Apolloheiligtums 
zu  erwähnen  {Strab.  325.  Suet.  Aug.  18.  Dio 
Cass.  51,  1.  Vellej.  Pat.  2,  81.  Suet.  Aug.  29. 
Dio.  49,  15),  womit  die  Feier  der  Aktien  nicht 
blofs  in  Aktium  selbst  {Strab. ,_325) , sondern 


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449 


Apollon  in  d.  Kunst 


Apollon  in  d.  Kunst 


450 


auch  in  Rom  {Dio  53,  1.  54,  19  u.  s.  w.)  eng 
zusammenhängt.  Über  die  Ausstattung  des 
römischen  Tempels  s.  0.  Müller,  Hdb.  d.  Arch. 

§ 125,  4.  361,  4 und  0.  Jahn,  Arch.  Aufs , 22  ff. 
Ferner  räumte  Augustus  dem  Palatinischen 
Apollo  an  den  von  ihm  im  Jahre  17  v.  Chr. 
neu  eingerichteten  ludi  Saeculares , die  früher 
nur  den  unterirdischen  Göttern  gegolten  hat- 
ten , den  hervorragendsten  Anteil  ein , wie 
schon  aus  dem  im  palatinischen  Apollotempel  jo 
einst  gesungenen  Carmen  saeculare  des  Horaz 
hervorgeht  (vgl.  Paulys  Bealcnc.  4,  1208.  Mar- 
quardt, 11.  Staatsv.  3,  370.  Hecker  a.  a.  0.  49  ff.). 
Wie  lange  sich  der  Apollokultus  in  Rom  be- 
hauptete, erhellt  aus  der  Nachricht,  dafs  erst 
unter  Stilicho  die  sibyllinischen  Bücher  ver- 
nichtet wurden  ( Preller , r.  M.3  1,  312  A.  1).  Spe- 
zielle Beinamen  des  römischen  Apollo  waren 
Sandaliarius  (von  seiner  Bildsäule  in  der  San- 
dalenstrafse),  Tortor  (=  Schinder  des  Marsyas) : so 
Suet.  Aug.  57  u.  70,  ferner  Salutaris,  Conser- 
vator,  oft  auf  Münzen  der  Kaiserzeit  und  wahr- 
scheinlich mit  dem  palatinischen  Apollon  iden- 
tisch: Lersch,  Apollon  der  Heilspender  15.  Prel- 
ler, r.  M.3  1,  276,  3.  Eine  Anzahl  auf  Apollon 
bezügl.  lat.  Inschriften  s.  hei  Orelli-Henzen 
1433  ff.  5700  ff.  Über  Apollo  Grannus,  Belenus, 
Soranus  s.  diese  Beinamen  u.  vgl.  Preller,  II. 
M.3  1,  312. 

Litteratur:  Hartung,  Bel.  d.  B.  2,  105ff.  30 
Klausen,  Äneas  110.  Preller,  röm.  Myth.3  1, 
299  ff.  147  ff.  Schwenck,  Myth.  d.  Böm.  104. 
Marquardt,  Böm.  Staatsvenv.  3 , 369  ff.  Stoll 
in  Paulys  Bealenc ,2  1,  3 281  f.  Hecker,  de  Apol- 
linis  apud  Born,  cultu,  Lips.  1879.  [Roscher.] 

Apollon  in  der  Kunst. 

Wohl  kein  Gott  ward  so  häufig  dargestellt 
wie  Apollon.  Selbst  unsere  fragmentarischen 
Nachrichten  weisen  noch  gegen  vierzig  Künst-  40 
ler  auf,  die  ihn  gebildet.  Auch  durch  die  er- 
haltenen Denkmäler  läfst  sich  eine  ziemlich 
yollständige  Entwicklungsreihe  durch  alle  Zeit- 
alter feststellen. 

Durch  alle  Zeiten  erhielten  sich  die  der 
Verehrung  des  Apollon  uyvisvg  dienenden  Spitz- 
jfeiler,  die  jedoch  weniger  zu  den  Darstellun- 
gen als  zu  den  Symbolen  des  Gottes  gehören; 
sie  erscheinen  öfter  auf  Münzen  ( Mionn . Suppl. 

!,  318,366).  — Der  vorhellenischen  Periode  noch  50 
gehörte  wohl  ein  Idol  mit  vier  Ohren  und 
hmen  in  Amyklä  an  ( 0 . Müller,  Hör.  1,  358), 
ind  mehrarmige  Bronzeidole  mit  Bogen  u.  dgl. 
laben  sich  wirklich  in  Griechenland  gefunden 
Athen,  Kunsthandel).  Schon  ganz  menschlich 
var  indes  das  Hauptbild  von  Amyklä  {Paus. 

B 19,  1),  dessen  Körper  einem  Pfeiler  glich, 
m welchem  ein  behelmter  Kopf  und  mit  Lanze 
tnd  Bogen  bewehrte  Arme  sowie  Fiifse  an- 

i gesetzt  waren  (über  die  angebliche  Nachbil-  GO 
lung  auf  einer  Münze  s.  oben  unter  Aphro- 
üte.S.  408). 

Aus  dieser  Stufe  des  symbolischen  Idols 
wird  Apollon  erst  durch  die  ältesten  Schulen 
monumentaler  Kunst  erhoben,  die  von  Kreta 
jind  Kleinasien  ausgingen.  Es  bilden  sich,  wie 
s scheint,  gleichzeitig  zwei  Typen,  die  sich 
mr  dadurch  unterscheiden,  dafs  bei  dem  ei- 
Koscher,  Lexikon  der  gr.  u.  röm.  Mythol. 


nen  die  Arme  mit  leeren,  doch  geschlossenen 
Händen  straff  an  den  Seiten  anliegen,  während 
bei  dem  andern  die  Unterarme  vorgestreckt 
sind,  um  gewisse  Attribute  aufzunehmen.  Im 
übrigen  sind  dieselben  gleich : Apollon  ist 
jugendlich  und  bartlos,  und  das  Haar  fällt  ihm 
lang  in  den  Nacken  herab;  die  Stellung  ist 
steif;  die  Beine  sind  getrennt  und  das  linke 
ist  etwas  vorgestellt.  Dem  ersteren  Typus 
(Arme  anliegend)  gehörte  das  in  Nachahmung 
des  ägyptischen  Kanon  gefertigte  Werk  des 
Telekles  und  Theodoros  an  {Diod.  Sic.  1,  98, 
dessen  Nachricht  zu  verwerfen  kein  genügen- 
der Grund  vorliegt);  indes  ist  der  Typus  kei- 
neswegs für  Apollon  geschaffen  , sondern  nur 
auf  ihn  angewandt  worden;  er  dient  ebenso 
anderen,  besonders  auch  menschlichen  Figu- 
ren, weshalb  ohne  äufsere  Indicien  nicht  ent- 
schieden werden  kann,  ob  eine  derartige  Statue 
Apollon  darstelle  oder  nicht;  gerade  die  be- 
kannten erhaltenen  Hauptstücke  dieses  Typus, 
die  Figuren  von  Thera  und  Tenea  {Overbeck, 
Gesell,  d.  Plast.  I3,  299  No. 

33)  waren  wahrscheinlicher 
menschliche  Bilder , woge- 
gen bei  den  im  Apolloheilig- 
tum zu  Actium  {Arch.  Ztg. 

1882.  S.  52)  und  auf  Delos 
{Arch.  Ztg.  1882,  S.  323)  ge- 
fundenen Torsen  wahrschein- 
licher Apollo  gemeint  war; 
vgl.  auch  das  Arch.  Ztg.  1882, 

S.  58  erwähnte  Wandbild, 
wo  eine  Apollofigur  dieses 
Typus  nachgebildet  ist.  — 

Auch  von  den  nicht  seltenen 
kleinen  Bronzen  dieses  Ty- 
pus mögen  manche  hierher 
gehören;  die  bekannte  von 
einem  Argiver  Polykrates  ge- 
weihte, jetzt  in  Petersburg 
befindliche  Statuette  (Litte- 
ratur bei  Böhl,  inscr.  antiqu. 

31)  ist  indes  schwerlich  Apol- 
lon, vielmehr  nur  ein  deko- 
rativer Gerätfufs.  — Reich- 
haltiger und  deutlicher  liefs 
sich  die  Idee  des  Gottes  aus- 
drücken  durch  den  andern 
Typus , wo  die  vorgestreck- 
ten Arme  Attribute  hielten. 

Ein  bedeutendes  Werk  die- 
ser Art  war  der  aus  der  Apollon  (?)  von  Tenea 
Dädalidenschule  (Tektaios  (München), 
und  Angelion)  hervorgegan- 
gene Apollon  in  Delos,  den  wir  aus  Nach- 
bildungen auf  attischen  Münzen  kennen  {Beule 
monn.  d'Atli.  p.  364 ff.,  falsch  für  die  Ko- 
lias  erklärt,  s.  Arch.  Ztg.  1882,  S.  331);  er 
hielt  den  Bogen  in  der  Linken  und  auf  der 
Rechten  die  drei  Chariten  mit  musikalischen 
Instrumenten;  unten  standen  symmetrisch  zwei 
Greife , wie  es  scheint.  Ein  noch  in  den 
Steinbrüchen  von  Naxos  erhaltener  {Bofs,  In 
selreisen  1,  S.  39),  sowie  ein  von  Naxos  nach 
Delos  geweihter  Kolofs  (s.  Arch,  Ztg.  1882,  S.  329), 
gehörten  hierher;  doch  ist  von  den  Attributen 
nichts  erhalten;  der  letztere  zeichnet  sich  durch 

15 


451  Apollon  in  d.  Kunst 


Apollon  in  d.  Kunst  452 


einen  sonst  bei  Apollon  nicht  vorkommenden 
breiten  Gurt  um  die  Lenden  aus.  Der  Typus 
wurde  auch  in  der  Zeit  des  reifen  archaischen 
Stiles,  wo  der  erstere  verschwand,  noch  bei- 
behalten; ein  bedeutendes  Werk  derart  war 
die  Statue  des  Kanachos  für  das  Didymaion 
bei  Milet  (Paus.  8,  46,  3;  Plin.  34,  75);  wir 
besitzen  Nachbildungen  desselben  auf  spätem 
autonomen  Kupfermünzen  Milets  und  auf  Kai- 
sermünzen derselben  Stadt;  auf  letztem  ist  die  io 
Figur  straffer  und  steifer,  und  wohl  am  ge- 
nauesten, sowohl  im  Profil  als  von  vorn  nach- 
gebildet; Apollon  hält  in  der  vorgestreckten 
Linken  den  Bogen  gefafst ; auf  der  Rechten 
aber  ruhte  ein  kleines  Hirschkalb , das  sich 
nach  dem  Gotte  umsieht;  aufser  dem  langen 
Nackenhaare  fallen  auch  Locken  auf  die  Schul- 
tern. Eine  kleine  Bronze  des  British  Museum 
(Eayet  et  Thomas,  Milete  pl.  28,  2;  Overbeck, 
Gesch.  d.  Pl.  13,‘S.  109)  stimmt  hiermit  fast  20 
ganz  genau;  an  einer  schönen  Bronzestatue 
des  Louvre  ferner  ( Ray  et  et  Thomas,  Milete 
pl.  29;  Overb.  I3  S.  179)  stimmt  zwar  die  Hal- 
tung der  Arme,  nicht  aber  die  Haartour.  Eine 
kleine  Bronze  aus  Naxos  im  Berliner  Museum 
ferner  (Arch.  Ztg.  1879,  S.  84 ff.),  die  sich  noch 
durch  eine  Weihinschrift  an  Apollon  auszeich- 
net, zeigt  die  Haartour  ganz  wie  jene  Münzen, 
und  die  Linke  hielt  den  Bogen;  doch  auf  der 
rechten  Hand  ruht  ein  anderes  Attribut,  ein  30 
kleines  kugeliges  henkelloses  Gefäfs , ganz 
gleich  den  in  ägyptischen  Denkmälern  sehr 
oft  ebenso  gehaltenen  kleinen  Töpfen  für 
Darbringungen ; vielleicht  war  dies  Gefäfs  im 
lokalen  Kultgebrauche  von  Naxos  üblich  und 
vertritt  die  späterhin  so  häufige  Schale*). 
Eine  Münze  von  Apollonia  in  Thessalien 
(. Brit . Mus.  Cat.  Thess.  pl.  13,  6)  zeigt  den 
Typus  mit  Bogen  in  der  vorgestreckten  Hand. 

— Zahlreich  sind  endlich  die  kleinen  echt  40 
altertümlichen  Bronzen,  die  im  wesentlichen 
denselben  Typus  wiederholen,  denen  jedoch 
die  Attribute  fehlen  (z.  B.  Memorie  d.  I.  2, 
tav.  12,  1 p.  401  von  Milet.  Ausgr.  v.  Olym- 
pia 4,  Tf.  25,  2 mit  einem  umlaufenden  Kopf- 
aufsatze,  wozu  der  dem  Delischen  Apoll  auf  den 
oben  genannten  Münzen  gegebene,  auch  Revue 
arch.  1873  Bd.  25 , pl.  6 zu  vergleichen  ist; 
Mon.  d.  I.  1,  15  aus  Lokroi  in  Italien).  Eine 
archaistische  Marmorfigur  in  Rom  ( Gerhard , 50 
ant.  Bildw.  Tf.  11.  Ann.  d.  I.  1834 , D.  3) 
giebt  dem  Apollon  das  Reh  nicht  auf  die 
Hand,  sondern  rationalistisch  natürlicher,  in 
den  rechten  Arm.  An  den  Yorderfüfsen  hält 
er  das  emporspringende  Reh , in  der  andern 
Hand  den  Bogen:  auf  einer  in  Gemmen  nach- 
gebildeten archaischen  Statue  (Müll.- Wies., 

I).  ci.  K.  1,  61.  Cades,  impronte  4,  19.  20);  mit 
beiden  Händen  je  ein  Reh  haltend  in  einer 

60 

*)  Mit  Unrecht  fafsten  Frankel  {Arch.  Ztg.  1879  , 88) 
und  v.  Sallet  ( Ztschr . f.  Num.  9,  138)  dasselbe  als  Salbge- 
fäfs  mit  palästrischem  Bezug ; aber  weder  dürfen  wir 
einen  so  unheiligen  Gegenstand  hier  vermuten,  noch  pafst 
die  Form  dazu,  denn  jene  Salbgefäfse  haben  immer  einen 
Henkel  und  werden  an  einem  Bande  am  Arme  getragen. 
Curtius  {Arch.  Ztg.  1879,  97)  erkennt  jedenfalls  viel  pas- 
sender einen  Granatapfel , wozu  nur  die  Form  des  Ob- 
jektes nicht  ganz  stimmt. 


Statue,  die  eine  Münze  von  Tarsos  (des  Mac- 
rinus)  kopiert  (Lajarä,  culte  de  Venus  pl.  5,  1). 
Nichts  Näheres  wissen  wir  von  der  alten  Apol- 
lon-Statue des  Kreters  Cheirisophos  (Paus.  8, 
53,  7)  und  dem  kretischen  Holzbild  in  Delphi, 


Apollon,  Statuette  von  Naxos  {Archäol.  Ztg. 
1879 , Taf.  7). 


auf  das  Pindar  (Pyth.  5,  40)  anspielt.  — Die 
steif  stehenden  Jünglinge  (in  Bronzen),  die  ein 
Lamm  auf  der  Schulter  tragen  (Friedcriclis, 
Ap.  m.  d.  Lamm  1861)  sind  nicht  Apollon, 
sondern  eher  Hermes  (s.  d.  und  vgl.  Ann.  d 
Inst.  1879,  143ff.),  wenn  nicht  menschliche 
Opfertierträger  (vgl.  Milchhöf er , Anfänge  der 
Kunst  S.  214f.). 

Die  archaische  Kunst  hat  aufser  dem  ruhig 


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WOD 


453  Apollon  in  d.  Kunst 

j stellenden  Typus  einen  lebhaft  bewegten  ge- 
j schaffen , der  auf  Athena,  Zeus,  Poseidon  und 
auch  auf  Apollon  angewandt  ward.  Die  sehr 
alten  Münzen  von  Kaulonia  bilden  eine  solche 
Statue  nach  (oft  abgebildet,  z.  B.  T).  a.  K.  l, 
72);  der  Gott,  von  dem  Reh  begleitet,  schreitet 
weit  aus,  schwingt  in  der  erhobenen  Rechten 
als  Reinigungssymbol  einen  Lorbeerzweig  und 
streckt  die  Linke  vor,  auf  welcher  eine  kleine 
i Figur  im  Schema  laufender , umblickender 
Dämonen  gebildet  ist;  sie  trägt  Zweige  oder 
Früchte  und  hat  zuweilen  Flügel  an  den  Füfsen 
(s.  Friedländer  u.  Sollet,  Berl.  Münzlt.  No.  666 ; 
Numism.  Glironicle  30 , 1 S.  Birch) ; von  den 
vielen  für  sie  versuchten  Deutungen  trifft  die 


Bärtiger  Apollon  v.  e.  altatt.  Vase  (vgl.  Monum. 
d.  I.  3 Taf.  44.) 

des  Duc  de  Luynes  (Ap.  und  Aristaios)  wohl 
am  ehesten  zu;  eine  ganz  befriedigende  ist 
noch  nicht  ge'funden.  Apollon  hat  natürlich 
[auch  hier  das  lang  herabfallende  Haar;  erst 
die  späteren  Münzen  zeigen  es  kurz  aufgenom- 
men; der  Typus  ward  auf  den  Münzen  von 
'Kaulonia  lange  festgehalten,  später  mit  Weg- 
Fassung  des  kleinen  Dämons.  — Die  in  die 
iKnice  gesunkene  laufende  Figur  auf  sehr  alten 


Apollon  in  d.  Kunst  454 

Münzen  von  Tarent  ( Friedl . u.  Sollet,  Münzh. 
v.  Berl.*  No.  653;  sehr  ähnlich  ein  archaischer 
Scarabäus  bei  Codes,  impr.  4,  Ap.  44)  mit  Leier 
und  Blume  wird  indes  schwerlich  Apollon 
sein;  die  Leier  wurde  in  alter  Zeit  nur  dem 
Kitharöden  Apollon  gegeben. 

Die  Darstellungen  des  Gottes  als  Musiker 
sind  in  alter  Zeit  scharf  geschieden  von  den 
übrigen;  die  Leier  ist  nicht  blofses  Attribut, 
sondern,  wenn  Apollo  sie  trägt,  so  ist  er 
auch  ganz  als  Musiker  gefafst.  Das  älteste 
Denkmal  ist  die  grofse , auf  Melos  gefun- 
dene Vase  (Conze , Mel.  Thongef.  Taf.  4), 
wo  der  Gott,  in  kurzem  Chiton  die  Phor- 
minx  spielend,  mit  zwei  Frauen  auf  einem 
Wagen  fährt,  dem  gegenüber  Artemis  steht. 
Apollo  ist  hier  bärtig,  und  merkwürdiger- 
weise ist  gerade  auch  der  Kitharöde  Apollo 
auf  einigen  altattischen  Vasen  bärtig:  so  Mon. 
d.  I.  3,  44,  einem  alten  und  sehr  sorgfältigen 
Gef  als  (s.  den  Holzschnitt;  ferner  Gerhard, 
Auserl.  Vasen  Taf.  1 ; wahrscheinlich  auch  Mi- 
cali  mon.  85,  3;  vgl.  Gerh. , Ausirl.  Vasen  1 
S.  117  Anm.  64).  Der  Maler  der  Framjoisvase 
(Mon.  d.  I.  4 , 54.  55)  bildet  Apollo  bärtig 
und  doch  nicht  als  Kitharöden  und  fast  nackt; 
bärtig,  bewaffnet,  gegen  Tityos  kämpfend  auf 
einer  Scherbe  von  der  Akropolis  (’Ecprjg.  kqx- 
1883,  nCv.  3;  vgl.  Mitt.  d.  ath.  Inst.  1883,  S. 
286).  Von  andern  Monum entengattungen  ken- 
nen wir  die  bärtige  Bildung  bis  jetzt  nicht 
sicher;  vielleicht  ist  sie  auf  einer  kretischen 
Bronzeplatte  zu  erkennen  Ann.  d.  I.  1880, 
tav.  T (vgl.  Herakles.)  Die  altattischen 
schwarzfigurigen  Vasen  zeigen  den  Gott  ge- 
wöhnlich jugendlich  und  in  langem  Chiton 
mit  Kitharödenmantel  (oft  unten  gezackt), 
die  Kithara  spielend,  häufig  mit  Artemis 
und  Leto , denen  auch  Hermes,  Poseidon  und 
Dionysos  sich  gesellen,  immer  in  feierlicher 
Ruhe  (z.  B.  Gerhard,  Auserl,  Vasen  32.  33.  35. 
39.  67);  auch  sitzend  (ib.  15.  34)  oder  ein  Vier- 
gespann besteigend  (ib.  20.  21)  oder  andere 
Gottheiten  zu  Wagen  geleitend  (ibid.  40.  53.) 

Eine  sehr  altertümliche  Gruppenbildung, 
in  der  Apollo  eine  Hauptrolle  spielt,  ist  der 
Raub  des  delphischen  Dreifufses  durch  He- 
rakles, den  schon  Dipoinos  und  Skyllis  gebil- 
det zu  haben  scheinen  (Plin.  36,  10;  gegen 
die  gew.  Annahme  jedoch  Arch.  Ztg.  1876, 
122);  von  drei  alten  korinthischen  Künstlern 
(um  die  Zeit  der  Perserkriege)  befand  sich 
die  Gruppe  in  Delphi  (Poms.  10,  13,  7);  die  in 
archaistischen  Reliefs  (s.  das  Bild  Seite  455) 
mehrfach  erhaltene  Komposition  geht  gewifs 
auf  ein  altes  statuarisches  Vorbild  zurück 
(Welcher,  alte  Denkm.  2,  298 ff.,  Taf.  15,  27. 
28;  ebenda  No.  29  ist  dagegen  nur  eine  späte, 
rein  dekorative  Erfindung.  Ausführliches  über 
Litteratur  und  Kunst  des  Dreifufsstreites  bei 
Stephani,  Compte  rendu  1868,  S.  37  ft.) 

Die  Kunst  des  strengen  Stiles,  d.  h.  der 
nächsten  Vorgänger  und  teilweise  Zeitgenos- 
sen des  Pheidias,  bringt  bedeutende  Änderungen, 
die  jedoch  alle  mehr  der  allgemeinen  stilisti- 
schen Wandlung  entspringen  als  dem  Streben 
nach  individueller  Ausbildung  des  Apollonidea- 
les, zu  der  jetzt  erst  Anfänge  gemacht  worden.  — 

15* 


io 

20 

30 

40 

50 

00 


455 


Apollon  in  d.  Kunst 


Apollon  in  d.  Kunst 


456 


Die  Gestalt  Apollons  wird  schlanker  und  straffer ; 
die  Haare  fallen  nicht  mehr  lang  herab , son- 
dern sind  in  verschiedener,  zuweilen  recht  künst- 
licher Weise  aufgenommen;  nur  an  der  Seite 
läfst  man  zuweilen  noch  Locken  herabfallen. 
Unter  den  Attributen  nimmt  neben  dem  Bogen 
der  Lorbeerzweig  die  Hauptstelle  ein;  die  Ki- 


types  2,24,  Haar  in  einfachem  Wulst  aufgenom- 
men), wo  in  dem  grofsen  weitoffnen  Auge  schon 
eineCharakteristik  des  Lichtgottes  versucht  wird. 
— Statuarisch  bezeichnen  den  Höhepunkt 
dieser  Entwicklung  für  uns  der  von  Conze, 
Beitr.  z.  Gesell,  d.  PI.  Taf.  3 ff.  publicierte 
Apoll  nebst  seinen  Repliken  (die  im  Journal 
of  hellen,  stud.  1,  178 f.  aufgezählt); 
mit  Unrecht  hat  man  denselben 
für  einen  Athleten  erklären  wollen; 
er  hielt  vielmehr  wahrscheinlich  in 
der  gesenkten  Rechten  einen  Lor- 
beerzweig mit  Binde  (arsfiya),  wo- 
von Reste  an  dem  Londoner  Exem- 
plar erhalten  scheinen  ; allerdings 
stand  er  nicht  auf  dem  Omphalos, 
wie  ein  in  der  Nähe  des  atheni- 
schen Exemplars  gefundner  Ompha- 
los  schliefsen  liefs  (der  indes  eine 
sehr  ähnliche  Statue  getragen  ha- 
ben mufs);  sein  Haar  ist  in  Zöpfen 
um  den  Kopf  gebunden  (vgl.  Mitth. 
d.  atli.  Inst.  1883,  Taf.  11,  S.  2514.). 
Wahrscheinlich  (vgl.  auch  Conze 


Herakles,  d.  Dreifufs  raubend,  u.  Apollon  (von  d.  arcliaist.  Dreifufsbasis 
in  Dresden). 


thara  ist  auch  hier  nur  dem  Kitharöden  im  ein  offenbar  ebenfalls  auf  ein  berühmtes  Original 
langen  Festgewande  eigen.  — Am  Eingänge  40  in  Athen  zurückgehender  Typus,  dessen  Re- 


der  Entwicklung  stehen,  noch  an  die  in  § 2 
besprochnen  Typen  sich  anschliefsend:  Mon. 
d.  I.  9,  41,  ungewifs,  ob  Apollo,  da  ohne  At- 
tribute , wahrscheinlich  äginetische  Schule ; 
ferner  Arch.  Ztg.  1874,  Taf.  2,  geringe  spätere 
Kopie.  Bedeutende  Kopftypen  liefern  Münzen 
einiger  ionischer  Städte:  den  ältesten  hat 
Leontini,  wahrscheinlich  von  480 — 478  (s.  Nu- 
mism.  Chronicle  n.  s.  16,  1876,  p.  10  pl.  1,  5; 


pliken  zuletzt  Benndorf  in  den  Annali  d.  I. 
1880,  198  aufgezählt  hat.  Der  ebenfalls  sehr 
kräftig  gebildete  Apollon  steht  hier  auf  dem 
linken  Beine  und  setzt  das  rechte  etwas  vor; 
auch  hier  wie  in  dem  vorigen  Typus  sind 
starke  Schamhaare  (hier  jedoch  nicht  mehr 
archaisch)  angegeben,  was  späterhin  nicht 
mehr  vorkommt;  auch  hier  hielt  die  Linke 
den  Bogen,  und  die  gesenkte  Rechte  wahr- 


3,  19;  Percy  Gardner,  types  2,  30;  Mitth.  d.  50  scheinlich  den  Zweig.  Das  Haar  ist  zwar 


ath.  Inst.  1883,  12,  2;  S.  257);  das  Haar  ist  in 
Zöpfen  hinten  herumgebunden,  je  eine  einzelne 
Locke  fällt  auf  die  Schul- 


Apollon  auf  e.  Münze 
v.  Leontinoi. 


folgen  im  Stile  die  Mün 
zen  von  Katane  (num. 
chron.  a.  a.  0.  pl.  3,  20. 
Catal.  Brit.  Mus.  Sie. 
p.  43;  Percy  Gardner,  types  2,  23;  Haar  hinten 
heraufgenommen) , dann  die  zweite  Serie  von 
Leontini  aus  der  Mitte  des  5.  Jahrh-  (ib.  pl.  3,  21. 
Catal.  Brit.  Mus.  Sic.  p.  87  ff.,  Percy  Gardner, 


auch  hier  in  Zöpfen  herumgelegt,  doch  fallen 
jederseits  zwei  lange  Locken  auf  die  Schulter. 
Bedeutender  Fortschritt  ist  indes  im  Ausdruck 
des  Kopfes  gemacht,  wo  die  grofsen  ruhigen, 
etwas  weit  auseinanderstehenden  Augen  mit 
dem  vollen,  weichen,  etwas  geöffneten  Munde 
Zusammenwirken.  — Alter,  und  zwar  bestimmt 
kurz  vor  die  Mitte  des  5.  Jahrh.  zu  datieren 
ist  die  sehr  wahrscheinlich  als  Apoll  gedeutete 
keine  Seitenlocke).  Es  co  Mittelfigur  des  Westgiebels  von  Olympia,  die 
das  kurze  hinten  in  einen  Wulst  heraufgenom- 
mene Haar  und  einen  Mantel  auf  der  linken 
Schulter  hat;  der  Kopf  ist  intact  erhalten.  — 
Auf  Münzen  erscheinen  noch  manche  Typen, 
die  Statuen  dieser  Entwicklungsreihe  nachzubil- 
den scheinen:  besonders  vorzüglich,  in  strengem 
Stile  in  Metapont  ( Friedländer  u.  v.  Sollet,  Mänzlc. 
zu  Bert. 2 No.  679;  Percy  Gardner,  types  1,  IG), 


a.  a.  0.)  geht  die  Statue  auf  den 


genannten  Apoll  des 
Kalamis  zurück  {Paus.  1,  3,  4),  der 
im  Kerameikos  stand  und  wahr- 
scheinlich in  der  auf  attischen  Sil- 
bermünzen als  Beizeichen  und  im 
Kupfer  als  Haupttypus  oft  erschei- 
nenden Apollofigur  {Beule  monum. 
d'Ath.  p.  271)  gemeint  ist,  die  in 
der  gesenkten  Rechten  den  Zweig, 
in  der  Linken  den  Bogen  trägt 
und  auf  dem  rechten  Beine  steht, 
alles  wie  jene  Statue.  — Nah  ver- 
wandt, doch  entschieden  später,  ist 


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: ; , 


ter;  (s.  die  Abbildg.); 
einen  ähnlichen  Typus 
hat  Kolophon  {Friedlän- 
der u.  Sollet,  Münze. 
Berlin 2 No.  77)  (Zöpfe 
hinten  herum , doch 


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457  Apollon  in  d.  Kunst 

stehend  mit  kurz  aufgenommenem  Haare,  in  der 
Linken  den  Bogen,  in  der  Rechten  ein  Lorbeer- 
. stamm;  in  Side  (Pamphylien,  Friedl.  u.  Sollet 
No.  824)  in  der  Linken  den  Lorbeerstamm  aufge- 
stützt, mit  der  Rechten  aus  einer  Schale  über  Al- 
tar spendend,  Mäntelchen  über  den  Schultern, 
Haare  einfach  in  den  Nacken  fallend ; auf  ei- 
| nein  altern  Exemplar  hält  er  den  Bogen  in  der 
Linken  und  den  Zweig  in  der  Rechten,  Haar 
i aufgenonnnen  (vgl.  Percy  Gardner,  types  1U,  C). 
ln  Leontini  (arg.)  ähnlich  streng,  doch  kurz- 
haarig und  ohne  Gewand , in  der  Linken 
I grofser  Zweig , mit  der  Rechten  aus  der 
; Schale  spendend.  Ferner  erscheint  er  ganz 
.■  nackt,  die  Linke  gesenkt,  die  Rechte  etwas 
j vorgestreckt,  in  einer  strengen  Bronzestatuette, 
|j  die  dem  Asklepios  geweiht  ist  ( Annali  1834, 

«tav.  E,  vgl.  Böhl,  inscr.  gr.  antiqu.  549);  ähn- 
lich auf  Münzen:  von  Apollonia  Thraciae  (ae., 
Sept.  Severus,  in  einem  Tempel)  und  Kythnos 
(ae.,  Augustus).  Endlich : Gemme  strengen  Sti- 
; les  bei  Codes , inipr.  4,  Ap.  35  (Linke  mit 
Bogen  und  Pfeil,  Rechte  mit  Lorbeerstamm.) 
: Späterer  Umbildung  eines  ähnlichen  strengen 
Originales  ist  wahrscheinlich  die  schöne  Bronze- 
i statue  aus  Pompei  (Kelcule,  Künstler  Menelaos 
1 S.  37,  No.  7)  zuzuschreiben,  da  mit  obigem 
Typus  das  Leierspielen  verbunden  ist,  was  auf 
den  sicher  strengen  nackten  Apollodarstel- 
lungen nie  vorkommt;  auch  die  in  Olympia 
gefundene  strenge  Statue  mit  Resten  der  Leier 
( Arch . Ztg.  1880,  51.  117)  wird  römischer  Zeit 
zugeschrieben.  Die  Marmorreplik  der  pom- 
peianischen  Bronze  in  Mantua  ( Kelcule , Künst- 
ler Menelaos  Taf.  3,  1)  hat  indes  keine  Leier, 
sondern  in  der  gesenkten  Rechten  den  Köcher 
(falsch  als  Fackel  erg.),  ganz  wie  auf  einer 
Münze  Gordians  von  Deultum.  Hierher  ge- 
hört auch  eine  lebensgrofse  Bronzestatue  des 
Hm.  v.  Sabouroff,  wahrscheinlich  ein  Original 
I aus  der  jüngern  argivischen  Schule  ( Kurt - 
I wängler,  Samml.  Sabur.  Taf.  8 — 11.)  Auf  ein 
vorzügliches  Werk  dieser  Art  geht  der  sogen. 

. vatikanische  Adonis  zurück  (Mus.  Bio  CI.  2, 
31).  Auch  die  von  einem  gewissen  Apollonjos 
'gefertigte,  resp.  kopierte  Statue  in  Madrid 
'•.(Hühner,  Bildw.  in  M.  No.  718  S.  297)  scheint 
hierher  zu  gehören.  Merkwürdig  ist  ein  Apollo 
dieser  Klasse,  der  in  der  Linken  wie  gewöhn- 
lich den  Zweig , auf  der  Rechten  bald  die 
i Schale,  bald  aber  eine  kleine  Kabirenfigur  trägt 
11  (Münze  von  Thessalonike  des  Gordian  III ff.).  — 
Auf  ein  strenges  Original  ging  wahrscheinlich 
die  in  Alexandria  Troas  befindliche  und  auf 
den  Münzen  kopierte  Statue  des  Smintheus 
zurück  (de  Witte,  Ap.  Smintliien  in  revue  num. 
n.  s.  3,  1858,  pl.  1;  Percy  Gardner,  types  15, 

: 23).  Derselbe  ist  abweichend  von  dem  sonst 
Üblichen  mit  dem  Mantel  bekleidet,  der  die 
rechte  Brust  frei  läfst , auf  dem  Rücken  der 
Köcher , in  der  Linken  Bogen  und  Pfeil , auf 
der  Rechten  Schale  oder  Maus;  die  Stellung  ist 
steif,  das  linke  Bein  vorgesetzt.  Später  bil- 
dete Skopas  einen  Smintheus,  der  den  Fufs 
auf  eine  Maus  setzte  (Urlichs,  Slcoqjas  S.  112;  vgl. 
unten).  — Eine  bedeutende  Komposition , wo 
Apollo  in  Aktion  erschien,  war  der  den  Drachen 
.Python  erschiefsende  Apollon  des  Pythagoras 


Apollon  in  d.  Kunst  458 

von  Rliegion  (s.  Schreiber,  Ap.  Pytholctonos 
S.  G7  ff.  Michaelis,  Annali  1875  p.  85),  den  wir 
wahrscheinlich  auf  Münzen  von  Kroton  frei 
nachgebildet  sehen  (s.  beistehende  Abbildung) ; 
der  Rhythmus  in  dem  Körper  des  mit  dem 
rechten  Bein  nach  rechts  ausschreitenden,  sich 


Münzen  v.  Kroton  {Friedländer- SalLet,  Münzk.  Berl.- 
Taf.  8,  759  u.  761). 

jedoch  mit  dem  Oberkörper  zurückwenden- 
den und  schiefsenden  Apollo  scheint  ganz 
im  Geiste  des  Pythagoras.  — Auf  Vasen  des 
strengen  Stiles  erscheint  Apollo  in  Aktion  oft 
mit  einem  Mäntelchen  oder  Shawl  und  zu- 
weilen mit  kleinem  Backenbartflaum,  wie  ihn 
jener  Stil  eben  auch  den  Epheben  giebt  (z.  B. 
Gerhard,  Auserl.  Vas.  22.  Elite  cer.  2,  55.) 

Wir  haben  im  Vorigen  zwar  zuweilen  weit 
über  Pheidias’  Zeit  hinausgegriffen,  um  nächst 
Verwandtes  anzuschliefsen,  betrachten  aber 
jetzt  die  Monumente  des  Pheidiasischen  Sti- 
les selber.  Von  dem  dem  Pheidias  zugeschrie- 
benen Apollon  Plagvoniog  auf  der  Akropolis  in 
Athen  (Paus.  1,  24,  8)  wissen  wir  nichts.  Im 
Parthenonfriese  dagegen,  dem  letzten  Werke 
des  Pheidias  und  seiner  Werkstatt,  ist  Apollon 
unter  den  Göttern  jedenfalls  dargestellt;  man 
vermutete  ihn  gewöhnlich  in  der  Figur  neben 
Poseidon,  doch  Flasch  (Zinn  Parthenonfries 
1877)  hat  gewichtige  Gründe  dafür  geltend 
gemacht,  ihn  in  der  sich  auf  Hermes  lehnen- 
den Gestalt  zu  erkennen,  die  nur  einen  kurzen 
Mantel  um  die  Oberschenkel  trägt,  die  Linke 
wahrscheinlich  auf  einen  Lorbeerstamm  auf- 
stützte und,  was  das  wichtigste  ist,  wie  alle 
jugendlichen  Götter  des  Frieses  ganz  kurzes 
Haar  hat,  in  dem  ein  Kranz  befestigt  war. 
Der  Apollon  des  Frieses  von  Phigaleia,  dessen 
Gesicht  leider  fehlt,  hat  gleichfalls  ganz  kur- 
zes Haar.  Dasselbe  ist  der  Fall  auf  dem  noch 
in  Pheidiasischem  Stile  gehaltenen  Votivrelief 
des  Sohnes  eines  Bakchios  (Lc  Bas,  voy.  arch. 
mon.  fig.  pl.  41;  Bötticher,  Gipsabg.  in  Ber- 
lin  No.  546),  wo  Apollon  auf  dem  Dreifufs  sitzt, 
den  Unterkörper  im  Mantel,  die  Rechte  wahr- 
scheinlich auf  den  einst  gemalten  Lorbeer- 
stamm gestützt,  daneben  Leto,  und  Artemis 
auf  den  Bogen  gelehnt.  — Sehr  wichtig  sind 
die  für  das  letzte  Viertel  des  fünften  und  den 
Anfang  des  vierten  Jahrh.  ziemlich  zahlreichen 
Münztypen  namentlich  ionischer  Städte;  es 
herrscht  unter  ihnen  der  ganz  kurzhaarige ' 
Apollokopf  fast  ausschliefslich,  und  fast  über- 
all sind  es  erst  die  stilistisch  späteren  Stücke, 
welche  wieder  das  lang  herabfallende  Haar 
aufnehmen.  Ich  nenne  als  Prägeorte  beson- 
ders Abdera  (Friedl.  u.  Sollet  a.  a.  0.  No.  321), 
Amphipolis,  den  Bund  der  Chalkidike  (ibid. 
No.  217,  Percy  Gardner,  types  7,  12,  13),  Les- 
bos (noch  etwas  strengen  Stiles  und  sicher 


459  Apollon  in  d.  Kunst 

aus  dem  5.  Jahrh.)  Neandria  in  Troas  (eben- 
falls noch  etwas  streng),  Kolophon  ( Percy 
Gardner,  types  4,  35  noch  etwas  streng,  37  frei), 
König  Philipp  von  Makedonien  (aur. , Nach- 
ahmung der  chalkidischen) , Patraos  in  Paio- 
nien  (Nachahmung  derselben),  Epidauros,  Cy- 
pern  (arg.,  König  Nikokreon,  4.  Jahrh.),  dann 
in  Sicilien  vor  allem  Catana  und  Leontini  Percy 
Gardner , types  4,  9.  10,  (noch  etwas  strengen 
Stils  etwa  um  430  v.  Chr.) , dann  vom  Ende  io 
des  5.  Jahrh.  ein  Stück  des  Euainetos,  wo  die 
kurzen  Enden-  der  Haare  hinten  etwas  zu- 
sammengeknotet sind);  ferner  Leontini  (eben- 
falls ziemlich  streng,  Friedl.  u.  Sallet  No.  566), 
dann  Rhegium  («m  chron.  20,  1,  1),  endlich 
Allifae  in  Campanien. 

Der  Kitharöde  Apollon  ist  auch  im 
strengen  und  dem  Pheidiasischen  Stile  noch 
scharf  von  dem  nackten  Bogenträger  geschie- 
den. Die  attischen  Vasen  strengen  und  schö-  20 
neu  Stiles  zeigen  ihn  sehr  häufig,  besonders 
gern  aus  einer  Schale  spendend,  wie  es  wirk- 
liche Kitharöden  wohl  zu  thun  pflegten ; er 
trägt  natürlich  den  langen  Chiton,  darüber 
aber  nicht  mehr  den  Mantel,  sondern  die  Clila- 
mys;  in  der  Regel  hat  er  das  lange  lockige 
Haar  (vgl.  Gerhard,  Auserl.  Vas.  24.  27.  28.  30; 
sitzend  29,  Elite  cer.  2,  36  etc.).  So  erscheint 
er  auch  auf  dem  Relief  von  Tbasos  im  Louvre 
( Overbeck , Gesell,  d.  PI.  I3,  1671  in  derselben  30 
Tracht  mit  den  Nymphen  und  Chariten.  Ein 
anmutiges  Relief  strengen  Stiles  aus  Athen 
bei  Stackeiberg,  Gr.  d.  Hell.  Taf.  56  zeigt  den 
Kitharaspieler  Apollo  von  seinem  Reh  begleitet 
im  ionischen  Chiton  und  Chlamys  und  mit 
kurzaufgenommenem  Haare.  Eine  vatikanische 
Statue  ( Clarac  481,  926  A),  kopiert  einen  Apollo 
strengen  Stiles  als  sitzenden  Kitharaspieler  im 
Chiton  und  Mantel;  eine  strenge  schöne  Bronze, 
ein  sitzender  Kitharaspieler  nur  im  Mantel,  40 
wahrscheinlich  Apoll  b.  Stephani,  Compterendu 
1867,  49.  Auf  ein  Original  um  400  mag  eine 
Kolossalstatue  in  München  ( Clarac  494  a,  927 
Brunn,  Glypt.  No.  90)  zurückgehen,  die  ihn 
feierlich  stehend  zeigt.  Die  zahlreichen  ar- 
chaistischen Kithar Ödenreliefs  (aufgezählt  bei 
0.  Jahn,  Bilder  Chroniken  S.  45  f.)  schliefsen  sich 
an  den  spätem  Kitharödentypus  an.  Eine  selb- 
ständige späte  Änderung  ist  es  indes , wenn 
der  Verfertiger  des  archaistischen  Puteais  von  so 
Korinth  ( Gerhard , ant.  Bildw.  Taf.  14.  Over- 
beck, Plastik  l3,  142)  dem  Leierspieler  Apollo 
nur  die  Chlamys  giebt. 

Sehr  reichhaltig  ist  das  Material  für  die 
Pr  axitelis  ch  e Zeit,  wenigstens  durch  römi- 
sche Kopieen,  während  Originale  freilich  nur 
sehr  wenige  erhalten  sind.  Von  dem  üblichen 
Kopftypus  dieser  Epoche  geben  uns  die  Mün- 
zen eine  gute  Anschauung.  Es  verbreitet  sich 
in  dieser  Zeit  fast  ganz  allgemein  auf  Mün-  eo 
zen  ein  gewisser  Typus , der  späterhin  noch 
lange  festgehalten  wurde.  Das  Haar  ist  ge- 
scheitelt, an  den  Seiten  zurückgestrichen  und 
fällt,  den  Linien  des  Schädels  und  Halses 
durchaus  folgend,  in  einfachen  Locken  auf 
den  Nacken  (nicht  die  Brust);  nur  ein  Kranz 
schmückt  das  Haar  ; keine  Schleife  oder  Knauf. 
Auch  charakteristische  Gesichtszüge  setzen 


Apollon  in  d.  Kunst  460 

sich  jetzt  erst  fest,  besonders  die  hohe,  nach 
unten  vortretende  Stirn  und  der  volle  weiche 
Mund.  Der  Ausdruck  ist  indes  in  der  Regel 
völlig  ruhig,  nur  edle  Reinheit  aussprechend; 
selten  ist  der  Kopf  etwas  zurückgeworfen,  der 
Mund  etwas  geöffnet  und  der  Ausdruck  en- 
thusiastisch (z.  B.  auf  Phokischen  Stücken); 
selten  sind  die  Locken  steif  drahtförmig  wie  in 
Teos  (Ae.).  Als  Hauptprägeorte  des  Typus 
nenne  ich:  den  Chalkidischen  Bund  (Arg.  spä- 
tere Serie  wie  Percy  Gardner,  types  7,  28; 
Ae.),  Milet  (Arg.  sehr  zahlreiche  Stücke  4. 
u.  3.  Jahrh.;  Ae.),  Klazomenai  (Ae.),  Kolophon 
(Ae.),  Mytilene,  Chalkedon  in  Bithynien,  Ale- 
xandria in  Troas,  Phokis,  Anaktorion,  Korinth 
(Ae.),  Sikyon  (Ae.),  Megara  ( Percy  Gardner, 
types  7,  26);  Delos  (Arg.  und  Ae.),  Kythnos; 
in  Sicilien  besonders  Tauromenion  (sehr  schön 
zuweilen),  Tyndaris  (Ae.),  in  Italien  Tarent  (Au.), 
Kroton  ( Percy  Gardner,  types  11,  8)  und  Rhe- 
gium, in  Campanien  Cales,  Nola,  Suessa,  Nea- 
polis,  Allifae.  Mit  diesem  Münztypus  hat  Ke- 
kule  einen  Marmorkopf  in  Taormina  verglichen 
( Arch . Ztg.  1878,  Taf.  1),  nach  dessen  Abbil- 
dung ich  nicht  be- 
stimmt urteilen 
möchte.  Ein  Kopf 
in  Wien  ( Man . d.  I. 

11,  10,  3.  4),  den 
Benndorf  (Annali 
1880,  204)  für  Apollo 
und  jenem  ähnlich 
hält,  sowie  ein  ähn- 
licher Pariser  Kopf 
( Gazette  archeol.  1875, 
pl.  1)  scheinen  mir 
sicher  weiblich  zu 
sein  (vgl.  Furtwäng- 
ler,  Samml.  Sabou- 
roff  zu  Taf.  22) ; zwei- 
felhaft ist  auch  ein 
vortrefflicher  Origi- 
nalkopf Skopasi- 
scher  Arbeit  vom 
Maussoleum  in  Ha- 
likarnafs  (Brit.  Mus. 

No.  35)  mit  patheti- 
schem Ausdruck  und 
Wendung  nach 
rechts  oben. 

Die  Lieblingsty- 
pen,  die  Praxiteles 
geschaffen , wurden, 
sei  es  schon  von  ihm, 
sei  es  von  seinen 
Schülern  auch  auf 
Apollon  übertragen. 

Im  Hermes  des  Praxi- 
teles besitzen  wir  das 
authentische  Exem- 
plar eines  Hauptty- 
pus dieser  Art:  der  linke  Unterarm  aufgestützt, 
ein  rechtes  Standbein , der  rechte  Arm  erho- 
ben, Schema  voll  Grazie,  Weichheit  und  allseiti- 
ger Abrundung.  Eine  Serie  von  Apollostatuen 
((die  bekanntesten  Exemplare  im  Capitolini- 
schen  Museum  und  im  Louvre,  Uenlivi.  a.  K. 
2,  127  a.  128,  ein  gutes  auch  in  Berlin  No.  11, 


461  Apollon  in  d.  Kunst 

danach  beistehende  Abbildung,  vgl.  Clarac  479, 
916;  540b,  921c;  267,  921)  wiederholt  nicht 
; nur  dieses  Schema  überhaupt,  sondern,  wie 
'genauere  Vergleichung  lehrt,  auch  mit  den 
I speziellen  Körperformen  des  Praxitelischen 
Hermes;  die  einzig  bedeutende  Modifikation  ist, 

’ dafs  der  rechte  Arm  höher  als  beim  Hermes 
erhoben  und  ruhend  auf  den  Kopf  gelegt  ist; 
i sonst  könnte  man  Torsi  dieser  Art  (die  zahl- 
! reich  existieren)  für  Kopieen  des  Praxiteli- 


iwie  in  dem  athenischen  Münztypus,  der  wohl 
diese  Statue  reproduziert  (Beule,  monn.  d'Ath. 
p 285),  erscheint.  Die  Kitbara,  welche  viele 
jder  römischen  Kopieen  (auch  eine  kleinasiat. 
Terracotte  römischer  Zeit,  im  Kunsthandel)  in 
oder  neben  den  linken  Arm  stellen,  ist  gewifs 
eine  spätere  Zuthat;  auch  die  Praxitelische  Zeit 


Apollon  in  d.  Kunst  462 

hat  den  Kitharöden  nicht  nackt  gebildet. 
Der  Kopf,  der  mehrfach  auch  in  einzelnen 
Repliken  erhalten  ist  (z.  B.  zwei  Exemplare 
in  London  anc.  marbl.  of  the  Brit.  Mus.  11, 
4),  die  freilich  künstlerisch  alle  nicht  hervor- 
ragend sind , mit  Ausnahme  von  einem  klei- 
nen, aber  trefflichen,  echt  griechischen  Exem- 
plarin München,  das  dort  auf  einer  römischen 
amazonenartigen  Statue  sitzt  (C.  Bötticher, 
lu  Berl.  Gipsabg.  No.  532  A),  ist  durch  seine  Haar- 
tracht leicht  kenntlich;  das  Vorderhaar  bildet 
einen  starken  Wulst  und  ist  in  der  Mitte  an 
Stelle  des  Scheitels  durch  einen  kleinen  Zopf 
getrennt,  an  die  bei  Knaben  übliche  Frisur  des 
Zopfes  in  der  Scheitelmitte  erinnernd;  im 
Nacken  ist  das  Haar  einfach  durch  ein  Band 
aufgenommen,  die  Enden  sind  gelockt.  Im 
Gesichte  sind  die  wesentlichen  Züge  des  spä- 
teren Apolloideales  schon  alle  da,  doch  mafs- 
20  voll,  ohne  die  Übertreibungen  jenes;  besonders 
die  hohe  dreieckige  Stirne,  die  weitgestellten 
mit  den  innern  Winkeln  tiefeingesenkten  gro- 
fsen  Augen  und  jener  Zug  unbestimmter  Sehn- 
sucht, der  sich  schon  in  der  leisen  Wendung 
nach  rechts  oben  kundgiebt.  — Später,  viel- 
leicht erst  in  römischer  Zeit,  variierte  man  den 
Typus  durch  Zufügung  eines  gleitenden  Man- 
tels um  den  Unterkörper;  dabei  ist  denn  auch 
dieKithara  ständig  (s .Clarac.  490,  954;  486 B, 
30  948F;  480,  921 B).  — Dagegen  ist  der  berühmte 
Apollino  in  Florenz  ( Clarac  477,  912  C)  wohl 
eine  Umbildung  hellenistischer  Zeit:  die  raffi- 
nierte Eleganz,  das  Weichlich-Zierliche  und 
allzu  Jugendliche,  sowie  vor  allem  die  in  Pra- 
xiteles’ Zeit  noch  unerhörte  Art  der  Haar- 
schleife über  der  Stirne  sprechen  dafür. 

Ein  mit  ziemlicher  Sicherheit  auf  Praxite- 
les zurückgeführtes  Werk  ist  der  sogen,  ein- 
giefsende  Satyr.  Das  Motiv  desselben  finden 
40  wir  (wie  auf  Dionysos)  auch  auf  Apollon  über- 
tragen: eine  sehr  gut  erhaltene,  d?>ch  gering 
gearbeitete  Statue  des  Louvre  (Fröhner,  notice 
No.  74)  ist  Zeuge  dafür;  Stellung  und  Körper- 
bildung sind  ganz  die  jenes  Satyrs  (der  Stamm 
ist  nur  Stütze);  der  rechte  Arm  ist  jedoch 
auch  hier  ruhend  auf  den  Kopf  gelegt,  der  in 
Neigung  und  Ausdruck  etwas  Schwermütiges 
hat  (das  Gesicht  indefs  sehr  überarbeitet); 
Locken  auf  der  Schulter,  Haare  in  die  Stirn 
50  fallend,  im  Nacken  ein  schwerer,  an  Alter- 
tümliches erinnernder  Schopf.  — Eine  ganz 
neue  und  eigenartige  Schöpfung  des  Praxite- 
les war  dagegen  der  sog.  Sauroktonos  ( Plin . 
34,  70),  eine  Bronzestatue,  von  der  wir  eine 
gute  Bronzekopie  ( Clarac  486  A,  905  E)  und 
verschiedene  meist  geringere  Marmorrepliken 
(Clarac  268,  905;  476  B,  905B;  475,  905A; 
die  besten  Abbildungen  des  Sauroktonos 
in  O.  Bayet,  mon.  de  Varl  antique)  besitzen; 
60  Apollo  ist  hier  ganz  knabenhaft  gebildet,  aber 
auch  in  knabenhaftem  Spiele  dargestellt,  eine 
laufende  Eidechse  mit  dem  Pfeile  zu  erhaschen 
suchend.  Über  die  Bedeutung  ist  viel  gestrit- 
ten worden  (s.  besonders  Welcher,  alte  J)enkm. 
1,  406 ff.  Stephani,  Comptc  rendu  186.2,  166); 
erwiesen  ist  nur  eine  gewisse  Beziehung  der 
Eidechse  zur  Mantik  und  ihre  symbolische  Be- 
deutung als  ein  Tier  des  Lichtes;  wie  der 


463  Apollon  in  d.  Kunst 


Apollon  in  d.  Kunst  464 


Smintheus  eine  Feldmaus  auf  der  Hand  hielt, 
so  mochte  ein  älteres  Bild  des  Kultus,  auf  den 
sich  der  Sauroktonos  bezieht,  eine  Eidechse 


besten  Begriff  von  dem  Kopftypus  des  Ori- 
ginales giebt  ein  im  British  Museum  (guide  to 
the  graeco-rom.  sculpt.  2 p.  44  No.  99)  be- 
findlicher Kopf;  das  volle  weiche  Gesicht,  der 
schmerzlich  begeisterte  Ausdruck,  die  leicht 
gewellten  Haare,  dies  alles  kommt  liier  Werken 
des  vierten  Jahrh.  am  nächsten.  Der  Typus 
erscheint  im  kleinen  indes  auch  schon  auf 
einer  attischen  Vase  des  4.  Jahrh.  ( Elite  cer. 
iu  2,  65,  schlechte  Abbildung)  und  viel  geringer 
auf  einer  unteritalischen  (Elite  2,  97).  Münzen 
besonders  römischer  Zeit  zeigen  häufig  den- 
selben Typus;  doch  variieren  sie  ihn  häufig 
dahin,  dafs  die  Rechte  eine  Schale  ausgiel'st 
(Kolophon  Ae.  des  2.  und  4.  Jahrh.;  Delphi 
Ae.  röm.;  Athen,  Beule  p.  388;  in  denen  des 
Augustus  und  Nero  Denhn.  a.  K.  1 , 141  b.  c 
venputet  man  die  Nachbildung  des  Palatini- 
schen,  vgl.  Urliclis,  Skopas  S.  69).  — Wahr- 
20  scheinlich  vom  Kitharödentypus  gehen  die  spä- 
teren gewaltsamen  Steigerungen  aus,  die  im 
Pourtales’schen  Kopfe  ( Denkm . a.  K.  2,  123) 
und  besonders  einem  neuerdings  gefundenen, 
jetzt  auch  im  British  Mnseum  befindlichen 
( Mon.d . I.  10,  19.  Ann.  1875,  27 ff.)  vorliegen; 
die  einfach  gescheitelten  Haare  des  4.  Jahrh. 
haben  hier  der  pompösen , erst  in  hellenisti- 
scher Zeit  aufkommenden  Art  der  Haarschleife 
Platz  gemacht , die  sich  mächtig  über  der 
30  Stirne  aufbaut.  — Vielleicht  noch  ins  4.  Jahrh. 
gehört  eine  Variante,  die  in  einer  Statue  in 
England  (Clarac  496,  967.  Braun,  Vorschule 
d.  K.-M.  Taf.  46)  vorliegt,  wo  der  Kitharöde 
nur  mit  dem  weiten  auf  der  Schulter  geknüpf- 
ten Mantel  bekleidet  ist. 


Münze  von  Amphipolis  ( Friedländer-Sallet , Münzte. 
Berlin 1 Tf.  4,  325). 


tragen;  Praxiteles  übertrug  das  leblos  Symbo- 
lische in  künstlerisch  Lebendiges.  Die  Figur 
ist  äufserst  anmutig  angelehnt,  so  dafs  ihre  50 
linke  Körperhälfte  entlastet,  die  rechte  aber 
in  Spannung  ist.  Das  Haar  ist  hinten  sehr 
einfach  heraufgenommen  und  über  den  Ohren 
unter  der  Binde  etwas  herausgezupft. 

Vom  Kitbaröden  hat  diese  Epoche  einen 
sehr  bedeutenden  Typus  geschaffen , dessen 
Schöpfer  wahrscheinlich  Skopas  war;  seiner 
später  im  Palatinischen  Tempel  zu  Rom  be- 
findlichen Statue  kömmt  wahrscheinlich  eine 
bekannte  Vatikanische  Statue  (s.  Denkm.  a.K.  eo 
1,  141a.  Clarac  496,  967  und  beistehende  Ab- 
bildung) nahe;  der  Gott  steht  hier  nicht  mehr 
feierlich,  sondern  er  schreitet  und  spielt  dabei 
begeistert  dieKithara;  die  Gestaltbedeutetnicht 
mehr  den  Dichter  und  Sänger,  sie  ist  es;  der 
lange  Chiton  ist  hoch  gegürtet;  auf  den  Schul- 
tern ist  der  hinten  herabwallende  Mantel  be- 
festigt; der  Kopf  ist  pathetisch  erhoben.  Den 


Einen  bedeutenden , schon  um  400  v.  Chr. 
existierenden  Typus,  der  Apollons  Eigenschaft 
als  Lichtgott  auszudrücken  versucht,  lernen 
wir  zunächst  aus  Münzen  jener  Zeit  kennen 
(besonders  Amphipolis  ( Percy  Gardner , typcs 
7 , 11  und  beistehende  Abbildung)  und  Klazo- 
menai,  ferner  Katane  u.  a.  vgl.  Percy  Gardner, 
types  10,  37.  36;  Arch.  Ztg.  1882.  S.  252),  die 
den  Kopf  von  vorne  und  dem  Helioshopfe 
sehr  verwandt  zeigen.  Ein  Künstler  der  hel- 
lenistischen Zeit  arbeitete  den  Typus  in  einem 
glänzenden  Werke  (wahrscheinlich  von  Bronze) 
aus,  dessen  Kopie  wir  in  dem  Belvederischen 
Apollon  (Denhn.  a.  K.  23,  124,  wo  auch  die 
Literatur)  besitzen,  während  ein  früher  Stein- 
häuserscher  Kopf  ( Mon.  d.  I.  8,  39.  40.  Ann. 
1867,  124 ff.  Arch.  Ztg.  1878,  9ff.;  1882,  253) 
uns  eine  etwas  ältere  Fassung  desselben  Typus 
zeigt.  Die  Figur  schreitet,  in  der  Linken  wahr- 
scheinlich ursprünglich  den  Bogen  vorstreckend, 
doch  in  einer  Bronzereplik  (Arch.  Ztg.  1883, 


465  Apollon  in  d.  Kunst 

Taf.  5,  S.  27  ff.)  einen  noch  nicht  ganz  aufge- 
i klärten,  gewöhnlich  für  eine  Aigis  gehaltenen 
| Rest  eines  Gegenstandes  haltend , den  Kopf 
1 etwas  zur  Seite  wendend;  die  Hypothese,  er 
beziehe  sich  auf  Gallierkämpfe,  ist  nicht  hin- 
reichend begründet  (vgl.  Ärch.  Zty.  1882, 
j S.  247  ff.). 

Es  bleibt  eine  Reihe  von  Typen  übrig,  die 
teilweise  vielleicht  dem  4.,  meist  wohl  erst 
dem  3.  Jahrh.  angehören.  Zunächst  sitzend  w 


Apollon  Steinhäuser,  jetzt  im  Museum  zu  Basel. 


ruhende  Figuren:  so  der  auf  den  Münzen  der 
syrischen  Könige , von  Antiochos  I Soter  an 
immer  wiederholte  Typus  eines  auf  dem  Om-  5u 
f phalos  sitzenden  Apollon  mit  kleinem  Gewand 
am  den  Oberschenkel,  mit  der  Linken  den 
Bogen  aufstützend,  in  der  Rechten  einen  Pfeil 
prüfend ; sehr  ähnlich  auch  auf  Münzen  von  Boio- 
Itien  ( numism . chronicle  ser.  3 vol.  1,  pl.  13,  4) 
md  Akarnanien  (D.  a.  K.  2,  138),  auch  Chal- 
kedon  (D.  a.  K.  2,  138  a)  und  Delphi.  Ganz 
:ackt  sitzend,  den  rechten  Arm  auf  dem  Kopfe, 
len  Bogen  in  der  Linken  zeigen  ihn  späte 
Kaisermünzen  von  Milet.  Als  Kitharöde  im  co 
ibiichen  Gewände  wird  er  öfter  sitzend  dar- 
■ gestellt , so  auf  einer  delphischen  Ampliiktio- 
lenmünze  ( D . a.  K.  2,  134b;  Percy  Gard- 
\ier , types  7,  44)  sinnend  auf  clie  Kithara  ge- 
stützt, den  Lorbeerzweig  im  linken  Arm.  Ein 
i jlyprisches  Relief  stellt  ihn  ähnlich  dar,  doch 
•ie  Schale  auf  der  Rechten  vorstreckend;  es 
jst  ein  Kultusbild , dem  Anbetende  nahen, 


Apollon  in  d.  Kunst  466 

während  daneben  Andere  festliche  Tänze  auf- 
führen und  Festschmaus  halten  (Dult,  Samml. 
Cesnola  Taf.  11,  5).  In  Statuen  ähnlich  erhalten, 
z.  B.  Chirac  494  A,  926  0.  Nur  im  Mantel, 
sitzend,  mit  Kithara,  auf  Münze  des  4.  Jahrh. 
von  Kyzikos  ( Percy  Gardner,  types  10,  23).  Nur 
halbbekleidet,  doch  aufser  dem  Lorbeerzweig  in 
der  Rechten  auch  mit  Leier  ausgestattet  er- 
scheint er  auf  späten  Kaisermünzen  von  Kolo- 
phon, auch  in  einem  Tempel,  vor  dem  geopfert 
wird  ( Mionnet  6,  108);  in  Statuen  ähnlich  Cla- 


rac  485,  937;  486  B,  737  A;  sitzend  mit  Kithara, 
halbbekleidet,  römisch,  Gas.  arcli.  1876,  pl.  2. 
— Von  stehenden  Typen  sind  noch  zu  er- 
wähnen: auf  Delphischen  Münzen  stehend 

neben  Dreifufs,  Lorbeerzweig  in  der  Rechten, 
in  der  Linken  einen  Pfeil  erhebend ; so  auch 
innerhalb  eines  Tempels;  ähnlich  auf  Silber- 
münzen des  Seleukos  II,  auf  Dreifufs  lehnend, 
Pfeil  in  der  Rechten.  Dafs  man  auch  das,  wie 
es  scheint,  in  Lysipjis  Kreise  besonders  beliebte 
Motiv  des  einen  auf  eine  Erhöhung  gestützten 
Fufses  auf  Apollo  übertrug,  zeigen  Kaisermün- 
zen ( Comrnodus , Caracalla ) von  Alexandria  in 
Troas  ( Mionnet , suppt.  5,  519  No.  142),  wo  er 
nur  einen  Lorbeerzweig  in  der  Rechten  hält 
(vielleicht  das  Motiv  der  Statue  des  Smintheus 
von  Skopas,  die  den  einen  Fufs  auf  eine  Maus, 
resp.  ein  Mauseloch,  setzte?  vgl.  oben). 

Die  Bildungen,  die  ihn  ganz  nackt,  die  Lyra 
spielend  darstellen,  scheinen  alle  erst  später 
griechischer  Zeit  zu  entstammen:  die  frühesten, 


467 


468 


Apollon  in  d.  Kunst 

aus  dem  3.  Jahrh.  ungefähr,  auf  Münzen  von 
Metapont  (Zf  a.  K.  2, 134  d)  und  Thurii  (Mion- 
net Suppl.  1,  324,  871,  Schale  in  der  Rechten, 
Leier  in  der  Linken);  schreitend  z.  B.  D.  a. 

K.  2,  132;  angelehnt  und  die  Beine  überschla- 
gend;, unten  ein  Schwan:  1).  a.  K.  2,  131. 
Chirac  479,  918;  483,  928A;  490,  954A;  ruhig 
angelehnt  die  Leier  spielend,  Beine  kreuzend, 
weichlich:  Bronzestatue  von  Pompei  (. Friede - 
richs  Bausteine  No.  850);  verwandt  auf  einem  io 
athenischen  Relief  (D.  a.  K.  2,  130),  wo  er 
verschiedene  Beinamen  hat.  — Als  Haartracht 
setzt  sich  in  dieser  Periode  besonders  die 
Schleife  über  der  Stirne  fest;  im  Nacken  be- 
findet sich  meist  ein  Knoten,  von  dem  noch  ein- 
zelne Locken  herabfallen.  Die  Körperformen 
sind  regelmäfsig, . sehr  jugendlich  und  weich, 
oft  denen  des  Dionysos  sich  nähernd. 

Wir  haben  bis  jetzt  nur  die  handlungslosen 
Einzelbilder  betrachtet.  Apollo  in  Situation  20 
und  Gru p p e darzustellen  gab  zunächst  die 
Geburtssage  Anlafs.  Eine  in  zwei  Statuen  auf 
zahlreichen  römischen  Münzen  Kleinasiens  und 
einem  römischen  Cippus  erhaltene  Komposi- 
tion, Leto  darstellend  mit  den  zwei  Kindern 
auf  dem  Arme,  fliehend  vor  dem  Drachen  Py- 
thon, den  Apollo  erlegt,  geht  wahrscheinlich 
auf  Euphranor  zurück  (s.  Schreiber,  Apollo 
Pythoktonos  S.  70 ff.  88 ff);  auch  ein  Vasenbild 
scheint  von  dieser  Gruppe  abhängig  (Tischbein  30 
vas.  3 , 4 in  unzuverlässiger  Abbildung) ; dem 
besten  Capitolinischen  Exemplar  der  Statue  zu- 
folge ( Schreiber  a.  a.  0.  Taf.  1)  hatte  die  Gruppe 
einen  gewissen  strengen  einfachen  Charakter. 

— Die  Hyperboreersage  gab  Anlafs  den  Gott 
wandernd  darzustellen:  eine  prächtige  attische 
Vase  des  5.  Jahrh.  zeigt  ihn  auf  dem  Drei- 
fufse  sitzend  über  das  Meer  fahrend  (Lyra, 
Bogen,  Köcher,  kurzes  Haar,  Elite  cer.  2,  6); 
später  erscheint  er  auf  dem  Schwane  ( Elite  40 
cer.  2,  42)  oder  Greif  ( Elite  2,  5,  44)  reitend. 

— Häufig  waren  statuarische  Gruppen  von 
Apollon,  Artemis  und  Leto,  doch  handlungs- 
los. [Vergl.  unter  Artemis  § 12,  1].  — 

In  Liebesaffairen  erscheint  Apollon  seiten;  auf 
einer  Vase  strengen  Stiles  Mon.  d . I.  3 , 12 
in  Liebesverfolgung;  das  Mädchen  ist  nicht 
sicher  zu  benennen;  erst  auf  Pompeianischen 
Wandbildern  erscheint  die  Sage  von  Daphne, 
zum  Teil  in  sehr  lüsterner  Weise  ( Helbig , 50 
Wandb.  d.  camp.  Städte  No.  206  ff.);  auch  die 
Sagen  von  Kyparissos  und  Admet  (s.  d.)  er- 
scheinen erst  seit  hellenistischer  Zeit.  Den 
Kampf  mit  Idas  um  Marpessa  zeigt  eine  vorzüg- 
liche Vase  strengen  Stiles  {Mon.  d.  I.  1,  20); 
seine  Mutter  Leto  befreit  er  von  Tityos  schon 
auf  altattischen  Vasen  (Apollon  behelmt)  Mon.  d. 

I.  1856,  10,  1,’Ecpgg.  <xq%.  1883,  niv.  3,  dann  auf 
solchen  strengschönen  Stiles  (Mon.  d.  I.  1,  23. 
Elite  cer.  2,  57).  Am  häufigsten  wurde  indes  60 
die  Marsyassage,  der  Wettstreit  des  Apollo 
und  Marsyas  dargestellt,  jedoch  erst  in  Denk- 
mälern vom  4.  Jahrh.  an  (s.  Stephani,  Compte 
rendu  1862,  106  ff.  Michaelis,  Annali  1858, 
298  ff).  Das  letztere  gilt  auch  für  die  Darstel- 
lungen der  Sühnung  des  Orest  durch  Apollon, 
die  der  Tragödie  folgen.  Apollon  durch  Hand- 
schlag einen  Vertrag  mit  Dionysos  schliefsend, 


Aquatiles  dii 

erscheint  auf  einer  schönen  Vase  ( Compte  rendu 
de  St.  Peter sb.  1861  pl.  4);  ähnlich  sind  Apollo 
und  Perseus  auf  einer  Münze  des  Hadrian  von 
Tarsos  durch  Handschlag  vereint  ( Zeitschr . f. 
Numism.  3,  9,  3.)  — Apollon  und  Hermes  um 
die  Lyra  streitend  war  Gegenstand  einer  Gruppe 
auf  dem  Helikon  (Paus.  9,  30,  1.)  — Abnorm 
der  Apollon  vpatsccvog  im  Kitharödengewande 
und  gehörnt  (. Dethier , et.  arclieol.  1881  p.  45.) 
— Über  die  Beziehung  Apollons  zum  Greif  s. 
Stephani,  Compte  rendu  1864,  57;  zum  Reh  ib. 
1870/71,  165;  zum  Schwan  ib.  1863,  28ff. 

[A.  Furtwängler.] 

Aponius  auf  einer  Inschrift  aus  Testur  (col. 
Bisica  Lucana,  prov.  procons.)  C.  I.  L.  8, 10615: 
Aponio  Valerius  TJiocletianus  etc.  ist  wohl 
nur  eine  Nebenform  für  Aponus , den  Gott 
der  heifsen  Quellen  des  Dorfes  Abano,  süd- 
westlich von  Padua  (Sil.  It.  12,  218.  Martini. 
6,  42,  2).  Nach  Claudian,  idyll.  6 wurden  ihm 
viele  Weihgeschenke  in  der  Nähe  der  Quelle, 
die  auch  als  Orakelstätte  diente  ( Suet . Tib.  14  u. 
Lucan.  7,  193),  von  Geheilten  aufgestellt.  In 
den  Inschriften,  die  C.  I.  L.  5,  2783 — 2790  u. 
8990  (vielleicht  auch  3101  aus  Vicenza)  zu- 
sammengestellt sind,  wird  er  immer  mit  A.  A., 
d.  h.  entweder  aquis  Aponi  oder  Apono  Augusto 
bezeichnet.  (An  Apollo  ist  trotz  Schol.  Veron. 
zu  Verg.  Acn.  1,  249  nicht  zu  denken).  Cas- 
siodor.  var.  2,  39  leitet  den  Namen  höchst 
unwahrscheinlich  von  novog  ab,  das  0 scheint 
vielmehr  trotz  der  Stelle  des  Lucan.  ursprüng- 
lich lang  zu  sein,  da  das  davon  gebildete  Apo- 
nius mit  einer  Ausnahme  stets  durch  ’Anaviog 
umschrieben  wird.  Dann  dürfte  ap  Wasser, 
Quelle  als  Stamm  zu  betrachten  und  die  Wasser- 
gottheit des  Sanskrit  und  Zencl  apäm,  Sohn 
der  Wasser  zu  vergleichen  sein  (vgl.  Curtius, 
Gr  dz.  d.  gr.  Et.5  469).  [Steuding.] 

Appias , Nymphe  der  appischen  Quelle  zu 
Rom.  Der  appische  Brunnen  befand  sich  nicht 
weit  von  dem  Tempel  der  Venus  Genetrix  aut 
dem  Forum  des  Julius  Cäsar  und  war  rings 
mit  Statuen  von  Nymphen  (Appiades)  geziert, 
Ovid.  A.  A.  1 , 82.  3 , 452.  Plemed.  Am.  660. 
Plin.  36,  5,  4 n.  10  (§  33.)  Vgl.  Mus.  Pio- 
Cl.  1.  O.  Jahn,  Abh.  d.  sächs.  Ges.  d.  W.  1861 
S.  116  f.  Cic.  ad  fam.  3,  1,  1 nennt  eine  Mi- 
nerva Appias,  aus  Schmeichelei  gegen  Appius 
Pülcher.  [Stoll.]  _ [d.):  II.  18,  46. 

Apseudes  CAipsvögg),  eine  der  Nereiden  (s. 

Apsyrtos  ("AipvQTog)  s.  Absyrtos. 

Aquae  Albulae  s.  Albunea. 

Aquae  Aponi  s.  Aponius. 

Aquae  Sinuessanae,  bekannte  Heilquelle  an 
der  Südgrenze  Latiums.  Personificiert  ist  sie 
in  einer  Inschrift  aus  dem  Jahre  186  n.  Chr., 
die  sich  auf  einer  Basis  neben  dem  Tempel 
des  Asculap  und  der  Salus  der  Civitas  Lam- 
baesis  in  Numidien  befindet;  C.  I.  L.  8,  2583: 
(Aquis  Sin)uessanis  ob.  . . I.T.  Caunius  Pris- 
(cus)  etc.  [Steuding.] 

Aquatiles  (lii  werden  auf  einer  Weihinschrift 
aus  Como  genannt,  C.  I.  L.  5,  5258 : Neptuno 
et  düs  Aquatilib(us ) pro  salute  et  incolumit(ate ) 
etc.  Natürlich  sind  die  Gottheiten  einer  Heil- 
quelle gemeint.  Vgl.  Aquae  und  Aponus. 

[Steuding.] 


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460 


Arbelos 


470 


Aquila 

Aquila  sancta  wird  als  eine  dea  militaris 
bezeichnet  auf  einer  Inschrift  aus  Moara  Doni- 
neasca  in  Moesia  inf.,  C.  I.  L.  3,  6224:  Dis 

militaribus  Genio  Virtuti  Aquilae  sanc(tae) 
signisque  leg  I Ital  Severianae  etc.  [Steuding.] 

Aquili  (lii.  Mit  dem  Namen  der  dii  aquili , 
d.  h.  der  dunkeln  Götter  (über  die  Bedeutung 
des  veralteten  Wortes  aquilvs  = subniger,  vgl. 
Paul.  p.  22.  Placid.  p.  30,  16  Deuerl.  und  die 
von  G.  Loeiue,  Prodrom,  p.  296  ff.  zusammen-  io 
gestellten  Glossen ; di  atri  coloris  erwähnt 
Plin.  n.  h.  2,  17)  bezeichnete  man  in  Rom 
den  ganzen  Kreis  der  Unterweits-  und  Todesgöt- 
ter ( Placid . a.  a.  0.  Mart.  Cap.  2,  164.  Arnob. 

3,  14),  welche  man  sich  nach  italischer  Vor- 
stellung nicht  nur  als  von  abschreckender  Häfs- 
lielikeit,  sondern  auch  von  dunkler  Farbe  vor- 
stellte; belehrend  sind  hierfür  namentlich  die 
Wandgemälde  etruskischer  Gräber  (z.  B.  der 
von  Vulci  bei  Noel  des  Vergers,  l'Etrurie  et  20 
les  Etrusques,  Atlas  t.  21  ff.),  auf  denen  Cha- 
run  in  einer  dunklen,  blauschwarzen  Färbung 
erscheint.  — Die  Angabe  des  Gloss.  Papiae 
'aquili  species  daemonuvi  qui  in  similitudine 
aquarum  (aquilarum?)  adparent ’ beruht  wohl 
nur  auf  Willkür  oder  Mifsverständnis;  [vgl.  je- 
doch den  Ausdruck  gelav  vdcog  b.  Homer  R] 

[Wissowa.] 

Ara  ( ’Agd ),  1)  = Erinys  (s.  d.):  Aesch.  Eum. 
417.  Sept.  70.  954.  — 2)  Begleiterin  der  Eri-  30 
nys.-  Sopli.  El.  111.  Ilesych.  — 3)  Tochter  des 

EAtliamas:  St.  Byz.  u.  Tsmg.  [Roscher.] 

Arabios  ( ’Agdßiog ) oder  Arabos  (’Agaßog), 
Vater  der  Kassiepeia  (Anton.  Lib.  40.  Schol. 
Ap.  Bh.  2,  178),  Sohn  des  Apollon  und  der 
Babylo,  Erfinder  der  Medicin  (Plin.  n.  h.  7, 
196.)  [Roscher.] 

Araciis,  eine  sonst  unbekannte,  vielleicht 
siegverleihende  Gottheit  auf  der  Inschrift  eines 
ihr  geweihten  Altars  zu  San  Paulo  (Olisipo  in  40. 
Lusitania)  C.I.L.  2,4991:  ABACOABA NIO 
NI  CEO- 1- MAXVMA  | A VVI-V-A  ■ S ■ L-S. 

Mit  Aracus  ist  wohl  der  Name  der  Stadt 
Wacelium  in  Cantabrien  zusammenzustellen; 
'iranius  dürfte  aber  ein  von  der  nicht  gar  weit 
(om  Fundort  entfernten  Stadt  Aranni  ent- 
eignter Beiname  sein.  Niceus  = vinodog  kommt 
sonst  nur  als  Epitheton  des  Zeus  und  der  Pal- 
as vor  , so  dafs  also  Aracus  dem  ersteren 
jleichgesetzt  scheint.  [Steuding.]  50 

Arachne  ( ’Agd%vri ),  Repräsentantin  der  ly- 
tischen (nach  Nonn.  Dion.  18,  215.  40,  303 
der  assyrischen)  Kunst  des  bilderreichen  Ge- 
webes, die  im  Wettstreite  mit  Athene  (’Egydvg) 

) <u  Grunde  geht.  ( Verg.  Georg.  4,  246  u.  Serv.). 
Ov.  Met.  6,  5 ff.  wird  der  im  kunstreichen  Ly- 
lien  spielende,  vielleicht  schon  frühzeitig  unter 
ler  Rivalität  des  griechischen  und  orientali- 
} sehen  Kultus  dort  entstandene  Mythus  (Creuzer, 

• b' ymb . 2,  748  f.  Preller , gr.  Myth.  1 , 181)  in  eo 
jilexandrinischer  Ausschmückung  also  erzählt: 

(Arachne,  die  Tochter  des  Purpurfärbers  Idmon 
tus  Kolophon,  wohnhaft  in  der  lydischen  Stadt 
jUypaipa  am  Tmolos  (aus  dem  Wohnort  erklärt 
'ich  der  Myth.  Vat.  1,  91  der  Mutter  beige- 
iegte  Namen  Hippope),  hatte  sich  durch  ihre 
iunst  im  Weben  so  grofsen  Ruhm  erworben, 
lafs  sogar  die  Nymphen  des  Tmolos  und  Pak- 


tolos  sie  oft  besuchten,  um  ihrer  Arbeit  zu- 
zuschauen. Als  sie  einst  ihre  Wissenschaft 
über  die  der  Pallas  stellte,  erschien  ihr  die 
Göttin  in  Gestalt  einer  alten  Frau  und  warnte 
die  Frevlerin.  Diese  aber  entgegnet  ihr  so 
dreist,  dafs  Athene  auf  den  Wettkampf  dringt, 
zu  dem  Arachne  sich  bereit  erklärt  hatte. 
Pallas  wirkt  in  ihr  Gewebe  die  olympischen 
Götter  in  ihrer  ganzen  Majestät  und  zum 
Zwecke  nochmaliger  Warnung  Beispiele  von 
strenger  Züchtigung  menschlicher  Vermessen- 
heit. Arachne  dagegen  stellt,  um  den  Stolz 
der  Göttin  zu  kränken,  die  Liebesabenteuer 
des  Zeus,  Poseidon,  Apollon,  Bakclios,  Kronos 
dar.  Über  diesen  Gegenstand  entrüstet  und 
neidisch  zugleich  wegen  der  Vortretflichkeit 
der  Ausführung,  zerreibst  die  Göttin  das  Ge- 
webe ihrer  Nebenbuhlerin  und  schlägt  ihr  die 
Spindel  vor  die  Stirn.  Arachne  will  sich  er- 
hängen, aber  Athene  verdammt  sie,  hängend 
weiter  zu  leben,  indem  sie  mit  ihr  die  Ver- 
wandlung in  eine  Spinne  vornimmt.  (Vgl. 
Myth.  Vat.  a.  a.  0.  u.  2,  70.  Lact.  Narr.  Fab. 
6,  1.  2 p.  825.  827.)  Eine  bildliche  Darstel- 
lung dieses  Mythus  enthält  vielleicht  der  Fries 
vom  Forum  transitorium  des  Nerva  in  Rom 
( Müller-  Wiesele r 1 , 66.  n.  346),  den  aber  an- 
dere als  rein  genrehaft  auffassen.  [Schirmer.] 

Arai  s.  Erinyen,  Ara,  Arantides. 

Araitl]yrea(’Reaithj{ffa:),  Tochter  des  Autoch- 
thonen  Aras  (s.  d.),  Schwester  des  Aoris,  wie  ihr 
Bruder  erfahren  in  der  Jagd  und  im  Kriegs- 
handwerk , der  zu  Ehren  Aoris  die  Gegend 
von  Phlius  benannt  haben  soll  (Paus.  2,  12, 
5.  Steph.  Byz.  unter  Agcn&vgsa  und  TXiovg. 

[Roscher.] 

Arantides  (’AgdvrLdeg) , Name  für  die  Eri- 
nyen bei  den  Makedoniern  nach  Hesych.  ägeiv- 
tloi • igivvai  Mcmedo veg.  Wohl  kaum  Weiter- 
bildung von  aga  — rFluchgöttin’,  noch  di- 
rekt neben  Erinys  zu  stellen , wie  Legerlotz 
will  Kuhns  Zeitschr.  8 S.  418  (von  * [ojcrpatVco 
= saran-ya-ti),  sondern  von  "Agag,  St.  ’Aguvx-, 
einer  älteren  Form  von  "Agqg,  St.  ’Agq r- : vgl. 
Paus.  2,  12,  4.  Steph.  Byz.  s.  ’Aguvxeu  (Panoflca, 
' Terracottcn1  S.  137.)  Die  Erinyen  werden 
damit  als  Aresgenossinnen  gekennzeichnet:  eine 
Bestätigung  für  die  von  K.  Tümpel  in  Fleclc- 
eisens  Jahrbb.  Suppl.  11  p.  685 — 722  nachge- 
wiesene Zusammengehörigkeit  des  Ares  und 
der  Erinys  als  Götterpaar,  sowie  für  die  nor- 
dische Herkunft  des  Areskultes.  [Crusius.] 

Arardus,  ein  celtischer  Gott,  der  nur  auf 
einer  Inschrift  aus  St.  Beat,  Dep.  des  Basses- 
Pyrenees,  erwähnt  wird,  Grell i 1959:  Arardo 
daeo  I.  P.  F.  V.  S.  L.  M.  Vielleicht  hängt  der 
Name,  wie  der  des  Flusses  Arar,  mit  araf  mild, 
ruhig  zusammen.  [Steuding.] 

Aras  ("Agag),  ein  Autochthone,  welcher  auf 
einem  nach  ihm  benannten  Hügel  (ßovvog  ’Agav- 
Tivog)  in  der  Nähe  der  Akropolis  von  Phlius, 
eine  Stadt  gründete,  die  nach  ihm  Arantia  ge- 
nannt wurde.  Sein  Grabmal  befand  sich  zu 
Keleai.  Seine  Kinder  waren  Aoris  und  Arai- 
thyrea  (s.  0.):  Paus.  2,  12,  4.  Steph.  Byz.  u. 
Agtti&vgicc  u.  Agctvzia.  Curtius,  Pelop.  2,  470Ü. 
Bursian,  Geogr.  v.  Gr.  2,  33.  [Roscher.] 

Arbelos  ('AgßqXog),  1)  Sohn  des  Aigyptos, 


471 


Arcecius 


Archemoros 


472 


vermählt  mit  der  Danaide  Oime,  Apollod.  2, 

1,  5.  — 2)  Sohn  des  Athmoneus,  Gründer  der 
Stadt  Arbela  in  Assyrien,  Steph.  Byz.  v.  ’'Aq- 
ßylcc.  Stroh.  16,  737.  — 3)  Sohn  des  Anebos, 
Vater  des  Ninos,  Ahyd.  in  Euseb.  Chron.  p.  36. 

— 4)  Grofs vater  des  Armeniers  Araxes,  der  ihn 
im  Kampf  um  die  Herrschaft  tötete  und,  von 
den  Erinyen  verfolgt,  sich  in  den  Flufs  Bak- 
tros  stürzte,  welcher  nach  ihm  Araxes  benannt 
ward,  Plut.  de  fluv.  23,  1.  [Stoll.]  io 

Arcecius  auf  einer  Inschrift  aus  Brigantinen 
(nach  Orelli  1414),  Beiname  des  Mercurius 
(s.  d.).  [Steuding.] 

Archaleus  (’Agxcdev g),  Sohn  des  Plioinix, 
Gründer  der  Stadt  Gades  (=  Herakles):  Clau- 
dius im  Etym.  AI.  s.  v.  Vciö  s ioa.  Nach  Preller, 
gr.  M?  2,  209,  1 ist  der  Name  wohl  erst  aus 
dem  italischen  Hercules  entstanden.  Vgl.  auch 
Müllenhoff , I).  Altertumslc.  1,  69  u.  Movers, 
Phoen.  1,  431.  [Roscher.]  20 

Arcliebates  (’Agxeßcc ryg),  Sohn  des  Lykaon, 
mit  seinem  Vater  und  seinen  Brüdern  von 
Zeus  wegen  ihrer  Gottlosigkeit  mit  dem  Blitz 
erschlagen,  Apollod.  3,  8,  1.  [Stoll.] 

Archedike  QAgxeSiv-ri),  eine  Danaide,  Marm. 
Par.  Ep.  9 v.  16.  C.  Müller  p.  544.  561  (= 

C.  I.  Gr.  2374). ^ [Stoll.] 

Arcliedikos  (’Agxidiy-os),  Sohn  des  Herakles 
und  der  Eurypyle,  der  Tochter  des  Thespios: 
Apollod.  2,  7,  8.  [Roscher.]  30 

Archelaos  (’Ag%elcxo g),  1)  Heraklide,  Sohn 
des  Temenos,  der,  von  seinen  Brüdern  aus 
Argos  vertrieben,  nach  Makedonien  zu  dem 
König  Kisseus  kam.  Da  dieser  von  seinen 
feindlichen  Nachbarn  in  seiner  Hauptstadt  be- 
lagert wurde,  versprach  er  dem  Archelaos  das 
Reich  und  seine  Tochter  zum  Weibe,  wenn  er 
ihn  von  seinen  Bedrängern  befreien  würde. 
Archelaos  schlug  den  Feind  in  einer  Schlacht; 
Kisseus  aber,  von  falschen  Ratgebern  verleitet,  40 
verweigerte  den  versprochenen  Lohn  und  sann 
sogar  darauf,  den  Archelaos  durch  heimtücki- 
schen Mord  zu  beseitigen.  Er  füllte  eine  Grube 
mit  glühenden  Kohlen  und  überdeckte  sie  mit 
Reisig,  damit  Archelaos  unversehens  hinein- 
falle und  umkomme.  Dieser  aber,  von  einem 
Sklaven  des  Königs  gewarnt,  warf  den  Kö- 
nig selbst  in  die  Grube.  Darauf  floh  er  auf 
Apollons  Gelieifs  und  gründete,  von  einer  Ziege 
geleitet,  die  Stadt  Aigai.  So  wurde  er  der  50 
Stifter  der  makedonischen  Dynastie  und  ihrer 
Residenzstadt.  Hygin.  f.  219.  Dies  war  der 
Inhalt  der  euripicleischen  Tragödie  Archelaos, 
welche  der  Dichter  während  seines  Aufent- 
haltes an  dem  Hofe  des  makedonischen  Königs 
Archelaos  schrieb,  Welcher,  gr.  Trag.  2,  698 — 
709.  Nauck  trag.  gr.  fr.  p.  339  — 347.  0.  Abel, 
Makedonien  vor  König  Philipp  93  f.  103.  Nach 
Dio  Chrysost.  Or.  4 p.  163  hatte  Archelaos  in 
Makedonien  bei  dem  König  als  Ziegenhirt  ge-  eo 
dient  (mit  Bezug  auf  die  Stadt  Aigai),  was  der 
Kyniker  Diogenes  dem  Alexander  als  einem 
Nachkommen  des  Archelaos  zu  Gemfite  führt. 
Vgl.  über  die  Einwanderung  der  Temeniden 
in  Makedonien  Thule.  2,  99.  Herodot.  8,  137  f. 
Welcher  a.  a.  0.  S.  702,  5.  Müller,  Hör.  1, 156,  1. 
[Vgl.  C.  I.  Gr.  6047.]  — 2)  Sohn  des  Aigyptos, 
vermählt  mit  der  Danaide  Anexibia,  Apollod.  2, 


1,  5.  — 3)  Sohn  des  Königs  Elektryon  von  Myke- 
kenai  und  der  Anaxo,  Bruder  der  Alkmene,  der 
im  Kampfe  um  die  Rinder  seines  Vaters  mit  den 
Söhnen  des  Pterelaos  und  den  Taphiern fiel,  Apol- 
lod. 2,  4,  5 f.  — 4)  Sohn  des  Maiandros  in  Asien. 
Als  der  Vater  gegen  die  Pessin untier  in  den 
Krieg  zog,  gelobte  er  der  Göttermutter,  dafs 
er  im  Falle  des  Sieges  den,  der  ihm  bei  der 
Heimkehr  zuerst  glückwünschend  begegne, 
opfern  wolle.  Es  begegneten  ihm  der  Solin 
Archelaos  mit  der  Mutter  und  Schwester;  diese 
führte  er  als  Opfer  zum  Altar  und  stürzte  sich 
dann  in  seinem  Schmerze  in  den  Flufs,  der 
nach  ihm  Maiandros  genannt  ward.  Plut.  de 
fluv.  9,  1.  — 5)  Bei  Tzetz.  L.  138  u.  Eudok. 
p.  329  lieifst  der  Sklave  des  Priamos,  welchem 
dieser  den  eben  gebornen  Paris  übergab,  um 
ihn  auf  dem  Ida  auszusetzen,  Archelaos;  bei 
Apollod.  3,  12,  5 heifst  er  Agelaos,  bei  Scliol. 
II.  3,  325  Arcliialas,  s.  Heyne  zu  Apollod.  a. 
a.  O.  [Stoll.] 

Archelochos  ( ’Agxtto%o ?),  1)  Troer,  Sohn 
des  Antenor,  von  Aias  dem  Telamonier  er- 
legt, Horn.  II,  12,  100.  14,  464.  [C.  I.  Gr. 
6125.]  — 2)  Ein  Bundesgenosse  der  Troer,  der 
unter  dem  feuerspeienden  korykischen  Berge 
in  Ivilikien  wohnte,  von  Menelaos  erlegt,  Quint. 
Sm.  11,  91.  [Stoll.] 

Ai’chemachos  (’Agxigaxog),  1)  Sohn  des  He- 
rakles und  der  Thespiade  Patro,  Apollod.  2, 
7,  8-  — 2)  Sohn  des  Priamos,  Apollod.  3,  12, 
5.  Hyg.  f.  90.  f Stoll.] 

Archemoros  ( ’Agxegogos ),  1)  eigentlich  Ophel- 
tes  genannt,  das  Kind  des  nemeischen  Fürsten 
Lykurgos  und  der  Eurydike  (oder  Amphithea, 
Apollod.  1,  9,  14).  Als  die  gegen  Theben 
ziehenden  sieben  argivischen  Helden  in  dem 
Thale  von  Nemea  Wasser  suchten,  liefs  die 
Wärterin  des  Kindes,  Hypsipyle,  die  frühere 
Königin  von  Lemnos,  welche  den  Weg  zur 
Quelle  zeigen  wollte , dasselbe  unbewacht  zu- 
rück, sodafs  es  von  einem  Drachen  umgebracht 
wurde,  s.  Hypsipyle.  Die  Sieben  bestatteten 
den  Knaben,  nannten  ihn  aber,  da  Amphiaraos 
(s.  cl.)  in  diesem  Vorgänge  ein  böses  Zeichen  er- 
blickte, Archemoros  (Vorgänger  im  Tocle)  und 
stifteten  ihm  zu  Ehren  die  nemeischen  Spiele. 
Sein  Tod  war  ein  häufiger  Gegenstand  der 
Kunst.  Apollod.  3,  6,  4.  Stat.  Tlieb.  4,  624ff. 
5,  498 fl'.  Hyg.  f.  74,  vgl.  f.  273.  Tzetz.  L.  373. 
Serv.  V.  Eci.  6,  68.  Argum.  Find.  Ncm.  2.  3. 
Paus.  2,  15,  2.  3.  3,  18,  7.  8,  48,  2.  Find. 
Ncm.  8,  51.  10,  28.  Simonides  bei  Athen.  9, 
396  e.  Anlli.  Pal.  13  p.  530  f (Jacobs).  Wel- 
cher, ep.  Cycl.  2,  350ff.  Griech.  Trag.  2,  554ff. 
Preller,  gr.  Mytli.  2,  356  f.  Curtius,  Peloponn. 

2,  507.  509.  Müller,  Handb.  d,  Arch.  § 412,  3. 
Gerhard , Archem.  u.  die  Hesperiden  in  d.  Ab- 
liandl.  d.  Perl.  Ahad.  1836  S.  253 ff.  Ges.  Ab- 
handl.  1,  5ff.  Köhler,  ges.  Sehr.  5,  130ff.  O.  Jahn, 
Per.  d.  sächs.  Ges.  1853  S.  2t — 32.  Panofka, 
Gemmen  mit  Insehr.  1853  S.  56.  Overbeck,  Gal- 
lerte 1.  S.  107 — 121.  Quaranta,  de'  funerali  di 
Archcmoro  rappres.  sopra  un  vaso  greco,  Neapel 
1852  mit  3 Taf.  Friedländer,  arch.  Ztg.  1869 
S.  99.  — 2)  Sohn  des  Ampliion  und  der  Niobe, 
Lactant.  ad  Stat.  Tlub.  3,  198.  Mythogr.  Vat. 
1.  Stark , Niobe  96.  [Stoll.] 


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Archenor 


Ardeskos 


474 


Archemoros’  Tod  (Relief  d.  Palazzo  Spada  in  Rom ; 
Overbeck , B.  d.  theb.  u.  troj.  H.  S.  110). 

Archenor  (’AQxrircoQ) , Sohn  des  Amphion 
und  der  Niobe,  HellaniJcos  b.  Schol.  Eur.  Phoen. 
159.  Die  Namen  Archenor,  Alphenor  und  Age- 
nor  treten  in  den  Reihen  der  Söhne  der  Niobe 
für  eina.nder  ein,  Stark,  Niobe  96.  [Stoll.] 
Archeptolemos  (’AQxsnzoXsgog) , Sohn  des 
Iphitos,  Wagenlenker  des  Hektor,  von  Teu- 
kros  erlegt,  11.  8,  128.  312.  [Stoll  ] 

Archetius  (?),  Gefährte  des  Turnus,  von  Mne- 
theus  getötet,  Verg.  Aen.  12,  459.  Die  Eigen- 
namen dieses  Verses  sind  in  den  Handschriften 
sehr  verschieden  geschrieben;  -wahrscheinlich 
ist  Tarchetius  vorzuziehen.  [Stoll.] 

Arcliia,  die  Tochter  des  Okeanos,  Gemahlin 
des  Inachos.  Bei  Hyg.  f.  143  ist  Argia  (AgyeCcc) 
zu  schreiben  nach  Hyq.  praef.  p.  28,  3 Bunte 
u.  f.  145.  [Stoll.] 

Archilykos  (’Aqxü.vy.os)  , Sohn  des  Itonos 
(Eteonos,  Schol.  II.  2,  494),  Enkel  des  Boiotos, 
Vater  des  Prothoenor  und  Arkesilaos,  welche 
lie  Böotier  vor  Troja  anführten,  Diod.  4,  67. 
Nach  der  Ilias  (14,  451)  mufs  er  Areilykos 
(s.  d.)  heifsen.  [Stoll.] 

Arcliiteles  (’^pyiTs'/lrjs),  1)  Sohn  des  Achaios, 
wandelte  mit  seinem  Bruder  Archandros  aus 
Phthiotis  nach  Argos,  wo  beide  Schwieger- 
söhne des  Danaos  wurden,  indem  Architeles 
lie  Automate,  Archandros  die  Skaia  heiratete. 


Sie  herrschten  einige  Zeit  zu  Argos  und 
Lakedämon , woher  die  Einwohner  des 
Landes  den  Namen  Achaier  erhielten. 
Baus.  7,1,3.  2,  6,  2,  vgl.  Herodot.  2, 
98.  Strab.  8 p.  383.  S.  Manso,  Sparta 
1,  52ff.  H.  C.  Schubart,  Quaest.  geneal. 
hist.  1 ( Argolica ),  Marb.  1832  p.  140. 
Müller,  Orcliom.  112.  Curtius,  Pelop.  2, 
344.  — 2)  Vornehmer  Kalydonier,  Ver- 
wandter des  Oineus , Vater  des  Knaben, 
welchen  Herakles  bei  einem  Gastmahl  im 
Hause  des  Oineus  wider  Willen  durch 
eine  Ohrfeige  tötete.  Der  Knabe  hiefs  Eu- 
nomos  , Eurynomos  , Ennomos  oder  Kya- 
thos,  Archias,  Chersias.  Apollod.  2,  7,  6. 
Athen.  9 a.  E.  Tzetz.  Lylc.  50.  Chil.  2, 
456.  Diod.  4,  36.  Schol.  Ap.  Rh.  1,  1212. 
Baus.  2,  13,  8.  Heyne  zu  Apollod.  a.  a.  0. 
Preller,  gr.  Myth.  2,  245,  3,  s.  Kyathos 
u.  Eunomos.  | Stoll.] 

Archomlas  (’Aqxg ivd'ug),  ein  Bundesge- 
nosse der  in  die  Peloponnes  einfallenden 
Herakliden,  welcher  die  von  den  Tyr- 
rhenern  erfundene  Kriegstrompete  zuerst 
zu  den  Hellenen  brachte,  Eusthath.  zu  II. 
18,  219.  Schol.  Soph.  Ai.  14.  Schol.  Eur. 
Phoen.  1377.  Suid.  v.  xcod'cov.  Müller, 
Etrusker  2,  208.  Vgl.  Hegelcos.  Beide 
Namen  bezeichnen  den  Heerführer. 

[Stoll.] 

Arciaco,  wohl  ein  britannischer  Gott 
auf  der  Inschrift  eines  Altars  zu  Eburac- 
um  (York)  aus  dem  Anfang  des  2.  Jahrh. 
n.  Chr.,  6.  I.  L.  7,  231:  Deo  Arciaconii) 
et  niumini)  Aug(u)st(i ) etc.  De- Vit  vermu- 
tet, dafs  Arciacon  = Arciacorum  der  Name 
einer  Ortschaft  sei.  [Steuding.] 

Arculns  s.  Indigitamenta. 

Ardalos  ("AgSalog),  Sohn  des  Hephaistos, 
der  in  Troizen  den  Musen  einen  Tempel  ge- 
baut haben  soll,  weshalb  sie  hier  ’Agöcdidsg 
(AgdaMca,  ’AgSuXcözidsg)  genannt  wurden.  In 
dem  Tempel  soll  Pittheus,  der  weise  König 
von  Troizen,  die  Kunst  der  Rede  gelehrt  haben. 
In  der  Nähe  befand  sich  ein  alter  Altar,  eben- 
falls eine  Stiftung  des  Ardalos , an  welchem 
die  Troizenier  den  Musen  und  dem  Hypnos 
opferten.  Auch  die  Erfindung  der  Flöte  wurde 
dem  Ardalos  zugeschrieben.  Paus.  2,  31,4.  5. 
50  Flut,  de  mus.  5.  Steph.  Byz.  und  Hesych.  v. 
’AgdctXidsg.  Müller,  Dor.  1,  344,  7.  Hock,  Kreta 
3,376.  Curtius,  Peloponnesos  2,434.  Roediger, 
Musen  (8.  Suppl.-B.  d.  Jahrb.  f.  dass.  Philol.) 
p.  282  f.  Einen  jüngeren  Ardalos  aus  Troizen, 
einen  Aulöden  und  Priester  der  ardalischen 
Musen,  Zeitgenossen  der  sieben  Weisen,  er- 
wähnt Flut.  sept.  sap.  conv.  4.  [Stoll.] 

Ardeas  ('Agdsag),  Sohn  des  Odysseus  und 
der  Kirke , Bruder  des  Romos  und  Antias, 
ßo  Gründer  der  Rutulerstadt  Ardea  in  Latium,  Dio- 
nys. A.  R.  1,  72.  Euseb.  Chron.  205  Mai.  Syncell. 
193  A.  Steph.  Byz.  v.’Avzsiu  u.  "AgSscc.  [Stoll.] 
Ardeskos  ("Agdga-nog),  Flufsgott  im  europäi- 
schen Sarmatien,  Sohn  des  Okeanos  und  der 
Tethys,  lies.  Th.  345.  Eine  andre  Lesart  ist 
hier  "Agdianog  u.  ’AXöiGy.og ; Dionys.  Per.  214 
hat  "AMriG-zog  neben  andern  Lesarten,  s.  Mül- 
ler, Geogr.  gr.  min.  2 p.  120  a.  [Stoll.] 


vgl. 


475 


Arduinna 


Areion 


476 


Arduinna,  wohl  eine  gallische  Göttin,  die 
nach  der  silva  Arduenna  genannt  ist  ( Grut . 
31t.  3.)  Auf  der  Inschrift  (unbestimmten  Fund- 
orts) C.  I.  L.  6,  46  steht  ihr  Name  über 
einem  Bilde  der  Diana,  so  dafs  sie  mit  dieser 
identisch  zu  sein  scheint.  Vgl.  ardh-va  = ar- 
duus  und  Ardea.  [Steuding.] 

Area  (' ’Agsu ),  Tochter  des  Athamas:  Phere- 
Icydes  b.  Schob  Flat.  vol.  6 p.  286  Hermann. 

[Koscher.] 

Aregonis  (’Agyyovi 's),  Gemahlin  des  Ampy- 
kos,  Mutter  des  Mopsos,  Orph.  Arg.  126.  Sonst 
heilst  sie  Chloris,  Hyg.  f.  14  p.  40  Bunte. 

[Stoll.] 

Ai  •eia  (’Aqslcx.),  1)  Tochter  des  Kleochos,  von 
Apollon  Mutter  des  Miletos  (s.  d.):  Apollod. 

3,  1,  2.  Aristolcritos  b.  Schob  Ap.  Bit.  1,  186. 
— 2)  Beiname  der  Athene  und  Aphrodite  (s.  d.). 

[Roscher.] 

Areilykos  (Agriilvrog) , 1)  Vater  des  Boio-  21 
ters  Prothoenor,  II.  14,  451.  Suid.  Bei  Diod. 

4,  67  heifst  er  Archilykos  (?  s.  d.)  — 2)  Troer, 
von  Patroklos  erlegt:  11.  16,  308.  [Roscher.] 

Areion  (’Agsicov,  nicht  ’Aqlcov,  Eust.  II.  23, 
346),  1)  das  berühmte  schnelle  und  starke  Helden- 
rofs  des  Adrastos  (s.  d.),  mit  dem  er  den  Rache- 
zug gegen  Theben  unternahm,  eine  Hauptfigur 
der  vorhomerischen  und  späteren  Thebaiden. 
Es  repräsentierte  den  Zorn  des  Ares  und  der 
Erinys  gegen  Theben  (s.  Ares)  und  stammte  3 
von  Poseidon  und  Demeter  Erinys.  Die  Thel- 
pusier  in  Arkadien  erzählten  nach  Paus.  8, 
25,  3 ff. , dafs  Demeter,  die  geraubte  Tochter 
suchend  und  von  der  Liebe  des  Poseidon  ver- 
folgt, in  ihrem  Gebiet  sich  in  die  Gestalt  ei- 
nes Rosses  verwandelt  und  unter  die  Rosse 
ihres  Königs  Onkos  gemischt  habe;  Poseidon 
aber  habe  sich  gleichfalls  in  ein  Rofs  verwan- 
delt und  mit  ihr  eine  Tochter , deren  Name 
nicht  genannt  werden  dürfe,  Kora  oder  Des-  4 
poina,  — eleusinische  Einwirkung  — und  das 
Rofs  Areion  gezeugt.  Darüber  zürnte  Deme- 
ter und  erhielt  deshalb  den  Namen  Erinys,  die 
Zürnende;  denn  tgvvvsiv,  sagten  die  Thelpu- 
sier , hiefs  auf  Arkadisch  x 'o  tivgcp 
(vgl.  Et.  M.  p.  374);  Poseidon  aber  erhielt 
von  diesem  Vorfall  bei  den  Thelpusiern  den 
Beinamen  l'mtLog.  Vgl.  Paus.  8,  42,  lif.  Auf 
Münzen  von  Thelpusa  Areion  mit  der  Beischrift 
’Egicov,  s.  Imhoof-Blumer  Zeitschr.  f.  Numism.  5 
Berl.  1873,  126 ft'.  Dieselbe  Sage  von  der  Er- 
zeugung des  Areion  wird  auch  an  die  Quelle 
Tilphussa  im  Gebiet  von  Haliartos  (Schol.  II. 
23, 346)  verlegt,  an  einen  Ort,  der  mit  Thelpusa 
Kultus  und  religiöse  Ideen  gemein  hat.  Über 
die  Abkunft  des  Areion  von  Poseidon  und 
Demeter  Erinys  s.  Tzetz.  Lylcophr.  153.  766. 
Philar gyr.  z.  Verg.  Georg.  3,  122.  Ovid.  Met.  6, 
118.  Nach  Apollod.  3,  6,  8 hatte  sich  Deme- 
ter in  eine  Erinys  verwandelt.  Hesych.  s.  v.  c 
’Aqsioov  nennt  ihn  Sohn  des  Poseidon  und  einer 
der  Erinyen.  Auf  den  Vater  Poseidon  weist 
auch  hin  das  charakteristische  Beiwort  des 
Areion  v.vuvoxodxgg  in  dem  Verse  der  kykli- 
schen  Thebais  bei  Paus.  8,  25  ,(  5.  Hes.  Scut. 
120.  (Deshalb  hat  Adrastos  einen  Sohn  Kyanip- 
pos,  Apollod.  1,  9,  13).  Der  Name  Areion  ist 
ein  Patronymikon  von  Ares  und  bedeutet  Ares- 


sohn. Es  scheint,  dafs  er  ursprünglich  von 
Ares  und  Demeter  Tilphussa  Erinys  stammte, 
welche  ja  auch  an  der  Quelle  Tilphussa  den 
Aresdrachen,  den  Feind  Thebens,  gezeugt  hat- 
ten, und  dafs  Ares  mit  der  Zeit  von  Poseidon 
(imciog),  der  so  häufig,  namentlich  in  Arkadien, 
mit  Demeter  verbunden  erscheint,  verdrängt 
worden  ist.  O.  Müller , Eutneniden  S.  173. 
C.  Fr.  Hermann,  de  sacris  Coloni  p.  22.  A.  69. 

) II.  I).  Müller,  Ares  S.  24.  Stoll,  Ares  S.  8f. 
Mit  Rücksicht  auf  Ares  erklärt  Preller  Areion 
als  „Schlachtrufs“,  „Streithengst“,  andere  als 
Rofs  von  kriegerischer  Wildheit  (vgl.  11.  2, 
767  cpößov  "Aggog  cpogsovaou).  Homer  kannte 
aus  alten  Thebaiden  den  Areion  und  seine 
Abstammung;  aber  er  umging  das  Seltsame 
der  uralten  Natursymbolik  in  den  Worten: 
’AÖgyGxov  zaxvv  i'nnov , og  sx  tbtoqnv  yivog  gsv, 
II.  23,  346.  Antimachos  (Paus.  8,  25,  5)  setzt 
) rationalistisch  an  Stelle  der  Demeter  die  Erde, 
welche  bei  Thelpusa  den  Areion  hervorbrachte; 
doch  zeigen  die  Fragmente  (26 — 30.  Stoll),  dafs 
bei  ihm  Poseidon  auch  der  Vater  ist;  der  Gott 
hat  ihn  also  wohl  mit  dem  Dreizack  aus  der 
Erde  gestofsen,  wie  das  Rofs  Skyphios  (Et. 
M.  473,  42.  Vgl.  Tzetz.  Lylcophr.  766.  Serv. 
Verg.  Georg.  1, 12).  Spätere  Dichter  vergafsen 
das  Symbolische  in  Areion  und  sahen  in  ihm 
nur  das  schnelle  Rofs,  indem  sie  ihn  von  Po- 
tt seidon  Hippios  und  einer  Harpyie  (Schob  II. 
23,  346),  oder  von  Zephyros  und  einer  Harpyie 
(Quint.  Smyrn.  4,  569),  gleich  den  Rossen  des 
Achilleus  (II.  16,  149)  abstammen  liefsen.  — 
Auf  dem  ersten  Zuge  des  Adrastos  gegen  The- 
ben zeichnete  sich  Areion  bei  der  Leichenfeier 
des  Archemoros  in  Nemea  durch  seine  Schnel- 
ligkeit vor  allen  aus.  Stat.  Theh.  6,301.  Vgl. 
Antimach.  fr.  26  (Stoll),  wo  das  Nebenrofs  des 
Areion  Kcugög  („die  bestimmte  Zeit“  für  The- 
0 bens  Untergang?)  heifst.  Mit  Vernunft  und 
Stimme  begabt , wie  die  Rosse  des  Achilleus, 
brach  Areion  in  rührende  Klagen  über  den 
Tod  des  Archemoros  aus,  Propert.  2,  34,  37. 
Als  das  Heer  des  Adrastos  vor  Theben  erlag, 
rettete  ihn  allein  das  schnelle  Rofs  Areion 
nach  dem  attischen  Kolonos.  KyJel.  Thebais 
bei  Paus.  8,  25,  5.  Strab.  9.  p.  404.  Apollod. 
3,  6,  8.  Hygin.  f.  70.  71.  Et.  M.  p.  474,  34. 
Beide.  Anecd.  p.  350.  Schol.  II.  23,  346.  Schob 
0 Soph.  O.  C.  712.  Schob  Eurip.  Phoen.  409. 
Aus  den  Thebaiden  wurde  das  einmal,  berühmte 
Rofs  auch  in  die  Herakleen  herübergenommen; 
Herakles  gebrauchte  es  auf  dem  Rachezug  ge- 
gen Elis  und  im  Kampfe  gegen  Kyknos.  Zu- 
erst soll  es  Kopreus,  der  König  von  Haliartos, 
oder  Onkos,  der  König  von  Thelpusa,  in  deren 
Gebiet  Areion  geboren  war,  besessen  haben, 
dann  Herakles,  darauf  Adrastos;  vor  allen  aber 
hatte  es  auch  Poseidon  selbst  gebraucht.  Paus. 
0 u.  Schol.  II.  a.  a.  O.  lies.  Scut.  120.  Stat.  Theh. 
6,  301  ff.  Glaudian  IV.  cons.  Ilonor.  555  (Ne- 
reidum  stabulis  nutritus).  — Vgl.  im  allgemei- 
nen Preller,  Demeter  u.  Pers.  S.  149 ff.  Gr. 
Mythol.  1 S.  484.  O.  Müller,  Eumcniden  173  t. 
C.  Fr.  Hermann,  de  sacr.  Col.  p.  8 ft.  H.  B. 
Müller,  Ares  24 ff.  Stoll,  Ares  5.  10.  27.  zu 
Antimach,  rell.  fr.  26 — 30.  Curlius,  Pelop.  1, 
37 1 f.  (Milchhöf er,  die  Anfänge  der  Kunst  in 


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Ares  (b.  Homer) 


478 


477 

Griechenland,  Leipz.  1883  S.  57.  61.  Voigt, 
Beitr.  z.  Mythol.  d.  Ares  u.  d.  Atliena  Leipz. 
1881  p.  304 ft'.  Tümpel,  Ares  u.  Aphrodite 
S.  687.  Roscher.]  — 2)  Ario  heifst  das  ge- 
flügelte Rol's  des  Bellerophon  auf  einem  Spie- 
: gel  aus  Prärieste,  Mon.  d.  Inst.  C,  29,  1.  Ann. 
1859  p.  135  ft'.  — 3)  Ario»  ( ’Agicov ),  Trojaner, 
von  Neoptolemos  getüdtet.  Quint.  Stnyrn.  10, 

, 86.  — 4-)  Arion  s.  Hesione.  [Stoll.] 

; Areios  (' ’Agyiog ),  1)  Sohn  des  Bias  und  der  i 
Pero,  Bruder  des  Talaos  und  des  Leodokos 
G aus  Ärgos,  unter  den  Argonauten  genannt  von 
Ap.  Bh.  1,  118  und  Orph.  v.  150  (als  Aban- 
I tiade).  [Bei  Pherelcydes  in  Schal.  Od.  11,  287 
I heifst  er  "Agyzog  (?).  Roscher.]  — 2)  ein  Ken- 
taur Ov.  Met.  12,  310.  Vgl.  Roscher  in  Flecli- 
eisens  Jahrb.  1872  S.  420.  [Seeliger.] 

Arei'thoos  (’Agytöoog) , 1)  ein  starker  Held 
mit  dem  Beinamen  Kogovyzyg  (Keulenschwin- 
ger), weil  er  weder  mit  der  Lanze  noch  mit  2 
| dem  Bogen  kämpfte , sondern  nur  mit  einer 
t eisernen  Keule.  Er  fiel  durch  die  Hand  des 
Arkaders  Lykurgos,  der  ihm  in  einem  Hohl- 
i wege,  wo  er  die  Keule  nicht  gebrauchen  konnte, 
mit  List  auflauerte  und  ihn  mit  der  Lanze 
mitten  durchstach.  Lykurgos  nahm  seine  Waf- 
fen, die  Ares  ihm  geschenkt,  und  trug  sie,  bis 
er,  alt  geworden,  sie  seinem  Waft'engenossen 
Ereuthalion  überliefs.  Dieser  trug  sie,  als  der 
jugendliche  Nestor  ihn  im  Kampfe  erlegte.  3 
II.  7,  132 — 156.  raus.  8,  4,  7.  Man  zeigte 
das  Grabmal  des  Areithoos  im  Gebiete  von 
Mantineia  in  der  Nähe  des  Hohlwegs,  in  dem 
er  erschlagen  worden  war,  Paus.  8,  11,  3. 
Curtius  Peloponn.  1,  240.  11.  7,  8 ff.  heifst  es, 
dafs  Menesthios  aus  (dem  böotischen)  Arne, 
welchen  Arei'thoos  Korynetes  mit  Philomedusa 
gezeugt,  von  Paris  erlegt  ward.  Da  Koryne- 
tes viel  älter  war  als  Nestor,  der  im  trojani- 
; sehen  Kriege  schon  in  hohem  Alter  stand,  so  i< 
i nehmen  die  Scholiasten  zu  den  beiden  home- 
rischen Stellen  einen  doppelten  Areithoos  Ko- 
rynetes an,  Arkader  und  Böotier,  Grofsvater 
und  Vater  des  Menesthios.  Pherekydes  b.  Schol. 
II.  7,  8 sagt,  dafs  der  Böotier  Areithoos,  wäh- 
rend die  Arkader  und  Böotier  wegen  der  Gren- 
zen Streit  hatten,  Beute  machend  in  Arkadien 
eingefallen  und  durch  einen  Hinterhalt  von 
Lykurgos  getötet  worden  sei.  — 2)  Thraker, 
Wagenlenker  des  Rhigmos,  von  Achilleus  vor  5 
Troja  erlegt,  II.  20,  487.  [Stoll.] 

Arene  {Agfivy) , Tochter  des  Oibalos  , von 
Aphareus  Mutter  des  Lynkeus  u.  Idas , Apol- 
lod.  3,  10,  3.  Schol.  Ap.  Rh.  1,  152.  Tzetz. 
Lylc.  511.  S.  Arne  No.  4.  Nach  ihr  wurde  die 
von  A25hareus  gegründete  Stadt  Arene  in  Mes- 
senien und  die  Quelle  Arene  bei  Lepreon  in  Tri- 
phylien  genannt,  Paus.  4,  2,  3.  5,  5,  4.  [Stoll.] 
Ares  {"Agejg,  äol.  "Agsvg,  -svog,  s.  Berglc,  Lyr. 
yjraec.  (2.  Auf!.),  Alcaeus  fr.  28 — 31  (vgl.  Callim.  61 
,hy.  in  Iov.  77),  der  Kriegsgott  der  Hellenen, 
jeiner  der  Olympier,  Sohn  des  Zeus  und  der  LIera, 
jund  somit  Bruder  der  Hebe  und  Eleithyia,  II. 

5,  890ff.  Hes.  Th.  922 ff.  Jüngeren,  vielleicht 
italischen  Ursprungs  ist  die  von  dieser  allge- 
mein gültigen  Abstammung  abweichende  Er- 
zählung bei  Ovid  {Fast.  5,  229 ff.),  dafs  Hera 
]ohne  Vermittelung  des  Zeus,  befruchtet  durch 


die  Berührung  einer  Wunderblume  vom  ole- 
nischen  Gefilde , welche  ihr  Flora  gereicht, 
den  Ares  geboren  habe : ein  Gegenstück  zu  der 
Geburt  der  Athene,  die  ohne  Mutter  aus  dem 
Haupte  des  Zeus  entsprungen  war.  Im  Zorn 
hierüber  gebar  sie  ohne  Zeus  den  Ares,  wie 
auch  aus  demselben  Grunde  den  Hephästos 
nach  Hesiod.  Theog.  927  ff.  Vgl.  Apollod.  1, 
3,  5.  Über  die  Blume  als  Sinnbild  der  Ver- 
mählung s.  Schwenclc,  Sinnbilder  S.  45.  — Die 
Ableitungen  und  Deutungen  des  Namens  Ares 
aus  alter  und  neuer  Zeit,  sehr  mannigfaltig 
und  verschieden,  aber  auch  durchgehends  sehr 
unsicher,  sind  zusammengestellt  bei  Gerhard, 
Gr.  Mythol.  1.  §.  347  Anin.  1 — 3.  Preller,  Gr. 
Mythol?  1.  S.  262  Amu.  2.  Lauer,  System  d. 
Gr.  Mythol.  S.  241.  Am  ansprechendsten  sind 
noch  die  von  Cornut.  N.  11.  c.  21  angeführten: 
v.  eigen,  cti'gco , tollere,  töten,  oder  v.  cigd  (rj 
sazi  ßXaßrj) , Verderben , Rache  u.  Fluch  (s. 
Arantides).  Vgl.  jedoch  Curtius,  Grdz ? 540. 
und  Fiele,  Spraclieinheit  411.  — Bei  Homer 
[vgl.  v.  Sybel,  M.  der  Ilias  267]  ist  das 
Bild  des  Ares  als  Kriegsgottes  s Aon  nach 
allen  Seiten  vollständig  ausgeprägt;  er  ist 
dem  Dichter  das  Idealbild  eines  von  der  Furie 
der  Schlacht  ergriffenen  Helden  der  heroi- 
schen Zeit , der , von  wildem  Kriegsmut  ge- 
trieben, sich  tummelt  im  Schlachtenlärm  und 
Kampfgewühl.  Blutvergiefsen  und  Männermord 
ist  seine  Freude;  wo  der  Kampf  am  wildesten 
tobt,  da  stürzt  er  hinein,  ohne  Besonnenheit 
und  ohne  zu  fragen , auf  welcher  Seite  das 
Recht  ist  (ccqjgeov,  ds  ovzevu  oiös  &t[UGz<x,  II. 
5,  761);  ein  Parteigänger  {uXloTcgoGcdlog),  II.  5, 
831.  889)  kämpft  er  wechselnd  bald  auf  dieser 
bald  auf  jener  Seite.  Vor  Ilion  war  er  auf 
Seiten  der  Troer,  und  doch  hatte  er  der  Mut- 
ter Hera  und  der  Athene  versprochen,  dafs  er 
den  Achäern  helfen  wolle.  II.  5,  832.  21,  412. 
Erzgepanzert , mit  schimmerndem  Helm  und 
wallendem  Helmbusch,  den  gewaltigen  stier- 
ledernen Schild  in  der  Linken,  rast  er  tobend, 
leuchtenden,  blutgierigen  Blickes  {II.  8,  349) 
durch  die  Schlacht,  stark,  schnell  und  heftig, 
in  riesiger  Gröfse;  laut  schreiend  schwingt  er 
die  Lanze,  durchbohrt  die  Schilde,  durchbricht 
die  Reihen,  unersättlich  im  Mord,  ein  Schrecken 
der  Kriegswag'en  und  der  ummauerten  Städte. 
Selbst  dem  Zeus  ist  er  verhafst,  und  seine 
Mutter  sogar  tritt  ihm  feindlich  entgegen,  II, 
5,890.  7 1 7 ff".  762ff.  Seine  gewöhnlichen,  auch 
bei  den  folgenden  Dichtern  gangbaren  Attribute 
sind:  oßgiyog,  ntXchgiog , ftodg,  &ovgog,  o!j,vg, 
f icavoysvog,  ßgi r\nvog,  ßgozoXoryog,  atSyXog,  cizog 
noXsyoio,  yicagiovog,  x<xXv.tog,  xQUCSonriXy^,  no- 
QV&oiioXog , iy%£G7tcxlog , givozogog , zexXavQivog, 
ßgiGccgyazog,  z£i%£GLnXyzr]g  u.  a.  — Gewöhnlich 
kämpft  er  zu  Fufs,  doch  nicht  selten  auch  auf 
dem  Streitwagen,  mit  zwei  oder  vier  prächti- 
gen Rossen,  die  zu  den  berühmtesten  der  epi- 
schen Sage  gehörten.  II.  5,  356 ff.  15,  119  ff. 
Vgl.  lies.  Seid.  109.  191.  Find.  P.  4,  87.  Verg. 
Ge.  3,90.  Aen.  8,  433.  — Quint.  Sm.  8,  241  tf. 
nennt  die  4 feuerschnaubenden , von  Boreas 
und  Erinys  gezeugten  Rosse  des  Ares:  Aithon, 
Phlogios,  Konabos  und  Phobos.  Antimachos 
fr.  45  {Stoll),  verleitet  durch  11.  15,  119,  nennt 


479 


480 


Ares  (b.  Homer) 


Ares  (b.  Hom.  Hes.  n.  A 


•) 


I 


Deimos  und  Phobos  die  Rosse  des  Ares.  Wenn 
er  in  die  Schlacht  geht,  so  schirren  ihm  seine 
wilden  Söhne  Deimos  und  Phobos,  Furcht  und 
Schrecken,  den  Wagen  an  und  begleiten  ihn 
in  den  Kampf  (II.  13,  299.  15,  119  ff.  4,  440. 
Hes.  Th.  933.  Scut.  195);  es  gesellen  sich  hin- 
zu Eris , die  Erzeugerin  des  Streites , seine 
Schwester  und  Genossin  (II.  4,  440),  die  wü- 
tige Schlachtengöttin  und  Städtezerstörerin 
Enyo,  des  Ares  Tochter  oder  Amme  oder  Mut- 
ter ( Cornut . Ar.  D.  c.  21),  die  Keren,  die  Göt- 
tinnen des  blutigen  Schlachtentods,  Kydoimos 
(Kampfgewühl)  und  andre  Dämonen  der  wür- 
genden Schlacht,  furchtbare  Wesen , von  der 
ältesten  Kunst  auf  Schilden  und  sonstigem  Ge- 
rät oft  in  abenteuerlichen  Gestalten  einzeln 
oder  in  Gruppen,  dargestellt.  II.  5,  592  ff.  18, 
535  ff.  Hes.  Scut.  154  ff'.  Paus.  5,  19,  2.  4.  6. 
Vgl.  0.  Müller,  Id.  deutsche  Schriften  2.  S.  G18. 
Aus  dem  Begriff  der  Enyo  ist  für  Ares  der 
Name  Enyalios  erwachsen , der  teils  allein 
steht  für  Ares , teils  als  Adjektiv  hinzugefügt 
ist.  II.  13,  518  vergl.  mit  2,  512.  20,  69.  17, 
211.  Hes.  Scut.  371.  ’EvvdXiog  "Aogg  im  atti- 
schen Ephebeneid,  s.  Preller,  Mylh.  1.  S.  265  A.  6. 
Erst  spät  ist  Enyalios  (s.  d.)  als  besondere  Per- 
sönlichkeit neben  Ares  gestellt  und  für  seinen 
Sohn  erklärt  worden.  Wahrscheinlich  schon 
seit  ältester  Zeit  war  es  Sitte,  dem  Ares  unter 
dem  Namen  Enyalios  beim  Beginn  der  Schlacht 
das  Kriegsgeschrei  zu  erheben  , tat  ’EvvdcXlco 
dXaXdget-v.  Xenoph.  An.  1,  8,  18.  5,  2,  14.  Gyr. 
7,  1,  26.  — Dieser  gewaltige  Kriegsgott  Ares 
scheint  unwiderstehlich  und  unbesiegbar,  und 
doch  wird  er  besiegt.  Gerade  in  seinem  tollen 
Mute  und  seiner  verwegenen  Kampfeswut,  die 
keine  Besonnenheit  kennt,  liegt  seine  Schwäche. 
Wenn  Athene,  die  Göttin  besonnener  Kriegs- 
führung, ihm  entgegentritt,  dann  zieht  er  je- 
desmal den  Kürzeren.  Auf  dem  Schlachtfelde 
vor  Troja , wo  Ares  auf  Seiten  der  Asiaten 
ficht,  Athene  es  mit  den  Griechen,  dem  Volke 
höherer  Kultur,  hält,  treffen  beide  öfter  feind- 
lich zusammen.  Als  er  einst  mit  Hektor  in 
den  Kampf  schreitet,  und  die  Griechen  von 
beiden  bedrängt  werden , da  fassen  Hera  und 
Athene  den  Entschlufs , den  Ares  aus  der 
Schlacht  zu  treiben,  und  Zeus,  giebt  der  Hera 
den  Rat,  dafs  sie  Athene  ihm  entgegenschicke; 
„denn  die  pflegt  ihn  zumeist  in  schlimme 
Schmerzen  zu  bringen“  (II.  5,  766).  Als  sie 
aufs  Schlachtfeld  gekommen,  steigt  Athene  zu 
Diomedes  auf  den  Wagen  und  lenkt  ihn,  un- 
sichtbar durch  die  Kappe  des  Hades,  nahe  an 
Ares  heran,  der  eben  einem  Erschlagenen  die 
Rüstung  auszieht.  Sowie  er  den  Diomedes 
sieht,  eilt  er  auf  ihn  los  und  stöfst  mit  dem 
Speer  nach  ihm;  aber  Athene  lenkt  mit  der 
Hand  den  Speer  ab,  dafs  er  vorbeistöfst,  und 
richtet  nun  die  Lanze  des  Diomedes,  mit  Kraft 
nachdrückend,  so,  dafs  sie  dem^Ares  in  den 
Unterleib  dringt.  Der  eherne  Gott  schrie  vor 
Schmerz  laut  auf,  wie  9 — 10,000  Männer  im 
Kampfe , und  eilte , einer  schwarzen  Wolke 
gleich,  hinauf  in  den  Olympos,  wo  er  bei  Zeus 
klagte  über  Athene  und  Diomedes.  Aber  Zeus 
sprach  zornig:  „Winsele  mir  nicht  hier  zur 
Seite;  du  bist  mir  der  verhafsteste  der  olym- 


pischen Götter.  Stets  ist  Streit  dir  lieb  und 
Kriege  und  Schlachten;  deiner  Mutter  bist  du 
gleich  an  Starrsinn  und  trotziger  Streitsucht.“ 
Doch  liefs  er  den  Sohn  durch  Paieon  sogleich 
wieder  heilen.  II.  5,  590 — 909.  (Nägelsbach, 
hom.  Theologie  S.  97  sieht  in  Ares  gewisser- 
mafsen  den  persönlichen  Ausdruck  des  zwi- 
schen Zeus  und  Hera  waltenden  Verhältnisses.) 
Als  vor  Troja  die  Götter  gegen  einander  in 
loden  Kampf  gingen,  (II.  20,  32 ff.),  stellte 
Athene  sich  dem  Ares  entgegen  (V.  69).  Der 
stiefs  mit  der  Lanze  gegen  die  Aigis  der  Göt- 
tin, ohne  sie  zu  durchbohren;  Athene  aber 
warf  ihm  einen  grofsen  Feldstein  an  den  Hals, 
dafs  er  betäubt  mit  klirrenden  Waffen  in  den 
Staub  fiel,  sieben  Hufen  Landes  mit  seinem 
Leibe  deckend.  Aphrodite  ergriff  den  Gefalle- 
nen bei  der  Hand,  um  ihn  fortzubringen;  doch 
auch  sie  ward  durch  einen  mächtigen  Schlag 
20  vor  die  Brust  niedergeworfen.  Gehöhnt  und 
verspottet  von  der  gewaltigen  Schlachtengöt- 
tin lagen  beide  am  Boden.  II.  21,  391—433. 
Ares  erkennt  selbst  die  Überlegenheit  der 
Athene  an.  Als  er,  in  der  Versammlung  der 
Götter  im  Olympos  sitzend  , hörte , dafs  sein 
Sohn  Askalaphos  vor  Troja  gefallen  war, 
stürzte  er  hinaus,  um  ihn  zu  rächen,  obgleich 
Zeus  eine  Einmischung  der  Himmlischen  ver- 
boten hatte;  aber  Athene  eilte  ihm  nach  und 
30  brachte  ihn  zur  Besinnung,  indem  sie  ihn  mit 
ernsten  Worten  anging  und  ihm  die  Waffen 
abnahm.  Ruhig  liefs  sich  der  Stürmende  von 
der  besonnenen  Göttin  auf  seinen  Thron  zu- 
rückführen. II.  15,  110 — 142.  — Auch  mit 
Herakles,  dem  Schützling  der  Athene,  bringt 
die  Sage  den  Ares  öfter  in  feindliche  Berüh- 
rung, und  wenn  Athene  ihrem  Helden  beisteht, 
so  behält  er,  wie  auch  Diomedes  vor  Troja, 
die  Oberhand.  Als  Herakles  in  dem  Haine 
40  des  pagasäischen  Apollon  bei  Iton  in  Thessa- 
lien den  Kyknos,  Sohn  des  Ares  und  der  Pe- 
lopia , im  Kampfe  erlegt  hatte,  wollte  Ares 
gegen  die  Mahnung  der  Athene  den  Sohn  rä- 
chen und  griff  den  Herakles  an;  aber  Athene 
wehrte  dem  Herakles  den  Lanzenstofs  ab,  und 
dieser  verwundete  nun  denAres  mitdemSchwert 
in  den  Schenkel,  dafs  er  zu  Boden  stürzte. 
Deimos  und  Phobos  führten  ihn  aber  auf  seinem 
Wagen  zum  Olympos  empor.  Inhalt  von  He- 
50  siods  Scutum.  Am  Flusse  Echedoros  in  Make- 
donien erschlug  Herakles  einen  andern  Kyk- 
.nos,  Sohn  des  Ares  und  der  Pyrene,  im  Zwei- 
kampf. Ares  nimmt,  um  den  Sohn  zu  rächen, 
den  Kampf  mit  Herakles  auf;  aber  Zeus  trennt 
beide  durch  einen  Blitzstrahl.  Apollod.  2,  5, 
11.  So  schreckte  auch  Zeus  den  Ares  durch 
seinen  Blitz  zurück , als  er  den  Tod  seiner 
Tochter  Pentliesileia  an  Achilleus  rächen  wollte. 
Quint.  Smyrn.  1,  675  ff  Vgl.  S,  340  ff.  Als 
00  Ares  einst  für  Pylos  gegen  Herakles  kämpfte, 
durchbohrte  ihm  dieser  mit  der  Lanze  den 
Schenkel , streckte  ihn  zu  Boden  und  nahm 
ihm  die  Waffen.  lies.  Scut.  359 ff.  Schlim- 
mes duldete  Ares  auch  nach  einer  alten  sehr 
verschieden  gedeuteten  Sage  (II.  5,  385 ff.)  durch 
die  Aloaden  (s.  ch),  welche  ihn  fesselten  und 
13  Monate  lang  in  ehernem  Fasse  oder  Ker- 
ker gefangen  hielten,  und  er  wäre  zu  Grunde 


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•mit 


481  Ares  (u.  Aphrodite) 

gegangen,  wenn  nicht  Eeriboia,  die  Stiefmut- 
ter der  Aloaden,  es  dem  Hermes  gemeldet  und 
dieser  den  schon  ganz  hinsiechenden  Ares  aus 
seinen  Banden  listig  befreit  hätte.  Nach  Apol- 
lod. 1,  7,  4 banden  sie  ihn,  als  sie  den  Him- 
mel stürmen  wollten.  Als  Hermes  ihn  befreit 
hatte,  floh  er  nach  Naxos,  wo  er  sich  in  der  s.  g. 
OLÖrjQoßQGÖTLg  nsTQcc  verbarg.  Schol.  B.  zu  11. 

\ a.  a.  0.  Nach  demselben  Schol.  fesselten  ihn 

»die  Aloaden  aus  Zorn,  weil  er  den  Adonis,  den 
Liebling  der  Aphrodite,  aus  Eifersucht  auf  der 
Jagd  getötet  hatte.  — Die  zarte,  für  den  Krieg 
so  wenig  geschaffene  Aphrodite  (s.  d.)  ist  dem 
starken  Kriegsgott  Freundin  und  Geliebte.  In 
ihrer  Liebe  findet  der  wilde  Stürmer  Ruhe 
und  Befriedigung.  Schon  in  der  Ilias  tritt  das 
freundschaftliche  Verhältnis  beider  hervor.  Als 
Aphrodite  ihren  verwundeten  Sohn  Aineias  aus 
der  Schlacht  davontragen  wollte  und  von  Dio- 
medes  verwundet  ward,  gab  ihr  der  liebe  Bru- 
der Ares  seinen  Wagen,  damit  sie  darauf  nach 
dem  Olympos  komme  (II.  5,  311  — 364),  und 
in  der  Götterschlacht  (II.  21,  416ff.)  will  sie 
den  von  Athene  niedergeworfenen  Ares  vom 
Kampfplatz  führen.  Nach  thebanischer  Tradi- 
tion war  Ares  der  Gemahl  der  Aphrodite,  und 
als  ihre  Tochter  galt  Harmonia  (s.  d.),  die  Ge- 
mahlin des  Kadmos;  nach  lemnischem  Glauben 
war  Aphrodite  mit  Hephaistos  vermählt,  und 
daraus  konnte  das  Gedicht  Od.  8,  266  ff.  (vgl. 
Quint.  Smyrn.  14,  47  ff.)  von  der  heimlichen 
Liebschaft  des  Ares  und  der  Aphrodite  ent- 
gehen. Diese  ist  in  der  Odyssee  die  Gemah- 
lin des  Hephaistos  (während  in  der  Ilias  Cha- 
ns mit  ihm  vermählt  ist) ; sie  liebt  aber  mehr 
len  schönen,  schnellen  Ares  und  hat  im  Hause 
des  Hephaistos  heimliche  Zusammenkünfte  mit 
hm.  Als  Hephaistos  das  durch  Helios  erfuhr, 
imgab  er  sein  Lager  mit  einem  feinen  Netze 
md  umstrickte  beide  so,  dafs  sie  kein  Glied 
■ühren  konnten , ein  lustiges  Schauspiel  für 
die  Götter,  welche  Hephaistos  herbeigerufen, 
iuletzt  löste  Hephästos  das  Netz  auf  Bitten 
les  Poseidon,  und  Aphrodite  enteilte  beschämt 
lach  Kypros,  Ares  nach  Thrakien.  In  Sage, 
Dichtung  imd  Bildwerken  wie  in  lokalen  Kul- 
;en  (Theben,  Athen,  Argos,  Megalopolis  u.  s.  w.) 
st  Ares  vielfach  mit  Aphrodite  verbunden  (En- 
tel,  Kypros  2.  S.  207  ff.  Gerhard,  Gr.  Mytliol.  1. 
i.  353,  3.  Tümpel,  Ar.  u.  Aph.  6 ).  Als  ihre  Kin- 
; ler  gelten  Eros  und  Anteros  (Schol.  Ap.  Bhod.  3, 
!6.  Cie.  N.  I).  3,  23),  Deimos  und  Phobos  und 
Harmonia  (lies.  Theog.  9341b),  Priapos  (Schol.  Ap. 

■ Thod.  1,  932),  von  welchem  andrerseits  ein  von 
. Lukian  (de  salt.  c.  21)  als  bitliynisch  bezeich- 
nter Mythus  sagt,  dafs  er,  ein  kriegerischer 
Dämon,  im  Auftrag  der  Hera  den  noch  sehr 
ungen , aber  wilden  Ares  in  der  Tanzkunst 
itnd  dann  in  der  Hoplomachie  unterrichtet 
labe.  Aphrodite  soll  die  Eos  mit  beständiger 
hebe  behaftet  haben  , zur  Strafe  dafür . dafs 
ie  mit  Ares  der  Liebe  gepflogen.  Apollod.  1, 
•,  4.  Ares  aber  war  gleichfalls  von  Eifersucht 
;egen  Aphrodite  erfüllt,  als  diese  den  Adonis 
iebte.  Er  verwandelte  sich  in  einen  Eber,  der 
'en  Adonis  (s.  d.)  tötete.  Serv.  Vergil.  Ecl.  10, 
8.  — Von  verschiedenen  Frauen  hat  Ares  eine 
;röfsere  Zahl  von  Kindern  (Hygin.  f.  169), 
Roscher,  Lexikon  der  gr.  u.  rüm.  Mytliol. 


Ares  (Kinder  u.  Wohnsitz)  482 

meist  kriegerische  Helden  von  zum  Teil  wil- 
dester Art:  in  Ätolien  zeugte  er  mit  Protoge- 
neia  deu  Oxylos  (Apollod.  1,  7,  7),  mit  Demo- 
doke  den  Euenos,  Molos,  Pylos,  Thestios  (ibid.), 
mit  Althaia  den  Meleagros  (Apollod.  1,  8,  2); 
ferner  gebar  ihm  Astyoche  die  minyeischen 
Helden  Askalaphos  und  Ialmenos  (II.  2,  511), 
Chryse  den  Phlegyas  (Paus.  9,  36,  1),  Kyrene 
den  Diomedes  (Apollod.  2,  5,  8),  den  wilden 
König  der  kriegerischen  Bistonen , eine  bisto- 
nische Nymphe  den  Thraker  Tereus  (Apollod. 

з,  14,  8),  Sterope  oderHarpinna  den  Oinomaos 

и.  s.  w.  Auch  die  Amazonen  (s.  d.)  stammten 
von  Ares,  der  sie  mit  der  Nymphe  Harmonia 
gezeugt  haben  soll.  Ap.  Bhod.  2,  990.  Tzetz. 
Antehom.  23.  Überhaupt  kann  bei  den  Epi- 
kern jeder  tapfere  Krieger  ein  Sprosse  des 
Ares,  o'£og  ’ 'AQrjog  heifsen  (II.  2,  540.  745,  wie 
bei  Ibykos  v.luSog  ’Evvuliov,  Ihyc.  fr.  29.  Berglc, 
Lyr.  Gr.2).  — Zu  erwähnen  ist  noch  der  ho- 
merische Hymnus  auf  Ares  (8),  in  welchem 
dem  Ares  manche  Eigenschaften  beigelegt  wer- 
den, die  mit  dem  Kriegsgott  der  homerischen 
Epen  durchaus  nicht  stimmen;  er  heifst  näm- 
lich Schirm  des  Olympos , Helfer  der  Themis, 
Führer  der  gerechtesten  Männer,  er  wird  ange- 
fleht  um  Frieden,  um  Beruhigung  der  Leiden- 
schaften und  erhält  kosmische  Beziehungen,  die 
auf  den  Planeten  Mars  deuten.  G.  Hermann 
hat  den  Hymnus  daher  mit  Recht  unter  die 
orpliischen  verwiesen.  S.  Hymn.  Hom.  cd.  Bau- 
meister p.  103.  343.  — Als  W ohnsitz  und  Lieb- 
lingsland des  Ares  gilt  seit  Homer  Thrakien. 
11.  13,  301.  Od.  8,361.  Vgl.  Soph.  Antig.  970. 
0.  B.  196.  Herodot.  5,  7.  Callim.  Hel.  63  ff. 
125.  133  ff.  Verg.  Aen.  3,  35.  12,  331.  Ovid. 
Fast.  5,257.  Stat.  Theb.  7,  35 ff.  Quint.  Smyrn. 
8,  355.  Das  rauhe  nordische  Land  mit  seinen 
Stürmen  und  wilden  kriegerischen  Völkern 
(Eustath.  zur  Od.  a.  a.  0.)  konnte  wohl  als  ein 
Lieblingsland  des  stürmischen  Kriegsgottes  an- 
gesehen werden,  und  die  Bewohner  desselben 
verehrten  auch  , wie  die  Skythen  (Herodot.  4, 
59.  62) , die  Ägypter  (ib.  2 , 64)  u.  a. , einen 
Kriegsgott , dem  die  Griechen  ihren  Namen 
Ares  beilegten ; aber  der  Kriegsgott  dieser  bar- 
barischen Thraker , die  wohl  erst  von  den 
Griechen  nach  ihrer  Einwanderung  in  das  schon 
früher  Thrakien  genannte  Land  den  Namen 
erhalten  haben,  hatte  mit  dem  griechischen 
Ares  nicht  viel  gemein.  (Vgl.  inbetreff  der 
thrakischen  Einflüsse  auf  den  Areskult  Bo- 
scher , Apollon  u.  Mars  S.  11  ff.)  In  diesem 
Lande  hatten  in  ältester  Zeit  die  s.  g.  mythi- 
schen Thraker  gewohnt , ein  altgriechischer 
Volksstamm,  der  sich  in  Böotien  und  Attika 
(Wachsmuth,  d.  Stadt  Athen  1,  399)  niederliefs 
und  mit  den  dortigen  Stämmen  verschmolz 
(vgl.  jedoch  Boscher  a.  a.  0.  S.  10;  anders 
Biese  in  d.  Jahrbb.  f.  cl.  Phil,  1877  S.  225  ff.) 
Gerade  in  diesen  Landschaften  finden  wir 
uralten  Areskult.  — Einer  der  ältesten  Sitze 
der  Aresreligion  ist  das  böotische  Theben. 
Ares  war,  mit  Aphrodite  verbunden  (vgl.  dar- 
über jetzt  Tümpel,  Ares  u.  Aphrodite  Leipz. 
1880),  einer  der  ersten  unter  den  atsoi  ngo- 
ytvsig,  den  alten  Stammgottheiten  der  Kad- 
meionen  (Hes.  Th.  937).  In  Aeschyl.  Sept.  c. 

16 


io 

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483 


484 


Ares  (in  theb.  Sage) 

Tli.  105  ruft  ihn  als  ncO.ctiiQ'wv  "Agrig  der  Chor 
um  Hilfe  an  für  seine  bedrängte  Lieblings- 
stadt, ygl.  ib.  135.  Er  ist  der  Stammvater 
des  Kadmidengeschlechts;  denn  mit  Aphro- 
dite , der  nQOjxatcoQ  yivovg  (Aeschyl.  Sept. 
137  Hes.  a.  a.  0.),  erzeugte  er  Harmonia,  des 
Kadmos  Gemahlin , und  der  ganze  Adel  der 
Stadt,  die  aus  den  Zähnen  des  Aresdrachen 
erwachsenen  Sparten  (s.  Kadmos),  führte  sei- 
nen Ursprung  auf  ihn  zurück;  die  gesamte  io 
thebanische  Bürgerschaft  sah  sich  als  eine 
Mavortia  proles  an.  Die  Mauern  von  Theben 
hiefsen  rsi%og  "Agnov.  II.  4,  407.  Vgl.  Eurip. 
Phoen.  835.  Aeschyl.  Sept.  c.  Th.  292  yaia g 
7i£Öov  x ijgds  ”Aq£iov.  Die  Gründungssage  von 
Theben  ( Apollod . 3,  4,  lff.  vgl.  Eurip.  Phoen. 
638  ff.  s.  Kadmos)  hängt  eng  mit  Ares  zusam- 
men. Bevor  Kadmos  die  Stadt  gründete,  er- 
schlug er  an  der  Aresquelle  (’Agsia  yigyrr] 
Apollod.  a.  a.  0.  Schol.  Eurip.  Phoen.  660.  ’'Aqsoo g 20 
•HQrjvrj  Eurip.  Suppl.  662.  Paus.  9,  10,  5.  Agy- 
xiag  v.q.  Ap.  Bhod.  3,  1181;  fälschlich  nennt 
sie  Hygin.  f.  6 Castalius  fons ; Eurip.  Phoen. 
831  verwechselt  sie  mit  der  Dirke)  den  Dra- 
chen, der  von  Ares  stammte  und  der  Tilphossa 
Erinys  (Schol.  Soph.  Antig.  128),  welche  am 
Tilphossion  bei  Haliartos  wohnte  und  gleich 
ist  der  Demeter  Erinys  zu  Thelpusa  in  Arka- 
dien (Stoll , Ares  S.  3.  5 ff.).  Für  diesen  Dra- 
chenmord mufste  er  dem  Ares  ein  grofses  Jahr  30 
dienen.  Vgl.  Apollod.  a.  a.  0.  und  die  von  Heyne 
hierzu  citierten  Stellen.  0.  Müller,  Orchorn. 

S.  218.  Ares  als  Vater  des  Drachen  (des  yyysvrjg 
ÖQcincüv,  Eurip.  Phoen.  932)  ist  hier  eine  chtho- 
nische  Gottheit;  den  Drachen  , einen  Reprä- 
sentanten des  finsteren  Erdgottes,  der  neidisch 
dem  Menschen  den  aus  der  Erde  quellenden 
Segen  und  in  der  Wildnis  die  Stätte  zur  Grün- 
dung einer  blühenden  Ansiedlung  und  eines 
geordneten  Staatenlebens  verwehrt,  tötet  Kad-  40 
mos,  und  dadurch  erkämpft  er  sich  einen  Sitz 
für  höhere  Kultur,  ähnlich  wie  Apollon  durch 
Besiegung  des  Python  zu  Delphi  den  Grund 
legt  zu  einer  höheren  sittlichen  Ordnung.  Wie 
Apollon  wegen  des  Mordes  des  Python,  mufste 
auch  Kadmos  ein  grofses  Jahr  Knechtesdienste 
thun,  wodurch  Ares  soweit  versöhnt  ward, 
dafs  er  ihm  seine  Tochter  Harmonia,  hier  die 
Vertreterin  geordneten  einträchtigen  Staäts- 
lebens,  zur  Ehe  überliefs  und  die  Gründung  50 
des  thebanischen  Staates  zugab.  Aber  trotz- 
dem blieb  Ares  ein  Feind  des  Kadmos;  alles 
Unheil,  welches  in  der  Folge  über  sein  Ge- 
schlecht kam , war  begründet  in  dem  Zorne 
des  Ares  (Eurip.  Phoen.  934)  und  der  Demeter 
Erinys,  wenn  auch  die  Dichter  später  dies 
und  jenes  neue  Motiv  eingeschobeu  haben. 
Stoll,  Ares  S.  24 ff.  Die  Bewohner  des  theba- 
nischen Landes,  die  Kadmeionen,  waren  ein 
Zweig  di  r Pelasger,  welche  über  das  südliche  60 
Böotien,  über  Attika  und  Megara  und  einen 
grofsen  Teil  des  Peloponneses,  Argos,  Korinth, 
Sikyon,  Arkadien,  Achaia,  Elis  verbreitet  waren. 
Diese  Gegenden  nahmen  mehr  oder  weniger 
an  der  thebanischen  Sage  von  dem  Kadmiden- 
geschlechte  teil  und  haben  auch  in  späterer 
Zeit  noch  die  meisten  Heiligtümer  des  Ares, 
die  wohl  aus  ältester  Zeit  stammen.  Stoll 


Ares  (in  att.  Sage) 

S.  36 ff.  In  die  thebanische  Sage  sind  ver- 
flochten der  attische  Kolonos  und  Areopag, 
Megara,  Argos,  Sikyon,  Korinth,  Elis,  Thel- 
pusa in  Arkadien.  In  Athen  war  ein  Tempel 
des  Ares  am  Fufse  des  Areshügels,  mit  zwei 
Bildern  der  Aphrodite , Bildern  des  Ares , der 
Athene  und  der  Enyo.  Paus.  1 , 8 , 5.  Der 
Areshügel  (Agnog  nctyog),  der  von  Ares  den 
Namen  hat , war  durch  ihn  die  Stätte  des 
Blutgerichts  geworden.  Er  hatte  an  der  nahen 
Quelle,  die  im  Tempel  des  Asklepios  entsprang, 
den  Halirrhothios  (s.  d.),  einen  Sohn  des  Poseidon, 
erschlagen,  weil  er  der  Alkippe,  einer  Tochter 
des  Ares  und  der  Aglauros  (s.  d.),  Gewalt  ange- 
than,  und  als  Poseidon  ihn  bei  den  Göttern  ver- 
klagte, setzten  sich  diese  auf  dem  Areopag  zu 
Gericht  über  Ares.  Apollod.  3,  14,  2.  Paus.  1, 
21  , 7.  1,  28,  5.  Eurip.  El.  1258.  Iplüg.  T. 
945.  Et.  M.  u.  Et.  Gud.  u.  Suid.  v.  "Ageiog 
nctyog.  Beide.  Anecd.  1.  p.  444.  Demosth.  in 
Aristocr."  p.  641,  26  R.  Von  dieser  Ortssage 
weicht  Äschylos,  der  die  Einsetzung  des  Ge- 
richts auf  dem  Areopag  anders  erklärt,  ab, 
indem  er  den  Namen  Areshügel  von  den  Ama- 
zonen (s.  d.)  ableitet,  die  bei  der  Belagerung  der 
athenischen  Burg  hier  sich  verschanzt  und 
dem  Ares  geopfert  hätten.  Eumenid.  655  ff. 
Apollodor  sagt,  dafs  Ares  von  den  12  Göttern 
freigesprochen  worden  wäre , was  eine  später 
entstandene  Parallele  zu  Orests  Freisprechung 
zu  sein  scheint.  Die  Strafe  für  einen  Mord, 
selbst  für  den  unfreiwilligen,  konnte  nicht  feh- 
len; sie  bestand  in  Kneclitesdienst.  Und  Ares 
hat  Knechtesdienste  gethan  nach  Panyasis  bei 
dem.  Alex.  Protr.  c.  2,  36.  p.  30.  Fr.  15  ed.  Hüh- 
ner. Nachdem  der  Gott  sich  selbst  der  Bufse 
unterworfen,  liefs  er  auf  dem  ihm  geweihten 
Hügel  für  clie  Folge  die  Blutschuld  richten, 
ähnlich  wie  Apollon  in  Delphi  über  die  Blut- 
rache waltet,  seit  er  selbst  die  Sühne  des  an 
Python  vollführten  Mordes  auf  sich  genom- 
men. Ares,  der  mit  Demeter  Erinys  und  den 
Erinyen  (s.  Arantides)  zusammenhängende 
chthonische  Gott,  war  auch  Vorsteher  und 
Vollstrecker  der  Blutrache;  doch  ging  die- 
ses Amt  zu  der  Zeit,  wo  das  Wesen  der  De- 
meter sich  zersetzte  und  die  Erinyen  sich 
von  ihr  ablösten,  ganz  auf  die  Erinyen  über. 
Stoll  S.  33 ff.  — Kult.  Zwischen  Argos  und 
Mantineia  war  ein  Doppeltempel  des  Ares 
und  der  Aphrodite,  in  welchem  Polyneikes 
und  die  argivischen  Helden  bei  ihrem  Aus- 
zuge gegen  Theben  die  Bildnisse  beider  Göt- 
ter geweiht  haben  sollten,  Paus.  2,  25,  1. 
Fermer  verehrte  man  in  Argos  einen  Ares  als 
Q'iog  yvvcurwv.  Lucian.  Amor.  30.  Vgl.  En- 
gel, Kypros  2.  S.  212.  In  Troizen  stand  ein 
Tempel  des  Ares  an  der  Stelle,  wo  Theseus 
die  Amazonen  schlug.  Paus.  2,  23,  8.  Zu  Her- 
mione  fanden  sich  Tempel  und  Bild  des  Ares 
neben  einem  Tempel  des  Klymenos  (Hades) 
und  diesem  gegenüber  ein  Tempel  der  Deme- 
ter Chthonia.  Paus.  2,  35,  3 ff.  vgl.  Corp. 
Inscr.  nr.  1197  mit  Böcldis  Note.  0.  Müller, 
Prolegg.  S.  243.  Ein  Priester  des  Ares  Enya- 
lios  zu  Hermione  wird  genannt  Corp.  Inscr. 
nr.  1221.  In  Korinth  erwähnt  den  Ares  Pin- 
dar  Ol.  13,  23.  In  Arkadien  findet  sich  zu 


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485  Ares  (Kult) 

Stymphalos  eine  Andeutung  von  Ares  in  den 
todbringenden  stymplialischen  Vögeln,  welche 
von  ihm  aufgezogen  sein  sollten  ( Serv . Verg. 
Aen.  8,  300),  weshalb  sie  auch,  von  der  Poe- 
sie in  die  Argonautensage  verwebt , auf  die 
fingierte  Insel  Aretias  versetzt  wurden.  Die 
Tegeaten  verehrten  auf  dem  Berge  Kresion 
einen  Ares  Acpvnög  und  erklärten  den  Beina- 
men durch  die  Legende : Ares  habe  mit  Aerope, 
(s.  d.),  der  Tochter  des  Kepheus  , einen  Sohn 
Aeropos  erzeugt;  da  aber  die  Mutter  bei  der 
Geburt  starb,  bewirkte  Ares,  dafs  der  Knabe 
an  der  Brust  der  Mutter  dennoch  reiche  Nah- 
rung fand.  Paus.  8,  44,  6.  Auf  dem  Markte 
zu  Tegea  stand  eine  Bildsäule  des  Ares  rvvca- 
Ho&oi'vag,  des  Frauenbewirters,  welchem  die 
Frauen  ohne  Zuziehung  der  Männer  opferten 
und  Opferschmäuse  hielten , weil  nach  der 
Sage  die  Frauen  einst  über  ein  lakonisches 
Heer  einen  Sieg  davongetragen.  Paus.  8,  48, 
3.  In  der  Nähe  von  Lykosura  war  ein  Tem- 
pel des  Ares  bei  einem  Heiligtum  der  Des- 
poina,  die  hier  mit  ihren  Eltern  Demeter  und 
Poseidon  AmcLog  vereint  war.  Paus.  8,  37, 
lff.  9.  Mit  dem  arkadischen  Aresdienst  hängt 
der  in  Achaia  zusammen,  zu  Patrai  {Paus.  7, 
21,  1),  zu  Tritaia  {Paus.  7,  22,  5.  6),  das  frü- 
her zu  Arkadien  gehörte;  hier  sollte  Ares  mit 
Tritaia,  der  Tochter  des  Triton,  den  Melanippos 
erzeugt  haben.  In  Elis  war  Ares  ein  Stammgott 
{&sb s nurgcöog)  des  Oinomaos.  Schol.  Pind.  Ol. 
13,  150.  Zu  Olympia  wurde  Ares  als  "inmog 
mit  Athene  ’lnm'a  verehrt.  Paus.  5 , 15 , 4. 
Mit  _dem  Areskult  von  Elis  stand  wieder  der 
in  Atolien  in  Verbindung.  Nach  Lakonien 
kam  Ares  durch  die  thebanischen  Aigiden.  Zwi- 
schen Sparta  und  Therapne  war  ein  für  sehl- 
alt  geltender  Tempel  des  Ares  Oggsirag  {He- 
sycli.  ©ggirag)  mit  einem  Bildnis,  das  die 
Dioskuren  aus  Kolchis  gebracht  haben  sollten. 
Paus.  3,  19,  7 f . Die  Einwohner  der  Gegend 
führten  das  Epitheton  auf  @ggd>,  die  Amme 
des  Ares,  zurück;  Pausanias  aber  bezweifelt 
dies,  weil  die  Hellenen  keine  Amme  des  Ares 
dieses  Namens  kennen,  und  möchte  das  Wort 
auf  kriegerische  Wildheit  beziehen.  Zu  The- 
rapne selbst  wird  der  Enyalios  erwähnt,  dem 
die  Epheben  junge  Hunde  opferten.  Paus.  3, 
20,  1.  14,  9.  In  Sparta  stand  ein  gefesselter 
Enyalios.  Paus.  3,  15,  5.  Geronthrai  hatte  Tem- 
pel und  Hain  des  Ares.  Paus.  3,  22,  5.  Dafs 
die  Lakedämonier  dem  Ares  einen  Menschen 
opferten,  sagt  Apollodoros  bei  Porphyr,  de  abs- 
tin.  2,  55.  — Von  den  Pelasgern  Thebens 
haben  die  am  Helikon  wohnenden  Thraker  den 
Ares  überkommen,  sowie  andererseits  der  or- 
Iphische  Dionysosdienst  von  ihnen  zu  den  Kad- 
Imeionen  übergegangen  ist.  Stoll,  Ares  S.  38. 
Es  herrscht  vielfach  die  Ansicht,  dafs  die  Kad- 
jtneionen  den  Ares  von  den  Thrakern  erhalten 
jhaben  {Welcher,  Gr.  Götterl.  1.  S.  415 f.  H.  I). 
Müller,  Ares  S.  80.  Gerhard,  Gr.  Mythol.  1. 
8.  368  u.  A.) ; allein  das  Umgekehrte  ist  annehm- 
barer, da  es  bei  den  Thrakern,  mit  Ausnahme 
ler  Sage  von  den  dem  Ares  feindseligen  Aloa- 
len  und  einiger  spät  entstandenen  genealogi- 
schen Notizen,  keine  besonderen  Mythen  über 
Ares  giebt,  während  dieser  Gott  in  die  älteste 


Ares  (Deutung)  486 

Geschichte  von  Theben  vielfach  verflochten 
ist.  Ferner  ist  zu  den  in  dem  nördlichen  Böo- 
tien  sefshaften  Minyern  und  Phlegyern,  deren 
Helden  Askalaphos,  Ialmenos,  Plilegyas  Ares- 
söhne sind,  die  Idee  des  Ares  von  Theben  aus 
gekommen.  Stoll,  Ares  S.  39.  Namentlich  ist 
aus  der  thebanischen  Gründungssage  manches 
in  die  minyeische  Argonautensage  übertragen 
worden:  Iason  erschlägt  wie  Kadmos  einen 
Aresdrachen  in  dem  Haine  des  Ares,  er  pflügt 
wie  Kadmos  das  Feld  des  Ares,  säet  Drachen- 
zähne und  tötet  die  daraus  erwachsenen  ge- 
wappneten Männer.  Das  meiste  hiervon  sind 
dichterische  Ausschmückungen,  die  mit  dem 
Kern  der  Sage  in  nur  losem  Zusammenhänge 
stehen,  wie  auch  die  stymphalischen  Aresvögel 
auf  der  vor  Aia  gelegenen  Insel  Aretias,  wo 
die  Amazonenköniginnen  Otrere  und  Antiope 
dem  Ares  einen  Tempel  gebaut  hatten.  Apoll. 
Bhod.  2,  385.  — Deutung.  Da  Ares  als  ein 
uralter  Gott  nicht  wohl  die  blofse  Personifikation 
der  abstrakten  Idee  eines  Kriegsgottes  sein 
konnte,  so  hat  man  vielfach  in  seinem  Wesen  re- 
ellere Bezüge  zur  Natur  gesucht;  da  sich  aber 
für  solche  Untersuchungen  nur  rrnbestimmte  und 
vieldeutige  Momente  in  Sagen  und  Kultus  fin- 
den, so  sind  die  Resultate  verschieden  und 
unsicher.  Die  Einen  legen  ihm  die  ursprüng- 
liche Bedeutung  eines  tobenden  Sturmgottes 
der  Luft  bei  {Preller , Gr.  Mythol.  1.  S.  266), 
andre  fassen  ihn  allgemein  als  Himmelsgott 
{Lauer,  Syst.  d.  Gr.  Mythol.  S.  242),  als  Licht- 
gott {Schwenck,  Mythol.  d.  Gr.  S.  224),  als 
Sonnengott  {Welcher,  Gr.  Götterl.  1.  S.  415. 
üschold,  Zeitschr.  f.  Altertumsw.  1842.  S.  359. 
Dilthey,  Jahrb.  d.  V.  v.  Alterthums  fr . i.  Rheinl. 
Heft  53,  S.  4lff.  vgl.  Gott.  Gel.  Anz.  1874  S.  1402f. 
Voigt,  Beitr.  z.  Myth.  d.  Ares  u.  d.  Athena. 
Leipz.  Studien  4,  239  f.);  wieder  andere  ( H . D. 
Müller,  Ares  1848.  Stoll,  die  ursprüngl.  Be- 
deutung des  Ares  1855)  als  einen  der  chthoni- 
schen  Götter,  welche  sich  durch  ihr  Wirken 
aus  der  dunkeln  Tiefe  der  Erde  als  Leben 
und  Segen,  andrerseits  als  Tod  und  Verderben 
bringende  Mächte  erweisen.  Andeutungen  der 
ersten  Art  sind  enthalten  in  der  Sage  vom 
’Aepvuog,  vielleicht  auch  in  dem  Epitheton 
®t]Q£L zag;  der  Ares  rvvcaxo&oi'vctg  mit  seinem 
Frauenfeste  scheint  eine  Beziehung  auf  die 
fruchtbare  gebärende  Natur  zu  haben , Stoll 
S.  18.  Deutlicher  tritt  die  furchtbare  verderb- 
liche Seite  des  clrthonischen  Gottes  hervor, 
namentlich  in  der  Urgeschichte  Thebens.  Der 
Zorn  des  Ares  suchte  das  unglückliche  Land 
und  sein  Königshaus  heim  durch  Unheil  jeg- 
licher Art , durch  Mifswachs  und  Hungersnot, 
Pest,  Mord  und  Krieg  und  vielfache  sittliche 
Irrungen,  und  da  die  thebanischen  Kriegsge- 
schichten ein  Hauptgegenstand  für  das  vorhome- 
rische Epos  waren,  wie  man  aus  Homer  selbst  er- 
kennt {II.  4,  365 ff.  vgl.  5,  800 ff.  10,  283ff 
14,  113  ff.  23,  346.  Ocl.  11,  271.  326.  15,  244. 
Vgl.  lies.  Erg.  169 ff.  Stoll  S.  48),  so  ist  Ares 
zu  einem  Kriegsgotte  geworden,  an  welchem 
die  ursprüngliche  Bedeutung  fast  ganz  ver- 
wischt wurde.  Doch  hat  sich  seine  Bedeutung 
als  Pestgott  und  als  Verderber  überhaupt  auch 
noch  später  erhalten.  Besonders  scheint  dein 

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GO  : 


487 


Ares  (Symbole) 

Sophokles  die  alte  Bedeutung  des  Ares  noch 
nicht  ganz  entschwunden  zu  sein.  Soph.  0.  R. 
185.  Aias  254.  70G.  0.  Col.  1386.  El.  1365. 
1400.  Unter  den  Alten  spricht  sich  Artemidor 
Oneirocrit.  2,  34  p.  200f.  ed.  Reiff  über  Ares, 
gewifs  nicht  aus  sich  selbst,  sondern  nach  ei- 
ner verbreiteten  Ansicht  aus,  dafs  er  teils  ein 
über  der  Erde  waltender,  teils  ein  chtlionischer 
Gott  sei.  — Als  Sinnbilder  des  Ares  gelten 
der  Speer,  der  auch  ein  Sinnbild  der  Blutrache 
und  des  Blutgerichts  war  ( Harpocr . v.  snsvsy- 
hsIv  Soqv.  Suid.  v.  "Agsiog  näyog) , und  die 
brennende  Fackel,  mit  der  nach  alter  Sitte 
zwei  Priester  des  Ares  den  zur  Schlacht  schrei- 
tenden Heeren  vorausgingen,  um  sie  dem  Feinde 
als  Zeichen  zum  Kampfe  zuzuschleudern.  Eu- 
rip.  Plioen.  1377.  Schot,  Ygl.  Xenopli.  de  rep. 
Laced.  13,  2.  Unter  den  Tieren  entsprachen 
seinem  Wesen  am  meisten  die  Hunde  (s.  S. 
489  Z.  65)  und  Geier  ( Cornut . 21  extr.),  die 
Gäste  des  Schlachtfelds.  In  betr.  des  Schwanes 
s.  Gott.  gel.  Anz.  1874  S.  1405.  Im  Götter- 
kampf gegen  Typhon  verwandelte  sich  Ares 
fliehend  in  einen  Fisch.  NiJcandros  bei  Anton. 
Lib.  c.  28.  [Stolh] 

Ares  in  der  bildenden  Kunst. 

In  der  bildenden  Kunst  hat  die  Gestalt  des 
Ares  ähnliche  Wandlungen  durchgemacht  wie 
die  des  Hermes  oder  des  Dionysos.  Aus  ei- 
nem bärtigen  vollgerüsteten  wilden  Krieger 
wurde  er  zum  schönen  nackten  Jüngling,  den 
Liebesgedanken  quälen. 


Ares  auf  der  Frangoisvase  in  Florenz  (vgl.  Mon. 
d.  Inst.  4,  57). 


1.  In  der  archaischen  Kunst  pflegt  sich 
die  Erscheinung  des  Ares  nicht  zu  unterschei- 
den von  der  eines  menschlichen  bärtigen  Ho- 


Ares  in  d.  Kunst  488 

pliten  in  voller  Ausrüstung.  So  war  er,  als 
Enyalios  bezeichnet , die  Aphrodite  führend, 
auf  dem  Kypseloskasten  gebildet  {"Aqiqg  onlcc 
ivdsdvtMog  Raus.  5,  18,  5).  So  erscheint  er  auf 
der  altattischen  Francois-Vase  {Mon.  d.  I.  4, 
54tf.)  mit  Aphrodite  zusammen  im  Festzuge 
der  Götter  und  nochmals  bei  der  Scene  der 
Rückführung  des  Hephaistos  in  den  Olymp, 
wo  er  gedemütigt  dasitzt,  da  Dionysos  mit 
io  dem  Weine  erreichte,  was  er  mit  den  Waffen 
nicht  vermochte  (s.  d.  nebenst.  Abbild.),  Und 
auch  sonst  erscheint  er  so  nicht  selten  auf  den 
schwarzfigurigen  altattischen  Vasen;  so  beim 
Kampfe  seines  Sohnes  Kyknos  mit  Herakles, 
wo  er  jenem  beisteht  und  Herakles  bekämpft, 
bis  Zeus  die  beiden  trennt  ( Gerhard , Auserl. 
Vasenb.  Tf.  121  — 124);  ferner  bei  der  Geburt 
der  Athena,  bei  deren  Darstellung  Ares  seiner 
hervorragenden  Stellung  in  Attika  gemäfs  ge- 
20  rade  von  den  altattischen  Malern  der  überlie- 
ferten Komposition  zugefügt  wurde  ( Arcluiol . 
Ztg.  1876,  108  ff.).  Auch  in  den  alten  Dar- 
stellungen der  Gigantomacliie  bat  Ares  öfter 
eine  Stelle  und  zwar,  wie  es  scheint  nicht  nur 
auf  den  Vasen  {Overbeck,  Kunstmyth.  des  Zeus 
S.  354) , sondern  auch  in  der  alten  Giebel- 
gruppe , die  den  Thesauros  der  Megareer  in 
Olympia  schmückte  und  neuerdings  ausgegra- 
ben wurde. 

30  ln  der  Periode  des  strengen  rotfigurigen 
attischen  Vasenstiles  um  Ol.  80  ist  Ares’  Er- 
scheinung zwar  noch  im  wesentlichen  dieselbe, 
doch  tritt  die  Darstellung  der  obenerwähnten 
Sagen  sehr  zurück;  statt  dessen  tritt  zuweilen 
Neues  auf.  So  erscheint  Ares  friedlich  in  der 
Götterversammlung  des  Olympes  neben  Aphro- 
dite gelagert,  mit  dem  langen  ionischen  Chiton 
und  dem  Mantel  bekleidet,  mit  langen  bekränz- 
ten Locken , den  Helm  abgenommen  in  der 
Hand  nebst  der  Lanze  {Monmn.  d.  I.  10,  23.  24, 
Schale  des  Euxitheos  und  Ottos). 

2.  In  der  freien  Kunst  des  5.  Jahr- 
hunderts zeigt  gleich  die  Pheidiasische  Epoche 
eine  bedeutende  Umwandlung  des  Arestypus. 
In  dem  Friese  des  Parthenon  erscheinen  nicht 
nur  Hermes  und  Dionysos,  sondern  auch  Ares 
als  bartloser  Jüngling,  und  zwar  weder  voll- 
gerüstet, noch  im  langen  ionischen  Festge- 
wande , sondern  fast  nackt  und  nur  an  den 
Speer  sich  lehnend  (wohl  mit  Recht  wird  die 
Figur  Michaelis,  Parthenon  Taf.  14  No.  27  von 
Petersen,  Pheidias  S.  251  ft',  und  Flasch,  zum 
Parthenonfries  S.  lOlf.  auf  Ares  gedeutet).  Auch 
zwei  statuarische  Typen,  die  uns  in  späteren 
Wiederholungen  erhalten  sind,  doch  ursprüng- 
lich der  zweiten  Hälfte  des  5.  Jahrhunderts 
angehören,  zeigen  den  bartlosen,  nur  mit  Helm 
und  Lanze  bewaffneten  Gott:  a)  in  dem  einen, 
etwas  älteren  und  strengeren,  steht  der  Gott 
ruhig  auf  dem  rechten  Beine,  die  beiden  Ober- 
arme sind  gesenkt,  das  Haar  hängt  hinten 
noch  in  altertümlichem  Schopfe  in  den  Nak- 
_ ken;  das  Gesicht  hat  strenge  Formen;  gewöhn- 
lich hat  er  die  Chlamys  um  {Schreiber,  Villa  Lu- 
dovisi  S.  219  No.  242;  Benndorf  u.  Schöne, 
Beschr.  des  Laterans  No.  127);  Repliken  ohne 
Kopf  bei  Clarac,  mus.  de  sc.  634  A,  1436A 
und  950,  2445  A.  b)  Der  Gott  steht  auf  dem 


489 


Ares  in  d.  Kunst 


Ares  in  d.  Kunst 


490 


linken  Beine  rirhig,  die  Oberarme  sind  eben- 
falls gesenkt,  er  trägt  die  Lanze,  hat  den  at- 
tischen Helm,  kurzes  Haar,  das  nur  vor  den 
Ohren  länger  herab  fällt,  zuweilen  auch  Bart- 
flaum an  den  Wangen  als  echter  ecprjßo?  (vgl. 
Stark , JBer.  d.  sächs.  Ges.  1860 , S.  181).  Das 
berühmteste  Exemplar  ist  der  „Achill  Borghese“ 

(s.  Figur  2) ; vgl.  Urlichs,  Gruppe  des  Pasquino, 
Bonn  1867,  S.  35 ff.  wo  auch  die  übrige  Litte- 
ratur;  ferner  Dilthey,  Jahrb.  des  Ver.  d.  Altert,  io 
im  Bhcinlande  Heft  53,  S.  32  ff  ; die  Repliken 
S.  86  aufgezählt).  Es  ist  eine  mächtige  gedrun- 
gene Gestalt,  deren  Bildung  den  deutlichsten 
Anschlufs  an  den  Doryphoros  des  Polyklet  zeigt; 
der  Kopf  jedoch  deutet  auf  attische  Umbildung; 


jbwohl  er  Grundzüge  jenes  selben  Typus  be- 
wahrt und  voll  männlicher  Kraft  ist,  so  ist 
ler  Ausdruck  doch  ein  weicher,  in  trübes  Sin-  60 
nen  versunkener;  ein  Kopist  hat,  darin  schwer- 
lich dem  Originale  folgend,  den  Grund  dieses 
Ausdrucks  durch  das  Relief  des  vordem  Helm- 
Schmuckes,  da,  wo  sonst  die  dem  Ares  attri- 
butiven Hunde  erscheinen  (s.  Dilthey  a.  a.  0. 

8.  37)  durch  einen  kleinen  Eros  angedeutet 
Kopf  im  musco  Torlonia  zu  Rom  No.  102;  abg., 
loch  ohne  den  Eros,  Galler.  Giustiniani  2,  45). 


Moderne  Erklärer  wollten  in  dem  Ringe,  den 
er  über  dem  rechten  Fufsknöchel  trägt,  eine 
Fessel  erkennen;  doch  ist  es  wahrscheinlicher 
nur  die  Andeutung  der  Beinschienen  (s.  Ur- 
lichs a.  0.  S.  37) , der  sniacpvQia  Homers 
( r 331  u.  a.). 

3.  Unter  den  statuarischen  Typen,  deren 
Entstehung  wahrscheinlich  später  als  das 
fünfte  Jahrhundert  fällt,  stellen  wir  voran: 
c)  einen  Typus,  der  sich  äufserlich  in  Stellung 
und  Bewegung  an  a)  anlehnt;  doch  ist  aus 
dem  festen  Stande  ein  leichtes  Schreiten  ge- 
worden; die  gesenkte  Rechte  hält  das  Schwert, 
dessen  Scheide  an  der  Seite  hängt;  die  Chla- 
mys  liegt  auf  der  linken  Schulter;  auf  der  lin- 
ken Hand  trägt  er  wahrscheinlich  eine  kleine 
Nike  als  Sieger  in  der  Schlacht;  der  kräftige 
kurzgelockte  Kopf  entbehrt  des  Helmes ; ein 
leichter  Bartflaum  deckt  auch  hier  die  Wan- 
20  gen  (Clarac,  mus.  de  sc.  871,  2219;  633,  1438  A; 
zum  Backenbartflaum  vgl.  Typus  b)  und  Mars- 
köpfe der  Münzen  der  gens  Fonteia  und  lunia). 
Dieser  Typus  ward  auch  für  Diomedes  benutzt 
(Brunn,  Beschr.  d.  Glyptothek  zu  No.  163),  doch 
scheint  die  Bedeutung  als  Ares  die  ursprüng- 
lichere. d)  Der  allgemeinen  Bildung  höherer 
Götter,  wie  Zeus,  Poseidon  u.  a.,  am  nächsten 
steht  ein,  wie  es  scheint,  auch  in  Rom  belieb- 
ter Typus  (vgl.  das  Fastigium  des  Capitolini- 
30  sehen  Tempels  in  dem  Relief  Arcli.  Ztg.  1872, 
Tf.  57  (s.  Figur  3)),  wo  der  Gott  mit  zurück- 
geschobenem korinthischem  Helme  majestätisch 
dasteht , die  Rechte  auf  die  hoch  erhobene 
Lanze  stützend,  in  der  linken  Hand  das  nach 
aufwärts  gerichtete  Schwert,  und  meist  eine 
Chlamys  umgeworfen.  Ein  bedeutenderes  sta- 
tuarisches Exemplar  des 
Typus  ist  uns  nicht  er- 
halten; er  erscheint  in- 
40  des  öfter  auf  Münzen, 
die  ein  solches  voraus- 
setzen lassen  (s.  Dilthey 
a.  a.  0.  S.  28);  auch  in 
kleinen  Bronzen  (die 
treffliche  von  Dilthey 
ebda.  Tf.  11  u.  12  publi- 
cierte  Statuette  gehört 
wahrscheinlich  hierher, 
indem  der  wohl  nur  ver- 
50  bogene  Arm  den  Speer 
gehalten  haben  wird). 
e)  Wahrscheinlich  in  der 
zweiten  Hälfte  des  vier- 
ten Jahrhunderts  ist 
das  Original  der  uns 
in  dem  bekannten  Ares 
Ludovisi  vorliegenden  Komposition  entstan- 
den (s.  Fig.  4).  Hier  sehen  wir  wirklich  den 
verliebten  Ares,  während  aus  dem  Typus  b) 
wahrscheinlich  nur  die  Auffassung  des  Ko- 
pisten einen  solchen  hat  machen  wollen.  Er 
blickt  sinnend  in  die  Ferne;  ein  kleiner  Eros 
ist  spielend  ihm  zuFiifsen;  von  einem  zweiten 
seiner  linken  Seite  scheinen  Spuren  vor- 


Mars  (vom  Capit.  Fasti- 
gium). 


handen  (vgl.  Schreiber,  Beschr.  d.  Villa  Ludo- 
visi, S.  82 tf.  No  63).  Der  stilistische  Charak- 
ter zeigt  deutliches  Anlehnen  an  Lysippische 
Kunst,  namentlich  im  Körper,  während  der 


491 


Ares  in  d.  Kunst 


Ares  in  d.  Kunst 


492 


Kopf  jenen  Charakter  etwas  der  attischen 
Weise  nähert  und  verfeinert.  Ein  spezieller 
Anschlufs  des  Typus  an  den  des  Ares  im  fünf- 
ten Jahrhundert  ist  nicht  erkennbar,  f)  Noch 
eines  charakteristischen  Typus , der  Lysippi- 
scher  Richtung  entsprungen  ist,  mag  hier  ge- 
dacht sein , obwohl  er  nur  in  einer  kleinen 


Ares  Ludovisi,  Marmorstatue  in  Villa  Ludovisi  in  Rom. 
(Nach  einer  Photogr.). 


Bronze  (abg.  bei  Dilthey  a.  0.  Tf.  9 u.  10  und 
Sachen,  Bronzen  in  Wien  1 , 44)  erhalten  ist.  so 
Es  erscheint  nämlich  der  jugendliche  lockige 
Gott  mit  dem  zurückgeschobenen  korinthischen 
Helme  in  derselben  schwankend  elastischen 
Stellung  und  denselben  Proportionen  wie  der 
Lysippische  Apoxyomenos  und  dazu  in  einer, 
momentanen  Situation,  nämlich  im  Begriffe 
das  in  der  erhobenen  Rechten  gehaltene  Schwert 
in  die  mit  der  Linken  gefafste  Scheide  herabzu- 
stofsen.  — Der  Lysippische  Gesichtstypus  bleibt 
für  Ares  in  der  hellenistischen  und  römischen  so 
Zeit  beliebt;  für  die  letztere  zeugen  nament- 
lich einige  Bronzebüsten  (bei  Dilthey  a.  a.  0. 
Tf.  1 — 8 abg.).  Es  ist  Ares  als  lockiger  schö- 
ner Jüngling  mit  dem  Helme,  im  Gesichte 
mit  einem  gewissen  unbefriedigt,  unruhig  und 
sehnsuchtsvoll  hinausstrebenden  Ausdruck.  — 
g ) Endlich  nennen  wir  einen  häufigen,  doch  weder 
ursprünglich  noch  später  dem  Ares  allein  zu- 


gehörigen Typus,  den  eines  nackten  weitaus- 
schreitend vorstürmenden  Kriegers.  Das  Mo- 
tiv erscheint  schon  auf  attischen  Grabreliefs 
und  griechischen  Münzen  der  besten  Zeit,  doch 
für  gewöhnliche  Sterbliche  oder  Heroen.  Auf 
mehreren  Münzen,  besonders  denen  der  Brut- 
tier und  Mamertiner,  ferner  in  kleinen  Bron- 
zen deutet  man  jedoch  die  Figur  mit  Recht 
auf  Ares  (s.  Dilthey  a.  0.  S.  24ff.).  h)  Wie 
Ares  hier  zu  Fufs  in  den  Kampf  stürmt,  so 
thut  er  es  auch,  gleich  den  Kriegern  der  He- 
roenzeit, d.  h.  auf  einem  von  Rossen  gezoge- 
nen Wagen.  Nicht  nur  Schriftsteller  schildern 
ihn  so  (vgl.  Preller,  gr.  Myth.3  1,  265  Anm.  3); 
auch  die  Darstellungen  der  Gigantomachie  auf 
einer  schönen  attischen  Vase  vom  Anfang  des 
vierten  Jahrhunderts  ( Monum . grecs  de  l'asso- 
ciation  des  et.  grecs  1875  pl.  2:  Ares  ausnahms- 
weise bärtig  und  in  langem  Gewände)  und  auf 
den  kolossalen  Reliefs  des  Pergamenischen 
Altars  (die  Gruppe  5 auf  S.  63  des  vorl.  Be- 
richts über  die  Ausgrab,  zu  Pergamon  darf  mit 
völliger  Sicherheit  auf  Ares  bezogen  werden) 
zeigen  Ares  zu  Wagen  in  der  Schlacht. 

Vereinzelt  steht  ein  Torso  in  Madrid  (abg. 
b.  Stark,  Berichte  d.  sächs.  Ges.  1864.  Tf.  1.  S. 
1 7 3 ff . ; in  Abgüssen  verbreitet),  wo  Ares  auf 
der  linken  Schulter  die  Aigis  trägt,  offenbar 
in  Anlehnung  an  die  Verallgemeinerung  der 
Aigis  in  der  späteren  Kunst,  wo  sie  auch  Köni- 
gen und  Imperatoren  zugeteilt  wird  und  zu- 
gleich vielleicht  in  Erinnerung  an  die  alte 
Naturbedeutung  des  Ares.  Der  Torso  ist  üb- 
rigens von  sehr  mittelmäfsiger  später  Aus- 
führung, während  der  Typus  namentlich  des 
Gesichtes  ein  strengerer  ist. 

Wir  sahen,  dafs  Ares  schon  seit  derPheidi- 
asischen  Epoche  bartlos  oder  nur'mit  einem 
Flaume  versehen  gebildet  zu  werden  pflegte ; 
gleichwohl  erscheint  er  auch  in  späterer  Kunst 
zuweilen  noch  bärtig.  Ein  nicht  unwichtiges 
Beispiel  attischer  Kunst  auf  einer  Vase  mit 
der  Gigantomachie  aus  dem  4.  Jahrh.  erwähn- 
ten wir  soeben.  Interessant  für  den  gleich- 
zeitigen Gebrauch  beider  Typen  neben  einan- 
der sind  zwei  Serien  von  Münzen  der  Bruttier, 
alle  etwa  aus  dem  dritten  Jahrh.  vor  Chr. : 
Die  eine  a)  zeigt  einen  bärtigen  schönen  Kopf, 
offenbar  den  des  Ares,  mit  greifengeschmücktem 
Helm  (auf  dem  Revers  Nike  oder  die  eilende 
Athena) ; b)  die  andere  zeigt  den  jugendlichen 
bewaffnet  vorstürmenden  Ares  ohne  Bart  (auf 
der  andern  Seite  Zeuskopf.). 

Auch  in  voller  Rüstung  tritt  Ares  verein- 
zelt noch  in  der  späteren  Kunst  auf  (vergl. 
Wieseler,  Denhn.  a.  K.  2,  246  a u.  b.  247;  251). 

Die  Mythen,  in  denen  Ares,  wie  oben  er- 
wähnt , in  der  archaischen  Kunst  erscheint, 
treten  später  mit  Ausnahme  des  Gigantenkam- 
pfes ganz  zurück.  Dafür  wird  sein  Verhältnis 
zu  Aphrodite  ein  Lieblingsgegenstand  der  Kunst, 
vor  allem  in  römischer  Zeit  (vgl.  namentlich 
Ilincli  in  den  Annali  dell'  inst.  arch.  1866,  98  ff. 
s.  auch  S.  406).  Die  schönsten  und  bedeutendsten 
Zeugnisse  haben  wir  dafür  in  den  mannig- 
fachen, zum  Teil  wohl  noch  auf  hellenistische 
Vorbilder  zurückgehenden  Kompositionen  der 
Wandbilder  der  verschütteten  campanischen 


üno( 


totl 


- 


493 


Arestkanas 


Arethusa 


494 


Städte  (s.  Helbig , Wanägetn.  d.  Städte  Camp. 
No.  313  ff.  Sogliano,  pitt.  murali  Campcme  scop. 
da  1867 — 79  No.  133ff.  Dazu  Annali  d.  Inst. 
1875  tav.  B,  p.  15 ff.  \Dilthey]).  Die  statuari- 
schen Gruppen  von  Aphrodite  und  Ares  sind 
dagegen  nur  späte  äufserliche  Zusammenstel- 
lungen älterer,  als  Einzelwerke  komponierter 
Motive  (s.  Clarac.  mus.  de  sc.  634,  1428  u.  1430; 
326,  1431). 

Blicken  wir  zurück,  so  erkennen  wir  zwar, 
wie  vielen  Schwankungen  und  Veränderungen 
die  Bildung  des  Ares  je  nach  Geschmack  der  Zeit 
und  nach  Richtung  der  jeweiligen  Kunstschule 
ausgesetzt  war,  aber  doch  auch,  dafs  gewisse 
Züge  seit  der  Periode  der  freien  Kunst  überall 
durchgehen;  es  ist  Ares  der  vollausgewachsene 
kräftige  Jüngling,  etwas  älter  schon  als  Her- 
mes, dem  er  sonst  am  nächsten  steht;  im  gei- 
stigen Ausdrucke  aber  ist  es  dem  Ares  durch- 
aus eigen,  dafs  neben  Kraft  und  Energie  auch 
eine  gewisse  düstere  Melancholie  oder  ein  Zug 
unruhigen,  unbefriedigten  Daseins  hergeht. 

[A.  Furtwängler.] 

Arestlianas  {AgiaQ-dvag) , der  Ziegenhirt, 
der  im  Lande  der  Epidaurier  den  neugebornen 
Asklepios  fand,  Paus.  2,  26,  4.  Preller,  Myth. 

1,  426,  s.  Asklepios.  [Stoll.] 

Arestor  ( ’Aqsgzcoq ),  1)  Sohn  des  Phorbas, 
Vater  des  Argos  Panoptes  ( Pherelcydes  b.  Schol. 
Eurip.  Phoen.  1116  u.  Apollod.  2,  1,  3.  Ov. 
Met.  1,  624.  Serv.  Verg.  Aen.  7,  790),  Gemahl 
der  Mykene,  der  Tochter  des  Inachos  ( Grofse 
Eoeen  bei  Paus.  2,  16,  3.  Schol.  Od.  2,  120), 
Vater  der  Io,  Charax  bei  Anonym,  de  incred. 

5,  Sohn  des  Ekbasos,  Enkel  des  Argos,  Vater 
des  aus  Argos  nach  Arkadien  ausgewanderten 
Pelasgos,  Charax  b.  Steph.  Byz.  v.  nagoaeta. 

— - 2)  Ein  Inder,  Nonn.  Dion.  35,  379.  — 3) 
Vater  des  im  Kriege  des  Bakchos  gegen  die 
Inder  gefallenen  Knossiers  Oplieltes,  Nonn.  Dion.  40 
17,  85.  [Stoll.] 

Areta  (’Aqstu),  Weib  des  Alkimos,  deren 
Grrabmal  der  gleichnamige  Flufs  im  Gebiet 
ron  Kroton  umflofs,  Et.  M.  p.  138,  24  nach 
Philochoros.  Sylb.  schreibt  hier  Aggz rj  u.  ’AXhi- 
i’oog.  [Stoll.] 

Aretaon  (’Agszdav),  ein  Troer,  von  Teukros 
jrlegt,  II,  6,  31.  Tzetz.  Hom.  117.  [Stoll.] 

Arete  (Agi/pri),  l)Gemahlin  desPhaiakenkönigs 
\lkinoos,  Tochter  seines  Bruders  Rhexenor,  Od. 
7,54ff.  Hesiod  nannte  sie  eine  Schwesterdes  Al- 
iinoos,  Schol  u. Eust.  zu  Od.  7,54.  Eine 
duge,  würdevolle  Frau,  hochgeehrt 
.’on  ihrem  Gemahl,  ihren  Kindern 
md  dem  ganzen  Volke,  von  grofsem 
'üinflufs  im  königlichen  Hause  wie 
»ei  dem  Volke,  Od.  6,  305  ff.  7,  6 6 ff. 
durch  sie  erhielt  Odysseus  im  Königs- 
lause  freundliche  Aufnahme  und  das 
Versprechen,  dafs  die  Phaiaken  ihn 
lach  der  Heimat  bringen  würden, 
he  wirkt  aber  bei  Homer  für 
hren  Schützling  in  echt  weiblicher 
Weise,  nicht  laut  und  herrschend, 
fondern  durch  die  stille  Macht 
hres  Ansehens  und  ihrer  Würde, 

Vitzsch  zu  Od.  7,  75 — 77.  Ihrem  Einfiufs  ge- 
ang  es  auch , dafs  Medeia , als  sie  auf 


ihrer  Flucht  von  Kolchis  mit  Iason  nach 
Scheria  kam,  den  von  Aietes  zur  Verfolgung 
nachgeschickten  Kolchiern  nicht  ausgeliefert 
wurde.  Ap.  Bk.  4,  1010—1222.  Orph.  Arg. 
1311  ff.  Apollod.  1,  9,  25.  Tzetz.  L.  175  p.  440 
Müller.  Hyg.  f.  23.  Vgl.  Areta,  Alkinoos,  Ar- 
gonautai.  [Stoll.] 

Arete  (’AQSzrj),  1)  Personifikation  der  dgszrj 
in  kriegerischem  und  ethischem  Sinne,  nahe 

10  verwandt  mit  der  Idee  der  Athene.  Sie  wird 
aufgeführt  in  der  bekannten  Allegorie  des  Pro- 
dikos von  Herakles  am  Scheidewege,  Xenoph. 
Mein.  Socr.  2,  1,  21  ff.  S.  die  Kunstdarstellungen 
b.  Müller,  Handb.  d.  Arch.  § 411,  6.  Am  Grabe 
des  Telamoniers  Aias  sitzt  ’Aqszcc,  trauernd, 
dafs  bei  dem  Streit  des  Aias  und  Odysseus 
um  die  Waffen  des  Achilleus  die  ’Anüzci  über 
sie  gesiegt  hat,  Epigr.  d.  Asklepiades  in  Anth. 
Pal.  7,  145.  Ihr  Bild  war  auf  dem  Schilde 

20  des  Achilleus,  Quint,  Sm.  5,  50 ff.  Über  bildl. 
Darstellungen  der  Arete  s.  Welcher,  Ann.  d. 
Inst.  4,  385.  Müller,  Handb.  d.  Arch,  § 405, 
3 (Hellas,  von  Arete  bekränzt,  Gruppe  des 
Eupliranor).  Vgl.  auch  C.  I.  Gr.  2786.  — 2) 
(Zeus)  Soter  zeugte  mit  seiner  Schwester  Pra- 
xidike  einen  Sohn  Ktesios  und  die  Töchter 
Homonoia  und  Arete,  welche  nach  ihrer  Mut- 
ter nga^iSUai  genannt  wurden,  Suid.  v.  Ilga- 
^löi-sg.  [Stoll.] 

30  Arethusa  (’Aqs&ovgcc)  , 1)  eine  der  Hespe- 
riden,  Apollod.  2,  5,  11  (wo  auch  ’EQt&ovßa 
gelesen  wird).  Serv.  Verg.  Aen.  4,  484.  — 2) 
Eine  Nereide  {Hyg.  Praef.  p.  29  Bunte),  Nymphe 
einer  Quelle  in  Elis  und  auf  der  Insel  Ortygia 
zu  Syrakus,  s.  Alpkeios.  Ihr  Kopf,  mit  schilf- 
durchfloclitenem  oder  im  Netz  getragenem  Haar 
und  von  Fischen  umgeben,  auf  Münzen  von 


Arethusa,  alte  Münze  v.  Syrakus  (vgl.  Müller-  Wieseler, 
Denkm.  a.  K.  1,  Taf.  Iß  no.  78). 

50  Syrakus  in  verschiedenen  Typen  vom  ältesten 
bis  zum  vollendetsten  und  elegantesten  Stil, 


Arethusa,  Münze  v.  Syrakus  (vgl.  Müller -Wieseler,  Denkm.  a.  K,  1, 

Taf.  42  no.  197). 

z.  B.  Müller,  Denkm.  a.  K.  1 n.  78.  197.  198. 
Überhaupt  ist  Arethusa  ein  häufig  Vorkommen- 


495 


Aretias 


der  Quellname,  der  den  Segen  des  quellenden 
Wassers  ausdrückt,  Herodian.  dict.  sol.  p.  13, 

4.  Steph.  Byz.  v.  ’Ags&ovoa.  — B)  Tochter  des 
Herileos  (Hesperos?  Nereus?),  von  Poseidon 
Mutter  des  Abas,  nach  welchem  Euboia  Aban- 
tis  hiefs,  Hyg.  f.  157.  Steph.  Byz.  v.  ’Aßcevzlg. 

— 4)  Tochter  des  Abas,  Schwester  des  Alkon 
und  Dias,  welcher  in  Euboia  Athenai  Diades 
gründete.  Nach  ihr  war  wohl  die  Quelle  Are- 
tliusa  bei  Chalkis  (oder  die  gleichnamige  Stadt 
in  Euboia,  Baumeister,  Euboia  p.  45,  22)  be- 
nannt. Steph.  Byz.  v.  ’A&rjvcu.  — ■ 5)  Ithake- 
sierin,  deren  Sohn  Korax  auf  der  Jagd  durch 
den  Sturz  von  einem  Felsen  den  Tot  fand. 
Der  Fels  erhielt  den  Namen  Fels  des  Korax; 
Arethusa  aber  erhängte  sich  aus  Trauer  an 
einer  nahen  Quelle,  die  nach  ihr  benannt  ward. 
Eust.  u.  Schot,  zu  Od.  13,  408.  — 6)  Kreterin, 
welche  dem  Thersandros  am  Flusse  Lethaios 
den  vor  Troja  von  Aineias  getöteten  Hyllos  2 
gebar,  Quint.  Sm.  10,  80.  — 7)  Ein  Hund 
des  Aktaion,  Hyg.  f.  182.  [Stoll.] 

Aretias  (Aggzidg),  die  Insel,  auf  welcher  die 
Argonauten  (s.  d.)  die  Söhne  des  Phrixos  treffen. 
(Ap.  Bh,  2 Schlufs).  Auf  ihr  hausen  die  'arei- 
schen’  (Ap.  Bit,  2,  1033),  todbringenden  Stym- 
phaliden,  die  'aliminae  Martis ’ ( Serv . Aen.  8, 
300),  vgl.  Bhcin.  Mies.  37  S.  308.  Wie  schon 
der  Name  andeutet,  war  Ares  (St.  ’Agqz-)  Herr 
der  Insel,  die  ursprünglich  wohl  das  Toten-  3 
reich  der  Aresreligion  darstellt  nach  der  weit 
verbreiteten  Auffassung  des  Jenseits  als  Insel: 
vgl.  H.  I).  Müller,  cAres’  S.  101.  K.  Tümpel, 
r Ares  und  Aphrodite ’ Fleckeis.  Jahrbb.  Suppl. 
11  S.  708 ff.  Später  wurde  sie  lokalisiert  an 
der  Küste  von  Pontos  (Arr.  peripl.  § 16,  4 u.  a.) 
und  als  irdisches  Reich  gefafst.  Sie  soll  dann 
von  Otrera  (s.  d.) , der  Tochter  des  Ares,  be- 
siedelt worden  sein  (nach  Timaget.  Schot.  Apoll. 
Bhod.  2,  1031  = Müller,  FHG  4 p.  520);  als  4 
ihre  Herrscher  werden  genannt  Askalaphos 
und  Ialmenos  (s.  d.) , Söhne  des  Ares.  Vgl. 
O.  Müller,  Orchom.  S.  283.  [Crusius.] 

Areto  (’Agszco),  Amazone  auf  einer  Hydria: 
Bröndsted,  Vases  of  Campanari  No.  28  [vgl. 
G.I.Gr.  7573.  7676.]  [Roscher  u.  Klügmann.J 

Aretos  (Aggzog),  1)  Sohn  des  Priamos,  von 
Automedon  erlegt,  II.  17,  494.  517.  Apollod. 

3,  12,  5 (Arretos).  — 2)  Sohn  des  Nestor,  Od. 

3,  414.  Apollod,  1,  9,  9.  — 3)  Sohn  des  Bias  5 
und  der  Pero,  Bruder  des  Perialkes  und  der 
Alphesiboia,  Pherekydes  b.  Schot.  Od.  11,  287. 

— 4)  Heerführer  des  Bakchos  in  Indien,  Norm. 
Ilion.  32,  188.  — 5)  Ein  Bebryker , von  dem 
Argonauten  Klytios  im  Kampfe  getötet,  Ap. 
Iih.  2,  65.  114!  117.  [Stoll.] 

Argaios  ( Argqeus ) hiefs  Justin.  13,  7 nach 
früherer  Lesart  ein  Sohn  des  Apollon  und 
der  Kyrene,  Bruder  des  Nomios,  Aristaios  und 
Autuchos;  jetzt  wird  dort  richtiger  Agreus  e 
(’Aygsvg)  gelesen  nach  Find.  Pyth.  9,  65.  Diod. 

4,  81.  Ap.  Bh.  2,  507.  S.  Aristaios  und  Ag- 
reus. — 2)  Jüngster  Sohn  des  Temenos,  Paus. 
2,  28,  3,  s.  Deiphontes.  — 3)  Beiname  des  Zeus 
in  Kappadokien,  Eckhel  D.  N.  3,  189.  Ger- 
hard, gr.  Myth.  1.  § 198,  3.  [Stoll.  | 

Ai’galos  (Agycdog),  Sohn  des  Amyklas  und 
dessen  Nachfolger  in  der  Herrschaft  über  Lake- 


Argei  496 

daimon,  Bruder  des  Kynortas  und  Hyakinthos 
Paus.  3,  1,  3.  [Stoll.] 

Arge  (’Agyri),  1)  Eine  Jägerin,  die,  weil  sie 
einem  vor  ihr  fliehenden  Hirsch  zurief,  sie  wolle 
ihn  einholen , wenn  er  auch  die  Schnelligkeit 
der  Sonne  hätte,  vom  Sonnengott  aus  Zorn  in 
eine  Hirschkuh  verwandelt  ward,  Hyg.  f.  205. 
Gerhard,  auserl.  Vasenbilder  2 S.  52  fl.  Preller, 
gr.  Myth.  2,  197.  — 2)  Eine  hyperboreische 
Jungfrau,  welche  mit  der  Jungfrau  Opis  nach 
Delos  gekommen  war  und  dort  gleich  dieser 
an  ihrem  Grabe  verehrt  und  in  Hymnen  an- 
gerufen wurde,  Ilerodot.  4,  35.  Müller,  Dorier 
1,  369.  Welcher,  gr.  Götterl.  2,  351.  Sclmartz, 
de  ant.  Apoll,  not.  53.  Lauer , System  266. 
289.  Preller,  gr.  Myth.  1,  239,  1.  Gerhard, 
Myth.  1.  § 320.  — 3)  Kretische  Nymphe,  von 
Zeus  geliebt,  Plut.  de  fluv.  16,  3.  — 4)  Hund 
des  Aktaion,  Hyg.  f.  181.  [Stoll.] 

Argei.  Überlieferung:  a)  Nach  Varro  de 
l.  1.  5,  45 — 54  lagen  siebenundzwanzig  oder 
besser  (vgl.  Boeper  lucubr.  pontif.  P.  1.  Ged. 
1S49.  p.  19 fl'.  Marquardt,  B.  A.  4,  200. 
Jordan,  Top.  2 p.  238.  Müller,  Festus  p.  385, 
vgl.  jedoch  Dionys.  1 , 38)  nach  7 , 44  vier- 
undzwanzig Argea  oder  Argeorum  sacella  oder 
sacraria  rings  in  den  vier  ältesten  latinisch- 
sabiiiischen  Regionen  Roms  verteilt;  diese  Ar- 
gea sind  vielleicht  mit  Mommsen  ( inscr . lat. 
ant.  p.  393  f.)  als  Mittelpunkt  der  Compita  zu 
betrachten,  wozu  sowohl  die  Worte  des  Varro 
a.  a.  O.  Beliqua  Urbis  loca  olim  discreta,  quom 
Argeorum  sacraria  in  septem  et  XX  partis  ur- 
bis sunt  disposita  stimmen  würde  u,  als  auch 
die  aus  den  Inschriften  meist  ersichtliche  Lage 
auf  erhöhten  Punkten,  wie  solche  auch  sonst 
als  Mitte  der  Ortschaften  betrachtet  zu  wer- 
den pflegen. 

b ) Zu  jedem  dieser  sacella  zogen  nun  die 
Einwohner  des  betreffenden  Quartiers  am  16. 
und  17.  März  ( Ooid . Fast.  3,  791,  vgl.  En- 
nius , frg.  123 — 124  ed.  Vahlen.)  Dafs  sich 
dabei  schon  die  Fiaminica  Dialis  in  Trauer 
beteiligt  habe,  ist  aus  der  Übereinstimmung 
der  Worte  des  Ovid:  itur  ad  Argeos  und  des 
Gellius  n.  a,  10,  15  cum  it  ad  Argeos  schwer- 
lich zu  schliefsen  (vgl.  Plut.  Q.  B,  86.) 

c)  An  den  Iden  des  Mai  (Dion.  1,  38,  97. 
Ovid.  Fast.  5,  621),  d.  h.  am  15.  (nicht,  wie 
bei  Grimm,  Marquardt,  Preller  und  Mannhardt 
im  Texte  steht,  am  13.),  wurden  dann  24  aus 
Binsen  geflochtene  Menschengestalten  (Varro 
de  l.  I,  7,  44.  Dion.  1,  38  nennt  30),  die  eben- 
falls Argei  hiefsen,  mit  gebundenen  Händen 
und  Füfsen  durch  die  Vestalinnen  vom  pons 
sublicius  herab  in  den  Tiber  gestürzt  (Paul. 
Diac.  p.  15.  Fest.  p.  143,  16).  Bei  dieser  Cere- 
monie,  die  Plut.  Qu.  Born.  86  zbv  gl yiazov 
zäv  yKx&agycbv  nennt,  waren  die  Pontifices, 
nachdem  sie,  wie  stets  an  den  Iden,  ein  weifses, 
weibliches  Lamm  geopfert,  so  wie  die  Prä- 
toren und  Vollbürger  anwesend  (Dion.  a.  a.  0. 
Ovid.  Fast.  1,  56.  Paul.  Diac.  p.  104,  17). 
Auch  erschien  die  Fiaminica  Dialis  mit  trauern- 
der Miene,  ungekämmt  und  ungewaschen  (s.  o.). 

d)  Das  Opfer  wurde  dem  Saturnus  (Lact. 
I.  1,  21,  6 u.  epit.  ad  Pcntad.  23,  2.  Ov.  Fast. 
5,  627.)  oder  Kgovog  (Dion.  a.  a.  O.)  oder  dem 


Dis  pater  ( Festus  p.  334.  "Alöt\ g nach  Macrob.  1, 
| 7,  28)  dargebracht,  und  man  erzählte,  es  seien 
in  alter  Zeit  Greise  von  60  Jahren  in  den 
Flufs  gestürzt  worden,  bis  Hercules  diese  Sitte 
abgeschafft  und  durch  das  Opfer  der  Biusen- 
idole  ersetzt  habe.  Es  wird  dann  auch  eine 
etymologische  Sage  aufgeführt,  nach  der  die 
Argei  mit  den  argivischen  Begleitern  des  Her- 
cules identisch  wären  ( Macrob . a.  a.  0.  u.  1, 
11,  47.  Fest.  a.  a.  0.  Ovid.  Fast.  5.  650—660. 
R.  Sachs,  die  Arg.  2 p.  3 ff.).  Obwohl  man 
also  in  späterer  Zeit  die  eigentliche  Bedeutung 
dieses  Brauches  nicht  mehr  kannte , hat  er 
sich  doch  sehr  lange  erhalten;  gewifs  fand  das 
Opfer  noch  in  der  ersten  Hälfte  des  zweiten 
Jalirh.  n.  Chr.  statt  ( Plut . Qu.  R.  32). 

Deutung:  a ) Grimm  D.  31.  p.  733  Anm. 
4 vergleicht  das  Tod-  resp.  Winteraustragen 
zu  Lätare,  wogegen  Preller,  R.  AI.  p.  516,  2 
mit  Recht  erinnert,  dafs  dem  die  Jahreszeit 
nicht  entspricht.  Preller  denkt  an  das  jähr- 
liche Opfer,  das  der  Stromgott  oder  die  Nixe 
an  vielen  Orten  verlange.  Mannhardt,  a.  W.- 
u.  F.-K.  p.  269  ff.  stellt  das  Argeeropfer  den  Mitt- 
i sommerbräuchen,  d.  h.  dem  Hinaustragen  des 
sterbenden  Frühlingsdämons  (Jarilo)  und  seiner 

! Wassertauche,  einem  Regenzauber,  gleich,  wo- 
bei er  eine  Verschiebung  aus  dem  Hochsommer 
in  den  Mai  durch  Beziehung  auf  die  Vestalien 
wahrscheinlich  zu  machen  sucht. 

b)  Diese  Annahme  ist  aber  durchaus  un- 
nötig, da  andere  Gebräuche  beweisen,  dafs  der 
Erntebeginn  wirklich  im  Mai  gefeiert  wurde. 

IVgl.  Serv.  Verg.  Ruc.  8,  82.  Uenzen,  acta  fr. 
Arv.  p.  26 ff.  Preller  R.  31.  p.  426  Anm.  3.  — 
Man  denke  auch  an  die  im  Mai  gefeierten  at- 
tischen Thargelien  und  vergl.  A.  Mommsen, 
gr.  Jahreszeiten  1 p.  41,  p.  54  u a.) 

c )  Demnach  ist  das  Argeeropfer  auch  ohne 
solche  Verschiebung  als  ein  vorbedeutender 
Erntegebrauch  zu  fassen,  bei  dem  wohl  ur- 
sprünglich wirklich,  wie  die  Sage  angiebt,  der 
Tod  des  Getreidedämons  durch  den  eines  Men- 
i sehen  zugleich  symbolisch  dargestellt  und  ge- 
sühnt wurde.  Es  wäre  dann  zunächst  neben 
die  porca  praecidanea , sowie  das  praemetium 

Izu  stellen;  denn  nur  durch  diese  Nebenbedeu- 
tung einer  Bufse  erklärt  sich,  dafs  jedes  Com- 
pitum  ein  solches  Opfer  stellte,  und  also  auch 
in  jedem  derselben  (vielleicht  im  Mittelpunkte 
s.  o.)  eines  der  Argea  lag. 

d)  Bei  der  Einstimmigkeit  der  Überlieferung 
müssen  wir  also  annehmen,  dafs  dabei  Greise 
von  über  sechzig  Jahren  in  den  Flufs  gestürzt 
wurden  {Paul.  I)iac.  p.  75.  Festus  p.  334.  Varro 
bei  Nonius  p.  61a  G.  u.  p.  145b.  Lactant.  epit. 
ad  Pentad.  23,  2.  Vgl.  Dion.  1,  38.  Prudent. 
c.  Symmach.  2,  295.  Cicero  pro  Roscio  Am. 
35, 100.  Gatull.  1 7,  8,  23.  Siehe  auch  Wagner, 
Lüneburger  Pr ogr.  1831.  Rüper  p.  13  ff.  Schweg- 
ler 1,  382.  Marquardt  R.  A.  4 p.  202  Anm. 
1213),  ein  Gebrauch,  für  den  sich  auch  in  der 
Urgeschichte  anderer  Nationen  vielfache  Ana- 
logieen  finden  ( J.  Grimm,  d.  Rechtsalt.  p.  486  ff. 
Schwegler  1,  382  Anm.  20.  Roeper  p.  18.  3Iann- 
1 iardt , Baumle,  p.  364).  Sind  doch  bei  den 
ebenso  von  den  Strafsenquartieren  gefeierten 
Uompitalien  die  aufgehängten  Puppen  u.  s.  w. 


jedenfalls  auch  statt  früherer  Menschenopfer 
eingetreten  {Marquardt  a.  a.  0.);  merkwürdig 
genug  werden  sie  nach  der  Mania  selbst  31a- 
niae  genannt,  wie  Argei  sowohl  die  Binsen- 
männer als  die  sacella,  resp.  die  in  denselben 
verehrte  Gottheit  bezeichnet  {Liv.  1,  21). 

e)  Die  Zahl  24  erinnert  dabei  an  die  der 
palatinischen  und  collinischen  Salier,  so  dafs 
sie  also  auch  als  ein  doppeltes  12  System  zu 
betrachten  wäre,  und,  wie  diese,  ursprünglich 
zur  einen  Hälfte  den  Latinern,  zur  andern  den 
Sabinern  zukommeu  würde,  wofür  auch  die 
Beschränkung  der  Argea  auf  die  Subura,  regio 
Fsquilia,  Collina  und  Palatina  spricht.  Da- 
gegen berichtet  freilich  Festus  p.  334  s.  v. 
Sexagenarios  nach  Alanilius,  einem  Zeitgenos- 
sen des  Sulla,  es  sei  nur  ein  Sexagenarius 
geopfert  worden,  an  dessen  Stelle  die  Binsen- 
figuren getreten  wären,  und  Lactant.  1.  1,  21 
bestätigt  dies  gegen  Ovid,  der  {Fast.  5,  623 
■ — 31)  von  2 solchen  Opfern  spricht.  Wenn 
diese  Beschränkung  der  Zahl  nicht  aus  dem 
auch  sonst  hervortretenden  Streben  der  spä- 
teren Berichterstatter,  diese  Grausamkeit  ihrer 
Vorfahren  abzuleugnen  oder  zu  vermindern 
(vgl.  Non.  Marc.  p.  358b  ed.  G.,  Ovid.  F.  5, 
623  u.  633.  Festus  p.  334b.,  Macrob.  Sat.  1, 
5,  10)  hervorgegangen  ist,  so  dürften  dabei 
verschiedene  Zeiten  in  Betracht  kommen  (Com- 
pita  — Stämme  — Staat;  bei  Ersetzung  durch 
die  Binsenfiguren  ging  man  auf  ersteres  zurück). 

f ) Da  nun  die  Sonne  das  Getreide  belebt, 
aber  auch  wieder  tötet,  so  wird  ihr  das  Opfer 
dargebracht,  so  bei  den  Ioniern  dem  Apollo 
@aQyfßi.o?  (auch  Menschenopfer),  hier  dem 
Saturnus-Kronos , für  welchen  dann,  als  man 
nur  noch  an  die  Ernte  und  den  Tod  dachte, 
Hades  - Dis  pater  eintrat.  Der  Greis  ist  da- 
bei sicher  ein  Bild  des  vertrockneten  Getrei- 
des , wie  ja  auch  Kronos-Saturnus  selbst  als 
Symbol  des  Alters  und  der  verlebten  Natur 
{Preller,  gr.  3Iyth.  1 p.  44)  aufgefafst  wirfl. 

g)  Diese  Opfer  wurden  gewifs,  wie  aus  den 
vielen  von  Mannhardt  beigebrachten  Analogieen 
hervorgeht , ursprünglich  in  frisches  Grün  ge- 
hüllt; als  aber  später  nur  noch  die  Hülle  übrig 
blieb,  ersetzte  man  diese  in  der  Stadt  durch 
die  noch  heute  zu  künstlichen  Flechtereien  in 
Rom  so  vielfach  verwendeten  immergrünen 
Binsen,  aus  denen  sich  leichter  und  eleganter 
eine  menschenähnliche  Gestalt  herstellen  liefs 
(vgl.  Grimm  D.  31.  731.  Mannh.  W.-  u.  F.-K. 
p.  264),  wie  ja  an  anderen  Orten  bei  dem- 
selben Gebrauch  das  Laubwerk  zuletzt  sogar 
nur  noch  durch  grüne  Kleider  angedeutet  wurde 
{3Iannh.  Bk.  p.  317.  368.  426.  448.) 

h)  Ferner  erinnert  das  Hinabstürzen  in  den 
Landesflufs  an  das  Begiefsen  des  Erntemais 
und  des  in  die  letzte  Garbe  eingebundenen 
Schnitters  mit  Wasser  oder  das  Hinabstürzen 
desselben  in  einen  Bach  oder  Teich  {Mannh. 
Bk.  215  u.  a m. ; auch  symbolisches  Ent- 
haupten desselben  kommt  vor),  in  welchen 
Gebräuchen  überall  ein  Regenzauber,  d.  h. 
jedenfalls  das  vorbedeutende  Wiederaufleben 
des  erstorbenen  Getreides  durch  den  Einflufs 
des  Regens  im  nächsten  Jahre  zu  suchen  ist. 
Auf  Menschenopfer  deutet  aber  gewifs  auch 


io 

20 

30 

40 

50 

60 


499 


500 


Argei 

die  Erzählung,  dafs  sich  bei  einer  Hungersnot 
im  Jahre  440  v.  Chr.  viele  Plebejer  freiwillig 
in  den  Tiber  gestürzt  hätten;  wahrscheinlich 
geschah  dieses  aber  nur,  um  die  Getreidegott- 
heiten zu  versöhnen  und  so  die  Hungersnot  zu 
beenden  (Liv.  4,  12.) 

i)  Die  den  Zug  begleitende  Flaminica 
Dialis  vertritt  wohl  die  römische  Stadtflur, 
die  den  Tod  ihrer  Kinder  betrauert,  während 
Yestalinnen  und  Pontifices,  wie  bei  den  For- 
dicidien,  das  Opfer  an  Stelle  des  römischen 
Volkes,  d.  li.  der  dabei  allein  anwesenden 
Vollbürger,  darbringen.  Die  Prätoren  mö- 
gen erst  später,  etwa  seit  Übergang  an  den 
Gesamtstaat,  ebenso  wie  bei  dem  dem  Her- 
cules als  Segen  spendenden  Genius  vom  Praetor 
urbanus  gebrachten  Opfer  an  der  Feier  Anteil 
erhalten  haben. 

k)  Was  dürfte  nun  die  Feier  am  16.  und 
17.  März  bedeuten?  Wenn  wir  bedenken,  dafs 
die  Mamuralien,  d.  h.  die  Austreibung  des  al- 
ten Jahres  oder  des  Winters,  wie  es  sonst 
heifst,  unmittelbar  vorher  (wohl  am  15.  März 
s.  Mar  cp  B.  A.  4 p.  375)  begangen  wurden, 
so  mufs  dieser  Besuch  der  Argeerkapellen,  der 
jedenfalls  mit  einem  Opfer  verbunden  war,  als 
eine  Feier  des  einziehenden  Vegetationsgeistes 
gefafst  werden.  Es  mögen  vielleicht  in  diesen 
sacellis  (ohne  Dach?  vgl.  Fest.  p.  318  u.  319 
s.  v.  sacella)  wirklich  in  alter  Zeit  schon  vom 
16.  März  an  die  Opfer  bereit  gehalten  worden 
sein,  ein  Gebrauch,  der  möglicher  Weise  Ver- 
anlassung zu  der  (ev.  freilich  rein  etymologi- 
schen) Erzählung  von  dem  in  einem  solchen 
festgehaltenen  (daher  arcaea)  und  verborge- 
nen Greise  Veranlassung  gab  (Fest.  p.  334  b 
7).  In  späterer  Zeit  aber  wurden  dann  wohl 
die  Binsenpuppen  daselbst  aufgestellt,  worauf 
aufser  den  Worten  des  Ovid.  F.  3,  791  itur 
ad  Argeos  auch  der  Umstand  deutet,  dafs  die 
sacella  selbst  in  der  priesterlicken  Sprache  (Liv.  1 , 
21)  als  Argei  bezeichnet  werden.  (Vgl.  auch  Glos- 
sar. Labb.  Argiarra  ugud'gv gccra,  ersteres  wohl 
aus  Argea  XXIV).  In  diesem  Falle  wäre  dies 
direkt  mit  der  Aufrichtung  des  Maibaums  in 
jedem  Viertel  oder  jeder  Strafse  zumal  fran- 
zösicher  Städte  zu  vergleichen  (Manrih.  Bk. 
p.  169.) 

T)  Etymologie.  Nach  Göttling , Gesch. 
d.  röm.  Staatsvei-f.  p.  61  bedeutet  Argei  (vgl. 
Festus  p.  334  Argea)  die  Sünden  Abwendenden, 
die  Versöhner  (von  arcere ),  was  bei  der  er- 
schlossenen Bedeutung  der  Argeer  wenig  Wahr- 
scheinlichkeit hat.  Ebensowenig  entspricht 
dem  die  Ableitung  Hartungs  (Bel.  der  Bömer 
2 p.  104)  von  agyos  Ebene,  und  die  Klausens 
(Aen.  u.  die  Pen.  2,  937  ff.)  von  Wurzel  arg  — 
weifs.  Wenn  wir  dagegen  bedenken,  dafs  der 
Getreidedämon  meist  als  Wolf  vorgestellt  wird, 
und  dafs  auch  der  Mensch  oder  die  Garbe,  die 
ihn  vertreten,  gewöhnlich  diesen  Namen  füh- 
ren (Mannhardt , Iioggenwolf  od.  Boggenhund. 
Danzig  1865.  W - u.F.-K.  p.  318  ff.),  so  wäre 
vielleicht  an  das  als  Grundform  für  dieses 
Wort  anzusetzende  varka-s  zu  denken.  Der 
Übergang  des  k in  g bietet  dabei,  wie  Corssen, 
A.  u.  B.  d.  I.  Spr.  1 p.  77 ff.  beweist,  keine 
Schwierigkeit.  Ebensowenig  die  Länge  der 


Argeios 

vorletzten  Silbe,  vgl.  Bitschi,  Progr.  der  Bon- 
ner Vorl.  1853.  1 p.  5 und  B.  Sachs  a.  a.  0. 
2 p.  10,  3 ; allerdings  würde  noch  leichter  die 
Form  Argi  als  Argei  daraus  entstehen  können. 
Das  sonst  zwar  im  Lateinischen  noch  nicht 
nachgewiesene  Schwinden  des  v vor  vocali- 
schem  Anlaut  dürfte  hier  durch  das  sabinische 
irpus  (Festus  p.  106  s.  v.  Irpini,  vgl.  Prel- 
ler, B.  M.3  1,  269.  1)  gesichert  sein.  So  blieb  in 
dem  sacralen  Wort  die  altertümliche  Form, 
während  sich  sonst  das  vielleicht  auch  dia- 
lektisch davon  verschiedene  lupus  aus  demsel- 
ben Stamme  entwickelte. 

m)  Litteratur.  Bunsen,  Beschr.  d.  St. 
Born  1 p.  146  ff. , 688  ff'.  Müller  in  Böttiger, 
Archäol.  1,  1 p.  69  f.  und  ad  Festum  p.  385. 
Hartung , Bel.  d.  Beim.  2 p.  103  ff.  Huschke, 
Verf.  d.  Serv.  Tüll.  p.  62ff,  86ff,  706 ff*.  Am- 
broscli,  Studien  1 p.  198,  211.  Klausen , Aeneas 
2 p.  934 ff.  Hertzberg,  de  düs  Born,  patriis 
p.  54  ff.  Göttling,  G.  d.  B.  Staatsverf.  p.  59, 
191.  Mommsen,  d.  röm.  Tribus  p.  15  ff,  211  ff. 
Boeper,  lucubr.  pont.  spec.  p.  8 — 29.  Sclnvegler, 
B.  G.  1 p.  379  ff.  Marquardt,  röm.  Alt.  4 p.  200  ff. 
Preller,  röm.  Myth. 2 2 p.  135  ff.  B.  Sachs,  die 
Argeer  im  römischen  Kultus , Progr.  v.  Metten 
1865/66  u.  1867/68.  Mannhardt,  a.  Wald-  und 
Feldkulte  p.  265ff.  Jordan,  Top.  2,  237 ff.  Über 
das  Sprachliche  in  den  Argeeriuschriften:  Prei- 
bisch,  Tilsiter  Osterprogr.  1867  p.  61  u.  Havet, 
Mem.  de  linguist.  4,  234ff.  [Steuding.I 

Argeia  (’Agysia),  1)  Tochter  des  Okeanos 
und  der  Tethys,  Schwester  und  Gemahlin  des 
Inachos,  dem  sie  den  Phoroneus  und  die  Io 
gebar,  Hgg.  Praef.  p.  28  Bunte.  F.  143.  145. 

— 2)  Mutter  des  Pelasgos , nach  welcher  Ar- 
gos  Pelasgikon  in  Thessalien  benannt  war, 
Schol.  II.  2,  681.  — 3)  Gemahlin  des  Polybos 
(nach  andern  des  Danaos),  Mutter  des  Argos, 
der  die  Argo  baute,  Hyg.  f.  14  p.  41.  — 4) 
Tochter  des  Adrastos  und  der  Amphithea, 
Gemahlin  des  Potyneikes,  dem  sie  den  Thers- 
andros  gebar,  Apollod.  1,  9,  13.  3,  6,  1.  Diod. 
4,  65.  Hellaniltos  u.  Mnascas  b.  Schol.  Eurip. 
Phoen.  71.  410.  Schol.  II.  4,  376.  5,  412.  Hyg. 
f.  69.  Serv.  Verg.  Aen.  2,  261.  Sie  bestattete 
mit  Antigone  die  Leiche  ihres  Gemahls,  Hyg. 
f.  72,  s.  Antigone.  Nach  Hesiod.  b.  Schol.  II. 
23,  679  kam  sie  nach  des  Oidipus  Tod  nach 
Theben  zu  dessen  Bestattung,  s.  Adrastos.  — 
5)  Tochter  des  Autesion,  Gemahlin  des  Hera- 
kliden  Aristodemos,  Mutter  des  Eurystheues 
und  Prokies,  Herodot.  6,  52.  Paus.  3,  1,  6.  4, 
3,  3.  Apollod.  2,  8,  2.  Diogenian.  Vind.  1,  83. 

— 6)  Eine  Nymphe,  Steph.  B.  v.  'Tllsüg.  — 
7)  Beiname  der  Hera,  s.  d.  [Stoll  ] 

Argeios  (’Agysio?),  1)  einer  der  Kentauren, 
welcher  bei  dem  Versuch,  die  Höhle  des  Pko- 
los  zu  stürmen,  von  Herakles  erschlagen  wurde, 
Diod.  4,  12.  — 2)  Sohn  des  Likymnios,  der 
dem  Herakles  in  seinem  Kampfe  gegen  Lao- 
medon  (oder  gegen  Eurytos,  Apollod.)  beistand, 
dabei  aber  umkam  und  von  Herakles  feierlich 
bestattet  wurde,  nach  der  Sage  die  erste  F eier- 
lichkeit  der  Art.  Andron  b.  Schol.  II.  1,  52. 
Apollod.  2,  7,  7.  Preller,  gr.  Myth.  2,  235,  4. 

— 3)  Niobide,  Plierekyd.  b.  Schol.  Eur.  Phoen. 
159.  Stark  Niobe  96.  — 4)  Sohn  des  Deiphon- 


501 


Argeiphontes 


Argo 


502 


tes,  Paus.  2,  28,  3.  — 5)  Solin  des  Pelops 
und  der  Hippodameia,  heiratete  die  Tochter 
des  Amyklas,  Hegesandra,  welche  ihm  den 
Alektor  gebar,  Pherekyd.  b.  Schol.  Od.  4,  22. 
Schol.  Eur.  Or.  5.  — 0)  Ein  Argeios  trat  hei 
den  Leichenspielen  des  Pelias,  die  auf  dem 
Kasten  des  Kypselos  dargestellt  waren,  als 
Kämpfer  im  Laufe  auf,  Paus.  5,  27,  4.  [Stoll.] 

Argeiphontes  (’Agyeicpovzgg),  s.  Hermes. 

Argele  (’Agyilg) , Thespiade , welche  mit 
Herakles  den  Kleolaos  zeugte,  Apollod.  2,  7,  8. 

^ [Stoll.] 

Argennos,  Argynnos  ("Agy swog, ’Agyv wog, 
d.  i.  Weifsling,  mit  Bezug  auf  seine  jugend- 
liche Schönheit,  die  zarte  weifse  Haut;  vgl. 
die  weifse  Schulter  des  Pelops, 

Find.  Ol.  1,  27),  ein  schöner  Jüng- 
ling, Sohn  der  Peisidike,  derToch- 
ter  des  Athamantiden  Leukon 
(vielleicht  Sohn  der  Peisidike  und 
des  Leukon),  aus  der  Gegend  von 
Orchomenos  und  des  Kopaissees 
(der  auch  Aevxcavi'g  hiefs).  Als 
er  seiner  Gewohnheit  gemäfs  sich 
im  Kephissos  badete,  sah  ihn  Aga- 
memnon (s.  d.),  der  in  Aulis  mit 
seiner  Flotte  weilte,  und  fafste 
Liebe  zu  ihm.  Argennos  ertrank 
im  Kephissos  (Agamemnon  ver- 
folgte ihn  auf  der  Jagd,  und  er 
stürzte  sich  in  den  Flufs),  und 
Agamemnon  begrub  ihn  und  er- 
baute der  Aphrodite  Argennisoder 
Argynnis,  einer  Göttin  lydischer 
Knabenliebe,  in  jener  Gegend 
einen  Tempel.  Im  Hause  der  Pe- 
lopiden  soll  die  aus  Lydien  nach 
Hellas  gebrachte  Knabenliebe  auf- 
gekommen sein,  weshalb  hier  Agamemnon  mit 
Argennos  zusammengebracht  wird.  Des  Argen- 
nos Liebling  war  Hymenaios,  nach  Likymnios 
und  Chios  bei  Athen.  13,  603  d.  Steph.  Byz.  v. 
'Agyvvvog.  Flut.  Gryll.  7.  Plianokles  b.  Clem. 
Alex.  Protr.  p.  32.  Propert.  3,  7,  31.  Welcher , 
Trilog.  S.  356.  Gr.  Götterl.  2 S.  383.  Rhein. 
Mus.  f.  Philol.  N.  F.  4,  404.  Müller,  Orchom. 
S.  215.  Gerhard,  gr.  Myth.  § 362,  2.  [Stoll.] 
Argentinus  s.  Indigitamenta. 

Argepos  (’ 'Agygnog ),  Sohn  des  Kepheus,  Vor- 
fahre des  Parthenopaios , Hellanikos  b.  Schol. 
Eurip.  Phoen.  150.  [Stoll.]  [Roscher.] 

Ar  ges  (’Agygg),  einer  der  Kyklopen  (s.  d.) 

Argiope  ( ’Agyiony ),  1)  eine  Nymphe  am  Par- 
nafs,  mit  welcher  Philammon  Umgang  pflog; 
da  er  ihr  aber  die  Ehe  verweigerte,  begab  sie 
sich  nach  Thrakien  und  gebar  dort  den  Tha- 
myris.  So  war  also  Thamyris  ein  Thraker. 
Apollod.  1,  3,  3.  Paus.  4,  33,  4.  Schol.  11.  2, 
595.  — 2)  Tochter  des  Königs  Teuthras  von 
Mysien.  Der  Vater  verheiratete  sie  an  Tele- 
phos,  der  dadurch  sein  Nachfolger  in  der  Herr- 
schaft wurde,  Diod.  4,  33.  — 3)  Tochter  des 
Neilos,  Gemahlin  des  Agenor,  dem  sie  den 
Kadmos,  die  Europa  u.  s.  w.  gebar,  Pherekyd. 
b.  Schol.  Ap.  Rh.  3,  1186.  Ilyq.  f.  6.  178.  Sie 
leifst  Antiope,  Tochter  des  Belos  bei  Schol. 
Eur.  Phoen.  5,  wo  Valcken.  vorschlägt:  ’Ag- 
nongg  Neilov.  [Stoll.] 


Argios  ('Agyio g),  Aigyptide,  vermählt  mit 
der  Danaide  Euippe,  Apollod.  2,  1,  5.  [Stoll.] 
Argo,  das  Schiff,  auf  welchem  die  Argo- 
nauten unter  des  lason  Führung  das  goldene 
Vliefs  holten,  novronogog  vrjvg  ’Agyw  Ttaoi  gs- 
Xovccc  Hom.  ft.  69,  vaiig  Aoyovg  Find.  Pyth.  4,185. 
Sie  soll  das  erste  grofse  Schiff  gewesen  sein, 
nach  andern  das  zweite  nächst  dem,  welches 
den  Danaos  nach  Argos  trug,  Schol.  Ap.  Rh. 
io  1,  4 (z.  T.  nach  PhereJcydes),  Schol.  Eur.  Med. 
1.  Tzetz.  Lylc.  883.  Gebaut  wurde  sie  unter 
der  Leitung  der  Athene  (Ap.  Rh.  1,  19.  2, 
1187.  Apollod.  1,  9,  16.  Hyg.  f.  14  — nach 
anderen  der  Hera  Find.  Pyth.  4,  185.  Val. 
Flacc.  1 , 305)  von  Argos , dem  Sohne  des 


Bau  der  Argo  (?)  unter  Athenes  Leitung  (Terrakottarelief  des  Britischen 
Museums). 

Phrixos  ( Pherekydes  bei  Schol.  Ap.  Rh.  1 , 4. 
40  Apollod.  1,  9,  16)  oder  dem  Sohne  des  Arestor 
(Ap.  Rh,  1,  111.  2,  1188.  Val,  Fl.  1,  93.  124 
— des  Polybos  Hyg.  f.  14)  oder  nach  Possis 
bei  Athen.  7,  12  von  Glaukos  oder  nach  Ptol, 
Heph.  bei  Phot,  hihi,  p.  147,  28  von  Herakles. 
Als  Bauort  galt  Pagasai  (ngyvvgi) , Kallima- 
chos  bei  Hyg.  astr.  2,  37.  Schol.  Ap.  Rh,  1, 
238.  Strah.  9,  436.  Plin.  h.  n.  4,  8;  das  Holz 
war  auf  dem  Pelion  gefällt,  Eur.  Med.  3.  Ap. 
Rh.  1,  386,  525  (ngheig)  2,  1188.  Diod.  4,  41, 
50  nach  Ptol.  Heph.  a.  a.  O.  auf  dem  Ossa,  nach 
Plin.  h.  n.  12,  22  von  ionischem  Holz  gezim- 
mert, das  im  Wasser  nicht  faulte.  Die  Göttin 
brachte  darin  ein  Stück  von  dem  Holz  der 
dodonischen  Eiche  an,  welches  die  Gabe  zu 
sprechen  und  zu  weissagen  besafs,  Apollod.  1, 
9,  16.  Ap.  Rh,  1,  52411'.  Val.  Flacc.  1,  302. 
Claud.  h.  gct.  v.  14.  Tzetz.  Lylc.  v.  1319;  da- 
her dichtete  auch  Aischylos:  'ng  S’  tozlv  ’Aq- 
yovg  lqov  ccväaoov  tgvlov’  Philon.  Jud.  2 
60  p.  468  , vergl.  Hyg.  astr.  2,  37.  Lykophr. 
v.  1370.  C.  I.  Gr.  4721.  Das  Schiff  galt  als 
Fünfzigruderer,  Apollod.  1,  9,  16.  Orph.  Arg. 
v.  302,  daher  mit  fünfzig  Helden  bemannt, 
eine  Zahl,  die  in  den  erhaltenen  Verzeichnissen 
um  einige  Namen  überschritten  wird,  (s.  Argo- 
nautensage II).  Nach  Vollendung  der  Fahrt  soll 
lason  das  Schiff  dem  Poseidon  auf  dem  Isth- 
mos  geweiht  haben,  Apollod.  1,  9,  27.  Diod. 


503  Argonautensage  (n.  Ap.  Eh.) 

4,53;  ein  Bruchstück  davon  glaubte  man  noch 
zur  Zeit  des  Martialis  zu  besitzen  Mart.  7,  9; 
die  Argo  unter  die  Gestirne  versetzt,  Eratost. 
Kal.  35.  Arat.  Phain.  342  ff.  Cic.  Ar.  126. 
Hyg.  f.  14.  astr.  2,  37. 

Schon  die  Alten  leiteten  den  Namen  fArgo’ 
verschieden  ab:  von  dem  Baumeister  Argos, 
PhereJcydes  b.  Schol.  Ap.  Pli.  1,  386.  Apollod. 
1,9,  16.  Diod.  4,  41.  Schol.  Eur.  Med.  1. 
Etym.  M.  s.  v.  Hyg.  astr.  2,  37,  von  Argos, 
dem  Sohne  des  Iason,  als  dem  Lieblinge  des 
Erbauers  Herakles,  Ptol.  Hepli.  2,  von  dem 
Bauort  Argos,  Hegesandir  bei  Tzetz.  Lylc.  877. 
Etym.  M.  s.  v.,  von  der  Bemannung,  den  Ar- 
givi , poeta  vetus  bei  Cic.  Tusc.  1,  20,  von  ap- 
yog  „schnell“,  Diod.  4,  41.  Schol.  Eur.  M.  1. 
Et.  M.  s.  v.  Hyg.  astr.  2,  37.  Serv.  Verg.  Ed. 
4,  34.  Bei  Gregor  v.  Tours  steht  Argis  im 
Sinne  von  navis  s.  Du  Cange,  gloss.  s.  v.  Ab- 
leitung aus  dem  Semitischen,  s.  W eichert,  Leben 
des  Ap.  Pli.  p.  126  Anna.  Die  Neueren  bien 
ben  entweder  bei  der  antiken  Etymologie  von 
aQyog  „schnell“,  wie  Preller,  gr.  Myth.  2,  324, 
Anrn.  1,  oder  erklären  Argo  von  ciQyög  „weifs“ 
als  das  „Lichtschiff“,  Gerhard,  gr.  Myth  § 686, 
3 c.  M.  Duncher,  Gesch.  d.Alt.3,  43;  dagegen 
leitet  A.  Kuhn,  Abh.  der  Perl.  Alcad.  1873. 138  ff. 
den  Namen  von  sk.  rag  ani  „Nacht“  ab  („die 
Fahrtim  Dunkel  des  Nachthimmels“).  Forchham- 
mer,  Jahrb.  für  lcl.  Pli.  1S75.  391  ff.  deutet  ihn 
„Nässe“.  Das  Weitere  s.  im  folgenden  Artikel 
unter  bildliche  Darstellungen.  [Seeliger.] 

Argonautai  und  Argonautensage. 

I.  Übersicht  nach  desApolloniosRlio- 
dios  Argo nautika  (vgl.  Apollod.  bibl.  1,  9,  16 
— 26).  Pelias,  der  König  von  Iolkos,  hatte  das 
Orakel  erhalten,  er  werde  durch  den  Mann  mit 
einem  Schuh  umkommen.  Als  nun  Iason, 
der  im  Anauros  den  einen  Schuh  verloren  hatte, 
in  diesem  Aufzug  zum  Opferschmaus,  den  Pe- 
lias dem  Poseidon  darbrachte,  gekommen  war, 
gebot  ihm  der  König  die  gefahrvolle  Fahrt 
nach  Kolchis,  von  wo  er  das  goldene  Vliefs 
holen  solle.  Das  Schiff,  nach  Anweisung  der 
Athene  von  Argos  gebaut  und  Argo  (s.  d.)  ge- 
nannt (einen  Fünfzigruderer,  Apollod.),  bestie- 
gen am  Strande  des  magnesisehen  Hafens  Pa- 
gasai  die  aus  ganz  Griechenland  berufenen 
Helden.  Herakles,  der  einstimmig  zum  Füh- 
rer erwählt  wurde,  entsagte  zu  gunsten  Iasons. 
Nach  Verlosung  der  Plätze  — die  mittelste 
Bank  wurde  ohne  weiteres  an  Herakles  und 
den  Tegeaten  Ankaios  abgetreten  — nach  Opfer 
und  Gebet  zum  Apollon  ayixiog  und  iyßuoio g 
rudern  die  Helden  mit  der  Morgenröte  aus 
Pagasai  fort;  Tiphys  führt  das  Steuer.  Unter 
dem  Gesänge  des  Orpheus  fahren  sie  vorbei 
am  Vorgebirge  Tisaion,  an  den  Felsenklippen 
des  Pelion,  landen  abends  am  dolopeischen 
Grabmal,  wo  sie  dem  Dolops  Opfer  bringen; 
erst  am  3.  Tage  fahren  sie  weiter  die  Küste 
entlang  am  Flusse  Amyros  vorbei,  bis  sie  über 
Kanastron  und  Athos  zur  ersten  Station,  nach 
Lemnos,  gelangen  (1,  1 — 608.  Apollod.  1,  9, 
16).  Da  die  lemnischen  Weiber,  welche  ihre 
Männer  ermordet  haben,  die  Ankömmlinge  für 
Thraker  halten  und  ihnen  bewaffnet  entgegen- 


Argonautensage  (n.  Ap.  Rh.)  504 

eilen,  vermittelt  Aithalides  als  Herold  den 
Frieden;  ja  die  Frauen  beschliefsen  auf  Vor- 
schlag der  Polyxo  die  Fremden  zu  sich  ein- 
zuladen. So  betritt  Iason  mit  seinen  Gefähr- 
ten die  Stadt  und  empfängt  von  Hypsipyle 
die  Einladung,  auf  Lemnos  die  Regierung  zu 
übernehmen.  Nur  Herakles  bleibt  mit  wenigen 
auf  dem  Schiffe  zurück;  er  ist  es,  der  die  un- 
ter reichlichen  Genüssen  ihr  Vorhaben  ver- 
gessenden Helden  durch  ernste  Mahnung  end- 
lich zum.  Aufbruch  bewegt  (1,609  — 909.  Apol- 
lod. 1,  9,  17).  In  Samothrake  lassen  sie  sich 
auf  des  Orpheus  Rat  in  die  Mysterien  einwei- 
hen und  fahren  dann  zwischen  Samothrake  und 
Imbros  am  Chersones  vorüber,  bei  Pityeia  vor- 
bei in  den  Hellespont  und  die  Propontis  zur 
Insel  Kyzikos.  Von  den  Bewohnern,  den 
Dolionen,  und  ihrem  König  Kyzikos  freund- 
lich empfangen,  errichten  sie  dem  Apollo 
einen  Altar,  am  Morgen  aber  besteigen  sie 
den  Dindymos,  um  sich  über  die  weitere  Fahrt 
zu  orientieren.  Unterdessen  werden  die  auf 
dem  Schiffe  zurückgebliebenen  Gefährten  von 
den  sechsarmigen  Giganten  angegriffen,  die 
schliefslich  dem  Geschosse  des  Herakles  er- 
liegen. Dann  segeln  die  Argonauten  ab;  in 
der  Nacht  durch  ungünstigen  Wind  zu  den 
Dolionen  zurückverschlagen  steigen  sie  wieder 
aus  und  werden  unerkannt  von  ihren  Gast- 
freunden angegriffen;  die  Argonauten  siegen 
in  dem  Kampfe , Kyzikos  fällt  von  Iasons 
Hand.  Eine  dreitägige  Totenfeier  sühnt  den 
Irrtum;  nachdem  der  idäischen  Mutter  Rheia 
auf  dem  Dindymos  ein  Altar  errichtet  worden 
ist,  wird  die  Fahrt  fortgesetzt  (1,  910—1152. 
Apollod.  1,9,  18).  Am  Ausflusse  des  Rhyn- 
dakos  bei  dem  Grabhügel  des  Aigaion  zer- 
bricht Herakles  sein  Ruder  und  sieht  sich 
nach  der  Landung  am  Ivios  genötigt  sich  im 
Wald  ein  neues  zu  suchen.  Inzwischen  wird 
Hylas  vermifst,  der  an  der  Quelle  Pegai  von 
den  Nymphen  herabgezogen  worden  ist.  Wäh- 
rend Herakles  undPolvphemos  nach  ihm  suchen, 
fährt  die  Argo  unter  günstigem  Wind  weiter; 
die  Weissagung  des  Glaukos,  dafs  Herakles 
nicht  beschieden  sei  zur  Stadt  des  Aietes  zu 
kommen , macht  jedem  Bedenken  ein  Ende. 
(1,  1152—1362.  Apollod.  1,  9,  19). 

Am  Vorgebirge  Posideion  (1,  1279)  vorbei 
gelangen  die  Argonauten  zu  Amykos,  dem 
König  der  Bebryker , der  dem  Polydeukes 
im  Faustkampf  erliegt;  die  Bebryker,  die  ihren 
König  rächen  wollen,  werden  blutig  zurück- 
geschlagen. Am  Eingänge  des  Bosporos  tref- 
fen sie  auf  den  Agenoriden  Pliineus.  Der 
blinde  Seher  wird  durch  die  Boreaden  Zetes 
und  Kalais  von  den  Harpyien,  der.  täglichen 
Qual,  befreit  und  offenbart  zum  Dank  dafür 
die  den  Argonauten  drohenden  Gefahren. 
Nachdem  sie  den  zwölf  Göttern  am  asiatischen 
Strand  einen  Altar  errichtet  haben,  fahren  sie 
weiter  und  gelangen  unter  dem  Beistand  der 
Athene  ebenso  glücklich,  wie  die  von  Eupke- 
mos  losgelassene  Taube,  durch  die  Symple- 
gaden.  (2,  1—618.  Apollod.  1,  9,  20—22).  In 
den  Pontos  gelangt  fahren  die  Helden  zur 
Mündung  des  Phyllis,  am  Denkmal  des  Pi- 
psakos  vorbei  zur  Mündung  des  Kalpes  und 


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505  Argonantensage  (n.  Ap.  Eh.) 

laufen  im  Hafen  der  unbewohnten  Insel  Thy- 
nias  ein,  die  sie  dem  ihnen  erscheinenden 
Apollon  sd)io?  weihen,  indem  sie  sich  zugleich 
durch  Eidschwüre  zu  ewiger  Eintracht  ver- 
pflichten. Nach  dreitägiger  Rast  setzen  sie 
die  Fahrt  bis  in  den  Hafen  des  acherusischen 
Vorgebirges  fort,  wo  sie  von  dem  Fürsten  der 
Mariandynen  Lykos  bewirtet  werden.  Hier 
verlieren  sie  den  Seher  Idmon,  der  von  einem 
Eber  verwundet  wird,  und  den  Steuermann  1 
Tiphys  durch  Krankheit;  an  dessen  Stelle  tritt 
der  Samier  Ankaios , Poseidons  Sohn.  Am 
Acheron  und  Kalliclioros  vorbei  fahren  sie 
zum  Grabmal  des  Aktoriden  Sthenelos,  dessen 
Schatten  ein  Opfer  erhält;  beim  Orte  Lyra  er- 
bauen sie  dem  Apollon  vstjgooos  einen  Altar. 
Weiter  geht  die  Fahrt  zum  Vorgebirge  Ka- 

Irambispbei  Sinope  werden  Deileon,  Autolykos 
und  Phlogios,  die  Herakles  gegen  die  Ama- 
zonen begleitet  haben,  aufgenommen;  von  da  2 
fährt  man  am  Halys  und  Iris  vorbei  zum  Ther- 
modon  und  weiter  zur  Insel  Aretias  (s.  d.),  wo 
fabelhaite,  deu  Stympbaliden  ähnliche  Vögel 
durch  Zusammenschlagen  der  Schilde  ver- 
scheucht werden.  Hier  werden  auch  die  vier 
Söhne  des  Phrixos  und  der  Chalkiope,  Argos, 
Kytissoros,  Phrontis  und  Melas,  die  auf  der 
Fahrt  nach  Hellas  begriffen  schiffbrüchig  an 
den  Strand  geworfen  worden  sind,  aufgenom- 
men  und  Führer  der  Argonauten,  die  weiter  3 
die  Insel  Philyreis,  die  Makronen,  Becheiren, 
Sapeiren  und  Byzeren  passieren  und  nachts  in 
den  Phasis  hineinfahren,  links  die  kytäische 
Aia,  rechts  das  Feld  und  den  heiligen  Hain 
des  Ares,  wo  der  Drache  das  an  einer  Eiche 
hängende  Vliefs  bewacht.  Nach  Spende  und 
Gebet  geht  man  in  einem  Sumpf  vor  Anker 
und  ruht  bis  zum  Anbruch  der  Morgenröte. 
[2,  619  — 1285). 

Iason,  Telamon,  Augeias,  von  den  Söhnen  4 
des  Phrixos  begleitet,  kommen  von  Hera  in 
Nebel  gehüllt  unbemerkt  in  den  Wunderpalast 
des  Aietes,  zuerst  erblickt  von  Medeia,  der 
Eros  auf  Befehl  der  von  Hera  und  Athene  ge- 
wonnenen Aphrodite  leidenschaftliche  Liebe 
nnflöfst.  Als  Aietes  von  seinem  Enkel  Argos 
lasons  Begehren  erfahren  hat,  verspricht  er, 
obwohl  in  Zorn  entbrannt,  doch  auf  List  be- 
lacht, das  goldne  Vliefs , wenn  Iason  die  ge- 
itellten  Aufgaben  lösen  würde.  Medeia,  durch  5 
hre  von  Argos  gewonnene  Schwester  Chal- 
dope  noch  mehr  in  ihrem  Entschlüsse,  Iason 
'.u  retten,  bestärkt,  begiebt  sich  in  Begleitung 
7011  zwölf  Jungfrauen  nach  dem  Tempel  der 
lekabe  und  hält  mit  dem  Helden  eine  Zu- 
■ammenkunft,  welche  das  Geständnis  gegen- 
■ eitiger  Liebe  und  die  Übergabe  der  prome- 
heischen,  gegen  Feuer  und  Eisen  schützenden 
< ialbe  zur  Folge  hat.  ln  der  Nacht  badet  sich 
ason  im  Phasis,  opfert  der  Hekate  im  schwär-  6 
;en  Gewand  und  salbt  seinen  Körper.  (3,  1 — 
i.224).  Am  nächsten  Morgen  findet  auf  dem 
. <’elde  des  Ares  vor  Aietes  das  Schauspiel  statt. 
Zuerst  bewältigt  Iason  die  auf  ihn  losstiirzen- 
len  Stiere,  zwingt  sie  unter  das  Joch,  ackert 
las  Land  und  streut  die  Drachenzähne  des 
vadmos  aus.  Gegen  Abend  spannt  er  die 
’tiere  aus  und  erwartet  bei  dem  Schiff  das 


Argonautensage  (n.  Ap.  Rh.)  506 

Aufspriefsen  der  Saat.  Als  er  das  Feld  von 
Schilden,  Lanzen  und  Helmen  strotzen  sieht, 
greift  er,  der  Lehren  Medeias  eingedenk,  vom 
Boden  einen  mächtigen  Felsblock  auf  und 
wirft  ihn  mitten  unter  die  Drachensaat,  wor- 
auf sich  die  geharnischten  Männer  teils  untei  ■ 
einander  aufreiben,  teils  durch  Iason  vertilgt 
werden.  (3,  1224—1407).  Während  aber  Aie- 
tes die  Nacht  hindurch  mit  den  Seinigen  auf 
den  Untergang  der  Minyer  denkt,  sendet  Hera 
über  Medeia  Furcht  und  Angst  vor  dem  väter- 
lichen Zorn,  so  dafs  sie  sich  heimlich  aus 
dem  Palast  an  den  Phasis  begiebt.  Mit  Iason 
betritt  sie  den  Hain  des  Ares  und  schläfert 
den  Drachen  ein;  das  Vliefs  wird  von 
der  Eiche  genommen;  ehe  noch  Aietes  und 
die  Kolcher  morgens  an  den  Flufs  eilen,  sind 
die  Argonauten  bereits  auf  dem  Ocean.  (4,  1 
— 240.  Apollod.  1,  9,  23). 

Mit  ihrer  zweifachen  Beute,  der  Königs- 
tochter und  dem  Vliefse,  beeilen  sich  die  Ar- 
gonauten der  sie  verfolgenden  kolchischen 
Flotte  zu  entrinnen.  Der  Weissagung  des 
Phineus,  dem  Rate  des  Argos  und  den  Him- 
melszeichen folgend,  fahren  sie  mitten  durch 
das  Meer  in  gerader  Richtung  in  den  Istros 
hinein.  Von  den  kolchischen  Schiffen  geht 
die  eine  Abteilung  durch  den  Bosporos,  die 
andere  unter  Absyrtos,  der  Medeia  Bruder,  in 
einen  kürzeren  Arm  des  Istros,  gewinnt  dadurch 
einen  Vorsprung  und  besetzt  vor  den  Argo- 
nauten die  Mündung  des  Istros  in  das  adria- 
tische Meer.  (Nach  antiker  Vorstellung  fliefst 
der  Istros  vom  rhipäischen  Gebirg  nach  zwei 
entgegengesetzten  Seiten.)  So  finden  die  Ar- 
gonauten die  Mündung  besetzt;  nur  die  beiden 
Inseln  der  Artemis  haben  die  Kolcher  aus  Ehr- 
furcht vor  den  Göttern  leer  gelassen;  auf  der 
einen  landen  die  Argonauten.  Als  sich  nun 
beide  Teile  zu  einem  Vertrag  neigen,  nach 
welchem  das  Vliefs  den  Argonauten  überlassen 
werden,  Medeia  aber  bis  zu  einer  schieds- 
richterlichen Entscheidung  im  Artemistempel 
bleiben  soll,  greift  diese  zum  Verrat:  Absyr- 
tos, durch  köstliche  Geschenke  berückt,  fällt 
bei  seiner  Zusammenkunft  mit.  Medeia  von 
Iason  meuchlerisch  ermordet.  (Über  die  Zer- 
stücklung des  Knaben  Absyrtos  berichtet  Apol- 
lod. 1,  9,  24).  Noch  in  derselben  Nacht  ent- 
fliehen die  Minyer,  während  die  Kolcher  durch 
Hera  von  weiterer  Verfolgung  abgeschreckt 
aus  Furcht  vor  Aietes  au  der  epeirotisch-illy- 
rischen  Küste  und  auf  den  benachbarten  In- 
seln sich  niederlassen , bis  zur  Insel  Elektris, 
wo  die  Hy  Heer  sie  durch  die  Inselgruppe  ge- 
leiten und  dafür  mit  einem  der  pythischen 
Dreifüfse  beschenkt  werden.  Dann  gelangen 
sie  bei  der  schwarzen  Kerkyra,  bei  Melite,  Ive- 
rossos  und  Nymphaia  vorbei , werden  aber 
durch  widrige  Winde  von  Hera  nach  der  elek- 
trischen Insel  zurückverschlagen,  da  Zeus  we- 
gen der  Ermordung  des  Absyrtos  zürnt.  Da  die 
Argo  das  Gebot  des  Zeus  verkündet,  sich  von 
der  aiaisclien  Kirke  sühnen  zu  lassen,  fährt 
man  in  den  Eridanos  ein,  aus  ihm  in  den  Rho- 
danos; hier  wären  sie  durch  einen  Arm  des- 
selben sicher  in  den  Okeanos  verschlagen  wor- 
den, wenn  nicht  Hera  sie  gewarnt  hätte;  sie 


507  Argonautensage  (Verzeichnis  d.  Arg.) 


Argonautensage  (Verzeichnis  d.  Arg.)  508 


fahren  also  in  einen  anderen  Arm  und  ge- 
langen zu  den  ligystischen  Inseln,  den  Stoi- 
chaden,  darauf  zur  Insel  Aithalia  und  durch 
das  ausonische  Meer  an  die  tyrrhenische  Küste 
in  den  aiaischen  Hafen  zur  Kirke,  die  zwar 
Iason  und  Medeia  von  dem  Morde  des  Absyr- 
tos  sühnt,  aber,  als  sie  in  ihr  ihre  Nichte  er- 
kennt und  ihre  Erlebnisse  erfährt,  ihr  befiehlt 
sofort  den  Palast  zu  verlassen.  (4,  241 — 752. 
Apollod.  1,  9,  24).  io 

Unter  dem  Schutze  der  Hera  setzen  sie  die 
Fahrt  fort;  des  Orpheus  Gesang  bewahrt  sie 
vor  den  Lockungen  der  Seirenen,  denen  allein 
Butes  zum  Opfer  gefallen  wäre,  wenn  ihn 
Aphrodite  nicht  nach  Lilybaion  gerettet  hätte. 
Mit  Hilfe  der  Thetis  gelangen  sie  glücklich 
durch  Skylla  und  Charybdis  und  über  die 
Plankten  hinweg  bei  Thrinakia  vorbei  auf  die 
Insel  Drepane,  wo  sie  von  den  Phaiaken 
und  Alkinoos  freundlich  aufgenommen  werden.  20 
Hier  trifft  auf  sie  die  andere  Abteilung  der 
kolchischen  Flotte,  welche  durch  den  Bospo- 
ros  gefahren  ist,  und  verlangt  die  Auslieferung 
der  Medeia.  Nach  der  Entscheidung  des  Kö- 
nigs , clafs  dieselbe  nur  dann  statthaft  sei, 
wenn  Iason  und  Medeia  noch  nicht  vermählt 
seien,  besorgt  seine  Gemahlin  Arete  noch  in 
derselben  Nacht  das  Beilager.  (4,  753 — 1222. 
Apollod.  1,  9,  25).  Nach  siebentägiger  Rast 
fahren  die  Argonauten  bei  günstigem  Wind  30 
weiter  und  sind  bereits  dem  Peloponnes  nicht 
mehr  fern,  da  verschlägt  sie  ein  furchtbarer 
Orkan  auf  die  Sandbänke  der  Syrtis  in  Li- 
byen. Einem  rätselhaften  Rat  libyscher  Schutz- 
göttinnen folgend  tragen  die  Helden  ihr 
Schiff  zwölf  Tage  und  zwölf  Nächte  auf  den 
Schultern  bis  an  den  tri  tonischen  See.  Mit 
Hilfe  des  Triton,  dem  ein  zweiter  Dreifufs  ge- 
weiht wird,  und  von  welchem  Euphemos  die 
Erdscholle  als  Gastgeschenk  erhält,  finden  sie  40 
den  Ausgang  aus  dem  See  in  das  Meer  und 
fahren  vom  Westwind  begünstigt  nach  Kreta 
zu.  (4,  1223-1622). 

Hier  erliegt  Talos,  der  sie  an  der  Lan- 
dung im  diktäischen  Hafen  durch  Steinwürfe 
zu  hindern  sucht,  dem  Zauber  der  Medeia.  Nach 
eintägiger  Rast  auf  Kreta  wird  die  Fahrt  fort- 
gesetzt; plötzlich  durch  Sturm  in  finstre  Nacht 
gehüllt  empfangen  sie  durch  die  Erscheinung 
des  Phoibos  einen  Lichtstrahl , der  ihnen  den  50 
Weg  zu  einer  Sporade,  Anaphe  von  ihnen 
genannt,  zeigt.  Hier  wirft  Euphemos  die 
Erdscholle  ins  Meer,  die  zur  Insel  Kalliste 
wird.  Über  Aigina  kehren  die  Argonauten 
durch  den  Euripos  in  den  pagasaischen  Hafen 
zurück.  (4,  1622  — 1781.  Apollod.  1,  9,  26). 

II  Verzeichnis  der  Argonauten.  Pin- 
dar , Pyth.  4,  171  ff.,  nennt  aufser  Iason  nur 
zehn  gottentsprossene  Helden  und  v.  191  den 
Seher  Mopsos.  Nach  Schol.  Pind.  Pyth.  4,  60 
303  gaben  Aischylos  in  den  Kabeiren  und  So- 
pliolcles  in  den  Lemniai  einen  Katalog  der  Ar- 
gonauten. Apollonios  1,  20  — 233  zählt  55  He- 
roen auf;  sein  Verzeichnis  ist  abgeschrieben 
in  den  Scholien  p.  535  ed.  Keil,  in  der  Eudo- 
Icia  Violarium  439,  bei  Tzetz.  Lylc.  175  ( cod . 
Vatic.),  von  Hyg.  f.  14  (67  Heroen)  mit  Be- 
nutzung der  Scholien  und  einer  zweiten 


Quelle,  von  dem  Dichter  der  Orphika  v.  119 
• — 231  (48  Heroen,  v.  302  von  50  Ruderern  ge- 
sprochen), noch  freier  benutzt  von  Valerius 
Flaccus  1,  350  — 486  (51  Heroen).  Ein  abwei- 
chendes, übrigens  aus  schlechter  Quelle  ent- 
lehntes und  unvollständig  überliefertes  Ver- 
zeichnis bringt  Apollodor  1,  9,  16  (mit 

Hylas  § 19  und  ldmon  § 23  die  Namen  von 
46  Heroen).  Diod.  4,  41  nach  Dionysios 
von  Mytilene  zählt  54  Begleiter  des  Iason, 
nennt  aber  nur  wenige.  Über  das  Quellenver- 
hältnis vergl.  M.  Schmidt  im  Philologus  25, 
427  ff.  Stender,  de  Argonautarum  ad  Colchos 
usque  expeditione  5 ff.  Ew.  Meier,  quaest.  Ar- 
gonaut. 47  ff.  Von  den  Neueren  haben  die 
Argonauten  zusammengestellt  Natalis  Comes, 
mythol.  libri  10  p.  592,  besonders  Burmann 
im  Catalogus  Argonautarum  in  seiner  Ausgabe 
des  Val.  Fl.  Leidae  1724,  abgedruckt  in  der 
Ausgabe  von  Harles  1781,  Krause,  Catal.  Arg. 
Halle  1798.  Fr.  Vater,  der  Argonautenzug. 
Heft  1,  125  ff.  Gerhard,  Mythol.  2,  51  f. ; vgl. 

auch  Müller,  Orchomenos 2 253  ff 

• - 


Nur  28  Helden  (mit  * bezeichnet)  werden 
übereinstimmend  als  Teilnehmer  bezeichnet. 

*Admetos,  Sohn  des  Pheres  aus  Pherai. 
Aithalides,  Sohn  des  Hermes  und  der  Eu- 
polemeia  aus  Alope.  *Akastos,  Sohn  des 
Pelias  aus  lolkos.  ( Orph . v.  224).  Aktor, 
Sohn  des  Hippasos.  Amplaiaraos,  Sohn  des 
Oikles  aus  Argos.  Amphidamas,  Sohn  des 
Aleos  aus  Tegea.  Amphion,  Sohn  des  Hype- 
rasios  aus  Pallene.  Ainyros  s.  Steph.  Byz. 
s.  v.  *Ankaios,  Sohn  des  Lykurgos  aus  Te- 
gea. Ankaios,  Sohn  des  Poseidon  und  der 
Astypalaia  aus  Samos.  Areios,  Sohn  des 
Bias  aus  Argos.  Argos,  Sohn  des  Arestor 
aus  Thespiai,  der  Erbauer  des  Schiffes  (n.  A. 
Argos,  Sohn  des  Phrixos).  Askalaphos, 
Sohn  des  Ares  aus  Orchomenos,  nur  bei  Apol- 
lodoros.  Asklepios,  Sohn  des  Apollo  und  der 
Koronis  aus  Trikka,  nur  bei  Hygin.  und  Cle- 
mens Alexandr.  Stromata  1 p.  382.  *Aste- 
rion,  Sohn  des  Kometes  aus  Peiresiai.  Aste- 
rios,  Sohn  des  Hyperasios  aus  Pallene.  Ata- 
1 an  te , Tochter  des  Schoineus  aus  Tegea  nur  bei 
Apollodoros  und  Diod.  4,41.  Augeias,  Sohn  des 
Helios  aus  Elis.  Autolykos,  Sohn  des  Dei- 
machos  aus  Trikka , kam  in  Sinope  hinzu. 
Apollod.  2,  955.  Val.  Flacc.  5,  114.  Strabo 


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12"  p.  546.  Plut.  Luc.  23.  Azoros  6 xvßsQrrj-  ^ H: 
r gs  rrjs  ’Agyovg.  Hesych.  s.  v.  Steph.  Byz. 
s.  v.  *Butes,  Sohn  des  Teleon  aus  Kekro- 
pia.  Daskylos,  des  König  Lykos  Sohn,  Ap. 


Rh.  2,  803.  814.  Deileon,  Sohn  des  Deima- 
chos  in  Trikka,  s.  Autolykos.  Deukalion, 
Sohn  des  Minos  aus  Kreta.  Hyg.,  nach  Val. 
Fl.  1,  v.  366  Bruder  des  Amphion.  Echion, 
Sohn  des  Hermes  und  der  Antianeira  aus  Alope. 
*Erginos,  Sohn  des  Poseidon  aus  Milet(? 
Müller,  Orchomenos-  257).  Eri  botes  (Eury- 
bates),  Sohn  des  Teleon.  Ery  tos  (Em-ytos), 
Sohn  des  Hermes  und  der  Antianeira  aus  Alope. 
Eumeclon,  Sohn  des  Dionysos  und  der  Ari- 
adne aus  Phlius,  nur  bei  Hyg.  *Euphemos, 
Sohn  des  Poseidon  und  der  Europe  aus  Tai- 
naron.  Euryalos,  Sohn  des  Mekisteus  aus 
Argos,  nur  bei  Apollodoros.  Eurydamas,  Sohn 


iieoi 


509  Argonautensage  (Verzeichnis  d.  Arg.) 

des  Ktimenos  aus  Ktimene.  Eurytion,  Sohn 
des  Iros.  Glaukos  aus  Anthedon,  Erbauer 
und  Steuermann  der  Argo  nach  Possis  bei 
Athen.  7 p.  296a.  Herakles,  von  Ptolemaios 
Heph.  bei  Photios,  hihi.  190  p.  147,  28  Erbauer 
der  Argo  genannt,  als  Führer  von  Dionysios 
von  Mytilene,  Apoll ocl.  1,  9,  19.  Diod.  4,  41, 
auf  der  Fahrt  zurückgelassen  nach  Llerod.  7, 
193.  Schol.  Ap.  Rh.  1,  1289.  1168.  Schol.  Pind. 
Pytli.  4,  303.  Apollod.  1,  9,  19  u.  a.,  kommt 
mit  nach  Kolchis  nach  Demaratos  bei  Apollod. 
1,  9,  10,  vgl.  Theolcr.  13,  75.  Seine  Teilnahme 
geleugnet  von  Herodoros  bei  Apollod.  1,  9,  19. 
Hippalkmos,  Sohn  des  Pelops  und  der  Hip- 
podameia  aus  Pisa,  nur  bei  Hyg.  (Hippalki- 
inos).  * Hy  las,  Sohn  des  Theiodamas,  Dryoper. 
Apollod.  f,  9,  19.  Ialmenos,  Sohn  des  Ares 
aus  Orchomenos,  nur  bei  Apollodoros.  *iaso  n. 
■Adas,  Sohn  des  Aphareus  aus  Arene.  *Id- 
mon,  Sohn  des  Abas  aus  Argos  (?),  Apollod. 
1,  9,  23  genannt  Thestor“  Schol.  Ap.  Bll.  1, 
139.  Iolaos,  Sohn  des  Iphiklos  aus  Argos, 
uur  bei  Hygin.  (vielmehr  Sohn  des  Iphikles ?) 
^Iphiklos,  Sohn  des  Phylakos  aus  Phylake, 
iweifelhaft  bei  Valer.  Fl.  1,  370;  gegen  seine 
Teilnahme  Schol.  Ap.  Rh.  1,  45.  Iphiklos, 
Sohn  des  Thestios  aus  Kalydon.  Iphis,  Val. 
Fl.  1,  441.  7,  423.  Iphitos,  Sohn  des  Eury- 
;os  aus  Oicbalia.  *Iphitos,  Sohn  des  Nau- 
aolos  aus  Phokis.  Kaineus,  Sohn  des  Elatos, 
Vlagnete.  *Kalais,  Boreade.  Kanthos,  Sohn 
les  Kanethos  aus  Kerinthos.  *Kastor.  *Ke- 
pheus,  Sohn  des  Aleos  aus  Tegea.  Kios, 
Strabo  12  p.  564.  Klymenos  (?)  Valer.  Fl. 
I,  369.  *Klytios,  Sohn  des  Eurytos  aus  Oi- 
halia.  Koronos,  Sohn  des  Kaineus  aus  Gyr- 
on , auch  bei  Sophokles  in  den  Lemnierinnen, 
dteph,  Byz.  s.  v.  Acoxiov.  Laertes,  Sohn  des 
irkeisios  aus  Ithaka,  bei  Apollodoros  und  Diod. 
1,  48.  Laokoon,  Sohn  des  Parthaon  aus  Ka- 
ydon.  Leitos,  Sohn  des  Alektor  aus  Böotien, 
mr  bei  Apollod.  Leodokos,  Sohn  des  Bias 
ius  Argos.  *Lynkeus,  Sohn  des  Aphareus 
ius  Arene.  *Meleagros,  Sohn  des  Oineus 
ms  Kalydon.  *Menoitios,  Sohn  des  Aktor 
ius  Opus.  Mopsos,  Aynmulörig  aus  Titaros. 
Lauplios,  Sohn  des  Klytoneos,  Nachkomme 
les  Nauplios,  des  Sohnes  des  Poseidon  Ap. 
1h.  1,  134,  n.  A.  der  Sohn  des  Poseidon  selbst, 
leie us  aus  Pylos,  nur  bei  Hyg.  (als  Sohn 
les  Hippokoon).  Nestor,  Sohn  des  Neleus 
tus  Pylos,  nur  bei  Valerius  Flaccus.  Oileus 
ms  Naryx.  *Orpheus,  dagegen  vgl.  Schol. 
1 p.  Rh.  1,  23.  Palaimonios,  Sohn  des  Ler- 
tos,  Aitoler.  Peirithoos,  Sohn  des  Ixion  aus 
lyrtoii,  nur  bei  Hyg.,  dagegen  Ap.  Rh.  1,  103. 
Peleus,  Sohn  des  Aiakos  aus  Phthia.  Pe- 
i eie os,  Sohn  des  Hippalmos  aus  Böotien, 
mr  bei  Apollodoros.  *Periklymenos,  Sohn 
les  Neleus  aus  Pylos.  P haieros,  Sohn  des 
vlkon  aus  Kekropia.  Phanos,  Sohn  des  Dio- 
lysos,  nur  bei  Apollodoros.  Philammon,  Sohn 
les  Apollon  aus  Delphi  nach  Pherelcydes  bei 
ichol.  Ap.  Rh.  1,  23.  Philoktetes,  Sohn 
'es  Poias  aus  Meliboia.  Phlias,  Sohn  des 
•ionysos  aus  Araithyrea.  . Phlogios,  Sohn 
es  Deimaclios  aus  Trikka,  s.  Autolykos.  Pho- 
os  nur  bei  Hyginus:  Focus  et  Triasus,  Caenei 


Argonautensage  (im  ält.  Epos)  510 

ßlii  ex  Magnesia.  Poias,  Sohn  des  Thaurna- 
kos  (?  Phylakos  aus  Meliboia) , nur  bei  Apollo- 
doros. *Polydeukes.  *Polyphemos,  Sohn 
des  Elatos  aus  Larissa.  Priasos  s.  Phokos. 
Staphylos,  Sohn  des  Dionysos,  nur  bei  Apol- 
lodoros. Talaos,  Sohn  des  Bias  aus  Argos. 
*Telamon,  Sohn  des  Aiakos  aus  Salamis. 
Thersanon  (?)  Solls  et  Leucothoes  f.  ex  Andro. 
Hyg.  Theseus  bei  Apollodoros,  Hyginus,  Stat. 
Theh.  5,  431,  dagegen  Ap.  Rh.  1,  101  f.  8sg- 
tilov  TtaiSsg  Diod.  4,  41,  vielleicht  Gsgxlov  n.  ? 
*Tiphys,  Sohn  des  Hagnias  aus  Siphai.  Ty- 
deus,  Sohn  des  Oineus  aus  Kalydon,  nur  bei 
Valerius  Flaccus.  *Zetes,  Boreade. 

III.  Litterarische  Tradition  der  Sage. 
Vgl.  darüber  G.  E.  Groddeck,  über  die  Argo- 
nautilca  des  Ap.  Rh.  in  der  Bibi,  der  alten 
Litteratur  und  Kunst  2,  61  ff.  A.  Weichert, 
Leben  und  Gedicht  des  Ap.  Rh.  133  ff  Ukert, 
Geographie  der  Griechen  und  Römer  1,  2,  320  ff. 
Pyl,  Litteratur  des  Sagenkreises  der  Medeia. 
Ztsclir.  f.  Altertumswissenschaft  1854,  405  ff., 
481  ff  1855,  505  ff.  F.  Vater,  der  Argonauten- 
zug 1,  66  ff. 

1)  Im  älteren  Epos.  Dafs  die  Argonau- 
tensage in  ihren  Grundzügen  zur  Zeit  der 
homerischen  Dichtungen  nicht  nur  bekannt, 
sondern  auch  ein  beliebter  Stoff  der  Sänger 
war,  geht  aus  der  Art  hervor,  wie  dieselbe  in 
der  Odyssee  erwähnt  wird:  y 70  ’AQyco  näai 
(i sIovgcc.  Iason,  der  Liebling  der  Hera,  und 
der  unheilsinnende  Aietes,  Sohn  des  Helios 
und  Bruder  der  Kirke  (x  135  ff.),  Pelias  und 
Aison  (X  254  ff.)  werden  als  bekannte  Gestalten 
der  Sage  vorausgesezt.  Die  gefährlichen  Klip- 
pen, die  die  Argo  glücklich  passierte  , (y  69  ff.), 
sind  sicher  identisch  mit  den  Symplegaden, 
die  erst  von  Späteren  nach  dieser  Stelle  als 
Plankten  im  westlichen  Meer  lokalisiert  wor- 
den sind,  und  mag  auch  die  homerische  Dich- 
tung das  Aiaie  der  Kirke  sich  im  Westen  vor- 
gestellt haben  — wenn  die  herkömmliche  To- 
pographie der  Odysseusmärchen,  was  nicht  un- 
zweifelhaft ist  (vgl.  Karl  Neumann,  Hellenen 
im  Skythenland  336  ff.),  auf  richtiger  Auffas- 
sung beruht  — , so  hat  sich  doch  eine  Spur 
von  der  ursprünglichen  Annahme  eines  öst- 
lichen Aia  in  den  Versen  y 3 und  4,  wenn  sie 
unbefangen  interpretiert  werden,  erhalten.  Die 
Ilias  kennt  das  Geschlecht  des  mit  der  Hy- 
psipyle  vermählten  Iason  auf  Lemnos  ( H 467  ff. 
0 40.  W 747).  Die  wesentlichsten  Züge  der 
Sage  liefern  bereits  die  dem  H e s i o d und  seiner 
Schule  gehörigen  Gedichte.  Nach  Theog.9b6H. 
992  ff.  ist  der  Aisonide  Iason  — von  Cheiron 
auf  dem  Pelion  erzogen,  fr.  38  cd.  Kinkel  — 
im  Aufträge  des  übermütigen  Pelias  ausge- 
fahren — um  das  goldene  Vliefs  zu  holen 
fr.  14  — und  hat  die  Medeia,  die  Tochter  des 
Aietes  und  der  Okeanide  Idyia,  die  Nichte  der 
Kirke  (vgl.  fr.  87)  nach  loikos  geführt.  Na- 
mentlich dem  nazdkoyog,  bez.  Eoien  gehören 
die  Fragmente  an,  welche  sich  auf  den  Zug 
beziehen:  aus  fr.  74  ist  wohl  ohne  Berechti- 
gung auf  einen  Katalog  der  Teilnehmer  ge- 
schlossen worden;  fr.  169  handelt  von  Hera- 
kles’ Zurücklassung,  fr.  53.  75.  78.  80.  221  von 
der  Befreiung  des  Phineus  durch  die  Boreaden, 


io 

20 

30 

40 

50 

60 


511  Argonautensage  (im Epos  u.  b.  d.  Lyrikern) 

fr.  163  von  den  vier  Söhnen  des  Phrixos,  fr. 
83  und  84  von  der  Rückkehr  der  Argonauten 
den  Phasis  hinauf  durch  den  Okeanos  nach 
Libyen.  Ausführlich  ist  die  Argonautensage 
in  den  Naupaktien  (vgl.  übrigens  G.  Bern- 
hard]), Griechische  L.3  2,  1,  334)  behandelt 
gewesen.  So  bezieht  sich  fr.  3 cd.  Kinkel 
auf  das  Abenteuer  mit  den  Harpyien,  fr. 
4 — 9 auf  die  «Mot  des  Iason  vor  Aietes, 
die  Entwendung  des  Vliefses  und  die  Ent- 
führung der  Medeia,  fr.  10  läfst  Iason  aus 
Iolkos  nach  Kerkyra  auswandern.  Noch  wich- 
tiger für  die  Geschichte  der  Sage  sind  die 
Bruchstücke  des  sogenannten  Eumel os  ( Bern- 
hardy a.  a.  0.  332),  der  als  das  Ziel  der  Fahrt 
Kolxl g Podcc  angegeben  hat,  wohin  des  Helios 
Sohn  Aietes  aus  seiner  Vaterstadt  Ephyra 
(Korinth)  gewandert  sei  {fr.  2 ed.  Kinli.),  und 
der  Medeia  mit  Iason  aus  Iolkos  nach  Korinth 
kommen  läfst  (fr.  3),  mithin  die  lokale  Tradi- 
tion von  Korinth  vertritt.  Ungewifs  ist,  wie 
weit  Eumelos  die  Fahrt  selbst  behandelt  hat; 
doch  wissen  wir  von  dem  Scholiasten  (fr.  9), 
dafs  die  auf  des  Iason  Steinwurf  im  Kampf 
mit  den  erdgeborenen  Riesen  sich  beziehenden 
Verse  des  Apollonios  (3,  1372 — 1376)  wörtlich 
dem  Eumelos  entlehnt  sind,  der  sie  der  Me- 
deia im  Gespräch  mit  Idmon  in  den  Mund 
gelegt  hat.  Mit  Kinaithon,  dem  eine  He- 
rakleia  zugeschrieben  wird , aus  welcher 
eine  Notiz  über  Hylas  in  Kios  erhalten  ist 
(. Schol . Ap.  Bh.  1,  1357),  berühren  wir  die 
Herakleien,  die  hier  nicht  übergangen  wer- 
den dürfen,  da  ja  Herakles , wenn  auch  nicht 
in  der  ursprünglichen,  so  doch  in  der  tradi- 
tionellen Sage  eine  hervorragende  Rolle  spielt. 
Allerdings  besitzen  wir  aus  ihnen  weiter  kein 
bestimmtes  Fragment , das  hierher  gehört ; 
denn  zweifelhaft  bleibt,  ob  der  Schol.  Ap. 
Bh.  2,  98,  1088  - — die  Stelle  betrifft  Amykos 
und  die  Harpyien  — citierte  Peisandros  der 
Epiker  aus  Kameiros  ist  und  nicht  vielmehr 
der  Verfasser  der  riQouyicxi  ftsoyagCcu  aus  spä- 
terer Zeit  ( Suid . Zosim.  hist.  5,  29) ; vgl.  Sten- 
der,  de  Argon. exped.  p.  52.  Zuletzt  erwähnen 
wir  noch  den  Phokaier  Prodikos,  der  nach 
Paus.  4,  33,  7 eine  Minyas  schrieb,  und  ein 
dem  Epimenides  von  Kreta  zugeschriebenes 
Gedicht  Agyov s vavmqylcc  %txi  laoovog  stg  KoX- 
%ovs  dnonXovs,  Diog.  Laert.  1,  10,  5,  mit  zwei 
hierher  gehörigen  Fragmenten  Schot.  Ap.  Bh. 
2,  1122,  3 242,  von  denen  sich  das  erste  auf  die 
Söhne  des  Phrixos,  das  zweite  auf  den  korin- 
thischen Ursprung  des  Aietes  bezieht. 

2)  Lyrik.  Gerade  hier  ist  manches  Alter- 
tümliche überliefert,  wie  wenn  Mimnenn  os 
singt , Iason  habe  das  Vliefs  aus  Aia  geholt, 
der  Stadt  des  Aietes  an  des  Okeanos  Mündung, 
wo  in  goldner  Kemenate  des  schnellen  Helios 
Strahlenkrone  liegt,  fr.  11  ed.  Bergk.  Sirno- 
nides  bezeichnete  das  Vliefs,  von  ihm  nach 
Et.  M.  p.  597,  6 vcchos  genannt,  bald  als  weifs, 
bald  als  purpurn  fr.  21,  nannte  die  Symple- 
gaden  Synormaden  fr.  22,  sang  von  den  Wett- 
kämpfen der  Argonauten  mit  den  Lemnierinnen 
fr.  205  und  erzählte,  dafs  Iason  von  Medeia 
verjüngt  in  Korinth  geherrscht  habe  fr.  204.  48. 
Diese  Einzelheiten  treten  aber  weit  zurück  hinter 


Argonauten  sage  (b.  Pindaru.  Antimachos)  512 

dem  vierten  pythischen  Siegesgesang  des  Pin- 
daros,  der  zu  Ehren  des  Arkesilaos  von  Kyrene 
den  Argonautenzug  besingt,  eine  Darstellung, 
die  trotz  der  besonderen  Zwecke  des  Gedichts 
die  Spuren  echter,  altertümlicher  Fassung  un- 
verkennbar an  sich  trägt. 

Anknüpfend  an  die  Erdscholle,  welche  Eu- 
phemos  von  Tainaron  als  Geschenk  von  Triton 
erhielt,  und  von  welcher,  als  sie  bei  Anaphe 
io  ins  Meer  versank,  Medeia  weissagte,  dafs  aus 
derselben  Thera,  die  Metropole  von  Kyrene, 
entstehen  werde,  erzählt  der  Dichter  ausführ- 
lich die  Vorgeschichte  des  Zuges,  wie  Iason 
als  stattlicher  Held  vom  Gebirge  herunter- 
steigt, nur  den  rechten  Fufs  mit  der  Sandale 
bekleidet,  und  wie  er  von  seinem  Onkel  Pelias 
schliefslich  aufgefordert  wird,  dem  Aietes  das 
zottige  Fell  des  Widders  zu  entreifsen.  So 
versammelt  denn  Iason  die  von  Hera  begei- 
20  sterten  Helden,  darunter  zehn  Göttersöhne,  zur 
gefährlichen  Fahrt;  als  Seher  begleitet  sie 
Mopsos.  Angelangt  am  Schwarzen  Meere  weihen 
sie  dem  Meergott  ein  Heiligtum  und  entrinnen 
glücklich  den  Symplegaden,  die  seitdem  stehen 
bleiben.  Dann  gelangen  sie  zu  den  schwarzen 
(■ntXcuvconsoGi)  Kolcliern  am  Phasis.  Von  Aphro- 
dite in  Liebeswahnsinn  versetzt,  entsagt  Me- 
deia der  Ehrfurcht  vor  ihren  Eltern  und  hilft 
Iason  durch  das  Geschenk  der  Wundersalbe 
so  die  ihm  auferlegten  Arbeiten  bestehen,  sodafs 
er  die  Flammen  schnaubenden,  erzfüfsigen  Stiere 
des  Aietes  an  den  Pflug  spannt  und  den  bunt- 
gefleckten Drachen  im  Gebüsch  durch  Zauber 
tötet,  Medeia  aber  zum  Morde  des  Pelias  ent- 
führt. Die  Rückfahrt  geht  durch  den  Okean 
und  das  rotfarbige  Meer;  zwölf  Tage  lang 
tragen  die  Helden  das  Schiff  über  den  wüsten 
Rücken  der  Erde ; da  erscheint  ihnen  Tri- 
ton mit  dem  Geschenke  der  Erdscholle.  Auf 
40  die  Rückfahrt  — abweichend  von  der  son- 
stigen Überlieferung  (vgl.  jedoch  Myrsilos  bei 
Schol.  Ap.  Bh.  1,  615)  — wir.d  auch  der 
Aufenthalt  auf  Lemnos  verlegt;  dort  auf  der 
Insel  der  männermordenden  Weiber  sollen  die 
Helden  die  Kräfte  ihrer  Glieder  im  Kampf  um 
die  Gewänder  (vgl.  Ol.  4,  19  und  Schol.  z.  d. 
St.  Schol.  Pyth.  4,  251)  gezeigt  und  das  Bei- 
lager gehalten  haben. 

Neben  dieser  glänzenden  Darstellung  kom- 
50  men  Stellen,  wie  Ol.  13,  53.  Nein.  3,  54.  fr. 
149  wenig  in  Betracht.  Von  den  Späteren  ist 
Antimachos  von  Kolophon  mit  seinem  ele- 
gischen Gedicht  AvSg  hervorzuheben,  in  wel- 
chem der  Argonautenzug  nicht  minder  als  an- 
dere mythologische  Stoffe  behandelt  worden 
ist,  wie  die  fr.  7 — 14  beweisen;  er  läfst  den 
Drachen  durch  Iason  und  Medeia  einschläfern, 
verlegt  das  Beilager  derselben  nach  Kolchis 
und  stimmt  in  Bezug  auf  die  Rückfahrt  mit 
co  Iiesiod  überein.  Zuletzt  ist  noch  Theokrit  zu 
erwähnen,  der  in  der  13.  Idylle  die  Entrückung 
des  Hylas,  in  der  22.  den  Kampf  zwischen 
Amykos  und  Polydeukes  besungen  hat. 

3)  Drama.  Da  selbst  die  Tragiker,  wenig- 
stens die  älteren,  von  der  herkömmlichen  Über- 
lieferung ihrer  Stoffe  nicht  ohne  Not  abzu- 
weichen pflegten,  so  würden  wir  auch  aus 
ihren  Werken  manche  Züge  der  älteren  Sage 


513  Argonautensage  (in  Drama  u.  Prosa) 

entnehmen  können , wenn  uns  mehr  als  der 
Titel  derselben  überliefert  wäre;  so  gewinnen 
wir"  nur  die  Kenntnis,  dafs  auch  die  Stoße  der 
Argonautensage  mit  Vorliebe  dramatisch  be- 
i handelt  worden  sind.  Im  einzelnen  ist  auf 
j Welclcers  griech.  Tragödien  und  Trilogie  Pro- 
! metlieus  zu  verweisen.  Aeschylos  bearbeitete 
die  Abfahrt  der  Argo  und  die  lemnischen 
Abenteuer  in  3 Stücken:  Argo  (fr.  20—22  ed. 
Nauck),  Hypsipyle  (fr.  242  u.  f.),  Kabeiren  (fr.  io 
90 — 92),  die  Welcher  zur  Trilogie  Iasoneia  zu- 
sammenstellt. Der  Katalog  im  cod.  Med.  führt 
j aufserdem  den  Titel  Aryivioi  (sic)  an.  Pliineus 
(fr.  253)  gehört  zur  Persertrilogie.  Auch  So- 
phokles bat  die  Landung  auf  Lernnos  in  den 
Afyivica  (fr.  352 — 356)  behandelt,  die  Abenteuer 
in  Kolcbis  in  den  Kol% iöig  (fr.  311 — 322),  viel- 
leicht die  Aufnahme  bei  den  Phaiaken  in  den 
At '&cu  (fr.  501 — 505),  die  jedenfalls  auf  die 
Rückfahrt  zu  beziehen  sind.  Dazu  kommen  20 
das  Satyrspiel  Amykos  (fr.  108  u.  f.)  und  Pbi- 
neus  (fr.  636—645). 

Von  Euripides  kennen  wir  keine  Tragödie, 
die  sich  unmittelbar  auf  die  Argonautenfahrt 
bezieht;  denn  die  Hypsipyle  gehört  in  den 
thebanischen  Sagenkreis.  Di eMivvca  des  Chai- 
remon  (fr.  12)  beziehen  sich  wahrscheinlich 
auf  das  lemnische  Abenteuer.  Aus  der  Komö- 
die lassen  sich  nur  Namen  nennen,  wie  ’Jä- 
acov  von  Alexis  und  Antiphanes,  Afgivica  30 
desAristophanes,  Nikochares,  Antiphanes,  Ale- 
'xis  u.  s.  w.  Vgl.  Meinelce  1,  316.  391.  2,  421. 
1096—1103. 

4)  Prosa.  Zu  den  wichtigsten  Quellen  der 
jSage,  aus  denen  ebenso  Apollonios  Rhodios 
.wie  seine  Erklärer  geschöpft  haben,  gehö- 
ren die  Logographen , die  mit  sparsamer 
Kritik  die  Überlieferung,  besonders  die  lokale, 

1 ziemlich  treu  festgehalten  haben.  Von  Heka- 
taios  von  Milet  sind  uns  in  den  Scholien  zu  40 
Apollonios  mehrere  Nachrichten  über  den  Ar- 
,gonautenzug  erhalten:  der  Widder  des  Plirixos 
habe  geredet,  fr.  337  ed.  Müller,  fragm.  hist., 
die  Argo  sei  mit  Hilfe  der  thessalischen  Athene 
Itonis  erbaut  worden,  fr.  338;  zuletzt  zwei  sich 
widersprechende  Ansichten  über  die  Rückfahrt 
der  Argo,  fr.  339  und  187,  von  denen  die  erstere, 
die  sich  an  Hesiod  anschliefst,  dem  Heka 
iltaios  zu  gehören  scheint.  Pherekydes  von 
Leros,  der  die  Sagen  rein  und  unbefangen  den  50 
alten  Dichtern  entnahm,  behandelte  in  10  Bü- 
chern die  alten  Mythen , darunter  im  6.  und 
7.  den  Argonautenzug.  Es  beziehen  sich  fr. 

52 — 55  auf  Phrixos  und  seine  Familie,  fr.  59 
1 a.  60  auf  Iasons  Vorgeschichte,  nach  fr.  61 
wurde  von  ihm  der  Name  Argo  auf  Argos,  den 
Sohn  des  Phrixos,  zurückgeführt;  dafs  er  aus- 
führlich von  den  Teilnehmern  des  Zuges  ge- 
sprochen hat,  beweisen  fr.  62—67;  von  den 
Ereignissen  auf  der  Hinfahrt  handeln  fr.  68  co 
1 ' ns  70,  fr.  71  u.  72  (wozu  noch  hinzuzufü- 
>'en  Schol.  Ap.  3 , 1093)  von  den  Abenteuern 
n Kolchis,  endlich  fr.  73  von  der  Zerstück- 

Iung  des  Absyrtos.  So  können  wir  aus  diesen 
Bruchstücken  den  ganzen  Verlauf  des  Unter- 
tehmens  verfolgen.  Weit  weniger  wissen  wir 
ron  dem,  was  Akusilaos  von  Argos  in  den 
P \ svsaloyi(u  von  den  Argonauten  berichtet 
Koscher,  Lexikon  der  gr.  u.  röm.  Mythol. 


Argonautensage  (in  d.  Prosa)  514 

hat;  fr.  8,  9,  23  allein  gehören  hierher,  dar- 
unter die  Nachricht,  dafs  das  Vliefs  vom  Meer 
purpurn  gefärbt  gewesen  sei.  Auch  von  Hel- 
lanikos,  der  die  Sagen  bereits  als  Mittel  zu 
historisch  - geographischer  Forschung  benutzt, 
ist  wenig  über  die  Sage  erhalten:  fr.  35  er- 
klärt den  Namen  ’AcpsrcA  aus  dem  Argonau- 
tenzug, fr.  33  belehrt  uns,  dafs  alle  Argonau- 
ten dem  Herakles  gegen  die  Amazonen  Bei- 
stand geleistet  hätten;  dazu  kommen  fr.  49. 
32.  38.  87.  34.  Hieran  schliefsen  wir  den  älte- 
sten Mythograplien  Herodoros  aus  Hera- 
kleia,  welcher  Argonautika  und  eine  Ilerakleia 
geschrieben  hat , eine  ergiebige  Quelle  für 
die  Kommentare  des  Apollonios.  Auf  Phri- 
xos beziehen  sich  fr.  35  u.  36,  auf  einzelne 
Helden  des  Zuges  fr.  37 — 43;  den  Herakles  liefs 
Herodor  nicht  am  Zuge  teilnehmen  fr.  27  u.  38, 
erzählte  aber  in  dem  Argonautenzug  von  einem 
Kampfe  des  Herakles  mit  den  Giganten  auf  Kyzi- 
kos  fr.  45.  Dafs  Herodor  die  Fahrt  der  Argo 
fast  in  der  Ausführung  des  Apollonios  erzählt 
hat,  beweisen  die  fr.  44—50.  56.  57,  nur  dafs  des 
Tiphys  Tod  auf  die  Rückfahrt  nach  Herakleia 
verlegt  und  als  sein  Nachfolger  Erginos  ge- 
nannt wurde  fr.  58.  59.  Von  den  Abenteuern 
in  Kolchis  berichten  fr.  51 — 54;  nach  Herodor 
schickt  Aietes  selbst  den  Iason  nach  dem  Vliefs ; 
dieser  tötet  den  Drachen  und  bringt  das  Vliefs 
zu  Aietes,  der  in  böswilliger  Absicht  ihn  mit 
seinen  Gefährten  zum  Gastmahl  einladet  und 
während  der  darauf  folgenden  Nacht  zurück- 
hält, um  ihr  Schiff  verbrennen  zu  lassen;  Me- 
deia  aber  flieht  mit  den  Unheil  ahnenden  Hel- 
den aus  dem  Palast.  (Ebenso  die  Naupaktien 
fr.  7 u.  8.)  Die  Rückfahrt  verlegte  Herodor 
auf  den  Weg  der  Hinfahrt  fr.  55. 

Von  den  Historikern  ist  es  vornehmlich 
H e r o d 0 1 , der,  wenn  auch  nicht  für  die  Kennt- 
nis der  vulgären  Sage,  so  doch  für  deren  Zu- 
sammenhang mit  der  Stammesgeschichte  der 
Minyer  wichtig  ist;  so  namentlich  in  4,  145  ff'., 
wo  von  der  Auswanderung  der  lemnischen  Mi- 
nyer aus  Lakedaimon  nach  Tliera  und  der 
Gründung  von  Kyrene  durch  den  Euphemiden 
Battos  erzählt  wird.  Eigentümlich  ist  die  Über- 
lieferung 4,  179,  nach  welcher  Iason  vor  sei- 
ner Unternehmung  nach  Kolchis  um  den  Pelo- 
ponnes gefahren , von  Malea  aber  nach  Li- 
byen in  den  tritonisehen  See  verschlagen  wor- 
den sei,  wo  der  Triton  den  erhaltenen  Drei- 
fufs  für  die  Nachkommen  der  Argo  bestimmt 
ha  oe  — ein  Seitenstück  zu  Pindars  Erzählung. 
Eine  verfehlte  Kombination  finden  wir  1 , 2, 
wo  der  Zug  nach  dem  kolchisclien  Aia  und 
dem  Phasis  als  ein  Raub  der  Königstochter 
Medeia,  aus  Rache  für  die  Entführung  der  Io 
von  den  Vätern  der  Helden  des  trojanischen 
Krieges  unternommen,  dargestellt  wird;  7,  193 
ist  an  den  Namen  Aphetai  die  Erzählung  von 
der  Abfahrt  der  Argo  geknüpft. 

Von  den  späteren  Historikern  kommt  vor- 
zugsweise nur  Timaios  in  Betracht,  der  bei 
den  auf  griechische  Einwanderung  zurückge- 
henden Traditionen  italischer  Städte  Gelegen- 
heit hatte  auch  der  ältesten  Seefahrt,  nament- 
lich aber  des  Rückwegs  zu  gedenken.  So  er- 
zählte er,  die  Argonauten  seien  durch  den 

17 


515  Argonauten  sage  (in  d.  Prosa) 

Tanais  bis  zu  den  Quellen  gefahren,  hät- 
ten das  Schiff  zu  Lande  in  einen  in  den 
Okeanos  mündenden  Flufs  gezogen,  seien  ans 
dem  Okean  bei  Gadeira  in  das  Mittelmeer  ge- 
langt und  auch  nach  Libyen  gekommen;  als 
Beweis  dafür  benutzte  er  lokale  Traditionen 
fr.  6.  Die  Hochzeit  des  Iason  und  der  Medeia 
verlegte  er  nach  Kerkyra  fr.  7,8,  Orikon 
nannte  er  eine  Kolonie  cler  Kolcher  fr.  53,  er 
erwähnte  nediov  Ki’gticaov  in  Kolchis  fr.  9 und 
den  kolchischen  Drachen  im  italischen  Phaiakis 
fr.  13.  Nach  Kolchis  verlegte  die  Hochzeit  von 
Iason  und  Medeia  Timonax,  der  zum  Beweise 
lokale  Traditionen  anführte  fr.  2 bei  Müller , 
fr.  liist.  4,  522;  den  Weg  durch  den  Ister  führte 
die  Argo  Timagetos  fr.  1 (bei  Müller,  fr. 
hist.  4,  519,  aufser.dem  fr.  2.  3.  5);  ihm  ist  darin 
der  Rhodier  Apollonios  gefolgt,  dessen  Haupt- 
quelle nach  Schol.  Ap.  1 , 623  (vgl.  Schol.  zu 
1,  77.  587)  Kleon  von  Kurion,  der  Verfasser 
von  Argonautika,  gewesen  sein  soll.  Damit 
sind  wir  zu  den  Mythographen  der  alexandri- 
nischen  Zeit  gelangt,  von  denen  aber  wenige, 
wie  der  spätere  Apollo doros,  sich  mit  einer 
schlichten  Erzählung  begnügten;  vielmehr  hatte 
die  philosophische  Richtung  der  Zeit  bereits 
eine  skeptische  oder  euhemeristische  Auffas- 
sung der  alten  Mythen  angebahnt.  So  behaup- 
tete Demetrios  von  Skepsis  gegen  Neanthes 
von  Kyzikos,  dafs  Homer  von  der  Fahrt  des 
Iason  nach  dem  Phasis  noch  nichts  wisse,  und 
leugnete  damit  wohl  überhaupt  die  historische 
Wirklichkeit  derselben,  wie  er  auch  mit  Mim- 
nermos  die  Wohnung  des  Aietes  rein  poetisch  an 
den  östlichen  Erdrand  setzte,  wogegen  Strabo, 
auf  Gewährsmänner  und  lokale  Traditionen  ge- 
stützt, Widerspruch  erhebt  1,  p.  45  f.  Andere 
bemühten  sich  durch  euhemeristische  Deutung 
einen  historischen  Kern  aus  der  Sage  heraus- 
zuschälen, wie  Kleidemos,  der  von  einem 
von  Iason  unternommenen  Feldzug  gegen  die 
Seeräuber  sprach,  Flut.  Thes.  c.  19,  wie  auch 
Charax  von  einer  Flotte  der  Argonauten  re- 
dete, Eustath.  zu  Dion.  Per.  687,  und  Possis 
von  einer  Schlacht,  welche  die  Argonauten 
den  Tyrrhenern  von  Lemnos  lieferten,  Athen. 
7,  296  D.  (ähnlich  Ephoros  von  den  Dolionen 
in  Kyzikos,  Schol.  Ap.  1,  1037).  Am  ausführ- 
lichsten aber  ist  uns  die  euhemeristische  Dar- 
stellung des  Mytilenäers  Dionysios  (wie- 
derholt verwechselt  mit  dem  Milesier,  von  dem 
sich  Argonautika  nicht  nachweisen  lassen,  trotz 
PL achtmann,  de  Dionysio  Mytilenaio  p.  48, 
Ewald  Meier,  Quaestiones  Argonauticae  p.  11) 
durch  Diodor  4,  40 ff.  überliefert:  das  von  Ia- 
son und  den  berühmtesten  Helden  — zusam- 
men 54  — benannte  Schiff,  das  vom  Erbauer 
Argos  oder  wegen  seiner  Schnelligkeit  Argo 
benannt  wurde,  lief  unter  Anführung  des  Hera- 
kles aus.  Unterwegs  befreite  derselbe  die  Ge- 
mahlin Kleopatra  und  die  Söhne  des  Phineus 
von  den  väterlichen  Mifshandlungen  durch 
Tötung  desselben.  Das  Ziel  der  Fahrt  war 
das  Land  der  menschenopfernden  Taurer;  Aie- 
tes, des  Helios  Sohn,  war  König  von  Taurike 
und  Kolchis , von  seiner  Gemahlin  Hekate 
Vater  der  Kirke,  Medeia  und  des  Aigialeus. 
Während  die  ersten  wegen  ihrer  Schandthaten 


Argouautensage  (in  d.  Prosa)  516 

vertrieben  worden  waren,  bemühte  sich  Medeia 
die  an  den  Strand  geworfenen  Fremden  vor 
dem  Opfertod  zu  retten  — • eine  zweite  Iphige- 
neia.  Auch  die  Argonauten  versicherte  sie  ihres 
Beistandes  unter  der  Bedingung,  dafs  Iason  sie 
heirate.  Nachts  zogen  sie  aus  zum  Raube  des 
Vliefses.  Die  Sage  von  Phrixos  wird  nun  da- 
hin gedeutet,  dafs  Phrixos  auf  einem  mit  dem 
Wappen  des  Widders  geschmückten  Schiffes 
io  geflohen  und  mit  seinem  Pädagogen  Namens 
Krios  an  den  taurischen  Strand  gekommen  sei, 
während  Helle  ins  Meer  stürzte;  Phrixos  sei 
hier  freundlich  aufgenommen,  Krios  dagegen 
geopfert  und  seine  Haut  vergoldet  im  Tempel 
des  Ares  aufgehängt  worden.  (Ebenso  Hera- 
kleitos  n sgi  oiulgtcov  24.)  Dieses  Vliefs nun, 
welches  nach  einem  Orakel  dem  Aietes  die 
Herrschaft  sicherte,  hing  gesichert  hinter  star- 
ken Mauern  und  war  beschützt  von  Wächtern,  die 
20  der  Volksglaube  zu  feuerschnaubenden  Stieren 
umdichtete,  unter  einem  Befehlshaber  Namens 
Drakon.  Nach  diesem  Heiligtum  des  Ares,  70 
Stadien  von  der  kolchischen  Hauptstadt  Syba- 
ris,  führte  Medeia  die  Argonauten;  während  der 
Königstochter  das  Thor  geöffnet  wurde,  dran- 
gen sie  mit  ein  ,*  besiegten  die  Besatzung  und 
flohen,  nachdem  Drakon  von  Medeia  vergiftet 
worden  war,  mit  dem  Vliefs  zum  Meer.  Am 
Strande  kam  es  zum  Kampf  mit  dem  kerbei- 
30  eilenden  Aietes , der  durch  Meleagros’  Hand 
fiel.  Über  Byzantion , wohin  Dionysios  das 
Beilager  von  Iason  und  Medeia  verlegte  Schol. 
Ap.  4,  1153,  kehrten  die  Argonauten  nach  Iol- 
kos  zurück.  Die  Deutung  des  goldnen  Vliefses 
haben  Euhemeristen  auf  verschiedene  Weise  ver- 
sucht. Man  bezog  es  am  liebsten  auf  das  Gold 
des  kolchischen  Landes;  so  bei  Strabo  11, 
p.  499  und  Appian.  b.  Mithr.  103,  nach  denen 
die  Bäche  des  Kaulcasos  Gold  mit  sich  führen, 
40  das  von  den  Einwohnern  in  durchlöcherten 
Mulden  und  wolligen  Vliefsen  gewonnen  werde. 
(V on  dem  kolchischen  Goldreichtum  auch  Plin. 
33,  15). — Charax  bei  Eustath.  zu  Dion.  Per. 
689  und  Suidas,  s.  v.  dsgag  igvGoyullov  hal- 
ten das  goldene  Vliefs  für  ein  aus  Tierhaut 
gefertigtes  Buch , in  welchem  die  Bereitung 
des  Goldes  gelehrt  sei;  Palaiphatos  nsgi 
ciniGzwv  c.  31ff.  (vgl.  Apostol.  11,  J>8)  denkt 
an  ein  goldenes  Bild,  das  Phrixos  mit  dem 
50  Hofmeister  Krios  auf  einem  Schiffe  rettet.  So 
sank  denn  die  Heldenfahrt  der  Argonauten  zu 
der  Bedeutung  einer  Handelsexpedition  oder 
eines  gewöhnlichen  Raubzuges  herab.  {luven. 
6,  153  mercator  Iason).  Zu  dieser  rationalisti- 
schen Auffassung  trat  dann  weiter  die  Manier 
christlicher  Schriftsteller,  die  heilige  Ge- 
schichte mit  der  antiken  Sage  zu  vermischen, 
wozu  ein  Beispiel  für  unsere  Sage  der  von 
Charax  abhängige  Iohannes  von  Antiochia 
go  bietet,  Müller,  frgm,  hist.  gr.  4,  548. 

5)  Das  spätere  Epos.  Nicht  nur  die  ge- 
lehrte Prosa,  sondern  auch  die  gelehrte  Dich- 
tung behandelte  die  Argonautensage.  Kalli- 
m ach os  hat  wenigstens  die  Rückfahrt  der 
Argonauten  poetisch  behandelt,  Strab.  1,  p.  46, 
vielleicht  in  dem  2.  Buch  der  Ai'ucc , Schnei- 
der, Callimachea  2,  7 8 ff.  Aber  das  bedeu- 
tendste Werk  der  alexandrinischen  Poesie  die- 


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517  Argonauten  sage  (im  spät.  Epos) 

' 1 ses  Inhalts  ist  das  Epos  der  Argonautika 
des  Apollonios  Ehodios.  Mangelt  dieser 
Dichtung  auch  die  Frische  der  homerischen 
Gedichte  und  mufs  die  gelehrte  Quellenfor- 
schung .die  Originalität  ersetzen,  sind  auch  die 
alten  Überlieferungen  mit  der  erweiterten, 
allerdings  vielfach  irrtümlichen  Erdkunde  der 
späteren  Zeit  merkwürdig  vermischt  und  ver- 
wirrt, so  hat  dieselbe  doch  für  alle  spätere 
Zeit  der  Sage  ihre  feste  Form  gegeben  und  10 
bleibt  für  die  Kenntnis  derselben  von  unschätz- 
barem Wert.  Ebenso  wertvoll  sind  aber  auch  die 
Scholien  zu  diesem  Epos,  in  welchen  mehrere 
Kommentatoren  ihre  reiche  Kenntnis  der  für 
uns  verlorenen  Litteratur  niedergelegt  haben. 

ä(vgl.  Weicher t,  Lehen  und  Gedicht  des  Ap.  JRh. 
p.  391  ff.  Stender,  de  Arg.  expeditione  p.  14ff.). 

IDer  byzantinischen  Zeit  gehören  die  unter 
dem  Namen  des  Orpheus  überlieferten  Argo- 
nautika an,  ein  episches  Werk  von  1.384  Hexa-  20 
metern,  von  höchst  mittelmäfsigem  Wert  mit 
der  Tendenz , Orpheus  zum  Haupthelden  des 
Unternehmens  zu  machen,  auch  im  übrigen 
mit  bemerkenswerten  Abweichungen  von  Apol- 
i lonios  (so  in  der  Phineussage  vs.  069  ff.).  Ganz 
■;  eigentümlich  und  sonderbar  ist  die  Darstellung 
der  Rückfahrt,  in  welcher  der  Dichter,  indem 
er  nach  möglichster  Altertümlichkeit  strebt, 
doch  beständig  in  die  verwirrten  geographi- 
schen Anschauungen  der  alexandrinischen  Zeit  30 
, verfällt.  Darnach  fahren  die  Argonauten  auf 
einem  Nebenarm  des  Phasis  gegen  Osten  durch 
viele  am  Abhang  des  Kaukasus  wohnende 
Volksstämme,  gelangen  an  eine  grüne  Insel, 
wo  Phasis  und  Saranges  zusammenströmen, 
dann  weiter  durch  den  kimmerischen  Bospo- 
10s  zum  See  Maiotis,  von  wo  die  Fahrt  duicli 
das  Gebiet  der  glücklichen  Makrobier,  der  son- 
nenlosen Kimmerier,  an  den  Thoren  des  Hades 
vorbei,  zum  Okean  fortgesetzt  wird,  an  dessen  40 
iufsersten  Rand  sie  ein  Sturm  zur  Insel  der 
Demeter  verschlägt.  Hier  lenken  sie  um  und 
gelangen  zum  Palast  der  Kirke,  weiter  zu  den 
üäulen  des  Herakles,  an  die  latinisch-tyrrhe- 
1 rische  Küste,  zum  Strudel  der  Charybdis  und 
len  Seirenen  , die  durch  des  Orpheus  überle- 
gene Kunst  besiegt  sich  ins  Meer  stürzen.  Auf 
ler  phaiakischen  Kerkyra  erreicht  sie  die  köl- 
nische Flotte ; das  schnell  veranstaltete  Bei- 
ager  befreit  Medeia  nach  dem  Urteil  des  Al-  50 
i dnoos  von  der  Gefahr  der  Auslieferung.  Von 
la  gelangt  die  Argo  in  die  Syrtis,  über  Kreta 
lurcb  die  Sporaden  (Anaphe)  nach  Iolkos 
.urück. 

6)  In  der  römischen  Litteratur  lebte  die 
ius  alexandrinischen  Quellen  geschöpfte  Argo- 
mutensage  fort;  'eine  Bereicherung  unserer 
Cenntnis  derselben  ist  aus  ihr  nicht  zu  ge- 
winnen. Es  wäre  überflüssig  die  Titeln  eini- 
ger Dramen  zu  nennen,  wie  die  Argonauten  co 
les  Attius  und  die  Lemniae  des  Turpilius; 
lervorgehoben  sei,  dafs,  wie  im  späteren  grie- 
chischen Drama,  der  pathetische  Stoff  der  Me- 
. -ileiasage  mit  Vorliebe  behandelt  worden  ist; 
huch  des  Absyrtus  wird  in  der  römischen  Dich- 
tung öfter  gedacht.  Natürlich  hat  die  lyrische 
■’oesie  unsere  Sage  nicht  übersehen ; so  findet 
ich  bei  Propertius  1,  20  die  Hylassage  aus- 


Argonautensage  (b.  d.  Römern)  518 

geführt.  Ovidius  hat  Heroid.  6 einen  Brief 
der  Hypsipyle  an  Iason  fingiert  (der  gleiche 
Stoff  bei  Statius,  Tlieh.  5,  397  ff.),  die  kolclii- 
schen  Abenteuer,  wieden  Seelenkampf  derMedeia 
im  7.  Buch  der  Metamorphosen,  bekanntlich  auch 
in  einem  besonderen  Drama  behandelt.  Wäh- 
rend aber  P.  Terentius  Varro  Atacinus  seine 
Landsleute  mit  dem  Epos  des  Apollonius  durch 
eine  freie  Übersetzung  bekannt  machte  (vgl. 
darüber,  wie  über  das  Vorausgehende  Teuffels 
Gesell,  d.  r.  L.  und  M.  Schmidt  im  Fhilolog.  25, 
431  f.),  unternahm  es  C.  Valerius  Flaccus,  die 
Sage  mit  freier  Nachahmung  des  alexandrini- 
schen Dichters  in  seinem  unvollendeten  Werke 
,, Argonauticon  libri  octou  darzustellen.  Die 
geographische  Gelehrsamkeit  seiner  Quelle, 
aufser  welcher  noch  andere,  vielleicht  Hero- 
dor und  Diodor  {Thilo  p.  8,  dagegen  JEw.  Meier, 
quaest.  Argonaut,  p.  4)  benutzt  sind,  ist  ge- 
kürzt, dafür  die  bedeutenderen  Scenen  effekt- 
voller , mit  kräftigerer  Charakteristik  ausge- 
führt, besonders  Iasons  Aufenthalt  in  Kolchis 
romanhaft  ausgesponnen.  Überall  verrät  sich 
die  Darstellung  des  Rhetors.  Das  erste  Buch 
enthält  nur  die  Vorbereitung  der  Fahrt,  die 
besonders  rhetorisch  gefärbte  Abschiedsscene 
und  die  Ermordung  von  Iasons  Eltern  durch 
Pelias , die  mit  der  gewaltsamen  Mitnahme 
des  Akastos  motiviert  wird.  Ausführlicher  dar- 
gestellt sind  der  Aufenthalt  in  Lemnos  (2,  82 
— 427)  — hier,  wie  auch  sonst,  wird  das  Ein- 
greifen der  Götter  in  die  Handlung  mit  home- 
rischer  Ausführlichkeit  behandelt  — , der  Kampf 
mit  Arnykos  (4,  99 — 343),  die  Befreiung  des 
Phineus  (4,  344—636).  Ganz  abweichend  von 
Apollonius  werden  die  kolchischen  Abenteuer 
erzählt,  wohl  nach  des  Dichters  eigener  Er- 
findung. Darnach  verspricht  Aietes  das  gol- 
dene Vliefs  unter  der  Bedingung,  dafs  die  Ar- 
gonauten ihm  gegen  seinen  Bruder  Perses  Bei- 
stand leisten,  der,  weil  er  den  König  beschworen 
hatte,  das  Vliefs  nach  Thessalien  zurückzu- 
schicken , zur  Flucht  und  gewaltsamen  Rück- 
kehr genötigt  worden  war.  Dadurch  dafs  der 
treulose  König,  im  Kampfe  gegen  Perses  von 
den  Argonauten  erfolgreich  unterstützt  (B.  6), 
sein  Versprechen  nicht  hält,  sondern  nun  erst 
noch  die  bekannten  Bedingungen  stellt  (7,  61  ff.), 
entschuldigt  sich  die  List  der  Minyer,  die  ja 
bereits  gerechte  Ansprüche  auf  das  Vliefs  ha- 
ben, entschuldigt  sich  ihre  Verbindung  mit 
Medeia,  deren  Leidenschaft  von  Hera  erregt 
und  von  Kirke  unterstützt  wird.  Nachdem  sich 
Iason  mit  ihrer  Hilfe  des  Vliefses  bemächtigt 
hat  und  mit  ihr  glücklich  entkommen  ist  (8, 174), 
wählen  die  Helden  auf  den  Rat  des  Erginos 
den  Weg  auf  dem  Istros.  Die  Hochzeitsfeier, 
die  Iason  und  Medeia  auf  der  Insel  Peuke  be- 
gehen, wird  durch  die  Ankunft  des  Absyrtus  jäh 
unterbrochen;  im  ersten  Schrecken  beschliefst 
man  Medeia  auszuliefern.  Mit  den  Vorstellun- 
gen dieser  gegen  einen  solchen  Tlan  bricht 
das  Gedicht  ab. 

Es  erübrigt  noch,  da  wir  von  gelegentlichen 
Bemerkungen  anderer  Schriftsteller  und  den 
verworrenen  Darstellungen  eines  Dar  es  oder  Z)m- 
contius  (Medea,  Bührens , poet.  lat.  min.  5,  192  ff.) 
hier  absehen,  einige  mythographische  Werke  der 

17  * 


519  Argonautensage  (lokale  Tradit.) 


Argonautensage  (lokale  Tradit.)  520 


römischen  Litteratur  hier  anzuführen:  nament- 
lich die  den  Namen  des  Hyginus  tragenden 
fabulae , von  denen  14 — 23  ausschliefslich  die 
Argonautensage  ohne  besondere  Abweichung 
von  der  Vulgata  behandeln,  ferner  den  sog. 
Mythographus  Vaticanus  1 mit  den  Fabeln  23 
—25.  27.  49.  93.  133.  136.  199.  und  den  Mytli. 
Vatic.  2 mit  den  f.  134—136.  140  — 142.  199., 
während  der  Mytli.  Vat.  3 (10 — ll.Jahrh.)  die 
Sage  nur  beiläufig  in  allegorisierender  Manier  io 
anführt. 

IV.  Lokale  Tradition.  EineSage, die  von 
früher  Zeit  an  ihre  Weiterbildung  wesentlich  den 
Fortschritten  der  hellenischen  Schifffahrt  ver- 
dankte, mufste  ihre  Spuren  in  zahlreichen  lokalen 
Traditionen  zurücklassen.  Und  in  der  That 
lernen  wir  eine  Kette  solcher  Traditionen  ken- 
nen, angeknüpft  an  Orte,  die  von  der  Argo 
berührt  sein  sollten,  natürlich  von  dem.  ver- 
schiedensten Alter  und  Ursprung,  die  zum  Teil  20 
auf  alter  Überlieferung  beruhen,  zum  Teil  aus 
mehr  oder  minder  gelehrten  Erklärungen  be- 
stehender Gebräuche  oder  Namen  hervorge- 
gangen sind,  alle  aber  von  der  weiten  Ver- 
breitung der  Sage  zeugen.  So  konnte  es  dem 
eifrigen  Verteidiger  ihrer  historischen  Grund- 
lage, Strabon,  nicht  schwer  fallen,  allenthal- 
ben Spuren  von  der  Landung  der  Argo  zu  ent- 
decken, 1,  46:  ncd  f lyv  v.cn  nsql  Zhvomyv  nul 
xyv  xccvxyg  nccgccXiav  x«i  xyv  ÜQOTiovxida  ncd  30 
tov  'EXXycxcovxov  xcov  %az<x  xyv  Ayyvov 

xoncav  Xsysxcu  noXXu.  xsv.gyqicc  xyg  xs  laoovog 
G xQKXEiag  v.cd  xyg  d?Qi^ov  • xyg  ös  ’lcxaovog  Kai 
xcöv  snichwigavxwv  Kol%cov  v.cd  tyg  Kqy~ 

xyg  xcd  xyg  ’lxaXCag  %cti  xov  ’ASqiov. 

1)  Von  Iolkos  bis  zum  Bosporos.  Dafs 
schon  die  Alten  in  dem  Namen  Iolkos  (nach 
E.  Curtius,  Ionier  S.  22  „der  Iaoner  Schiffslager“) 
eine  Erinnerung  an  die  erste  Seefahrt  gefunden 
haben,  ist  nicht  überliefert.  Pagasai  haben  40 
sie  von  dem  Bau  der  Argo  hergeleitet,  Schol. 
Ap.  Uli.  1 , 238.  Kallimachos  bei  Hyg.  astr. 

2,  37.  Strab.  10,  p.  436.  Der  Name  Aphetai 
erinnerte  sie  an  die  Abfahrt  des  Schiffes,  Ap. 
Bh.  1,  591.  Strab.  9,  436,  genauer  Herod.  7, 
193 , welcher  hier  die  Argo  landen  und  von 
hier  auf  die  hohe  See  auslaufen  läfst,  vgl.  auch 
des  Hellanikos  dsvxtQa  acpeGig,  Steph.  B.  s.  v., 
während  der  Verfasser  des  Kyvuog  ydgog  (Schol. 
Ap.  Bh.  1,  1289)  den  Namen  von  der  Zurück-  50 
lassung  des  Herakles  ableite ce.  Unter  dem 
Namen  Aphormion  führt  Steph.  Byz.  einen 
Ort  der  Thespier  als  Vaterstadt  des  Steuermanns 
Tiphys  an,  von  wo  die  Argo  ausgelaufen  sein 
soll,  während  nach  Baus.  9,  82,  4 Tiphys  aus 
Tipha  gebürtig  ist,  wo  die  Argo  nach  ihrer 
Rückfahrt  gelandet  sein  soll.  Wichtiger  er- 
scheint, dafs  die  Erinnerung  an  die  Abfahrt 
des  Schiffes  in  dem  thessalischen  Feste  der 
’ExcnQideux  bewahrt  wurde,  dessen  Stiftung  zu  60 
Ehren  des  Zeus  demlason  zugeschrieben  wurde 
( Hegesander  b.  Athen.  13,  573  d),  ebenso  wie 
die  Gründung  eines  Tempels  des  ’AnoXXmv  m- 
xiog  ( IIccyccGcciog ) bei  Pagasai,  Kallimachos  bei 
Hyg.  astr.  2,  37.  Schol.  Ap.  Bh.  1,  238. 

Von  besonderer  Bedeutung  ist  die  Insel 
Lemnos,  ein  alter  Minyersitz,  besonders  die 
Stadt  Myrina,  deren  Eponym  die  Gattin  des 


Thoas,  Tochter  des  iolkischen  Königs  Kre- 
tbeus,  heifst,  Schol.  Ap.  Bh.  1,  601.  Homer 
11  467  ff.  kennt  die  Herrschaft  der  Iasoniden 
auf  der  Insel,  Hcrodot  4, 145  uud  Bind.  4,  50f. 
252  ff.  sichern  ihr  den  Platz  in  den  Traditio- 
nen des  Minyerstammes.  Der  Männermord  der 
lemnischen  Frauen  wurde  sprichwörtlich  zum 
slyyviov  kcckov  , Aesch.  Ghoepli.  631.  Zenob. 
4,  91,  sein  Gedächtnis  jährlich  durch  ein  Trauer- 
und Sühnfest  gefeiert , ja  die  dvooGyicc  der 
Frauen  soll  sich  mit  der  Entfremdung  der 
Männer  daselbst  jährlich  zu  bleibender  Erin- 
nerung wiederholt  haben,  Myrsilos  bei  Schol. 
Ap.  Bh.  1,  615.  In  nächster  Nähe  von  Lem- 
nos, auf  der  Insel  Chryse  (Baus.  7,  33,2),  galt 
nach  einigen  (Bhilostr.  iun.  imag.  17)  der  Al- 
tar der  (Athene)  Chryse  als  eine  Stiftung  Ia- 
sons.  Mit  mehr  Recht  läfst  sich  ein  zweiter 
Sitz  des  Kabeirendienstes,  Samothrake,  mit  der 
Argosage  verbinden:  die  Landung  daselbst 
wurde  noch  in  später  Zeit  durch  die  Weihge- 
schenke der  Seefahrer,  Pbialen,  den  gläubigen 
Reisenden  bestätigt,  Hiod.  4,  49.  Willkürlich 
ist  die  Ableitung  des  Meerbusens  Melas  von 
dem  gleichnamigen  Sohne  des  Phrixos,  der  hier 
ins  Meer  gefallen  sein  soll,  Schol.  Ap.  Bh.  1, 
922,  eine  Kopie  der  älteren  und  allgemeineren 
Etymologie  des  ' EXXycnovxog  von  Helle,  Steph. 
Byz.  s.  v.  u.  a,  deren  Grab  in  der  Lokalsage 
nach  Paktye  verlegt  wurde,  Hellanikos  bei 
Schol.  Ap.  Bh.  2,  1144.  Herod.  7,  58,  während 
Phrixos  der  Landschaft  Phrygien  den  Namen 
gegeben  haben  soll,  Schol.  Ar.  nub.  257. 

Eine  wichtige  Station  der  Argofahrt  ist 
Lampsakos  mit  dem  älteren  Namen  Pityusa 
oder  Pityeia,  der,  von  Hom.  B 829  in  der 
Form  Thxv y angeführt,  auch  einem  Orte  in  der 
Nachbarschaft  der  Stadt  angehört,  Steph.  Byz. 
s.  v.  Adpxpanog  und  Ihxvy.  Strab.  13 , 589. 
Der  Name  wurde  von  dem  thrakischen  Wort 
mxvy  „Schatz“  abgeleitet ; in  Lampsakos  näm- 
lich habe  Phrixos  seinen  Schatz  niedergelegt, 
Schol.  Ap.  Bh.  1,  933.  Nach  Charon  bei  Schol. 
Ap.  Bh.  2,  2 hiefs  das  Land'  der  Lampsakener 
früher  BeßQvxi'u  von  den  daselbst  wohnenden 
Bebrykern,  deren  König  Amykos  in  dem  Kreis 
der  Argonautensagen  einenPlatz  fand.  In  gleich 
naher  Beziehung  zu  denselben  steht  die  Stadt 
Kyzikos,  deren  Namen  an  den  gastfreund- 
lichen Dolionenkönig  erinnert,  Schol.  Ap.  Bh. 
1,  948;  hier  sollten  vor  den  Milesiern  thessa- 
lische  Pelasger  gewohnt  haben,  Konon,  öiyyy- 
oeig  c.  41,  Schol.  Ap.  Bh.  1,  987.  1037.  Meh- 
rere Namen  und  Reliquien  erinnerten  an  die 
Landung  der  Argonauten:  ein  Tempel  des 
Apollon  iv.ßciGiog,  auch  der  iasonische  genannt, 
Schol.  Ap.  Bh.  1,  966,  wie  auch  Athene  hier 
als  iasonische  verehrt  wurde,  in  deren  Tempel 
der  Ankerstein  lag,  den  Tiphys  an  der  Quelle 
Artakia  zurückgelassen  haben  sollte,  Ap.  Bh. 
1,  955  ff.  Blin.  n.  li.  36,  23.  Nach  Iason  war 
ebenso  der  Weg  auf  den  Dindymos,  Ap.  Bli. 
1,  988,  wie  eine  Quelle  auf  demselben  benannt, 
Ap.  Bh.  1,  1 1 4 8 f . ; der  Tempel  der  idäischen 
Mutter  daselbst , deren  aus  einem  trockenen 
Rebenast  geschnitztes  Bild  noch  später  vor- 
handen war,  Schol.  Ap.  Bh.  1,  1117,  Zosim. 
hist.  2,  31,  2,  galt  als  eine  Gründung  der  Ar- 


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312. 


521  Argonautensage  (lokale  Tradit.) 

gonauten,  Strab.  1,  45  (nach  Neanthes  von  Ky- 
zikos). 12,  575.  In  Kyzikos  selbst  zeigte  man 
das  Grabmal  des  Kyzikos,  Ap.  j Rh.  1,  1061  f. 
und  nannte  eine  Quelle  nach  seiner  Gemah- 
lin Kleite,  die  das  Schicksal  ihres  Gatten 
teilte,  Schol.  Ap.  Rh.  1,  1065,  wie  auch  ein 
jährliches  Opfer  das  Gedächtnis  des  königli- 
chen Paares  feierte,  Ap.  Rh.  1,  107511'.  In 
der  Stadt  Kios,  später  Prusias,  in  Bithy- 
uien  ist  die  Hylassage  lokalisiert.  Noch  zu 
Strabons  (12,  564)  Zeit  feierten  die  Bewohner 
ein  Pest,  an  welchem  sie  unter  dem  Rufe  „Hy- 
las“  auf  die  Berge  zogen,  vgl.  Nikander  bei 
Anton.  Lib.  26.  Den  Namen  der  Stadt  leitete 
Strabon  von  dem  Argonauten  Kios,  einem  Ge- 
ährten des  Herakles  ab,  während  Aristoteles 
lach  Scliol.  Ap.  Rh.  1,  1177.  1346.  den  Anfüh- 
rer der  Milesier  Kios  nannte  und  Charax  bei 
^chol.  Ap.  Rh.  4,  1470  den  Argonauten  Poly- 
jhemos  als  Gründer  der  Stadt  bezeichnete,  vgl. 
Äpollod.  1,  9,  19.  'Den  Namen  des  Amykos 
gewahrte  ein  Ort  an  der  Propontis , wo  man 
len  Lorbeerbaum  zeigte,  an  den  der  Besiegte 
gebunden  wurde,  und  wo  ein  Heroon  sein  Ge- 
lächtnis  fortpflanzte,  Schol.  Ap.  Rh  2,  159. 
‘lach  Ptolem.  Heph.  bei  Phot.  bibl.  150  a,  20  soll 
ason,  nicht  Polydeukes,  mit  Amykos  gekämpft 
iahen , wie  der  an  dem  Ort  haftende  Name 
yoovos  cd%[iri  mit  der  Quelle  ’Elsvt j be- 
reise. 

Häufig  werden  Altäre  erwähnt,  die  die  Ar- 
onauten  am  Bosporos  errichtet  haben  sollen, 
ach  Ap.  Rh.  2,  539  ff.  Schol.  Dem.  Lept.  p.  468 
en  zwölf  Göttern,  nach  Polyb.  4,  39,  6 auf  der 
Rückfahrt.  (Die  Altäre  bei  den  Kyaneen  erwähnt 
Aristoti]  nEQL  &avfi.  ätiovay.  105.)  Nach  Ile- 
odoros  und  Timosthenes  bei  Schol.  Ap.  Rh. 

, 532  sollte  das  Heiligtum  von  des  Plirixos 
öhnen  geweiht  sein;  jedenfalls  existierte  es 
och  in  späterer  Zeit.  Den  Altar  des  Zeus 
v qlos  als  Iasons  Stiftung  führt  Mela  1,  19,  5 
a,  den  der  Artemis  Ptolem.  5,  1,  p.  311.  10, 
312,  den  des  Poseidon  Arist.  in  Nept.  p.  21, 
1 Jepp  (vgl.  Pind.  Pyth.  4,  204),  den  der 
era  Ulpian.  zu  Dem.  Lept.  p.  468.  Am  Ein- 
mge  des  Pontos  gab  es  einen  IDql^ov  h-fiyv 
■ > rij  XcclnySovLu  nsgccicc  nach  Nymphis  bei 
ieph.  Byz.  s.  v.  cE>^t|og;  ebendort  soll  auf 
iropäischer  Seite  eine  Stadt  Kytaia  gelegen 
iben,  ein  Name,  der  mit  der  Argonautensage 
ig  verwachsen  ist,  Schol.  Ap.  Rh.  2,  399 ; und 
ils  auch  Bv^avziov  in  diesen  Kreis  hinein- 
izogen  wurde,  beweist  namentlich  die  Nach- 
oht  des  Dionysios  von  Milet  bei  Schol. 
p.  Rh.  4,  1153,  dafs  hier  das  Beilager  von 
son  und  Medeia  gehalten  worden  sei.  Als 
rnehmste  Erinnerung  an  die  gefahrvolle  Fahrt 
iftete  der  Name  Kvdvtca  oder  Bvynhpycidss 
i gewissen  Klippen  des  Bosporos,  deren  Lage 
lerdings  von  den  Schriftstellern  verschieden 
■gegeben  wird.  Vgl.  Fr.  Wieseler , de  Cya- 
is  sive  Symplegadibus.  Göttinger  Lektions- 
■talog  v.  J.  1879. 

2)  Im  Pontos.  a)  Nördliche  Richtung. 

, 1 m y d e s s o s hat  die  l’hineussage  am  treuesten 
wahrt  und  daher  allgemein  als  die  Residenz 
s phönikischen  Heros  gegolten;  in  der  Nähe 
■ iser  Stadt  giebt  Strab.  7,  319  (vgl.  Steph. 


Argonauteusage  (lokale  Tradit.)  522 

Byz.)  eine  Anvonohg  an  {Steph.  Byz.  führt 
aufserdem  einen  Ort  >Mvtiov  am  Pontos  an), 
nördlich  von  derselben  Johannes  Kantakuze- 
nos , hist.  4,  10  p.  62  f.  eine  Stadt  Namens 
Mydsicc.  (Phineus  in  Paphlagonien  Schol.  Ap. 
Rh.  2,  178.  Salmydessos  am  Thermodon  Aesch. 
Prom.  726.)  Auf  der  taurischen  Chersones 
veranlafste  der  Name  des  Vorgebirges  Kqiov 
pszcanov  („Widderstirn“,  in  der  Landessprache 
„Brixaba“  genannt,  von  der  auffallenden  Form) 
die  Legende,  dafs  der  Widder  des  Phrixos  ge- 
opfert worden  sei,  Pseudoplut.  tz.tcox.  14,  4,  und 
II<xvzzyi<x7tDuov  galt  nach  einigen  als  Grün- 
dung eines  Sohnes  des  Aietes,  Eust.  Dion.  311. 
Steph.  Byz.  s.  v.  Zuletzt  sei  das  skythische 
Kvxci  oder  Kvzcucc  erwähnt,  Steph.  Byz.  s.  v., 
von  Skylax  68  ed.  C.  Müller  1,  p.  57  zugleich 
mit  Kriumetopon  und  Pantikapaion  genannt. 
b)  Östliche  Richtung.  Der  Flufs  Phyllis 
in  Bitliynien,  andessen Mündung  die  Argonauten 
vorbeifuhren,  galt  als  der  Vater  des  Königs 
Dipsakos , der  Phrixos  gastfreundlich  aufge- 
nommen haben  soll,  Ap.  Rh.  2,  652 ff.  und 
Schol.  (die  Bemerkung  zu  vs.  653  an  fal- 
scher Stelle).  Auf  der  Insel  Thynias  erinner- 
ten zwei  Tempel  des  Apollon  und  der  Homo- 
noia  an  die  Landung  der  Seefahrer,  Ap.  Rh. 
2,  684 ff.  und  Schol.  Herakleia  verehrte  die 
hier  gestorbenen  Argonauten  Tiphys  und  Id- 
mon  (unter  dem  Namen  Agamestor)  als  Schutz- 
heilige; des  letzteren  Grab  nahe  am  ache- 
rusischen  Vorgebirge  trug  einen  wilden  Öl- 
baum , um  welchen  nach  einem  Orakel  die 
Stadt  gebaut  wurde , befand  sich  also  auf 
der  Agora,  Ap.  Rh.  2,  842  ff.  und  Schol.  Am- 
mian  22 , 8 , 22.  Auch  der  umwohnende 
Stamm  der  Mariandynen  trat  zu  der  Sage  in 
Beziehung,  indem  einige  deren  Eponymos  Ma- 
riandynos zum  Sohne  des  Phrixos  machten. 
Am  Kallichor os,  wo  das  Grabmal  des  Ak- 
toriden  Sthenelos  gezeigt  wurde,  bezeichnete 
der  Ort  Lyra  die  Stelle,  wo  Orpheus  am  Al- 
tar des  Apollon  seine  Leier  aufgehangen  hatte, 
Ap.  Rh.  2,  929  und  Schol.  Weiter  östlich  liegt 
Kytoros,  eine  Faktorei  von  Sinope  {Dom. 
B.  853),  deren  Namen  von  des  Phrixos  Sohne 
Kytoros  (oder  Kytissoros)  abgeleitet  wurde, 
Ap.  Rh.  2,  943.  Strab.  12,  544.  Mela  1,  19,  8. 
Steph.  Byz.  s.  v.  Sinope  selbst  verehrte  als 
Schutzheiligen  den  Autolykos,  der  hier  mit 
seinen  Brüdern  in  die  Argo  aufgenommen  wurde; 
hier  befand  sich  ein  Orakel  dieses  Heros,  Strab. 
12,  546.  Plut.Luk.  23.  App.  b.  Mithr.  83.  Am 
Halys,  wohin  die  Helden  auch  auf  der  Rück- 
fahrt gelangt  sein  sollten,  galt  ein  Hekatetem- 
pel als  Gründung  der  Medeia,  Ap.  Rh.  4,  245 ff 
und  Schol.,  an  Iason  selbst  aber  erinnerte  das 
auch  von  Xenophon , Anab.  6 , 2 , 1 als  Lan- 
dungsplatz der  Argo  erwähnte  Iasonische 
Vorgebirge,  noch  jetzt  Iassun-Burun.  Hier- 
beisei äev’laoövicc  gedacht,  welche  die  Küsten- 
bewohner am  Strande  zu  Ehren  des  als  Gott 
verehrten  Argonautenführers  errichteten,  Strab. 
11,  531.  Justin.  42,  3,  wie  auch  der  nrjTioi 
’lecoövioz,  die  nach  Timonax  bei  Schol.  Ap. 
Rh.  4, 1217  sich  innerhalb  des  Pontos  befanden. 
Der  ursprünglich  mythische  Name  Aretias 
wurde  nachher  auf  eine  Insel  östlich  vom  ia- 


523  Argonautensage  (lokale  Tradit.) 

sonischen  Vorgebirge  übertragen,  Arrian.  Pe- 
ripl.  24.  Wir  gelangen  nach  Kolcbis.  Stra- 
bon, der  eifrigste  Verteidiger  des  historischen 
Kolchis,  nennt  1,  45  einen  Ort  Aia  am  Pha- 
sis  , Plinius  6,4,4  kennt  einen  Ort  dieses 
Namens  15  Meilen,  Steph.  Byz.  300  Stadien 
vom  Meere,  den  die  Flüsse  Kyamos  und  Plip- 
pos  umfliefsen,  Ptolemaios  5,  9 einen  Ort  Aio- 
polis  am  Phasis,  unbestimmter  Schol.  Ap.  Bh. 
2,  417:  y Aia  noXiq  zyg  KoX%idog  avzy  stc’ 
sGxcczoLg  Heizen  zyg  oinovyevyg.  Kytaia,  wie 
von  Kullimachos  bei  Strab.  1,  45  Medeias  Ge- 
burtsort genannt  wurde,  wird  von  Steph.  Byz. 
als  noliq  Kolinti]  bezeichnet  (Kvzu),  vgl.  Schol. 
Ap  Bh.  2,  399 ; später  suchte  man  den  Namen 
im  Kastelle  Kutatision,  welches  vorher  Kotyaion 
geheifsen  habe,  Procop.  b.  cjot.  4,  14.  180  Sta- 

dien von  der  Küste  entfernt  giebt  SIcylax  p.  32 
einen  Ort  Medeia  an,  Strab.  11,  499  eine 
Q>qC'E,ov  7t  6hg  als  Grenzort  von  Kolchis;  eben- 
derselbe p.  497  und  Plin.  6,5,5  erwähnen 
Pityus  (s.  Lampsakos)  und  das  zu  Ehren  der 
Dioskuren  genannte  Dioskurias,  vgl.  Mela 
1,  19,  14.  Hyg.  f.  275,  das  nach  Nilcanor  bei 
Steph.  Byz.  früher  Aia  geheifsen  haben  soll; 
im  Hochlande  von  Kolchis  lag  das  nsdtov 
Kiguyg,  Timaios  bei  Schol.  Ap.  Bh.  2,  400. 
Plin.  6,  4,  4.  Während  aber  Arrian.  Peripl.  11 
behauptet,  aufser  einem  eisernen  Anker  und  dem 
Bruchstücke  eines  steinernen , von  denen  der 
erstere  nicht  einmal  alt  sei,  existiere  in  Kol- 
chis kein  Andenken  an  die  Argonauten,  kennt 
Timonax  bei  Schol.  Ap.  Bh.  4,  1217  in  Aia 
yvfivuGia  zai  öi'ghol  ncd  zyg  Mydeiccg  ftulayog 
xai  TtQog  zy  Ti  ölet  isqov  Ictaovog  kuI  ttqo  g zov- 
zoig  [sqcc  nolhx , wie  auch  Mela  1,  19,  12  von 
einem  Tempel  und  Hain  des  Phrixos  am  Pha- 
sis spricht,  Strabon  1,  45.  11,498  ein  Phrixeion 
(yavzsiov)  und  ’laaovt, a im  inneren  Lande  er- 
wähnt. Von  dem  oraculum  Plirixi , in  dem 
niemand  einen  Widder  geopfert  habe,  berichtet 
auch  Tacitus,  annal.  6,  34;  ebenderselbe  er- 
zählt, dafs  die  Iberer  und  Albaner  des  kol- 
chischen  Landes  ihren  Ursprung  auf  die  Thes- 
saler  zurückführten,  welche  mit  Iason  den 
zweiten  Zug  nach  Kolchis  unternahmen.  Der 
Stamm  der  Heniochen  sollte  von  den  Dios- 
kuren oder  ihren  Wagenlenkern  abstammen, 
Strab.  11,  496.  Ammin n.  22,  8,  24.  JEust.  z. 
Dion.  5,  687 ; ebendaselbst  (nach  Cliarax ) wird 
von  einem  Stamm  der  Tyndariden  in  dieser 
Gegend  gesprochen.  Am  Pontos  wohnte  ein 
Stamm  der: Ach ai er,  der  von  Strab.  11,  496 
auf  die  Genossen  des  Iason,  von  anderen  auf 
die  Kämpfer  vor  Troja  zurückgeführt  wird; 
aber  auch  die  Armenier  und  Meder  brachte 
der  Grieche  mit  Iason  und  Medeia  in  Verbin- 
dung, Herod.  7,  62.  Strab.  11,  503.  526.  530. 
Just.  42 , 2 f.  Zur  Bestätigung  dessen  weifs 
Strabon  a.  a.  O.  ’Iugovik  ygcpa  in  diesen  Län- 
dern anzuführen , dazu  den  Iasonischen  Berg 
südlich  vom  Kaspischen  Meer,  ja  Ammianus  23, 
6,  54  kennt  eine  Stadt  Iasonion  in  Margiana. 

3)  Stationen  der  Rückfahrt.  Mehrere 
Plätze  wurden  mit  dem  Morde  des  Absyrtos 
in  Verbindung  gesetzt.  So  zeigte  man  sein 
Grab  in  Apsaros,  früher  ”Anpvgzog , an  der 
Südkiiste  des  Pontos,  Arrian.  Peripl.  7.,  Steph. 


Argonautensage  (lokale  Tradit.)  524 

Byz.  s.  v.  ’AipvQzibsg;  von  der  Zerstückelung 
des  Knaben  wurde  der  Name  Tomi  an  der 
Westküste  abgeleitet,  Ov.  trist.  3,  9.  21  ff. 
Steph.  Byz.  s.  v.  Toyevg;  ihm  sollte  die  Insel- 
gruppe der  Apsyrtides  ihren  Namen  ver- 
danken, Ap.  Bh.  4,  480  f.  Strab.  7,  315.  Steph. 
Byz.  s.  v. 

Auf  den  Inseln  und  der  Küste  des  adria- 
tisch-ionischen Meeres  suchte  man  Nieder- 
lassungen der  zurückgebliebenen  Kolcher,  Ap. 
Bh.  4,  507  ff.  1210tf.  Apd.  1,  9,  25,  so  auf  den 
Apsyrtides,  Dion.  Perieg.  488f.,  in  Polai  in 
Istrien,  der  Stadt  der  „Flüchtlinge“,  Kallima- 
chos  bei  Strab.  5,  216.  Tzetz.  Lylc.  1022.  Mela 
2,  3.  13,  im  illyrischen  Olchinium,  früher 
Colchinium,  Plin.  3,  26,  in  Orikon  an  den 
keraunischen  Bergen,  wohin  die  Kolcher  von 
der  Phaiakeninsel  Kerkyra  gewandert  sein  soll- 
ten, Ap.  Bh.  4,  1215  u.  Schol.  Über  den  bei 
dem  illyrischen  Stamm  der  Hy  11  eis  vergrabe- 
nen Dreifufs  des  Iason  s.  Ap.  Bh.  4,  522 ff. 
Kerkyra  gehört  als  Phaiakeninsel  auch  in 
die  Argonautensage  (Drepane,  Ap.  Bh.  4,  990 
und  Schol.  zu  4,  984).  Hierher  wurde  von 
den  meisten  das  Beilager  von  Iason  und  Me- 
deia verlegt , woran  noch  zu  des  Timaios 
Zeit  ein  jährlich  wiederkehrendes  Fest  erin- 
nerte, Schol.  Ap.  Bh.  4,  1217,  wie  auch  die 
von  Medeia  errichteten  Altäre  der  Nymphen 
und  Moiren  beim  Heiligtum  des  Apollon  und 
die  heilige  Grotte  der  Medeia,  Ap.  Bh.  4, 
1217.  1153. 

Selbst  nach  Pannonien  hinein  verfolgte 
man  iasonische  Spuren;  Aemona  und  Nau- 
portus  werden  mit  der  Sage  in  Verbin- 
dung gebracht,  Plin.  3,  8.  Zosim.  hist.  5,  29. 
Dafs  die  Kelten  die  Argonautensage  ge- 
kannt hätten,  schliefst  Timaios  bei  Diod.  4, 
56  aus  dem  Dioskurendienst;  nicht  wenige 
keltische  Küstenorte  leiteten  ihren  Namen  von 
den  Argonauten  und  den  Dioskuren  ab.  Letz- 
tem läfst  Ap.  Bh.  4,  65 lf.  auf  den  Stoicha- 
den  (b.  Massilia)  einen  Tempel  errichtet  werden. 
Weitere  Denkmäler  fanden  sich  im  tyrrheni- 
schen Meer  und  Italien:  auf  der  Insel  Ai- 
thalia  (Ilva)  der  argoische  Hafen  mit  ver- 
schiedenen Reliquien,  Timaios  bei  Diod.  4,  5G. 
Ap.  Bh.  4,  6571'.  Strab.  5,  224.  [Aristot.]  negl 
{tavy.  dnovGy.  105,  p.  839,  20.  Der  Hafen 
Telamon  erinnerte  an  den  Argonauten  glei- 
chen Namens,  Timaios  a.  a.  O.,  Caieta  sollte 
Aiyzyg  geheifsen  haben,  ebendas,  und  Lylc.  Käs. 
1274.  Circei,  früher  eine  Insel,  Plin.  3,  9, 
galt  als  Aiaie,  der  Sitz  der  Kirke,  Ap.  Bh.  3, 
309 ff.  und  Schol.,  Diod.  4,  45.  Strab.  1,  21 
Mela  2,  4,  9.  Im  poseidoniatischen  Meerbusen, 
dem  sinus  Paestanus , kennt  Strab.  1,  21  'zfjg 
zäv  ’Agyovavzüv  Griyeia’’ , 6,  252  an  der  Mün 
düng  des  Silaros  einen  von  Iason  erbauter 
Tempel  der  "Hqcc  ’Agytpu,  vgl.  Plin.  3,  9 
endlich  erwähnte  Timaios  bei  Tzetz.  Lylc.  61; 
den  kolchischen  Drachen  im  Daunischei 
Phaiakis  (Apulien). 

Wir  wenden  uns  nach  Libyen:  hier  hal 
tete  die  Sage  an  dem  tritonischen  See 
der  früher  in  Cyrenaica  gesucht,  später  mein 
nach  W. , gewöliulich  an  die  kleine  Syrte  ge 
rückt  wird.  Der  argoische  Hafen  daselbst 


525  Argonautensage  (in  d.  bild.  Kunst) 

Altäre  des  Poseidon  und  des  Triton  und  Re- 
liquien der  Argo  bezeugten  auch  hier  die  An- 
wesenheit der  Argonauten,  Ap.  Rh.  4,  1620  u. 
[ Schul.  Der  mit  altertümlicher  Schrift  bedeckte 
eherne  Dreifufs,  den  Iason  dem  rettenden  Tri- 
ton weihte,  wurde  nach  Diod.  4,  56  in  Euesperides 
(Berenike , westl.  von  Kyrene)  bewahrt.  Über 
Krete  haben  wir  nur  die  unbestimmte  Notiz 
des  Strali.  1,  46  ’r sv.griQia  ....  w.cd  gsxQ1  Z*IS 
KQrirr]s,1  vielleicht  zählte  darunter  ein  Heilig- 
tum der  minoischen  Athene,  vgl.  Ap.  Rh.  4, 
1691.  Die  Insel  Anaphe,  deren  Name  von 
der  Erscheinung  des  Apollon  abgeleitet  wurde, 
Ap.  Rh.  4,  1717.  Apd.  1,  9,  26.  Steph.  Byz. 
s.  v.,  gehört  ganz  der  Argonautensage  an,  in 
enger  Verbindung  mit  ’Anollcav  AlyXr\rr\g,  Kal- 
limachos  bei  Strab.  1,  46.  Im  dortigen  Apollo- 
tempel wurde  jährlich  ein  Fest  gefeiert,  bei 
dem  Männer  und  Weiber  sich  aufzogen  zur 
\ Erinnerung  an  die  Neckereien  der  Helden  mit 
; den  phaiakischen  Mägden,  Ap.  Rh.  4,  1721  ff. 
Konon  bei  Pliot.  bibl.  141b.  27  ff.  Apd.  1, 
9,  26.  Ein  wichtiges  Glied  in  der  Stammesge- 
schichte der  Minyer  bildet  die  Insel  Kallist e 
(Thera)  als  Brücke  zur  afrikanischen  Kolonie 
Kyrene.  Die  Legende  von  ihrer  Entstehung 
brachte  sie  in  Verbindung  mit  der  Argonau- 
tensage, Rind.  Ryth.  4.  Schol.  zu  v.  15.  Ap. 

1 Rh.  4,  1755ff'.  Schol.  zu  v.  1750.  Die  letzte 
Station  der  Argofahrt,  Aigina,  feierte  die  Er- 
innerung an  den  Wettlauf  der  mit  gefüllten 
Krügen  belasteten  Helden  durch  die  jährliche 
Wiederholung  desselben,  Ap.  Rh.  4,  1770 ff. 
Endlich  sei  noch  die  aufserhalb  der  vulgären 
■ Tour  liegende  Insel  Samos  erwähnt;  denn  der 
daselbst  befindliche  Heratempel  sollte  eine, 
Gründung  der  Argonauten  sein,  Paus.  7,  4,  4. 

V.  Monumentale  Tradition.  0.  Müller, 
Archäologie  der  Kunst  § 412,  4.  C.  Th.  Pyl, 
de  Medeae  fabula  2,  1850.  Flasch,  Angebliche 
Argonautenbilder.  1870. 

Eine  • an  Motiven  so  reiche  Sage,  wie  die 
Argofahrt , bot  wegen  der  Mannigfaltigkeit 
ihrer  Scenen  und  Gruppen  namentlich  für  das 
Gemälde  und  Relief  einen  unerschöpflichen 
Stoff.  Am  Kypseloskasten  befanden  sich 
mehrere  auf  unsere  Sage  bezügliche  Gruppen: 
die  Leichenspiele  des  Pelias  mit  den  berühm- 
testen Argonauten,  Phineus  von  den  Harpyien 
durch  die  Boreaden  befreit,  Medeia  zwischen 
Iason  und  Aphrodite,  Paus.  5,  17,  9ff.  18,  3. 
Eine  Statuengruppe  der  Argonauten  von  Ly- 
kios,  dem  Schüler  des  Myron,  erwähnt  Plin. 
34,  79.  Im  Dioskurentempel  zu  Athen  stellte 
ein  Gemälde  des  Mikon  aus  Aigina  die  Ar- 
gonauten wahrscheinlich  bei  den  Leichenspie- 
len des  Pelias  dar,  Paus.  1,  18, 1;  ein  Gemälde 
des  Kydias  im  Tusculanum  des  Hortensius 
die  Argonautenfahrt,  Plin.  35,  130,  dieselbe 
auch  ein  Wandgemälde  im  Porticus  des  Nep- 
tun auf  dem  campus  Martius,  luv.  6,  153  f. 
Mart.  2,  14,  5f.  Die  häufige  Behandlung  des 
Stoffes  ergiebt  sich  indirekt  aus  den  philo- 
stratischen  Schilderungen:  so  imag.  2,  15 
Glaukos  Pontios,  der  den  Argonauten  im  Pon- 
tos  erscheint,  Phil.  iun.  im.  7 Medeias  erste 
Begegnung  mit  Iason , im.  8 das  Würfelspiel 
des  Eros  und  Ganymedes  auf  dem  Olymp  mit 


Argonautensage  (in  d.  bild.  Kunst)  526 

der  Argo  am  Phasis  (vgl.  Ap.  Rh.  3,  114  ff. 
Sophokles  bei  Athen,  p.  602),  im.  11  Flucht  der 
Argonauten  von  Kolchis. 

In  den  erhaltenen  Darstellungen  finden 
wir  mit  Vorliebe  dieMedeiasage,  Iasons  Kämpfe, 
die  Phineussage  behandelt;  die  Argo  selbst 
erscheint  nur  auf  wenigen.  Ob  die  Terracot- 
ten  des  Brit.  Museums,  descr.  of  anc.  terrae. 
16,  vgl.  Campana  5,  in  Villa  Albani,  Zoega 
hass.  45 , und  das  Bronzetäfelchen  im  Museo 
Borgia  bei  Millin,  gal.  myth.  418  den  Bau 
der  Argo  oder  des  Schiffes  des  Danaos  oder 
allgemein  den  ersten  Schiffsbau  darstellen,  ist 
nicht  zu  entscheiden.  Vgl.  Jahn,  Ber.  d.  hönigl. 
säclis.  Gesellsch.  d.  W.  1861  p.  333  f.  Dagegen 
ist  auf  einer  tuskischen  Gemme  bei  Micali , 
ant.  mon.  116,  2 der  Argobau  gesichert  durch 
das  beigeschriebene  EAS  VN,  vielleicht  auch 
anzunehmen  auf  der  Gemme  in  den  Impronte 
• gemm.  delV  instit.  3,  64.  Helbig,  Wandgemälde 
Campaniens,  erkennt  in  einem  herkulanischen 
Gemälde  n.  1259  den  Bau  der  Argo,  vgl.  dag. 
p.  460.  Die  fahrende  Argo  glaubt  man  auf 
einer  Münze,  Millin  g.  m.  *420  und  auf  einem 
Basrelief,  ebend.  419  zu  erkennen.  Die  Vasenbil- 
der, die  das  Opfer  am  Altar  der  Chryse  dar- 
stellen, Archäol.  Zeitg.  1845  T.  35f. , sind  der 
Heraklessage  zuzuweisen,  Flasch  13  ff.  Auf  die 
Landung  der  Argonauten  auf  Kyzikos  und 
des  Herakles  Kampf  mit  dem  Dolionenkönig 
wird  ein  Vasenbild  bei  Gerhard,  Auserl.  Vas. 
3,  27  bezogen,  vgl.  Arch.  Ztg.  1851  No.  27. 
Millin  g.  m.  421.  Die  Landung  bei  Amykos 
und  die  Besiegung  desselben  durch  Polydeu- 
kes  findet  sich  dargestellt  auf  den  Seitenflä- 
chen eines  bronzenen  Schmuckkastens,  der 
berühmten  Fic oronischen  Cista  des  Colle- 
gio  Romano  (aus  Präneste),  bei  Müller-Wie- 
seler,  Denkmäler  1,  No.  309,  vgl.  E.  Braun, 
die  ficoronische  Cista,  Leipzig  1850.  Wieseler 
im  Pliilol.  5,  577 ff.  Rechts  sieht  man  denSteuer- 
bord  der  Argo,  Tiphys  am  Steirer,  auf  dem 
Schiffe  einen  zweiten  Argonauten  schlafend, 
einen  dritten  knieend  mit  einem  Schlauche  be- 
schäftigt; andere  schöpfen  an  einem  Quell 
Wasser,  während  in  der  Mitte  Polydeukes  den 
im  Faustkampf  besiegten  Amykos  an  den  Lor- 
beerbaum fesselt.  Von  göttlichen  Wesen  ist 
sicher  Athene  zu  bestimmen,  vielleicht  neben 
ihr  Apollon  (nach  Gerhard  Iason);  am  Quell 
äfft  ein  Silen  einen  mit  Vorübungen  zum  Faust- 
kampf beschäftigten  Genossen  nach.  Die  glei- 
che Scene,  weniger  reich,  findet  sich  auf  einem 
Vasengemälde  bei  Gerhard,  Auserl.  V.  T.  153; 
hier  ist  Amykos  an  einen  Felsen  gefesselt,  dabei 
die  Boreaden  in  ruhiger  Haltung,  neben  ihnen 
vielleicht  Iason;  von  der  Argo  ist  nur  ein 
kleiner  Teil  sichtbar.  Inschriftlich  gesichert 
sind  Polydeukes  und  Amykos  auf  einem  Spie- 
gel bei  Müller- Wieseler  1,  No.  310;  eine  ab- 
gekürzte Darstellung  findet  sich  noch  auf  ei- 
nem etruskischen  Relief,  Jahn,  Rhein.  Mus.  6, 
298.  Von  den  Phineus  bildern  (s.  „Phi- 
neus“ und  „Boreaden“)  gehört  hierher  nur  die 
Ruveser  Vase,  Catalogo  del  Museo  Jutta  No. 
1095,  insofern  die  Scene  durch  Argonauten  be- 
lebt ist,  die  von  der  hinter  dem  Felsen  ver- 
steckten Argo  gestiegen  sind,  um  Wasser  zu 


527  Argonautensage  (in  d.  bild.  Kunst) 


Argonautensage  (in  d.  bild.  Kunst)  528 


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schöpfen  und  sich  zu  baden.  Auf  das  Aben- 
teuer mit  den  Stymphaliden  auf  Aretias  wird 
das  Bild  Mon.  ddl’instit.  4,  29  bezöget).  Zahl- 
reicher sind  die  auf  die  kolchischen  Aben- 
teuer bezüglichen  Darstellungen,  worüber  das 
Nähere  unter  „Iason“  und  „Medeia“.  Dafs  das 
mittlere  Bild  der  Ruveser  Yase  in  München 
No.  805  Iasons  Ankunft  vor  Aietes  (0. 
Müller , Pyl  a.  a.  0.)  oder  die  Hochzeit  bei 
io  den  Pliaiaken  ( Panofka ) darstelle , leugnet 
Flasch  30 ff. ; dagegen  bezieht  er  (p.  34)  das 
Bild  Millingen,  vas.  div.  7 auf  Iasons  Audienz 
bei  Aietes.  [Vgl.  Festgrufs  d.  pliilol.  Ges.  zu 
Würzburg  zur  26.  Philol.-Vers.  1868  p.  77 ff. 
(. Flasch .)].  Die  Unterredung  zwischen  Iason 
und  Medeia  findet  sich  dargestellt  auf  einer 
apulischen  Yase  bei  Gerhard  10,  vgl.  Jahn , 
Pli.  Mus.  6,  295.  Pyl  glaubt  auch  Gerhard , 
Apul.  V.  6 und  8 gegen  Gerhard  hierher  rech- 
20  nen  zu  können.  Combe , terrae.  53  zeigt  Her- 
mes, der  dem  Iason  die  Iynx  ( Find . Pyth.  4, 
214)  überbringt.  Von  den  aymvsq’lKGovog 
findet  sich  das  Anschirren  der  Stiere  darge- 
stellt auf  dem  Marmorrelief  bei  Clarac,  mus. 
de  sc,  199,  dem  Relief  bei  Beger,  spicileg.  an- 
tiquit.  p.  118  (Wiener  Relief,  Arneth  No.  171), 
dem  Fragment  eines  Turiner  Relief,  Mülin  g. 
m.  424,  einer  Münze  des  Nero  bei  Pedrusi, 
Mus.  Farnes.  5,  3.  6.  Aufserdem  s.  K.  Purgold, 
30  Arch.  Ztg.  1883,  p.  163  fF.  (mit  Taf.  11,  Vase  von 
Ruvo  u.  dens.  Bull,  dell'  Inst.  1879  p.  76).  Eine 
Reihe  von  Bildern  behandelt  den  Kampf  mit 
dem  Drachen  und  die  Entwendung  des  Vlie- 
fses,  vgl.  Jahn,  Arch.  Ztg.  1860,  p.  74  ff.  Auf 
einem  Terracottarelief  im  Brit.  Museum,  Combe 
terr.  of  the  Brit.  mus.  52,  Campana  ant.  op.  in 
plast.  63  reicht  Medeia  dem  Drachen  die 
Schale,  während  Iason  mit  dem  Schwerte  her- 
beischleicht, ebenso  Millingen,  v.  as.  div.  6; 
40  zwei  Vasengemälde  in  der  kaiserlichen  Eremi-  i 
tage  zu  Petersburg,  Mon.  d.  instit.  5,  12,  und! 
in  Neapel,  Neapels  antike  Bildw.  p.  326,  143 ! 
vgl.  Pli.  Mus.  6,  298  stellen  den  Kampf  dar,1 
in  welchem  Iason  durch  die  Waffen  der  Argo-, 
nauten  (inschriftlich  „Kalais“)  unterstützt  wird; 
auf  der  Ruveser  Vase  in  München  No.  805j 
(siehe  die  Abbildung)  führt  Iason  allein  den 
Kampf,  hinter  ihm  Medeia  mit  den  Zauber- 
mitteln, während  die  Genossen  ruhig  zuschauen. 
50  Auf  den  Sarkophagreliefs  bei  Beger,  spicil.  an- 
tiq.  p.  118,  Wiener  Relief  bei  Arneth  171,  h 
Villa  Ludovisi  ( Schreiber , Antike  Büdiv.  n 
V.  L.  No.  81)  nimmt  Iason  mit  erhobe- 
ner Rechten  das  Vliefs  vom  Baum , wäh 
rend  der  Drache  eingeschläfert  oder  getöte 
den  Kopf  senkt.  Die  Einschläferung  vermit 
telst  der  Iynx  (?)  vielleicht  auf  Gemmen  im 
pronte  dell'  instit.  1,  75.  76,  Millin  g.  m.  146 
424.  Eine  eigentümliche  Wendung  der  Sage 
eo  nach  welcher  Iason  vom  Drachen  verscliluu 
gen  und  wieder  ausgespieen  wird,  findet  siel 
zu  Grunde  gelegt  der  Darstellung  auf  den 
Innenbild  einer  Cäretaner  Schale,  Mon.  d.  inst 
2,  35,  einem  etrusk.  Spiegel  bei  Gerhard,  Spie 
gel  2,  138.  (Nicht  hierher  gehört  die  peru 
giner  Vase  Mon.  d.  inst.  5,  9 nach  Wieselet 
Ztschr.  f.  Alterth.  1851  p.  318.  Flasch  2Gff. 
Da  die  auf  die  Hochzeit  bei  den  Phäiaken  be 


529  Argonautensage  (in  d.  bild.  Kunst) 


Argonautensage  (neuere  Litteratur)  530 


zogenen  Bilder  mit  Recht  bezweifelt  werden, 
bleibt  für  die  Heimfahrt  nur  die  Darstellung 
des  T alosabenteuers  übrig  auf  einer  neapo- 
litanischen Amphora,  Bull.  Napol.  3,  2,  6. 
Arch.  Ztg.  1846.  T.  44 f.  1848  T.  24;  ebenda- 
hin gehören  zwei  etruskische  Spiegel  bei  Ger- 
hard 1,  58.  56;  vgl.  Micali,  mon.  46,  1. 

VI.  Die  neuere  Litteratur.  Während 
die  Byzantiner  die  Kenntnis  der  Argonauten- 
sage aus  griechischen  Quellen  schöpften  und 


G.  T.  Grotefend  in  der  geogr.  Ephemer  is,  1815. 
261  ft'.  Neue  geogr.  Eph.  1,277 . Völcker,  Über 
homerische  Geographie.  Hannover  1830.  129  ff. 
Forbiger,  Alte  Geographie  1,  290ff.  Zhisman, 
die  Isterfahrt  im  griech.  Sagenkreis.  Triest  1852. 
Die  wissenschaftliche  Behandlung  der  Sage  be- 
gründete K.  0.  Müller  in  Orchomenos  und  die 
Minyer  1820,  2.  Aufl.  1844;  währender  aber 
den  ursprünglichen  Kern  der  Sage  durchaus 
io  ideell  fafste  (s.  S.  268) , hat  Forchhammer, 


Erbeutung  des  Vlieises  durch  die  Argonauten  , von  e.  Vase  in  München  No.  805.  (Nach  Ann.  d.  Inst.  1848  tv.  G). 


fortpflanzten  ( Tzetzcs ),  blieb  im  Abendland  wäh- 
rend des  Mittelalters  sogar  Valerius  Flac- 
cus  unbekannt;  nur  Ovid,  Statius  und  die 
bekannte  Quelle  des  trojanischen  Kriegs,  Da- 
tes Phrygius,  welche  als  Einleitung  eine 
kurze  Übersicht  der  Argonautenfahrt  enthält, 
erhielten  das  Gedächtnis  an  Iason  und  Medeia; 
von  dort  stammen  die  Anführungen  bei  I s c a - 
nus,  Albertus  Stadensis,  Benoit,  Her- 
. bart  von  Fritzlar,  Konrad  von  Würz- 
i]  bürg  u.  a.  in  ihren  Erzählungen  vom  troja- 
nischen Krieg.  Vgl.  Dünger,  die  Sage  vom 
\ trog.  Krieg  im  Mittelalter,  ProgrAdes  Vitzthum- 
schen  Gymn.  in  Dresden  1869.  Poggio  ent- 
deckte während  des  Kostnitzer  Concils  in  St. 
Gallen  den  Valerius  Flaccus,  der  Humanist 
Basin i (um  1450)  dichtete  Argonautica  im 
Anschlufs  an  Apollonios  vgl.  G.  Voigt,  Wie- 
derbelebung d.  kl.  A.  1,  588. 

Eine  üeifsige  Zusammenstellung  des  Mate- 
rials , allerdings  mit  der  ihm  eigentümlichen 
allegorisierenden  Deutung  gab  Natalis  Comes 
in  Mythologiae  libri  10.  Francofurti  1596. 
590  ff.  Citiert  finde  ich  Kirchmeieri  dissertatio 
de  Argonautarum  expeditione.  Wittenberg  1685. 
Material  ist  gesammelt  in  den  Ausgaben  des 
Valerius  Flaccus  und  des  Apollodor,  bes.  von 
Burmann,  Heyne  und  Cluvier,  namentlich  aber 
bei  Weiche  rt,  Leben  und  Gedicht  des  Apollo- 
nios von  Rhodus  1821,  wo  sich  p.  1 1 4 ft',  die  von 
den  Alten  bereits  aufgestellten,  von  den  Neuern, 
wie  Is.  Vossius,  Mezira,  Raoul-Rochette 
u.  a.  neu  redigierten  rationalistischen  Deutun- 
gen der  Sage  zusammengestellt  finden.  Ebenso 
antiquiert  wie  diese  sind  die  Auslegungen  von 
E.  G.  Lenz,  Encycl.  der  lat.  Dichter  6,  Bd.  2 
p.  403,  und  Greuzer,  Symbolik  4,  30.  235.  Mehr 
Beachtung  verdienen  die  geographischen  Schrif- 
ten von  Schoenemann,  de  geogr aphia  Argon., 
Göttingen  1788,  von  Vofs,  Alte  Weltkunde 
p.  7.  Männert,  Geographie  der  Gr.  u.  Römer. 
1795.  4,  22  ff.,  Ukert  in  der  geographischen  Ephe- 
meris  1814,  203,  besonders  aber  in  der  Geo- 
graphie der  Gr.  u.  Röm.  1816.  1,  2.  320—350. 


Hellenika  1837.  170ff.  und  Jahrb.  f.  kl.  Phi- 

lol. 1875.  391  ff.  zuerst  eine  physikalische  Er- 
klärung gegeben;  die  von  ihm  hervorgeho- 
bene agrarische  Bedeutung  des  Mythos  ver- 
traten nach  ihm  Lauer , System  der  griech. 

30  Mythol.  1853.  21 9 f.,  E.  Gerhard,  Gr.  Mytliol. 
2,  § 677—700.,  Preller,  Griech.  Myth ,2  2,  308ff. 
Eine  andere  Richtung  der  Erklärung  schlu- 
gen Kuhn,  Abh.  der  Berliner  Akad.  1873. 
138  f.  und  W.  Mannhardt,  Ztschr.  f.  Ethno- 
logie7, 1875.  243  ff.  ein.  (Darüber  s.  VII.)  Etymo- 
logische Bemerkungen  zu  unsrer  Sage  finden 
sich,  wie  in  den  zuletzt  genannten  Schriften, 
so  bes.  bei  Pott,  Philol.  Suppl.  2,  p.  265.  Nur 
Material  wird  gegeben  von  K.  Schwenck,  Myth. 

40  der  Gr.  1843.  478  ff.,  K.  Eckermann,  Lehrbuch 
der  Religionsgeschichte  und  Mythologie.  1845. 
1,  249 ff.  Welcher,  epischer  Cyklus  1,  82 ff'., 
Grote,  Gr.  Geschichte  1,  185  ff.  (Meifsner).  Spe- 
zialarbeiten haben,  abgesehen  von  den  betref- 
fenden Artikeln  in  Grubers  Wörterbuch  der 
altklassischen  Mythologie,  Jacobis  Handwörter- 
buch der  griech.  röm.  Mytholoegie  1835,  in  der 
Höllischen  Encyklopädie  V (von  Ukert  und 
Ricklefs),  in  Paulys  Realencyklopädie  (1.  Aufl. 

50  von  G.  F.  Grotefend,  2.  Aufl.  von  H.  W.  Stoll), 
in  neuerer  Zeit  geliefert:  F.  Vater,  der  Argo- 
nautenzug 1845.  2 Hefte.  Pyl,  de  Medeae  fa- 
bula.  Berol.  1850  und  in  der  Ztschr.  f.  Älter- 
tumswissensch.  1854  u.  1855.,  Kral,  die  Argo- 
nautenfahrt. Brünn  1852.  J.  Stender , de  Ar- 
gonautarum  ad  Colchos  usque  expeditione  fabu- 
lae  historia  critica.  Kiel  1874.  Ew.  Meier, 
Quaestiones  Argonauticae.  Moguntiae  1882  (über 
die  Quellen  des  Valerius  Flaccus). 

60  VII.  Die  Entwicklung  der  Sage.  1) 
Dafs  die  Argonautensage  nicht  nur  aus  der 
Tradition  von  den  ältesten  Seefahrten  im  Pon- 
tos  hervorgegangen  ist,  sondern  in  ihrem  in- 
nersten Kern  auf  einem  physikalischen 
Mythos  beruht,  wird  kaum  geleugnet  werden 
können.  Der  Widder  des  Phrixos,  Aia  mit 
dem  goldnen  Vliefs  an  der  vom  Drachen  be- 
wachten Eiche,  die  Erbeutung  des  Schatzes 


531  Argonauten  sage  (Entwickelng.  n.  Deutg.)  Argonautensage  (Entwickeln",  u.  Deutg.)  532 


durch  lason  und  dessen  Fahrt  auf  der  Argo 
durch  die  Symplegaden  sind  die  wesentlich- 
sten Elemente  dieses  Mythos.  Forchham- 
mer  hat  ihn  als  agrarischen  Jahresmythos  ge- 
deutet: Er  versteht  unter  dem  mit  Phrixos 
und  Helle  belasteten  Widder  die  aus  den  Dün- 
sten des  Kopaissees  um  Frühjahr  aufsteigende 
Wolke,  die  vom  Kaikias  über  den  Hellespont 
getragen  und  im  Winter  vom  Notos  aus  Li- 
byen nach  der  unter  der  Sonnenhitze  schmach-  10 
tenden  Heimat  zurückgebracht  wird.  Dagegen 
erkennen  Kuhn  und  Mannhardt  einen  Tages- 
mythos, der  die  Vorgänge  des  Sonnenunter- 
gangs und  Sonnenaufgangs  zum  Ausdruck 
bringt.  So  deutet  Mannhardt  Helle  als  die 
Sonnentochter,  die  ins  Meer  versinkende  schim- 
mernde Dämmerung,  Phrixos  als  die  starren- 
den Sonnenstrahlen,  die  Fahrt  der  Argo  durch 
die  Symplegaden  als  den  Untergang  der  Sonne 
im  Westen,  Aia  als  das  Sonnenland,  in  dem  20 
die  Eiche  mit  dem  goldnen  Vliefs  den  Nacht- 
sonnenbaum darstellt , den  der  Drache , das 
Symbol  der  Finsternis,  bewacht  (vgl.  Mimner- 
mos  fr.  11).  Kuhn  findet  in  dem  Widder  mit 
goldnem  Vliefs  den  Ausdruck  des  Tages,  in 
Helle  sprachlich  und  sachlich  die  untergehende 
Sonne,  deutet  das  Anschirren  der  feurigen  Stiere 
als  den  anbrechenden  Morgen,  die  aus  den 
Drachenzähnen  hervorgehenden  geharnischten 
Männer  als  die  aus  dem  Dunkel  hervorbrechen-  30 
den  Lichtstrahlen,  ebenso  als  Sonne  den  von 
lason  unter  sie  geworfenen  Stein,  während  die 
Fahrt  der  Argo  sich  nach  ihm  im  Dunkel  des 
Nachthimmels  bewegen  soll. 

Die  zweite  besonders  von  Mannhardt  durch 
zahlreiche  Analogieen  gestützte  Erklärung 
scheintim  Bezug  auf  Aia  unwiderlegbar,  während 
die  Phrixossage  mancherlei  Anhaltpunkte  für  die 
Forchhammersche  Deutung  bietet,  deren  kon- 
sequente Durchführung  in  allen  Einzelheiten  40 
der  späteren  Sage  sich  allerdings  ins  Wunder- 
liche verliert.  So  ist  die  Annahme  einer  Ver- 
mischung zweier  Mythen  nicht  ausgeschlossen; 
jedenfalls  aber  ist  eine  alles  erklären  wollende 
Auslegung  um  so  bedenklicher,  da  Figuren 
wie  Helle  für  die  Argosage  sekundäre  zu  sein 
scheinen,  gewisse  Züge  der  Iasonischen  Ago- 
nen leicht  der  Kadmossage  entlehnt  sein  kön- 
nen und  auch  die  Verbindung  des  Helden  mit 
der  Zauberin  Medeia  nicht  notwendig  dem  50 
Argomythos  anzugehören  braucht.  (Darüber 
s.  die  Artikel:  lason,  Medeia,  Helle.) 

2)  Aus  dem  physikalischen  Mythos  ging  die 
Sage  von  der  ersten  Fahrt  griechischer 
Schiffer  nach  einem  im  Osten  liegenden  Zau- 
berland Aia  hervor , in  welchem  ein  goldnes 
Vliefs , das , seines  physikalischen  Charakters 
entkleidet,  zu  einem  unbestimmten  Ideal,  dem 
klassischen  Gral,  wurde,  gehütet  von  dem  her- 
kömmlichen Drachen  und  einem  grausamen  Für-  .60 
sten,  nur  unter  schweren  Kämpfen  zu  gewinnen 
war.  Zu  dieser  Umwandlung  trug  wesentlich 
das  Gedächtnis  an  die  ältesten  Fahrten  grie- 
chischer Schiffer  im  ägäischen  Meer  und  nach 
dem  Pontos  bei.  Die  Sage  gab  zunächst  der 
Fahrt  zwar  eine  wohl  bereits  vom  Mythos  vor- 
gezeichnete Richtung,  aber  noch  kein  bestimm- 
bares Ziel.  Es  wäre  thöricht  Aia  geographisch 


bestimmen  zu  wollen;  am  äufsersten  Osten 
gelegen  zieht  es  sich,  wie  der  Horizont,  im- 
mer weiter  vor  dem  nach  ihm  strebenden 
Schiffer  zurück.  Mit  Aia  gehört  auch  der 
Phasis  der  ältesten  Sage  an,  ein  Name,  wel- 
cher, wie  später  auch  der  Tanais,  als  östlicher 
Grenzflufs  seit  frühester  Zeit  typisch  gewesen 
zu  sein  scheint.  Hierzu  kommen  noch  einige 
andere  Namen  von  durchaus  idealer  Bedeu- 
tung: Kytaia,  von  Kallimachos  fr.  113  ed. 
Schneid,  als  des  Aietes  Vaterland  bezeichnet, 
sonst  auch  als  das  Ziel  der  Fahrt  genannt, 
ein  Name,  der  ebenso  am  Eingang  des  Pon- 
tos, wie  an  der  Südküste  desselben  und  in  der 
taurischen  Chersones  lokalisiert  wurde  ( Schol . 
Ap.  Rh.  2,  399.  Steph.  Byz.  s.  v.) , auch  in 
rKytoros’,  'Kytissoros’  (Steph.  Byz.  s.  v.)  durch-  1 
klingt  und , wenn  nicht  von  'nvtos  Haut’  ab- 


zuleiten, doch  von  der  Sage  nach  dieser  Ety- 


mologie erklärt  wurde;  Pityeia  oder  Pitya, 
nach  Schol.  Ap.  Rh.  1 , 933  ein  thrakisches 
Wort,  soviel  wie  „Schatz“  bedeutend,  ein 
Name,  der  in  Lampsakos  und  bei  Dioskurias 
im  Kolcliischen  (Tlixvovs  Strab.  11,  p.  497)  und 
als  liburnische  Insel  (Ap.  Rh.  4,  563)  wieder- 
kehrt; endlich  Sybaris,  die  Sonnenburg  bei 
Diod.  4,  48.  Mit  Kolchis  ist  das  Ziel  der 
Fahrt  an  die  SO. -Ecke  des  Pontos  lokalisiert; 
bevor  dies  geschah,  haben  vielleicht  näher  ge- 
legene Orte  am  Hellespont,  der  Propontis  und 
der  Südküste  des  Pontos  als  die  Stätte  des 
goldnen  Vliefses  gegolten , wie  0.  Müller,  Or- 
chomS  p.  280ff.  und  nach  ihm  andere,  aus  Lo- 
kalsagen von  allerdings  unbestimmbarem  Alter 
geschlossen  haben.  Sicher  scheint  allein  dies: 
als  die  Ioner,  besonders  die  Milesier,  im  ach- 
ten Jahrhundert  diese  Küsten  befuhren  und 
kolonisierten,  wanderte  mit  ihnen  die  Legende 
von  der  Argo;  wohin  sie  kamen,  übertrugen 
sie  dieselbe  auf  den  neuen  Ort;  ein  dem  ge- 
leitenden Apollon  (sTtccKtiog,  iyßdaios,  snßdoio?, 
cdylritrjg)  oder  der  Athene  ( laaovCa  in  Kyzi- 
kos)  geweihtes  Heiligtum  oder  ein  zu  Ehren 
des  ersten  Seefahrers  gegründetes  Iasonion 
diente  nicht  allein  dazu,  die  Sage  lebendig  zu 
erhalten,  sondern  wurde  später  als  vollgültiger 
Beweis  dafür  genommen,  dafs  die  Argo  wirk- 
lich den  Ort  berührt  habe.  Noch  im  8.  Jahr- 
hundert aber,  wenn  anders  Eumelos  (?)  in  die- 
ses Zeitalter  zu  setzen  ist,  wird  bereits  Kolyl? 
Faece  als  das  Ziel  der  Fahrt  genannt , ein 
Name,  der  gewifs  nicht,  wie  Vater.  1 p.  23  be- 
hauptet, ideell  zu  fassen  ist,  sondern  allein  an 
dem  auch  in  historischer  Zeit  so  genannten 
Lande  haftet.  Nicht  begründet  scheint  0.  Mül- 
lem Ansicht  (Orch.2  285),  dafs  die  Lokalisierung 
der  Sage  zuerst  die  nördliche  Richtung  nach 
der  taurischen  Chersones  genommen  habe; 
während  eine  reiche,  ältere  Tradition  nach  der 
Südküste  des  Pontos  weist,  sind  die  Lokal- 
sagen in  jener  Richtung  nur  spärlich  und,  wie 
es  scheint,  von  jüngerem  Alter.  Skythien,  hier 
und  da  als  das  Ziel  des  Phrixos  und  der  Ar- 
gonauten genannt  (zweifelhaft  im  Fragment  des 
Hcsiod  bei  Schol.  Ap.  Rh.  2,  181,  aufserdem 
Schol.  Ap.  Rh.  1,  256,  arguni.  Ap.  Rh.  bei  Keil 
p.  533  u.  a.),  ist  ein  viel  zu  unbestimmter 
Name , der  ebenso  auf  die  Ostküste  bezogen 


533  Argonauteusage  (Entwickelung) 

werden  kann ; dagegen  beweisen  D i o d o r und 
der  späte  Dracontius,  beide  wertlose  Quel- 
len für  unsre  Sage,  wie  durch  die  Verwirrung 
der  Medeiasage  mit  der  Iphigeneiasage  Tauri 
an  die  Stelle  von  Kolchis  getreten  sein  mag. 
Wie  die  Strömungen  des  Pontos  von  der  W.- 
und  N. -Küste  südlich  nach  dem  Bosporus  und 
von  da  an  der  kleinasiatischen  Küste  von  W. 

, nach  0.  gehen  ( Forchliammer  in  der  Augsb. 

A.  Z.  1880.  B.  317),  so  gingen  die  ersten  See- 
! fahrten  der  Griechen  die  Südküste  entlang, 
nicht  direkt  durch  das  Meer  nach  N. 

13)  Nach  mannigfachen  Spuren  in  der  Über- 
lieferung ist  die  Argonautensage  dem  Stamme 
der  Minyer  zu  vindicieren  und  darf,  so  lange 
die  Herkunft  derselben  noch  dunkel  ist,  weder 

«den  Aiolern  (so  K.  0.  Müller,  Gesch.  d.  gr. 
Stämme  2 , 159) , noch  den  Ionern  (so  E.  Cur- 
; tius,  Ionier  24 f.)  ohne  weiteres  zugeschrieben 

; werden.  Die  Minyerstädte  Orchomenos  und 
Iolkos  sind  Ausgangspunkte  der  Sage;  Minyer 
werden  die  Argonauten  selbst  genannt,  Find. 

' Pyth.  4,  69  u.  Schol.  Schol.  Find.  Isthm.  1, 
79.  Ap.  Rh.  1,229.  Hyg.  fab.  14.  Tzetz.  LyTc. 

« 874;  und  so  werden  unter  den  vielen  Namen 
diejenigen  als  die  relativ  ursprünglichsten  gel- 
ten müssen,  die  mit  minyeischen  und  weiter- 
hin thessalischen  Genealogieen  und  Sagen  zu- 

Isammenhängen.  (Vgl.  0.  Müller,  Orchomenos 2 
253 ff.).  Dazu  gehören:  Iason,  Iphikles,  Adme- 
tos,  Akastos,  Neleus,  Erginos,  Euphemos,  da- 
zu die  Lapithen  Peirithoos,  Asklepios,  Kaineus, 
Polypliemos,  Koronos,  Asterion,  Idmon,  Mop- 

!sos,  die  Thessaler  Aktor,  Peleus,  Eurydamas 
und  Eurytion,  Aithalides,  Eurytos  und  Echion, 
der  böiotische  Tiphys.  Dies  scheinen  Namen 
der  älteren  Überlieferung.  Erst  nachdem  die 
Sage  allgemeiner  geworden  war,  mögen  die 
Namen  des  Herakles,  der  Dioskuren  und  Bo- 
readen,  des  Orpheus  (bestritten  vom  Schol. 
Ap.  Eh.  1,  23)  und  auch  des  Theseus  (bestrit- 
ten von  Ap.  Eh.  1,  101  f.)  in  die  Reihe  der 
! Teilnehmer  gekommen  sein ; ferner  wurden  die 
i Verzeichnisse  der  Argonauten  und  der  kalydo- 
nischen  Jäger  aus  einander  ergänzt;  so  kamen 
aus  diesem  in  jenes  die  Namen  des  Meleagros 
i und  der  Atalante ; und  da  die  Argonautenfahrt 
ein  Menschenalter  vor  dem  trojanischen  Krieg 
angesetzt  wurde,  so  boten  sich  leicht  die  Na- 
men von  Vätern  trojanischer  Helden  dar:  Ty- 
deus,  Poias,  Laertes  und  Telamon;  den  alten 
Nestor  schlofs  diese  Chronologie  nicht  aus. 

' Endlich  finden  wir  in  dem  Verzeichnis  des 
; Apollodor  auch  andere  trojanische  Helden 
wieder:  die  boiotischen  Minyer  Askalaphos  und 
Ialmenos  {Ilom.  B 512),  die  Boioter  Leitos  und 
Peneleos  (B  494),  den  Argiver  Euryalos  ( B 565). 
Ganz  bedeutungslos  sind  Namen  der  Epony- 
men  von  Städten,  wie  Azoros,  Amyros,  Kios. 
So  gingen  auch  diejenigen  über  die  Zahl  50 
hinaus , welche  die  Argo  leicht  erklärlicher 
Weise  zu  einem  Fünfzigruderer  machten. 

4)  Zu  den  hervorragenden  Stationen  der 
I Argonautensage  in  der  ältesten  Überlieferung 
gehört  der  Minyersitz  Lemnos  mit  der  heili- 
gen Samothrake;  hier  berührt  sich  die  Stam- 
mesgeschichte der  Minyer  mit  dem  Kultus  der 
[ Kabeiren,  dem  vielleicht  der  dem  Ivadmilos 


Argonautensage  (Entwickelung)  534 

verwandte  Iason , dessen  Nachkommen  nach 
Homer  auf  Lemnos  herrschten,  nicht  fernsteht. 
Minyeischen  Abkömmlingen  gehört  die  für  die 
Argofahrt  so  wesentliche  Sage  von  Triton,  der 
Erdscholle  des  Euphemos  und  der  Entstehung 
von  Kalliste-Thera;  denn  Lemnos,  Lakedaimon, 
Thera  und  Kyrene  kehren  in  gleicher  Verbin- 
dung in  der  Geschichte  des  Minyerstammes 
bei  Herodot  (4,  145 ff.)  wieder,  wie  in  dem  Ar- 
goliede  des  Pindar  {Pyth.  4);  und  wenn  auch 
Kyrene  als  das  letzte  Glied  erst  nach  der  Mitte 
des  7.  Jahrhunderts  in  die  Überlieferung  ge- 
kommen ist , so  stammt  sie  doch  in  ihren 
wesentlichen  Elementen  aus  weit  älterer  Zeit. 
Zweifelhafter  ist,  ob  Kyzikos  als  alter  Sitz  thes- 
salischer  Pelasger  {Schol.  Ap.  Eh.  1,  987. 1037, 
vgl.  Marquardt,  Sinope  p.  48.  Stender  p.  43)  be- 
reits der  minyeischen  Tradition  der  Argonauten- 
sage, in  der  es  eine  hervorragende  Station  ist, 
angehört.  Hier  mag  man  im  einzelnen  vielleicht 
zu  weit  gehen;  im  allgemeinen  aber  bleibt  die 
zuerst  von  0.  Müller  aufgestellte  und  begrün- 
dete Ansicht  unabweisbar,  dafs  die  Argonau- 
tensage durch  minyeische  Traditionen  einen 
wesentlichen  Zuwachs  erhalten  habe.  Und 
wenn  sich  auch  sonst  Sagen-  und  Stammes- 
verwandtschaft zwischen  Iolkos  , Orchomenos 
und  Korinth  feststellen  läfst,  so  bestätigt 
sich  dies  durch  die  Argonautensage.  In  Ko- 
rinth wurde  die  thessalische  Medeia  als  ein- 
heimische Heroine  verehrt  {Eumelos  fr.  2.  3. 
Paus.  2 , 3.  6 u.  a.) , dahin  die  Anfänge  des 
Aietes  und  seines  Hauses  verlegt.  So  reprä- 
sentiert Korinth  insbesondere  die  kolchische 
Seite  der  Überlieferung;  durch  dieselbe  wur- 
den die  korinthisch-kerkyräischen  Inseln  des 
Adriatischen  Meeres  in  den  Sagenkreis  hinein- 
gezogen, so  Kerkyra,  wohin  das  Beilager  von 
Iason  und  Medeia  lokalisiert  wurde , Orikon 
und  die  nördlich  davon  liegenden  Niederlas- 
sungen der  Kerkyraier,  die  die  Sage  zu  Kolo- 
nieen  der  die  Argonauten  verfolgenden  Kolcher 
machte.  Die  Hauptquelle  der  korinthisch-ker- 
kyraiischen  Argonautensage  scheinen  für  die 
Späteren  die  naupaktischen  Gesänge  gewesen 
zu  sein.  Vgl.  0.  Müller,  Orchomenos 3 133. 
264ff  292  f. 

5)  An  den  Kern  der  Argonautensage  setz- 
ten sich  ursprünglich  selbständige  Lokalsagen 
derjenigen  Orte , die  von  der  Argo  berührt 
sein  sollten,  oder  diese  selbst  veranlafsten  die 
Aufnahme  des  Ortes  in  den  gröfseren  Sagenkreis. 
So  ist  unabhängig  von  der  Argofahrt  die  Phi- 
neussage  entstanden,  die  nach  der  gewöhn- 
lichen Annahme  die  phönikische  Epoche  der 
pontischen  Schiffahrt  repräsentiert;  in  früher 
Zeit  bereits  wurde  sie  einer  der  populärsten 
Bestandteile  der  Argosage;  vielleicht  sind  durch 
dieselbe  die  Boreaden  zu  Teilnehmern  an  der 
Fahrt  geworden.  Selbständigen  Ursprungs  ist 
die  Sage  von  Kyzikos,  in  der  Herakles,  wie 
es  scheint , ursprünglich  die  Hauptrolle  ge- 
spielt hat  — er  überwindet  die  Giganten  Ap. 
Eh.  1,  989  ft'.,  nach  Orph.  522  hat  er  den  Ky- 
zikos getötet  — ; ebenso  die  Hy  las  sage,  ein 
unter  griechischem  Einflufs  weitergebildeter 
mysischer  Mythos  (vgl.  0.  Kaemmel,  Heracleo- 
tica.  Plauen  i/V.  1869  p.  25).  Einen  beson- 


io 

20 

30 

40 

50 

60 


535  Argonautensage  (Entwickelung) 

ders  günstigen  Boden  fand  die  Herakles  sage 
in  dem  pontischen  Herakleia,  das  zugleich 
eine  wichtige  Station  der  Argofahrt  wurde  und 
aus  einheimischer  Sage  neue  Gestalten  in  die- 
selbe übertrug:  Lykos  ist  sicher  ein  einheimi- 
scher Flufsgott,  Idmon,  wenn  auch  mit  ver- 
ändertem Namen,  zum  Schutzheiligen  der  helle- 
nischen Kolonie  geworden,  Scliol.  Ap.Bli.  2,  845. 
Wie  noch  in  späterer  Zeit  die  Herakleen  zur  Aus- 
stattung der  Ärgonautensage  beitrugen,  beweist  i 
das  Opfer  in  Chryse , das , ursprünglich  nur 
dem  Herakles  zugeschrieben , irrtümlich  auf 
die  Argonautensage  übertragen  wurde,  Phüostr. 
tun.  imag.  17,  beweisen  die  Stymphaliden  auf 
Aretias , die  den  arkadischen  Wundervögeln 
getreu  nachgebildet  sind,  während  der  an  Ares 
und  die  kadmische  Quelle  ( Scliol . Aesch.  sept. 
106.  Sehol.  II.  2,  494)  erinnernde  Name  der 
Insel,  wo  die  Söhne  des  Phrixos  gefunden  wer- 
den, der  älteren  Sage  angehört.  Ferner  lie-  2 
ferte  ihren  Beitrag  die  Dioskur ensage,  die, 
von  den  griechischen  Schiffen  über  das  Meer 
von  Küste  zu  Küste  getragen,  sich  leicht  mit 
der  ebenso  verbreiteten  Argosage  verband.  So 
wurde  zur  Episode  der  letzteren  die  Besiegung 
des  Amykos;  auch  als  Sieger  über  Kyzikos 
werden  die  Dioskuren  genannt,  Scliol.  Ap.  Bh. 

1,  1040;  die  Sage  berichtet  wiederholt  von 
Heiligtümern,  die  den  Tyndariden  errichtet 
worden  sind,  so  bei  den  Mariandynen,  Ap.  Bh. 

2,  806,  auf  den  Stoichaden,  Ap.  Bh.  4,  65 lf. 
Dafs  die  Dioskurensage  auch  im  Lande  der 
Kol  eher  heimisch  war,  beweisen  Namen  und 
Ableitung  von  Dioskurias,  den  Heniochen  und 
Tyndariden.  Nach  Timaios  bei  Diod.  4,  56 
ist  es. der  Dienst  der  Dioskuren  d.  h.  der  den- 
selben analogen  Landesgottheiten  gewesen,  der 
die  Kelten  mit  der  Argonautensage  in  Verbin- 
dung gebracht  hat. 

Verschiedene  Abenteuer  im  westlichen  Meer 
hat  unsre  Sage  mit  der  Odyssee  gemeinsam. 
Die  Schiffermärchen  von  den  Seirenen,  von 
Skylla  und  Charybdis  liefsen  sich  leicht  in 
die  Erzählung  einer  abenteuerlichen  Seefahrt 
entflechten;  fast  scheint  es,  als  ob  Apol- 
lonios  oder  seine  Vorgänger  dieselben  aus 
der  Odyssee  in  ihre  Dichtung  übertragen  hät- 
ten. Dagegen  sind  die  Plankten  die  in  das 
westliche  Meer  verlegten  Symplegaden,  mit- 
hin unserer  Sage  eigentümlich  und  von  den 
Späteren  nach  der  Odyssee  als  Wunder  des 
westlichen  Meeres  müfsig  wiederholt.  Auch 
die  Erzählung  von  dem  Aufenthalt  bei  Kirke 
scheint  im  Bezug  auf  die  Lokalisierung  von 
der  Odyssee  beeinflufst  zu  sein , ist  aber  im 
Grunde  der  Aiasage  angehörig  und  daher  dem 
Argonautenmythos  ursprünglich,  so  dafs  die 
Gestalt  der  Kirke  aus  ihm  In  die  Odysseussage 
gekommen  wäre  (Kirchhoff , ..  die  Komposition 
der  Odyssee  p.  84  ff.  129).  Übrig  bleibt  der 
Aufenthalt  bei  den  Phaiaken,  der  auf  korin- 
thisch-kerkyraiische  Legenden  zurückzuführen 
ist,  übrigens  in  der  alexandrinischen  Vulgata 
nach  der  Odyssee  ausgeführt  wurde. 

Vereinzelt  steht  die  kretische  Sage  vom 
ehernen  Talos,  sicher  zu  den  jüngeren  Zu- 
sätzen gehörig. 

Zu  diesen  Episoden  kommen  die  Beiträge 


Ärgonautensage  (Entwickelung)  536 

der  etymologischen  Legende,  die  auch  für 
die  Argosage  überaus  thätig  gewesen  ist,  wie 
die  unter  IV.  beigebrachten  Notizen  beweisen; 
ich  erinnere  an  Pagasai,  Aphetai,  Kriumeto- 
pon,  Tomoi,  Apsyrtides,  Anaphe.  Vgl.  Pott, 
Philolog.  Suppl.  2,  265  ff.  Ebenso  ergiebt  sich 
aus  IV.,  wie  Lokalgebräuche  und  Feste  an 
vielen  Orten  mit  unsrer  Sage  verknüpft  wor- 
den sind,  während  die  fast  überall  gezeigten 
Reliquien  der  Eitelkeit  der  Bewohner  und 
dem  Bedürfnis  der  Fremdenführer  ihren  Ur- 
sprung verdanken. 

6)  Der  Weg  der  Hinfahrt  war  durch  die 
Richtung  nach  Kolchis  vorgezeichnet  und  weist 
bei  den  Schriftstellern,  wenn  wir  von  Diodors 
Bericht  absehen,  keine  bedeutenden  Variatio- 
nen auf.  Erwähnt  sei,  dafs  bei  Homer  g 69  ff. 
die  Fahrt  durch  die  Symplegaden,  wenn  an- 
ders die  Plankten  mit  ihnen  ursprünglich  iden- 
tisch sind,  bei  Pindar , Pyth.  4,  252 ff.  (vgl. 
v.  50  svQrjOsi.)  die  Landung  in  Lemnos  auf 
die  Rückfahrt  verlegt  ist.  Möglich,  dafs  in 
der  ältesten  Überlieferung  die  Helden  densel- 
ben Weg  auf  der  Rückkehr  genommen  haben, 
wie  auf  der  Hinfahrt.  Dieser  Tradition  sind 
Herodoros  und  Sophokles  gefolgt;  sie 
wurde  auch  von  denjenigen  vorgezogen,  welche 
die  Unhaltbarkeit  einer  zweiten  Überlieferung 
vom  geographischen  Standpunkte  erkannten, 
wie  Eratosthenes  und  Artemidoros. 
Diese  nämlich,  von  dem  Verfasser  des  Kata- 
logos  bez.  Eoien,  Antimachos  und  Heka- 
taios  angenommen  und  auch  von  Pindar  be- 
nutzt, liefs  die  Argo  durch  den  Phasis  in  den 
Okeanos,  aus  diesem  nach  Libyen  und  von  da 
ins  Mittelmeer  gelangen , zugleich  auch  eine 
Strecke  zwölf  Tage  lang  von  den  Helden  ge- 
tragen werden,  letzteres  vielleicht  nach  uralter 
Überlieferung.  Nach  Forchhammer  würde  sich 
dieser  sonderbare  Umweg  aus  dem  ursprüng- 
lichen Mythos  erklären,  indem  nach  seiner 
Auslegung  Argo  d.  i.  die  Nässe  dem  schmach- 
tenden Hellas  durch  den  Notos  zurückgeführt 
wird.  Wir  begnügen  uns  mit  der  Vermutung, 
dafs  die  libyschen  Abenteuer  mit  den  Traditionen 
von  Thera  und  Kyrene  in  kausalem  Zusam- 
menhang stehen.  (Über  die  Rückfahrt  Scliol. 
Ap.  Bh,  4 , 259 , wonach  Scliol.  zu  4 , 284  zu 
berichtigen  ist.  0.  Schneider,  Callimacliea  2, 
p.  81.  Stender,  de  Argon,  expedit.  p.  8.  Th. 
Bcrgk , Gr.  L.  1006). 

Je  mehr  sich  der  Sagenkreis  durch  Auf- 
nahme neuer  Stationen  erweiterte,  desto  nöti- 
ger machte  sich  die  Annahme  einer  längeren, 
ins  westliche  und  südliche  Meer  sich  er- 
streckenden Fahrt;  so  erfand  man  die  nörd- 
liche Durchfahrt  aus  dem  Pontos  in  das  west- 
liche Meer,  eine  Hypothese,  die  in  den  sonder- 
baren Vorstellungen  der  alexandrinischen  Ge- 
lehrsamkeit von  dem  nördlichen  Europa  ihre 
Erklärung  findet.  Als  Fahrstrafse  der  Argo  gal- 
ten von  nun  an  vorzugsweise  der  Tanais  und 
Istros;  der  Tanais,  dessen  Quellen  nicht  all- 
zufern vom  nördlichen  (Jkeanos  gedacht  wur- 
den, weshalb  Timaios  bei  Diod.  4,  56  und 
Skymnos  von  Chios  bei  Scliol.  Ap.  Bh.  4,  284 
die  Argo  den  Strom  hinauffahren,  dann  eine 
Strecke  zu  Lande  in  den  Okean  getragen  wer- 


538 


537  Argonautensage  (Entwickelung) 


Argos 


den  und  aus  demselben  durch  die  Meerenge 
von  Gades  in  das  Mittelmeer  gelangen  lassen; 
der  Istros , welcher  nach  alexandrinischer 
Lehre  — Eratosthenes  bei  Strab.  1,  57  — vom 
rhipäischen  Gebirge  nach  zwei  Richtungen, 
östlich  in  den  Pontos,  westlich  in  das  Adria- 
tische Meer  fliefsen  sollte,  so  dafs  er  den  Vor- 
teil gewährte,  die  torinthisch-kerkyräischen  Sa- 
gen und  die  Abenteuer  im  westlichen  Meer 
leicht  an  die  Pontosfahrt  anzuschliefsen,  wo-  io 
bei  der  Eridanos , der  rätselhafte  Flufs  des 
Westens,  den  Übergang  ins  Keltenland  vermit- 
telte. Diesen  Kurs,  der  nicht  nur  von  Timagetos 
(Schol.  Ap.  Rh.  4,  259.  284.  306),  sondern  auch 
von  Kallimachos  (vgl.  Schneider,  Callima- 
chea  2,81)  angenommen  worden  ist,  hat  Apol- 
lonios  zur  Vulgata  gemacht.  Diejenigen  aber, 
die  an  den  Ausflufs  des  Ister  in  das  Adriatische 
Meer  nicht  glaubten,  liefsen  die  Argo  aus  dem 
Ister  in  den  Savus  gelangen,  aus  dem  sie  über  20 
die  Alpen  nach  dem  Meere  getragen  worden 
wäre  ( Plin . h.  n.  3,  8 vgl.  Peisandros  in  den 
T/Qtaizal  &soyupica  bei  Zosim.  hist.  5,  29).  Da- 
gegen läfst  der  Dichter  der  Orphika  die  Argo 
aus  der  Maiotis  eine  nördliche  Richtung  nach 


dem  Okeanos  einschlagen;  in  seiner  verwor- 
renen Darstellung  bleibt  jedoch  unklar,  ob, 
wie  nach  Timaios  und  Skymnos,  durch  den 
Tanais  oder  unmittelbar  aus  der  Maiotis  in 
den  Okeanos,  deren  Verbindung  nach  Plin.  30 

2,  67  von  manchen  angenommen  wurde,  oder 
durch  das  Kaspische  Meer,  dessen  Zusammen- 
hang mit  dem  Okeanos  in  alexandrinischer 
Zeit  fast  allgemein  geglaubt  wurde.  Vgl.  Ulcert 
1,  2,  340f.  Forbiger  1,  296.  [Seeliger.] 

Argos  ('jQyog),  1)  Sohn  des  Zeus  und  der 
Niobe , der  Tochter  des  Phoroneus ; er  heira- 
tet die  Euadne,  die  Tochter  des  Strymon  und 
der  Neaira  ( Apollod . 2.  1,  lff.  Hygin.  f.  123. 
145.  155),  oder  nach  Pherekydes  die  Peitho,  40 
die  Tochter  des  Okeanos  (Schol.  Eurip.  Phoen. 
1123);  als  Kinder  werden  genannt  Ekbasos, 
Peiras  oder  Peirasos  (Pirantkus),  Epidauros, 
Kriasos,  Tiryns , vgl.  Paus.  2,  25,  7.  26,  3. 

Schol.  Eurip.  Or.  932.  Er  folgt  dem  Phoro- 
neus in  der  Herrschaft  und  benennt  das  Land 
nach  seinem  Namen.  Vgl.  noch  Constcmt.  Porpli. 
de  them.  2,  6 S.  52  u.  dagegen  Hygin.  f.  275 
Argus  Agenons  fdius  Argos  condidit.  Nach 
Schol.  Arist.  Panath.  3 S.  321  ed.  Ddf.  führt  50 
er  aus  Libyen  das  Getreide  und  den  Getreide- 
bau in  Griechenland  ein.  Unweit  der  Stadt 
Argos  lag  sein  Hain  und  Grabmal,  von  Kleo- 
menes  verwüstet.  Paus.  2,  16,  1.  22,  6.  34,  5. 

3,  4,  1.  — 2)  Sohn  des  Agenor,  oder  des 
Arestor  und  der  Mykene  (Tochter  des  Ina- 
chos)  oder  des  Inachos,  oder  des  Argos  und 
der  Ismene  (Tochter  des  Asopos) , oder  des 
Piranthus  und  der  Kallirrhoe,  nach  andern  Sohn 
der  Erde  (Apollod.  2, 1,  2.  Hygin.  f.  145.  Schol.  «0 

I Eurip.  Phoen.  1123.  Schol.  Ambr.  ei  Hart,  ad 
j Hom.  ß 120  [ Kinkel  fragm.  ep.  gr,  S.  58].  Paus. 

|2,  16,  3.  Aesch.  Prom.  568.  678.  Suppl.  305. 

I Nonn,  Dion.  20,  84).  Er  hatte  nach  Phere- 
|kydes  ein  Auge  auf  dem  Kopfe,  nach  dem 
Verfasser  des  Alyipiog  dagegen  hatte  er  vier 
Augen,  zwei  vorn,  zwei  hinten  (ztzgaav  ucp- 
&cdpoiGi,v  oqwptvov  t'v&cc  Hai  iv&a).  Schol. 


Eurip.  Phoen.  1123.  Tzetz.  ad  II.  S.  153,  21; 
andere  geben  ihm  hundert  Augen  (Ovid.  met. 
1,  625.  Myth.  Vat.  1,  18);  andere  lassen  ihn 
überhaupt  mit  vielen  Augen  versehen  sein,  die 
nach  Macrob.  sat.  1,  19,  12  am  Kopfe  ange- 
bracht (quem  ferunt  per  ambitum  capitis  mul- 
torum  oculorum  luminibus  ornatuni),  nach  an- 
dern über  den  ganzen  Körper  verteilt  sind 
(Aesch.  Prom.  569:  zov  pvqeumov  sigoqcögix  ßov- 
zav.  679  nvHvoig  oGGoig  Ssöoqhcos.  Eurip).  Phoen. 

1115  u.  Schol.  Luc.  deor.  dial.  3.  20,  8.  quom. 
hist,  conscr.  10.  Mcnandriinc.  fab.  fragm.  1,  16. 
Apollod.  2,1,3.  Hygin.  f.  145.  Myth.gr.  S.  319, 
29.  Nonn.  Dion.  1,  341.  3,  266.  8,  58.  13,  25. 
Mosch.  1,  57.  Plaut.  Aulul.  3,  6,  19.  Propert. 
1,  3,  20).  Wegen  der  vielen  Augen  wird  er 
navonzqe  genannt.  Meist  wird  er  als  über- 
haupt schlaflos  dargestellt;  erst  Eurip.  Phoen. 

1116  end  nach  ihm  Quint.  Smyrn.  Posthorn.  10, 
190  lassen  die  Augen  abwechselnd  zum  Schlaf 
sich  schliefsen.  Er  ist  von  gewaltigem  Kör- 
perbau (Quint.  Smyrn,  Posthorn.  10,  190  piyaq 
’Wpyos,  vgl.  Aesch.  Prom.  678  u.  Apollod.  a.  a.  O.) 
und  dadurch  befähigt  als  ein  Retter  und  Be- 
freier des  Landes  aufzutreten;  so  befreit  er 
Arkadien  von  dem  Stier,  welcher  das  Land 
verwüstet , und  bekleidet  sich  mit  dem  Fell 
desselben  (Apollod.  a.  a.  O.  Schol.  Eurip.  Phoen. 
1116  Alovvglos  — ßvQGav  avzdv  r’ipcpieG&ai 
cprjGl,  neu  hvhIg)  zo  Gcopu  olov  coppazmGO'uL)-, 
er  tötet  ferner  den  Satyr,  welcher  den  Arka- 
dern  Schaden  zufügte  und  ihre  Herden  weg- 
trieb; die  Echidna  (<Jie  Tochter  des  Tarta- 
ros und  der  Ge) , welche  die  V orüberziehen- 
den  packte  und  fortschleppte , überfiel  er  im 
Schlaf  und  tötete  sie;  auch  rächte  er  den  Mord 
des  Apis,  vgl.  Apollod.  2,1,2  (hier  sowohl 
wie  an  andern  Punkten  sind  Argos  1 u.  2 viel- 
fach in  einander  übergegangen).  Von  Hera 
wird  er  mit  der  Bewachung  der  in  eine  Kuh 
verwandelten  Io  betraut.  Er  bindet  sie  im 
Hain  der  Hera  an  einen  Ölbaum  an,  entweder 
in  dem  zwischen  Argos  und  Mykene  gelegenen, 
an  einem  Orte,  der  Nepia  genannt  wird  (Apol- 
lod. a.  a.  O.  Etym.  M.  s.  v.  ’AysGios.  Luc. 
dial,  deor.  3),  oder  auf  Euboia  (Etym.  M.  s.  v. 
Evßoict.  Steph.  Byz.  s.  v.  Aßarzig  u.  ’Agyovqa. 
Strabo  10 , 1 , 3)  dem  Berge  der  Argivischen 
Ebene,  an  dem  das  Heraion  liegt,  vgl.  Cur-, 
tius,  Peloponnes  2,  397.  Bursian,  Geogr.  von 
Griechenland  2,  47.  Steffen,  Karte  von  My- 
kene (Berl.  1884);  der  Baum  wurde  noch  in 
später  Zeit  gezeigt  (Plin.  n.  h.  16,  239).  Her- 
mes naht  im  Aufträge  des  Zeus,  die  Kuh  zu 
stehlen;  er  schläfert  deshalb  den  Argos  mit 
der  Syrinx  und  seinem  schlafbringenden  Stab 
ein  (Ovid.  met.  1,  687.  Val,  Fl.  Arg.  4,  384), 
oder  gräbt  ihm  mit  einer  Sichel  die  Augen 
aus  (Myth.  lat.  3,  9,  4)  und  tötet  ihn  dann, 
oder  er  tötet  ihn  durch  einen  Steinwurf  (Apol- 
lod. a.  a.  O.) , nachdem  er  durch  den  Schrei 
des  Habichts  oder  ein^s  nachher  in  den  Habicht 
verwandelten  Jünglings  (Natalis  Com.  S.  500) 
an  der  Ausführung  seines  Voiliabens  verhindert 
worden  war.  Die  Augen  des  Argos  Panoptes 
werden  von  Hera  in  den  Schweif  des  Pfau 
gesetzt  (Mosch.  1,  59.  Myth.  gr.  S.  319,  29. 
Nonn.  Dion.  12,  70.  Schol.  Aristoph.  av.  102. 


539 


Ai’iadne 


540 


Argös 

Ovid.  met.  1,  722.  Myth.  lat.  2,  5).  Das  Schat- 
tenbild des  Argos  Panoptes  treibt  Io  ruhelos 
auf  der  Erde  umher  (Aesch.  Prom.  568  si'dco- 
Xov  ’Agy.  ygysvovs).  Tzetzes  (Exeg.  II.  S.  153) 
läfstlo  durch  einen  vieläugigen  Hund  Namens 
Argos  bewachen,  vgl.  Hippon.  fr.  1 ( lyr . gr. 
ed.  Bergk  S.  688). 

Nach  Apollod.  2,  1,  3 stammt  von  ihm  und 
der  Ismene  (der  Tochter  des  Asopos)  Iasos, 
dessen  Tochter  Io  ist.  Eine  pragmatische  Um- 
deutung des  Mythos  bei  Myth.  gr.  ed.  Wester- 
mann S.  324,  No.  15.  Vgl.  noch  Schol.  Ar  ist. 
Ecclcs.  80  u.  81.  Norm.  Dion.  33,  70.  Schol. 
Hom.  Sl  24.  Luc.  de  satt.  43  (Argos  und  Io 
wurden  in  Pantomimen  vorgeführt).  Verg. 
Aen.  7,  790.  Darstellungen  des  Argos  al- 
lein sind  nicht  vorhanden;  über  Argos  und 
Io  s.  u.  Io. 

Dafs  Argos  nuvontrjq  den  vielgesternten 
Himmel  bedeute,  ist  wohl  allgemein  angenom- 
men. Vgl.  noch  II.  Engelmann,  de  Ione,  diss. 
arch.  Ilal.  1868.  Overheck,  Kunstmythologie, 
Zeus  S.  465.  — 8)  Sohn  des  Plirixos  und  der 
Chalkiope  oder  der  Iophossa,  Tochter  des 
Aietes.  Mit  seinen  Brüdern  Phrontis , Melas 
und  Kytissoros  (Epimenides  fügt,  nach  Schol. 
Ap.  Rh.  2,  1122  noch  den  Presbon  hinzu,  nach 
Hygin.  f.  14  heifsen  die  Söhne  des  Phrixos 
aber  Phronius,  Demoleon,  Autolycus,  Phlogius) 
verläfst  er  Kolchis,  um  die  Erbschaft  seines 
Grofsvaters  Athamas  anzutreten ; sie  leiden 
aber  Schiffbruch  im  Pontos  und  werden  auf 
der  Insel  Aria  oder  Aretias  von  den  Argonau- 
ten angetroffen  und  aufgenommen.  Nach  Val. 
Fl.  Arg.  5,  461  und  Orph.  Arg.  858  trifft  Ia- 
son  den  Argos  erst  im  Palast  des  Aietes.  In 
Kolchis  leistet  Argos  dem  Iason  wesentlichen 
Beistand,  indem  er  durch  seine  Mutter  den 
Verkehr  zwischen  Iason  und  Medeia  anbahnt. 
Nach  der  Kückkehr  der  Argonauten  nach  Grie- 
chenland heiratet  er  die  Perimeie,  die  Tochter 
des  Admetos,  und  wird  Vater  des  Magnes. 
Apoll.  Rh.  Arg.  2,  1122  ff.  Vgl.  Schol.  Apoll, 
Rh.  2,  388. 1122.  Anton.  Lih.  transf.  23.  Apol- 
lod. 1,  8,  9.  Hygin.  f.  3,  14.  21.  Nach  Apol- 
lod. 1,  9,  16  und  Schol.  Apoll.  Rh.  Arg.  1,  4 
( Pherelcydes ) ist  dieser  Argos  der  Erbauer  der 
Argo  , danach  von  vornherein  Teilnehmer  des 
Argonautenzuges.  — 4)  Sohn  des  Polybos  und 
der  Argia,  oder  des  Danaos,  oder  des  Arestor, 
ein  Argiver,  mit  Stierfell  bekleidet  (offenbar 
durch  Verschmelzung  mit  Argos  2,  s.  o.), 
Erbauer  der  Argo  und  Teilnehmer  an  der  Ar- 
gonautenfahrt. Apoll.  Iih.  Arg.  1,  4,  19.  226 
u.  a.  Hygin.  f.  14.  astr.  37.  Nach  Athen, 
deipn.  7,  296 d.  ist  dagegen  Glaukos  der  Er- 
bauer und  Steuermann  des  Schiffes.  Valerius 
Fl.  Arg.  1,  93  u.  124  läfst  Argos  aus  Thes- 
piai  stammen.  Wohl  von  ihm  rührt  das  in 
Tiryns  verehrte  Schnitzbild  der  Hera  her. 
Giern.  Alex.  Protr.  c.  4,  S.  14,  7,  (vgl.  Apoll. 
Rh.  Arg.  1,  1119;  2,  613).  — 5)  Sohn  des 
Iason.  Myth.  gr.  S.  185,  16.  Nach  ihm  nennt 
Herakles  das  von  ihm  erbaute  Schiff,  und 
nimmt  aus  Liebe  zu  ihm  an  der  Argonauten- 
fahrt Teil.  — 6)  Einer  derKyklopen,  gewöhn- 
licher Arges  genannt.  Schol.  Eurip.  Alk.  5.  — 
7)  Sohn  des  Neoptolemos  und  der  Leonassa, 


Bruder  des  Pergamos,  Pandaros,  Dorieus,  Eraos, 
der  Danae,  des  Eurymachos  und  Troas.  Schol. 
Eurip.  Andr.  24.  — 8)  a)  Hund  des  Odysseus, 

Horn,  q 292.  b)  des  Äktaion,  Apollod.  3,  4,  4. 

Über  den  Hund,  welcher  Io  bewacht,  s.  o.  Ar- 
gos 2 gegen  das  Ende.  [Engelmann.] 

Argynnos  s.  Argennos. 

Argyphic  (Agyvcp Cg),  Gemahlin  des  Aigyptos  : 
Apollod.  2,  1,  5.  [Roscher.] 

Argyra  (’AgyvQu),  Nymphe  einer  gleichna- 
migen Quelle  in  Ächaja.  Nach  einer  einhei- 
mischen Sage  der  Patraier  liebte  sie  einen 
schönen  Hirtenknaben,  Namens  Selemnos  und 
besuchte  ihn  häufig,  bis  seine  Schönheit  ver- 
blüht war.  Selemnos,  der  sich  diese  Treulosig- 
keit seiner  Geliebten  zu  Herzen  nahm,  starb 
vor  Sehnsucht,  und  Aphrodite  verwandelte  ihn 
in  den  gleichnamigen  Plufs.  Als  er  aber  auch 
dann  noch  sich  in  Sehnsucht  nach  der  Gelieb- 
ten verzehrte , schenkte  ihm  Aphrodite  die 
Gabe  alle  Liebesschmerzen  zu  vergessen.  Es 
ging  die  Sage  , dafs  das  Wasser  des  Selem- 
nos alle  Liebesqual  heile,  indem  jeder,  der 
darin  badete,  Mann  oder  Frau,  seine  Liebe 
vergafs , Paus.  7,  23,  1 — 3.  Vgl.  die  Sage 
von  Alpheios  und  Arethusa.  [Roscher.] 

Ariadne  (’Aqr.üdvg).  Der  Name  bedeutet 
entweder  „die  Wohlgefallende“,  Schivenck, 
Andeutungen  S.  158.  Welcher,  Gr.  Götterl.  2, 

590,  oder  die  „Hochhehre“,  „Hochheilige“ 
statt  ’AQulyvg  , Hesych.  udvov.  ayvöv , K q lj - feit 

x vgl.  Hock,  Kreta  2,  145  Anm.  u.  3,  522  [ref: 
(Register).  Buttrn.  Lexil.  1,  236.  Panofka  Ann.  a 
d.  Inst.  arch.  1835  p.  83  f.  Meineke  zu  Theo-  ; fc 
krit.  4,  17.  Schoernann  Opusc.  Ac.  2, 156.  G.  Cur-  i Jfe i 
tius,  Grunds.  688.  Die  Form  ’Aguiyvrj  i.’AgiuSvg  j ;a;( 
erscheint  auf  Vasen,  O.  Jahn,  Vasenb.  S.  28.  fej; 
Arch,  Beitr.  S.  261.  Einl,  in  d.  Vasenk,  205.  I | [(n 
Auf  einem  Vasenb.  b.  Jahn,  Vasenb.  2 Agiydu.  fejfe 
II.  18,  592  schrieb  nach  den  Scholien  Zenodot  j fett, 
’AgLr'idvy,  Suidas  bietet  ’Agscidvg , ein  etruski-  j iljnj. 
scher  Spiegel  Areatha.  Aufserdem  hatte  sie  Stofe 
in  Kreta  den  Namen  ’AgiSrila,  „die  Strahlende“,  i ,e 
„Hellleuchtende“.  Hesych.  ’Agidfjlav.  Sie  war  • n 
Tochter  des  Minos  und  der  Pasiphae  oder  der  !j 
Krete  (. Aslclepiades  b.  Apollod,  3,  1,  2),  welche  , t 
aus  Liebe  den  Theseus  durch  den  bekannten  von  | ^ 
Daidalos  empfangenen  Faden  aus  dem  Laby-  fe;: 
rinthe  rettete  und  dann  bei  seiner  Abreise  jjj 
von  Kreta  begleitete,  um  seine  Gattin  zu  wer- 
den, eine  Geschichte,  die  auf  sehr  mannigfal-  . 
tige  Weise  erzählt  wird:  Plut.  Thes.  19,  20. 

Ap.  Rh.  3,  997  ff.  Hyg.  f.  42.  Verg.  Aen.  6,  L 
28.  Serv.  Aen.  6, 14.  Georg.  1,  222.  Mythogr. 
Vatic.  1,  43.  2,  124.  Schol,  u.  Eustatli.  zu  Ud. 

11,  321.  vgl.  Schol.  II.  18,  590.  Diod.  4,  61. 
Schol,  Stat.  Thcb.  12,  676.  Der  Kampf  des 
Theseus  mit  Minotauros  und  seine  Unter- 
Stützung  durch  die  ihn  liebende  Ariadne  war 
Gegenstand  des  euripideischen  Theseus,  Welcher, 

Gr.  Tr  erg.  2,  733  ff.  Hartung,  Eurip.  restit.  1 
p.  547  ff.  Nauck,  trag.  gr.  fr.  p.  378ff.  O.  Jahn, 
Archäol.  Beitr.  252  ff.  — Theseus  brachte  Ariadne 
nicht  bis  nach  Athen;  sie  blieb  zurück  auf 
der  Insel  Dia  d.  i.  Naxos;  vielleicht  aber  war 
es  ursprünglich  eine  kleine  Insel  hei  Knosos, 
Steph.  Byz.  v.  Alu.  Eustatli.  zu  Od.  11,  324. 
Preller,  Gr.  Myth,  1,  559;  dagegen  Welcher , 


io 

20 

30 

40 

50 

00 


541 


Ariadne 


Ariadne 


542 


Gr.  Götterl.  2,  591.  Schol.  Tlieoikr.  2,  45.  Eine 
wahrscheinlich  in  attischem  Interesse  eingefügte, 
aber  jedenfalls  mehrfach  umgedichtete  home- 
rische Stelle,  Od.  11,  321—325,  bietet  durch 
ihre  Dunkelheit  der  Erklärung  grofse  Schwie- 
rigkeiten. Es  liegen  hier  nach  den  erhaltenen 
Lesarten  zwei  Versionen  der  Sage  über  das 
Zurückbleiben  der  Ariadne  auf  Naxos  mit 
einander  vermischt  vor;  nach  der  einen  ward 
Ariadne  auf  Dia  von  Artemis  getötet,  und  zwar 
nach  dem  Willen  des  Dionysos  {Jlovvgov  /. iag- 
rvQirjGL,  ein  Ausdruck,  der  in  alter  und  neuer 
Zeit  verschiedene  Erklärungen  und  Ausdeutun- 
gen zur  Motivierung  der  Tötung  der  Ariadne 
erfahren  hat);  nach  der  andern,  die  später  die 
gangbarste  geworden  ist , fährt  Theseus  von 
Dia  ab , und  Ariadne  bleibt  zurück  und  wird 
dem  Dionysos  vermählt.  Nitzsch,  Anm.  3 
S.  251—254.  Huck,  Kreta  2,  141  fl'.  Welcher, 
Griech.  Götterl.  2,  591  ff.  Preller,  Arch.  Ztg. 
1855  S.  llf.  Gr.  Myth.  1,  559.  O.  Jahn, 
Arch.  Beitr.  279.  L.  Schmidt,  Arianna  rapita 
da  Diana,  Ann.  d.  inst.  arch.  1859  p.  258— 
267.  Gerhard,  Ariadnes  Tötung,  Rhein.  Mus. 
18.  S.  441  — 444.  Auch  hat  man  beide  Ver- 
sionen zu  verschmelzen  und  zu  vermitteln  ge- 
sucht. Nach  Pherekydes  b.  Schol.  Od.  11,  322 
läfst  Theseus  die  Ariadne  auf  Naxos  zurück; 
Dionysos  erscheint  und  gesellt  sich  ihr,  aber 
Artemis  tötet  sie,  weil  sie  ihre  Jungfräulich- 
keit preisgegeben.  Es  hiefs  auch,  schon  auf 
Kreta  habe  sich  Ariadne,  von  Theseus  verlas- 
sen, selbst  den  Tod  durch  Erhängen  gegeben, 
Plut.  Thes.  20.  — Der  Grund,  weshalb  Theseus 
die  Ariadne  auf  Naxos  zurückliefs , wird  sehr 
verschieden  angegeben , (vergl.  Serv.  Georg. 
1 , 222  vel  consulto , vel  necessitate,  vel  movitu 
Mercurii) : entweder  that  er  es  aus  Treulosig- 
keit, während  sie  schlief,  oder  aus  Vergefs- 
lichkeit,  oder  von  Athene  gemahnt,  oder  von 
Dionysos , der  sie  zur  Gattin  begehrte , durch 
Drohungen  fortgescheucht,  oder  Dionysos  raubt 
sie,  Plut.  Thes.  20.  Paus.  1,  20,  2.  1,  22,  5. 
10,29,2.  Diod.  4,61.  5,51.  Hyg.f.  43.  Schol. 
Ap.  Rh.  3 , 997.  Schol.  Theokr.  2,  45.  Schol. 
Od.  a.  a.  0.  Athen.  13  p.  557  a.  Namentlich 
suchten  die  Athener  die  Fabel  so  zu  wen- 
den, dafs  ihr  Theseus  nicht  der  Treulosigkeit 
und  des  Undanks  bezichtigt  werden  konnte, 
weshalb  nach  Hereas  von  Megara  schon  Pei- 
sistratos  einen  dem  Theseus  ungünstigen  Vers 
aus  den  Gedichten  des  Hesiod  entfernt  haben 
sollte.  Hesiod  hatte  gedichtet,  dafs  Theseus 
die  Ariadne  treulos  verlassen  aus  Liebe  zu 
einer  andern.  Der  getilgte  Vers  hiefs:  „Ihn 
verzehrte  die  Liebe  zu  Aigle,  Panopeus’  Toch- 
ter“ , die  er  heiratete.  Plut.  Thes.  20  u.  29. 
Athen.  13,  557a.  Ferner  wurde  erzählt,  weil 
Theseus  aus  Liebe  zu  einer  andern  die  Ariadne 
(auf  Kreta)  verlassen , hätten  Schiffer  sie  auf 
die  Insel  Naxos  gebracht,  wo  sie  den  Bakchos- 
priester  Oinaros  heiratete,  Plut.  Thes.  20.  Den 
Jammer  der  von  Theseus  verlassenen  Ariadne 
schildern  besonders  römische  Dichter  mit  rüh- 
renden Worten,  Gatull.  64,  124ff.  Ov.  Her.  10. 
ars  am.  1,  527.  Met.  8,  176.  vgl.  Nonn.  47, 
265  ff.  Aber  ihre  Trauer  ward  verscheucht 
durch  das  Erscheinen  des  Dionysos , der  sie 


zu  seiner  Gattin  erhob.  Zeus  macht  sie  un- 
sterblich, und  sie  wird  in  den  Olympos  ein- 
geführt. Eine  goldene  Krone,  die  ihr  Dionysos 
(Aphrodite  und  die  Horen)  als  Brautgeschenk 
giebt,  versetzen  die  Götter  dem  Dionysos  zu 
Liebe  unter  die  Sterne.  Hesiod  Theog.  947. 
Pherekyd.  in  Schol.  Od.  a.  a.  0.  Ap.  Rh.  3, 1002. 
Schol.  Ap.  Rh.  3,  997.  Hyg.  f.  43.  P.  Astr. 
2,  5.  Eratosth.  Gatast.  5.  Diod.  4,  61.  6,  4. 
Athen.  15  p.  684f.  Serv.  V.  Georg.  1, 122.  Pro- 
pert.  3,  15,  8.  Ov.  Fast.  3,  510.  Met.  8,  177. 
Müller  Proleg.  202.  Höck,  Kreta  2,  152,  154. 
Welcher , Gr.  Götterl.  2,  592.  Preller,  Gr.  Myth, 

1,  560.  Die  Vermählung  des  Dionysos  mit 
Ariadne  wird  gewöhnlich  nach  der  Dionysi- 
schen Insel  Naxos  verlegt,  doch  auch  nach 
Kreta  {Hyg.  P.  Astr.  2,  5.  Himer.  Or.  1,  5. 
Schol.  Germ.  69).  — Als  Kinder  des  Dionysos 
und  der  Ariadne  werden  genannt  Oinopion, 
Thoas,  Staphylos,  Latramys,  Euanthes,  Tauro- 
polis,  Schol.  Ap.  Rh.  3,  997.  Theon  zu  Arat. 
638.  Hemsterh.  zu  Aristoph.  Plut.  1022 ; auch 
der  Thraker  Maron , Theophil.  2 , 8 {Müller 
hist.  gr.  fr.  3,  165,  21);  der  Athener  Keramos, 
Paus.  1,  3,  1;  die  Argonauten  Phliasos  (Phleias, 
Phlius)  und  Eumedon  aus  Phlius , Hyg.  f.  14 
p.  41  u.  43  Bunte ; doch  heilst  der  erstere  b. 
Schol,  Ap.  Rh.  1,  115  u.  Steph.  Byz.  v.  Jhovg 
Sohn  des  Dionysos  und  der  Chthonophyle, 
deren  Wesen  dem  der  Ariadne  ähnlich  war; 
Ferner  Enyeus,  der  Gründer  der  Stadt  Skyros, 
Schol.  II.  9,  668.  Manche  lassen  die  in  Chios 
wohnenden  Dionysischen  Heroen  Oinopion  und 
Staphylos  von  Theseus  und  Ariadne  abstam- 
men,  Ion  v.  Chios  b.  Plut.  Thes.  20.  Jahn, 
Arch.  Beitr.  276.  Auch  heifsen  bei  einem  Schol. 
zu  Od  11,  321  Demopkon  und  Akamas  Söhne 
des  Theseus  und  der  Ariadne.  Über  die  Liebe 
des  Meergottes  Glaukos  zu  Ariadne  s.  Athen. 
7 p.  296  a.  u.  c.  Gaedechens,  Glaukos  d.  Meer- 
gott (Göttingen  1860)  S.  149f.  Höck,  Kreta 

2,  157  Anm.  Bei  Hyg.  f.  255  wird  Ariadne 

unter  den  impiae  aufgezählt,  weil  sie  Bru- 
der (den  Minotauros,  vgl.  f.  42)  und  Söhne 
getötet.  — Ariadne  scheint  eine  in  der  Sage 
zur  Heroine  herabgesunkene , besonders  auf 
Naxos  und  Kreta  verehrte  Naturgöttin  zu 
sein , die  der  Aphrodite  sehr  nahe  stand 
und  den  fruchtbaren  Erdboden  bezeichnet, 
wie  er  im  Laufe  der  Jahreszeiten  zwischen 
Lust  und  Schmerz,  schwellendem  Leben  und 
erstarrendem  Schlafe  wechselt,  Preller,  Gr. 
Myth.  1,  559ff.  0.  Müder,  Handb.  \d.  Arch, 

§ 384,  3 nennt  sie  eine  Kora  des  naxischen 
Kultes,  vgl.  Welcher,  Gr.  Götterl.  2,  590.  Ger- 
hard, Gr.  Myth.  1 § 461.  Engel,  Kypros  2, 
657  und  dessen  Quaest.  Naxiae  p.  40ff.  51,  wo 
dargethan  wird,  dafs  der  Zusammenhang  der 
durchaus  dionysischen  Ariadne  mit  dem  alt- 
kretischen Gestirndienst,  den  Höck,  Kreta  2, 
144 ff.  annimmt,  indem  er  sie  als  Mondgöttin 
erklärt,  nur  ein  ganz  äufserer  pragmatischer 
ist.  Sie  war  eng  mit  dem  Kultus  des  Diony- 
sos verbunden  und  galt  als  dessen  Geliebte 
und  Gattin  (axotrig,  lies.  Th.  948;  Alovvgov 
Öuyao , Eurip.  Hippol.  339) , mit  der  er  sich 
in  der  Festfeier  des  Landes  jährlich  von  neuem 
hochzeitlich  verbindet  Wie  das  Leben  der 


543 


Ariadne 


Ariadne 


544 


Naturgötter  und  auch  das  des  Dionysos  selbst 
geteilt  ist  zwischen  Freude  und  Schmerz,  Jubel 
und  Trauer,  so  auch  das  der  göttlichen  Ariadne ; 
man  - feierte  sie  auf  Naxos  bald  als  die 
trauernde  Verlassene  oder  die  unglücklich  Ge- 
storbene mit  düsteren  Gebräuchen,  bald  ,als 
die  beglückte  Braut  des  Dionysos  mit  bakchi- 
scher  Festeslust,  weshalb  nach  der  Angabe 
einiger  Schriftsteller  aus  Naxos  von  den  Na- 
xiern  zwei  verschiedene  Ariadnen  angenommen 
wurden.  Die  eine  habe  sich  mit  Dionysos  in 
Naxos  vermählt  und  den  Staphylos  geboren, 
die  jüngere  sei,  von  Theseus  entführt  und  dann 
verlassen,  nach  Naxos  gekommen,  mit  ihrer 
Amme  Korkyne , deren  Grab  noch  gezeigt 
werde.  Auch  Ariadne  sei  dort  gestorben  und 
werde  verehrt,  aber  auf  andre  Weise  als  die 
ältere;  denn  das  Fest  der  älteren  werde  mit 
Heiterkeit  und  lustigen  Spielen  gefeiert,  die 
Feste  der  jüngeren  dagegen  seien  mit  Trauer 
und  Wehmut  verbunden.  Plut.  Thes,  20.  Hoch, 
Kreta  2,  153.  Welcher,  Nachtr.  z.  Äschyl.  Tril. 
237.  Gr.  Götterl.  2,  589.  Preller,  Gr.  Mythol. 
1,  560.  Auf  eine  derartige  Festfeier  bezieht 
sich  wohl  auch  ursprünglich  der  Tanzplatz 
(lOQog),  welchen  Daidalos  der  schönlockigen 
Ariadne  zu  Enosos  verfertigt,  II.  18,  591,  d.  i. 
ein  Belief  aus  weifsem  Marmor  nach  dem  Zeug- 
nis des  Paus.  9,  40,  2.  Die  Naxier  erzählten 
auch  von  einem  Verschwinden  des  Dionysos  und 
der  Ariadne,  Diod.  5,  51.  Auf  das  Zurück- 
kehren und  Wiedererscheinen  der  verschwun- 
denen Ariadne  im  Frühling  bezieht  Preller, 
Gr.  Myth.  1,  560  ihren  Namen  Aridela,  vgl. 
Welcher,  Gr.  G.  2,  590.  Buttmann,  Mytliol.  2, 
139.  Hoch,  Kreta  2,  145  erklärt  Aridela  als 
den  hellleuchtenden  Mond  und  vergleicht  den 
Namen  mit  Pasiphae.  Mit  dem  naxischen  Kult 
der  Ariadne  ist  der  zu  Amathus  auf  Kypros 
verwandt.  Paion  b.  Pint.  Thes.  20  erzählt, 
Theseus  sei  auf  seiner  Fahrt  von  Kreta  durch 
einen  Sturm  nach  Kypros  verschlagen  worden 
und  habe  die  schwangere,  von  den  Beschwer- 
den der  Beise  erschöpfte  Ariadne  dort  ans 
Land  gesetzt,  er  selbst  aber  sei  wieder  mit 
dem  Schiffe  auf  die  hohe  See  getrieben  wor- 
den. Einheimische  Frauen  nahmen  sich  der 
Kranken  in  ihrer  Vereinsamung  an,  trösteten 
sie,  leisteten  ihr  bei  den  Wehen  der  Geburt 
Hilfe  und  bestatteten  sie , da  sie , ohne  zu 
gebären,  gestorben  war.  Nachdem  Theseus 
nach  Kypros  zurückgekommen  war,  stiftete  er 
tief  betrübt  ein  Fest,  auch  weihte  er  der  Ver- 
storbenen zwei  Bilder,  das  eine  von  Silber, 
das  andre  von  Erz.  An  ihrem  Feste,  das  in 
den  Monat  Gorpiaios  fiel  (in  die  zweite  Hälfte 
des  Sommers , in  welcher  auch  die  Adonien 
und  Korafeste  gefeiert  wurden)  fand  der  selt- 
same Brauch  statt , dafs  ein  Jüngling  sich 
niederlegte  und  unter  Geschrei  sich  gebär- 
dete wie  eine  in  Kindesnöten  liegende  Frau. 
Den  Hain  aber,  worin  man  das  Grab  der 
Ariadne  zeigte,  nannten  die  Amathusier  Hain 
der  Aphrodite  - Ariadne.  „Diese  Aphrodite- 
Ariadne  mufs  eine  Lebens-,  Liebes-  und  Todes- 
göttin gewesen  sein , und  ihr  Kult  mufs 
wie  in  Naxos,  von  wo  er  wahrscheinlich  ge- 
kommen, aus  einem  Trauer-  und  einem  Freu- 


denfeste bestanden  haben;  durch  die  Ceremo- 
nie  von  der  Entbindung  einer  Schwangeren 
wird  auf  Leben,  Fruchtbarkeit  und  Zeugung 
hingewiesen,  das  Sterben  der  Göttin  aber  hat 
eine  Totenbeziehung.“  Engel,  Kypros  2,  656  ff. 
vgl.  Hoch,  Kreta  2,  146 ff.  Welcher,  Gr.  G. 
2,  590.  Preller,  Gr.  Myth.  1 , 561.  Ein  Grab 
der  Ariadne  befand  sich  auch  zu  Argos  in  dem 
Heiligtum  des  kretischen  Dionysos,  und  neben 
io  diesem  war  ein  Tempel  der  Aphrodite  Ura- 
nia, Paus.  2,  23,  8.  Auch  hier  scheint  Ariadne 
mit  Aphrodite,  welche  ja  auch  im  Mythos  der 
Ariadne  eine  so  bedeutende  Bolle  spielt,  ähn- 
lich wie  in  Kypros  verbunden.  Eine  Vermi- 
schung des  Dionysischen  Ariadnedienstes  mit 
dem  der  Aphrodite  liegt  ferner  in  der  Sage, 
dafs  das  Bild  der  Aphrodite,  welches  Theseus 
zu  Delos  weihte,  von  Ariadne  herrührte.  Plut. 
Thes.  21.  Paus.  9,  40,  2.  Kallim.  H.  in  Del. 
20  307  ff.  u.  Schot.  Zu  den  Inseln  im  ägäischen 
Meere,  wo  man  von  Ariadne  erzählte,  gehören 
noch  Ikaros,  Plot,  Heph.  5,  Bhodos  und  die 
kleine  daneben  liegende  Insel  Donusia,  Steph. 
Bys.  v.  Aovovaw , Chios,  wo  ihre  Söhne  Oino- 
pion  und  Staphylos  wohnten,  Theopomp.  b. 
Athen.  1,  26  c.  Diod.  5,  79.  Plut.  Thes.  20. 
Hoch,  Kreta  2,  146.  Preller , Gr.  Mythol.  1, 
561,  2.  Ein  Fest  der  Ariadne  zu  Oinoe  im 
Lande  der  Lokrer  am  euböischen  Meer  wird 
30  erwähnt  im  Certamen  Homeri  et  Hes.  16.  Auch 
in  Alexandria  wurde  Ariadne  neben  Dionysos 
verehrt,  Meinehe,  Anal.  Alex.  p.  347.  — Neben 
dem  speziell  als  Weingott  gefafsten  Dionysos 
galt  Ariadne  im  allgemeinen  Volksglauben 
als  Weingöttin  (in  Italien  als  Libera  neben 
Liber,  Hyg.  f.  224.  Ovid.  Fast.  3,  511.  Ho- 
rat.  Carm.  2,  19,  16.  Propert.  2,  3,  18.  3,  17, 
8)  und  hatte  mit  dem  Gotte  zusammen  ihre 
Feste  als  seine  unzertrennliche  Gefährtin  und 
40  geliebte  Gattin.  In  Athen  feierte  man  dem 
Dionysos  und  der  Ariadne  in  dem  Frucht- 
monat Pyanepsion  das  heitere  Fest  der  Oscho- 
phorien,  das  von  Theseus  nach  seiner  Bück- 
kehr  aus  Kreta  eingesetzt  sein  sollte ; doch 
waren  bei  dem  Feste  auch  schmerzliche  Kla- 
gen mit  dem  Freudenjubel  verbunden,  und  wie 
bei  dem  Feste  in  Kypros  ein  Jüngling  ein 
Weib  vorstellte,  so  traten  auch  hier  Jünglinge 
in  Mädchenkleidung  auf,  Plut.  Thes.  22.  23. 
50  Mommsen,  lleortologie  S.  271  ff.  Engel,  Kypros 
2,  658.  Preller,  Gr.  Myth.  1,  170f.  56lf.  Wel- 
cher, Gr.  G.  2,  597;  [vgl.  jetzt  -namentlich 
Mannhardt , Ant.  W.  u.  Feldh.  2 16  ff.  u.  233  ff. 
Boscher].  — Die  zahlreichen  Bildwerke  aus 
dem  Kreise  der  Ariadne  behandelt  O.  Jahn, 
Archäolog.  Beiträge  S.  251 — 299,  alle  Scenen 
vom  ersten  Liebesbunde  mit  Theseus  bis  zur 
Auffindung  durch  Dionysos.  Die  wichtigsten 
Ergänzungen  dazu  bieten  die  Publikationen 
60  der  von  Jahn  schon  erwähnten  Vase  des  Glau- 
kytes  und  Archikles  (München  No.  333),  Ger- 
hard, auserl.  Vas.  135 — 136.  Mon.  d.  Inst.  4, 
59;  und  die  Fran9oisvase  ib.  54 — 58.  Ferner 
einige  Vasen  mit  Inschriften,  ib.  6,  15.  Bou- 
lez , Vases  de  Leide  pl.  10;  eine  Replik  des 
von  Jahn  S.  279  Girierten  Spiegels;  ein  Sar- 
kophag, Arch.  Ztg.  1857,  Tf.  100;  pompejaniscke 
Wandgemälde,  Bull.  d.  Inst.  1861,  234.  1863, 


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545 


Ariadne  (in  d/Kunst) 


Arimnus 


546 


94.  11  all.  arch.  ital.  1,  95.  Heydtmann,  Arch. 
Ztg.  1872,  89  f.  Welcher  zu  Müller  Handb.  d. 
Arch.  § 412,  1.  In  den  Darstellungen,  welche 
das  Abenteuer  des  Theseus  in  Kreta  zum  Ge- 
genstände haben,  kommt  die  liebende  und  hel- 
fende Ariadne  häufig  vor.  Die  betreffenden  Bild- 
werke sind  zusaxnmengestellt  von  Stephani,  der 
Kampf  zwischen  Theseus  und  Minotauros,  eine 
kirnst  geschichtliche  Abhandlung,  Leipzig,  1842. 


i naler  2 No.  418.  TT.  Jacobs,  vermischte  Sehr. 
5,  403.  Welcher,  A.  TJenhm.  1,  449.  Braun, 
Gr.  Gotterl,  § 515.  Ein  häufiger  Gegenstand 
der  Kunst  ist  dann  weiter  die  Hochzeit  des 
Dionysos  und  der  Ariadne  und  der  Dionysische 
Zug,  in  welchem  Ariadne  als  Braut  oder  Gat- 
tin des  hohen  Gottes  dahinfährt,  umrauscht 
von  dem  Getümmel  baltchantiseher  Lust,  Böt- 
tiger , Ideen  zur  Kunstmythol.  2 S.  519.  Hirt, 
Jahn  S.  252 — 275.  Müller,  Handb.  412,  1.  io  mythol.  Bilderb.  1 S.  80.  Müller,  Handb.  § 384, 


Hierher  gehört  auch  das  Bild  am  Kasten  des 
Kypselos,  Paus . 5,  19,  1.  Preller  in  Gerhard, 
Denhm.  u.  Forsch.  1855  S.  77.  Gr.  Mythol, 

2 , 29G.  Anders  Stephani  compte-rendu  1865, 
123.  Welcher,  Gr.  Götterl.  2,  594.  Ein  gleich 
beliebter  Gegenstand  für  die  bildende  Kunst 
wie  für  die  Poesie  der  späteren  Zeit  war  die 
auf  Naxos  von  Theseus  verlassene  Ariadne; 
die  dahin  gehörigen  Bildwerke  sind  behandelt 
von  Raoul-Rochette,  clioix  depeint.  p.  3011'.  Jahn  20 
S.  281  ff.  Hervorzuheben  sind  besonders  meh- 
rere bedeutende  Statuen,  Nachbildungen  eines 
berühmten  Originals,  welche  die  Heroine  auf 
einem  Felsblocke  sitzend  darstellen,  den  Kopf 
auf  die  Rechte  gestützt,  in  bekümmertes  Nach- 
denken versunken.  Die  berühmteste  darunter 
in  Dresden,  ehemals  unter  dem  Namen  Agrip- 
pina  bekannt.  Augusteum  17;  vergl.  Müller, 
Handb.  a.  a.  0.  Welcher,  Bonner  Mus.  S.  69  f. 


3.  4.  Denhm.  2 No.  422 — 426.  Millin,  my- 
thol. galt,  N.  244.  245.  Gerhard,  auserl.  Vas. 
t.  56,  2.  Arch.  Ztg.  1859  No.  130.  Jahn  ib. 
1860  N.  141.  Gerhard,  Spiegel  299 ff.  Helbig, 
Mun.  d.  Inst.  6,  70.  Welcher,  Zeitschr.  f.  a. 
K.  S.  475 — 489.  Gr.  Götterl,  2,  595  ff.  Braun, 
Gr.  Götterl.  § 516  u.  S.  727.  [Stoll.] 

Ariagnc  (Ägtdyvg)  — Ariadne  (s.  d.):  C.  I. 
Gr.  7441.  7692.  [Roscher.] 

Arian[n]e  (’Agiocv[v]ri)  — Ariadne  (s.  d.): 
C.  I.  Gr.  7448.  7719b.  8185b.  7719.  [Roscher.] 
Aricia,  fälschlich  für  eine  Nymphe  gehal- 
ten bei  Verg.  Aen.  7,  762  ( Virbius  . . . quem 
mater  Aricia  misit ),  wo  unter  Aricia  mit  Serv. 
z.  d.  St.  die  „ civitas  iuxta  Albamu  zu  verste- 
hen ist.  Vgl.  übrigens  Diana.  [Roscher.] 
Aridela  ( ’Agidrjlce ) = Ariadne  (s.  d.) : C.  I. 
Gr.  8439;  vgl.  Hes.  s.  v.  ’Agiörilav.  [Roscher.] 
Arimanius  tleus  wird  auf  zwei  Inschriften 


[vgl.  aber  Matz-Duhn  , Antike  Bildwerke  in  30  aus  Alt-Ofen  genannt,  G.  I.  I,.  3,  3414:  Deo 


Rom  I Nr.  833  Anm.  Sehr.]  Die  Vereinigung 
der  trauernden  Ariadne  mit  Dionysos  ge- 
schieht in  den  Kunstwerken  gewöhnlich  so, 
dafs  der  Gott  die  schlafende  Ariadne  über- 
rascht; so  das  Gemälde  im  Tempel  des  Dio- 
nysos zu  Athen,  Paus.  1 , 20,  2,  mit  welchem 
im  wesentlichen  die  Beschreibung  eines  Ge- 
mäldes bei  Philostr.  1,  15  übereinstimmt. 
Hieran  erinnern  viele  Darstellungen  in 


men  und  Münzen,  Jahn  S.  289.  293 
ler,  Denhm.  2 No.  417.  419  — 421. 
Ber.  d.  sächs.  Ges.  d.  Wiss.  1860 
S.  23  ff.  Gerhard , etr.  u.  camna 


har d,  Arch.  Ztg. 
1859  S.  97—110. 
Braun,  Gr.  Gut- 


Schlafende  Ariadne  (Vatikan). 

! terl.  § 516  u.  S.  727.  Die  verlassene  und 
von  Dionysos  aufgefundene  Ariadne  ist  der 
häufigste  Gegenstand  der  Gemälde  in  Pom- 
peji , Overbeck,  Pompeji  S.  252.  259.  274. 
, 305.  327.  520.  Berühmt  ist  die  Statue  einer 
schlafenden  Ariadne  (früher  Kleopatra  ge- 
nannt) in  der  vaticanischen  Statuen  samm- 
; lung,  Visconti  Pio-Clem.  2,  44.  Müller , Denh- 

Koscher,  Lexikon  rlev  gr.  n.  röm.  Mythol. 


Arimanio  u.  3415  : Deo  Arimanio  Libella  leo 
fratribus  voto  die. , aufserdem  auch  in  der 
Inschrift  eines  dreiseitigen  Marmoraltars , der 
am  Fufse  des  Esquilin  zu  Rom  gefunden  wor- 
den ist , C.  1.  L.  6,  47 : D.  Arimanio  Agre- 
st/ius  v.  c.  defensor  magister  et  pater  patrum 
voti  c.  d.  — Theod.  Mopsuest.  bei  Phot,  bibl, 
81  p.  63  Behle,  erklärt  Ari- 
manius durch  Saxavcig,  was 
jedenfalls  auf  den  Ahriman 
(der  Übelgesinnte)  oder’^pa- 
gccviog  der  Perser  zu  bezie- 
hen ist.  Die  Richtigkeit  die- 
ser Vermutung  beweisen  die 
Ausdrücke  leo  und  pater  pa- 
trum in  obigen  Inseln-.,  denn 
diese  bezeichnen  verschie- 
dene Grade  der  Weihe  in 
den  gleichfalls  persischen 
Mithrasmysterien.  Auch  de- 
fensor und  magister  dürften 
ähnlich  zu  erklären  sein. 
Siehe  auch  Arimnus. 

[Steuding.] 

Arimnus,  ein  etruskischer 
Heros  oder  König.  Nach 
Paus.  5,  12,  5,  wo  die  Les- 
art mit  ’Agigvrjaxog  wechselt, 
soll  er  zuerst  von  allen  Bar- 
baren dem  Zeus  zu  Olympia  ein  Weihgeschenk, 
und  zwar  einen  Thronsessel,  gesendet  haben. 
Auf  ihn  bezieht  sich  wohl  auch  die  Inschrift 
Arirnn  auf  dem  von  Hensen  6110  beschriebenen 
und  in  den  Ann.  dell'  Inst.  Arch.  1854  p.  83  ff.  ab- 
gebildeten Steine  aus  der  Nähe  von  Äriminum. 
Auf  demselben  ist  mit  dieser  Unterschrift  das 
Brustbild  eines  Kindes  dargestellt,  umgeben 
von  Symbolen  und  Gottheiten  der  Zeugung. 

18 


547 


Arisbas 


Aristaios 


548 


Über  den  wahrscheinlich  etruskischen  Ursprung 
von  Ariininmn  siehe  Müller-Deecke,  die  Etrus- 
ker 1 p.  138,  53.  De- Vit  vermutet  dagegen, 
clafs  Arimanius  gemeint  sei.  Auf  den  Münzen 
von  Ariminum  findet  sich  die  Inschrift  Ari- 
mon  ( Cavedoni  im  Bullet.  delV  Inst.  Ar  eh.  1850 
p.  79.  — Fahretti,  Gloss.  Ital.  s.  v.  Arimnurn). 

[Steuding.] 

Arisbas  (’Agioßag,  arzog),  1)  Vater  des  Mo- 
luros  aus  Arges,  Hesiod  b.  Paus.  9,  36,  4.  — l 
2)  Vater  des  vor  Troja  von  Aineias  getöteten 
Leiokritos,  11.  17,  345.  [Stoll.] 

Arisbe  (’Agioßrj),  1)  Tochter  des  Merops, 
erste  Gemahlin  des  Priamos,  dem  sie  den  Aisa- 
kos  gebar.  Priamos  trat  sie  an  Hyrtakos  ab, 
um  sich  mit  Hekabe  zu  vermählen.  Ephoros 
bei  Steph.  Byz.  macht  sie  zur  ersten  Gemahlin 
des  Paris.  Nach  ihr  war  die  troisclie  Stadt 
Arisbe  benannt.  Apoilod.  3,  12,  5.  Steph.  B. 
v.  ’Agioßr].  Tzetz.  L.  224.  Schol.  II.  24,  497.  2 
Serv.  Verg.  Aen.  2,  32.  9,  264.  Deimling,  I.e- 
leger  S.  31.  — 2)  Tochter  des  Kreters  Teu- 
kros,  vermählt  mit  dem  aus  Samothrake  nach 
Troas  gekommenen  Dardanos,  Mutter  des  Erieh- 
thonios.  Auch  von  ihr  soll  die  obengenannte 
Stadt  den  Namen  haben.  Kephalon  b.  Steph. 
Byz.  Tzetz.  L.  1306.  Eustatli.  zu  H om.  p.  894, 
30.  Et.  M.  p.  143,  55.  — 3)  Tochter  des  Ma- 
kar  oder  Makareus,  nach  welcher  die  gleich- 
namige Stadt  auf  Lesbos  benannt  war,  Steph.  3 
Byz.  u.  Eustatli.  a.  a.  0.  Serv.  Verg.  Aen.  9, 
264.  [Stoll.] 

Aristaios  ( ’Agißzatog ),  ein  Gott  der  Urbe- 
wohner Griechenlands,  der  gütige  Spender  des 
ländlichen  Segens , der  den  Menschen  durch 
Landbau,  Viehzucht  und  Jagd  zuteil  wird. 
In  seinem  Namen  ist,  wie  in  "Agzsfug  agißz p, 
Zsvg  o XcSßzog,  ein  fromm  ergebenes  Vertrauen 
auf  die  Gottheit  ausgedrückt.  Sein  Kultus, 
wohl  eine  lokale  Gestaltung  des  einfachsten  4 
ländlichen  Heliosdienstes,  erhielt  sich  in  vielen 
Gegenden  mit  dem  Gepräge  der  alten  bildungs- 
losen Zeiten,  während  andre  ähnliche  aus  He- 
lios entsprungene  Lokalgottheiten  in  den  hel- 
lenischen Gesamtuamen  Zeus  und  Apollon  (vgl. 
’Anollcav  voyiog  u.  dygsvg)  aufgegangen  waren 
( Müller , Dorier  1,  283  f.  Welcher,  Gr.  Gotterl. 

1,  487ff).  Diesen  Gottheiten  wird  daher  auch 
Aristaios  ausdrücklich  gleichgestellt  {Bind. 
Pyth.  9,  66.  Schol.  Ap.  Bh.  2,  498.  Serv.  Verg.  5 
G.  1,  14),  obwohl  er  nach  der  späteren  allge- 
meinen Tradition  als  ein  zum  Gotte  erhobener 
Mensch  erscheint.  Nach  der  kyrenaischen,  aus 
der  Ebene  bei  Iolkos  und  am  Pelion  stam- 
menden Sage,  welche  Find.  Pyth.  9,  5 ff.  nach 
den  Eoien  des  Hesiod  (vgl.  Schol.  ad  v.  6)  er- 
zählt wird,  war  Aristaios  der  Sohn  der  Kyrene, 
einer  Tochter  des  Lapithenkönigs  Hypseus,  den 
die  Naiade  Kreiusa,  eine  Tochter  des  Posei- 
don und  der  Gaia  (oder  Phillyra,  der  Tochter  er 
des  Asopos) , dem  Peneios  in  Phthia  gebar 
( Phereh . u.  Akesandros  b.  Schol.  Pind.  Pyth. 

9,  27.  Diod.  4,  69,  1.  u.  81,  1.  Schol.  Ap. 
Bli.  2,  498.  500).  Diese  sah  Apollon  in  den 
Thalgründen  des  Pelion  als  rüstige  Jägerin  im 
Kampfe  mit  einem  Löwen  und  entführte  sie, 
von  Liebe  ergriffen,  auf  einem  goldnen  Wagen 
nach  Libyen  (vgl.  Norm.  Dion.  13,  300ff.). 


Nachdem  sie  hier  den  Aristaios  geborpn  hatte, 
brachte  Hermes  das  Kind  zu  ihrer  Urgrofs- 
mutter  Gaia  und  den  Horen,  die  es  mit  Nek- 
tar und  Ambrosia  aufzogen  und  so  zu  einem 
Gotte  umwandelten,  rzu  einem  Zeus  und  Apol- 
lon , Helfer  seiner  Freunde,  Jäger  und  Be- 
schützer der  Herden,  Agreus  und  Nomios,  auch 
Aristaios  genannt’  (vgl.  Boeckli,  expl.  ad  Pind. 
p.  323  f).  Nach  Ap.  Bh.  2,  500  ff.  liefs  Apol- 
lon, nachdem  er  Kyrene  zu  einer  Nymphe  des 
Berges  Myrtusa  in  Libyen  gemacht  hatte, 
Aristaios  in  der  Höhle  des  Cheiron  aufziehen. 
Als  er  herangewachsen  war,  unterwiesen  ihn 
die  Musen  in  der  Heilkunst  und  Weissagung 
und  machten  ihn  zum  Wächter  ihrer  Herden, 
welche  in  der  Athamantischen  Ebene  von  Phthia, 
am  Othrys  und  an  den  Fluten  des  Apidanos 
weideten.  Nach  Diod.  4,  81,  2f.  wurde  Ari- 
staios von  seinem  Vater  den  Nymphen  über- 
geben und  erlernte  von  ihnen  das  Gerinnen- 
machen der  Milch,  die  Bienenzucht  (vgl.  Just. 
13,  7,  10)  und  Olivenkultur;  und  weil  er  in 
diesen  Künsten  die  Menschen  unterwies,  ge- 
nofs  er  göttliche  Ehre  wie  Dionysos  (vgl.  Paus. 
8,  2,  4)  und  erhielt  (nach  Ap.  Bh.  2,  511  auf 
Anstiften  der  Musen)  von  Ivadmos  dessen  Toch- 
ter Autonoe  zur  Gemahlin,  die  ihm  den  Ak- 
taion  gebar.  (Vgl.  lies.  Theog.  977.  Apoilod. 
3,  4,  2 u.  4.  Paus.  10,  17,  3.  Norm.  Dion. 
5,  214  ff.  u.  288.  Myth.  Vat.  2,  8).  Am  aus- 
führlichsten handelt  über  die  von  Aristaios 
ausgehenden  Segnungen  Norm.  Dion.  5,  229  ff. 
Er  feiert  ihn  als  Erfinder  der  Jagd  mit  allen 
ihren  Hilfsmitteln  (daher  riefen  ihn  nach  Plut. 
Amat.  13  die  Jäger  an,  wenn  sie  Wölfen  und 
Bären  durch  Gruben  und  Netze  nachstellten), 
der  Bienenzucht  (vgl.  Norm.  Dion.  13,  253  ff. 
19,  240ff.,  wo  er  als  Spender  des  Honigs  mit 
Dionysos  vor  den  Göttern  einen  erfolglosen 
Wettkampf  wagt,  Athen.  14,  p.  643b.  Ov. 
Pont.  4,  2,  9),  der  Ölbereitung  (vgl.  Cic.  N. 
D.  3,  18),  der  Weidekunst  und  als  Urheber 
der  kühlenden  Passatwinde.  (Vgl.  Schol.  Pind. 
Pyth.  9,  113.)  Auch  die  künstliche  Behandlung 
der  Wolle  hat  Aristaios  erfunden  und  den  Ar- 
kas  gelehrt,  wenn  Paus.  8,4,  1 die  Lesart  nag’ 
’Agiozalov  (andre  Lesart:  ’Ad'gißzu-,  s.  Adristas) 
richtig  ist.  Auf  seine  Bienenzucht  bezieht  sich 
die  Verg.  G.  4,  317 ff.  erzählte  Sage:  Aristaios, 
der  in  Arkadien  wegen  der  Pflege  des  Acker- 
baus und  der  Viehzucht  in  hohen  Ehren  stand 
(vgl.  vv.  28-3.  326 ff),  hatte  sich  an  der  Dryade 
Eurydike,  der  Gemahlin  des  Orpheus,  vergrei- 
fen wollen;  diese  war  vor  ihm  geflohen  und 
dabei  durch  den  Bifs  einer  giftigen  Schlange 
umgekommen  (vgl.  Myth.  Vatic.  1,  76.  2,  44. 
3,  8,  20).  Im  Zorn  über  den  Tod  ihrer  Schwe- 
ster lassen  nun  die  Nymphen  alle  Bienen  des 
Aristaios  sterben.  Um  sie  zu  besänftigen, 
opfert  er  ihnen  auf  den  Kat  seiner  Mutter, 
welche  er  im  Peneios  aufsucht  (Kyrene  gilt 
hier  wie  Schol.  Ap.  Bh.  2,  500.  Hyg.  f.  161. 
Myth.  Vat.  2 , 44  als  Tochter  des  Peneios), 
und  nach  Befragung  des  Proteus  von  seinen 
auf  dem  Lykaios  weidenden  Rindern  vier  Stiere 
und  vier  Kühe.  Aus  ilirenKadavern  nun  kommen 
neue  Schwärme  von  Bienen  hervor.  Wie  nach 
dieser  Sage,  ist  Aristaios  in  Arkadien  ansässig 


549 


Aristaios 


Aristaios 


550 


auch  nach  Nonn.  Dion.  13,  277  u.  280  (vgl.  Ap. 
Rh.  2,  520f.),  ebenso  nach  Just.  13,  7,  der  neben 
Autuchos  (vgl.  Scliol.  Ap.  Rh.  2,  498)  irrtüm- 
lich noch  Agreus  und  Nomios  Brüder  des 
Aristaios  nennt  und  in  Thessalien  sich  ansie- 
deln läfst.  Nach  Nonn.  Dion.  13,  27511’.  zog 
Aristaios  an  der  Spitze  eines  arkadischen  Hee- 
res mit  Dionysos  gegen  die  Inder  und  stand 
unter  dem  persönlichen  Schutze  des  Apollon 
(24,  83).  Er  heilte  mit  Phoibischer  Kunst  die  i 
verwundeten  Bassariden  (17,  357ff.)  und  be- 
stand einen  Ringkampf  mit  Aiakos  (37,  55411'.). 
Besonders  segensreich  wirkte  Aristaios  auf  der 
parrhasischen  Insel  Keos.  Nach  Ap.  Rh.  2, 

5 16  ff.  begab  er  sich  von  Phthia  (nach  Sali.  b. 
S.  z.  Verg.  G.  1,  14  von  Theben,  und  zwar,  wie 
bei  Diod,  4,  92,  1 u.  Myth.  Vat.  2,  82,  nach  dem 
Tode  seines  Sohnes  Äktaion)  auf  Geheifs  sei- 
nes Vaters  mit  Parrhasiern  dahin,  von  den 
Einwohnern  zu  Hilfe  gerufen , als  infolge  der  2< 
sengenden  Hitze  des  Seirios  eine  Pest  die 
Kykladen  (nach  Diod.  4,  82,  2 ganz  Griechen- 
land) verheerte.  Er  errichtete  dort  dem  Z svg 
’lMfuxios,  dem  Gott  der  Feuchte,  einen  Altar 
und  führte  für  ihn  und  den  Seirios  einen  regel- 
mäfsigen  Opferdienst  auf  den  Bergen  der  In- 
sel ein.  Seitdem  sandte  Zeus  die  Etesien,  die 
jedes  Jahr  40  Tage  lang  die  Luft  abkühlen. 
Auch  soll  Aristaios  die  Bewohner  von  Keos 
gelehrt  haben , nach  dem  Aufgange  des  Sei-  s 
rios  auf  die  Temperatur  des  kommenden  Jah- 
res zu  schliefsen  und  durch  sühnende  Opfer 
(nach  Schol.  Ap.  Rh.  2,  526  durch  Zusammen- 
schlagen von  Waffen,  womit  man  dämonische 
Einflüsse  abzuwenden  suchte,)  die  verderbliche 
Wirkung  des  Gestirns  zu  bannen.  Wegen  die- 
ser Verdienste  wurde  er  auf  Keos  als  Ztvg 
’Aqigzuios  verehrt.  (Schol.  Ap.  Rh.  2,  498.  Nonn. 
Dion.  5,  269 ff.  Iheophr.  de  vent.  14.  Herold. 
Pont.  b.  Cic.  de  äiv.  1,  57.  Hjg.  Astr.  2,  4 4 
Plin.  N.  II.  2,  123.  127.  Varro  Atac.h.  Prob. 
Verg.  G.  1,  14.)  Nach  einer  die  Wirkung  des 
Seirios  noch  weiter  allegorisierenden  Sage  war 
die  Insel  Keos,  früher  Hydrusa  genannt,  von 
guten  Nymphen  bewohnt  (vgl.  Ov.  Her.  20, 
221;  auch  nach  Serv.  Verg.  G.  1,  14  war  Keos 
menschenleer).  Von  ihnen  wurde  Aristaios  er- 
zogen und  in  der  Schaf-  und  Rinderzucht  unter- 
wiesen; von  den  vvgcpca  Bqiocu  lernte  er  die 
Bienenzucht  (nach  Et.  M.  v.  Bqiocu  auch  den  5 
Olivenbau),  welche  er  nach  Schol.  Ap.  Rh. 
a.  a.  0.  selbst,  wie  sein  Bruder  Autuchos  in 
Libyen,  erfand.  Aber  ein  Löwe  (d.  h.  die  ver- 
zehrende Sonnenglut)  vertrieb  die  Nymphen 
(d.  h.  liefs  die  Quellen  versiechen)  nach  Kary- 
stos  auf  Euboia,  bis  Aristaios  in  der  oben  er- 
zählten Weise  Abhilfe  schaffte  (Herald.  Pol.  9. 
Aristot.  b.  Schol.  Thcocr.  5,  53;  vgl.  J1  fand- 
st ed,  voyages  et  rech.  d.  I.  Gr.  1,  30ff  u.  pl.  11, 
über  einen  Löwenkolofs  auf  der  Spitze  eines  c 
Berges  von  Keos).  Von  Keos  ging-  Aristaios 
nach  Pindar  nach  Arkadien  und  wurde  hier 
besonders  wegen  seiner  Verdienste  um  die 
Bienenzucht  als  Zeus  verehrt,  nach  Sallust  zog 
er  mitDaidalos  nach  Sardinien  (Serv.  a.  a.  0.). 
Nach  Diod.  4 , 82 , 4 begab  er  sich  zunächst 
zu  seiner  Mutter  nach  Libyen  (in  Kyrene 
pflanzte  er  nach  Schol.  Arist.  Equ.  894  das 


berühmte  Silphion)  und  dann  erst  nach  Sar- 
dinien, welches  er  durch  Ackerbau  kultivierte 
(vgl.  Arist.  mir.  ausc.  100  u.  Paus.  10,  17,  3, 
der  ihn  aus  Schmerz  über  den  Tod  seines 
Sohnes  dahin  auswandern  läfst);  hier  zeugte 
er  zwei  Söhne,  Charmos  und  Kallikarpos.  So- 
dann läfst  ihn  Diodor  in  Sicilien  segensreich 
wirken,  dessen  Bewohner  ihn  besonders  wegen 
seiner  Olivenkultur  wie  einen  Gott  ehrten, 
und  scliliefslich  nach  Thrakien  gelangen,  wo 
er  an  den  Orgien  des  Dionysos  teilnahm  und 
viel  Nützliches  von  diesem  lernte.  Als  er  sich 
am  Haimos  aufhielt , soll  er  eine  Zeit  lang 
unsichtbar  geworden  sein  und  auch  bei  den 
Barbaren  göttliche  Ehren  erlangt  haben  (Diod. 
4,  82,  5f.).  Durch  diese  Wanderungen,  von 
denen  die  Sage  berichtet,  ist  der  Weg  ange- 
deutet, welchen  der  Aristaioskultus  von  Arka- 
dien, Thessalien  und  Boiotien  aus  genommen 
hat  (vgl.  Müller,  Orcliom.  342.  Dor.  1,  283. 
Welcher,  Gr.  Götterl.  1,  488).  Wie  in  der  Er- 
zählung Dioclors  und  in  der  des  Nonnos  vom 
Bakehoszuge  wird  Aristaios  zu  dem  ihm  in 
mehrfacher  Hinsicht  verwandten  Dionysos  auch 
in  Beziehung  gebracht  durch  die  Angabe,  dafs 
eine  Tochter  desselben  Nysa  (nach  Ap.  Rh.  4, 
1132ff.  Makris  auf  Euboia,  später  auf  Ker- 
kyra)  den  kleinen  Dionysos  wartete  und  Ari- 
staios selbst  ihn  erzog.  (Diod.  3,  70,  7.  Opp. 
Cyneg.  4,  265ff.  Schol.  Arist.  Acharn.  1212. 
Vgl.  Clem.  Alex.  Protr.  2,  p.  24 P.,  wo  der  ar- 
kadische Nomios  als  Sohn  des  Seilenos  gilt.) 
Wegen  dieses  Zusammenhangs  stand  das  Bild 
des  Aristaios  in  Syrakus  im  Tempel  des  Bak- 
chos  (Cic.  Verr.  4,  57,  128.  Die  Worte  cum 
Libero  patre , deren  falsche  Auffassung  die 
Glosse  ut  Graeci  ferunt,  Liberi  filius  veranlafst 
haben  mag,  sind  nicht  auf  Aristaios  zu  be- 
ziehen). Von  Aristaios,  dem  Sohne  der  Ky- 
rene, scheidet  Bakchylid.  b.  Schol.  Ap.  Rh.  2, 
498  den  Sohn  des  Karystos,  den  des  Cheiron 
und  einen  Sohn  der  Gaia  und  des  Uranos. 
Ohne  Zweifel  aber  ist  der  Sohn  des  Karystos 
identisch  mit  dem  zu  den  Nymphen  von  Kary- 
stos in  naher  Beziehung  stehenden  Gotte  von 
Keos;  andrerseits  konnte  dieser  wegen  seiner 
Heilkunde  auch  ein  Sohn  seines  Erziehers  Chei- 
ron oder  Paion  ( Plierehycl . b.  Schol,  Ap.  Rh, 
3,  467,  wo  Hekate  eine  Tochter  des  Aristaios 
heifst ,)  genannt  werden.  Ob  der  Sohn  des 
Uranos  und  der  Gaia  ein  Gigant  war,  wie 
Suid.  v.  ’Aqiotcilos  angiebt,  oder  ob  der  Segeas- 
gott  allegorisch  als  Sohn  des  Himmels  und 
der  Erde  bezeichnet  wird,  steht  nicht  fest. 
Ein  von  Welcher,  gr.  Götterl,  1,  489  beschrie- 
benes Relief  aus  Kyrenaika  zeigt  Aristaios  mit 
einem  Schafbock  auf  dem  Rücken,  ein  Pedum 
in  der  Hand,  von  Schafen  umgeben,  zugleich 
Fische  im  Umkreise.  Auf  den  Münzen  von  Keos 
und  der  Stadt  Karthaia  b.  Bröndsted  a.  a.  0. 
pl.  14  u.  27  sieht  man  den  bärtigen  Kopf  des 
Aristaios  (lies.  Theog.  977  heifst  er  ßcWv/aL 
zrjg)  und  ein  grofses  Gestirn,  entweder  allein 
oder  das  Bild  eines  Hundes  umgebend.  Auch 
die  Weintraube,  Biene  und  Ziege  sind  auf  ihnen 
zu  sehen.  Auf  Sardinien  hat  sich  in  einem 
Grabe  eine  mit  Bienen  an  der  Brust  bedeckte 
Apollinische  Jünglingsgestalt  aus  Erz  gefun- 

18  * 


551 


Aristandros 


Arkas 


552 


den , welche  man  fiir  Aristaios  hält  {Bull, 
arch.  Sardo  1855,  p.  65-  Arch.  Ans.  1857,  30. 
Vgl.  Preller , gr.  Myth.  1,  373  ff.).  S.  auch  G. 
I.  Gr.  6126  B.  [Schirmer.] 

Aristandros  (' Aqlgt<xvSqos ),  einer  der  Teil- 
nehmer an  der  Kalydonischen  Eberjagd:  G.  I. 
Gr.  8185.  [Roscher.] 

Aristodeme  (fAgiaxodfiyr]),  1)  Tochter  des  Pria- 
mos,  Apollod.  3,  12,  5.  — 2)  Eine  Sikyonie- 
rin,  die  nach  dortiger  Sage  von  Asklepios,  der 
ihr  in  Gestalt  eines  Drachen  nahte , den  Ara- 
tos geboren  haben  sollte;  ihr  Bild  mit  dem 
Drachen  hing  in  dem  Tempel  des  Asklepios 
zu  Sikyon,  Paus.  2,  10,  3.  4,  15,  5 ( ’Aqigto - 
Öäficc).  [Stoll.] 

Aristodemos  {Agtozodipios) , 1)  Sohn  des 
Plerakles  und  der  Megara  (. Eurip . b.  Schol. 
Pind.  Isthm.  3(4),  104  u.  Boeclch,  expl.  ad  Find. 
p.  509).  S.  Megara.  — 2)  Sohn  des  Aristo- 
machos,  eines  Urenkels  von  Herakles,  Gemahl 
der  Argeia,  der  Tochter  des  Autesion,  Vater 
des  Eurysthenes  und  Prokies  ( Apollod . 2,  8,  2. 
Paus.  2,  18,  7.  3,  1,  5.  4,  3,  4).  Nach  der 
gewöhnlichen,  von  den  Epikern  recipierten  Sage 
(vgl.  Müller,  Bor.  1,  52),  welcher  Apd.  a.  a.  0. 
folgt , wurde  Aristodemos  in  Naupaktos  vom 
Blitze  erschlagen,  als  Temenos  im  Begriff  war, 
mit  Heer  und  Flotte  der  Dorier  zur  Eroberung  des 
Peloponnes  aufzubrechen.  Paus.  3,  1,  6 refe- 
riert die  Sage,  er  sei  in  Delphoi  durch  das  Ge- 
schofs  des  Apollon  getötet  worden,  weil  er 
wegen  der  Rückkehr  in  den  Peloponnes  nicht 
sein  Orakel,  sondern  den  ihm  erschienenen  He- 
rakles befragt  habe;  er  hält  es  aber  für  wahr- 
scheinlicher, dafs  er  durch  die  Söhne  des  Pyla- 
des  und  der  Elektra,  Medon  und  Strophios, 
die  Verwandten  des  Tisamenos,  umgekommeu 
sei  (vgl.  Paus.  2,  18,  7).  Nach  der  spartani- 
schen Landestradition  beteiligte  er  sich  an 
der  Eroberung  des  Peloponnes,  und  es  fiel  ihm 
nach  derselben  durch  das  Los  Lakonien  zu; 
hier  herrschte  er  als  König,  und  erst  nach 
seinem  Tode  trat  das  Doppelkönigtum  seiner 
Söhne  ein  ( Hcroä . 4 , 147.  6,  52.  Xen.  Ages. 
8,  7.  Plato  Legg.  3,  p.  692 B.  Plut.  Ages.  19. 
Vgl.  Thule.  5,  16,  3.  Nep.  Ages.  7.  Müller,  Bor. 
1,  91  f.).  [Schirmer.] 

Aristomaclie  {’Agi6Toyci%rf) , 1)  Tochter  des 
Priamos,  Gemahlin  des  Kritolaos,  eines  Soh- 
nes des  Hiketaon,  Slesichoros  in  d.  Nosten,  b. 
Paus.  10,  26,  1.  — 2)  Amazone  auf  einer  Vase 
ans  Cumä:  Fiorelli  Pacc.  Cum.  tav.  8. 

[Klügmann  u.  Stoll.] 

AristomacllOS  {Aqiazoyaxof) , 1)  Sohn  des 
Talaos  und  der  Lysimache , Bruder  des  Adra- 
stos , Vater  des  Hippomedon,  den  übrigens 
andre  zum  Sohne  des  Talaos  machten,  Apol- 
lod. 1,  9,  13.  3,  6,  3;  s.  Hippomedon.  — 2) 
Heraklide,  Sohn  des  Kleodaios  (Kleodamos  Sa- 
tyr os  in  Müller  fr.  hist.  gr.  3,  165,  21),  Enkel 
desHyllos;  er  fiel  in  einer  Schlacht  beim  Ver- 
such eines  Einfalls  in  den  Peloponnes,  Apol- 
lod. 2,  8,  2.  Vater  des  Aristodemos,  Teme- 
nos und  Kresphontes,  welche  den  Peloponnes 
eroberten,  Herodot  6,  52.  Paus.  2,  18,  6.  5, 
3,  5.  5,  4,  1.  8,  5,  4.  10,  38,  5.  Hyg.  f.  124. 
Biod.  7,  16.  Phlegon  u.  Porphyr  los  in  Mül- 
ler fr.  hist.  gr.  3,  p.  603  u.  690.  — 3)  Freier 


der  Hippodameia,  von  Oinomaos  getötet.  Paus. 
6,  21,  7.  [Stoll.] 

Aristonoos  ( ’Agiazovoog ),  ein  Aigyptide,  von 
der  Danaide  Palaino  (?)  getötet,  Hyg.  f.  170. 
Eine  Danaide  Kelaino  kommt  vor  Apollod.  2, 

1,  5.  [Stoll.] 

Ar  kan  ia  {Agnccvlci) , Danaide,  mit  dem  Ai- 
gyptiden  Xanthos  vermählt,  Hyg.  /'.  170.  Der 
Name  ist  korrupt.  Askania?  [Stoll.] 
io  Arktis  ( [’Agyuxg ),  1)  Stammhei'os  der  Arkader, 
Sohn  des  Zeus  und  der  Kallisto  (s.  d.),  der  Jagd- 
genossin der  Artemis  ( Epimenid . b.  Schol.  Vat. 
Eurip.  Blies.  36  macht  ihn  zum  Zwillingsbru- 
der des  Pan).  Nach  dem  Tode  oder  der  Ver- 
wandlung der  Mutter  übergab  Zeus  das  Kind 
der  Maia  zur  Erziehung  unter  dem  Namen  Ar- 
kas {Apd.  3,  8,  2.  Hyg.  f.  224).  Nach  Istros 
b.  St.  B.  v.  AqyuxSloi  hiefs  die  Mutter  Themisto, 
nach  Ariaithos  b.  Hyg.  Astr.  2,  1 Megisto ; nach 
20  Buris  b.  Schol.  Ap.  Rh.  4,  264  war  Orchome- 
nos  der  Vater.  Wie  Hyg.  Astr.  2,  4 erzählt, 
setzte  Lykaon  dem  hei  ihm  einkehrenden  Zeus, 
um  seine  Allwissenheit  zu  prüfen,  mit  ande- 
rem Fleische  auch  das  seines  Enkels  Arkas  vor. 
Aber  der  Gott  stiefs  den  Tisch  um  (an  der 
Stelle,  wo  dies  geschah,  gründete  nach  Hyg. 
f.  176  Arkas  später  die  Stadt  Trapezus) , zer- 
schmetterte mit  seinem  Blitze  das  Haus  und 
verwandelte  Lykaon  in  einen  Wolf,  die  Glie- 
30  der  des  Knaben  aber  setzte  er  wieder  zusam- 
men und  übergab  ihn  einem  Aitoler  zur  Er- 
ziehung Als  Arkas  herangewachsen  war,  traf 
er  auf  der  Jagd  seine  in  eine  Bärin  verwan- 
delte Mutter  und  verfolgte  sie  bis  in  den  Tem- 
pel des  Zeus  Lykaios.  Da  nun  beide  nach 
arkadischem  Gesetze  hätten  getötet  werden 
müssen,  versetzte  sie  Zeus  aus  Mitleid  unter 
die  Gestirne,  den  Arkas  als  Arktophylax,  wel- 
cher der  Bärin  folgt.  Nach  einer  andern  Tra- 
40  dition  {Hyg.  Astr.  2, 1)  wurde  Kallisto,  als  sie 
im  Walde  als  Bärin  umherschweifte,  von  den 
Aitolern  ergriffen  und  mit  ihrem  Sohne  zu 
Lykaon  nach  Arkadien  gebracht.  Hier  drang 
sie,  indem  Arkas  ihr  folgte , des  Gesetzes  un- 
kundig in  den  Tempel  des  Zeus.  Dieser  aber 
errettete  sie  in  der  erwähnten  Weise  von  der 
verdienten  Strafe.  — Ov.  Biet.  2,  496 ff.  Fast. 

2,  183  f.  u.  Myth.  Vat.  2,  58,  wo  die  Verwand- 
lung eintritt,  als  Arkas  sich  anschickt,  auf  die 

50  Bärin  zu  schiefsen,  wird  von  einer  Entweih- 
ung des  Tempels  nichts  erwähnt  (vgl.  Nonn. 
Bion.  13,  295  ff.  Schol.  Arat.  Phaen.  27.  Pseu- 
do-Erat.  Catast.  1.  Schol.  Caes.  Aug.  Arat.  17 
u.  89.  Eyssenh.  Stat.  Silv.  5,  1,  106.  Valer. 
Fl.  Argon.  5,  370).  Nach  Paus.  8,  4,  1 folgte 
Arkas  dem  Nyktimos,  dem  von  Zeus  verschon- 
ten Sohne  des  Lykaon,  in  der  Herrschaft  über 
Pelasgien , das  nach  ihm  Arkadien  genannt 
wurde,  führte  den  von  Triptolemos  erlernten 
oo  Ackerbau,  die  Bereitung  des  Brotes,  die  Webe- 
rei und  andre  auf  Behandlung  der  Wolle  be- 
zügliche Künste  ein,  in  welchen  er  von  Adristas 
(s.  d.)  unterwiesen  worden  war.  Erzeugte  mit 
Leaneira,  der  Tochter  des  Amyklas,  oder  mit 
Meganeira,  der  Tochter  des  Krokon,  oder  (uach 
Eumelos)  mit  der  Nymphe  Chrysopeleia  (s.  d.), 
welche  er  nach  Charon  Lamps.  b.  Tzetz.  Ly- 
Jcophr.  480  [hier  heilst  Arkas  Sohn  des  Zeus 


553 


Arke 


Arktos 


oder  des  Apollon]  auf  der  Jagd  durch  Ablen- 
kung eines  Giefsbaclis  rettete,  den  Elatos  und 
Apkeidas  ( Apd . 3,  9,  1),  nach  anderen  aufser 
diesen  mit  der  Nymphe  Erato  noch  den 
Azan  ( Schol . Eurip . Or.  1G42).  Unter  diese 
3 Söhne  verteilte  er  das  Land.  Ein  Bastard 
von  ihm  liiefs  Autolaos  (Paus.  8,  4,  2).  Lao- 
dameia,  die  Tochter  des  Amyldas,  gebar 
ihm  den  Triphylos  (Paus.  10,  9,  5).  Auch 
Dryops  und  Mainalos  galten  als  Söhne  des  i 
Arkas  ( Anst . b.  Strabo  8,  p.  373.  Iiellan.  b. 

1 Schol.  Ap.  Rh.  1,  769)  Sein  Grabmal  war 
ursprünglich  auf  dem  unwirtlichen  Mainalos 
da,  wo  sich  der  aus  dem  Innern  Arkadiens 

I kommende  Weg  in  der  Richtung  nach  Manti- 
neia,  Pallantion  und  Tegea  spaltete;  später 
ruhten  die  Überreste  des  gemeinsamen  Stamm- 
königs in  Mantineia  neben  dem  Altäre  der 
Hera,  nachdem  das  Orakel  befohlen  hatte,  dem 
Heros  da,  wo  Dreiweg,  Vierweg  und  Fünfweg  2 

Isicli  träfen , einen  heiligen  Bezirk  und  eine 
Opferstätte  einzurichten  (Paus.  8,  9,  3f.  36,  8. 
Ourtius,  Pelop.  1,  238.  315).  Die  Statuen  der 

iKallisto , des  Arkas  und  seiner  Nachkommen 
standen  in  Delphoi  als  Weihgeschenke  der 
Tegeaten  (Paus.  10,  9,  5).  Eine  Münze  von 
Pheneos  zeigt  Hermes , wie  er  seiner  Pflege- 
rin Maia  den  kleinen  Arkas  zuträgt  (Müller- 


Demeter,  Hermes  u.  Arkas,  Münze  v.  Pheneos  (nach 
Friedländer- Sollet,  Münze.  Berl.-  Taf.  2,  153). 


Wieseler  1,  T.  41  n.  179).  S.  Arkturos.  — 2) 
Beiname  des  Hermes  wegen  seiner  Geburt  auf 
dem  arkadischen  Kyllene  (Lucan.  9,  661.  Mart. 

9,  34,  6.  Myth.  Vat.  3,  9,  8.  Marc.  Cap.  1, 

7 , 24.  6,  705)  und  des  Pan,  des  arkadischen 
Berggeistes  (Simonid.  Epigr.  Anth.  Plan.  232). 

— 3)  Ein  Hund  des  Aktaion  bei  Iiyg.  /'.  181 
(Schm,  verwirft  den  Namen  nach  Ov.  Met.  3, 
210).  [Schirmer.]  50 

Ai’ke  ("Aqi ig),  Tochter  des  Thaumas,  Schwes- 
ter der  Iris.  Im  Titanenkampfe  stand  sie  auf 
Seiten  der  Titanen  und  wurde  deshalb  nach- 
her von  dem  siegreichen  Zeus  in  den  Tartaros 
verstofsen  und  ihrer  Flügel  beraubt,  welche 
er  der  Thetis  bei  ihrer  Vermählung  mit  Pe- 
leus  schenkte.  Thetis  aber  schenkte  die  Flü- 
gel dem  Achilleus  bei  seiner  Geburt.  Ein  spät 
erfundenes  Märchen  zur  Erklärung  des  Bei- 
worts des  Achilleus  7tod'ctg-nr}s.  Ptolcm.  Heph.  go 
6 b.  Phot.  Bibi.  153,  15  und  dazu  Roulez- 
Welclcer  im  Rhein.  Mus.  6 (1839)  S.  583  Anm. 

10.  [Stoll.] 

Arkeisios  (’Agueicuog,  auch  ’Agntatog),  Vater 
! des  Laertes,  Grofsvater  des  Odysseus,  Od.  16, 
118.  24,  270.  14,  182.  Apollod.  1,  9,  16.  Hyg. 

/'.  173.  Er  war  Sohn  des  Zeus  und  der  Eu- 
| ryodeia  (Euryodia),  Gemahl  der  Chalkomedusa, 


554 

der  Mutter  des  Laertes,  Schol.  u.  Eustath. 
(p.  1786,  34)  zu  Od.  16,  118.  Ov.  Met.  13,  144. 
Andre  nennen  ihn  einen  Sohn  des  Kephalos 
aus  dem  attischen  Thorikos,  der  mit  Amphi  - 
tryon  gegen  die  Teleboer  gezogen  war  und 
die  Herrschaft  über  das  nach  ihm  benannte 
Kephallenia  und  die  Kephallenen  erhalten 
hatte,  und  der  Prokris,  Hyg.  f.  189  a.  E.,  oder 
einen  Sohn  des  Killeus  oder  Keleos , der 
ein  Sohn  des  Kephalos  war,  Schol.  u.  Eustath. 
zu  II.  2,  631.  Oder  Kephalos  zeugte  ihn  mit 
einer  Bärin.  Als  Kephalos  nämlich  auf  den 
kephallenischen  Inseln  wohnte,  fragte  er  den 
Gott  in  Delphi,  wie  er  zu  Kindern  kommen 
könnte,  und  erhielt  die  Weisung,  er  solle  sich 
mit  dem  ersten  weiblichen  Wesen,  das  ihm 
begegne,  vermählen  ; in  die  Heimat  gekommen, 
stiefs  er  auf  eine  Bärin,  und  diese,  von  ihm 
schwanger  geworden,  ward  in  ein  Weib  ver- 
wandelt und  gebar  den  Arkeisios.  Aristot.  in 
d.  Politie  der  Ithakesier  im  Et.  M.  p.  144,  22. 
Heraldeid.  Pont.  38  (Müller  fr.  hist.  gr.  2, 
p.  223).  Eustath.  Hom.  1961,  19  vgl.  1756,  53. 
Das  Märchen  ist  erfunden  wegen  der  Ähnlich- 
keit von  AgKitaiog  u.  ägyzog  = ägy.og.  Sclvwenclc, 
Rheih.  Mus.  6.  S.  527.  [Stoll.] 

Arkeoplion  (’Agnsoqxäv)  s.  Anaxarete. 

Arkesilaos  (’Agxsoilaog),  1)  Führer  der  Böo- 
tier vor  Troja,  von  Hektor  erlegt,  11.  2,  495. 
15,  329.  Qu.  Sm.  8,  304.  Seine  Gebeine  wur- 
den von  Leitos,  einem  andern  Führer  der  Böo- 
tier, nach  Böotien  zurückgebracht,  wo  er  in 
der  Nähe  der  Stadt  Lebadeia  ein  Grabmal 
hatte,  Paus.  9,  39,  2.  Er  war  nach  Schol.  II. 
2,  494  (p.  80  a 40  Reich.)  ein  Sohn  des  Areily- 
kos  und  Bruder  des  Prothoenor,  Prothoenor 
aber  heifst  II.  14,  450  Sohn  des  Are'flykos; 
also  wird  auch  Arkesilaos  bei  Homer  Sohn 
des  Areilykos  sein.  Bei  I)iod.  4,  67  heifst  der 
Vater  des  Arkesilaos  und  Prothoenor  Archily- 
kos.  Bei  Hyg.  f.  97  p.  87  Bunte  ist  Arkesi- 
laos Sohn  des  Lykos  und  der  Theobule.  — 2) 
Sohn  des  Odysseus  und  der  Penelope,  Eustath. 
zu  Hom.  p.  1796,  50.  — 3)  Vater  des  Mela- 
neus,  Grofsvater  des  Eurytos , Pherelcydes  (fr. 
34  Müller  fr.  hist.  gr.  1,  p.  80)  bei  Schol.  Soph. 
Trach.  354.  [Stoll.] 

Arktopliylax  s.  Arkturos. 

Arktos  ("Agnzog),  1)  einer  der  Kentauren  auf 
der  Hochzeit  des  Peirithoos,  Hes.  Scut.  168. 
(Wohl  auch  statt  Anchios  zu  lesen  b.  Apol- 
lod. 2,  5,  4.  Vgl.  oben  Anchios).  — 2)  yAgu- 
zog,  cd  Agnzoi,  der  grofse  und  der  kleine  Bär 
('A.  ysycclrj  u.  fuugd , ursa  maior  u.  minor ), 
zwei  aus  je  7 Sternen  bestehende  Sternbilder 
am  nördlichsten  Horizont , wichtige  Gestirne 
für  die  Schifffahrt,  da  sie  nie  untergehen. 
Beide  Bären  waren  von  Zeus  unter  die  Sterne 
versetzt,  weil  sie,  die  idäischen  Nymphen  He- 
like  und  Kynosura,  ihn  ein  Jahr  lang  in  einer 
Grotte  des  kretischen  Ida  verborgen  und  ge- 
nährt hatten.  Arat.  Phaen.  30.  Hygin.  Poet. 
Astr.  2,2.  — Die  grofse  Bärin  war  schon 
dem  Homer  bekannt  und  heifst  bei  ihm  auch 
der  Wagen  (Hya'ga,  plaustrum,  currus ),  II.  18, 
487ff.  Od.  5,  273.  Sie  gilt  für  die  in  eine 
Bärin  verwandelte  und  unter  die  Sterne  ver- 
setzte Arkaderin  Ivallisto  (s.  cl.) , Tochter  des 


555 


Arkturos 


Arnos 


556 


Lykaon,  von  Zeus  Mutter  des  Arkas;  daher 
ihre  Beinamen:  Lycaouis,  Parrhasis,  Maenalia, 
Tegeaea,  Erymanthis,  Nonacrina,  Kallim.  11. 
in  Jov.  41.  Ovid.  Her.  18,  152.  Trist.  1,  11, 
10.  3,  11,  8.  Fast.  2,  1 67.  192.  Met.  2,  409. 
460.  Auch  heilst  sie  Themisto  und  Megisto, 
Tochter  des  Keteus,  Steph.  B.  v.  Ag-uccg.  Eu- 
stath.  p.  300,  30.  Hygin.  P.  Astr.  2 , 1 , oder 
Helike,  Serv.  Verg.  Georg.  1,  68.  138.  Hygin. 
P.  Astr.  2,  2.  Fab.  177.  Ob  man  aus  Hyg. 
P.  Astr.  folgern  darf,  dafs  Hesiod  schon  die 
Kallisto  am  Himmel  als  Bärin  gekannt  habe, 
ist  fraglich.  Weil  das  Gestirn  nicht  untergeht, 
nicht  in  das  Meer  taucht,  so  erzählte  man, 
die  eifersüchtige  Plera  habe  den  Okeanos  und 
die  Tethys  gebeten,  die  an  den  Himmel  ver- 
setzte Kallisto  nicht  zum  Bade  im  Meere  zu- 
zulassen. Ovid.  Met.  2,  508ff  Fast.  2,  191. 
Hygin.  f.  177.  P.  Astr.  2,  1.  Serv.  V.  Georg. 

1.  246.  Vgl.  Hom.  Od.  5,  275.  Soph.  Tracli. 
130.  Mus.  Her.  et  Leand.  214.  Aus  demsel- 
ben Grunde  nannten  die  Römer  das  stets  im 
Kreise  sich  drehende  Gestirn  Septemtriones, 
die  7 Dreschochsen,  die  auf  der  Tenne  des 
Himmels  stets  im  Kreise  herumgehen.  [Vergl. 
auch  M.  Müller,  Vorl.  üb.  d.  W iss.  d.  Spr .2 

2,  39711'.]  — Die  kleine  Bärin  befindet  sich 
in  der  Nähe  der  grofsen.  Der  äufserste 
Stern  derselben  im  Schwänze,  der  Polarstern, 
heifst  Kynosura,  wie  auch  das  ganze  Gestirn 
genannt  wird;  die  idäische  Nymphe  Kynos- 
ura, Amme  des  Zeus,  war  von  diesem  als 
Bärin  an  den  Himmel  versetzt  Aral.  Phaen. 
36.  Schol.  II.  18,  487.  488.  Hygin.  P.  Astr. 
2,  2.  Das  Gestirn  liiefs  auch  fpotvLv.rj,  und  man 
erzählte  von  einer  Nymphe  Phoinike,  die,  weil 
sie  mit  Zeus  Umgang  gepflogen,  von  Artemis 
in  eine  Bärin  verwandelt,  von  Zeus  aber  unter 
die  Sterne  versetzt  wurde.  Eratosth.  c.  2. 
Hyg.  P.  Astr.  2,  2.  Die  griechischen  Schiffer 
richteten  sich  nach  dem  leicht  kenntlichen 
grofsen,  die  phönikischen  nach  dem  kleinen 
Bären,  auf  dessen  Beobachtung  erst  Thaies 
seine  Landsleute  aufmerksam  gemacht  haben 
soll,  Hyg.  P.  Astr.  2,  2.  Schol.  II.  18,  487. 
Die  Namen  Wagen  und  Septemtriones  sind 
von  dem  grofsen  Bären  auch  auf  den  kleinen 
übertragen  worden ; beide  heifsen  aya^cu, 
currus , plaustra,  Septemtriones,  ursae , ferae. 
— S.  Müller,  Prolegg.  S.  191  ff.  Preller, 
Gr.  Mythol.  1,  385.  Pauly , Realenc.  unter 
Arctus.  [Stoll.] 

Arkturos  ( ’AQY.xovgog ),  später  auch  Arkto- 
phylax (’Agxzocpvla^)  genannt,  der  Bärenhüter, 
ein  Sternbild  in  der  Nähe  des  grofsen  Bären, 
in  der  Gestalt  eines  Mannes  gedacht,  der  mit 
der  ausgestreckten  Hand  die  Bärin  berührt 
( Analcreont . 31,  2 Berglc).  Homer  (Od.  5,  272) 
hat  für  dasselbe  Gestirn  den  Namen  Bootes 
(vgl.  Ovid.  Fast.  3,  405),  der  Ochsentreiber, 
insofern  der  grofse  Bär  als  Wagen  gedacht 
wird,  ln  der  späteren  Zeit  unterschied  mau 
Arktophylax  und  Arkturos  so,  dafs  jener  das 
ganze  Gestirn,  dieser  den  hellsten  Stern,  auf 
dessen  Gürtel,  bezeichnete.  Arat.  Phaen.  94. 
Schol.  Ap.  Rh.  2,  1099.  Suhl.  v.  ”Agnzog.  S. 
Paulys  Realenc.  unter  Arcturus.  Das  Sternbild 
Arkturos  oder  Arktophylax  gilt  für  Arkas,  der 


zugleich  mit  seiner  in  die  Bärin  verwandelten 
Mutter  Kallisto  an  den  Himmel  versetzt  wurde, 
s.  Arkas  und  Kallisto.  Eratosth.  cat.  8.  Serv. 
Verg.  Georg.  1,  68.  Ilygin.  P.  Astr.  2,  1.  4. 
Schol.  Arat.  27.  Ovid.  Met.  2,  496  ff.  Fast.  2, 
187ff.  Oder  es  war  Lykaon,  der  Vater  der 
Kallisto,  Ovid.  Fast.  6,  235.  Als  Ochsentrei- 
ber, Bootes,  gedacht,  ist  er  der  unter  die 
Sterne  versetzte  Attiker  lkarios  (s.  d.),  Hy- 
10  gin.  f.  130.  P.  Astr.  2,  4.  Schol.  II.  22,  29. 
Daher  der  grofse  Wagen  boves  Icarii,  Pro- 
pert.  2,  24,  24.  S.  Preller,  Gr.  Myth.  1, 
385.  [Stoll.] 

Armadas  ('Agynxig),  ägyptischer  Gott:  C.  I. 
Gr.  acld.  4999.  Mehr  bei  Reinisch  in  Pau- 
lys RealencS  1,  1732.  [Roscher.] 

Armenios  (’Agytviog),  einer  der  Argonauten 
(s.  d.),  aus  llhodos  oder  Armenion  in  Thessa- 
lien stammend,  von  dem  Armenien  benannt 
20  sein  soll:  Steph.  Byz.  s.  v.  Aggsvicc  (”Aq ytvog). 
Just.  42,  2f.  [Roscher.] 

Armic[os?]  (Dat.-um ; vgl.  Zeufs,gr.  C.  222 ff), 
vielleicht  ein  britannischer  Gott  auf  der  Inschrift 
eines  kleinen  Altars  zu  Magnae  (Cärvoran);  C.  I. 
L.  7,  744 : DEO  ■ AR  [|  MI(  VMS  (=  Sextus?)  || 
HO  EH  I VS  • ||  V.  S.  L.  AI.  Nach  Hübner  ist 
entweder  = c oder  = l.  [Steuding.] 
Arnaios  (’Agvcdog),  Name  des  Bettlers  bei 
den  Freiern  im  Hause  des  Odysseus,  gewöhn- 
30  lieh  Iros  (Botengänger)  genannt,  Od.  18,  5. 
Vgl.  Iros.  [Stoll.] 


Arnalia,  wohl  celtischer  Beiname  der  Mi- 


nerva auf  einer  Inschrift  aus  Villeium  in  Bur- 
gund; Orelli  1961  und  vollständiger  bei  Alaf- 
fei,  Ant.  Gail.  p.  29:  Mercurio  et  Minerme 
Arnaliae  numinibus  Augustorum  sacrutn  C.  Luc- 
cejus  Alarccllinus  decurio  v.  s.  I.  ( m .)  Es  dürfte 
wohl  derselbe  Stamm  in  dem  Worte  enthalten 
sein , wie  in  dem  Namen  des  Gottes  Arnus 
40  oder  Aevnus.  [Steuding.] 

Arn e('AQvri),  1)  Tochter  des  Aiolos  (s.  d.),  von 
Poseidon  Mutter  des  Boiotos  , nach  welcher 
zwei  Städte  der  äolischen  Böotier  im  thessa- 
lischen  Aolis  (das  spätere  Kieron)  und  in  Böo 
tien,  benannt  waren.  Schol.  II.  2,  494.  507. 
Steph.  Byz.  u.  Et.  AI.  v.  "Agvg  u.  Boumia 
Diod.  4,  67.  Paus.  9,  40,  3.  Schol.  Tliuli.  1, 
12.  Bei  Tzetz.  Lylc.  644  heifst  sie  Amme  des 
Poseidon,  die  diesen  verleugnete  (ä7zggvrjGtxzo), 
50  als  Kronos  ihn  verlangte.  Kopf  der  Arne  mit 
Widderhorn  auf  Münzen  von  Kieron  und  Me- 
tapont,  Ann.  d.  Inst.  19,  222.  Arch.  Ztg.  1853. 
t.  58,  7.  8.  S.  115.  116.  Alüller,  Orchom.  391  f. 
Preller,  Gr.  Myth.  1,  481.  521.  Vgl.  auch  Au 
tolyte.  — ■ 2)  Gemahlin  des  Aison,  Mutter  des 
Iason,  Tzetz.  Lylc.  872.  — 3)  Eine  Frau,  die 
ihr  Vaterland,  die  Insel  Siphnos,  um  Gold  an 
Minos  verriet  und  deshalb  in  eine  Dohle  ver- 
wandelt ward,  die  auch  jetzt  noch  das  Gold 
eo  liebt,  Ovid.  Met.  7,  465.  — 4)  Tochter  des 


Oibalos,  Schwester  des  Tyndareos  und  lkarios, 
Schol.  II.  2,  581.  Übrigens  wird  man  schrei- 


ben müssen  Arene  (s.  d.)  nach  Tzetz.  Lylc.  511. 
Apollod.  3,  10,  3 u Heyne  Obss.  [Stoll.] 

Ai  •neos  ("Aqvso g),  Vater  derMegamede,  welche 
dem  Thespios  50  Töchter  gebar,  Apollod.  2, 
4,  10  (wo  Heyne  ’Agvcciog  schreibt).  [Stoll.] 
Arnos  ('Agvog),  mythischer  Eponymos  von 


Arnus 


558 


557 

Arna  in  Lykien,  welcher  den  Protogonos,  den 
Vater  der  Rhea  ( Orph . h.  6 u.  14,  I),  be- 
kämpft haben  soll  (ßteph.  Byz.  s.  v.  "Aqvu). 
Arnus  s.  Aernus.  [Roscher.] 

Aroeris  (’AQÖriQig/AQwriQig),  ägyptischer  Gott, 
C.  I.  Gr.  471G  e.  4860.  4859.  4697.  add.  4716  d. 
5793.  7045;  vgl.  Beinisch  in  Paulys  Bealenc .2 
1,  1751.  [Roscher.] 

Arpeninus,  eine  celtische  Gottheit  auf  einer 
Inschrift  im  Museum  zu  Toulouse;  Gr. -Uenzen 
5872:  Arpenino  deo  Belcx  Belexconis  f.  v.  s. 

I.  m.  Das  Wort  dürfte  vielleicht  auf  arpa 
dunkel,  zurückgehen,  und  an  einen  Gott  der 
Finsternis  zu  denken  sein.  [Steuding.] 

Arquis  s.  Indigitamenta. 

Ai'rlictos  ('Aggyzog) , 1)  Sohn  des  Priamos, 
Apollod.  3,  12,  5.  — 2)  Genosse  des  Deriades, 
Nonn.  Dion.  26,  250.  265.  [Stoll.] 

Arrlion  ("Aggav,  -tavog),  1)  Orchomenier,  Sohn 
des  Klymenos  Paus.  9,  37,  1,  Bruder  des  Er- 
; ginos,  Stratios,  Pyleus,  Azeus,  (s.  diese).  Vgl. 
O.  Müller,  Orchotn.  129.  — 2)  Arkadier,  Sohn 
des  Erymanthos,  aus  dem  Geschlechte  des  Nyk- 
timos  (s.  d.),  Vater  des  Psophis,  Gründers 
von  Psophis.  Paus.  8,  24,  1.  Nach  Steph. 
Byz.  s.  v.  WaxpCg  heifst  Psophis  Sohn  des 
Lykaon.  [Crusius.] 

Arsaciae  liiatres,  auf  einer  Inschrift  bei 
Orelli  2093:  Matribus  Arsacis  paternis  sive  ma- 
ternis  (vgl.  matronis  Arsacis  bei  Murat.  94), 
sind  nach  Orellis  Vermutung  von  einer  gal- 
lischen Ortschaft  genannt.  [Steuding.] 

Arsalte,  verderbter  Name  einer  Danaide  hei 
Hyg.  f.  170.  [Roscher.] 

Arsinoe  (: ’AgGivoy ),  1)  Tochter  des  Phegeus 
und  Alkmaions  Gemahlin,  s.  Alkmaion.  — 2) 
Amme  des  Orestes,  welche  diesen  den  Händen 
der  Ivlytaimnestra  entrifs  und  zu  Strophios, 
Agamemnons  Schwager,  brachte,  Find.  Pyth. 

II,  18(25).  Vgl.  über  die  verschiedenen  Namen 
dieser  Amme  die  Schol.  zu  d.  St.  u.  daselbst 
Büclch  p.  418,  Anm.  1.  Schol.  Aeschyl.  Choeph. 
733.  — 8)  Tochter  des  Leukippos  und  der 
Philodike,  nach  messenischer  Sage  Mutter  des 
Asklepios-  (s.  d.)  von  Apollon,  Schwester  der 
Hilaeira  und  Plioibe.  Apollod.  3,  10,  3.  Ile- 
siod  b.  Schol.  Find.  Pyth.  3,  14.  Paus.  2,  26, 
6.  4,  3,  2.  4,  31,  5.  9.  Cic.  de  N.  D.  3,  22. 
Lactant.  1,  10.  Preller,  Gr.  Mythol.  1.  S.  427. 
Sie  hatte  in  Sparta  ein  Heiligtum,  Paus.  3, 
12,  7.  Bei  Schol.  II.  4,  195  heifst  sie  Mutter 
des  Machaon  von  Asklepios.  — 4)  Eine  der 
Hyaden,  Hygin.  f.  182.  — 5)  Tochter  des  Mi- 
nyas , Flut.  Quaest.  gr.  38.  S.  Alkithoe.  — 6) 
s.  Anaxarete.  [Stoll.] 

Arsinoos  ( Agaivoog ),  aus  Tenedos,  Vater  der 
von  Achilleus  erbeuteten,  dem  Nestor  als  Skla- 
vin übergebenen  Hekamede,  II.  11,  626.  [Stoll.] 
Arsippe  (’AgGinnrj)  s.  Alkithoe. 

Arsippos  ("Agaimrog)  erzeugte  nach  Cic.  de 
N.  I).  3,  22  mit  Arsinoe  den  dritten  Askle- 
pios. [Stoll.] 

Artakes  (Agzanrig),  einer  der  Dolionen,  im 
Kampfe  mit  den  Argonauten  von  Meleagros 
getötet,  Ap.  EU.  1,  1047.  [Stoll.] 

Artemiche  ( ’Agztyi%r] ),  Tochter  des  Kleinis 
(s.  d.)  und  der  Harpe,  von  Apollon  in  einen 
Vogel  verwandelt,  Anton.  Lib.  20.  [Stoll.] 


Artemis  (Etymol.) 

Artemis  (Agzsfii g,  ido g,  boiotisch  u.  dorisch 
"Agztxyig,  izog,  etruskisch  Artumes  oder  Arte- 
mes,  Bezzenbergers  Beiträge  2,  p.  163,  davon 
der  Monatsname  ’Agzuyiziog  G.  I.  Gr.  3052  ff ), 
der  gemeinsame  Name,  unter  welchem  ver- 
schiedene Gestalten  einer  Naturgottheit  zu- 
sammengefaf st  werden,  die  nach  und  nach  dem 
Lichtgott  Apollon  angenähert  und  zu  seinem 
weiblichen  Gegenbilde  ausgeprägt  wurde,  deren 
ursprüngliche  Bedeutung  aber,  wenn  auch  in 
Lokalkulten  noch  späterhin  vielfach  klar  her- 
vortretend, doch  nicht  leicht  in  einen  Begriff 
zusammengezogen  werden  kann.  Mannigfache 
Beziehungen  der  Göttin  zum  Gedeihen  der 
Fluren  und  der  Tiere , die  sie  nähren , zum 
weiblichen  Geschlechtsleben,  Geburt  und  Tod 
werden  durch  Mythen  und  Kultgebräuche  an- 
gedeutet. Dafs  sie  ältere  Vorstellungen  sind, 
die  Steigerung  der  Artemis  aus  einer  physi- 
schen zu  einer  mehr  ethischen  Macht  einer 
späteren  Zeit  angehört,  ergiebt  sich  auch  aus 
dem  allgemeinen  Entwicklungsgänge  der  hel- 
lenischen Religion,  Erst  dem  Bestreben,  die 
oberen  Gottheiten  in  festen  genealogischen  Zu- 
sammenhang zu  bringen,  entsprang  die  Paralle- 
lisierung der  Artemis  mit  Apollon  , die  Ver- 
bindung beider  mit  Zeus  nnd  Leto , während 
ältere  Traditionen  die  Geschwister  aus  einan- 
der halten , von  einer  V erwandtschaft  nichts 
wissen.  Wie  weit  diese  Traditionen  sich  auf 
eine  einzige,  ihrem  inneren  Wesen  nach  ein- 
heitlich ausgestattete  Gottheit  beziehen,  ist 
nicht  immer  festzustellen;  doch  läfst  sich  ver- 
muten, dafs  der  allgemeine  Namen  Artemis 
auch  auf  wesensverwandte  Gottheiten  übertra- 
gen worden  ist,  wie  ja  allmählich  selbst  dispa- 
rate Kultgestalten,  wie  die  Tauro , Britomar- 
tis,  Hekate , die  ephesische  Göttin  u.  a.  mit 
Artemis  in  Verbindung  gebracht  wurden.  Die 
verschiedenen  Erscheinungen  der  Artemis,  hel- 
lenische und  übertragene  Kulte  für  sich  zu 
betrachten , die  Epochen  der  Entwickelung- 
möglichst  zu  scheiden,  ist  daher  hier  mehr  als 
hei  anderen  Gottheiten  notwendig. 

§ 1.  Etymologieen. 

Dunkel,  wie  die  Grundbedeutung  der  Arte- 
mis , ist  auch  der  Sinn  ihres  Namens.  Nach 
der  gewöhnlichen  Ableitung  von  ugzsyrig,  un- 
verletzt, heil  ( Hom . II.  7,  308.  Od.  13,  43) 
deutet  man  Artemis  entweder  als  die  unver- 
letzte, jungfräuliche.  So  schon  Platon  ( Kra - 
tyl.  p.  406  b,  vgl.  Et.  M.  v.  "Agzsyig) , dann 
Preller,  Griecli.  Mythol.  l2p.  228.  Welcher,  Gr. 
Gott.  1 p.  603.  Oder  man  fafst  Artemis  als  die 
Gesunde,  Heile  ( Vofs , Mythol.  Br.  3,  54,  die 
Fehllose,  Integra),  die  auch  Heil  und  Kraft  ver- 
breitet (O.  Müller,  Dorier  1“  p.  374,  im  Alter- 
tum Strabon  14  p.  635,  dem  Eust.  p.  377,  43. 
1732,  27  folgt,  u.  Kormitos  32  nach  Apollodor). 
Aber  weder  Jungfräulichkeit,  noch  Heilkraft 
ist  ihr  ursprünglich  eigentümlich,  sondern  bei- 
des erst  aus  der  Gleichsetzung  mit  Apollon 
entwickelt.  Noch  ferner  liegen  Erklärungen, 
wie  die  von  Pott,  Etym.  Forsch.  1 p.  101  u. 
Zeitschr.  f.  Völkerpsych.  1882  p.  40  (ccsgözsfug, 
aerem  secans  nach  dem  Vorgänge  von  Macrob. 
Sat.  7,  16^),  von  Welcher  z.  Sclnvenck,  Andeut. 
p.  263f.  (AgiO-syis) , von  Gocbel,  Lexilogus  zu 


559  Artemis  (Deutung) 


Artemis  (Quell-  u.  Flufsgöttin)  560 


Homer  u.  d.  Homeriden  1,  594  (Artemis  von 
Wurzel  argaz-  oder  gut-  — iaculatrix).  DeD 
Zusammenhang  des  Namens  mit  einer  in  per- 
sischen Eigennamen,  wie  Arta-phernes , Arta- 
mes  erhaltenen  Wurzel  (darnach  die  „Grofse 
Göttin“)  vermutet  Ad.  Claus  {de  Dianae  anti- 
quissima  apud  Graecos  natura.  Diss.  Breslau 
1881,  p.  10),  während  G.  Curtius  sich  jeder 
Erklärung  enthalten  hat. 

§ 2.  Deutungsversuche.  io 

Liegt  in  dem  Namen  der  Göttin  kein  siche- 
rer Anhalt  für  die  Bestimmung  des  Grundbe- 
griffs ihres  Wesens,  so  kann  die  Summierung 
der  hervorragendsten  Eigenschaften,  welche 
die  spätere  Zeit  ihr  beilegte , noch  weniger 
über  die  ursprüngliche  Idee  ihres  Kultes  auf- 
klären. Die  Anschauungen  einer  jüngeren 
Epoche  werden  freilich  durch  viele  Züge  der 
sich  fort  entwickelnden,  auch  zu  Neubildun- 
gen neigenden  Legende  verdeutlicht.  Parade-  20 
len,  wie  Artemis-Hekate  und  Eileitliyia,  die 
nicht  der  Urzeit  angehören,  Attribute  wie  die 
Fackel,  die  ihr  neben  Pfeil  und  Bogen  fast 
ständig  beigegeben  wird,  weisen  auf  eine  Mond- 
göttin. Als  solche,  als  nächtliche  Himmels- 
und Lichtgöttin  fafsten  sie  Welcher,  Preller  u. 
Lauer  und  versuchten  mit  dieser  Deutung  auch 
einen  grofsen  Teil  der  Funktionen  der  Arte- 
mis in  Einklang  zu  bringen.  Bosclier  {Studien 
2,  lOOf.)  nimmt  eine  Stufenleiter  mythischer.  30 
Entwickelung  an,  eine  Reihe  von  mehr  oder 
weniger  gleichartigen  Gestaltungen  derselben 
Naturerscheinung,  deren  älteste  die  Mondgöt- 
tin Hera  sei,  während  eine  jüngere  Artemis- 
Hekate  an  ihre  Stelle  trat,  nachdem  Heras 
Wesen  sich  in  den  Begriff  der  Ehegöttin  und 
Gemahlin  des  Zeus  zusammengezogen  hatte. 

0.  Müller  {Hör.  I2,  378)  stellte  die  nymphen- 
artige Natur  der  Göttin  voran  und  unterschied 
zuerst  die  ältere,  hauptsächlich  in  Arkadien  40 
verehrte  Artemis,  welche  nicht  Mondgöttin 
schlechthin  gewesen,  von  einer  jüngeren,  dem 
Apollon  eng  verschwisterten  Artemis.  Nach 
Claus  (a.  a.  0.  p.  22)  wäre  überhaupt  nicht 
ein  Lichtprinzip,  sondern  die  Vorstellung  der 
Nacht  (im  Begriff  mit  der  Erde  identisch)  die 
Grundidee  gewesen,  weil  sie  in  ältesten  Mythen 
mit  Zeus,  dem  Himmelsgott,  in  ein  eheliches 
Verhältnis  gebracht  werde.  Aber  Genealogieen 
entstehen  noch  nicht  im  Anfang  der  Entwicke-  50 
lung  religiöser  Anschauungen,  und  wenn  solche 
Vorstellungen  auch  ursprünglich  gewesen  sein  - 
sollten,  so  ist  damit  noch  nicht  bewiesen,  dafs 
sie  allen  Gestaltungen  der  Göttin  gemeinsam 
sein  mufsten.  Wir  werden  uns  daher  begnü- 
gen zunächst  die  einzelnen  Seiten  im  Wesen 
der  Artemis , welche  mit  einigem  Grund  als 
ursprünglich  angesehen  werden  dürfen,  aufzu- 
zählen, und  dann  die  jüngeren  Züge  für  sich 
betrachten.  60 

§ 3.  Artemis  als  Quell-  und  Flufs- 
göttin. 

1.  In  dreifacher  Weise  scheidet  sich,  von 
fremdartigen,  erst  später  hinzugetretenen  Bil 
duügen  wie  Britomartis  u.  a.  abgesehen , das 
Wesen  der  Artemis.  Sie  ist  einmal  als  Quell- 
und  Flufsgöttin  von  weitverzweigter  Wirksam- 
keit, als  solche  auch  zum  Gedeihen  der  Feld- 


flur und  des  Wildes  in  Bezug  gesetzt,  ferner 
Geburtsgöttin  und  als  Zwillingsschwester  des 
Apollon  endlich  in  den  Gesamtbereich  sei- 
ner Funktionen  als  Teilhaberin  seines  Wesens 
gezogen  worden. 

2.  Nach  ältester  Anschauung,  die  sich  be- 
sonders deutlich  in  arkadischen  Kulten  aus- 
spricht , ist  sie  eine  „Naturgöttin  von  ähn- 
lichem, nur  allgemeinerem  Wesen,  als  die  Nym- 
phen der  Berge,  Flüsse  und  Bäche“.  Besonders 
sind  Seen,  Quellen,  Flüsse  und  sumpfige  Nie- 
derungen zu  ihr  in  nächsten  Bezug  gebracht. 
Daher  sagt  Maximus  Tyrius  38,  8 : Heiligtümer 
der  Artemis  sind  Quellen  der  Gewässer  und 
hohle  Waldtliäler  und  blumige  Auen,  uud  Alh- 
man  {fr.  32  Welcher ) bemerkt,  dafs  die  Göttin 
von  zehntausend  Bergen,  Städten  und  Flüssen 
Namen  trage,  nolvävvfiog  nennt  sie  Kalli- 
machos  Hian.  7,  und  zahlreiche,  von  Orten  ent- 
lehnte Beinamen  beweisen,  wie  eng  verbunden 
sie  mit  der  Gegend,  die  sie  bewohnte,  gedacht 
wurde.  Sie  heifst  Lykoatis  auf  dem  Berge 
Mainaion  Paus.  8,  36,  5,  Stymphalia  hei 

Stymplialos  Paus.  8 , 22 , 5 , vgl.  Eustath. 

11.  2,  p.  228  Bas.  und  für  die  Lage  des  Hei- 
ligtums Bull,  de  corr.  hell.  1883  p.  490, 
Skiaditis  zu  Skiadis  bei  Megalopolis,  Paus. 
8,  35,  5,  Kondyleatis  von  dem  Flecken  Kon- 
dylea  bei  Kaphyae,  Paus.  8,  23,  5,  Der- 
rhiatis,  Paus.  3,  20,  7,  Karyatis  in  Lakonika, 
Paus.  3,  10,  8.  Hesych.  v.  Kctgvcu,  Oinoatis 
bei  Argos,  Saronis  bei  Troizen,  Amarysia,  Ky- 
donias,  Sipylene,  Astyrene  in  Mysien.  Sie 
führt  ferner  Namen  wie  Mysia,  Pergaia,  Phe- 
raia , Aitole , Aiginaia  (so  aber  auch  in 
Sparta  genannt  Paus.  2,  30,  2.  3,  14,  2). 
Nur  hat  man  andere  Fälle  zu  unterscheiden, 
wo  die  Göttin  den  Berghöhen  oder  Orten 
den  Namen  gegeben,  wie  Ivnakalesia,  Isso- 
ria  etc.  Vgl.  die  Stellen  bei  0.  Müller,  Hör. 

12,  377f.  Immer  aber  ist  die  Feuchtigkeit 
in  Wald  und  Flur  das  befruchtende  Ele- 
ment , in  dem  sich  ihr  Wirken  äufsert.  So 
ward  sie  als  Artemis  "Eheia  in  Messenien  und 
Triphylien  verehrt,  Strabo  8,  p.  350.  Hesycli. 
s.  v.,  als  Aipvata  oder  Atpvornc  an  vielen  Orten 
des  Peloponnes,  zu  Sikyon,  Patrae,  Tegea,  Epi- 
dauros  Litnera,  Sparta,  Messene,  besonders  in 
dem  berühmten  Limnaion  an  der  Grenze  La- 
koniens  und  Messeniens,  vgl.  Fränhel,  Arch. 
Ztg.  1876,  p.  28ff.  Flüsse  und  Seen  spielen 
nicht  selten  in  den  heiligen  Legenden  eine 
Rolle,  z.  B.  Paus.  8,  22.  5.  Quellen  finden  sich 
häufig  in  Tempeln  der  Artemis  oder  in  deren 
Nähe,  so  zu  Korinth,  Paus.  2,  3,  5,  zu  Dereion 
und  Marios  in  Lakonika,  Paus.  3,  20.  7 und 
22,  6,  zu  Mothone,  Paus.  4,  35.  6,  in  Aulis, 
Paus.  9,  19.  7 ; so  stand  auch  ein  altberühm- 
tes Heiligtum  der  Göttin  bei  der  Quelle  im 
Kleitorischen  Lusoi,  Paus.  8,  18.  Müller,  Hör. 
I2,  379,  dessen  Name  schon  auf  eine  mehrfach 
hervortretende  Seite  ihres  Wesens  anspielt. 
Sie  wird  Aoucia  an  Orten,  wo  heilsame  Quel- 
len entspringen,  sie  wird  Göttin  der  warmen 
Quellen  {rj  rag  nyyctg  zag  frsgyctg  £%si,  Aristid. 
1 p.  503  Hdf.) , daher  in  Kyzikos  als  Geppoda 
{Aristid.  a.  a.  0.)  und  in  Mitylene  verehrt  als 
Qeppia  euoiKooc,  C.  I.  Gr.  2172f.  2185.  2187. 


1 561  Artemis  (Göttin  d.  Seefahrer) 

2566.  Conze,  Reise  auf  Lesbos  p.  15  ff.  Bull, 
d.  corr.  hell.  1880,  p.  430.  Hermes  7,  407  ft',  u. 
Blelin,  Lesbiaca  p.  117,  in  Baiae  als  Artemis 
Baiiavf],  C.  I.  Gr.  3695  e 2 p.  1135.  Diesen 
Anschauungen  entspricht  es , wenn  Atalante, 
die  durch  Wesensspaltnng  aus  Artemis  sich 
entwickelt  hat,  bei  Kyphanta  selbst  eine 
Quelle  aus  d*em  Felsen  hervorruft,  indem  sie 
auf  der  Jagd  von  Durst  gequält  mit  der  Lanze 
an  das  Gestein  schlägt,  Paus.  3,  24,  2.  Zu 
Troizen  ist  sie  dsanoiva  \lpvq$,  Hurip . Hipp. 
>230  und  anderwärts  als  TTora|ula  mit  Flüssen, 
dem  Kladeos,  Paus.  5,  14,  4 und  besonders 
mit  Alpheios,  dem  grofsen  Hauptstrom  von 
Arkadien  und  Elis , verbunden  gedacht,  von 
dem  sie  den  Namen  ’AXfpeioua,  AXcpeiumu  oder 
AXcpeioöca  führt,  Strab.  8,  343.  Paus.  6,  22,  5. 
IVgl.  Find.  Pyth.  2,  7,  und  über  den  Namen 
i Meineke,  Vinci.  Strab.  p.  105.  Genaueres  oben 
unter  d.  W.  Alpheios.  Zwei  Flüsse  gaben  der 
1 Göttin  auf  Samos  die  Namen  Xqcidc  und  ’lp- 

|3padq  ( Kallim . Dian.  228 , vgl.  Panofka,  Res 
Samiorum  p.  3,  63),  als  a.mnium  domina  feiert 
äie  Horaz  c.  1,  21,  5 und  Catull  34,  12.  ln  die- 
ser Eigenschaft  sind  ihr  auch  die  Fische  hei- 
ig , Diod.  5 , 3.  Müller , Fragm.  hist.  gr.  4, 
130,  39;  mit  schilfdurchflochtenem  Haar,  von 
! fischen  umgeben,  erscheint  der  Kopf  der  Är- 
gernis Potamia  auf  Münzen  von  Syrakus,  Mion- 
iet, Descr.  pl.  67,  3,  5.  Vgl.  Streber,  Münchener 
Denkschriften  Phil. -hist.  CIA , Taf.  2,  1 p.  134. 

§ 4.  tlngewifs  bleibt  es,  ob  die  unterwärts 
ischartig  (in  der  Weise  der  Tritonen)  gebil- 
lete,  geheimnisvolle  Göttin  der  Phigalier,  Eu- 
lynome,  welche  eine  Tochter  des  Okeanos 
ein  sollte,  vom  Volk  mit  Recht  als  eine  Neben- 
orm  der  Artemis  angesehen  werden  konnte 
Paus.  8,  41,  4;  s.  unter  Eurynome).  Eine  ge- 
wisse Verwandtschaft  beider  Gottheiten  mochte 
ber  wenigstens  in  späterer  Zeit  um  so  mehr 
as  Auge  fallen , als  der  Wirkungskreis  der 
rkadischen  Quell-  und  Flufsgöttin  Artemis 
Umählich  auf  Seen  und  Meer  sich  erstreckte, 
in  dieser  Auffassung  wurde  sie  zur  Schutzgöt- 
in  der  Seeleute,  zur  Göttin,  welche  gute  Fahrt 
nd  glückliche  Heimkehr  giebt  und  daher  in 
läfen,  auf  Vorgebirgen  und  an  den  Küsten  viel- 
ich  verehrt  ward.  Daraus  erklären  sich  Beina- 
len,  wie  AijAvecctv  ’Guickottoc,  Aipevoocöiroc, 
iallim.  Dian.  39,  259,  [’GrricKOTroc  in  Elis  Plut. 
u.  Gr.  47  vgl.  aber  § 14,  5],  Nqoccöoc  zu  Paga- 
te  Apoll.  Rh.  1,  570,  Gimopia  in  Rhodos  und 
:Kßarr|pia  zu  Siphnos  Hcsych.  v.  sußarrjQLa,  Ai- 
• evrrtc  in  Lakonika  und  Messenien , Meurs. 
acon.  1,  2 p.  6,  TTapaXia  auf  Kypros  ( Cesnola , 
ijprus  p.  429  No.  37).  Auch  das  Opfer  der 
riechen  in  Aulis  und  die  Tempel  und  Altäre, 
eiche  Agamemnon  ihr  gegründet  haben  sollte, 
3zeugen  diese  Seite  ihres  Wesens,  Paus.  1, 
i,  1 ; 9,  19,  5.  Strab.  14,  p.  639.  Liv.  45,  27*). 
rtemis  mit  dem  Bogen  in  der  einen  Hand, 
Jif  dem  Schiffsvorderteil  sitzend,  sieht  man  auf 

i , „ 

*)  Nicht  auf  Artemis,  sondern  auf  ALcpQOöL'ti]  Alvsiuz 
id  aber  die  Darstellungen  auf  Didrachmen  und  Kup- 
münzen  von  Leukas  in  Akarnanien  ( Hubers  numisrn. 

. i tschr . 1378  Taf.  1,  S.  132  ff.  Denbrn.  d.  all.  K.  2,  16. 

>.  175a)  bezüglich.  Vergl.  Eugen  Oberhummer , Phöni- 
fi  . r in  Akarnanien  p.  58  ff. 


Artemis  (Göttin  d.  Fruchtbarkeit)  562 

Münzen  der  Magnetenstadt  Demetrias , einer 
Gründung  des  Demetrios  Poliorketes  ( Cadal - 
vene  Recueil  pl.  2,  10.  Mionnet  3,  143.  599). 
Ihr  Kultbezug  zu  Poseidon  in  Hermione  und 
Sparta  kann  demnach  nicht  auffallen,  vergb 
Welcher,  Götterl.  2,  398.  In  anderer  Weise 
wird  Apollon  als  ötXcpiviog  mit  falscher  Um- 
deutung des  Namens  zum  Meergott,  was  dann 
bei  der  noch  zu  besprechenden  Gleichsetzung 
io  mit  Artemis  auch  für  diese  den  Beinamen 
AeXqnvia  (in  Athen,  Pollux  8,  119.  C.  I.  Gr. 
442)  zur  Folge  hat. 

§ 5.  Artemis  als  Göttin  vegetativer 
Fruchtbarkeit. 

1.  ln  manchen  Kulten  (in  Karyae,  Letri- 
noi  u.  s.  w.)  teilte  Artemis  die  Verehrung  mit 
den  Nymphen , welche  ihr  auch  nach  der  von 


Artemis  mit  dem  Böcklein.  Statue  in  Villa  Albani,  Rom. 
Nach  Gerhard,  Aut.  Bildw.  Taf.  12.  Ygl.  § 18,  5. 

der  Dichtung,  Hom.  Od.  6,  102  ff.,  und  bilden- 
den Kunst  weiter  ausgeschmückten  Volksvor- 
stellung ständig  Gesellschaft  leisten,  auf  den 
Auen  oder  in  den  Wäldern  mit  ihr  spielen,  in 
den  Quellen  mit  ihr  baden  und  auf  der  Jagd 


563  Artemis  (in  Aitolien) 

ihre  Begleiterinnen  sind.  Schon  darin  prägt 
sich  eine  Anschauung  aus,  -wonach  Artemis  als 
Spenderin  der  nährenden  Feuchtigkeit  auch 
zur  Vegetation  in  Beziehung  tritt,  Nährerin 
der  Triften  wird  und  zugleich  Nährerin  der 
auf  ihnen  lebenden,  durch  sie  erhaltenen  Tiere 
des  Waldes  und  der  Weiden.  Die  Göttin, 
deren  Walten  sich  am  kühlen  Quell,  im  schat- 
tigen Hain  äufsert,  bedarf  nicht  immer  eines 
Tempelkultes;  es  genügt  wohl,  wie  bei  den  10 
Nymphen,  ein  Bild,  das  an  der  Quelle  auf- 
gestellt (so  die  Statue  der  Artemis  Aepecmc 
an  der  Quelle  Anonos , Paus.  3 , 20 , 7 ; das 
Bild  der  Hagna,  welche  mit  Artemis  identisch 
zu  sein  scheint,  in  Andania  ( Lebas-P'oucart  2,  2 
No.  326  a)  oder  in  die  Zweige  eines  heiligen 
Baumes  gesetzt  ist  (Bild  der  Artemis  Keöpea- 
tic  auf  einer  grofsen  Ceder  bei  Orchomenos  in 
Arkadien,  Paus.  8,  13,  2),  vgl.  Artemis  Aaqp- 
vala  in  Hypsos  Paus.  3,  24,  8,  oder  Acupvia  20 
Strab.  8 p.  343 , vgl.  Gott.  gel.  Anz.  1 880, 
p.  32  und  unten  § 14,  2.  So  ist  ein  Kultbild 
der  Artemis  in  kurzem  gegürtetem  ärmellosem 
Doppelchiton  und  hohen  Stiefeln,  auf  einen 
mit  Binden  geschmückten  Baum  gesetzt,  dar- 
gestellt in  dem,  Votivrelief  aus  Thyrea,  jetzt 
im  Zentralmuseum  zu  Athen,  Kelcule,  Theseion 
No.  284.  Exped.  de  Moree  3,  pl.  90,  2.  Ann. 
delV  Inst.  1829 , tav.  C.  Vgl.  auch  Anthol. 
Palat.  6,  268  und  Boetticher,  Baumhuttus  der  30 
Hellenen  p.  99  u.  140  ft.  Fig.  48.  Auf  waldigen 
Bergspitzen  hat  Artemis  häufig  Wohnung  ge- 
nommen, daher  Kopucpcda  genannt  bei  Epidau- 
ros,  Paus  2,  28,  2.  Steph.  Byz.  v.  Koqvcpctiov, 
’OpetTic  in  Thyatira,  Spon,  Miscell.  p.  88.  Po- 
lyb.  32,  25,  11  oder  ’Opela,  ’Opecndc,  ’OpeiXoxp 
etc.,  Welcher,  Gr.  Götterl.  2,  387;  einmal,  bei 
Dyme,  hat  sie  vom  Walde  den  Beinamen  Ne- 
(uiöla,  nemorensis,  Strab.  8,  p.  342,  vgl.  5,  p.  239. 
Kultformen,  wie  die  der  Artemis  Kökkuikoi  (von  40 
vouuog , Fruchtkern,  Fichtenzapfen?),  deren 
Altar  in  Olympia  stand,  Paus.  5,  15,  4,  mögen 
in  diesem  Zusammenhang  vielleicht  ihre  Er- 
klärung finden. 

2.  Noch  deutlicher  tritt  das  Wesen  der 
Artemis  als  einer  die  vegetabilische  Fruchtbar- 
keit befördernden  Göttin  in  den  Sagen  von 
der  Aitolischen  Artemis  hervor.  Wie  diese 
Ernteopfer , Ha Xvaict  II.  9 , 533 , fordert  von 
dem  Segen,  den  sie  dem  Feldbesitzer  gewährt,  so 
so  kann  sie  auch  den  Aitolern  den  das  Ge- 
treide verwüstenden  Eber  senden,  als  Oineus 
ihr  die  gebührenden  Ehren  versagt,  II.  a.  a.  0. 
Apollod.  1,  8,  2.  Anton.  Lib.  2.  Ovid.  Met. 

8,  273,  oder  Mifswaehs  und  Hungersnot  über 
das  Land  verhängen,  was  sie  dem  Volksglau- 
ben nach  in  Brauron  gethan  haben  sollte  ( Schol . 
Aristoph.Lys.Qi5.  Suid.ltQv.zo g).  Dieser  Dop- 
pelnatur der  Göttin,  der  nicht  blofs  segnenden, 
sondern  auch  verderbenden,  entspringen  manche  60 
Kultformen  (§  14,  4).  Aus  letzterer  Eigenschaft 
wird  es  wohl  zu  erklären  sein,  wenn  der  Ar- 
temis AlxuiXri  zu  Naupaktos  ein  Speer  gegeben 
wird,  den  sie  in  der  Hand  schwingt,  Paus.  10, 

38,  6.  Ihr,  als  der  Erntegöttin,  weiht  auch  ein 
gewisser  Leonteus  die  eiserne  Sichel,  die  er 
als  Athlon  erhalten,  Bull,  dell'  Inst.  1873,  p.  143. 
Dafs  Fruchtbarkeit  und  alles  Gedeihen  des 


Artemis  (G.  d.  Wildes  etc.)  564 

Feldes  in  ihrer  Hand  liegt,  ist  ein  Gedanke, 
dem  noch  Kallimachos,  Dian.  125  ft'.,  das  Epi- 
gramm der  Anth.  Palat.  6,  157.  267,  der  Ver- 
fasser des  Hymn.  Orph.  36,  4 (’A.  ctyovooc  va- 
Xovg  vctQnovg  dnb  yaLtjg)  und  Catull.  34,  17 
in  verschiedener  Weise  Ausdruck  geben,  und 
wenn  bei  Suidas  (v.  ßaHsta  vvyr\  und  ßa&v- 
nXovxog)  von  der  ’A.  Aacppla , di£  mit  der  Al- 
zcoXig  identisch  zu  sein  scheint , gesagt  wird, 
sie  sei  glücklich  und  überreich  (svSca'ycov  vui 
ßct&vnXovzog),  wenn  Artemis  ebenso  wie  Kora, 
die  ihr  im  arkadischen  Dienste  nahe  stellt 
(§  8),  TToXußoia  Vielnährende  ( Hesych . v.  no- 
Xvßoict)  lieifst,  so  wird  damit  auch  nur  die 
von  ihr  ausgehende  Segensfülle  angedeutet. 

§ 6.  Artemis  als  Pflegerin  des  Vieh- 
standes und  der  Wildbrut. 


Die  asiatische  Artemis.  Bronzeplatte  aus  Olympia 
( Ausgrab . zu  Olympia  3 Taf.  2,  3). 

1.  Andere  Eigenschaften  wachsen  der  Quell 
und  Flurengöttin,  die  im  Wald  und  aut  dei 
Triften  herrscht,  mit  Notwendigkeit  zu,  dii 
Sorge  für  wilde  und  zahme  Tiere,  die  in  um 
auf  diesen  ernährt  werden,  und  weiter  di< 
Pflege  der  Jagd,  die  im  Kult  ursprünglicl 
wohl  sehr  zurücktretend,  allmählich  vornehmst! 
Thätigkeit  der  Göttin  wird  und  auf  die  Ge 
staltung  ihres  Typus  bestimmenden  Einflui 
hat.  So  wird  sie  zur  nözvicc  d'rjQwv  II.  21 
470.  Unter  ihrem  Schutze  gedeiht  das  ihr  zur 
Opfer  auserwählte  Vieh  besser  als  alles  übrig' 


565 


Artemis  (G.  d.  Wildes  etc.) 


Artemis  (G.  d.  Viehzucht) 


566 


und  Lleibt  frei  von  Seuchen  (zu  Hyampolis 
Paus.  10,  35,  4).  „Sie  hält  in  ihrer  Hut  die 
Brut  reifsender  Löwen  und  die  brustliehenden 
■Jungen  aller  Tiere  des  Gefildes“  sagt  Aeschy- 
los  (Ag.  140),  und  zwar  hegt  und  pflegt  sie 
wilde  wie  zahme  Tiere,  die  ihr  jährlich  in 
grofser  Anzahl  beim  Feste  der  Laphria  in 
Patrai  geopfert  wurden,  Paus.  7,  18,  7.  Käse 
in  Form  eines  Löwen  pflegte  man  der  Artemis 
Limnatis  und  ihren  Nymphen  auf  den  Bergen 
darzubringen,  Alcman  fr.  25  ecl.  Welcher.  So 
konnte  auch  der  orientalische  Typus  einer  mit 
ler  einen  Hand  einen  Löwen , mit  der  anderen 
einen  Panther  haltenden,  beflügelten  Göttin  (ge- 
wöhnlich Anähita  genannt,  vgl. -Ad.  Meyer,  Gesell, 
i.  Alth.  1 § 450.  451.  u.  oben  unter  d.  Worte 
Anaitis)  frühzeitig  auf  Artemis  übertragen  wer- 
den, wie  er  z.  B.  auf  der  Kypseloslade  bereits 
vorkommt,  Paus.  5,  19,  2.  Plbenso  auf  einer 
in  Olympia  gefundenen  Bronzeplatte  (s.  die 
Abbldg.  u.  Ausgrab.  z.  Olympia 
3,  Tfl.  2,  3).  Vgl.  Arch.  Ztg.  1854 
Tf.  61 — 63.  Langbelm , Flügelge- 
stalten  der  ältesten  griech.  Kunst, 

München  1881,  p.  64ff.  Milch- 
höf er , Anfänge  der  griech.  Kunst 
p.86f.  Allerlei  Wild  wurde  häufig 
in  den  Hainen  der  Göttin  gehal- 
ten, und  wenn  reifsende  Tiere 
darunter  waren,  so  hat  der  fromme 
erlaube  gern  hervorgehoben,  dafs 
de  sich  mit  den  zahmen  friedlich 
vertrugen,  wie  zu  Lusoi  in  Ar- 
kadien , wo  Artemis  als  Zähme- 
dn  der  Tiere  ‘Hpepada  hiefs, 

Paus.  8,  18,  3.  Polyb.  4,  18,  10, 
was  erst  die  spätere  Sage  auf  die 
Heilung  der  Töchter  des  Proitos 
bezogen  hat.  Vergl,  Gas.  arch. 

1879,  p.  126.  Auch  im  Hain  der 
Artemis  Aitolis  am  Timavus  im 
Lande  der  Heneter  sollten  wilde 
Tiere  von  selbst  zahm  werden 
and  Hirsche  zu  Wölfen  sich  ge- 
sellen, Strab.  5,  p.  215;  zu  Syra- 
kus aber  pflegte  man  im  Hain 
der  Artemis  bei  festlichen  Umzü- 
gen neben  allerlei  wilden  Tieren 
mch  eine  Löwin  aufzuführen,  Theolcr.  2 , 67. 
Eber  und  Bär  sind  deshalb  in  vielen  Mythen 
(ersterer  besonders  in  ätolischeu,  letzterer  in 
Arkadien  und  Attika)  eng  mit  der  Göttin  ver- 
bunden. KaTrpocpdpoc  heifst  sie  in  Samos  von 
den  Opfern , die  ihr  dargebracht  werden  (JIc- 
sych.  s.  v.),  ’GX-aqpla,  ’EXaipioua  in  Elis  in  der 
Niederung  des  Alpheios  Strab.  8 p.  528;  Paus. 
6,  20,  1;  22,  5;  5,  13,  5.  Ihr  Fest  wird  im 
Frühlingsmonat  ’Elacpiog  gefeiert.  Hermann, 
Gottesdienst.  Alt  er  th. 2 §51,8. 

2.  Aber  sie  ist  auch  Pflegerin  der  Haus- 
tiere, und  alle  Vieh  zucht,  die  auf  freier  Weide 
tattfindet,  steht  unter  ihrer  Obhut.  Dies  gilt 
zunächst  von  Ziegen  und  Böcken  (xvrc|,  kvu- 
'toj,  v-vanmv,  der  Bock  von  gelblicher  Farbe), 
lie  ihr  mit  Vorliebe  geopfert  werden  (in  Brau- 
on,  Samos,  Thessalien  u.  s.)  und  von  denen 
de  in  Lakonika  den  Beinamen  Kvay(ci  Paus. 
i,  18,  3,  in  Kaphyai  KvaKCiXpda  Paus.  8,  23, 


3 und  bei  Tegea  KvciKecmc  Paus.  8 , 53 , 5, 
führt.  Auf  einem  vergoldeten  Silbermedaillon 
aus  Herculaneum,  jetzt  im  pariser  Münzkabi- 
net,  sind  neben  dem  Kopfe  der  durch  die  ge- 
wöhnlichen Attribute  bezeichneten  Göttin  zwei 
Böcke  angebracht  (s.  die  Abbildung).  In  zahl- 
reichen statuarischen  Typen  trägt  sie  ein  Böck- 
lein,  Kälbchen  oder  Kaninchenauf  dem  Arme, 
z.  B.  in  der  Marmorstatue  des  Dresdener  Mu- 
10  seums  Chirac  575  , 1235 , an  welcher  aber 
Kopf  und  rechter  Arm  modern  sind  (s.  die  Ab- 
bildung p.  567,  auch  die  Statue  der  Villa  Albani 
auf  S.  562  und  unten  § 18,  5),  und  noch  in  Bild- 
werken römischer  Zeit  wird  sie  mit  schützen- 
den Flurgottheiten,  wie  Hercules  und  Silvan  (?) 
zusammengestellt  (Relief  des  Louvre  bei  Cla- 
rac , mus.  de  sculpt.  pl.  164,  63).  Sie  ist 
Göttin  des  freien  Feldes,  der  Steppen  im  In- 
nern des  Peloponnes,  zumal  Arkadiens,  wo 
20  noch  jetzt  nur  Ziegenzucht  getrieben  wer- 


Artemis  Knagia.  Silbermedaillon  aus  Herculaneum, 
Welcher,  Alte  Denkm.  2,  Taf.  3,  5. 

den  kann,  daher  cp claygoxig  überhaupt,  //.  Orph. 
35 , 6 , ivSiaygog  Hesych.  s.  v. , aygoux  In- 
schrift aus  Apollonia  in  Illyrien  ( Mitteil . des 
deutsch,  arch.  Inst,  in  Athen  6,  p.  135),  aygav- 
log  Aristoph.  Thesm.  538,  dygorlgcc  (z.  B.  C.  I. 
Gr.  2117.  5173.  Kaibel , Epigr.  873  u.  Müller, 
F.  II.  G.  2,  114,  23),  gleich  den  uygovoyoi 
Nvycpca,  was  nicht  blofs  und  vielleicht  nicht 
60  ursprünglich  von  der  Jagdgöttin  verstanden 
werden  mufs.  Wenigstens  deutet  die  Le- 
gende von  Aigeira  darauf  hin , von  der  Ret- 
tung der  Stadt  durch  die  Ziegen  (alysg), 
deren  schönste  die  Stelle  andeutete,  auf  wel- 
cher der  Artemis  dygotega  zum  Danke  für 
gnädige  Hilfe  von  den  Bewohnern  ein  Tem- 
pel errichtet  wurde  (Paus.  7 , 26 , 2).  Vgl. 
§ 13,  4. 


567 


Artemis  (Tauropolos  etc.) 


Artemis  (Tauropolos  etc.) 


568 


§ 7.  ”A  qt  s [i  l s TavQonöXog,  sgaicc 
u.  s.  w. 

1.  Aber  auch  Stieren  und  Rossen  verleiht 
die  Göttin  Gesundheit  und  Gedeihen.  Dieser 
Glaube  liegt  sehr  wahrscheinlich  einigen  be- 
sonderen Kultformen  der  Artemis  zu  Grunde, 
obgleich  die  Überlieferung  lückenhaft,  auch 
vielfach  entstellt  auf  uns  gekommen  ist.  Es 
ist  einmal  die  TauporröXoc,  ein  Name,  der  auch 
der  Demeter  (in  Böotien  Lebas  604  und  auf 
Münzen  von  Tralles),  der  Athena  (Jlesych.  s.  v. 
Scliol.  Arist.  Lys.  448),  dem  Helios  als  Herden- 
gott gegeben  wird  und  von  Artemis  später  in 
einem  einzelnen  Falle  (Aelian  N.  A.  11,  9) 
auf  den  Letoiden  Apollon  übergeht,  vorzugs- 
weise aber  der  ionischen  Artemis  eigentümlich 


im  Haar  und  den  der  Mondsichel  gleichen- 
den Stierhörnern  an  den  Schultern.  Der  Re- 
vers trägt  die  ganze 


Figur  mit  denselben 
Hörnern,  einem  po- 
losartigen Aufsatz 
und  zwei  Fackeln, 
deren  eine  aufge- 
stützt ist , während 
io  die  andere  zu  Boden 
gekehrt  scheint  ( Sc - 
stini , Medaglie  di 
Fontana  tav.  2,  11. 
Müller  - Wieseler  2, 
16. 173).  Kultorte  der 
Tauropolos  waren 
Samos,  Herod.  3,  48. 


Artemis  Tauropolos. 
Silbcrmünze  von  Makedonien. 


Stepli.  Byz.  TuvQonoXiov , 
die  benachbarte  Insel  Ikaria,  *S 'trab.  14,  639.  Kal- 
limach.  Dian.  187,  von  wo  aus  das  Tauropolion 
io  der  gleichnamigen  lusel  i m persischen  Meerbusen 
gestiftet  worden,  Aelian  a.  a.  0.,  Dionys.  Der. 


m 

leich 


Artemis  Tauropolos.  Münze  von  Amphipolis. 


30 


■10 


60 


Artemis  mit  Nebris  und  Kälbchen.  Statue  des  Dresdner 
Museums  ( Claraa  pl.  575,  1235).  Vgl.  § 6,  2. 


ist.  Die  einfachste  Erklärung  fafst  sie  als  Rin- 
dergöttin (vgl.  ßovnoXog,  cdnolog,  tnnoTiolog), 
und  eine  Silbermünze  von  Makedonien  (Am- 
phipolis) zeigt  sie  dementsprechend  als  Reite-  60 
rin  auf  einem  Stier,  bekleidet  und  mit  zwei 
brennenden  Fackeln  ( Millingen , Sylloge  of  anc. 
uned.  coins  pl.  3,  23.  Friedländer- Sollet,  Ber- 
liner Münzlcabinet  p.  121).  Vergl.  Stephani, 
Compte-rendu,  1866,  p.  102 f.  0.  Jahn,  Ent- 
führung der  Europa  S.  16,  n.  7.  Auf  anderen 
Münzen  sieht  man  die  inschriftlich  als  Tau- 
poTiokoc  bezeugte  Büste  der  Göttin  mit  Kranz 


610,  And  ros , Mitteil.  d.  ath.  Inst.  1,  240  und 
Amphipolis  in  Thessalien,  Diod.  18,  4.  Liv. 
44 , 44.  45 , 30.  Auch  in  der  Nähe  von  Ma- 
gnesia am  Sipylos  G.  I.  Gr.  3137,  und  in  My- 
lasa  in  Karien  C.  I.  Gr.  2699  ist  sie  zu  Hause. 
Sie  assimiliert  sich  in  den  Grenzgebieten  hel- 
lenischer Kultur  asiatischem  Naturdienst,  wie 
in  Komana  in  Kappadokien  ( Meyer  in  Ersch 
u.  Grubers  EncyJcl.  Kappadolden  S.  384).  Doch 
sind  dies  hybride  Bildungen  mit  orgiastisclien 
Kultgebräuchen.  Ganz  anders  die  rein  griechische 
Tauropolos.  Nichts  deutet  in  ihrem  Dienst  auf 
Verwandtschaft  mit  der  blutheischenden  Tau- 
rischen Göttin  (TaupiKp,  Taupw  etc.);  friedlich 
ist  die  Festfeier  auf  Samos,  wo  ihr  Chöre  von 
Jungfrauen  und  Jünglingen  abgehalten  und 
statt  blutiger  Opfer  Sesam  und  Honigkuchen 
dargebracht  wurden.  Nur  weil  die  Tauropolos 
Herrin  der  Stiere  ist  (bemerkt  Welcher,  Griech. 
Götterl.  1 , 593  mit  Recht),  und  nach  dem  an 
Namen  haftenden  Aberglauben  fragt  bei  Sopho- 
kles im  Aias  (172)  diesen  der  Chor,  ob  Tau- 
ropola,  wie  hier  die  Form  ist,  ihn  gegen  die 
Stiere  der  Heerde  angetrieben  habe;  er  denkt 
nicht  an  die  Taurische  wilde,  grausam  fana- 
tische Göttin,  wie  die  neueren  Ausleger  (auch 
0.  Müller,  Dor.  I2,  391)  annehmen.  Aber  schon 
frühzeitig  ist  die  Vermischung  beider  vorberei- 
tet worden.  Euripides  Iph.  T.  1424  nennt  die 
Göttin  von  Brauron  Artemis  Tauropolos,  und 
spätere,  wie  Nikander  bei  Anton.  Lib.  27  wis- 
sen auch  durch  Umänderung  der  Legenden  die 
Verwechselung  zu  rechtfertigen.  Ihr  entspricht 
es,  wenn  in  einem  späten  Grabgemälde  aus 
der  Krim  ( Compte-rendu  1876  p.  219  mit  Ab- 
bildung) neben  Apollon  auf  dem  Greif  eine 
auf  dem  Stier  reitende  Artemis  abgebildet  ist. 

2.  Anderwärts  wird  der  Artemis  die  Obhut 


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569 


Artemis  (Kurotrophos) 


Artemis  (Verh.  zu  Demeter  u.  s.  w.)  570 


der  Pferdezucht  zugeschrieben.  In  Pheneos 
bah  Pausanias  (8,  14,  4)  einen  Tempel  der  ”Ap- 
ireptc  COpimra,  deren  Namen  die  Legende  da- 
j nit  erklärte,  dal’s  Odysseus  das  Heiligtum  er- 
richtet, nachdem  er  hier  die  verlorenen  Pferde 
ivviedergefunden.  Den  eigentlichen  Gedanken 
] les  Kultus  noch  stärker  zu  betonen,  war  neben 
ilem  Tempelbild  eine  Erzstatue  des  Poseidon  Hip- 
nos aufgestellt.  Diese  Artemis  erkannte  Eckhel 
\0.  N.  1,  p.  CV  vgl.  2 p.  147  auf  Münzen  von  io 
’heneos,  deren  Revers  ein  Pferd  zeigt,  und 
1 hnlich  findet  sie  sich  auf  Münzen  von  Pherai, 
ollbekleidet  mit  einer  Fackel  auf  sprmgen- 
em  Rofs,  Müller -Wieseler,  Denlcm.  d.  a.  K.  2, 

6,  173,  als  Artemis  cfiepcua,  deren  Kult  von 
em  thessalischen  Pherai  auch  nach  Athen, 
u'gos  und  Sikyon  übertragen  worden  war, 
lesych.v.  <I>SQaia.  Paus.  2,  10,  6.  23,  5.  Aus 
leichen  Anschauungen  erklärt  sich  vermutlich 
in  Relief  von  Krannon  in  Thessalien  mit  20 
iner  fackeltragenden  Artemis , der  ein  Rofs 
nd  ein  Windhund  zur  Seite  gestellt  sind 
lillingen,  Uned.  mon.  2,  IG.  Mit  dem  Bei- 
ainen  'lmrocöa  belegt  sie  Pind.  Ol.  3,  27  und 
ierbei  nur  an  ein  bedeutungsloses  Attribut, 
n das  Fahren  oder  Reiten  der  Göttin  auf 
ossen  zu  denken,  verbietet  sich  umsomehr, 
is  ihr  gewöhnliches  Gespann  von  Hirschen 
I sbildet  wird,  wie  Denkmäler  in  Menge,  der 
ultgebraucli  von  Patrai,  Paus.  7,  18,  7 u.  a.  30 
weisen.  Gerade  weil  an  letzterem  Orte  am 
este  der  Artemis  Laphria  ein  Hirschgespann 
e Priesterin  als  Stellvertreterin  der  Artemis 
ug,  wird  man  aber  Bedenken  tragen  müssen 
m Münztypus  von  Patrai,  Müller-  Wieseler  2, 

>,  174,  eine  weibliche  Gottheit  auf  einem 
erde  reitend , für  Artemis  in  Anspruch  zu 
Innen,  wogegen  auch  das  bogenförmig  über 
m Haupte  flatternde  Gewandstück  spricht, 
n Motiv,  welches  deutlich  auf  die  Mondgöt-  40 
1 Selene  hinweist.  Vgl.  noch  Welcher , Gr. 
ötterl.  1 p.  590ff.  Müller,  Handb.  § 3G4,  7. 

3.  Fafst  man  die  angegebenen  Eigenschaf- 
n im  weitesten  Sinne , so  konnte  Artemis 

!;ht  blofs  die  Pflege  des  Viehstandes  und  der 
ildbrut,  sondern  auch  die  Fürsorge  für  das 
ugeborene  Menschenkind  anvertraut 
irden.  So  begegnet  uns  bei  Sparta  Artemis 
i KopuOaWa,  als  Göttin,  in  deren  Tempel  die 
iahen  lustriert  werden  (Athen.  4 p.  139).  In  50 
los  bringen  die  Knaben  beim  Eintritt  in  die 
hebie  den  Hyperboreischen  Jungfrauen,  deren 
men  nur  Epitheta  der  Göttin  sind  (§  14,  G), 

•jf  dem  Grabmal  derselben  im  Bezirk  des 
•temision  ein  Erstlingsopfer  ihrer  Haare  dar, 

1 i Mädchen  legen  auf  den  Gräbern  vor  der 
1 chzeit  eine  mit  Haarlocken  umflochtene 
> ndel  nieder , Herod.  4,  34.  Artemis  heifst 
lliborpöcpoc  zu  Korone  in  Messenien,  cpiAopei- 
If  in  Elis,  Kouporpöcpoc,  Paus.  4,  34,  3.  G,  co 
l 6.  Diod.  5,  73  vgl.  H.  Orph.  3G,  8.  Anth. 

4l.  G,  242.  271.  Aber  wenn  auch  die  Keime 
'/■  diesen  Vorstellungen  von  Anfang  an  gege- 
1 1 sein  mochten,  ihre  volle  Ausbildung  haben 
8 wohl  erst  durch  die  Ausgleichung  des  Ar- 
tpisdienstes  mit  der  apollinischen  Religion 
(“alten,  in  welcher  die  KoQV&cdeux  ebenso 
hieutungsvoll  ( Müller , Dor.  1%  p.  339)  wie 


der  Beiname  -/.ovQotQocpog  gewöhnlich  war.  Die 
verschiedenen  Seiten  im  Wesen  der  Göttin  zu- 
sammenfassend sagt  Kallim.Dian.  125:  „wenn 
Artemis  zürnt,  dann  verkommt  das  Vieh  durch 
Hunger,  die  Saaten  durch  Hagel.  Wenn  sie 
gnädig  ist,  gedeihen  vierfüfsige  Tiere  und  Saa- 
ten und  die  Kinder“.  Selbst  von  der  Jagdgöt- 
t-in  Artemis  wird  die  älteste  Zeit  schon  ge- 
wufst  haben  — Feste,  wie  die  weitverbreiteten 
’Elacprjßoha  sind  schwerlich  überall  junge 
Stiftungen  gewesen  — , obgleich  sie  als  solche 
im  Kultus  nie  die.-elbe  Bedeutung  ei  langte,  zu 
welcher  Dichtung  und  bildende  Kunst  diese 
Eigenschaft  der  Göttin  später  entwickelten. 

§ 8.  Verhältnis  zu  Demeter,  Perse- 
phone und  Dionysos. 

Noch  einige  andere  Züge  aufser  den  ange- 
führten scheiden  die  im  Peloponnes  von  alters 
her  hochverehrte  Quell-  und  Tiergöttin  durch- 
aus von  der  Letotocliter  und  Schwester  Apol- 
lons. In  dem  Heiligtum  der  Despoina  nicht 
weit  von  Megalopolis  war  sie  mit  dieser  und 
Demeter  zu  einem  Dreiverein  verbunden,  dem 
noch  die  Göttermutter  hiozugefügt  war.  Ihr 
Bild  von  der  Hand  des  Damophon  zeigte  sie 
mit  dem  Hirschfell  bekleidet,  den  Köcher  auf 
der  Schulter , in  der  einen  Hand  eine  Fackel, 
in  der  anderen  zwei  Schlangen,  einen  Jagd- 
hund zur  Seite.  Zur  Despoina  scheint  sie  in 
nächster  Verwandtschaft  zu  stehen  ; sie  hat 
mit  ihr  denselben  Beinamen  TToXußoia  gemein, 
Hesych.  s.  v.  Der  Hirsch  ist  auch  jener  bei- 
gegeben, Paus.  8,  10,  4.  Die  Einzelheiten  die- 
ses Mysteriendienstes  sind  nicht  weiter  be- 
kannt, aber  auf  gleicher  Anschauung  beruht 
es  wohl,  wenn  Äschylos  Artemis  eine  Tochter 
der  Demeter  nennt,  wie  Herod.  2,  156  berichtet. 
Vgl.  auch  Cie.  de  not.  dcor.  3,  23,  wo  Artemis- 
Tochter  des  Zeus  und  der  Persephone  heifst. 
Eben  wegen  ihres  Verhältnisses  zu  Persephone 
scheint  sie  in  Syrakus  den  Beinamen  ’'A'rre\oc 
zu  führen  (s.  oben  unter  Angelos).  Auch  mit 
Dionysos  berührt  sie  sich  mehrfach;  sie  wird 
häufig  mit  ihm  in  feuchten  Niederungen  ver- 
ehrt, Serv.  ad  Verg.Ecl.  8,  30;  ja  sie  bat  wie 
dieser  phallische  Feste  ( Hesych . v.  Aoyßai), 
vgl.  0.  Müller,  Dor.  T2,  382.  Nicht  als  die 
keusche  Jungfrau  erscheint  sie  hier,  ein  or- 
giastisches  Element  durchdringt  manche  ihrer 
Kultusfeste  und  leicht  begreiflich  ist  es,  dafs 
diese  Züge,  welche  man  ganz  zu  beseitigen 
religiöse  Scheu  trug,  in  einer  spätem,  allein 
die  Letoide  Artemis  kennenden  Epoche  als 
fremd , vom  Orient  her  eingetragen  erklärt 
wurden.  So  spricht  Pausanias  G,  22,  1 von 
einem  Tempel  der  ’A.  Kopödira  in  Elis,  der  an- 
geblich von  den  Begleitern  des  Pelops  erbaut 
worden  sei,  die  dort  ihren  einheimischen  Kor- 
daxtanz  getanzt  hätten.  Bei  dem  Feste  der 
’A.  KopuOalAia  traten  Spafsmacher  mit  hölzer- 
nen Masken  auf  (Hesych,  v.  y.vqlztoC).  Beson- 
ders verrufen  waren  die  lakonischen,  zu  Ehren 
der  Artemis  ausgeführten  Chöre  der  Bryalli- 
chai  und  Kalabides  (Poll.  4,  14,  104.  Eupolis 
bei  Athen.  14,  G19.  Hesych.),  von  denen  nach 
0.  Müller,  Dor.  2,  3341“.  ausführlich  Lobcclc, 
de  myst.  prio.  P.  2,  p.  959  gehandelt  hat.  Alle 
diese  ausgelassenen  und  lasciven  Tanzweisen, 


57 1 Artemis  (G.  d.  Mondes  u.  d.  Geburt) 


Artemis  (Eileitliyia) 


572 


welche  Welcher,  Gr.  Götterl.  2,  392,  (vgl.  aber 
dens.  1,  590)  auf  lydischen  Einflufs  zurückfüh- 
ren möchte , wird  man  richtiger  wohl  mit 
0.  Müller,  Prolegg.  p.  427  der  Urbevölkerung 
des  Landes  zuschreiben,  deren  Kulteigentüm- 
lichkeiten auch  von  den  einwandernden  Do- 
riern nicht  aufgegeben  wurden. 

§ 9.  Artemis  alsGeburts-  und  Mond- 
göttin; ihr  Verhältnis  zu  Hekate  und 
Eileitliyia. 


1.  Eine  der  schwierigsten  Aufgaben  ist  es,  die 
in  nachhomerischer  Zeit  immer  deutlicher  hervor- 
tretenden Beziehungen  der  Artemis  zum  weib- 
lichen Geschlechtsleben  und  andererseits 
die  Mondnatur  der  Göttin  bis  in  ihre  Wurzeln 
zurück  zu  verfolgen.  Diese  beiden  Seiten  ihres 
Wesens  können  leicht  in  inneren  Zusammen- 
hang gebracht  werden,  auch  nach  antiker  An- 
schauung, welche  dem  Mondlicht  einen  grofsen 


reits  vollzogen.  So  nennt  sie  Euripides  (Hipp. 
166):  rav  f vXo^ov  ovqccvluv  to£cov  fisSsovactv 
"Agrspiv,  und  zumal  in  Böotien  findet  der  Kult 
der  J'Apx€|uic  GiXefGuia  seit  dem  4.  Jhrh.  grofse 
Verbreitung  in  Chaironeia  (C.  I.  Gr.  1596.  1597), 
Thespiai  ( P . Decharme,  Inscr.  ined.  de  Beotie 
No.  28  = Mitt.  5 p.  129)  Tanagra  ( Athenaion 
4 p.  294),  Orchomeuos  (Mitt.  7 p.  357),  viel- 
leicht auch  in  Koronea  (Bangabe  Ant.  Hell. 
io  No.  3064  = Keil,  zur  Sylt.  Inscr.  Boeot. 


p.  589).  Ja  die  Eileithyien  (vervielfacht  wie 
die  Moiren,  Hekate,  Eros  u.  s.  w.)  können 
nun  ihrerseits  ’ÄQvsfiiSsg  genannt  werden  (C. 
I.  Gr.  1598  Chaironeia).  Ebenso  giebt  Äschy- 
los  (Agrsfiiv  S’  'Ekutuv  Suppl.  696  vergl. 
frgm.  158  Ddf.),  dem  Euripides  (nai  Au- 
rovg  ’Exdra  Plioen.  110,  vgl.  ib.  176  "Aqts- 
tug  ZJihxvca'a,  dazu  Med.  394 ff.)  folgt,  bereits 
ein  Beispiel  von  der  Identificierung  der  Arte- 


I 


Einflufs  auf  Menstruation  und  Entbindung  zu-  20  mis  mit  Hekate , die  inschriftlich  in  Athen 


schrieb,  Plut. Symp.  3,  10  u.  a.  Koscher,  Iuno 
u.  Hera.  Studien  z.  vergl.  Myth.  d.  Gr.  u. 
Börner  2,  19  ff.  Aber  nicht  unbedenklich  ist 
es  gerade  die  eigentümlichste  Gestaltung  der 
Artemis , die  altarkadische  „an  Quellen  und 
Teichen  wohnende  Naturgöttin , welche  die 
Jungen  des  Wildes  wie  das  Menschenkind 
tränkt  und  erzieht  und  gedeihen  läfst“ , als 
Mondgöttin  aufzufassen  und  letztere  als  nächt- 


(C.  I.  A.  1,  208,  vgl.  Paus.  2,  30,  2),  in  De- 
los (Bull,  de  corr.  hell.  6,  344  u.  s.)  beglau- 
bigt ist  und  von  hier  ausgehend  besonders  in 


ionischen  Staaten  Anklang  gefunden  zu  haben 


scheint.  In  dieser  Auffassung  heifst  Artemis 
aber  auch  Beschützerin  der  Landwege  und  der 
Wanderer  auf  denselben  (ccyviuig  iniov.onoq 
Kallim.  Dian.  38,  svoSi'a  Hesych.  Anthol.  Pal. 
6, 199).  Vgl.  Giirtius,  Gesell,  d.  Wegebaus  b.  d. 


liehe  Tauspenderin  und  mit  dem  Tau  be-  30  Griechen  p.  81.  Sie  wird  als  Tuuccpöpoc,  welehcn 


fruchtende  Naturkraft  zu  erklären  (Preller). 
Zwar  wird  diese  Eigenschaft  des  Mondes  auch 
sonst  hervorgehoben  und  die  Regenarmut  des 
Südens , welcher  auf  die  feuchten  Nieder- 
schläge der  heiteren  Mondnächte  wesentlich 
mit  angewiesen  ist,  läfst  die  Ideenverbindung 
begreiflich  erscheinen  (Koscher  a.  a.  O.  Winer, 
Biblisch.  Bealwörterb . s.  v.  Tau.  v,  Baudissin, 
Studien  zur  semit.  Beligionsgesch.  1,  241.  2, 


Beinamen  Euripides  bald  der  Artemis  Ipli.  T.  21, 
bald  der  Hekate  (Hel.  569.  frg.  83  Ddf.)  giebt. 
verehrt  in  Athen  (C.  I.  A.  2 , 432 , auch  auf 
einer  athenischen  Bleimarke,  Benndorf,  Beitr 
z.  Kenntnis  d.  att.  Theaters  in  Zschft.  f.  oest  j 
Gymn.  22,  S.  618),  wie  in  Messene,  Paus.  4 
31,  8 (Statue  des  Damophön;  vgl.  auch  C.  1 
Gr.  6797),  als  CeXaccpopoc  zu  Phlyai  in  Attik; 
(Paus.  1,  31,  2,  vgl.  Ann.  delV  Inst.  188 


C 

|ta 


151).  Aber  es  ist  nicht  klar,  wieweit  die  auf  40  p 92  n.  1),  als  CeXada  in  dem  gleichnami 


das  Mondlicht  weisenden  Züge  ursprünglich 
sind  (im  arkadischen  Kult  der  nymphenartigen 
Artemis  treten  sie  gerade  am  wenigsten  her- 
vor) und  wieviel  durch  sp^L—A  Anpassung  an 
den  Lichtgott  Apollon , durch  die  frühzeitig 
(aber  nicht  vor  Hesiod)  ein  tretende  Vermi- 
schung der  Artemis  mit  Eileitliyia  und  Hekate 
geneuert  worden  ist.  Dafs  die  eigentliche 
Mondgöttin  Selene  seit  ältester  Zeit  verehrt 


gen  Orte  in  Lakonika  ( Hesych . s.  v.).  Siche 
ist  darnach  der  Synkretismus  von  Artemis  un< 
Selene  schon  im  4.  Jahrh.  dichterisch  vorbe 
reitet  und  nicht  erst  in  alexandrinischer  Zei 
erfolgt,  wie  E.  Maafs,  Ann.  d.  Inst.  188 
p.  92  angenommen  hat. 

3.  Artemis  als  Geburtshelferin  heifst  Xoxl 
oder  Xoxeia  (C.  I.  Gr.  3562.  7032,  Xo%sici  1768 
auch  Ivoi^wvog  (Plut.  Symp.  3,  10.  Schot . Aj 


»s  Jm 


und  erst  in  nachhomerischer  Zeit  hinter  Arte-  50  Bh.  1,  288),  cokvX6%iux  (H.  Orph.  36,  8),  fiu 


mis  zurückgedrängt  worden  ist,  hat  B.  Grofse 
in  seiner  Dissertation  de  Graecorum  dea  Luna 
(Lübeck  1881)  auseinandergesetzt.  Unmöglich 
ist  Welclcers  Annahme,  dafs  der  uralten  Mond- 
göttin  Artemis,  nachdem  sie  in  einer  mittleren 
Epoche  zur  keuschen  Jägerin  geworden,  erst 
nachträglich  wieder  von  Brauron  und  Muny- 
chia  aus  die  Würde  einer  Geburtshelferin  zu- 
rückgewonnen worden  sei. 


yoGTÖHog  Theolcr.  27,  29,  aocoSivci  C.  1.  Gr.  159: 
Vgl.  Welcher,  Kl.  Sehr.  3,  202  ff.  Koscher,  Sh 
dien  2,  50 f.  Die  Frauen  weihen  ihr  für  di 
glückliche  Entbindung  Haarlocken,  Gewandt 
u.  s.  w.,  Anth.  P.  6,  59.  201  f.  271-273,  27’ 
vgl.  9,  46,  die  gelegentlich  auch  zur  Schmücl 
ung  des  Tempelbildes  verwendet  werden.  De 
artige  Bekleidung  der  Tempelstatue,  die  fre 
lieh  auch  sonst  nicht  ungewöhnlich  ist  (vg 


fcE 


2.  Bei  Homer  wird  Hekate  gar  nicht  er-  60  Arch.  Ztg.  1883,  S.  292 ff.),  giebt  Anlafs  zu  eine 


wähnt,  sie  tritt  auch  im  hymn.  Hom.  in  Cer. 
25 , 52  ff.  mit  selbständiger  Genealogie  auf. 
Ebenso  sind  Artemis  und  Eileithyia  noch  ge- 
trennt, und  durch  alle  Zeit  behielt  letztere  an 
vielen  Orten  ihre  eigenen  Tempel  (z.  B.  in 
Athen  Paus.  1,  18,  5,  in  Hermione  ib.  2,  35, 
8).  Zur  Zeit  der  attischen  Tragiker  ist  die 
Vermischung  von  Artemis  und  Eileithyia  be- 


Beinamen  der  Göttin,  dem  der  ’A.  ev  x>tw' 
XtTuivr|  oder  Xixiuvfa , ion.  KiOwve; , den 
Kult  aus  Athen  nach  Milet  (das  Fest  hie 
Nylrfig  Plut.  mul.  virt.  riu-gia.  Polyaen.  8,  3 
übertragen,  aber  auch  in  Syrakus  und  Seges 
nachweisbar  ist  (Athen.  14,  629  e.  Steph.  Bj 
v.  XiTcovy.  Cic.  Verr.  4,  34).  Das  offenbar  ei 
jüngere  Auffassung  wiedergebende  Kultbild 


573  Artemis  (Eileithyia  etc.) 

Segesta  beschreibt  Cicero  a.  a.  0.  mit  den  Wor- 
ten: erat  admodum  amplmn  et  excelsum  signum 
cum  stola  — , sagittac  pendeliant  ab  umero ; si- 
nistra  manu  retincbat  arcum  , dextra  ardentem 
\facem  praeferebat.  Für  Athen  vgl.  Schol.  Kallim. 
\inIov.  77.  in  Dian.  225.  Hesyeh.  v.  KiQavcda. 

4.  Näher  betrachtet  enthält  diese  in  histo- 
i rischer  Zeit  gewöhnliche  Auffassung  der  Ar- 
, temis  als  der  Geburtshelferin  einen  auffälli- 
gen Widerspruch  mit  dem  Wesen  der  Leto- 
tochter  Artemis,  die  vielmehr  das  Vorbild  un- 
befleckter, die  Ehe  scheuender  Jungfräulich- 
keit ist.  Wenn  gleichwohl  die  Verschmelzung 
der  Artemis  mit  Eileithyia,  Selene,  Hekate, 
Bendis  und  anderen  Gottheiten  immer  inniger 
wurde,  so  kann  die  Erklärung  nur  darin  ge- 
funden werden,  dafs  sich  verwandte  Eigen- 
schaften in  einzelnen,  die  älteste  Form  der 
Göttin  bewahrenden  Kulten  erhalten  hatten. 
Man  konnte  sich  erinnern,  dafs  die  arkadische 
Artemis  nicht  ursprünglich  jungfräulich,  son- 
dern als  mütterliche  Gottheit,  ja  in  gewissen 
Mythen  als  Zeus’  Gemahlin  gedacht  wurde, 
, 0.  Müller , Prolcgg.  p.  73  f.  Claus,  de  antiqu. 

Dian,  natura  p.  25.  Besonders  aber  liegt  in 
k einigen  Beinamen  der  Artemis,  die  sich  frühzei- 
zeitig  von  ihr  abgelöst  und  zu  selbständigen 
Wesen  ausgebildet  haben,  eine  Hindeutung  teils 
i auf  die  Geburtshilfe  (’lyi-yivsicc  ?),  teils  auf  die 
lunare  Seite  der  Artemis.  Letzteres  in  dem  Na- 
men Chryse,  die  nach  Müllers  wahrscheinlicher 
Vermutung  nur  eine  andere  Form  ihrer  Schwe- 
ster Iphigeneia  (d.  i.  der  Artemis  selbst)  ist: 
K.  0.  Müller,  Dor.  I2,  387ff.,  und  in  dem  Bei- 
namen AiOoiria,  „das  Brandgesicht“,  den  die 
Brauronische  Artemis  führt,  vielleicht  auch  in 
lern  Namen  der  Artemis  Mouvuxia,  wenn  er 
ils  Movvovv%icc  ( sola  noctu  dominans ) erklärt 
sverden  darf.  Einzelne  Gebräuche  im  Kultus 
. tieser  Göttin , deren  hohes  Alter  durch  ihre 
Sigenart  bezeugt  sein  dürfte  (Statue  derselben 
/on  Dipoinos  u.  Skyllis  § 19),  beziehen  sich 
ruf  eine  solche  Doppelnatur  der  Artemis:  dafs 
ede  Jungfrau  vor  ihrer  Ehe  die  Weihe  der 
iqv.zcia  empfangen  haben  mufste  und  dafs 
nan  der  munychischen  Göttin  am  IG.  Muny- 
:hion,  also  unmittelbar  nach  dem  Vollmond, 
igcpLcpcövTSs  (Iyuchehi  mit  Lichtern  umsteckt) 
ilarbrachte.  Überhaupt  scheint  in  dem  ihr 
sehr  häufig  beigegebenen  Attribut  der  bren- 
lenden  Fackeln  (sie  heilst  davon  dpcpünvQog, 
lopli.  Trach.  214,  vgl.  Oed.  R.  205ff.)  ein  Be- 
’.ug  auf  das  Mondlicht  gegeben  zu  sein,  wenn 
mch  nicht  immer  der  Fackel  gleiche  Bedeu- 
ung  zukommt  (z.  B.  nicht  bei  Demeter).  Vgl. 
mch  11.  F.  Suchier , de  Diana  Brauronia. 
fiss.  Marb.  1847.  Hirschfeld,  Berichte  d.  süchs. 
res.  d.  Wiss.  1878  p.  28. 

§.10.  Artemis  ’l  o o co  g oc,  'II  y s p 6 v g, 
Tyvicc,  2c6z  s lq  a. 

1.  Andere  Beinamen,  welche  teils  noch 
licht  erklärt,  teils  sehr  vieldeutig  oder  all- 
gemeinen Inhalts  sind,  lassen  sich  hier  am 
geeignetsten  anreihen.  Doch  mufs  man  die 
Möglichkeit  im  Auge  behalten,  dafs  einzelne 
on  ihnen  vielleicht  erst  durch  die  apollinische 
Religion  auf  Artemis  übergeleitct  worden  sind. 
Venn  Artemis  in  Sparta  ’lccwpa  oder  -ptu 


Artemis  (G.  d.  Hochzeit)  574 

heifst  ( Baus . 3,  14,  2.  Folyaen.  2,  1,  14.  Kal- 
lim. in  Dian.  172,  Flut.  Ages.  32.  Hesyeh. 
Steph.  Byz ■ s.  v.) , so  könnte  darin  ein  Bezug 
auf  den  Mond  als  Zeitmesser  gegeben  und  Ar- 
temis als  „die  ihre  Zeiten  immer  gleich  ein- 
haltende“ gedacht  sein,  wie  Welcher,  Gricch. 
Götterl.  1,  585  erklärte,  während  Claus  a.  a.  0. 
S.  Gl  sie  als  Berggöttin  fafst.  Aber  Fausa- 
nias  giebt  ausdrücklich  an,  dafs  die  Issoria, 
die  auch  Limnaia  hiefs,  wohl  nicht  Artemis, 
sondern  die  Britomartis  der  Kreter  sei  und 
diese  ist  ursprünglich  vermutlich  eine  selbstän- 
dige Gottheit  gewesen  (s.  Britomartis). 

2.  Dagegen  erkennt  man  leicht,  wie  aus 
der  Geburtsgöttin  auch  eine  Hochzeiterin 
werden  konnte,  als  welche  Artemis  später  mit 
Apollon  ständig  fungiert.  So  z.  B.  auf  Vasen- 
bildern und  Reliefs:  Müller- Wiesel  er , Denlcm. 
d.  alt.  Kunst  1,  11,  42.  2,  17,  182  u.  ö.  Sie 
ist  es , welche  die  Jungfrauen  dem  erwünsch- 
ten Ziel  der  Ehe  entgegenführt,  Anth.  Pal.  G, 
276  f.  280;  ihr  weiht  man  vor  der  Hochzeit 
den  Gürtel  (daher  Artemis  XvGi£avog , Suid. 
Hesyeh.  Schol.  Ap.  Iih.  1,  288),  und  einen  ähn- 
lichen Sinn  hat  es,  wenn  in  Delos  die  Jung- 
frauen vor  der  Hochzeit  eine  Locke  auf  dem 
Grabe  der  Hyperboreerinnen  im  heiligen  Be- 
zirk der  Artemis  niederlegten,  Herod.  4,  34. 
Vielleicht  beziehen  sich  auf  diese  Eigenschaft 
der  Göttin  die  Beinamen  'Hysgovy,  nsi&co  u. 
'Tgvia.  Den  ersteren  teilt  sie  als  Brautführe- 
rin mit  Aphrodite  ( Hesyeh . s.  v.).  Nun  ist 
zwar  in  Milet  die  'HYepövr)  als  Kolonistenfüh- 
rerin, als  Geleiterin  des  Oikisten  Neleus,  Kal- 
lim. in  Dian.  226,  oder  auch  als  die  Führerin 
auf  schwierigen  Gebirgspfaden  ( Preller ) erklärt 
worden.  Aber  derselbe  Name  kehrt  in  Athen, 
wo  sie  im  Ephebeneid  angerufen  wurde,  Poll. 
8,  105,  in  Ambrakia,  Anton.  Lib.  4.  Polyaen. 
8,  52,  in  Tegea  Paus.  8,  47,  4 und  in  Akake- 
sion  Paus.  8,  37,  1 wieder,  und  wird  demnach 
schwerlich  jenen  engeren  Begriff  ursprünglich 
gehabt  hallen.  Im  letzteren  Ort  war  Artemis 
Hegemone  mit  Fackeln  in  einem  Tempel  vor 
dem  Eingang  des  Heiligtums  der  Despoina 
aufgestellt,  wie  Welcher  vermutet  (Alte  Dcnlc- 
rnäler  2,  1G7)  als  Hochzeiterin  mit  Bezug  auf 
die  Verbindung  von  Demeter  und  Poseidon. 
Wie  Aphrodite  mit  Peitho  verbunden,  erhält 
Artemis  den  Beinamen  TTeiOui  in  Argos,  der 
Sage  nach  von  Hypermnestra,  die  das  Heilig- 
tum der  Göttin  nach  ihrer  Vermählung  mit 
Lynkeus  errichtete  Paus.  2,  21,  1.  Auch  die 
Artemis  GimpaHa,  welche  aus  einem  sicilischen 
Relief  (Ann.  delV  Bist.  1849  tav.  H.  C.  I.  Gr. 
add.  5613  b)  bekannt  ist,  wird  eine  der  Aphro- 
dite (als  I7p(5|ig  bezeugt  von  Paus.  1 , 43 , 6) 
vergleichbare  Bildung  sein. 

3.  Am  wenigsten  bestimmten  Charakter 
trägt  Artemis  in  einigen  Kultformen,  welche 
Macht,  Ehrwürdigkeit  und  Ansehen  der  Göt- 
tin ganz  allgemein  zu  verherrlichen  scheinen, 
daher  in  den  Legenden  auch  sehr  verschieden 
erklärt  werden  konnten.  So  deutet  der  Name 
‘Yiuvia,  unter  welchem  sie  in  ganz  Arkadien 
hochverehrt  war  und  besonders  zwischen  Or- 
ehomenos  und  Mantineia  einen  altheiligen  Tem- 
pel und  Feste  hatte  (Paus.  8,  5,  8.  13,  1;  vgl. 


io 

20 

30 

40 

50 

60 


575 


Artemis  (Soteira  ete.) 


Artemis  (b.  Homer) 


576 


Ourtius , Peloponnes  1,  223.  230  und  dens.  in 
Finder  u.  Friedländer,  Beiträge  p.  89),  zunächst 
doch  nur  auf  die  mit  Jungfrauen-Chören  (wie 
sie  die  Ilias  16,  183  erwähnt)  gefeierte  Göt- 
tin und  erinnert  an  das  „vielstimmige  Test“ 
der  Limnatis  auf  dem  Taygetos  in  dem  Frag- 
ment des  Alkman,  an  den  Jungfrauenchor,  den 
die  Lakedaimonier  jährlich  der  Artemis  nach 
Karyai  sandten,  Baus.  4,  16,  5.  3 , 10 , 


Markt  ein  Tempel  geweiht  (Baus.  1,  14,  5. 
C.  I.  Gr.  467),  und  aus  Anlafs  der  Schlacht 
bei  Leuktra,  wie  Urlichs,  Slcopas  p.  77  ff.  ver- 
mutet, ein  Tempelbild  in  Theben  von  der  Hand 
des  Skopas.  Artemis  als  ‘lepeia , die  priester- 
liclie,  wurde  verehrt  zu  Haimonia  in  Arkadien, 
Baus.  8,  44,  2. 

§ 11.  Die  homerische  Artemis, 
ln  der  Epoche,  welche  die  homerischen  tie- 


u.  a.  m.  Ansprechend  hat  Welcher,  Gr.  Gut-  io  sänge  wiederspiegeln,  ist  bereits  ein  gewalti 


terl.  1,  586  auch  die  spartanische  "Aprere  Xe 
Xuxic  unter  Ableitung  des  Namens  von  %slv g 
(Schildkröte,  Laute)  in  diesen  Zusammenhang 
eingereiht.  In  den  Bildwerken  tritt  die  Musik- 
liebe der  Göttin  häufig  hervor,  sobald  sie  mit 
Apollon,  dem  Musengott  vereint  dargestellt 
wird.  Der  arkadischen  Auffassung  scheint  aber 
das  Relief  bei  Staclcelberg , Gräber  d.  Ilell.  Tf. 
56  zu  entsprechen,  wo  sie  mit  Phorminx  und 


ger  Umschwung  in  der  Auffassung  der  Arte- 
mis eingetreteu.  Sie  ist  mit  Apollon  in  engste 
genealogische  Verbindung  gebracht  und  zum 
völligen  Gegenbild  des  Bruders  geworden,  eine 
Gleichsetzung,  die  allmählich  zur  Umformung 
vieler  Mythen  der  Göttin  führt  und  neue  Eigen- 
schaften , Attribute  und  Beinamen  derselben 
hervorruft.  Wie  Apollon  ist  sie  Vorbild  kräf- 
tiger Jugendschöne,  sie  ist  jungfräulich  ( Od . 


Plektron  im  langen Sängergewande  neben  ihrem  20  4,  122.  6,  151.  17,  37.  19,  54),  was  in  der 


Itehkalb  erscheint.  [V on  Furtwängler  oben  S . 459 
irrig  auf  Apollon  bezogen,  dem  aber  das  Reh 
nicht  zukommt.]  Ebenso , die  Leier  in  der 
Hand  und  von  der  Hirschkuh  begleitet,  malte 
sie  Sosias  in  der  vulcenter  Schale  des  Berliner 
Museums , Müller-  Wieseler  1 Tf.  45.  Andere 
Vasenbilder  Elite  ceram.  2 pl.  7.  42.  50.  50A. 
70.  72.  Mon.  dell'  Inst.  1855  tav.  3.  4.  Vgl. 
E.  Braun,  Artemis  Hymnia.  Rom.  1842. 


folgenden  Zeit  (schon  in  den  homerischen  Hym- 
nen) mehr  und  mehr  betont  wird.  Sie  ist  Pfle- 
gerin der  Jugend  (xovQOTQucpog)  und  verleiht 
schlanken  Wuchs  (fiijxog)  den  Mädchen,  Od. 
20,  71;  vgl.  6,  107.  Durch  Chorgesang  wird 
sie  verehrt  und  führt  selbst  den  Reigen,  II. 
16,  183;  vgl.  Hymn.  27,  18.  Wie  Apollon  ist 
sie  mit  dem  Bogen  bewehrt  (xo^ocpÖQog , io- 
Xskiqcc  II.  21,  483.  20,  39,  71;  [eigentümlich 


4.  Wenn  Artemis,  gleich  Zeus,  Poseidon,  30  und  verschiedendeutig  ist  das  Beiwort  %qvo- 


Athena  und  anderen  Olympiern,  den  Namen 
die  Erhalterin,  Retterin,  Cwxeipa,  er- 
hielt, so  war  damit  wohl  nur  ein  Gesamtbe- 
griff für  alle  in  der  altarkadischen  Naturreli- 
gion ihr  beigelegten  Eigenschaften  ausgespro- 
chen. Sie  führt  ihn  zu  Pegai  und  Megara, 
Baus.  1,  44,  7.  40,  2,  zu  Troizen  wie  zu  Pel- 
lene  in  Achaia  Paus.  2,  31,  1.  7,  27,  1,  zu 
Boiai  in  Lakonika  Paus.  3 , 22 , 9 , Megalopo- 


r]l dxttrog  II.  16,  183  u.  ö.,  auch  Hymn.  in  Ven. 
16,  118.  Hymn.  27,  1])  sie  gebraucht  ihn  auch 
als  Waffe  um  die  Frauen  schnell  und  ohne 
Krankheit  zu  töten  (II.  6,428.  19,59.  Od.11,171. 
323  u.  s.),  bisweilen  sanft  (Od.  15,  409.  18, 
201),  doch  auch  im  Zorn  (II.  6,  205),  wie  sie 
die  Niobiden  (II.  24,  606)  und  Orion  (Od.  5, 
123)  durch  den  Tod  straft.  Selbst  die  Heil- 
kraft des  Bruders  ist  bereits  auf  sie  überge- 


lis  Baus.  8,  30,  5,  Phigalia  Baus.  8,  39,  3 und  40  gangen,  II.  5,  447.  Ein  Unterschied  in  der 


erscheint  mit  ihm  auf  Münzen  von  Syrakus, 
wie  sie  auf  Münzen  von  Gela  CcucmoXic  ge- 
nannt wird  Fiorelli,  nummi  aliquot  Sic.  nunc 
primum  ed.  Neap.  1825.  Vgl.  Mitscherlich , 
de  Diana  Sospita.  Gott.  Progr.  Sommer  1821. 
Als  OÖKXeiot  hatte  Artemis  bei  den  Böotiern 
und  Lokrern  in  jedem  Orte  auf  dem  Markte 
einen  Altar,  auf  dem  die  Brautleute  vor  der 
Hochzeit  zu  opfern  pflegten,  Blut.  Ar  ist.  20. 


Auffassung  der  Ilias  und  Odyssee,  in  welcher 
sie  dem  Gegenstand  des  Gedichtes  nach  mil- 
dere Züge  trägt,  ist  kaum  zu  erkennen  (anders 
Glaus,  de  Dianae  antiqu.  nat.  p.  32 ff).  Ihr  ur- 
sprüngliches Wesen  tritt  nur  vereinzelt  her- 
vor. Der  arkadischen  Vorstellung  von  der 
nymphenartigen  Artemis  folgt  die  Schilderung' 
der  Od.  6,  102 ff. : xegnogsvr]  nccngoiOL  nal  w- 
tyg  ehxyoioiv,  wie  die  Göttin  mit  ihren  Ge- 


Auch  in  Korinth  (Fest  Evr-ltia  Xen.  Hell.  4,  50  fährtinnen  im  Waldrevier  des  Taygetos  her- 


4,  2)  ist  sie  nachweisbar,  in  Kerkyra-  (Monat 
Eukleios)  vorauszusetzen.  Die  im  Namen  lie- 
gende Vorstellung  einer  sittlichen,  für  guten 
Ruf  sorgenden  Macht  wird  auch  durch  die 
Verbindung  mit  Eunomia  ausgesprochen,  und 
zwar  im  attischen  Kult,  wo  sie  als  selbständi- 
ges Einzelwesen  erscheint  (ein  Cegsvg  Evnlsi'ug 
•nal  Evvogiccg  C.  I.  Gr.  258.  Ecp.  ccq%.  2686. 

G.  I.  A.  3,  277).  Doch  wurde,  von  einer  die 
spätere  Umdeutung  schützenden  Genealogie  eo 
abgesehen,  wonach  sie  des  Herakles’  Tochter 
sein  sollte,  die  Identificierung  mit  Artemis  all- 
gemein angenommen  (Blutarch  a.  a.  O.);  sie 
ist  inschriftlich  bezeugt  in  Paros  (Le  Bas  1062). 

In  kriegerischen  Zeiten  verführte  der  Name 
bei  der  Eukleia  wie  bei  der  Soteira  zur  Bezie- 
hung auf  kriegerische  Ehre.  Nach  der  Schlacht 
on  Marathon  wurde  ihr  deshalb  zu  Athen  am 


umstreift,  den  Ebern  und  Hirschen  nachstel- 
lend als  weidlustige  Jägerin,  II.  5,  51.  31,  485. 
Einmal , bei  der  Erzählung  von  Oineus’  und 
Meleagros’  Schicksalen,  wird  auch  die  lokale 
Kultform  der  den  Getreidesegen  verleihenden 
ätolischen  Artemis  (§  5,  2)  erwähnt,  welcher 
Oineus  die  Ernteopfer  (ftedvotu)  darzubringen 
unterlassen  hat,  II.  9, 534.  Vgl.  v.  Sybel,  Myth. 
d.  Ilias  p.  267. 

§ 12.  Artemis  die  Letoide,  Geburt 
und  Kämpfe. 

1.  Sobald  die  Gleichsetzung  von  Artemis 
und  Apollon  als  der  Kinder  des  Zeus  und  der 
Leto  (II.  21,  5 04 ff  Hesiod,  Theog.  918.  Ilymn. 
in  Dian.,  in  Ap.  Pyth.  21:  Aiog  AvyuzqQ,  %6qu, 
oft  wie  ein  ehrender  Beiname  II.  9,  536.  Ae- 
scliyl.  Suppl.  144.  Anth.  Bai,  6,  240  u.  ö.)  zur 
Anerkennung  gekommen,  entwickeln  sich  ihre 


| 577  Artemis  (mit  Apoll  u.  Leto)  . , 

Mythen  durchaus  konform.  Artemis  wird  i. 

als  die  Agzan'g , Latonia  ( C . I.  Gr.  1064),  Agzcoa 
■sögg,  Ayzoyarsia  (Soph.  El.  557.  Acscli.  Sept.  c. 
Th.  148).  Sie  ist  die  avzonceGiyvr'izg,  die  öfio- 
zQoepog  ’Anöllavog,  Hymn.  in  Dian.  9,  1.  27,  3, 
oyöanoQog  Soph.  Tr  ach.  212.  Die  gleiche  Liebe, 
welche  die  Geschwister  unter  einander  verbin- 
det, vereint  sie  auch  mit  der  Mutter.  Altehr- 
würdig und  in  vielen  Kulten  verherrlicht  ist 
dieser  Drei  verein  von  Apollon,  Artemis  und  io 
Leto.  Er  wird  ausgesprochen  in  der  Eidfor- 
mel G.  I.  Gr.  1688.  Tansanias  fand  ihn  vor 
in  Sparta  (3,  11,  9),  Mantineia  (Gruppe  des 
Praxiteles  8,  9,  1),  Olympia  (5,  17,  3),  auf  dem 
Berge  Lykone  (Gruppe  des  Polykleitos  2 , 24, 

5),  in  Megara  (von  Praxiteles’  Hand  1,  44,  2), 
in  Tanagra  (9,  22,  1),  Abai  (10,  35,  4),  Kirrha 
(10,  37,  8).  Im  Giebel  des  Äpollontempels  zu 
Delphi  sah  man  Apollon  mit  Mutter  und  Schwe- 
ster von  den  neun  Musen  umgeben,  Werke  20 
des  Praxias,  eines  Schülers  des  Kalamis,  Paus. 

10,  19,  4;  denselben  Gegenstand  wiederholt  in 
römischer  Zeit  Philiskos  von  Rhodos  für  den 
Porticus  der  Octavia  in  Rom,  Plin.  36,  34. 
Hier  ist  Apollon  der  natürliche  Mittelpunkt, 
wie  wohl  in  den  meisten  Kultusgruppen,  deren 
eine  auf  einer  römischen  Erzmünze  von  Kolo- 
phon dargestellt  zu  sein  scheint  ( Streber , Nu- 
rnism.  nonn.  yraeca.  Äbh.  der  Bayr.  Akad.  d. 
Wiss.  1835,  Taf.  3,  10;  vgl.  dazu  Schreiber,  30 
Apollon  Pytlioktonos  p.  71.  Anm.  15),  wo  Ar- 
temis mit  langer  Fackel  und  Köcher,  und  Leto 
mit  Scepter,  beide  stehend,  den  sitzenden  Apoll 
umgeben.  Beliebt  ist  eine  Form  des  Anathems 
für  Apoll  zum  Ausdruck  des  Dankes  für  er- 
rungenen Sieg  im  Kitharöden- Wettkampfe,  die 
der  sogen,  choragischen  Reliefs,  welche  neben 
dem  von  Nike  mit  der  Spende  begrüfsten 
pythischen  Gott  Schwester  und  Mutter  zeigen, 
im  Hintergrund  den  delphischen  Tempel  ( Frie - 40 
derichs,  Bausteine  No.  70—73.  Fröhner , Notice 
du  Louvre  No.  12 — 18).  Auf  Vasenbildern  fin- 
det sich  sehr  häufig  Artemis  vor  Apoll,  ihm 
einschenkend  ( Stephani , Compte-rendu  1878, 
p.  202  ff.  Furtwängler,  Mitt.  d.  deutsch,  arch. 
Inst.  1881  p.  116f.),  beide  auch  neben  einan- 
der in  einem  pompejanischen  Gemälde,  Hel- 
big  , Wandgem.  Campaniens  No.  200.  Gleich 
eng  vereint  sind  sie  auch  in  vielen  Kulten, 
in  Delphi  wie  in  Delos,  in  Sikyon  und  Les-  50 
bos , im  Didymaion , im  lykischen  Dienste 
und  in  dem  von  Metapont , wofür  die  Zeug- 
nisse O.  Müller,  Dor.  I2  p.  372  zusammenge- 
stellt hat. 

2.  Geschwisterlich  an  einander  geknüpft 
sind  von  der  Geburt  an  beider  Schicksale.  Als 
Geburtstag  galt  nach  delischer  Version  für 
Apollon  der  7.  Thargelion  , für  Artemis  der 
sechste  (Inschrift  aus  Ephesos  bei  Wood,  Dis- 
cov.  at  Ephesus,  Gr.  Theat.  No.  1.  Diog.  Laert.  60 
2,  44.  3,  2.  Boeckh,  C.  I.  Gr.  1 p.  255).  Es 
war  die  Zeit  des  Erntefestes  der  Delien,  welche 
den  attischen  Thargelien  parallel  gingen,  wäh- 
rend ursprünglich  wohl  auch  zu  Delos  die  Ge- 
burt beider  Götter  n#it  der  Wiederkehr  des 
Frühlings  zusammenfiel,  wie  in  Delphi,  wo 
Apollon  am  7.  Bysios  geboren  wird  (Schreiber , 
Apollon  Pytlioktonos  p.  47  u.  52).  Einen  Tag 


Artemis  (Drachenkampf) 


578 


früher  kommt  Artemis  zur  Welt  und  kann  als 
Xoxitu,  XvGL^covog  der  Mutter  bei  der  Geburt 
des  Bruders  bereits  behilflich  sein  (Apollod.  1, 
4,  1.  Sen.  Virg.  Ecl.  4,  10.  Aen.  3,  73).  Ihre 
eigene  Geburtsstätte  heifst  nach  dem  Hymn. 
in  Ap.  Del.  15f.  (vgl.  Hymn.  Orph.  34,  5)  Or- 
tygia. Hier  ist  nach  Welcher  Rheneia,  die 
kleine  Nachbarinsel  von  Delos,  gemeint.  Doch 
ist  der  Name  (von  ijQzvig,  Wachtel,  als  Sinn- 
bild des  Frühlings?)  auch  mit  anderen  Lokal- 
sagen  verknüpft;  er  kehrt  überall  wieder,  wo 
man  die  Autorität  eines  alteinheimischen  Ar- 
temiskultes durch  eine  Geburtslegende  beglau- 
bigt hatte.  So  gab  es  als  Geburtsstätten  der 
Artemis  einen  Hain  Namens  Ortygia  bei  Ephe- 
sos ( Tac . Ann.  3,  61.  Ariston  b.  Schol.  Pind. 
Nem.  1,  1.  Strab.  14  p.  639  f.  Nikander  im 
Schol.  Apoll.  Bh.  1,  419),  eine  gleichnamige 
Insel  bei  Syrakus,  eine  Berggegend  Ortygia 
in  Ätolien  ( Nikander  a.  a.  0.).  Ja  die  Göttin 
selbst  . heifst  ’OpTuyia  auf  der  Insel  Euboiaf 
Soph.  Trach.  214;  vgl.  637f.  Ovid.  Met.  1,  694, 
und  ihre  Amme  führt  diesen  Namen  in  Ephe- 
sos (Strab.  a.  a.  0.).  Doch  verdrängte  allmäh- 
lich für  die  Anschauung  der  Dichter  das  Vor- 
recht von  Delos  alle  derartigen  Ansprüche 
anderer  Lokalkulte.  Über  Deutungen  des  Na- 
mens Ortygia  vgl.  Stark,  Mythologische  Paral- 
lelen in  den  Berichten  cl.  Seichs.  Ges.  d.  Wiss. 
1856  p.  62  ff. 

3.  Ihre  erste  That  verrichten  die  Letoiden 
— und  zwar,  wie  die  Sage  hervorhebt,  unmit- 
telbar nach  der  Geburt  — zum  Schutze  der 
geliebten  Mutter.  Vielgefeiert  war  in  Dich- 
tung, Musik  und  bildender  Kunst  besonders 
der  Kampf  mit  dem  Drachen.  Nach  der 
sikyonischen  Ortssage  (Paus.  2,  7,  7)  sind  die 
Geschwister  am  Kampfe  sowohl,  wie  an  Flucht 
und  Sühne  gemeinsam  beteiligt.  In  den  bild- 
lichen Darstellungen  erscheinen  sie  meist  in 
Kindergestalt  auf  den  Armen  der  flüchtenden 
Mutter  (Schreiber,  Apollon  Pytlioktonos  Taf.  l 

u.  2.  S.  67ff.).  Beide  auch  stellen  sich  dem 
ungeschlachten  Tityos  entgegen,  der  sich  an 
Leto  vergreifen  will,  und  erlegen  ihn  mit  ihren 
Pfeilen.  Ortssagen  von  Euboia  bei  Homer  (Od. 
7,  321  ff.  Strab.  9 p.  423),  von  Panopeus  (Mül- 
ler, Orchom. 2 p.  184)  und  von  Tegyra  (Flut. 
Pelop.  16).  Plastisch  in  Delphi  (Paus.  10,  11, 
1),  Amyklai  (Paus.  3,  18,  15),  Kyzikos  (Anth. 
Pal.  1 p.  41  Diibner),  häufig  auf  Vasenbildern 
(z.  B.  Elite  cerain.  2,  55 ff.).  Am  berühmtesten 
aber  war  ihr  Strafamt  den  Niobiden  gegen- 
über, wobei  Apollon  die  Söhne,  die  pfeilfrohe 
Artemis  die  Töchter  der  Niobe  niederstreckt 
(Litteratur  u.  Denkmäler  bei  Stark,  Niobe  und 
die  Niobiden.  Leipzig  1863.  Heydemann  in 
den  Berichten  der  Sachs.  Ges.  d.  Wiss.  1877, 
p.  70 ff.  1883  p.  159  ff.). 

4.  An  der  Seite  ihres  Bruders  kämpfte  sie 
auch  gegen  die  Giganten  und  zwar  hat  sie 
Rhaion  (vulg.  Gration)  zum  Gegner  nach  Apol- 
lodor Bibi.  1,  6.  2.  5;  vgl.  Glaudian.  Gig.  lat. 

v.  40  ff.  Ihre  Mitwirkung  wird  in  den  Vasen- 
bildern mehrfach  deutlich  gemacht  ( Overbeck , 
K.-M.  Zeus  p.  355  u.  373.  Heydemann,  Gigan- 
tomachie  etc.  Sechstes  Haitisches  Winclcelmanns- 
programm  1881).  Auf  einer  schwarzfigurigen 


Koscher,  Lexikon  der  gr.  n.  rüm.  Mythol, 


19 


579  Artemis  (Gigantenkampf  etc.)  Artemis  (als  Letoide)  580 


Amphora  der  kaiserlichen  Sammlung  in  Wien 
{Elite  ceram.  1 pl.  6)  führt  sie  Speer  u.  Bogen, 
ln  Bildern  jüngeren  Stils  wird  sie  bedeutsamer 
charakterisiert:  in  einer  Petersburger  Vase  aus 
Ruvo  (Stephani  No.  523,  abgeb.  Müller- Wiese- 
let' 2,  66,  843)  als  echte  Jägerin  und  Bogen- 
schützin mit  Köcher,  Pfeil  und  Bogen  und  den 
hohen  Jagdstiefeln,  bekleidet  mit  dem  kurzen, 
gegürteten  Chiton.  Ähnlich  ist  die  Auffassung 
im  grofsen  pergameper  Altarfries  (abgeb.  Mit-  io 
chell,  a history  of  anc.  sculpt.  p.  580)  und  in 
dem  von  letzteren  abhängigen  Relief  Mattei 
(Stark,  Gigantomachie  Taf.  No.  1.  Overbeck, 

K.  M.  Atlas  Taf.  5,  2 a u.  p.  381 A.).  In  bei- 
den plastischen  Bildwerken  ist,  wie  sonst  der 
Adler  bei  Zeus,  die  Schlange  bei  Athena,  der 
Hund  als  Mitstreiter  an  ihrer  Seite.  Noch 
prächtiger  hat  sie  der  Maler  der  schönen  Am- 
phora aus  Milo  im  Louvre  ( Mon . grecs  1875, 
Wiener  Vorlegeblcitter  8,  7)  ausgestattet.  Neben  20 
dem  Bruder  kämpfend  und  wie  dieser  mit  dem 
* Lorbeerkranz  geschmückt,  in  reich  verziertem 
Chiton  und  flatternder  Chlamys,  führt  sie  aufser 
V;  dem  Bogen  noch  zwei  Packeln.  Nur  mit  den 
Fackeln  kämpft  sie  in  der  vulcenter  Kylix  der 
Sammlung  Luynes  (Gerhard,  Trinksch.  Tf.  A.  B), 
und  zwar  gegen  den  bereits  gestürzten  Aigaion, 
Artemis  in  mädchenhafter  Haartracht,  mit  lan- 
gem , dorischem  Chiton,  den  Köcher  auf  dem 
Rücken.  Die  übrigen  Darstellungen  sind  weni-  30 
ger  sicher,  zweifelhaft  die  Metopenreliefs  in 
Selinunt  (Benndorf,  Met.  von  Sei.  Taf.  5)  und 
vom  Parthenon  (Metope  12  vgl.  Michaelis, 
Barth,  p.  147.).  Vergl.  noch  Koepp , de  Gi- 
gantomachiae  in  poeseos  artisque  monumen. 
Bonn.  1883. 

5.  Anderen  Frevlern  tritt  Artemis  allein  entge- 
gen. Nach  naxischer  Version  war  sie  es,  welche 
die  unbändigen  Aloiden  (s.  cl.)  tötete  (Bind. 
Bytli.  4,  88),  was  Apollodor  und  die  Scholien  40 
dahin  erweitern,  dafs  Artemis,  in  eine  Hindin 
verwandelt,  zwischen  ihnen  hindurchlief,  sodafs 
sie  beide  zugleich  die  Speere  werfend  sich  ge- 
genseitig vernichteten.  Auf  dem  Berge  Pho- 
loe  in  Arkadien  sollte  Artemis  den  Bupha- 
g 0 s , der  sich  böser  Dinge  gegen  sie  vermessen, 
mit  ihren  Pfeilen  erlegt  haben  (Baus.  8 , 27, 
17).  — Erst  aus  alexandrinischer  Zeit  kennen 
wir  die  Erzählung  vom  Tod  des  kühnen  Jägers 
Orion  durch  die  Hand  der  Artemis,  wofür  SO 
der  Grund  sehr  verschieden  angegeben  wird. 
Orion  habe  gegen  die  Göttin  mit  seiner  Stärke 
und  Jagdkunde  geprahlt  oder  sich  gegen  sie 
unziemlich  vergangen  oder  auch  die  von  Ar- 
temis geliebte  Jungfrau  Upis,  welche  von  den 
Hyperboreern  Ähren  brachte  (Ovnig  agaXlocpo- 
qog),  auf  Ortygia  (gemeint  ist  die  Insel  Delos) 
mit  wilder  Begierde  angetastet  und  sei  des- 
halb von  ihr  getötet  worden  ( Eupliorion  bei 
Schol.  Od.  5, 120.  Apoll.  1,  4,  3).  Vgl.  0.  Mül- so 
ler,  kleine  deutsche  Schriften  2,  131,  dazu  Wel- 
cher, Griech.  Götterl.  1 p.  689. 

§ 13.  Epitheta  der  Letotochter. 

1.  Während  der  altarkadischen  Nymphen- 
I göttin , wie  besonders  der  Hintergrund  des 
I Mythus  von  Kallisto  zeigt  (Müller , Brolegg. 

| p.  73 ff.),  manche  mehr  zu  einer  mütterlichen 
Jf  Gottheit  passenden  Züge  eigen  waren,  ist  die 


Letoide  Artemis  ihrem  ganzen  Wesen  nach 
zumGegenbild  des  Apollon  geworden.  Die 
„lichte  Reinheit  und  Klarheit  seines  Wesens“, 
die  in  dem  alten  Beinamen  (Poißog  ’AnöXXcov 
ausgesprochen,  als  ayvozyg  in  kathartischen 
Kulten  oft  betont  und  zumal  in  den  Legenden 
vom  Drachenkampf,  von  Bufse  und  Sühnung 
des  Gottes  eindringlich  gelehrt  wurde,  wirft 
ihren  Schein  nun  auch  auf  die  Schwester  und 
verleiht  ihr  jene  jungfräuliche  Herbigkeit  und 
Spröde,  die  in  den  Mythen  von  Aktaion  und 
in  der  Umbildung  des  Kallistomythus  zum  Aus- 
druck kommt.  Auch  äufserlich  sind  beide 
einander  angenähert.  Der  jugendlich  schönen, 
schlanken  Gestalt  des  Lichtgottes  (Hymn.  in 
Apoll.  Bytli.  271)  entspricht  diejenige  der 
Schwester.  Ihrem  hohen  Wuchs  wird  schon 
bei  Homer  die  Schönheit  von  Frauen  und  Mäd- 
chen, wie  Nausikaa,  Helene,  Penelope  ver- 
glichen, vor  allem  aber  ihre  J u n g f r äu  1 i c h k e i t 
unzähligemale  gepriesen.  Als  ayvy  (Od.  18, 
202.  20,  71.  Aesch.  Ag.  135.  Suppl.  144.  Si- 
monid.  Epigr.  110  Bergk.  G.  I.  Gr.  1051)  gleicht 
sie  dem  uyvog  ’AnoXXcav.  Als  die  naQ&tvog 
adygg  (Od.  6,  109),  ctilv  dSggza  (Soph.  El. 
1239),  als  7tc<Qdivog  oddoü]  (Hymn.  in  Dian. 
27,  2),  sv7tceg&ei’og  ( Anth . Bai.  6,  287)  trotzt 
sie  der  Macht  der  ihr  verhafsten  Liebesgöttin 
(Eurip.  Hipp.  1301)  und  schützt  die  Keusch- 
heit reiner  Jünglinge  und  Mädchen  (Aeschyl. 
Suppl.  144;  vgl.  Theokr.  Id.  27,  15).  Wie  ihr 
selbst  Männerliebe  fremd  ist,  fordert  sie  jung- 
fräuliche Reinheit  ebenso  von  den  Nymphen, 
ihren  Genossinnen,  wie  von  den  Priesterinnen 
ihrer  Tempel  und  bestraft  unerbittlich  jeden 
Fehltritt  derselben  (Kallisto  u.  Baus.  7,  19,  2. 
8,  13,  1).  Kopip,  die  Magdliche  (wie  Athena 
in  Kleitor  genannt  wurde),  heifst  sie  bei  Ar- 
gos,  und  hier,  wo  Proitos  ihre  Macht  an  sei- 
nen Töchtern  erfahren,  sollte  er  ihr  den  Tem- 
pel erbaut  haben  ( Hcsych . v.  orngov%si.  Kal- 
lim.  in  Dian.  233). 

2.  Einen  eigentümlichen  Zusatz  giebt  zu  die- 
ser Herbigkeit  ihres  Wesens  eine  Eigenschaft, 
die  schon  in  den  ältesten  arkadischen  und  atti- 
schen Formen  ihres  Kultes  ausgezeichnet  ge- 
wesen sein  mufs.  Der  späteren  Auffassung 
nach  ist  zwar  Artemis  Feindin  und  Richterin 
über  die  das  Gebot  der  Keuschheit  übertretende 
Nymphe  Kallisto.  Ursprünglich  aber  waren  — 
nach  O.  Müllers  überzeugender  Auseinander- 
setzung in  den  Brolegg.  p.  73  ff.  — Nymphe  und 
Göttin  identisch,  Artemis  selbst  war  Kallisto 
und  durch  Zeus  Mutter  des  Arkas,  des  Vaters 
des  arkadischen  Volkes*),  also  genealogisch 
mit  der  Urgeschichte  ihres  Stammlandes  eng 
verknüpft,  wie  ähnliche  Fälle  vielfach  nachzu- 
weisen sind.  Daher  wurde  das  Grab  der  Nymphe 
Kallisto  in  den  Hügel  beim  mainalischen  Ge- 
birge in  Arkadien  verlegt,  der  den  Tempel  der 
Artemis  KuWicxii  trug  (Baus.  8 , 35 , 8).  Den 
Beinamen,  die  Schönste,  aber  behielt  sie  durch 
alle  Zeit.  Sappho  nennt  sie  agiery  neei  v.aX- 
liazrj  (Baus.  1,  29,  2),  tialXiozr]  auch  ein  Hym- 
nus des  Pamphos,  den  Bausanias  für  älter,  als 


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*)  Der  argivische  Mythus  von  Kallisto  und  Arkas 
ist  auf  Münzen  Arkadiens  nachgewiesen  in  der  Wiener 
numism.  Ztschr.  1877  p.  25. 


J581  Artenais  (Jägerin) 

die  lesbische  Dichterin  hält  (Paus.  8,  35,  8), 
und  eine  Inschrift  aus  Beroia  in  Syrien  G.  I. 

' Gr.  4445.  Euripides  ( Hippol . 64)  ruft  sie  an 
als  y.6qci  Aaxovg  Agrsgr  Hai  Atog  r.aXXiaxa  noXv 
tuxqQ'svcov,  Aristophanes  (Ran.  1359)  nennt  sie 
"Agrsgig  Halde.  Ein  Holzbild  der  Artemis  huX- 
■\  Harri  erwähnt  Pausanias  1,  29,  2 in  Attika  im 
1 i Heiligtum  derselben  bei  der  Akademie.  Als 
■KovQäv  naXHarrj  wird  sie  in  einem  Epigramm 
■ des  Leonidas  von  Tarent  (20)  gepriesen.  Vgl. 
ftj  auch  Weidcer,  Gr.  Götterl.  1,  580  f. 

3.  Mit  ausgesprochener  Vorliebe  behandelt 
, die  Dichtung  eine  im  Kultus  ganz  zuriiek- 
I tretende  Seite  im  Wesen  der  Artemis,  ihre 
Jagdliebe.  Das  poetische  Bild,  dafs-die  Pfle- 
fi  gerin  der  Wildbrut  auch  weidlustig  durch  die 
$1  Bergwälder  streife,  wird  schliefslichmafsgebend 
, für  die  volkstümliche  Auffassung  und  liegt 
I auch  der  plastischen  Entwicklung  ihres  Ideals 
I zu  Grunde.  Die  Natur  des  Landes , die  in 
manchen  Gegenden,  namentlich  in  den  Ge- 

tbirgsthälern  Arkadiens  und  in  Lakonien  (des- 
sen Spürhunde  berühmt  waren)  auf  das  Weid- 
i werk  als  hauptsächlichen  Erwerbszweig  hinwies, 
I anderwärts  die  Jagd  als  edelste  an  den  Krieg 
, mahnende  Beschäftigung  des  Freien  erschei- 
» nen  lief?,  hat  diese  Auffassung  wesentlich  bc- 
| gtinstigt,  die  Poesie  aus  ihr  immer  neuen  Stoff 
gewonnen.  Daher  die  grofse  Zahl  ihrer  dar- 

tauf  bezüglicher  Beinamen  die  zunr  gröfsten 
Teil  rein  dichterisch  sind,  im  Kultus  nicht 

1 anerkannt  waren.  So  heifst  sie  die  Wildtöte- 
! rin  Q-rigonrovog,  ^ggoepovy  (llieogn.  11.  Aristoph. 

Lysistr.  1262.  Thesmopli.  327.  Eurip.  Ipli. 
M Aul.  157),  sXXocpovog  (C.  I.  Gr.  5943.  Kallim. 

! Dian.  190.  Suid.  Etym.  M.  331,  54),  sXacpg- 
ßöXog  (Soph.  Trach.  214),  Q'ggoav.onog  (H.  Hymn. 
in  Dian.  27,  2);  als  Freundin  der  Berge  und 
1 Waldeshöhen  ovgsia,  ogsaxega,  ogsaxcdg,  ogsc- 
ßaxig , ogstxig  (in  Thyatira  Polyb.  32,  25,  11), 

'■  ovQEGi'cpcuxig  (Cornut.  34).  Bogen  und  Pfeil 
II  sind  ihre  Freude,  sie  ist  io%scugu  (II.  5,  447. 
6,  428,  C.  I.  Gr.  6280  B.  eloiscuqu  C.  I.  Gr. 
1064),  xoigoepogog  (II.  21,  483.  C.  I.  Gr.  1051), 
snaxgßoXog  (Hymn.  in  Dian.  9,  6).  Beim  Lär- 
i men  der  Jagdhunde  ist  ihr  wohl  (nsXadsivg 
II.  16,  183.  20,  70.  Hymn.  in  Ven.  16.  nvv- 
aycg  Soph.  El.  550). 

4.  Ihr  Kultname  als  Jägerin  ist  gewöhn- 
lich ’Aypoxepa;  aber  man  verehrte  sie  als 
i solche  keineswegs  nur  in  wildreichen  Jagd- 
gründen, hat  sie  doch  ihre  Tempel  sowohl  in 
Athen  (Paus.  1,  19,  7),  wie  in  Aigira  (Paus. 
7,  26,  2 u.  4),  in  Megara  (Paus.  1,  41,  1),  wie 
in  Syrakus  (Schol.  II.  21,  471)  und  in  Kyrene 
(Kaibel,  Epigr.  graeca  No.  873),  einen  Altar 
auch  in  Olympia  (Paus.  5,  15,  5).  War  sie 
ursprünglich  vielleicht  nur  als  segensreiche 
Flurenschützerin  aufgefafst  (s.  oben  § 6 , 2), 

; so  mag  darin  auch  die  Erklärung  liegen,  dafs 
man  in  Kriegszeiten , wenn  alle  Feldkultur 
vom  Feinde  gefährdet  schien,  ihre  Hilfe  an- 
: rief,  wie  es  vor  der  Schlacht  von  Marathon 
geschah.  Das  damals  vom  Polemarchen  an- 
! gelobte  Ziegenopfer  (Flut,  de  malign.  Her.  26) 

; wurde  seitdem  regelmäfsig  am  6.  Boedromion 
dargebracht  und  war  mit  einem  kriegerischen 
Festzug  verbunden,  in  welchem  die  dg i- 


Artemis  (Jägerin)  582 

cxtia  von  Jünglingen  getragen  wurden.  Vgl. 
A.  Mommsen,  Heortologie  p.  212  ff.  Auch  die 
Spartaner  opferten  ihr  im  Felde  eine  Ziege 
(Xenoph.  II.  Gr.  4,  2,  20.  de  rep.  Lac.  13,  8). 
Als  eigentliche  Jagdgöttin  wird  sie  wohl  nur 
in  kleineren  Kulten  verehrt  worden  sein.  Eine 
schlichte  Kapelle,  ein  Bild  auf  oder  unter  einem 
heiligen  Baume  (§  5 , 1) , dieser  allein  oder 
auch  nur  ein  Altar  genügen  den  Jäger  ihres 
Schutzes  zu  versichern.  Hier  legt  er  den  für 
die  Göttin  bestimmten  Airteil  der  Jagdbeute 
nieder,  heftet  als  Siegeszeichen  die  Köpfe  und 
Klauen  erlegter  Eber  und  Bären,  die  Geweihe 
der  Hirsche  an,  oder  hängt  das  Tierfell  auf, 
stiftet  wohl  auch  sein  Jagdgerät  als  Weihe- 
gabe, wie  dies  auf  Denkmälern  oft  dargestellt 
ist,  in  Epigrammen  vielfach  besungen  wird. 
Vgl.  Anth.  Pal.  6,  111.  112.  121.  326.  Diod. 

4,  22.  Schol.  Aristoph.  Plut.  944.  Stat.  Theb. 
9,  589.  Eine  solche  Waldkapelle  mit  den  Erst- 
lingen der  Jagd  (Tigcardygca,  7tQcox6Xn.cc,  cchqo- 
ftivia)  geschmückt,  schildert  Philostr.  (Im.  1, 
28);  das  Anheften  des  Hirschgeweihs  zeigt  ein 
Sarkophagrelief  des  Louvre  (Clarac,  Mus.  de  sc. 
pl.  178).  Eine  offene,  das  Bild  der  Artemis 
Agrotera  einschliefsende  aedicicla,  mit  einem 
Hirschschädel , Jagdspeeren  und  Guirlanden 
geschmückt,  weist  in  dem  Relief  des  Palazzo 
Spada  Braun,  Ant.  Basrel.  Taf.  3 und  oben 

5,  311  auf  die  Jagdliebe  des  Zethos.  Auf  einer 
dreiseitigen  Basis  des  Vatikan  sind  allerlei 
Anathemata  für  die  Göttin,  Jagdgerät  an  den 
Baum  gebunden,  ein  Hirschgeweih  an  einer 
Spitzsäule  u.  a.  dargestellt  (Gerhard,  Ant.  Bild- 
werke Taf.  83.  Boetticher,  Baumkultus  der  Hel- 
lenen  Fi g.  9 u.  10;  vgl.  p.  77).  Mit  einer  Geld- 
spende findet  sich  ein  Jäger  bei  Arrian  (de 
venat.  33)  ab.  Andere  Kultnamen  der  Jagd- 
göttin sind  Artemis  ’GX.acprißöAoc  (daher  der 
Monatsname  ’EXaqpyßoXicöv  und  das  Fest  ’EXa- 
cpgßoXia ; vgl.  Hermann,  Gottesd.  Altert.  §§  59, 
2.  64,  8)  und  ’€A.acpia,  ’0*.aqpicua  in  Elis  (Paus. 

6,  22,  5 mit  dem  Festmonat  Elaphios  im 
Frühling). 

§ 14.  Parallelen  zur  apollinischen 
Religion. 

1.  Ungemein  zahlreich  sind  die  Parallelen, 
die  sich  zwischen  den  Kulteigenheiten  der  bei- 
den Letoiden  ziehen  lassen.  In  vielen  Fällen 
mag  die  gemeinsame  V erehrung  an  einer 
Stätte  den  Austausch  der  Beinamen,  der  Attri- 
bute und  Funktionen  veranlafst  haben.  Wenn 
Apollon  von  der  Schwester  spezielle  Namen, 
wie  Aacpgaiog  (bei  Kalydon,  wo  Artemis  Aa- 
cppla  zu  Hause  war;  vgl.  O.  Müller,  Dor.  I2, 
p.  381  Anna.  5),  ixßaxgQiog  ("Agreyig  sreßarg- 
qi'u  § 4) , TavQOTcoXog  (auf  der  Insel  llraria, 
wo  auch  ein  Tauropolion  der  Artemis  Aelian 
N.  A.  11,  9.  Dionys.  Perieg.  611)  erwarb,  so 
empfing  anderseits  Artemis  verschiedene  Bei- 
namen aus  der  apollinischen  Religion.  „Apol- 
lon teilte  die  Stierpflege  mit  der  Schwestei-, 
Artemis  mit  dem  Bruder'  die  Jagd“  bemerkt 
J.  II.  Vofs,  Mythol.  Briefe  3 p.  150,  und  so 
giebt  auch  die  gemeinsame  Waffe,  l'feil  und 
Bogen,  ihnen  gleiche  Namen.  Als  Hekaergos 
und  'GKueppa  feierte  beide  Götter  ein  alter, 
dem  mythischen  Branchos zugeschriebener  Hynr- 

19* 


583  Artemis  (Parallele  z.  Apollon) 


Artemis  (Parallele  z.  Apollon)  584 


nus  ( Clem . Alex.  Strom.  5,  8).  Dem  Apollon 
’AcprjtcoQ,  Pfeilentsender  (II.  9,  404)  tritt  "Apxe- 
,uic  dcpodct  zur  Seite,  die  in  Aigina  verehrt 
ward  und  der  Pindar  einen  Hymnus  dichtete. 
Die  von  Paus.  2,  30,  3;  vgl.  Anton.  Lib.  40 
und  PLesych.  v.  dcpaia  erzählte  Legende  wider- 
streitet dieser  Deutung  nicht  und  rechtfertigt 
keineswegs  die  künstliche  Auslegung  Prellers 
1“  p.  243,  welcher  den  Hamen  auf  das  Ver- 


schwinden des  Mondes 


Meer  bezog.  Als  io  Paus.  a.  a.  0. 


6).  Sie  führt  den  Namen  Auxeia  in  Troizen, 
was  sich  Paus.  2,  31,  6 auf  verschiedene  Weise, 
aber  sehr  ungeschickt,  zu  deuten  sucht.  Je- 
denfalls geben  die  Sülmgebräuche  in  Kulten 
des  Apollon  Avxsiog  die  richtige  Aufklärung 
und  machen  auch  begreiflich,  warum  vor  dem 
troizenischen  Tempel  ein  heiliger  Stein  gezeigt 
wurde , auf  dem  der  Sage  nach  Orestes  vom 
Muttermorde  gereinigt  worden  sein  sollte, 


; 


1,3! 


’Aypoxepcx  hat  sie  mit  Apollon  Aygc/.iog  zusam- 
men einen  Tempel  in  Megara,  Paus.  1~  41,  3. 
Zu  beiden  soll  nach  Kenophons  Vorschrift  (ve- 
nat.  6,  13)  der  Jäger  beten,  wenn  er  den 
Hund  losläfst. 

2.  Wie  hier  war  in  vielen  anderen  Fällen 
die  Anknüpfung  durch  verwandte  Elemente 
lokaler  Artemiskulte  erleichtert.  Hm  die  her- 
vorragendste Thätigkeit  des  Apollon,  die  kathar- 


4.  Bezeichnend  ist  die  Zwittergestalt  ein- 
zelner Kultformen , welche  ebenso  die  verder- 
bende, wie  die  hilfreich  heilende  Macht  der 
Gottheit  in  sich  schliefsen.  Wie  sie  Seuchen 
sendet,  kann  sie  solche  auch  abwehren.  Paus. 
7,  19,  2.  2,  7,  7 ; sie  wird  daher  als  AOrj  zur 
Abwehr  von  Krankheiten  angerufen  in  Karyai 
und  Syrakus  (Diomed.  3,  p.  483  Putsch.  Prob 


zu  Virg.  Ecl.  p.  2,  28  Keil)  und  heifst  in  Lindos 
tisch-mantische,  auf  die  Schwestergottheit  über-  20  OuXia,  wie  Apollon  Ovho g (Hofs,  Inscr.  gr.  f. 


zuleiten,  bedurfte  e3  nur  der  Weiter  entwiche 
lung  eines  Zuges,  den  schon  die  homerische 
Theologie  stark  hervorhebt.  Wie  Apollon  hat 
Artemis  Gewalt  über  Leben  und  Tod  des  Men- 
schen (§  11);  weniger  den  wilden  Tieren,  als 
den  Frevlern  gelten  nach  den  ältesten  Dich- 
tungen ihre  Pfeile,  wie  die  ihres  Bruders;  vgl. 

Kallimach.  in  Dian.  124.  Beide  sind  Todes- 
gottheiten, die  schnell  und  unversehens  da- 
hinraffen, von  denen  nicht  blofs  Heil  und  Segen,  30  Heilquellen  zusammengebracht  werden 
sondern  unter  Umständen  auch  Verderben  aus- 
geht. Zu  einer  Löwin  für  die  Frauen  hat  sie 
Zeus  gemacht  (stiel  ge  Ieovtcc  yvvaiQv  Zsvg 
Q’gv.Ev,  Kcd  sScoxe  xataxzccysv  r\v  x s&ElyG&a 
sagt  PLom.  PI.  21,  482  f.).  Daher  hat  sie  weit- 
tragende  Waffen,  ja  nach  altmessenischer  Sage 
selbst  volle  Rüstung  (mit  Schild  Paus.  4,  13, 

1).  Sie  verleiht  Fruchtbarkeit  den  Feldern, 
aber  kann  sie  auch  vernichten  (Legenden  von 


3 n.  271).  Denselben  Namen  führt  sie  in  De- 
los und  Milet  (Pherekydes  und  Leandrios  bei 
Macr.  1,  17;  vgl.  Spanheim  zu  Kallim.  Apoll. 
40,  46.  Strab.  14  p.  635).  Den  Namen  erklärt 
Strabon  durch  vyLccGxixog  und  ntxLcovLxög , aus 
einem  Worte,  das  noch  in  dem  Grufs  ovli  zs 
■xoä  fisyu  xaiQE  (Od.  24,  401)  übrig  blieb.  Diese 
Heilkraft  konnte  dann  auch  mit  der  Wirksam- 
keit der  Göttin  im  frischen  Wasser  und  in 

o.  _ _ (§  3).  . 

Sie  wird  angerufen  von  den  Kranken  (Anth. 
Pal.  6,  240;  vgl.  T/teogn.  13).  — Auch  die 
Hauptseite  des  apollinischen  Kultes,  die  Man- 
tik,  ist  auf  Artemis  übergegangen.  Sie  heifst 
Ztßvlla  Aslcpig  (Clem.  Alex.  Strom.  1 p.  323. 
Said.  s.  v.  vergl.  Paus.  10,  2,  1)  und  hat  mit 
Apollon  zu  Adrastea  ein  Orakel  Strab.  13 

p.  91. 

Durch  Kultverbindung  mit  dem  Apollon 


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Aitolien  und  Brauron  § 5,  2).  Es  sind  dies  40  Delphinios  (C.  I.  Gr.  442)  erlangt  sie  ferner 


Eigenschaften,  die  an  den  durch  Hungersnot, 
Pest  und  schnellen  Tod  verderbenden  Apollon 
erinnern.  Ebenso  wie  dieser  mufs  sie  nun  auch 
versöhnt  und  besänftigt  werden.  So  geht  der 
apollinische  Lorbeerzweig  auf  sie  über;  sie 
wird  Aaqpvia  zu  Olympia  (Strab.  8 p.  343), 
Aaqpvaia  in  Hypsos  (Paus.  3,  24,  8).  Wie 
Apollon  vielfach  auf  Münzen  mit  dem  Lor- 
beerzweig abgebildet  wird  (vgl.  oben  u.  d.  W. 


den  Beinamen  AeXqpmcc  in  Attika,  vgl.  Pollux 
8,  119.  Im  Branchidenheiligtum  bei  Milet  gilt 
sie  als  Artemis  TTu9ir|  (C.  I.  Gr.  2866.  2885. 
add.  2885  b.  c.).  Besonders  zahlreich  sind  die 
Beziehungen , die  sie  durch  ihn  zu  staatlicher 
Ordnung,  zu  Schutz  und  Pflege  der  politischen 
und  sozialen  Gemeinwesen,  des  Staats-  und 
Familienlebens  erlangt.  Sie  wird  TTuxpüja  gleich 
dem  Apollon  Patroos,  so  zu  Sikyon,  wo  ein 


Apollon  p.  456  f.),  wird  letzterer  einigemale  50  anikonisches  Bild  derselben  in  Gestalt  einer  Säule 


auch  der  Artemis  gegeben.  So  auf  Münzen 
von  Abdera,  wo  Artemis  in  langem  Chiton 
dargestellt  ist,  den  Bogen  in  der  Linken,  den 
Zweig  in  der  Rechten,  ein  Reh  zur  Seite,  Gott, 
gel.  Am.  1880  p.  31  f.  Emen  jüngeren  Typus 
zeigt  der  Revers  einer  Bronzemünze  von 
Kyparissa  in  Messenien  mit  dem  inschriftlich 
bezeugten  Bilde  der  Artemis  KYTTAPICCIA: 
Artemis  im  Jägergewande , mit  dem  Köcher 
auf  der  Schulter,  einen  Zweig  in  der  Hand  co 
(Sallets  Zeitschr.  f.  Numism.  6 p.  17).  Vergl. 
Stephani  im  Compte-rendu  1868,  p.  16ff.  Die 
Sühnzweige  (ixsaiat,  f HEzygica.)  waren  mit 
Olivenkränzen  und  frischen  Wollflocken  ( gal- 
lo £s)  umwunden.  An  den  apollinischen  Bitt- 
festen , den  Thargelien  und  Pyanepsien  war 
Artemis  beteiligt  (Et.  Ma.gn.  443 , 20).  Auch 
ihr  wurde  der  Päan  gesungen  (Et.  Magn.  657, 


(xicor  sagt  Paus.  2,  9,  6 und  meint  wohl  ein  Idol 
von  der  gewöhnlichen  konischen  Form,  wie  es 
dem  Apollon  Agyieus  errichtet  zu  werdenj^flegte, 
vgl.  z.  B.  Denlcm.  alt.  Kunst  1,  1 , 2)  neben 
einem  pyramidenförmigen  Idole  des  Zeus  Mei- 
lichios  aufgestellt  war.  Als  TTaxpiwxic  wurde 
sie  in  Pherai  verehrt  (C.  I.  Gr.  1444),  und  aus 
ihrem  Heiligtum  stammt  wohl  das  Weihrelief 
von  Asopos  (publ.  Arcli.  Ztg.  1882  Taf.  6 , 1 
p.  145 ff.),  in  welchem  die  Göttin  in  hochge- 
schürztem Jägergewande  mit  Jagdstiefeln  und 
Lanze  (wie  in  Naupaktos  die  Aitole  Paus.  10, 
38,  6.  vgl.  § 5,  2)  abgebildet  ist.  Sie  ist  in 
demselben  Sinne  crfopoua  in  Olympia  (Paus.  5, 
15,  3),  dpicxoßouXi'i  in  Athen,  wo  ihr  Themisto- 
kles  einen  Tempel  errichtet  (Plut.  Tliem.  22. 
de  malign.  Herod.  37),  ßouXqcpöpoc  in  Milet  (Rev. 
arch.  1874  N.  S.  28  p.  104).  Vielleicht  ist  auch 


fc  de: 
schaff, 
♦io?,  £ 


“fl1 


§15. 
Mia.  ( 
Ui 
4 vo: 


» Eii 


585  Artemis  (Orthia  etc.) 


Artemis  (Taurike  etc.)  586 


die  Artemis  eiricKOiroc  von  Elis  hierher  zu 
ziehen  ( Flut . Qu.  gr.  47).  Vergl.  aber  auch 
§ 4.  Mit  Apollon  teilt  sie  gelegentlich  die 
Funktionen  alsTTpoOupcua  und  TTpouuXala  {Paus. 

1,  38,  6.  Kallim.  t)ian.  34);  auch  jener  ist 
ngonvlaiog,  {tvQawg.  Sie  ist  TTpocTaxripla,  wie 
er  TtQoaxazriQLog  (. Acscliyl . Septem  450)  und  zu 
Erythrae  cxpoqpcncx,  im  Bild  als  Hüterin  bei 
der  Thürangel  aufgestellt  {Athen.  6 p.  259  b), 
eine  Aufsicht,  die  sonst  dem  Hermes  als  gtqo  io 
cpaiog  ( Arist . Flut.  1153  mit  den  Schol.),  auch 
dem  Apollon  Agyieus  beigelegt  wird. 

6.  Anteil  hat  Artemis  die  Letoide  auch  an 
der  Kultussage  von  den  Hyperboreern.  Von 
ihnen  kommen,  die  Heiligtümer  tragend,  die 
Jungfrauen  Arge  und  Opis  nach  Delos.  Ein 
alter,  Olenischer  Hymnus  feierte  ihre  Ankunft. 
Hochzeitliche  Gebräuche  begingen  die  delischen 
Mädchen  und  ähnliche  die  Jünglinge  noch 
späterhin  an  ihrem  Grabe,  dem  ein  besonde-  20 
rer  Kultus  gewidmet  war  (§  7,  3).  Die  Namen 
dieser  Sendbotinnen  sind  nur  Epitheta  der 
Göttin  selbst.  ''Apyp  ist  wohl  die  Schnelle, 
nach  andern  die  Schimmernde,  Tmc  (ionisch 
Ovnig)  aber  ein  gewöhnlicher  Beiname  der 
Artemis  in  ionischen  Kulten  (Ephesos) , in 
Sparta  und  Troizen,  ihre  wachsame  Fürsorge 
für  den  Menschen  bezeichnend,  eine  Eigen- 
schaft, die  sie  wiederum  mit  Apollon  {’Enu- 
xpiog,  Hesych.)  teilte.  Von  ihr  führten  gewisse,  30 
in  Troizen  herkömmliche  Hymnen  den  Namen 
ovTuyyoi  {Athen.  14 , 10.  Poll.  1 , 38.  Schol. 
Apollon.  1,  92).  Nach  anderer  Überlieferung 
hiefsen  die  hyperboreischen  Jungfrauen  €k a- 
epyr]  (die  Ferntreffende , so  auch  Artemis  im 
Hymnus  des  Branchos  vgl.  § 14,  1)  und  Ao£ui), 
letztere  nach  Preller  auf  die  krummen  Bahnen 
des  Mondlaufs  bezüglich.  Ygl.  0.  Müller,  Dor. 

I2  p.  273.  373. 

§15.  Artemis  Orthia,  Tauro.  Iphige- 40 
neia,  Chryse. 

1.  In  einigen  Kulten  der  Artemis  zeigen 
ich  von  den  bisher  erwähnten  sehr  abwei- 
hende Züge,  orgiastische  Elemente  und 
blutige  Ceremonien,  welche  auf  eine  primitive 
Stufe  des  unentwickelten  Naturdienstes  und 
len  Einflufs  asiatischer  Religionsgebräuche 
linweisen.  Das  Gewebe  der  mannigfach  ent- 
' stellten,  durch  einander  gewirrten  Überlie- 
’erung  hat  0.  Müller  scharfsinnig  aufgelöst  50 
rnd  den  Gang  der  Mythenentwickelung  klar 
jemacht  {Dorier  l3  p.  385  ff.).  Eine  eigentüm- 
iche  und  doch  ihrem  Ursprünge  nach  rein 
lellenische  Gestalt  ist  die  Artemis  ’OpOia  oder 
OpOuuda,  welcher  in  der  Legende  und  in  Lokal- 
culten  auch  der  Name  ’lcprfeveia  gegeben  wird 
Hesych.).  So  gab  es  iu  Hermione  ein  Heilig- 
um  der  Artemis  mit  dem  Beinamen  Iphige- 
leia  {Paus.  2,  35,  1).  In  Aigeira  gilt  Iphige- 
leia  als  eigentliche  Besitzerin  des  Tempels  der  co 
Xrtemis;  noch  Paus.  7,  2G,  5 sah  darin  ein 
altertümliches  Bild  derselben  neben  der  aus 
ömischer  Zeit  stammenden  Kultusstatue.  Die 
spätere  Legende  stellt  sie  aber  als  Priesterin 
ler  Artemis  dar , welche  in  Taurien  deren 
dienst  pflegt  und  ihn  von  da  verbreitet.  Von 
’aurien  kommend  sollte  sie  nach  Brauron  das 
Ite  Schnitzbild  der  Göttin  gebracht  haben 


{Paus.  1,  23,  9.  33,  1.  Dur.  Ipli.  T.  1440 ff.  Kal- 
lim. in  Dian.  173).  In  Argos  erzählte  man 
Ähnliches  {Paus.  a.  a.  0) , ebenso  in  Sparta, 
wo  das  im  Tempel  der  Artemis  Orthia  befind- 
liche Schnitzbild  als  Stiftung  des  Orestes  und 
der  Iphigeneia  angesehen  und  mit  blutigen 
Ceremonien  geehrt  wurde  {Paus.  3,  16,  6).  In 
ältester  Zeit  sollte  man  Menschenopfer  dar- 
gebracht, seit  Lykurgos  aber  dafür  die  Geifse- 
lung  der  Jünglinge  eingeführt  haben,  mit  deren 
Blut  nun  der  Altar  besprengt  wurde.  Die 
Priesterin  hatte  mit  dem  Bilde  im  Arm  über 
die  richtige  Ausführung  der  Kultvorschriften 
zu  wachen  {Hermann,  Gotte sdienstl.  Alt.  d.  Gr.2 
§ 27 , 14  und  53 , 28).  Ein  lydischer  Aufzug 
{noynri  Avääv)  schlofs  die  Handlung  {Plut. 
Arist.  17),  auch  dies  ein  fremdländischer  Brauch, 
wie  denn  der  ganze  Kultus,  obgleich  vollkom- 
men eingebürgert,  als  barbarischen  Ursprungs 
galt.  In  der  That  mufs  Lemnos  als  Mittel- 
punkt desselben  angesehen  werden.  Spuren 
der  Sage  vom  taurischen  Bild  sind  hier  nach- 
weisbar; den  Namen  Taurien  führt  die  Insel 
in  ältester  Sage;  Thoas  gilt  als  Herrscher,  und 
selbst  von  Menschenopfern,  die  der  grofsen 
Göttin  dargebracht  wurden,  weifs  die  Sage  zu 
berichten,  wenn  sie  auch  die  Züge  der  Überlie- 
ferung dadurch  wieder  trübt,  dafs  sie  neben 
Iphigeneia  als  Parallelgestalt  die  Xpucr| , eine 
neue  Form  der  Artemis,  stellt.  Die  Einfügung 
derselben  in  den  Mythenzusammenhang  ge- 
schieht durch  genealogische  Gleichsetzung  mit 
Iphigeneia.  Sie  soll  Schwester  derselben  sein, 
Tochter  des  Agamemnon  und  der  Troerin  Chry- 
seis  {Etym.  Magn.  815,  59).  Aber  im  Argo- 
nautenmythos erscheint  sie  als  selbständige 
Gottheit,  verehrt  auf  Lemnos  und  Samothrake, 
oder  auf  der  später  untergegangenen  Insel 
Chryse  {Paus.  8,  33,  4).  Ihr  opfern  Herakles 
und  Iason,  und  Philoktetes  wird  an  ihrem 
Altar  von  der  Schlange  gebissen.  (Darstellung 
des  Opfers  mit  dem  inschriftlich  beglaubigten 
Xoanon  der  Chryse  auf  dem  Vasenbild  bei 
Millingen  peint.  de  vases  pl.  51  = Müller-  Wie- 
seler  1,  2, 10).  Andere  Überlieferung,  der  Wel- 
cher, Gr.  Götterl.  1 p.  308  folgt,  identificiert 
sie  mit  Athena,  was  darauf  schliefsen  lassen 
könnte,  dafs  Chryse  weder  mit  Artemis  noch 
mit  Athene  ursprünglich  zusammengehangen 
habe,  sondern  nur  ihrer,  durch  den  Namen 
angedeuteten  Lichtnatur  wegen  ihnen  assimi- 
liert worden  sei. 

2.  Die  Entwickelung  des  Mythus  kann  dem- 
nach nur  so  verstanden  werden,  dafs  Artemis 
Iphigeneia  in  Lemnos,  dem  Grenzlande  helle- 
nischer Kultur,  zu  einer  nach  Menschenblut 
dürstenden  Gottheit  wird.  Phallischer  Dienst, 
auf  den  der  Name  Orthia  (vgl.  Dionysos  Or- 
thos,  die  oQ&ict  vßqig  der  Esel  bei  Find.  Pyth. 
10,  32  und  Aristoph.  Lysistr.  944)  deutet,  könnte 
zu  Grunde  liegen.  Die  von  Artemis  abgelöste 
Iphigeneia  aber  wird  zuerst  zur  geopferten 
Jungfrau,  dann  zur  opfernden  Priesterin  sel- 
ber. In  den  Kyprien  wurde  davon  gesungen, 
wie  Artemis  sie  entführt,  zu  den  Tauriern 
hinüberführt , sie  unsterblich  macht  und  an 
ihrer  Stelle  eine  Hirschkuh  dem  Opfermesser 
des  Kalchas  unterschiebt  {Proklos  Chrestom. 


587 


Artemis  (Taurike  etc.) 


Artemis  (Ephesia) 


588 


vgl.  Kinkel,  Epicor.  gr.  frg.  p.  19).  So  schil- 
dert die  Scene  ein  bekanntes  pompejanisches- 
Wandbild  ( Overbeck , Heroische  Galerie  Tat. 
14,  7.  S.  318),  wo  neben  dem  trauernden  Aga 
memnon  auf  einer  Säule  ein  altertümliches 
Idol  der  blutheischenden  Göttin  mit  dem  Polos 
auf  dem  Haupte , zwei  Pfeilen  in  den  aus- 
gestreckten Händen  und  zwei  Hunden  zur 
Seite  dargestellt  ist.  Phanodemos  setzte  für 
die  Hirschkuh  eine  Bärin , Nikandros  einen 
Stier  ein  ( Etym . Magn.  v.  TocvqotcoIov)  in  leicht 
verständlicher  Anlehnung  an  die  symbolischen 
Tiere  des  brauronischen  und  taurischen  Kul- 
tus. Die  Vermischung  mit  Chryse  scheint  auf 
die  Mondnatur  dieser  Göttin  anzuspielen,  und 
schon  Hesiod  {Paus.  1,  43,  1 = Kinkel  a.  a.  0. 
Fragm.  118)  stellte  deshalb  die  Iphigeneia 
mit  der  Hekate  zusammen.  In  dieser  umge- 
formten Gestalt  kehrt  der  Kultus  nach  Grie- 
chenland zurück;  er  ist  aber  nach  seiner  gro- 
fsen  Verbreitung  gerade  im  Binnenlande  in 
seinen  primitiven  Elementen  schon  vorher  vor- 
auszusetzen. In  Lakonien  (Sparta,  Bull,  de 
corr.  hell.  3 p.  19Gf.  Kaibel,  Epigr.  No.  874), 
Arkadien , Elis , Megara  und  Athen  ist  er  an- 
sässig, aber  auch  weiterhin  gedrungen.  Von 
Megara  ( C . I.  Gr.  1064  = Kaibel,  Epigr.  gr. 
870,  Inschrift  der  Statue  einer  Priesterin  der 
Artemis  ’OQ&coGcr],  jetzt  in  England,  Brocklesby 
26,  bei  Michaelis,  Anc.  marbles  in  Great  Bri- 
tain ) z.  B.  nach  Byzanz  (Herod.  4,  87,  103). 
Übertragen  auch  nach  Rhegion  in  Italien,  wo 
das  altertümliche  mit  Reisig  {cpduslov)  umge- 
bene Idol  der  Göttin  den  Namen  "ApTepic  <t>a- 
KeXixic  einbringt  {Prob.  Virg.  Bucol.  p.  3.  ed. 
Keil).  Vergl.  Schneidewin,  Diana  Phacelitis. 
Gotting.  1832.  Dies  erklärt  sich  aus  der  noch 
in  historischer  Zeit  bestehenden  Sitte , die 
formlosen  hölzernen  Agalmata  der  anikoni- 
schen  Kultzeit  mit  heiligen  Pflanzen  (Sträu- 
chern,  Sträufsen  u.  s.  w.)  zu  umgeben.  So  ist 
beispielsweise  auf  Münzen  ein  Idol  der  Deme- 
ter {Overbeck,  K.-M.  Dem.  u.  Kora.  Münztaf. 
8 No.  1 — 5.  Archäol.  Zeit.  1883  p.  290)  bald 
mit  Mohn  und  Ähren  umpflanzt , bald  mit 
Fruchtsträufsen  besteckt.  Hermen  , mit  grü- 
nen Zweigen  geschmückt,  sind  mehrfach  auf 
Vasenbildern  dargestellt  ( Boetticher , Baumkult 
d.  Hell.  fig.  42 — 44).  Eine  ähnliche  Ausstat- 
tung mufs  man  in  Sparta  für  das  Bild  der 
Artemis  Orthia  angewendet  haben,  da  sie  den 
Namen  AuTobecpa  führte,  also  mit  Weiden- 
zweigen umwunden  war.  Pausanias  3,  16,  11 
erklärt  nach  der  naiven  Volkslegende,  sie  sei 
so  genannt  „weil  sie  unter  W eidenzweigen  ge- 
funden wurde , die  sie  umschlungen  hatten, 
dafs  sie  aufrecht  stand.“  Letztere  Bemer- 
kung giebt  ohne  Zweifel  zugleich  die  volks- 
tümliche Deutung  des  Namens  Oq&lcc,  die 
Preller  wieder  aufgenommen  hat,  obgleich  es 
völlig  unwahrscheinlich  ist,  dafs  ein  allen 
ältesten  Schnitzbildern  gemeinsames  Merkmal 
des  Kultidols  Anlafs  zur  Benennung  einer  so 
eigenartigen  Gottheit  gegeben  habe.  Von  Tau- 
rien  her  führt  die  Göttin  den  Namen  die  Tau- 
rische, TaupiKp,  Taupuj,  womit  allmählich  die 
TciVQonblog  (s.  § 7)  zusammengeworfen  wurde. 
Die  Verwandtschalt  ihres  orgiastischen  Dien- 


stes mit  den  fanatischen  Gebräuchen  westasia- 
tischer Kulte  beförderte  ihr  Vordringen  auch 
in  Kleinasien,  namentlich  in  Lydien,  Kappa- 
dokien  und  am  Pontus. 

§ 16.  Ephesische  Artemis, 
l.  Innerlich  den  eben  betrachteten  Kulten 
in  einigen  Zügen  verwandt,  in  anderen  aber 
sehr  unähnlich  und  durch  den  Namen  bestimmt 
von  ihnen  unterschieden  ist  der  weit  verbrei- 
10  tete  Kult  der  Artemis  von  Ephesos  ("Aprepic 
€cpeda),  ein  seinem  Ursprünge  nach  vollkom- 
men unhellenischer  Naturdienst,  welchen  die 
Ionier  bereits  einheitlich  entwickelt  vorfanden 


30 


40 


50 


Artemis  Ephesia.  Alabasterstatuette  iu  Neapel. 

go  und  nur  äufserlich  ihrem  Göttersysteme  ange- 
gliedert haben.  Wenn  noch  in  römischer  Zeit 
die  Epheser  gegen  Tiberius  Apollon  und  Arte- 
mis als  bei  ihnen  ureinheimisch  geltend  mach- 
ten und  eine  Geburtslegende  der  Letoiden,  im 
Haine  Ortygia  bei  Ephesos  lokalisiert,  zur  Be- 
glaubigung ihres  Vorrechtes  anführten  {Tac. 
Arm.  3,  61),  so  meinten  sie  gewifs  nicht  die 
grofse  Muttergöttin  des  Artemisions,  zu  wel- 


|:  589  Artemis  (Ephesia) 

■ eher  Apollon  nie  in  ein  genealogisches  Ver- 
j hältnis  gesetzt  worden  ist.  Eine  vereinzelte 
Notiz,  wonach  Leto  sie  hei  Koressos  ( Steph . 
Byz.  s.  v.)  in  der  Ephesia  geboren,  kann  hier- 
; | gegen  nicht  in  Betracht  kommen.  Nur  die 
| äufserliche  Ausstattung  der  mit  höchstem  Pompe 

1 gefeierten  Tempelfeste  war  den  hellenischen 
Gebräuchen  mehr  und  mehr  angepafst  worden. 
Hippische,  gymnische  und  musische  Wettkämpfe 
j zu  Ehren  der  Göttin  kennt  die  historische 
I Zeit  (Thule.  3,  104.  Dion.  H.  4,  25.  C.  I.  Gr. 
I 2954.  Wood,  Discoveries  at  Ephesus,  inscr.  Gr. 
I'  Theat.  No.  8.  17.  18.  20.  Achill.  Tat.  6,  4. 
r 1 7, 12.  8,  17).  Das  Ritual  und  die  Zusammen- 
I Setzung  des  Tempelpersonals  bewahrt  auch 
I späterhin  den  halbasiatischen  Charakter,  den 
I das  altertümliche  Kultbild  am  deutlichsten  er- 
kennen läfst. 

2.  Es  galt  als  uralt  und  vom  Himmel  ge- 
fallen (öionsxsg).  Auf  Münzen  von  Ephesos 
( Numism . Chrohicle  N.  S.  vol.  20,  pl  5 — 9.  vol.  15, 
pl.  2,  3)  wird  es  mit  seinem  Schmuck  allein 
oder  in  dem  ephesischen  Tempel  häufig  ab- 
gebildet. Darnach  hatte  es,  wie  alle  ältesten 
Schnitzbilder,  cylindrische , nach  den  Füfsen 
zu  sich  verjüngende  Form.  Der  Oberkörper 
allein  war  menschlich  gebildet;  die  Unterarme, 
rechtwinklig  vom  Körper  vorgestreckt,  waren 
mit  Binden  (nlrjtdsg  genannt  bei  Hesych.  2, 
p.  277,  die  Göttin  selbst  wird  in  einem  Ge- 
dicht — vermutlich  dem  Hymnus  des  Timo- 
theos  ■ — als  ’Agxsyi  nolv&vaavs  angerufen, 
Meinelce,  Anal.  Alex.  p.  226 f.)  behängen,  die 
meist  neben  den  Füfsen  am  Boden  befestigt 
scheinen,  aber  auch  frei  herabhängen  (z.  B.  in 
dem  noch  zu  erwähnenden  Amulett).  Ein  Polos 
deckt  das  Haupt  und  hält  einen  schleierarti- 
gen, halbkreisförmigen  Kopfputz,  der  ebenso 
wie  alle  übrigen  Teile  des  Bildes  mit  symbo- 
lischen Figuren  überdeckt  ist.  Neben  ihr  steht 
, jederseits  ein  zu  ihr  aufschauendes  Tier  (Hirsch- 
ül  kuh?  vgl.  Liban.  or.  T.  2,  p.  665:  ’EcpsGioig 
ös  Kal  x'o  voyioya  t yv  tlaqjov  sepsgsv.  Wood, 

1 Ephesus,  inscript.  from  tlie  gr.  theat.  p.  10  1.  21 
’Agxsyig  XQvasa  — Kal  at  nsgl  avxgv  ugyvgsoi 
I sXacpoL  dvo).  Nach  den  schriftlichen  Zeugnissen 
war  das  Agalma,  wie  es  die  spätere  Zeit  (vielleicht 
schon  in  Umbildung,  denn  ein  Agalma  der 
Göttin  in  Ephesos  bildete  Endoios  von  Athen) 
kannte,  aus  Ebenholz  .( Plin . 16,  40,  nach  an: 
deren  aus  schwarzgewordenem  Cedern-  oder 
Weinrebenholz),  Gold  und  Elfenbein.  Die  sta- 
tuarischen, unter  sich  aber  in  den  Einzelheiten 
abweichenden  Nachbildungen  sind  deshalb  zum 
Teil  polylith  behandelt,  Kopf  und  Hände  aus 
Bronze  oder  schwarzem  Marmor,  das  übrige 
aus  weifsem  Stein.  Ygl.  die  beistehende  Ab- 
bildung der  neapler  Statue  (nach  Collignon, 
Mytliol.  figuree  de  la  Grece  fig.  41).  Andere 
Statuen  bei  Chirac,  mus.  de  sculpt.  pl.  361, 
1195  u.  1198.  562B,  1198B.  u.  C.  563,  1199. 

| Vgl.  auch  das  Mosaik  vonPoggio  bei  Visconti, 
Opere  varie  2 tav.  5,  und  Menetreius,  Diana 
\ Ephesia.  Ein  Bild  dieser  Kultfigur  von  der 
Malerin  Timarete,  der  Tochter  des  Mikon,  er- 
wähnt Plin.  35 , 59.  Unter  den  Emblemen 
sind  besonders  die  am  Oberarm  sitzenden  Lö- 
wen und  die  beflügelten  Widder-  und  Stier- 


Artemis  (Ephesia)  590 

figuren  charakteristisch,  auch  die  Biene,  welche 
auf  ephesischen  Münzen  als  ständiges  Symbol 
auftritt  — Attribute,  die  ebenso  wie  die  Menge 
der  Brüste  (Artemis  daher  nolv yaexog , multi- 
mammia  genannt)  auf  die  segensreiche  Natur 
einer  alles  irdische  Wachstum,  Fruchtbarkeit 
der  Tiere  und  des  Feldes  befördernden  Gott- 
heit liinweisen,  daher  auch  auf  der  Basis  eines 
solchen  Bildes  ( Chirac  pl.  563,  1199,  jetzt  in 
Villa  Rufinella  zu  Frascati  bei  Rom)  allerlei 
Getier  um  einen  Felsen  versammelt  ist.  Ihrer 
Unheil  abwehrenden  Kraft  glaubte  man  sich 
zu  versichern,  indem  man  das  Bild  auf  irde- 
nen Amulettäfelchen  (mit  den  ygciyyaxa  ’EcpD 
aia  beschrieben)  anbrachte,  vgl.  Stephani,  Me- 
langes  greco-romains  1 Taf.  1. 

3.  Genauer  in  das  Wesen  dieser  vieldeu- 
tigen Gottheit  einzudringen,  sind  wir  nicht  im 
stände;  auch  scheint  die  spätere  Zeit  selbst 
keine  klare  Vorstellung  mehr  davon  gehabt 
zu  haben;  wenigstens  zeigt  sich  in  der  Wahl 
der  Symbole  an  den  Nachbildungen  keine  bin- 
dende Tradition,  in  Beinamen  wie  Kggoia  cpasG- 
epogog  (Inschrift  römischer  Zeit,  C.  I.  Gr.  6797 
= Kaibel , Epigr.  798),  Ovmg  avaGoa  ( Kal - 
lim.  in  Dian.  204.  Timotheos  b.  Macrob.  5,  22) 
eine  bedenkliche  Vermischung  mit  heteroge- 
nen Kultvorstellungen.  Mond , Sonne  oder 
Sterne,  auch  die  Fackel  wird  dem  Bilde  auf 
ephesischen  Münzen  gelegentlich  beigegeben 
(Mionnet  3,  215,  361.  400  etc.),  aber  die  Licht- 
natur konnte  ihr  aus  Analogie  des  hellenischen 
Artemisdienstes  jüngerer  Auffassung  beigelegt 
werden.  Ebendaher  wird  die  von  Kallimachos 
(Dian.  237,  vgl.  248)  und  Paus.  7,  2,  4 (vgl. 
Dionys.  Perieg.  828)  nacherzählte  Legende  ab- 
geleitet sein,  dafs  vor  Errichtung  des  Tempels 
ein  heiliger  Baum  mit  dem  Bild  darauf  oder 
darin  vorhanden  gewesen  (goI  Kal  ’Aya'Qoviösg 
ßgtxag  iSgvcavxo  cpgyov  vnb  ngeyvca).  Vergl. 
Boctticher , Baumlcult  d.  Hell.  p.  142.  Wenig 
Gewähr  haben  auch  die  romantisch  gefärbten 
Erzählungen  des  Achilles  Tatios.  Alle  speziel- 
len Deutungen  (die  ephesische  Artemis  als 
Mondgöttin:  Preller,  Griech.  Mythol.  lä,  243, 
als  Wasser-  und  Sumpfgöttin:  Guhl,  Epliesiaca 
p.  80,  der  den  Parallelismus  der  griechischen 
Artemis  mit  der  Göttin  von  Epihesos  überhaupt 
aufs  strengste  durchzuführen  sucht)  können 
nicht  als  gesichert  bezeichnet  werden.  Aller- 
dings darf  der  deutliche  Bezug  des  Heilig- 
tums zur  Seefahrt  — vielleicht  nur  die  Be- 
kräftigung der  weitgreifenden  Macht  dessel- 
ben — nicht  übersehen  werden.  Am  Meeres- 
strande war  es  errichtet  (Plin.  2,  87)  und 
erhielt  sich  auch  nach  der  vorschreitenden 
Versandung  desselben  den  unmittelbaren  Zu- 
sammenhang mit  der  See  durch  künstliche 
Bassins  und  Kanäle  (daher  das  Tempelamt  der 
vavßaxovvxs g C.  T.  Gr.  3956).  Fisch  und  Eber 
werden  in  der  Gründungssage  genannt  (Athen. 
7,  361),  die  Okeanide  Hippo  als  älteste  Prie- 
sterin angeführt  (Kallirn.  Dian.  239)  und  See- 
vögel sind  der  Göttin  heilig,  woraus  Curtius, 
Beitr.  zur  Gesch.  u.  Top.  Kleinasiens  in  d.  Ab- 
handl.  d.  Berlin.  Akad.  1872  p.  67  den  Schlufs 
zog,  dafs  die  erste  Anlage  des  Küstenheilig- 
tums durch  phönikisclie  Seefahrer  erfolgte. 


591  Artemis  (Ephesia) 

Doch  führen  die  Eigenheiten  des  Priesterstaa- 
tes vielmehr  auf  binnenländische  Einflüsse. 

4.  Darnach  ist  wahrscheinlich,  dafs  die 
ephesische  Artemis  eine  ähnliche  Bildung  ist, 
wie  die  grofse,  im  zwiefachen  Komana  verehrte 
Muttergöttin  (Ma),  welche  mit  wilden  Orgien 
gefeiert  wird,  bei  denen  die  Priester  und  Ver- 
ehrer sich  mit  gezücktem  Schwert  zerfleischen, 
die  Schar  heiliger  Weiber  sich  preisgiebt 
u.  s.  w.  Vgl.  Ersch  und  Gräber,  Allgem. Encycl. 

2 , 32  u.  d.  W.  Kappadokien  p.  384.  So  ist 
auch  in  Ephesos  die  Kultpflege  in  orientalischer 
Weise  geordnet.  An  der  Spitze  der  verschnit- 
tenen, von  auswärts  sich  ergänzenden  Tempel- 
diener steht  ein  Oberpriester,  <xq%ieq£vs  ( C . I. 
Gr.  2955,  sein  Amt  ccqiieqcogvvyi  ib.  2987  1.  7), 
der  den  Kamen  ’Eoariv  (d.  h.  König  Etym.  M. 
383)  führt  und  dem  eine  Schar  entmannter 
Priester,  die  Mtydßv'Qoi  oder  gräcisiert  Mtya- 
lößvgoi  (, Strdb . 14  p.  950.  Xen.  Anab.  5,  3,  6.  2 
Apostol.  5,  44),  unter  ihnen  einer  Namens  Mv- 

, ferner  Priesterinnen  in  drei  Rangstufen 
geteilt,  die  MeXXieqki,  ’Isqcu  u.  IIkqisqki.  (Flut, 
an  seni  sit  ger.  resp.  24.  C.  I.  Gr.  3001 — 3003), 
endlich  eine  Menge  von  Hierodulen  unterstellt 
waren.  Von  letzteren  war  auch  das  voagypa 
zyg  AgzipiSog,  die  Schmückung  des  Kultbildes 
mit  Binden  und  Gewändern,  zu  besorgen  ( C . I. 
Gr.  3002.  3003.  Wood,  Ephesus  inscr.  gr.  theat. 
p.  38,  die  Grabschrift  einer  voaprjZEtQri  ib.  cit.  3 
and  suburbs  No.  14).  Für  einzelne  Verrich- 
tungen bei  den  Opfern  und  Festen  sorgten  be- 
sondere Tempeldiener , deren  Zahl  sehr  be- 
trächtlich war.  Es  fungierten  die  tGzuxzoQtg, 
welche  einen  eigenen  Raum  des  Artemisions, 
das  £6ziu.z()qiov , bewohnten  (Paus.  8,  13,  1. 
Hesych.  s.  v.),  am  Altar  die  ETuAvpiazQoi  u. 
uHQiroßäzcu  (Hesych.  s.  v.  C.  I.  Gr.  2983),  beim 
Opfer  und  bei  den  Aufzügen  die  ie QovfjQvvsg 
(C.  I.  Gr.  2982.  2983.  2990.  Wood,  Ephesus,  i 
inscr.  Aug.  6,  8),  GnovduvXcd  und  ugocttlTciyn- 
zcd  (ib.  2983),  aufserdem  ngonoXot  und  Ato- 
ngbnoi  (Hesych.  s.  v.  vtcovogog,  &eu>qol),  auch 
die  tsQo l innaQxoL , die  Anführer  einer  beritte- 
nen Schutzwache  des  Heiligtums.  Das  Haupt- 
fest des  Kultus,  ’EcpiGux  oder  AgzEgiGia,  auch 
Otr.ovptviv.oi  genannt,  fand  im  Frühling  statt, 
im  Monat ’AgzEpiaicov,  der  überhaupt  ganz  mit 
Feierlichkeiten  für  die  Göttin  ausgefüllt  war 
(C.  I.  Gr.  2954  A.  Lebas-  Waddington,  Voyage  5 
n.  137).  Prächtige  Agonen,  Faust-  und  Stier- 
kämpfe,  Wettkämpfe  im  Stadion  und  im  Thea- 
ter versammelten  ganz  Ionien  und  gaben  der 
bildenden  Kunst  fortdauernd  Anregung  und 
Aufträge  (z.  B.  Gemälde  des  Apelles  Plin.  35, 
93:  pinxit  Megabyzi  sacerdotis  Dianae  Ephe- 
siae  pornpam),  wie  denn  mit  Kunstwerken  der 
Tempel  reichgeschmückt  war.  Vgl.  G.  A.  Zim- 
mermann, Ephesos  im  ersten  christlichen  Jahrh. 
Jena  1874  p.  1 1 3 ff. , 76f.  Bursian  in  d.  Allg.  6 
Encycl.  1 , 82  p.  401.  Wood,  Ephesus.  Ein 
Aufzug  mit  Gelagen  verbunden,  die  dtinvoyo- 
Qiav.g  Tcoynp,  in  gleichem  Monat  (Wood,  Eph. 
inscr.  gr.  Theat.  19.  G.  Curtius , Hermes 
4,  204). 

5.  Ein  eigener  Legenden-  und  Götterkreis 
scheint  sich  um  die  Göttin  des  Artemisions 
gebildet  zu  haben,  wovon  aber  nur  Spuren  auf 


Artemis  (Ephesia)  592 

uns  gekommen  sind.  Hesychios  s.  v.  ’Appccg  er- 
wähnt einer  Amme  der  Artemis , die  den  un- 
hellenischen Namen  ’Appdg  führt.  Paus.  10,  38, 
3 sah  in  ihrem  Tempelbezirk  einen  Altar  der 
Artemis  als  TigazoAgovia.  Zu  Füfsen  des  Kult- 
bildes angeschriebene  Namen  wurden  auf  die 
Idäischen  Daktylen  bezogen  (Lübeck,  de  Idaeis 
Dactylis  2 = Agl.  1163  f.).  Eng  verbunden  sind 
mit  der  Göttin  die  Amazonen,  doch  beziehen  sich 
alle  Angaben  über  sie  nur  auf  die  Geschichte 
des  Tempels  und  des  Bildes,  welche  von  ihnen 
gestiftet  sein  sollen  oder  deren  Ursprung  mit 
ihrer  eigenen  Entstehung  in  Zusammenhang 
gebracht  wird.  Vgl.  die  Stellen  unter  d.  Arti- 
kel Amazonen  S.  274.  Die  reiche  dichterische 
Ausschmückung  der  Sage,  z.  B.  die  Schilde- 
rung des  Kallim.  Dian.  237  , wie  die  Amazo- 
nen der  Göttin  in  Ephesos  unter  Syringenklang 
zuerst  Kreistänze,  dann  Reigentänze  aufführen 
und  Opfer  darbringen , giebt  natürlich  keinen 
historischen  Anhalt,  denn  der  Stoff  reizte  zu 
selbständiger  Behandlung  und  die  griechische 
Kunst,  besonders  die  bildende,  hat  sich  über- 
haupt die  Verherrlichung  des  Amazonenmythus 
zu  Ehren  des  ephesischen  Kultus  sehr  angele- 
gen sein  lassen  (Amazonenstatuen  im  Artemi- 
sion von  Plieidias,  Polyklet,  Kresilas  u.  a.  s. 
oben  S.  277).  Direkt  bezeugt  ist  der  orgia- 
stische  Charakter  des  Kultus  durch  Timotheos 
von  Milet,  welcher  zur  Einweihung  des  von 
Herostratos  eingeäscherten  Tempels  in  einem 
Hymnus  die  Artemis  als  ycuvdd'u  Ava  da  qr-ot- 
XvGGccda  pries  (Flut,  de  aud.  poet.  p.  22  a. 
MeineJce,  Anal,  Alex.  p.  226),  was  zusammen- 
gehalten mit  dem  Eunuchentum  der  Priester, 
deren  Namen  persischen  Ursprung  verraten, 
die  erwähnte  Parallele  mit  dem  Dienste  der 
asiatischen  Ma  nahe  legt.  Aus  dem  Hierodu- 
lenwesen wollte  O.  Müller,  Dor.  I2,  393  ff.,  die 
Keime  der  Amazonensagen  (freilich  liegen  sie 
uns  nur  in  vollständig  hellenischer  Umbildung 
vor)  erklären,  und  entschieden  ist  dies  anspre- 
chender als  der  Gedanke  an  nordische  Ein- 
flüsse (Klügmann  im  Artikel  Amazonen  p.  275  f.), 
deren  Einwirkung  auf  asiatische  Naturdienste 
kaum  wahrscheinlich  zu  machen  ist. 

6.  Das  Ansehen  der  ,.grofsen  Herrin  von 
Ephesos“  (Artemis  pEydXy  C.  I.  Gr.  2963  c. 
'Eepsaov  dvcccaa  ib.  6797 , y ptyCazy  Atu  Ag- 
ztpig.  Wood , Ephes.  inscr.  gr.  theat.  p.  24 
u.  ö.)  und  die  Vorrechte  ihres  Heiligtums  (da- 
runter das  noch  in  römischer  Zeit  festgehal- 
tene Asylrecht  Tac.  Ann.  3,  61),  die  Bestim- 
mung zum  Mittelpunkt  ionischer  Stammgenos- 
senschaft (Dion.  Hai.  4 , 25)  befördern  die 
Verbreitung  des  Kultus  weit  durch  Kleinasien 
und  über  die  Inseln.  Nach  Inschriften  und 
Münzen  findet  er  sich  in  Mitylene,  Kyzikos, 
Klaros,  Klazomenai,  auf  Samos,  Chios,  auf 
Kreta  u,  s.  w.  (Guhl,  Ephes.  p.  104).  Arte- 
raisbilder,  dem  ephesischen  ähnlich,  sieht  man 
auf  Silbermünzen,  die  wahrscheinlich  während 
der  Herrschaft  des  Mithradates  geprägt  wor- 
den sind  (Ile ad , coinage  of  Ephesus  pl.  5, 
2 — 6.  Friedländer- Sollet,  Münskab.  zu  Berlin 
No,  2 1 9 f . ) , auf  Silbermünzen  des  Demetrios  III. 
von  Syrien  (Cat.  of  greec  coins.  Seleucid  Icings 
No.  449).  Ihm  nachgebildet  ist  die  Figur  der 


593  Artemis  (Letikophryene  etc.) 

Artemis  Astvrene  auf  Münzen  von  Antandros 
in  Mysien  ( Zeitschr . /'.  Numism.  7,  1880  Tf.  2, 
14;  vgl.  Strab.  13  p.  006.  613).  Ferner  ist  der 
ephesische  Kult,  doch  wohl  erst  in  jüngerer 
Zeit,  im  Peloponnes  vielfach  zur  Anerkennung 
gekommen,  in  Alea  (Paus.  8,  23,  1) , Megalo- 
polis  (mit  Pan  verehrt,  der  in  Ephesos  und 
auch  sonst  in  Kleinasien  gern  zu  der  Göttin 
des  Artemisions  gesellt  wird,  Paus.  8,  26,  2. 
Zimmermann  a.  a.  0.  p.  125),  in  Sikyon,  Korinth 
u.  s.  w.  (Guhl,  Ephes.  p.  97).  Nach  Messenien 
wird  er  von  Xenophon  gebracht  (Anab.  5 , 3. 
4 — 13),  durch  die  Phokäer  nach  dem  ionischen 
Massalia  übertragen  (Strab.  4,  179.  Hermann, 
Gottesel.  Alt.  § 68,  39) , von  hier  aus  au  der 
spanischen  Küste  verbreitet  (Strab.  3,  159. 
179 ff.).  Litte r atu r:  Guhl,  Epliesiaca.  Berl. 
1843.  E.  Gurtius,  Beitr.  zur  Gesell,  u.  Topogr. 
Kleinasiens  (in  den  Abhandl.  d.  Berlin.  Akad.  d. 
Wiss.  1872  Phil. -hist.  CI.  p.  lff.).  Drs.,  Ephe- 
sus. Vortrag,  Berl.  1874.  G.  Ad.  Zimmermann, 
Ephesos  im  ersten  christl.  Jahrh.,  Jena  1874. 

J.  T.  Wood,  Uiseoveries  at  Ephesus,  including 
ilie  site  and  remains  ofthe  great  temple  of  Diana. 
London  1877.  [Ed.  Meyer,  Gesell,  d.  Altertums 
1 § 253], 

§ 17.  Artemis  Leuk opliry ene,  Per- 
gaia,  Koloene  etc. 

1.  Wahrscheinlich  aus  gleicher  Wurzel,  wie 
der  epliesische  Kult , erwuchs  derjenige  der 
Artemis  AeuKoqppuvr)  (so  durchgängig  auf  Mün- 
zen; vgl.  Bofs,  Hellenika  p.  41),  die  auf  In- 
schriften meist  AeuKoqppupvri , bisweilen  auch 
Aeuxoeppue,  wie  der  gleichnamige  Ort,  benannt 
wird.  Sie  wurde  in  Phrygien  an  einem  süfseu 
und  warmen  Teiche  verehrt  (Xenoph.  Hell.  3, 

2,  19)  und  war  Hauptgottheit  der  Magneten 
in  Kreta  (an  ihrem  Altar  der  Vertrag  zwischen 
Itania  und  Hierapytna  geschlossen,  G.  I.  Gr. 
2561b),  welche  den  Dienst  bei  ihrer  Übersied- 
lung nach  Magnesia  am  Mäander  übertragen, 
wo  sie  mit  ähnlichen  Glanz,  wie  die  ephesische 
Artemis  in  einem  prächtigen  Tempel  verehrt 
wurde  (G.  I.  Gr.  2914.  2934.  3137.  Tue. 
Ann.  3,  62).  Über  den  Tempel  vgl.  Bursian 
in  der  Allgemeinen  Encyclopädie  1,  82  p.  452. 
Auch  Themistokles  pflegt  den  Kult,  und  seine 
Söhne  weihen  ein  Bild  der  Göttin  nach  Athen 
( Pausan . 1,  26,  4).  Ebenso  stiftet  Bathykles 
von  Magnesia  ihr  Bild  in  den  Tempel  des 
Apollon  Amyklaios , für  den  er  den  gold- 

1 elfenbeinernen  Thron  geschaffen  hatte  (Paus. 

3,  18,  9;  vgl.  Arcli.  Ztg.  1883  p.  291  Anm. 
41).  Auf  Münzen  wird  sie  ganz  ähnlich  darge- 

| stellt,  wie  die  Artemis  ’Ecptoia,  unterwärts 
I konisch , vielbrüstig  und  mit  Polos  (Mion- 
net 3 , p.  137.  Bernte  de  numismatique  beige 

4,  Ser.  Bel.  3,  1865  pl.  18,  18.  Denhn.  d.  alt. 

K.  1,  2,  14);  heilige  Büffel  sind  ihr  beigege- 
ben. Über  die  Verbreitung  des  Kultus  u.  s.  w. 

| (er  ist  auch  in  Milet  angesiedelt)  vgl.  Appian 
I b.  c.  5,  9.  Strab.  14,  647. 

2.  Eine  besondere  Form  der  asiatischen 
I Göttin  finden  wir  in  Perge  in  Pamphylien,  mit 
(Artemis  identificiert  als  Artemis  TTep'fui«.  Ei- 
I gentümlich  sind  ihrem  Orakeldienste  die  das 

Land  durchstreifenden  Bettelpriester  (Hesych. 

| Suid.  Phot.  s.  v.  Strab.  14,  667.  Cie.  in  Vcrr. 


Artemis  (Kunst,  Kulttypen) 


594 


1,  20,  54;  vgl.  G.  Bitter,  Asien  9,  2 p.  585  ff). 
Auf  einer  Inschrift  von  Perga  wird  sie  g rieg- 
yai'cov  fffer  "Agzegig  genannt  (G.  I.  Gr.  add. 
4342  b) , in  Halikarnafs  Artemis  Hsgyaia  (ib. 
2656).  Das  Heiligtum  in  Perge  hatte  Asyl- 
rechte, wie  auf  Münzen  der  Stadt  angegeben 
wird,  welche  den  Tempel  mit  dem  Bilde  dar- 
stellen. Der  ursprüngliche  Name  warManapsa 
(Wt addington,  Voyage  en  Asie  Mineure  au  point 

io  de  vue  numismatique  p.  94  ff.)  Es  ist  ein  un- 
förmlicher, konischer  Stein,  mit  metallenem 
Zierat  reichlich  bedeckt,  welcher  meist  bän- 
derartig den  untern  Teil  umgiebt,  oberwärts 
in  einen  weiblichen  Kopf  ausläuft.  Darüber 
sind  zwei  Sterne  abgebildet,  zur  Seite  zwei 
stehende  Figuren  (Gerhard,  Ant.  Bildiu.  Taf. 
307.  308.  Ders.  Gesammelte  Abhandl.  Taf.  59). 
Dafs  auch  in  diesem  Kult  die  griechische  Kunst- 
auffassung der  Artemis  im  Jagdkleide  angenom- 
20  men  war,  zeigen  Silbermünzen  des  vollkom- 
menen Stils  (Friedländer -Sollet,  Berl.  Münzlc. 

2.  Aufl.  p.  90,  No.  238),  deren  Typen  ohne 
die  Beischrift  ’Agz sgidog  nigyaiag  etwa  der 
Agrotera  oder  Lapliria  zugeschrieben  werden 
würden. 

3.  Andere  Formen  der  kleinasiatischen  Ar- 
temis sind  die  Artemis  Ko\or|vfi  am  Gygäi- 
schen , später  Kolög  genannten  See  in  der 
Nähe  von  Sardes  (Strab.  13,  626;  vgl.  Arch. 
30  Ztg.  1853  p.  150),  die  am  Sipylos  mit  aus- 
gelassenen Tänzen  verehrte  Artemis  (Paus. 
6,  22,  1),  endlich  die  persische  Artemis  (Arte- 
mis TTepda,  TTepciKf)),  worüber  zu  vgl.  u.  d. 
Worte  Änaitis.  Andere  Kultbildungen  sind  zu 
besprechen  unter  Bendis,  Britomartis,  Hekate, 
Eileithyia,  Selene. 

Kunstmythologie  der  Artemis. 

§ 18.  Kulttypen. 

40  1.  In  den  Kunstdarstellungen  der  Artemis  spie- 

gelt sich  die  Vielseitigkeit  ihres  Wesens  nur  un- 
vollkommen wieder.  Manche  Kultvorstellungen 
sind  in  der  bildenden  Kunst  nicht  zum  Ausdruck 
gekommen  oder  wenigstens  bildlich  nicht  mehr 
nachweisbar.  Die  homerischen  Schilderungen 
(also  die  jüngere  Auffassung)  beherrschen  die 
künstlerische  Phantasie  und  führen  dazu,  zwei 
Seiten  hervorzuheben,  Artemis  darzustellen  als 
die  das  Wild  liebende , jagdfreudige  Göttin 
50  und  als  Spenderin  von  Licht  und  Leben,  da- 
her Bogen  und  Fackel,  allein  oder  verbunden, 
ihre  Hauptattribute  werden.  Specielle  Bildun- 
gen , die  in  einzelnen  Lokalkulten  ausgeprägt 
werden,  sind  bereits  erwähnt  worden : die  Ar- 
temis Kray  Ca  §6,2,  nazgtmztg  § 14,  5,  d>£~ 
guia  § 7,  2,  Tavgonölog  § 7,  1,  tbcoGcpogog 
§ 9,  2,  ’Tpvaia  § 10,  3,  Evnga^ia  § 10,  2 u.  a. 

2.  Hier  sollen  zunächst  ähnliche  Gestalten, 
die  sich  nur  nicht  mit  besonderen  Kultnamen 
eo  belegen  lassen,  und  alle  speciellen,  vom  mitt- 
leren Artemisideal  sich  entfernenden  Typen  zu- 
sammengestellt werden.  Die  Lanze,  das  Sym- 
bol ihrer  verderbenden  Natur,  hat  Artemis  auf 
dem  Relief  von  Asopos  (Arch.  Ztg.  1882  Taf. 
6,  1)  und  auf  Vasenbildern  gelegentlich  (z.  B. 
Denhn.  d.  alt.  Kunst  1,  2,  11.  Arch.  Ztg.  1869 
Taf.  17.  El.  ceram.  1,  pl.  97.  100.  103.  103  A). 
Vollgerüstet  sah  sie  Paus.  4,  13,  1 in  Messe- 


595  Artemis  (Kunst,  Kulttypen) 

nien,  wie  denn  aucli  die  Alxcohi]  in  Naupaktos 
als  Speerwerferin  aufgefafst  war  (§  5,  2).  Be- 
fliigelung  zeigt  die  asiatische  Artemis,  welche 
Löwe  und  Panther  hält  (§  6)  und  ausnahms- 
weise ein  attisches  Vasenbild  reifen  Stils  auf 
einer  rotfigurigen  Oinochoe  der  Sammlung  Du- 
tuit  ( Frölmer , Musees  de  France  pl.  4).  Arte- 
mis trägt  hier  den  langen  Armeichiton , auf 
dem  Kopfe  eine  Haube,  im  Rücken  den  Köcher 
und  in  der  Linken  Pfeil  und  Bogen,  während  l 
sie  mit  der  Rechten  ein  Rehkalb  liebkost. 

3.  Am  Anfang  der  Entwickelung  stehen  die 
formlosen  Idole  der  anikonisclien  Epoche,  säu- 
lenartige Kultobjekte,  wie  dasjenige  zu  Sikyon 
(§  14,  5)  oder  das  AvyoSsagci  der  Artemis  Or- 
tliia  zu  Sparta  (§  15 , 2) , das  steinerne  Idol 
der  Artemis  TLsgyakcc  (§  17,  2).  Das  Bild  der 
ikarischen  Artemis  nennt  Arnobius  (adv.  gent. 

6,  11)  ein  lignum  indolatum.  Die  Kubus-  oder 
Cy  linder  form,  doch  mit  angesetztem  Kopf  und  2 
Gliedmafsen,  haben  manche  altertümliche  Ar- 
temisdarstellungen auf  Vasenbildern.  Ein  rot- 
figuriger Krater  des  neapler  Museums  - z.  B. 

( Heydemann  No.  2200  abgeb.  Arcli.  Ztg.  1853 
Taf.  55)  zeigt  das  Opfer  des  Oinomaos  im 
Beisein  von  Pelops  und  Hippodameia  vor  dem 
auf  einer  Säule  stehenden  Kultbild  der  Arte- 
mis , welches  um  den  pfeilerartigen  Körper 
einen  Mantel,  auf  dem  Haupte  den  Polos,  in 
den  Händen  Schale  und  Bogen  trägt.  Die  3' 
Brüste  sind  unbedeckt.  Über  Artemis  Chryse 
siehe  § 15,  1. 

4.  Eine  Reihe  von  nicht  sicher  zu  benennen- 
den Kultbildern  ist  auf  attischen  Tetradrach- 
men als  Beiwerk  abgebildet.  Der  älteste  Ty- 
pus wird  bei  Beule,  Monnaies  d'Athenes  p.  287 
wiedergegeben  und  auf  Artemis  Eukleia  be- 
zogen, Artemis  im  langen  Gewände,  in  ruhi- 
ger Stellung,  Schale  und  Bogen  in  den  Hän- 
den, den  Hund  zur  Rechten.  Die  übrigen  ge-  & 
ben  ihr  eine  oder  zwei  Fackeln,  bald  das 
kürzere  Jagdgewand  (p.  325.  375  n.  214,  letz- 
teres ein  der  Praxitelischen  Statue  in  Anti- 
kyra  verwandter  Typus),  bald  den  langen,  glatt 
niederfallenden  oder  im  Vorschreiten  aufge- 
blähten Chiton  (Beule  p.  325).  So  berührt  sie 
sich  in  einzelnen  Fällen  mit  Typen  der  Deme- 
ter, nur  dafs  diese  den  faltenreicheren  Über- 
wurf, als  Abzeichen  der  mütterlichen  Gottheit, 
führt.  Wie  in  attischen  Votivreliefs  Demeter  5 
in  ruhiger  Haltung  mit  jeder  Hand  eine  Fackel 
emporhält  (z.  B.  Le  Bas,  Mon.  fig.  pl.  45),  ist 
Artemis  als  Kultbild  mit  doppelter  Fackel  an 
einem  Altar  des  Museo  Chiaramonti  (Comp.  6, 
No.  123)  dargestellt,  umgeben  von  ihren  Attri- 
buten, Bogen,  Pfeil,  Lanze  und  Krone,  dazu 
ein  heiliger  Baum  mit  daran  geknüpften  Opfer- 
gaben. Ähnlich  die  Götterbilder  auf  einem 
pompejanisclien  Wandbild  mit  Meleager  und 
Atalante  [Helbig  No.  1165.  Mus.  Borb.  7,  2)  6 
und  auf  einer  Gemme,  Sammlung  Luynes  (Nar- 
cifs  sich  spiegelnd,  King,  Antique  gems  rings 
pl.  41,  1).  Diese  besonders  würdige  Auffas- 
sung ist  noch  auf  Vasenbildern  nachweisbar, 
so  auf  der  Prachtamphora  aus  Cegli  im  Ber- 
liner Museum  (No.  1016.  Gerhard,  Apul.  Va- 
senbild. Tf.  B,  2),  wo  Artemis  im  langen  Chi- 
ton, die  brennende  Fackel  in  jeder  Hand  er- 


Artemis  (Kunst,  Kulttypen)  596 

hebend,  inschriftlich  gesichert  ist.  Delphische 
Kultverhältnisse  scheinen  auf  der  Vase  Elite 
ceram.  2 pl.  45  gemeint  zu  sein,  Apollon  mit 
dem  Lorbeerzweig  auf  dem  Omphalos  sitzend, 
vor  ihm  Artemis,  der  eben  erwähnten  glei- 
chend, und  die  Hirschkuh,  hinter  beiden  das 
delphische  Heiligtum.  Aufserdem  Satyr  und 
Mänade  und  Hermes,  der  den  pythischen  Gott 
zur  Reise  in  das  Hyperboreerland  auffordert. 
Einen  direkten  Vergleich  mit  den  erwähnten 
attischen  Typen  geben  Münzbilder  von  Tana- 
gra  (Prolcesch- Osten,  Inedita  1859  Taf.  2,  31) 
und  von  Tyrrheion  in  Akarnanien  ( Wiener 
numism.  Zeitschr.  1878  Taf.  3,  23). 

5.  Ist  hier  dieLicht  und  damitLeben  gebende 
Göttin  versinnlicht,  so  prägt  sich  in  einer  grofsen 
Reihe  von  statuarischen  Typen , deren  nahes 
Verhältnis  zum  Kultus  unverkennbar  ist,  die 
Beziehung  der  Artemis  zu  animalischer  Frucht- 
barkeit aus.  Als  Jagdfreundin  fafst  sie  das 
Wild  am  Gehörn  oder  an  den  Füfsen , als 
Schätzerin  desselben  trägt  sie  es  auf  dem  Arm 
oder  über  der  Schulter.  Letzteres  findet  sich 
auf  einem  Relief  des  Palazzo  Colonna  in  Rom, 
Artemis., leicht  archaisierend,  als  Kultfigur  im 
langen  Ärmelrock,  ein  Tierfell  um  die  Hüften, 
das  Böcklein  auf  der  linken  Schulter  tragend, 
neben  einem  ländlichen  Heiligtum  aufgestellt 
(Gerhard,  Antilce  Bildwerke  Taf.  42  = Bötti- 
cher, Baumkult  d.  Hell.  Fig.  26).  Die  Anmut 
Praxitelischer  Kunst  verrät  die  schöne  Sta- 
tuette des  Dresdner  Museums,  Artemis  im 
Amazonengewande,  darüber  die  schärpenartig 
geknüpfte  Nebris , in  deren  Falten  sie  das 
Kälbchen  trägt  (s.  die  Abbildung  zu  § 6). 
Ein  verwandter  Typus  mit  vollerer  Bekleidung 
in  Rom,  Palazzo  Piombino  (Matz-Bulm,  An- 
tike Bildw.  in  Rom  No.  668).  Strenger  auf- 
gefafst ist  die  Statue  der  Villa  Albani , Arte- 
mis noch  im  langen,  gegürteten  Gewände,  das 
Kälbchen  auf  ihrem  linken  Arm  (Gerhard, 
Ant.  Bildw.  Taf.  12  = Chirac  678  F,  1621B 
vgl.  die  Abbildung  zu  § 5).  Zweifelhaft  kami 
man  bei  einigen  Terrakotten  der  volleren 
Gewandung  (Chiton  und  Mantel)  wegen  sein, 
ob  die  tiertragende  Göttin  Artemis  oder 
nicht  vielmehr  Persephone  zu  nennen  ist,  be- 
sonders bei  einer  Thonfigur  aus  der  Krim 
(Compte-rendu  1859  Taf.  4,  2),  wo  noch  Schleier 
und  Granatapfel  auffällig  sein  würden.  Sicher 
ist  wenigstens  eine  Figur  durch  den  beigefüg- 
ten Bogen  (Compte-rendu  1872  Tf.  3,  4);  aber 
ganz  ähnlich  wie  hier  das  kaninchenartige 
Tier  auf  den  rechten  Arm  gesetzt  ist,  findet  es 
sich  bei  einer  mit  dem  Doppelgewand  beklei- 
deten Figur  (Panofka , Terrakotten  des  Ber- 
liner Museum  Taf.  29) , welcher  der  Bogen 
fehlt.  Wenn  hier  die  Beziehung  auf  Artemis 
richtig  ist,  würde  auch  ein  Torso  des  Bri- 
tischen Museums  (Clarac  566,  1207 A),  mit 
Chiton  und  Mantel  bekleidet,  ein  Stierkopf  zur 
Seite,  der  Artemis  zugewiesen  werden  dür- 
fen. Unzweifelhaft  ein  Tempelbild  ist  in  der 
Statue  aus  Gabii  in  der  münchener  Glyptothek 
(No.  93.  Benkm.  d.  alt.  Kunst  2,  16,  168  und 
Clarac  pl.  566,  1246  B.  Friederichs,  Bausteine 
No.  61)  wiedergegeben.  Köcher  und  Rehkalb, 
das  an  den  Vorderbeinen  gcfafst  wird,  cha- 


597  Artemis  (in  d.  arcli.  Kunst) 


Artemis  (in  d.  arcli.  Kunst)  598 


rakterisieren  die  Göttin,  aueli  die  Stirnkrone, 
liier  aus  kleinen  Rehböcken  und  Kandela- 
bern zusammengesetzt,  wird  ihr  seit  helleni- 
| stischer  Zeit  häufig  gegeben.  Ungewöhnlich 
ist  der  Schleier,  der  vom  Haupte  langwallend 
über  den  Rücken  herabfällt.  Die  im  Flattern 
der  Gewänder  angedeutete  lebhafte  Bewegung 
ist  hieratisch  gebunden,  archaistisch  auch  die 
Haarbehandlung.  Eine  Kultfigur  könnte  ferner 
in  demlntaglio  eines  Siegelringes  ( Comptc-rendn  10 
1873  pl.  3,  9)  nachgeahmt  sein,  Artemis  im 
Chiton  poderes  mit  dem  Köcher,  den  Pfeil  er- 
hebend, zur  Rechten  Altar  und  Lorbeerbaum, 
zur  Linken  die  Hirschkuh , emporblickend. 
Eine  Mischgestalt,  Hekate  nach  Welcher,  nach 
Furtwängler  ( Eros  p.  12)  Artemis  als  Eupra- 
xia  oder  Peitho , vielleicht  richtiger  Artemis 
die  Wildgöttin,  auf  dem  von  Eros  gelenkten 
Greifengespann , sie  selbst  ein  Hirschkalb  auf 
der  rechten  Hand  tragend,  zeigt  eines  der  meli-  2o 
sehen  Terrakottenreliefs  (aus  Aigina  stammend, 
Welcher,  Alte  Denkmäler  2 Tf.  3,  6;  vgl.  ein 
anderes  Exemplar,  wo  das  Tierattribut  weg- 
gelassen. Bull,  de  corresp.  hellen.  1879  pl.  13). 

6.  Solche  Lokalauffassungen  mag  es  in 
Menge  gegeben  haben,  sie  wurden  aber  all- 
mählich von  den  Idealtypen  der  Kunst  zu- 
rückgedrängt, deren  Bildersprache  volkstüm- 
lich verständlicher  war,  und  deshalb  scliliefs- 
lich  selbst  in  fremdartigen  Kulten  Eingang  ao 
fand.  Bezeichnend  dafür  ist  das  Beispiel  der 
Münzen  von  Ephesos , die  seit  dem  dritten 
Jahrhundert  den  Kopf  der  hellenischen  Arte- 
mis, endlich  selbst  den  Typus  der  kurzgeschürz- 
ten Jägerin  führen  ( Numism . chronicle  N.  S.  20 
pl.  5 — 9).  Ebenso  ist  auf  Münzen  von  Kydo- 
nia  in  Kreta  die  Britomartis  vollkommen  hel- 
lenisiert , im  Amazonentypus  aufgefafst , mit 
der  Linken  die  lange  Fackel  aufstützend,  zur 
Rechten  den  Jagdhund  ( Bellerin , med.  de  40 
peupl.  et  de  villes  3 pl.  99,  35.  Mionnet  2 p.  273 
No.  123). 

§19.  Entwickelung  des  Artemis- 
ideals: Archaische  Zeit. 

Obgleich  Kultvorstellungen  die  ganze  ältere 
Plastik  bedingen,  giebt  doch  die  Zusammen- 
stellung der  Artemis  mit  Apollon  dem  sie  als 
Zuschauerin  bei  seinen  Thaten  beigegeben  wird, 
frühzeitig  Veranlassung,  die  Göttin  vom  rein 
j künstlerischen  Standpunkte  aus  zu  betrachten  50 
I und  einen  möglichst  einfachen  Ausdruck  für 
' sie  zu  suchen.  Schon  die  Schule  kretischer 
Daidaliden  behandelt  sie  in  Darstellungen  des 
Dreifufsraubes  (Dipoinos  und  Skyllis,  Mar- 
i morgruppe  in  Sikyon,  Plin.  36  , 10,  dieselben 
fertigen  ein  Schnitzbild  der  Artemis  Munychia 
am  gleichen  Orte  Giern.  Alex.  Protr.  4 p.  42 
Pott.).  Diese  Statuengruppe  war  vielleicht 
Vorbild  für  manche  nachbildlich  erhaltene  ähn- 
1 liehe  Kompositionen.  Nochmals  statuarisch  60 
behandelt,  kehrt  sie  in  Delphi  wieder,  als  Werk 
1 der  korinthischen  Meister  Diyllos,  Amy- 
klaios  und  Chionis,  von  denen  letzterer 
; Athene  und  Artemis  ausführte,  als  Gegen- 
stücke so  aufgefafst,  dafs  Athene  den  Dreifufs- 
: räuber  Herakles  zurückhielt,  Artemis  dem  Bru- 
! der  beistand  (Paus.  10,  13,4).  In  einem  Drei- 
| fufse  brachte  Gitiadas  von  Sparta  ihr  Bild  an 


(Paus.  3,  18,  5).  Aufserdem  werden  Statuen 
des  Arkesilaos  von  Paros  (Diog.  Lacrt.  4,45), 
desDionysios  von  Argos  (aus  dem  Weihge- 
schenk des  Mikythos  in  Olympia  Paus.  5,  26, 
2)  genannt.  Zahlreiche  Bilder  hatte  sie  in  De- 
los, wo  ihr  im  Monat  Artemision  das  Fest  der 
Artemisia  Britomartia  gefeiert  wurde  (Bull,  de 
correspond.  hellen.  1882  p.  lff.).  Eine  Anzahl 


höchst  altertümlicher 
selbst  neuerdings  auf« 
ter  die  nebenstehend 
geschenk  der  Nikan- 
dra  aus  Naxos,  in- 
schriftlich gewidmet 
der  SKrjßoXcp  lo%euiQr] 
(Bull,  de  corr.  hell. 
1879  pl.  1;  vgl.  Ar- 
chäolog.  Zeitung  1879 
p.  85 ff.).  Die  Göttin 
tragt  den  langen,  ge- 
gürteten Chiton ; reich- 
liches  Haar,  in  symme- 
trisch gelegte  Flech- 
ten geordnet,  fällt  auf 
die  Schultern  nieder, 
während  die  Arme 
steif  am  Körper  an- 
liegen.  Unsicher  ist, 
ob  eine  an  Rücken 
und  Füfsen  geflügelte, 
in  heftigem  Ausschritt 
zur  Seite  stürmende 
weibliche  Gewand- 
figur, ebenfalls  in  De- 
los gefunden,  ein  W erk 
des  Mikkiades  und 
seines  Sohnes  Archer- 
m o s , Artemis  oder 
Nike  darstellt  (Bull,  de 
corresp.  hell.  1879  pl.  6. 
7,  vgl.  Böhl,  Inscr.  gr. 
antiqu.  380  a).  Die  Söh- 
ne des  letzteren  arbei- 
ten gleichfalls  für  De- 
los und  haben  Bilder 
der  Artemis  für  das 
kretische  Lasos  und 
für  Chios  geschaffen 
(Plin.  36 , 13).  Ein 
Werk  des  Tektaios 
und  Angelion  in  De- 
loserwähnt Athenago- 
ras (Leg.  pro  Christ. 
14  p.  61  ed.  Dechair.). 
Eine  bestimmte  Typik, 
die  fortan  für  einen 
Teil  der  Artemisbil- 
der mafsgebend  bleibt, 
finden  wir  zum  ersten 
Mal  bei  dem  Werke 
der  Naupaktier  Men- 
aichmos  und  S o i d a s 


Marmorstatuen  ist  da- 
jefunden  worden,  darun- 
abgebildete,  ein  Weih- 


Statue  der  Artemis,  gefunden 
in  Delos.  (Nach  Collir/non, 
Myth.  de  Ict  Grece). 


(c.  Ol.  80  = 460  v.  Chr.) 


angewandt.  Von  ihrer  Hand  war  die  Goldelfen- 
beinstatue der  Artemis  Laphria,  in  jagender  Stel- 
lung aufgefafst  (ro  gsv  G%ripa.  T°v  ayälgazoe  ftg- 
qevovaä  egtlv  (Paus.  7, 18,  6).  Etwa  derselben 
Zeit  gehört  das  Vorbild  der  kleinen,  durch  die 
wohlerhaltene  Bemalung  merkwürdigen  Mar- 


599 


Artemis  (in  d.  fr.  Kunst) 


Artemis  (in  d.  fr.  Kunst) 


morstatue  an,  die  in  Pompeji  innerhalb  eines 
Tempelchens  gefunden  wurde  und  sich  jetzt  im 
neapler  Museum  befindet  (Müller -Wieseler, 
Denlcm.  d.  alt.  Kunst  1,  10,  38.  Clarac  565, 
1200).  Ein  Ärmelchiton  und  ein  feingefälte- 
ter  Mantel  bekleiden  sie,  ein  Köcher  und  ein 
mit  Rosetten  besetztes  Diadem , sowie  der 
weite  Ausschnitt  dienen  zur  Charakteristik.  Sie 
hebt  mit  der  Rechten  einen  Gewandzipfel 
und  hielt  (nach  einer  Berliner  Gemme)  in  der  io 
Linken  die  Fackel.  Das  Gesicht  zeigt  mäd- 
chenhafte Züge,  deren  ,, jungfräuliche  Schüch- 
ternheit“ noch  ursprünglicher  in  einem  ver- 
wandten Marmorkopf  des  Capitolinischen  Mu- 
seums zum  Ausdruck  kommt.  Eine  geringe 
Wiederholung  derselben  Figur  enthält  die 
Sammlung  von  S.  Marco  in  Venedig  (Clarac 
561,  1196).  Archaistische  Bildungen,  wie  diese, 
sind  nicht  zahlreich  erhalten.  Den  erwähnten 
Statuen  kommt  am  nächsten  die  Figur  der  20 
Artemis  in  den  sogenannten  choragischen  Re- 
liefs (Nike  vor  Apollon  Kitharoidos,  Artemis 
und  Leto),  deren  Vorbild  in  Delphi  zu  suchen 
ist  (Fröhner , Notice  du  Louvre  No.  12 — 18, 
p.  41  ff.  Welcher,  Alte  Denkmäler  2 Taf.  2,  3 
p.  37 ff.  0.  Jahn,  Archäol.  Beiträge  p.  209 f.). 
Hier  ist  der  feine  vom  Rücken  herabwallende 
Schleier  bemerkenswert.  Ohne  diesen,  doch 
in  gleicher  Doppelgewandung,  erscheint  die 
Bogen  und  Hirschkuh  führende  Artemis  auf  30 
dem  korinthischen  Puteal  (Denlcm.  cl.  alt.  Kunst 
1, 11,  42).  Aus  dem  Motiv  der  pompejanischen 
Statuette  scheint  auch  dasjenige  der  Artemis- 
figur des  oben  (S.  311)  abgebildeten  Spada- 
reliefs entwickelt  zu  sein.  Den  einfachen  Chi- 
ton poderes  mit  Überschlag , im  langen  Haar 
ein  reifenartiges  Diadem,  trägt  Artemis  in  der 
Aktaiondarstellung  einer  jüngeren  Metope  von 
Selinunt  (Benndorf,  Meiopen  von  Selinunt  Tf.  9 ; 
s.  ob.  S.  215).  Von  den  Gemälden,  welche  litte-  40 
rarisch  bezeugt  sind,  fällt  nur  eines  in  diese 
ältere  Epoche,  das  Wandbild  des  Aregon  von 
Korinth  im  Tempel  der  Artemis  Alpheionia  bei 
Olympia,  Artemis  nach  der  Hyperboreerlegende 
darstellend,  wie  sie  vom  Greifen  emporgetra- 
gen wird  (Strab.  8,  343;  vgl.  Kl.  cer.  2,  44). 

§ 20.  Zeit  der  freien  Kunst. 

In  der  ersten  Blütezeit  ist  Artemis  noch 
wenig  Gegenstand  künstlerischer  Behandlung, 
während  sie  im  vierten  Jahrhundert  mit  den  50 
übrigen  jüngeren  Gestalten  des  Olymp  die 
bildende  Kunst  sehr  lebhaft  beschäftigt.  Die 
attische  Plastik  ist  zunächst  dem  Ideal  des 
Zeus  und  der  Athene  zugewendet;  nur  im 
Peloponnes  veranlagt  das  Ansehen  des  Arte- 
miskultus eine  Reihe  von  Darstellungen  der 
Göttin.  Unter  den  Bildwerken  des  Parthenon 
kehrt  Artemis  einmal  wieder  im  Kreis  der 
XIl  Götter  des  Ostfrieses  (Michaelis,  Parthenon. 
Taf.  14  Fig.  26),  und  zwar  an  der  Seite  des  00 
Apollon  sitzend,  mit  Chiton  und  Mantel  be- 
kleidet und  durch  die  lange  Fackel  in  ihrer 
Linken  ausgezeichnet.  Vgl.  Flasch,  zum  Par- 
thenonfries S.  48.  Noch  schlichter  ist  ihre  Er- 
scheinung auf  dem  Friese  des  phigalischen 
Tempels  (Denlcm.  d.  alt.  Kunst  1,  28,  123  b); 
es  fehlen  alle  Attribute,  im  einfachen,  nach 
attischer  Sitte  über  der  Brust  kreuzweis  ge- 


gürteten Chiton  lenkt  sie  das  Hirschgespann, 
welches  auch  den  Bruder  trägt.  Doch  wird 
bei  diesen  mehr  dekorativen  Darstellungen 
eine  genauere  Charakteristik  nicht  vermifst. 
Mit  grofser  Würde  ist  dagegen  eine  Statue 
der  Sammlung  Lansdowne  (Clarac  564  A,  1213  A) 
ausgestattet,  die  ihrer  ganzen  Auffassung  nach 
der  attischen  Kunst  perikleischer  Zeit  voll- 
kommen würdig  zu  sein  scheint,  und  ebenso  fes- 
selt durch  Strenge  und  Schönheit  der  Formen 
das  Votivrelief  des  Sohnes  eines  Bakchios  (Le 
Bas,  Voyage  archeol.  Mon.  fig.  pl.  41) , Apoll 
auf  dem  Dreifufs,  Leto  und  Artemis,  die  sich 
auf  den  Bogen  lehnt.  Von  den  Zeitgenossen 
des  Pheidias  bildet  K 0 1 0 1 e s Artemis  in  Relief 
an  dem  Preistisch  in  Olympia  (Paus.  5,  20,  1), 
Praxias  sie  statuarisch  für  das  Giebelfeld  des 
delphischen  Tempels  zusammen  mit  Apollon, 
Leto  und  den  Musen  (Paus.  10,  19,  4).  Wir 
wissen  nichts  Sicheres  über  ihre  Auffassung 
und  nur  wenig . über  die  der  gleichzeitigen 
peloponnesischen  Kunst.  Überliefert  sind  die 
Namen  desDameas  (Paus.  10,  9,  4),  welcher 
eine  Statue  der  Artemis  für  das  grofse  Weih- 
geschenk der  Lakedaimonier  nach  dem  Siege 
über  Athen  (Ol.  93,  4)  schuf,  und  des  jünge- 
ren Po  ly  kl  et,  von  dem  (Paus.  2,  42,  6;  vergl. 
Loeschcke,  Archäol.  Ztg.  1878  p.  10ff.)  im  Tem- 
pel der  Artemis  Orthia  auf  dem  Berg  Lykone 
zwischen  Argos  und  Tegea  eine  Marmorgruppe 
der  Leto  mit  ihren  Kindern  sah.  Den  argivi- 
schen  Typus  der  Artemis  in  jener  älteren  Zeit 
dürfen  wir  uns  nach  einem  Votivrelief  aus  Ar- 
gos, jetzt  im  Berliner  Museum  (Le  Bas,  Voyage 
etc.  Mon.  fig.  pl.  102  No.  1),  vorstellen  mit 
der  Einzelfigur  der  Artemis , die  in  ruhiger 
Stellung,  mit  dem  dorischen  Chiton  bekleidet, 
die  volle  Ausrüstung  trägt,  den  Bogen  in  der 
erhobenen  Linken,  in  der  Rechten  die  gesenkte 
Fackel,  den  Köcher  auf  dem  Rücken.  Sehr 
schön  wird  durch  das  nach  dorischer  Sitte  am 
Hinterkopf  in  einen  Knauf  zusammengefafste 
Haar  und  durch  die  Neigung  des  Hauptes  das 
jungfräulich  trotzige  Wesen  der  Göttin  an  ge- 
deutet, welche  die  Liebe  schüchtern  meidet 
und  allen  Schmuck  des  Hauptes  verschmäht. 
Vor  allem  war  Arkadien  und  Messenien  mit 
Tempeln  und  Bildwerken  der  Artemis  erfüllt. 
Die  sehr  individuell  entwickelten  Ortskulte 
gaben  hier  gewifs  auch  Anlafs  zu  speziellen 
Bildungen,  wie  sie  oben  (§  18)  beschrieben 
worden  sind.  Einheimische  und  attische  Künst- 
ler wetteifern  seit  dem  Ende  des  4.  Jahrh.  in 
der  Ausschmückung  der  Heiligtümer  und  am 
meisten  sind  D am  ophon  vonMessene  und  die 


til 

Hit 


w w — - — o o 

Einige  der  Werke  des  ersteren  scheinen  direkt 
von  attischer  Kunst  beeinllufst  zu  sein.  Seine 
Statue  der  jagenden  Artemis  Laphria  in  Mes- 
sene  (Paus.  4,  31,  7)  hielt  sich  an  den  Typus, 
der  in  Athen  zuerst  seine  formelle  Durchbil- 
dung erlangt  hat.  Seiner  Vaterstadt  schuf  er 
ferner  im  Tempel  des  Asklepios  (Paus.  4,  31, 
10)  ein  Bild  der  Artemis  Pliosphoros , der 
Fackelträgerin,  welche  uns  athenische  Münzen 
am  besten  verdeutlichen  können.  In  Relief 
bildete  er  Artemis  als  Thürhüterin  des  heili- 
gen Bezirks  der  grofsen  Göttinnen  (Demeter 


601 


Artemis  (in  d.  fr.  Kunst) 


Artemis  (amazonenhaft) 


602 


und  Kore)  zu  Megalopolis  {Paus.  8,  31,  1)  des 
nahen  Bezuges  wegen , den  sie  im  Kult  zur 
Persephone  hatte  (vgl.  § 8).  Deshalb  war  ihr 
Standbild  auch  dem  der  beiden  Göttinnen  zu- 
gefügt im  Tempel  der  Despoina  bei  Akakesion 
{Paus.  8,  37,  4),  der  geheimnisvollen  Myste- 
riengöttin, mit  der  sie  Beinamen  und  manche 
Züge  gemein  hat.  Über  die  Auffassung  dieses 
Bildes  berichtet  Pausanias , dafs  es  mit  dem 
Hirschfell  bekleidet  war  und  in  einer  Hand  r 
eine  Fackel  {lag-truda),  in  der  anderen  zwei 
Schlangen  hielt,  was  recht  wohl  aus  der  Sym- 
bolik des  Mysteriendienstes  der  Erdgöttinnen 
(die  Cista  mystica  lag  im  Schofse  der  De- 
spoina) erklärt  werden  könnte,  wenn  nicht  der 
dem  Bilde  beigegebene  Köcher  und  der  Jagd- 
hund auf  eine  Verderbnis  des  Textes  (statt 
r>]  Si  dQuxovtag  dvo  vielleicht  zu  lesen  rg  di 
axovrag  dvo,  vgl.  Blümner,  N.  Jahrbb.  f.  Pliil. 
1872  p.  390)  schliefsen  liefse.  Regsamer  noch,  % 
als  die  argivisch-messenische  Künstlerschaft, 
ist  die  attische,  die  sich  unermüdlich  an  dem 
Typus  der  Artemis  versucht  und  das  Ideal  der- 
selben ohne  Zweifel  in  absehliefsender  Weise 
durchbildet;  doch  spitzt  sich  die  Entwickelung 
nicht  zu  einer  einzigen,  vorherrschenden  Bil- 
dung zu,  sondern  läfst  für  allerlei,  vielleicht 
örtlich  bevorzugte  Nebenformen  Raum , auf 
welche  noch  die  römische  Kunst,  besonders  in 
len  Münzbildern,  gern  zurückgriff.  Die  litte-  3 
rarisclie  Überlieferung  nennt  folgende  Künstler. 
Zunächst  Eupliranor  und  Skopas,  welche 
Artemis  als  unmündiges  Kind  darzustellen 
»vagen;  jener  setzte  sie  auf  den  Arm  der  flüch- 
tenden Leto  ( Schreiber , Apollon  Pythoktonos 
Taf.  1—3),  dieser  auf  den  der  Amme  Ortygia 
1 n der  für  den  gleichnamigen  Tempelhain  bei 
Zphesos  geschaffenen  Gruppe  ( Strab . 14  p.  640). 
fon  letzterem  war  auch  das  Bild  der  Artemis 
liukleia  im  Tempel  zu  Theben  {Paus.  9,  17,  1).  4 
/ on  Timotheos,  einem  der  Genossen  des 
Gkopas  am  Maussolleion  zu  Halikarnafs,  er- 
vähnt  {Plin.  36,  32)  eine  Marmorstatue  der 
Artemis,  die  in  römischer  Zeit  sich  im  Apollo- 
empel  auf  dem  Palatin  befand.  Aufs  engste 
st  aber  der  Name  des  Praxiteles  mit  der 
l ollendungdes  Artemisideals  verknüpft.  Bereits 
ein  Vater,  der  ältere  Kephisodot,  arbeitet 
nit  Xenophon  zusammen  ein  Marmorbild  der 
röttin  (der  Artemis  Soteira)  für  Megalopolis  5 
Paus.  8,  30,  5),  von  dem  wir  zwar  nichts  Ge- 
aueres  erfahren,  aber  annehmen  dürfen,  dafs 
f s bereits  die  Grundlinien  der  Schöpfungen 
eines  gröfseren  Sohnes  vorzeichnete.  Von 
iesem  wissen  wir,  dafs  er  sich  sechsmal  der- 
elben  Aufgabe  zuwendete.  Er  bildete  Statuen 
er  Göttin  für  die  Gruppe  der  12  Götter  im 
• 'empel  der  Artemis  Soteira  zu  Megara  {Paus. 

, 40,  3,  von  Klein  irrig  dem  älteren  Praxi- 
eles  zugeschrieben),  ferner  mit  Apollon  und  e 
»eto  zusammen  für  Megara  und  Mantineia 
Paus.  1,  44,  2;  8,  9,  1),  Einzelstatuen  für  den 
empel  bei  Antikyra  {Paus.  10,  37,  1)  und 
ir  das  Heiligtum  der  Artemis  Brauronia  auf 
er  Burg  von  Athen  {Paus.  1 , 23 , 7) ; end- 
ch  wird  auch  ein  ihm  zugeschriebener  Altar 
n Artemision  zu  Ephesos  {Strab.  14  p.  64) 
is  Bild  der  Göttin  enthalten  haben.  Noch 


von  seinen  Söhnen  hat  der  eine,  Kephisodo- 
tos  d.  j.,  die  ererbten  Traditionen  gepflegt  und 
eine  Marmorstatue  der  Artemis  hinterlassen, 
die  später  im  Tempel  der  Iuno  innerhalb  des 
Porticus  der  Octavia  zu  sehen  war  {Plin.  36, 
24).  Über  Strongylion  vergl.  das  Folgende. 
Aufserdem  wird  noch  eine  Marmorgruppe, 
Apollon  und  Artemis  auf  einem  Viergespann, 
von  dem  nicht  zu  datierenden  Künstler  Ly  sias 
{Plin.  36,36)  und  ein  Gemälde  des  Nikoraa- 
chos,  Apollon  und  Artemis  darstellend  {Plin 
35,  109),  erwähnt. 

§ 21.  Artemis  amazonenhaft. 

1.  Genauer  bekannt  sind  uns  aus  Münzbildern 
nur  zwei  von  diesen  Bildwerken , eine  Statue 
der  Artemis  Soteira  von  der  Hand  des  Stron- 
gylion, die  als  Weihgeschenk  nach  den  Per- 
serkriegen in  Megara  aufgestellt  wurde  {Paus. 
1,  40,  6)  und  das  praxitelisehe  Tempelbild  von 
Antikyra.  Das  erstere  Werk  war  für  den  Tem- 
pel zu  Pagai  in  Megaris  genau  wiederholt  wor- 
den {Paus.  1,  44,  4)  und  findet  sich  auch  auf 
den  Münzen  von  Megara  und  Pagai  nachgebil- 
det {Denkm.  d.  alt.  Kunst  2,  16,  174b.  Over- 
beck, Plast.  I3,  Fig.  83).  Die  Statue  des  Praxi- 
teles kennen  wir  aus  Münzen  von  Antikyra 
{Revue  numismatique  1843  pl.  10,  3),  deren 
Reversbild  mit  der  Beschreibung  des  Pausa- 
nias, die  Verwechselung  von  rechts  und  links 
abgerechnet,  übereinstimmt.  Beide  fassen  sie 
amazonenhaft  auf,  in  kurzem  gegürteten  Chi- 
ton, mit  Jagdstiefeln,  das  Haar  rückwärts  in 
einen  Bund  zusammengeschnürt,  lebhaft  als 
d'riQtvovG a ausschreitend , ein  Typus  , den  be- 
reits Menaichmos  und  Soi'das  (c.  460  v.  Chr.) 
festgestellt  hatten,  und  dessen  Gewandmotiv 
durch  das  diesen  Künstlern  gleichzeitige  Re- 
lief von  Asopos  (§  18,  2)  als  längst  bekannt  be- 
zeugt ist.  Strongylion  giebt  der  jagenden 
Artemis  zwei  Fackeln,  Praxiteles  Fackel  und 
Bogen , den  Köcher  auf  den  Rücken , den 
Jagdhund  an  die  Seite , Attribute , die  sich 
eigentlich  widersprechen,  aber  als  von  alters 
her  überliefert  in  Kultstatuen  gern  verbunden 
werden.  So  hat  Artemis  auch  als  Jägerin 
häufig  die  Hirschkuh  an  Stelle  des  Hundes 
neben  sich  (z.  B.  in  der  Statue  von  Versailles) 
oder  sie  ist,  obgleich  zur  Jagd  bewehrt,  von 
dem  sich  lustig  tummelnden  Wild  des  Wal- 
des umgeben  (Flachrelief  griechischer  Erfin- 
dung im  Mus.  Ghiaramonii  im  Vatikan  Comp. 
29.  No.  731).  Am  deutlichsten  wird  sie  als 
Bändigerin  des  Wildes  durch  einen  vermutlich 
Lysippischer  Zeit  angehörenden  Typus  charak- 
terisiert, in  welchem  sie  die  Hirschkuh  ereilt 
hat  und  sie,  mit  dem  Knie  auf  den  Rücken 
des  Tieres  gestützt,  am  Gehörn  zu  sich  reifst 
(Votivreliefs  aus  Philippi  in  Thrakien,  Heuzey, 
Mission  en  Macedoine  pl.  4.  — Münzen  von 
Ephesos,  Denkm.  d.  alt.  Kunst  2,  16,  170,  von 
Kilikien , Zeitschr.  f.  Numism.  10  p.  271  Taf. 
10,  9 = Imhoof-Blumer,  Monn.  <jr.  pl.  H No.  7 
— statuarisch:  Glarac  564D,  1246c;  vgl.  574, 
1230  — auch  auf  einem  Vasenbild  der  Samm- 
lung Blacas,  wo  Artemis  aber  den  langen  dori- 
schen Chiton  trägt,  Archäolog.  Ztg.  1846. 
Taf.  46). 

2.  Die  übrigen  statuarischen  Typen  ent- 


603 


Artemis  (amazonenliaft) 


Artemis  (amazonenliaft) 


wickeln  sich  aus  ruhigen  zu  immer  kompli- 
zierteren Stellungen , sie  können  hier  nur  in 
den  Hauptvarianten  angeführt  werden.  Eine 
sich  vielfach  abwandelnde  Klasse  bilden  die 
dem  bekannten  (auf  Polykleitos  und  Pheidias 
zurückgeführten)  Amazonentypus  sich  anschlie- 
fsenden  Statuen:  Clarac  pl.  580,  1237 B.  576, 
1240.  5G8,  1209  C.  u.  s.  w.  — mit  Untergewand, 
einfach  gegürtet  Clarac  566,  1246  A.  (Variante 
567,  1208  A).  Ebenfalls  in  ruhiger  Stellung, 
doch  mit  der  Nebris,  die  schärpenartig  über 
das  Gewand  gelegt  ist:  Statue  im  Palazzo 
Vidoni  ( Matz-Duhn , Antike  Bildwerke  in 
Born  No.  687.  Clarac  833 B,  2026 A.  Braun, 
Ant.  Marmorw.  1 , 2)  und  ähnlich  in  Villa 
Borghese  {Clarac  567,  1209).  Vgl.  das  Vasen- 
bild Panofka  Cab.  Pourtales  pl.  21.  Selbst 
die  Entblöfsung  der  einen  Brust  wird  nicht 


Artemis  von  Versailles,  Marmorstatue  im 
Louvre. 


gescheut,  um  dem  geläufigen  Amazonentypus 
noch  näher  zu  kommen.  Sie  findet  sich  auf 
dem  Votivrelief  für  Artemis  Eupraxia  (§  10,  2)  so 
und  in  sehr  charakteristischer  Weise  mit  dem 
Überfall  des  Gewandzipfels,  wie  ihn  die  sog. 
Amazone  des  Sosikles  im  Capitolinischen  Mu- 
seum zeigt  ( Clarac  812B,  2032),  kombiniert  in 
einem  durch  zwei  Kopieen  bekannten  Werke 
{Mus.  Chiaram.  27,  651  = Friederichs,  Baust. 
No.  772  und  Clarac  576,  1241),  ein  Fall,  wo 
die  Abhängigkeit  von  dem  älteren  Ideal  (des 


604  i 

Pheidias  oder  Kresilas ?)  nicht  zweifelhaft  sein 
kann.  Der  ersterwähnte  Typus  mit  dem  Motiv 
des  Ausschreitens  verbunden  in  der  schönen 
Bronze  in  Lyon  {Graz,  archeol.  1876  pl.  13):  \ 
Artemis  mit  Fackel  und  Bogen,  den  Hund  zur 
Linken. 

3.  Eine  zweite  Klasse  fügt  dem  kurzen, 
doppeltgegürteten  Chiton  die  shwalartig  um  die 
Hüften  geschlungene  Clilamys  hinzu,  und  auch 
hier  werden  zwei  Momente  behandelt , das 
ruhige  Stehen  und  das  lebhafte  Ausschreiten  J 
der  Jägerin.  Ersteres  z.  B.  Clarac  558  B,  1239  A. 
569,  1215.  577,  1243.  573,  1228,  auch  in  Ter- 
rakotten Clarac  576,  1239,  letzteres  in  der  an- 
mutigsten Weise  durchgeführt  in  der  Statue  der 
Artemis  von  Versailles  im  Louvre  (s.  die  neben- 
stehende Abbildung  und  Clarac  pl.  284.  Fröh- 
ner,  Notice  du  Louvre  No.  98),  aber  statuarisch 
oft  wiederholt,  auch  in  Reliefs  und  auf  Münzen 
nachgebildet  {Clarac  572,  1224  u.  s.  Heuzey, 
Mission  en  Macedoine  pl.  4,  2,  3.  Bull.  mun.  j] 
di  Borna  1 tav.  2.  Numism.  chron.  N.  S.  16 
pl.  9,  8).  Sie  greift  mit  der  Linken  in  das  J 
Geweih  der  neben  ihr  springenden  Hirschkuh, 
mit  der  Rechten  rückwärts  nach  dem  gefüll- 
ten Köcher,  ihr  Blick  ist  weitausschauend  zur 
Seite  gewendet.  Ähnlich,  doch  an  Stelle  der 
Gürtelschärpe  die  Nebris  führend,  die  neapler 
Bronzefigur  Mus.  Borb.  2,  58  = Clarac  564 C, 
1218C. 

4.  Schon  hellenistischer  Motivkünstelei 
nähern  wir  uns  in  der  lediglich  nach  Schön- 
heitsgesetzen ohne  Rücksicht  auf  die  herkömm- 
liche Typik  erfundenen  Statue  aus  Gabii  {Cla- 
rac 285,  1208.  Fröhner , Notice  No.  97,  wo  die 
Repliken  verzeichnet  sind) , die  gewifs  kein 
Tempelbild  (auf  die  Brauronische  Artemis  in 
Athen,  Werk  des  Praxiteles,  irrig  bezogen  von 
Studuiczka,  Vermutungen  zur  Griech.  Kunst ■ • 
gesch.  p.  18 ff.),  und  überhaupt  nur  durch  das 
amazonenartige  Untergewand  charakterisiert 
ist,  während  der  Mantel,  den  sie  auf  der  rech- 
ten Schulter  zirsammenzuspangen  im  Begriff 
steht,  eine  in  hellenistischer  Zeit  beliebte  Zuthat 
ist.  Er  findet  sich  nochmals  in  einer  ungefähr 
gleichzeitigen  Terrakottafigur  aus  Tanagra 
{Kelcule,  Griech.  Thonfig.  aus  Tanagra  Tf.  17). 

Die  jungfräuliche  Göttin  trägt  über  dem  kur- 
zen Chiton  die  schurzartige  Nebris  und  dar- 
über den  Mantel,  in  den  sie  den  linken,  auf 
einen  Pfeiler  aufgestützten  Arm  gewickelt  hat. 

Die  Rechte  stemmt  sie  in  die  Seite,  auf  dem 
Rücken  der  Köcher,  am  Boden  der  aufschauende 
Hund.  Den  linken,  mit  derChlamysbehangenen 
Arm  eingestemmt,  mit  zwei  Jagdspeeren,  sonst 
ähnlich  eine  Thonfignr  aus  Thisbe  im  Berliner 
Museum  {Arch.  Ztg.  1881  p.  253).  Ohne  Chlamys, 
mit  Fackel  und  Scliaale  in  den  Händen : eine 
Terrakottafigur  aus  Myrrliina  {Bull,  de  corresp. 
hellen.  7 p.  209).  Ein  leichtes  Mäntelchen  trägt 
sie  auch  auf  pompejanischen  Wandbildern  (z.  ß. 
Mus.  Borb.  10,  20.  Helbig , Camp.  Wandgcm. 

No.  236 , der  andere  Darstellungen  anführt 

p.  454 ff.),  und  in  dem  Reliefbilde  eines  römi- 
schen Medaillons  (des  Antoninus  Pius,  Jahrb. 
d.  Kunsthistor.  Sammlungen  d.  österr.  Kaiserhau- 
ses Bd.  1 Taf.  5,  20):  Artemis  sich  zum  Bade 
vorbereitend.  In  ungewöhnlicher  Tracht,  mit 


605 


Artemis  (langgewandet) 


Artemis  (langgewandet) 


606 


einem  zweiteiligen  Mantel  über  der  Tunica, 
Speer  und  Jagdleine  (?)  in  den  Händen,  er- 
scheint sie  zwischen  Silvan  und  Hercules  auf 
einem  römischen  Votivrelief  des  Louvre  (Chi- 
rac 1G4,  63). 

§ 22.  Artemis  langgewandet. 

1.  Gleichzeitig  mit  dem  amazonenhaften  Ar- 
temistypus entwickelt  sich  ein  anderer  in  man- 
nigfacher Abwandlung,  doch  mit  dem  deut- 
lichen Stilgepräge  attischer  und  zwar  Praxi-  io 
telischer  Kunst.  Das  gemeinsame  Kennzeichen 
dieser  Statuenklasse  ist  der  faltenreiche,  auf 


30 


40 


50 


Artemis  aus  Palazzo  Colonna,  jetzt  im  Berliner 
Museum. 

lie  Fiifse  niederwallende  Chiton,  zu  dem  aus- 
nahmsweise noch  ein  Unterkleid  und  der  Man-  co 
tel  tritt.  Mit  stürmischem  Ausschritt  (das 
inke  Bein  voran),  sodafs  die  Falten  des  Ge- 
wandes in  weitem  Bogen  Zurückschlagen,  die 
Vrme  vorgestreckt,  im  ärmellosen  dorischen 
ihiton , dessen  umgegürteter  Überfall  durch 
las  Köcherband  gekreuzt  wird,  dazu  mit  lan- 
gem, den  Rücken  deckendem  Schleier,  sehen 
vir  sie  in  einer  Reihe  von  Statuen,  die  auf 


ein  berühmtes  Vorbild  zurückgehen  (bestes 
Beispiel  die  sog.  Artemis  Colonna  in  Berlin, 
welche  Friedericlis , Praxiteles  und  die  Niobe- 
gruppe — darnach  die  nebenstehende  Abbil- 
dung — wohl  mit  Recht  dem  Praxiteles  zu- 
schrieb, andere  Repliken  bei  Clarac  564,  1207. 
568,  1209B.  564  A,  1214B.  572,  1222  u.  a.  m .). 
Dasselbe  Motiv  schlichter  behandelt  (ohne  den 
Schleier  im  Rücken)  in  der  Bronzestatuette 
zu  Wien  ( v . Saclien,  Antike  Bronzen  in  Wien 
Taf.  7,  1),  mit  erhaltenem  rechten  Arm,  wel- 
cher noch  das  Ende  einer  Fackel  hält.  Eine 
Variante  geben  einige  Statuen,  die  zu  dem 
Chiton  ein  am  Oberarm  geknöpftes  Unterkleid 
hinzufügen,  sonst  aber  das  beschriebene  Motiv 
unverändert  lassen  (Clarac  568,  1210.  354,  1066. 
286,  1214). 

2.  Offenbar  demselben  Künstleratelier  ent- 
stammt eine  aufserordentlich  häufig  kopierte 
Artemisstatue,  von  der  eine  geringe,  aber 
sehr  gut  erhaltene  Replik  sich  im  Dresdener 
Museum  ( Ilettner 3 No.  40.  Becker,  Augusteum 
Taf.  45.  Clarac  569,  1214A)  befindet.  Der 
mädchenhafte  Charakter  der  Göttin  ist  glück- 
lich im  Typus  des  Kopfes  und  in  der  ruhigen 
Haltung  ausgedrückt,  dorischer  Chiton,  unge- 
giirtet,  linkes  Standbein,  die  gesenkte  Linke 
hält  den  Bogen,  die  Rechte  greift  nach  dem 
Köcher.  Manche  Wiederholungen  sind  durch 
Restauration  unkenntlich  geworden,  z.  B.  Cla- 
rac 471,  899.  516,  1050.  468,  883  (als  Athena), 
449,  790  (als  Demeter)  u.  s.  w.  Derselbe  Ty- 
pus mit  bakcliisehen  Attributen  bei  Clarac 
696B,  1621  A. 

3.  Ist  hier  die  Charakteristik  zu  gunsten 
der  Schönheit  möglichst  vereinfacht , so  hat 
bei  einer  verwandten  Schöpfung  die  Rück- 
sicht auf  den  Kultus  die  Zufügung  eines 
älteren  Kultbildes  der  Göttin  veranlafst,  auf 
welches  sich  Ar- 
temis mit  dem 
linken  Arm  auf- 
stützt. Sie  trägt 
aufser  dem  hier 
gegürteten  Chi- 
ton ein  schär- 
penartig geleg- 
tes Mäntelchen, 
rechtes  Stand- 
bein, die  Linke 
hielt  den  Bo- 
gen, die  Rechte 
griff  nach  dem 
Köcher , neben 

ihr  steht  die  Artemis  auf  einem  Bronzemedaillon 
emporblicken-  des  Antoninus  Pius, 

de  Hirschkuh : 

Marmorgruppe  aus  Larnaka  (Arch.  Ztg.  1880 
Taf.  17);  dazu  die  vollständigere  Nachbildung 
auf  Münzen  von  Eukarpia  in  Phrygien  (a.  a.  0. 
u.  Mon.  dell'  Inst.  1833  tav.  57,  B No.  3),  vgl. 
auch  die  Lampe  aus  Knidos  bei  Netvton,  Dis- 
cov.  at  Halicarnassus  pl.  84,  5.  Eine  Vorstufe 
dieses  Typus  zeigt  die  Marmorstatuette  des 
Braccio  nuovo  im  Vatikan  ( Clarac  571,  1220). 
Artemis  im  langen,  gegürteten  Chiton,  mit  dem 
Bogen  schiefsend,  auf  Münzen  von  Orchomenos 
in  Arkadien  ( Prokesch , Abhandl.  d.  berl.  Alcad. 


607 


Artemis  (Attribute  etc.) 


Arvagastae  matronae 


608 


d.  Wiss.  1845  Taf.  3 No.  48) , und  in  einer 
Bronzestatue  des  neapler  Museums  ( Glarac 
570B,  1239B).  Ruhig  stehend  neben  der  Hirsch- 
kuh, deren  Geweih  sie  fafst,  während  die  an- 
dere Hand  den  Bogen  hält:  auf  einem  ge- 
schnittenen Stein  (Müller -Wieseler,  Denkm.  d. 
alt.  Kunst  2,  16,  169)  und  in  dem  Bronze- 
medaillon des  Antoninus  Pius  (Cohen,  Med.  im~ 
per.  7,  144.  Titelvignette.  Revue  numism.  1861 
pl.  4,  1 u.  s.).  (S.  die  umstehende  Abbildung). 
Eigentümlich  vollbekleidet , mit  Chiton  und 
langem  Armelmantel,  worüber  das  Köcherband 
gelegt  ist,  finden  wir  die  sog.  Zingarella  des 
Louvre  (Fröhner , Notice  cito  Louvre  No.  95. 
Clarac  287,  1231,  eine  Replik  in  England  ib. 
500,  984). 

§ 23.  Kop  ftypen. 

Noch  schwieriger  als  die  Klassificierung 
der  statuarischen  Typen,  ist  die  Bestimmung 
des  Artemisideals , wie  es  in  den  Köpfen  aus- 
geprägt worden  ist.  Eine  Sammlung  des  zer- 
streuten Materials  ist  noch  nicht  versucht  wor- 
den, die  Benennung  mancher  Einzelköpfe  da- 
her noch  zweifelhaft.  Doch  möchten  in  einem 
überlebensgrofsen  Marmorkopf  des  Capitolini- 
schen  Museums  — einem  sicheren  Originalwerk 
griechischer  Zeit  — alle  Elemente  gegeben 
sein , welche  Artemis  von  anderen  weiblichen 
Gottheiten  des  Olymps  unterscheiden , der 
„mutige  Blick“,  welchen  ein  Epigramm  des 
Diotimos  ( Anthol . Lai.  2 p.  674.  No.  158) 
an  der  Göttin  hervorhebt , die  mädchenhafte 
Frische  um  Mund  und  Wangen,  dazu  der 
schmale  Stirnreif,  aus  dem  sich  allmählich  die 
in  campanischen  Wandbildern  beliebte  Zacken- 
krone entwickelt.  Die  attische  Kunst  scheint 
die  geschwisterliche  Ähnlichkeit  zwischen  Apoll 
und  Artemis  auch  in  den  Gesichtszügen  durch- 
gebildet zu  haben  und  zwar  schon  in  einer 
den  Parthenonskulpturen  nahe  stehenden  Zeit. 
Zwei  Marmorköpfe , deren  einer  früher  den 
Giebelfiguren  des  Parthenon  zugerechnet  wurde, 
repräsentieren  diesen  älteren  Typus  (Laborde, 
Atlienes  pl.  1.  Gaz.  archeol.  1875  pl.  1.  Mon. 
dell'  Inst.  1880,  11.  tav.  16).  Er  zeichnet  sich 
durch  volle  und  doch  rundliche  Verhältnisse 
und  eigentümlich  knappe  Fesselung  des  Haa- 
res aus , Züge,  die  männlich  kräftiger  in  dem 
Kopf  der  Apollonstatue  aus  Sammlung  Hope 
(Apollon  auf  Hyakinthos  gestützt,  Clarac  494  B, 
966 A)  ausgebildet  sind.  Andere  Typen  wei- 
chen wesentlich  von  diesem  ab,  z.  B.  derjenige 
des  Kopfes  der  oben  erwähnten  Statue  im 
Braccio  nuovo  (Clarac  571,  1220),  wovon  sich 
eine  Einzelreplik  in  Villa  Ludovisi  ( Schreiber , 
Antike  Bildw.  in  V.  L.  No.  287)  befindet.  Die 
Weiterbildung  des  Kopfideals  vollzieht  sich 
bei  beiden  Göttern  gemeinsam,  so  dafs  wie- 
derum der  Typus  des  belvederischen  Apolls 
mit  dem  der  Artemis  von  Versailles  die  engste 
Verwandtschaft  hat. 

§ 24.  Attribute  und  Opfertiere. 

Pfeil  und  Bogen,  Fackel  und  Lanze  kom- 
men ihr  in  den  verschiedensten  Kulten  zu, 
frühzeitig  auch  die  Stirnkrone,  die  in  helle- 
nistischer Zeit  gern  zackenähnlichen  Besatz 
bekommt.  Zusammenstellung  der  Attribute 
auf  campanischen  Wandbildern  bei  Helbig, 


Wandgem.  Camp.  No.  241—248  p.  454.  Hei- 
lig ist  ihr  von  Bäumen  die  Cypresse  (Böt- 
ticher, Baumkult  der  Hell.  p.  493),  von  Tie- 
ren der  Bär  (arkadisch-attischer  Kult),  der 
Hirsch , der  Hund  (ihr  Jagdbegleiter  und 
ihr  Kampfgenofs  gegen  die  Giganten) , der 
Stier  (Artemis  TavQonolog),  der  Eber  u.  a. 
Attributiv  wird  ihr  der  Greif  auf  Mün- 
zen von  Cherronesos  in  Taurien  beigegeben 
io  (Koehne,  Beiträge  zur  Geschichte  u.  Archäologie 
von  Cherr.  in  Taur.  Taf.  2).  Manche  dieser 
Tiere  erscheinen  vor  ihrem  Wagen,  oder  sie 
reitet  auf  ihnen  , z.  B.  sehr  häufig  auf  dem 
Hirsch  (Dareiosvase,  Wiener  Vorlegeblätter  Ser. 
7 Taf.  6 a.  Compte-rendu  1868  Taf.  1,  2 u.  3. 
Elite  ceram.  2 pl.  43.  Gerhard-Körte , Etrus- 
kische Spiegel  Bd.  5 Taf.  10).  Sie  wird,  wie 
ihr  Bruder,  vom  Greifen  aus  dem  Hyperboreer- 
lande gebracht  (auf  dem  Gemälde  des  Aregon 
20  im  Tempel  der  Artemis  Alpheionia  bei  Olym- 
pia Strab.  8 p.  343)  oder  fährt  mit  dem  Grei- 
fengespann (melische  Terrakotta),  mit  dem 
Hirschgespann  (Kallim.  Dian.  110.  Relief  von 
Phigalia  Thonlampe:  Lucerne  e candelabri  di 
Ercolano.  Nap.  1798  p.  118.  208  u.  s.  w.\  auf 
Vasenbildern  auch  oft  mit  Pferden  (Elite  ce- 
ram. 2,  41  u.  s.j.  Geopfert  werden  ihr  Hirsch 
und  Eber  in  Patrai  (Paus.  7,  18,  12),  Eber  in 
Samos  (Hesych.  s.  v.  ■nangoepctyog.  Paus.  1,  27, 
30  9;  5,  10,  9),  Böcke  in  Thessalien  (Anton. 
Lib.  13)  i Ziegen  in  Brauron  und  Lakedai- 
mon.  Über  ursprüngliche  Menschenopfer  vgl. 
Claus,  de  antiguiss.  Dianae  natura  p.  36 ff. 

[Schreiber.] 

Artibia  (’AQußio:),  Tochter  des  Amphidamas, 
Gemahlin  des  Sthenelhos,  Mutter  des  Eurystheus, 
Ilesiod  bei  Schol.  II.  19,  116.  [Stoll.] 

Artio,  -onis,  eine  helvetische  Göttin  der 
Fruchtbarkeit.  In  der  Nähe  von  Bern  fand  man 
40  die  Erzstatuette  einer  sitzenden  Göttin,  die  in 
der  Rechten  eine  Schale,  in  der  Linken  Blumen 
und  Früchte  hält  (Bullet,  dell'  Instit.  Arch.  1832 
p.  166).  Die  Basis  zeigt  die  Inschrift;  Deae 
Artioni  Licinia  Sabinilla  (Or .-Uenzen  5874  u. 
Orelli , Anall.  epigr.  p.  52).  Nach  Fick , griech. 
Personennamen  p.  71  von  irisch  art  = Stein. 

[Steuding.] 

Ärtifices  Minervae,  jedenfalls  im  Sinne  von 
Künsten  der  Minerva,  werden  auf  einer  Weih- 
50  inschrift  von  der  Insel  Apsorus  (Ossero)  in 
Dalmatien  erwähnt  C.  I.  L.  3,  3136.  Zu  ver- 
gleichen sind:  Aures  Bonae  deae  etc.,  Vires 
Aug.  u.  dergl.  [Steuding  ] 

Arubianus , Beiname  des  Iuppiter  als  des 
Schutzgottes  von  Arubium  in  Moesia  infer.  auf 
einer  Inschrift  aus  Stöttham  bei  Traunstein, 
C.  I.  L.  3,  5575:  JOM  Arubiano  L.  Camius 
Celer.  sacerdos  urbis  liomae  aeternae  etc.  und 
einer  desgl.  aus  Pidenhart  bei  Seeon  (Salz- 
co  bürg),  G.  1.  L.  3,  5580:  I.  0.  M.  Arubiano 
et  Bedaio  Sancto  etc.  (219  n.  Ohr.).  Furlanetto 
im  Anhang  zum  Forcell.  erwähnt  noch  eine  an- 
dere Inschrift:  In  h.  d.  d.  I.  0.  M.  Arub.  et 
Sancto  Bed.  — Immer  ist  er  mit  Bedaius  (s.  d.) 
verbunden.  [Steuding.] 

Arvagastae  matronae,  nach  einer  Örtlich- 
keit genannt,  wohl  celtische  Gottheiten  auf 
einer  Inschrift  aus  der  Nähe  von  Köln;  Orelli 


Arvales 


609 

2081:  Matronis  Arvagastis  Aul.  Titius  Victor 
\ v.  s.  I.  m.  [Steuding.] 

Arvales  s.  Dea  Dia. 

Asandros  (AectvÖQog)  s.  Anaxarete. 

Aslbolos  (’AaßoXog),  1)  ein  Kentaur  auf  der 
Hochzeit  des  Peirithoos , lies.  Seiet.  185,  wo 
er  olcaviaxiqg,  Yogelscliauer , heilst.  Vgl.  As- 
bolos  augur  b.  Ov,  Met.  12,  309  nach  Roschers 
Verbesserung  statt  des  früheren  Astylos  (II o- 

■ scher  in  Fleckeisens  Jahrb.  1872  S.  428).  Spä-  l 
! ter  wurde  er  von  Herakles  gekreuzigt,  Phi- 

\ lostr.  Her.  19.  § 17.  Tzetz.  Chil.  5,  22.  Sein 
' Name  auf  einem  Kantharos  des  Berl.  Museums 
j ( Neuenv . Denhn.  n.  1588).  Vgl.  auch  C.  I. 

! Gr.  7383  u.  8185c.  — 2)  Hund  des  Aktaion, 

■ Ov.  Met.  3,  219.  [Stoll.] 

Ascensus  s.  Indigitamenta. 

Ascliera  s.  Astarte. 

Asergneliae  liiatronae,  nach  einer  Örtlich- 
keit genannte,  wohl  celtische  Gottheiten,  auf  2 
einer  Inschrift  aus  Blankenhain  in  der  Eifel; 
j Orelli  2082.  [Steuding.] 

Asia  ( Aalet ),  1)  Tochter  des  Okeanos  und 
1 der  Tethys  ( Hes.  Theog.  359) , von  Iapetos 
Mutter  des  Atlas,  Prometheus,  Epimetheus  und 
I Menoitios,  Apollod.  1,  2,  2.  3.  Tzetz.  Lylc.  219. 

894.  1283.  1412.  Et.  M.  Schol.  Aescliyl.  Front. 

I 347.  Schol.  Ap.  Rh.  1,  444.  Bei  Hesiod  Theog. 

! 508  ist  die  Mutter  der  Genannten  Klymene. 

Asia  heifst  Gemahlin  des  Prometheus,  Hcro-  3 
I dot  4,  45.  Steph.  Byz.  v.  Aalet.  Nach  ihr  soll 
Asien  benannt  sein,  Herodot  a.  a.  O.  Über 
ihre  ursprüngliche  Bedeutung  s.  Schömann, 
j Opusc.Ac.  2,p.  151.  Vgl.  Völclcer,  Japet.  Geschl. 
i S.  375.  Buttmann,  Myth.  1,  S.  223.  2,  S.  172. 
175.  Preller,  Gr.  Mythol.  2,  S.  117.  Braun, 
Gr.  Götterl.  §.  159.  — 2)  Tochter  des  Nereus 
und  der  Doris,  Hygin.  Praef.  — - 3)  Beiname 
der  Athene  in  Kolchis,  von  wo  die  Diosku- 
ren  bei  der  Rückkehr  von  der  Argonauten-  4 
fahrt  ihre  Verehrung  nach  Lakonien  brachten. 

I Sie  bauten  ihr  in  Las  einen  Tempel,  Paus.  3,  24, 

5.  Preller , Gr.  Mythol.  2,  S.  334,  4.  [Stoll.] 
Asiades  (AaietSiqg),  1)  Genosse  des  Memnon 
i vor  Troja,  Quint.  Sm.  2,  364.  — 2)  Sohn  des 
Asios:  Adamas  (II.  12,  140),  Phainops  (II.  17, 
;583)._  [Stoll.] 

Asias  (Aalag,  ov,  fco),  König  in  Lydien,  Epo- 
nymos  der  sarclischen  Phyle  Asias , nach  wel- 
chem, wie  die  Lydier  behaupteten,  Asien  den  r, 
Namen  hatte,  ein  Sohn  des  Kotys  (oder  Atys), 
Enkel  des  Manes,  Herodot  4,  45.  Et.  M.  Aalco 
sv  Xsiycövi.  Strab.  14,  p.  650.  Tzetz.  Byk.  1283. 
Eustatli.  ad  Ilion.  Per.  270.  620.  Seine  Mut- 
ter heifst  Myio  oder  Myia,  Schol.  II.  2,  461. 
Vollständiger  findet  sich  die  Genealogie  (nach 
mythologischen  Schriftstellern  über  Lydien) 
'bei  Dion.  Hai.  1,  27:  von  Zeus  und  der  Erde 
i stammt  Manes,  von  diesem  und  der  Okeanide 
Kallirrhoe  Kotys,  der  Vater  des  Asias  und  6 
;Atys;  Atys  aber  zeugte  den  Lydos.  Bei  Steph. 
Byz.  v.  Aalet  heifst  Asias  Sohn  des  Lydos. 

8.  Buttmann,  Mythol.  2,  175.  235.  [Stoll.] 
Asine  (Aolvri),  Tochter  des  Lakedaimon,  nach 
i welcher  die  lakedämonische  Stadt  Asine  be- 
nannt sein  soll.  Steph.  Byz.  s.  v.  [Stoll.] 
Asios  (Aaiog) , 1)  Sohn  des  Hyrtakos  aus 
Arisbe.  Er  führte  den  Troern  Hilfsvölker  zu 
Roscher,  Lexikon  der  gr.  u.  röm.  Mythol. 


Askalaphos  610 

aus  Sestos,  Abydos,  Arisbe  u.  s.  w.  und  wurde 
von  Idomeneus  erlegt,  II.  2,  835.  12,  139.  13, 
384ff.  Strab.  13.  p.  585.  Dio  Chrys.  or.  55. 
p.  562.  C.  I.  Gr.  6125.  — 2)  Ein  Sohn  des 
Phrygiers  Dymas  (oder  Ivisseus),  Bruder  der 
Hekabe,  in  dessen  Gestalt  Apollon  den  Hek- 
tor  zum  Kampfe  gegen  Patroklos  aufmunterte, 
II.  16,  715ff  u.  Schol.  Nach  Dilctys  4,  12 
wurde  er  von  Aias  getötet , vgl.  Eustatli. 
p.  1083.  Strab.  13,  p.  590.  — 3)  Sohn  des 
Imbrasos , Kampfgenosse  des  Aeneas , Verg. 
Aen.  10,  123.  — 4)  Ein  weiser  Künstler  (cp i- 
Xoaocpog  yoc&ryictxniog,  xslsaxyg),  Verfertiger  des 
Palladions,  das  er  dem  König  Tros  schenkte; 
deswegen  nannte  dieser  dem  Asios  zu  Ehren 
das  von  ihm  beherrschte  Land,  das  bisher 
"HnsiQog  hiefs,  Asia.  Tzetz.  Lylc.  355.  Suid.  v. 
nalXctSiov.  Joann.  Antioch.  fr.  24,  6.  Schol. 
II.  6,  311.  — 5)  Beiname  des  Zeus,  der  unter 
diesem  Namen  zu  Asos  in  Kreta  ein  uraltes 
Heiligtum  hatte.  Steph.  Byz.  ’Aoog.  [Stoll.] 
Askalabos  (AondXaßo g) , Sohn  der  Misme, 
welche  die  vom  Suchen  nach  der  Tochter  er- 
schöpfte Demeter  in  Attika  mit  einem  Tranke 
erquickte.  Als  die  durstige  Göttin  das  dar- 
gereichte Gefäfs  fast  ganz  austrank,  verlachte 
und  verspottete  sie  Askalabos.  Da  gofs  De- 
meter entrüstet  den  Rest  der  Flüssigkeit  über 
den  Knaben  aus  und  verwandelte  ihn  so  in 
eine  scheckige  Eidechse  (Nikand.  b.  Anton. 
Lib.  24).  Dieselbe  Sage,  aber  ohne  Nennung 
der  Namen,  findet  sich  Ov.  Met.  5,  446  ff.  (vgl. 
Nilcand.  Hier.  484  ff.  Lact.  Harr.  Fab.  5,  7). 
Sie  hat  wohl  ihren  Grund  darin,  dafs  die  Ei- 
dechse wegen  der  Hitze,  die  sie  liebt,  und 
wegen  des  von  ihr  angeblich  verursachten 
Schadens  als  ein  der  Demeter  verhafstes  (Misme 
von  fuasco)  Tier  galt.  (Vgl.  Welcher,  a.  Denkm. 
1,  409.  Anders  Förster,  Raub  der  Persephone 
82A.  4f.).  [Schirmer.] 

Askalaplios  (Aaucclctcpog),  1)  Sohn  des  Ares 
und  der  Astyoche,  der  mit  seinem  Bruder  Ial- 
menos  die  Völker  des  minyeischen  Aspledon 
und  Orchomenos  auf  30  Schiffen  nach  Troja 
führte  (II.  2,  511  ff.  Paus.  9,  37,  7.  Dict.  Cret. 
1,  13.  17.  4,  2.  Dar.  Phryg.  14.  Hyg.  f.  159 
u.  97 , wo  die  Namen  der  Eltern  Lycus  und 
Pernis  auf  Korruption  der  Stelle  beruhen).  Er 
gehörte  mit  seinem  Bruder  zu  den  sieben  Hel- 
den der  Wache  am  Graben  aufserhalb  der  Mauer 
(II.  9,  82),  focht  mit  Idomeneus  gegen  Aineias 
beim  Leichname  des  Alkathoos  (II.  13,  478  ff), 
ging  mit  einigen  Genossen  auf  das  Idagebirge, 
um  Holz  zum  Scheiterhaufen  des  Patroklos  zu 
fällen  (Dict.  Cret.  3,  12),  und  kämpfte  tapfer 
gegen  das  Fufsvolk  der  Penthesileia  (ibicl.  4, 
2).  Er  wurde  von  De’iphobos  getötet,  worüber 
sein  Vater  Ares  in  die  äufserste  Wut  geriet 
(II.  13,  51 8 ff.  15,  HOff  Hyg.  f.  113).  Die 
Grabschrift  beider  Brüder  bei  Ar  ist.  Pepl.  19(2)  B. 
Nach  einem  Nostos,  dem  Eust.  Hom.  p.  1009, 
31  folgt,  wurde  Askalaphos  in  Palästina  be- 
graben und  gab  dem  Lande  Samareia  (du i xo 
snsi  actfict  xöv  ’Aqi ]v  noigaai  xm  viä)  den  Na- 
men (vgl.  Müller,  Orcliom.  241.  283.  Preller, 
gr.  Myth.  1,  263  f.).  Bei  Apd.  1,  9,  16  wird  er 
nebst  seinem  Bruder  auch  zu  den  Argonauten 
und  3,  10,  8 sowie  Hyg.  f.  81  zu  den  Freiern 

20 


611 


Askalos 


Askanios 


612 


der  Helena  gezählt.  — 2)  Sohn  des  Acheron 
und  der  Gorgyra  (Apd.  1,  5,  3)  oder  der  Örphne 
(d.  i.  der  Dunkeln) , einer  von  den  Nymphen 
des  Avernersees  ( Ov . Met.  5,  539),  oder  der 
Styx  ( Serv . Verg.  Aen.  4,  462  und  Georg.  1,  39. 
Myth.  Vat.  1,  7.  2,  100.  Schot.  Bern.  Lucan. 
6 , 740).  Er  entschied  durch  seine  Aussage, 
dafs  Persephone  von  der  Granate  im  Garten 
des  Pluton  gegessen  habe , deren  Schicksal 
und  wurde  zur  Strafe  dafür  von  ihr  selbst  oder 
von  Demeter  (Serv.  a.  a.  0.  Lact,  ad  Stat. 
Theb.  3,  511.  Myth.  Vat.  2,  100)  in  eine  Eule 
verwandelt.  Nach  der  bei  Apd.  1,  5,  3 u.  2, 
5,  12  uns  entgegentretenden  Form  des  Mythus, 
auf  welche  derjenige  von  der  Verwandlung 
des  Askalabos  (s.  d.)  in  eine  unter  Steinhaufen 
sich  verbergende  Eidechse  eingewirkt  zu  haben 
scheint  (Welcher,  a.  JDenlcm.  1,  409  Anm.  5), 
wälzte  Demeter  im  Hades  einen  schweren 
Stein  auf  Askalaphos,  und  erst  als  Herakles 
diesen  weggewälzt  hatte,  trat  die  Verwand- 
lung in  eine  Eule  ein.  Dieser  Mythus  von 
dem  verabscheuten  Vogel  der  Nacht  und  des 
Unheils  (äa-nülacpos  = Nachtvogel  nach  Pott 
in  K.  Z.  7,  257.  8,  104)  ist  der  düstern  Sce- 
nerie  der  Unterwelt  angepafst  (vgl.  Preller, 
gr.  Myth.  1 , 681).  [Schirmer.] 

Askalos  (’Aayuxlo?),  Sohn  des  Hymenaios  und 
Bruder  des  Tantalos.  Er  wurde  von  Alkimos 
(Akiamos?),  dem  Könige  von  Lydien  (vgl.  Suid. 
s.  v.  tESuv&os),  als  Feldherr  an  der  Spitze  eines 
Heeres  nach  Syrien  gesandt,  verliebte  sich 
aber  dort  in  eine  Jungfrau  und  gründete  die 
Stadt  Askalon.  Xanthos  und  Nicolaos  Dam. 
b.  Steph.  Byz.  s.  v.  ’Aa%ödcov.  [Roscher.] 
Askanios  ( ’Aokocvlos , lat.  Ascanius),  1)  Sohn 
des  Aineias  und  der  Kreusa,  der  Tochter 
des  Priamos,  Verg.  Aen.  2,  666  oder  der  La- 
vinia,  Liv.  1,  1,  11;  dagegen  läfst  Liv.  1,  3,  3 
unentschieden,  ob  Askanios  der  Sohn  der  Kreusa 
oder  der  Lavinia  gewesen  sei,  Serv.  Verg.  Aen. 
1 , 7.  Bei  Homer  kommt  Askanios  als  Sohn 
des  Aineias  nicht  vor;  ob  die  kyklischen  Epen 
ihn  kannten,  wissen  wir  nicht. 

a)  Askanios  in  der  Heimat. 

Nach  der  gewöhnlichen  Sage  verliefs  Aska- 
nios als  Knabe  das  brennende  Troja  an  der 
Hand  seines  Vaters:  so  in  der  Darstellung  der 
Tabula  Iliaca,  die  nach  Stesichoros'  Ilm  Per- 
sis  gearbeitet  sein  soll  (G.  I.  Gr.  6125),  und  bei 
Verg.  Aen.  2,  723;  auf  der  alten  Münze  der  Stadt 
Aineia  trägt  Kreusa  ein  Kind  auf  dem  Arm,  unter 
welchem  man  wohl  den  Askanios  zu  verstehen 
hat;  vgl.  oben  Aineias  c.  22.  S.  184ff.  Varro 
nannte  bei  dieser  Scene  zwei  Söhne  des  Aineias: 
Ascanius  u.  Eurybates , vet.  interpr.  zu  Verg. 
Aen.  2,  717.  Einer  andern  Anschauung  folgend 
nannte  Hellanikos  von  Mitylene  (Lion.  1,  47. 
48)  ihn  den  ältesten  Sohn  des  Aineias;  er 
wurde  von  seinem  Vater  in  das  Daskyliten- 
land  an  der  Propontis  gesendet,  damit  er  dort 
als  König  herrsche,  kehrte  aber  mit  Hektors 
Sohn  Skamandrios  und  den  übrigen  Hektori- 
den  bald  nach  Troja  zurück.  Nach  anderen 
Sageu  wiederum  sollte  Aineias  aus  Italien  nach 
Troja  zurückgekehrt  sein,  dort  als  König  ge- 
herrscht und  das  Reich  dem  Askanios  hinter- 
lassen haben,  Dion,  1 , 53.  Ähnlich  läfst  De- 


metrios  v.  Skepsis  den  Askanios  u.  Skaman- 
drios die  Stadt  Neuskepsis  am  Ida  gründen 
und  das  dortige  Fürstentum  in  diesen  beiden 
Geschlechtern  lange  Zeit  erblich  sein,  Strabo 
13,  607  (vgl.  unter  Aineias  c.  4 S.  164 f.).  Bestä- 
tigt wird  die  Herrschaft  des  Askanios  am  Ida 
auch  durch  Konon  Narr.  41.  Dieser  er- 
zählt, Askanios  habe  sich  aus  der  Gefangen- 
schaft der  Pelasger  dadurch  befreit,  dafs  er 
i ihnen  die  Stadt  Antandros.  überliefs.  Die 
troischen  Städte  Askania  und  Arisbe  führten 
auf  ihn  ihre  Gründung  zurück,  Steph.  Byz. 
’Achccvi'k. 

b)  Askanios  auf  der  Wanderung  und 
in  L atium. 

Askanios  geht  mit  seinem  Vater  aufser 
Landes;  so  schon  nach  der  Iliu  Persis  des  Ste- 
sichoros, wenigstens  nach  der  Darstellung  der 
Tabula  Iliaca ; auch  Sophokles  scheint  ihn  in 
) diesem  Zusammenhang  genannt  zu  haben,  Strabo 
13 , 608.  (Nauck , Trag.  Gr.  Frg.  133).  Der 
Gergithier  Kephalon  (Lion.  1 , 72 , vgl.  49) 
kannte  vier  Söhne  des  in  Thrakien  verstorbe- 
nen Aineias:  Askanios,  Euryleon,  Romylos, 
Romos.  Lionys.  1,  53  erwähnt  die  Sage,  dafs 
nur  Askanios , nicht  Aineias  nach  Italien  ge- 
kommen sei,  und  Eratosthenes  brachte  sogar 
Askanios  direkt  in  Verbindung  mit  Rom,  in- 
sofern er  Romulus  einen  Sohn  des  Askanios 
i nannte,  Serv.  Verg.  Aen.  1,  273.  Lionysios  v. 
Chalhis  bei  Dion.  v.  H.  1,  72  giebt  an,  dafs 
nach  einigen  Remus  (Pägog)  der  Sohn  des 
Askanios  sei.  Bei  Plut.  Mom.  2 hält  ein  Un- 
genannter die  Rome  für  eine  Tochter  des  As- 
kanios. In  Vergils  Aeneis,  die  nur  von  einem 
Sohn  des  Aineias  weifs,  erscheint  Askanios 
als  schöner,  zum  Jüngling  heranreifender  Knabe, 
von  seinem  Vater  und  von  Venus  zärtlich  be- 
hütet: 1,  657  ff.  646,  ein  trefflicher  Jäger  und 
Pfeilschütz  4,  156;  7,  475,  ein  guter  Reiter 
5,  546.  Nach  der  Landung  der  Trojaner  an 
der  karthagischen  Küste  entrückt  ihn  Venus 
nach  ihrem  Tempel  zu  Idalium  auf  Cypern, 
während  sie  unter  seiner  Gestalt  den  Cupido 
zur  Dido  sendet  1,  657 — 695.  In  Sicilien  führt 
Askanios  bei  den  Wettkämpfen  zu  Ehren  des 
verstorbenen  Anchises  das  trojanische  Spiel  an 
5,  545—602,  in  Latium  ist  sein  Jagdabenteuer 
am  Ufer  des  Tiber  mit  dem  Hirsch  des  Tyr- 
rhus  die  Veranlassung  zu  dem  ersten  blutigen 
Zwist  der  Eingebornen  und  der  Trojaner  7, 
475  — 539.  Bei  der  Verteidigung  des  trojani- 
schen Lagers  gegen  Turnus  und  die  Latiner 
erlegt  Askanios  mit  seinem  Pfeil  den  prahle- 
rischen Rutuler  Numanus  9,  590  ff,  sonst  be- 
teiligt er  sich  nicht  an  den  Kämpfen.  — Nach 
des  Aineias  Tod  übernimmt  er  das  Reich  der 
Latiner,  Dion.  1,  65.  Bei  Liv.  1,  3,  1 findet 
sich  der  Zug,  dafs  Askanios  damals  noch  in 
jugendlichem  Alter  und  unter  Vormundschaft 
der  Mutter  stand.  Ungenannte  römische  Schrift- 
steller (Dion.  1,  73)  lassen  den  Askanios  das 
ganze  Reich  mit  seinen  Brüdern  Romulus  und 
Remus  teilen.  Er  besiegte  die  Etrusker,  tötete 
denMezentius  (so  nach  Cato)  und  weihte  dem 
deus  indiges  Aeneas  am  Numicius  das  Hei- 
ligtum an  ’ der  Stelle,  wo  dieser  in  der 
Schlacht  verschwunden  war,  Serv.  Verg.  Aen. 


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Askanios 


Askanios 


614 


12,  794.  1,  267.  vet.  interpr.  zu  Verg.  Aen.  1, 
260.  Cass.  Dio  frg.  4,  8.  Mit  einigen  Abwei- 
chungen findet  sich  die  Sage  auch  bei  Dion. 
1,  65:  Askanios  siegt,  nachdem  er  der  Rebe 
Frucht  im  latinischen  Land  dem  Iuppiter  ge- 
weiht hat;  Lausus,  des  Mezentius  Sohn,  fällt, 
Mezentius  schliefst  Frieden  und  enthält  sich 
j für  die  Folgezeit  aller  Feindschaft,  vgl.  Liv. 

1,3,4  und  unter  Aineias  c.  20b.  S.  180. 

! Dreifsig  Jahre  nach  Laviniums  Gründung  er- 
baut Askanios  Alba  Longa,  Dion.  1,  66.  Liv. 
1,  3,  4.  Verg.  Aen.  1,  269.  Die  Sage  er- 
' zählt  darüber  Folgendes:  die  von  Aineias 

i schwangere  Lavinia  flüchtete  sich  aus  Furcht 
vor  ihrem  Stiefsohn  Askanios  in  die  Wälder 
I zu  dem  Hirten  Tyrrhus;  dort  gebar  sie  ihren 
Sohn  Silvius.  Da  sich  wegen  der  Flucht  der 
, Königin  der  Hafs  des  Volkes  gegen  Askanios 
i wendete , rief  dieser  seine  Stiefmutter  zurück, 
überliefs  ihr  Laurolavinium  und  erbaute  für 
j sich  Alba  Longa,  Serv.  Verg.  Aen.  6,  760. 
j Dion.  1,  70  , weiter  ausgeschmückt  bei  Aurel. 
! Vict.  de  orig.  g.  R.  16,  17.  Dort  ereignete 
i sich  das  Wunder,  dafs  die  von  Lavinium  nach 
Alba  verpflanzten  Penaten  immer  wieder  an 
ihren  früheren  Standort  zurückkehrten,  bis  As- 
kanios sie  in  Lavinium  liefs,  Dion.  1,  67.  Serv. 

I Verg.  Aen.  1,  270,  vgl.  Aigestes  2 ob.  S.  144. 
Askanios  regierte  dreifsig  Jahre,  Serv.  Verg. 
Aen.  3,  391.  1,  269,  oder  achtundreifsig  Jahre 
i Dion.  1,  70,  oder  er  starb  im  4.  Jahre  nach 
Albas  Gründung , Appian  ed.  Belcker  p.  12, 
Z.  31.  Nach  seinem  Tod  kam  die  Herrschaft 
; an  Silvius  (der  auch  Ascanius  genannt  wurde 
! Serv.  Verg.  Aen.  6,  760),  entweder  weil  Asca- 
nius kinderlos  starb  Serv.  a.  a.  O.,  oder  weil 
die  Latiner  entschieden,  dafs  nicht  Julus,  des 
Ascanius  ältester  Sohn,  sondern  Silvius  die 
I Herrschaft  führen  sollte.  Julus  aber,  von  dem 
sich  das  Geschlecht  der  Julier  ableitete , er- 
hielt statt  des  Thrones  eine  gewisse  priester- 
liche  Macht  und  Würde,  Dion.  1,  70.  Abwei- 
chend davon  sagt  Liv.  1,  3,  6,  dafs  Silvius  des 
Ascanius  Sohn  und  Nachfolger  gewesen  sei, 

| vgl.  Cass.  Dio  frg.  4,  10.  Die  Sitte  des  apex 
auf  der  Mütze  der  Flamines  sollte  Ascanius  in 
Alba  eingeführt  haben,  Serv.  Verg.  Aen.  2,  683, 

, ebenso  das  trojanische  Spiel  Verg.  Aen.  5,  596 ff. 
Die  Tradition  weist  darauf  hin,  dafs  die  Ai- 
neiassage  zuerst  in  Lavinium  heimisch  gewor- 
den und  von  dort  ins  Binnenland  nach  Alba 
Longa  getragen  worden  ist.  Vgl.  Preuner, 
Hestia-Vesta  S.  372.  Bamberger,  Rhein.  Mus. 
6,  82  ff.  Nach  Paulus  epit.  F.  p.  23  war  Ai- 
mylos,  der  Stammvater  der  gens  Aemilia,  ein 
zweiter  Sohn  des  Askanios.  Vgl.  Aineias  22, 
oben  S.  184  ff.  Er  erscheint  auch  auf  den  Mi- 
niaturen zu  Vergib  Über  Askanius  zu  Alba 
Longa  handelt  ausführlich  Schivegler , B.  G. 

> l2,  337 ff. 

e)  Über  die  Namen  des  Helden. 

Merkwürdig  ist  die  Vielnamigkeit  des  As- 
kanios. Die  gewöhnliche  Sage  hielt  nur  die 
Namen  Ascanius  und  Julus  fest,  daher  bei  Uvid. 

• Met.  14,  609:  Ascanius  binominis.  Der  Name 
Askanios  selbst  weist  auf  das  nordwestliche 
! Kleinasien  als  die  Heimat  der  Sage.  Serv. 
Verg.  Aen.  1,  267  leitet  den  Namen  vom  phry- 


gischen  Flufs  Ascanius  ab.  Überhaupt  finden 
sich  Ascania  und  Ascanius  als  geographische 
Namen  für  Landstriche,  Städte,  Flüsse,  Seen 
in  Bithynien,  Phrygien , Troas,  Äolis,  für  In- 
seln an  der  Küste  von  Troas  und  im  ägäisclien 
Meer.  Vgl.  Pape-Benseler  unter  ’Aßy lavüx,  ’Aa- 
v-uviog  und  Plinius  n.  h.  4,  71.  5,  138.  144. 
148.  121.  Wahrscheinlich  ist  der  Name  nur 
hellenisiert  und  von  Haus  aus  nichtgriechischen 
io  Ursprungs.  Vgl.  Winer , bibl.  Realwörterbuch 
unter  Askenas.  Wichtig  ist,  dafs  nach  La- 
garde  ges.  Abh.  1866.  S.  254  f.  griechisch-phry- 
gische  Münzen  den  Gott  Lunus  mit  phrygi- 
scher  Mütze  und  der  Umschrift  grjv  "Aomivog 
(andere  grjv  Aav-ciiog)  zeigen.  Klausen , Aen.  u. 
die  Penaten  S.  118  ff.  133.  137  sieht  im  Askanios 
einen  phrygischen  Quelldämon  und  macht  aus 
ihm  infolge  der  unrichtigen  Ableitung  von  cce- 
Kog  auch  einen  „ Schlauch dämon“,  was  ihm  Ger- 
iet hard , gr.  AI.  1 § 348  u.  ö.  nachgesprochen  hat. 
Dion.  1,  65  sagt,  dafs  er  den  Namen  Askanios 
erst  auf  der  Flucht  erhalten,  früher  aber  Euryleon 
geheifsen  habe.  Vgl.  Appian.  ed.  Beklcer  p.  12 
Z.  27;  anders  der  Gergithier  Kephalon  bei 
Dion.  1,  72.  Vergil  in  der  Aeneis  1,  267  nennt 
drei  Namen:  Ascanius,  Julus,  Ilus  „at  puer 
Ascanius,  cui  nunc  cognomen  Julo  additur 
(Ilus  erat,  dum  res  stetit  Ilia  regno )“  u.  s.  w. 
Serv.  zu  Verg.  Aen.  4 , 159  fügt  noch  hinzu 
30  die  Namen  Dardanus  und  Leontodamas  oder 
Leo[n]damas  (keine  von  beiden  Formen  findet 
sich  bei  Pape-Benseler) : Dardanus  et  Leonto- 
damas dictus  est  ad  exstinctorum  fratrum  sola- 
cium  (die  letzten  Worte  sind  dunkel).  Die 
Namen  Ilus  (vgl.  auch  Appian.  b.  c.  2 , 68), 
Dardanus , Ascanius  weisen  auf  die  troische 
Sage  hin;  Euryleon  und  Leontodamas  könnten 
aus  griechischen  Epen  stammen , da  sich  die 
Namen  in  den  Hexameter  fügen;  Julus  soll 
40  Askanios  erst  in  Latium  genannt  worden  sein. 
Cato  hat  dies  wohl  in  den  Origines  erwähnt, 
und  zwar  erfolgte  die  Umnennung,  als  Aska- 
nios nach  dem  Tod  des  Aineias  den  Mezen- 
tius besiegt  und  getötet  hatte , Serv.  Verg. 
Aen.  1,  267.  6,  760.  9 , 745.  Cato  Orig.  1,  9 
Peter,  bestätigt  durch  Aurel.  Vict.  de  orig.  g. 
B.  15  extr.  An  beiden  letzteren  Stellen  wird 
neben  Cato  auch  C.  Julius  Cäsar  als  Gewährs- 
mann genannt,  der  bekanntlich  auf  diese  Ab- 
50  stammung  viel  Wert  legte.  Suet.  Caes  6.  Ap- 
pian b.  c.  2,  68.  Julus  wird  Serv.  Verg.  Aen. 
1,  267  abgeleitet  entweder  von  loßolog  i.  e. 
sagittandi  peritus  oder  von  iovlog  — primae  bar- 
bae lanugo,  quae  ei  ( Ascanio ) tempore  victoriae 
nascebatur.  Dagegen  Aur.  Victor : „weil  As- 
canius eine  glänzende  Tapferkeit  bewiesen 
hatte,  hielten  ihn  die  Latiner  nicht  nur  für 
einen  Sohn  Iuppiters , sondern  nannten  ihn 
auch  mit  etwas  verkleinertem  und  abgeänder- 
60  tem  Namen  zuerst  Iobus  (=  Iovus?  Jolus?), 
dann  Iulus.“  Dies  ist  wahrscheinlich  die  rich- 
tige Überlieferung.  Bücheier,  lexic.  Italic. 
Bonn  1881  S.  11  führt  an:  Iovilus  oskisch  = 
Iovi  consecratus.  Iulus  ist  vielleicht  durch  Zu- 
sammenziehung entstanden  aus  Iovulus  (vgl. 
Romulus,  Proculus , Regulus)  oder  direkt  aus 
lovlus  = der  kleine  Iuppiter,  luppitersohn,  zu 
Iuppiter  gehörig,  vergl.  Iovius.  Diese  Bezeich- 

20* 


615  Asklepios  (Name)  Asklepios  (Genealogie)  616 


nung  giebt  für  den  Sohn  des  Aineias  einen  guten 
Sinn,  denn  dieser  selbst  war  ein  deus  indiges, 
eine  Art  Iuppiter  Latiaris  geworden,  vgl.  Ai- 
neias c.  20.  a.  c.  S.  181  f. ; zu  Alba  Lon- 
ga, woher  die  gens  Iulia  stammt,  bestand 
vor  allem  der  Kultus  des  Iuppiter  Latiaris; 
möglich , dafs  Iulus  zu  Alba  alter  sakraler 
Name  des  Iuppiterpriesters  war , der  Titel 
wurde  später  zum  Eponym  für  die  Iulier  (Iu- 
lius:  Iulus  = Flaminius:  Hamen).  Bei  Livius 
führen  noch  mehrere  in  Staatsämtern  stehende 
Iulier  aus  altrepublikanischer  Zeit  den  Na- 
men Iulus  als  Familiennamen,  vgl.  Dion.  v. 

H.  8,  1.  Die  Annahme,  dafs  Iulus  von  röm. 
Historikern  nur  den  Iuliern  zu  Liebe  erfun- 
den worden  sei , ist  schon  wegen  des  letz- 
ten Umstandes  kaum  glaublich.  Vergil  ge- 
brauchte den  Namen  dreisilbig,  weil  er  an  die 
unrichtige  Ableitung  aus  dem  Griechischen 
glaubte;  Hör.  Carm.  4,  2,  2 ist  Iulus  zweisil-  20 
big  gemessen.  Wahrscheinlich  stand  in  den 
Hausbüchern  der  Familien  lulischen Geschlechts 
bereits  der  Name  des  Ahnherrn  Iulus  (Paral- 
lele bei  Hör.  Carm.  3 , 17 , 4)  und  kam  aus 
ihnen  an  die  Annalisten.  Damit  erkläre  ich 
mich  gegen  die  Auffassung  Schweglers  B.  G. 

I2  S.  338  mit  Anm.  8.  — 2)  Sohn  des  Pria- 
mos,  Apollod.  3,  12,  5.  9.  — 8)  ein  Bundes- 
genosse der  Troer  aus  dem  phrygischen  As- 
kania,  II.  B 862.  Sträbo  12  p.  564.  565.  — 30 
4)  Sohn  des  Hippotion,  ein  Myser,  II.  N 792 
aus  Askania,  vgl.  Strabo  a.  a.  0.  und  Faesi- 
Franke  zur  Stelle.  — 5)  Trojaner,  von  Neop- 
tolemos  getötet,  Quint.  Smyrn.  9,  192. 

[Wörner.] 

Asklepios. 

I.  Der  Name. 

’AcHlamog  äolisch  und  dorisch:  Inschriften 
von  Pherai  und  Krannon  {Keil,  inscr.  Thessal.  40 
p.  7),  Elateia  ( Bangabe  ant.  hell.  2 n.  953), 
Lesbos  {Ephem.  epigr.  2 p.  21,  C.  I.  Gr.  n.  2194) ; 
Hermione  {C.  I.  Gr.  n.  1198),  Rhodos  ( Bidl.de 
corr.  hell.  2 p.  138)  etc.  [ ’AgkIcctcos  {C.  I.  Gr. 
n.  5131  Kyrene)  ist^vohl  nur  Versehen  des 
Steinmetzen..]  ’Ag  xlazziog  böotisch  {Ban- 
gabe 2 n.  898).  Aio  %lcnc  16  g {Annali  6,  222 
tav.  E;  AlguIutiiÖs  gelesen  v.  Böckh  C.  I.  n. 
6737,  AiG%laßi6g  v.  Böhl,  Inscr.  gr.  antiquiss. 
n.  549)  auf  dem  Schenkel  einer  archaischen  50 
Bronzefigur  zu  Bologna.  Damit  stimmt  bis 
auf  die  Aspirata  überein  Ai s cl apiu s auf  einer 
etruskischen  Schale  Bullet.  1864  p.  24,  woraus 
durch  Vokaleinschaltung  die  lateinische  Form 
Aesculapius  wurde.  ’AghXs  znt.6  g in  der 
spartan.  Inschr.  C.  I.  Gr.  n.  1444  (dieselbe  In- 
schrift giebt  mehrmals  sz  für  1).  Endlich  die 
ionisch- attische  Form  Aav-Xrin  lo  g.  — Seit  man 
sich  gewöhnt  hatte  den  Namen  als  Komposi- 
tum mit  gmog  zu  fassen,  konnte  man  auf  die  eo 
Accentuation  als  Proparoxytonon  verfallen. 
Das  soll  nach  Ps.-Plut.  vit.  10  orat.  p.  261 
( Hutten ) Demosthenes  gethan  haben,  jedoch 
unter  Protest  der  Athener  (vgl.  Eust.  ad  II.  4, 
202.  Ilerodian  1 p.  122  Lenz.).  Für  densel- 
ben Accent  sind  unter  den  Neueren  eingetreten: 

G.  Hermann,  doctr.  metr.  § 14  u.  BöcJch,  not. 
crit.  ad  Pind.  p.  455,  jedoch  nicht  überzeugend 


(vgl.  Spitzner,  de  versuher.  p.  84).  — Etymo- 
logieen  der  Alten:  Etym.  magn.  s.  v.  ’Aansls g, 
Etym.  Gud.  s.  v.  ’AGv.hqm6g , Eust.  zu  II.  4, 
202.  Der  Neueren:  von  ccGHtxXaßog  (=  Schlange) 
Welcher,  gr.  Götterl.  2 p.  736  mit  Anm.  10, 
(vgl.  Angermann  in  Curtius,  Stud.  z.  gr.  u.  lat. 
Gr.  9,  247  f.)  Mähly , die  Schlange  im  Myth. 
p.  6;  von  yXcccpco  Heffter , Bel.  d.  Gr.  2,  343; 
von  ctXnco  — ’Al^ymog  Preller,  gr.  Myth.  23 
10  403  Anm.  1;  vgl.  auch  L.  Meyer,  Bemerk,  zur 
ältesten  Gesch.  der  gr.  Myth.  p.  70.  Eine  Blu- 
menlese von  Ableitungen  aus  dem  Semitischen 
bei  Sichler , Die  Hierogi.  im  Myth.  des  Askl. 
— Der  Name  ist  durchaus  dunkel. 

II.  Die  Person  des  Asklepios. 

A.  Überlieferte  Stemmata  und  Herkunft 
des  Kultus. 

1.  Überlieferung  von  Trikka  in  Thessal. 
Apollon  — Stilbe 

Lapithas 

Asklepios. 

Ilias  2,  732  und  dazu  Eustath.,  Strabo  p.  437 
u.  647.. 

2.  Überlieferung  von  Lake r eia  in  Thess. 
(Dotius  Campus)  und  Epidauros: 

Phlegyas 
.1 

Koronis  — Apollon 
Asklepios. 

Hes.  Eoeen  fr.  50  u.  51  {Schäm.),  Hom.  Hymn. 
auf  Asklepios.  Pind.  Pyth.  3,  34.  Pherekyd. 
fr.  8 {Müll.).  Über  das  Eingreifen  des  Ischys 
in  diese  Genealogie  vgl.  unten.  — Die  epidaur. 
Tradition  bei  Paus.  2,  26,  4 u.  7. 

3.  Überlieferung  der  sondernden 
Theologen  {„theologi  et  vetustatis  abscondi- 
tae  conditores“  Arnob.  4,  14): 

Elatos 

I 

Ischys  — Koronis 
Asklepios. 

Io.  Lyd.  de  mens.  4,  90:  Ssvzegog  {’AghX.)  ’lG%vog 
tov  ’EXdzov  Hai  Kogcovtdog,  og  £V  zoig  Kvvog- 
ovgiSog  hg  zoig  izacpr}.  Vgl.  Cie.  de  nat.  deor. 
3,  22.  57,  wo  als  Eltern  genannt  werden  Va- 
lens u.  Coronis,  als  Ort  des  zaepog  Cynosara. 
Cleni.  Alex,  protr.  2 § 30  stimmt  im  Namen 
des  Ortes  mit  lo.  Lyd.,  die  Schol.  bemerken 
dazu:  Hcoyrj  Acnis  ö az gov 0 g (eine  lakonische 
Phyle  Kynosura  bei  Hesych.  s.  v. ; vgl.  Paus. 
3,  16.  9).  Panofka  Askl.  u.  Asldepiaden  p.  9 
will  den  arkadischen  Berg  Kvvocovga  ver- 
standen wissen. 

4.  Messenische  Überlieferung. 
Leukippos 

. I 

Arsinoe  — Apollon 

Asklepios  u.  Eriopis. 

Paus.  2,  26.  7.  ' HgioSov  r)  zcöv  zzva  syTttnoii]- 
hÖtojv  sg  xd  Ilaioöov  za  tnr]  Gvv&svza  eg  zqv 
MsGGrjVLcov  %dgzv , Apollod.  3,  10.  3.  5.  Asklc- 
piades  bei  Schol.  Pind.  pyth.  3,  14.  Ob  He- 


617  Asklepios  (Genealogie) 

siod  zu  den  Gewährsmännern  für  diese  Genea- 
logie gehörte,  ist  sehr  zweifelhaft  ( Lehrs  giebt 
im  Didotschen  Hes.  die  fraglichen  Fragmente 
als  hesiodisch  [fr.  87  au.  b],  Schümann  ac- 
ceptiert  das  1.  Fragment,  bezieht  es  aber  auf 
Koronis.  Vgl.  auch  Böckh  zu  Schol.  Find.). 

5.  Arkadische  (?)  Überlieferung  (son- 
dernde Theologen). 

Arsippos  — Arsinoe  (Tochter  Leukipps) 
Asklepios. 

Cic.  de  n.  deor.  3,  22,  57 : tertius  Aesc.,  cuius 
in  Arcadia  non  longe  a Lusio  flumine  sepul- 
crum  et  lucus  ostenditur.  Io.  Lyd.  de  mens.  4, 
90,  Ampel.  Uh.  mein.  9 (verderbt). 

Unter  obigen  Stemmata  weisen  die  drei 
ersten  auf  die  Wiege  des  Asklepioskultes,  auf 
Thessalien.  Dafs  Asklepios  Stammgott  der 
tliessalischen  Phlegyer  und  Lapithen  sei,  wies 
0.  Müller  nach.  Er  sali  in  beiden  Namen  nur 
verschiedene  Bezeichnungen  eines  und  dessel- 
ben vorgeschichtlichen  Volksstammes  ( Orchom ,2 
p-  187ff).  Identisch  fafst  Phlegyer  und  Lapithen 
auch  Kuhn,  jedoch  rein  mythisch  unter  Gleich- 
setzung mit  den  indischen  Bhrgus , den  Perso- 
nifikationen der  Blitze  {Heroik.  des  Feuers 
p.  20  ff.).  Mannhardt , Wald-  u.  Feldkulte  2, 

! 90  berührt  die  Phlegyer  nicht,  erklärt  aber  die 

I Lapithen  für  ursprüngliche  Personifikationen  von 
Sturmeserscheinungen ; A.  Schultz  (in  Jahrb.  f.  cl. 
Phil.  1882  p.  345)  hält  die  Lapithen  für  mythi- 
sche Wesen  aus  dem  Sagenkreise  der  von  ihm 
i als  Volksstamm  gefafsten  Phlegyer.  Thatsache 
ist,  dafs  die  Gestalt  des  Asklepios  mit  jenen 
(auf  der  dämmernden  Schwelle  von  Mythus  und 
Geschichte  stehenden  Stämmen  Thessaliens  in- 
jnig  verwachsen  ist.  Trikka  am  Lethaios  für 
den  Ausgangspunkt  des  Kultus  zu  erklären, 
ward  das  Altertum  durch  den  Homer.  Schilfs- 
katalog veranlafst,  und  nur  auf  Homer  fufst 
Strabos  Behauptung,  das  Heiligtum  von  Trikka 
iei  das  älteste  (p.  437)  und  die  Geburtsstätte 
ides  Gottes  (p.  647).  Aber  mit  dem  Anspruch 
luf  gleiche  Altertümlichkeit  tritt  Lakereia 
|iuf,  die  phlegyeische  Stadt  am  böbeischen  See 
Leake,N.  G.  4,  477 ff.,  Bursian,  Geogr.  1,  104). 
liier  ist  die  Sage  von  Asklepios’  Mutter  Koro- 
lis  {Schic ende  im  Rh.  Mus.  N.  F.  11,  494 ff.) 
pon  den  Eoeen  {fr.  50  Schäm.)  lokalisiert,  und 
jiier  knüpfen  alle  Sagen  an,  welche  von  der 
tivalität  zwischen  Apollon  und  Ischys  oder  vom 
iode  der  Koronis  berichten  {Hom.  hymn.  in 
1 p.  207  ff. , Pindar , Akusil.,  Pherekyd.  etc.). 

I Schon  O.  Müller  hat  richtig  bemerkt  ( Orchom . 
>.  194),  dafs  der  Götterkreis  der  Phlegyer  ein 
■auz  eigentümlicher  und  von  dem  apollinischen 
[Tundverschiedener  gewesen  ist.  In  der  That  hat 
Apollon  ursprünglich  mit  Asklepios  gar  nichts 
ju  thun,  in  der  vielfach  überlieferten  Todfeind- 
ehaft der  Phlegyer  gegen  die  V erehrer  Apolls 
J;t  vielmehr  ein  sehr  starker  Gegensatz  der 
■eiden  Kultkreise  ausgedrückt  und  wenn  spä- 
er  im  konsolidierten  Göttersystem  Asklepios 
1s  Apolls  Sohn  erscheint , so  ist  das  nichts 
'lehr  als  ein  Ausdruck  für  einen  schliefslichen 
rieden  nach  langen,  erbitterten  Kämpfen, 
emnach  ist  das  verhältnismäfsig  so  spät  über- 
eferte Stemma 3 (Asklepios,  Sohn  des  Ischys 


Asklepios  (im  Mythus)  618 

und  der  Koronis)  für  das  ursprüngliche  zu 
nehmen.  Dieser  Ischys  ist  eine  thessalische 
Gestalt,  Sohn  des  Elatos,  des  Eponymen  von 
Elateia  im  nordöstl.  Thessalien  {Steph.  Byz. 
s.  v.  Liv.  42 , 55.  7).  Mit  diesem  Lapithen 
Ischys  hat  aber  die  Sage  schon  verhältnis- 
mäfsig früh  einen  Arkader  Ischys  verquickt 
(den  Sohn  des  Elatos  und  Enkel  des  Ärkas, 
welcher  den  Phokern  gegen  die  Phlegyer  zu 
Hilfe  kommt  und  das  phokische  Elateia  grün- 
det Paus.  8,  4.  2 ff.).  Doch  ist  zu  beachten, 
dafs  in  dem  fr.  der  Eoeen  (52  Schäm.)  nur  der 
Elatide  Ischys , nicht  der  Arkader  Ischys  er- 
scheint und  erst  durch  den  Hom.  Hymn.  auf 
Apollo  208  ff.  die  arkadische  Herkunft  dessel- 
ben bezeugt  gelten  kann.  Andererseits  aber 
nennt  Apollod.  3 , 10.  3 den  Liebhaber  der 
thessalischen  Koronis  nach  alter  Überlieferung 
noch  richtig  einen  Lapithen  (Bruder  des  Kai- 
neus).  Einen  Versuch,  den  thessalischen  und 
arkadischen  Ischys  zu  identificieren  und  die 
Brautfahrt  desselben  aus  Arkadien  nach  Thes- 
salien aus  Dietr.  Müllers  Gesetz  der  Umkehrung 
ursprünglicher  Wanderungsrichtungen  { Mythol . 
der  gr.  Stämme  1 , 29)  zu  erklären , macht 
A.  Schultz,  Phleqyersaqen  in  Jahrb.  f.  Phil.  cl. 
1882  p.  346  ff. 

Die  Sage  von  Koronis’  Untreue  ge- 
gen Apollo  ist  seit  den  Eoeen  für  die  Dichter 
ein  beliebter  Stoff:  Koronis,  von  Apollon  bereits 
mit  Asklepios  schwanger,  giebt  sich  im  Hause 
ihres  Vaters  dem  Gaste  Ischys  hin  {Hes.  ge- 
braucht noch  den  Ausdruck  legaler  Verbin- 
dung, ozi”lG%vg  y f a t Koqcovlv,  dagegen  Pin- 
dar, Pyth.  3,  25  svvdad'q  | eCvov  Iey.zqoi.giv  u. 
v.  32  yolz ctv  a&eyiv  zs  Solov).  Aku- 

silaos  erfand,  um  die  Bevorzugung  des  Ischys 
vor  Apoll  zu  erklären,  das  Motiv  mg  yuzcc  dsog 
vnsQoipiag  &vr]zm  ßovlrj&eeGa  Gvvsivon  {fr.  25. 
Müll.).  Apollon  erhält  zu  Delphi  vom  Gesche- 
henen Kunde  durch  seinen  Raben  Hes.  fr.  52 
[Find.  a.  a.  0.  v.  27  in  seiner  Weise  eigentüm- 
lich abweichend:  uCev  yolvolvi  netq’  sv&vzazo ), 
7tavza  iGuvri  vorn).  Apoll  entsendet  nun  seine 
Schwester  zur  Tötung  der  Ungetreuen  und  mit 
Koronis  stirbt  viel  phlegyeisches  Volk  (nach 
Pherek.  fr.  8 wird  Koronis  durch  Artemis, 
Ischys  durch  Apollon  getötet;  nach  Ooid.  Met. 

2,  605  tötet  Apoll  selbst  Koronis;  nach  IJyg. 
Fab.  202  hätte  Zeus  den  Ischys  mit  seinem 
Blitzstrahl  getötet,  eine  augenscheinliche  Ver- 
wechselung mit  der  Sage  von  Asklepios'  Blitz- 
tod). Den  Flammen  des  Scheiterhaufens,  welche 
bereits  um  Koronis  emporschlagen , entreifst 
Apoll  (nach  Paus.  2,  26,  6 Hermes)  sein  Kind 
und  übergiebt  es  Cheiron  SiSa^ca  nolvnriyovccg 
dvO'QanoLGL  IccgQ’cu  voaovg  {Find.).  Das  bis 
dahin  weifse  Gefieder  des  Unglücksboten  wird 
von  Apollon  in  ein  schwarzes  verwandelt  ( Ovid . 
Met.  2,  632.  Artemon  v.  Cass.  fr.  7.  Apollod. 

3,  10.  3.  7.  Hyg.  fab.  202).  Ischys  und  Koro- 
nis von  Apoll  verfolgt  hat  man  erkennen  wol- 
len auf  Vasenbildern  ( Mon . 2,  tav.  18,  Duc  de 
Luynes,  descr.  de  vas.  p.  pl.  6 u.  7). 

B.  Asklepios  im  Mythus. 

An  Sagen  von  Asklepios  ist  die  Überlieferung 
auffallend  arm.  Cheiron  war  sein  Lehrmeister 


619  Asklepios  (im  Mythus) 

in  der  Iatrik;  so  bereits  II.  4,219;  nach  Pin- 
dar , Pyth.  3,  45  (vgl.  Nevi.  3,  54)  und  den 
Späteren  geschah  dies  auf  Initiative  Apollons, 
doch  liegt  hier  sicher  ein  älterer  thessalischer 
Sagenstoff  vor , denn  auch  der  thessalische 
Achill  und  Iason  sind  Cheirons  Schüler.  Das 
Eingreifen  des  Asklepios  in  die  bunte  Welt 
der  Heroensage  ist  fast  gleich  null.  Erst  bei 
späten  Schriftstellern  finden  wir  ihn  an  heroi- 
schen Abenteuern  aktiv  beteiligt , und  zwar 
bei  dem.  Alex.  Strom.  1,  21.  105  an  der  Ar- 
gonautenfahrt (vgl.  Hygin  fab.  14)  und  nach 
Hyg.  fab.  173  an  der  kalydonischen  Jagd.  — 
Der  Grund  dieser  spröden  Haltung  des  Askle- 
pios gegenüber  der  Heroenmythologie  liegt 
nicht  in  seinem  nüchternen  Arztberuf,  sondern 
tiefer,  nämlich  in  der  Thatsache,  dafs  Askle- 
pios in  eminentem  Sinne  Kultgottheit  war  und 
dem  Hereinziehen  in  die  Heroensphäre  erfolg- 
reicher Widerstand  geleistet  hat,  als  anderer- 
seits z.  B.  ein  Herakles.  Ja  gerade  letzterer 
tritt  zu  Asklepios  in  eine  Beziehung  wie  Heros 
zu  Gott,  wenn  er,  im  Kampfe  gegen  Hippo- 
koon  an  der  Hüftpfanne  verwundet,  von  Askle- 
pios geheilt  wird  und  demselben  aus  Dank- 
barkeit einen  Tempel  erbaut  (als  ’AgkI.  Koxvlsvg 
Paus.  3,  19,  7;  vgl.  20,  5).  Ebenso  stehen 
sich  im  pergamenischen  Kult  aufs  bestimm- 
teste der  Heros  Telephos  und  der  Gott  Askle- 
pios gegenüber  Paus.  5,  13,  2.  Das  einzige, 
was  von  Asklepiios  im  Volke  gesungen  und 
gesagt  wurde,  waren  seine  wunderbaren 
Heilungen  und  Auferweckungen,  an 
welche  Dichter  die  Sage  von  seinem  Blitz- 
tod durch  Zeus  schlossen  (durch  Zeus’  Be- 
fürchtung motiviert  bei  Apollod.  3, 10.  4,  durch 
Plutons  Klage  bei  Diod.  4,  71).  Letzterer  Zug 
(der  Blitztod)  ist  ziemlich  alt,  da  er  sich  schon 
bei  Hesiod,  in  den  Naupaktika,  bei  Find.  u. 
Stesich.  findet.  Hes.  fr.  35  giebt  blofs  die  That- 
sache des  Todes  durch  Zeus’  Blitzstrahl;  doch 
ging  gewifs  die  Motivierung  durch  Aufer- 
weckung eines  Toten  vorher.  Der  Name  des 
Erweckten  und  das  Lokal  der  That  (die  Nau- 
pakt.  liefsen  Hippolyt  zu  Troizen,  Stesichoros 
Kapaneus  u.  Lykurg,  Panyasis  den  Tyndareos, 
Pherekydes  zu  Delphi  Verstorbene  vom  Tode 
erstehen)  wechselten  je  nach  dem  Mythenkreise 
und  haben  daher  in  ihrer  Masse  (Zusammen- 
stellung bei  Sext.  Empir.  adv.  math.  1 § 260) 
für  die  Mythologie  des  Asklepios  geringen 
Wert.  Nach  zwei  Versionen  war  nicht  eine 
Totenerweckung,  sondern  eine  einfache  Hei- 
lung (des  Wahnsinns  der  Proitiden  nach  Po- 
lyanthv.  Kyrene  oder  der  Blindheit  der  Phine- 
iden nach  Phylarch ) der  Grund  von  Asklepios’ 
Tod.  Ob  dieser  Blitztod  blofs  eine  dichterische 
Erfindung  ist,  ob  ihm  eine  tiefere,  symbolische 
Bedeutung  zu  Grunde  liegt  (vgl.  Schwarte, 
Urspr.  d.  Mythol.  p.  124.  Mannhardt , antike 
Wald-  u.  Feldlc.  2,  98),  lassen  wir  vorab  da- 
hingestellt. So  viel  aber  läfst  sich  doch  sagen, 
dafs  sich  aus  der  oft  versierten  Sage  von  As- 
klepios’ Tod  durchaus  nicht  der  Schlufs  er- 
giebt,  als  sei  Asklepios  ursprünglich  eine  Ge- 
stalt des  Heroenkultes  gewesen  und  erst  mit 
der  Zeit  zu  göttlicher  Würde  emporgestiegen. 
Den  Dichtern  der  alten  Zeit  ist  Asklepios  aller- 


Asklepios  (im  Mythus)  620 

dings  nicht  mehr  als  Heros.  Für  Homer  nach 
dieser  Seite  aus  dem  Beiworte  dyvycov  (II.  4, 
193)  Kapital  zu  schlagen,  ist  vielleicht  unstatt- 
haft, aber  die  Eoeen  nennen  den  Asklepios  oq- 
Xayov  uvSgmv  und  ordnen  ihn  ihrem  heroogo- 
nischen  System  ein,  Pindar  nennt  ihn  aus- 
drücklich r'iQcoa  (Pyth.  3,  7)  und  wie  geläufig 
die  Behandlung  seines  Todes  war,  sahen  wir 
soeben.  Aber  diese  bei  den  Dichtern  und  in 
der  Profanlitteratur  herrschend  gewordene  Auf- 
fassung ist  auf  den  Kult  des  Asklepios  fast 
ohne  jeden  Einflufs  geblieben.  Mochte  die 
Dichterphantasie  ihn  unter  Zeus’  Blitz  zusain- 
menbrechen  lassen  und  dann  zum  Lohn  für 
seine  Verdienste  um  die  Menschheit  unter  die 
Sterne  versetzen  (als  Ophiuchos  Ps.-Eratosth., 
katast.  6,  Hyg.  poet.  astr.  2,  14),  in  seinen  Tem- 
peln hat  Asklepios  zu  allen  Zeiten  als  Gott 
gewaltet.  Unter  den  320  Asklepieen,  welche 
dem  Unterzeichneten  in  der  Überlieferung  ent- 
gegengetreten sind,  weisen  nur  4 Stätten  Spu- 
ren einer  Verehrung  nach  heroischem  Ritus  auf 
und  diese  Spuren  sind  zum  Teil  sehr  zweifel- 
hafter Art: 

1)  Das  Grab  des  Asklepios  in  dem 
problematischen  Kynosura  (vergl.  oben 
II A,  3). 

Die  Anlehnung  an  die  Dichtersagen  vom 
Blitztod  wird  hier  von  Cicero  ausdrücklich  ge- 
geben. 

2)  Das  Grab  in  Arkadien,  non  longe  a 
Lusio  ilumine  (Cic.  vgl.  oben  II  A,  5). 

Dieser  Asklepios  erscheint  als  fremdar- 
tig durch  seinen  Vater  Arsippos.  Liegt  hier 
etwa  ein  mit  Asklepios  identificierter  Lokal- 
heros vor? 

3)  Ein  sepulchrum  Aesculapii  in 
Epidauro(!)  nach  Bufinus  recogn.  pseudocl. 
10,  17. 

Der  epidaurische  Kult  ist  uns  anderweitig 
genau  bekannt  und  weifs  von  einem  Grab  des 
Asklepios  nicht  das  geringste,  trägt  dagegen 
alle  Merkmale  des  Götterkultes.  Deshalb  ist 
die  Zuverlässigkeit  der  Angabe  Rufins  im  höch- 
sten Grade  zweifelhaft. 

4)  Heroische  Verehrung  des  Askle- 
pios in  Athen. 

Hier  ist  zunächst  die  angebliche  Inschrift 
eines  Theatersessels  [egsoog  ’Acy-lyniov  ygcoog 
Epli.  arch.  TTrp.  ß'  No.  135  zu  beseitigen  als 
mit  den  erhaltenen  Schriftzügen  unvereinbar, 
TJittenb.  im  C.  I.  A.  3 n.  287  liest  na(i,)co(v)og. 
Aber  die  neuen  Ausgrabungen  am  Südabhang 
der  Burg  haben  eine  Inschrift  (C.  I.  A.  2a 
n.453b)  ans  Licht  gebracht,  welche  im  athen. 
Asklepieion  gefeierte  rjgäa  erwähnt.  Nun 
braucht  dieses  Totenfest  freilich  nicht  unmit- 
telbar mit  Asklepios  in  Verbindung  gebracht 
zu  werden  und  es  liegt  nahe,  dasselbe  auf  die 
in  Athen  gleichfalls  verehrten  Asklepiaden 
Pod.  u.  Mach.,  welche  notorisch  dem  Heroen- 
kult angehören,  oder  auf  andere  heroisierte 
Tote  (ein  odcogog  rjgcog,  Mitteil,  des  athen. 
Inst.  2 , 246)  zu  beziehen.  Indes  giebt  Tcr- 
tullian  ad  nat.  2,  14  die  merkwürdige  Notiz: 
Athenienses  Aesculapio  et  matri  inter  mortuos 
parentant.  Wer  auf  dies  Zeugnis  Gewicht 
legt,  könnte  an  jenen  tjqcSk  Asklepios  selbst 


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11 

11, 


621  Asklepios  (Familie  d.  A.) 

beteiligt  denken  und  hier  ein  Beispiel  sehen, 
dafs  die  von  der  Poesie  vollzogene  Entgötte- 
rung denn  doch  ausnahmsweise  auch  aut'  den 
Kult  eingewirkt  hat.  Nur  läge  hier  dann  die 
Sache  nicht  wie  bei  Herakles,  der  an  dem 
einen  Ort  als  -Gott  {Paus.  1,  32.  4),  an  einem 
andern  als  Heros  {Paus.  2,  10.  1)  verehrt  wurde 
\ {Herod.  2 , 44) , sondern  wie  bei  Kastor  zu 
Sparta  {Paus.  3,  13.  1)  und  Menelaos  zu  The- 
rapne  {ib.  19,  9),  wo  zacpog  und  vccog  an  der- 
j selben  Stätte  mit  einander  verbunden  sind. 
— Aber  selbst  wenn  man  das  Zeugnis  Ter- 
tullians  gelten  läfst,  so  bleibt  ihm  gegenüber 
doch  die  grofse  Masse  von  Zeugnissen  für  die 
Verehrung  nach  Götterritus  bestehen,  welche 
gerade  Athen  durch  die  Reihe  der  Jahrhun- 
derte aufweist.  Und  vollends  im  Gesamtkult 
des  Griechenvolkes  kann  von  einem  Heros 
Asklepios  keine  Rede  sein ; demnach  ist  die 
neuerdings  in  Aufschwung  kommende  Theorie 
der  Heroenkulte  in  ihrer  Ausdehnung  auf  den 
Arztgott  abzulehnen. 

C.  Die  Familie  des  Asklepios. 

Wie  hinsichtlich  der  Eltern  (vgl.  oben),  so 
| schwankt  die  Überlieferung  auch  hinsichtlich 
I der  dem  Asklepios  zugesellten  Gattin.  Mit 
den  stärksten  Ansprüchen  tritt  auf  Ep  io  ne 
(nach  Schol . II.  4,  195  Tochter  des  Merops, 

::  nach  Ps.-Hipp.  ep.  10  des  Herakles).  Sie  allein 
findet  sich  auch  im  Kultus  (zu  Epid.  ver- 
j ehrt,  Paus.  2,  27,  6,  auf  Kos  Bull.  d.  c.  h.  5 
p.  474,  wohl  auch  in  Athen  C.  I.  A.  3, 
i No.  171b,  Böckh , Staatshaush.  3,  Urk.  4 
! col.  27).  Dichternannten  abweichend  Xanthe 
{Hes.  fr.  179  Lehrs) , Lampetie  {Hermipp. 
b.  Schol.  Plut.  701),  Agla'ie  {Quint.  Smyrn. 
p.  h.  6,  492),  Hipponee  {Tzetz.  prooern.  alleg. 
615).  Von  den  Kindern  des  Asklepios  ge- 
hören Podaleirios  und  Machaon  der  he- 
roischen Sphäre  an  (vgl.  Bd.  2 , s.  v.) , alle 
| übrigen  sind  offenbar  Personifikationen  von  Be- 
griffen: Hygieia  (vgl.  s.  v.),  Iaso,  Pan- 
akeia,  Aigle  {Hermipp.  b.  Schol.  Plut.  70l), 

| Akeso  {Suid.  s.  v.  ’Hmovrj),  Ianiskos  {Schol. 
Ar.  Plut.  701),  Alexenor  {ibid.},  Telespho- 
ros  (vgl.  Bd.  2 s.  v.),  mit  welchem  Paus.  2, 

1 11.  7 Euamerion  (Titane)  und  Akesis  (Epi- 
i dauros)  für  identisch  hält. 

D.  Die  Bedeutung  des  Asklepios. 

Vom  euhemeristischen  Standpunkt  aus  er- 
klären Asklepios  für  einen  berühmten  Arzt 
der  griechischen  Vorzeit:  Kurt  Sprengel  {pragm. 
Gesch.  der  gr.  Arzneykunde  1 p.  181  ff.)  und 
: Köstlin  bei  Pauly  s.  v.  medicina.  Die  orien- 
talisierende  Richtung  vertreten:  Fr.  Creuzer, 
Symbolik  (Zurückführung  auf  den  phönik.  Es- 
mun) ; Böttiger , die  heilbringenden  Gottheiten 
opusc.  1;  Sichler , die  Hierogi.  im  Myth.  des 
Askl.  1819;  Roth,  G.  d.  a.  Pli.  1 p.  113.  121 
und  neuerdings  Duncker,  G.  d.  A.  55  p.  233 
u.  237.  Die  physikalische  Richtung:  Forch- 
I hammer,  „ der  Gott  der  Nässe  in  der  trockenen 
i Luft,  die  Schlange  das  Symbol  des  fliefsenden 
Wassers“  Hellenika  p.  296;  Ch.  Petersen  in  d. 
A.  E.  S.  1 Bd.  82  p.  216:  „Adklepios  ist  die 
\ milde  gesunde  Luft  des  Frühlings  und  Spät- 


Asklepios  (Bedeutung)  622 

sommers  nach  dem  ersten  Regen.“  Als  älteste 
Verehrer  denkt  Petersen  die  thessalischen  Mi~ 
nyer.  Lauer,  System  d.  gr.  Myth.  p.  281  ff. 
unterscheidet  einen  älteren,  natürlichen  Askle- 
pios, Gott  der  Sonne  und  Fruchtbarkeit,  und 
einen  später  spezialisierten  ethischen  Askle- 
pios als  Schützer  und  ganz  speziell  als  Ge- 
sundheitgeber. Vom  Standpunkt  der  verglei- 
chenden Mythologie  macht  Kuhn,  Herabkunft 
des  F.  p.  18  die  Phlegyer  zu  Personifikationen 
der  Blitze  und  p.  252  ff.  frageweise  den  indi- 
schen Götterarzt  Dhanvantari,  eine  Verkörpe- 
rung des  Göttertrankes,  zum  Doppelgänger  des 
Asklepios.  Alfred  Maury , hist,  des  religions 
de  la  Grece  antique  hält  Asklejnos  für  eine 
altpelasgische  Gottheit  und  identificiert  ihn 
mit  Agni-Soma  (1,  121  u.'449),  die  Schlange 
aber  denkt  er  aus  Phönicien  {Esmun)  in 
den  Kult  importirt  (1,  104  u.  454;  3,  247). 
Preller,  Griech.  Mythol.  I2  p.  403:  „Askle- 
pios ist  die  Heilkraft  der  gesunden  Natur,  wie 
sie  am  wirksamsten  in  schöner  Jahreszeit  auf 
den  Bergen  und  in  gesunder  Luft  empfunden 
wird.“  Für  Preller  ist  Asklepios  eine  Ema- 
nation Apollons,  den  alten  Gegensatz  der  Askle- 
piosdiener gegen  die  Verehrer  Apollons  läfst  er, 
wie  die  meisten , unbeachtet.  So  hält  auch 
Schwartz,  der  ürspr.  der  Mythol.  p.  114  die 
Verbindung  von  Asklepios  und  Apoll  für  ur- 
sprünglich und  zieht  ersteren  in  das  Bereich 
seiner  Gewitterwesen.  Asklepios  ist  ihm  der 
reinigende  Gewitterwind.  Hahn,  Sagwissen- 
scliaftl.  Studien  p.  215  Anm.  36:  Koronis  = 
Morgenröte,  p.  230,  Asklepios  = die  an  wolki- 
gem Morgen  spät  aufgehende  Sonne  (vgl.  auch 
p.  154).  Eigentümlich  ist  Welckers  Auffassung, 
G.  G.-L.  2,  734ff. , nach  welcher  die  Gestalt 
des  Asklepios  eine  dämonische  Heilschlange 
zum  Hintergrund  hat , aus  welcher  sich  der 
Gott  mit  dem  Schlangenstabe  herausgebildet 
habe,  wie  sein  Name  aus  uoxülußog  (urspr. 
wohl  nicht  = Eidechse,  sondern  im  allgem. 
= Schlange).  Eine  neue  Richtung  endlich, 
läfst  eine  gröfsere  Reihe  von  griech.  Göt- 
tern aus  dem  Totenkult  hervorgehen,  un- 
ter denselben  auch  Asklepios.  So  besonders 
Milchhöf  er  in  verstreuten  Aufsätzen  {Mitteil, 
des  ath.  Inst.  2 p.  461,  4 p.  161  ff.  A.  Z. 
1881  p.  294ff. : „Mehr  oder  weniger  sind  alle 
Heroen  Heilgötter,  unter  denen  Asklepios  nur 
zum  verbreitetsten  Namen  gelangt  ist “ p.  297. 
— Quot  capita,  tot  studia!  Denselben  gegen- 
über hat  sich  0.  Müller  jedenfalls  auf  reale- 
rem Boden  gehalten,  indem  er  sich  damit  be- 
gnügte, Asklejnos  als  die  Gottheit  eines. alt- 
thessalischen  Stammes  nachzuweisen.  Über 
die  Grundbedeutung  desselben  finden  sich  Or- 
chom. 2 p.  196  nur  andeutende  Bemerkungen, 
wie  der  Hinweis  auf  Asklepios’  Beinamen  Ai- 
ylafiQ  („der  Strahlende“),  welcher  auf  Askle- 
pios’ Feuergeburt  und  Blitztod  vielleicht  einen 
Lichtstrahl  werfe.  Eine  bestimmte  physika- 
lische oder  anderweitige  Bedeutung  des  Got- 
tes aufzustellen  verzichtet  auch  der  Unterzeich- 
nete , bevor  die  Überlieferung  nicht  in  allen 
Einzelheiten  geprüft  worden  ist ; eine  solche 
Prüfung  aber  verbietet  der  Plan  vorliegenden 
Unternehmens.  Nur  so  viel  sei  bemerkt:  As- 


10 

20 

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40 

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60 


623  Asklepios  (Geschichte  s.  Kultes) 


Asklepios  (Geschichte  s.  Kultes) 


624 


klepios  gehört  zu  den  ältesten  Gottheitsbe- 
griffen des  Griechenvolkes.  Seine  in  histori- 
scher Zeit  streng  begrenzte  Sphäre  ist  sicher 
nicht  die  ursprüngliche,  und  wie  auch  am  Heil- 
gott noch  die  Mantik  als  besonders  charakte- 
ristisch hervortritt , so  wird  man  nicht  fehl 
gehen,  wenn  man  in  Asklepios  eine  alte  thes- 
salische  Orakelgottheit  erkennt.  Ob  die  Erde, 
die  Luft  oder  das  Licht  als  ihr  Element  ge- 
dacht wurde,  ob  nicht  vielleicht  eine  andere 
Form  altertümlichen  Gottesbegriffs  in  ihm  re- 
präsentirt  war,  diese  Frage  bleibe  vorläufig 
unbeantwortet. 

III.  Zur  äufseren  Geschichte  des 
Asklepioskultes. 

Die  Wiege  des  Asklepioskultes  ist  Thessa- 
lien; an  den  Heiligtümern  des  Heimatbodens 
haftet  demnach  die  Präsumption  höchsten 
Alters.  Nachweisbar  sind  aufser  Trikka  und 
Lakereia  (vgl.  oben  IIA.)  noch  Larisa  (Sil- 
bermünze mit  stehendem  Asklepios.  Cadal- 
vene,  rec.  des  med.  gr.  p.  122,  2.  Kopf  des  As- 
klepios, davor  Schlange,  Rev.  numism.  1844 
p.  31  \_Mionn.  Su.ppl.  3,  294  hält  die  Schlange 
für  das  Stück  eines  Leierarmes  und  deutet  den 
Kopf  demnach  auf  Homer]),  Kr  an  non  und 
Pherai  (Keil,  ins  er.  Thess.  tres  p.  7),  die 
Landschaft  Magnesia  (Münchner  Münze  mit 
sitzendem  Asklepios.  Eine  Wiederholung  die- 
ses Typus  deutet  Sestini,  descr.  vet.  num.  p.  150 
n.  26  mit  Unrecht  auf  Apollo,  weist  aber  wohl 
richtig  die  Münze  den  thessalischen  Magneten 
zu).  — Die  älteste  erkennbare  Wanderung  des 
Asklepioskultes  über  die  Grenze  Thessaliens 
war  nach  Böotien  gerichtet.  Hier  wie  in  Thes- 
salien finden  wir  eng  mit  einander  verbunden 
Minyer  und  Phlegyer  in  früher  Zeit  ansässig, 
hier  ist  daher  der  Dienst  des  Asklepios  alt. 
Zunächst  zu  nennen  ist  der  Trophonios  v.  L eba- 
deia;  denn  dafs  in  der  komplicierten  Gestalt 
dieses  Gottes  u.  a.  auch  Asklepios  aufgegan- 
gen ist,  beweist  das  Stemma  des  Trophonios 
(Sohn  des  Valens  [Ischys]  und  der  Koronis 
Cie.  d.  n.  d.  3 , 22 , 56)  sowie  sein  Kultbild, 
welches  den  Typus  der  Asklepiosbilder  zeigte 
(Paus.  9,  33,  3f.).  Asklepios  ohne  fremdartige 
Beimischung  erscheint  in  0 r ch  o me  n o s (Tempel 
des  ’AgxXutuos  Rangabe  2 n.  898)  und  in  Hyet- 
tos  (Bull,  de  c.  hell.  2 p.  502).  Die  Sage  läfst 
die  böotischen  Phlegyer  wegen  übermütiger 
Bedrückung  der  Umwohner  durch  Götterzorn 
zum  gröfseren  Teil  zu  Grunde  gehen,  den  Rest 
nach  Phokis  übersiedeln  (Paus.  9,  36.  _ 2 ff.). 
In  letzterer  Nachricht  erblicken  wir  die  Über- 
lieferung einer  thatsächlichen  phlegyeischen 
Wanderbewegung,  denn  auch  in  Phokis,  und 
hier  besonders  finden  wir  Phlegyer.  Dieselben 
sind  zwar  später  von  dem  Gesamtbegriff  Pho- 
ker  absorbiert  worden,  der  konservative  Kultus 
aber  hat  ihre  Spur  in  ihrem  Spezialgott  er- 
halten , denn  eine  wichtige  Notiz  meldet  uns, 
dafs  in  ganz  Phokis  Asklepios  als  Stamm- 
gott (’AQxays rrjg)  verehrt  wurde  (Paus.  10,  32. 
12).  Einzelne  Heiligtümer:  bei  Tithorea 
(Paus.  I.  c.),  in  der  alten  Phlegyerstadt  Pano- 
peus  (Paus.  10,  4.  1),  in  Elateia  (ib.  34,  6). 


Diese  phokischen  Phlegyer  sind  es,  an  welche 
sich  zahlreiche  Sagen  von  der  Feindschaft  ge- 
gen Delphi  knüpfen,  und  zu  Delphi  wird  jene 
Geschichte  von  Ischys’  Rivalität  und  Koronis’ 
Frevel  erfunden,  in  Phokis  der  endliche  Friede 
durch  Adoption  des  Asklepios  in  den  apolli- 
nischen Kreis  besiegelt  worden  sein.  (Übrigens 
ist  die  Verbindung  beider  Gottheiten  im  Kul- 
tus eine  ziemlich  lockere  geblieben,  wenn  auch 
io  nicht  so  locker,  wie  O.  Müller  dachte  (Dorer  l2 
p.  285)  und  Stoll  in  der  R.-E.  1 p.  465  wieder- 
holte. Schon  Welcher,  G.-L.  2,  745  wies  einen 
Doppeltempel  des  Asklepios  und  Letos  samt  ihren 
Kindern  zu  Mantinea  nach , sowie  drei  Askle- 
pieen  mit  Apollo  als  Gvvvaog  (in  Megalopolis, 
Messene,  Akragas);  dazu  sind  noch  zu  fügen 
Sikyon  (Paus.  2 , 10.  2)  und  Epidauros  (Le 
Bas  n.  145  b,  ’AQ'rjvcaov  1882  p.  528  n.  3).  Den 
umgekehrten  Fall,  Verehrung  des  Asklepios 
20  in  apollinischen  Heiligtümern,  weifs  ich  zu- 
nächst nur  mit  Aegira  (Paus.  7,  26.  7)  zu  be- 
legen. — Eine  weitere  Wanderung  des  Kultus 
bezeichnet  das  isq'ov  uIgo g bei  Epidauros. 
Nach  lokaler  Sage  kam  einst  Phlegyas  in  den 
Peloponnes  v.uxciGY.onov  nhqQ-ovg  tcov  svomovv- 
xeov.  Ihn  begleitete  Koronis,  die  Frucht  heim- 
licher Verbindung  mit  Apollo  bereits  unter  dem 
Herzen  tragend  Auf  dem  Mvgyiov  ogog  bei 
Epidauros  gebar  sie  ihren  Knaben.  Derselbe 
30  wird  von  einer  Ziege  gesäugt,  von  einem 
Hunde  bewacht,  bis  der  Herr  der  beiden,  ein 
Hirt  Aresthanas  das  Kind  findet  und  an  dem 
dasselbe  umfliefsenden  Lichtglanz  seine  Gött- 
lichkeit erkennt  (Paus.  2,  26,  3f.  Epidaurische 
Münze  mit  Kind,  Ziege  und  Hirt  unter  Bäu- 
men bei  Panoflca  Tf.  1,  1).  Die  Legende  des 
Hieron  hatte  also  die  Erinnerung  phlegyeischer 
Herkunft  bewahrt,  beanspruchte  aber  die  Ehre, 
des  Gottes  Geburtsstätte  zu  sein.  Dieser  Präten- 
40  sion  erteilte  Delphi  seine  Sanktion  ( Paus.  a.  a.  0. 
§ 7).  Neben  dem  Hieron  weist  Argolis  noch 
eine  stattliche  Reihe  anderer  Asklepieen  auf: 
in  der  Stadt  Epidauros  (Paus.  2,29, 1),  Ar- 
gos  (hier  gab  es  nicht  weniger  als  3 Asklepieen 
Paus.  2,  21,  1 und  23,  2),  Asine  (Mionn.  B. 
2,  224,  73).  Hermion e (C.  I.  G.  n.  1198.  1221), 
Trözen  (Mionn.  S.  4,  268,  196).  — Im  Sikyo- 
nischen  deutet  der  Kult  der  Koronis  im  Askle- 
pieion  von  Titane  auf  phlegyeischen  Einflufs, 
50  während  andererseits  der  mythische  Gründer 
des  Heiligtums,  Alexanor,  Machaons  Sohn  auf 
das  lapithische  Trikka  zurückweist.  Jedenfalls 
gehört  Titane  zu  den  ältesten  Kultstätten 
des  Asklepios  im  Peloponnes  (vgl.  Paus.  2, 
11,  6f.).  — In  Achaja  würde  Kyros  bei  Pel- 
lene  (Paus.  7 , 27.  11)  direkten  Import  aus 
Thessalien  voraussetzen  lassen,  wenn  Gurtius' 
Vermutung  (Pel.  1,  484),  dafs  der  Name  ur- 
sprünglich Trikka  lautete,  richtig  ist.  — Sehr 
co  alt  ist  der  Kult  ferner  in  Arkadien.  Hier  besafs 
Thelpusa  ein  i sgov  AgkIyituov  Tlcadog  und 
eine  Kindheitssage,  welche  der  epidaurischen 
ähnlich : Tgvycbv (Turteltaube)  sollte  denKnaben 
daselbst  genährt  haben  (man  vgl.  die  nsXsica, 
welche  das  Zeuskind  mit  Ambrosia  versorgen 
Ath.  11,  491b  und  Roscher,  Nektar  u.  Ambro- 
sia p.  62  u.  M) ),  während  Autolaos,  des  Arkas 
Sohn,  hier  die  Rolle  des  Aresthanas  spielt 


626 


625  Asklepios  (Geschichte  s.  Kultes) 


Asklepios  (relig.  latrik) 


{Paus.  8,  25,  11).  Aus  dem  Umstand,  dafs 
auch  Megalopolis  in  dem  einen  seiner  bei- 
den Asklepieen  den  Gott  als  Kind  verehrte 
{Paus.  8,  32,  5),  also  doch  wohl  den  Anspruch 
erhob  seine  Geburtsstätte  zu  sein,  möchte  ich 
schliel’sen,  dafs  das  Alter  dieses  Heiligtums  weit 
über  die  Gründung  der  jungen  Stadt  zurück- 
reicht. Unter  den  übrigen  zahlreichen  Askle- 
pieen der  Landschaft  sind  hervorzuheben  das 
zu  Mantineia  mit  Kultbild  von  Alkamenes 
{Paus.  8,0.  1),  und  das  zu  Gortys  mit  unbär- 
tigem Asklepios  von  Skopas  {Paus.  8,  28.  1). 
Phlegyeische  Elemente  in  Arkadien  suchtnachzu- 
weisen  A.  Schultz  in  Jahrh.  f.  cl.  Pli.  1882  p.  348  f. 
Koronis  ist  in  den  örtlichen  Kulten  nicht  an- 
zutreffen. — Von  eigentümlichem  Interesse  ist 
der  messenische  Kult,  welcher  direkt  an  Trikka 
anknüpft,  wie  das  für  Gerenia  Strabo  p.  360 
i ausdrücklich  bemerkt.  Auch  Machaon  besafs 
hier  ein  Mnema  {Paus.  4,  3.  2).  ln  Messenien 
kehren  die  Ortsnamen  des  nördlichen  Thessa- 
liens (Oichalia,  Ithome,  Trikka)  wieder,  hier 
behauptete  sich  neben  dem  Reiche  Nestors 
eine  selbständige  Herrschaft  der  Asklepiaden 
{Paus.  I.  c.  § 1).  Aber  die  Messenier  erhoben 
den  Anspruch , dafs  die  beiden  Asklepiaden 
Homers  autoclithon  messeniseh  seien  und  über- 
lieferten ein  abweichendes  Stemma  des  As- 
klepios (vgl.  oben  II , A.  4).  Vermutlich  ist 
hier  in  sehr  früher  Zeit  bereits  eine  dem 
Mythenkreise  der  Leukippiden  angehörige  Ge- 
stalt mit  dem  importierten  Asklepios  verschmol- 
zen (hierher  gehört  auch  der  im  Stemma  II, 
A.  5 als  Asklepios’  Vater  genannte  Arsip- 
pos).  — Mit  dem  messenischen  Kult  steht  wohl 
in  enger  Verbindung  der  lakonische,  welcher 
eine  besonders  grofse  Zahl  von  Asklepieen  auf- 
weist (Leuktra,  Hypsoi,  Las,  Gytheion, 
Sparta,  Pellana,  Asopos,  Boiai,  Ky- 
phanta  [PanofJca  p.  42  nimmt  hier  grundlos 
eine  Kindheitssage  an],  Brasiai  cet.).  — Die 
lakonischen  Heiligtümer  des  Asklepios  gehö- 
ren in  ihrem  Grundstock  jedenfalls  einer  sehr 
frühen  Epoche,  nicht  etwa,  wie  man  gewollt 
hat,  erst  dem  Zeitalter  der  dorischen  Okku- 
pation an.  — In  geschichtlicher  Zeit  ist  der 
Vorort  des  Kultus  entschieden  Epidauros; 
alle  übrigen  Asklepieen  übertriff't  es  durch  die 
stattliche  Reihe  nachweisbarer  Tochterstätten, 
i deren  Gründung  von  frühen  Zeiten  beginnend 
bis  in  das  3.  Jahrh.  v.  Chr.  hinabreicht.  Es 
sind  folgende : Athen  Paus.  2,  26.7;  Sikyon 
Paus.  2,  10.  3;  Pergamos,  Paus.  2,  26.  7. 
(Dafs  die  Gründung  dieses  Asklepieions  bereits 
im  Zeitalter  der  äolischen  Kolonisation  Klein- 
lasiens  stattgefunden  habe , sucht  der  Unter- 
zeichnete wahrscheinlich  zu  machen  in  sei- 
len demnächst  erscheinenden  Pergamena); 
Kos,  welches  seine  dorische  Bevölkerung  von 
Epidauros  erhielt  {Herod.  7,  99);  die  sakrale 
Verbindung  beider  Orte  beweist  die  für  Kos 
bestimmte  Sendung  heiliger  Schlangen,  welche 
ihr  Ziel  nicht  erreichend  die  Gründung  von 
Epidauros  Limera  veranlafste  {Paus.  3, 
23,  7),  Balagrai  in  Kyrene  {Paus.  2,  26.  7), 
Taupaktos  (die  Ursache  der  angeblich  zu 
Vnytes  Zeit  erfolgten  Gründung  des  Asklepieions 
var  wenigstens  der  epidaurische  Gott  Paus. 


10,  38.  13);  endlich  Rom,  wohin  der  Kult  im 
Jahre  293  überging  {Liv.  10,  47  etc.,  vergl. 
die  Denkmünze  des  Commodus,  Mülin , Gail. 
M.  20,  Fig.  100.  Panofka  t.  2,3  und  Schlü- 
ter, de  Acsc.  a Romanis  adscito.  1833).  Unter 
diesen  Tochterstätten  erwarb  sich  schon  in 
der  Blütezeit  hellenischer  Macht  Kos,  die 
Vaterstadt  des  Asklepiaden  Hippokrates,  einen 
bedeutenden  Ruf.  Das  Heiligtum  zu  Perga- 
10  mos,  von  dem  eine  grofse  Zahl  kleinasiatischer 
Städte  ihren  Asklepioskult  erhalten  hat,  tritt 
erst  in  der  Kaiserzeit  in  den  Vordergrund,  ver- 
dunkelt dann  aber  durch  seinen  Ruf  alle  übri- 
gen Asklepieen. 

IV.  Der  Kultus  des  Asklepios. 

Die  allgemeinen  Formen  der  Gottesver- 
ehrung in  Tempeldienst  und  Tempelbildern,  in 
20  Brand-  und  Trankopfern,  in  Hymnen  und  Päa- 
nen  etc.  finden  sich  im  Kult  des  Asklepios 
vollständig  vertreten.  Aber  derselbe  verlangt 
von  seinen  Gläubigen  mehr,  er  verlangt  unter 
bestimmten  Umständen,  wo  es  sich  um  das 
persönliche  Wohl  und  Wehe  handelt,  eine  sehr 
einschneidende  praktische  Glaubensbethätigung 
des  Individuums.  Demnach  sind  von  besonde- 
rem Interesse: 

30  A.  Die  Formen  der  in  den  Asklepieen  geübten 
religiösen  latrik. 

Dieselben  gehören  dem  Gebiet  der  Mantik  an. 

1)  Die  älteste  Form  der  Heilorakel  des 
Asklepios  ist  die  Schlangenwahrsagung. 
Angenommen  hat  sie  für  den  Asklepioskult 
bereits  Röttiger,  kleine  Schriften  1 p.  130,  da- 
bei aber  übersehen,  dafs  sich  für  dieselbe  aus 
historischer  Zeit,  wenn  man  von  dem  aufser- 
halb  des  Asklepioskultes  auf  eigene  Rechnung 

40  unternommenen  Schwindel  eines  Alexandros  zu 
Abonoteichos  absieht,  kein  Zeugnis  beibringen 
läfst.  Vorausgesetzt  kann  jedoch  diese  Form 
der  Wahrsagung  für  frühe  Zeit  werden,  wenn 
man  die  notorisch  mantische  Bedeutung  der 
Schlange  (Beispiele  aus  griechischem , deut- 
schem und  nordischem  Sagenschatz  bei  Uhland, 
Schriften  zur  Gesell,  d.  deut.  Dichtung  u.  Sage 
3,  30 ff.)  in  Betracht  zieht  und  die  innige  Ver- 
bindung der  Schlange  mit  Asklepios  als  einer 
50  Gottheit  von  entschieden  mantisehem  Charak- 
ter (vgl.  unter  2). 

2)  In  historischer  Zeit  erscheint  als  die  den 
Asklepieen  charakteristische  Form  der  Mantik 
die  Erforschung  des  göttlichen  Willens  durch 
Traumorakel.  Die  Inkubation,  ein  uraltes 
Institut,  ist  zu  allgemeinem  Ansehen  durch  die 
Asklepieen  gekommen.  Das  nazcoiUvsiv  stg 
’AauXriniov  wird  nicht  früher  bezeugt,  als  durch 
Aristophanes  { Vesp.  122,  Flut.  421  etc.),  ist  aber 

60  natürlich  viel  älteren  Datums.  Das  Verfahren: 
geheimnisvolle,  der  Inkubation  vorangehende 
zslszcd  sind  durchaus  nicht  anzunehmen,  die 
Vorbereitung  beschränkt  sich  auf  die  allge- 
meinen Vorschriften  der  Reinigung.  Nach  Er- 
füllung derselben  legte  sich  der  Kranke  bei 
(Epidauros)  oder  in  (Tithorea)  dem  Tempel  zum 
Schlafe  nieder  und  erhielt  die  ärztliche  Offen- 
barung des  Gottes  entweder  durch  eine  direkte 


627  Asklepios  (Kultnamen) 

Bezeichnung  des  anzuwendenden  Mittels  oder 
durch  eine  indirekte  Andeutung  desselben  — 
ovsiQog  ‘ftscoggyceziMÖg  resp.  dlhqyogiY,6g  ( Arte - 
»nid.  oneirocr.  1,  2.  4,  22).  Die  Auslegung  der 
Träume  fiel  in  der  Blütezeit  des  Kultus  natür- 
lich den  Priestern  zu.  Die  Geheilten  pflegten 
ihrer  Dankbarkeit  in  Votivtafeln  mit  kurzem 
Kurbericht  Ausdruck  zu  geben.  Hippokrates 
hielt  dieselben  des  Studiums  wert  (Strabo  p.657). 
In  Epidauros  existierten  zu  Pausanias’  Zeit  noch 
6 solcher  azrjXcu  (2,  26.  3).  Die  neuerdings  da- 
selbst veranstalteten  Ausgrabungen  haben  bis 
jetzt  nichts  der  Art  ans  Licht  gebracht,  wohl 
aber  Votivtafeln  mit  einzelnen  Gliedmafsen.  Das 
gleiche  Ergebnis  zu  Athen.  Beispiele  jener  er- 
steren  Art  nur  in  Rom  (C.  I.  Gr.  5980  a — d),  aber 
aus  später  Zeit.  — Die  Anwendung  der  Incuba- 
tion  ist  bezeugt  für  Trikka,  Tithorea,  Athen, 
Epidauros,  Sikyon,  Aigina,  Pergamos,  Poima- 
nenos,  Kolophon,  Aigai,  Rom  und  Reji  (wofür 
Welcher,  Id.  Sehr.  3,  96  Anm.  15  falsch  Rhe- 
gion  nennt).  Vergl.  Welcher,  Inkubation  und 
Aristides  der  Bhetor  (Kl.  Sehr.  3,  89 — 156), 
Baumgart,  Ad.  Aristides.  1874  p.  95  ff. 

B.  Dem  Kultus  angekörende  Beinamen  des 
Asklepios: 

ScorriQ  bezeugt  durch  Münzen  für  Epidau- 
ros, Kos,  Pergamos,  Tium,  Nikaia,  Aigai  Kil., 
durch  Inschriften  für  Athen,  Hermione,  Hyet- 
tos,  Paros,  Mytilene,  Milet,  Messana  etc.;  ’lu- 
TQog  in  Balagrai  (Paus.  2,  26.  9).  ’lyxriQ  Smyrna 
(Hermes  1874,  vgl.  C.  I.  Gr.  3159).  TLcaciv, 
wohl  eine  Übertragung  von  Apollo  her  (G.  I. 
A.  3,  171a);  JTair/wv,  C.  I.  G.  5974  B.,  Tlcacov, 
Aristoph.  Flut.  636,  vgl.  C.  I.  A.  3,  263);  Avcü- 
viog  Delos  (Mon.  gr.  1878  n.  7,  p.  45),  Koxv- 
Isvg  (Paus.  3,  19.  7).  Beinamen  allgemeinerer 
Art:  ’AQxayszag  (vgl.  oben  unter  III,  Phokis). 
(Pilolaog  Asopos  (Paus.  3,  22,  9),  Aggcu'vsxog 
Elis  (Paus.  6,  21,  4).  ’Aylaong g,  Alylayg  La- 
konien  (Hesych.  s.  v.),  ’Ayhxog  (Mionn.  S.  6, 
572,  70);  diese  Gruppe  wird  von  Welcher,  G- 
L.  2,  742  auf  den  Fackelglanz  der  Asklepieen, 
von  Stoll  in  der  B.-F.  auf  die  Verwandtschaft 
der  Begriffe  Licht  und  Leben  gedeutet  (?). 
TJcäg  (vgl.  oben  unter  III,  Arkad.).  'Tnuxsog 
Paros  (A&yvcuov  5 (1876)  No.  34),  Bacilsvg 
(Anthol.  Pal.  app.  n.  56.  0.  I.  Gr.  5974  B, 
häufig  bei  Aristid.),  Zeig  (G.  I.  G.  n.  1198, 
häufig  bei  Aristid.).  Rein  äufserlichen  Bezie- 
hungen sind  entlehnt:  AvlcovLog  (Paus.  4,  36. 
7),  Kaovaiog  (ib.  8,  25,  1),  PoQxvviog,  Beina- 
men einer  Statue  in  Titane  (Paus.  2,  11.  8). 
’EnräavQrog  in  Syrakus  (Gic.  d.  n.  d.  3,  34.  83. 
Giern.  Alex,  protr.  4,  52),  Tgrunuiog  in  Gere- 
nia  (Strabo  p.  360),  Sxotvdxug  in  Helos  (C.  I. 
G.  n.  1444),  Ayvixag  in  Sparta  (Paus.  3,  14,  7. 
diesem  Beinamen  giebt  eine  Beziehung  zur 
Iatrik  Lauer  p.  283).  — Anzureihen  sind  die 
von  Sallet,  Numism.  Ztschr.  5,  p.  330  f.  für  As- 
klepios in  Anspruch  genommenen  Beinamen 
fpivaiog,  TlayrgaxiSrig,  fremd  ist  ibid.  EvnoXog. 

C.  Die  Attribute  des  Asklepios. 

Scepter:  Statue  des  Kalamis  Paus.  2, 10,  3. 
Auch  auf  Münzen,  aber  selten.  Sch  aale:  Sta- 
tuen, Mionn.  Leser.  2,  239,  70;  gewifs  nicht 


Asklepios  (Attribute)  628 

„als  Sinnbild  des  heilenden  Trankes“.  Sclnvartz 
will  in  ihr  gar  eine  Anspielung  auf  die  Son- 
nenscheibe sehen.  Lorbeerkranz:  häufig  auf 
Münzen , vgl.  Aristid.  1 p.  456  Lind. , Festus 
s.  v.  in  insula.  Diadem  als  schmale  Binde 
(Statuen  u.  Münzen).  Wulstige  Kopfbinde 
für  Asklepios  charakteristisch,  sonst  sehr  sel- 
ten; von  O.  Müller,  Arch.  § 394,  1 frageweise 
QsQiaxQrov  genannt.  Fichtenkranz:  Berlin. 
Bronze  Friederichs,  a.B.  2 n.  1846b.  Pihien- 
zapfen:  in  der  Hand  der  Statue  von  Kalamis 
(Paus.  2,  10.  3);  Berliner  Gemme Panofka  Tf.  1, 

10;  ara  im  Mus.  P.  CI.  ( Beschr . d.  St.  Born 
2 p.  271);  Athen.  Relief  mit  Inschr.  C.  I.  A. 

3, 181a).  Cypresse:  Im  Koischen  Asklepieion 
wurde  „an  der  Cypresse  des  Asklepios“  eine 
Feierlichkeit  begangen  Ps.  - Hippocr.  ep.  11 
(Hercher  p.  292);  Cypressenhain  im  Asklepieion 
zu  Titane  (Paus.  2,  11.6);  Epidaurische  Münze 
Panofka  Taf.  1,  1.  Der  sogen.  Ompha- 
1 os:  Perg.  Münzen  Mionn.  L.  4 p.  520  von 
Schlange  umringelt.  Eine  unedierte perg. Münze 
des  münch.  Kabin.  zeigt  ihn  auf  dem  Boden 
unter  dem  Gewand  des  Gottes;  in  dieser  Ver-  , 
Wendung  nicht  selten  bei  Statuen  (Clar.  m.  de 
sc.  taf.  550,  1161;  549,  1159),  Relief  des  Late- 
ran (Benndorf  No.  259)  etc.  Ich  kann  in  die- 
sem Attribut  eine  Entlehnung  von  Apollo  nicht 
anerkennen  (heterogen  ist,  wovon  Birch  im 
num.  chron.  5 p.  153  und  AocgnQog,  vogtag.  x. 
’Agogyov  1870  handeln.  Dafs  der  omphalos- 
förmige  Gegenstand  neben  Asklepios  jedenfalls 
kein  ärztliches  Instrument  ist , sondern  ein 
Symbol  des  Kultus,  beweist  seine  Umwindung 
mit  Binden).  Ein  Globus:  Statue  Clar.  545, 
1145.  Münzen  des  Caracalla  und  Postumus  ) 
(Cohen,  med.  imp.  3.  n.  465,  5.  n.  158).  Dies  J 
Attribut  ist  als  Weltkugel  zu  erklären  und 
späten  Datums.  Die  Erklärung  geben  Orph.  i 
liym.  67,  Aristid.  1 p.  64  (Lind.)  und  Müller- 
Wieseler  2,  185  (Askl.  und  Hyg.  umgeben  vom 
Zodiacus).  — Bücherrolle  und  Tafel,  die 
ärztliche  Wissenschaft  bezeichnend:  Statuen  i 
(Clar.  294,  1164,  Asklepios  Ludovisi),  Münzen 
(Panofka  Taf.  2,  6).  Arzneikästchen:  Al- 
bricus  20  pyxides  unguentorurn  et  alia  instrum. 
med.  in  sinu.  Neben  Askl.  Hope  Clar.  548, 
1158  (moderne  Zuthat?).  Stab:  Er  mufs  im 
Kult  des  Asklepios  eine  besondere  Bedeutung 
gehabt  haben,  da  nur  so  seine  zähe  Verbin- 
dung mit  dem  Gotte  erklärlich  ist.  Zudem 
erfahren  wir  aus  Ps. -Hippocr.  ep.  11  auch  von 
einer  avccXriyug  xrjg  gäßdov  zu  Kos.  In  Bild- 
werken erscheint  dieser  Stab  von  der  übertrie- 
benen Form  eines  grofsen  Baumastes  und  einer 
plumpen  Keule  bis  herab  zur  zierlichen  Stab- 
form. Gewöhnliche  Auffassung  als  Wander- 
stab (Preller),  vereinzelt  als  Heilinstrument  des 
heroischen  Zeitalters  (Kenner , Sammlung  St. 
Florian  p.  25).  Die  knorrige  Form  (bacillum 
nodosum,  quod  clifficultatem  significat  artis  Fest. 
s.  v.  ins.)  wird  von  Bötticher , Baumkult  p.  360 
auf  den  Wege  dorn  (ayvog)  zurückgeführt,  als 
ein  dem  Gott  speziell  geheiligtes  Holz.  — Die 
Schlange:  In  den  Asklepieen  wurden  Schlan- 
gen als  heiliges  Inventar  gehalten,  hervorra- 
gendes Ansehen  genofs  eine  Epidauros  eigen- 
tümliche Gattung,  grofs,  aber  ungefährlich  und 


629  Asklepios  (Attribute) 


Asklepios  (Priestertum)  630 


leicht  zähmbar  (Paus.  2,  28.  1).  Von  hier 
wurde  sie  nach  Sikyon,  Epidauros  Limera, 
Rom  übertragen  und  ist  wohl  überall  als  Tem- 
pelinventar zu  denken,  wo  eine  Tochterstätte 
von  Epidauros  existirte.  Aclian  Ji.  a.  8 , 12 
wird  der  Ttccgsiccg  (rot,  mit  flachem  Maul)  wegen 
seiner  Zahmheit  dem  Asklepios  heilig  erklärt. 
Versuche  der  Alten,  das  Symbol  zu  erklären, 
z.  B.  Schol.  Plut.  733,  unter  den  Neueren  bes. 
Welcher,  G.  G.-L.  2,  734ff.  — Der  Sehlan- 
genstab:  Während  die  Schlange  neben  so 
vielen  Gottheiten  erscheint,  dafs  ihr  Vorhan- 
densein allein  für  eine  Beziehung  auf  Askle- 
pios durchaus  nicht  geltend  gemacht  werden 
kann,  erscheint  das  zusammengesetzte  Attribut 
der  um  den  Stab  geringelten  Schlange  in  der 
That  als  spezifisches  Symbol  des  Heilgottes 
(eine  unedierte  Münze  der  thessalischen  Magne- 
ten im  miinch.  Kabinett  zeigt  einen  sitzenden 
Asklepios  mit  Scepter  in  der  Linken  und  über- 
dies noch  mit  einem  kleinen  Schlangenstab  in 
der  Kechten).  Aber  selbst  der  Schlangenstab 
kann  in  der  späteren  Zeit  nicht  mehr  als  ein 
absolut  sicheres  Indiz  auf  Asklepios  gelten, 
denn  wir  finden  ihn  auch  übertragen  auf  1) 
Sarapis  (King,  ant.  gems  2 taf.  12,  6,  Münzen 
von  Alexandria  Aeg.  (Lucius  Verus)  Mionn.  I). 
6,  325.  2)  Deus  Lunus  (Mionn.  S.  6,  247. 

1082 ; ebendas.  No.  1086  ist  übrigens  der 
von  der  Schlange  umringelte  Gegenstand  eine 
Fackel,  was  gegen  die  Beschreibung  von 
No.  1082  Mifstrauen  erweckt).  3)  Herakles  (Co- 
hen 2 192,  732  Hadrian ).  Derartige  Wahrneh- 
mungen mahnen  zur  Vorsicht,  die  neuerdings 
nicht  immer  beobachtet  worden  ist.  (Über 
einen  problematischen  Schlangenstab  auf  per- 
gamenischen  Cistophoren  vgl.  Pinder  in  den 
Abi i.  der  Perl.  Akademie  1856  p.  539  mit  A.  1 u. 
Taf.  1,  9.  Die  Schwierigkeit,  welche  die  Er- 
klärung einer  oropischen  Münze  [ Cadalvene  Pec. 
d.  m.  gr.  p.  169  Av.  bärtiger  Kopf  Rev.  Schlangen- 
stab] bietet,  (Stab  des  Amphiaraos?),  sei  hier 
nur  im  Vorbeigehen  gestreift).  — Der  Hund: 
Er  ist  nicht  nur  im  epidaurischen  Kult  dem 
Gott  geheiligt  (vergl.  oben  p.  624  und  die  Statue 
des  Thrasymedes  Paus.  2,  27.  2),  sondern  er- 
scheint auch  auf  Münzen  der  thessalischen 
Magneten  neben  Asklepios  (Sestini,  descr.  vet. 
nimm.  p.  149),  als  Inventar  des  athenischen 
Asklepieions  (Plut.  mor.  p.  1186  Hühner.  Ae- 
lian.  h.  a.  7,  13).  Panoflcas  Phantasie  schwingt 
sich  an  diesem  Attribut  zur  schwindelnden 
Höhe  eines  „Asklepios  als  Hund“  empor 
(Text  zu  Taf.  5,  9).  — Die  Ziege:  Sie  galt  in 
Epidauros  als  Asklepios’  Amme  und  durfte 
hier  deshalb  nicht  geopfert  werden  (Paus.  2, 
26.  4).  (Darf  man  aus  dem  gleichen  Verbot 
im  Asklepieion  bei  Tithorea  (Paus.  10,  32.  12) 
auf  eine  ähnliche  in  Phokis  lokalisierte  Kind- 
heitssage schliefsen?).  Auffallend  ist,  dafs  das 
Asklepieion  von  Lebene  (Kreta),  welches  sich 
doch  durch  das  Mittelglied  Balagrai  (Kyrene) 
vom  epidaurischen  Heiligtum  herleitete,  Zie- 
genopfer zuliefs.  Pausanias  fiel  diese  Verschie- 
denheit auf  (2,  26.  9).  Allgemein  gefafst  er- 
scheint das  Verbot  des  Ziegenopfers  an  Askle- 
pios bei  Sext.  Emp.  Pyrrh.  liypot.  3,  220,  wäh- 
rend Serv.  zu  Georg.  2,  380  die  Ziege  gerade 


als  legales  Opfer  betrachtet  (mit  absurder  Moti- 
vierung: „cum  capra  numquam  sine  fehre  sit“). 
Scliwenck  im  Eh.  M.  11,  496  fafst  die  Ziege 
neben  Asklepios  als  eine  blofse  Übertragung 
vom  Hirtengott  Apollo,  schwerlich  richtig!  — 
Der  Hahn:  als  Opfer  an  Asklepios  Fiat.  Phaed. 
am  Schlufs,  Fest,  in  insula,  nach  Stoll  in  cl. 
E.-F.  1,  466  „als  Verkündiger  des  neuen 
Lebenstages“  (?).  Im  athenischen  Asklepieion 
io  wurden  heilige  Hähne  (gtqov&oi ) , gehalten, 
Ael.  h.  a.  10,  17.  Vgl.  das  Fragment  eines 
daselbst  1876  gefundenen  Votivsteines  mit 
Hahn  auf  Giebeldach.  Der  Hahn  am  Altar 
der  bekannten  selinuntischen  Münzen  (Müller- 
Wieseler  1 , 42.  194.  Friedländer- Sollet , das 
hönigl.  Münzhab.  No.  576  ff.)  ist  kein  hinrei- 
chendes Indiz  auf  Asklepios,  denn  ebenso  gut 
gehört  dieser  Vogel  Hermes,  Mars,  Helios, 
Kore,  dem  Heroenkult  etc.  Auf  anderen  Seli- 
20  nunt.  Münzen  (Friecll.- Sollet  No.  580)  ist  der 
Altar  von  einer  Schlange  umringelt.  Allge- 
mein ist  seit  O.  Müller  die  Deutung  auf  As- 
klepios. Natürlicher  aber  erscheint  mir  in 
beiden  Fällen  die  Beziehung  des  Opfers  auf 
Apoll,  den  Sender  der  Seuche,  der  Lorbeer- 
zweig in  der  Hand  des  Opfernden  als  averrun- 
cales  Attribut.  Auch  dem  Hahn  könnte  eine 
solche  Bedeutung  beigelegt  werden  unter  Her- 
anziehung von  Pausan.  2,  34.  2.  Jedenfalls 
30  steht  eine  sichere  Deutung  dieser  Münztypen 
noch  aus.  — Die  Taube  scheint  in  Thelpusa 
dem  Gott  heilig  gewesen  zu  sein  (vgl.  oben 
p.  624).  Schwein,  Schaf  und  Stier  er- 
scheinen als  dem  Asklepios  genehme  Opfer- 
tiere in  dem  suovetaurile  zu  Titane  Paus.  2, 
11.  7,  einzeln  besonders  das  Schwein  (Sext. 
Emp.  Pyrrh.  hyp.  3,  220,  epidaurisches  Relief 
(Le  Pas  m.  f.  104),  Relief  v.  Patrai  (Mitteil.  4, 
ja.  126,  5)  und  mehrere  athenische  Reliefs 
40  (z.  B.  A.  Z.  35  p.  147  n.  15). 

D.  Das  Priestertum  des  Asklepios 
befand  sich  zunächst  in  den  Händen  des  Ge- 
schlechts der  Asklepiaden,  welches  sich  von 
Asklepios’  Söhnen  Podaleirios  und  Machaon 
(s.  diese)  ableitete  und  eine  ziemliche  Ver- 
breitung gehabt  haben  mufs.  Dafs  in  diesem 
Geschlecht  wie  die  Iatrik  so  auch  das  Priester- 
tum des  Asklepios  erblich  war,  ist  vorauszu- 
50  setzen,  unrichtig  aber  Stolls  Behauptung  in  d. 
E.-E.  1 p.  466,  dafs  alle  Priester  des  Askle- 
pios Asklepiaden  geheifsen  und  ihren  Ursprung 
auf  Asklepios  zurückgeführt  hätten  (dagegen 
scheint  der  sonst  so  verbreitete  Eigenname 
’AoKlrimced ge  in  der  gens  der  Asklepiaden  nicht 
gebräuchlich  gewesen  zu  sein).  Das  erbliche 
Priestertum  des  Gottes  besafsen  an  einzelnen 
Orten  auch  andere  Geschlechter;  ein  solcher 
uQivg  dux  ysvovg  z.  B.  auf  Lesbos  (Eph.  Epigr. 
60  2 p.  21),  auf  Thera  (Eofs,  inscr.  ined.  2,  221); 
ein  fsgev g dia  ßiov  in  Athen  (C.  I.  A.  3 n.  132), 
aber  erst  in  der  Kaiserzeit , früher  jährliche 
Priester  durch  Wahl  (vgl.  Girard,  V Asclepicion 
d'Athenes  p.  22 f.)  z.  B.  ein  liQSvg  dlg^cog 
(’A&yvcuov  5 p.  101),  — ysvögsvog  in’  iviav- 
rov  Mitteil.  2,  245;  C.  I.  A.  2,  n.  453  b.  Ein 
gdxoQog  C.  I.  A.  3,  n.  68 e.  102  etc.;  vno^ccuo- 
gog  ib.  n.  894a.,  Iccrgog  gexuogsvou g ib.  n.  780. 


632 


631  Asklepios  (Feste  n.  Tempel) 


Asklepios  (in  d.  Kunst) 


SfMog  nvQcpOQog  ib.  n.  693,  Kl£idov%og  und  ccqqjj- 
cpOQovccc  ib.  2a,  453b  -/.avrjcpÖQog  ib.  3a  n.  916; 
ein  tagsvg  nvgyÖQog  im  Hieron  bei  Epidauros 
C.  1.  Gr.  n.  1178;  vscctmqol  in  Pergamon  (pas- 
sim in  den  isgol  loyoi.  des  Aristides).  ’Aanlg- 
mdctca  G.  1.  A.  2,  n.  617  b ( Girard  a.  a.  0. 
p.  87  f.)  ’Ogysmvsg  Rangabe  2,  1056. 

E.  Grofse,  periodisch  wiederkehrende  Feste 

(Aßuhgnisia.  \’Acv.lr]-7tULu\ , ’AGHhrjnsici , ’Acnlg- 
niu,  ’AßulrjniSsux)  zu  Epidauros  (Plato , Ion 
530 A,  C.  I.  Gr.  n.  1171.  3208  etc.  ’Ecprjg.  dg- 
Xcaol.  1883  p.  30  n.  10),  Kos  (Bull.  d.  c.  h.  5 
p.  231.  Ps.-Hippokr.  ep.  11  (3  p.  778  Kühn)), 
Pergamos  ( C . I.  Gr.  n.  3208.  Aristid.  1 p.  466 
Bind.),  Athen  ( Aesch . inCtesiph.  67,  C.  I.  Gr. 
n.  157).  Hier  auch  ’Emdcevgux  u.  tjqcou  (C.  I. 
A.  2 a.  n.  453  b),  eine  nuvwilg  C.  I.  A.  2 a, 
373b;  ein  Opfer  der  athenischen  Ärzte  an  As- 
klepios zweimal  jährlich  ib.  352b,  ein  Opfer 
für  das  ganze  athenische  Volk  ib.  n.  567  b. 
Asklepieia  zu  Lampsakos  C.  I.  Gr.  n.  3641b, 
Ankyra  ib.  n.  4016,  Karpathos  Revue  Ar ch. 
1863,  2 p.  471f. , Akragas  Mionn.  Descr.  1 
p.  214,  53  etc. 

F.  Die  änfseren  Verhältnisse  der  Heiligtümer 
des  Asklepios 

bekunden  überall  ein  nach  vernünftigen  Prin- 
zipien geregeltes  iatrisches  System.  Die  noch 
heute  nachweisbaren  Stätten  sind  stets  die 
gesundesten  der  ganzen  Gegend  (vgl.  die  be- 
ziigl.  Abschn.  in  Curtius'  Peloponnes  u.  Vitr. 
1,  21.  7.  Plut.  quaest.  R.  94).  Das  Hauptge- 
wicht wurde  auf  die  Nähe  eines  gesunden 
Wassers  gelegt,  auf  die  Nachbarschaft  von 
Gesundbrunnen  aber  gar  nicht  gesehen,  was 
K.  Sprengel  fälschlich  behauptet.  Wo  die 
Lokalität  keine  natürliche  Wassergelegenheit 
von  genügenderErgiebigkeit  bot,  wurden  künst- 
liche Bäder  angelegt,  so  in  grofsem  Mafsstab 
zu  Epidauros  ( Curtius , Pel.  2 p.  422  eemen- 
tirtes  Bassin  40'  br.  100'  lang).  Daneben 

fehlte  es  wohl  auch  nirgends  an  Vorrichtun- 
gen zu  gymnastischen  Übungen  (Plato,  Symp. 
186  E,  Galen,  de  San.  tuenda  B.  6 p.  41  Kühn), 
und  die  Verbindung  von  Asklepieion  und  Gym- 
nasion  zu  Smyrna  (Aristid.  1 p.  449)  und  bei 
Korinth  (Paus.  2,  4.  6)  ist  gewifs  keine  zufäl- 
lige. Genauere  Kenntnis  von  der  Anlage  der 
Asklepieien  besitzen  wir  nur  für  Athen  durch 
die  erfolgreichen  Ausgrabungen  von  1876/77 
(vgl.  ’Aürivcuov  1876 ff  Mitteilungen  des  Beut. 
Inst.  2,  p.  171  ff.  229 ff.,  A.  Z.  35,  p.  139—72, 
Girard,  V Asclepieion  d’Athenes  Par.  1881)  und 
für  das  Isqöv  bei  Epidauros  durch  Pausan. 
ausführliche  Beschreibung  (2;  c.  26 — 28,  vgl. 
dazu  Curtius,  Pel.  2,  418ff.  mit  Taf.  17),  sowie 
durch  die  im  vergangenen  Jahre  in  Angriff 
genommenen  Ausgrabungen.  Von  der  Pracht 
dieses  bedeutendsten  aller  Asklepiosheiligtü- 
mer erhalten  wir  eine  Vorstellung  durch  Pau- 
sanias;  derselbe  zählt  an  verschiedenen  An- 
lagen des  Hieron  auf:  Den  Tempel  des  Got- 
tes mit  chryselephantinem  Kultbild,  Heilig- 
tümer der  Artemis,  Aphrodite  und  Themis,  das 
Theater  des  Polyklet  (ist  wieder  freigelegt), 
die  Tholos  des  Polyklet  (man  glaubt  sie  ge- 


funden zu  haben  ’A&yvcuov  10  p.  545  f.) , eine 
überdachte  ngfivg,  die  Stoa  des  Kotys  (Kon- 
versationshalle?) , ein  Stadion  (nach  Curtius 
a.  a.  0.  p.  421  aufserhalb  des  Peribolos  gelegen). 
Durch  Munificenz  des  Anton.  Pius  erhielt  das 
allgemach  vor  Pergamos  zurückgetretene  Hei- 
ligtum neuen  Schmuck,  Der  Kaiser  erbaute 
ein  lsqov  der  ’Emdcötca  (vgl.  das  sikyonische 
Asklepieion , wo  Hypnos  als  Epidotes  verehrt 
io  wurde) , ein  Ao-ulgmov  Xovtqov,  einen  Tempel 
der  Hygieia,  des  Asklepios  und  Apollon  unter 
dem  Beinamen  der  „ägyptischen“,  endlich  ein 
Gebär-  und  Sterbehaus  aufserhalb  des  Peribolos. 


V.  Asklepios  in  der  Kunst. 


A.  Schriftliche  Überlieferung. 

1.  Plastik.  Beispiel  der  ältesten  Art  eines 
20  puppenartig  mit  Gewändern  umhüllten  Idols 
zu  Titane  Paus.  2,  11.  6 ; altertümlich  jeden- 
falls auch  das  Kultbild  aus  Weidendorn  zu 
Sparta  Paus.  3,  14.  7;  Asklepios  und  Hygieia 
in  figurenreicher  Erzgruppe  des  Dionys,  v. 
Argos  Paus.  6,  26.  2.  Chryselephantine 
Statuen:  in  Sikyon  von  Kalamis  (nicht  Ko- 
rinth, Brunn,  K.-G.  1,  126,  nicht  Kanachos, 
Müller,  Arch.  § 394,  2)  Paus.  2,  10,  3.  Der 
Gott  unbärtig,  also  jugendlich,  mit  Scepter 
30  und  Pinienfrucht,  wohl  thronend.  Sicher  ist 
diese  Haltung  für  das  epidaurische  Kultbild 
von  Thrasymedes  Paus.  2,  27,  2 (Nachbil- 
dungen auf  epidaurischen  Silbermünzen,  Berl. 
Blcitt.  für  Mimzk.  3 T.  30,  3.  Erzmünze  des 
Antoninus  Pius  mit  kleinen  Abweichungen, 
Mionn.  D.  2 , 239 , 70.  Panoflca,  Asklepios  u. 
die  Aslclepiaden,  Abh.  d.  Berl.  Äkad.  1845,  Tf. 
1,  7).  Bei  Kvllene  (Elis)  ein  chryseleph.  Äskl. 
von  Ko  lotes  Strabo  p.337 ; 

40  von  demselben  Asklep.  u. 

Hyg.  in  Belief,  Paus.  5, 

29.  1.  Auf  Alkamenes, 
welcher  einen  Asklepios  für 
Mantineia  arbeitete,  möchte 
Overbeck, Plastik  l3,  p.  274: 

„ das  Ideal  des  zeusartig 
aufgefafsten  alteren  Askle- 
pios“ zurückführen  (oder 
allgemeiner  p.  279  auf  die 
50  ältere  attische  Schule). 

Nicht  überliefert  ist  der  Künstler  für  das 
Weihgeschenk  des  Theopomp,  Aelian 
fr.  99  (Asklepios  besucht  den  kranken  Dichter) 
vgl.  Stark  in  A.  Z.  1851  p.  315 ff.  Damo- 
phon  v.  Messene  scheint  mit  besonderer  Vor- 
liebe die  Heilgötter  dargestellt  zu  haben;  Pau- 
sanias  nennt  von  ihm  3 Gruppen : in  Messene 
’AGxXrjTuov  Kt«  räv  naiScov  (Podal.  u.  Mach.)  4, 
31,  8,  Askl.  u.  Hyg.  in  Megalopolis  8,  31,  1, 
60  und  in  Aigion  7,  23,  5 (Münzen  v.  Aig.  zeigen 
sitzen  den  Askl.  und  stehende  Hyg.  Mionn. 
S.  4,  26.  152).  Die  jüngere  attische  Schule  weist 
zahlreiche  Darstellungen  auf:  von  Skopas  für 
Tegea  Askl.  u.  Hyg.,  welche  das  Kultbild  der 
Athena  flankierten,  Paus.  8,  47,  1;  für  Gortys 
unbärtigen  Askl.  u.  Hyg.,  Paus.  8,28, 1,  ( Over- 
beck, Plastik  2,  11:  „in  dieser  Statue  vielleicht 
zum  ersten  Mal  jugendlich  dar  gestellt“ ; dem  ist 


Erzmünze  v.  Epidau- 
ros (nacli  Panofka 
a.  a.  O.). 


633  Asklepios  (in  d.  Kunst)  Asklepios  (in  d.  Kunst)  634 


entgegenzuhalten  die  Statue  des  Kalamis). 
Praxiteles  darf  in  diese  Reihe  aufgenommen 
werden  mit  seinem  Tgocpcoviov  aycclya  ’AanXy- 
niä  s Ihccg  yev  ov , Paus.  9,  39,  4 ( Over- 
beck, Zeus  p.  225  bezweifelt  dafs  für  Pausa- 
wias'  Urteil  neben  dem  äufserlichen  Umstand 
des  gleichen  Attributs  (des  Schlangenstabes) 
auch  noch  andere  Gründe  mafsgebend  gewesen 
seien.  Im  Hinblick  auf  die  auch  in  mythol. 
Beziehung  enge  Berührung  der  beiden  Gott-  io 
heiten  (vgl.  oben  unter  III,  Lebadeia  p.  623) 
finde  ich  indes  an  einer  zu  statuierenden » 
„Idealähnlichkeit  des  Trophonios  mit  Askle- 
, pios“  nichts  so  Bedenkliches).  Von  Bryaxis 
Askl.  u.  Hyg.  zu  Megara  Pausan.  1,  40.  6; 
Askl.  allein  bei  Plin.  34,  73.  Von  Timo- 

!theos  zu  Troizen  ein  Askl.  (oder  Hippolyt?) 
Pausan.  2,  32,  3.  Hellenistisches  Zeitalter: 
Xenophilos  und  Straton  mit  Gruppe  eines 
i sitzenden  Askl.  und  einer  stehenden  Hyg.  zu  20 
Argos,  Paus.  2,  23,  4.  Als  Nachbildung  die- 
! ses  Werkes  betrachtet  man  nach  Viscontis 
Vorgang  die  Gruppe  des  Vatican  (Mus.  P.  CI. 
i 2,  3;  Clarac  546,  115lB.;  Panofka  3,  6)  aber 
ohne  zureichenden  Grund,  denn  diese  Art  der 
Gruppierung  beider  Gottheiten  war  durchaus 
nicht  singulär  (vgl.  unter  Hy  gieia).  VonKephi- 
; sodot  jun.  ein  Askl.  bei  Plin.  36,  24.  Phy- 
romachos  v.  Athen  arbeitete  eine  durch 
! Polybios’  Lob  bekannte,  aber  in  ihrer  Bedeu-  30 
1 tung  überschätzte  ( Müller , Arcli.  § 394.  Prel- 
j Zer,  Gr.  Myth.  1,  325.  Beule,  monn.  d'Atlienes 
i p.  332  u.  A.)  Statue  des  Asklepios,  Polyb.  32, 

1 25,  vgl.  Biodl.  31,  fr.  46.  Helbig,  Unters,  über 
j d.  camp.  Wandmalerei  p.  159  und  Overbeck, 

! Plast.  2,  p.  202  beziehen  die  Notiz  des  Polyb. 
unrichtig  auf  Prusiäs  I anstatt  auf  Prus.  II, 
mit  Recht  aber  tritt  Overbeck  der  Zurückfüh- 
rung des  Asklepiosideals  auf  Phyrom.  entge- 
gen (über  die  Zeit  dieses  Künstlers  vgl.  des  40 
Unterzeichneten:  „Siege  der  Pergamener  über 
die  Galater.  Felliner  Gymnasialprogr.  1877). 
Von  Nikerat os  ein  Asklepios  gruppiert  mit 
Hygieia  in  Rom  bei  Plin.  34,  88;  von  Boethos 
j ein  Asklepios  als  Kind,  Anth.  Pal.  3,  92,  19. 

- Aus  römischer  Zeit  endlich  Timokles  u.  Ti- 
I marchides  jun.,  (Brunn,  K.-G.  1,  537)  mit 
' dem  Kultbihl  eines  bärtigen  Asklepios  für  Ela- 
teia,  Paus.  10,  34,  6. 

A.  2)  Malerei. 

Nikophanes  malte  in  Gruppe  Asklepios 
und  die  4 Töchter  Plygieia,  Aigle,  Panakeia, 

| Iaso,  Plin.  35,137;  Omphalio  an  einer  Tem- 
pelwand zu  Messene  unter  anderen  Gruppen 
Asklepios  mit  Podaleirios  und  Macliaon,  Paus. 

4,  31,  9;  Aristarete  einen  Askl.  Plin.  35, 
147.  Ein  Gemälde,  Sophokles  umgeben  von 
i Melpomene  u.  Asklepios , bei  Philostr.  jun. 

I fix.  14. 

B.  Erhaltene  Kunstwerke. 

1.  Die  Statuen  eines  stehenden  Askle- 
pios zeigen  geringe  Mannigfaltigkeit  der  Auf- 
I fassung.  Ihre  Masse  läfst  sich  auf  4 Typen 
i zurückführen , welche  durch  ein  rein  äui'ser- 
| liches  Moment,  die  Länge  und  Verwendung 
. des  (Schlangen-) Stabes  auseinandergehalten 


werden,  während  das  Himation  in  der  allgemein 
üblichen  Weise,  nur  mit  stärkerer  Verhüllung 
des  Nackten  als  gewöhnlich  bei  Zeus,  angeorcl- 
net  ist.  Die  Füfse  sind  meist  beschuht,  die 
Haltung  ist  ein  ruhiges  Dastehen  (selten  der 
Moment  des  Ausschreitens) , der  Kopf  nicht 
vorgeneigt,  der  Blick  gerade  aus,  bisweilen 
ein  wenig  aufwärts  gerichtet. 

Schema  I:  Der  Körper  stützt  sich 
mit  der  rechten  Achsel  auf  den  langen 
Stab,  der  linke  Arm  ist  an  die  Seite 
gestemmt  und  meist  ganz  verhüllt.  Vor- 
anzustellen ist  eine  Gruppe  mit  für  Askle- 
pios charakteristischer  Drapierung: 
Das  unter  der  rechten  Achsel  vorgezogene  Ge- 
wandstück geht  mit  mehrmals  eingeschlagener 
Kante  vorn  um  den  Leib  und  dann,  das  von  der 


linken  Schulter  herabfallende  Gewandende  über- 
deckend um  den  linken  Arm  nach  dem  Rücken 
herum,  wo  sein  Zipfel  von  der  aufgestemmten 
60  linken  Hand  festgehalten  wird.  Diese  Anordnung 
des  Gewandes  giebt  der  Gestalt  etwas  sehr 
Geschlossenes  und  dort,  wo  die  Kante  zugleich 
fest  angezogen  ist,  geradezu  Strammes.  Hier- 
her gehören:  der  obenstehend  abgebildete  As- 
klepios von  Neapel,  von  der  Tiberinsel,  der 
Stätte  des  römischen  Asklepieions,  stammend; 
Olar.  294,  1164  (Askl.  u.  Telesplioros) ; 545, 
1145;  549,  1158,  die  hervorragende  Statue  des 


635  Asklepios  (in  d.  Kunst) 

Lateran  (JBennd.- Schöne  No.  78),  ein  schöner, 
aus  Epidauros  stammender  Torso  im  Brit.  Mus. 
(Anc.  M.  9,  5.  Clar.  551,  1161 A),  besonders 
häufig  in  Athen  z.  B.  Sybel,  Katal.  n.  431  u.  429 
(stimmt  auffallend  überein  mit  dem  jugend- 
lichen Asklepios  Chiaravionti  Clar.  549,  1159) 
etc.  Mit  gewöhnlicher  Drapierung  Clar.  548, 
1167  (der  Stab  in  der  Zeichnung  falsch);  552B, 
1155D  (die  linke  Hand  tritt  aus  dem  Gewand); 
der  Statue  des  Louvre  ( Clarac  293,  1148)  ist 
eine  gröfsere  Entblöfsung  des  Körpers  und 
der  einfache  Stab  eigentümlich,  während  eine 
grofse  Schlange  sich  neben  dem  linken  Fufs 
des  Gottes  emporringelt.  Der  schöne  Kopf  der 
Statue  ist  nicht  zugehörig. 

Schema  II:  Die  rechte  Hand  hält  den 
kurzen  Stab.  Damit  ist  dann  meist  auch 


eine  tiefere  Entblöfsung  der  rechten  Seite  ver- 
bunden. Auch  hier  ist  die  für  Asklepios  cha- 
rakteristische Drapierung  durch  einige  Exem- 
plare vertreten:  Clar.  295,  1150;  547,  1154; 
562  A,  1155C  (falsch  restauriert).  Gewöhnliche 
Drapierung,  wobei  meist  die  linke  Hand  aus 
dem  Gewand  tritt:  547,  1155;  545,  1147;  547, 
1153  (falsch  restauriert,  die  Abbildung  mit 


Asklepios  (in  d.  Kunst) 


636  ! 


Vertauschung  der  Seiten);  551,  1160B;  Askl. 
Ludovisi  ( Schreiber  No.  101),  im  Moment  des 
Ausschreitens  begriffen,  in  der  linken  Hand 
eine  Schriftrolle,  den  Blick  sinnend  ein  wenig 
aufwärts  gerichtet  (römische  Kopie  nach  einem 
vorzüglichen  Original). 

Schema  III:  Der  lange  Stab  unter  die 
linke  Achsel  gestemmt.  Der  linke  Unter- 
arm tritt  bei  den  wenigen  Exemplaren  dieses 
io  Typus  stets  aus  dem  Gewand  hervor:  Clar.  545, 
1140;  293,  1149;  551,  1160C,  Hellenic  Stud.  4 
(1883)  zu  p.  43  (jugendlicher  Asklepios). 

Schema  IV:  Die  linke  Hand  auf  dem 
kurzen  Stab.  Dieser  Typus,  auf  Münzen 
nicht  eben  selten,  scheint  statuarisch  zufällig 
nicht  überkommen  zu  sein.  (Vielleicht  gehört 
her  Dütschke,  ant.  Bildw.in  Oberital.  4 n.  312). 
Ein  Bronzefigürchen  des  Neapler  Mus.  (n.  1733) 
ist  nebenstehend  p.  635  nach  Antich.  di  Er - 
20  colano  6 p.  73  abgebildet. 

Der  zahlreichen  Statuengruppe  der  obigen 
4 Schemata,  deren  Hauptcharakteristikum  die 
Darstellung  des  Gottes  in  affektloser  Ruhe  ist, 
stehen  zwei  Bildwer- 


30 


ke  gegenüber,  welche 
Asklepios  als  den  see- 
lisch affinierten  Arzt- 
gott vorführen.  Wir 
zählen  sie  als 
Schema  V : 

Bronzestatuette  des 
Berlin.  Mus.,  beiste- 
hend nach  Panofka 
3,  2 abgebildet  (vgl. 

Friederichs  Perl.  ant. 

Bildio.  2 n.  1846), 
eine  voll  Mitleid  und 
zugleich  auf  Abhilfe 
sinnend  dem  zu  sup- 
40  plierendenBittsteller 
zugeneigte  .Gestalt. 

Auffallende  Überein- 
stimmung zeigt  die 
Statue  der  Uffizien 
(Gail,  di  F.  Ser.  4. 

B.  1,  26.  Clar.  647, 

1152.  Müller- Wiese- 
ler  2,60,771).  Übel- 
verwandte  Darstel- 
50  lungen  in  Relief  vgl. 
unten. 

Den  Schlufs  macht 
eine  singuläre 
Darstellung,  der 
Asklepios  Pitti  (bei 
Clar.  846,  2131  mit 
V ertaus  chung  der 

Seiten,  richtig  Mül- 
ler - Wieseler  2 , 60, 

60  770).  Die  Statue 

wurde  von  Gori  (Mus.  Flor.  Statue  tav.  97)  als 
Philosoph  publiciert,  erweist  sich  aber  als  Askle- 
pios einmal  durch  das  Attribut  des  sogenann- 
ten Omphalos,  dann  durch  die  frappante 
Übereinstimmung  mit  dem  Asklepios  des  Dip- 
tychon Gaddi  (Müller- Wieseler  2,  61.  792  a), 
auch  vergleiche  man  die  Münze  von  Amas- 
tris  bei  Panoflca  T.  1,  15.  Der  Gott  stützte 


Bronze  des  Berl.  Mus. 


637 


Asklepios  (in  d.  Kunst) 


Asklepios  (in  d.  Kunst) 


638 


sich  ursprünglich  mit  der  linken  Achsel  auf 
den  Stab  (unrichtig  ergänzt) , er  hält  in  der 
gegen  das  Kinn  gehobenen  linken  Hand  eine 
Schriftrolle  und  blickt  gedankenvoll  in  die 
Ferne.  In  der  Erfindung  ist  die  Statue  leben- 
dig und  interessant,  in  der  Ausführung  auf- 
fallend schwer  und  fleischig.  Auch  das  wie- 
derholt sich  im  Diptychon.  Bütschke , Ant. 
Bildw.  in  Oberit.  2,  n.  19  möchte  in  der  Sta- 
tue ein  Originalwerk  sehen  (?).  io 

Thronender  Asklepios.  Dafs  diese  Dar- 
stellung durchaus  nicht  selten  war,  zeigen 
Münzen  und  Reliefs,  daher  kann  es  nur  Zufall 
sein,  dafs  unter  den  erhaltenen  Statuen  nur 
4 Exemplare  nachweisbar  sind:  Gruppe  des 
Vatican  ( Clar . 546,  1151B),  Asklepios  auf  M. 
Pincio  (Matz-Buhn  No.  53)  angeblicher  Askle- 
pios im  Pal.  Farnese  (ib.  n.  54),  Kolossaltorso 
bei  Messene  (Püchler,  südöstl.  Bilders.  3,  348). 
Vielleicht  ist  auch  von  den  thronenden  Zeus-  20 
statuen  einiges  herzuziehen. 


B.  2)  Büsten  und  Köpfe. 


Sichere  Unterscheidung  zwischen  Köpfen 
des  Asklepios  und  Zeus  gehört,  wo  Attribute 
fehlen,  zu  den  lieikelen  Aufgaben  der  Archäo- 
logie. Im  Folgenden  nur  eine  Aufzählung  des 
Wichtigeren.  Gesichert  durch  die  charakt. 
Kopfbinde  sind:  die  treffliche  Kolossalbüste  30 
des  Louvre  ( Bouill . 1,  68.  Müller-  Wieset  er 
2 n.  764;  von  links,  aber  fremdartig  Clar.  5, 
1081,  2785D);  Kopf  des  palat.  Mus.  ( Matz- 
Buhn  n.  64),  Büste  Worsley  (Mus.  W.  9). 
Der  aufgesetzte  Kopf  der  Statue  Al- 
bani  (Bouill.  1,  49).  Während  bei  den  zwei 

ersten  Köpfen  der 


Blick  sinnend  ein 
wenig  gehoben, 
bei  der  dritten  40 
geradeaus  gerich- 
tet ist,  neigt  er- 
sieh bei  der  vier- 
ten nachdenklich 
abwärts,  ebenso 
auch  bei  einer 
mantuaner 
Büste,  dem  Un- 
terzeichneten 
nur  durch  die  auf-  50 
fallend  wenig 
ideal  gehaltene 
Abbildung  bei 
Labus , Mus.  di 
Mant.  3 , 42.  be- 
kannt (wohl  iden- 
tisch mit Bütschke 
4,  n.  854).  Um- 
stritten ist  der 
ausgezeichnete  «0 

Kopf  v.  Melos  (Britisch.  Mus.) , früher  nach 
[Fundort  und  Gesichtsausdruck  für  Asklepios 
genommen , von  Overbeck  aber  (Kunstmytliol. 

1,  88  ff.)  sehr  entschieden  Zeus  vindiciert,  doch 
ffeiben  Zweifel  obwaltend.  Rücksichtlich  der 
V ertschätzung  der  vorstehenden,  Müller-  Wie- 
eier entlehnten  Abbildung  verweisen  wir  auf 
>verbeck  a.  a.  0.,  betonen  hier  aber  noch  aus- 


drücklich, dafs  der  Blick  nicht,  wie  die  Zeich- 
nung glauben  macht,  aufwärts,  sondern  ge- 
radeaus ins  Weite  gerichtet  ist;  auch  der  Bart 
ist  zu  voll  und  massig,  am  Original  läfst  er 
den  Knochenbau  des  Kinns  deutlich  durch- 
schimmern. Trefflich  ist  die  Abbildung  in  Over- 
beck, Atlas  der  Kunstmyth.  Taf. 'II.  11  u.  12.  — 
Die  Verwandtschaft  der  Zeus-  und  Asklepios- 
köpfe ist  evident,  nur  ist  bei  letzterem  alles  ins 
Mildere  gestimmt,  die  plastischen  Details  sind 
mäfsiger  gebildet,  im  Gesicht  weniger  Schat- 
ten durch  schwächere  Untermeifselung,  das 
Haupthaar  über  der  Stirn  der  Regel  nach  nicht 
aufstrebend,  der  Bart  im  ganzen  weniger  voll, 
die  Lockenbildung  zierlich.  Übrigens  wird  der 
Kopf  des  Asklepios  seit  dem  hellenistischen 
Zeitalter  immer  zeusartiger  und  kann  auf  Mün- 
zen dieser  Periode  ohne  beigefügte  Attribute 
von  dem  des  Götterkönigs  oft  gar  nicht  mehr 
unterschieden  werden.  — Geschnittener 
Stein  der  Sammlung  Blacas  mit  ATAOT 
(Brunn,  K.-G.  2,  p.  550),  abgeb.  Panof.  3,  4 
als  Gesichtsmaske  (King , ant.  gems  2 , 15.  19 
als  ganzer  Kopf?).  Karneol  der  Uffizien  (Gail, 
di  F.  Ser.  5,  1, 13)  Kopf  in  edlem  Stil,  aber  von 
bereits  zeusartigem  Typus.  Ebendaselbst  ein 
anderer  Carneol  abgebildet,  bemerkenswert 
durch  Haartracht,  Länge  des  Bartes  und  schlich- 
teren Ausdruck.  — Köpfe  auf  Münzen: 
Schöner  Kopf  in  älterem  Typus  auf  einer  mün- 
chener  Goldmünze , vermutlich  Pergamons, 
schlecht  abgebildet  bei  Sestini,  stat.  ant.  t. 
7,  7;  Mionnet  recueil  1 pl,  52,  6 (Kos);  AL  Hun- 
ter 21,  9 (Kos);  26,  13  (Epidauros) ; Panof ka 
2, 12  (Epidauros,  nicht  Kos).  Wir  geben  nach- 
stehend einen  Münztypus  von  Rhegion  nach 
Carelli  199,  104. 


Asklepios  u.  Hygieia,  Münze  von  Rhegion. 


B.  3)  Reliefs. 


Kopf  von  Melos. 


Die  Figur  des  Gottes  hält  sich  in  den  oben 
aufgestellten  5 Schemata:  Rel.  v.  Ligurio 
bei  Epidauros  Le  Bas,  mon.  fig.  104.  Askle- 
pios (Schema  II)  Epione  (Hygieia?)  Altar  und 
Adorierende;  Relief  v.  Athen  A.  Z.  35  p.  147 
n.  15.  Asklepios  (Schema  III)  Hygieia  etc.; 
desgl.  Mitteil.  2 t.  14  A.  Z.  a.  a.  0.  n.  1; 
attisches  Relief  in  Verona  Asklepios  (Sche- 
ma IV)  u.  Hygieia  (Bütschke  4 n.  562).  — Von 
besonderem  Interesse  ist  die  Reihe  der  Vo- 
tivreliefs, welche  Asklepios  in  der  gemütvol- 
len Auffassung  von  Schema  V (mit  wechselnd 
verwendetem  Stabe)  zeigen.  Dieselbe  kommt 
hier  gegenüber  den  Bittstellern  erst  zu  ihrer 
vollen  Geltung:  Relief  von  Athen  Hygieia, 
Asklepios,  2 Adoranten  (Xe  Bas  pl.  51.  A.  Z. 
a.  a.  0.  n.  110);  desgl.  Asklepios  gefolgt  von 


639 


Asklepios  (in  d.  Kunst) 


Asklepios  (in  d.  Kunst) 


640 


2 Töchtern  ( Mitteil . 2 t.  15.  A.  Z.  n.  2,  abgeb. 
nebensteh.  p.  640;  des  gl.  Mitteil.  2,  t.  18); 
Relief  v.  Luku  (Nauplia)  Asklepios  mit  Frau, 
2 Söhnen,  3 Töchtern,  Adoranten  (. Annali  1873 
tav.  M.  N.  u.  p.  114 ff.). 

Thronender  Asklepios  mit  Familie:  Athen, 
Schöne,  Taf.  25,  102  (n.  103  Asklepios  allein); 
sitzender  Asklepios,  stehende  Hyg.  Mitteil.  2, 
T.  16,  A.  Z.  a.  a.  0.  n.  8;  desgl.  Mitteil.  2, 
17,  A.  Z.  n.  14;  desgl.  Girard,  l'Asclepieion 
d'Atlienes  pl.  4;  Berlin  Panoflca  4,  1 (falsch 
als  Asklepios  und  Epione).  [Relief  v.  Mer- 
bakka  bei  Argos.  Panoflca  4,  2 bärtiger  Mann 
und  Frau  auf  Kline,  Tisch,  davor  Schlange, 
daneben  Diener  aus  einem  Gefäfs  schöpfend; 
von  links  nahen  Opfernde,  oben  im  Feld  ein 
Pferdekopf.  Mit  dieser  Darstellung  betreten 
wir  das  seit  lange  umstrittene  Gebiet  der  so- 
gen. Toten reliefs.  Die  ältere  Litteratur 
hei  Welcher,  a.  D.  2,  232 ff. , die  neuere  bei 
Wolters  in  der  A.  Z.  1882  p.  301  ff. 

Die  Erklärung  aus  dem  Heroenkult  ver- 
tritt besonders  Müclihöf er  ( Mitteil . 2, 

461  ff.  4,  161  ff.  A.  Z.  1881,  p.  294ff), 
die  aus  dem  Asklepioskult  Sallet , wel- 
cher die  Mehrzahl  der  fraglichen  Re- 
liefs Askl.  u.  Hyg.  zuspricht  und  die 
anderweitigen  Darstellungen  als  Entleh- 
nungen fafst  ( Numismat . Zeitschr.  1878 
p.  320 ff. , 1881  p.  168  ff  1882  p.  171  ff., 
daneben  auch  in  einem  Seperatabdruck 
Asklepios  u.  Hygieia.  Pie  sogen.  An- 
athem.  für  heroisierte  Toclte,  Berl.  1878). 
Unterzeichneter  möchte  die  Einbezie- 
hung des  Asklepios  in  den  Kreis  dieser 
Darstellungen  insoweit  ablehnen,  als  die 
Kunst  diesen  Typus  auf  die  Heilgötter 
nur  in  sehr  später  Zeit  übertragen  haben 
kann,  wo  Hygieia  in  vereinzeltem  Falle 
aus  der  jugendlichen  Tochter  zur  Gat- 
tin des  Gottes  umgewandelt  erscheint, 
vgl.  unter  Hygieia].  — Ein  sehr  inte- 
ressantes , aber  leider  stark  zerstörtes 
Votiv relief  in  Athen  (Pinakothek) 

Le  Bas , m.  f.  pl.  53,  [Vgl.  Schöll,  arch. 
Mitteil.  p.  97,  104.  Puhn  in  der  A.  Z. 

35,  p.  174  n.  115]:  Auf  einer  Kline  ein 
Kranker,  neben  derselben  sitzt,  in  gröfse- 
ren  Verhältnissen  gebildet,  eine  Gestalt, 
welche  mit  der  rechten  Hand  den  Un- 
terarm des  Kranken  erfafst,  die  erho- 
bene Linke  auf  einen  Stab  stützt;  am 
Kopfende  des  Bettes  steht,  gleichfalls 
gröfser  gebildet  ein  unterhalb  bekleide- 
ter Jüngling,  welcher  in  der  über  des 
Kranken  Haupt  ausgestreckten  Rechten  einen 
undeutlichen  Gegenstand  hält ; von  rechts 
nahen  Adorierende  einem  Altar  (Asklepios 
am  Krankenlager  unter  Assistenz  eines  seiner 
Söhne).  Ein  zweites  Relief  mit  Kranken- 
besuch des  Asklepios  wird,  wenn  überhaupt 
echt  (jede  Nachricht  über  Fundort  und  Ver- 
bleib fehlt),  wohl  sicher  mit  Vertauschung  der 
Seiten  abgebildet  sein  bei  Hirt,  Bilderb.  11,  3. 
Millin.  G.  M.  32,  105;  (vgl.  Stark  in  der  A.  Z. 
1851  p.  315).  Relief  des  Vatikan  Mus. 
P.-Cl.  4,  12.  Millin  G.  M.  33,  106.  Miiller- 
Wieseler  62,  794:  Von  Hermes  geleitet  ein 


aufs  Knie  gesunkener  Mann,  Asklepios,  die  3 
Gratien  („Dank  des  Genesenen  an  Asklepios, 
durch  die  Gratien  ausgedrückt“  Müller , Arch. 
§ 394  Anm.  3,  anders  Wieseler  a.  a.  0.). 

Relief  mit  Kindheitssage  auf  fragm. 
Diskos,  M cm.  delVInst.  2 tav.  4,  2 von  Kekule 
ansprechend  nach  Paus.  2 , 26 , 6 gedeutet 
(p.  123).  (Sehr  fraglich  bleibt  die  ebendas,  p.  129 
Anm.  4 versuchte  Erklärung  eines  lateran.  Re- 
io  liefs  aus  der  Kindheitssage  von  Tlielpusa). 

B.  4)  Gemälde: 

Bisher  einziges  Beispiel  ein  pompejanisches 
Wandgem.,  Pitt.  d'Ercol.  5,  5.  Millin  G.  M. 
153,  554.  Müller- Wieseler  2,  62,  793.  — Auf 
Vasen  wird  Asklepios  nicht  angetroffen  (ganz 
problematisch  sind  die  Vermutungen  Grivauds, 
Antig.  gaul.  et  vom.  pl.  11,  7 p.  169  u.  Wel- 
20  clcers  a.  P.  5,  19  p.  305). 


Relief  aus  dem  atlien.  Asklepieion  (s.  S.  639  Z.  1). 


B.  5)  Das  Asklepiosideal. 

60  Wir  sahen  oben  unter  V A.  von  Overbeck 
das  Ideal  des  zeusartig  aufgefafsten  älteren 
Asklepios  auf  die  ältere,  das  des  jugendlichen 
Asklepios  auf  die  jüngere  attische  Schule  zu- 
rückgeführt und  verwiesen  dagegen  auf  den 
Asklepios  des  Kalamis.  Aber  auch  ein  Grund 
allgemeinerer  Art  würde  uns  hindern  Overbeck 
zu  folgen.  Wir  meinen,  die  Frage,  oh  ein  für 
den  Kultus  bestimmtes  Götterbild  in  reifer 


641 


Askos 


642 


Männlichkeit  oder  im  Jünglingsalter  darzustel- 
len sei,  habe  schwerlich  jemals  vom  subjekti- 
ven Belieben  eines  Künstlers,  sondern  stets 
nur  von  der  sakralen  Tradition  der  bez.  Ivult- 
stätten  abgehangen.  Einen  bärtigen  Asklepios 
nun  sehen  wir  als  die  Regel,  und  nebenherge- 
hend einen  jugendlichen  als  seltene  Ausnahme 
(Sikyon,  Phlius,  Troizen  (?),  Gortys,  Ainos,  Mag- 
nesia (Thessal.)  Parium,  Kyrene).  Vielleicht 
aber  führt  ein  anderer  Ausgangspunkt  zu  einem  i 
Resultat.  Wir  teilten  oben  (unter  V,  B)  die 
Masse  der  erhaltenen  Statuen  eines  stehenden 
Asklepios  in  zwei  Hauptgruppen ; in  der  ersten 
erschien  der  Gott  ruhig  aufrecht  stehend,  ohne 
jede  Spur  des  Affekts  in  den  Zügen  oder  der 
Haltung  des  Hauptes  (Schema  I — IV);  der  an- 
deren war  eine  vorgebeugte  Stellung,  verbun- 
den mit  einem  durch  das  Leid  der  Menschheit 
tiefbewegten  Ausdruck  eigentümlich  (Schema 
V).  Wenn  nun  Friederichs,  II.  ant.  Bildw.  2 2 
n.  1848  nicht  daran  zweifelt,  dafs  diese  „für 
Asklepios  so  treffende  Auffassung  älter  sei  als 
die  gewöhnliche,  die  ihr  gegenüber  etwas  Kal- 
tes und  Oberflächliches  habe“,  so  können  wir 
ihm  durchaus  nicht  beipflichten.  Gerade  jene 
affektlose  Darstellung  entspricht  der  älteren 
Kunst,  während  die  seelischbewegte  so  recht 
aus  dem  Geist  der  zweiten  Blüteperiode  her- 
I ausgeschaffen  erscheint.  Da  wir  nun  4 Reprä- 
sentanten der  jüngeren  attischen  Schule  als 
Asklepiosbildner  überliefert  finden,  da  anderer- 
seits gerade  in  attischen  Reliefs  des  4.  Jahr- 
hunderts diese  Auffassung  hervortritt  und  von 
einem  Attiker  derselben  Zeit  als  das  eigent- 
lichste Wesen  des  Gottes  die  finioxyg  betrach- 
tet wird  (vgl.  oben  unter  I),  so  glauben  wir 
das  Ideal  des  milden,  mitleidsvollen  Arztgot- 
tes, welches  uns  Schema  V zeigt,  auf  die 
jüngere  attische  Schule  zurückführen  zu  dür- 
fen. [Thraemer.] 

Askos  (’Aouog),  ein  Gigant,  der  im  Bunde 
mit  Lykurgos  den  Dionysos  fesselte  und  in 
einen  Strom  warf.  Hermes  (oder  Zeus)  befreite 
den  Dionysos,  überwältigte  (sduyuos)  den  Gi- 
ganten und  zog  ihm  die  Haut  ab , die  einen 
zur  Aufbewahrung  des  Weins  tauglichen 
Schlauch  (aonog)  abgab.  Von  dieser  Begeben- 
heit erhielt  die  Stadt  Damaskos  in  Syrien  den 
Namen,  Et.  M.  u.  Steph.  Byz.  v.  Aayaayog. 
Vgl.  Damaskos.  [Stoll.] 

Askra  (’'Aßygci,  gewöhnlicher  "Aaugr]),  eine 
Nymphe,  von  Poseidon  Mutter  des  Oioklos, 
der  mit  den  Aloaden  (s.  d.)  die  böotische  Stadt 
Askra  im  Gebiet  von  Thespiai  erbaute,  Hegesi- 
noos  b.  Paus.  9,  29,  1.  [Stoll.] 

Asmetos  ("Aagrixog)  = Admetos,  C.  I.  Gr. 
8185;  s.  oben  S.  68  Z.  3.  [Roscher.] 

Asopis  ( ’Aaam'g ),  1)  Tochter  des  Thespios, 
mit  welcher  Herakles  den  Mentor  zeugte,  Apol- 
lod.  2,  7,  8.  — 2)  Tochter  des  Flufsgottes  Aso- 
jpos,  Diod.  4,  72.  — 3)  Beiname  der  Töchter 
des  Asopos,  Ap.  Rh.  1,  735.  4,  571.  [Stoll.] 

Asopo  (Aaconä) , nach  Epicliarmos  eine  der 
sieben  Musen,  Tzetz.  zu  lies.  Opp.  1.  Eudocia 
294.  Cramer , Anecd.  0%.  4 p.  425.  S.  G.  Iler- 
‘nann,  de  Musis  fluvial.  Epicharmi  et  Eumeli, 
'Jpusc.  2 p.  288 ff.  Buttmann,  Mythol.  1.  S. 
173  ff.  Preller , Gr.  Mythol.  1.  S.  406.  [Stoll.] 

Roscher,  Lexikon  der  gr.  u.  röm.  Mythol. 


Asopos 

Asopos  (’Aaconög)  von  daig,  Schlamm  , und 
caip,  also  „schmutzig  aussehend“  (Et.  M.)  oder 
von  km  und  einig  „der  Überschwemmer“  (!  Forch- 
hamnier , Hellen.  23),  Flufsgott  des  böotischen 
( Horn . II.  4,  383.  Paus.  5,  14,  3)  und  sikyo- 
nischen  (Paus.  2,  5,  2 u.  3)  Flusses.  Welcher 
von  beiden  in  den  Sagen  gemeint  ist,  ergiebt 
sich  meist  aus  dem  Zusammenhang  und  aus 
geographischen  Gesichtspunkten,  war  aber  zu- 
i weilen  schon  im  Altertum  streitig  (Paus.  2, 
5,  2).  Asopos  ist  Sohn  des  Poseidon  und  der 
Pero  (Acusil.  fr.  22),  nach  anderen  des  Okea- 
nos  und  der  Tethys  (fehlt  bei  Hes.  theog.  337), 
oder  des  Zeus  und  der  Eurynome  (Apollod.  3, 
12 , 6).  Sohn  des  Poseidon  und  der  Kelusa 
(oder  Kelossa,  Eustath.  Hom.  II.  2,  572)  heifst 
er  Paus.  2,  12,  4,  wo  ihm  die  Auffindung  des 
nach  ihm  benannten  sikyonischen  Flusses  zu- 
geschrieben wird.  Sikyon,  sein  Herrschersitz, 
hiefs  ehemals  Asopia  (Eumel,  b.  Schol.  Find. 
0.  13,  74.  Paus.  2,  3,  10).  Nach  einem  alten 
Könige  von  Plataiai  sollte  der  böotische  Flufs 
genannt  sein  (Paus.  9,  1,  2).  Mit  Metope,  der 
Tochter  des  Flufsgottes  Ladon  (Scliol.  Pind. 
0.  6,  144)  zeugt  er  den  Ismenos  und  Pelagon 
oder  Pelasgos;  viel  zahlreicher  aber  sind  seine 
Töchter,  an  die  sich  alles  knüpft,  was  weiter 
noch  von  Asopos  berichtet  wird  und  auf  denen 
überhaupt  seine  mythologische  Bedeutung  zum 
gröfsten  Teile  beruht.  Apollodor  (3 , 12 , 6) 
kennt  zwanzig,  Diodor  (4,  72)  zwölf:  Kerkyra, 
Salamis,  Aigina,  Peirene,  Kleone,  Thebe,  Tana- 
gra,  Thespia,  Asopis,  Sinope,  Oinia  und  Chal- 
kis,  zu  denen  aber  noch  die  im  nächsten  Kapi- 
tel erwähnte  Harpinna  kommt.  Auf  einem 
Weihgeschenk  der  Phliasier  nach  Olym- 
pia, welches  den  Zeus,  den  Asopos  und  seine 
Töchter  darstellte , befanden  sich  Nemea,  Ai- 
gina, Harpinna,  Kerkyra  und  Thebe  (Paus. 
5,  22,  5);  [vgl.  Overbeck,  Kunstm.  1,  1,  399]. 

Zu  diesen  fügt  noch  Salamis  das  Pindar- 
scholion  Ol.  6,  144,  Salamis  und  Kleone  Tzetz. 
exeg.  in  11.  p.  132  cd.  Herrn.  Als  die  jüngsten 
erscheinen  Thebe  und  Aigina  bei  Pind.  I.  7,  39. 
Eben  diese  werden  in  historischer  Zeit  politisch 
verwertet,  Herod.  5,  80.  Von  diesen  war  Kerkyra 
nach  Steph.  Byz.  (<Pata!)  Mutter  des  Poseidon- 
sohnes Phaiax.  Thebe  ist  bei  Ovid  (am.  3,  6,  33) 
von  Asopos  Mutter  von  fünf  Töchtern.  Aigina 
(s,  d.)  wird  von  Zeus  geraubt  (C.  I.  Gr.  7385); 
Asopos  kommt,  indem  er  die  Tochter  sucht,  nach 
Korinth  und  erfährt  von  Sisyphos,  nachdem  er 
ihm  eine  Quelle  auf  dem  bis  dahin  wasserlosen 
Akrokorinth  verschafft  hat,  wer  der  Räuber  sei. 
Als  nun  Asopos  trotzdem  die  Verfolgung  fort- 
setzt, trifft  ihn  Zeus  mit  dem  Blitze  und  schleu- 
dert ihn  in  seinen  Flufs  zurück , der  davon 
Kohlen  mit  sich  führt,  Apollod.  3,  12,  6.  1,  9, 
3.  Pherekyd.  b.  Schol.  Hom.  II.  6,  153.  Eu- 
rip.  Iph.  A.  697.  Callim.  in  Del.  78.  Schol, 
II.  1,  180.  Ant.  Lib.  38.  Nonn.  Dion.  13,  220. 
23,  322.  Stat.  Theb.  7,  319.  Aigina  wird  auf 
die  bisher  unbewohnte  Insel  gebracht  (Paus. 
2,  29,  2.  Schol,  Pind.  I.  4,  44.  Hyg.  f.  52), 
wo  ihr  Zeus  naht  (Ov.  Met.  7,  616),  nach  Non- 
nos (24,  78  und  sonst)  als  Adler.  Oder  Zeus 
verwandelt,  um  nicht  von  Asopos  des  Raubes 
überführt  zu  werden,  die  Aigina  in  eine  Insel, 

21 


643  Asopos 

sich  selbst  in  einen  Stein,  so  dafs  der  ge- 
täuschte Flufsgott  zu  seinen  Quellen  zurück- 
kehrt ( Schol . Horn.  II.  1,  180).  Dafs  nach  die- 
sen drei  Asopostöchtern  die  bisher  Scheria  u. 
Oinone  genannten  Inseln  und  die  Stadt  am 
Fufse  der  Kadmeia  neue  Namen  erhielten,  er- 
zählt Paus.  (2,  5,  2)  nach  phliasischer  Sage. 
Salamis  wird  Mutter  des  Kychreus  (Paus.  1, 
35,  2).  Kleone  auch  bei  Paus.  2,  15,  1.  Eust. 
II.  2,  570.  Tanagra  bei  Korinna  (Paus.  9, 
20,  1).  Thespia  (Paus.  9,  26,  6).  Sinope, 
von  Eumelos  und  Aristoteles  genannt,  wird, 
nach  Philostephanos  von  Apollon  aus  Böotien 
nach  dem  Pontos  entführt,  Mutter  des  Syros, 
des  Stammvaters  der  Syrer  (Schol.  Ap.  Eh. 
Argon.  2,  948;  ähnlich  Elym.  M.  Eivdmrf). 
Für  Oinia  oder  Oinoe  vermutet  E.  Unger  Or- 
nia  nach  dem  zwischen  Korinth  und  Sikyon 
liegenden  Flecken  Orneai  (Eust.  11.  2,  571). 
Harpinna  ist  Geliebte  des  Ares  und  Mutter 
des  Oinomaos  (Paus.  5,22,  5). 

Weitere  Asopostöchter  sind  Antiope,  welche 
von  Zeus  Mutter  des  Zethos  und  Amphion  (s.  d.) 
wurde  (Ilom.  Od.  11,  260),  oder  den  Helios 
heiratete  und  den  Aloeus  und  Aietes  gebar 
(Eumel,  b.  Schol.  Pind.  0.  13,  74  und  Tzetz. 
Lyk.  174.  Asios  b.  Paus.  2,  6,  4.  Apoll.  Eh. 
1,  735.  Paus.  2,  3,  10.  6,  1).  Ismene,  Gattin 
des  Argos  und  Mutter  entweder  eines  zweiten 
Argos,  des  navömrjg  (Kerkops  b.  Apollod.  2, 
1,3),  oder  des  Iasos,  des  Vaters  der  Io,  in 
deren  Sage  sie  also  in  beiden  Fällen  verfloch- 
ten erscheint  (Apoll,  a.  a.  O.),  vgl.  auch  Pott  in 
den  Jahrb.  Suppl.  3,  311.  Euboia  (Scynin.  569. 
Eust.  u.  Schol.  II.  2,  535.  Hesych.  Tixctviöct). 
Euadne  (Ov.  am.  3,  6,  41,  wo  E.  Unger  In- 
opide  für  Asopide  schreiben  will).  Kombe, 
identisch  mit  Chalkis  (Steph.  Byz.  Xcxlnig. 
Eust.  II.  2,  536).  Metope  als  Name  einer 
Tochter  (Schol.  Find.  I.  8,  37);  ebenso  Eury- 
nome  (Giern.  Eom.  recogn.  10,  23).  Oeroe(&s  gog), 
Göttin  eines  Fliifschens  zwischen  Plataiai  und 
Theben  (Herod.  9,  51.  Paus.  9,  4,  4).  Plataia 
(Paus.  9,  1,  2).  Pronoe  (Schol.  II.  2,  517),  von 
Poseidon  Mutter  des  Phokos.  Rhode,  Geliebte 
des  Helios  (Schol.  Od.  17,  208).  Tliisbe  (Steph. 
Byz.  Schol.  II.  2,  502).  Vgl.  E.  Unger  p.  66. 
S.  F.  C.  II.  Kruse,  Hellas  1,  426  (der  die 
Asopostöchter  für  Kolonieen  der  Pelasger  hält). 
E.  M.  L.  Hagen,  de  Asopi  liberis,  Königsberg 
1833.  E.  Unger,  Theb.  parad.  56sq.  363 sq., 
beide  mehr  auf  die  Feststellung  der  einzelnen 
Namen  ausgehend.  H.  Hondorff , die  Ionier 
auf  Euböa  S.  42  ff.  erkennt  in  der  Sage  von 
den  Asopostöchtern  die  Überlieferung  eines 
vorhistorischen  Städtebundes  bezw.  Handels- 
weges, einer  Art  Hansa,  die  von  Kerkyra  bis 
Sinope  gereicht  habe,  eine  Hypothese,  die  von 
E.  Curtius  (Jahrb.  1861  S.  459)  nicht  gebil- 
ligt wird.  Mehr  über  den  Flufs  als  über  den  i 
Gott  handelt  E.  Gompf,  Sicyon.  spec.  p.  28  sq., 
unter  besonderer  Berücksichtigung  des  Zu- 
sammenhangs mit  dem  Orient , welcher  in 
der  dopipelten  Sage  von  der  phrygischen 
Quelle  des  Asopos  (Ibykos  bei  Strab.  4,  271. 
Paus.  2,  5,  3)  und  den  an  seinem  Ufer  ge- 
fundenen Flöten  des  Marsyas  (Paus.  2,  7,  9) 
seinen  Ausdruck  findet.  E.  Curtius  Pelop.  2, 


Assarakos  644 

581  erklärt  das  Ksgavvco&gvai  als  „versie- 
gen.“ [Wilisch.] 

Aspalis  (’Aanalig),  Tochter  des  Argaios  aus 
der  Stadt  Melite  in  Phthia,  die  sich  erhängte, 
weil  der  Tyrann  der  Stadt  (Tartaros)  ihr  Unge- 
bührliches zumutete,  worauf  ihr  Bruder  Asty- 
gites,  in  die  Kleider  der  Aspalis  gehüllt,  sich 
zu  dem  Tyrannen  führen  liefs  und  ihn  erstach. 
Als  die  Melitäer  die  Aspalis  ehrenvoll  bestat- 
ten wollten,  war  ihre  Leiche  verschwunden; 
dagegen  war  neben  der  Bildsäule  der  Artemis 
eine  andere  erschienen,  welche  die  Einwohner 
Aanallg  dysihqxr]  (?)  snaegyr]  nannten.  Sie 
opferten  ihr  jährlich  eine  noch  unberührte  Ziege, 
die  erdrosselt  ward.  Nikand.  b.  Anton.  Lib.  13. 
S.  Preller,  Gr.  Mythol.  1,  253,  1.  [Stoll.] 

Aspidochanne  (’AoniSoxccggg),  Amazone,  Ge- 
fährtin Penthesileias,  Tzetz.  Posth.  180. 

[Klügmann.] 

Aspledon  (’Aonlrjd'oiv) , Sohn  des  Poseidon 
und  der  Nymphe  Mideia;  oder  Sohn  des  Or- 
chomenos,  Bruder  des  Klymenos  und  Amphi- 
dokos;  oder  Sohn  des  Presbon  und  der  Ste- 
rope.  Nach  ihr  war  die  minyeische  Stadt  As- 
pledon  in  Böotien  genannt,  Paus.  9,  38,  6. 
Steph.  Byz.  s.  v.  Eustath.  Hom.  272,  18  (Ile- 
siod  fr.  190  Lehrs ).  Schol.  II.  2,  511.  Müller, 
Orchom.  S.  136.  210  f.  [Stoll.] 

Assaon  (’Aogucov).  Nach  der  lydischenF  orm 
der  Niobesage  war  Assaon  (oder  Asonides,  d.  i. 
Sohn  des  Asaon)  der  Vater  der  Niobe.  Als  ihr 
Gemahl  Philottos,  der  auf  dem  Sipylos  wohnte 
und  20  Kinder  mit  ihr  gezeugt  hatte,  auf  der 
Jagd  (von  einem  Bären  oder  auf  Veranstaltung 
des  Assaon)  getötet  worden  war,  wollte  ihr 
eigner  Vater  Assaon,  von  unnatürlicher  Be- 
gier nach  der  Tochter  ergriffen,  sie  heiraten. 
Da  Niobe  nicht  nachgab,  rief  er  ihre  Kinder 
zu  einem  Mahle  und  verbrannte  sie;  Niobe 
aber  stürzte  sich  deshalb  von  einem  Fel- 
sen oder  bat  flüchtend  in  Stein  verwandelt  zu 
werden.  Assaon , zur  Besinnung  gekommen, 
tötete  sich  selbst,  Parth.  Erot.  33.  Schol.  II. 
24,  602.  Schol.  Eurip.  Phoen.  159.  Stark,  Niobe 

5.  56 f.  438  f.  [Stoll.] 

Assarakos  (’AGGccQcc>iog),  1)  Sohn  des  Tros, 
Enkel  des  Erichthonios , Bruder  des  Uos  und 
Ganymedes,  Vater  des  Kapys,  Grofsvater  des 
Anchises,  König  von  Troja  (II.  20,  230 ff.  Hiod. 
4,  75,  3 u.  5.  Tzetz.  Ly  kopier.  1232.  Attius  b. 
Schol.  Bern.  Verg.  Georg.  1,  502.  Ov.  Met.  11, 
756.  Fast.  4,  34.  Serv.,  Prob.,  Philarg.  ad 
Verg.  Georg.  3,  35.  Serv.  ad  Verg.  Aen.  8,  130, 
9,  643.  Myth.  Vat.  1,  135.  2, 192).  Verg.  Aen. 

6,  650  wird  er  neben  Ilos  und  Dardanos  als 
Stammvater  der  Troer  genannt  (vgl.  1,  284  u. 
Serv.  z.  d.  St.  9,  259.  12, 127).  Nach  Apd.  3,  12,  2 
hiefs  seine  Mutter  Kallirrhoe,  eine  Tochter  des 
Skamandros,  seine  Schwester  Kleopatra,  seine 
Gemahlin  Hieromneme,  die  Tochter  des  Simo- 
eis.  Hion.  Hai.  1 , 62  macht  Assarakos  zum 
Sohne  der  Akalis  (Akallaris?) , einer  Tochter 
des  Eumedes,  und  zum  Gemahl  der  Klytodora, 
der  Tochter  des  Laomedon.  Hict.  Cret.  4,  22 
nennt  ihn  einen  Sohn  der  Kleomestra , einer 
Tochter  des  Tros;  Serv.  Verg.  Aen.  8,  130  den 
Sohn  des  Erichthonios;  Myth.  Vat.  1,  204  den 
des  Dardanos.  Qu.  Smyrn.  6,  145  wird  sein 


645 


Astabe 


646 


Grabmal  erwähnt.  — 2)  Name  zweier  Brüder 
in  dem  von  den  Rutulern  bedrängten  trojani- 
schen Lager  (Verg.  Aen.  10,124).  [Schirmer.] 
Astabe  (’Aozdßrj),  eine  Tochter  des  Peneios, 
Schol.  Eurip.  Phoen.  133.  [Stoll.] 

Astakos  ('Aotav.og) , 1)  Sohn  des  Poseidon 
und  der  Nymphe  Olbia.,  nach  welcher  die  Stadt 
Astakos  in  Bithynien  benannt  war,  Steph.  Byz. 
s.  v.  PanofTca,  Ortsnamen  1 S.  15.  — 2)  The- 
baner,  Vater  des  Ismaros,  Amphidikos  (Aspho- 
I dikos) , Leades  und  Melanippos , welche  sich 
im  Kriege  der  Sieben  gegen  Theben  bei  der 
, Verteidigung  ihrer  Vaterstadt  auszeichneten. 
Apollod.  3,  6,  8.  Herodot.  5,  67.  Aesch.  Sept. 
407.  Tzetz.  Lyk.  1066.  Pherek.  in  Schot.  11.  5, 
126.  Nach  Memnon  fr.  20  (cd.  Müller  3 p.  536) 
ein  Sparte  und  Gründer  von  Astakos  in  Bithy- 
nien. Nach  Schol.  II.  6,  396  gründeten  zwei 
Söhne  von  ihm,  Erithelas  und  Lobes  das  hypo- 
plakische  Theben.  — 8)  Ahne  des  Oineus, 
Schol.  Eurip.  Phoen.  133.  [Stoll.] 

Astarte  (jAordQzrf).  Unter  diesem  Artikel  soll 
eine  Reihe  der  wichtigsten  Gottheiten  des  se- 
mitischen Vorderasiens,  die  ihrem  Wesen  nach 
nahe  verwandt  sind,  zusammengefafst  werden. 
Mehr  als  eine  kurze  und  in  sehr  wesentlichen 
Punkten  nur  provisorische  Skizze  kann  hier 
ndessen  nicht  gegeben  werden,  da  es  an 
len  nötigen  Vorarbeiten  und  namentlich  an 
nner  auch  nur  einigermafsen  genügenden 
Gruppierung  des  Materials  noch  völlig  fehlt. 

1)  Die  alten  Babylonier,  d.  h.  die  nicht- 
:emitische  Urbevölkerung  des  Landes , welche 
ich  selbst  als  Sumerier  (im  Süden)  und  Ak- 
cadier  (im  Norden)  bezeichnete,  verehrte  eine 
nächtige  Göttin  Nanai  (griech.  Nüvcuu-,  wahr- 
-cheinlich  ist  auch  bei  Jes.  65,  11  “'3D  Nanai 
[ür  “'Sa  Mni  zu  lesen,  s.  Lagarde,  Ges.  Ahh). 
)er  Hauptsitz  ihres  Kultes  ist  die  uralte 
Stadt  Uruk , griech.  Orchoe , jetzt  Warka, 
m südlichen  Babylonien,  wo  ihr  Tempel  den 
tarnen  Eanne  (Himmelshaus)  führt.  Doch  wird 
ie  auch  in  zahlreichen  andern  Städten  des 
Landes  verehrt,  und  wenn  Strabo  739  als 
Stadtgötter  von  Borsippa  die  Artemis  und  den 
^pollon  (d.  i.  Nabu)  nennt,  so  scheint  unter  er- 
fcerer  die  Nanai  verstanden  werden  zu  müs- 
än.  Neben  Nanai  tritt  uns  eine  ganze  An- 
ahl  mächtiger,  meist  ideographisch  geschrie- 
ener Göttinnen  entgegen,  namentlich  eine, 
eren  Name  An-ri  geschrieben  wird.  Dafs  letz- 
( 3re  nicht,  wie  auch  ich  früher  angenommen 
abe  ( Gesell . d.  Alt.  1,  § 146),  mit  Nanai  iden- 
sch  ist,  lehrt  die  von  Strafsmaier,  Abh.  Perl, 
'rient,  Congr.  I unter  No.  38  veröffentlichte 
ischrift  in  Zeile  27.  Im  einzelnen  aber  den 
lachtbereich  und  das  Verhältnis  dieser  Göt- 
nnen  zu  bestimmen  ist  noch  ganz  unmöglich, 
ie  Erforschung  Altbabyloniens  steht  eben 
urchweg  noch  in  den  ersten  Anfängen.  Nur 
jafs  wir  es  hier  meist  mit  lokalen  Differen- 
jerungen  nahe  verwandter  religiöser  Gebilde 
U thun  haben,  wird  angenommen  werden 
ürfen. 

Um  das  Jahr  2280  v.  Chr.,  so  berichtet  der 
js syrer  König  Assurbanipal,  brach  König  Ku- 
irnachundi  von  Elam  (Susiana)  in  Babylonien 
n,  plünderte  die  Tempel  des  Landes  Akkad 


Astarte  (in  Babylonien) 

aus  und  entführte  dabei  das  Bild  der  Nanai 
aus  Uruk  nach  Susa.  Assurbanipal  hat  das- 
selbe , als  er  um  644  v.  Chr.  Susa  eroberte, 
an  seine  ursprüngliche  Stelle  zurückgeführt. 
Die  Elymäer  (Susianer)  sind  aller  Wahrschein- 
lichkeit nach  den  alten  Bewohnern  Babyloniens 
verwandt,  jedenfalls  aber  in  ihrer  Kultur  völ- 
lig von  ihnen  abhängig.  Daher  erklärt  es 
sich,  dafs  wir  dem  Kult  der  mächtigen  Nanai 
auch  bei  ihnen  begegnen.  Da.s  elymäische 
Heiligtum , welches  Antiochos  Epiphanes  zu 
Ende  seines  Lebens  ausplündern  wollte,  heifst 
im  zweiten.Makkabäerbuch  (1,  13  ff.)  ein  Tem- 
pel der  Nanäa.  Polybius  31,  11  nennt  die 
Göttin  Artemis,  Appian  syr.  66  ’AepQodirrj  ’EXv- 
gaia;  daraus  geht  hervor,  dafs  Nanai  eine  Göt- 
tin des  Naturlebens  und  der  Fruchtbarkeit 
und  Zeugung  war.  Von  den  beiden  von  einem 
Partlierkönig  geplünderten  Heiligtümern  der 
Athene  und  der  Artemis  in  Elymais  ( Strabo 
16,  1,  18)  ist  letzteres  wahrscheinlich  mit  dem 
angeführten  identisch;  welche  einheimische 
Göttin  die  Athene  ist,  wissen  wir  nicht.  Plin. 
6,  135  Eulaeus  . . circumit  arcern  Susorum  ac 
Uianae  templum  augustissinmm  illis  gentibus 
scheint  sich  anf  einen  Tempel  in  Susa  zu 
beziehen  (vgl.  G.  Hoffmann,  Auszüge  aus  syr. 
Akten  pers.  Märtyrer,  in  Abh.  z.  Kunde  d. 
Morgen l.  7,  131  ff).  — Im  übrigen  begegnen 
wir  einer  Göttin  Nana  auch  auf  ostiranischen 
Münzen  , einer  Nane  = Athene  in  Armenien, 
s.  Art.  Anaitis;  denkbar  ist,  dafs  die  baby- 
lonische Göttin  auch  hierher  gedrungen  war. 

In  Babylonien  und  Susiana  finden  wir  zahl- 
reiche Thonfiguren,  die  weibliche  Gottheiten 
darstellen  (s.  über  dieselben  Loftus,  Travels 
and  Researches  in  Ghaldaea  and  Susiana  1857, 
p.  219.  379.  Lenormant , Artemis  Nanaea,  in 
Gaz.  archeol.  2,  1876,  p.  10ff.,  und  vor  allem 
den  trefflichen  Aufsatz  von  Heuzey,  les  ter- 
res  cuites  babyloniennes , in  Revue  archeol.  39, 
1880,  lff.).  Die  Mehrzahl  derselben  stammt 
erst  aus  hellenistischer  Zeit;  doch  finden  sich 
auch  zahlreiche  weit  ältere  Figuren,  und  zwei- 
fellos reicht  der  zu  Grunde  liegende  Typus  in 
uralte  Zeiten  hinauf.  Sie  haben  wie  zahlreiche 
andere  Figuren  männlicher  und  weiblicher 
Wesen  funerären  Zwecken  — welchen,  ist  un- 
bekannt — gedient  und  liegen  in  den  grofsen 
Grabstätten  um  die  Leichen  zerstreut.  Zwei 
Typen  treten  vor  allem  hervor,  denen  wir  in 
dem  ganzen  hier  zu  behandelnden  Gebiete 
immer  wieder  begegnen  werden: 

a)  Eine  nackte  Frau  mit  stark  entwickel- 
ten Formen  und  ziemlich  rohem  Ausdruck.  Sie 
trägt  einen  künstlichen  Haarputz , Ohrringe, 
Spangen  und  reichen  Halsschmuck;  mit  den 
Händen  prefst  sie  die  Brüste;  die  Ge- 
schlechtsteile sind  stark  entwickelt  [s.  auch 
oben  S.  407.]. 

b)  Eine  bekleidete  weibliche  Figur,  die 
wie  die  vorige  ihre  Brüste  prefst  und  einen 
ähnlichen  Halsschmuck  trägt.  Auf  dem  Haupte 
trägt  sie  eine  hohe  Tiara,  das  Haar  hängt  in 
langen  Flechten  zu  beiden  Seiten  herab. 

Zweifellos  repräsentieren  diese  Typen  zwei 
babylonische  und  elymäische  Göttinnen,  von 
denen  die  erstere , eine  Göttin  der  Zeugung 

21  * 


647 


Astarte  (in  Assyrien) 


Astarte  (b.  d.  semit.  Babyl.  u.  Assyr.)  648 


und  des  überströmenden  Lebens  der  Natur, 
vermutlich  unsere  Nanai  ist.  Für  den  andern 
Typus,  der  eine  eng  verwandte,  aber  offenbar 
strenger  und  finsterer  gedachte  Gottheit  dar- 
stellt, bieten  sich  verschiedene  Namen  dar; 
doch  sind  genauere  Bestimmungen  gegenwär- 
tig, wo  die  Erforschung 
der  altbabylonischen 
Religion  noch  in  den 
ersten  Anfängen  liegt, 
nochnichtmöglich.  (Die 
von  Lenormant  a.  a.  0. 
pl.  3 — 5 publizierten 
Typen  aus  griechischer 
Zeit  sind  den  vorher 
bezeichneten  verwandt, 
können  indessen  zur 
Bestimmung  der  Typen 
nicht  verwertet  werden; 
z.  B.  wenn  hier  eine  der 
Göttinnen  eine  Mond- 
sichel auf  dem  Haupte 
trägt , so  beruht  dies 
auf  späterem  Synkre- 
tismus, da  die  altbaby- 
lonische Religion  nur 
eine  männliche 
Mondgottheit,  den  Sin, 
kennt). 

2)  Bekanntlich  ist 
in  Babylonien  schon  in 
uralter , vorgeschichtli- 
cher Zeit  ein  semiti- 
scher Volksstamm  ein- 
gedrungen und  hat  mit 
der  Kultur  der  Urbevöl- 
kerung , die  sehr  früh 
völlig  in  ihm  aufgegangen  ist,  auch  deren  Reli- 
gion grofsenteils  angenommen.  Dieser  Volks- 
stamm, den  wir  in  Babylonien 
als  Chaldäer  bezeichnen  kön- 
nen , tritt  uns  dann  rein  in 
Assyrien  entgegen.  Über  seine 
Religion  vgl.  den  Art.  Ba‘al. 
Hier  soll  nur  kurz  erwähnt  wer- 
den, dafs  neben  den  männlichen 
Gottheiten  — sowohl  den  um- 
fassenden wie  11,  wie  den  lo- 
kal und  ihrer  Funktion  nach 
begrenzten  — weibliche  Wesen 
stehn.  Wie  alle  lokalen  Gott- 
heiten bei  den  Nordsemiten 
Ba‘al,  Herr,  heifsen,  so  ihre 
Gemahlinnen  Ba'alat.  Speziell 
steht  aber  auch  neben  dem 
„Ba‘al“,  dem  Herrscher  der 
Welt  oder  spezieller  des  Him- 
mels, seine  Gemahlin  Ba'alat. 
Mit  letzterer  ist  überall  auf 
nordsemitischem  Gebiet  eine 
Göttin  auf  das  engste  verbun- 
den, die  den  Eigennamen  babyl. 
Ischtar,  aram.'  Attar  und  mitW  eg- 
fäll  des  einen  t 'Atar  A&ccqt],  kana‘an.  'Asclitar 
und  mit  sekundärer  Femininendung  'Aschtart 
’AazÜQTT]  (hebr.  ITiniüS1  'Aschtöret)  führt,  und 
deren  Namen  uns  auch  bei  den  Sabäern  (Hirn 


Nackte  babylonische 
Astarte  (Thonfigur). 


Bekleidete  baby- 
lonische Astarte 
(Thonfigur). 


jare)  als  der  einer  männlichen  Gottheit,  ver- 


mutlich einer  Himmelsgottheit,  in  der  Form 
'Atlitar  (rAthtär?)  entgegentritt.  In  den  Na- 
mensformen begegnet  uns  die  regelmäfsige 
Lautverschiebung,  der  ein  ursemitisches  'Ath- 
tar  in  den  einzelnen  Sprachen  unterliegen 
mufs,  in  geradezu  typischer  Form.  Schon  da- 
durch wird  es  im  höchsten  Grade  wahrschein- 
lich, dafs  der  Name  ein  ursprünglich  semiti- 
scher, nicht,  wie  Friedr.  Delitzsch  (in  der  Über- 
10  Setzung  von  Smith,  Chald.  Genesis  273)  ver- 
mutet hat,  ein  sumerisch-akkadischer  ist.  Es 
kommt  hinzu,  dafs  derselbe  sich  meines  Wis- 
sens in  der  Keilscliriftlitteratur  bisher  nur  in 
semitischen  Texten,  dagegen  nie  in  Texten  in 
der  babylonischen  Ursprache  gefunden  hat. 
Was  es  freilich  bedeutet  hat,  läfst  sich  nicht 
ermitteln;  wie  bei  so  vielen  anderen  Götter- 
namen ist  auch  hier  eine  sichere  Etymologie 
unmöglich. 

20  3)  Beiden  semitischen  Babyloniern  und 

Assyrern  finden  wir  den  Ba‘al  in  der  Form 
Bel,  die  Ba‘alat  in  der  Form  Belit  (daher  bei 
Herod.  Mvhxra ; Movers ’ Erklärung  des  letz- 
teren Wortes  als  'die  Gebärende’  ist  ganz  ver- 
fehlt). Neben  letzterer  steht  die  Ischtar.  Wie 
sehr  dieselbe  für  das  Volksbewufstsein  die 
Göttin  «at’  et°X^lv  ist,  geht  daraus  hervor, 
dafs  der  Plural  des  Namens,  ischtarät,  durch- 
weg als  Appellativum  in  der  Bedeutung  „Göt- 
30  tinnen“  gebraucht  wird. 

Ischtar  und  Belit  werden  in  den  Texten 
zahllose  Male  erwähnt,  und  zwar  meist  als 
verschiedene  Göttinnen,  wenn  mir  auch  ihre 
ursprüngliche  Identität  nicht  zweifelhaft  ist; 
heilst  doch  Ischtar  unendlich  oft  belit  iläni 
„die  Herrin  der  Götter“  und  wird  wie  Belit 
als  „Gemahlin  Bels“  bezeichnet.  Sie  ver- 
schmelzen ihrem  Wesen  nach  völlig  mit  je- 
nen vorher  erwähnten  altbabylonischen  Göt- 
40  tinnen;  Ischtar  und  Nanai  sind  wenigstens  für 
uns  in  der  späteren  babylonischen  Mythologie 
nicht  mehr  zu  trennen.  Wie  letztere  ist  Isch- 
tar Stadtgöttin  vonUruk  und  spielt  als  solche 
in  dem  alten  Sagenwerk , welches  von  den 
Thaten  des  Heros  Izdubar  handelt,  eine  grofse 
Rolle ; als  der  Held  Urulc  befreit  und  sich  die 
Krone  gewonnen  hat,  bietet  ihm  Ischtar  ihre 
Hand.  Aber  er  weist  sie  zurück,  indem  er  ihr 
vorhält,  wie  sie  ihre  früheren  Geliebten,  den 
50-Tammüz  „um  den  sie  traure  von  Jahr  zu 
Jahr“,  ferner  den  Adler,  den  Löwen,  ein  Rofs 
u.  a.  ins  Unglück  gestürzt  habe.  Da  fleht 
Ischtar  zu  ihren  Eltern,  dem  Himmelsgott 
Anu  und  seiner  Gemahlin  Anat,  um  Rache  und 
stürzt  den  Helden  in  neue  Kämpfe,  die  wir 
hier  nicht  zu  verfolgen  brauchen  (s.  jetzt 
Haupt,  der  Tceilinschr.  Sintfluthhericht  1881. 
S.  8 f.).  Weiteren  Einblick  in  das  Wesen  der 
Göttin  gewährt  die  berühmte  Sage  von  der 
go  „Höllenfahrt  der  Ischtar“  ( Schräder , Höl- 
lenf.  d.  Istar  1874  u.  a.).  Hier  wird  erzählt,  wie 
die  Göttin , die  hier  eine  Tochter  des  Mond- 
gottes Sin  heifst,  das  Reich  der  Totengöttin 
Allat,  das  Land,  dessen  Strafse  ohne  Rückkehr 
ist , aufsuchen  will  und  ihr  an  den  sieben 
Pforten  desselben  ihr  sämtlicher  Schmuck,  die 
Krone,  die  Ohrringe,  das  Halsgeschmeide,  der 
Mantel , der  Gürtel , die  Spange  , endlich  das 


■ 

I , 


I 


! 649  Astarte  (b.  d.  semit.  Babyl.  u.  Assyr.) 

Leibgewand  von  dem  Pförtner  abgenommen 
j wird,  sodafs  sie  in  die  Macht  der  Todesgöttin 
verfällt  und  nun  alle  Zeugung  auf  Erden  bei 
Menschen  und  Tieren  aufhört.  Auf  Befehl  des 
1 Götterkönigs  Ea  wird  sie  aber  wieder  frei- 
| gegeben  und  erhält  ihre  Macht  zurück.  Diese 
, Sage,  die  lebhaft  an  die  Persephonesage  er- 
■ innert,  zeigt  ebenso  wie  die  vorhin  erwähnten 
j Legenden,  dafs Ischtar  eine  Göttin  der  Fruclit- 
; barkeit  und  Zeugung  ist.  Dieselbe  Funktion 
i hat  nach  einer  bekannten  Erzählung  Heroclots 
1(1,  199)  die  Mylitta,  d.  li.  die  Belit,  der  zu 
; Ehren  alle  Babylonierinnen  ihre  Jungfrau- 
schaft preisgeben  müssen.  Aller  Walir- 
| scheinliclikeit  nach  sind  diese  Anschauungen  von 
: der  nichtsemitischen  Urbevölkerung  ausgegan- 
igen;  sie  stimmen  völlig  mit  dem  Charakter 
j der  Abbildungen  der  Göttin  überein.  Aber 
wie  alle  Gottheiten  des  Naturlebens  neben  der 
freudigen,  in  Überfülle  zeugenden  Seite  auch 
eine  finstere  vernichtende  haben,  so  auch 
; hier ; das  Leben  der  Natur  erstirbt,  Ischtar  bringt 
ihrem  Geliebten  den  Tod.  In  der  griechischen 
Sage  von  Semiramis,  die  offenbar  der  hier  be- 
sprochenen religiösen  Anschauung  entlehnt 
ist,  tritt  uns  dieselbe  Ideenverbindung  ent- 
igegen. 

Die  babylonische  Theologie  nimmt  bekannt- 
lich an,  dafs  die  göttlichen  Mächte  aus  den 
Gestirnen,  speziell  den  Planeten  wirken.  Von 
diesen  ist  der  Ischtar  der  Venusstern  zuge- 
wiesen. Hier  werden  dann  weitere  Unterschei- 
dungen angeknüpft;  so  besagt  eine  Tafel,  dafs 
die  Venus  als  Morgenstern  Ischtar  (als  solche 
'wird  sie  auch  der  Anunit,  der  Stadtgöttin  von 
Sippara,  gleichgesetzt:  Delitzsch,  Paradies  VW), 
als  Abendstern  Belit  sei , dafs  sie  bei  Nacht 
weiblichen,  bei  Tage  männlichen  Charakter 
habe  (3  B.  53,  2,  36.  53,  30;  s.  jetzt  Schrä- 
der, Keilinschr.  und  Alt.  Test.  2.  Afl.  178ff.) 
— woraus,  wie  Schräder  mit  Recht  bemerkt, 
'noch  keineswegs  zu  folgern  ist,  dafs  man  sich 
die  Göttin  im  theologischen  System  androgyn 
Igedacht  habe,  wie  den  kyprischen  Aphroditos. 
'Allerlei  weitere  Spielereien  knüpfen  hier  an; 
unter  den  Götterzahlen  kommt  der  Ischtar  die 
Zahl  15  zu.  Im  System  der  zwölf  grofsen 
Götter  erhalfen  Belit  „die  Mutter  der  Grofsen 
! Götter  und  Gemahlin  Bels“  und  Ischtar  „die 
[erste  des  Himmels  und  der  Erde“  die  beiden 
Hetzten  Stellen. 

Das  ist  ungefähr,  was  sich  über  die  baby- 
lonischen Kulte  bis  jetzt  mit  einiger  Sicher- 
heit sagen  läfst.  Bei  den  As  Syrern,  einem 
unvermischt  semitischen  Kriegsvolke,  ist  die 
Theologie  einfach  von  Babylon  übernommen, 
[während  die  religiösen  Anschauungen  des  Vol- 
kes ein  viel  reiner  semitisches  Gepräge  tragen. 

I Ischtar  wird  bei  denselben  eifrig  verehrt;  sie 
hat  seit  uralten  Zeiten  ihre  Heiligtümer  in 
Ninive  und  Arbela,  nach  denen  eine  ninivi- 
] tische  und  eine  arbelische  Istar  geschieden 
'und  geradezu  als  zwei  Gottheiten  neben  ein- 
lander  angerufen  werden  — ein  Differenzie- 
Irungsprozefs,  der  in  allen  Religionen  gewöhn- 
| lieh,  in  den  semitischen  aber  besonders  häufig 
ist.  Daneben  steht  noch  die  „assyrische  Isch- 
tar“,  die  Göttin  der  ältesten  Landeshauptstadt 


Astarte  (in  Syrien)  650 

Assur.  Ischtar  ist  den  Assyrern  vor  allem 
„die  Herrin  des  Kampfes  und  Streites“ , die 
Kriegsgöttin,  die  ihr  Volk  zum  Sieg  führt; 
sie  ist  genau  wie  bei  den  Westsemiten  (s.  u.) 
zur  Schirmerin  von  Land  und  Stadt  gewor- 
den [s.  auch  oben  S.  394].  Daneben  mag  bei 
der  Ausbildung  dieser  kriegerischen  Auffassung 
die  finstere  Seite  der  altbabylonischen  Göttin 
von  Einflufs  gewesen  sein.  — Belit  tritt  uns 
in  den  assyrischen  Inschriften,  von  den  stereo- 
typen Götterlisten  abgesehen,  weit  seltener  ent- 
gegen; doch  besitzen  wir  z.  B.  Anrufungen 
derselben  von  Assurbanipal  (2  B.  66),  in  denen 
sie  als  grofse  Naturgöttin,  aber  daneben  auch 
als  Kriegsgöttin  gepriesen  wird  und  sonst  spe- 
ziell der  Ischtar  zustehende  Epitheta  auf  sie 
übertragen  sind. 

4)  Wir  wenden  uns  jetzt  zu  denWestsemi- 
ten,  d.  h.  zu  den  Bewohnern  Syriens  im  wei- 
testen Umfange : den  Aramauru  im  N orden  zu  bei- 
den Seiten  des  Euphrat  und  den  Kana'anauru 
(incl.  Hebräer  und  Phöniker)  im  Süden.  Auch 
hier  tritt  uns  die  Göttin  überall  entgegen,  auf 
kana‘anäischem  Gebiete  in  der  Form  'Aschtor 
oder  gew.  mit  Femininendung' Aschtoret  (urspr. 
'Aschtart,  daher  Astarte),  auf  aramäischem  als 
Attar  oder  vielmehr  mit  Wegfall  der  Verdop- 
pelung 'Atar  (’A&öcqci  Strabo  16,  4,  27;  diese 
Formen  sowie  Atargatis  hat  zuerst  Nöldeke 
richtig  gedeutet,  Z.  D.  M.  24,  92.  109;  sonst 
vgl.  meinen  Aufsatz  Z.  D.  M.  31,  730 ff.).  Die 
Kultur  dieses  ganzen  Gebietes  ist  seit  uralten 
Zeiten  von  Babylonien  und  Ägypten  aus  be- 
einflufst  und  überhaupt  erst  unter  der  von 
diesen  beiden  Ländern  ausgehenden  Einwir- 
kung entstanden  (s.  die  Nachweise  in  meiner 
Gesch.  des  Altertums  1);  auch  auf  religiösem 
Gebiete  tritt  dieselbe  überall  hervor.  Daneben 
stehen  die  spezifisch  semitischen  Anschauun- 
gen als  Grundlage  der  eigentlichen  Volksreli- 
gion. Ich  will  versuchen , die  verschiedenen 
Elemente  hier  zu  sondern  und  kurz  zu  cha- 
rakterisieren. 

a ) Für  die  einzelnen  Stämme  resp.  Städte  ist 
Astarte  (oder  ihre  Vertreterin)  das  weibliche 
Korrelat  zu  dem  höchsten  Gotte,  d.  h. 
zu  dem  Ba‘al  des  betr.  Stammes.  Hat  dieser 
einen  besonderen  Namen,  so  wird  wohl  auch 
seine  Gemahlin  danach  bezeichnet.  In  Moab 
finden  wir  neben  dem  Stammgott  Kamosch 
eine  Göttin  fAschtor-Kamosch  d.  h.  „die  Astarte 
der  Kamosch“,  in  Nordsyrien  neben  dem  Gotte 
fAte  die  'Atar-'ate  (Atargatis  nns"ins>)  d.  i.  „die 
f Attar  der  ''Ate“.  Durchweg  ist  diese  Göttin 
die  „Herrin“  (ba'alat  oder  rabbat)  des  Stam- 
mes resp.  der  Stadt,  in  der  sie  verehrt  wird, 
so  Sidon.  1,  15  „Priesterin  der  Astarte,  unserer 
Herrin  (rabbat)“,  Git.  1,  3 „meiner  Herrin  (rab- 
bat) Astarte“,  Leb as-  Waddington,  inscr.  de  Sy- 
rie  1890  aus  Keser  Hanar  am  Hermon  r rjg  v.v- 
QLccg  ’Aragydzyg.  Ebenso  heifst.  die  berühmte 
Stadtgöttin  von  Byblos,  die  Plutarch  de  Is. 
15.  Cic.  N.  D.  3,  59  Astarte  [sonst  wird  sie 
meist  Aphrodite  genannt],  Meliton  ( Cureton  spie, 
syr.  44)  Belti  nennen , in  der  Inschrift  des 
Königs  Iechaumelek  durchweg  „meine  Herrin 
(rabbat)  die  Herrin  (ba‘alat)  von  Gebäl  (Byb- 
los)“ ohne  irgend  welchen  Eigennamen.  Bei 


io 

20 

30 

40 

50 

60 


351 


Astarte  (in  Syrien) 


Astarte  (in  Syrien) 


(352 


Astarte  (auf  einer  nordafrik. 
Münze). 


clen  Arabern  entspricht  ihr  die  Göttin  Hat 
(fern,  von  II,  s.  Art.  El)  oder  mit  Artikel  Al- 
lät (aus  alilät,  daher  Herod.  1,  131.  3,  8 
’AhXdx),  der  wir  in  der  Kaiserzeit  in  den  Grenz- 
provinzen Syriens,  in  Trackonitis,  Batanäa, 
dem  Hauran , Palmyra  u.  s.  w. , wo  damals 
überall  arabische  Geschlechter  die  Herrschaft 
gewonnen  haben,  zahllose  Male  begegnen.  In 
den  griechischen  Inschriften  heilst  sie  ’A&rjvä 
r\  HVQia,  d.  h.  sie  wird  als  Stadtgöttin  bezeich- 
net. Dafs  damit  Allät  gemeint  ist,  lehrt  der 
Name  des  Sohnes  der  Zenobia,  Wahballät 
(OvußdllaQ-os)  „Gabe  der  Allät“,  der  grie- 
chisch durch  ’AQ'rjvöd'ooQo g wiedergegeben  wird. 

— Wir  finden  nun  auf  den  Münzen  aller  Städte 
Syriens  und  Phönikiens  sowie  seiner  Kolonieen 

— die  beigegebene  Abbildung  ( Revue  numism. 
1856  pl.  13 , 1)  stammt  von  einer  nordafrika- 
nischen Münze  — 
unendlich  oft  eine 
Göttin  mit  Mauer- 
krone, deren  in  Zöpfe 
geflochtenes  Haar  an 
die  uns  bekannte 
babylonische  Göttin 
erinnert:  es  ist  die 

Schirmgöttin  der 
Stadt,  und  also  ent- 
weder die  Ba‘alat 
Astarte  selbst  oder 
eine  besondere  Ab- 
zweigung derselben. 
Als  solche  begegnet 
uns  in  Inschriften  und  Schriftstellern  Syriens 
häufig  die  Tyche  (Gad)  der  Stadt,  die  meist 
in  den  Städten  ihren  eigenen  Tempel  (x v%siov) 
hatte  [s.  auch  oben  S.  393] , und  gelegent- 
lich wird  die  abgebildete  Gottheit  auf  den 
Münzen  durch  eine  Beischrift  als  xv%y  der 
betreffenden  Stadt  bezeichnet;  — es  genügt 
daher  auf  J.  II.  Mordtmann  in  Z.  I).  M. 
31,  99  ff.  zu  verweisen.  Andrerseits  besitzen 
wir  Münzen  eines  nordsyrischen  Dynasten  (von 
Bambyke-Hierapolis?  s.  Waddington,  Reo.  num. 
1861,  9 ff.)  'Abclhadad  aus  der  Perserzeit,  auf 
denen  eine  der  eben  erwähn- 
ten völlig  gleichende  Göttin 
teils  im  Profil,  teils  en  face 
abgebildet  ist  und  durch 
eine  Beischrift  ausdrücklich 
als  IWbre  „Atargatis“  be- 
zeichnet wird.  Ursprünglich 
ist  also  offenbar  die  grofse 
Atargatis  (auf  e.  syr.  selbst  zugleich  die 

Schirmgottheit  der  Stadt, 
wie  bei  den  Assyrern;  in  vielen  Fällen,  die 
wir  jedoch  bei  unserem  dürftigen  Material  lokal 
und  zeitlich  nicht  genauer  fixieren  können, 
hat  sich  aber  der  so  gewöhnliche  Differenzie- 
rungsprozefs  vollzogen , durch  den  sich  aus 
einer  Funktion  einer  Gottheit  ein  neues  selb- 
ständiges Verehrungswesen  bildet.  So  werden 
in  einer  Inschrift  von  Palmyra  ( Vogue , inscr. 
sein.  3)  die  Tv%y  ©oaysiog  (syr.  Gad  taimi)  und 
die  Atargatis  neben  einander  verehrt. 

b)  „Der  Ba‘al“  d.  h.  der  Herr  der  Dinge, 
insofern  er  über  den  lokalen  Ba‘alim  steht, 
ist  bei  Syrern  (inkl.  Kana‘anäer)  gewöhnlich 


zum  Himmelsgotte  (kan.  Ba‘al  schamäm,  aram. 
Ba‘alschamin  „der  Herr  des  Himmels“)  ge- 
worden. Dem  entsprechend  wird  auch  seine  Ge- 
mahlin Astarte  zur  Himmelsgöttin.  So  heifst 
sie  in  der  Grabinschrift  des  sidonisclien  Königs 
Eschmün‘azar  (Sid.  1,  15.  16)  „die  Astarte  des 
Himmels  Ba‘als“  und  „die  Astarte  des  er- 
habenen Himmels“  (nach  der  einzig  haltbaren 
Deutung  der  vielumstrittenen  Stellen  durch 
io  Halevy,  mel.  d'epigr.  et  d'archeol.  semit.  30.  32, 
nach  Ldvy’s  und  Derembourgs  Vorgänge).  Dem 
entspricht  genau , dafs  Herodot  die  Astarte 
(oder  Atargatis)  als  Aphrodite  OvQccviy , d.  h. 
als  Himmelsgöttin  bezeichnet  (1,  105.  131.  3, 
8).  Wenn  Jeremias  7,  18.  44,  17  ff.)  vom  Kul- 
tus der  „Königin  des  Himmels“  spricht,  so  ist 
damit  dieselbe  Göttin  gemeint.  Da  der  Him- 
melsba‘al  speziell  auch  ein  Sonnengott  ist  (s. 
Ba‘al) , mag  der  Parallelismus  dazu  geführt 
20  haben,  die  Himmelsgöttin  Astarte  gelegentlich 
auch  zu  einer  Mondgöttin  zu  machen.  Vor- 
wiegend aber  ist  dabei  ein  rein  zufälliger  Um- 
stand mafsgebend  gewesen.  Die  religiöse  Kunst 
Syriens,  namentlich  aber,  des  Südens  des  Lan- 
des, ist  durchaus  von  Ägypten  abhängig  (s. 
meine  Gesell,  d.  Alt.  l,§  200ff.),  und  so  werden 
auch  Astarte  und  die  ihr  verwandten  Göttin- 
nen wesentlich  nach  dem  Muster  der  grofsen 
ägyptischen  Himmelsgottheiten  Isis,  Hathor 
30  u.  s.  w.  gebildet.  Diese  tragen  als  Sonnen- 
mütter die  Sonnenscheibe  zwischen  zwei  Kuh- 
hörnern auf  dem  Haupte  und  werden  gelegent- 
lich auch  kuhköpfig  gebildet  (s.  Art.  Isis);  ge- 
nau in  derselben  Weise  wird  auf  der  Stele 
des  Königs  Jechaumelek  von  Byblos  (Perser- 
zeit) die  „Ba'alat  von  Ge- 
bäl“  dargestellt.  Philo  er- 
zählte , Astarte  habe  sich 
als  Königsschmuck  ein 
40  Stierhaupt  aufgesetzt  (fr. 

2,  24  Müller),  und  ein  ka- 
na'anäischer  Ort  heifst  nach 
der  hier  verehrten  Gottheit 
rAschtaröt  Qarnaim  — „As- 
tarte mit  den  Hörnern“. 

Die  Bedeutung  dieses  Sym- 
bols verstanden  aber  die 
Syrer  nicht : sie  haben  es 
als  Darstellung  des  Halb- 
50  und  Vollmondes  aufgefafst. 

So  stellt  eine  Münze  von 
Sidon  einen  offenbar  zu 
Prozessionen  benutzten  Wagen  dar,  in  dem 
die  Symbole  des  Mondes  gezeigt  werden,  und 
ein  zu  Kenath  gefundener  Al- 
tar (Burton  and  Brake,  Unex- 
plored  Syria  1 , 166)  zeigt 
auf  der  Vorderseite  einen 
Sonnengott  (Ba‘al) , auf  der 
60  Rückseite  eine  Mondgöttin 
(Astarte),  während  ursprüng- 
lich bei  den  Semiten  wie  über- 
all der  Mond  eine  männliche 
Gottheit  ist.  Andererseits  be- 
ruht es  auf  babylonischem 
der  Astarte  der  V enusstern  heilig  ist  — 
nach  Philo  a.  a.  O.  hätte  sie  den  vom  Him- 
mel gefallenen  Stern  auf  der  heiligen  Insel 


Astarte  mit  Sonneu- 
scheibe  u.  Kubbörnern. 


Wagen  d.  Astarte 
als  Mondgöttin  (si- 
don. Münze). 

Einflufs,  wenn 


653 


Astarte  (in  Syrien) 


Astarte  (anf  Kypros) 


654 


von  Tyros  geweiht.  — In  sehr  charakteristi- 
scher Vermengung  zeigt  sich  der  babylonische 
und  der  assyrische  Einflufs  in  der  Darstellung 
der  Stadtgöttin  von  Qadesch  am  Orontes,  der 
Hauptstadt  des  mächtigen  im  dreizehnten  Jahr- 
hundert bestehenden  Reichs  der  Cheta,  deren 
Kult  auch  von  den  Ägyptern  dieser  Zeit  adop- 


20 


30 


Astarte  im  Tempel 
(Münze  v.  Byblos). 


tiert  worden  ist  und  uns  auf  mehreren  Stelen 
entgegentritt.  Wie  man  sieht,  ist  die  Göttin 
ganz  nach  ägyptischer  Weise  gebildet;  aber 

sie  steht  auf  einem  Löwen,  40 
eine  ganz  unägyptische,  da- 
gegen echt  babylonische  An- 
schauung. Ebenso  wird  nach 
Lucian  de  dea  Syr.  die  Göt- 
tin von  Hierapolis  von  zwei 
Löwen  getragen , und  die 
chetitische  Kriegsgöttin 
'Anat  sitzt  auf  einem  Münz- 
bilde (de  Vogüe  mel.  d'arch. 
Orient.  47)  auf  einem  Löwen  50 
(vergl.  auch  Art.  Dolichenus). 
c)  Wie  in  Babylonien  ist  auch  bei  den  West- 
semiten  die  'Herrin’  zugleich  dieGöttin  des  N a- 
turlebens,  der  Zeugung  wie  des  Erster- 
ben s der  Natur.  Als  Göttin  der  Liebe 
nennen  die  Griechen  sie  Aphrodite;  zahlreiche 
Abbildungen  aus  Phönikien  und  Cypern  stel- 
len sie  als  solche  dar,  teils  in  direkter  Nach- 
ahmung des  unter  1 a beschriebenen  Typus 
(so  die  beistehende  Figur  von  Cypern),  teils  eo 
mit  lächelnder  Miene,  eine  Lotusblume  in 
der  Hand.  Die  Taube  ist  ihr  heilig,  ebenso 
der  Granatapfel  u.  a.  [S.  oben  S.  395  u.  407  fl'.]. 
Nach  syrischen  Anschauungen  offenbart  sich 
das  geheimnisvolle  Leben  der  Natur  vor  allem 
in  den  Fischen;  daher  sind  der  Atargatis  (ver- 
stümmelt Derketo)  von  Hierapolis -Bambyke 
die  Fische  heilig , und  in  ' Askalon , wo  die- 


selbe Göttin  gleichfalls  verehrt  wird,  wird  sie 
fischleibig  gebildet  (über  das  Nachleben  die- 
ser Anschauung  bis  in  die  Gegenwart  vgl. 
Nöldeke , Z.  I).  M.  35,  220;  s.  auch  oben 
S.  393f.).  Die  Prostitution  im  Dienste 
der  Göttin , die  wir  in  Babylon  fanden , ist 
auch  bei  den  Westsemiten  weit  verbreitet,  vor 
allem  auf  Cypern  ( Herod . 1 , 199.  Iustin.  18, 
5).  Das  Gegenbild  dazu  ist  die  Kastration, 
wodurch  der  finsteren  Göttin,  welche  Tod  und 
Verderben  sendet,  das  Opfer  der  Entmannung 
dargebracht  wird.  Dieselbe  ist  im  Kultus  der 
syrischen  Göttin  (Atargatis)  von  Bambyke  zu 
Hause  (s.  Lucian  de  dea  Syr.  50 ff.),  findet  sich 
aber  auch  in  Edessa  (Bardesanes  bei  Cureton, 
spicil.  syriac.  p.  31),  wo  sie  Abgaros,  der  erste 
christliche  König,  ausgerottet 
haben  soll.  Eine  Abschwä- 
chung von  Menschenopfern 
in  ihrem  Dienst  wird  bei 
Luc.  de  dea  Syr.  58  beschrie- 
ben. Auch  werden  alle  Men- 
schen der  Göttin  geweiht,  in- 
dem die  Jünglinge  ihre  ersten 
Barthaare,  die  Mädchen  eine 
heilige  Locke  in  silbernen 
oder  goldenen  Gefäfsen,  mit 
ihrem  Namen  versehen,  im 
Tempel  der  Göttin  nieder- 
legen (Luc.  a.  a.  0.  6). 

Der  Ursprung  der  Bräuche 
wird  wie  bei  allen  Kulten 
durch  einen  uyiog  uv&og  er- 
klärt, der  dieselben  als  Nach- 
ahmung einmaliger  Begeben- 
heiten der  Urzeit  darstellt.  So 
erzählt  Lucian  eine  Geschichte  von  der  Liebe  der 
Königin  Stratonike,  der  Gemahlin  des  ersten 
Seleukos,  zu  dem  schönen  Jüngling  Kombabos, 
der  sich  in  ihrem  Dienste  selbst  verstümmelte. 
Die  pliönikische  Sage  von  der  Liebe  der  Astarte 
zu  Tammuz  oder,  wie  er  meist  genannt  wird, 
Adonis  (s.  d.)  „dem  Herrn“  (Adon) , der  als 
Sonnengott  erscheint,  ist  bekannt  genug.  Die- 
selbe stammt  übrigens,  wie  schon  der  Name 
lehrt,  aus  Babylon.  Uber  den  namentlich  in 
Byblos  heimischen  Kult  s.  den  Art.  Adonis. 

Eine  besondere  Entwickelung  haben  die 
Anschauungen  von  der  Vereinigung  der  freund- 
lichen und  der  finstern  Seiten  des  Naturlebens 
im  Astartekult  auf  C y p e r n erhalten.  Hier  hat 
man  im  theologischen  System  aus  derselben 
ein  mann- weibliches  Wesen,  eine  Göttin  mit 
einem  Barte,  gebildet,  das  bei  den  Griechen 
Aphroditos  genannt  wird.  Von  den  Theolo* 
gen  der  hellenistischen  Zeit  ist  derselbe  ans 
Tageslicht  gezogen  worden  und  seine  Erwäh- 
nung vererbt  sich  seitdem  von  einer  Schrift 
auf  die  andere;  namentlich  die  Kirchenväter 
lieben  es  sehr  von  ihm  zu  reden.  Er  hat  je- 
doch lediglich  im  System  , nie  im  Volksglau- 
ben eine  Rolle  gespielt,  wie  schon  der  Um- 
stand beweist,  dal’s  unter  den  zahlreichen  kypri- 
schen  Funden  sich  keine  einzige  bildliche  Dar- 
stellung eines  derartigen  Wesens  findet;  über- 
haupt ist  mir  nicht  bekannt,  dafs  es  irgendwo 
Darstellungen  mann-weiblicher  Wesen  reli- 
giöser Natur  aus  dem  Altertum  gäbe  (ab- 


Kyprigche  Astaite, 
s.  ob.  S.  407. 


655 


Asterion 


656 


Astarte  (=  Aphrodite) 

gesehen  von  den  theologischer. Spekulation  ent- 
stammenden Mischfiguren  der  Ägypter) ; die  an- 
geblichen Beispiele,  welche  Stern  in  der  Über- 
setzung von  Cesnola,  Cypern  S.  402  anführt, 
dürften  sich  bei  genauerer  Betrachtung  als 
Irrtümer  entpuppen. 

Schliefslieh  erwähne  ich  noch,  dafs  die  von 
Movers,  Phönizier  1 aufgestellte  Zerlegung  der 
grofsen  semitischen  Göttin  in  zwei  Wesen,  ein 
freundliches,  zeugendes  (Baaltis),  und  ein  fin- 
steres, verderbenbringendes  (Astarte)  ebenso 
unhaltbar  scheint  wie  fast  alle  Konstruktio- 
nen dieses  Gelehrten,  und  dafs  die  so  häufig 
als  kana‘anäisch-phönikische  Göttin  aufgeführte 
Aschera  nichts  weniger  als  eine  solche  ist,  son- 
dern ein  heiliger  (natürlicher  oder  künstlicher) 
Baum,  der  am  Altäre  der  Götter  (des  Ba‘al,  der 
Astarte  u.  s.  w.)  neben  der  Steinsäule  (Mes- 
sebe) , in  welcher  der  Gott  wohnend  gedacht 
wird,  aufgerichtet  wird. 

5)  Es  ist  bekannt,  dafs  der  Kult  der  semi- 
tischen Göttin  sich  weit  über  das  Gebiet  der 
Semiten  hinaus  verbreitet  hat.  Auf  helleni- 
schem Boden  haben  die  Phöniker  zahlreiche 
Astarteheiligtümer  errichtet,  so  auch  in  Kythere 
Herod.  1,  105,  und  die  Griechen  haben  in  der 
fremden  Göttin  ihre  Aphrodite  (s.  d.)  wieder 
erkannt.  Der  Kult  dieser  Göttin  ist  von  semi- 
tischen Elementen  stark  durchsetzt;  aber  auf 
einzelnes  hier  einzugehen  ist  hier  nicht  unsere 
Aufgabe  [s.  ob.  S.  390ff.J.  Ebenso  ist  die  Göt- 
termutter Kleinasiens  stark  von  Syrien  aus  be- 
einflufst,  sie  ist  eine  Schirmgöttin  der  Städte, 
welche  die  Mauerkrone  trägt,  sie  thront  auf 
Löwen  u.  s.  w. ; an  ihren  Dienst  knüpft  die 
Kastration  [s.  Kybele],  Überhaupt  dürfte 
die  kleinasiatische  Attissage  vollständig  aus 
Syrien  entlehnt  sein,  s.  meine  Geschichte  des 
Altertums  1,  § 257  f.  [u.  d.  Art.  Attis],  Die 
Prostitution  zu  Ehren  der  Göttin  findet  sich 
in  Lydien  und  Armenien  und  scheint  auch 
nach  Persien  gedrungen  zu  sein.  Über  den 
Einflufs  der  babylonischen  Kulte  auf  Persien 
s.  den  Artikel  Anaitis.  Dafs  der  Astartekult 
auch  nach  Ägypten  gedrungen  ist,  wurde  schon 
erwähnt. 

Ich  schliefse,  indem  ich  wiederhole,  dafs 
dieser  Artikel  nicht  mehr  als  eine  Skizze  sein 
soll  und  vieles  Detail,  das  der  Aufklärung  noch 
harrt,  mit  Absicht  bei  Seite  gelassen  ist,  um 
die  Hauptpunkte  deutlich  hervoHreten  zu  las- 
sen. [Ed.  Meyer.] 

Asteria, -e  (’Agtsqlkj-t])  , 1)  Tochter  des  Ti- 
tanen Koios  und  der  Phoibe,  der  Tochter  des 
Uranos  und  der  Gaia,  Schwester  der  Leto,  von 
Perses  (nach  Mus.  b.  Schol.  Ap.  Rh.  3,  467. 
1035  von  Zeus),  Mutter  der  Hekate  ( Hes . Theog. 
404ff.  Apd.  1,  2,  2 u.  4.  Hyg.  praef.,  wo  der 
Vater  Polus  heilst). , Nach  Eudox.  b.  Athen. 
9,  p.  392  d und  Cic.  N.  D.  3,  16  gebar  sie 
den  tyrischen  Herakles.  Wie  Hyg.  f.  53  er- 
zählt, wurde  sie  von  Zeus,  weil  sie  seine  Liebe 
verschmähte,  in  eine  Wachtel  verwandelt  und 
ins  Meer  gestürzt.  Aus  ihr  entstand  die  In- 
sel, welche  in  beweglichem  Zustande  Ortygia 
(d.  i.  Wachtelinsel),  später,  als  Leto  hier 
Apollon  und  Artemis  geboren  hatte , Delos 
(d.  i.  die  Helle,  Sichtbare)  genannt  wurde  (vgl. 


Pind.  Prosod.  fr.  1 B.  Eurip.  Hec.  454.  Ca l- 
lim.  in  Del.  37f.  Apd.  1,  4,  1.  Anton.  Lib. 
35.  Schol.  Ap.  Rh.  1,  308.  419.  East.  Hom. 
p.  1528,  4.  Tzetz.  Lylcophr.  401).  Nach  Sen. 
Verg.  Aen.  3,  73  erflehte  Asteria  selbst  von 
den  Göttern  die  Verwandlung;  als  sie  aber 
als  Wachtel  das  Meer  durchschwimmen  wollte, 
verwandelte  sie  Zeus  in  einen  Felsen,  der  spä- 
ter auf  Bitten  der  Leto  als  Insel  aus  dem 

io  Meere  hervortauchte  (vgl.  Myth.  Vat.  1,  37. 

з, 8,  3).  Nach  Nonn.  Dion.  2,  125.  33,  337. 
42,  410  wird  die  spröde  Asteria,  die  23,  236 
Gemahlin  des  Hydaspes  heifst  und  von  Hype- 
rion abstammt,  von  Poseidon  verfolgt  und  ver- 
wandelt. Wie  der  Name  ihrer  Eltern,  so  deu- 
tet auch  der  ihrige  auf  das  strahlende  Him- 
melslicht; wahrscheinlich  ist  die  ins  Meer  stür- 
zende Enkelin  des  Uranos  die  Personifikation 
eines  vom  Himmel  fällenden  und  plötzlich  in 

20  den  Fluten  verschwindenden  Meteors  (vergl. 
Müller,  Dor.  1,  313.  381  Anm.  1.  Preller,  gr. 
Myth.  1,  41  Änm.  1.  238.  257).  [Der  Name 
f:AG]TSQL7j  findet  sich  auch  als  Beischrift  einer 
Figur  der  pergamenischen  Gigantomachie,  Gonzc 
etc.,  Erster  vorl.  Bericht  S.  64.  Zweiter  8.  44. 
Roscher.]  — 2)  Eine  der  Töchter  des  Giganten 
Alkyoneus,  eines  Sohnes  des  Uranos  und  der 
Gaia,  welche  sich  nach  dem  Tode  des  Vaters 
von  dem  kanastraiischen  Vorgebirge  der  Halb- 

30  insei  Pallen  e ins  Meer  stürzten  und  von  Arn- 
phitrite  in  Eisvögel  verwandelt  wurden  ( Hege- 
sand. b.  BeJcker  Anecdot.  p.  377,  25.  Suid.  v. 
dlnvovidss  ryiegca.  Eust.  Hom.  p.  776,  38;  s.  Al- 
kyonides).  Die  Abstammung  von  Uranos , der 
Sturz  ins  Meer  und  die  dort  ein  tretende  Verwand- 
lung deuten  auf  Verwandtschaft  mit  Nr.  1. 

— 3)  Tochter  des  Danaos  und  der  Hamadryade 
Phoibe,  welche  den  Chaitos  tötete  (Apd.  2,  1, 
5).  — 4)  Tochter  des  Koronos , welche  mit 

40  Apollon  den  Argonauten  Idmon  zeugte  (Phe- 
relcyd.  b.  Schol.  Ap.  Rh.  1,  139).  — 5)  Eine 
der  Amazonen,  welche  Herakles  tötete  ( Diod . 
4,  16,  3).  — 6)  Tochter  des  Hydeas,  welche 
dem  Beller ophontes  den  Hydissos,  den  Epony- 
mos  der  gleichnamigen  Stadt  in  Karien,  ge- 
bar ( Apollon . b.  Steph.  Byz.  v.  'Tdnmog).  — 7) 
Nach  Tzetz.  Lylcophr.  53  (im  Widerspruche  mit 
939  und  Schot.  II.  2,  520,  wo  ’AgzsqoSlcc  steht) 
die  Tochter  des  Deioneus,  Gemahlin  des  Pho- 

50  kos.  — 8)  Hyg.  f.  250  ist  nach  Apd.  3,  10,  1. 
Paus.  5,  10,  6.  Erat.  Catast.  23.  Eust.  Hom. 
p.  1155,  53.  Ov.  Fast.  4,  172  Sterope  ( Sehe  ff . 

и.  Schm.:  Asterope;  s.  d.)  Atlantis  flia  zu  lesen. 

— [9)  Begleiterin  des  Theseus  bei  der  Rück- 
kehr von  Kreta:  C.  I.  Gr.  8185.  — 10)  Hespe- 
ride  (?):  C.  I.  Gr.  8394.  Vgl.  8 u.  Asterope  4. 
Roscher.]  [Schirmer.] 

Asterides  (’AGTtQidris),  ein  Sohn  des  Aigyp- 
tos,  von  der  Danaide  Chrysothemis  getötet, 

60  Iluqin.  f.  170.  (Die  Lesart  wird  angezwei- 
felt).  [Stoll.] 

Asterion  (’Agtsqlcov),  1)  Der  aus  dem  lan- 
desüblichen Kultus  des  Zsvs  ’Agxsqios  (vergl. 
Preller,  gr.  Mytli.  2,  117  f.)  hergeleitete  Name 
des  Königs  von  Kreta,  der  Europa  heiratete 
und  ihre  mit  Zeus  gezeugten  Söhne  Minos, 
Sarpedon  und  lihadamanthys,  als  er  selbst 
kinderlos  starb , in  die  Herrschaft  einsetzte 


657  Asterios 

( Hcsiod . u.  Bakchyl.  b.  Schol.  II.  12,  292.  Apd. 

з,  1,  2.  Diod.  4,  60,  2,  wo  er  Asterios  heifst, 
Nonn.  Dion.  1,  354  f.  2,  695.  Et.  M.  v.  Ml- 
vag).  Nach  l)iod.  a.  a.  0.  war  er  ein  Sohn  des 
Tektamos , eines  Sohnes  des  Doros,  der  mit 
Aiolern  und  Pelasgern  in  Kreta  einwanderte 
(vgl.  Müller,  Dor.  1,  32  f.),  und  einer  Tochter 
des  Kretheus.  Nach  Asklepiad.  b.  Apd.  a.  a.  0. 
hatte  er  eine  Tochter  Krete,  welche  Minos 
heiratete.  — 2)  Der  wie  Nr.  1 mit  dem  kreti-  l 
sehen  Sterndienst  in  Verbindung  stehende  Name 
für  den  von  Theseus  getöteten  Minotauros, 
den  Sohn  des  minoischen  Stiers  oder  des  Mi- 
nos selbst  (Paus.  2,  31,  1.  Apd.  3,  1,  4,  wo 
er  Asterios  heifst).  Nach  Lykophr.  Alex.  1301 

и.  Tzetz.,  der  ihn  wie  Apd.  Asterios  nennt  und 
euliemeristisch  für  den  Sohn  eines  Feldherrn 
Tauros  hält,  führte  er  die  Truppen  des  Minos. 
Nach  Nonn.  Dion.  13,  222  f.  40,  285  ff.  (auch 
hier  die  Form  ’AazeQLog)  folgte  er  mit  einem  2 
kretischen  Heere  dem  Dionysos  nach  Indien 
und  wurde  nach  dem  Kriege  zu  den  Massage- 
ten  in  die  Gegend  des  Phasis  verschlagen,  wo 
ein  Teil  der  Kolcher  nach  ihm  benannt  wurde. 
Miletos  und  Kaunos,  der,  noch  unberührt  von 
der  Liebe  zur  Schwester , die  Karer  führte, 
sind  seine  Söhne  (13,  546 ff.).  Die  Abbildung 
des  Minotauros  mit  geflecktem  Leibe  bei  Gerli. 
A.  V.  T.  160  deutet  wohl  auf  den  ursprüng- 
lichen Sinn  des  Namens  Asterion.  — 3)  Der  3 
Gott  eines  in  der  Nähe  des  argivischen  He- 
raion  fliefsenden  Baches,  dessen  Wasser,  als 

I er  mit  Kephisos,  Inachos  und  Phoroneus  das 
Land  der  Hera  zugesprochen  hatte,  Poseidon 
in  einem  Schlunde  verschwinden  liefs.  Seine 
Töchter  Euboia,  Prosynma  und  Akraia,  drei 
mit  alten  Beinamen  der  Hera  benannte  Höhen 
(vgl.  Preller,  gr.  Myth.  1,  129  Anm.  1),  waren 
Pflegerinnen  der  Hera  (Paus.  2,  15,  5.  17,  lf.). 
— 4)  Sohn  des  Hyperasios  oder  Hippasos  aus  4 
Pellene,  Bruder  des  Amphion,  ein  Argonaut 
l(Hyg.  f.  14).  Bei  Orph.  Argon.  214  (217)  u.  Ap. 
Bh.  1,  176  (Schol.:  zbv  ’Agtsql'covix  Xsysi)  heifst 
er  Asterios.  — 5)  Sohn  des  Kometes  aus  dem 
'thessalischen  Peirasia,  ein  Argonaut  (Ap.  Bh. 

1,  35ff.  Orph.  Arg.  161  (164).  Valer.  Fl.  1, 
1355 ff.).  Hyg.  f.  14  mit.,  wo  Asterion  Sohn 
jies  Pyremos  und  der  Antigone,  einer  Tochter 
lies  Pheres,  aus  der  Stadt  Pelinna  (Pellene?) 
oder  Sohn  des  Priscus  aus  Peiresia  genannt  5 
wird,  ist  textkritisch  sehr  unsicher. 

[Schirmer.] 

Asterios  ( ’AozsQiog ),  1)  Siehe  Asterion  No.  1, 

1,  4.  — 2)  Sohn  des  Neleus  und  der  Chloris, 
ler  Tochter  des  Amphion  (Apd.  1,  9,  9.  Schol. 

, ip.  Bh.  1,  156).  — 3)  Sohn  des  Aigyptos,  von 
ler  Danaide  Kleo  ermordet  (Hyg.  f.  170).  — 
t)  Sohn  des  Anax,  eines  Sohnes  der  Erde, 
inter  dessen  Herrschaft  Milet  noch  Anaktoria 
liefs,  bis  es  nach  dem  Kreter  Miletos  benannt  g 
vurde.  Begraben  war  Asterios  auf  einer  klei- 
nen vor  der  Stadt  Milet  gelegenen  Insel  (Paus. 

2,  5.  1,  35,  6.  Plin.  N.  II.  5,  37).  Wahr- 
cheinlich  stammt  sein  Name  aus  dem  Stern- 
denst  der  kretischen  Kolonisten,  wie  Asterion 
fo.  1 u.  2.  — 5)  Gemahl  der  Amphiktyone, 
er  Tochter  des  Phthios,  mit  welcher  er  den 
’otis,  den  Eponymos  des  thessalischen  Do- 


Astrabakos  658 

tion,  zeugte  (Plierekyd.  b.  Steph.  Byz.  v.  Acb- 
z lov).  [Schirmer.] 

Asterodeia  (’AgzsqoSsicc  u.  ’Agzsqoö'lcc)  , 1) 
eine  kaukasische  Nymphe , frühere  Gemahlin 
des  Aietes,  Mutter  des  Absyrtos  (Ap.  Bh.  3, 
242).  Der  Schol.  z.  d.  St  nennt  sie ‘(vielleicht 
irrtümlich,  s.  Vers  244)  eine  Tochter  des  Okea- 
nos  und  der  Tethys.  — 2)  Tochter  des  De'io- 
neus,  Gemahlin  des  Phokos,  Mutter  des  Kri- 
sos  und  Panopeus:  Schol.  II.  2,  520.  Tzetz. 
Lykophr.  939.  Vgl.  ib.  v.  53 , wo  sie  Asteria 
(s.  d.)  heifst  (s.  Asteropeia).  — 3)  Gemahlin 
des  Endymion:  Paus.  5,  1,  4.  — 4)  Tochter 
des  Eurypylos,  Enkelin  des  Telestor,  Gemahlin 
des  Ikarios,  Mutter  der  Penelope:  Pherelc.  b. 
Schol.  z.  Od.  15,  16-  [Roscher.] 

Asteropaios  (’Aezegonazog),  Sohn  des  Pela- 
gon , Enkel  des  Flufsgottes  Axios , Anführer 
der  Paionier,  Bundesgenosse  der  Troer,  von 
Achilleus  erlegt,  11.  21,  140 — 200;  ein  tapferer 
und  starker  Krieger,  der  gröfste  Mann  unter 
den  Troern  und  Achaiern,  Philostr.  Her.  19,  7; 
vgl.  Quint.  Sm.  3,  609.  4,  155,  587.  6,  552. 
Strab.  7 p.  331.  fr.  38.  39.  Lukian  adv.  ind. 
7.  Hygin.  f.  112.  Iustin,  7,  1.  [S.  auch  C.  I. 
Gr.  6125.  Roscher.]  Müller,  Prolegg.  S.  351. 
Bei  Cornut.  c.  9 ist  der  Beiname  des  Zeus 
nicht  ’Acztgonaiog  zu  schreiben,  sondern  ’Aczgcc- 
nedog.  [Stoll.] 

Asterope  (’AGxtgonrf),  1)  Tochter  des  Flufs- 
gottes Kebren,  Gemahlin  des  Priamiden  Aisa- 
kos  (s.  d.),  Apollod.  3,  12,  5.  — 2)  Eine  Okea- 
nide,  von  Zeus  Mutter  des  Akragas,  Steph.  B. 
’A-ngäyccv reg.  — 3)  Gemahlin  des  Hippalkos 
(Hippalkimos),  Mutter  des  vor  Troja  kämpfen- 
den Boioters  Peneleos,  Hygin.  f.  97.  — 3)  Von 
Hyperion  Mutter  der  Kirke,  Orph.  Arg.  1215. 
— 4)  Eine  der  Pleiaden,  Tochter  des  Atlas, 
Schol,  Pind.  Nem.  2 , 16 ; sonst  auch  Sterope 
genannt.  Asterope,  die  Tochter  des  Atlas,  ge- 
bar dem  Ares  den  Oinomaos,  Hygin.  f.  84.  159. 
Danach  ist  f.  250  wohl  statt  Asterie  zu  schrei- 
ben Asterope  [s.  jedoch  Asteria  8 u.  10  u.  vergl. 
C.  I.  Gr.  8487,  wo  eine  Hesperide  ’Aazsgong 
erscheint.  R.]  Andere  nannten  sie  Gattin  des 
Oinomaos,  Hygin.  P.  Astr.  2,  21.  — 5)  Toch- 
ter des  Kepheus  aus  Tegea,  welche  von  Hera- 
kles die  bekannte  Locke  der  Gorgo  erhielt, 
Suid.  nX’yuov  Pogyudog.  Apostol.  14,  38.  Bei 
Apollod.  2,  7,  3 heifst  sie  Sterope.  [Stoll.] 

Asteropeia  ( ’AazsgoTtsux)  , 1)  Tochter  des 
Pelias  (s.  d.),  schlachtet  mit  ihren  Schwestern 
den  Vater,  Paus.  8, 11,  2.  Bei  Hygin.  f.  24  und 
Diod.  4,  53  kommt  ihr  Name  nicht  vor.  — 2) 
Tochter  des  Dei'on,  Königs  in  Phokis,  und  der 
Diomede,  Apollod.  1,  9,  4 (s.  Asterodeia).  [Stoll.] 

Astoilunnus  (lens,  eine  jedenfalls  keltische 
Gottheit  auf  einer  Inschrift  aus  Saint-Beat, 
Ddp.  des  Basses-Pyrenöes,  Orelli  1962:  ASTOI- 
I VN  ||  NO  DEO  ||  C.FABIVS  ||  LASCIVOS  || 
V.  S.  L.  M.  Vgl.  Bev.  Archeol.  Paris  1859.  8. 

[Steuding.] 

Astrabakos  (’AczgcißccHog),  ein  spartanischer 
Heros,  der  in  Sparta  ein  Heroon  hatte,  Sohn 
des  Irbos.  Er  und  sein  Bruder  Alopekos, 
Nachkommen  des  Agis  im  4.  Geschlecht  (c.  900 
v.  Chr.) , fanden  das  seit  lange  verloren  ge- 
gangene, in  einem  Busche  verborgene  Bild  der 


659  Astraia 

Artemis  Orthia  und  wurden  sofort  infolge  des 
Zornes  der  Artemis  wahnsinnig.  Das  Bild,  in 
Sparta  aufgestellt,  ist  dasselbe,  an  welchem 
vor  Lykurgos  Menschenopfer  dargebracht,  spä- 
ter die  spartanischen  Knaben  bis  aufs  Blut 
gegeifselt  wurden , Paus.  3 , 16 , 5.  6.  (Wie 
Alopekos  den  Fuchs  bedeutet,  so  Astrabakos 
den  Esel  als  Saumtier,  von  dazQccßg;  den  Irbos 
stellt  Gerhard  mit  hircus  (?)  zusammen,  und  in 
dem  Esel  sieht  er  die  Bezeichnung  des  Phal- 
lus, vgl.  Sclxwenck,  Sinnbilder  S.  91.)  Er  sollte 
den  König  Demaratos  nach  Angabe  von  des- 
sen Mutter  erzeugt  haben,  Herod.  6,  69.  Ger- 
hard, Gr.  Myth.  1.  § 332,  4 (wo  Astrabakos 
mit  dem  römischen  Hauslar  verglichen  wird). 
Lauer,  System  d.  cjr.  Myth.  S.  293.  Müller, 
Dorier  1,  381  ff.  Gurtius , Peloponnes  2,  237. 

[Stoll.] 

Astraia  {’Agzqcczcc) , 1)  die  Sternenjungfrau, 
Tochter  des  Zeus  und  der  Themis  oder  des 
Astraios  und  der  Eos,  nach  luv.  6,  19f.  (vgl. 
Hes.  Opp.  200)  Schwester  der  Pudicitia.  Sie 
lebte  im  goldnen  Zeitalter  als  segensreiche 
Göttin  Dike  unter  den  Menschen,  verliefs 
aber,  als  das  eiserne  Zeitalter  hereingebrochen 
war,  die  von  Schlechtigkeit  erfüllte  Erde  und 
wurde  als  Jungfrau  unter  die  Sterne  versetzt. 
Arat.  Phaen.  96.  Hygin.  Poet.  Astr.  2,  25. 
Eratosth.  9.  Ovid.  Met.  1,  149.  luven.  6,  19. 
Yon  Mart.  Cap.  Sat.  2 p.  42,  Grot.  sind  die 
Kamen  Themis,  Astraia  und  Erigone  identi- 
ficiert.  — 2)  Eine  Nymphe , Dienerin  der  He- 
roine Berroia,  Nonn  Dion.  41,  212f. , vgl.  6, 
102.  [Stoll.] 

Astraios  {’AazQcAog) , 1)  Sohn  des  Titanen 
Krios  und  der  Eurybia,  Bruder  des  Pallas  und 
Perses.  Er  zeugte  mit  Eos  die  Winde  Argestes, 
Zephyros,  Boreas  und  Notos,  den  Heosphoros 
und  die  Gestirne,  Res.  Theog.  376 ff.  Hygin. 
praef.  Daher  heifsen  hei  Ovid.  Met.  14,  545 
die  Winde  fratres  Astraei.  Vgl.  Apollod.  1, 
2,  2.  Nonn.  Dion.  2,  572.  6,  15ff.,  wo  er  zum 
Astrologen  gemacht  ist,  Ioann.  Antioch.  fr.  1. 
Schömann  Opusc.  Ac.  2,  p.  110.  232.  Braun, 
Gr.  Götterl.  § 206ff.  222.  Preller,  Gr.  Myfhol. 
1,  40.  359.  — 2)  Ein  Gigant,  Sohn  des  Tarta- 
ros und  der  Ge,  Hygin.  praef.  — 8)  Ein  Tro- 
janer, von  Euryalos  getötet,  Quint.  Sm.  8, 
307.  — 4)  Ein  Sohn  des'  Poseidon,  der  hei 
einem  Feste  der  Athene  seiner  Schwester  Al- 
kippe,  ohne  sie  zu  kennen,  Gewalt  anthat  und 
sich  deswegen  in  den  Flufs  Aduros'  stürzte, 
der  nun  den  Namen  Astraios  erhielt,  später 
Kaikos  genannt  wurde,  Ps.-Plut.  de  fluv.  21. 
— 5)  Sohn  des  Seilenos,  Nonn.  Dion.  14,  99. 
29,  260.  — 6)  Ein  Indier,  Sohn  des  Brongos, 
Nonn.  26,  220.  [Stoll.] 

Astreus,  ein  Gefährte  desPhineus,  bei  des  Per- 
seus Hochzeit  getötet,  Ovid.  Met.  5, 144.  [Stoll.] 

Astris  (’AGzqig),  Tochter  des  Helios : Gemah- 
lin des  Hydaspes,  Mutter  des  Deriades,  Nonn. 
Dion.  17,  282.  26,  353  u.  öfter.  [Roscher.] 

Astronoe  {’Aczqovog)  , phönikische  Götter- 
mutter bei  Damascius  vit.  Isid.  242,  573.  Vgl. 
Lobeck,  Aglaoph.  p.  1277.  Neuhäuser,  'Cadmi- 
lus-  p.  56.  [Crusius.] 

Astur,  Gefährte  des  Aeneas:  Verg.  Aen.  10, 


Astybies  660 

Astyages  {’AGzväygg) , Genosse  des  Phineus, 
auf  der  Hochzeit  des  Perseus  von  diesem  durch 
das  Gorgonenhaupt  versteinert , Ovid.  Met. 
5,  200  f.  [Stoll.] 

Astyagyia  (’Aazvuyvux) , Tochter  des  Hyp- 
seus,  Gemahlin  des  Lapithen  Periphas,  dem 
sie  acht  Söhne  gebar,  darunter  den  Antion, 
den  Vater  des  Ixion,  Diod.  4,  69.  [Stoll.] 

Astyalos  {Aozvalog),  ein  Trojaner,  von  Poly- 
poites  erlegt,  LI.  6,  29.  Tzetz.  Hom.  116.  [Stoll.] 

Astyanassa  (AoxvcivccGGa),  Dienerin  der  He- 
lena und  des  Menelaos,  welche  die  erste  oeveu- 
GyvvzoyQacpog  (Zotenschreiberin)  gewesen  sein 
soll,  Suid.  s.  v.  Vgl.  Hesych.  s.  v.  Eudokia 
p.  81.  Idol.  Hephaest.  5,  p.  317  = Phot.  Bibi. 
p.  149,  28.  [Stoll.J 

Astyanax  (’Aozvavug) , 1)  Sohn  des  Hektor 
und  der  Andromache  (s.  d.),  vom  Vater  Skaman- 
drios  genannt,  vom  Volke  aber  Astyanax,  weil 
Hektor  allein  Ilion  schirmte,  II.  6 , 400 ff. 
Vergl.  Tzetz.  Hom.  129.  Plot.  Cratyl.  p.  392. 
[ C . I.  Gr.  7690].  Tzetz.  Hom.  319  giebt  ihm 
einen  Bruder  Laodamas , und  zu  Lykophr. 
1226  einen  Bruder  Sapernios.  Astyanax  auf 
Darstellungen  von  Hektors  Abschied  bei  Over- 
beck, Gal.  heroischer  Bildiv.  1.  S.  404.  Die 
Ahnung  der  Mutter  (11.  24,  734)  g zig  ’A%<xia)v 
Qixpsi  ytigbc;  sh ov  anb  nvQyov  lassen  die  fol- 
genden Dichter  sich  erfüllen.  In  der  Iliu- 
persis  des  Arktinos  wird  Astyanax  nach  der 
Eroberung  von  Troja  auf  Beschlufs  der 
Achäer,  welchen  Odysseus  durch  den  bekann- 
ten Vers:  vgmog  og  tzccxsqu  y.x  eivag  naiöag 
■ucezcdsinei  {Giern.  Alex.  Strom.  6,  p.  747)  zu 
Wege  gebracht,  von  der  Mauer  hinabgeworfen 
und  getötet.  Vgl.  Eurip.  Troad.  716.  Quint. 
Sm.  13,  251  ff.  S.  Welcher,  Ep.  Cykl.  2 S.  185  ff. 
528.  Vielleicht  stürzte  ihn  auch  Odysseus  selbst 
von  der  Mauer,  wie  bei  Tryphiod.  644.  Wel- 
cher, kl.  Schriften  1,  S.  357  ff.  Bei  Leschts  in 
der  Kleinen  Ilias  stürzte  ihn  Neoptolemos  auf 
eigenen  Antrieb  von  dem  Turm,  s.  die  Verse 
bei  Tzetz.  Lyk.  1263.  Paus.  10,  25,  4.  Welcher, 
Ep.  Cykl.  2,  S.  247  f.  Damit  stimmen  die  er- 
haltenen Vasenbilder  überein  {Overbeck,  Gal.  1, 
S.  617.  621  ff.  Hcydemann,  Iliupersis  S.  13 ff.; 
vgl.  Müller,  Handb.  d.  Arcli.  § 415 ; vgl.  C.  I.  Gr. 
8142),  doch  so,  dafs  Astyanax  nicht  vom  Turme 
geschleudert,  sondern  gegen  den  auf  den  Altar 
des  Zeus  Herkeios  geflüchteten  Priamos  und 
gegen  diesen  Altar  selbst  geschlagen  wird. 
Die  Tötung  des  Astyanax  bei  Eroberung  der 
Stadt  erwähnt  auch  Stesichoros  {fr.  20  Bergk) 
in  seiner  Iliupersis  {Schol.  Eur.  Androm.  10). 
Vgl.  Eurip.  Androm.  10.  Ovid.  Met.  13,  415 
Hygin.  f.  109.  Da  später  am  Ida  herrschende 
troische  Geschlechter  sich  von  Hektor  ablei 
teten , so  nahm  eine  jüngere  Sage  an , daf 
Astyanax  bei  dem  Falle  Trojas  am  Leben  ge- 
blieben und  der  Gründer  eines  neuen  Troja 
und  anderer  Städte  geworden  sei,  Schol.  II.  24 
735.  Vgl.  Strab.  13,  p.  607.  Steph,  Byz.  v 
Aauavia.  [Inbetreff  des  '‘Astyanax’  des  Acciu; 
s.  Bibbeclc , röm.  Tr.  412.]  — 2)  Sohn  des 
Herakles  von  der  Thespiade  Epilais , Apollod 
2,  7,  8.  [Stoll.]  j 

Astybi.es  {’Aazvßigg),  Sohn  des  Herakles  und  dei 
Thespiade  Klaametis  (?),  Apollod.  2,  7,  8.  [Stoll. 


io 

20 

30 

40 

50 

60 


661  Astydamas 

Astydamas  (’AazvSdfias),  auf  einem  die  Er- 
legung des  Minotauros  darstellenden  Vasen- 
bilde: C.  I.  Gr.  7719.  [Roscher.] 

Astydameia  (fAarvödcytia),  1)  Tochter  des 
Doloperkönigs  Amyntor,  welche  von  Herakles 
den  Tlepolemos  gebar , Find.  Ol.  7 , 24  (42) 
und  Schol.  zu  V.  36.  40.  42.  Ilesiod.  fr.  90 
Lehrs.  Abweichend  davon  nennt  Horn.  II.  2, 
658  die  Mutter  des  Heraklessohnes  Tlepolemos 
Astyocheia  (Astyoehe),  und  damit  stimmt  Hy- 
gin.  f.  97  u.  162  überein.  Bei  Apollod.  2,  7,  8 
ist  Astyoehe,  Tochter  des  Phylas,  von  Hera- 
kles Mutter  des  Tlepolemos,  dagegen  Astyda- 
meia,  die  Tochter  des  Amyntor,  von  Herakles 
Mutter  des  Etesippos.  Auch  Diod.  4,  37  nennt 
die  Mutter  des  Etesippos  Astydameia,  Tochter 
des  Eönigs  Ormenios.  S.  Muncker  zu  Hygin. 
f.  162.  S.  Astygeneia.  — 2)  Gemahlin  des 
Akastos,  Apollod.  3,  13,  3.  7.  Hesych.  ’Aazv- 
ddysicc.  S.  Akastos  und  Peleus.  Suid.v.’Aza- 
hxvzg  nennt  sie  fälschlich  Atalante.  — 8) 
Tochter  des  Strophios  und  der  Eydragora, 
einer  Schwester  des  Agamemnon,  die  Schwe- 
ster des  Pylades,  Schol.  Eurip.  Orest.  33. 

— 4)  Tochter  des  Pelops,  Gemahlin  des  Al- 
kaios,  Mutter  des  Amphitryon  (s.  d.),  Apol- 
lod. 2,  4,  5.  Schol.  II.  19,  116  heifst  sie 
fälschlich  Tochter  des  Peleus.  Nach  Schol. 
Thule.  1,  9 war  Astydameia,  des  Pelops  Toch- 
ter, mit  Sthenelos  vermählt,  dem  Vater  des 
Eurystheus.  — 5)  Tochter  des  Phorbas , Ge- 
mahlin des  Eaukon  (nach  Ad.  V.  H.  1 , 24 
Glaukon),  Mutter  desLepreos,  Athen.  10  p.  412  a. 
Aelian  a.  a.  0.  [Stoll.] 

Astygeneia  (’Aazvyivsicc),  Tochter  des  Phy- 
las, Mutter  des  Tlepolemos  nach  Pherekydes 
b.  Schol.  Find.  Ol.  7,  42.  — Vgl.  Astydameia 
und  Astyoehe.  [Roscher.] 

Astygites  QA<szvyizr\f),  Sohn  des  Argaios  von 
Melite  in  Phthia.  Er  tötete  den  Tartaros,  den 
Tyrannen  von  Melite , als  dieser  seine  Schwe- 
ster Aspalis  (s.  d.)  verführen  wollte:  Nilcan- 
dros  b.  Anton.  Lib.  13.  [Roscher.] 

Astygonos  (’Aazvyovos) , ein  Sohn  des  Pria- 
mos:  Apollod.  3,  12,  5.  [Roscher.] 
Astykrateia  ( ’Aozvxquzeux ),  1)  Eine  Tochter 
der  Niobe  und  des  Amphion,  von  Artemis  ge- 
tötet, Apollod.  3,  5,  6.  Schol.  Eur.  Phoen.  159. 
Hygin.  f.  11.  69.  Stark,  Niobe  96.  — 2)  Toch- 
ter des  Po'lyeidos  aus  dem  Geschlechte  des 
Melampus.  Ihr  und  ihrer  Schwester  Manto 
Grab  zeigte  man  zu  Megara,  Paus.  1,  43,  5. 

— 8)  Tochter  des  Aiolos  und  der  Telepora, 
Apostol.  1,  83.  [Stoll.] 

Astylos  ( ?’'Agzv1os ),  Name  eines  Eentauren 
b.  Ov.  Met.  12,  308,  wo  jetzt  nach  Roscher  in 
Fleckeisens  Jahrbb.  1872  S.  428  Asbolos  (s.  d.) 
gelesen  wird.  [Roscher.] 

Astymedusa  (’Aozvyidovoa) , Tochter  des 
Sthenelos,  welche  Oidipus  nach  dem  Tode  der 
Iokaste  oder  seiner  zweiten  Frau  Euryganeia 
heiratete.  Sie  verleumdete  ihre  Stiefsöhne 
Eteokles  und  Polyneikes  bei  dem  Vater',  dafs 
sie  ihr  nachstellten,  weshalb  Oidipus  den  Fluch 
gegen  seine  Söhne  aussprach,  Schol.  II.  4,  376. 
! Eustath.  p.  369,  40.  Schol.  Eurip.  Phoeniss.  53. 

Schncidewin,  die  Sage  vom  Oidipus  (Gotting, 
i 1852),  S.  8f.  [Stoll.] 


Astyoelios  662 

Astynome  (’Aozvvöyrj),  1)  Tochter  des  Ta- 
laos,  Schwester  des  Adrastos,  Gemahlin  des 
Hipponoos,  dem  sie  den  Eapaneus  gebar,  Hy- 
gin. f.  70.  — 2)  Tochter  des  Chryses , daher 
Chryseis  (s.  d.)  genannt,  Schol.  II.  1,  392.  He- 
sych. s.  v.  Tzetz.  Lyk.  298.  Tzetz.  Antchom. 
349  ff.,  wo  sie  Astynomeia  heifst  und  ihr  so  wie 
der  Briseis  Aussehen  beschrieben  wird.  Nach 
Tzetz.  Lylc.  183  zeugte  Agamemnon  mit  ihr 
den  Chryses  und’  die  Iphigeneia.  — 3)  Eine 
Jungfrau  aus  Lakereia,von  Aphraios,dem  Sohne 
des  Eronos,  Mutter  der  Aphrodite,  Cliron.  Pa- 
scha! e p.  66  (Bonn).  Georg.  Kedren.  Clironogr. 
p.  28  Bonn.  — 4)  Eine  Aitolerin,  von  Ares 
Mutter  des  Ealydon,  Ps.-Plut.  de  fluv.  22,  4. 
— 5)  Tochter  des  Amphion  und  der  Niobe, 
Hygin.  f.  69.  Stark,  Niobe  96.  [Stoll.] 
Astynomeia  (’Aozvv^yEia)  heifst  eine  Diene- 
rin der  Harmonia,  Nonn.  41,  291.  [Stoll.] 
Astynomos  ( ’Aczvvogoq ),  Sohn  des  Priamos, 
von  Achilleus  getötet,  Hygin.  f.  90. 113.  [Stoll.] 
Astynoos  (' ’Aazvvoog ),  1)  Sohn  des  Phaethon, 
Vater  des  Sandakos,  Apollod.  3,  14,  3.  — 2) 
Ein  Troer,  von  Diomedes  getötet,  II.  5,  144. 
Tzetz.  Hom.  65.  — 3)  Troer,  Sohn  des  Pro- 
tiaon,  von  Neoptolemos  getötet,  II,  15,  455. 
Paus.  10, 26,  1 . Vgl.  Schol,  II.  13,  643.  [Stoll.] 
Astyoehe  ( ’Aczvoxy ),  1)  Tochter  des  Phylas, 
Eönigs  von  Ephyra,  mit  welcher  Herakles  nach 
Eroberung  der  Stadt  den  Tlepolemos  zeugte, 
Apollod.  2,  7,  6.  8.  Hom.  II.  2,  653  ff.  Hygin.  f. 
97.  162.  Nach  Schol.  Find.  Ol.  7,  42  wäre  als 
Vater  dieser  Astyoehe  nicht  Phylas  zu  denken, 
sondern  der  II.  2,  513  genannte  Aktor,  siehe 
No.  5.  Vgl.  Astydameia  u.  Astygeneia.  Mül- 
ler, Dorier  1.  S.  420.  — 2)  Tochter  des  Si- 
moeis , von  Erichthonios  Mutter  des  Tros, 
Apollod.  3,  12,  2.  Tzetz.  Lyk.  29.  — 3)  Toch- 
ter der  Niobe  und  des  Amphion , von  Ar- 
temis erlegt,  Apollod.  3,  5,  6.  Stark,  Niobe 
96.  — 4)  Tochter  des  Laomedon  und  der 
Strymo,  Skamandros’  Tochter,  oder  der  Pla- 
kia , oder  der  Leukippe  ( Apollod . 3,  12,  3), 
Schwester  des  Podarkes  (Priamos).  Nach  spä- 
teren Sagen  bei  Eustath.  Hom.  p.  1697,  32. 
Quint.  Sm.  6,  136  u.  Diktys  2,  5,  der  sie  aber 
für  eine  Tochter  des  Priamos  hält,  heiratete 
sie  den'  Telephos  und  ward  Mutter  des  Eury- 
pylos.  Diesen  schickte  sie  ihrem  Bruder  Pria- 
mos zu  Hilfe,  von  ihm  bestochen  durch  einen 
goldenen  Weinstock,  welchen  Zeus  dem  Lao- 
medon zum  Entgelt  für  dessen  Sohn  Ganyme- 
des  gegeben.  Lesches  in  der  Kleinen  Ilias, 
Schol.  luven.  6 , 655.  Welcher,  Ep.  Cykl,  2. 
S.  241.  Nach  Tzetz.  Lyk.  921  (vgl.  1075)  kam 
sie  mit  ihren  Schwestern  Aithylla  und  Mede- 
sikaste  und  andern  von  den  Griechen  erbeu- 
teten Troerinnen  nach  Italien,  wo  sie,  um  der 
Enechtschaft  zu  entfliehen,  die  griechischen 
Schiffe  verbrannte,  wovon  der  Flufs  Nauaithos 
seinen  Namen  erhielt.  — 5)  Tochter  des  Ak- 
tor, von  Ares  Mutter  des  Askalaphos  und  Ial- 
menos,  Hom,  II.  2,  512.  Paus.  9,  37,  3.  — 6) 
Nach  Hygin.  f.  117  Schwester  Agamemnons, 
Gemahlin  des  Strophios.  [Stoll.  ] 

Astyocheia  (’Aczvoxstcc) , poetische  Neben- 
form für  Astyoehe  (s.  d.)  II.  2,  658.  [Stoll.] 
Astyoelios  ( ’Agzvoxos ),  1)  Sohn  des  Aiolos, 


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663  Astypalaia 

Herrscher  über  Lipara,  Diod.  5,  8.  [Stoll.]  — 
[2)  Begleiter  des  Theseus  im  Amazonenkampfe 
auf  einer  Vase:  C.  I.  Gr.  vol.  4 p.  18.  R..] 

Astypalaia  (’Aazvndlaia^Aozvnalcda.),  Toch- 
ter des  Phoinix  und  der  Perimede,  Schwester 
der  Europa,  von  Poseidon  Mutter  des  Argo- 
nauten Ankaios,  Königs  von  Samos  (Paus.  7,  4, 
2.  Ap.  Eh.  2,  866.  Tzetz.  Lyk.  488),  und  des 
Eurypylos,  Königs  von  Kos,  Apollod.  2,  7,  1 lind 
des  Periklymenos , Hygin,  f.  157.  Bei  Schol. 
Pur.  Phoen.  5 ist  Astypale  Tochter  des  Phoi- 
nix und  der  Telephe,  der  Tochter  der  Epime- 
dusa, Schwester  des  Peiros,  der  Europeia  und 
Phoinike.  Nach  ihr  wurde  die  Insel  Astypa- 
laia im  Aigaiischen  Meere  benannt,  Steph.  Byz. 

Astypale  s.  Astypalaia.  [s.  v.  [Stoll.] 

Astypylos  (’Aazvnvlos),  ein  Troer,  von  Achil- 
leus getötet,  II.  21,  209.  [Stoll.] 

Asylaios  ( ’AovlaZos  frsog),  der  Schutzgott  der 
Freistätte,  welche  Romulus  und  Remus  im  neu- 
erbauten Rom  errichteten  (Plut.  Pom.  9).  Ge- 
meint ist  Vejovis  (s.  d.).  Ygl.  Preller , E.  M.3 

1 , 264.  2,  350.  [Roscher.] 

Atabyrios  (’AzaßvQio  g),  1)  Beiname  des 
Zeus,  der  auf  dem  Berge  Ätabyris  (Atabyrion, 
Atabyron)  in  Rhodos  einen  von  dem  Kreter 
Althaimenes  gegründeten  (ursprünglich  phöni- 
kischen)  Tempel  hatte.  Dort  befanden  sich 
eherne  Rinder,  welche  brüllten,  wenn  sich 
etwas  Aufserordentliches  ereignen  sollte.  S. 
Althaimenes.  Find.  Ol.  7,  87  (160)  u.  Schol. 
Diod.  5,59.  Apollod.  3,2,  1.  Strah.  14,  p.  655. 
Steph.  Pyz.  v.  Azccßvgov.  Cyrill,  g.  lulian.  3. 
p.  88  C.  Tzetz.  Cliil.  4,  390.  S.  Heffter,  Got- 
tesdienste auf  Bhodos  3.  S.  16  ff.  81.  Preller, 
Gr.  Myth.  1.  S.  108.  2.  S.  128.  Hock,  Kreta 

2.  S.  364f.  Hofs,  Gr.  Inselr.  3.  S.  105ff.  Mo- 
vers, Pliönikier  1.  S.  26.  2,  2.  S.  246  ff.  Inschrif- 
ten b.  Keil,  Pliilologus  Suppl.  2.  S.  612  ff.  Über 
die  At-og  ’AzaßvQLaazcd  vgl.  Laders , de  collegiis 
(Bonn  1869)  p.  20.  Von  Rhodos  war  der  Dienst 
des  Zeus  Atabyrios  durch  Kolonieen  nach  Agri- 
gent  gekommen,  Pind.  u.  Schol.  a.  a.  0.  Polyb. 
9,  27,  7.  — 2)  Ein  Teichine,  nach  dem  der 
oben  angeführte  Berg  benannt  war,  Steph.  B. 
v.  ’AzäßvQov.  [Stoll.] 

Ataecina  oder  Adaegina,  keltischer  Name 
der  Proserpina  Turibrigensis.  Letztere  Form 
findet  sich  auf  einer  Inschrift  aus  Metellinum 
(Medellin)  C.  I.  L.  2,  605:  DOMINA  TU- 
EIBBIGENSIS  ADAEGINa,  erstere  auf 
zwei  Inschriften  aus  der  Gegend  von  Augusta 
Emerita  (Merida)  C.  I.  L.  2,  461  u.  462:  Dea 
Ataecina  Turibrig(ensis)  Proserpina  per  tuarn 
majestatem  te  rogo,  oro,  obsecro , uti  vindices 
quot  mihi  furti  factum  est;  quisquis  mihi  imu- 
davit  inviolavit  rninusve  fecit  etc.  Vgl.  auch 
C.  I.  L.  2,  71.  461.  143 — 145.  Adaegina  hängt 
jedenfalls  mit  dem  aus  Cod.  Mediol.  p.  21c 
von  Zeufs,  Gramm.  Celt.  p.  253  a angeführten 
und  aidche  (=  nox ) gleichgesetzten  adaig  zu- 
sammen, so  dafs  sie  als  Göttin  der  Nacht  sehr 
wohl  mit  Proserpina  identific-iert  werden  konnte, 
was  dann  auch  ihre  Anrufung  zur  Bestrafung 
eines  Diebes  erklärt.  Demnach  wäre  Ataecina 
die  verderbte  Form,  wie  ja  in  derselben  In- 
schrift auch  quod  in  quot  und  immutavit  in 
imudavit  verwandelt  ist.  [Steuding.] 


Atalante  664 

Atalante  (’Axuhxvzri),  1)  Die  arkadische  Ar- 
temis in  Gestalt  einer  Bergnymphe.  Die  Ver- 
schiedenheit in  der  Benennung  der  zu  ihr  ge- 
hörigen Personen  ist  kein  Grund,  mit  den 
Scholl,  z.  Euripides , Tlieokrit , Apollonios  und 
Izetzes  an  den  unten  folgenden  Stellen  zwei 
verschiedene  Wesen  anzunehmen  (vgl.  Spanh. 
z.  Callim.  p.  275 ff.  Heyne  z.  Apd.  1,  8,  2. 
Welcher,  Gr.  Trag.  3,  1219).  Eine  symbolische 
Gestalt  wie  Atalante  konnte  leicht  an  diese 
oder  jene  heroische  Genealogie  angekniipft 
werden.  Entscheidend  ist  aufser  der  Verwandt- 
schaft der  arkadischen  und  der  sogenannten 
boiotisclien  Atalante  mit  den  Minyern  (vergl. 
Müller,  Orchom.  209)  die  Übereinstimmung  in 
den  Eigenschaften.  Diese  sind:  strahlende 
Schönheit , gepaart  mit  kalter  Sprödigkeit, 
Kühnheit  und  Gewandtheit  einer  vollendeten 
Jägerin,  die  sich  ebenso  durch  Sicherheit  im 
Schiefsen  wie  durch  Schnelligkeit  des  Laufes 
auszeichnet  (vgl.  Gr ote- Fischer , Gr.  Myth.  u. 
Antiquit.  1,  137).  Als  eine  Person  betrachtet 
daher  die  Jägerin  und  Läuferin  Atalante  (im 
Gegensatz  zu  Schol.  Theolcr.  3,  40,  wo  eine 
Togdrig  und  eine  dnouaia  unterschieden  wird,) 
mit  Recht  Apd.  3,  9,  2.  Sie  war  nach  der 
einen  Tradition  eine  Tochter  des  Iasos  (Apd. 
a.  a.  0.  Schol,  Eur.  Phoen.  150)  oder  Iasios 
(Theogn.  1288.  Arist.  Pepl.  44  B.  Callim. 
Dian.  216.  Prop.  1,  1,  10.  Hyg.  f.  70  u. 
99.  Myth,  Vat.  1,  146.  174)  oder  Iasion  (Ael. 
V.  H.  13 , 1) , eines  Sohnes  des  Lykurgos 
von  Tegea  und  Nachkommen  des  Arkas,  und 
der  Klymene,  der  Tochter  des  Minyas  (Apol- 
lod. a.  a.  0.).  Eurip.  b.  Apollod.  a.  a.  0.  u. 
Phoen.  1156  nennt  sie  in  Rücksicht  auf  ihren 
Lieblingsaufenthalt  (vergl.  Schol.  Eur.  Phoen. 
1156.  Ap.  Eh,  1,  770.  Callim.  Dian.  224)  poe- 
tisch eine  Tochter  des  Mainalos,  der  nach 
Schol.  Ap.  Bh.  1,  162  ein  Sohn  des  Lykaon, 
nach  Hellan.  h.  Schol.  Ap.  Bh.  1,  769  ein  Sohn 
des  Arkas  war.  Nach  der  durch  das  hesiodische 
Epos  verbreiteten  (boiotischen)  Tradition  war 
Atalante  die  Tochter  des  Schoineus,  eines  Soh- 
nes des  Athamas  (Apollod.  a.  a.  0.  u.  1,  8,  2. 
1,  9,  16.  Diod.  4,  34,  4.  Schol.  Eurip.  Phoen. 
150  u.  Theolcr.  3,  40.  Ov.  Tr.  2,  399.  Hyg.  f. 
173.  185),  der  nach  Paus.  8,  35,  10  aus  Boio- 
tien,  wo  an  dem  in  den  liylischen  See  mün- 
denden Flüfschen  Sclioinus  ein  Fleckchen  Schoi- 
nos  lag  (vgl.  Strab.  9,  p.  408.  Eust.  Hom. 
p.  265,  20.  Nonn.  Dion.  13,  63.  Stat.  Theb. 
7,  267) , nach  Arkadien  wanderte  und  dem  in 
der  Nähe  von  Methydrion,  wo  die  Rennbahn 
der  Atalante  gezeigt  wurde,  gelegenen  Schoi- 
nus  den  Namen  gab.  Wahrscheinlich  aber 
war  das  boiotische  Schoinos  wie  das  arka- 
dische Schoinus  nach  dem  Binsenreichtum  der 
Umgegend  benannt  (Steph,  Byz.  v.  2%oi.vovs), 
und  die  aus  den  Beziehungen  der  Minyer  zu 
dem  Peloponnes  sich  erklärende  Annahme  eines 
gemeinsamen  Eponymos  ist  eine  spätere  mytho- 
logische Fiktion.  Dieselbe  hat  ohne  Zweifel 
zu  einer  doppelten  Lokalisierung  und  verschie- 
denartigen Gestaltung  unserer  Sage  Veranlas- 
sung gegeben.  Die  Heimat  der  Atalante  war 
nach  Ov.  Met.  8,  316  Tegea  (vgl.  Pacuv.  v.  56f. 
u.  75  Bibb.),  nach  Met.  8,  425  u.  A.  A.  2,  185 


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Atalante 


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Nonakris,  bei  Schal.  Ap.  Bh.  1,  769  ist  Ata- 
lante eine  Argiverin,  bei  Sero.  Verg.  Aen.  3, 
113  ii.  Ecl.  6,  61  stammt  sie  aus  Skiros  (Schoi- 
nos?).  Nach  Callim.  Dian.  221  ff.,  Apd.  u.  Ael. 
a.  .a.  0.  wurde  sie  von  ihrem  Yater,  welcher 
männliche  Nachkommenschaft  gewünscht  hatte, 
bei  ihrer  Geburt  an  einer  Quelle  am  Eingänge 
einer  Grotte  auf  dem  Parthenischen  Gebirge 
ausgesetzt;  hier  ernährte  sie  eine  ihrer  Jungen 
beraubte  Bärin,  das  Symbol  der  arkadischen 
Artemis,  bis  Jäger  sie  fanden  und  aufzogen. 
Zur  Jungfrau  herangewachsen,  floh  sie  die  Ge- 
sellschaft der  Männer  und  hielt  sich  in  einer 
Einöde  auf  dem  Mainalos  (nach  Ov.  Met.  8, 
316  auf  dem  Lykaios)  auf,  grofs,  stark,  sclmell- 
füfsig  und  von  strahlender  Schönheit,  hierin 
sowie  in  ihrem  Entschlüsse,  Jungfrau  zu  blei- 
ben, der  Artemis  vergleichbar  (vgl.  Eurip.  fr. 
528  v.  31 D.  u.  fr.  514;  KvnqiSog  georgict),  deren 
Genossin  sie  von  Eurip.  PJioen.  151  u.  Callim. 
Dian.  215  genannt  wird  (vgl.  Xen.  Ven.  13, 
18.  Myth.  Vat.  1,  174.  2,  144).  Zwei  trun- 
kene Kentauren,  Rhoikos  und  Hylaios,  welche 
ihre  Schönheit  anlockte , schofs  sie  nieder. 
Zahlreiche  Notizen  berichten  über  ihre  her- 
vorragende Teilnahme  an  der  kalydonischen 
Jagd.  Da  sie  den  Eber  zuerst  in  den  Rücken 
geschossen  hatte,  erhielt  sie  von  dem  in  Liebe 
zu  ihr  entbrannten  Meleagros  die  Haut  und 
den  Kopf  des  Ungeheuers  als  Siegespreis  (Apd. 
1,  8,  2.  3,  9,  2.  Paus.  8,  45,  2.  Callim.  I.  I. 
218ff.  Schol.  Eurip.  Phoen.  151.  Tzetz.  Lylcophr. 
492.  Ov.  Met.  8,  379ff.  Hyg.  f.  173  u.  174. 
Myth.  Vat.  1 , 146.  2 , 144.  Ygl.  Eurip.  fr. 
514  D.  Attius  fr.  v.  446  f.  Bihb.  Quintil.  1. 
0.  5 , 9 , 12).  Deshalb  lauerten  ihr  nach 
Diod.  4,  34,  4 bei  ihrer  Rückkehr  nach 
Arkadien  ihre  Gegner  auf.  Nach  Apollod.  1, 
9,  16  u.  Diod.  4,  4.  41,  2.  48,  5.  nahm 
sie  auch  am  Argonautenzuge  teil , auf  wel- 
chem sie  verwundet  und  von  Medeia  geheilt 
wurde.  Nach  Ap.  Bh.  1,  769flf.  u.  Schol. 
i wollte  sie  sich  dem  Zuge  anschliefsen,  wurde 
aber  von  Iason  selbst , den  sie  einst  auf  dem 
, Mainalos  getroffen  und  mit  einem  Speere  be- 
: schenkt  hatte,  zurückgehalten,  weil  er  arge 
Konflikte  zwischen  der  spröden  Jungfrau  und 
den  sie  in  Liebe  begehrenden  Helden  befiirch- 
! tete.  Bei  den  Leichenspielen,  welche  Akastos 
seinem  Vater  Pelias  zu  Ehren  veranstaltete, 
bestand  Atalante  mit  Peleus  den  Ringkampf 
(Apd.  3,  9,  2 u.  13,  3.  In  der  Aufzählung  der 
auf  der  Kypseloslade  dargestellten  Kämpfer 
bei  Paus.  5,  17,  9 ist  sie  nicht  mit  genannt). 
Obwohl  sie  'zärtliche  Liebhaber  kalt  zurück- 
wies (Theogn.  1287  ff),  folgte  Meilanion  (Mela- 
nion),  nach  Hellan.  b.  Schol.  Eur.  Phoen.  150 
Sohn  des  Amphidamas,  unablässig  der  Flüch- 
tigen durch  die  Schluchten  des  Parthenios  und 
die  Wälder  des  Mainalos,  wo  wilde  Tiere 
hausten , liefs  sich  für  sie  von  Hylaios  ver- 
wunden und  klagte  oft  laut  über  sein  vergeb- 
liches Bemühen  (Prop.  1,  1,  9.  Ov.  Am.  3,  2, 
29f.  A.  A.  2,  185 ff".  Vgl.  Aristoph.  Lys.  786 
u.  Schol.) , bis  Atalante , von  der  erzürnten 
Aphrodite  mit  Liebe  erfüllt,  unterlag  (Mus. 
154ff).  Die  Frucht  dieser  Liebe  war  Parthe- 
nopaios  (Paus.  3,  12,  9.  Eurip.  Phoen.  150), 


der  auch  Sohn  des  Ares  (Apd.  3,  9,  2.  Sero. 
Verg.  Aen.  6,  480)  oder  des  Meleagros  (Hyg. 
f.  70  u.  270.  Myth.  Vat.  1,  174)  oder  des  Ta- 
laos  (Apd.  1,  9,  13.  Paus.  2,  20,  5.  9,  18,  6. 
Schol.  Eurip.  Phoen.  150)  genannt  wird.  Er 
erhielt  nach  Hyg.  f.  99  jenen  Namen  deshalb, 
weil  er  auf  dem  Parthenischen  Gebirge  von 
seiner  den  Schein  der  Jungfräulichkeit  wah- 
renden Mutter  ausgesetzt  worden  war.  (Vgl. 
io  Myth.  Vat.  a.  a.  0).  Neben  dieser  nach  dem 
Vorgänge  des  Theognis  von  den  Lyrikern  mit 
Vorliebe  behandelten  Form  des  Mythus  steht 
jene  andre  Tradition,  nach  welcher  Atalante 
die  Tochter  des  Schoineus  und  ihr  Geliebter 
gewöhnlich  Hippomenes  statt  Meilanion  ge- 
nannt wird.  Sie  macht  aus  Atalante  eine  He- 
roine von  noch  rauherem  Charakter,  die  ihre 
Bewerber  zu  gefahrvollem  Wettkampfe  heraus- 
fordert (Hes.  b.  Apd.  3,  9,  2.  Schol.  II.  2,  764. 
20  Eust.  Horn.  p.  1324,  17).  Apd.  a.  a.  0.  wird  über 
den  Hergang  Folgendes  erzählt : Als  Atalante 
ihre  Eltern  gefunden  hat,  wünscht  ihr  Vater, 
dafs  sie  sich  verheirate.  Sie  fügt  sich  unter 
der  Bedingung,  dafs  ihre  Freier  einen  Wett- 
lauf in  Waffen  mit  ihr  wagen,  bei  welchem 
dem  Sieger  ihre  Hand , dem  Besiegten  der 
Tod  als  Preis  gesetzt  sein  soll.  Als  bereits 
mehrere  Jünglinge  (nach  Myth.  Vat.  1,  39  drei) 
gefallen  sind , betritt  Meilanion  die  Laufbahn 
so  und  siegt , indem  er  goldene  Äpfel , ein  Ge- 
schenk der  Aphrodite,  fallen  läfst,  welche  auf- 
zuheben die  Jungfrau  sich  nicht  enthalten 
kann.  Da  er  aber  einst  auf  der  Jagd  im  hei- 
ligen Bezirk  des  Zeus  sich  mit  Atalante  der 
Liebe  hingab,  wurden  beide  in  Löwen  verwan- 
delt (vgl.  Palaeph.  14).  Das  Wiederfinden  der 
Eltern  und  der  Wettlauf  dieser  männlich  ge- 
arteten virago  (Schol.  Ver.  Verg.  Aen.  12,  468. 
Plin.  N.  H.  35,  17),  die  auch  Ov.  Tr.  2,  399 
40  unter  den  Beispielen  der  Liebe  in  der  Tragö- 
die genannt  wird,  war  jedenfalls  der  Gegen- 
stand der  Atalante  des  Pacuvius  (vgl.  Bibbeck, 
trag.  rom.  fr.  p.  82  ff.  vom.  Tr.  310).  Ihren  Inhalt 
dürfen  wir  wohl  aus  Ov.  Met.  10,  560  ff.  u. 
Hyg.  f.  185  entnehmen.  Nach  Ovid  verbot  das 
Orakel  mit  Hindeutung  auf  die  spätere  Ver- 
wandlung Atalante  die  Ehe;  deshalb  schrieb  sie 
den  Freiern  die  harte  Bedingung  des  Wett- 
kampfes vor.  Ihn  wagte  wie  bei  Hesiod  (Eust. 
50  a.  a.  0.)  Hippomenes  (Hippomedon  b.  Schol.  Ap. 
Bh.  1,  769),  des  Megareus  Sohn,  ein  Urenkel 
des  Poseidon,  aus  dem  boiotischen  Onchestos, 
der  als  Zuschauer  des  W ettlaufes  nicht  schwankte 
zwischen  der  Macht  weiblicher  Reize  und  der 
Todesgefahr,  welcher  vor  seinen  Augen  bereits 
mehrere  erlegen  waren.  Aber  auch  in  Ata- 
lante erwacht  die  Liebe  (vgl.  Theokr.  3,  42); 
sie  möchte  den  Jüngling  zurückhalten,  doch 
ihr  Vater  und  das  Volk  drängen  sie  in  die 
60  Bahn.  Hippomenes  siegt  in  der  von  Apd.  er- 
zählten Weise  mit  Hilfe  der  Äpfel  vom  gold- 
nen  Baume  des  der  Aphrodite  heiligen  Hai- 
nes im  tamasischen  Gefilde  der  Insel  Kypros 
(nach  Schol.  Theokr.  3,  40.  Serv.  Verg.  Aen. 
3,  113  u.  Ed.  6,  61.  Myth.  Vat.  1,  39 
aus  dem  Garten  der  Hesperiden,  nach  Philet. 
b.  Schol.  Theokr.  2,  120  aus  dem  Kranze  des 
Dionysos).  Aber  im  Taumel  des  Glücks  ver- 


667  Atalante  (in  d.  Kunst) 

gifst  er,  der  Aphrodite  zu  danken,  und  diese 
reizt  ihn  daher,  als  er  auf  dem  Wege  nach 
der  boiotischen  Heimat  mit  Atalante  in  einer 
heiligen  Grotte  bei  einem  Kybeletempel  aus- 
rubt,  zum  Verlangen.  Zur  Strafe  für  die  Ent- 
weihung des  Orts  verwandelt  Kybele  beide  in 
Löwen , denen  die  Begattung  versagt  ist  (vgl. 
Serv.  Verg.  Aen.  3,  113.  Myth.  Vat.  a.  a.  0.). 
Hiermit  stimmt  Hyg.  f.  185  im  wesentlichen 
überein;  aber  er  übergeht  die  Motivierung  der 
Ehelosigkeit  durch  das  Orakel  und  läfst  Ata- 
lante selbst  die  eingeholten  Freier  mit  dem 
Speere  durchbohren.  Hippomenes  ist  bei  ihm 
Sohn  des  Megareus  und  der  Merope.  Die  Ver- 
wandlung verhängt  Zeus,  nachdem  sein  Heilig- 
tum auf  dem  Parnassos  von  den  Liebenden 
entweiht  worden  ist  (vgl.  Theokr.  3,  3 9 ff.  Xen. 
Ven.  1,  7.  Heraklid.  de  incred.  12,  p.  315  u. 
JLiban.  13,  p.  364.  Westerm.  Nonn.  Dion.  12, 
87  ff.  l'zetz.  Chil.  453).  Der  Name  ’Azuhxvxg, 
dem  die  Wurzel  xcd  zu  Grunde  liegt  ( Gurtius , 
Grundzüge  220),  bedeutet  entweder  (St.  zcclavz. 
mit  cc  coniunct .)  die  Ausharrende,  Unermüd- 
liche, in  Bezug  auf  die  unverwüstliche  Kör- 
perkraft (so  nennt  Find.  Pyth.  9,  32  Kyrene 
eine  gox&ov  ‘mxd'vnsgd's  vsccvcg  gzog  i'xoiacc), 
oder  (direkt  von  dem  Adj.  dxdlccvzog)  die, 
welche  es  andern  gleichthut,  sie  aufwiegt,  mit 
Rücksicht  auf  ihre  Wettkämpfe  mit  Männern 
(Nonn.  Dion.  35,  82  dcvziccvsigu  ’A.  Vgl.  Prel- 
ler, Gr.  Myth.  2,  306.  Pott  in  K.  Z.  7,  259). 
Die  Wandlung  in  ihrem  mythologischen  Cha- 
rakter von  einer  der  attischen  ’Agzs gig  aygo- 
zsqk  zu  vergleichenden  Gottheit  zu  einer  Nymphe 
im  Gefolge  der  Artemis  erklärt  sich  wohl  aus 
der  in  der  späteren  Sagendichtung  auftreten- 
den Scheu  vor  dem  streng  jungfräulichen  Cha- 
rakter jener  Göttin.  Ebenso  wurde  ’Agzsgi.g 
Kczllioxg  zur  Nymphe  Kallisto  und  die  Licht- 
gottheit Auge  zu  einer  Priesterin  der  AQ-gvg  ’ Alice. 
In  Arkadien  wurde  das  Grab  der  Atalante  (inst. 
Pepl.  44  (48)  B. ) und  in  Lakonien  bei  den  Trüm- 
mern von  Kyphanta  eine  Quelle  gezeigt,  welche 
sie,  auf  der  Jagd  vom  Durst  geplagt,  mit  dem 
Spiefse  herausgeschlagen  haben  sollte  (Paus. 
3,  24,  2).  Bildwerke.  Auf  der  Kypseloslade 
war  Atalante  neben  Meilanion,  ein  Hirschkalb, 
das  Symbol  der  Jägerin,  haltend,  dargestellt 
(Paus.  5, 19,  2);  die  benachbarten  Bilder  deuten 
auf  einen  Wettkampf,  von  welchem  Pausanias 
jedoch  nichts  erwähnt.  Auch  in  der  Darstellung 
er  kalydonischen  Jagd  von  Skopas  im  vorderen 
Giebelfelde  der  Athene  zu  Tegea  (Paus.  8,  45, 
6)  und  auf  dem  von  Philostr.  iun.  imag.  15  be- 
schriebenen Bilde  war  Atalante  zu  sehen.  Er- 
haltene bildliche  Darstellungen  der  Atalante, 
auf  die  kalydonische  Jagd  bezüglich , auf  der 
Franfoisvase , dem  Friese  des  Heinon  von 
Gjölbaschi  (in  Wien) , der  Spiegelzeichnung 
bei  Müller-  Wieseler,  Denkm.  1,  Taf.  61  n.  307, 
dem  Sarkophagrelief  b.  Mittin,  Gal.  myth.  pl. 
103.  No.  411,  der  Mosaikdarstellung  b.  Millin 
a.  a.  0.  pl.  196.  No.  413*,  ferner  auf  der  Darstel- 
lung vom  Tode  des  Meleagros  b.  Millin  a.  a.  0. 
pl.  104.  No.  415,  der  Mosaikdarstellung  b.  Zoega, 
Basrel.  v.  Pom  T.  46,  den  Vasenbildern  b.  Ger- 
hard, A.  V.  T.  237  (C.  I.  Gr.  7382),  Annali  dell' 
Inst.  1868  Tav.  cVagg.  L.  M.  p.  320  ff.  Körte, 


Ate  668 

Personif.  der  Affekte  1874,  p.  56 ff,  dem  Terra- 
kottarelief b.  0.  Jahn,  Per.  d.  Sächs.  Ges.  1848, 
2,  p.  123  ff.  (vgl.  Stephani,  compte-rendu  1867, 
p.  60  ff.).  Auf  den  liingkampf  mit  Peleus  be- 
ziehen sich  die  Darstellungen  bei  Gerhard 
a.  a.  0.  T.  177  u.  etrusk.  Sp.  T.  224.  (vgl. 
Stephani  a.  a.  0.  1867,  p.  24).  — 2)  Nach  Ni- 
col, Dam.  fr.  56  (ed.  Mütter)  u.  Suid.  v.  ’Azu- 
luvxg  das  Weib  des  Akastos.  Sie  soll  durch 
die  Verleumdung  des  ihre  Liebe  verschmähen- 
den Peleus  bei  ihrem  Gatten  diesen  zum  Kampfe 
mit  jenem  veranlafst  haben,  in  welchem  Peleus 
siegte , Iolkos  eroberte  und  Atalante  tötete. 
Es  liegt  hier  wohl  eine  Verwechselung  der 
bei  den  Leichenspielen,  welche  Akastos  veran- 
staltete, anwesenden  und  mit  Peleus  ringen- 
den Atalante  mit  Astydameia  oder  Hippolyte 
vor  (s.  d.).  [Schirmer.]  ^ 

Atarpo  (’Axagnco  = Atropos?);  Bezeichnung 
einer  Moira  (Schol.  Od.  g 179.  Cram.  aneed. 
1,  60,  27).  Bergk  bezieht  den  Namen  auf  cczceg- 
nog  in  der  Bedeutung  ' Parcae  filum\  die  er 
annimmt  bei  Alcm.  fr.  81:  Itnzd  ö’  azeegnog, 
vglsgg  d’  avccyna.  [Crusius.] 

Atargatis  s.  Astarte. 

Ate,  "Arg,  gg,  f.  (äzg,  cevaxa,  dazu;  vgl.  G.  Gur- 
tius, Grundzüge 5 386.  569),  die  Verblendung, 
welche  ihre  Strafe,  das  Unheil  selbst  herbei- 
führt, im  letzten  Grunde  Theoblabie,  vergl. 
Apate.  Kräftig  und  hurtig,  Schaden  stiftend; 
die  Abbitten  (Aizaz)  hinken  hinterher  und  ma- 
chen ihn  wieder  gut;  wenn  sich  ihnen  jemand 
weigert,  so  bitten  sie  Zeus,  dafs  ihn  Ate  ver- 
folge, bis  er  geschädigt  büfse,  II.  9,  503—512. 
'Ich  bin  nicht  schuld,  sagt  Agamemnon,  son- 
dern Zeus’  Moira  und  Erinnys,  die  mich  mit 
Blindheit  schlugen , am  Tage , da  ich  Achill 
kränkte  — Zeus’  Tochter,  die  alle  schlägt 
(dazai) , zarten  Fufses , nicht  auf  dem  Boden, 
auf  den  Häuptern  der  Menschen  schreitet  sie ; 
auch  Zeus  ward  einst  so  geschlagen  bei  der 
Geburt  des  Herakles,  so  dafs  Hera  ihn  über- 
listete; zornig  ergriff  da  Zeus  die  Ate  am 
Kopf,  schwur,  nie  solle  sie  zum  Olymp  keh- 
ren, und  schleuderte  sie  hinab  unter  die  Men- 
schen — - da  nun  auch  mich  Zeus  so  geschla- 
gen hat,  so  will  ich  es  gut  machen  und  Bufse 
zahlen’,  II.  19,  85 — 138;  vgl.  Niese,  Entwicke- 
lung d.  hom.  Poesie  64f.  Plural  Ilias  10,  391. 
Alles  fernere  in  der  Literatur  ist  aus  Homer 
abgeleitet,  auch  der  Bühnengebrauch  der  Ate 
als  ein  Inbegriff  des  Tragischen  nach  allen 
Seiten,  der  unschuldigen  Schuld,  der  Verblen- 
dung, der  Schuld  vom  Gott  verhängt  zur  Her- 
beiführung der  Sühne  besonders  für  Hybris, 
des  sühnenden  Unglücks  selbst,  des  Unheils 
überhaupt.  Zwischen  abstraktem  uud  persön- 
lichem Gebrauch  ist  hier  so  wenig  eine  scharfe 
Grenze  zu  ziehen , wie  im  Griechischen  all- 
gemein; vgl.  Lehrs  Aufsätze2  78f.  (Versuche  hei 
Lelirs  419  ff.  Körte,  Personifikationen  8 ff.),  da- 
her die  Lexika  zu  vergleichen  sind.  Ausge- 
hoben sei  lies.  Th.  230:  Ate  und  Dysnomie, 
nächstverwandt,  Töchter  der  Eris).  Archiloch. 
Frg.  73  Bglc.  Solon  13,  75.  Find.  Pyth.  2, 
28.  3,  24.  Aesch.  Ag.  1434.  770.  Cho.  86.  383. 
Sept.  686.  935.  Soph,  frg.  Ter.  9.  Phianus  b. 
Stob.  Flor.  4,  34.  Pany.  b.  Ath.  36 d.  Apoll. 


io 

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60 


669  Ateleta 

Rh.  3,  306.  4,  817.  Kallim.  b.  Ilerocl.  42,  28. 
Qurnt.  Sm.  4,  201.  1,  753.  Arist.  1,  15.  Ddf. 
Nonnus  11,  113.  Kaibel,  Epigr.  No.  1033,  22. 
Procop.  bell.  Vandal.  p.  407  Bonn.  Zweifelh. 
V.-B.  a.  Ruvo,  Ar  dt.  Ztg.  1872,  67  Heydemann. 
Ältere  Litteratur  bei  Jacobi , Pauly , Preller- 
Pleiv  1,  437.  Scherer  de  Graecorum  Ates  notione . 
Bereit,  Bedeutung  der  Ate  bei  Aeschylos  1876. 
Lehrs,  Aufs.'2  210.  4-1 5 ff.  (Unsal,  speziell  Geistes- 
unglück, jeder  unfreie  Geisteszustand).  Leop. 
Schmidt,  Ethik  1 , 247  (bei  Aesch.  Schuld  und 
Strafe,  bei  Soph.  Eur.  Unheil  überhaupt).  — 
2)  ’Aryg  Xoqtog  (r ijg  I>Qvyioig  "Azrjg  lötpog  bei 
Apollodor  und  Tzetzes),  Ates  Hügel,  poetische 
Bezeichnung  des  Hügels,  auf  welchem  Ilion 
stand,  von  ilos  gegründet,  dem  eine  Kuh  die 
Stätte  wies;  seinem  Ahn  Dardanos  hatte  der 
Apollon  von  Priapos  die  Stätte  verboten  als 
unheilbringend:  Zeus  habe  die  Ate  dorthin 
geschleudert  (II.  19,  130);  so  dichtete  man  in 
Betracht  der  von  Zeus  über  die  Troer  verhäng- 
ten (2t ca.  Lykophr.  Al.  29  mit  Schot,  u.  Tzetz., 
dazu  Apd,  3 , 12 , 3.  Apion  und  Herodor  bei 
Eust.  II.  1175,  62.  157,  5.  Hesych.  ’Aziolotpog. 
Steph.  Byz.  "tliov.  Neuere  wollen  eine  phry- 
gische  Göttin  Ate  anerkennen,  die  nachher  mit 
der  griechischen  Athena  identificiert  wäre, 
Haug,  Augsb.  Allg.  Ztg.  1874  No.  32.  Bur- 
sian , Gentralbl.  1874,  314.  Keller,  Entdeckung 
Ilions  auf  Hissarlikdele  21.  Dagegen  u.a.:  Ed. 
Meyer,  Gesch.  v.  Troas  39.  Vgl.  Sayce  Trans- 
act. Soc.  Bibi.  Arch.  7 , 260.  — 3)  ’'Azgg  Xsi- 
fuov  bei  Empedokles  389  (23.  21 M)  wahrschein- 
lich der  erste  Ort  der  Abgeschiedenen,  Zeller , 
Gesch.  d.  Phil,  d.  Griecli.  1* , 731,  seitdem 
sprichwörtlich  die  Erde  als  das  Jammerthal, 
auch  wohl  ein  Jammer  überhaupt.  Proclus 
Tim,  5 p.  339  b.  Iulian  Or.  7 p.  226b.  Themist. 
\or.  13  p.  178b;  or.  20  p.  240c.  Lehrs,  Auf- 
sätze2 420.  Vgl.  auch  Eorcellini  Lex.  s.  v. 

[v.  Sybel], 

Ateleta  gleich  Atalanta  ( C . I.  L.  1,  1501). 

[Steuding.] 

Athainas  (’A&dyceg,  ionisch  Tdyyug , Kal- 
j limachos  bei  Schot.  II.  9,  193.  Etym.  Gudian. 
p.  522,  42).  1)  Sohn  des  Aiolos  und  Bruder 

des  Kretheus,  Sisyphos,  Salmoneus  und  Perie- 
res  nach  Hesiod  fr.  32.  Götti,  bei  Tzetz.  Lyk. 
284,  vgl.  Eur.  Aiol.  fr.  14  cd,  Nauck.  Apoll. 
Uh.  2,  1162.  3,  360.  Eustath,  Od.  10, 2.  — Apol- 
odor  1,  7,  3 nennt  Enarete,  die  Tochter  des 
Oeimachos,  als  Mutter  und  neben  den  Genann- 
;en  De'ion  undMagnes  als  Brüder.  Nach  einer 
miotischen  Genealogie  bei  Schol,  Ap.  Ith.  1, 
230  heifst  er  der  Sohn  des  Minyas,  des  Sohnes 
le  Orchomenos,  und  der  Phanosyra,  der  Toch- 
er  des  Paion,  der  Bruder  des  Orchomenos  und 
les  Diochthondas.  Endlich  heifst  er  der  Sohn 
les  Sisyphos , der  mit  seinen  Brüdern  Olmos 
jmd  Porphyrion  die  boiotische  Stadt  Olmos 
lAlmos,  Haimos)  gründete,  Scliol,  II.  B 511. 
tteph.  s.  v.  Agyvvvog-,  vgl.  Schot.  Ap.  Bh.  3, 

: 094.  Paus.  9,  34,  10.  36,  1. 

Athainas  heifst  König  des  minyeisclien  Or- 
homenos , HellanikoS  bei  Schol.  Ap.  Iili.  3, 
j65.  1,  763.  Paus.  9,  34,  6;  König  von  Boio- 
ien  Apollod.  1,  9,  1;  von  Theben  Philostepha- 
os  bei  Schol.  II.  II,  86.  Tzetz.  Lyk,  22.  Ov. 


Atkamas  670 

fast.  3,  865.  Val,  Fl.  3,  69.  Serv.  Aen.  5,  241; 
Akraiplmion  im  athamantischen  Gefild  am 
Kopaissee  galt  als  Gründung  des  Atkamas 
Steph.  s.  v.  vgl.  Paus.  9,  24,  1.  Anderseits 
soll  Atkamas  das  atham.  Gefild  um  Halos  im 
thessalischen  Phtliiotis  bewohnt  haben,  Apol- 
lod. 1,  9,  2.  Schol,  Ap.  Rh.  2,  514.  Etym, 
M.  s.  v.  ’A&aydvziov ; daher  heifst  er  König 
von  Phthia  bei  Palaiph,  31.  Apostol.  11,  58, 
König  in  Thessalien  Hyg.  f.  4.  Die  Athamas- 
sage  bewegt  sich  in  der  Geschichte  von  sei- 
nen drei  Ehen  und  dem  damit  verbundenen 
häuslichen  Unglück. 

1)  Phrixos  und  Helle.  Nach  Apoll.  1,  9,  1 
hat  Atliamas  von  Nephele  zwei  Kinder,  Phrixos 
und  Helle,  von  seiner  zweiten  Gemahlin  Ino 
die  beiden  Söhne  Learchos  und  Melikertes.  In 
böser  Absicht  gegen  ihre  Stiefkinder  überredet 
Ino  die  Weiber  den  Weizensamen  zu  rösten, 
so  dafs  die  Erde  von  dem  gerösteten  Saatkorn 
keine  Frucht  bringt,  und  bestimmt  die  nach 
Delphi  gesandten  Boten,  die  den  Gott  um  den 
Mifswachs  befragen  sollten,  die  Antwort  zu- 
rückzubringen, dafs  die  Gottheit  die  Opferung 
des  Phrixos  verlange.  Als  sich  nun  Athainas 
genötigt  sieht  seinen  Sohn  zum  Altar  zu  brin- 
gen, rettet  Nephele  ihre  Kinder  durch  den  von 
Hermes  geschenkten  goldvliefsigen  Widder,  der 
beide  über  das  Meer  entführt.  Die  gleiche 
Erzählung  fast  mit  denselben  Worten  findet 
sich  bei  Zen.  4,  38,  mit  demselben  Inhalt  im 
Argument  der  Argonauten  des  Ap.  Bit,  bei 
Merlcel-Keü  p.  533  f.,  nur  dafs  bei  beiden  Phri- 
xos und  Helle  zum  Opfer  bestimmt  wer- 
den. Vergl.  auch  Ov.  fast.  3,  851  ff.  Nach 
Philostephanos  bei  Schol.  II.  H 86  ist  Ino 
die  erste  Gemahlin  des  Atham as.  Auf  Be- 
fehl der  Hera  verstöfst  er  dieselbe  und  hei- 
ratet Nephele,  heimlich  aber  setzt  er  den  Ver- 
kehr mit  jener  fort,  so  dafs  diese  ihn  wieder 
verläfst.  Es  folgen  nun  die  Nachstellungen 
der  Ino  gegen  ihre  Stiefkinder.  Als  die  von 
ihr  instruierten  Boten  im  Namen  des  Gottes 
die  Opferung  des  Phrixos  befehlen,  heifst  Atha- 
mas  den  Knaben  vom  Lande  den  schönsten 
Widder  holen;  dieser,  mit  Sprache  begabt 
(Hckataios  bei  Schol.  Ap.  Bh.  1,  256),  entdeckt 
den  Geschwistern  die  Bänke  der  Stiefmutter 
und  trägt  die  Flüchtlinge  über  das  Meer.  In 
der  zweiten  Hälfte  stimmt  damit  die  Erzäh- 
lung bei  Apostolios  11,  58  überein,  die  am 
Ende  eine  eukemeristische  Deutung  hinzu- 
fügt, wie  sie  zuerst  Dionysios  von  Mytilene 
bei  Diod.  4,  47.  Schol.  Ap.  Bh.  2,  1144  gab; 
vgl.  Palaiph.  31. 

2)  Der  rasende  Athamas. 

Nach  Apollod.  1,  9,  2 wird  Athamas  durch 
den  Zorn  der  Hera  seiner  von  Ino  geborenen 
Söhne  beraubt;  im  Wahnsinn  tötet  er  den 
Learchos , während  sich  Ino  mit  Melikertes 
ins  Meer  stürzt.  Ebenso  Zen.  4,  38,  der  noch 
eine  Tochter  Eurykleia  (s.  u.)  nennt.  Nach 
Apollod.  3,  4,  3 macht  Hera  Athamas  und  Ino 
wahnsinnig,  weil  sie  das  Dionysoskind  aufer- 
zogen haben,  vgl.  Pherekyd.  b.  Schol.  II.  2 486. 
Ov.  Met.  4,  421.  Fast.  6,  486  ff.  Im  Wahn- 
sinn tötet  Athamas  den  Learchos , den  er  für 
einen  Hirsch  hielt  (vsßgog  bei  Nonn.  Dionys. 


io 

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671 


Athamas 


Atliamas 


672 


1,  176),  nach  Ovid.  a.  a.  0.  für  einen  jungen 
Löwen,  vgl.  Stat.  Theb.  1,  230.  Nach  Philoste- 
phanos  a.  a.  0.  verfolgt  Athamas  die  Seinigen 
aus  Zorn  über  die  Ränke  der  Ino : ethische 
Verbindung  der  1.  und  2.  Sage. 

3)  Athamas  in  Thessalien. 

Apollodor  1,  9,  3 erzählt,  dafs  Athamas,  aus 
Boiotien  vertrieben,  den  Gott  gefragt  habe,  wo 
er  wohnen  solle , und  die  Antwort  erhalten 
habe:  da,  wo  er  von  wilden  Tieren  bewirtet  i 
werden  würde.  Nach  langer  Wanderung  habe 
er  Wölfe  über  dem  Fleische  von  Schafen  ge- 
troffen; die  seien  geflohen  und  hätten  ihm  die 
Beute  überlassen.  Im  athamantischen  Gefilde 
sei  er  geblieben,  habe  die  Tochter  des  Hy- 
pseus,  Tliemisto,  geheiratet  und  mit  ihr  vier 
Söhne  Leukon,  Erythrios,  Schoineus  und  Ptoos 
gezeugt.  Vgl.  Schol.  Ap.  Rh.  2,  513.  Nach 
H erodoros  bei  Schol.  Ap.  Rh.  2,  1144  heifst 
Themisto  die  erste  Gemahlin  des  Athamas,  2 
ihre  Kinder  Schoineus,  Erythrios,  Leukon,  Ptoos 
und  die  jüngsten  Phrixos  und  Helle,  die  durch 
die  Ränke  der  Ino  vertrieben  worden  sind. 
Unter  den  Kindern  der  Themisto  werden  noch 
genannt  Sphingios  und  Orchomenos,  H yg.  f.  1, 
Eurykleia,  die  Gemahlin  des  Melas,  des  Sohnes 
des  Phrixos,  Schol.  Pind.  Pyth.  4,  221.  Phe- 
rekydes  bei  Schol.  Pind.  Pyth.  4,  288  nannte 
Themisto  die  Stiefmutter  des  Phrixos,  womit 
Athen.  13,  10  (=  Westermann,  mythogr.  p.  345)  3 
insofern  übereinstimmt,  als  Themisto  das  Un- 
glück des  Athamas  verschuldet  haben  soll. 
Dafs  in  der  vulgären  Sage  jedenfalls  eine  Göt- 
tin als  die  erste,  eine  Sterbliche  als  die  zweite 
Gemahlin  des  Athamas  galt,  wird  durch  die 
sprichwörtliche  Redensart  gesichert:  yy  Q-säg 
äv&Qconov  cog  ’AQ'uycc g’  ( Apostol . 11,  58). 

Die  dramatische  Bearbeitung  der  Atha- 
massage  ist  für  die  Kenntnis  derselben  nicht 
ohne  Bedeutung,  da  einige  Züge  derselben  der  4 
älteren  Tradition  anzugehören  scheinen.  Von 
des  Aischylos  Athamas  (fr.  1 — 3 ed.  Nauclc. 
Welcher,  Trilog.  p.  336 f.)  wissen  wir  nichts. 
Von  Sophokles  sind  zwei  Stücke  unter  diesem 
Titel  überliefert:  in  dem  ersten,  ’AQ’ciyag  ate- 
cpccvycpoQMv  genannt,  erschien  Athamas  durch 
die  Rache  der  Nephele  als  das  Opfer,  das 
zum  Altar  des  Zeus  geführt  vom  Herakles  ge- 
rettet wird,  ein  Motiv,  welches  der  Lokalsage 
von  Halos  nahe  kommt,  Schol.  Ar.  nub.  257.  5 
Apostol.  11,  58;  in  dem  zweiten  war  vielleicht 
die  Raserei  des  Athamas  gegen  Ino  und  ihre 
Kinder  dargestellt,  wie  bei  Hyg.  f.  5.  Hier- 
her gehört  auch  desselben  Dichters  Phrixos, 
wemi  der  Inhalt  dieser  Tragödie  von  Hyg. 
poet.  astr.  2 , 20  wiedergegeben  ist:  darnach 
wird  Athamas  zur  Opferung  seines  Sohnes  von 
Kretheus  von  Iolkos  bestimmt,  dessen  Gemahlin 
Demodike,  von  Phrixos  verschmäht,  ihn  bei 
ihrem  Gatten  verleumdet  hatte.  Der  Widder,  e 
der  Phrixos  nach  Kolchis  trägt,  bringt  ihn 
später  iu  die  Heimat  zurück  und  offenbart 
dem  Athamas  die  Unschuld  seines  Sohnes. 
Hiermit  vergl.  die  Notiz  bei  Schol.  Pind.  Pyth. 

4,  288,  nach  der  Pindar  die  Stiefmutter  des 
Phrixos  Demodike  genannt  hat.  Uber  die 
Dramen  des  Sophokles  vgl.  Welcher,  griech. 
Trag.  1,  317  ff.  Nauclc,  trag.  fr.  p.  103.  228. 


Auch  Euripides  hat  den  Stoff  wiederholt  be- 
handelt. Nach  Welcher,  gr.  Trag.  1,  611  ff. 
hat  Hygin  f.  2 und  3 den  Inhalt  des  euripi- 
deischen  Phrixos  erzählt.  Danach  erbietet  sich 
Phrixos  auf  das  von  Ino  gefälschte  Orakel 
hin  freiwillig  zum  Opfer,  wie  auch  Pherekydes 
bei  Schol.  Pind.  Pyth.  4,  288  erzählte.  Als  er 
aber  geschmückt  vor  dem  Altäre  steht,  ent- 
hüllt der  Bote  die  Ränke  der  Ino,  die  mit 
ihrem  Knaben  Melikertes  dem  Phrixos  zur 
Rache  übergeben  von  Dionysos  gerettet  wird. 
Nachher  tötet  Athamas  den  Learchos  im  Wahn-  j 
sinn,  Ino  und  Melikertes  stürzeu  sich  ins  Meer. 
Wie  aber  hängt  damit  die  Erzählung  bei  Hyg. 
f.  3 zusammen,  dafs  Phrixos  und  Helle,  von 
Dionysos  wahnsinnig  gemacht,  im  Walde  her- 
umgeirrt wären  und  von  Nephele  den  goldnen 
Widder  erhalten  hätten?  Hyg.  f.  4 (vgl.  /'.  1) 
ist  nach  der  Überschrift  aus  der  Ino  des  Euri- 
pides  (Ar.  vesp.  1413  und  Schol.)  excerpiert, 
ihr  Inhalt  ist  folgender:  Athamas,  König  in  ! 
Thessalien,  in  dem  Glauben,  Ino  sei  tot,  hei- 
ratet Themisto,  die  Tochter  einer  Nymphe,  von 
der  er  zwei  Söhne  empfängt.  Als  er  aber  er- 
fährt, dafs  Ino  als  Bakchantin  auf  dem  Par- 
nafs  weile,  läfst  er  sie  heimlich  herbeiführen. 
Themisto  erfährt  von  ihrer  Anwesenheit;  ohne  1 
aber  zu  wissen,  wer  sie  sei,  weiht  sie  Ino,  die 
als  bettelhafte,  gramverzehrte  Sklavin  auftritt, 
in  ihren  Plan  ein,  ihre  Stiefkinder,  die  Söhne 
der  Ino,  zu  töten.  Indem  aber  Ino  die  Klei-  1 
düng  der  Kinder  vertauscht,  tötet  Themisto 
irrtümlich  die  eigenen  und,  als  sie  die  Wahr- 
heit erfährt,  sich  selbst.  Athamas,  in  Wahn- 
sinn verfallen,  mordet  den  Learchos,  während  : ß 
Ino  sich  mit  Melikertes  ins  Meer  stürzt.  Vgl. 
Nauck,  trag.  fr.  p.  383.  Nur  die  Titel  ken- 
nen wir  von  dem  Phrixos  des  Achaios,  Nauck  \ 4t 
p.  586,  und  dem  Athamas  des  Xenokles,  oaxv-  ! 
QiY.ov,  Nauclc  p.  597,  in  der  römischen  Tragö- 
die führen  zwei  Stücke,  des  Accius  und  des  ; & 
Ennius , den  Titel  Athamas  ( Ribbeclc , röm.  1 »i 
Trag.  204.  526). 

Die  lokale  Tradition  der  Sage  haftet  , 
vor  allem  an  dem  Namen  des  athamantischen 
Gefildes,  nsSiov  ’A&ccydvxiov  Ap.  Rh.  2,  514. 
Zunächst  desjenigen  im  thessalischen  Phthio- 
tis : aufser  den  am  Anfang  angeführten  Stellen 
sei  noch  Steph.  s.  v.  ’Alog  citiert,  wonach  die 
Stadt  Alos  oder  Halos  ihren  Namen  in  Bezug 
auf  das  Irren  des  Athamas  von  cilrj  oder  nach 
Theon  von  einer  Dienerin  des  Athamas , die 
ihm  die  Ränke  der  Ino  entdeckt  haben  sollte, 
ableitete.  Am  wichtigsten  aber  ist,  was  Hero- 
dot  7,  197  von  der  Stadt  Halos  erzählt:  dort 
herrschte  der  Brauch , dafs  der  Älteste  aus 
dem  Geschlecht  der  Athamantiden  das  Leiton, 
d.  i.  das  Rathaus  der  Stadt,  meiden  mufste, 
widrigenfalls  er  schonungslos  dem  Zeus  Laphy- 
stios  geopfert  wurde.  Begründet  wurde  dies 
damit,  dafs  Kytissoros,  der  Sohn  des  Phrixos, 
gerade  als  die  Achäer  nach  einem  Götterspruch  I 
den  Athamas  zur  Sühne  des  Landes  hätten 
schlachten  wollen , seinen  Grofsvater  befreit 
habe.  Vgl.  Plat.  Min.  315,  Schol.  Ap.  Rh.  2, 

653.  (Ebenso  verfolgte  in  Orchomenos  jähr- 
lich am  Feste  der  Agrionia  die  Priester  des 
Dionysos  Aatpvauog  eine  Jungfrau  aus  minyei- 


673 


Athamas 


Athamas 


674 


schein  Geschlecht  mit  dem  Schwerte , Flut, 
xecp.  'EXlgv.  38).  In  Boiotien  war  es  der  bei 
Koroneia  gelegene  Berg  Lapliystion  mit  dem 
tf gevog  des  Zeus  Laphystios,  an  dem  die  Atha- 
massage  haftete,  Paus.  9,  34,  5 ; ferner  östlich 
vom  Kopaissee  das  athamantische  Gefilde,  Paus. 

9,  24,  1,  mit  Akraiphnion,  Steph.  s.  v.,  und  dem 
Berge  Ptoon,  dessen  Eponymos  Ptoos  ein  Sohn 
des  Athamas  und  der  Themisto  genannt  wird, 
Paus.  9,  34,  0.  Die  Königsgeschichte  von  Or-  i 
chomenos  bei  Paus.  9,  34,  G ist  in  ihrer  chro- 
nologischen und  genealogischen  Verwirrung 
weder  für  Sage  noch  für  Geschichte  brauchbar. 

Die  monumentale  Überlieferung  kommt 
für  die  Atliamassage  nicht  in  Betracht.  Nur 
eine  einzige  Bildsäule  wird  von  Plin.  n.  h.  34, 
140  erwähnt,  die  den  über  die  Ermordung  des 
Learchos  trauernden  Athamas  darstellte,  ein 

IWerk  des  Erzgiefsers  Aristonidas  in  Rhodos. 
Kallistratos  14  beschreibt  ein  Bild:  Athamas  2' 
die  Ino  verfolgend.  Auf  einem  vorhandenen 
Bild  ist  Athamas  bis  jetzt  noch  nicht  sicher 
nachgewiesen;  angenommen  aber  bestritten: 
Mülin,  gal.  myth.  610.  B.-Bochette,  mon.  in- 
ed.  28.  Mus.  Borb.  1,  49  (hinter  der  das  Bac- 
chuskind von  Hermes  empfangenden  Ino). 

Unter  den  Neueren,  die  die  Atliamassage 
kritisch  behandelt  haben,  ist  an  erster  Stelle 
0.  Müller,  Orcliomenos  p.  133ff. , zu  nennen, 
der  dieselbe  als  echt  minyeisch  bezeichnet  und  3 
1 ihren  Kern  in  dem  Kultusbrauche  des  Sühn- 
opfers, das  dem  Zeus  Laphystios  aus  dem  Ge- 
schlecht der  Athamantiden  gebracht  wurde, 
sucht.  Ebenso  K.  Eckermann , Lehrbuch  der 
Beligionsgeschichte  und  Mythologie  1845,  1. 
p.  249ff.  Eine  physikalische  Erklärung  gab  der 
i Sage  P.  V.Forchhammer,  Iiellenikap.  1 70  tf.,  wel- 
cher, indem  er  in  ihr  den  Wechsel  des  Wasser- 

I Standes  im  Kopaissee  dargestellt  glaubt,  damit 
die  Natur  des  Mythos  insofern  richtig  zu  er-  4 
kennen  scheint,  als  in  demselben  der  Wechsel 
zwischen  Nässe  und  Trockenheit  ausgedrückt 
ist,  dadurch  aber,  dafs  er  jeden  Zug  auch  der 
spätesten  Überlieferung  aus  dem  Niederschlag 
und  Emporsteigen  der  Dünste  zu  erklären 
! sucht,  ins  Absonderliche  verfällt.  Forchham- 
mers  physikalischer  Deutung  schliefst  sich  in 
der  Hauptsache  Ed.  Gerhard,  Griech.  Mytliol. 

§§  683  tf.  n,  hebt  aber  neben  derselben  den 
■ ethischen  Gedanken  und  die  sakrale  Bedeu-  5 
tung  der  Sage  hervor;  letztere  allein  wird  von 
Wieselcr  in  Paulys  Bediene.  4,  548  f.  betont, 
der  in  der  Inosage  die  Erinnerung  an  die  volks- 
tümlichen Hindernisse,  die  der  Verbreitung  des 
olympischen  Heradienstes  gegenüberstanden, 
irkennt.  Preller,  Gr.  Myth.  2,  310  tf.  identi- 
iciert  Athamas  mit  dem  als  Gott  der  winter- 
ichen  Stürme  gedeuteten  Zeus  Laphystios,  auf 
dessen  Kultus  die  ursprüngliche  Sage  allein 
beruhe.  Gegen-  seine  Auslegung  wendet  sich  6 
ff.  I).  Müller , Mytliologie  der  griech.  Stämme 
i,  158  ff.  Indem  er  die  Sage  den  Minyern  ab- 
ipricht,  nennt  er  Athamas  den  Repräsentanten 
ler  mit  Aiolern  verschmolzenen  phtliiotischen 
Vchaier.  Insofern  ist  die  Sage  historisch, 
ibrigens  aber  überwiegend  religiösen  Inhalts, 
ämlich  prototypisch  für  den  uralten  Gebrauch 
'es  Menschenopfers.  Müller  leugnet  den  phy- 

Koscher,  Lexikon  der  gr.  u.  röm.  Mythol. 


sikalischen  Charakter  des  Mythos,  indem  er 
Nephele  und  den  Widder,  wie  auch  die  Ver- 
bindung desselben  mit  der  Argonautensage 
für  sekundär  erklärt.  Vgl.  noch  Minervini  in 
Bull.  Nagjol.  N.  S.  7,  No.  155  und  Stall  bei 
Pauly  1,  2 p.  1962 ff.  1526f.  und  die  im  Arti- 
kel Ärgonautensage  oben  p.  529  f.  angegebene 
Litteratur. 

Keine  der  vorhandenen  Sagen  ist  dem 
Minyerstamme  so  eigentümlich,  wie  die  Atha- 
massage,  die  im  südlichen  Thessalien,  wie  in 
Boiotien,  den  Hauptsitzen  jenes  Stammes,  gleich 
heimisch  war.  Athamas  erscheint  als  der 
Heros  der  athamantischen  Ebenen,  die  in  bei- 
den Landschaften  durch  Fruchtbarkeit,  nament- 
lich Weizenbau,  ausgezeichnet  waren;  der 
Mythos  ist  in  seinem  Kern  ein  agrarischer  (vgl. 
Lauer,  Syst.  d.  Myth.  219.  406.  Die  Ableitung 
des  Namens  von  ffa«  „saugen“  und  a priv. 
(„der  Heros  der  stetig  bewässerten  Niederung“) 
bei  Forchhammer  scheint  wenigstens  sachlich 
begründeter,  als  die  von  Pott  in  der  Zeitschr. 
f.  vergl.  Spr.  7,  164,  nach  der  er  mit  sic.  dhmä 
„stark  wehen“  Zusammenhängen  soll  (vgl.  Ben- 
fey  2,  272.  Muys,  Griechenland  und  der  Orient 
p.  3,  No.  8.  Buttmann , Myth.  2,  244  verbin- 
det den  Namen  mit  hebr.  Adam  — Mensch). 
Nephele,  Phrixos,  der  Widder  einerseits,  ander- 
seits Zeus  Laphystios , der  die  verzehrende 
Glut  der  Hundstage  darstellt,  deuten  darauf 
hin,  dafs  der  Athamasmythos  in  seiner  ur- 
sprünglichsten Fassung  den  Gegensatz  zwi- 
schen der  fruchtbaren  Regenzeit  und  der  sen- 
genden Glut  des  Sommers  zum  Inhalt  hat. 
Eine  bestimmtere  Ausdrncksform  erhielt  aber 
die  Sage  in  der  Gegend  von  Halos  durch  den 
Brauch  des  Menschenopfers , das  in  ältester 
Zeit  dem  verderblichen  Zorn  der  Gottheit, 
namentlich  dem  Urheber  sengender  Glut,  zur 
Versöhnung  dargebracht,  nachher  durch  das 
Widderopfer  ersetzt  wurde , letzteres  in  der 
Rettung  des  Phrixos  , des  Athamas  und  der 
flüchtenden  Athamantiden  ( Herod . 7,  197)  aus- 
gedrückt; das  Widderfell,  das  Symbol  der 
Regenwolke,  wurde  als  Jtog  ncödiov  ( Hesych . 
s.  v.)  bei  Prozessionen  zur  Versöhnung  des 
zürnenden  Zeus  angewendet,  wie  der  Brauch 
von  Demetrias  zeigt,  Dikaiarch  bei  Müller, 
geogr.  gr.  1,  p.  107.  Wie  im  thessalischen  Ha- 
los, so  bot  auf  dem  boiotischen  Berge  Laphy- 
stion der  Kultus  des  Laphystios  der  Athamas- 
sage  eine  Anknüpfung.  Hier  in  Boiotien  bil- 
dete sich  die  spätere  Form  derselben  aus. 
Die  Kadmostochter  Ino,  die  Pflegerin  des  Dio- 
nysos, gehört  dem  boiotischen  Sagenkreise  an  ; 
mit  ihr  kamen  dionysische  Elemente  in  die 
Sage,  wie  auch  Dionysos  selbst  als  AuyvßTiog 
erscheint  (Et.  Magn.):  die  Raserei  des  Atha- 
mas und  die  Ino , die  Bacchantin  auf  dem 
Parnafs,  Learchos,  vom  Vater  als  Hirsch  oder 
Löwe  ■ — dionysische  Tiere  — angesehen,  tragen 
diesen  Charakter.  Ino,  die  Gegnerin  der  Wolke, 
die  das  Saatkorn  dörrt  und  den  Mifswaclis 
hervorruft,  im  Dienste  des  Glutgottes  Aeccpv- 
gzloq,  wurde  in  der  Sage  die  Vertreterin  der 
Unfruchtbarkeit,  dazu  geeignet  als  Dämonin 
des  unfruchtbaren  Meeres.  Ethisch  umgestaltet 
wurde  die  Sage  zu  dem  landläufigen  Märchen 

22 


(375 


Afchenais 


Athene  (Gewittergöttin) 


676 


von  der  bösen  Stiefmutter  und  ihren  Ränken 
gegen  die  beiden  Geschwister.  Apollodor  giebt 
dasselbe  am  einfachsten  wieder;  die  äufserliche 
Kombination  der  Erzählung  von  Pkrixos  und 
die  von  der  Raserei  des  Athamas  verrät  sich 
dadurch,  dafs  dieselbe  auf  den  Hafs  der  Hera 
zurückgeführt  wird,  während  der  ethische  Ge- 
danke verlangt,  sie  als  Strafe  für  das  an  den 
Nephelekindern  begangene  Unrecht  aufzufas- 
sen (wie  bei  Philostephanos , Schol.  II.  II  86). 
Wenn  aber  in  dem  3.  Teile  der  Sage  Atha- 
mas für  die  an  Ino  und  ihren  Söhnen  verübte 
Gewalt  nach  Thessalien  verwiesen  wird,  so 
ist  wiederum  eine  thessalische  Tradition  mit 
der  boiotischen  verknüpft;  das  Herumirren  des 
Athamas  und  sein  Verkehr  mit  den  Wölfen 
erinnert  ebenso  an  das  Schicksal  des  Bellero- 
phon  ( Ilom . Z 20i)  wie  an  die  ähnliche  Strafe 
des  Nebukad-Nezar  ( Dan . 4 , 30).  Themisto 
scheint  eine  sekundäre  Figur,  vielleicht  nur 
die  Wiederholung  der  Nephele;  die  Namen 
ihrer  Söhne  sind,  wie  die  Magd  Ale  aus  Alos, 
von  lokaler  Bedeutung  ( Müller , Orchotnenos  214) 
und  stammen  aus  irgend  einer  Genealogie,  wie 
überhaupt  die  Genealogien  der  minyeischen 
Fürstengeschlechter  willkürlich  in  einander 
verwirrt  sind.  Wie  die  dramatischen  Dichter 
die  Tradition  der  Sage  beeinflufst  haben,  kön- 
nen wir  gerade  in  der  Athamassage  verfolgen. 
— 2)  ein  Nachkomme  des  Aioliden,  Gründer 
von  Teos,  Paus.  7,  3,  6.  Strab.  14,  633.  Steph. 
s.  v.  Tscog.  Pherckydes  bei  Schol.  Plat.  Hip- 
parch.  p.  335.  C.  I.  Gr.  3078.  3083.  — 3)  Sohn 
des  Oinopion,  des  Kreters,  der  nach  Chios  aus- 
wanderte,  Paus.  7,  4,  8.  [Seeliger.] 

Atlienais  {’A&qvcä'g),  Tochter  des  Hippobo- 
tos , Gemahlin  des  Autochthonen  Alalkome- 
neus  (s.  d.),  Mutter  des  Glaukopos:  Steph.  Byz. 
s.  v.  ’Ahxl'Hopsvt.ov.  [Roscher.  | 

Athene,  1)  als  Göttin  der  Wetterwolke 
und  des  Blitzes. 

Athene  (bei  Homer  ’A&rivrj,  ’AQ-qvaCq,  TIul- 
Idg  ’A&qvq,  Tlalldg  ’A&qvaCq  etc.,  auf  attischen 
Urkunden  vorEukleides  ’A&qvca'a,  woraus  spä- 
ter die  ebenfalls  attischen  Formen  ’A&rjvüci 
und  ’A&qvä  hervorgingen,  bei  Pindar  und  So- 
phokles auch  ’AQ'civa.-.  vgl.  Index  z.  C.  I.  Gr., 
Pape-Benseler , Wörterb.  d.  griech.  Eigenn.  1, 
23.  Welcher,  Götterl.  1,  301)  ist  ebenso  wie 
die  germanische  mit  ihr  in  den  wesentlich- 
sten mythischen  Funktionen  zu  vergleichende 
Valkyre  {Mannhardt , Germanische  Mythen 
557 ff.  u.  562  ff.)  ursprünglich  für  eine  Göttin 
der  Wetterwolke  und  des  daraus  hervor- 
springenden Blitzes  zu  halten.  DieMythen 
und  Beinamen , in  welchen  sich  diese  An- 
schauung noch  mehr  oder  weniger  deutlich 
offenbart,  sind  kurz  folgende.  Den  Mythus 
von  der  Geburt  der  Athene  aus  dem  Haupte 
des  Zeus  scheint  bereits  Homer  zu  kennen,  da 
er  sie  ußQigoncizQg  {II.  5,  747),  TgizoyerSLot  {II. 
4,  515  u.  ö.;  vgl.  S.  676,  19 ff.)  nennt  und  von 
Zeus  sagt,  er  selbst  habe  sie  geboren  {II.  5, 
875,  880).  Die  erste  ausdrückliche  Erwähnung 
der  Geburt  aus  dem  Haupte  des  Zeus  findet 
sich  bei  Ilesiod.  Th.  924.  Am  vollständigsten 
erzählen  dieselbe  IIoM.  hy.  28,  ein  Dichter- 
fragment b.  Galen,  de  Hipp,  et  Plat.  dogm. 


3,  p.  273.  Find.  Ol.  7,  35.  Apollod.  1,  3,  6 
(vgl.  auch  Ap.  Ith.  4,  1310f.  u.  Stesichoros  in 
den  Schol.  z.  d.  St.  u.  unten  S.  694f.).  Da- 
nach verschlang  Zeus  seine  erste  Gemahlin 
Metis  (s.  d.) , als  sie  noch  mit  der  Athene 
schwanger  war,  und  gebar  dann  diese  selbst 
aus  seinem  Haupte,  welches  ihm  Prometheus 
oder  Hephaistos  mittelst  eines  Beiles  zerspal- 
tete. Athene  aber  sprang  in  leuchtender 
io  Rüstung  mit  hochgeschwungenem  Speere 
und  schon  mit  der  Aigis  (s.  d.)  angethan  (vgl. 
die  Verse  bei  Galenos  a.  a.  0.)  aus  dem  Haupte 
ihres  Vaters,  indem  sie  lauten  Schlachtruf 
erschallen  liefs , von  welchem  Himmel  und 
Erde  furchtbar  wiederhallten  (vgl.  Ilom.  hy.  I ß, 


ift 


fiel 


18). 


im 

I 

I LI 

1 ifc 
sich 

('gl 


28,  9 u.  Find.  a.  a.  0.).  Als  Ort  der  Ge 
burt  wird  von  Apollodor  a.  a.  0.  (vgl.  auch 
das  alte  Dichterfragment  b.  Galen  a.  a.  0.) 
der  Tritonflufs,  den  man  sich  im  äufsersten 
20  Westen  dachte  und  später  in  Libyen  und  an- 
derwärts ( Welcher , Gr.  1,  311  u.  314.  Pape- 
Benseler,  Wörth,  d.  gr.  Eigenn.  s.  v.)  lokali- 
sierte, angegeben.  Davon  hiefs  Athene  Trito- 
geneia.  Dafs  in  diesem  Mythus  von  der  Ge- 
burt der  Athene  eine  Reihe  von  direkt  auf  die  [I 
Gewitterwolke  und  den  Blitz  hinweisenden  i|j|(,j 
Anschauungen  anzuerkennen  sind,  dürfte  kei-  j i 
nein  Zweifel  unterliegen.  Die  gewitterschwan-  I jETe 
gere  Wolke  erscheint  darin  in  verschiedenen  IirTi 
30  Bildern,  bald  als  das  Haupt  des  schwangeren  1^,, 
Gewittergottes  Zeus,  bald  als  Aigis  (s.  d.) ; der  I „0De! 
Blitz,  welcher  die  Wolke  spaltet,  als  spal-  I 
tendes  Beil  und  als  blitzende  Lanze ; der 
Donner  endlich  als  furchtbarer  Schlachtruf.  l,y. 
Auch  die  Verlegung  der  Geburt  an  das  Ufer 
des  im  äufsersten  Westen  fliefsenden  Triton- 
stromes , der  wahrscheinlich  mit  dem  Okea-  1 
nos  identisch  ist,  da  Tqizcov  Grenzstrom  be-  I y0'Q 
deutet  {Roscher , Gorgonen  30),  weist  auf  das  Lj , 
40  Gewitter  hin,  da  den  Griechen  die  Gewitter-  Ip^ 
wölken  aus  dem  westlichen  Okeanos  aufzustei- 
gen  schienen.  (Siehe  die  Belege  bei  Roscher,  |leij 
Gorgonen  S.  30f.  u.  1 19  und  vgl.  Bergk  in  Fleck-  |Beil  , 
eisens  Jahrb.  1860  S.  298ff.  Lauer , Syst.  d.  W 
gr.  Myth.  320.  Myriantheus,  die  Agvins  S.  XIX.  l(j(, .. 
Schwarte , Urspr.  d.  Myth.  83.)  Wie  richtig  |11!!(.|) 
und  naheliegend  diese  Deutung  ist,  erkennt  L ■ 
man  namentlich  an  einer  von  Aristokles  beim  jtr ,) 
Schol.  z.  Pind.  Ol.  7 , 66  erhaltenen  Version 
50  der  Sage,  wonach  Athene  in  einer  Wolke  ver-  pj. 
borgen  war  und  infolge  eines  Blitzschlages 
des  Zeus  plötzlich  aus  derselben  hervortrat. 

Für  das  hohe  Alter  und  die  weite  Verbreitung 
dieser  Geburtssage  zeugen  die  vielen  Bild- 
werke, von  denen  die  grofsartige  Gruppe  des 
Pheidias  im  vordereu  Giebelfelde  des  Parthe- 
non das  berühmteste  geworden  ist.  In  späte- 
ren schlechtbeglaubigten  Mythen  , welche  je- 
denfalls der  Spekulation  einzelner  Theologen, 
oo  Philosophen  und  Dichter  oder  lokalen  An- 
schauungen entsprungen  sind,  erscheint  Athene 
als  Tochter  des  geflügelten  Giganten  Pallas 
{Cie.  de  nat.  d.  3,  23.  Tzetz.  z.  Lykophr.  355), 
oder  des  Poseidon  und  der  Tritonis  {Herod. 

4,  180),  oder  des  Itonos  {Etym.  M.  479,  49. 
Simonides  bei  Tzetzes  a.  a.  Ö.) , oder  endlich 
des  Hephaistos  {A.  Mommsen,  Heortol.  83). 

Eine  deutliche  Beziehung  zum  Gewitter,  das 


677  Athene  (Gewittergöttin) 

in  vielen  Sagen  indogermanischer  Völker 
als  ein  furchtbarer  Kampf  der  gewaltigsten 
Götter  gegen  entsetzliche  Kiesen  und  Unge- 
heuer gefafst  wird,  verrät  auch  der  Kampf  der 
Athene  gegen  die  Giganten  und  die  Gorgonen 
(s.  diese).  Als  diejenigen  Giganten,  welche  Athene 
erlegte,  gelten  Pallas  und  Enkelados  ( Apoll ocl . 

1,  0,  2.  Verg.  Aen.  3,  578 ff.  l^aus.  8,  47,  1. 
Vgl.  Eur.  Ion  987  ff.  1528.  Arist.  2,  p.  15  Ddf. 
Quint.  Smyrn.  14,  584).  Besonders  populär  war  n 
die  Sage  von  Athenes  Gigantenkampf  in  Athen, 
wie  aus  der  Sitte  erhellt,  der  Göttin  an  ihrem 
Hauptfeste  einen  Peplos  mit  eingewebten  Dar- 
stellungen derGigantomaehie  darzubringen(£W. 
Ilck.  466  u.  Schot.  Verg.  Ciris  30.  Vgl.  u.  S.  693, 
18).  Von  ihrer  Teilnahme  am  Gigantenkampf 
führte  Athene  nach  Suidas  die  Beinamen  A- 
yccvTolertiQfx,  [-olsrig)  oder  PiyuvToepovtLg  ( Cor - 
nut.  p.  115  0 ).  Noch  deutlicher  tritt  die  Ge- 
witterbedeutung der  Athene  in  der  Sage  von  2( 
ihrem  Kampfe  mit  der  Gorgo  hervor,  die 
sich  nur  als  Gewitterwolke  verstehen  läfst 
(vgl.  Roscher , die  Gorgonen  und  Verwandtes 
S.  117).  Als  Erlegerin  dieses  Ungeheuers  galt 
Athene  vorzugsweise  in  Attika  ( Eur . Ion  987  f. 
Apoll od.  2,  4,  3.  Euliemeros  b.  Hyg.  P.  Astr. 

2,  12;  vgl.  auch  Diod.  3,  70)  und  wohl  auch 
in  Tegea  ( Roscher , Gorgonen  81),  während  nach 
ärgivischer  Sage  Perseus  (s.  d.)  unter  ihrem  Bei- 
stände die  Medusa  tötete.  So  wurde  das  Gor-  3' 
goneion  und  die  Aigis  (s.  d.)  zu  einem  wesent- 
lichen Attribute  der  Athene,  und  die  Göttin 
erhielt  die  Beinamen  yogyocpovog , yogyämig 
und  Pogyco  [ Soph . Ai.  450.  Fr.  ed.  N.  759,  2. 
Eur.  Hel.  1316.  Ion  1478.  fr.  ed.  Nauclc  362, 
46.  Orph.  hy.  32,  8.  Palaeph.  32.  V öl  eher, 
Mythol.  d.  iapet.  Geschl.  S.  115  ff.  u.  386). 
Von  anderweitigen  Beziehungen  der  Athene 
zum  Gewitter  und  anderen  meteorologischen 
Phänomenen  ist  aus  der  Ilias  Folgendes  her-  4 
vorzuheben.  II.  5 , 7 läfst  Athene  dem  Dio- 
med  Feuer  von  Haupt  und  Schultern  flam- 
men, ebenso  wie  sie  18,  203ff.  dem  Achill  die 
Aigis  um  die  Schultern  wirft,  eine  goldene 
Wolke  um  sein  Haupt  legt  und  Flammen  her- 
ausschlagen läfst.  Nach  II.  11,  45  donnert  sie 
zu  Agamemnons  Ehre.  II.  4,  74  ft',  wird  ihr 
Herabfahren  vom  Himmel  geradezu  mit  dem 
Fluge  eines  feurigen  Meteors  verglichen.  Sie 
allein  unter  allen  Göttern  fährt  (mit  Hera)  auf  £ 
einem  flammenden  Wagen  [pita  cplöyca)  nach 
11.  5,  745  u.  8 , 389  (vgl.  auch  Aesch.  Eum. 
405  Ddf.  und  Lauer  S.  358).  Als  unverkenn- 
kennbare  Blitzgöttin  erscheint  Athene  nament- 
lich auf  makedouischen  Münzen,  welche  sie  in 
der  Linken  den  Schild  hebend,  in  der  Rechten 
den  Blitz  schwingend  darstellen  [Preller , gr. 
M.‘2  1 , 170).  Ähnliches  findet  sich  auch  auf 
Münzen  von  Athen,  Syrakus,  Epirus,  der  Könige 
von  Antigonos’  Stamm,  Domitians  und  einiger  ( 
andern  römischen  Kaiser,  auch  der  Lokrer,  da 
man  die  Göttin  zur  Rache  der  Kassandra  durch 
den  ihr  von  Zeus  gegebenen  Blitz,  wie  Euripides 

I sagt,  den  Lokrischen  Aias  scheitern  liefs  ( Troad . 
80.  Vgl.  Welcher,  Götterl.  2,  281 ; s.  u.  S.  692,  6). 
;In  Aeschylos'  Eumeniden  827  sagt  Athene  von 
sich  selbst,  sie  allein  wisse  den  Zugang  zu 
dem  Gemache,  wo  der  Blitz  versiegelt  sei.  Es 


Athene  (Kriegsgöttin)  678 

braucht  kaum  hervorgehoben  zu  werden,  dafs 
auf  dieser  Gleichheit  der  Naturbasis  das  unge- 
mein nahe  Verhältnis  der  Athene  zu  Zeus  und 
ihre  Wesensähnlichkeit  mit  diesem  Gewitter- 
gotte beruht  (vgl.  darüber  Arist.  1 p.  14  Ddf. 
u.  Welcher,  G.  1,  302.  2,  280—82).  Wie  die 
übrigen  Gewittergottheiten  und  Gewitterdä- 
monen (vergl.  Roscher,  Gorgonen  Kap.  2),  ist 
sie  furchtbar  [Ssivg,  vgl.  lies.  Tlieog.  925  u. 
Lamprokles  b.  Schol.  z.  Ar.  Nub.  967) , von 
gewaltiger  Kraft  {pcXugscGa  Hom.  hy.  28,  3.  a 
zJ log  ulv.iua  fff ög  Soph.  Ai.  401.  Vgl.  Liv.  42, 
51  E&svid g.  Paus.  2,  30,  6.  32,  5),  unbezwing- 
lich  ( dSccfiarog  fff oc  Sopli.  Ai.  450.  ’Azgvzcovg 
bei  Hom.-,  vgl.  darüber  Curtius,  Gründe ,5  599) 
— aus  diesem  Begriff  mag  sich  die  vielleicht 
nicht  ursprüngliche  Vorstellung  von  ihrer 
Jungfräulichkeit  entwickelt  haben  (vergl. 
nagllevog  adygg  und  Ähnliches)  — und  mit 
leuchtenden  oder  blitzenden  Augen  begabt 
(vgl.  II.  1,  200  und  die  häufigen  Epitheta 
ylavuämig , yogyeomg  [ C . I.  Gr.  6280  B)  und 
otgvdegKrjg  [Paus.  2,  24,  2),  womit  nicht  blofs 
die  der  Athene  geltende  Heiligkeit  der  Nacht- 
eule (ykav£) , sondern  auch  der  Gedanke  zu- 
sammenhängt, dafs  sie  die  Menschen  mit  Scharf- 
blick und  Sehkraft  begäbe  (vgl.  Roscher,  Gor- 
gonen 72  , Amn.  140  und  besonders  Paus. 
a.  a.  0.  3,  18,  2.  u.  Plut.  Lyh.  11).  Auf  die 
Gewitterbedeutung  der  Athene  ist  wohl  auch 
die  eigentümliche  tegeatische  Erzählung  von 
der  Locke  der  Gorgo  zu  beziehen , welche 
Athene  der  Sterope  oder  Asterope  (=  der 
Blitzenden)  gegeben  haben  sollte,  um  dieselbe 
in  Zeiten  der  Not  als  wirksames  Amulett  an- 
zuwenden ( Apollodor  2,  7,  3 u.  Paus.  8,  47,  5). 
Wahrscheinlich  liegt  dieser  Sage  ein  eigentüm- 
licher Gewitterzauber , der  sich  auch  sonst 
nachweisen  läfst,  zu  Grunde  (vgl.  Roscher,  Gor- 
gonen S.  81  ff.).  Auch  in  dem  schönen  Mythus 
von  Bellerophon  (s.  d.),  den  Athene  als  XccXivixig 
die  Bändigung  und  Zügelung  des  Pegasos  d.  i. 
des  geflügelten  Donnerrosses  lehrt,  spielt  sie 
wohl  die  Rolle  einer  Gewittergottheit  [Paus. 
2,  4,  1.  5).  Da  schon  von  Homer  der  Donner  mit 
dem  Klange  einer  ehernen  Trompete  [Gulnzyt,) 
verglichen  wird  [II.  21,  388),  so  wird  sich  die 
argivische  Athene  ZuX-my'E,,  die  als  Erfinderin 
der  Trompete  gilt  [Schol,  z.  II.  18,  219;  vgl. 
i Paus.  2,  21,  3)  als  Göttin  des  Donners  erklä- 
ren [Roscher,  Gorgonen  87 f.).  Sopihohles  [Ai. 
14fl'.)  vergleicht  daher  die  Stimme  der  Athene 
einer  ehernen  Trompete.  Nur  zweifelnd  wage 
ich  in  diesem  Zusammenhänge  die  thebanische 
Athene  ’Öyyux  (auch  ’Öyya  oder  ’OyyccLg)  zu 
nennen  (vgl.  Renseler-Pape  u.  d.  W.).  ’'Oyy.c< 
könnte  recht  wohl  mit  oynÜG&ca  schreien, 
brüllen  (vergl.  die  ’A.  ’EynsXciöog  bei  Ilesych.) 
zusammen  hängen. 

i 2)  Athene  als  Göttin  des  Krieges. 

Da  in  den  Mythen  der  meisten  indoger- 
manischen Völker  das  Gewitter  als  ein  Kampf 
der  Götter  gegen  furchtbare  Dämonen,  der 
Blitz  als  Waffe  und  der  Donner  als  Schlacht- 
ruf oder  Wutgebrüll  oder  als  Vorzeichen  des 
Sieges  erscheint  (vgl.  Roscher,  Gorgonen  40. 
66.  83.  87.  116),  so  sind  alle  Gewittergotthei- 
ten zu  Kriegsgöttern , d.  h.  zu  Lenkern  der 

22  * 


679 


Athene  (Kriegsgöttin) 


Athene  (Kriegsgöttin) 


680 


menschlichen  Kämpfe  und  Rettern  tapferer 
Helden  geworden.  So  auch  Athene , welche 
bereits  in  der  Ilias  die  Rolle  der  vornehmsten 
Gottheit  des  Krieges  spielt  und  einen  höchst 
charakteristischen  Gegensatz  einerseits  zur  wei- 
bischen Aphrodite,  anderseits  zu  dem  „berser- 
kerartig wütenden“  Ares  bildet.  Ihren  Lieb- 
lingen wie  Tydeus,  Diomedes,  Odysseus,  Achil- 
leus, Menelaos,  Herakles,  Perseus,  Bellerophon, 
Iason  (s.  diese)  hilft  sie  in  unzähligen  Kämpfen 
und  Abenteuern  und  verleiht  ihnen  den  Sieg, 
indem  sie  es  sogar  nicht  verschmäht  mit  ihnen 
den  Kriegeswagen  zu  besteigen  (vgl.  Welcher, 
Götterl.  1,  317.  Preller,  griech.  Mythr  1,  371. 
v.  Sybel,  Mythologie  der  Ilias  259  f.).  So  ist 
sie  zuletzt,  namentlich  in  Athen,  zur  Personi- 
fikation des  Sieges,  zur  Athena  Nrxrj  gewor- 
den, als  welcher  ihr  auf  der  athenischen  Akro- 
polis ein  herrlicher  kleiner  Tempel  geweiht  war. 
(Vgl.  C.  I.  Gr.  145 ff.  150  und  die  ’A.  Nlxtj  zu 
Megara  bei  Paus.  1,  42,  4;  s.  S.  689).  Ihre 
sonstigen  hierher  gehörigen  Beinamen  sind 
(Alalxogtvrj  oder  ’Al- 
cclxogsvglg , welche 
vorzugsweise  in  der 
böotischen  nach  ihr 
benannnten  Stadt 
Alalkomenai  verehrt 
wurde  (II.  4,  8.  Stra- 
bo  9,  413.  Steph. 
Byz.  s.  v.  ’Alcdu.  El. 
M.  v.  Kvngig)  , ’AX- 
y.L§ryioq  (zu  Pella  in 
Makedonien  Liv.  42, 
51),  ’Aqsicc  (zu  Athen 
und  in  Platää;  vgl. 
Paus.  1,  28,  5.  9,  4,  1 ; 
s.  C.  I.  Gr. 3137), ’AXsa 
(zu  Tegea:  Paus.  2, 
17,  7 u.  ö.)  von  cdtoi 
Schutz  (vgl.  lies.  op. 
543),  doQvO’cxQoris  ( G . 

I.  Gr.  3538) , txyea- 
zguxog,  aysXsLr],  XyG 
ziq,tyg£X.vdoiyog,Tio- 
Isfiridoxos , qioßsaiGzgcizr] , TiegGsnolig  bei  Epi- 
kern (vgl.  auch  C.  I.  Gr.  3538  u.  4269  u.  Schol. 
z.  Ar.  Nub.  967),  IlaXläg,  vom  Schwingen  der 
Blitzeslanze  (vgl.  II.  16,  141),  ngogayog  (in 
Athen,  Thessalien  und  anderwärts;  vgl.  C.  I. 
Gr.  1068),  IIgoycc%6gytt  (Paus.  2,  34,  8).  Be- 
reits die  ältesten  Bildwerke  der  Athene,  die 
sogenannten  Palladien,  stellen  die  Göttin  als 
eine  vorkämpfende  mit  erhobenem  Schilde  und 
gezücktem  Wurfspeer  dar  (Müller , Handb.  d 
Arch.  § 68  u.  368,  unten  S.  690).  Die  eben- 
falls aus  zahlreichen  Monumenten  bekannte 
Darstellung  der  Athene  als  vixgcpogog , d.  h. 
wie  Zeus  mit  der  Nike  auf  der  ausgestreckten 
Hand  (vgl.  auch  die  Statue  im  Athenetempel 
zu  Elis  Caes.  b.  c.  105),  erklärt  sich  am  besten 
aus  Versen  wie  lies.  sc.  Here.  339  (vCxyv  al)a- 
i ’oczz^g  yegalv  xal  xvdog  £%ovGa).  Als  vixycpo- 
gog  ist  sie  natürlich  auch  elgrjvoqiogog  (C.  I. 
Gr.  6833.  Arist.  Ath.  1 p.  17  Ddf.). 

Mit  dieser  ihrer  kriegerischen  Bedeutung 
hängt  es  eng  zusammen,  clafs  Athene  auch  als 
Göttin  der  Kriegsmusik,  welche  Vorzugs- 


Athene  Promaclios  auf  e.  pan- 
athen.  Preisvase  (vgl.  u.  S.  691). 


weise  mit  Trompeten  und  Flöten  hervorge- 
bracht wurde  (Müller,  Dor.1  2,  333f.),  sowie 
als  Schutzgöttin  des  Streitross.es  und  des 
Kriegsschiffes  verehrt  wurde  (Herod.  1, 
17.  Athen,  p.  517a.  Gellius  1,  11,  lff. ; vgl. 
Od.  4,  708).  So  sehr  entsprach  der  Klang  der 
Trompete  und  Flöte  dem  kriegerischen  Sinne 
der  Göttin,  clafs  sie  in  verschiedenen  Sagen 
als  Erfinderin  der  beiden  Instrumente  genannt 

xo  wurde.  Der  verbreitetste  dieser  Mythen  führte 
die  Erfindung  der  Flöte  auf  das  Pfeifen  und 
Zischen  der  Gorgonenschlangen  zurück,  wel- 
ches diese  bei  der  Enthauptung  der  Medusa 
hören  liefsen  (Pind.  Pyth.  12,  6 — 12  u.  Schol. 
Nonn.  24 , 36).  Sehr  bekannt  ist  auch  der 
Mythus,  wonach  Athene  den  Silen  Marsyas(s.  ck), 
weil  er  die  von  ihr  erfundene  aber  wegen  Ent- 
stellung des  Gesichts  weggeworfene  Flöte  auf- 
gehoben katte,  gezüchtigt  haben  soll  (Paus. 

20  1,  24,  1.  Apollod.  1,  4,  2.  Ilyg.  f.  165).  Vgl. 
auch  die  Beinamen  BogßvlCa  (Müller,  Orchome- 
nos  79.356),  ’Aridcöv  (Iles.s.v.),  Movcixg  (C.  I. 
Gr.  154  und  Plin.  34,  8,  19,  57),  Eahuylg  (in 
Argos:  Paus.  2,  21,  3;  vgl.  Welcher,  Götterl. 

2,  300).  Endlich  galt  Athene  für  die  Erfinde- 
rin der  Pyrrhiche,  des  bekannten  Waffentan- 
zes, von  dem  es  hiefs,  dafs  sie  selbst  ihn  zur 
Feier  des  Sieges  über  die  Giganten  (Titanen) 
zuerst  getanzt  oder  die  Dioskuren  gelehrt  habe 

30  (Epich.  b.  Schol.  Pind.  Pyth.  2, 127.  Dion.  II.  7, 
72.  Arist.  1, 24  Ddf.  Plat.  leg.  796  B ; vgl.  Lobech, 
Agl.  541)  und  welcher  deshalb  ihr  zu  Ehren  an 
den  Panathenäen  mit  prächtiger  orchestischer 
Ausstattung  aufgeführt  wurde  (Mommsen,  Heor- 
tol.  123,  163  u.  ö.).  Als  Göttin  des  Kriegs- 
rosses und  des  Streitwagens  — in  der  ältesten 
Zeit  gab  es  noch  keine  bewaffneten  Reiter  — 
tritt  Athene  in  korinthischen  und  attischen  Sagen 
auf.  In  Attika  soll  sie  den  Erechtheus  (s.  d.) 

40  die  Bespannung  des  Wagens,  in  Korinth  den 
Bellerophon  (s.  d.)  die  Zügelung  des  Pegasos 
gelehrt  haben  (Hom.hy.in  Ven.  13.  Verg.  Geo. 

3,  113ff.  Aristid.  Ath.  p.  18f.  Panath.  p.  170. 
Schol.  p.  62  Dind.  Pind.  Ol.  13,  65),  weshalb 
sie  hier  als  XalLVLxig  und  Accgdomitog  verehrt 
wurde  (Paus.  2,  4,  1.  5.  Schol.  Ar.  Nub.  967). 
ln  Arkadien  galt  sie  als  Erfinderin  des  Vier- 
gespannes (Cic.  N.  D.  3,  23),  und  in  Barke 
erzählte  man  ebenso  wie  in  Athen,  Poseidon 

50  habe  die  Zucht,  Athene  das  Lenken  der  Rosse 
verliehen  (Soph.  El.  727.  Steph.  Byz.  s.  v. 
Bugxiq.  Hesych.  s.  v.  Bagxuloi g).  Hierauf  be- 
zieht sich  wohl  der  Beiname  ' InztCcc , welchen 
Athene  in  Kolonos  führte  (Paus.  1,  30,  4.  Pind. 

01.  13,  79.  Soph.  0.  G.  1071).  In  Zusammen- 
hang damit  steht  es,  wenn  Athene  in  Böotien 
und  Thessalien  als  Bespannerin  oder  Erfinde- 
rin des  Pfluges  (Boaggta,  BovSsia)  gedacht 
wurde  (lies.  op.  430.  Lycophr.  520.  359  und 

60  Schol.  Steph.  Byz.  s.  v.  Bovösia.  Serv.  z.  Verg. 
Aen.  4,  402.  Arist.  Ath.  p.  20  Ddf.  Eust.  II. 
16,571).  Die  Erfinderin  des  Kriegsschiffs  end- 
lich lernen  wir  aus  den  Mythen  von  Danaos 
und  vom  Argonautenzuge  kennen.  Den  Da- 
naos (s.  d.)  oder  Argos  (s.  oben  502.  539) 
soll  sie  zur  Erbauung  des  ersten  Fünfzig- 
ruderers angeleitet  haben  (Apollod.  1,  9,  16. 

2 , 1 , 4.  Alarm.  Par.  cp.  9) , wie  sie  denn 


6(81  Athene  (G.  d.  Webern?  etc.) 

überhaupt  als  Erfinderin  der  Schifffahrt  galt 
und  zu  Mothone  als  ’AvsgwTLg  verehrt  wurde 
(Aristid.  p.  19  Ddf.  Paus.  4,  35,  5.  Lyko- 
I phron  359  u.  Schol.).  Wahrscheinlich  hän- 
gen mit  der  Bedeutung  der  Athene  als  Schiff- 
fahrtsgöttin die  eigentümlichen  Kultsitten  der 
Schiffsprozession  und  Regatta  zusammen,  welche 
an  den  Panathenäen  eine  so  bedeutende  Rolle 
spielten  (A.  Mommsen,  Heortol.  187 f.  197  f.). 
Nicht  undenkbar  erscheint  es,  dafs.auch  aus 
den  Bildern  des  Wagengespannes  und  des 
Schiffes  die  ursprüngliche  Anschauung  der  Wolke 
hervorleuchtet  (vgl.  Lauer,  Syst.  d.  gr.  Myth. 
358.  Roscher,  Gorgonen  93,  Anna.  194  und 
Schwarte , d.  poet.  Naturanscli.  2,  18  ff'.). 

3)  Athene  als  Göttin  des  Spinnens 
und  Webe  ns  u.  s.  w. 

Aufserord entlieh  weit  verbreitet  ist  die  Vor- 
i Stellung,  dafs  Wolke  und  Nebel  eine  Art  Ge- 
spinnst  oder  Kleid  seien  (vgl.  Mannhardt,  Ger- 
man. Mythen  557  ff.  Schwarte  a.  a.  0.  5,  11  ff. 
Laistner, Nebelsagen96fi.  302 ff  u.  ö.  Lauern,. a.  0. 
371  ff).  Die  den  Regen-  und  Wetterwolken 
unmittelbar  vorausgehenden  sogen.  Schäfchen- 
wolken wurden  von  den  Griechen  und  Römern 
geradezu  W ollflocken,  no roi  sgi'cov,  vellera  lanae , 
(vgl.  Roscher,  Hermes  d.  Windgott  S.  45,  Anna. 
172)  verglicheaa.  So  erklärt  es  sich  wohl  am 
einfachsten,  dafs  die  Göttin  der  Gewitter- 
wolken - — ähnlich  wie  die  begrifflich  nahe 
verwandten  germanischen  Valkyren  — auch 
als  geschickte  Spinnerin  und  Weberin  und 
als  göttlicheErfinderiia  dieser  weiblichen  Künste 
gedacht  wurde,  welcher  Gedanke  bei  der  Athene 
um  so  näher  lag,  als  den  Töchtern  des  Hauses 
j vorzugsweise  die  Herstellung  der  Gewänder 
für  sämtliche  F amilienglieder  übertragen  wurde 
( Hom . liy.  in  Ven.  14.  K.  Fr.  Hermann,  gr. 
Privatalt.  §10).  Als  Göttin  der  weiblichen 
Arbeit  erscheint  Athene  schon  in  den  home- 
rischen Gedichten,  wo  es  von  ihr  heifst , dafs 
sie  ihren  eigenen  Peplos  und  das  Gewand  der 
Hera  gewebt  habe  (II.  5,  735.  14,  178),  und 
i wo  wiederholt  die  weibliche  Kunstarbeit  des 
Spinnens  und  Webens  mit  deiaa  Ehrennamen 
i tgycc  ’A&gvca'gg  belegt  wird  (II.  9,  390.  Od.  7 , 
110.  20,  72).  Der  bekannteste  Beiname  die- 
! ser  Athene  war  ’Egyävrj,  welchen  sie  zu  Athen, 
in  Samos,  Thespiä,  Elis,  Sparta  und  Megalo- 
polis  führte  (Paus.  1,  24,  3.  Said.  s.  v.  ’Eq- 
I ydvr\.  Paus.  9,  26,  5.  3,  17,  4.  8,  32,  3 u.  ö.). 
i Zuletzt  scheint  sich  der  Beiname  ’Egydvr}  zu 
selbständiger  Bedeutung  entwickelt  zu  haben, 
da  Plut.  d.  fort.  4 und  Ael.  V.  h.  1,  2 ö.  von 
i einem  neben  Athene  verehrten  weiblichen  Dämon 
Ergane  reden.  Das  Symbol  weiblicher  Kunstfer- 
tigkeit aber  ist  die  Spindel,  welche  Athene  in 
mehreren  Bildwerken  führt  (Welcher,  G.  2,  301  f.) 
s.  u.  S.  687,  41  u.  690,  14).  Das  Märchen  von  der 
! Arachne,  welche  mit  Athene  in  der  Kunst  des 
j Webens  gewetteifert  hatte  und  deshalb  von 
ihr  in  eine  Spinne  verwandelt  worden  war, 
siehe  unter  Arachne.  Die  uralte  für  Ilion  und 
j Athen  bezeugte  Kultsitte,  der  Athene  an  ihrem 
Feste  einen  schön  gewebten  Peplos  darzubrin- 
gen , hängt  mit  ihrer  Bedeutung  als  Ergane 
zusammen  (II.  6,289.  Mommsen, Heortol.  184 ff.). 
; Weiteres  siehe  bei  Welcher,  G.  2,  317  f.  Aus 


Athene  (G.  d.  Klugheit  etc.)  682 

dieser  ihrer  Funktion  als  Vorsteherin  aller 
weiblichen  Kunstfertigkeit,  besonders  des  Spin- 
nens und  Webens,  welches  den  Alten  stets  als 
ein  Sinnbild  höchster  weiblicher  Klugheit  und 
Erfindsamkeit  erschien  — man  vergleiche  den 
uralten  und  vielfach  verzweigten  metaphorischen 
Gebrauch  der  beiden  Verba  vtpcävsiv  und  texere 
in  Redensarten  wie  pr/Ara,  öoXov , pijj-cw  vepai- 
vsiv  — hat  sich  nun  ein  doppelter  Gedanke 
entwickelt:  einmal  dafs  Athene  auch  die  Er- 
finderin aller  sonstigen  menschlichen  Kunst- 
fertigkeit, sodann  dafs  sie  überhaupt  eine 
Göttin  der  Klugheit  und  Besonnenheit  sei  (vgl. 
Paus.  8,  36,  3).  Hierzu  kommt  noch  vielleicht 
die  II.  15,  668  ausgespi'ochene  Vorstellung, 
dafs  die  Göttin  des  das  Dunkel  plötzlich  er- 
hellenden Blitzes  den  menschlichen  Augen 
Scharfblick  und  die  Fähigkeit,  Göttliches  wahr- 
zunehmen , verleihen  könne , sowie  die  That- 
sache,  dafs  Griechen  und  Römer  zündende  und 
treffende  Gedanken,  namentlich  der  Redner,  mit 
Ausdrücken  wie  ■nsgccwög  und  fulmen  zu  be- 
zeichiaen  pflegen.  Abgesehen  von  der  Erfin- 
dung des  Wagens,  Pfluges  und  Schiffes,  von 
denen  schon  oben  in  anderem  Zusammenhänge 
die  Rede  gewesen  ist,  die  aber  ebensogut  in 
die  hier  zu  behandelnde  Gedankenreihe  hinein- 
passen, sind  hier  die  ebeiafalls  der  Athene  zu- 
geschriebenen Erfindungen  der  Goldschmiede- 
kunst (Od.  6,  233.  23,  159),  des  Walkens,  der 
Schuhmacherei , des  Ciselierens,  der  enkausti- 
scheia  Malerei  (Ov.  fast.  3,  8 1 5 ff ) , der  Töpfe- 
rei (s.  das  kleine  Gedicht  Kdfuvog  r)  Kega- 
gsig  Hom.  Epigr.  14),  Bildhauerei  u.  s.  w.  zu 
erwähnen  (vergl.  aufserdem  Soph.  fr.  759  N. 
Paus.  5,  14,  5.  Hiod.  5,  73.  Plut.  Sy  mp.  3, 
6,  4.  Praec.  ger.  reip.  5.  Et.  M.  und  Phot. 
s.  v.  ’Egyccvy j.  Arist.  1 p.  18  Ddf.).  In  Athen 
feierten  die  sämtlicheia  Handwerker  (%sig oj- 
vav.teg')  der  Athene  und  dem  Hephaistos  das 
Fest  der  Chalkeen  (Mommsen,  Heort.  313ff.). 
Sogar  als  eine  Förderin  und  Beschützerin  der 
ärztlichen  Kunst  tritt  Athene  auf  (Ov.  fast.  3, 
827.  Plin  N.  II.  24, 176.  25,  34).  Sie  erhielt 
davon  die  Beinamen  ’Tyisiu  iia  Athen  (Paus.  1, 
23,  5.  Plut.  Per.  13.  Plin.  N.H.  22,  44;  s.  u. 
S.  699,  52),  im  Demos  Acharnai  (Paus.  1,  31,  3) 
und  HcamvCcc  (in  Athen  und  Oropos:  Paus.  1,  2, 
4.  34,  2);  in  Rom  hiefs  sie  Minerva  Medica 
(Preller,  röm.  Myth.3  1,  295 f.).  Weiteres  siehe 
bei  Welcher,  Götterl.  2,  304ff.  Lauer  359. 

4)  Athene  als  Göttiia  der  Klugheit 
und  des  Verstandes. 

Der  andere , noch  allgemeinere  Gedanke, 
der  sich  aus  der  Funktion  des  Spinnens  und 
Webens  entwickelt  zu  haben  scheint,  ist  der, 
dafs  Athene  eine  Göttin  der  Klugheit,  der  Be- 
sonnenheit, des  denkenden  Verstandes (p»)- 
ng,  ßovhj)  sei  (vgl.  Plat.  Cratyl.  407  A).  Sie 
heifst  deshalb  schon  in  den  homerischen  Gedich- 
ten nolvßovlog  (II.  5,260);  sie  ist  es,  welche  den 
Thörichtes  Beschließenden  den  Verstand  be- 
nimmt (II.  18,  311),  und  allen  andern  Göttern 
ebenso  wie  Odysseus  allen  andern  Menschen 
an  Verstand  und  Klugheit  (prjTt  nal  %sgdeßiv) 
überlegen  ist,  sie  besitzt  nach  Ilesiod  (Theog. 
896)  gsvog  % ul  inupgova  ßovXrjv.  Sicherlich 
ist  der  Hesiodische  Mythus  von  Metis  (s.  d.)  als 


io 

20 

30 

40 

50 

60 


683  Athene  (G.  d.  Ackerbaues  u.  d.  Baumzucht) 


Athene  (Scliutzg.  d.  Städte)  684 


Mutter  der  Athene  auf  diese  ihre  Wesenseigen- 
schaft zurückzuführen.  Dem  entsprechen  auch 
die  Beinamen:  Bovlca'a , bei  welcher  die  atti- 
schen Bedeuten  schwuren  ( Antiphon  de  clior. 
45),  ’AyßovUu  (in  Sparta:  Paus.  3,  13,  6;  vgl. 
das  Verbum  dvaßovXsvogai),  ’Ayoqaia  (in  Sparta: 
Paus.  3,  11,  9),  d.  i.  Vorsteherin  der  Volks- 
versammlungen auf  dem  Markte , M<x%civixig 
(in  Arkadien:  Paus.  8,  36,  3),  d.  i.  Erfinderin 
von  verschiedenen  Entschlüssen  und  Listen, 
JIqovoici  (vgl.  Dem.  25,  34.  Aescli.  3,110.  Paus. 
10,  8,  6.  lFe?c7cer,  Gölterl.  2,  306.  Preller,  gr. 
Myth ,2  1,  155 f.),  Ilra&fiLa,  d.  h.  die  billig  Äb- 
wägende  ( Hesych .)  u.  s.  w.  Der  letztere  Beiname 
dürfte  auf  eine  Thätigkeit  der  Göttin  gehen 
wie  sie  Äschylos  schildert , wo  Athene  den 
Grundsatz  des  Areopags  aufstellt,  dafs  Gleich- 
heit der  Stimmen  für  den  Beklagten  ent- 
scheide. 

5)  Athenes  Beziehungen  zur  Baum- 
zucht und  zum  Ackerbau. 

In  Attika  und  auch  anderwärts  scheint  Athene 
seit  ältester  Zeit  wichtige  Beziehungen  zur 
Baumzucht  und  zum  Ackerbau  gehabt  zu 
haben , wie  sowohl  aus  der  Erechtheussage 
als  auch  aus  dem  in  engem  Anscblnfs  an  die- 
selbe entwickelten  Festcyklus  der  Athene  in 
Athen  hervorgeht.  So  behauptete  man,  dafs 
der  uralte  Olbaum  auf  der  athenischen  Akro- 
polis, welcher  nahe  einer  salzigen  Quelle  wur- 
zelte und  für  den  ältesten  Olbaum  von  ganz 
Attika  galt,  eine  Schöpfung  der  Athene  sei. 
Es  ging  die  Sage,  Poseidon  und  Athene  hät- 
ten um  die  Herrschaft  in  Attika  gestritten  und 
Poseidon,  um  seine  Macht  zu  beweisen,  zuerst 
seinen  Dreizack  in  den  kahlen  Felsen  ge- 
stofsen;  „dann  aber  habe  Athene  unmittelbar 
daneben  den  ersten  Ölbaum  wachsen  lassen  und 
sei  für  die  Schöpfung  dieser  den  Hauptreichtum 
Attikas  ausmachenden  Kulturpflanze  sowohl 
vom  Erechtheus  als  von  den  Göttern  als  die 
wahre  und  echte  Herrin  der  zukunftsreichen 
Stätte  anerkannt  worden.“  ( Apollod . 3,  14,  1. 
Hygin.  f.  164.  Vgl.  Mannhardt,  W.  u.  F.  25  ff.). 
Eine  ähnliche  Rolle  spielte  der  Olbaum  auf 
Rhodos,  wo  zu  Lindos  gleichfalls  der  Athene 
geheiligte  Ölbäume  gezeigt  wurden  (Anthol.  15, 
11).  Das  Fest  dieser  die  Ölkultur  fördernden 
und  schützenden  Athene  hiefs  Skirophoria,  wel- 
cher Name  wohl  mit  yri  GtuQQÜs  d.  i.  der  weifs- 
liche  Kalkboden,  auf  welchem  die  Olive  vor- 
zugsweise gedeiht,  sowie  mit  dem  Beinamen 
der  Athene  Zhiqu g zusammenhängt  (vgl.  Momm- 
sen,  Heort.  54).  Es  fiel  gerade  in  diejenige 
Zeit,  in  welcher  die  Olive  blüht  und  daher 
vorzugsweise  von  Hagel,  Platzregen  und  Sturm 
gefährdet  ist  ( Mommsen  a.  a.  0.  S.  55  f.). 

Eine  ganz  ähnliche  Bedeutung  wie  für  die 
Olivenzucht  hatte  Athene  in  Attika  auch  für 
den  Ackerbau.  Dies  ist  namentlich  in  der  Sage 
von  Erechtheus  (s.  d.)  ausgesprochen,  welcher 
genau  genommen  nichts  anderes  als  die  Per- 
sonifikation des  Samenkornes  ist  und  seine 
Entwickelung  darstellt.  Erechtheus  nämlich 
oder  Erichthonios  war  der  Sohn  des  Hephaistos 
und  der  Erde  oder  der  Atthis,  der  Tochter  des 
Kranaos,  von  Hephaistos  gezeugt,  als  seine  Liebe 
von  der  Athene  schroff  zurückgewiesen  war. 


Jns 


’iJi 


Athene  aberzog  den  kleinen  Erechtheus  auf,  be- 
stellte einen  Drachen  zum  Wächter  desselben 
und  übergab  ihn  den  Töchtern  des  Kekrops, 
Aglauros,  Pandrosos  und  Herse  (s.  d.  u.  vgl. 
S.  702)  in  einer  Kiste  mit  dem  Verbote  diese 
zu  öffnen.  Die  Jungfrauen  waren  aber  unge- 
horsam, öffneten  den  Kasten  und  wurden,  als 
sie  das  Kind  von  Schlangen  umwunden  oder 
geradezu  als  Schlange  erblickten,  getötet  oder 
io  mit  Wahnsinn  bestraft,  indem  sie  sich  von 
dem  Burgfelsen  herab  oder  ins  Meer  stürzten. 
Dafs  sich  die  Erechtheussage  auf  Wachstum 
und  Gedeihen  im  Pflanzenreich  bezieht,  geht 
aus  den  Figuren  der  Sage  selbst  hervor.  „Der 
sprossende  Keim  des  Bodens  (’Eqi%&6vio<;  — 
Gutland)  wird  gepflegt  von  den  Taugöttinnen 
Herse  und  Pandrosos  sowie  von  Aglauros  (s.  d.), 
der  Personifikation  der  heiteren  Luft  (vgl.  Ovid. 
fast.  l,681f.  Stepli.  Pyz.  s.  v.  ’AyQccvXfj),  naeh- 
20  dem  ihn  Gaia  oder  Arura  (der  Erdboden)  ans 
Licht  geboren  hat.  Die  neben  Pandrosos 
(Paus.  9,  35,  2)  verehrte  Thallo  (Blüte)  sicherte 
dem Erdensöhnchen  sein  Gedeihen;  Thallo  war 
die  eine  der  attischen  Horen“  ( Mommsen , Heort. 
6f.).  Fragen  wir,  welche  Bedeutung  Athene 
in  dieser  Natursymbolik  habe , so  kann  es 
auch  hier  kaum  einem  Zweifel  unterliegen, 
dafs  Athene  in  der  Erechtheussage  die  Rolle 
einer  gütigen,  allen  Wetterschaden  vom  Ge- 
30  treide  abwehrenden  Wolkengöttin  spielt.  Die 
bösen  Wetter,  welche  dem  Getreide,  sobald 
dessen  Halme  eine  gewisse  Höhe  erreicht  haben, 
schaden  können  (Mommsen  a.  a.  0.  10),  scheint 
man  sich  unter  dem  Bilde  der  Gorgonen  und 
Giganten  vorgestellt  zu  haben.  Beachtenswert 
scheint , dafs  Athene  selbst  die  Beinamen 
närdgoGog  und’Qyloivpog  führte  (Schot.  Ar.  Lys. 
439.  Harpocr.  u.  Suid.  s.  v.  "AyXavqo g).  Die 
Feste,  welche  dem  Erechtheus  und  der  Athene 
40  galten , waren:  1)  Die  Chalkeen,  ein  uraltes 
Fest  des  Hephaistos  und  der  Athene,  die  Er- 
findung des  Pfluges  und  die  Erzeugung  des 
Erechtheus  feiernd,  2)  die  Procharisterien,  zu 
Ende  des  Winters  für  die  emporkeimenden 
Saaten  von  allen  Beamten  der  Athene  gefeiert, 
3)  die  Plynterien,  ein  Ernteanfangsfest,  4)  die 
Arrhephorien,  vielleicht  ein  Dreschfest,  5)  die 
Panathenäen , wahrscheinlich  das  Fest  des 
Ernteschlusses  (Mommsen,  Heort.  7 — 14.  Prel- 
50  ler,  gr.  Myth ,2  1,  163  — 169).  Wahrscheinlich 
wurde  mit  Rücksicht  auf  diese  ihre  agra- 
rische Bedeutung  Athene  mit  Ähren  in  den 
Händen  abgebildet  und  Kzyatcc , d.  i.  Spen- 
derin und  Schätzerin  der  Habe,  genannt:  Hip- 
pocr.  de  insomn.  1 , p.  378  Foes.  Vergl. 
A.  Mommsen,  Helphilca  255.  Welcher , Götterl. 
i,  314. 

6)  Athene  als  Schutzgöttin  der 
Städte  (vgl.  iQvGLnzolig  11.  6,  305). 
eo  Aus  den  besprochenen  Funktionen  erhellt, 
dafs,  abgesehen  vom  Zeus,  keine  andere  Gott- 
heit sich  mehr  zur  besonderen  Haupt-  und 
Schutzgöttin  der  Städte  eignete,  als  Athene. 
Als  solche  führte  sie  die  bezeichnenden  Bei- 
namen nohäg  (HoXiccxeg)  oder  nohov  iog  und 
wurde  vorzugsweise  in  Tempeln,  welche  im 
Bereiche  der  ältesten  und  festesten  Stadt- 
teile , der  Burgen  oder  Akropolen  (noXsig, 


de 


685 


Athene  (Kult) 

axQonolttg)  lagen,  verehrt  (Ar ist.  1 p.  17  Ddf.), 
was  zweifellos  hauptsächlich  auf  Athenes  Be- 
deutung als  Göttin  des  Krieges  zurückzuführen 
l ist.  Solche  Tempel  hatte  sie  nicht  blofs  in  Athen, 

■ sondern  auch  in  Argos  (’Angia  Hesych.),  in  Me- 
gara  (Paus.  1,42,  4),  in  Sparta,  wo  sie  von  ihrem 
mit  ehernen  Platten  ausgeschlagenen  Tempel 
auch  den  Beinamen  xuly.ioiY.og  führte  (Paus.  3, 
17,  lff.),  und  wohl  überall  da,  wo  sie  noXiov%og, 

: noXuxg  oder  noXiäug  liiefs,  z.  B.  in  Chios  (He- 
I rod.  1,  160),  Erythrai  (Paus.  7,  5,  9),  Priene 
i ( C . I.  Gr.  2904;  vgl.  3048),  Troizen  (Paus. 

2,  30,  6),  Tegea  (Paus.  8,  47,  5),  Ilion  (Dion. 
Hai.  6,  69),  Megalopolis  (Paus.  8,  31,  9)  u.  s.  w. 
(Vgl.  Index  z.  C.  I.  Gr.  4,  3 p.  16.  Welcher , 
Cr.  2,  310  ff.  und  Preller , gr.  31. 2 1,  174,  1.) 
Den  berühmtesten  und  in  jeder  Hinsicht  aus- 
I gebildetsten  Kult  hatte  natürlich  die  Göttin 
von  Athen , welche  ursprünglich  wohl  der 
Stadt  den  Namen  gab  (der  Plural  ’A&fivou  2 
i bezeichnet  ebenso  wie  AXalnofisvcR  — von 
’A&.  ccXcdnoyivrj  — wohl  eine  Mehrheit  von 
Ansiedelungen,  die  alle  der  Athene  heilig 
waren),  später  aber  wieder  nach  ihrer  Haupt- 
kultstätte die  athenische  Göttin  (’A&rivciCa, 
t ’A&gvü)  genannt  worden  zu  sein  scheint  (vgl. 

■ ’A&rjvri  ’AXaXyoysvrjig).  Die  älteste  Form  des 

[Namens  ’A&r'ivg  dürfte  ebenso  wie  riuXXug  die 
Blitzgöttin  bezeichnen , wenn  er  mit  ad'-yg 
Lanzenspitze,  Pfeilspitze  (Hesych.  s.  v.  Fiele, 

| Wörterb.2  7)  zusammenhängt.  Ich  erinnere  an 
, j die  Thatsache  dafs  die  geschwungene  Lanze, 

! in  der  wir  oben  ein  Symbol  des  Blitzes  er- 
kannt haben , wohl  das  älteste  Attribut  der 
! Athene  ist,  und  dafs  man  sich  — wie  die  Bild- 
werke lehren  — den  Blitz  regelmäfsig  als  eine 
aus  metallenen  Spitzen  bestehende  Waffe  vor- 
stellte. Am  nächsten  unter  allen  Gottheiten 
: verwandter  Völker  stehen  der  Athene  entsehie- 
I den  die  germanischen  V alkyren,  welche  nicht 
] blofs  die  deutlichsten  Beziehungen  zu  Blitzen 
und  Gewitterwolken  haben , unter  Blitz  und 
Donner  durch  die  Lüfte  fahren , leuchtende 
i Speere,  Panzer,  Helme  tragen  und  auf  Wol- 
kenrossen reitend  gedacht  wurden,  von  deren 
Mähnen  Tau  in  die  Thäler  (vergl.  A.  ndv- 
I Sgooog)  und  Hagel  in  den  Wald  fällt,  sondern 
jauch  insofern  der  Athene  gleichen,  als  sie 
wie  diese  die  tapfern  Helden  schützen  und 
geleiten  und  als  himmlische  Weberinnen  (d.  h. 
j als  Göttinnen  der  Wolken  und  des  von  die- 
sen abhängigen  Wetters  oder  Schicksals)  auf- 
treten , welch  letztere  Funktion  unverkennbar 
an  die  Athene  Ergane  erinnert  (vgl.  Mann- 
\hardt,  German.  Mythen  S.  557 ff.  Grimm,  d. 
Myth.'3  389  ff.).  Aufserdem  haben  die  übrigen 
anerkannten  Götter  und  Dämonen  des  Gewit- 
ters mancherlei  Züge  mit  der  Athene  gemein 
I (vgl . Schwartz,  Ursprung  der  Myth.  u.  Posch. er, 
die  Gorgonen  und  Verwandtes).  In  Betreff  der 
: schon  frühzeitig  mit  Athene  identificierten  Mi- 
’nerva  s.  d.  u.  vgl.  Preller , r.  Myth.3  1,  289  f. 

7)  Kult.  Aus  dem  Kultus  der  Athene  ist 
hervorzuheben,  dafs  ihr  Stiere  (Suid.  s.  v.  Tav- 
goßdXog)  und  Kühe  geopfert  wurden  (Ilom.  II. 

;6 , 93.  11,  729.  Ov.  Met.  4,  755;  vgl.  auch 
\Eustuth.  p.  283,  31  u.  1752,  24).  Ilische  Jung- 
j frauenopfer  zur  Sühne  der  von  dem  lokrischen 


Athene  (Litteratur  u.  bisli.  Deutgn.).  G86 

Aias  gemifshandelten  Kassandra  erwähnt  Sui- 
das  s.  v.  TtoLvrj.  Im  argivischen  Athenekultus 
spielte  das  Bad  des  uralten  Götterbildes  im 
Inachos  eine  wichtige  Rolle,  die  man  durch 
den  Hinweis  auf  das  Bad  der  aus  dem  Gigan- 
tenkampfblut- und  staubbedeckt  zurückgekehr- 
ten Göttin  mythisch  zu  begründen  sucht  (Kul- 
lirn.  hymn.  in  lavacr.  Pall.  lff.  u.  Schol.).  Heilig 
war  der  Athene  die  Eule  (yXav'S,),  die  Schlange 
(Flut,  de  Is.  et  Os.  71),  der  Hahn  (Paus.  6,  26,  2), 
der  von  ihr  geschaffene  Ölbaum,  die  Krähe 
(Paus.  4,  34,  6),  die  Granate  (S.  689).  Hinsicht- 
lich der  verschiedenen  Athenefeste  zu  Athen, 
Delphi  u.  s.  w.  vgl.  A.  Mommsens  Heortologie 
und  Delphilca  sowie  Schoemann , Gr.  Alt  er  th. 2 
2,  444ff.  und  den  Artikel  Minerva  in  Paulys 
Eealenc.  5 S.  49  ff.  Ferner  war  ihr  der  dritte 
Tag  der  Monats-Dekaden,  geheiligt,  was  sich 
wohl  aus  einer  verkehrten  Deutung  des  Namens 
Tguoysvsia  erklärt  (Preller,  gr.  M. 2 1,  168,  2), 
von  Monaten  der  böotische  ’AXaXyoye viog , der 
ätolische  ’A&gvcaog  (K.  Fr.  Hermann,  griech. 
Monatslcunde  44.  Mommsen,  Delphilca  255)  und 
der  attische  Skirophorion  ( Mommsen , Heortol. 
442),  so  genannt  von  einem  dem  Schutze  der 
Olive  geltenden  Feste,  bei  welchem  die  Priesterin 
der  Athene  den  ersten  Rang  einnahm.  Zusammen- 
stellungen der  hauptsächlichsten  Kultstätten  der 
Athene  findet  man  bei  E.  Rückert,  Der  Dienst 
der  Athene  nach  seinen  örtlichen  Verhältnissen 
dargestellt.  Hildburgh.  1829.  C.  0.  Müller  „Pal-  - 
las“  in  Alle/.  Encycl.  3,  10  (1838)  = Kl.  Sehr. 

2,  134 ff.  Gerhard,  Gr.  Myth.  (1854)  § 246 ff. 

Litteratur  und  bisherige  Deutungen. 

C.  0.  Müller , Minervac  Poliadis  sacra  etc. 
Gotting.  1820.  Ders.,  Pallas  Athene  in  Allg. 
Encycl.  3,  10  (1838)  = Kleine  Sehr.  2,  134ff. 
Welcher , Äscliyl.  Tril.  p.  277  ff.  Ders.  Götter- 
lehre 1,  298ff.  u.  2,  778ff.  Rückert,  Dienst  der 
Athene  nach  seinen  örtl.  Verhältnissen.  Hild- 
burgh. 1829.  G.  Hermann,  De  graeca  Minerva 
Lips.  1837  = Opusc.  7,  260 ff.  Creuzer,  Sym- 
bolik 3,  308  ff  u.  505  ff.  Jacobi,  Handwörterb. 
(1835)  1 5 6 ff '.  Lauer,  System  d.  gr.  Mytli.  (1853) 
311  ff.  Krause  in  Paulys  Realenc.  5,  42  ff. 
Gerhard,  Gr.  Myth.  (1854)  1,  224 ff.  Preller , 
Gr.  Myth  2 1,  145 ff.  Schwartz,  Ursprung  d. 
Myth.  (1860),  8 3 ff.  Benfey,  TP  LT  AN  LA  A&ANA, 
besond.  Abdruck  aus  den  Nadir,  von  der  legi. 
Ges.  d.  TFiss.  Göttingen  1868.  31.  Müller, 
Vorles.  üb.  d.  TFfss.  d.  Sprache,  deutsch  v.  Bött- 
ger 2 2,  534  ff.  Myriantheus  in  d.  Augsburger 
Allg.  Ztg.  Beilage  1875  S.  2770 ff.  Roscher, 
Die  Gorgonen  und  Vencandtes  (1879),  52  und 
72 ff.  Ders.  Nektar  u.  Ambrosia  (1883),  93 ff. 
Voigt,  Beiträge  zur  Mythologie  des  Ares  und 
Atliena.  Leipzig.  Studien  4,  239  f.  Die  frü- 
heren Deutungen  s.  b.  Lauer  a.  a,.  0.  318  f. 
Rückert  und  G.  Hermann  fassen  Athene  eben- 
so wie  einige  antike  Erklärer  als  Personi- 
fikation der  Weisheit.  Welcher,  Preller  u.  a. 
deuten  sie  als  Äthergöttin,  wobei  freilich 
manche  Funktionen  der  Athene  völlig  unver- 
ständlich bleiben.  31.  Müller  a.  a.  0.  S.  534 
will  auch  in  Athene  die  Morgenröte  erken- 
nen. Der  erste,  welcher  mit  Bestimmtheit  die 
Athene  als  Göttin  der  Gewitterwolke  erklärt 
hat,  ist  Lauer  gewesen,  dem  sich  dann  Schwartz, 


687  Athene  in  cl.  Kunst  (thronend) 


Athene  in  d.  Kunst  (thronend) 


Benfey  *) , Myriantheus  und  Boscher  ange- 
schlossen haben.  Diese  Deutung  allein  ver- 
mag fast  alle  Mythen  und  Funktionen  der 
Athene  auf  eine  gemeinsame  Wurzel  zurück- 
zuführen. Einzelne  Mythen,  in  welchen  Athene 
eine  Rolle  spielt,  s.  unter  Achilleus,  Aias, 
Aigis,  Argo,  Argonauten,  Bellerophon , Dai- 
dalos  , Danaos,  Diomedes,  Erechtheus,  Erich- 
thonios,  Giganten,  Gorgonen,  Herakles,  He- 
phaistos, Kadmos,  Kekrops,  Marsyas,  Prome- 
theus, Odysseus,  Perseus,  Telemachos,  Teire- 
sias,  Tydeus  etc.  [Roscher.] 


Athene  in  der  Kunst. 


Die  Anfänge  der  Bildung  der  Athene  gehen 
in  die  dunkeln  ältesten  Zeiten  zurück;  ja  sie 
weisen  über  Homer  hinaus.  Ein  scharfer  Dua- 
lismus geht  durch  dieselben,  wohl  dem  ent- 
sprechend , der  ursprünglich  zwischen  Pallas 
und  Athene  bestanden  haben  mag,  die  bei  Ho- 
mer bereits  ein  unzertrennliches  Ganzes  sind. 
Die  Gegensätzlichkeit  besteht  darin,  dafs  wir 
einerseits  einen  ruhig,  unbewaffnet,  mütter- 
lich thronenden  (wir  nennen  ihn  den  der  Athene 
Polias) , und  andererseits  einen  die  W affen 
schwingenden , stehenden  oder  schreitenden 
(wir  nennen  ihn  den  der  Palladien)  Typus 
finden. 

1)  Der  thronende  Typus. 

Das  Bild  der  Athene  in  ihrem  Tempel  zu 
Ilion,  das  in  der  Ilias  Z 90,  302  erwähnt  wird 
(die  älteste  Erwähnung  eines  Götterbildes  über- 
haupt), war  ein  Sitzbild  (vgl.  Strdbo  13  p.  601). 
Endoios  der  Kreter  und  Dädalide  machte  ein 
Sitzbild,  das  vor  dem  alten  Poliastempel  der 
Burg  zu  Athen  geweiht  war  (Paus.  1 , 26,  4) ; 
ein  anderes  Sitzbild  von  Holz  machte  derselbe 
als  Bild  der  Polias  für  Erythrai,  die  alte  athe- 
nische Kolonie;  demselben  gab  er  einen  Polos 
auf  den  Kopf  und  die  glccnürrj  in  jede  Hand 
(Paus.  7,  5 , 9) ; andere  alte  Sitzbilder  gab  es 
nach  Strabo  13  p.  601  in  Phokaia,  ebenfalls 
altattischer  Kolonie  mit  Poliaskult. , in  der 
Kolonie  Phokaias  Massalia,  iu  Chios  und  in 
Rom , sowie  in  anderen  Städten.  Wie  das 
uralte  Holzbild  der  Polias  zu  Athen  ausgese- 
hen hat,  ist  uns  leider  nirgends  ausdrücklich 
berichtet;  die  Frage  ist  vielfach,  zuletzt  von 
0.  Jahn,  de  antiqiiiss.  Min.  Pol.  simulacris 
und  Gerhard,  alcad.  Abh.  1,  255 ff.  behandelt 
worden.  Nach  meiner  Ansicht  geht  schon  aus 
den  obigen  Nachrichten  über  die  Poliasbilder 
der  ältesten  attischen  Kolonieen  hervor,  dafs 
auch  das  Bild  Athens  ein  Sitzbild  war;  dies 
zu  bestätigen  kommt  vieles  hinzu:  vor  allem 
die  kleinen  Votivbilder,  die  der  Göttin  vor  ihrem 
Tempel  selbst  dargebracht  wurden  und  die 
sicherlich  nicht  eine  vom  Kultbilde  total  ver- 
schiedene Bildung  zeigten;  alle  jene  altertüm- 
lichen Votivstatuetten  aus  Terracotta,  die  in 
grofser  Zahl  und  zum  Teil  in  grofser  Tiefe  auf 


der  Burg  Athens  gefunden  wurden,  zeigen  aber 
eine  thronende  Göttin  mit  Polos  auf  dem 
Haupte,  ohne  alle  Waffen  oder  Attribute  ; die- 
selben Figuren  wurden  auch  den  Toten  zu  Athen 
ins  Grab  gegeben;  zuweilen,  aber  selten,  ward 
eine  Aigis  auf  die  Brust  gemalt  oder  ein  hoher 
Helmkamm  aufgesetzt  (s.  Panoflca,  Perl.  Ter- 
racott.  Tf.  2.  StacJcelberg , Gräber  d.  Hellenen 
Taf.  57.  Gerhard,  Ges.  Abh.  Taf.  22.  Arcli. 
io  Ztg.  1882,  S.  265);  dazu  kommt  ein  Sitzbild 
aus  Marmor  auf  der  Akropolis  (Le  Bas,  voy., 
mon.  fig.  pl.  2,  1;  Jahn  a.  a.  0.  Taf.  1,  2,  3), 
das  von  einigen  (Jahn  a.  a.  0.  p.  5 ff.)  dem 
Endoios  zugeschrieben  wird,  was  indes  nicht 
erweisbar  ist;  die  Statue  zeigt  in  der  beweg- 
teren Haltung  der  Beine  ein  Ab  weichen  von 
dem  starren  Typus ; auch  zeigt  sie  die  Aigis,  die 
demselben  ursprünglich  wohl  nicht  zukam.  — 
Die  Stellen  attischer  Dichter,  die  0.  Jahn  als 
20  Zeugnisse  für  die  den  Palladien  gleiche  Bil- 
dung der  Polias  anführt  (Aesch.  Eum.  79,  258; 


30 


40 


ra  Thronende  Athene  (nach  Stackelberg , Gräber  der  Hell. 
Taf.  57). 


*)  Wenn  Benfey  a.  a.  0.  24  Athene  als  Göttin  der 
Weisheit  direkt  aus  dem  Blitze  erklären  will,  insofern 
dieser  alles,  auch  das  tiefste  Dunkel,  erhelle,  so  spricht 
dafür  der  Umstand,  dafs  die  Griechen  den  Blitz  mit 
einem  treffenden  oder  zündenden  Gedanken  verglichen 
haben  (vgl.  oben  S.  678,  26.  682,  20). 


Soph.  Hl.  1254;  Hur.  Hel.  1234;  Arist.  av.  830) 
sind  dies  nicht;  die  in  der  Dichtung  herr- 
schende Vorstellung  von  Athene  ist  von  Homer 
an  eine  von  jenem  sitzenden  waffenlosen  Polias- 
typus  so  durchaus  verschiedene,  sodafs  es  denk- 
bar wird,  dafs  sich  auch  die  attischen  Dichter 
selbst  bei  Erwähnung  des  Poliasbildes  nicht 
mehr  genau  an  denselben  hielten,  sondern 
60  die  gewöhnliche  Vorstellung  einfliefsen  liefsen, 
was  um  so  mehr  geschehen  konnte,  als  jenes 
heiligste  Bild  gewifs  nicht  immer  oflen  zu 
sehen  war.  Die  Panathenäischen  Preisvasen 
aber,  die  Jahn  ebenfalls  für  seine  Ansicht  an- 
führt , beabsichtigen  offenbar  überhaupt  nicht 
ein  bestimmtes  Bild  wiederzugeben , sondern 
wollen  nur  das  Gefafs  mit  einer  Figur  der 
Stadtgöttin  alsGöttin,  nicht  alsldol  schmücken; 


war 

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689  Athene  in  d.  Kunst  (waffenschwingend) 


Athene  in  d.  Kunst  (waffenschwingend)  690 


der  einmal  gewählte  Typus  blieb  dann  natür- 
lich als  Marke  durch  alle  Zeiten  bestehen. 
Genau  dasselbe  ist  mit  den  Münzen  Athens  der 
Fall;  auch  sie  wollen  nicht  den  Kopf  eines 
Bildes,  sondern  den  der  Göttin  selbst  geben; 
der  gewählte  behelmte  Typus  blieb  auch  hier 
aus  denselben  Gründen  unverändert.  Die 
Spendereliefs  bei  Gerhard,  AJcad.  Ahh.  Tf.  23, 

3.  5.  6;  Jahn  a.  a.  0.  Taf.  3,  2 haben  gar 
nichts  mit  der  Polias  zu  thun;  die  Schlange  io 
daselbst  ist  die  übliche  der  Heroenreliefs.  — 
Scliliefslich  sei  darauf  hingewiesen,  wie  sehr 
dieser  Typus  einer  ruhigen,  mütterlich  walten- 
den Gottheit,  der  übrigens  allen  den  weit  und 
unbestimmt  gefafsten  weiblichen  Hauptgott- 
heiten in  alter  Zeit  eigen  gewesen  zu  sein 
scheint,  zu  dfm  Charakter  des  ältesten  pelas- 
gischen  Athenekultes  stimmt.  — Noch  ein  an- 
deres Bild  der  Burg  von  Athen  gehört  indes 
hierher:  das  der  Athena  Nike;  es  war  nach  20 
Heliodor  (bei  Harpocf.  s.  v.)  ein  ’goavov  mit 
der  Granate  in  der  Rechten  und  dem  Helme 
in  der  Linken ; eine  Nachbildung  desselben 
machte  Kalamis  (Paus.  5,  26,  6)  für  die  Man- 
tineer  nach  Olympia.  Eine  Hydria  späteren, 
schwarzfigurigen  Stils  ( Gerhard , Aus.  Vas.  242, 

1,  2 = Jahn  a.  a.  0.  Tf.  1,  1)  zeigt  ein  Kult- 
bild der  Athene,  vor  dem  geopfert  wird  (wo- 
durch allein  schon  Jahn  widerlegt  wird,  der 
darin  die  Votivstatue  des  Endoios  vermutete,  30 
a.  a.  0.  p.  6),  sitzend,  ohne  Aigis,  im  ionischen 
Chiton,  den  Helm  in  der  Linken,  die  Schale 
in  der  Rechten;  Benndorf,  (Kultbild  der  Ath. 
Nike  S.  22)  bemerkte  die  Ähnlichkeit  mit  der 
Athena  Nike,  nahm  jedoch  an  der  fehlenden 
Granate  Anstofs;  Genauigkeit  darf  man  indes 
bei  einem  Vasenmaler  nicht  voraussetzen,  auch 
wenn  er  ein  bestimmtes  Bild  wiedergeben  will ; 
eine  ebenfalls  schwarzfigurige  Oinochoe  in  Al- 
tenburg  (unpubl.)  zeigt  dieselbe  sitzende  Athene  40 
zwar  mit  dem  Helme  auf  dem  Kopfe , doch 
den  Granatapfel  in  der  Linken.  Das  Vorbild, 
das  £ oclvov  auf  der  Burg,  gehörte  gewifs  sehr 
alter  Zeit  an,  wo  der  Begriff  der  friedlichen, 
Fruchtbarkeit  verleihenden  Göttin  noch  der 
vorwiegende  war;  der  kleine  Tempel  der 
Athena  Nike  ward  wahrscheinlich  erst  wäh- 
rend oder  kurz  vor  dem  Propyläenbaue  errich- 
tet. Die  Hypothese  Benndorfs  ( Kultb . d.  Ath. 
Nike,  Wien  1879),  der  Kimon  nach  der  Schlacht  50 
am  Eurymedon  Kult , Tempel  und  Bild  der 
Athena  Nike  neu  errichten  läfst,  kann  ich  aus 
Gründen,  die  hier  anzuführen  zu  weitläufig 
wäre , nicht  teilen.  — Auch  in  Erythrä  ward 
neben  der  Polias  eine  Athena  Nike  verehrt 
\(Mova.  tvuyy.  G%oXi,g,  Smyrna  1,  p.  104). 

2)  Der  waffenschwingende  Typus. 

In  Gestalt  von  bewaffneten  Idolen  wurden 
in  ältester  Zeit  mehrere  Gottheiten  verehrt 
(wie  Apollon,  Aphrodite,  Hera);  doch  ver-  co 
schwand  diese  Bildungsweise  bald  und  blieb 
nur  für  Athene,  wo  sie  die  weiteste  Verbrei- 
■ tung  fand,  unterstützt  durch  den  in  der  Sage 
sich  immer  mehr  ausbildenden  kriegerischen 
Jharakter  der  Göttin.  Auch  dieser  Typus  der 
Athene  ist  gewifs  älter  als  Homer,  erwähnt 
wird  er  indes  nicht  bei  Homer;  derselbe  nennt 
n Troja  nur  jenes  Sitzbild  und  kennt  das  Pal- 


ladion nicht,  auf  welches  die  späteren  Sagen 
alle  die  verschiedenen  Palladien  zurückführen. 
Diese  Palladien  waren  aber  immer  bewaffnete 
stehende  Bilder.  Man  mufs  indes  unterschei- 
den, wie  die  ältere  griechische  Kunst  die  Pal- 
ladien und  auch  das  troische  dachte  — völlig 
bewaffnet  und  kriegerisch  — und  wie  das 
Kultbild  der  ’lXeceg  ’A&yvcc  in  Neu-Ilion  aus- 
sah, nach  welchem  offenbar  die  Beschreibung 
des  troischen  Palladions  bei  Apollodor  3,  12,  3 
gemacht  ist.  Dieses  letztere  war  ein  eigentümli- 
ches Mischbild;  es  hatte  geschlossene  Beine  und 
hielt  in  der  Rechten  t 6 öoqv  SiyQpivov,  in  der 
Linken  Spindel  und  Rocken;  mit  dieser  Be- 
schreibung stimmen  aber  die  Münzbilder  von 
Neu-Ilion  genau  überein,  die  von  hellenistischer 
Zeit  an  durch  die  römische  gewöhnlich  dies 
Idol  zeigen  (am  genauesten  wohl  unter  den 


Pulladioii  (nacli  Jahn , cle  ant.  Min.  simulacris • (ab.  3,  7). 

spätem  Kaisern);  denn  an  dem  Spinnrocken 
in  ihrer  Hand,  der  fälschlich  gewöhnlich  für 
eine  Fackel  oder  Schlüssel  erklärt  wird , ist 
nicht  zu  zweifeln.  Bei  Eusth.  ad  II.  Z p.  627 
wird  noch  eines  niXog  auf  dem  Kopfe  gedacht; 
schon  Jahn  hat  xroXog  verbessert;  bestätigt 
wird  dies  durch  jene  Münzen,  die  immer  den 
Polos  resp.  Kalathos  zeigen.  Dieser  sowie  der 
Spinnrocken  weist  auf  jene  friedliche  sitzende 
Athene,  deren  Tradition  ohne  Zweifel  in  der 
Gegend  geblieben  war;  der  Speer,  die  stehende 
Stellung  gehören  dem  bewaffneten  Typus  an; 
ob  diese  Mischform  erst  mit  Neu-Ilion  ent- 


691  Athene  in  cl.  Kunst  (waffenschwingend) 


Athene  in  d.  Kunst  (waffenschwingend)  692 


stand,  lasse  ich  dahingestellt.  Das  trojanische 
Palladion,  wie  es  die  ältere  griechische  Tradi- 
tion sich  dachte,  hat  wohl  nie,  weder  in  Ilion, 
noch  in  der  Umgegend  existirt;  es  ist  eben 
der  Typus,  der  in  der  alten  Zeit  in  Griechen- 
land selbst  der  weitaus  beliebteste  war. 

Man  hat  zwei  Unterabteilungen  dieses  Ty- 
pus zu  unterscheiden:  a)  mit  geschlossenen, 
b ) mit  ausschreitenden  Beinen.  Der  erstere 
ist  der  an  und  für  sich  ältere;  irgend  ein  wesent-  10 
licher  Unterschied  zwischen  beiden  waltet  nicht 
ob.  Immer  ist  der  Speer  in  der  Rechten  geho- 
ben und  gezückt,  immer  ist  die  Linke  mit  dem 
Rundschilde  bewaffnet  vorgestreckt,  der  Kopf 
in  der  Regel  vom  Helme  bedeckt;  die  Aigis 
ist  dagegen  nicht  wesentlich ; sie  fehlt  sehr 
häufig.  Das  auf  Darstellungen  des  Palladion- 
raubes vorkommende  troische  Palladion  hat 
immer  die  geschlossenen  Beine  und  ermangelt 
meist  der  Aigis  (z.  B.  Overbeck,  Gail.  her.  Bildw. 
Taf.  24,  19.  Ann.  d.  Inst.  1858,  tav.  M ■ 
Kassandravase  bei  Fröhner , coli.  Barre  pl.  6); 
es  ist  ein  Eindringen  späterer  Elemente,  wenn 
vereinzelt  die  Aigis  statt  des  Schildes  vor- 
gestreckt erscheint  (Schale  des  Hieron  Mon. 
d.  Inst.  6 , 22).  Opfer  an  Athena  in  diesem 
Typus  auf  altattischen  Vasen  (Berlin,  Furtw 
No.  1G86;  Journal  of  hell.  stud.  1, 
pl.  7).  Auf  Reliefs  (z.  B.  I).  a.  K. 

2,  214a;  Hühner,  Augustus  Tf.  2) 
und  Münzen  ist  der  Typus  mit  ge- 
schlossenen Beinen  häufig;  gewöhn- 
lich hängt  ein  kurzes  shawlartiges 
Gewand  in  steifen  Falten  von  den 
Schultern;  so  als  Beizeichen  korinthi- 
scher Didrachmen  ( Mionnet  1,  319, 

No.  992);  auf  Münzen  von  Melos,  ganz 
von  Schlangen  umzingelt  {D.  a.  II.  2, 

213;  vgl.  das  melische  Relief  Jahn 
a.  a.  0.  Tf.  3,  7 ob.  S.  690),  von  Pha- 
selis  (iE) , und  besonders  auf  denen 
von  Pergamon  (AR,  noch  des  3.  Jhh.), 
wo  indes  der  Kalathos  statt  des  Helmes  auf 
eine  ähnliche  Mischung  mit  der  Polias  deutet 
wie  in  Neu- Ilion;  auch  auf  dem  kleinen  Friese 
des  Pergamenischen  Altars  kommt  der  Typus 
als  Statue  vor,  leider  ohne  Kopf.  Zwei  Pal- 
ladien auf  später  Kupfermünze  Phokaias.  Die 
Figur  der  dem  Kleomenes  111  zugeschriebenen 
spartanischen  Münze  ( num . chron.  n.  s.  13, 
pl.  5,  3;  T>.  a.  II.  2,  224)  ist  indes  nicht  Athene 
sondern  die  bewaffnete  Aphrodite  Spartas 
(s.  Aphr.).  — Häufiger  ist  der  zweite,  der  aus- 
schreitende Typus;  ihn  zeigen  vor  allem  die 
zahlreichen  panatlrenäischen  Preisamphoren  (ob. 

S.  679),  von  denen  die  älteste  {Mon.  d.  Inst.  10, 

48  a)  bis  ins  6.  Jahrh.  heraufgehn  mag,  während 
die  jüngsten  ans  Ende  des  4.  Jahrh.  gehören. 
Die  Aigis  ist  hier  die  Regel  bis  gegen  die 
Mitte  des  4.  Jahrhds.  {Mon.  10,  47;  481,  n,  c,  eu 
cl,  b);  später  wird  sie  durch  blofse  Kreuzbän- 
der ersetzt,  an  denen  Schlangen  und  Gorgo- 
neion  befestigt  sind,  und  wird  jener  steif  ge- 
fältelte Shawl  über  die  Schultern  zugefiigt 
{Mon.  d.  Inst.  10,  47  aff.  bis  48  a).  Häufig  auf 
Münzen  namentlich  hellenistischer  Zeit;  so  auf 
denen  von  Tegea,  Thessalien,  Athen  (JE),  Me- 
tapont,  Syrakus  unter  Pyrrhos  ( Brit . Mus.  cat. 


Sic.  p.  207),  Side,  zuweilen  auch  Pergamon; 
ferner  auf  archaischer  Gemme  ohne  Aigis,  doch 
von  Schlangen  ganz  umzingelt,  D.  a.  II.  2, 
214.  Eine  eigene  Modifikation  tritt  in  den 
Münzen  Makecloniens  auf  unter  Antigonos  Go- 
natas:  statt  des  Speeres  schwingt  Athene  den 
Blitz,  und  die  Aigis  nebst  Gorgoneion  ist  auf 
dem  Rundschilde  aufgespannt ; Nachahmung 
fand  dieser  Typus  bei  den  baktrischen  Köni- 
gen (besonders  schön  auf  den  AR  des  Menan- 
der, auch  des  Apollodotos) ; ebenso  mit  Blitz, 


Athene  vom  ägin.  Tempelgiehel  (nach  Müller-  Wieseler , 
D.  a.  IC  1 Taf.  8B  Fig.  f.). 

doch  Aigis  statt  Schild  auf  dem  Arm  in  Pha- 
selis  (vE).  — In  Relief  erscheint  der  Typus 
z.  B.  auf  einer  echt  archaischen  Votivplatte 
von  der  Akropolis,  Schöne,  gr.  Bel.  No.  84. 
Auch  statuarisch  ist  er  erhalten;  in  kleinen 
Bronzen  von  der  Akropolis  {Bofs,  arch.  Aufs.  1, 
Tf.  7 = Fröhner,  not.  de  la  scülpt.  du  Louvre 
p.  140)  und  Athen  {Murray,  hist,  of  gr.  scidpt. 


' 693  Athene  in  d.  Kunst  (waffenschwingend) 

| 2,  pl.  10,  1,  fein,  dem  Kopfe  nach  bereits  gegen 
Mitte  5.  Jahrh.).  Auch  die  Statue  vom  ägineti- 
schen  Giebelfeld  {Clarac  457, 842)  gehört  hierher, 
obwohl  sie  den  Speer  nicht  hoch  gehoben  hat; 
die  Beine  sind  nur  wenig  getrennt;  die  Ge- 
wandung ist  hier  deutlich  ein  sog.  ionischer 
l Unterchiton  mit  Ärmeln  und  ein  ebenfalls  lan- 
j ges  Obergewand,  das  auf  der  rechten  Schulter 
unter  der  Aigis  geheftet,  oben  mit  einem  Über- 
] schlage  versehen  ist  und  die  linke  Brust  frei- 
lassend unter  der  linken  Achsel  durchgeht; 
dasselbe  ist  bis  da  wo  der  Überschlag  be- 
ginnt, zugenäht  und  an  keiner  Seite  offen. 
Ebenso  ferner  an  dem  Dresdener  Torso  {Cla- 
I rac  4G0,  855),  wo  die  Stellung  bereits  eine 
eigentlich  ausschreitende  ist  und  die  Lanze, 
wie  es  der  Typus  verlangt,  hoch  erhoben  war ; 
die  Gigantomachiedarstellungen  auf  dem  Ober- 
gewande  sind  hier  aus  demselben  Grunde  an- 
gebracht, wie  man  sie  auf  den  der  Polias  dar-  20 
I gebrachten  Peplos  in  Athen  stickte;  aber  die 
Absicht,  einen  solchen  oder  gar  das  Poliasbild 
I selbst  zu  kopieren,  liegt  durchaus  nicht  vor; 

die  schöne  Arbeit  gehört  noch  bester  grie- 
b chischer  Zeit  an.  Sehr  ähnlich  ist  Clarac 
462  D,  842  B (Albani),  ein  späteres  archaisti- 
sches Werk;  der  Schlangengürtel,  von  zwei 
der  Schlangen  der  hinten  lang  herabreichen- 
den Aigis  gebildet  hier  wie  dort;  ebenso  auch 
in  Bronze:  v.  Saclccn , Wien.  Br.  Tf.  8,  1 (wohl  so 
t echt  archaisch).  Ein  späteres  Motiv,  die  Ai- 
gis auf  dem  vor  gestreckten  Arm,  in  ar- 
| chaistischer  Statue  in  Neapel:  Clarac  459,  848. 

| Vereinzelt  der  Torso  Clarac  473,  899  D = D.  a. 

K.  2,  201  mit  einem  Gürtel  aus  Löwenfell  über 
: 1 der  Aigis.  Der  besterhaltene  archaische  Kopf 
der  Athene  stammt  von  der  Akropolis  ( Bötti - 
f.  j eher,  Al/giisse  in  Berlin  No.  87).  Ähnlich, mit 
1 grofsem,  vorquellendem  Auge  die  alte  Reihe 
j I der  Köpfe  der  athenischen  Münzen;  das  lockige  40 
H Vorderhaar  ist  an  denselben  immer  in  die 


Münze  v.  Athen  (nach  Friedländer-Sallet, 

Münzk.  Berlin-  Taf.  1 no.  54). 

I Stirne  herabgekämmt ; erst  in  den  späteren, 
des  „strengen“  Stiles  ist  es  in  zwei  Schleifen 
nach  den  Seiten  zurück  gestrichen;  jenen  älte- 
sten ähnlich  sind  einige  der  vorzüglichen  Sil- 
berstücke von  Pharsalos,  an  welchen  der  Helm 
I zuweilen  vorn  mit  Schlangen  besetzt  ist. 

In  Handlungen  erscheint  Athene  schon 
sehr  früh,  besonders  in  Gesellschaft  des  Herakles 
u.  a.  ihrer  Lieblingheroen.  Eine  Anzahl  der-  GO 
selben  und  zwar  gerade  der  ältesten,  hat  ein 
besonderes  typisches  Interesse,  indem  sie 
nämlich  die  Athene  waffenlos  zeigen.  Sie 
gehören  alle  mehr  oder  weniger  direkt  dem 
Kreise  altionischer  Kunstübung  an  und  sind 
uns  so  eine  Bestätigung  für  die  oben  nachge- 
wiesene pelasgisch-ionische  waffenlose  Athene. 
Voran  die  typisch  durchaus  zur  ionischen 


Athene  in  d.  Kunst  (Handlungen)  694 

Kunst  zu  rechnende  Selinuntische  Metopie  mit 
dem  die  Medusa  tötenden  Perseus;  dann  die 
zwei  chalkidischen  Vasen  mit  Inschrift  bei 
Gerhard,  A.  V.  323,  1.  2,  die  wahrscheinlich 
chalkidische  ib.  Taf.  119,  1;  die  Buccherovase 
Micali,  stör.  22;  die  altattiscbe  Arch.  Ztg. 
1882,  Tf.  9,  die  Fran^oisvase.  Ferner  wenig- 
stens nur  mit  Helm  oder  Lanze,  ohne  Schild 
und  Aigis:  die  chalkidische  Gerhard,  A.  V. 
io  95,  die  den  chalkidischen  nahe  altattische 
ib.  129 , ferner  ib.  223.  — Die  gewöhnliche 
Tracht  auf  den  schwarzfigurigen  attischen  Va- 


sen ist  der  blofse  ionische  Chiton  und  die 
grofse  den  ganzen  Oberkörper  deckende  Aigis. 

Athenes  Geburt  ward  schon  durch  die 
archaische  Kunst  fixiert;  der  ebenso  naive  als 
einfache  verständliche  Typus  zeigt  Athene  mit 
dem  einen  Beine  eben  aus  dem  Schädel  des 
Zeus  stürmisch  heraustretend , meist  in  voller 
Rüstung  (doch  ohne  Aigis  und  Helm,  z.  B. 


695  Athene  in  d.  Kunst  (sfcr.  Stiles) 


Athene  in  d.  Kunst  (str.  Stiles)  696 


Gerhard , A.  V.  1)  und  in  kleiner  Figur:  vgl. 
die  Vasen  Elite  cer.  1,  60 ff.  Gerhard,  A.  V. 
1,  1 ff.  Mon.  d.  Inst.  9 , 55,  auf  korinthisches 
Original  zurückweisend;  ferner  ein  sehr  merk- 
würdiges, altitalisches  Gefäfs  im  Louvre  (Gaz. 
archeol.  1882 — 83,  pl.  32).  Vgl.  B.  Schneider , 
Geburt  der  Athene  S.  9 ff. 

Periode  des  strengen  Stiles. 

1)  Der  ausschreitende,  die  Waffen  schwin- 
gende Typus  bleibt  auch  in  diesem  Stile  noch 
beliebt;  doch  die  Gewandung  wird  bedeutend 
vereinfacht;  dorischer  Chiton  mit  kurzem,  un- 
gegürtetem  Überschlag  ist  jetzt  die  Regel.  So 
die  schöne  Bronze  von  der  Akropolis  in 
Berlin  (. Arch . Ztg.  187.8,  Taf.  10)  und  eine 
andere  ebenda  No.  6242  ohne  Aigis;  fer- 
ner zwei  prächtige  Bronzen  im  Louvre 
(No.  38)  und  British  Museum  mit  korinthi- 
schem Helm;  auf  dem  vorgestreckten  einen 
Arm  sitzt  einmal  die  Eule , der  andere 
schwingt  die  Lanze.  Das  Vorstrecken  der 
Aigis  als  Waffe  auf  dem  linken  Arm 
kommt  in  dieser  Periode  airf,  wo  die  Ai- 
gis überhaupt  den  Schild  allmählich  ver- 
drängt. 

2)  Neu  hinzu  treten  die  immer  mehr  an 
Bedeutung  gewinnenden  ruhig  stehenden 
Typen;  die  Waffen  dienen  hier  nur  noch  als 
Attribute  und  sind  nicht  zum  Gebrauche  ge- 
zückt, der  Schild  steht  an  der  Erde  oder  fällt 
ganz  weg;  die  Lanze  wird  meistens  aufge- 
stützt und  zwar  mit  der  Linken,  so  dafs  die 
Rechte  frei  ist,  die  dann  ein  anderes  Attribut, 
namentlich'Schale  oder  Eule  trägt.  Die  Haupt- 
typen sind:  Marmorstatue  der  Akropolis  (v.  Sy- 
bel,  Katal.  No.  5003),  dorischer  Chiton  mit  ge- 
gürtetem Überschlag,  Rechte  erhoben,  Linke 
in  die  Seite  gestützt,  strenge  Stellung;  Stil  um 
460.  Figur  auf  einer  Silbermünze  von  Kama- 
rina  ( Brit . Mus.  cat.  Sic.  p.  33).  Bronzen  aus 
Campanien,  Gas.  arch.  1881  pl.  7,  ungegürte- 
ter Überschlag,  beide  Unterarme  vorgestreckt, 
und  Arch.  Ztg.  1382,  Tf.  2,  ebenso,  doch  weni- 
ger streng,  auf  der  Rechten  die  Schale;  ähn- 
lich in  Gewandung  und  strenger  Stellung  die 
gegen  460  zu  datierende  Metope  Olympias  mit 
der  Reinigung  des  Augeiasstalles  ( Ausgr . von 
Olympia  Bd.  2,  26  A).  Ein  Obergewand,  das  auf 
der  rechten  Schulter  geknüpft,  an  der  rech- 
ten Seite  offen  ist  und  einen  langen  Überfall 
hat,  ist  ebenfalls  beliebt;  es  ist  offenbar  die 
Weiterentwickelung  des  oben  in  der  archaischen 
Periode  geschilderten;  es  tritt  immer  mit  dem 
ionischen  Chiton  auf : Hauptwerk  die  Statue 
der  Villa  Albani  ( Clarac  472,  898  B) , Kopie 
nach  einer  Bronze  von  schweren  Proportionen; 
der  sehr  merkwürdige  Kopf  mit  krausem,  locki- 
gem, hinten  kurzem  Haare  und  einer  anschlie- 
fsenden  Mütze  vom  Fell  eines  Löwenkopfes 
bewahrt  im  Gesichte  strenge  Züge , die  vom 
Kopisten  jedoch  mit  anderen  des  schmalen 
späteren  Ideals  gemischt  wurden;  ohne  ge- 
nügenden Grund  wollte  man  den  Typus  pelo- 
ponnesisch  nennen.  Ferner  kleinere  Bronzen: 
Stephani,  Conipte  renäu  1867,  p.  153  und  eine 
Replik  Sachen,  Wiener  Br.  Tf.  5,  4:  in  der 
gesenkten  Linken  ruht  die  Lanze , auf  der 
Rechten  die  Eule,  rechtes  Standbein,  strenge 


Stellung;  dasselbe  Obergewand  ohne  Über- 
schlag: Sacken,  ib.  Tf.  10,  3.  3a,  der  linke 
Arm  in  die  Seite  gestützt,  die  Rechte  leer 
vorgestreckt,  anmutige  Kopfneigung.  Der  Kopf- 
typus all  dieser  Figuren  ist  streng,  doch  ziem- 
lich breit  und  voll,  der  Helm  immer  der  sog. 
attische.  Jene  Tracht  ist  aber  auch  die  in 
den  attischen  Vasen  des  strengen  rotfigurigen 
Stiles  besonders  beliebte  (das  Obergewand 
io  meist  ohne  Überschlag:  Gerhard,  A.  V.  18. 
116  126.  147.  148.  202.  203,  mit  demselben 
229).  Der  Mautel  ist  selten ; doch  zeigen  ihn 
z.  B.:  ein  Votivrelief  noch  halb  archaischen 


Atliene  (Statue  in  Villa  Albani). 


C0 


Stiles  von  der  Akropolis  (unvollständig  bei 
Schöne,  gr.  Iiel.  No.  83);  Bronze  strengeren  Cha- 
rakters : Bronzi  d'  Erc.  2,p.23,  auf  der  Rechten 
Schale  und  Eule ; treffliche  Bronze  im  Musee  Cluny 
zu  Paris  (No.  1221) , Eule  als  Trägerin  des 
Helmbusches;  auch  schon  auf  spät  schwarzfig. 
Vasen  erscheint  der  Mantel  zuweilen.  — Die 
Aigis  beginnt  freier  behandelt  und  verkürzt  zu 


G97  Athene  in  d.  Kunst  ( Pheidias  etc.) 


Athene  in  d.  Kunst  (Pheidias  etc.)  698 


werden;  die  Nachbildung  einer  strengen  Sta- 
tue auf  dem  kleinen  Friese  des  Pergamenischen 
Altars  zeigt  die  Aigis  bereits  quer  über  die 
Brust  gelegt  doch  noch  die  Hüften  bedeckend; 
die  Linke  auf  die  Lanze  gestützt,  in  der  Rech- 
ten die  Schale.  Die  Aigis  fehlt  übrigens  auch 
auf  den  Vasen  strengen  Stiles  noch  öfter  und 
wird  zuweilen  durch  ein  Gorgoneion  auf  dem 
Schilde  ersetzt.  Die  Aigis  selbst  aber  wird 
überaus  häufig  ohne  Gorgoneion  gebildet.  — 
Ein  seltenes  Motiv  ist  jetzt  das  Sitzen:  es  zeigt 
sie  so  ein  Vasenbild,  doch  offenbar  in  Remi- 
niscenz  an  statuarische  Bildungen:  Arch.  Ztg. 
1875,  S.  88,  den  Speer  in  der  Rechten,  auf  der 
vorgestreckten  Linken  die  Eule;  der  Sitz  ist 
mit  einem  Pegasos  geziert,  welcher  der  Athene 
in  der  altern  Kunst  überhaupt  enge  verbunden 
ist,  oft  z.  B.  ihr  Schildzeichen  bildet  (Benn- 
dorf, gr.  u.  sic.  Vasenb.  Tf.  31,  2 b),  der  Re- 
vers der  korinthischen  Münzen  ist  etc.  Erst 
in  dieser  Periode  endlich  begegnen  wir  der 
Athene  mit  korinthischem  Helme ; die  Reihe 
der  korinthischen  Silbermünzen  mit  dem  Kopfe 
der  Athene  (der  indes  von  einigen  für  den  der 
bewaffneten  Aphrodite  gehalten  wird)  scheint 
erst  mit  dem  strengen  Stile 
zu  beginnen  (ein  schönes 
Exemplar  der  Berliner  Samm- 
lung in  der  beistehenden  Ab- 
bildung); sehr  ähnlich  sind 
den  ältesten  derselben  die 
frühesten  vonSide.  Der  Kopf 
hat  überaus  knappe  Formen 
Korinth.  Münze  im  und  bildet  einen  scharfen 
Berliner  Kabine t.  Gegensatz  zu  dem  Typus 

der  attischen  Münzen;  das  Haar  ist  vorn  und 
am  Ohr  hereingekämmt  und  hängt  hinten 
streng  und  gerade  herab  und  nur  die  Enden 
sind  kurz  aufgebunden;  der  Helm  ist  immer 
zurückgeschoben. 

Pheidiasische  Periode. 

Hauptwerk  die  goldelfenbeinerne  Parthe- 
nos  des  Pheidias;  ausführlich  handelten  über 
dieselbe  zuletzt  K.  Lange  (in  den  Mitt.  d.  Atli. 
Inst.  6,  S.  56ff.  und  Göttinger  gel.  Ans.  1883,  St. 
10)  und  Th.  Schreiber  (in  den  Abh.  d.  sächs. 
Ges.  d.  Wiss.  Bd.  8,  545  ff.,  wo  die  vorhandenen 
Kopieen  zusammengestellt  und  kritisch  geprüft 
sind,  und  Arch.  Ztg.  1883  S.  193ff.  277 ff.);  die 
wichtigste  der  erhaltenen  Kopieenrömiscber  Zeit 
s.  in  beisteh.  Abbildg.  Das  Gewand  der  Göt- 
tin ist  der  einfache  dorische  Chiton  mit  lan- 
gem Überschläge,  über  welchem  sie  mit  Schlan- 
gen gegürtet  ist  (was  von  der  archaischen 
Periode  beibehalten  ist,  obwohl  die  Schlangen 
i nicht  mehr  von  der  Aigis  ausgehen,  die  hinten 
nicht  länger  ist  als  vorne) ; das  rechte  ist  das 
i Standbein,  das  linke  entlastet  daneben  gesetzt; 
die  Falten  einfach  und  etwas  schwer;  die  Haare 
fällen  noch  wie  in  der  archaischen  Zeit  in 
I Locken  auf  die  Brust.  Der  Kopf  zeigt  kräf- 
i tige  Formen,  etwas  hohes  Untergesicht,  mehr 
runden  und  breiten , als  länglichen  schmalen 
Umrifs;  vgl.  ein  der  Parthenos  ungefähr  gleich- 
zeitiges Köpfchen  der  Akropolis,  Mitt.  d.  Inst. 
6,  S.  188.  Tf.  7.  Der  Helm  hatte  drei  Büsche, 
deren  mittlerer  von  einer  Sphinx  und  die  seit- 
lichen von  Begasen,  nicht  Greifen,  gestützt 


wurden;  vorn  über  dem  Stirnbande  war  eine 
Reihe  von  Protomen  abgebracht  und  zwar 
wahrscheinlich  abwechselnd  von  Greifen  und 
Pferden  resp.  Pegasen;  vgl.  namentlich  das 
Goldrelief  der  Krim  Antiqu.  du  Bosph.  Gimin. 
pl.  19,  1;  Mitt.  d.  Athen.  Inst.  1883,  Tf.  15 
(wo  die  Pferdeköpfe  allerdings  Rehen  ähnlich 
sehen).  Die  späteren  attischen  Münzen,  die 
ebenfalls  auf  die  Parthenos  zurückgehen,  zei- 
10  gen  bald  Greife,  bald  Pegasen  an  dieser  Stelle 
(nicht  aber  Eulen,  wie  Lange , Mitt.  6,  S.  82 
behauptete).  Die  aufgeschlagenen  Backenklap- 
pen waren  mit  je  einem  Greif  geziert  (jenes 
Goldrelief  und  die  Gemme  des  Aspasios,  Millin, 
galt.  myth.  37, 

132.  Cadesimpr.  V X 

6,  21);  dafs  die 
Eule  auf  einer 

derselben  geses-  tr  4TA 

20  sen  habe  (wie  .. 
neuerdings  be- 
hauptet wurde, 
siehe  Mitteil.  d. 

Ath.  Inst.  1883, 

S.  304),  ist  über- 


40 


50 


Athene  (Kopie  d.  Parthenos  d.  Pheidias  aus  röm.  Zeit). 

aus  unwahrscheinlich ; ein  reiches  Halsband  und 
Go  Ohrringe  vervollständigten  den  Schmuck.  Auf 
der  vorgestreckten  Rechten  trug  sie  eine  schräg 
nach  aufsen  fliegende  kleine  Nike  mitTänie  (nicht 
Kranz);  die  Hand  war  wahrscheinlich  unter- 
stützt durch  eine  Säule;  (Schreiber  a.  a.  0.  führt 
Gründe  gegen  dieselbe  an).  Im  linken  Arme 
ruhte  die  Lanze , die  Hand  lag  auf  dem  zur 
Seite  gesetzten  Schilde,  der  mit  einem  zweiten 
Gorgoneion  (das  andere  auf  der  Aigis)  und  mit 


699  Athene  in  d.  Kunst  (Pheidias  etc.) 

Amazonomachie  aufsen  und  Gigantomachie  in- 
nen geziert  war;  auf  dem  Sohlenrande  der 
Sandalen  war  eine  Kentauromachie  gebildet; 
zwischen  dem  linken  Beine  und  dem  Schilde 
lag  die  Schlange.  Die  Basis,  deren  Funda- 
mentplatten noch  in  situ  liegen  (vgl.  Mitt.  d. 
Inst.  6,  S.  283 ff.),  war  vorn  mit  der  Geburt 
der  Pandora  geziert.  Das  Ganze  vereinigte 
die  Ideen  der  friedlichen  alten  Polias,  der  ab- 
wehrenden kriegerischen  und  der  siegreichen  i 
Göttin.  Die  Wirkung  des  Bildes  auf  die  nach- 
folgende Kunst  war  eine  ungeheuere  und  läfst 
sich  noch  ziemlich  deutlich  verfolgen.  . Zu- 
nächst iu  den  athenischen  Monumenten,  in 
zahlreichen  gröfsern  und  kleinern  Statuen  und 
Reliefs  besonders  des  vierten  Jahrli.,  die  durch 
allerlei  kleine  Varianten  hindurch  doch  jenes 
Urbild  deutlich  erkennen  lassen.  Vgl.  Schrei- 
ber a.  a.  0.  S.  575ff.  592;  von  Reliefs  s.  bes. 
Schöne,  gr.  Hel.  No.  48.  49.  55.  60.  62.  65.  75.  2 
76.  85;  mit  ionischem  Armeichiton  Michaelis 
Parth.  Tf.  15,  17;  den  Schild  am  linken  Arme: 
Bull,  de  corr.  hell.  2 , pl.  10  vom  Jahr  395. 
Bei  der  grofsen  Umwandlung  des  attischen 
Geldes  nach  Alexander  wurde  der  Kopf  der 
Parthenos  mit  seinem  reichen  Helmschmucke 
auf  die  Silbermünzen  gesetzt  (über  die  Nach- 
ahmungen desselben  Beule,  monn.  d'  Ath.  p.  90). 
Auf  den  vielen  Goldarbeiten  der  Krim  aus  dem 
4.  Jahrh.,  welche  attischen  Einflufs  bezeugen,  3 
ist  der  Athenekopf  in  mehr  oder  minder  naher 
Anlehnung  an  die  Parthenos  häufig;  aufser 
dem  schon  oben  genannten  Relief  vgl.  z.  B. 
Ant.  du  Bosph.  19,  3.  Compte  rendu  1865,  3, 
14  u.  a.  Auf  Münzen  kommen  schon  früh 
Nachbildungen  der  ganzen  Gestalt  vor:  auf 
einer  cilicischen  von  370,  s.  v.  Sallet,  numism. 
Ztsclir.  Bd.  10  1882,  S.  152.  Münze  des  An- 
tiochos  VII,  _D.  a.  K.  2,  203.  Sehr  schöne  Sil- 
bermünzen von  Side,  dem  Stile  nach  noch  vom  4 
Ende  5.  Jahrh.,  zeigen  teils  — die  strengeren 
— auf  der  Rechten  die  Eule,  teils  die  Nike ; Stel- 
lung, Gewandung,  Attribute  wie  bei  der  Parth. ; 
ähnlich  ferner  auf  guten  Bronzemünzen  von 
Thessalien;  selbst  als  Beizeichen  korinthischer 
Didrachmen  etc.  Aber  auch  die  grofse  sta- 
tuarische Kunst  in  Athen  bewegte  sich  län- 
gere Zeit  immer  um  das  Centrum  der  Parthe- 
nos, sich  ihr  bald  mehr,  bald  weniger  nähernd. 
Von  den  übrigen  Athene -Statuen  des  Pheidias  5' 
selbst  wissen  wir  leider  nichts  Genaueres.  Doch 
die  Athene  Hygieia  des  Pyrrlios,  die  vor  den 
Propyläen  stand,  wo  ihre  Basis  erhalten  ist 
(Mitt.  d.  Ath.  Inst.  5,  331),  dürfen  wir  nach 
einer  Vermutung  Löschckes  wohl  in  einem  Re- 
lief nachgebildet  erkennen  (Braun,  Vorsch.  d. 
Kunstm.  Taf.  69),  das  Athene  von  einer  grofsen 
Schlange  umwunden  zeigt,  die  sie  tränkt,  und 
besonders  den  Helmschmuck  von  der  Parthe- 
nos entlehnt.  Ein  anderer  Typus,  in  dem  man  6' 
fälschlich  die  Athene  Hygieia  vermutet  hatte 
(Mitt.  1,  287),  ist  indes  der  Parthenos  ebenfalls 
sehr  verwandt;  die  Aigis  jedoch  ist  quer  über 
die  Brust  gelegt,  indes  noch  sehr  grofs  gebil- 
det; die  Repliken  entbehren  leider  des  Kopfes 
(weder  die  Köpfe  der  Dresdener  Exemplare, 
Glarac  464,  866,  868,  noch  der  des  Kasseler 
JD.  a.  K.  2,  210  sind  zugehörig;  die  Gewan- 


Athene  in  d.  Kunst  (Pheidias  etc.)  700 

düng  ist  an  letzterem  vom  Kopisten  stark 
modernisiert  worden).  Ein  kolossaler  Torso 
aus  Pergamon  in  Berlin  weicht  fast  nur  darin 
ab  von  der  Parthenos , dafs  der  linke  Arm 
eingestützt  war;  eine  andere  Statue  von  ebenda 
etwa  aus  dem  2.  Jahrhdt.  ist  wiederum  sehr 
ähnlich , doch  ist  der  Kopf  ein  merkwürdiges 
Gemisch  verschiedener  Elemente,  die  mit  der 
Parthenos  nichts  zu  thun  haben.  — Ein  be- 
deutender attischer  Typus,  dessen  Bronzeori- 
ginal um  400  geschaffen  sein  wird,  nimmt 
wieder  das  Motiv  des  auf  der  rechten  Schulter 
gehefteten  schweren  Obergewandes  mit  Überfall 
(Diploidion)  auf : Clarac 458, 851 A,  901 ; 459, 850 ; 
320,  852;  470,  895,  D.  a.  K.  2,  202;  der  Helm 
mit  Sphinx  und  Pegasen,  die  langen  Locken 
wie  an  der  Parthenos,  der  Gesicht’stypus  be- 
reits etwas  ovaler,  die  Stirne  hoch  und  drei- 
eckig, die  Stellung  viel  bewegter  als  die 
Parthenos;  die  Linke  hoch  auf  den  Speer  ge- 
stützt; ob  es  die  bei  Plinius  gerühmte  Athene 
mit  dem  Speer  von  dem  älteren  Kephisodotos 
ist?  — Auf  ein  Original  derselben  Zeit  geht 
eine  Alabasterfigur  mit  emailliertem  Bronzekopfe 
in  Villa  Albani  zurück  (Clarac  462  C,  902),  mit 
umgeschlagnem  Mantel;  der  Kopf  der  Parthe- 
nos noch  ziemlich  nahe.  — Ein  prächtiger  Ty- 
pus ist  der  in  dem  Torso  Medici  erhaltene 
(il Ion.  d.  Inst.  3,  3 1 ; vgl.  Mitt.  5,  Tf.  7 ; Ke- 
lzule Theseion  Ho.  352),  den  man  mit  unzuläng- 
lichen Gründen  auf  die  sogen.  Promachos  des 
Pheidias  zurückführen  wollte  (Arcli.  Ztg.  1881, 
197 ff’.);  sie  hat  ionischen  Unterchiton  und  dori- 
schen darüber,  der  das  rechte  Bein  frei  läfst; 
Mantel  auf  linker  Schulter.  — Von  zahlreichen 
unbedeutenderen  Modifikationen  sei  nur  er- 
wähnt, dafs  die  kleine  quer  über  die  Brust 
gespannte  Aigis  schon  am  Westgiebel  des  Par- 
thenon ( Michaelis , Parth.  Tf.  8,  L)  vorkömmt; 
in  attischer  Statue  die  sonst  der  Parthenos 
nahe:  hei  Schöll,  Mitteil,  aus  Griech.  Taf.  1,  2. 
Sitzend,  meist  mit  unten  umgeschlagnem 
Mantel  und  mit  friedlich  abgenommenem  Helme, 
den  Schild  beiseite  gestellt,  zeigen  die  Göttin 
einige  attische  Urkundenreliefs:  Schöne,  griech. 
Bel.  No.  51.  52.  91.  92.  Durch  die  Situation 
veranlafst  ist  das  Sitzen  am  Parthenonfriese, 
wo  die  Göttin  ungegürtet  und  mit  kurz  auf- 
genommenem Haare  erscheint.  Der  letztere 
Versuch,  der  Athena  ebenfalls  wie  den  meisten 
Göttern  damals  kurze  Haare  zu  geben,  blieb 
ziemlich  vereinzelt;  korinthische  Didrachmen 
des  Übergangsstiles  (vom  strengen  zum  freien 
Typus)  indes  geben  ihr  etwa  um  dieselbe  Zeit 
auch  das  kurze  Haar.  Sitzend  ferner  an  der 
Nikebalustrade  (Kelcule,  Bai.  1882,  Tf.  2,  C.  E). 

Alle  bis  jetzt  besprochnen  Typen  haben 
den  attischen  Helm  und  den  rundlichen  Ge- 
sichtsumrifs.  Einzelköpfe,  die  mehr  oder  weni- 
ger der  Parthenos  nahe  stehen,  giebt  es  zahl- 
reiche; z.  B.  v.  Sachen,  Sculpt.in  Wien , Tf.  16, 
vgl.  Mitt.  d.  Ath.  Inst.  6,  188 ; anc.  marbles  of 
the  Brit.  mus.  1,  16.  D.  a.  K.  2,  199b  und  199; 
Comparetti,  villa  Ercolanese  tav.  20,  1 mit  einer 
am  Stirnschild  des  Helmes  angebrachten  klei- 
nen Aigis.  DieRömer  haben  eben  diesen  Athene- 
typus zu  ihrer  Roma  verwendet.  — In  man- 
nigfachen Varianten  finden  wir  ferner  diesen 


tarn 
I kitte 
I ättisc 
Ittei 
Ijei 
Isfei 
fe 
last; 

Ai 
I len  1 
pfre 
Piss 

Vk 
läset 
[feit 
I felis 

P 1 

j • 

1% 


i*l 

% 


701  Athene  in  d.  Kunst  (Pheidias  etc.) 


Athene  in  d.  Kunst  (Pheidias  etc.)  702 


Kopftypus  auf  Münzen  des  5.  und  4.  Jahrhdts. 
Durch  Alter  und  Schönheit  besonders  ausge- 
zeichnet sind  die  Silbermünzen , die  Thurioi 
und  Sybaris  zusammen  schlugen  ( Leal;e , num. 
hell.  p.  145),  und  die  von  Thurioi  selbst,  dann 
die  von  Yelia,  Heraklea  Luc.,  von  Pharsalos, 
der  Molosser  ( D . a.  K.  2,  198  f.) , von  Tegea, 
Phokaia,  Salamis  in  Cypern  u.  s.  w.  Am  Helme 
sind  oft  Greife,  Pegase,  Ken- 
tauren. Tritone,  Hippokam- 
pen,  Skylla,  oder  gar  kleine 
Flügel  angebracht.  Nicht 
selten  wird  dieser  Kopfty- 
pus von  vorn  dargestellt,  wo 
dann  der  Helm  drei  Büsche 
zu  haben  pflegt;  besonders 
i Münze  von  Herakleia.  schön  in  Yelia;  dann  das 
Prachtstück  des  Eukleides 

Iin  Syrakus  vom  Ende  des  5.  Jahrh.  ( Head , 
coins  of  Syr.  pl.  4,  10);  vgl.  ferner  Audoleon 
! in  Päonien  (Ali)  und  die  Kupfermünzen  4.  und 
I 3.  Jahrhdts.  von  Tegea,  Pharsalos,  Sigeion, 
| Priene,  Side  u.  a.  Der  breite  volle  Gesichts- 
j typus  ist  hier  besonders  deutlich. 

Noch  während  die  eben  besprochene  Typen- 
reihe in  voller  Blüte  steht , entwickelt  sich 
I eine  bedeutende  neue  Reihe,  die  ausgeht  von 
: dem  uns  durch  die  strengen  korinthischen  Mün- 
zen repräsentierten  Typus.  Aufserlich  scheidet 
sich  diese  neue  Serie  sofort  durch  den  korin- 
thischen Helm;  aber  auch  ihre  innere  Auffas- 
sung ist  verschieden ; denn  nicht  die  frische,  mu- 
! tige, sondern  die  ernste,  kluge  Göttin  schwebt 
hier  in  erster  Linie  vor.  Die  Ausdrucksmittel 
aber  werden  gewählt  im  Anschlüsse  nicht  an 
den  attischen,  sondern  an  jenen  peloponnesi- 
i sehen  Typus,  der  vergeistigt  wird.  Das  schmale 
; längliche  magere  Gesicht  mit  dem  kräftigen 
! Knochenbau,  der  herbe  Mund,  das  sinnende 
Auge,  das  streng  und  einfach  zurückgestrichene 
Haar  sind  die  Hauptzüge.  Welche  Künstler 
besonderes  Verdienst  um  diese  neuen  Typen 
hatten,  ist  ungewifs;  wahrscheinlich  war  die 
attische  Kunst  um  und  bald  nach  400  sehr 
I dabei  beteiligt.  Die  ältere  Geschichte  dieser 
| Typen  ist  noch  sehr  lückenhaft.  Auf  den  atti- 
j sehen  Reliefs  des  4.  Jahrhdts.  erscheint  der 
1 korinthische  Helm  nur  vereinzelt,  datiert  zu- 
I erst  375  (. Arch . Zty.  1877,  Tf.  15,  2). 

Auf  Münzen  finden  wir  in  Korinth  selbst 
j den  Typus  zu  Ende  des  5.  und  im  4.  Jahrhdts. 

\ zu  freier  Schönheit  entwickelt,  die  aber  doch 
j jenes  geistigen  Ausdruckes  entbehrt;  der  korin- 
thische Typus  ward  in  korinthischen  Kolo- 
nien vielfach  nachgeahmt;  man  erkennt  ihn 
leicht  an  dem  in  den  Nacken  hängenden  eigen- 
tümlichen Lederstück.  Im  übrigen  zeigen  uns 
die  Münzen  noch  im  4.  Jahrhdt.  das  Über- 
gewicht bei  weitem  auf  Seite  der  vorigen  Ty- 
pen mit  attischem  Helme;  viele  Städte,  die 
| letztere  besafsen,  gehen  erst  in  hellenistischer 
Zeit  zu  dem  mit  korinthischem  Helme  über. 
So  Thurioi,  Metapont,  Velia,  Tegea,  Phokaia, 

I Side,  Athen  ( Beule  p.  56.  87.  89).  Sonst  schön, 

; noch  aus  4.  Jahrhdt.  wohl,  in  Mantinea,  in 
1 Thessalien  bei  den  Maliensern  , in  Orthe  und 
Pelinna  u.  s.  w.  Besonders  wichtig  ward  der 
so  weithin  verbreitete  Kopf  der  Alexandermün- 


zen mit  korinthischem  Helme,  der  indes  drei 
Büsche  hat.  — Statuarisch  ist  zunächst  ein 
gewifs  noch  im  5.  Jahrhdt.  entstandener  Ty- 
pus zu  nennen,  dessen  Hauptexemplar  (nach 
einem  Bronzeoriginäl)  die  sogen.  Giustinia- 
nische  Pallas  ist  (Z>.  a.  K.  2,  205.  Clarac  465, 
875;  der  Kopf  allein  in  mehreren  Museen); 
ionischer  Chiton  und  Mantel,  der  die  rechte 
Brust  freiläfst;  die  Aigis  noch  ziemlich  grofs 
io  und  etwas  schräg  umgethan;  die  linke  Hand 
ist  leer  und  liegt  ruhig  am  Gewände  an,  der 
rechte  Oberarm  ist  gesenkt,  nur  der  Unterarm 
gehoben  und  auf  die  Lanze  gestützt;  der  korin- 
thische Helm  ist  vorn  mit  zwei  Widderköpfen 
geziert ; gefafste  Ruhe,  klare  Besonnenheit  ist 
der  Ausdruck  des  Ganzen.  — Einen  sicher  atti- 


Athene  (Statue  v.  Yelletri  im  Louvre). 

sehen  Typus,  der  um  400  entstanden  sein  wird, 
lernen  wir  durch  eine  kleine  Bronze  kennen 
( Nuove  Memorie  dell'  Inst.  1865,  tav.  9),  die 
60  Athene  mit  dem  Erichthoniosknaben  auf  dem 
Arme  zeigt,  im  dorischen  Chiton  mit  ungegür- 
tetem  Überfall,  in  Gewandung,  Haltung  und 
der  gesamten,  etwas  reichen  Auffassung  der 
Eirene  des  Kephisodotos  aufs  nächste  verwandt. 
Eine  spätere  Umbildung  desselben  Typus  ist 
eine  angeblich  aus  Kreta  stammende  Statue 
im  Louvre  mit  der  Erichthoniossehlange  im 
Anne.  Später,  doch  sehr  bedeutend  und  eft'ekt- 


703  Athene  in  d.  Kunst  (spät.  Per.) 


Atlas 


704 


voll  ist  der  Typus  der  sogen.  Athene  von  Vel- 
letri  ( Glarac  320,  851  = I).  a.  K.  2,  204;  der 
Kopf  allein  in  der  Albanischen  Büste  I).  a.  K. 
2,  198);  dorischer  Chiton,  Mantel  mit  grofsem 
dreieckigem  Überschlag  vorne,  in  der  Art  wie 
an  den  Zeus-  und  Asklepiosstatuen  so  häufig; 
majestätisch  ist  die  Rechte  hoch  erhoben  und 
stützt  wahrscheinlich  die  Lanze  auf;  die  vor- 
gestreckte Linke  hielt  wohl  die  Schale.  Der 
Kopftypus  ist  der  vollkommenste  Ausdruck 
dessen,  was  oben  als  Ideal  dieser  Typenreihe 
bezeichnet  ward.  — Die  weichliche  Richtung 
Praxitelischer  Kunst,  die  die  Götter  gerne  sich 
an  lehnend  darstellt,  hatte  auf  die  Bildung  der 
Athene  wenig  Einflufs ; in  Statuen  kommt 
Athene  nie  angelehnt  vor,  selten  in  Votivre- 
liefs, doch  schon  zu  Ende  des  5.  Jahrhdts.,  an 
ihren  Schild  bequem  gelehnt  (vgl.  Studniczlm, 
Vermuth.  zur  griech.  Kunstgesch.  1884,  S.  12,  der 
eine  Nachbildung  der  Athena  Lemnia  desPheidias 
darin  vermutet);  auch  auf  einer  älteren  Silber- 
münze von  Pharkadon  (Miowwei  2,21,154)  lehnt 
sie  am  Schilde  und  stützt  die  Rechte  in  die  Seite. 
Dagegen  hat  die  pathetische  Richtung,  wohl 
auch  noch  im  4.  Jahrh.,  einen  Typus  geschaffen, 
der  Athene  in  kriegerischerBegeisterung, 
den  Kopf  in  den  Nacken  werfend,  den  linken 
Arm  unter  dem  kühn  umgeworfenen  Mantel 
eingestützt  zeigt:  I).  a.  K.  2,  233  = Mon.  4, 
1,  3 mit  Triton  zur  Seite;  von  Einzelwieder- 

holungen  des 


Geburt , die  im  freien  Stile  indes  selten  wird, 
besonders  bei  der  Geburt  des  -Erichthonios ; 
auch  als  Statue  mit  dem  Kinde  (s.  o.  und  D. 
a.  K.  2,  236),  ferner  im  Gigantenkampf  und 
vor  allem  im  Verhältnis  zu  ihren  Lieblings- 
heroen, besonders  Herakles.  — Eine  absonder- 
liche Bildung  ist  endlich  die  geflügelte  Athene, 
über  welche  s.  Imhoof- Blumer,  Flügelgest.  der 
Athene  in  Hubers  numism.  Ztselir.  3,  1871;  sie 
io  erscheint  in  Etrurien  schon  in  Bildwerken 
strengen  Stiles,  in  Griechenland  aber  nur  in 
hellenistischer  Zeit  als  Vermischung  von  Athene 
und  Nike.  [Furtwängler.J 

Atheras  (’A& sgag),  ein  Argiver,  der  zu- 
gleich mit  Mysios  die  nach  Argolis  gekom- 
mene Demeter  gastlich  aufnahm,  Paus.  2,  35, 
3.  [Stoll.] 

Athis  (AAhg) , ein  Inder,  Sohn  der  Limnate 
(Klematie),  der  Tochter  des  Ganges,  Genosse 
20  des  Phineus,  von  Perseus  erschlagen,  Oo.  Met. 
5,  47  ff.  [Stoll.] 


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Spitz 
'des : 


4t 


Kopf  der  Athene  in  Glienicke  (nach 
Müller-  Wieseler,  D.  a.  IC.  2,  198  a). 


Kopfes  ist  eine 
der  besten  die 
in  Glienicke  Zf 
a.  K.  2,  198  a 
(s.  beistehende 
Abbildg).  Ähn- 
lich , doch  mit 
kürzerem  Man- 
tel, Glarac  470, 
894;  473,  899  C; 
471  , 900;  ver- 
wandt , doch 
mit  geneigtem 
Kopfe : v.  Sa- 
chen , Wiener 
Bronzen  Tf.  8, 7. 
— - Jenes  alte 
Motiv  der  käm- 
pfend aus- 
schreitenden A. 
endlich  lebt  fort 


in  Gestalt  der  in  den  Kampf  eilenden  Göttin 
mit  auffordernder  Gebärde.  So  die  Statue 
Glarac  462  A,  858  A;  über  die  Wiederholungen 
des  Motivs  s.  Schneider,  Geburt  d.  Ath.  S.  40  f. ; 
es  kam  wie  es  scheint,  schon  früh  in  Hand- 
lung vor ; ein  Relief  ( Schneider , ebenda  Tf.  1) 
geht  vielleicht  auf  Pheidias’  Komposition  im 
Ostgiebel  des  Parthenon  zurück;  ein  anderes 
gesellt  sie  dem  nach  Myron  kopierten  Marsyas 
{, Schneider  ebda.  S.  39). 

Hiermit  sind  die  wichtigsten  Typen  der 
Athena  erschöpft;  alles  andere  sind  abgeleitete 
Varianten,  die  nichts  wesentlich  Neues  lehren: 
die  spätere  Kunst  wiederholte  und  variierte  nur 
das  Überkommene.  — In  Handlungen  er- 
scheint Athene  aufser  in  der  Scene  ihrer  eigenen 


Atlios  (’b/ffcog),  ein  Gigant,  welcher  den  Berg 
Athos  von  Pallene  aus  an  seine  spätere  Stelle 
schleuderte,  Nileander  bei  Steph.  Byz.  ’iRtcog. 
Nach  Schot.  11.  14,  229  hatte  Poseidon  diesen 
Berg  auf  den  Giganten  geworfen.  Antipatros 
in  Anth.  Pal.  7,  748  nennt  ihn  ’A&cosvg.  [Stoll.] 
Athymbros  ('AQ-vyß gog),  Gründer  von  Athym- 
bra  in  Karien,  Steph.  Byz.  "A&v/ißga.  Derselbe 
30  heilst  Gvyßgog  bei  Et.  M.  ’Araga  und  ist  wahr- 
scheinlich Atymnos,  Hock,  Kreta  2,  327.  Prel- 
ler, Gr.  Mythol.  2,  134,  1.  [Stoib] 

Atlanteie  {Azlavzsirj),  eine  Hamadryade,  mit 
welcher  Danaos  Töchter  zeugte:  Apollod.  2, 
1 , 5.  [Roscher.] 

Atlantius  (Aildvziog),  Sohn  des  Hermes  und 
der  Aphrodite,  daher  auch  Hermaphroditos  (s.d.) 
genannt,  berühmt  wegen  seiner  Schönheit:  Hyy. 
f.  271.  [Roscher.] 

40  Allantos  ('Azluvzog),  einer  der  beiden  Ker- 
kopen  (s.  d.):  Aeschin.  Sard.  b.  Harpolcr.  s.  v. 
Keguorip  u.  Apostat.  9,  64.  [Roscher.] 

Atl  as  ('Alias)  wird  zweimal  von  Homer  ge- 
nannt, Od.  1,  52 ff.  u.  7,  245  als  Vater  der 
Kalypso , die  im  weiten  einsamen  Weltmeer 
wohnt,  wo  der  Nabel  (die  Mitte)  des  Meeres 
ist.  Od.  1,  52  heilst  er  oloocpgiov , oczs  -ffa- 
laOGiqq  näaris  ßsv&sa  olSsv , s%si  8s  is  yJovag 
aviog  yaygag,  a'i  yaiav  is  ucd  ovgavov  aycpi.s 
50  t'xovGiv  — eine  vielfachen  Deutungen  unter- 
worfene Stelle.  6lo6q)Qoov  erklären  manche  mit: 
entsetzlich,  verderbensinnend,  tückisch  (wie 
denn  seine  Tochter  Kalypso  dolosaaa,  Ssevti 
Q-sog  heifst),  andre  mit:  kluggesinnt,  allkundig' 
(icöv  blcov  rpnovuori nbr.  Kleanthes  bei  Eustaih. 
zu  Od.  a.  a.  O.)  oder  für  ovlöcpgcov  = tivy.vu- 
cpgcov  ( Nitzsch  z.  d.  St.),  so  dals  der  folgende 
Relativsatz  die  Erklärung  davon  wäre,  syn 
kann  heifsen:  er  hält,  trägt,  besitzt,  hält  in 
go  Aufsicht  (cpvldzzst.,  sTuyslsizai.  Schot,  wie  Od. 
4,  737).  Was  heifst  avzog  , was  aycpig  und 
ctpcplg  t%ovGiv  ? Die  meisten  erklären  das  letzte 
mit:  nach  beiden  Seiten  hin  auseinander  hal- 
ten ( Buttm . Lexil.  2.  S.  219);  da  jedoch  dann 
die  bildliche  Vorstellung  an  Ünklarheit  leide,  so 
nimmt  Preller,  Gr.  Mythol.  1.  S.  460  äycplg  für 
dfj.ipozrga&sv  {Od.  3,  486),  „von  mehr  als  einer 
Seite,  wie  bei  einer  Stütze,  die  ein  Gewölbe 


an  ei 


Atlas 


Atlas 


706 


705 

trägt,  auf  ganz  feste  unerschütterliche  Weise.“ 
Er  sieht  in  Atlas  einen  die  tragende  und  stützende 
Allgewalt  des  Meeres  darstellenden  Meeresrie- 
sen, der  die  tragenden  Säulen  (in  Aufsicht) 

, halte,  welche  nicht  den  Himmel  allein,  son- 
dern Himmel  und  Erde  stützen.  Auch  andre 
: sehen  die  Säulen  als  unter  der  Erde  befind- 
j lieh  und  auf  dem  Meeresgründe  stehend  an 
und  lassen  von  ihnen  den  Erdkreis  und  zu- 
gleich das  rings  darauf  aufliegende  Himmels- 
■'  gewölbe  getragen  werden , und  zwar  aggu'g, 
ringsum  am  Rande  der  Erde  oder  auf  zwei 
Seiten.  Jacobi,  Mythol.  Wörterb.  1.  S.  167 
denkt  an  die  rings  um  die  Erde  laufenden 
Spitzen  eines  mit  seinen  Wurzeln  im  Grunde 
des  Meeres  stehenden  Herges,  welche  gleich 
Säulen  den  Himmel  trügen.  Ebenso  Göttling, 
Gesammelte  Abhandlungen  1,  188  f.  Die  ge- 
wöhnlichste Vorstellung  von  den  Säulen,  welche 
Himmel  und  Erde  auseinanderhalten,  ist  die,  2 
dafs  sie,  auf  der  Erde  aufstehend,  das  Him- 
melsgewölbe an  seinem  Rande  stützen  und 
tragen,  wie  die  Säulen  eines  Saales  die  Decke, 
und  zwar  entweder  rings  um  die  Erde,  oder 
an  einer  Stelle  im  Westen,  wo  auch  Kalypso 
wohnt.  Und  danach  scheint  die  am  ungezwun- 
gensten sich  bietende  Erklärung  der  homeri- 
schen Stelle  zu  sein : Atlas,  der  gewaltige  Trä- 
ger ( zhxco ),  trägt  selbst,  d.  h.  mit  seinem  eige- 
nen Leibe , die  Säulen , welche  den  Himmel 
über  der  Erde  stützen.  Wir  erkennen  in  ihm 
mit  Preller  die  gewaltige  Tragkraft  des  Mee- 
res: ein  Meeresriese,  steht  er  im  westlichen 
Meere,  wo  auch  seine  Tochter  Kalypso  haust; 

1 als  ein  Meeresriese  kennt  er  die  Tiefen  des 
ganzen  Meeres,  wie  Proteus  (Od.  4,  385),  und 

ii  heilst  olooqiQcov,  der  tückische,  mit  Bezug  auf 

2 die  dämonische  Natur  des  Meeres,  das  immer 
■;  für  einen  Sitz  von  geheimer  Weisheit  und- 

Arglist  galt.  Mit  dieser  Vorstellung  stimmt 
im  allgemeinen  die  des  Hesiod , Theog.  517  — 

;i  520  und  746 — 749;  nur  hat  dieser  durch  Weg- 

i lassung  der  Säulen  clas  Bild  vereinfacht;  Atlas 
steht  im  äufsersten  Westen  am  Rande  der 
|Erde  vor  den  Hesperiden  und  vor  dem  Hause 
der  Nacht,  wo  Tag  und  Nacht  einander  be- 
gegnen, den  weiten  Himmel  tragend  mit  dem 
Haupt  und  unermüdeten  Händen.  Ähnlich  sind 
die  Vorstellungen  bei  den  Tragikern.  Bei 
Aeschyl.  Prometh.  348 — 350  stützt  Atlas  im  i 
Westen  die  Säule  zwischen  dem  Himmel  und 
i der  Erde  mit  den  Schultern,  er  trägt  das  Him- 
melsgewölbe auf  seinem  Rücken,  425  ff.  Fragm. 
|b.  Athen.  11,  491a.  Vergl.  Eurip.  Ion  lff 
Hippol.  738 — 744.  Here.  für.  402.  Ibykos 

i sprach  von  den  schlanken  (gudivoig)  Säulen, 

■ die  den  Himmel  tragen.  Scliol.  Ap.  Rh.  3, 
106.  Bei  späteren  Dichtern  trägt  und  dreht 
Atlas  die  Himmelskugel  oder  ihre  Axe,  Verg. 

' Aen.  4,  481.  G,  797."  8,  137.  141.  Ovid.  Met.  < 

1 2,  296.  6,  174;  vgl.  Scliol.  Aeschyl.  Prom.  347. 
428.  Scliol.  Hes.  Tlieog.  509.  Apollod.  1,  2,  3. 

2,  5,  11,  11.  Scliol.  Äp.  Rh.  4,  1396.  Hygin. 

■ f.  150.  Die  Physiologen  erklärten  ihn  als  die 
unsichtbare  Himmelsaxe  und  als  eine  leben- 
lige  Kraft  (dvdyyirj  tyipvxog),  welche  die  Last 
des  ehernen  Himmels  abhalte  auf  die  Erde  zu 
i'allen,  Eustath.  zu  Od.  1,  52  p.  1389,  59.  Ari- 

Koscher,  Lexikon  der  gr.  u.  röm.  Mytliol. 


stot.  de  mot.  an.  3.  Metapli.  4,  23.  de  coelo  2, 
1.  Als  die  Himmelskugel  oder-  auch  den  Tier- 
kreis unmittelbar  auf  dem  Haupte , auf  den 
Schultern  in  aufrechter  Stellung  tragend,  oder 
kniend  im  Begriff  die  Last  eben  aufzunehmen, 
erscheint  Atlas  gewöhnlich  in  den  noch  erhalte- 
nen Bildwerken  (s.  u.  u.  vgl.  E.  Braun , Gr.  Götterl. 
S.  156.  720),  und  auch  die  von  Pausanias  (5, 
18,  1.  11,2)  erwähnten  Darstellungen  zu  Olym- 
pia auf  dem  Kasten  des  Kypselos  und  an  der 
Schranke  des  Zeusbildes  sind  so  zu  fassen,  ob- 
gleich Pausanias  an  beiden  Stellen  den  Aus- 
druck gebraucht : ovqkvov  ncii  yrjv  ävexc ov.  Da- 
gegen zeugt  die  Inschrift  an  dem  Kasten  des 
Kypselos  selbst:  "AzXag  ö’  ovgavov  ovzog 
tu  öl  fiala  gs&ijGu.  S.  Welcher,  Götterl.  1. 
S.  74Gf.  „Man  übertrieb  sprüchwörtlich  und 
liefs  den,  der  den  Himmel  tragen  konnte,  auch 
noch  die  Erde  aufladen,  ohne  danach  zu  fra- 
gen, ob  sich  dies  im  Bilde  ebenso  gut  verbin- 
den liefse , als  es  in  der  Sprache  leicht  und 
oft  genug  zusammengeht.“  Als  der  gewöhn- 
liche Standort  des  Atlas  gilt  der  äufserste 
Westen  bei  den  Hesperiden  (s.  d.),  wo  der  Him- 
mel sich  auf  die  Erde  senkt,  an  der  Grenze  des 
Lichts  und  Dunkels,  den  Gegenden  des  Ur- 
sprungs und  Abgrunds  von  Himmel  und  Erde, 
wo  „die  Gegenden  der  grofsen  geträumten  Glück- 
seligkeiten sich  zusammendrängen“.  Völclcer, 
Iapet.  Geschl.  S.  313.  Preller,  Mytliol.  1.  S.  32 f. 
460  f.  Bei  Apollodor  (2,  5,  2 u.  11)  befinden 
sich  Atlas  und  die  Hesperiden  im  Lande  der 
Hyperboreer,  die  man  also  wohl  vom  Norden 
nach  dem  Westen  hin  gerückt  zu  denken  hat 
( Völclcer  a.  a.  O.).  — Hesiod.  Theog.  507  ff. 
nennt  den  Atlas,  den  mutigen  ( kqcczeqocpqcov ), 
einen  Sohn  des  Iapetos  und  der  Okea- 
nine  Klymene,  Bruder  des  übermütigen  (vßgi- 
czfig)  Menoitios,  des  Prometheus  und  Epime- 
theus;  der  physische  Träger,  wofür  man  Atlas 
ursprünglich  halten  mufs,  ist  somit  in  die 
ethische  Sphäre  hineingezogen,  in  den  Kreis 
der  Titanen  und  speziell  in  die  Familie  des 
Iapetos,  in  deren  einzelnen  Gliedern  Eigen- 
schaften und  Zustände  der  gewaltigen  Men- 
schennatur personificiert  sind.  Atlas,  der  Ti- 
tane, wird  zum  Symbol  kühner  Ausdauer  und 
hartnäckigen  unbeugsamen  Strebeüs.  Unstatt- 
haft aber  erscheint  es,  dafs  man  ihn  für  eine 
Personifikation  kühner  Schiffahrt,  der  Bewäl- 
tigung des  Meeres  durch  menschliche  Kunst 
erklärt,  wie  Völclcer,  Iapet.  Geschl.  S.  51  ff,  wel- 
chem 0.  Müller  (Proleg g.  191),  Roul-Rochette, 
G.  Hermann  (de  Atlante ),  Nägelsbacli  beistim- 
men. Nägelsbach,  hom.  Theologie  S.  81  ff  nimmt 
den  Atlas  (wie  den  Proteus  im  Osten)  speziell 
für  den  Repräsentanten  der  phönikischen  Schiff- 
fahrt und  glaubt  in  den  Säulen  des  Atlas  ge- 
radezu die  des  Herakles  sehen  zu  müssen. 
Hesiod.  Theog.  507  ff.  sagt  nichts  Schlimmes 
von  Atlas;  allein  nach  dem  Zusammenhang 
des  Ganzen  und  speziell  nach  den  Worten: 
ovqccvÖv  £%el  npazsgrj g vn  avcryngg  (V.  517) 
erscheint  das  Tragen  des  Himmels  doch  als 
eine  Strafe,  welche  in  dem  Mifsbrauch  seiner 
Geisteskräfte  ihren  Grund  haben  mufs.  Vgl. 
Pindar.  Pytli.  4,  288 ff.  Welcher,  Götterl.  1. 
S.  749.  Aus  der  Verbindung,  in  der  er  bei 

23 


707 


Atlas 


Atlas 


708 


Aesch.  Prometh.  347  und  427  mit  Prometheus 
und  Typhon  steht,  ersieht  man,  dafs  er  •wegen 
Widersetzlichkeit  gegen  die  Olympier  gestraft 
ist,  „im  Fluche  diamantener  Banden  duldet“, 
ln  Bildwerken  kommt  er  als  Büfser  neben 
Prometheus  vor,  Müller,  Benlcm.  2.  n.  825. 
Dies  Vergehen  ist  als  Teilnahme  an  dem  Tita- 
nenkampfe gefafst.  Ilygin.  f.  150  läfst  ihn 
Anführer  im  Kampfe  gegen  Zeus  sein.  Vgl. 
Eustath.  p.  1390,  23.  Quint.  Sm.  11,  419  ver- 
wechselt die  Titanen  mit  den  Giganten.  — 
Homer  und  die  älteren  Dichter  fassen  den  At- 
las durchaus  als  Person  und  geben  keine  Ver- 
anlassung, seine  Entstehung,  wie  viele  thun 
( Jacobi , Göttling,  Nitzsch  z.  Od.  1,  52.  Braun, 
Gr.  Götterl.  S.  155),  aus  der  Vorstellung  eines 
den  Himmel  stützenden  Berges  abzuleiten.  Erst 
spätere  Deutung  machte  den  Atlas  zu  einem 
Berg,  wohl  nicht  lange  vor  Herodot  ( Welcher , 
Götterl.  1.  S.  751).  Dieser  spricht  4,  184  von 
einem  schmalen,  ganz  runden,  über  die  Wol- 
ken ragenden  Berge  in  dem  nordwestlichen 
Afrika,  welcher  bei  den  Einwohnern  (Atlan- 
tes)  Atlas  und  Säule  des  Himmels  heifse.  Eine 
Erfindung  griechischer  Geographen.  Auch  Eu- 
ripides  soll  einen  Berg  Atlas  erwähnt  haben 
( Syncell . Chronogr.  p.  149  d.  ed.  Bonn.  p.  283) ; 
doch  hielt  er  die  Person  und  den  Berg  be- 
stimmt auseinander.  Im  nordwestlichen  Afrika 
nun  fixierte  man  seitdem  den  Standpunkt  des 
Atlas  und  benannte  nach  ihm  das  Atlantische 
Meer  und  die  fabelhafte  Insel  Atlantis  ( Plato 
Tim.  p.  24  f.  Critias  p.  108  ff.  Plin.  N.  H.  6, 
31,  36.  Preller,  Mythol.  1.  S.  463).  Man  er- 
zählte , wie  der  mythische  Atlas , ein  reicher 
König,  Besitzer  grofser  Herden  und  der  schö- 
nen Hesperidengärten , von  Perseus  mit  dem 
Medusenhaupte  in  einen  Berg  verwandelt  wor- 
den sei,  der  den  Himmel  mit  den  Sternen 
trägt,  Ov.  met.  4,  631  ff.  Lucan.  9,  654.  Vgl. 
Eudocia  p.  16.  Verg.  Aen.  4,  245.  Biod.  3, 
60.  Nach  dem  Dithyrambendichter  Polyidos 
war  Atlas  ein  libyscher  Hirt,  der  von  Perseus 
durch  die  Gorgo  versteinert  ward,  Tzetz.  Ly- 
Icophr.  879.  Exeg.  II.  132,  18.  Et.  M.  164,  20. 
Die  euhemeristische  Auffassung,  die  den  Atlas 
zum  König  oder  Hirten  machte , ging  noch 
weiter  und  erklärte  den  klugen  Himmelsträger 
für  einen  Astronomen,  der  die  erste  Himmels- 
kugel verfertigt  haben  sollte,  für  einen  Mathe- 
matiker, einen  Philosophen,  einen  weisen  Sän- 
ger , von  dem  Homer  und  Hesiod  stammen 
sollen,  für  einen  Weissager,  Xenagorash.  Schol. 
Ap.  Bh.  4,  264.  Diod.  3,  60.  4,  27.  Plin.  X. 
H.  7,  56.  Paus.  9,  20,  3.  JDiog.  Laert.  prooem. 
§.  1.  Tzetz.  Lyhophr.  873.  Eustath.  p.  1390, 
16.  26.  Serv.  Aen.  1,  741.  Suid.  v.  'Haioäog. 
Verg.  Aen.  1,  740  ff.  nennt  den  Sänger  Iopas,  der 
vom  Laufe  der  Sonne  und  des  Mondes  u.  s.  w. 
singt,  einen  Schüler  des  Atlas.  Vgl.  V Sicher, 
lapet.  Geschl.  S.  55ff._  Über  sein  Abenteuer  mit 
Herakles  s.  d.  — Über  die  Abstammung 
des  Atlas  finden  sich  aufser  der  von  Iapetos 
und  Kly mene  {lies.  Theog.  507  ff.  Hygm.  praef.) 
noch  folgende:  er  ist  Sohn  des  Iapetos  und 
der  Okeanine  Asia,  Apollod.  1,  2,  3.  Schol. 
Ap.  Bh.  1 444,  oder  der  Okeanine  Aithera,  Tim. 
b.  Schol.  II.  18,  486;  Sohn  des  Aither  und  der 


Ge,  Ilygin.  praef.,  des  Aither  und  der  Hemera, 
Serv.  Aen.  4,  247;  Sohn  des  Hesperos,  Biod. 
4,  27;  Sohn  des  Uranos,  Bruder  des  Kronos, 
Biod.  3,  60;  Sohn  des  Coelus  und  der  Kly- 
mene,  Theon  b.  Schol.  Arat.  255  ff. ; Sohn  des 
Poseidon  und  der  Ivleito,  Plat.  Grit.  p.  114. 
Als  Kinder  (s.  Völclcer,  lapet.  S.  67 ff.)  hatte 
er  von  Pleione,  der  Tochter  des  Okeanos,  (oder 
von  Hesperis , Biod.  4,27,  oder  von  Aithra 
Ilygin.  f.  192)  die  Pleiaden,  Bes.  Opp.  383. 
Hygin.  praef.  Simonides  b.  Athen.  11,  80.  Apol- 
lod. 3,  10,  1.  Ovid.  Fast.  5,  83.  Schol.  Ap.  Bh. 
3,  225;  ferner  von  Pleione  oder  Aithra  die  Hya- 
den,  Ilygin.  f.  192.  Ovid.  Fast.  5,  169;  von  He- 
speris die  Hesperiden,  Biod.  4,  27.  Hyas  und 
Hesperos  heifsen  seine  Söhne , Schol.  II.  18, 
486.  Schol.  Arat.  254.  Biod.  3 , 60.  Ovid. 
Fast.  5,  170.  Tzetz.  Lylcoplir.  879.  Hygin.  f. 
192.  Dione,  Gemahlin  des  Tantalos,  ist  des 
Atlas  Tochter,  Hygin.  f.  83.  Bei  Schol.  Eu- 
rip.  Phoen.  1129  ist  Hesione  seine  Gattin,  Mut- 
ter der  Elektra.  Nach  dem  Vasengemälde 
Müller,  Benlcm.  2,  n.  828  wird  man  Selene  als 
Gattin  des  (arkadischen  Königs)  Atlas  ansehen 
müssen.  Welcher,  Götterl.  1 S.  753,  Anm.  23. 
Völclcer,  lapet.  S.  66  nennt  den  Hund  Orthos 
Sohn  des  Atlas  wegen  Schol.  Ap.  Bh.  4,  1399; 
aber  die  Worte  oi  de  ’ 'Azhxvxog  Xeyovai  wer- 
den sich  auf  die  etwas  früher  genannten  He- 
speriden beziehen.  Wegen  der  Pleiaden,  deren 
eine  die  arkadische  Maia  ist , wurde  der 
mythische  König  Atlas  auch  nach  Arkadien 
versetzt,  Apollod.  3,  10,  1.  Bionys.  Antiqu.  1, 
61.  Völclcer,  lapet.  S.  lOOff,  Welcher,  Götterl. 
1.  S.  752f.  Auch  zuTanagra  in  Böotien  loka- 
lisierte man  den  Atlas  aus  dem  einfachen  Grunde, 
weil  dort  ein  Deiikmal  des  Orion  war,  des  Ver- 
folgers der  Pleiaden , ferner  weil  dort  ein 
Berg  Kerykion  war , auf  welchem  Maia  den 
Hermes  geboren,  und  wegen  eines  dort  be- 
findlichen Ortes  Polos  (Himmelskugel).  Da 
habe  Atlas  (oloocpQcav)  gesessen  in  tiefen  Be- 
trachtungen über  die  Dinge  über  und  unter 
der  Erde,  Paus.  9,  20,  3.  Von  Servius  {Acn. 
8,  134)  wird  ein  dreifacher  Atlas  genannt,  ein 
maurischer , ein  italischer  (Italien  war  den 
Griechen  Hesperien),  der  Vater  der  Elektra, 
von  welcher  Dardanos  stamme,  und  ein  arka- 
discher, der  Vater  der  Maia.  — Vgl.  im  all- 
gemeinen : Völclcer , Mythol.  des  lapet.  Ge- 
schlechtes (1824)  S.  49 — 107.  243.  Letronne, 
sur  les  idees  cosmographiques,  qui  se  rattachent 
au  nom  d' Atlas.  Ann.  dell'  Inst.  (1830)  p.  159 
— 174.  B.  Bochctte,  memoire  sur  les  represen- 
tations  figurees  du  personnage  d' Atlas.  Paris 
1835.  Heffter,  Atlas,  eine  antiquar.  Ahh.  in 
Allg.  Schulzeitung  1832,  2.  No.  74—76.  G.  Her- 
mann , de  Atlante,  Opusc.  7,  p.  241—259. 

0.  Müller,  Proleg g.  S.  118.  191.  Handh.  d. 
Arcli.  (2.  Aufl.)  396,  1.  Benlcm.  2,  n.  822  — 829. 
Schümann,  des  Aeschyl.  gef.  Prometheus  S.  302. 
Opusc.  Ac.  2,  p.  331  ff.  Gerhard,  Archemoros 
und  die  Hesperiden , Berl.  Akad.  1836.  S.  284 
— 321  und  König  Atlas  im  Hcsperidenmythus, 
Berl.  Ak.  1841.  S.  109  ff.  Preller,  gr.  Mythol3 

1.  S.  460.  E.  Braun,  griech.  Götterl.  S.  155  ff. 
Welcher,  gr.  Götterl.  1.  S.  743  ff.  Bcrgh,  die 
Gehurt  d.  Athene , in  Jahns  Jahrhh.  81.  S.  4lGft. 


709 


Atlas  (in  d.  Kunst) 


Atlas  (in  d.  Kunst) 


710 


J.  Wetter,  d.  Mythus  v.  Atlas  u.  seine  neueren 
Deutungen.  1858.  [Stoll.] 

Atlas  in  der  Kunst 

tritt  schon  sehr  früh  auf.  Am  amykläischen 
Throne  {Paus.  3,  18,  10)  stand  er  bei  der 
Scene  des  Raubes  seiner  Tochter  Taygete  durch 
Zeus.  Den  Himmel  tragend  sah  man  ihn  am 
Kypseloslcasten  {Paus.  5,  18,  4),  und  zwar  in 
der  Scene  des  Zusammentreffens  mit  Herakles, 
die  späterhin  der  Hauptanlafs  zur  Darstellung 
des  Atlas  bleibt  (s.  Herakles).  Statuarische 
Werke  aus  Holz  waren  der  den  Himmel  tra- 
gende Atlas  nebst  Herakles  und  den  Hesperi- 
den  von  Theokies  und  Hegylos  {Paus.  0,  19, 
8),  alten  Meistern  aus  der  Schule  der  kreti- 
schen Dädaliden  Dipoinos  und  Skyllis.  Eine 
ausreichende  Vorstellung  von  diesen  Werken 
giebt  uns  eine  altertümliche  Schale  {Ger- 
hard, auserl.  Vas.  8G  ==  Denlcm.  a.  K.  2,  825; 
vergl.  Arch.  Ztg.  1881,  S.  218  No.  2),  wo 
Atlas  gebeugt  von  der  Last  mit  eingeknickten 
Knieen,  mit  Kopf  und  Armen  den  Himmel,  der 
wie  ein  Fels  gestaltet  ist,  trägt,  ganz  wie 
Hesiod  ihn  schildert.  Den  rechten  Arm  hat 
er,  um  ihm  einen  Halt  zu  geben,  in  die  Seite 
gestützt;  er  ist  bärtig  und  hat  lang  herabwal- 
lendes  Haar  mit  Binde;  die  Schlange  hinter 
ihm  ist  eine  dem  Stile  dieser  Vasen  eigene 
rein  dekorative  Zuthat.  Interessant  ist  hier 


Hesperide,  Herakles  u.  Atlas , die  Hesperidenäpfel 
haltend  (Metope  v.  Olympia). 

seine  Gegenüberstellung  mit  Prometheus,  dem 
andern  Titanen,  der  wie  Atlas  nach  älterer 
Vorstellung  fern,  irgendwo  an  den  Enden  der 
Erde  büfst.  Für  die  Vasengattung,  der  diese 
Schale  angehört,  hat  man  kyrenäischeu , und 
neuerdings  kretischen  Ursprung  vermutet.  Über 
‘Atlas  in  alter  Dädalidenkunst  überhaupt  s. 
Milchhöf  er,  Anfänge  der  gr.  Kunst  S.  167.  168. 
179.  — Es  folgt  unter  den  erhaltenen  Monumen- 
ten gleich  die  neuerdings  so  vorzüglich  erhalten 
aufgefundene  Metope  von  Olympia  (s.  d.  Ab- 
bildg.  u.  vgl.  Mitteilungen  Taf.  11,  S.  206 ff.),  die 
bei  Paus.  (5,  10,  9)  offenbar  falsch  gedeutet 
ist,  indem  nicht  Atlas  der  Himmelsträger  ist, 


sondern  Herakles,  dem  eine  Hesperide  dabei 
freundlich  hilft,  während  Atlas  mit  den  Äpfeln 
ihm  gegenüber  steht;  beide  sind  ganz  nackt, 
doch  ist  Atlas  von  Herakles  durch  das  län- 
gere herabfällende  Haar  und  eine  Binde  deut- 
lich unterschieden  und  als  würdiger  König  ge- 
kennzeichnet. Auch  eine  attische  Vase  vom 
Ende  des  5.  Jahrhdts.  scheint  Atlas  als  König 
mit  Mantel  und  Scepter  darzustellen  neben 
io  einer  Hesperide  und  dem  von  Herakles  be- 
raubten Apfelbaum  {Annal.  cl.  Inst.  1859  tav. 
GH),  und  auf  einem  spätem  apulischen  Vasen- 
fragment erscheint  Atlas  gar  thronend  in  vol- 
ler königlicher  Gewandung  ( Gerhard , ges.  alc. 
Abh.  Taf.  19).  Das  Gewöhnliche  blieb  aber, 
Atlas  den  Himmel  tragend  darzustellen.  Stren- 
geren Stil  zeigt  noch  ein  etruskischer  Spiegel 
{Gerhard,  eir.  Sp.  Taf.  137  = Denlcm.  a.  K.  2, 
827),  wo  Atlas  von  vorn  gesehen  dasteht  und 
20  mit  dem  Nacken  und  beiden  Armen  den  noch 
nicht  als  Kugel,  sondern  mehr  als  Fels  gebil- 
deten Himmel  trägt, 
während  Herakles 
mit  den  Äpfeln  da- 
voneilt. Eine  atti- 
sche Amphora  schö- 
nen Stiles  mit  At- 
las einer  Sjhinx  ge- 
genüber {Bull.  Nap. 

30  4, 5 = Denlcm.  a.  K. 

2 , 824)  ist  offenbar 
sehr  restauriert  oder 
übermalt  und  bedarf 
erst  erneuter  Unter- 
suchung. Eine  Am- 
phora, die  in  Cam- 
panien  selbst  ge- 
macht wurde,  fafst 
Atlas  würdelos,  ja 
40  skurril  auf,  giebt 
ihm  Satyrohren  und 
läfst  ihn  mit  weit- 
gespreizten Knie- 
en unter  der  Last 
niederkauern 
{Gerhard,  ges. 
alc.  Abli.  Taf. 

20,  4 bis  6). 

Ganz  auf- 
50  recht,  ja  steif- 
stehend sehen 
wir  ihn  den 
Himmel  tra- 
gen auf  einem 
grofsen  apulischen  Prachtgefäfse  {Gerhard, 
ges.  alcad.  Abh.  Taf.  2).  In  den  letztge- 
nannten Beispielen  ist  der  getragene  Him- 
mel bereits  kugelförmig  und  mit  Sternen  und 
dgl.  verziert.  — Erst  die  hellenistische  Kunst 
60  indes  schuf  einen  statuarischen  Typus  des  At- 
las. Nicht  aufrecht  bildete  sie  ihn , sondern 
gedrückt  unter  der  Last  fast  zusammenbrechend 
und  das  eine  Knie  aufstützend;  die  Kugel  liegt 
im  Nacken  auf  und  wird  von  beiden  Händen 
in  ihrer  Lage  festgehalten;  der  Kopf  blickt 
gedrückt  und  gequält  unter  der  Kugel  empor ; 
Haar  und  Bart  sind  verwildert ; kurz , es  ist 
nicht  der  würdige  König,  es  ist  der  büfsende 

23* 


Marmor statue  in  Neapel  (vgl.  Müller- 
Wiesele r 2,  822). 


711 


Atlit.es 


Atreus 


712 


Titan  zum  Ausdruck  gelangt.  Am  vollstän- 
digsten ist  eine  Statue  in  Neapel  erhalten 
(Mus.  Borb.  5,  52  = Clarac  793,  1999  A),  ob- 
wohl das  ganze  Gesicht  an  ihr  modern  und 
nur  der  Bart  alt  ist.  Ein  kolossaler  Torso  zu 
Neapel,  welchem  ein  Arm  im  Palazzo  Farnese 
zu  Rom  anpafst  (in  Berlin  im  Abgufs  kürz- 
lich nach  K.  Langes  Angabe  zusammengefügt), 
ist  wohl  der  beste  Atlas  dieses  Typus;  die 
Himmelskugel  fehlt,  doch  der  Kopf,  den  Per- 
gamenischen Giganten  ähnlich,  ist  wohl  erhal- 
ten. Sehr  restauriert  ist  der  Atlas  der  Villa 
Albani.  In  Relief  erscheint  der  Typus  z.  B. 
in  Sparta  aus  römischer  Zeit  ( Mitt . d.  Atli. 
Inst.  2,  S.  417  No.  257);  auch  in  Gemmen 
wurde  er  wiederholt,  und  Philostrat  schildert 
denselben  auf  . einem  Gemälde  ( imag . 2 , 20). 
Die  Münze  Mionnet  5 Suppl.  p.  197,  No.  1162 
ist  indes  gefälscht. 

Der  tragende  Atlas  wurde  das  Urbild  aller 
tragenden  Gestalten,  und  so  nannte  man  At- 
lant es  alle  die  Gebälk  tragenden  männlichen 
Figuren;  doch  gewifs  erst,  seit  man  in  helle- 
nistischer Zeit  überhaupt  technische  Ausdrücke 
für  gewisse  Gattungen  von  Kunstwerken  schuf, 
wie  man  eine  Statuenklasse  Achilleische  nannte. 
Statt  Atlantes  hatte  sich  in  Rom  zu  Vitruvs 
Zeit  eine  andere  griechische  Bezeichnung  der- 
selben Stützfignren , Telamones  , festgesetzt 
( Vitr . 6,  10).  Da  diese  Figuren  indes  mit  At- 
las selbst  nichts  zu  thun  haben,  sondern  je- 
weils ihre  besondere  Bedeutung  hatten  (beson- 
ders beliebt  waren  Giganten , Satyrn  , Silene, 
Barbaren  u.  a.),  so  gehört  ihre  Besprechung 
auch  nichthierher  (vgl.  über  sie  besonders  E.  Cur- 
tius  in  Arch.  Ztg.  1881,  S.  14ff. ).  [Furtwängler.] 

Atlites  (AzlCzygl),  zw.  Name  einer  der  Söhne 
des  Aigyptos  (s.  d.):  Hyg.  f.  170.  [Roscher.] 

Atramus  (’Azgagovg  = ”A8gagvgl) , Pelasger, 
Vater  der  Thebe , Gründer  und  Eponymos 
von  Adramyttion:  Lik.  b.  Schol.  II.  6,  396. 

[Roscher.] 

Atrans,  tis  m.,  die  wohl  celtische  Gottheit 
der  statio  Atrantina  (Trojana  hei  S.  Oswald) 
auf  der  Grenze  von  Noricum  und  Italien.  C.  I. 
L.  3,  5117 : Atranti  Aug.  sac  Fortunatus  C.  An- 
toni  Rufi  proc.  Aug.  ser.  vil.  v.  s.  I.  m.  Viel- 
leicht gehört  auch  5118  hierher;  wo  Mommsen 
statt  F VANTFf  ebenfalls  Atranti  setzen  will. 
Zu  vergleichen  ist  Honor  stationis  Atrantinae 
C.  I.  L.  3,  5123.  Möglicher  Weise  hängt  Atrans 
mit  dem  in  dem  altirischen  atliramil,  adra- 
mail,  adthramli  erhaltenen  Wortstamme  zusam- 
men , wogegen  die  verschiedene  Form  des 
t-Lautes  nichts  beweisen  würde,  da  auch  Ad- 
rans  ( It . Ant.)  oder  Adrema  ( Zosim . 2,  45)  ge- 
schrieben wird.  [Steuding.] 

Atrax  ('Azga’g) , 1)  Lapithe,  Sohn  des  Pe- 
neios  und  der  Cura,  Gründer  von  Atrax  in 
Thessalien  ( Steph . Byz.  s.  v.),  Vater  der  Hip- 
podameia,  der  Gemahlin  des  Peirithoos,  und 
der  Kainis,  welche  nach  Poseidons  Willen  zum 
Manne,  dem  Lapithen  Kaineus,  wurde,  Anton. 
Lib.  17.  Ovid.  Heroid.  17,  248;  vgl.  Schol. 
Stat.  Theb.  1 , 106.  S.  Kaineus  u.  Hippoda- 
meia.  — 2)  Vater  der  Damasippe,  der  Gattin 
des  Königs  Kasandros  in  Thrakien,  Ps.-Plut. 
de  /luv.  3,  1.  [Stoll.] 


Atrene  (’Azggvrf),  Tochter  des  Kyklopen  Ar- 
ges und  einer  phrygischen  Nymphe,  Schwester 
des  Deusos  und  Atron.  Nach  ihr  (oder  Atron) 
wurde  die  Stadt  Atrene  benannt,  Philostepha- 
nos  b.  Steph , Byz.  s.  v.  [Stoll.] 

Atreus  (’Azgsvg),  Sohn  des  Pelops  und  der 
Ilippodameia  (Verzeichnis  aller  Kinder  dersel- 
ben beim  Schol.  Eur.  Or.  5),  Enkel  des  Tan- 
talos , älterer  Bruder  des  Thyestes.  In  der 
Ilias  (2,  105)  giebt  Zeus  das  von  Hephaistos 
gemachte  Scepter  dem  Hermes,  der  es  dem 
Pelops  bringt;  von  diesem  geht  es  auf  Atreus 
über  (8cok  ’AzgsC  noLytvi  lotcöv  • ’Azgsvg  8s 
fh’rjoxojv  ’ilmsv  nolvccgvi  (Ovsozy),  also  eine 
ganz  friedliche  Aufeinanderfolge  und  natür- 
licher Tod.  Erst  in  der  epischen  Alkmaionis 
(fr.  7 ; Schol.  Eur.  Or.  988)  war  der  Hader  des 
Atreus  und  Thyest  geschildert.  Aus  Zorn 
wegen  des  Todes  seines  Sohnes  Myrtilos  durch 
Pelops  hat  Hermes  hier  dem  Atreus  ein  gold- 
wolliges Schaf  durch  einen  Hirten  (dessen 
Name  mit  ’Avz.  . . begann)  zugesandt.  Phere- 
Tcydes  hatte  nicht  den  Zorn  des  Hermes  als 
Grund  angegeben.  Hellanikos  (fr.  42  Muell., 
Schol.  II.  2,  105;  vgl.  Schol.  Eur.  Or.  812)  be- 
richtete, wohl  nach  epischen  Quellen,  dafs 
Atreus  und  Thyest  zusammen  mit  der  Mutter 
Hippodameia  den  Stiefbruder  Cln-ysippos,  den 
Pelops  mit  einer  Nymphe  gezeugt  (Axioche 
nach  Schol.  Find.  Ol.  1, 144.  Schol.  Eur.  Or.  5), 
ermordeten  (sie  erstickten  ihn  in  einem  Brun- 
nen, Schol.  Eur.  Or.  812,  5),  worauf  Atreus 
und  Tbyest  vertrieben  und  ihnen  von  Pelops 
geflucht  wird;  sie  zerstreuen  sich  aus  Pisa; 
nach  dem  Tode  des  Pelops 'kommt  Atreus  als 
der  ältere  und  bemächtigt  sich  ovv  ozgazm 
nollm  des  Landes  (Pisa).  Nach  Schol.  Eur. 
Or.  5 wohnen  Atreus  und  Thyest,  von  Pisa 
vertrieben,  in  Makestos  in  Tripkylien,  wo 
Atreus  die  Kleola,  die  Tochter  des  Dias,  heira- 
tet, die  ihm  von  ihrem  früheren  Gatten  Pleistlie- 
nes  die  Söhne  Agamemnon  und  Menelaos  zu- 
bra.chte,  vgl.  Tzetz.  II.  p.  68.  Thukydides  1,  9 
berichtet  auf  die  Autorität  der  za  oaepsozaza 
FLeXoTiovvrjGicov  fivrgiy  nagu  zäv  ngozsgov  8s- 
8syysvoi,  dafs  Atreus  fliehend  vor  dem  Vater 
8 La  zöv  XQvGLTinov  &avazov  nach  Mykenai  ge- 
flohen sei;  denn  er  war  ggzgog  aSsXcpog  des 
hier  herrschenden  Eurystheus  (dessen  Mutter 
Nikippe  Atreus’  Schwester  war);  diese  über- 
giebt  dem  Onkel  die  Herrschaft  beim  Auszug 
gegen  die  Herakliden ; da  er  nicht  wiederkehrt, 
behält  sie  Atreus  im  Einverständnis  mit  den 
Mykenäern.  Eine  andere  Version  (bei  Apollo- 
dor 2,  4,  6)  läfst  Sthenelos  , den  Vater  des 
Eurystheus,  den  Atreus  und  Thyest  herbeiru- 
fen und  ihnen  Midea  übergeben,  während  er 
Tiryns  und  Mykenai  beherrscht.  Nach  Paus. 
6,  20,  7 geht  selbst  Hippodameia  wegen  des 
Todes  des  Ckrysipp  nach  Midea.  Vgl.  Strabo  8, 
p.  377.  Mykenai  fällt  an  die  Pelopiden,  die  au# 
der  Pisatis  kommen.  Der  Tod  des  Ckrysipp 
ward  auch  eine  beliebte  tragische  Fabel:  vgl. 
Ilygin  f.  85,  wo  Hippodameia  sich  dann  selbst 
tötet;  auch  die  Version  des  Historikers  Dosi- 
theos (fr.  7 Muell.),  wo  Hippodameia  selbst 
den  Mord  an  Chrysipp  begeht,  ist  eine  tra- 
gische; vgl.  Welcher,  gr.  Trag.  536.  Ribbeclc, 


713 


Atreus 


Atreus 


714 


röm.  Trag.  S.  444  ff.  über  die  Tragödie  des 
Accius.  — Besonders  reich  ausgebildet  ward 
in  der  Tragödie  indes  der  Bruderzwist  des 
Atreus  und  Thyest,  der  zwar  bereits  im  spä- 
teren Epos  gegeben  war  (s.  o.)  aber  von  den 
Tragikern  überaus  mannigfach  ausgesponnen 
ward.  Leider  können  wir  die  verschiedenen 
Versionen  in  den  wenigsten  Fällen  bestimm- 
ten Dichtern  zuweisen.  Gewifs  ein  sehr  alter 
Zug  ist  die  Sage  vom  goldwolligen  Schafe  i 
als  Symbol  der  Herrschaft.  Thyest  bestreitet 
dem  Atreus  die  Herrschaft  (Aesch.  Ag.  1585: 
Axqsv g apqu'lsyxog  cov  yqdxsi).  Scncca  läfst 
(im  Thyest)  die  Herrschaft  jährlich  wech- 
seln zwischen  Atreus  und  Thyest,  bis  das  xs- 
qag  des  Lammes,  das  xiqccg  oloov  ’Axqsog  in- 
noßcaxa  (Eur.  Or.  995;  die  Erscheinung  des 
Lammes  wird  Eur.  El.  699 ff.  beschrieben),  das 
j regni  stabilimen  mei  ( Accius  fr.  8,  vgl.  Sen. 
Th.  223)  für  Atreus  entscheidet;  der  letztere  hat  2 
auch  das  gesetzliche  Vorrecht  der  Erstgeburt 
(nqcöxog  cov  yaxu  vogovg  Schol.  Eur.  Or.  800); 
ihm  hatte  Klotlro  bestimmt  xcc  cxspyccxa  s%siv 
7tcd  xr\v  ßucclsiuv , aber  zugleich  Streit  mit 
Thyest  (Schol.  Eur.  Or.  v.  4 — 14).  Thyest  ent- 
wendet ihm  das  Lamm;  hier  flicht  sich  die 
Sage  von  der  freventlichen  Buhlschaft  des 
Thyest  mit  der  Gattin  des  Atreus,  der  Aerope, 
ein;  diese  war  eine  Tochter  des  Katreus,  des 
Sohnes  des  Minos  (Apoll.  3,  2,  1),  also  Kqr'iaog  3 
(Eur.  Or.  18;  Sopli.  Ai.  1295).  Thyest  ver- 
führt sie  und  sie  verschafft  ihm  das  Lamm 
i ( Aesch . Ag.  1193  deutet  den  Ehebruch  an, 
ebenso  Eur.  Or.  1009;  El.  720ff. : Thyest  bringt 
| das  xsqag  in  sein  Haus , und  verkündet  dies 
dann  öffentlich;  Schol.  Eur.  Or.  812,  Sopholdes 
| Atreus;  Accius  Atreus  fr.  8;  Sen.  Tli.  220 ff. ; 

Paus.  2,  18,  2).  Darob  giebt  Zeus  ein  neues 
1 Zeichen,  er  kehrt  den  Lauf  des  Helios,  der 
I Gestirne  und  der  Eos  um  (Eur.  El.  726  ff. ; 4' 
Iph.  Taur.  812  ff.  gliov  gsxüoxucig  gewoben 
j von  Iphigeneia;  Or.  1002  ff.  Sopli.  fr.  668. 
Plato  Polit.  p.  269  A.  Schol.  II.  2,  106).  Schon 
von  Euripides  ward  Atreus  indes  als  Himmels- 
kundiger erklärt,  welcher  den  den  Gestirnen 
entgegengesetzten  Lauf  der  Sonne  zuerst  be- 
j merkt:  Eur.fr.8b3,  ebenso  Polybioshei Strabo  1, 
p.  23;  Schol.  Eur.  Or.  998.  Ach.  Tat.  isag.  in 
I Phaen.  p.  122 E.  Eustath.  Od.  11,  2,  p.  1645; 

Atreus  als  Beobachter  einer  Sonnenfinsternis,  51 
! Hyg.  f.  258;  vgl.  Welcher,  gr.  Trag.  S.  361; 

! Preller , gr.  Myth.  2%  390.  Atreus  vertrieb 
nun  den  Thyest  (Aesch.  Ag.  1586  fivSqyldxr]- 
gsv  sn  nolscog).  Nach  einer  andern  Version 
; beim  Schol.  Eur.  Or.  812  hatte  Atreus  gelobt 
| das  schönste  Tier  der  Herde  der  Artemis  zu 
opfern;  da  wird  ihm  das  goldene  Lamm  ge- 
boren; er  verschliefst  es,  Thyest  aber  stiehlt 
I es  mit  Aerope;  das  Unglück  ist  Folge  der  Ver- 
i nachlässigung  der  Artemis,  ähnlich  wie  dann  g 
bei  Agamemnon.  Nach  einer  andern  Version 
I (ibid.)  besafsen  die  Atriden  das  goldene  Vliefs 
1 als  nu.xqiy.bv  crgisiov.  Zeus  schickt  nun  den 
Hermes,  der  dem  Atreus  zeigt,  dafs  Helios  den 
i umgekehrten  Weg  mache;  das  gilt  als  Zeichen 
.und  Thyest  wird  verjagt.  — Mit  diesen  Vor- 
gängen verband  Sopholdes  die  folgenden  Greuel 
! unmittelbar  (vgl.  Schol.  Eur.  Or.  812):  Thyest 


stiehlt  das  Lamm,  das  Atreus  eben  den  Richtern 
als  xsqag  zeigen  will;  erherrscht;  ausRachewirft 
Atreus  die  Aerope  gleich  ins  Meer,  schlachtet 
die  Kinder  des  Thyest  und  tötet  diesen  selbst 
zuletzt,  worüber  Helios  einen  Tag  von  Westen 
nach  Osten  geht.  Die  gewöhnliche  Sage  je- 
doch liefs  Thyest  verbannt  sein  und  schob 
eine  längere  Zwischenzeit  ein.  Zur  Motivie- 
rung der  späteren  grausamen  Rache  des  Atreus 
ward  hier  eine  tragische  Fabel  eingeflochten, 
die  vielleicht  Gegenstand  des  Pleisthenes  des 
Euripides  war  (Hyg.  fab.  86;  vgl.  Welcher,  gr. 
Trag.  689  f.  Ribbech,  r.  Trag.  S.  458):  Thyest 
zieht  in  der  Verbannung  den  Pleisthenes,  Sohn 
des  Atreus,  als  seinen  Sohn  auf  und  schickt  ihn 
zu  Atreus,  um  diesen  zu  ermorden;  Atreus  je- 
doch tötet  unwissentlich  den  eigenen  Sohn. 
Bei  Aschylos  (Ag.  1587),  wie  es  scheint  auch  bei 
Euripides  (Arist.  Ach.  434  Qvsgxscu  qäyrj)  und 
Ennius  (Ribbech,  röm.  Trag.  S.  199)  kehrte  nun 
Thyest  unaufgefordert  als  armer  Bittflehender 
an  den  Herd  des  Atreus  zurück;  bei  Seneca 
(Th.  297 ff.  404ff.)  und  Hygin  (f.  88)  jedoch 
wird  Thyest  von  dem  rachegierigen  Atreus 
unter  dem  Scheine  der  Versöhnung  herbeige- 
lockt. Das  Wiedersehen  will  Atreus  durch 
ein  festliches  Mahl  feiern  (Aesch.  Ag.  1592); 
doch  Atreus  ist  ein  lalsnog  boivaxrjq  (ib.  1502) ; 
er  schlachtet  die  Söhne  des  Thyest  — Aglaos, 
Orchomenos , Kaleos  bei  Sophokl.  nach  Schol. 
Eur.  Or.  812,  Tantalos  und  Pleisthenes  bei 
Hyg.  f.  88  und  Seneca  — und  setzt  sie  ihm 
zum  Mahle  vor,  von  dem  er  ahnungslos  ge- 
niefst;  an  den  ihm  nachher  gezeigten  Extre- 
mitäten erkennt  sie  der  Vater;  er  flucht  dem 
ganzen  Geschlechte  (Aesch.  Ag.  1593ff;  1219  ff. ; 
Sopli.  Ai.  1293;  Gegenstand  des  Atreus  des 
Sopholdes,  des  Thyest  oder  der  KqyGGcu  des 
Euripides,  des  Thyestes  des  Agathon,  Karlci- 
nos,  ferner  des  Ennius,  des  Atreus  des  Accius, 
des  Thyestes  des  Seneca  u.  a.,  s.  Welcher,  gr. 
Trag.  357 ff.;  675ff;  994;  1063;  Ribbech,  röm. 
Trag.  S.  199 ff.;  447 ff).  Die  römischen  Dichter, 
doch  wohl  nach  älterem  Vorgänge,  lassen  die 
Sonne  wegen  dieser  Unthat  ihren  Lauf  umkeh- 
ren (Hyg.  f.  88,  258.  Ovid.  Her.  15,  206.  Stat. 
Theb.  4,  307.  Lucan.  Phars.  1,  543.  7,  451). 
Bei  Sopholdes  (vgl.  oben)  liefs  Atreus  darauf 
den  Thyest  töten  (Schol.  Eur.  Or.  812;  wahr- 
scheinlich auch  bei  Accius,  s.  Ribbech,  röm. 
Trag.  S.  456),  die  Aerope  liefs  er  bei  Sophohl. 
ins  Meer  werfen  (s.  oben)  und  auch  Euripides 
liefs  sie  durch  Atreus  zum  Tode  verurteilt 
werden  (fr.  468).  Andere  Tragödien  spannen 
die  Greuel  weiter  (Sopholdes  Thyest  in  Sikyon, 
wonach  wahrscheinlich  Hyg.  f.  88,  Accius  Pelo- 
pidae  u.  a.).  Der  vertriebene  Thyest  kommt 
nach  Sikyon,  nachdem  er,  wie  es  scheint,  in 
Thesprotien  ein  Totenorakel  erhalten,  das  ihm 
sein  Unheil  verkündete;  er  findet  dort  im  Hei- 
ligtum der  Athene  die  eigne  Tochter  Pelopia 
ohne  sie  zu  kennen,  er  macht  sie  schwanger 
(vgl.  Hyg.  f.  88.  Dio  Chrysost.  65  p.  349.  Plat. 
leg.  8,  p.  838  c);  sie  entwendet  ihm  dabei  sein 
Schwert;  eine  spätere  Verstärkung  der  Sage 
liefs  den  Incest  einen  absichtlichen  sein,  um 
einen  Rächer  zu  erzeugen  (Mythogr.  1,  22. 
Scrv.  Aen.  11,  262).  Darauf  heiratet  Atreus 


7 1 5 Atromos 

die  Pelopia,  ohne  zu  wissen,  wer  sie  ist;  den  Kna- 
ben, den  sie  (von  Thyest)  gebärt,  setzt  sie  aus,  er 
wird  gerettet  und  von  Atreus  als  sein  Solin  er- 
zogen und  Aigistlios  (s.  d.)  genannt.  Später 
schickt  Atreus  seine  Söhne  Agamemnon  und  Me- 
nelaos aus,  um  Thyest  zu  suchen,  der  in  Delphi 
gefunden  wird.  Atreus  läfst  ihn  einkerkern  und 
schickt  seinen  vermeintlichen  Sohn  Aigisth  zu 
ihm  um  ihn  zu  töten.  Thyest  erkennt  ihn  an 
dem  Schwerte , demselben , das  seine  Mutter 
Pelopia  dem  Thyest  einst  entrissen  hatte. 
Pelopia,  als  sie  den  Greuel  erfährt,  tötet  sich 
mit  demselben  Schwerte.  Mit  der  blutigen 
Waffe  eilt  Aigisth  zu  Atreus,  der  frohlockt,  in- 
dem er  den  Bruder  getötet  glaubt;  beim  fest- 
lichen Opfer  ermordet  ihn  Aigisth  und  gelangt 
nun  mit  dem  Vater  Thyest  zur  Herrschaft 
(Hyg.  f.  88).  — Das  Grab  des  Atreus  in  Mykenai 
erwähnt  noch  Paus.  2,  16,  6;  er  unterscheidet 
davon  die  vnoycucc  olnodoyryicurix  des  Atreus 
und  seiner  Söhne , in  denen  sie  die  Schätze 
bewahrten  (ib.) ; diese  Gebäude  sind  erhalten 
und  sind  keine  Schatzhäuser,  sondern  Gräber 
und  zwar  allerdings  der  Pelopidendynastie. 
Das  gröfste  und  schönste  derselben  führt  den 
herkömmlichen  unbegründeten  Namen  „Schatz- 
baus des  Atreus“.  — Die  Kunst  hat  Atreus  und 
seine  Greuel  wie  es  scheint,  nicht  dargestellt. 

[Furtwängler.] 

Ati  •omos  ('Argoyog),  Sohn  des  Herakles  und 
der  Thespiade  Stratonike,  Apoll.  2,  7,  8.  [Stoll. ] 

Atrou  (’ 'Atqcov ) , Sohn  des  Kyklopen  Arges 
und  einer  phrygischen  Nymphe,  Bruder  des 
Deusos  und  der  Atrene  (s.  d.),  nach  welchem  die 
Stadt  Atrene  (in  Phrygien?)  genannt  war,  Steph. 
Byz.  s.  v.  ’AtQTjvr].  Müller  fr.  histor.  gr.  3, 

Atropos  s.  Moirai.  [p.  20,  6.  [Stoll. J 

Attepata  [=  Attes  Papas?  K.],  nicht  sicher 
lesbarer  Name  einer  Gottheit  auf  der  Weih- 
inschrift eines  Säulenstückes  aus  Aquileia.  C.  I. 
L.  5,  766:  ATTE  ■ PAFA  ||  THEVD.  THEV. 
F.  D.  D.  L.  M.  Monvmsen  vermutet  Cauti- 
pati( ?).  Vgl.  Attis  S.  723.  [Steuding.] 

Attes  = Attis  (s.  d.) 

Attliis  (’Az&ig),  Tochter  des  Autoehtlionen 
Kranaos  in  Attika,  der  nach  Kekrops  herrschte; 
nach  ihr,  die  als  Jungfrau  starb,  nannte  der 
Vater  das  Land,  das  früher  Aktaia  hiefs,  At- 
this  oder  Attika,  Apollod.  3,  14,  5.  Paus.  1, 
2,  5.  Sir  ab.  9,  397.  Iustin.  2,  6.  [Stoll.] 

Attis  ('Artig  oder  "Atzyg,  lat.  Atys,  Attis  oder 
Attin;  s.  0.  Jahn  z.  Persius  1,  93.  Mommsen, 
I.  N.  No.  1398ff.  Orelli  No.  1898ff.)  ist  eine 
Gottheit  der  Phryger,  und  den  Mittelpunkt 
der  über  ihn  verbreiteten  Mythen  bildet  seine 
enge  V erbindung  mit  der  phrygischen  Göttermut- 
ter, die  ihn  wegen  seiner  Schönheit  liebt. 

I)  Mythen.  Unter  den  in  mannigfacher 
Form  und  erst  von  späteren  Schriftstellern 
überlieferten  Sagen  ist  diejenige  von  Pessi- 
nus  sowohl  wegen  der  religiösen  Bedeutung 
dieser  Stadt  (s.  den  Art.  Kybele,  der  überhaupt 
zu  vergleichen  ist)  als  wegen  ihres  Inhalts  für 
die  ursprünglichste  anzusehen.  Die  daselbst 
einheimische  Sage  von  der  Geburt  des  Attis 
(und  der  Agdistis),  von  der  Liebe  der  Agdistis 
zu  ihm,  von  seiner  Raserei,  Entmannung,  Un- 
verweslichkeit  u.  s.  w.  berichtet  Paus.  7 , 17, 


Attis  (Mythus)  716 

10  (s.  oben  Agdistis).  Von  dem  mit  den  Ver- 
hältnissen Kleinasiens  wohlbekannten  Straho 
12  p.  567  und  anderen  erfahren  wir,  dafs  ge- 
rade zu  Pessinus  die  Göttermutter  unter  dem 
Namen  Agdistis  (s.  d.)  verehrt  wurde;  somit  ist 
Agdistis  in  jener  Sage  Kybele  selbst.  Die 
Pessinuntische  Sage  liegt  auch  der  übrigens 
viel  ausführlicheren  und  in  den  Nebenzügen 
mehr  national  gefärbten  Darstellung  des  Ar- 
nobius  adv.  nat.  5,  5 — 7 zu  Grunde,  die  er 
bei  einem  gewissen  Timotheus  gefunden  hat 
(s.  oben  Agdistis).  Da  aber  Arnobius  nicht 
wufste,  dafs  die  auch  bei  ihm  ursprünglich 
androgyne,  dann  durch  Verstümmelung  weib- 
liche Agdistis  die  Göttermutter  selbst  ist, 
so  hat  er  die  verschiedenen  Berichte  ver- 
schmolzen, und  so  gehen  bei  ihm  beide,  Kybele 
und  Agdistis  von  Anfang  an  neben  einander 
her:  beide  lieben  den  Attis,  beide  erscheinen 
bei  der  Hochzeit,  Kybele  freilich  ohne  rech- 
ten Zweck , da  Agdistis  den  Attis  samt  den 
Gästen  in  Wahnsinn  versetzt.  Jedoch  enthält 
die  vollständigere  Erzählung  bei  Arnobius 
einige  Einzelheiten  von  Bedeutung:  Attis  stirbt 
infolge  seiner  Entmannung,  was  offenbar  auch 
bei  Pausanias  vorausgesetzt,  aber  nicht  gesagt 
ist.  Sodann  findet  seine  Entmannung  unter 
einer  Fichte  statt,  dem  für  den  Attiskultus  so 
wichtigen  Baum.  Die  Göttermutter  trägt  diese 
Fichte  in  ihre  Höhle  und  unter  derselben  be- 
weint und  beklagt  sie  den  Verstorbenen.  Aus 
seinem  Blut  aber  spriefsen  Veilchen  hervor, 
weshalb  auch  noch  jetzt  seine  heilige  Fichte 
mit  Veilchen  umkränzt  werde.  Seine  Zurück- 
führung ins  Leben  habe  Iuppiter  verweigert, 
habe  aber  zugestanden,  dafs  sein  Körper  nicht 
verwese,  dafs  seine  Haare  noch  wachsen  und 
sein  kleiner  Finger  sich  noch  bewege.  Hier- 
mit zufrieden  habe  Agdistis  seinen  Körper  zu 
Pessinus  beigesetzt  und  ihm  eine  jährliche 
Feier  und  eine  Priesterschaft  geweiht.  Damit 
ist  deutlich  auf  den  pessinuntischen  Ursprung 
der  Sage  hingewiesen.  Die  Sangariostochter 
heifst  bei  ihm  N an a (siehe  Kybele),  die  Königs- 
tochter Ia. 

Der  Pessinuntischen  steht  diejenige  Version 
am  nächsten,  welche  sich  bei  Ovid  und  weiter- 
hin bei  dem  Philosophen  Sallustius  und  dem 
Kaiser  Iulianus  findet.  Ovid.  Fast.  4,  223  er- 
zählt: Attis,  ein  phrygischer  Jüngling,  fesselte 
durch  seine  Schönheit  die  Kybele.  Sie  wollte 
ihn  für  sich,  zum  Dienst  ihres  Tempels  behal- 
ten, und  er  mufste  ihr  Keuschheit  und  Treue 
geloben.  Aber  er  brach  sein  Wort  mit  der 
Nymphe  Sagaritis.  Die  Göttin  tötet  im  Zorn 
die  Nymphe,  Attis  eilt  wahnsinnig  auf  die 
Höhen  des  Dindymongebirges  und  verstümmelt 
sich  zur  Strafe  für  seinen  Fehltritt.  Daher 
kommt,  setzt  Ovid  hinzu,  die  Selbstverstüm- 
melung seiner  Diener.  Ganz  ebenso  berichtet 
Sallustius  philosophus  de  diis  et  mundo  4,  nur 
mit  dem  Zusatz  am  Anfang:  die  Göttermutter 
habe  den  Attis  am  Flusse  Gallos  liegen  sehen, 
sei  von  Liebe  ergriffen  worden  und  habe  ihm 
den  Sternenhut  (r ov  datSQcozbv  ni\ov)  aufge- 
setzt; und  am  Schlufs:  nach  der  Entmannung 
sei  Attis  wieder  zu  der  Göttin  zurückgekehrt 
und  bei  ihr  geblieben.  Dieselbe  Erzählung 


m 

20 

30 

40 

50 

60 


717  Attis  (Mythus) 

mit  denselben  Zusätzen  bietet  Iulianus  Impe- 
rator Orat.  5 p.  165ff.  Der  Anfang  ist  bei 
ihm  deutlicher  durch  die  Bemerkung:  dafs  er 
am  Gallosfluis  ausgesetzt  gewesen  sei;  vergl. 
auch  p.  180  A,  wo  Kybele  angerufen  wird  als 
die  „welche  den  ausgesetzten  Attis  gerettet 
und  wieder  in  die  Erdhöhle  zurückgeführt 
hat“.  Der  Wahnsinn  des  Attis,  in  welchem 
wir  eine  Zurückverlegung  des  Orgiasmus  aus 
den  Gebräuchen  im  Kultus  in  den  Mythos  des 
Gottes  selbst  zu  erkennen  haben,  ist  in  Ovids 
Version  noch  bestimmter  als  Strafe  gefafst, 
welche  den  Attis  für  seinen  Treubruch  an 
Kybele  trifft,  indem  er  durch  seine  Liebe  zu 
Sagaritis  in  höherem  Grade  schuldig  erscheint 
als  durch  die  beabsichtigte  Hochzeit  in  der 
Pessinuntischen  Sage.  Noch  offenbarer  ist  die 
Tendenz  einer  Umdeutung  in  rein  menschliche 
Geschichte  bei  Firm.  Matern,  de  err.  3 („die 
Phryger  haben  aus  der  Liebe  einer  reichen  : 
Frau  oder  Königin  zu  einem  sie  stolz  ver- 
schmähenden Jüngling  ein  jährliches  Fest  ge- 
macht“) und  ebenso  in  der  ziemlich  abweichen- 
den Gestalt  der  Sage  bei  Diodor,  wiewohl  auch 
er  seine  Version  auf  die  Phryger  und  auf  Pes- 
sinus  zurückführt.  Bei  Diodor  3,  58.  59  ist 
Kybele  die  Tochter  des  Königs  von  Phrygien  und 
Lydien,  die,  von  ihren  Eltern  ausgesetzt,  und  auf 
dem  Kybelongebirge  von  wilden  Tieren  ernährt, 
zu  einer  schönen  Jungfrau  heranwächst  und  : 
durch  wolilthätige  Erfindungen  die  Augen  auf 
sich  zieht.  Sie  liebt  den  phrygischen  Jüng- 
ling Attis  und  wird  von  ihm  schwanger;  in 
derselben  Zeit  aber  wird  sie  von  den  Eltern 
wieder  erkannt  und  aufgenommen.  Da  jedoch 
ihr  Vater  ihren  Zustand  bemerkt,  tötet  er  im 
Zorn  den  Attis  und  wirft  seinen  Leichnam 
unbestattet  hin ; Kybele  aber  wird  wahnsinnig 
und  zieht  im  Lande  umher,  wehklagend  und 
das  Tympanon  schlagend.  Durch  Krankheit  : 
und  Mifswachs  seien  die  Phryger  veranlafst 
worden,  Attis  und  Kybele  göttlich  zu  verehren. 
Da  aber  der  Leichnam  des  Attis  verschwun- 
den sei,  so  bringen  sie  bis  auf  den  heutigen 
Tag  vor  seinem  Bild  ihre  Wehklagen  dar  und 
[ehren  ihn  unter  dem  Namen  Papas.  Somit 
, fehlt  bei  Diodor  die  Entmannung  des  Attis, 
die  Rolle  des  Orgiasmus  wird  auf  Kybele  über- 
; tragen  und  Attis’  Tod  ist  durch  seine  unrecht- 
1 mäfsige  Liebe  zu  Kybele  motiviert.  Anders  ; 

wiederum  wurde  sein  Tod  nach  einer  Nach- 
! eicht  bei  Pausanias  7,  17,  5 von  dem  Elegieen- 
dichter  Hermesianax  erzählt:  er  sei  der  Sohn 
les  Phrygers  Kalaos  gewesen,  habe  sich  aber 
s nach  Lydien  begeben  und  daselbst  den  Dienst 
ler  Göttermutter  eingeführt.  Er  sei  deshalb 
■on  den  Lydern  so  hoch  geehrt  worden,  dafs 
4eus  aus  Unwillen  einen  Eber  in  das  Land 
: geschickt  habe,  der  den  Attis  tötete.  Ähnlich 
Schot.  Nicandri  Alex.  8 mit  dem  Zusatz,  dafs  ( 
lie  Göttermutter  ihn  unter  Wehklagen  begra- 
jen  habe.  Die  Verschmelzung  mit  der  syri- 
chen  Adonissage  (s.d.)  liegt  auf  der  Hand.  Dafs 
iber  diese  Form  der  Attissage  in  Lydien  zu 
lause  war,  zeigt  sowohl  ihre  Darstellung  auf 
ler  Felswand  zu  Hammamly  bei  Maeonia,  Le-  • 
jus  Itineraire  pl.  55,  als  ihre  Umwandlung  in 
ydische  Königsgeschichte,  in  die  Sage  von 


Attis  (Mythus)  718 

Atys  und  Adrastos,  Herod.  1,  34;  vgl.  Meyer, 
Gesch.  d.  Altert.  1,  307.  Bei  Lukian  de  dea 
Syr.  15  wird  Attis  geradezu  ein  Lyder  genannt 
und  ihm  die  Stiftung  des  orgiastischen  Kybele- 
dienstes  in  Phrygien,  Lydien  und  Samothrake 
zugeschrieben.  Auch  Diodor  a.  a.  0.  nennt 
Lydien  neben  Phrygien. 

Den  gemeinsamen  Hauptzügen  dieser  Sagen, 
der  Liebe  der  Kybele  zu  dem  jugendlich  schö- 
nen Attis  und  dem  frühzeitigen  Dahinschwin- 
den seiner  Lebenskraft,  sei  es  durch  Tod  oder 
durch  Entmannung,  schliefsen  sich  auch  die 
einzelnen  Nachrichten  an.  Bei  Servius  ad  Verg. 
Aen.  7,  761  heifst  er  allgemeiner  numen  con- 
junctum  Matri  Demi,  oder  er  erscheint  als 
ihr  Diener  und  Verbreiter  ihres  orgiastischen 
Dienstes  Lukian  a.  a.  0.,  Iulian  Or.  5 p.  172  C. 
vnovQyog  ry  Myrgi  nal  yvio%og.  Ein  ana- 
kreontisches  Lied  (11  Berglc)  führt  den  ygi&y- 
Xvg  "Artig  vor,  wie  er  der  schönen  Kybebe  auf 
den  Bergen  ruft  und  wahnsinnig  wird.  Eben- 
so durchzieht  sie,  sehnsüchtig  den  Attis  rufend, 
auf  ihrem  Löwenwagen  bergauf,  bergab  die 
Waldhöhen  des  Ida,  die  von  dem  tollen  Trei- 
ben ihrer  Begleiter , der  Korybanten , wider- 
hallen , Lukian.  dial.  de.  12,  oder  nimmt  den 
Liebling  auf  ihren  Wagen,  Luk.  Sacrif.  7 (vgl. 
die  Abbildungen  bei  Kybele).  Eigentümlich 
ist,  dafs  gerade  in  den  ausführlicheren  Er- 
zählungen seiner  Geschichte  die  Bezeichnung 
desselben  als  Flirten  fehlt , die  sich  in  ver- 
einzelten Nachrichten  vielfach  findet,  Theo- 
krit  20,  40  (unecht)  na i rv , ’Pta,  nXcdeig  rov 
ßovnölov;  Arnoh.  adv.  nat.  4,  35  hubulcus ; 
Tertull.  ad  nat.  1,  149  Ciybele  pastorem  suspi- 
rat ; in  dem  Hymn.  bei  Hippolyt,  ref.  5,  9 
ainolog  und  ovQinryg;  Schol.  zu  Nicandr. 
Alex.  8.  Dagegen  stimmen  über  den  Tod  des 
Attis  auch  die  sonstigen  Nachrichten  über- 
ein. Nach  Paus.  1,4,5  zeigte  man  in  der 
Nähe  von  Pessinus  sein  Grab;  bei  Hippolytus 
a.  a.  0.  heifst  er  vinvg-,  Firmicus  Maternus 
de  err.  prof.  rel.  3 sagt:  die  Phryger  hätten 
den  zuvor  Begrabenen  wieder  auferstehen  las- 
sen; auch  Iulian.  orat.  5,  168  C redet  von  sei- 
nem Verschwinden.  Mit  Entmannung  und  Tod 
endigt  auch  die  von  dem  übrigen  abweichende 
Erzählung  bei  Serv.  ad  Aen.  9,  116,  nach  wel- 
cher der  schöne  Jüngling,  ein  Priester  der 
Göttermutter,  der  unreinen  Begierde  eines  Kö- 
nigs zum  Opfer  fällt. 

11)  Bedeutung.  Den  Inhalt  der  Mythen 
von  Attis  und  Kybele  bilden,  wie  schon  im 
Altertum  erkannt  worden  ist,  die  Vorgänge 
des  Naturlebens.  Die  Göttermutter  Kybele, 
mit  welcher  Attis  bald  als  Sohn,  bald  als  Ge- 
liebter verbunden  erscheint,  ist  die  phrygisch- 
lydische  Form  der  asiatischen  Naturgöttin,  in 
welcher  das  weibliche  Prinzip  als  die  Quelle 
alles  Lebens  verehrt  wurde  [vergl.  d.  Art.  As- 
tarte u.  v.  Baudissin,  Stud.  z.  somit.  Beligions- 
yesch.  2,  203ff.  ß.].  Sofern  das  neue  Leben 

vornehmlich  aus  der  Erde  entspringt,  wurde 
sie  auch  als  Erdmutter  gedacht.  Daraus  ergiebt 
sich  die  Bedeutung  des  Attis.  Nach  den  Zeug- 
nissen des  Eusebius  Praep.  Ev.  3,  11  p.  110C 
und  Augustin  de  eiv.  Dei  7,  25  sah  Porphyrius 
in  dem  schönen  Liebling  der  Kybele  ein  Bild 


719  Attis  (Deutung) 

für  den  Bliitenflor  der  Erde  im  Frühling : Attis 
bedeute  „die  im  Frühling  hervorspriefsenden, 
aber  noch  ehe  sie  Früchte  bringen  wieder  ver- 
welkenden Blüten , weshalb  ihm  auch  die 
Beraubung  der  Zeugungskraft  zugeschrieben 
werde“.  Der  Philosoph  Sallustius  fügt  seiner 
Erzählung  des  Mythos  a.  a.  0.  die  Erklärung 
hinzu:  die  G öttermutter  ist  die  lebenspendende 
Göttin  (gmoyövog  ffea),  Attis  der  Bewirken  des 
Entstehens  und  Vergehens  (zäv  ysvoyevGiv  xai 
y&tiQOfisvevv  Sggiovgyog).  Ähnlich  nennt  ihn 
lulicm  Orat.  5,  165B  einen  ff  sog  yovigog,  und 
ein  spätes  Epigramm  Kaibel,  epigr.  824  „den,  der 
zu  allen  Zeiten  das  Festgesetzte  hervorbringt.“ 
Firmicus  Mat.  de  err.  3 legt  sogar  den  Phry- 
gern  zu  Pessinus  selbst  folgende  Erklärung  des 
Mythos  in  den  Mund:  die  Liebe  der  Kybele 
zu  Attis  bedeute:  die  Erde  liebe  ihre  Früchte; 
seine  Entmannung  bedeute  das  Schneiden  der 
Früchte,  sein  Tod  die  Aufbewahrung  derselben,  2 
sein  Wiederaufleben  das  Wiederausstreuen  des 
Samens.  Deshalb  bezeichnet  ihn  auch  der  Hym- 
nos  bei  Hippolytos  a..  0.  als  die  noch  schwel- 
lend abgeschnittene  Ähre  %1oeq'ov  gzuivv  dgg- 
Q-svxcc-,  dasselbe  bedeuten  die  Blumen  und 
Früchte  in  seiner  Hand  auf  Denkmälern  (s. 
unten).  Dafs  diese  Auffassung  des  Attis,  welche 
jene  Gelehrten  des  späteren  Altertums  aus  der 
ihnen  zu  Gebot  stehenden  Anschauung  seines 
Kultus  geschöpft  haben,  in  der  That  das  Rieh-  3 
tige  trifft,  lehrt  eine  nähere  Betrachtung  der 
Mythen  und  wird  durch  die  Kultgebräuche, 
soweit  sie  uns  überliefert  sind,  bestätigt.  In 
den  Mythen  begegnet  uns  dabei,  je  mehr  sie 
die  Farbe  der  phrygischen  Heimat  tragen,  eine 
desto  eigentümlichere  Symbolik.  So  nament- 
lich in  dem  aus  verschiedenen  asiatischen  Ele- 
menten zusammengewachsenen  Mythengebilde 
von  Pessinus.  Der  androgyne  Charakter  der 
Agdistis  findet  sich  auch  bei  anderen  Formen  i 
der  asiatischen  Naturgöttin  (s.  Kybele).  Da- 
gegen ist  die  Art,  wie  Agdistis  ohne  eigent- 
liche Zeugung  (durch  Vermittlung  des  Man- 
delbaumes und  der  Sangariostochter)  den  At- 
tis hervorbringt,  wohl  als  eigentümlich  phry- 
gisches  Sinnbild  für  das  Hervorgehen  der 
Pflanzenwelt  aus  dem  mütterlichen  Schofs  der 
Erde  anzusehen.  Attis  erscheint  hier  als  Sohn 
der  Kybele,  wie  er  auch  in  dem  Hymnos  bei 
Hippol.  ref.  5,  9 zweimal  (sl'zs  'Peag  gsydlrj g und  E 
"Azzev  zov  'Ps/xjg)  genannt  wird.  Als  er  aber 
ein  schöner  Jüngling  geworden  war,  liebte  ihn 
Kybele,  die  ihn  am  Ufer  des  Gallosflusses  lie- 
gen sah:  der  Sohn  wird  zum  Geliebten,  was 
der  Inhalt  der  Mysterien  des  Attis  und  der 
Kybele  gewesen  zu  sein  scheint,  Clemens  Alex. 
Protr.  2.  Hippol.  a.  a.  0.  Dazu  Schneide- 
win , Philol.  3,  247.  Itdian  or.  5 p.  166A. 
Aber  der  Liebesbund  mit  dem  schönen  Jüng- 
ling, der  sich  ganz  ihrem  Dienst  ergiebt  und  6 
ihr  Treue  gelobt , wird  durch  ein  grausames 
Verhängnis  gestört:  Attis  entmannt  sich  selbst 
zur  Strafe  für  seine  Untreue  und  stirbt,  d.  li. 
der  Pflanzenwuchs  und  Blütenreichtum,  der 
sich  bis  zum  Hochsommer  üppig  entfaltet  hat, 
verwelkt  und  erliegt  den  glühenden  Strahlen 
der  Sonne.  Die  Natur  scheint  sich  selbst  ge- 
waltsam der  Zeugungskraft  zu  berauben,  eine 


Attis  (Deutung)  720 

Anschauung,  die  ebenfalls  den  Phrygern  eigen- 
tümlich gewesen  zu  sein  scheint.  Die  Göttermut- 
ter selbst  bestattet  ihn  unter  Wehklagen;  selbst 
sein  Leichnam  ist  verschwunden,  d.  h.  die  ihres 
Blütenschmucks  beraubte  Erde  trauert  im  Herbst 
und  Winter.  Aber  Attis  ist  nicht  für  immer 
tot;  Kybele  selbst  verschafft  ihm  die  Unver- 
weslichkeit,  der  Begrabene  steht  wieder  auf 
{Firm.  Mat.  a.  a.  0.),  Attis  kehrt  zu  ihr  zurück 
mit  den  Kindern  des  Frühlings,  mit  den  Veil- 
chen, die  aus  seinem  Blut  emporspriefsen,  um 
sich  aufs  neue  mit  der  Göttin  zu  verbinden. 
Dieser  offenbaren  Übereinstimmung  zwischen 
Bedeutung  und  Mythos  des  Attis  gegenüber 
kann  die  andere  auf  die  Festzeit  des  Attis 
gegründete  Auffassung,  dafs  Attis  die  Sonne 
bedeute  ( Macroh . Sat.  1,  21,  7.  Arnob.  5,  42, 
von  den  Neueren  Visconti  Annal.  d.  Inst.  1869, 
231),  nicht  für  die  ursprüngliche,  sondern  nur  für 
ein  Erzeugnis  des  späteren  Synkretismus  gelten; 
auch  bezieht  sich  nicht  hierauf  das  Beiwort 
Menotyrannus  auf  lateinischen  Inschriften 
des  4.  Jahrhdts.  bei  Orelli  Inscr.  1900.  1901. 
2264.  2353,  sondern  dasselbe  ist  dem  Kultus 
des  Gottes  Men  entlehnt  (Myv  Tvgavvog ),  mit 
welchem  der  des  Attis  später  verschmolzen 
wurde,  vgl.  Waddington  zu  No.  668  in  den 
Inscriptions  Grecques  et  Latines  par  Le  Bas  et 
Wculdington  tom.  3.  Die  Vereinigung  von 
Sonnenstrahlen  mit  der  Mondsichel  am  Haupt 
des  Attis,  Mon.  d.  Inst.  9,  8 a,  n.  2.  Visconti 
a.  a.  0.  230  verleiht  demselben  ebenso  wie 
Kybele  selbst  (s.  Kybele)  eine  allgemeine  kos- 
mische Bedeutung,  und  aus  dieser  erklären  sich 
Ausdrücke  wie  n oiggv  Isvuav  kozqcov  Hippo- 
lyt. ref.  5,  9 und  der  aGXEQcoxbg  nilog  bei  Iu- 
lian.  Orat.  5,  165  B,  sowie  "Azxig  Isvnog  Bahr, 
fab.  126  und  die  Beziehung  auf  den  Mond 
Orelli  n.  1903.  Höchst  beachtenswert  aber  ist 
die  völlige  Übereinstimmung  des  Attismythos 
mit  dem  des  Adonis  in  allen  Zügen  aufser  der 
Entmannung  (s.  oben  Adonis  S.  76),  wozu  noch 
die  von  Haakh,  Stuttgarter  Philol.- Vers.  1857 
S.  176ff.  vermutete  Namensgleichheit  hinzu- 
kommt, wonach  Adonis  jns<  mit  Attis  identisch 
wäre,  dessen  Name  wohl  ursprünglich  Atins  lau- 
tete, wie  aus  der  Doppelform  Atis  und  Atin  zu 
schliefsen  ist,  vgl.  K.  Curtius,  das  Metroon  in 
Athen  S.  10.  Beide  wurden  auch  schon  im  Al- 
tertum gleichgesetzt,  wie  in  dem  Hymnos  bei 
Hippolytos  a.  a.  0.:  "Azzl‘  ge  ncdovGL  gsv  ’Aggv- 
qlol  zQincO'gzov  "Ad'coviv,  und  in  dem  Orakel  bei 
Socrat.  Hist.  Eccl.  3,23:  "Axxiv  d’  [Iccgueg&s 
fff ov  gsyav,  ayvov  ’ASamv  \ sviov , olßiööagov, 
sv7i  16'fUxyov  Aiowgov.  Da  auch  Dionysos  als 
verschwunden  beklagt  und  als  wiederaufer- 
standen gefeiert  wurde,  so  wurde  auch  er  dem 
Attis  gleichgesetzt,  vgl.  Schneidewin , Philol. 
3,  265  und  in  jenem  Hymnos  die  Worte  dg 
Bcck%  svg. 

III.  Kultgebräuche.  In  den  Kultgebräu- 
chen des  Attisdienstes,  soweit  dieselben  über- 
liefert sind,  spiegelt  sich  der  Mythos  wieder: 
die  Klage  um  den  Verschwundenen  und  der 
Jubel  über  den  Wiedererstandenen  bilden  die 
beiden  Angelpunkte  des  Kultus.  Nach  Plut.  Is. 
et  Osir.  69  feiern  die  Phryger  das  Einschlafen 
Und  dann  wiederum  das  Wiedererwachen  ihres 


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721  Attis  (Kultgebräuche) 

Gottes.  Die  Phryger  in  Pessinus , sagt  Fir- 
micus  Mat.  de  err.  3,  haben  sich  aus  der  Fabel 
von  Attis  und  Kybele  eine  jährliche  Festfeier 
gemacht  ( annuum  sacrorum  ordinem ) mit  Weh- 
klagen um  den  Verstorbenen,  und  zum  Trost  für 
die  Betrübte  (Kybele)  haben  sie  den  kurz  vor- 
her Begrabenen  wieder  aufleben  lassen.  Nach 
Schol.  Nicandr.  Alex.  8 fand  diese  Trauerfeier 
i im  Frühjahr  statt.  Genauer  berichtet  Macrob. 
i Sat.  1,21,7,  dafs  nach  Beendigung  der  Trauer-  io 

Iceremonien  die  Freudenfeier,  für  welche  er 
den  in  Rom  üblichen  Namen  Hilaria  gebraucht, 
in  am  25.  März  beginne,  von  wo  an  der  Tag  zu- 
j nehme.  Dies  sind  die  ogyicc  und  rsXetcei  der 
i Göttermutter,  als  deren  Stifter  Attis  vielfach 
i bezeichnet  wird,  und  welche  nach  Dion.  Halic. 

1,  61  noch  zu  Augustus’  Zeit  in  ganz  Phry- 
gien  ausgeübt  wurden  und  in  Sqcousvci  ts  nal 
■ Xsyopsvce  71sqI  otvTT/v  (KvßiXrjv)  nal  ’ 'Aznv , letz- 

I,  tere  besonders  in  Q-Qrjvoi  bestanden,  Marini  20 
I vita  Procli  33.  Attis  wurde  dabei  entweder 
I unter  einer  menschenähnlichen  Figur  oder 
J unter  dem  Symbol  der  Fichte  dargestellt. 

| Diodor  3 , 59  berichtet , noch  zur  Zeit  des 

I Augustus  beklagen  die  Phryger  bei  einem 
selbstgefertigten  Bild  des  jugendlichen  Attis 
sein  trauriges  Schicksal;  Firmicus  Mat.  de  err. 

! 27,  bei  der  jährlichen  Festfeier  der  Kybele 

»werde  eine  Fichte  gefällt  und  am  Stamm  des 
i Baumes  das  Bild  des  Attis  angeheftet.  Dieselbe  30 
; spielt  eine  besonders  wichtige  Rolle.  „Der  hei- 
lige Baum  wird  an  dem  Tag  geschnitten,  an  dem 
■ die  Sonne  die  Höhe  des  Bogens  der  Tag-  und 
Nachtgleiche  erreicht“  sagt  Iulian  Or.  5, 168  C. 

•,!  Sie  wird  mit  Veilchen  bekränzt  oder  mit  Veil- 
chenkränzen geschmückt,  der  Stamm  mit  wol- 
lenen Binden  umwunden,  wie  Arnob.  5,  7.  16 
1 angiebt,  die  Veilchen  zur  Erinnerung  an  jene, 
die  aus  Attis’  Blut  emporsprofsten,  die  Bin- 
i den  zur  Erinnerung  an  jene,  mit  welchen  Ia  40 
, j den  sterbenden  Attis  bedeckte*,  wie  auch  die 
! Fichte  eine  Erinnerung  an  die  Fichte  sein 
soll,  unter  welcher  sich  Attis  entmannt  und 
j welche  dann  die  Göttermutter  in  ihre  Höhle 
getragen  habe,  um  ihn  dabei  zu  beweinen, 

I Arnob.  7,  39.  Die  wahre  Bedeutung  der  Veil- 
I chen  giebt  er  selbst  au  in  dem  Ausdruck  pri- 
j migenii  flores  cap.  16:  sie  werden  übereinstim- 
■ mend  mit  der  Festzeit  als  Frühlingsblumen 
ihm  geweiht,  und  die  Fichte  ist  als  der  den  50 
i Winter  über  sein  Grün  bewahrende  Baum  das 
! Symbol  der  nie  versiegenden  Lebenskraft. 
Auch  mit  andern  Gegenständen  des  phrygi- 
j sehen  Dienstes,  mit  Cymbeln,  Tympanon,  Sy- 
rinx wurde  die  Fichte  des  Attis  behängen  und 
1 verschiedene  Vögel  auf  die  Aste  derselben  ge- 
lsetzt, vgl.  Zoega  Bassirilievi  di  Roma  1 Taf. 

13,  14.  Arch.  Ztg.  1863  Taf.  176.  Wegen  die- 
ser Gebräuche  hat  Mannhardt , Antike  Wald- 
. u.  Feldkulte  S.  291  ff.  den  Attiskultus  nebst  60 
dem  des  Adonis  in  den  Kreis  seiner  verglei- 
chenden Betrachtung  der  auch  bei  den  Grie- 
chen und  Römern  nachweisbaren,  namentlich 
aber  bei  den  deutschen  und  slavischen  Völ- 
kern jetzt  noch  unter  dem  Namen  Maibaum, 
Erntemai , Laubmann  u.  s.  w.  fortlebenden 
Frühlingsfeier  gezogen,  bei  welcher  ein  ganz 
i ebenso  mit  einer  Puppe  und  anderen  Gegen- 


Attis  (Kultgebräuche)  722 

ständen  behangener  Baum  die  Verkörperung 
des  vom  Tod  erwachten  Wachstumsgeistes 
darstellt.  Wie  in  jenen  Lätarebräuchen  des 
nördlichen  Europas,  so  bezeichnet  nach  Mann- 
hardt  das  an  der  Fichte  aufgehängte  Attisbild 
das  dem  Baum  einwohnende  Numen  der  Vege- 
tation. Eine  Bestätigung  dieser  Auffassung 
ist  wohl  auch  in  dem  Koblenzer  Relief  zu 
sehen , auf  welchem  die  beiden  Attisfiguren 
aus  einem  Baum  hervorzuwachsen  scheinen, 
veröffentlicht  von  Haakh  a.  a.  0.  S.  181  f. ; 
und  wenn  auch  dasselbe  zunächst  durch  den 
Mythos  vom  Hervorgehen  des  Attis  aus  dem 
Mandelbaum  und  die  Worte  im  Hymnos  bei 
Hippolytus  a.  a.  0.  ov  noXv-naQ-i zog  tunrsv  agvy- 
dccXog  dvioa  Gvor/.tdv  erklärt  werden  kann, 
vgl.  Haakh  S.  182,  so  dürfte  doch  eben  dieser 
Mythos  im  Sinne  der  Auffassung  Mannhardts 
zu  deuten  sein.  Weniger  Gewicht  aber  dürfte 
der  Stelle  Ovids  Biet.  10,  105  von  der  Ver- 
wandlung des  Attis  in  die  Fichte  beizumessen 
sein : Attis  exuit  hac  (der  Fichte)  hominem 
truncoque  induruit  illo,  in  welcher  Mannhardt 
den  ursprünglichen  Sinn  der  Sage  erkennen 
will.  Es  ist  sehr  fraglich , ob  die  Idee  der 
Metamorphose  überhaupt  phry gisch  ist,  und 
da  Ovid  mit  dieser  Angabe  allein  steht,  auch 
Fast.  4,  340  selbst  nicht  einmal  dieselbe  er- 
wähnt, so  ist  sie  wohl  als  ein  vorübergehen- 
der Einfall  des  Verfassers  der  Metamorphosen 
anzusehen. 

Nachdem  die  Fichte  in  feierlicher  Prozes- 
sion ( sollemniter ) in  das  Heiligtum  der  Götter- 
mutter verbracht  war,  Arnob.  5,  16,  39,  das 
wohl  dem  Mythos  und  der  phrygischen  Lan- 
dessitte gemäfs  (s.  Kybele)  eine  Felsenhöhle 
darstellte , begann  entsprechend  der  Klage 
der  Göttin  das  Wehklagen  der  Priester,  der 
Galli,  und  des  Oberpriesters,  des  Archigallus, 
der  nach  den  Inschriften  von  Sivrihissar  stän- 
dig Atys  hiefs,  vgl.  Duncker , Gesell,  d.  Alt. 
I4,  389.  Polyb.  22,  20.  pedoribus  adploden- 
tes  palmas  passis  cum  crinibus  Galli  Arnob. 
5,  16,  woran  wohl  auch  die  sonstigen  Anhän- 
ger sich  beteiligten,  Senec.  Ag.  723.  Hierauf 
folgte  jene  im  Altertum  so  viel  besprochene 
Ceremonie,  welche  als  höchste  Steigerung  des 
Orgiasmus  unter  den  Klängen  der  phrygischen 
Flöte  die  Selbstentmannung  der  Galli  darstel- 
len sollte,  welche  aber,  wie  es  scheint,  für 
gewöhnlich  nur  dadurch  angedeutet  wurde, 
dafs  der  Archigallus,  vielleicht  auch  die  an- 
deren, sich  die  Arme  blutig  ritzten.  Von  letz- 
terem Gebrauch  ist  in  der  überwiegenden  Zahl 
der  Stellen  (gesammelt  bei  Marquardt- Mommsen 
Handb.  d.  R.  A.  6,  357  A.  2)  die  Rede,  von 
eigentlicher  Entmannung  bei  Servius  ad  Verg. 
Aen.  9,  116  u.  Schol.  Nicandr.  Alex.  8,  vergl. 
Mannhardt  a.  a.  0.  S.  292  und  346.  Dafs  diese 
Ceremonie  eine  Nachahmung  des  Gottes  selbst 
darstellen  sollte,  der  bei  Iidian  Or.  5 p.  159  A 
selbst  auch  rdXXog  heifst,  wird  überall  her- 
vorgehoben; dafs  hierauf  das  Freudenfest  folgte, 
ist  oben  erwähnt.  Hieraus  ergiebt  sich,  dafs 
die  phrygische  Feier  in  den  Grundzügen  mit 
dem  seit  Claudius  in  Rom  eingeführten  März- 
fest (s.  Kybele)  übereinstimmte;  ob  auch  in 
den  Einzelheiten , ist  nicht  sicher.  Es  mag 


723 


Attis  (Kultgebräuche) 


Attis  (Verbreitung  d.  Kultus)  724 


sein,  dafs  z.  B.  Arnobius,  obwohl  er  von  pliry- 
gischen  Gebräuchen  zu  sprechen  angiebt,  doch 
manches  dem  römischen  Kultgebrauch  entnahm. 
Von  den  römischen  Gebräuchen  zeigen  deut- 
liche Beziehung  auf  Attis  das  Hereintragen  der 
heiligen  Fichte,  die  Blutentziehung  am  dies 
sanguinis,  dem  Tag  der  Trauer,  und  das  Freu- 
denfest Hilaria.  Namentlich  war  auch  diese 
unmittelbare  Verbindung  der  Trauer-  und  Freu- 
denfeier dem  phrygischen  Fest  und  dem  römi- 
schen Abbild  desselben  gemeinsam.  Dieses 
Zusammenrücken  der  beiden  Festgebräuche, 
von  denen  nur  das  Freudenfest  dem  Frühjahr, 
die  Trauer  aber  dem  Herbst  angehören  würde, 
hat  nach  Mannhardts  Erklärung  a.  a.  0.  S.  295 
nur  den  Zweck  „den  Zustand  der  dabei  auf- 
tretenden mythischen  Personen  als  den  des 
Wiedererwachtseins  oder  Wiederauflebens  zu 
bezeichnen“.  Das  Wiederfinden  des  Attis  ge- 
schah nach  einem  im  Metroon  in  Ostia  gefun- 
denen Belief  Mon.  d.  Inst.  9,  8a  1 im  Schilf- 
rohr des  Flusses  Gallos,  aus  welchem  sich  das 
Haupt  des  Attis  erhebt.  Hieraus  erklärt  sich 
die  Bedeutung  des  Kollegiums  der  Cannophori, 
welche  schon  am  15.  März  ihren  Einzug 
hielten. 

IV.  Verbreitung  des  Kultus.  In  Phry- 
gien  war  die  Verehrung  des  Attis  allgemein; 
infolge  der  engen  Verbindung  mit  Kybele 
scheint  auch  er  hohe  Verehrung  genossen  zu 
haben  (nach  Psellus  tisqi  övop.  p.  109  bedeu- 
tet Attis  auf  phrygisch  Zeus)  und  zwar  unter 
dem  Namen  Papas,  Diodor  3,  58.  Ilippol.  ref. 
5,  9 ol  d>Qvysg  ulXozs  fisv  Tlunuv  huXovgi,  wäh- 
rend das  Streben,  ihm  eine  allumfassende  Be- 
deutung beizulegen,  wie  in  dem  Hymnos  bei 
Hippolyt,  a.  a.  0.  slzs  Kqovov  ysvog  si'zs  Jiog 
pocKUQog,  und  in  der  Inschrift:  "Azzsi  d’  vipiazco 
nccl  cvvisvzt,  zo  ttocv  Kaibel,  epigr.  828,  vergl. 
Iulian.  Orat.  5,  168  C:  fisyug  tteo g "Azzig  und 
ßuGilevg  aus  neuplatonischen  Ideen  hervorge- 
gangen scheint.  Aufser  den  Lydern  (s.  oben) 
verehrten  ihn  auch  die  Bithyner , auch  sie 
unter  dem  Namen  Papas  als  höchste  Gottheit 
Hustath.  II.  E 408:  AQQiuvog  Iv  Bi&vviaKoig, 
ozi  avLOVztg  sig  tu  unqa  zwv  oqwv  Bid’vvol 
lnulovv  IJutzuv  zov  diu  itai  "Azzzv  zov  uvzov. 
Es  war  demnach  ein  Höhendienst,  worauf  auch 
die  Beinamen  der  Kybele  hinweisen.  In  Grie- 
chenland fand  der  Kultus  des  Attis  wegen 
seines  rein  asiatischen  Charakters  nur  hie  und 
da  und  erst  spät  Eingang;  immer  wurde  er 
als  Fremdling  und  Eindringling  unter  den 
griechischen  Göttern  angesehen:  suylvg  ex  zi- 
vog  ßuQßaQinr/g  ffuGibuifioviug  Plut.  Amat.  13. 
Ebenso  Lukian  Icaromen.  27.  Deor.  conc.  9. 
Nur  an  zwei  Orten  des  eigentlichen  Griechen- 
landes wird  ein  mit  Kybele  gemeinsames  Hei- 
ligtum des  Attis  erwähnt,  zu  Dyme  und  Patrai, 
und  zwar  erst  von  Pausanias  7,  17,  9.  20,  3. 
Im  Peiräeus  bestand  zwar  seit  dem  Ausgang 
des  vierten  Jahrhdts.  v.  Chr.  ein  privater  von 
Orgeonen  in  einem  Metroon  geübter  Dienst 
der  asiatischen  Göttermutter , aber  von  den 
hierauf  bezüglichen  Inschriften  (gesammelt  von 
Comparetti,  Annal.  d.  Inst.  1862,  23)  zeigt  erst 
eine  den  ersten  Jahrzehnten  des  2.  Jahrhdts. 
ungehörige  (so  Köhler,  G.  I.  Att.  2,  622  = Com- 


paretti n.  8)  eine  Beziehung  auf  Attis.  Hier  wird 
die  Priesterin  der  Orgeonen  belobt , dafs  sie 
iazQcoGsv  Öl  Hai  nXivrjv  eig  KficpbziQu  zu’Azzidsiu. 
Das  auch  im  Adoniskult  vorkommende  Toten- 
bett und  die  „beiden  Attisfeste“  zeigen,  dafs 
die  Trauer  um  den  Toteu  und  die  Freuden- 
feier gemeint  ist,  woraus  wohl  mit  Foucart 
Associations  religieuses  S.  97  geschlossen  wer- 
den darf,  dafs  plirygische  Gebräuche  auch  im 
Peiraieus  geübt  wurden.  Eine  Einweihungsfor- 
mel ^n  diese  Attismysterien  ist  uns  bei  Fir- 
micus  Mat.  de  err.  18  erhalten:  ex  zvynuvov 
pißgaotu,  e’x  xvpßaXov  nsncona,  yiyovu  yvGzr\g 
’Azzsmg.  Aber  die  staatliche  Anerkennung  wurde 
diesem  Attisdienst  nicht  zuteil.  Der  bei  Athen 
gefundene  Taurobolienaltar,  Arch.  Ztg.  1863 
Taf.  176.  177  hängt  weder  mit  diesem  Kultus 
im  Peiraieus,  noch  mit  dem  Metroon  in  Athen 
zusammen  (wie  Gurt  ins , Metroon  S.  11  will), 
sondern  gehört  einer  später  über  das  ganze 
römische  Reich  sich  verbreitenden  Sitte  an. 
Ob  in  Rom  mit  dem  204  v.  Chr.  eingeführten 
Kybeledienst  schon  in  republikanischer  Zeit 
die  Verehrung  des  Attis  verbunden  war,  ist 
zweifelhaft.  In  dem  einzigen  Zeugnis  hierfür, 
Varro  sat.  Wien.  p.  174,  150  Bücheier  beruht 
der  Name  des  Attis  auf  Konjektur,  und  der 
Denar  des  Cethegus,  auf  welchem  ein  Knabe 
mit  phry gische r Mütze,  mit  einem  Ast  auf  der 
Schulter,  auf  einem  Bock  reitet,  mag  sich  zwar 
auf  die  Pessinuntische  Attissage  (s.  Agdistis) 
und  die  Einführung  des  Kybeledienstes  unter 
Cethegus’  Konsulat  beziehen  (vgl.  Mommsen, 
Gesell,  d.  röm.  Münzw.  540  n.  136.  Cavedoni 
Bull.  1884  p.  23),  ist  aber  gegenüber  dem  völ- 
ligen Schweigen  der  Schriftsteller  kein  hin- 
reichender Beweis  für  seine  V erehrung  in  Rom. 
Erst  in  dem  seit  Claudius  aufgekommenen 
Märzfest  tritt  Attis  mit  gleicher  Berechtigung 
neben  die  Göttermutter,  und  von  da  an  ist  er 
auch  in  der  Fömischen  Litteratur  und  den 
Denkmälern  eine  bekannte  Gestalt.  Nun  wird 
er  in  den  Inschriften  neben  Kybele  genannt, 
z.  B.  Orelli  1896 — 1907.  2264.  2328 f. ; sie  heifsen 
zusammen  dii  magni  2352,  conservatores  1901; 
vergl.  auch  die  Entdeckungen  im  Metroon  von 
Ostia  Visconti  Annal.  1869 , 224.  Der  Ober- 
priester der  Magna  Mater,  der  Arcliigallus, 
giebt  sich  nicht  blofs  in  seinem  Priesterschmuck, 
worunter  das  vor  der  Brust  hängende  Attis- 
bild  (Relief  des  Capitol.  Mus.  Müller-  Wieseler 
2,  63,  817)  als  Diener  des  Attis  kund,  sondern 
er  führte  auch,  wie  die  Oberpriester  in  Pessi- 
nus,  den  Titel  Attis  populi  Romani  (Or.  2320); 
ein  anderer  Atus  publicus  populi  Romani  Qui- 
ritium  bei  Or.  2353.  Henzen,  Annal.  d.  Inst. 
1856,  110  vermutet,  derselbe  habe  bei  dem 
Kybelefest  die  Rolle  des  vergötterten  Jüng- 
lings zu  spielen  gehabt.  Und  nicht  mehr  ver- 
achtete Phryger  waren  jetzt  diese  Priester, 
sondern  römische  Bürger,  in  Rom  wie  in  den 
Provinzen  (Or.  2320.  Marquardt,  R.  A.  6,  354). 
Besonders  aber  verbreitete  sich  die  Verehrung 
des  Attis  durch  die  Sitte  des  Taurobolinms, 
die  seit  der  Zeit  der  Antonine  im  ganzen  Reich 
herrschend  wurde.  Die  zahlreich  erhaltenen, 
zum  Andenken  an  ein  Taurobolienopfer  gestif- 
teten Altäre  sind  ebensowohl  dem  Attis  als 


726 


725  Attis  (Verbreitung  d.  Kultus) 


Attis  (Bildwerke) 


der  Göttermutter  geweiht  und  die  Opfer  bei- 
den gemeinschaftlich  {prell.  1900.  1901.  2328. 
2352);  auch  wo  er  nicht  genannt  ist,  ist  er 
nicht  blofs  durch  seine  an  den  Altären  an- 
gebrachten Attribute  wie  Peduin , Harpe , Sy- 
rinx ( Lyon  Millin  voyage  1,  453.  Zoega  hass.  1 
'av.  14)  deutlich  bezeichnet,  sondern  von  dem 
Opfer  selbst,  das  aus  einem  taurobolium  und 
eriobolium  besteht,  ist  der  Stier  der  Götter- 
mutter,  der  Widder  dem  Attis  geweiht,  Zoega 
p.  59.  Die  Hauptceremonien  des  Tauroboliums, 
las  Vergraben  der  Testikeln  des  Stiers  ( vires 
’xcipere,  conäerc  Or.  2322,  womit  der  Gebrauch 
ler  entmannten  Attisdiener  Schol.  Nicandr. 
Alex.  8 zu  vergleichen)  und  die  Bluttaufe  ( Pru - 
ient.  71sql  ctscptxv.  10,  1011),  von  deren  suh- 
lender Kraft  eine  Erneuerung  des  Lebens  er- 
wartet wurde  ( taurobolio  criobolioque  in  acter- 
num  renatus  Orelli  2352.  6041)  erklären  sich 


Eunuchen  erkennen  läfst.  Deshalb  ist  ihm  in 
Körperformen  und  Haltung  eine  gewisse  Weich- 
lichkeit eigen.  Sein  regelmäfsiges  Attribut, 
das  ihn  als  Hirten  bezeichnet,  ist  das  Pedum, 
seltener  Syrinx  oder  Tympanon.  Meist  er- 
scheint er  eng  verbunden  mit  Kybele,  ent- 
weder untergeordnet,  indem  er  neben  der  thro  - 
nenden steht,  Millin  G.  M.  4,  13  (abgebildet 
bei  Kybele),  zugleich  mit  Hermes,  er  selbst 
10  eine  Blume  in  der  Pland,  Curtius,  Äbliandl.  d. 
Herl.  Alcad.  1879  Taf.  3,  1 (vgl.  Orelli  1900); 
sie  reicht  ihm  dabei  die  Hand,  Zoega  p.  55 
A.  93,  oder  legt  vertraulich  den  Arm  um  sei- 
nen Nacken,  Arch.  Ztg.  1863  Taf.  176.  Oder 
aber  der  Liebesbund  stellt  beide  einander 
gleich:  die  Göttin  suchtauf  dem  Löwenwagen 
fahrend  den  Geliebten,  der  sich  lauschend  hin- 
ter einer  Pinie  birgt,  Zoega  hass.  tav.  13  (abgeb. 
unt.  Kybele);  dann,  nach  siegreicher  Vollen- 


Kybele  u.  Attis  nebst  adorierenden  Frauen,  Votivrelief  in  Venedig  (s.  S.  726  Z.  57  ff.). 


,us  den  im  Pessinuntisclien  Attismytlios  ent- 
laltenen  Ideen  von  der  Erneuerung  der  Lebens- 
saft. 

V.  Bildwerke.  Die  weite  V erbreitung 
les  Attiskultus  beweisen  auch  die  meist  der 
ömischen  Zeit  angehörenden  bildlichen  Dar- 
teilungen auf  Münzen  und  Werken  der  Skulp- 
ur  aus  Kleinasien,  Griechenland,  Italien  und 
len  westlichen  Provinzen  bis  in  die  Donau-  eo 
md  Rheingegenden.  Attis  wird  als  Jüngling 
largestellt  mit  der  phrygischen  Mütze  und 
ler  asiatischen,  eng  anliegenden,  auch  Arme 
md  Beine  bedeckenden  Kleidung,  welche  je- 
loch, zuweilen  mannigfach  geschlitzt  und  wie- 
er  zusammengefafst,  das  Nackte  durchblicken 
der  auch  durch  völlige  Freilassung  des  Unter- 
eibs  und  der  Brust  die  Körperbildung  des 


düng  seines  irdischen  Geschicks  und  göttlicher 
Ehren  teilhaftig,  sitzt  er  an  ihrer  Seite  auf 
dem  Löwenwagen , Havercamp , Alex.  num. 
tab.  7,  18.  11,  29  (abgeb.  unt.  Kybele)  und  nimmt 
mit  ihr  die  Huldigungen  der  Adoranten  ent- 
gegen, so  auf  einem  griechischen  Votivrelief 
Zanetti  stat.  di  S.  Marco  2 , 2 , hier  nach 
Monum.  grecs  abgebildet:  neben  Kybele,  zu 
deren  Fiifsen  der  Löwe,  steht  Attis  mit  dem 
Hirtenstab,  zu  ihnen  tritt  aus  einer  Flügelthüre 
eine  adorierende  Frau  mit  einem  Büchschen, 
welcher  eine  Dienerin  folgt.  Seltener  sind  Ein- 
zeldarstellungen des  Attis  (vergl.  Orelli  1902. 
1903)  in  Statuen,  Statuetten,  Reliefs,  s.  K.  0. 
Müller,  Handb.  § 395.  Müller -Wieseler  2,  63, 
811.  812.  Zoega  p.  54f.  Haakh  16.  Philol- 
Vers.  S.  176f.  mit  zahlreichen  Abbildungen. 


727 


Atusmerius 


Aucnus 


Uenzen,  Annal.  ä.  Inst.  1856  Taf.  27,  1.  2. 
Visconti  Annal.  1869,  238.  Besonders  merk- 
würdig ist  die  Attisstatue  Mon.  de  Inst.  9,  8 a 
n.  2:  Attis  mit  weiblichen  Körperformen  und 
mit  weiblicher  Haartracht  und  Haltung  (nach 
Luk.  dea  Syr.  15)  anmutig  und  halb  nachläs- 
sig am  Boden  hingestreckt,  mit  einem  Straufs 
von  Blumen,  Früchten  und  Ähren  und  zahl- 
reichen sonstigen  Attributen,  welche  Anspie- 
limgen  auf  seine  Mythen  enthalten,  s.  Annal. 
1869,  224.  Eine  besondere  Klasse  bilden  die 
Attisbilder  auf  Grabsteinen,  Jaumann,  Nach- 
trag zu  Colonia  Sumlocenne  Stuttg.  1855.  Ur- 
lichs,  Jahrb.  cl.  Ithein.  Altert. -Vereins  23,  49 f. 
Taf.  1,  2.  Friederichs , Herl.  Ant.  Biläw.  2 
n.  2008.  Dütschhe,  Biläw.  Oberital.  4,  354.  359. 
360.  380.  Attis  steht  hier,  meist  das  eine  Bein 
überschlagend,  das  Kinn  auf  die  Hand  gestützt, 
dem  Zeichen  des  Nachdenkens  und  der  Trauer, 
indem  sein  trauriges  Geschick  als  Vorbild 
schnellen  Dahinsterbens,  vielleicht  aber  auch 
einer  zu  hoffenden  Auferstehung  ( Fenzen  a.  a.  0. 
112)  gefafst  wurde.  Die  hier  zuweilen  erschei- 
nenden Attribute  des  Bogens  (Haalch  S.  177. 
185.  Dütschke  4,  550)  und  der  Fackel  (Dütschke 
5,  437.  569)  bezeichnen  wohl  den  Kybelediener 
(vgl.  Kybele).  [Rapp."| 

Atusmerius  oder  Adsmerius,  ein  celtischer 
Gott,  der  mit  Mercurius  identificiert  wurde. 
Auf  einer  Vase  aus  Sanxey  bei  Poitiers  steht 
nämlich  nach  II.  D'Arbois  de  Jubainville,  le 
cycle  myth.  Irland,  et  la  mythol.  Celtigue,  Paris 
1884  p.  382 f.  die  Inschrift:  Deo  Mercurio 
Atusmerio  und  auf  der  Basis  einer  zu  Meaux 
gefundenenMerkurstatue:  Deo  Adsmerio.  D' Arb. 
de  Jub.  vergleicht  damit  den  Namen  Smeri 
oder  Smert  auf  einem  römischen  Altar  im 
musee  de  Cluny  zu  Paris  unter  dem  Reliefbild 
eines  Gottes  (sonst  Lugus  genannt),  der  eine 
Schlange  mit  einem  Keulenschlag  bedroht. 
S.  Cernunnos.  Endlich  kommt  auf  Inschriften 
mehrfach  eine  Göttin  Rosmerta  (s.  d.)  neben 
Mercurius  vor,  so  dafs  vielleicht  für  obige 
Namen  an  einen  Stamm  smer  (vgl.  irisch  smer 
Feuer)  und  an  eine  Lichtgottheit  (d.  h.  die 
Sonne)  zu  denken  ist.  [Steuding.] 

Atynmos  ('Azvyvog , ’Azvgviog ; Tvgvog  oder 
Tvgviog , dem.  Homil.  5,  15),  1)  Sohn  des 
Phoinix  oder  des  Zeus  und  der  Kassiepeia, 
Bruder  des  Kilix,  Phineus  und  Doryklos  ( Schol . 
Ap.  Bh.  2,  178.  Apollod.  3,  1,  2.  dem.  Be- 
cogn.  10,  22,  p.  54 Bu.) , ein  schöner  Knabe 
und  Geliebter  des  Sarpedon,  der,  nachdem  er 
seinetwegen  mit  seinem  Bruder  Minos  in  Streit 
und  Krieg  geraten,  mit  dem  Geliebten  von  Kreta 
nach  Karien  auswanderte.  Vgl.  den  Mythus  von 
Miletos,  der  ursprünglich  mit  ihm  identisch  ge- 
wesen zu  sein  scheint.  Auch  war  er  ein  Lieb- 
ling des  Apollon,  dem.  Homil.  5,  15.  In  Gor- 
tyna  wurde  er  mit  seiner  Schwester  Europa 
gemeinsam  verehrt,  Solin.  11,  9.  Ihm  zu  Ehren 
begingen  die  Kreter  ein  Trauerfest,  Nonn. 
Dion.  19,  180;  vgl.  12,  217.  11,  131.  258,  wo 
Phoibos  mit  dem  Beinamen  Atymnios  genannt 
wird.  Nach  Solin.  a.  a.  O.  läfst  sich  vermu- 
ten, dafs  er  ursprünglich  den  Morgenstern  be- 
deutete. Seine  Mythen  weisen  aufser  auf  Kreta 
und  Phönikien  auf  Lykien,  wo  er  mit  dem 


lykischen  Apollon  eng  verbunden  ist  (Nonn. 
a.  a.  O.),  sowie  auf  Karien  hin.  Movers,  Phö- 
nizier 2,  2.  S.  80.  Anm.  91.  Preller,  Griech. 
Myth.  1.  S.  216,  3.  2.  S.  133  f.  Hock,  Kreta  1. 
S.  105.  2.  S.  75.  327.  Welcher,  Iiret.  Kolonie 
S.  8.  Gr.  Götterl.  2.  S.  384.  Gerhard,  Griech. 
Myth.  § 485.  728.  — 2)  Sohn  des  karischen 
Königs  Amisodaros,  Bruder  des  Maris,  beide 
im  Gefolge  des  Sarpedon  vor  Troja,  von  den 
io  Nestoriden  Antilochos  und  Thrasymedes  ge- 
tötet, II.  16,  317  ff.  Müller,  Prolegg.  S.  348. 
— 8)  Sohn  des  Emathion  und  der  Nymphe  Pe- 
gasis,  am  Flusse  Granikos  geboren,  vor  Troja 
von  Odysseus  erlegt,  Quint.  Sm.  3,  300.  [Stoll.] 

Atys  = Attis  (s.  d.). 

Aucena,  Name  einer  Göttin  (oder  Heroine) 
auf  einer  pränestinischen  Cista.  Auf  dem  Deckel 
derselben  ist  dieser  Name  einer  vollbekleide- 
ten, auf  einem  Wagen  fahrenden  Frau  beige- 
20  schrieben.  Vor  ihr  geht  ein  Knabe  einher, 
während  unter  den  drei  Pferden  zwei  Schlan- 
gen erscheinen  , und  von  der  Seite  her  ein 
Löwe  die  ersteren  bedroht.  Auf  der  anderen 
Hälfte  dieses  Deckels  ist  Venus  in  ähnlicher 
Weise  dargestellt  ( C . I.  L.  1,  1501,  abgebildet 
Ann.  delli  Instit.  Archeol.  1861  p.  17411’.).  Ge- 
wöhnlich wird  der  Name  mit  avyiq  zusammen 
gebracht;  doch  dürfte  wohl  eher  an  den  etrus- 
kischen Aucnus  (s.  d.),  einen  Heros  von  Pe 
30  rusia,  zu  denken  sein,  der  als  ein  Muster 
von  Eintracht  und  Bruderliebe  erscheint. 
Übrigens  hat  schon  Mommsen  bei  Besprechung 
dieser  älteren  pränestinischen  Cisten  (C.  I.  L. 
1,  p.  23)  auf  den  Zusammenhang  derselben  mit 
Etrurien  hingewiesen,  und  C.  Sittl,  die  localen 
Verschiedenheiten  der  latein.  Spr.,  bringt  diese 
Behauptung  zur  Evidenz.  Vielleicht  wird  Au- 
cena  als  eine  der  gegenüberstehenden  Venus 
entsprechende  Gottheit  zu  fassen,  Schlangen 
40  und  Löwe  aber  etwa  als  die  Schrecken  des 
Todes  und  der  Unterwelt  zu  erklären  sein. 
Dafs  man  es  aber  dabei  gegen  De  Vits  An- 
sicht ( Onom . s.  v.)  mit  einer  mythischen  Per- 
sönlichkeit zu  thun  hat,  beweist  die  einglied- 
rige Form  des  Namens  (vgl.  Deecke,  etr.  Forsch. 
3 p.  368).  [Steuding.] 


iiti! 


fKäaii 


»a 


Aucnus,  die  etruskische  Form  des  bei  den 


römischen  Schriftstellern  teils  zu  Aunus,  teils 
zu  Ocnus  abgeschliffenen  Namens  ( Müller - 
50  Deccke,  Etr.  2 p.  287,  Anm.  34.  Deecke,  etr. 
Forsch,  3 p.  368).  Aunus,  der  Sohn  des  Fau- 
nus  (Sil.  It.  5,  7),  oder  des  Tiber  (Verg.  Aen. 
10,  198f.  u.  Serv.  dazu  — hier  ist  er  Ocnus 
genannt  — ),  oder  des  Aulestes  (s.  d.),  der  sonst 
auch  als  sein  Bruder  bezeichnet  wird,  ist  ein 
alter  Heros  von  Perusia  und  des  umliegenden 
Landes  (Serv.  ebenda,  Sil.  5,  7 u.  6,  109).  Um 
mit  seinem  Bruder  Aulestes,  dem  Gründer 
von  Perusia,  nicht  in  Streit  zu  geraten,  ging  er 
60  über  den  Apennin  und  gründete  Felsina,  wel- 
ches später  Bononia  genannt  wurde  (Serv. 
a.  a.  O.  u.  vielleicht  Sil.  8,  601;  vgl.  Müller, 
Etr.  1 p.  126);  von  seinen  Leuten  seien  dann 
auch  Mantua  und  andere  castella  (d.  h.  wohl 
die  tuskischen  Zwölfstädte  am  Padus)  erbaut 
worden.  Hieran  knüpft  sich  die  etymol.  Sage 
von  seiner  Mutter  Manto  und  die  Identi- 
ficierung  mit  Bianor  (Serv.  a.  a.  0.  u.  zu  Buc. 


1‘H 


729 


Aufaniae 


730 


9,  60).  Bei  Verg.  11,  717,  wo  von  einem  Ligu- 
rer, der  als  Sohn  des  Auuus  bezeichnet  wird, 
die  Rede  ist,  wird  dieser  selbst  fallax  ge- 
nannt. Serv.  z.  d.  St.  und  zu  v.  700  weist 
zur  Erklärung  darauf  hin,  dafs  die  Ligurer 
iberhaupt  für  betrügerisch  gegolten  hätten, 
vas  jedoch  für  Aucnus  aus  Perusia  nichts  be- 
weisen kann.  [Steuding.] 

Aufaniae,  Aufanae  oder  Aufanes,  celtische 
Gottheiten,  die  als  matronae  bezeichnet  wer-  l 
len  und  wohl,  wie  die  meisten  Göttinnen  die- 
:er  Art,  nach  einer  Örtlichkeit  genannt  sind, 
irwähnt  werden  sie  auf  einer  Inschrift  aus 
Goviomagum,  Orelli  2079:  Matronis  Aufania- 
ius  T.  Albinius  Januarius  L.  M. , einer  sol- 
•hen  aus  Lugdunum,  Orelli  2106:  Pro  salute 
lomn.  imp.  L.  Sept.  Severi  Aug.  totiusque  clo- 
>ius  ejus  Aufanis  Matronis  et  Matribus  Pan- 
loniorum  et  Belmatarum  Ti.  CI.  Pompejanus 
tc.  und  einer  aus  Colonia  Agr. , Orelli-Hen-  2 
en  5930:  Matronis  Aufanib.  C.  lul.  Mansue- 
us  etc.  Be  Vit  Onoin.  s.  v.  leitet  das  Wort 
tack  Franc.  Xav.  Quadro,  dei  titoli  di  onore 
).  59  von  celtisch  au,  auhis  oder  ahis  = aqua, 
lumen,  vallis  und  fan  — dominus  ab  (?) 

[Steuding.] 

Auge  ( Avyrj ) , 1)  Tochter  des  Aleos , des 
Cönigs  von  Tegea,  und  der  Neaira,  der  Toch- 
er  des  Pereus,  Schwester  des  Lykurgos,  Am- 
hidamas  und  Kepheus  (Paus.  8,  4,  8.  Apd. 

, 9,  1).  Nach  ATkidam.  Ulix.  p.  185,  23  St. 
atte  ihr  Vater  gemäfs  dem  Ausspruche  des 
irakeis,  seine  Söhne  würden  durch  einen  Ab- 
ömmling  seiner  Tochter  umkommen , Auge 
ur  Priesterin  der  Athene  gemacht  und  ihr 
Ir  den  Pall,  dafs  sie  einem  Manne  beiwohnen 
Alte,  mit  dem  Tode  gedroht.  Als  aber  Hera- 
les  auf  dem  Zuge  gegen  Augeias  als  Gast  im 
eiligtume  der  Athene  verweilte , sah  er  die 
ungfrau  und  that  ihr  im  Rausche  Gewalt  an 
gl.  Eurip.  b.  Stob.  18,  20.  Apd.  2,  7,  4: 
yvoäv).  Als  Aleos  ihre  Schwangerschaft 
erkte,  übergab  er  sie  dem  Nauplios,  einem 
.üben  Schiffsmanne,  mit  dem  Aufträge,  sie  ins 
eer  zu  werfen.  Unterwegs  aber  gebar  sie 
if  dem  Parthenios  den  Telepkos,  und  Nau- 
ios,  uneingedenk  des  ihm  gegebenen  Be- 
hls, brachte  sie  und  das  Kind  nach  Mysien 
Jyth.  Vat.  1,  204  wird  deshalb  Telephos  als 
ihn  des  Nauplios  betrachtet)  und  übergab 
side  dem  Könige  Teutbras.  Wir  dürfen  aus 
eser  Erzählung  den  Inhalt  der  ’AleaScu  des 
iphokles  entnehmen  (vgl.  Sopli.  fr.  98  — 112 
ind.).  Seiner  tragischen  Komposition  ange- 
essener  ist  freilich  die  Tradition,  dafs  Tele- 
ios  in  Arkadien  in  der  Verborgenheit  unter 
sn  Hirten  des  Korythos  oder  bei  diesem  selbst 
fwuclis,  nachdem  er  (nach  Quint.  Smyrn.  6, 

1 auf  Wunsch  des  Zeus)  von  einer  Hirse  k- 
ih  gesäugt  worden  war  (Paus.  8,  48,  7.  Apd. 

7,  4.  3,  9,  1.  Biod.  4,  33,  11.  Hyg.  f.  99). 
ich  dieser  Form  der  Sage,  der  wohl  auch 
iphokles  in  seinen  Mysern  (vgl.  Sopli.  fr. 
8— 368D.  Welcher , gr.  Trag.  2,  53ff.)  und 
schylos  in  seinen  Mysern  und  seinem  Tele- 
os  (vgl.  Aesch.  fr.  141  ff.  236  f.D.  Welcher, 
■U.  562  u.  griech.  Trag.  2,  767)  folgten,  kam 
lephos  als  Jüngling  nach  Mysien  (Paus.  1, 


Auge 

4,  6),  durch  ein  Orakel  angewiesen  (Biod. 
a.  a.  O.  Schol.  Eur.  Iihes.  250.  Suid.  s.  v. 
sG%a.xog  Mvacüv.  Hyg.  f.  100).  Nach  Paus.  8, 
47,  4 wurde  Auge  nicht,  wie  bei  Sophokles, 
Euripides,  Hekataios  (vgl.  Ar  ist.  Pan.  1080. 
Paus.  8,  4,  9.  Clem.  Alex.  Strom.  7 p.  841. 
Tzetz.  Lykophr.  216),  im  Tempel,  sondern  an 
einer  Quelle  in  der  Nähe  des  Tempels  der 
Athene  durch  Herakles  entehrt;  nach  Sen. 
Here.  Oet.  369  ff.  war  sie  eben  damit  beschäf- 
tigt, der  Pallas  zu  Ehren  einen  Reigentanz 
aufzuführen.  Sie  gebar  nach  Apollod.  heim- 
lich und  verbarg  das  Kind  im  Tempel , bis 
eine  Pest  (2,  7,  4;  vgl.  Stob.  43,  12)  oder  Un- 
fruchtbarkeit des  Landes  und  ein  Orakel  (3, 
9,  1)  zur  Entdeckung  des  Frevels  führten,  wo- 
rauf Aleos  das  Kind  auf  dem  Parthenischen 
Gebirge  aussetzen  liefs  (vgl.  Tzetz.  Lykophr. 
206.  1249).  Die  Mutter  sollte  Nauplios  ins 
Ausland  verkaufen  (Apd.  2,  7,  4)  oder  töten 
(3,  9,  1).  Nach  Paus.  8,  48,  7 gebar  sie,  als 
sie  mit  Nauplios  fortzog,  in  Tegea,  nach  Biod. 
4,  33,  9 und  Hyg.  f.  99  (vgl.  Eurip.  fr.  697  D. 
Bion.  Hai.  de  c.  v.  26  vol.  5 p.  219),  wie  bei 
Sophokles , auf  dem  Parthenios  und  liefs  hier 
das  Kind  zurück.  Nach  Apollod.  a.  a.  O.  trat 
Nauplios  Auge  an  Teuthras  selbst  ab , nach 
Biod.  4,  33,  10  an  karische  Männer,  die  nach 
Asien  segelten  und  Auge  dem  Mysepkönig 
überbrachten;  nach  Hyg.  f.  99  floh  Auge  selbst 
aus  Furcht  vor  ihrem  Vater  nach  Mysien.  Bei 
Euripides  (Strab.  13  p.  615),  von  dem  die  Tra- 
gödien Auge  und  Telephos  existierten  (vgl. 
Eurip.  fr.  267—283.  697— 727 D.  Welcher, 

gr.  Trag.  2,  763ff.  480;  vgl.  C.  I.  Gr.  6047), 
liefs  Aleos  nach  Entdeckung  des  Frevels  Mut- 
ter und  Kind  in  einem  Kasten  ins  Meer 
werfen,  diese  aber  gelangten  durch  die  Für- 
sorge der  Athene  in  die  Mündung  des  mysi- 
schen  Flusses  Ka'ikos  (vgl.  Aesch.  b.  Strab.  13 
p.  616).  Hier  fand  sie  Teuthras  und  nahm 
Auge  zur  Gattin , ihr  Kind  als  Pflegesohn 
in  sein  Haus.  (Vgl.  Paus.  8,  4,  9.  Apd.  2, 
7,  4.  Biod.  4,  33,  12,  wo  Teuthras  den  Tele- 
phos mit  seiner  Tochter  Argiope  verheiratet, 
Tzetz.  Lykophr.  206).  Hyg.  f.  99  (vgl.  f.  162) 
wird  Auge  zur  Pflegetochter  des  Teuthras  ge- 
macht und  f.  100  ihr  weiteres  Schicksal  nach 
einer  unbekannten  Tragödie  Teuthras  also  er- 
zählt: Als  Telephos  auf  Geheifs  des  Orakels, 
das  er  über  seine  Mutter  befragte,  mit  seinem 
Begleiter  Partkenopaios  nach  Mysien  kam, 
wollte  Idas,  der  Sohn  des  Aphareus,.  den  Teu- 
thras der  Herrschaft  berauben.  Dieser  ver- 
sprach daher  dem  Ankömmling  die  Nachfolge 
in  der  Herrschaft  und  seine  Pflegetochter  Auge 
als  Gattin,  wenn  er  ihm  gegen  den  Neben- 
buhler Hilfe  leisten  würde.  Nach  Besiegung 
des  Feindes  übergab  Teuthras  Auge  dem  Tele- 
phos (s.  d.) ; diese  aber  wollte  sich,  des  Herakles 
eingedenk,  keinem  Sterblichen  ergeben  und 
zückte  deshalb  im  Brautgemach  das  Schwert 
gegen  den  eignen  Sohn.  Da  erhob  sich  eine 
ungeheure  Schlange  zwischen  beiden , durch 
welche  erschreckt  Auge  ihr  Vorhaben  kund- 
gab. Als  nun  Telephos  die  Mutter  zu  töten 
sich  anschickte , rief  sie  in  ihrer  Angst  den 
Herakles  an.  Da  erkannte  der  Sohn  die  Mut- 


731  Auge 

ter  und  führte  sie  in  die  Heimat  zurück  (vgl. 
Epigr.  Cyzic.  2.  Welcher , griech.  Tr.  1,  415). 
Diese  Erkennungsscene  mag  auch  im  Telephos 
des  Sophokles  ein  Hauptmoment  gewesen  sein 
(vgl.  Anth.  Pal.  3,  2.  Ad.  II.  A.  3,  47.  Wel- 
cher a.  a.  0.  416).  Sie  ist  das  Motiv  auf  einer 
Volcenter  Vase  und  einem  etruskischen  Spie- 
gel ( Cabinet  Durand  p.  7.  de  Witte  p.  136 
n.  384.  p.  422  n.  1974).  Die  Tegeaten  verehr- 
ten die  Eileithyia  unter  dem  Namen  Avyg  sv  io 
yovceai.  an  der  Stelle,  wo  Auge,  von  Nauplios 
fortgeführt,  auf  den  Knieen  liegend  den  Tele- 
phos geboren  haben  sollte  {Paus.  8,  48,  7). 
Diese  Verehrung  sowohl  wie  die  Namen  Avyg 
(d.  i.  die  Strahlende)  und  Tylecpos  (d.  i.  der 
Fernleuchtende)  weisen  deutlich  auf  eine  Mond- 
göttin  hin  {Preller,  gr.  Myth.  2,  241).  Daher 
wurde  sie  als  Tochter  des  Aleos  betrachtet, 
und  ihr  Bild  stand  im  Tempel  der  tegeati- 
schen  Athene  (Alice  in  Bezug  auf  die  milde,  20 
gedeihliche  Wärme  des  Himmels;  s.  jedoch 
ob.  S.  679),  zu  deren  Priesterin  sie  erst  in 
einer  späteren  Zeit  gemacht  wurde  {Paus.  8, 
47,  2).  Polygnot  hatte  sie  in  der  Lesclie  zu 
Delphoi  neben  Iphimedeia  gemalt  {Paus.  10, 

28  , 8).  Im  mysischen  Pergamos  zeigte  man 
ihr  Grabmal  mit  der  ehernen  Figur  eines 
nackten  Weibes  {Paus.  8,  4,  9).  Über  andre 
auf  die  Sage  bezügliche  Bildwerke  vgl.  0.  Jahn, 
Telephos  u.  Troilos  46 ff.  Archäolog.  Beitr.  233  if.  so 
Müller.  Hdh.  410,  8.  S.  Telephos.  — 2)  Eine  der 
Horen  (s.  d.)  nach  Hyg.  f.  183.  [Schirmer.] 
Augeias  u.  -eas  {Avyeiag,  -sag),  1)  Sohn  des 
Helios  {Ap.  Illi.  1,  172.  Theolcr.  25,  54.  Apd. 

1,  9,  16.  Orph.  Arg.  212  (215),  nach  Paus.  5, 

1 , 9 des  Eleios)  oder  des  Poseidon  oder  des 
Lapithen  Phorbas  {Apd.  2,  b,  5)  und  der  Hyr- 
mine,  einer  Tochter  des  Neleus  oder  Nvkteus 
oder  Epeios  {Schol.  Ap.  Bh.  1 , 172.  Eudok. 
p.  82.  Paus.  5,  1,  6.  Bei  Tzetz.  Lyhophr.  41  40 
heifst  die  Mutter  iphiboe , an  der  korrupten 
Stelle  Hyg.  f.  14  Naupidame),  Bruder  des  Ak- 
tor, Vater  des  Phyleus  und  Ägasthenes  {II.  2, 
624.  East.  Hom.  p.  303,  10 ff.  Theolcr.  25,  55. 
Paus.  5,  3,  3;  nach  Diod.  4,  33,  3 auch  des 
Eurytos),  der  Agamede,  der  Gemahlin  des  Mu- 
lios  {II.  11,  740f. ; nach  Hyg.  f.  157  gebiert 
sie  dem  Poseidon  den  Diktys),  oder  Perimede 
{Theolcr.  2,  16  u.  Schol.-,  vgl  Prop.  2,  4,  8), 
einer  zweiten  Medeia,  und  der  Epikaste,  welche  50 
dem  Herakles  den  Thessalos  gebar  {Apd.  2, 

7,  8).  Er  heifst  König  der  Epeier  oder  Eieier 
(vgl.  C.  I.  Gr.  5984  B.  E) , welche  Ilekat. 
b.  Strah.  p.  341 , 9 von  den  Epeiern  unter- 
scheidet , nach  der  gewöhnlichen  Sage  in 
Elis,  nach  Orpli.  Arg.  211.  (214)  in  Pisa, 
wahrscheinlich  aber  im  eleischen  Ephyra 
ansässig  (vgl.  Müller,  Orcliom.  355 f.).  Nach 
Homer  veranstaltete  er  Wettkämpfe  und  be- 
hielt einst,  als  Neleus  von  Pylos  4 Rosse  und  eo 
Wagen  zur  Beteiligung  an  jenen  Spielen  nach 
Elis  gesandt  hatte , dieselben  widerrechtlich 
zurück  {II.  11,  698  ff.  Schol.  v.  700.  Paus.  5, 

8 , 3).  Augeias  nahm  auch  teil  am  Argonau- 
tenzuge {Ap.  Bh.  1,  172.  Orph.  Arg.  211  (214)f. 
Apd.  1,9  , 16.  Hyg.  f.  14).  Vor  allem  aber 
zeichnete  ihn  ein  unermefslicher  Reichtum  an 
Viehherden  aus,  die  ihm  sein  Vater  Helios 


Augeias 


732 


verlieh  und  behütete  {Ap.  Bh.  1 , 174  u.  bes. 
Theolcr.  5,  118  ff.).  Da  die  Menge  des  sich  an- 
sammelnden Düngers  die  Fruchtbarkeit  des 
Landes  beeinträchtigt  {Paus.  5,  1,  9),  so  ist  ihm 
der  dem  Herakles  (s.  d.)  von  Eurystheus  gewor- 
dene Auftrag,  seinen  riesigen  Stall  an  einem 
Tage  zu  reinigen,  sehr  willkommen;  für  den 
unwahrscheinlichen  Fall,  dafs  das  Werk  in 
der  gesetzten  kurzen  Frist  gelingt,  verspricht 
er  jenem  den  10.  Teil  seiner  Herden  (nach 
Paus.  5, 1,  9 einen  Teil  des  Landes).  Herakles 
leistet  das  Unglaubliche  {Hyg.  f.  30  stehen 
die  Worte  Iove  adiutore  wohl  an  falscher  Stelle), 
indem  er  die  Flüsse  Alpheios  und  Peneios  (nach 
Paus.  5,  1,  10  u.  Theolcr.  25,  15  den  Menios) 
in  den  Stall  hineinleitet;  aber  Augeias  ver- 
weigert ihm  (nach  Zenod.  b.  Athen.  10  p.  412a 
u.  Ael.  V.  H.  1,  24  auf  Rat  des  Lepreus,  eines 
Enkels  des  Phorbas)  den  versprochenen  Lohn 
und  leugnet  sogar  das  ihm  gegebene  Verspre- 
chen. Als  vor  den  Richtern,  deren  Entschei- 
dung die  Sache  anheimgestellt  wird,  Phyleus, 
der  Sohn  des  Augeias , für  Herakles  gegen 
seinen  Vater  zeugt,  ergrimmt  dieser  und  ver- 
weist Herakles  und  Phyleus  noch  vor  dem 
Schiedssprüche  aus  Elis  {Apd.  2,  5,  5 u.  Ioann. 
Pedias.  5 ed.  Westerm.  p.  352.  Diod.  4,  13,  3. 
Quint.  Smyrn.  6,  232  ff.).  Als  Herakles  mit 
einem  arkadischen  Heere  und  freiwilligen  Mit- 
streitern gegen  Augeias  heranzog,  machte  die- 
ser Eurytos  und  Kteatos , die  Söhne  seines 
Bruders  Aktor  und  der  Molione,  zu  Feldher- 
ren, und  diese  benutzten  eine  Krankheit  des 
Herakles  dazu , sein  Heer  zu  schlagen  (vgl. 
Solcrat.  Arg.  b.  Schol.  Find.  Isthm.  3 , 104, 
wonach  Augeias  die  Söhne  des  Herakles  und 
der  Megara  hinterlistig  tötete).  Auf  einem 
abermaligen  Heereszuge  gelingt  es  Herakles, 
die  Molioniden  zu  töten  und  Elis  zu  erobern. 
Augeias  kommt  mit  seinen  Kindern  dabei  um 
{G.  I.  Gr.  5984),  Phyleus  aber  wird  von  Du- 
lichion,  wo  er  in  der  Verbannung  lebte,  von 
Herakles  herbeigerufen  und  in  die  Herrschaft  ein- 
gesetzt {Apd.  2,  7,  2.  Pind.  Ol.  11,  25 ff.  u.  Schol- 
Diod.  4,  33,  3f.  Paus.  5,  1,  10,  wo  auch  Ama. 
rynkeus  (s.  d.),  ein  Sohn  des  Thessalers  Pyttios, 
Bundesgenosse  des  Augeias  ist).  Nach  einer  an- 
dern Tradition  {Paus.  5,  3,  3)  starb  Augeias  im 
Alter  eines  natürlichen  Todes,  und  es  wurden 
ihm  von  den  Epeiern  Heroenehren  erwiesen, 
welche  der  siegreiche  Oxylos  aufrecht  erhielt 
{Paus.  5,  4,  2).  Auf  den  Reichtum  des  Au- 
geias bezieht  sich  die  Sage  von  dem  Schatz- 
hause, das  er  sich  von  Agamedes,  dem  Sohne 
des  Stymphalos,  und  dessen  Stiefsohne  Tropbo- 
nios  bauen  liefs  {Charax  b.  Scliol.  Arist.  Nub. 
508).  (S.  Agamedes  und  Trophonios).  Diese 

Sage , welche  schon  der  Kykliker  Eugammon 
von  Kyrene  in  seiner  Telegonie  behandelte 
(Exc.  b.  Proklos ),  wurde  nach  Müller,  Orcliom. 
91  f.  von  den  in  Elis  sich  ansiedelnden  Mi- 
nyern,  deren  altes  Eigentum  sie  gewesen  sein 
soll  (vgl.  Paus.  9,  37,  5),  auf  Augeias  über- 
tragen; nach  anderen  drang  sie  von  Ägypten 
her  (vgl.  Herod.  2,  121)  durch  Eugammon  in 
die  griechische  Mythologie  ein  und  wurde  frü- 
her mit  Augeias  als  mit  dem  Minyer  Hyrieus 
in  Verbindung  gebracht  (vgl.  Welcher,  ep.  Gyhl. 


If 
v.  .'9 


hiii 

lllll 

bin 


733 


Auleros 


Auson 


734 


2,  301ff.).  Betr.  d.  Bildwerke  s.  Müller, 
Hclb.  410,  4.  Was  die  Bedeutung  des  Augeias- 
mythus  anlangt,  so  weist  sowohl  der  Name 
(Avysug  d.  i.  der  Strahlende ; nach  Schol.  Ap. 
Bli.  1,  172  gingen  wirklich  Strahlen  von  sei- 
nen Augen  aus)  als  auch  die  Abstammung 
des  Augeias  von  Helios  und  die  Verwandt- 
schaft seiner  Tochter  Agamede  mit  der  dem 
Hekatedienste  angehörenden  Medeia  deutlich 
auf  ein  himmlisches  Lichtwesen  hin.  Seine  i 
Herden  bedeuten  wahrscheinlich  die  himmli- 
schen Heerscharen  der  Gestirne,  ihr  Mist  den 
Unrat  des  Winters,  dessen  Gewölk  und  Nebel 
das  schöne  Gehöft  des  Himmels  ganz  bedeckt 
und  entstellt  ( Preller , gr.  Myth.  2,  198  f.).  — 
2)  Vater  des  Troers  Admetos  ( Lesclies  b.  Baus. 
10 , 25 , 5).  [Schirmer.] 

Auleros  (AvXggog),  Troer,  von  Antilochos  ge- 
tötet, Tzetz.  Hom.  117.  [S.  Ableros.  R. ] [Stoll.] 
Aulestes,  Tyrrhener,  Sohn  des  Tiberis  und  2 
der  Manto , der  Tochter  des  Teiresias  (oder 
des  Herakles),  der  mit  seinem  Bruder  Ocnus 
oder  Aucnus  (s.  d.),  dem  Gründer  Mantuas, 
von  Mantua  her  dem  Äneas  gegen  Mezentius 
zu  Hilfe  zog  und  von  Messapus  getötet  wurde. 
Er  war  Gründer  von  Perusia,  Verg.  Aen.  10, 
198  ff.  12,  290.  Serv.  z.  Aen.  10,  198.  Heyne, 
j Exc.  2 zu  Lib.  10.  Müller,  Etrusker  1 , 132. 

2,  274.  [Stoll.J 

Auletes  (AvXrjTgg,  bei  Eustath.  AvXyzrjg),  Bru-  3' 
der  der  Penelope,  Schol.  Od.  15,  16.  Eustatli. 
p.  1773,  21.  [Stoll.] 

Aulis  ( AvXig ),  1)  Tochter  des  Ogygos,  von 
welcher  die  gleichnamige  Stadt  in  Böotien  den 
Namen  haben  sollte,  Paus.  9,  19,  5.  Oder 
Tochter  des  Euonymos , eines  Sohnes  des 
Kephissos,  Stepli.  Byz.  s.  v.  Schol.  II.  2,  496. 
Eustatli.  265,  8.  — 2)  Eine  der  drei  Eidgöt- 
tinnen (Praxidikai) , der  Töchter  des  Ogygos, 
welche  zu  Haliartos  am  Tilpliossion  ein  Hei-  •}< 
ligtum  hatten,  Suid.  u.  Phot.  s.  v.  fTgo’lidtxrj,  s. 
Praxidike.  [Stoll.]  — 3)  Nach.  Hcsycli.  s.  v. 
ein  Beiname  des  Apollon  und  des  Zeus , Ben- 
teler, W.  d.  gr.  E.  erklärt  es  als  „Herberger“, 
vas  wohl  zu  Zeus,  nicht  aber  zu  Apollon  pas- 
sen würde.  — [4)  Beiname  der  Artemis  C.  I. 
Sr.  5941  (vgl.  Paus.  9,  19,  5)  R.]  [Steuding.] 
Aulisva,  Name  eines  wohl  nordafrikanischen 
Jottes  auf  zwei  Inschriften  aus  Pomarium 
Tlemsen)  in  Mauretania  Caesar.,  C.  1.  L.  8,  5 
»906:  Deo  sando  Aulisvae  Fl  Gassianus  prae- 
' ect  alae  exploratorum  Pomariensium  S(eve)ria- 
me  . . . und  9907:  Deo.  invicto  Aulisvae.  M . . . 
:tc.  De  Vit  schreibt  ihn  ohne  Angabe  eines 
Irundes  den  Germanen  zu.  [Steuding.] 

Aulon  ( AvXiav ) . Arkader , Sohn  des  Tlesi- 
nenes,  der  ein  Bruder  oder  Sohn  des  Parthe- 
lopaios  gewesen  sein  soll.  Aulon  hatte  ein 
feroon  in  Sparta,  Paus.  3,  12,  7.  [Stoll.] 
Aulotlios  (AvXoQ'og) , Sohn  des  Kastor  und  c> 
ier  Hilaeira,  Bruder  des  Anagon  (Anogon, 
i -1 pollod.  3,  11  , 2)  oder  Anaxis  (vgl.  Paus.  2, 
!2,  6),  Tzetz.  Lylc.  511.  [Stoll.] 

Äumenaienae,  auf  einer  Inschrift  bei  Lersch, 

’•  M.  1.  18.  [Steuding.] 

AllOS  (Avcog)  s.  Eos. 

Aura  (Avqoi,  Avgrj),  1)  Tochter  des  Titanen 
«elantos  und  der  Periboia,  eine  Phrygierin, 


windschnelle  Jägerin  und  Gefährtin  der  Arte- 
mis, die,  von  Dionysos  geliebt,  ihn  floh,  bis 
Aphrodite  auf  die  Bitte  des  Gottes  den  Sinn 
der  Aura  ihm  zuwandte,  dafs.  sie  sich  ihm  er- 
gab. Nachdem  sie  Zwillinge  geboren,  wurde 
sie  wahnsinnig , verzehrte  eins  ihrer  Kinder 
und  stürzte  sich , den  Tod  suchend , in  den 
Plufs  Sangarios,  wurde  aber  von  Zeus  in  eine 
Quelle  verwandelt,  Nonn.  Dionys.  48,  242ff. 
Nach  Etym.  M.  v.  AivSvgov  floh  die  schwan- 
gere Aura,  von  der  zürnenden  Artemis  ver- 
folgt, aus  Pontus , wo  sie  wohnte,  nach  Kyzi- 
kos  und  von  da  in  die  Berge,  wo  sie  Zwil- 
linge (öiövga)  gebar.  Daher  bekam  das  Ge- 
birge den  Namen  Dindymon.  — 2)  Avgca, 
aurae  hiefsen  die  milden  Winde  (Et.  M.  II e- 
sych.  Orpli.  Arg.  338) , die  auch  bei  Dichtern 
und  auf  Bildwerken  personificiert  Vorkommen, 
auf  den  letzteren  in  Gestalt  von  weiblichen 
Figuren  mit  segelartig  über  dem  Haupte  ge- 
bauschten Tüchern  und  Gewändern,  s.  Preller, 
Gr.  Myth.  1,  388,  4.  Bei  Quint.  Sm.  1,  684 
melden  die  Avqcu  , Töchter  des  Boreas , dem 
Ares  den  Tod  der  Penthesileia.  Prokris  (s.  d.) 
wurde  durch  die  Eifersucht  dahingebracht,  die 
aura  (die  frische  Morgenluft),  welche  Kephalos, 
ihr  jagender  Geliebter,  anrief,  dafs  sie  komme 
und  ihn  erquicke  ( Ovid . Met.  7,  837),  zu  per- 
sonifizieren. — 3)  Aura  hiefs  ein  Hund  des 
Aktaion  wegen  seiner  Windesschnelle,  Hygin. 
f.  181,  wie  das  Rofs  des  Pheidolas,  Paus.  6, 
13,  5.  [Stoll.] 

Äures.  Den  Ohren  verschiedener  Götter 
werden  nach  einigen  Inschriften , jedenfalls 
wegen  der  Erhörung  eines  Gebetes  oder  Ge- 
lübdes, Weihgeschenke  dargebracht.  So  C.  I. 

L.  3 , 986 : Auribus  Aesculapi  et  Hygiae  et 
Apollini  et  Dianae  etc.  aus  Apulum  in  Dacien, 
und  5,  759:  Auribus  Bonae  Deae  aus  Aqui- 
leja.  [Steuding.] 

Auropliite,  von  Ocitus  Mutter  des  Cycnus, 
der  von  Argos  aus  mit  12  Schiffen  mit  gen 
Ilion  zog,  Hyg.  f.  97.  Die  drei  Namen  schei- 

Aurora  s.  Eos.  [neu  verderbt.  [Stoll.] 

Auson  (Avgcov)  , entweder  Sohn  des  Odys- 
seus von  der  Kirke  (Eustath.  ad  Odyss.  p.  1379 
l.  20;  id.  ad  Dionys.  Perieg.  v.  78;  Serv.  Aen. 
8,  328;  Tzetzes  ad  Lycoplir.  v.  44.  702  ed. 
G.  G.  Müller ; Etym.  M.  ed.  Gaisford.  s.  v.), 
oder  Sohn  des  Odysseus  von  der  Kalypso  (Serv. 
ad  Aen.  3,  171.  Schol.  Apoll.  Bliod.  4,  553. 
Suid.  s.  v.  Avoovlcov,  Slcymn.  v.  230  ed.  Mei- 
nel:e,  Etym.  M.  a.  a.  O.),  oder  Sohn  des  Atlas 
und  der  Kalypso  ( Stepli . Byz.  s.  v.  Eustath. 
ad  Dion.  Perieg.  v.  78),  Bruder  des  Latinos 
(Eustath.  ad  Odyss.  a.  a.  0.)  und  Vater  des 
Liparos  (nach  Stepli.  Byz.  s.  v.  Aindgot),  [vgl. 
auch  Etym.  M.  19,  1,  wo  vielleicht  ’AöqCov 
rov  Msooanov  tov  Avaovog  zu  lesen  ist],  soll 
der  Stammvater  der  Ausonier  und  erster  König 
ihres  Landes  gewesen  sein  (während  Etym. 

M.  a.  a.  0.  der  Name  Avaovsg  von  Av^gv, 
einem  alten  Namen  Italiens,  abgeleitet  wird), 
nach  dem  auch  das  sicilische  Meer  als  das 
ausonische  bezeichnet  worden  sei  (Eustath. 
a.  a.  0.).  Tzetz.  ad  Lyc.  v.  702  erwähnt,  dafs 
es  mehrere  dieses  Namens  gab , u.  a.  einen 
Sohn  von  Italos  und  Leutaria  (Lentarnia?). 


Austus 


735 

[Vgl.  Lyk.  978  u.  Schöl.  Strah.  281.  Bei  Eu- 
dox.  im  Et.  M.  19,  1 ist  vielleicht  ’Abgiov  % ov 
Mtaocirtov  rov  Avcovog  zu  lesen.  R.]  [Procksch.] 

Austus,  Beiname  des  Mithras  auf  einer  In- 
schrift später  Zeit  aus  San  Juan  de  Isla  in 
Asturien,  C.  I.  L.  2,  2705.  Nach  Mommsen  ist 
es  aus  Augustus  barbarisch  kontrahiert;  Hüb- 
ner vermutet  dafür  Cautus.  [Steuding.] 

Autesion  ( Avtsglcov ),  Thebaner,  Sohn  des 
Tisamenos,  Urenkel  des  Polyneikes,  Vater  des 
Theras  und  der  Argeia,  mit  welcher  Aristode- 
mos  den  Eurysthenes  und  Prokies  zeugte, 
Apollod.  2,  8,  2.  Paus.  3,  15,  4.  Ap.  Ith.  4, 
1762  u.  Schot,  zu  1764.  Schot.  Pind.  Ol.  2,  82. 
Pyth.  4,  88.  Herodot.  4,  147.  6,  52.  Strab.  8 
p.  347.  Auf  Befehl  des  Orakels  wanderte  Au- 
tesion, von  den  Erinyen  des  Laios  und  Oidi- 
pus  verfolgt,  zu  den  Herakliden  in  den  Pelopon- 
nes, Paus.  9,  5,  8.  Müller,  Orchomenos  S 3351 
Gerhard,  Griech.  Mythol.  § 749.  [Stoll.] 

Autochthe  (Avzox&y),  Tochter  des  Perseus, 
eine  der  Gemahlinnen  des  Aigeus,  Tzetz.  Lyk. 
494.  Chil.  5,  677.  [Stoll.] 

Autodike  (AvzodUrf),  Tochter  des  Danaos, 
tötete  den  ihr  vermählten  Aigyptiden  Klytos, 
Hygin.  f.  170.  [Stoll.] 

Autolaos  (Avtolaog) , Sohn  (vo&og)  des  Ar- 
kas , älterer , nicht  ebenbürtiger  Bruder  des 
Azan,  Apheidas  und  Elatos.  Er  fand  und  er- 
zog den  ausgesetzten  Asklepios,  Paus.  8,  4,  2. 

25,  6.  S.  Asklepios.  Gerhard , Griech.  Myth. 
§ 812.  Gurtius,  Peloponnes  1.  S.  160.  163  f. 
371.  [Stoll.] 

Autoleon  (Avtolscov),  ein  Krotoniate,  der  in 
der  Schlacht  am  Sagras  in  Unteritalien  zwi- 
schen den  italischen  Lokrern  und  Krotoniaten 
(Ol.  54)  in  die  Stelle  der  Schlachtreihe,  welche 
die  Lokrer  nach  altem  Herkommen  für  ihren 
Nationalhelden  Aias  offen  zu  lassen  pflegten, 
einzudringen  versuchte,  aber  von  dem  Schat- 
ten des  Helden  in  die  Hüfte  (oder  Brust)  ver- 
wundet wurde.  Da  die  Wunde  nicht  heilte, 
ging  er  nach  dem  Rat  des  Orakels  auf  die  Insel 
Leuke  im  Schwarzen  Meer  (s.  Achilleus),  um 
dort  den  Schatten  des  Aias  durch  Opfer  zu 
versöhnen.  Autoleon  wurde  geheilt.  Auf  Leuke 
sah  er  auch  die  Heroine  Helena,  welche  ihm 
auftrug,  dem  für  seinen  Tadel  der  Helena  von 
ihr  geblendeten  Dichter  Stesichoros  in  Himera 
zu  melden:  wenn  er  sein  Gesicht  wieder  er- 
halten wollte,  so  solle  er  den  Widerruf  dich- 
ten. Stesichoros  dichtete  seine  Tlaltvg)8la  und 
ward  wieder  sehend.  Conon.  narr.  18.  Das- 
selbe erzählen  Paus.  3,  19,  11  und  Hermias  zu 
Plat.  Phaedr.  p.  99  u.  102  (Ast)  von  dem  Kro- 
toniaten  Leonymos  (s.  Meinehe,  Poet.  com.  2, 
1228  etc.).  S.  Borgte,  Poet.  lyr.  gr.  Stesich.  fr. 

26.  [Stoll.] 

Autolykos  (Avtolvuog),  1)  Heros  ohne  Kul- 
tus, Typus  der  Dieberei  und  Schlauheit  ( Od . 
19,  395,  furacissimus  Hyg.,  vgl.  Plaut.  Bacch. 
275  u.  Tzetz.  Epist.  42  p.  37,  8 AvtoXvnsiov 
ngayga),  daher  mit  Hermes,  Odysseus,  Sisy- 
phos,  Sinon  in  Beziehung  gesetzt,  ausgebildet 
im  Epos  und  in  Euripides ’ Satyrspiel  gleichen 
Namens.  Stiehlt  durch  Einbruch  Amyntors 
Lederhaube,  II.  10,  260;  stiehlt  Rinder  des 
Eurytos  aus  Euboia  Apollod.  2,  6,  2,  des  Sisy- 


Autolyte  736 

plios,  Ilyg.  f.  201.  Nat.  Com.  6,  17.  Versteht 
seinen  Raub  unsichtbar  zu  machen,  durch  Ver- 
wandlung der  Gestalt  oder  Farbe  der  ge- 
raubten Tiere,  Ilesiod  fr.  96  Götti.,  Pherek.  63, 
Ov.  met.  11,  314.  Hyg.  f.  201.  Eust.  804,  25. 
1871,  7,  durch  Änderung  der  Brandmale,  Tzetz. 
Lykophr.  344.  Verstand  selbst  andere  Gestalt 
anzunehmen,  Serv.  Aen.  2,  79.  Lehrer  des 
Herakles  im  Ringen,  Apollod.  2,  4,  9.  Argo- 
o naut,  Apollod.  1,  9,  16,  8 (aus  Verwechselung 
mit  Autolykos  2).  Seine  Schlauheit  ist  Gabe 
des  Hermes,  der  sein  Gott  ist  bei  Homer , 
Od.  19,  396,  dessen  Sohn  er  ist  bei  den  Spä- 
teren, Apollod.  1,  9,  16,  8,  von  Plrilonis, 
Deions  Tochter,  bei  Pherek.  (Daidalions  Toch- 
ter bei  Hyg.),  von  Chione,  Tochter  des  Dai- 
dalion,  Lucifers  Tochter,  Hyg.  f.  200  u.  Ovid; 
in  beiden  Genealogieen  als  Zwillingshalbbru- 
der des  Philammon;  von  Tel  äuge,  Heospho- 
io  ros’  Tochter,  bei  Eust. ; des  Hermes,  resp.  Dai- 
dalions Sohn,  bei  Paus.  8,  4,  6.  — Zu  Odys- 
seus in  der  Dolonie  (vgl.  Niese,  Entwichet,  d. 
horn.  Poesie  65)  nur  in  äufserlicher  Beziehung 
durch  die  von  Meriones  jenem  aufgesetzte 
Lederhaube  mit  Eberhauern,  die  einst  Autoly- 
kos dem  Amyntor  aus  Eleon  (vgl.  Strabo  9,  439) 
stahl.  Als  Odysseus’  mütterlicher  Grofsvater 
ist  Autolykos  in  die  Od.  19,  392.  21,  219.  24, 
331  eingeführt  zur  Motivierung  der  Narbe,  an 
,o  welcher  der  heimgekehrte  Odysseus  erkannt 
wird;  einst  beim  Grofsvater  erhielt  er  die 
Wunde  auf  der  Eberjagd  am  Parnafs  (später 
lokalisiert  im  delphischen  Gymnasium,  Paus. 
10,  8,  8).  Autolykos’  Gattin  heifst  Amphi- 
thea (Od.  19,  419),  seine  Tochter  Antikleia 
(. Nekyia  85),  Laertes’  Gattin,  Odysseus’  Mutter. 
Dann  wird  Sisyphos  als  wirklicher  Vater 
des  Odysseus  eingeschoben,  Autolykos  selbst 
führt  ihm  die  Tochter  zu  vor  der  Vermählung 
o mit  Laertes,  Schot.  Soph.  Ai.  190  (Autolykos 
Vater  des  Laertes  irrtümlich  b.  Tzetz.  Chil. 
8,  442).  — Autolykos’  Gattin  heifst  Neaira, 
Tochter  des  Pereus  (Sohn  des  arkadischen  Ela- 
tos) hei  Paus.  8 , 4 , 6.  Durch  einen  Sohn 
Aisimos  wird  Autolykos  Grofsvater  des  Si- 
non, Sero.  Aen.  2,  79  u.  Tzetz.  Auch  Jasons 
Mutter  Polymede  gilt  als  seine  Tochter, 
Apollod.  1,  9,  16,  1.  — Physikalische  Deutung 
des  Autolykos  (Dämmerung)  bei  Preller  l3, 
o 319.  — 2)  Heros  und  mythischer  Oikist  von 
Sinope,  mit  Orakel;  sein  Bild  von  Sthennis, 
ward  von  Lucullus  entführt,  Strabo  12,  546. 
Plul.  Luc.  23.  Bruder  des  De'ileon  (Demo- 
leon bei  Hyg.)  und  Phlogios;  Sohn  des  D ei- 
mach os  von  Trikke  (des  Phrixos  und  der  Chal- 
kiope  bei  Ilyg.);  von  Herakles  auf  seinem 
Zuge  gegen  die  Amazonen  am  Ort  von  Sinope 
zurückgelassen,  nachher  von  den  Argonau- 
ten an  Bord  genommen,  Ap.  Bh.  Arg.  2,  957. 
o Vater.  Flac.  Arg.  5,  115.  Hyg.  f.  14.  — 3) 
Sohn  des  Erichthonios,  Schot.  Soph.  OC.  391. 

[v.  Sybel.] 

Autolyte  (AvxoXvzrf),  die  Gemahlin  eines 
Metapontiers,  welchem  die  von  Poseidon  ge- 
schwächte Arne  von  ihrem  Vater  Aiolos  (s.  d.) 
übergeben  worden  war.  Arne  gebar  bei  ihm 
den  Aiolos  und  Boiotos,  welche  der  Metapon- 
tier  an  Kindesstatt  annahm.  Als  beide  er- 


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737 


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738 


wachsen  waren,  erschlugen  sie  die  Auto- 
lyte,  welche  mit  ihrer  Mutter  Arne  in  Zwie- 
tracht geraten  war,  Diod.  4,  67.  Vgl.  Arne 
No.  1.  [Stoll.]  5 

Automate  {Avzoycizg),  1)  eine  Danaide,  die 
i ihren  Gatten , den  Aigyptiden  Busiris , tötete, 

! Apollod.  2,  1,  5.  Nach  Paus.  7,  1,  3 war  sie 
mit  Architeles,  einem  Sohne  des  Achaios,  ver- 
mählt, der  mit  Archandros  aus  Phthiotis  nach 
Argos  kam;  Archandros  heiratete  die  Danaide 
i Skaia,  Müller,  Orch.  112.  — 2)  Beiname  der 
Aphrodite  zu  Ephesos,  Scrv.  V.  Aen.  1,  720; 

; s.  Meliboia.  [Stoll.] 

Automatia  ( Avzoyazia ),  Beiname  der  Tyclie, 

I der  Glücksgöttin,  sofern  sie  die  Ereignisse  nach 
ihrer  eignen  Selbstbestimmung  ohne  Zuthun 
der  Menschen  herbeiführt.  Ihr  errichtete  Ti- 
' moleon  in  seiner  Bescheidenheit,  nachdem  er 
j Sicilien  gerettet,  in  seinem  dem  ' Isgog  Aaiycov 
• ,i  gewidmeten  Hause  eine  Kapelle , Com.  Nep. 
Tim.  4.  Flut,  de  se  ips.  laud.  11.  Timol.  36. 
Lelirs  popul.  Aufsätze 2 180.  [Stoll.] 

Automeilon  {Avzopidcov) , 1)  Sohn  des  Dio- 
- ] res,  Freund  , Wagenlenker  und  Kampfgenosse 
j des  Achilleus,  II.  16,  148.  219.  17,  429.  459. 
ijj  536.  24,  574.  Sein  Name  steht  öfter  typisch 
| für  einen  Wagenlenker,  wie  Cic.  p.  Hose.  Am. 
.]  35,  98.  Ovid.  A.  A.  2,  738.  luven.  1,  61.  Au- 
«|  son.  Epist.  14,  10.  Nach  Hygin.  f.  97  zieht 
I er  selbständig  von  Skyros  mit  10  Schiffen  gen 

ii  Troja.  Verg.  Aen.  2,  476  läfst  ihn  tapfer  zur 
I Seite  des  Pyrrlios,  des  Sohnes  von  Achilleus, 
| hei  Eroberung  der  Burg  von  Troja  kämpfen. 
[ Vgl.  Quint.  Smyrn.  8,  35.  9,  213.  225.  Tzetz. 

! Posthorn.  547.  Nach  Aristot.  Pepl.  38  ( Bergk ;) 

Iwar  er  in  Troas  begraben.  — 2)  Ein  Freier 
der  Hippodameia,  von  Oinomaos  getötet,  Schot. 
Pind.  Ol.  1,  114.  [Stoll.] 

Automedusa  ( Avzogibovaa ),  Tochter  des  Al- 
; katlioos,  vermählt  mit  Iphikles,  dem  Halbbru- 
der des  Herakles,  Mutter  des  lolaos,  Apollod. 
2,  4,  11.  [Stoll] 

Autonides  {Avzovi'ägg)  heifst  in  Schot.  Vict. 
zu  II.  24,  602  der  Vater  der  Niobe,  der  in 
||  Schot.  Ven.  Ii.  a.  a.  O.  ’AacoviÖgg  heifst.  Vgl. 
Assaon.  [Stoll.] 

Autonoe  ( Avzovog ),  1)  Tochter  des  Nereus 
und  der  Doris,  Hesiod.  Theog.  258.  Apollod. 
1,  2,  7.  Schümann,  Opusc.  Ac.  2 p.  172 f. 
Braun,  Gr.  Götterl.  § 87.  — 2)  Tochter  des 
jKadmos  und  der  Harmonia,  Gemahlin  des 
iAristaios,  Mutter  des  Aktaion,  lies.  Theog.  977. 
Paus.  10,  17,  3.  Apollod.  3,  4,  2.  Diod.  4,  2. 
81.  Schot.  Ap.  Rh.  2,  512.  Schot.  Pind.  Ol. 
2,  40.  Mit  ihrer  Schwester  Agaue  zerreifst 
i sie  den  Pentheus,  von  Dionysos  in  Wut  ver- 
setzt, Hygin.  f.  184;  vgl.  Ovid.  Met.  3,  719. 

I luven.  6,  72  u.  Pentheus.  Ihr  Grabmal  war 
in  dem  megarischen  Flecken  Ereneia,  wohin 
i sie  nach  dem  Tode  ihres  Sohnes  Aktaion  (s.  d.) 

: ausgewandert  war,  Paus.  1,  44,  8.  [Vgl.  auch 
C.  I.  Gr.  6126  B.].  — 3)  Tochter  des  Da- 
naos  vonPolyxo,  Apollod.  2,  1,  5.  — 4)  Toch- 
ter des  Peireus,  von  Herakles  Mutter  des  Pa- 
laimon,  Apollod.  2,  7,  8.  — 5)  Sklavin  der 
Penelope,  Od.  18,  182.  — 6)  Tochter  des  Oi- 
neus,  Schwester  des  Meleagros , Schot.  II.  9, 
' 584.  [Stoll] 

Roscher,  Lexikon  der  gr.  u.  röm.  Mythol. 


Aiitoiioos  ( Avzbvoog ),  1)  ein  delphischer  He- 
ros, der  in  Delphi  in  der  Nähe  der  Kastalia 
ein  Temenos  hatte.  Als  das  Heer  des  Xerxes 
das  Heiligtum  von  Delphi  angriff,  erschienen  er 
und  der  Heros  Pliylakos  als  Verteidiger  des- 
selben, Herodot.  8,  35  — 39.  — 2)  Eiu  Troer, 
von  Patroklos  getötet,  II.  16,  694.  — 3)  Ein 
Grieche,  von  Hektor  erlegt,  II.  9,  301.  — 4) 
S.  Anthos  No.  1.  [Stoll.] 

Autophonos  {Avzocpovog) , Tbebaner,  Vater 
des  Polyphontes,  II,  4,  395.  [Stoll.] 

Autuchos  ( Avzovxog ),  Sohn  des  Apollon  und 
der  Kyrene , Bruder  des  Aristaios.  In  Libyen 
geboren,  begab  er  sich  später  nach  Thessalien, 
in  die  Heimat  seiner  Mutter,  zurück  und  nahm 
mit  seinen  Brüdern  das  Reich  des  Grofsvaters 
Hypseus  in  Besitz,  Justin.  13,  7 (wo  früher 
Authokos  geschrieben  war).  Schot.  Ap.  Rh.  2, 
498.  [Stoll] 

Autumnus,  die  Personifikation  des  Herbstes. 
Hauptsächlich  denkt  man  dabei  an  die  Ernte 
des  Weines  und  des  Obstes;  er  ist  beim  Kel- 
tern thätig  {Ovid.  Fast.  4,  897  u.  Met.  2,  29); 
mit  Früchten  ist  sein  Haupt  geschmückt  {Hör. 
epod.  2, 18),  auch  schüttet  er  wohl  solche  wie 
die  Copia  aus  einem  Füllhorn  aus  {Hör.  carm. 
4,7,  11).  Die  bunte  Färbung  der  herbstlichen 
Flur  wird  auf  die  Gottheit  selbst  übertragen 
{Ilor.  carm.  2,  5,  11),  wie  umgekehrt  der  Aus- 
druck adulto  autumno,  von  der  Personifikation 
entlehnt,  der  Jahreszeit  beigelegt  wird  {Serv. 
z.  Verg.  Georg.  1,  43.  Tacit.  ann.  11,  31). 
Die  Inschrift  bei  Orelli  2109:  Florido  Veri 
flavae  Messi  mustulento  Autumno  ist  vielleicht 
gefälscht.  — Dargestellt  ist  Autumnus  mit  den 
übrigen  Jahreszeiten  auf  einem  silbernen  Ge- 
fäfse  {Ann.  d.  Inst.  Arch,  1852  p.  218ff.),  sowie 
auf  einem  Grabdenkmal  (ebenda  1861  p.  190ff.). 
Vgl.  die  personificierte  ’Otzwqcc  b.  Aristoplia- 
nes  pac.  523  u.  ö.  [Steuding.] 

Auxesia  {Av^goia),  eine  Jungfrau  aus  Kreta, 
die  mit  einer  andern  Jungfrau  (Damia)  nach 
Troizen  kam  und  hier  bei  einem  Aufstande  zu- 
fällig im  Getümmel  samt  ihrer  Genossin  mit 
Steinwürfen  getötet  wurde.  Daher  wurde  ihnen 
zu  Ehren  später  ein  Fest  Ai&oßoh'a  einge- 
führt, Paus.  2,  32,  2.  Eine  andre,  die  Auxe- 
sia und  Damia  betreffende  Sage,  deren  Schau- 
platz Aigina  und  Epidauros  ist;  und  auf  die 
sich  Paus.  2,  30,  5 bezieht,  berichtet  Heroiot 
5,  82 — 87,  woraus  hervorgeht,  dafs  beide  Na- 
men sich  auf  „Göttinnen  der  Fruchtbarkeit“ 
beziehen.  Deshalb  hat  man  auch  Damia  mit 
Demeter  und  Auxesia  mit  Persephone  identi- 
ficiert.  Bei  ihrem  Kult  kamen  zu  Epidauros 
und  Aigina  verhöhnende  Scherze  der  Frauen 
vor  wie  bei  den  Thesmophorien , Herodot.  5, 
83.  Während  die  Bedeutung  von  Av^gaCcc  nahe 
liegt,  ist  die  von  Damia  dunkler.  Vgl.  O.  Mül- 
ler, Aeginetica  p.  170f.  u.  Dorier  1.  S.  402,  2. 
2.  S.  348.  Lübeck,  Aglaoph,  p.  680.  842.  K.  Fr. 
Hermann,  Gottesdienstl.  Altert.  52,  17. 18.  Wel- 
cher, kl.  Schriften  3.  Bachofen , Gräbersymbo- 
lik S.  350  f.  Gerhard , Gr.  Mythol.  § 4 i 0 , 4. 
Preller,  Griech.  Mythol,  1.  S.  618,  2.  Rom. 
Mythol,  S.  355  (2.  Aull).  Curtius,  Peloponn  2. 
S.  ‘435.  [Stoll.] 

Auxo  {Avgeo),  1)  Tochter  des  Zeus  und  der 

24 


739 


Auzius  deus 


Avernus 


740 


Themis,  eine  der  Horen  (s.  d.):  Hyg.  f.  183. 
— 2)  Eine  der  Chariten  (s.  Charis),  attische 
Gottheit:  Paus.  9,  35,  2.  Giern.  Al.  Protr. 
p.  16  C Sylb.  Poll.  8,  100.  [Roscher.] 

Auzius  deus,  die  Gottheit  der  colonia  Au- 
zea  oder  Auzia  (Sur  Roslan  oder  Aumale)  in 
Mauretania  Caesariensis.  Nach  C.  I.  L.  8,  9014: 
Auzio  deo  genio  et  conservatori  coloniae  etc. 
wurde  er  daselbst  noch  im  3.  Jahrh.  n.  Chr. 
verehrt.  [Steuding.] 

Aventia,  die  Göttin  von  Aventieum  im  Ge- 
biet der  Helvetii,  wird  auf  drei  Weihinschrif- 
ten der  curatores  coloniae  ebendaselbst  ( Orelli 
368 — 370)  erwähnt.  Der  Stamm  avent  findet 
sich  sonst  noch  in  mehreren  Flufs-,  Berg-,  so- 
wie Personennamen  und  dürfte  auf  die  Wur- 
zel av  sättigen,  erfreuen,  begünstigen,  helfen 
zurückgehen,  so  dafs  Aventia  etwa  der  Fauna 
zu  vergleichen  wäre.  [Steuding.] 

Aventinus,  1)  ein  König  der  Albaner,  Sohn  des 
Allodios,  Dion.  Hai.  1,  71  (=  p.  1791.  7 Reiske), 
oder  Romulus  Silvius , Liv.  1 , 3 , 9 , der  dem 
collis  Aventinus,  auf  dem  er  begraben  war,  den 
Namen  gab , Liv.  a.  a.  0.  Servius  ad  Verg. 
Aen.  7 , 657  nennt  aufser  diesem  noch  einen 
König  der  Aboriginer  gleichen  Namens , der 
dort,  getötet  und  begraben  worden  sei , und 
von  dem  der  collis  Aventinus  seinen  Namen 
bekommen  habe.  — 2)  ein  Gefährte  des  Tur- 
nus , Sohn  des  Hercules  und  der  Priesterin 
Rhea,  Verg.  Aen.  7,  655  etc.;  jedenfalls  von 
Vergil  nur  erdichtet , s.  Heyne  z.  d.  St. 

[Procksch.] 

Avernus.  Der  lacus  Avernus  oder  Averni 
war  ein  tiefer,  von  steilen,  schwefelbedeckten 
Lavafelsen  und  düsteren  Cypressenwäldern 
eingeschlossener  See  von  klarem,  blau  schim- 
merndem Wasser  bei  Cumä,  vgl.  Ps.-Aristot. 
de  mir.  ausc.  102.  Lucret.  6,  73811.  Strabo  5, 

5.  6 p.  243 ff.  C.  Diodor.  4,  22,  lf.  Serv.  Aen. 
3,442.  Vib.  Seg.  p.  ll  B.  Tzetz.  Lycophr.  Alex. 
704.  Preller  in  Der.  d.  Sachs.  Ges.  d.  Wiss. 
ph.-hist.  Kl.  2,  (1850)  p.  143  ff.  Er  galt  als  der 
Proserpina  heilig  ( Diodor  a.  a.  0.)  und  wurde 
als  Eingang  zur  Unterwelt  angesehen,  ianua 
Ditis  Verg.  Aen.  6,  126 f.,  vgl.  5,  731  ff.  7,  90f. 
Serv.  z.  d.  St.,  Ovid.  m.  14,  101  ff.  Serv.  Aen. 
4,  512.  6,  532;  durch  eine  mächtige  Felsen- 
grotte sollte  der  Weg  hinabführen,  vgl.  Bibbeclc, 
Trag.  Iiom.  fr.2  inc.  fab.  ine.  fr.  38  f.  p.  245  f., 
Verg.  Aen.  6,  237  ff.  Serv.  z.  d.  St.  und  zu 
Aen.  3,  386.  Der  Name  Avernus  ist  eine  Um- 
bildung des  griechischen  cIoqvo g (Serv.  Aen.  3, 
442) , womit  man  Örtlichkeiten  bezeichnete, 
an  denen  ein  der  Erde  entsteigender  giftiger 
Dunst  den  Aufenthalt  tötlich  machte,  so  dafs 
über  sie  nicht  einmal  ein  Vogel  zu  fliegen 
wagte,  vgl.  Lucret.  a.  a.  0.  und  Plin.  n.  h. 
4,  2.  Cass.  Dio  68,  27.  Diodor  17,  85,  2. 
96,  2.  Hygin.  fab.  88.  Gerade  dies  wurde  vom 
Avernus  berichtet,  vgl.  Ps.-Aristot.,  Lucret. 
a.  a.  0.,  Varro  bei  Plin.  n.  h.  31,  21.  Strabo, 
Petron.,  Serv.,  Tzetz.  a.  aa.  00.  u.  Verg.  Aen. 

6,  201.  V aller.  Flacc.  4,  493  f.  Glaudian.  rapt. 
Pros.  2,  347.  Unter  dem  Einflufs  griechischer 
Anschauungen  versetzte  man  in  die  an  war- 
men Wässern  und  schauerlichen  Orten  reiche 
Umgebung  des  Avernus  die  aus  den  griechi- 


schen Dichtungen  bekannten  Lokalitäten  der  Un- 
terwelt ( Ps.-Aristot .,  Strabo,  Petron.  a.  aa.  00. 
Lycophr.  Alex.  694  ff.).  An  dem  See  war  ein 
altes  Totenorakel,  vgl.  das  angef.  Tragikerfr., 
Strabo,  Diodor  a.  aa.  00.,  Serv.  Aen.  6,  107; 
Ephorus  (bei  Strabo)  hatte  dasselbe  mit  den 
sagenhaften  Kimmeriern,  die  einst  da  gehaust 
hätten,  in  Zusammenhang  gebracht  (vgl.  Plin. 
n.  h.  3,  61),  nach  deren  Äussterben  das  Ora- 
kel an  einen  anderen  Ort  versetzt  worden  sei, 
eine  Erzählung,  die  unter  dem  Einflufs  der 
homerischen  Dichtung  entstanden  ist;  denn 
diese  setzt  jenes  Volk  an  den  äufsersten  Westen, 
wo  der  Erdrand  mit  der  Unterwelt  zusammen- 
trifft und  ewige  Finsternis  herrscht  ( Od . 11, 
14 ff  Serv.  a.  a.  0.).  Die  Sage  erzählte  auch, 
dafs  Odysseus  zu  dem  Orakel  gekommen 
sei  und  seine  vskvicc  dort  gehalten  ( Strabo 
a.  a.  0.,  Cass.  Dio  48,  50,  4),  und  dafs  Her- 
cules jene  Gegend  besucht  habe  ( Strabo , Dio- 
dor., Propert.  4,  17(18),  1 ff.  Sil.  Ital.  12,  lieft". 
Serv.  a.  a.  0.).  — An  diesem  See  wurde  ein 
Gott  Avernus  verehrt.  Ein  Bild  desselben  er- 
wähnt Philar gyr.  Verg.  Georg.  2,  162  (nach 
der  Selbstbiographie  des  Agrippa);  es  sollte 
geschwitzt  haben , als  infolge  der  Anlagen 
Agrippas  (Verg.  Georg.  2,  161  ff.  Strabo,  Sil. 
Ital.  a.  aa.  00.  Suet.  Oct.  16.  Cass.  Dio.  a.  a.  0. 
Serv.  Aen.  3,  442.  Preller,  Ausgew.  Aufs. 
p.  517  f.)  der  Lucriner-  mit  dem  Averner-See 
vereinigt  wurde;  zur  Prokuration  dieses  von 
einem  Unwetter  begleiteten  Prodigiums  berief 
man  die  pontifices,  welche  Piakularopfer  dar- 
brachten. Von  einem  über  dem  See  befindlichen 
Bilde  der  Kalypso  oder  einer  anderen  Heroine 
erzählt  dasselbe  bei  der  gleichen  Veranlassung 
Cassius  Dio  a.  a.  0.,  ohne  jedoch  eine  Pro- 
kuration zu  erwähnen.  Aufserdem  ist  durch 
sehr  unsichere  Vermutung  in  die  Stelle  des 
Paul.  p.  93  furvmn  bovem,  in  der  von  dem 
Kult  eines  Unterweltgottes  die  Rede  ist,  der 
Name  des  Avernus  hineingesetzt  worden.  Von 
einem  Opfer,  das  an  dem  See,  wie  es  scheint 
nach  alter  Sitte , von  Hannibal  dargebracht 
wurde,  berichtet  Liv.  24,  12.  13.  Noch  in 
christlicher  Zeit  fand  nach  einem  capuani- 
schen  Festverzeichnis  aus  der  Zeit  des  Theo- 
dosius  eine  Art  religiöser  Handlung  am  Aver- 
nus statt,  vgl.  C.  I.  L.  10,  1 n.  3792.  Momin- 
sen  in  Ber.  d.  Sächs.  Ges.  d.  Wiss.  1850  ph.- 
hist.  Kl.  2 p.  62ff  Preller,  Böm.  Mythol.3  2, 
74  A.  2.  Am  Avernus  hatte  auch  die  kuma- 
uische  Sibylla  ihre  Grotte , die  nach  Vergil 
von  Hekate  als  Hüterin  des  heiligen  Haines 
eingesetzt  worden  war,  vgl.  Aen.  3,  441  ff.  6, 
42  ff.  117  f.  564.  Propert.  5,  1,  49  f.;  Ovid.  met. 
14,  114  und  Sil.  Jtal.  13  , 601  nennen  eine 
Iuno  Averna,  bei  Ovid  ist  sie  Herrin  des  Aver- 
ner  Waldes,  Silius  giebt  ihr  den  Unterwelts- 
gott zum  Gemahl.  — Der  deus  Avernus  ist 
natürlich  kein  anderer  als  ein  lokalisierter  Ha- 
des oder  Dis  pater  und  die  Personifikation, 
die  ihm  zu  Grunde  liegt,  dieselbe,  welcher  der 
Orcus,  ursprünglich  ebenfalls  eine  Raumbe- 
zeichnung, seine  Existenz  und  Verehrung  als 
Gott  verdankt.  In  der  älteren  römischen  Poe- 
sie liegt  der  Erwähnung  des  Avernus  überall 
noch  die  deutliche  Vorstellung  des  Sees  bei 


741 


Avia  Larvarum 


Azan 


742 


Kumä  zu  Grunde  (vgl.  aufser  den  angef.  St.  Bib- 
beck,  Trag.  Born,  fr.2  inc.  fab.  inc.  fr.  147  p.  273, 
die  Mimen  des  Laberius  'lacus  Avernus ’ und 
r Necyomantia ’ bei  Bibbeck , Com.  Born,  fr.2 
p.  287.  289.  Verg.  Georg.  4,  493.  Aen.  4,  512. 
Ovid.  am.  3,  9,  27),  während  bei  den  späte- 
ren Dichtern  der  Name  Avernus  oft  von  der 
Lokalität  losgelöst  als  allgemeine  Bezeichnung 
der  Unterwelt  wie  Tartarus  gebraucht  wird, 
vgl.  z.  B.  Valer.  Flacc.  2,  G02f'.  4,  700.  5,  347.  io 
Sil.  Ital.  15,  76.  Stat.  Theb.  3,  145.  11,  588. 
Martial.  7,  47,  7.  Claudian.  rapt.  Bros.  1,  20. 
116.  bell.  Gild.  383.  [R.  Peter.] 

AviaLarvarum.  Die  römisch-italische  Unter- 
weltsgöttin  Mania  oder  Larunda  (vergl.  über 
sie  0.  Müller,  Etrusker 2 2, 103f.)  galt  im  Volks- 
glauben, so  wie  man  sich  sie  selbst  unter  ab- 
i schreckender  popanzartiger  Gestalt  vorstellte, 
auch  als  die  Mutter  oder  Grofsmutter  der  Lar- 
vae,  der  unholden  Spukgeister;  vgl.  Fest.  p.  129  20 
{Paul.  128):  ' Manias  autem,  quas  nutrices  mi- 
nitentur  paruulis  pueris  esse  Laruas , id  est 
mancs  deos  deasque,  dictos  aut  quia  ab  inferis 
ad  super os  manant,  aut  quod  Mania  est  eorum 
auia  materue’ , bei  Blacid.  p.  60,  25  ist  die 
Lesart:  'larunda  quam  quidam  auiani  { uiam 
codd .)  dicunt ’ wohl  der  jetzt  von  Deuerling 
aufgenommenen  Konjektur  'lamiam’  vorzuzie- 
hen. Für  die  ganze  Vorstellung  von  einer 
Mutter  oder  Grofsmutter  unholder  Wesen  ist  30 
zu  vergleichen,  was  J.  Grimm,  Deutsche  My- 
thologie4 2,  841  ff.  über  die  Teufelsmutter  und 
Teufelsgrofsmutter  des  deutschen  Volksglau- 
bens zusammengestellt  hat.  [Wissowa.] 

Avicantus,  Name  einer  Gottheit  auf  einer 
Inschrift  aus  Nimes,  Orelli  2033:  Sulig  (wohl 
Sulpicius ) Cosmus  rest.  Laribus  Aug.  sacrum  et 
Minervae  Nemauso  Urniae  Avicanto  T.  Cassius 
T.  L.  Felicio.  exs  voto.  Bimard , Proleg.  zu  Mu- 
rat.  p.  54  behauptet,  dafs  damit  das  jetzt  Vistre  40 
genannte,  bei  Nimes  entspringende  Flüfschen 
gemeint  sei.  Nach  Fick,  gr.  Pers.  p.  71  ff.  von 
avi  = gut  (sv)  u.  canto  — candidus;  vgl.  are- 
mor.  Eu-cant.  S.  Cantunaecus.  [Steuding.] 

Axia  {’A^lol)  , Tochter  des  Klymenos  , von 
welcher  Axia,  die  Stadt  der  ozolischen  Lokrer, 
benannt  sein  sollte,  Steph.  Byz.  s.  v.  ’A^lcc.  S. 
Axios  No.  2.  [Stoll.] 

Axieros  {’A'gitqog),  nach  Mnaseas  von  Pa- 
fcara  bei  Schot.  Ap.  Bh.  1,  917  (vgl.  Ft.  M.  50 
Käßetgoi)  der  mystische  Name  eines  der  drei 
mmothrakischen  Kabeiren,  unter  welchem  De- 
meter zu  verstehen  sei , während  Axiokersa 
lie  Persephone,  Axiokersos  den  Hades  bezeich- 
mn  soll.  Vgl.  Plin.  36,  5,  25.  S.  Kabeiroi. 
lobeck,  Aglaoph.  1223 f.  Preller,  Gr.  Mythol. 
ft.  S.  704.  Welcher , Trilog.  S.  236.  241.'  Gr. 
j Götterl.  1.  S.  329.  Müller , Orchom.  S.  455. 

Movers,  Phöniz.  S.  23.  Gerhard,  Gr.  Mythol. 

1 5 177,  4.  5.  Hyperbor.  Studien  1,  45.  2,  209.  co 
Bildiverke  Tf.  41.  Arch.  Ztg.  1850.  16.  S.  161  ff. 

■ ’.  Strube , Studien  z.  Bilderkr.  v.  Eleusis 
' l 74 ff.  [Stoll.] 

Axioche  {’A'gioirf,  eine  Nymphe,  mit  wel- 
ker Pelops  den  Chrysippos  zeugte , Schol. 
Find.  Ol.  1, 144.  Schol.  Eurip.  Orest.  5.  Man- 
issa  proverb.  2,  94  in  Paroemiogr.  gr.  cd.  Got- 
ing.  [Stoll.] 


Axiokersa  u.  Axiokersos  {’A^io^sgaa  u.’Alj,i6- 
■nsQßog)  s.  Axieros  u.  Kabeiroi.  [Stoll.]  Vgl. 

das  nebenstehende,  zuVin- 
donissa  gefundene  Amulet 
bei  Orelli  440:  d.  h. 

TriEA , AXIEBVS, 
ÄXIOCEBSA,  AXIO- 
CFBS  VS , CA  SMIL  VS. 

[Steuding.] 

Axion  {’A&'cov),  1)  Sohn  des  Phegeus  aus  Pso- 
phis,  Bruder  der  Arsinoe  oder  Alphesiboia  und 
des  Temenos , mit  dem  er  den  Älkmaion  um- 
brachte, Paus.  8,  24,  4.  S.  Älkmaion.  — 2) 
Sohn  des  Priamos,  Hygin.  f.  90,  nach  Les- 
ches  bei  Paus.  10,  27,  1 von  Eurypylos  ge- 
tötet. [Stoll.] 

Axios  {’Algios),  1)  ein  päonischer  Flufsgott 
(in  Makedonien),  der  mit  Periboia,  der  Toch- 
ter des  Akessamenos,  den  Pelegon,  Vater  des 
Asteropaios,  zeugete,  II.  21, 141  u.  das.  Eustath. 
— 2)  A&og,  Sohn  des  Klymenos,  nach  wel- 
chem Axia,  die  Stadt  der  ozolischen  Lokrer, 
genannt  sein  soll,  Steph.  Byz.  v.  ’Ab,Ca.  Siehe 
Axia.  [Stoll.] 

Axiothea  {’A^iod-ia),  Gemahlin  des  Prome- 
theus , dem  sie  den  Denkalion  gebar , Tzetz. 
Lyk.  1283.  [Stoll.] 

Axoranus  Iuppiter,  auf  einer  Inschrift  aus 
Tarracina,  C.  1.  L.  10,  6483:  Pro  salute  et 
red(itu)  imp.  Caes.  Trajani  Hadri{ani ) Gemi- 
nia  Myrtis  cum  Anici(a  prisca  f.)  aedem  culto- 
ribus  Iovis  Axo(rani  ded)  etc.  Wilmanns  er- 
gänzt Axorani  nach  10,  6331  c.  19:  Ti.  Clau- 
dius Axoranus.  Wahrscheinlich  ist  Axoranus 
mit  dem  auf  Münzen  auch  Axur  genannten  Iup- 
piter Anxurus  identisch.  [Steuding.] 

Axsingehae,  auf  einer  Inschrift  bei  Lersch, 
C.  M.  I.  22.  [Steuding.] 

Axur  s.  Anxurus. 

Axylos  (’A^vlog) , Sohn  des  Teuthras  aus 
Arisbe,  vor  Troja  von  Diomedes  getötet,  II, 
6,  12.  [Stoll.] 

Aza  {"Aga),  eine  Frau,  nach  welcher  ihr 
Gatte  die  von  ihm  gegründete  Stadt  Azotos 
in  Palästina  nannte,  Steph,  Byz.  s.  v.  ’ 'Agio - 
zog.  [Stoll.] 

Azan  {’Agäv,  ’Agyv),  Sohn  des  Arkas  und  der 
Nymphe  Erato,  Bruder  des  Apheidas  und  Ela- 
tos,  Stammvater  der  arkadischen  Azanen.  Er 
erhielt  den  dritten  Teil  von  Arkadien  und  gab 
diesem  den  Namen  Azania.  Der  Mittelpunkt 
von  Azania  war  die  Stadt  Kleitor,  deren  Grün- 
der Kleitor  ein  Sohii  des  Azan  heilst  (nach 
Apollod.  3,  8,  1.  Tzetz.  Lyk,  481  war  Kleitor 
Sohn  des  Lykaon).  Paus.  8,  4,  2.  3.  10,  9,  3. 
Steph.  Byz.  v.  ’Agavia.  Schol.  Dionys.  Perieg. 
415.  Schol.  Ap.  Bh.  2,  52.  Vgl.  Curtius,  Pe- 
loponn.  1.  S.  160.  162.  Nach  Diod.  4,  33  ver- 
mählte er  sich  mit  Hippolyte,  der  Tochter  des 
Dexamenos  in  Olenos.  Als  auf  der  Hochzeit 
der  Kentaur  Eurytion  der  Hippolyte  Gewalt 
anthun  wollte,  erschlug  diesen  der  als  Gast 
anwesende  Herakles.  Azan  war  der  erste, 
dem  Leichenspiele  gefeiert  wurden,  Paus.  8, 
4,  3.  5,  1,  6.  Schol,  Find.  Ol,  3,  19.  [Stoll.] 

24* 


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<1 L . 

AXI. 

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CASM. 

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743 


Azeus 


Bacax 


744 


Azexis  (’Agsvg),  Sohn  des  Klymenos , aus 
Orchomenos;  seine  Brüder  sind  Erginos,  Stra- 
tios,  Arrhon  und  Pyieos;  sein  Sohn  ist  Aktor, 
dessen  Tochter  Astyoche  von  Ares  Mutter  des 
Askalaphos  und  Ialmenos  wird , unter  denen 
die  Minyer  vor  Troja  kämpften.  II.  2,  512. 
Paus.  9,  37,  lff.  Müller,  Orchomenos  S.  135. 
464  ff.  Vgl.  Erginos.  [Engelmann.] 

Azizxxs,  ein  ursprünglich  syrischer  Name  des 
Morgensternes.  Azizus  wurde  zu  Edessa  seit 
alten  Zeiten  mit  Monimos  (s.  d.)  neben  Helios 
aufgestellt  und  verehrt  ( Iulian . or.  4 p.  150  Sp.), 
und  zwar  als  Vorläufer  desselben  (id.  11,  4: 
’HUov  7iQ07io[in£v£t.).  Nach  allgemeiner  An- 
schauung der  Alten  wird  aber  als  solcher  der 
Morgenstern  betrachtet,  wie  dieser  ja  auch  als 
cpcooqtoQO g (s.  u.)  Wagenlenker  des  Helios  ge- 
nannt wird  ( Nonn . 12,  9.  21,  309).  Wenn  da- 
gegen nach  Iulian.  a.  a.  0.  Iamblichus  den 
’Agigo g dem  Ares  gleichsetzt,  so  geschieht  dies, 
wie  Mommsen  gewifs  richtig  annimmt,  wohl 
nur  wegen  der  Bedeutung  des  Wortes  aziz 
im  Syrischen  = hebr.  WS  tapfer,  stark.  (Vgl. 
’Agigog  als  Name  arabischer  Fürsten,  Diod. 
Sic.  Exc.  c.  34.  los.  20,  7,  lff.;  vgl.  v.  Bau- 
dissin,  Stad.  z.  semit.  Mel.  2,  268)  Mit  ersterer 
Annahme  stimmt  nun  auch  die  Bezeichnung 
als  bonus  puer  in  einer  Inschrift  aus  col.  Po- 
taissa  (Thorda)  in  Dacien  ( G . I.  L.  3,  875: 
Deo  Azizo  bono  p[uero  conservajtori  pro  salu-  s 
tem  etc.)  überein,  denn  der  bonus  puer  phos- 
phorus,  der  auf  einer  Reihe  von  Inschriften  des 
an  derselben  Heerstrafse  wie  col.  Potaissa  ge- 
legenen Apulum  erwähnt  wird  ( G . I.  L.  3, 
1130.  1132.  1135f.),  ist  sicher  ebenfalls  der 
Morgenstern  (s.  o.).  Dagegen  ist  Azizus  schwer- 
lich mit  Mommsen  nur  als  ein  Beiname  des 
Apollo  zu  betrachten,  denn  auf  den  Inschriften 
C.  I.  L.  3,  1133  und  1138,  wo  nach  ihm  ein 
deus  bonus  puer  phosphorus  Apollo  Pythius 
erwähnt  wird,  dürfte  letztere  Bezeichnung  ent- 
weder mit  Orelli  (1937)  als  selbständig  abzu- 
trennen sein,  oder  aber  der  Beiname  Apollo  nur 
allgemein  die  Lichtgottheit  charakterisieren. 
Wie  nun  den  Lichtgöttern  stets  Mut  und 
Tapferkeit  zugeschrieben  wird,  so  kann  beson- 
ders der  Morgenstern  „tapfer“  genannt  wer- 
den , wenn  man  sich  vorstellt , dafs  er  den 
übrigen  Gottheiten  des  Lichtes  bei  Bekäm- 
pfung der  Finsternis  voran  schreitet. 

[Steuding.] 

Azon  (Aga v)  , ein  Sohn  des  Herakles,  nach 
welchem  die  phönikische  Stadt  Gaza,  die  auch 
Aza  bei  den  Syriern  hiefs,  benannt  sein  sollte, 
Steph.  Byz.  s.  v.  rüget.  [Stoll.] 

Azonoi  (Agavoi),  nach  Servius  zu  Verg.  Aen. 
12, 118  dieselben,  welche  Vergil  deos  communes 
nennt,  nämlich  solche,  die  nicht  einzelne  be- 
stimmte Teile  des  Himmels  iune  hätten,  son- 
dern überall  und  allgemein  verehrt  würden, 
deren  Macht  in  allen  Zonen  sei.  [Stoll.] 

Azoros  ( "Agayog ),  Gründer  der  gleichnami- 
gen Stadt  in  Thessalien,  in  der  sog.  perrhä- 
bischen  Tripolis  (nicht  in  der  pelagonischen, 
wie  Strab.  7 p.  327  sagt,  Bursian , Geogra- 
phie von  Griechenland  1.  S.  57),  Steph.  Byz. 
s.  v.  ’Agaqog,  Steuermann  der  Argo,  1 lesych. 
s.  v.  [Stoll.] 


Baal  s.  die  Nachträge  u.  vgl.  El. . 

Baaltis  ==  Astarte  (s.  d.). 

Baau  ( Büctv  oder  Büccv r),  phönizischer  Name 
der  Nacht,  Gattin  des  Windgottes  Kolncocg 
und  Mutter  des  Aion  (s.  d.)  und  Protogonos. 
Philo  Bybl.  fr.  2 , 5 bei  Müller  fr.  h.  gr.  3, 
565.  [Steuding.] 

Babel*  (Baßr/q)  = Ares  Hesych.  C.  Schwencle. 
vermutet  ßaQßr]Q  = herber,  mar  mar  (?)  [Steuding.] 
o Babia  ( Baßia ),  eine  syrische,  hauptsächlich 
zu  Damascus  verehrte  Göttin  des  Stammelns 
der  kleinen  Kinder  (vergl.  baba , bamb:  Fick, 
vergl.  W.  1 , 683  und  arabisch  ölSSta  = in- 
fam nach  Bochartus,  Geogr.  S.  1,  33).  Dam. 
vit.  Isid.  76  cd.  W.,  Phot.  bibl.  c.  242  p.  341b 
cd.  Beide.  [Steuding.] 

Babios  (Baßco g),  Sohn  des  Belus,  Vater  des 
"Avgßog.  Abyd.  bei  Euseb.  chron.  p.  36,  Moses 
Choren.  1,  4,  13  bei  Müller  fr.  h.  g.  4,  384  f. 
o [Steuding.] 

Babo  (Baßcö  = Bavßco),  Suid.  v.  Avaavlyg 
und  Aryico.  Danach  ist  in  der  Glosse  des  Sui- 
das:  Bcxqu  xai  Aryib),  ovögaza  aocpcöv  yvvea- 
när  t'givLGev  y BciqcÖ  xyv  dryia  der  Name 
Baqcö  in  Baßcö  zu  ändern,  wenn  nicht  Bavßco 
zu  schreiben  ist,  da  die  Glosse  hinter  Bavvog 
steht,  s.  Baubo.  [Stoll.] 

Babylon  (Baßvldv),  Sohn  des  Belus,  Grün- 
der von  Babylon , Steph.  Byz.  u.  Eudocia. 
o Eustath.  ad  Dion.  Per.  1005,  Phil.  Bybl.  fr.  17 
bei  Müller  fr.  h.  gr.  3,  575.  [Steuding.] 
Babys  (Büßv g),  1)  = Typhon,  nach  Hella- 
nilcos  bei  Athen.  15  p.  679F--(=  Müller  F.  II. 
G.  I.  p.  36,  150)  König  in  Ägypten,  vgl.  Pott 
in  Kuhns  Zeitschr.  9 p.  197  ff.  Beinisch  in 
Paulys  Pteal-Enc.  unter  Büßv g.  — 2)  Bruder 
des  Marsyas,  Zenob.  Par.  4,  81.  Miller  3,  30 
(wohl  aus  Theophrast  7t  sgi  sv&ovGtaayov). 
Apollo  wollte  auch  ihn  als  Rivalen  töten,  aber 
0 ’A&rjvag  vnoQ’sysvyg , cbg  aepvag  za  avXä  yod- 
zac,  acpyxev  avzov.  — Etwas  anders  wird  die 
Sache  dargestellt  in  Plutarchs  Sprichwörtern 
aus  Alexandria  2 und  im  cod.  Bodl.  245  (Cru- 
sius,  Analecta  ad  paroemiogr.  p.  11  etc.).  Der 
Flufsgott  Maiandros  hat  zwei  Söhne,  Marsyas 
und  Babys.  Marsyas  övgI  nalüyoig  naza  zöv 
cpQvycov  rjvXsi  vogov , £vl  ös  yovco  o Baßv g. 
Während  Marsyas  sich  überhebt  und  von  Apollo 
gestraft  wird,  entgeht  Babys  dem  Zorne  des 
0 Gottes  f lyze  enaQ&sig  v.ai  äcpv£Gt£(>ov  avhö v. 
Von  ihm  werden  die  Sprichwörter  y.üntov  Ba- 
ßvg  (oder  Büßvog ) avXsi  und  Büßvog  %OQog 
hergeleitet.  Vgl.  auch  Flach,  'Gesell,  d.  gr. 
Lyrild  S.  76.  149.  [Crusius.] 

Bacax  (Dat,.  Bacaci)  AngustuSj  eine  sonst 
unbekannte  Gottheit,  die  in  einer  Grotte  des 
Thayagebirges  im  Norden  von  Numidien  von 
den  Bewohnern  des  nahen  Thibilis  (bekannt 
durch  seine  aquae ) verehrt  wurde.  Die  ln- 
0 Schriften  C.  I.  L.  10,  5504  — 10,  5512  — 14  und 
5517  f.  stammen  nach  Wilmanns  a.  a.  O.  aus 
den  Jahren  211 — 279  n.  Chr. , und  zwar  sind 
sie  hauptsächlich  von  Beamten  und  Priestern 
der  erwähnten  Stadt  am  1.  oder  letzten  März, 
den  1.  u.  9.  Mai  errichtet.  Meist  ist  der  Name 
nur  durch  B.  A.  S.  bezeichnet,  viermal  ist  er 
ausgeschrieben.  Sonst  enthalten  die  Inschrif- 
ten nur  Namen.  [Steuding.] 


Bacche 


745 

Bacclxe,  Bacchai  s.  Mainaden. 

Bacclio,  eine  der  Hyaden  (s.  d.),  Serv.  Verg. 
Georg.  1,  138.  [Steuding.] 

Bacurdus,  Name  einer  vielleicht  germani- 
schen Gottheit  auf  einer  Inschrift  aus  Köln, 
Orelli  1963:  Bacurdo  scicrum  M.  Albanius 
(nach  Uenzen)  Paternus  optio  v.  s.  I.  m.  II  Sil. 
cos.  (d.  h.  189  n.  Chr.)  und  einer  solchen  bei 
Steiner , inscr.  Ehen.  871  : Bacurdo  sacrum 
T.  Iul.  Fortunatus.  Der  erste  Teil  des  Na-  1 
mens  könnte  auf  bhaga  Zuteiler , Herr , Gott 
(gotisch  noch  in  andbahtas  = ambactus  Caes. 
b.  g.  6,  15)  zurückzuführen  sein.  Freilich  fin- 
det sich  auch  ein  iberischer  Name  Bacurius, 
und  die  Fundorte  der  Inschriften  lassen  cel- 
tischen  Einflufs  möglich  erscheinen. 

[Steuding.] 

Baesert(a) , ein  celtischer  Gott  auf  einer 
nahe  den  Pyrenäen  gefundenen  gallischen  In- 
schrift, Eevue  Arch.  de  Paris  1859,  8:  Bae-  2 
serte  Beo  Harbelle  Harspi  f.  v.  s.  I.  m. 
Vgl.  bäis  der  Tod,  Zeufs,  gr.  Celt.  p.  223b. 

[Steuding.] 

Bagaios  ( Bayalo g),  wird  von  Hesych.  durch 
yuzaiog  (vielleicht  auch  durch  geyag , nolvg, 
zaxvg?)  erklärt  und  als  Beiname  des  Z evg  d>gv- 
yiog  bezeichnet.  Ahrens,  dial.  2 p.  567  stellt 
es  neben  Magevg  (s.  d.),  wofür  die  gleich  fol- 
gende Glosse  BAPOC • ■x.Xaoya  aqrov  . . . ga- 
lyg  sprechen  würde.  Vgl.  auch  die  lydische  3 
Stadt  Rayen  oder  Bdyig , Hierocl.  p.  671.  [Vgl. 
luch  die  persischen  Namen  Bayaiog,  Bayiaza- 
’ia , Baydag.  Curtius  ( Grdz.b  297)  u.  a.  Stel- 
en den  Namen  neben  altp.  baga,  ksl.  bogu  = 
:kt.  bhagas  Brotherr,  Herr  (von  Wu.  epay).  R.] 

[Steuding.] 

Bajana,  mater  dea  auf  einer  Inschrift  bei 
1 lommsen,  inscr.  Neap.  2558:  Sacerdos  matris 
leae  Bajanae.  Vergl.  Flor.  1,  16,  3.  , 

[Steuding.] 

Baigorixus,  ein  celtischer  Gott  auf  einer 
iahe  den  Pyrenäen  gefundenen  gallischen  In- 
chrift,  Eevue  Archeöl.  de  Paris  1859,  8:  Bai- 
orixo  Beo  Vernus  Serani  v.  s.  I.  m.  Dort 
nd  bei  Be-Vit,  On.  s.  v.  wird  der  Name  auf 
ine  Flufsgottheit  ( baya  = flumen?)  gedeutet. 

1s  dürfte  jedoch  eher  an  den  Stamm  bäig  = 
ich  rühmen,  Zeufs , gr.  Celt.  p.  437  und  rix 
I = Herrscher  zu  denken  sein.  Letzterer  schreibt  5, 
i . 29b  Baicorixus.  [Steuding.] 

Baios  ( Baiog , Baiog,  Brnos  Et.M.),  Steuer- 
lann  des  Odysseus , der  auf  der  Irrfahrt  in 
talien  seinen  Tod  fand.  Nach  ihm  soll  der 
;ergBaia  auf  der  Insel  Kephallenia,  die  baji- 
r :hen  Inseln  und  Bajä  in  Kampanien  benannt 
I 'in,  Strabo  1 p.  26.  5 p.  245.  Lylcoplir.  694 
iit  Tzetzes,  Steph.  Byz.  s.  v.  Fust.  z.  Iiom. 

■ 1967,  24.  Silius  It.  8,  539.  Serv.  Verg.  Aen. 

, 441.  6,  107.  [Schultz.]  6' 

Baiotis  (Baidzig  oder  -zig),  Beiname  der 
phrodite  bei  den  Syracusanern , Hesycli.  Es 
4 wohl  aus  ßaiög  klein  und  ovg  — Ohr  zu- 
unmengesetzt.  S.  Eoscher , Nectar  u.  Arnbr. 
89.  [Steuding.] 

! Ba'it  (Bau) , ägyptischer  Gott  auf  einem 
mulett,  Kaibel,  Epigr.  Gr.  1139;  vgl.  C.  I. 
r.  4971.  [Roscher.] 


Baitylos  746 

Baitylos  ( ßalzvXog , ßauvhov,  betulus,  Plin. 
n.  h.  17,  9,  5),  ein  aus  dem  Semitischen  stam- 
mender und,  wenn  auch  erst  spät,  zu  den  Grie- 
chen und  Römern  übergegangener  Name  für 
heilige  Steine , in  denen  man  ein  göttliches 
Leben  voraussetzte  (ßaizvXia , Xi&oz  sgzfivxoi, 
von  Uranos  geschaffen , Philo  Bybl.  b.  Euseb. 
Pr.  Ec.  1,  10.  Müller  fr.  hist.  gr.  3 p.  569, 
19),  die,  an  heiligen  Orten  aufgestellt,  durch 
Salbung  und  Bekränzung  verehrt,  oder  auch 
in  den  Händen  von  Privatpersonen  zu  man- 
cherlei Aberglauben,  zu  Zauberei  und  Weissa- 
gung gebraucht  wurden.  Es  waren  vom  Him- 
mel gefallene  Meteorsteine.  Auch  in  Griechen- 
land verehrte  man  seit  ältester  Zeit  heilige 
Steine , welche  als  göttliche  Symbole  galten. 
Zu  Delphi  war  in  der  Nähe  des  Apollotempels 
ein  nicht  grofser  Stein'  (ein  Meteorstein),  der 
täglich  mit  öl  gesalbt  und  an  Festtagen  mit 
roher  Wolle  umwickelt  wurde;  es  war,  wie 
man  glaubte,  der  Stein,  welchen  Kronos  statt 
des  Zeuskindes  verschlungen  und  wieder  aus- 
gespieen  hatte,  und  man  nannte  ihn  Baitylos, 
Paus.  10,  24,  5.  Hesych.  s.  v.  ßalzvXog.  [Vgl. 
A.  Mommsen , Belphilea  p.  27  ff.  30.  Sehr.] 
Nach  phönikischer  Mythologie  zeugte  Uranos 
mit  seiner  Schwester  Ge  4 Söhne:  Elos  (Kro- 
nos), Baitylos,  Dagon  und  Atlas,  Philo  Bybl. 
Müller  a.  a.  0.  p.  567,  14.  [Stoll.]  So  war 
auch  das  älteste  Bild  der  Kybele  auf  dem 
Berge  Didymon  in  dem  höhlenartigen  Heilig- 
tum (nvßeXa)  der  Göttin  ein  solcher  Aerolith 
gewesen.  Er  kam  später  nach  Rom  und  wurde 
hier,  in  Silber  gefafst,  dem  Mund  einer  Statue 
der  Roma  auf  dem  Capitol  eingefügt  ( Arnob . 
7 , 49).  Zu  Pharai  in  Achaia  fand  Paus.  7, 
22,  3 derartige  heilige  Steine  (zszQccyeovoe  U- 
ffot),  ungefähr  30  an  der  Zahl.  Er  sagt  „diese 
verehren  die  Pharäer,  indem  sie  jedem  den 
Namen  eines  Gottes  beilegen.  In  eien  älteren 
Zeiten  aber  wurden  auch  bei  den  Hellenen 
überhaupt  unbearbeitete  Steine  statt  der  Göt- 
terbilder verehrt.  Nach  der  kurzen  Beschrei- 
bung des  Pausanias  kann  man  nur  an  etwas 
zugerichtete  Steinidole  ältester  Art  denken, 
nicht  an  Hermen.  Derartige  Steinidole  (ns- 
zgui)  befauden  sich  auch  im  Heiligtum  der 
Chariten  in  Orchomenos.  Sie  sollten  dem  Eteo- 
kles  vom  Himmel  gefallen  sein  und  blieben 
die  einzigen  Kultbilder,  bis  man  zu  Pausanias 
Zeit  (9,  38.  1)  künstlerisch  vollendete  Statuen 
der  Chariten  neben  sie  stellte.  Im  Herakles- 
tempel zu  Hyettos  in  Boiotien  gab  es  eben- 
falls einen  agyog  Xi&og  an  Stelle  des  Kultbil- 
des (Paus.  9,  24,  3).  Der  Meteorstein,  der  bei 
Aigospotamoi  vor  der  Schlacht  vom  Himmel 
gefallen  war , wurde  von  den  Cliersonesiten 
noch  zu  Plutarchs  Zeit  für  heilig  gehalten  und 
verehrt  (Plut.  Lys.  12).  Dafs  diese  Idole  noch 
in  der  Zeit  des  sinkenden  Heidentums  ihre 
religiöse  Geltung  nicht  verloren  hatten , be- 
weisen die  Ausfälle  der  Kirchenschriftsteller 
(besonders  des  Clemens  Alex.,  z.  B.  Strom.  1, 
11),  die  sich  vornehmlich  auf  diese  Kultus- 
objekte berufen.  Nicht  überall  sind  die  Bai- 
tyloi  in  ihrer  ursprünglichen,  formlosen  Ge- 
stalt gelassen  worden.  Man  hat  ihnen  an 
manchen  Orten  durch  einige  Zurichtung  eine 


747 


Bakchai 


Balios 


regelmäfsigere  Form  zu  geben  gesucht,  ent- 
weder eine  würfelartige  oder  gewöhnlich  die 
kubische.  Als  Spitzsäule  wurde  noch  in  histo- 
rischer Zeit  Apollon  Agyieus  dargesteilt , es 
war  das  uralte  Kultmal  des  strafsenhütenden 


Münze  von  Seleukia.  Münze  von  Kypros. 


Gottes , das  anderwärts  auch  Hermes  oder 
Dionysos  genannt  wurde  (. Harpokr . s.  v.  ayvicig. 
Wieseler,  Annal.  clelV  Inst.  30  p.  222  ff.).  Solche 
Spitzsäulen,  mit  Binden  verziert,  finden  sich 
auf  Münzen  von  Ambrakia,  Apollonia  u.  s.  w. 
Auf  denen  von  Sikyon  hatte  das  Idol  der  Ar- 
temis Patroa  eine  solche  Gestalt , dasjenige 
des  Zeus  Meilichios  die  einer  Pyramide  (Paus. 
2,  9,  6).  Andere  Formen  machen  die  Miinz- 
bilder  klar,  das  konische  Kultbild  der  Aphro- 
dite in  Paphos  die  Münzen  von  Kypros  (s.  die 
Abbildung).  Ein  unverschöntes  Steinidol  war 
das  im  Tempel  des  Zeus  Kasios  in  Seleukia 
verehrte,  welches  auf  Münzen  der  Stadt  dar- 
gestellt ist  (s.  die  Abbildung).  Litteratur: 
Munter,  über  die  vom  Himmel  gefallenen  Steine 

u.  s.  w.,  Kopenhagen  1805.  v.  Dalberg,  über 
Meteorkultus  der  Alten,  Heidelb.  1811.  L.  Pö- 
sigk, de  Baetyliis,  Berl.  1854.  Overbeck,  Be- 
richte d.  Sachs.  Ges.  d.  Wiss.  1864.  p.  154 ff. 

v.  Baudissin,  Stud.  z.  sernit.  Bel.  2,  266  u.  ö. 
Schreiber,  Archäol.  Zeitung  41,  1883  p.  288  ff. 

[Schreiber.] 

Bakchai  (Bccn%cu)  s.  Mainaden. 

Bakchebakchos  (Banxsßanxog),  nach  Hesych. 
eine  Namensform,  mit  welcher  Dionysos  bei 
Opfern  angerufen  wurde,  Ar  ist.  Hqu.  408,  Suid. 

[Steuding.] 

Bakckechoros  (Baxxsx°9°s) , Beiname  des 
Dionysos,  Orph.  li.  56,  3.  74,  1.  [Steuding.] 

Bakcheios  oder  -ios  (Bcmxsiog,  Ba^xeog), 
Beiname  des  Dionysos:  C.  I.  Gr.  2919.  2525h. 

Bakchetis  s.  Begoe.  [Roscher.] 

Bakcheut.es  oder  -as  oder  -or  (Bav.xsvzfig 
oder  -dg  ffsog  1)  = Dionysos  (s.  d.):  Antip. 
Thess.  27  in  d.  Anth.  Plan.  4,  290.  Athen. 
11,  465a.  Orph.  hymn.  46,  6.  fr.  3,  13.  C.  I. 
Gr.  38.  — 2)  Beiname  des  Pan:  Orph.  h.  10, 
5,  21.  [Steuding.] 

Bakchis  (BanxCg)  — Bakche,  s.  Mainaden. 

Bakclios  (Bduxog)  s.  Dionysos. 

Bakis  (Bdetug,  der  Sprecher,  von  ßd£m),  Name 
mehrerer  Propheten,  also  wohl  eigentlich  Ap- 
pellativ. Her. , Aristoph.  Plato,  Cicero,  Paus. 
kennen  nur  einen;  Clemens  Alex.  Strom.  1, 
p. 333 zwei;  Plutarch.  de  Pyth.  or.  10;  Aelian, 
Var.  hist.  12,  35,  Schol.  Aristoph.  equ.  123, 
pax  1071,  av.  962,  Tzetzes  zu  Lykophr.  1278, 
Suid.  s.  v.  drei,  einen  höotischen,  einen  atti- 
schen und  einen  arkadischen  (lokrischen,  Schol. 


748 

Aristoph.  equ.).  Am  berühmtesten  war  der  böo- 
tische  aus  Eleon,  der,  von  Nymphen  begeistert, 
Orakel  gab,  welche  die  Ereignisse  der  Perser- 
kriege in  überraschender  Weise  zu  bestätigen 
schienen.  Der  arkadische  aus  Kaphyä  hiefs 
auch  Kydas  und  Aletes  (s.  d.),  er  soll  einst  die 
lakedämonischen  Frauen  vom  Wahnsinn  befreit 
haben.  Vgl.  Paus.  4,  27,  2.  9,  17,  4.  10,  12,  6.  10 

14,  3.  32,  6.  Ilerod.  8,  20  u.  77;  9,  43.  Plato 
Theag.  p.  121D.  Cic.  de  div.  1,  18,  34.  Lu- 
cia»,. de  morte  Peregr.  30  (fingiertes  Orakel). 
Göttling,  de  Bacide  fatiloquo  ( op . acad.  p.  198 
etc  ).  Bergk,  Griech.  Litt.  1,  p.  341.  [Schultz.] 

Balanos  ( BaXavog ),  eine  Hamadryade.  Nach 
einer  Erfindung  des  Dichters  Pherenikos  b.  Athen. 

з,  78b  erzeugte  Oxylos,  der  Sohn  des  Orios, 
mit  seiner  Schwester  Hamadryas  eine  Anzahl 
von  Töchtern  (Balanos,  Karya,  Ampelos,  Syke 

и.  a.),  welche  Hamadryaden  hiefsen  und  nach  I # 
denen  viele  Bäume  ihre  Namen  erhalten  hät- 
ten. Schoemann,  Opusc.  Ac.  2,  133  übersetzt 
Oxylos,  des  Orios  Solm  mit  Lignosus  Montani  f. 
und  sieht  in  Hamadryas  ( Arborina ) die  Natur  j - 
der  Bäume  im  allgemeinen,  aus  der  die  ein-  j 
zelnen  Bäume  hervorgehen.  [Stoll.] 

Balburos  (BdXßovqog),  ein  Räuber,  der  die  jPe 
Stadt  Balbura  in  Lykien  gegründet  haben  soll,  lä® 
Steph.  Byz.  s.  v.  [Schultz.] 

Baldir.  Aug[ustus],  sonst  unbekannte  Gott-  Bi 
heit  auf  der  Inschrift  eines  kleinen  Altares  zu  I «jsi 
Ain-Kila  bu  Seba  an  der  Strafse  von  Calama  1 fr ' 
nach  Hippo  regius  in  Numidia  procons.,  C.  I.  ilB 
L.  8,  5279:  Baldir.  Aug.  sacrum  Macedo  pub.  Bä 
votum  solvit  lifbens)  an(imo).  Da  sich  keine  »fei 


Inschrift  in  dieser  Gegend  gefunden,  die  ger-  »» 
manischen  Einflufs  verriete,  so  dürfte  schwer-  A 
lieh  an  Baldur,  eher  wohl  noch  an  einen  Zu-  | Ba 
sammenhang  mit  Baal  zu  denken  sein. 

[Steuding.]  ^ »ta 


Balenaios  (BaXyvaiog  oder  BcuXXgvaiog,  von  ■■  t. 

dem  phrygischen  ßaXgv  oder  ßaXXijv  = König,  .|  Ba 
Hesych.  u.  Schol.  z.  Aesch.  Pers.  659 ; vgl.  Baal),  J hmi 
Sohn  des  Ganymed  und  der  Medesigiste.  Die- 
ser soll  die  Ba(V)b]vcciog  sogtr;  in  Phrygien  lära, 
eingeführt  haben,  bei  welchem  Feste  ein  zu 
Herbstanfang  nachts  leuchtender  Stein,  ccgztiq  .1  Ba: 
und  ßulhqv  genannt , verehrt  wurde , Pseudo-  I Mtt 
plutarch.  de  fluv.  12,  3f.  Es  handelt  sich  also  lasB 
wohl  um  ein  Fest  des  Lichtgottes  Baal  zu  9 fei  i 
Herbstanfang.  [Steuding.] 

Balios  (Baltog,  BctXi'ug  Et.  M.,  von  ßcdiog, 
das  scheckig  oder  nach  Schol.  Theokr.  8,  2C. 

Et.  M.  Blässe  bedeutet).  1)  Name  des  einen  : Bai 
der  unsterblichen  Rosse  des  Achilleus , von  uIi, 
Zephyros  und  der  Harpyie  Podarge  gezeugt. 
Poseidon  schenkte  sie  dem  Peleus  bei  seiner 
Hochzeit  mit  der  Thetis  und  nahm  sie,  nach- 
dem Achilleus  gestorben , wieder  zu  sich, 

Hom.  II.  16,  149  ff  mit  Schol.  19,  400  ff.  A'pol- 
lod.  3,  13,  5.  Nach  Diodor  6,  3 waren  beide 
früher  Titanen,  die  dem  Zeus  gegen  die  an-  h 

dern  beistanden  und,  damit  sie  von  diesen 
nicht  erkannt  würden , in  Rosse  verwandelt 
wurden.  Vgl.  Eustath.  p.  1190.  Mannhardt,  j 
Antike  Wald-  und  Feldkulte  p.  92  und  95  ff.  . 

— 2)  Ein  Rofs  des  Skelmis,  ebenfalls  von  Ze- 
phyros  gezeugt,  Nonn.  37,  335.  — 3)  Ein  Hund  j 
des  Aktaion , Apollod.  3,  4,  4.  Bergk,  Lyr.  j 


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Balis 


Basileia 


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; Gr.  frgm.  39,  5 (p.  1330,  3.  Afl.)  — 4)  BuXiog, 
Beiname  des  Dionysos  bei  den  Thrakern  Et. 

I 31.  s.  v.  BocXiai.  [Schultz.] 

Balis  (BdXig),  ein  libyscher  Gott,  nach  dem 
Balis  in  Libyen  benannt,  wo  er  ein  Heiligtum 
hatte,  Steph.  Byz.  s.  v.  [Schultz.] 

Balmarcodes,  Beiname  des  Iuppiter  auf  meh- 
j reren  Inschriften  eines  Tempels  desselben  in 
der  Nähe  von  Berytus  in  Syrien,  G.  I.  L.  3, 
155:  P.  Postumius  P.  P.  Auctus  Iovi.  Bal- 
marcodi  v.  I.  m.  s.;  ebenda  und  Uenzen  5017: 
I.  0.  M.  Baimarcodi  etc.  (korr.  Balmarcodi; 

I diese  Inschrift  befindet  sich  zu  Paris,  stammt 
i aber  uach  Mommsen  wohl  auch  aus  Berytus); 
i C.  I.  L.  3,  159:  Taberna.  Obmcatonum  ( obli - 
s|  gationum  vermutet  Mommsen ) I.  0.  31.  B.  et. 

■ | lunonis.  fl.  Iovis.  Sinn  ....  Kaibel,  Ep.  835 
j u.  C.  I.  Gr.  4536:  M.  ’OKxaoviog  'lXago[g]  sv- 
, tgdysvog  dvsd’yKu  vtiIq  acoxggiag  k [al]  — — 
jo  — Evxv%ovg  Kai  xskvcov.  El'Xa&i  goi,  BaXgag- 
i kc6&,  Koigavs  ncogcov  Kai  y.Än£[p]ou  , dsanoxa 
j nach  Kaibels  und  Böckhs  Ergänzung.  Dieser 
! erklärt  gewifs  richtig,  dafs  im  ersten  Teile  des 
"]  Wortes  Baal  zu  erkennen  sei,  da  BgXog  auf 
j Inschriften  dieser  Gegend  oft  erwähnt  wird. 

I!  Die  Bezeichnung  als  Herr  des  Landes  stimmt 
! aber  auch  zu  der  Auffassung  als  Iuppiter  0.  M. 
j in  den  lateinischen  Inschriften.  [Steuding.  ] 
Balmarkoth  (BaXyagxü&),  Gott  auf  der  In- 
i|  schrift  Kaibel  Ep.  835  (=  C.  I.  Gr.  4536),  wo 

Ij  er  Koigavog  xcoycov  u.  Ösanoxyg  genannt  wird. 
S.  Balmarkodes.  [Roscher.] 

Balta  oder  Balte  (BdXxa,  -rf),  eine  Nymphe, 
i die  Mutter  des  Epimenides,  Plut.  Sol.  12.  Doch 
| S nennt  Suid.  s.  v.  ’EmgsvlSgg  dieselbe  BXdaxa, 

IEudocia  p.  166:  BXaiaxg.  [Steuding.] 

Banauros  (Bdvavgog) , Sohn  des  Aias,  nach 
dem  die  Banaurischen  Inseln  an  der  tyrrheni- 
schen Küste  benannt  sein  sollten,  Steph.  Byz. 

\ s.  v.  BavavgiSsg.  [Schultz.] 

Banderaeicus?(so  nach  Hübners  V ermutung), 
Name  einer  celtischen  Gottheit  aus  S.  Marinha 
de  Ribeira  de  Pena  in  der  Nähe  von  Bra- 
i cara,  C.  I.  L.  2,  2387.  Vergl.  Bandiarbariai- 
| cus.  [Steuding.] 

Bandiaeapolosegus,  Name  einer  celtischen 
I Gottheit  auf  einer  Inschrift  zu  Norba  Caesarea 
| (las  Bro9as)  inLusitania,  C.  1.  L.  2,  740.  Über 
iden  ersten  Teil  des  Namens  siehe  Bandua ; 
apolo  dürfte  vielleicht  gleich  Apollo  sein,  (vgl. 
jhibern.  apoill  — Apollo  Zeufs,gr.  Gelt.  p.  915  b). 

[Steuding.] 

Bandiarbariaicus,  celtische  Gottheit  auf  ei- 
ner Inschrift  aus  Capinlia  östlich  von  Coimbra, 
\G.  I.  L.  2,  454:  Amminus  Andaitiae.  f.  Ban- 
\diarbariaico.  Votum.  I.  m.  s.  Uber  Bandia  s. 
Bandua;  dia  ist  celtisch  = dea\  in  der  Endung 
ist  wohl  die  bei  Götternamen  häufig  vorkorn- 
Imende  Ableitungssilbe  aigus,  aegus,  aecus  ent- 
I halten.  [Steuding.] 

Bandua,  celtische  Göttin  auf  einer  Inschrift 
(aus  der  Nähe  von  Bragan9a,  C.  I.  L.  2,  2498: 
j Bandue  Cornelius  Oculatus  v.  s.  I.  m.  Ohne 
Zweifel  ist  Bandua  gleich  dem  bandea  der 
Glossen  des  cod.  Prise.  S.  Galli  bei  Zeufs,  gr. 
\Celt.  p.  178  a u.  854b.  Nach  diesem  bezeich- 
net das  Vorgesetzte  ban  das  folgende  Wort  als 
iFemininum,  so  dafs  bandea  überhaupt  „weib- 


liche Gottheit“  bedeutet  (vgl.  bandea  cruith- 
nechta_=  dea  frumenti  Sg.  66  c).  Den  lautli- 
chen Übergang  zu  dem  Bandue  der  Inschrift 
vermittelt  das  bändoe  iffirnn  (gl.  Parcae  d.  i. 
deae  infernae)  desselben  Codex  p.  53  b,  sowie 
das  altcambr.  duiu  — Gott  ( Fiele  vergl.  W.  1, 
623).  Vgl.  Bandiaeapolosegus  , Bandiarbariai- 
cus und  Banderaeicus.  [Steuding.] 

Barbelo  (BagßgXni  oder  Bagßygco) , eine 
Gottheit  der  Gnostiker,  deren  Kult  sich  von 
Asien  bis  nach  Gallien  und  Spanien  verbrei- 
tete. Nach  Hieronym.  ep.  75,  3 aus  “Q  und 
Baal  oder  Baala  zusammengesetzt.  Epiphan. 
Panar.  1,  77b  nennt  Barbelo  die  „Mutter“ 
des  Ialdabaod  oder  des  Sabaod;  zugleich  fafst 
er  sie  als  eine  Art  succubct  auf,  so  dafs  an 
Doppelgesclilechtigkeit  zu  denken  wäre  (vgl. 
Agdistis).  Irenaeus,  Haer.  1,  29,  1 bezeichnet 
Barbelo  als  einen  nie  alternden  Aion.  S.  T>c- 
Vit,  On.  s.  v.  [Steuding.] 

Barce,  die  Amme  des  Sychaeus,  welche 
Dido,  bevor  sie  sich  tötete,  mit  einem  Aufträge 
an  ihre  Schwester  Anna  schickte,  Verg.  Aen. 
4,  632  und  Serv.  dazu.  [Steuding.] 

Barcob  oder  Barcoph  ( BagKcocp ),  eine  Gott- 
heit oder  ein  Prophet  der  Gnostiker,  Hieron. 
de  vir.  Ul.  21;  vgl.  Barkabas.  [Steuding.] 
Bavgadoth  (BagyaöwQ'),  nach  Suid.  (1.  Sam. 
4,  21)  = viog  Xvngg.  Vergl.  Bagya&cö^og?) 
Zonar as  370.  Der  erste  Bestandteil  des  Namens 
ist  “i3  der  Sohn.  [Steuding.] 

Bargasos  (Bagyaoo g) , Sohn  des  Herakles 
und  der  Barge,  nach  dem  die  Stadt  Bargasa 
in  Karien  benannt  sein  sollte,  und  der  vor  La- 
mos,  dem  Sohne  des  Herakles  und  der  Om- 
phale,  weichen  mufste,  Steph.  Byz.  s.  v.  Bdg- 
yaaa.  [Schultz.] 

Barge  ( Bagyp ),  Geliebte  des  Herakles,  die 
ihm  den  Bargasos  (s.  d.)  gebiert,  Steph.  Byz. 
s.  v.  Bagyaaa.  [Schultz.] 

Bargylos  (BägyvXog) , Gefährte  des  Bellero- 
pliontes,  der  vom  Pegasos  erschlagen  wurde. 
Ihm  zu  Ehren  gründete  Bargylos  die  Stadt 
Bargylia  in  Karien,  Steph.  Byz.  s.  v.  Bagyv- 
Xia.  Eckhel  doctr.  num.  3 p.  578.  [Schultz.] 
Baris  (Bägig),  eine  Göttin,  die  einen  Tem- 
pel am  Taurosgebirge , und  zwar  am  Wege 
nach  Ekbatana  hatte,  Strabo  531.  Vergl.  die 
Stadt  Bdgig  in  Pisidien.  [Steuding.] 

Barkabas  oder  Barkabbas  (Baoxaßag),  eine 
Gottheit  oder  ein  Prophet  der  Gnostiker,  Epi- 
phan. Haeres.  26,  2.  Hieron.  de  vir.  ill.  21. 
Philostr.  luxer  cs.  33.  I)e-  Vit,  On.  s.  v.  [Steuding.] 
Barreces,  Beiname  des  Mars  auf  der  In- 
schrift eines  kleinen  Altars  aus  Carlisle,  G.  I. 
L.  7 , 925 : 3I(arti)  Barreci  Ianuarius  etc., 
doch  ist  vielleicht  statt  Bar  etwa  Bab  oder 
B.  B zu  lesen.  Vergl.  barr  — cassis,  frons 
Laubkrone  (Zeufs,  gr.  Gelt.  41a).  [Steuding.] 
Basileia  (BaaiXna  u.  -iXsici),  1)  älteste  Toch- 
ter des  Uranos  und  der  Titaia,  Schwester  der 
Rhea  und  der  Titanen,  welche  letzteren  sie 
selbst  mit  erzieht.  Sie  zeichnet  sich  durch  Sitt- 
samkeit  und  Klugheit  aus.  Mit  ihrem  Bruder 
Hyperion  vermählt,  wird  sie  Mutter  des  Helios 
und  der  Selene.  Aus  Neid  morden  die  übrigen 
Titanen  ihren  Gatten  und  werfen  Helios  in 
den  Eridanos.  Im  Schmerz  über  den  Verlust 


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Bassara 


Baubo 


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des  Bruders  stürzt  sieb  Selene  vom  Dacbe  des 
Hauses.  Beide  werden  darauf  in  Gestirne  ver- 
wandelt, was  der  Mutter  durch  ein  Traumbild 
mitgeteilt  wird.  Diese  ergreift,  von  Wahnsinn 
befallen,  von  dem  Spielzeug  ihrer  Tochter 
Handpauken  und  Becken  und  schweift  damit 
im  Lande  umher,  bis  sie  jemand  aus  Mitleid 
aufzuhalten  versucht;  da  entsteht  ein  heftiges 
Gewitter,  während  dessen  Basileia  verschwin- 
det. Sie  wird  dann  gleichfalls  als  Göttin  und 
zwar  oft  unter  dem  Namen  „Grofse  Mutter“ 
verehrt.  Im  folgenden  erscheint  sie  ganz  mit 
Kybele  (s.  d.)  identificiert,  Diodor  3,  57.  — 2) 
Das  personificierte  Königtum  (Baadsia) , Dio 
Chrysost.  1 p.  15.  Als  Bewahrerin  von  Zeus’ 
Blitz  bezeichnet  sie  Aristoph.  Av.  1536.  Vgl. 
Euphronios  und  Kratinos  beim  Schol.  zu  Ar. 
av.  1536,  wonach  sie  Tochter  des  Zeus  ge- 
nannt und  mit  ’AAavaota  identificiert  wurde. 
Sonst  ist  Basileia  auch  Beinamen  verschiedener 
Göttinnen.  [Steuding.] 

Bassara,  -is  {BuGaocQa,  BaoaaQi's),  eine  thra- 
kische  Bakchantin,  so  benannt  nach  den  gleich- 
namigen langen,  bunten  Gewändern,  welche  die 
thrakischen  Mainaden  (s.  d.)  trugen  (oder  einer 
Fufsbekleidung,  Et.  AI.)  Der  Name  wird  auch 
von  den  Erzieherinnen  des  Dionysos  gebraucht, 
Athen.  5,  7 p.  198 e.  Artemidor  2,  37.  Pollux 
7 , 60.  Et.  AI.  Suid.  s.  v.  Steph.  Byz.  s.  v. 
"Sidavsg.  Anecd.  Gr.  Bekk.  222.  Eustath.  982, 
30.  Prop.  3,  17,  30.  Zoega , Abh.  S.  23.  Lü- 
beck, Agl.  S.  293.  0.  Müller,  Handb.  d.  Arcli. 
§ 337,  2.  383,  4.  Schöne,  de  pers.  in  Eur. 
Bacchis  hab.  scen.  p.  146.  Die  Gewänder  schei- 
nen aus  Fuchsfellen  bestanden  zu  haben , da 
ßaoaäga  (ßdootxQos , ßa aacigiov)  in  Thrakien 
( Tzetz . zu  Lykophr.  771;  1343)  oder  Libyen 
(Kyrene)  den  Fuchs  bedeutet.  Plerodot  b.  Et. 
AI.  Hes.  s.  v.  ßtxcociQai,.  Lydisch  heifsen  die 
Gewänder  bei  Aescli.  Edon.  fr  gm.  bei  Miller, 
mel.  de  litt.  gr.  p.  62.  Der  Name  der  Ge- 
wänder, sowie  diese  selbst  stammen  aus  Ägyp- 
ten, vgl.  Schwartze,  das  alte  Aegypten  S.  971. 

[Schultz.] 

Bassareus  (Ba Gaagsvg)  = Dionysos  (s.  d.). 

Bassaris  (BuGGagtg)  s.  Bassara  u.  Mainaden. 

Bassaros  = Bassareus. 

Basse  (Baoar]  = Schlucht) , eine  Nymphe. 
Anthol.  Gr.  epigr.  adesp.  9,  678.  [Steuding.] 

Bateia  (Bazsia),  1)  (auch  Baris ia  genannt) 
Tochter  des  Teukros  (oder  des  Tros,  Steph. 
Byz.  s.  v.  AügSavog)  und  der  Nymphe  Idaia, 
Schwester  der  Neso,  Gemahlin  des  Dardanos, 
Mutter  des  Ilos,  Erichthonios  (und  Zakynthos, 
Dionys,  v.  Hai.)]  nach  ihr  sollte  die  Stadt 
Bateia  oder  Batieia  in  Troas  benannt  sein, 
Apollod.  3,  12,  1.  Dionys,  v.  Hai.  1,  50  u.  62. 
Diod.  4,  75.  Et.  M.  s.  v.  Agtoßg  u.  Bazsux. 
Steph.  Byz.  s.  v.  Agtaßri  u.  Barte  us..  Eustath. 
zu  Ihmi.  351,  30.  Nach  Tzetz.  zu  Lykophr.  29 
ist  Bateia  eine  Schwester  der  Skamanclros,  der 
mit  der  Nymphe  Idaia  den  Teukros  zeugte, 
während  die  Tochter  des  Teukros,  welche  Dar- 
danos heiratet,  Agloßg  heifst  (wie  bei  Steph. 
Byz.  u.  Et.  M.  s.  v.  ’Agtaßg).  — 2)  Eine  Na- 
jade,  mit  welcher  Oibalos  drei  Söhne,  Tynda- 
reos,  Hippokoon,  Ikarion  und  eine  Tochter 
Arene  zeugte,  Apollod.  3,  10,  4.  [Schultz.] 


Baton  ( Bazcov ),  der  Wagenlenker  des  Am- 
phiaraos,  stammte  gleich  diesem  aus  dem  Ge- 
schlechte  der  Melampodiden  Paus.  4,  23,  2. 
10,  10,  2.  Nach  anderen  hiefs  er  ’Elazcavbg 
(’Elazzcovog)  Apollod.  3,  6,  8 oder  2%otvinog 
Schol.  Find.  Ol.  6,  21.  Hesych.  s.  v. , vergl. 
Pape-Benseler  s.  v.  Er  teilte  mit  Amphiaraos 
vor  Theben  das  gleiche  Geschick.  Zu  Delphi 
befand  sich  unter  den  Weihgeschenken  der 
Argiver  auch  der  Wagen  des  Amphiaraos  mit 
der  Statue  des  Baton.  Auf  dem  Kypselos- 
kasten  war  er  mit  der  einen  Hand  die  Zügel 
der  Itosse,  mit  der  anderen  einen  Speer  haltend 
dargestellt.  Auf  ihn  bezieht  Welcher,  a.  D. 
S.  181  ff.  eine  Bronzestatuette  älteren  Stils,  die 
Rauch  und  Grüneisen  (. Altgr . Bronz.  d.  Tux' sehen 
Kabinets  Ttibing.  1835)  für  einen  Amphiaraos 
erklärt  hatten.  In  Betreff  der  übrigen  Abbil- 
dungen vergl.  „Amphiaraos“.  — In  Argos  wurde 
er  als  Heros  neben  Amphiaraos  verehrt;  ein 
Heiligtum  daselbst  neben  dem  Temenos  des 
Asklepios  erwähnt  Pausan.  2,  23,  2.  Die  An- 
gabe des  Polybios  bei  Steph.  Byz.  s.  v.  "Aq- 
nvia. , clafs  Baton  nach  der  Niederfahrt  des 
Amphiaraos  zu  den  Encheleern  in  Illyrien  aus- 
gewandert sei,  ist  durch  Verwechslung  mit 
einem  anderen  Baton  entstanden,  vergl.  Strabo 
314.  [Wolff.] 

Battos  (Bäzzog).  Name  des  geschwätzigen 
Alten  in  dem  Mythus  vom  Rinderdiebstahle 
des  Hermes.  Nach  Nikander , Hesiod  u.  a. 
b.  Anton.  Lib.  23  wohnte  er  auf  einem  Fel- 
sen in  der  Nähe  des  lykaiischen  und  mainali- 
schen  Gebirges.  Als  Hermes,  mit  seinem  Raube 
aus  Thessalien  kommend , in  der  Nähe  seines 
Wohnsitzes  vorüberzog,  versprach  ihm  Battos 
gegen  eine  Belohnung,  über  den  Vorfall  zu 
schweigen.  Der  Gott  erklärte  sich  einverstan- 
den und  verbarg  seine  Rinder  in  einer  Höhle 
bei  dem  messenischen  Vorgebirge  Korypha- 
sion;  dann  aber  kehrte  er  in  einer  Verwand- 
lung zu  Battos  zurück,  um  dessen  Verschwie- 
genheit auf  die  Probe  zu  stellen.  Dieser  jedoch 
verriet,  als  ihm  ein  Gewand  als  Lohn  geboten 
wurde,  sofort  das  Geheimnis  und  wurde  nun 
zur  Strafe  für  seinen  Wortbruch  in  den  Felsen 
verwandelt,  der  im  Volksmunde  Bcczzov  axo- 
mü  (vielleicht  wegen  eines  dort  hörbaren  ge- 
schwätzigen Echos;  vergleiche  ßazzoloysiv  = 
schwatzen)  genannt  wurde.  Nach  Ov.  Met.  2, 
68011. , wo  Hermes  die  Herden  des  Apollon 
von  Pylos  wegtreibt,  war  Battos  Aufseher  über 
die  Waldungen,  Triften  und  Rofsherden  des 
Peleus.  Ihm  gab  Hermes  als  Lohn  für  das 
Gelöbnis  des  Stillschweigens  eine  weifse  Kuh 
und  versprach  ihm  darauf,  als  er  ihn  in  Ver- 
suchung führte,  ein  Rinderpaar.  Für  sein  Plau- 
dern wurde  Battos  in  einen  Felsen  verwan- 
delt, welcher  Index  hiefs,  und  diese  Verwand- 
lung motiviert  der  Dichter  durch  die  Angabe, 
Battos  habe  versprochen,  schweigsamer  zu  sein, 
als  ein  Stein.  Nach  Horner,  hyinn.  in  Merc. 
185ff.  spielte  ein  alter  Mann  in  der  Nähe  von 
Onchestos  in  Boiotien  den  Verräter.  (Vgl.  Prel- 
ler, gr.  Myth.  1,  314  f.).  [Schirmer.] 

Baubo  (Bavßa ),  mit  ßavßüv  zusammenhän- 
gend), Gemahlin  des  Dysaules  in  Eleusis.  (Als 
Beiname  der  Hekate  erscheint  Baubo  iu  dem 


753  Baucis 

orphiscken  Hymnus  an  Hekate,  Miller,  Me- 
langes  de  litt,  grecque,  hymn.  orph.  1,  v.  2 p.  442). 
Der  Homerische  Hymnus  auf  Demeter  kennt 
sie  noch  nicht,  in  ihm  wird  Demeter  durch 
Iambe  erheitert.  Erst  durch  die  orphische 
Dichtung  ist  Baubo  in  die  Sage  von  Eleusis 
gekommen.  Die  Erzählung  verdankt  ihren  Ur- 
sprung den  bei  dem  Demeterfesten  üblichen 
derben  Späfsen,  zugleich  sollte  sie  den  Man- 
gel an  Sitte  in  der  Lebensweise  vor  der  Ein- 
kehr der  Demeter  schildern.  Vgl.  Clan.  Alex. 
Protr.  p.  17,  der  ein  Bruchstück  eines  orphi- 
sclien  Gedichts  anführt.  Diese  Stelle  hat  Eu- 
i sebius,  praep.  ev.  2,  3 entlehnt,  Arnöbius  adv. 

'•  nat.  5,  25  frei  übersetzt  (statt  Baubo  ist  mit 
Meursius  Bacchi  zu  lesen).  Die  Tochter 
suchend  war  Demeter  mit  dem  kleinen  lakchos 
; (von  dem  nicht  ein  besonderer  eleusinischer 
Heros  nach  der  Notiz  des  Said,  ’'fay.yog  yeti 
! fjgcag  vig  zu  unterscheiden  ist)  nach  Eleusis 
j gekommen  und  dort  von  Dysaules  und  Baubo 
j freundlich  aufgenommen  worden.  Einen  Misch- 
! trank,  den  ihr  Baubo  bot,  verschmähte  sie,  und 
verharrte  in  ihrer  Traurigkeit,  bis  Baubo  ihr 
Gewand  aufhob  und  ihre  Schamteile  zeigte 
(aus  Unwillen,  oder  um  Demeter  zu  erheitern). 
Der  Anblick  des  jene  beklatschenden  lakchos 
brachte  sie  zum  Lachen  und  bewog  sie,  den 
Mischtrank  zu  nehmen.  Vgl.  auch  Suid.  s.  v. 
Bctgco  xal  Aggco  ( Bavßco  aal  Agio)  u.  Agg td ; 
Mich.  Psellos,  ri  nsgi  dcag.  do|.  ’EIX.  ed.  Bois- 
sonade  p.  39;  nach  Res.  s.  v.  Bavgcö  (1.  Bav- 
ßco) war  Baubo  eine  Amme  der  Demeter,  was 
sich  nur  auf  die  Pflege  eines  Kindes  der  Deme- 
ter beziehen  kann.  Mit  lakchos  steht  Baubo 
sonst  in  keiner  Beziehung.  Die  Söhne  des 
Dysaules  und  der  Baubo  sind  Triptolemos  und 
Eubuleus,  Paus.  1,  14,  2;  ihre  Töchter  Proto- 
! noe  und  Nesa  (Nisa),  Harpokr.  p.  90.  Suid. 
s.  v.  Avcavlgg.  Lobeck,  Agl.  S.  818ff.  Preller, 
Demeter  u.  Fora,  S.  1340.  v.  Herwerden  im 
Hermes  5 p.  143  0'.  Förster,  der  Raub  und  die 
Rückkehr  der  Persephone  S.  44  und  Exkurs  6, 
S.  2820.  Auf  Baubo  bezogne  Darstellungen: 
Ann.  dell'  Inst.  arch.  1843  pl.  E p.  72 — 97 
, ( Millingen ).  Longperierbei  Miller,  Melanges  de 
litt,  grecque  p.  459  u.  400.  [Schultz.] 

Baucis,  eine  arme  alte  Frau  in  Phry- 
gien,  Gemahlin  des  Philemon.  In  ihrer  dürf- 
tigen Hütte  fanden  Zeus  und  Hermes , als  sie 
einst  in  Menschengestalt  Phrygien  durchwan- 
derten, gastliche  Aufnahme,  die  ihnen  sonst 
überall  verweigert  worden  war.  Zur  Strafe 
für  das  ungastliche  Benehmen  der  Menschen 
wurde  die  ganze  Gegend  plötzlich  von  Wasser 
überflutet,  die  arme  Hütte  aber  verschont,  in 
einen  Tempel  verwandelt  und  dem  frommen 
Paare  seinem  Wunsche  gemäfs  die  Obhut  über 
das  Heiligtum  übertragen:  „templi  tutela  fucre  | 
j donec  vita  data  est“.  Auch  ihrem  weiteren 
Wunsche,  dafs  ihnen  ein  gleichzeitiger  Tod 
i vergönnt  sein  möge , entsprach  Zeus  und  ver- 
wandelte sie  am  Ende  ihrer  Tage,  als  sie  einst 
vor  den  Stufen  des  Tempels  standen,  in  Bäume, 
und  zwar  den  Philemon  in  eine  Eiche,  die 
Baucis  in  eine  Linde.  So  Lactant.  narrat. 
fab.  8 , 7.  8.  9 , wo  übrigens  das  handschr. 
\„fruticemu  von  Mancher  in  „ilicem“  verän- 


Beelsames  754 

dert  wurde.  Im  übrigen  s.  Ovid,  Met.  8, 
016 — 715.  [Weizsäcker.] 

Bcantunaecus,  Name  einer  (celtischen?)  Gott- 
heit auf  einer  Inschrift  aus  der  Gegend  von 
Mirobriga  (südlich  von  Lissabon) , C.  I.  L.  2, 
861:  Silo  Co  ||  rai.  B ||  cantu  ||  naeco  ||  v.  a.  I.  s. 
Das  B dürfte  mit  dem  in  Bmervasegus  iden- 
tisch, vielleicht  = ban  (s.  Bandua)  sein.  Com- 
posita  mit  canto  — candidus  s.  b.  Fiele,  gr. 
Personennamen  74  und  vgl.  Candatnius.  Über 
die  Endung  s.  Zeufs  a.  a.  0.  p.  811. 

[Steuding.] 

Bebryke  (Btßgvyg , Apollod.  Bgvyg),  Toch- 
ter des  Danaos  und  der  Polyxo , heiratet  den 
Aigyptiaden  Clitkonios;  nach  ihr  sollten  die 
Bebryken  genannt  sein,  Apollod.  2,  1,  5.  Steph. 
Byz.  s.  v.  Beßgvycov.  Eustath.  zu  Dionys.  Pc- 
rieg.  805.  Vgl.  Bebryx.  [Schultz.] 

Bebryx  (Beßgv |),  ein  Heros,  nach  welchem 
das  Volk  der  Bebryker  in  Bithynien  benannt 
sein  soll,  Steph.  Byz.  s.  v.  Beßgvxcov.  Vgl. 
Bebryke.  [Schultz.] 

Bedaius  Augustus,  die  Gottheit  von  Beda- 
ium  in  Noricum  in  der  Nähe  von  Seebruck  bei 
Salzburg;  nach  Stickaner  ist  der  Name  des 
Dorfes  Pidenhart  daselbst  von  Bedaium  = 
Bidaium  abgeleitet.  Vergl.  auch  Biäayov  in 
Noricum  Ptol.  2,  13(14),  3.  Erwähnt  wird  Be- 
daius auf  Inschriften  dieser  Gegend  und  zwar 
zusammen  mit  den  Alounae  (s.  d.)  C.  I.  L.  3, 
5572  (237  n.  Chr.)  und  5581  (219  n.  Chr.)  und 
neben  luppiter  Arubianus  (s.  d.)  C.  I.  L.  3, 
5575  u.  5580.  [Steuding.] 

Bede  (Dat.),  eine  wohl  celtisclie  Göttin,  die 
als  eine  der  beiden  Alaisiagae  bezeichnet  wird, 
auf  einer  Inschrift  aus  Housesteads  am  Ha- 
drianswall, herausgeg.  von  W.  Thompson  Wat- 
lcin  im  Newcastle  Daily  journal  13.  Jan.  1884 
und  von  Th.  Mommsen  im  Hermes  19,  2 p.  233: 
Deo  | Marti  \ Th(?)incso  | et  duabus  Alaisiagis  | 
Bede  et  Fimm  (um? , min?)  ilene  \ et  n(umini- 
bus)  Aug(ustorum)  Ger  \ m(ani)  cives  Tu  | (■ ihanti ) 
v.  s.  I.  m.  Eine  zweite  Inschrift  ebendaher 
nennt  nur  den  Gesamtnamen:  Deo  Marti  et 
duabus  Alaisiagis  et  n(uminibus ) Aug(ustorum ) 
Germ(ani ) cives  Tuihanti  cunei  Frisiorum  ver. 
ser  Alexandriani  Votum  solvent,  libent.  Die 
Alaisiagae  sind  wohl  zu  den  matres  zu  rech- 
nen, die  gerade  am  Walle  eifrige  Verehrung 
genossen,  wie  die  vielen  daselbst  gefundenen 
Inschriften  beweisen  (s.  matres  u.  Ceceaigi). 
Die  Tuihanti  sind  freilich  Germanen  und  zwar 
(nach  Mommsen  a.  a.  O.)  wahrscheinlich  Frie- 
sen. [Steuding.] 

Beelpliegor  (Bsshpsyäg)  — “nS53-^?a,  der 
Baal  der  Moabiter  oder  Midianiter,  welcher 
auf  dem  Berge  Peor  verehrt  wurde,  Etym.  M., 
Suid.  Das  Wort  ist  nicht  mit  Hieronym.  de 
nom.  Hebr.  25,  1 — 5 von  *:‘E  aperuit  abzulei- 
ten und  als  idolum  tentiginis  zu  erklären,  Her- 
zog, R.-E.  s.  v.  [Steuding.] 

Beelsames  ( Bssladggg ),  ein  Name  des  Son- 
nengottes bei  den  Phöniziern  = Herr  des  Him- 
mels (ttrailj)  Phil.  Bybl,  fr.  2,  5 bei  Müller  fr. 
h.  gr.  3,  566.  Derselbe  wird  sonst  Samas 
genannt,  Herzog,  R.-E.  s.  v.  Baal.  Vgl.  Bal- 
sames  Plaut.  Poen.  5,  2,  67,  Baalsames  Augu- 
stin, Quaest.  in  Ind.  16.  Balsamus,  eine  Gott- 


10 

20 

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40 

50 

60 


755  Begoe 

heit  der  Gnostiker,  Hieronym.  ep.  75,  3 u.  öf- 
ter. [Steuding.] 

Begoe  (Bigoe,  Bigone,  Bakchetis),  eine 
tuskische  Nymphe,  welche  eine  ars  fulgurito- 
rum  (vgl.  Paulus  p.  92),  d.  h.  wahrscheinlich 
die  Kunst,  die  vom  Blitze  getroffenen  Orte  zu 
sühnen,  geschrieben  haben  sollte.  Diese  ars 
wurde  seit  Augustus  mit  ähnlichen  Büchern 
im  Tempel  des  palatinischen  Apollon  aufbe- 
wahrt, Serv.  Aen.  6,  72;  vgl.  auch  Lucret.  6, 
381.  Preller,  Pöm.  Myth.  I3,  193.  S.  auch 
den  Artikel  Yegoia.  [Schultz.] 

Belates,  ein  Lapithe  aus  Pella,  der  auf  der 
Hochzeit  des  Peirithoos  den  Kentauren  Amy- 
kos  mit  einem  Tischbein  erschlug,  Ov.  Met. 
12,  255.  [Schultz.] 

Belatucader  oder  Belatucadrus , ein  im 
Westen  des  Valium  Hadriani  (im  nördlichen 
Teil  von  Cumberland  und  Westmoreland)  ver- 
ehrter celtischer  Kriegsgott.  Belatucader  wird  2 
auf  Weihinschriften  des  3.  Jahrhunderts  (C.  I. 
L.  7,  318)  teils  selbständig  (7,  369,  294,  333. 
745.  873  f.  934.  314.  337),  teils  als  Beiname 
des  Mars  (7  , 746.  885.  318.  957)  erwähnt. 
Daraus  verstümmelt  sind  die  Formen:  Peo 
Behtucadro  7 , 935  und  Deo  Blatucaro  7,  295. 
Für  die  erste  Hälfte  des  Wortes  sind  die  römi- 
schen cognomina  wohl  celtischen  Ursprungs 
Belatumara  G.  I.  L.  3,  5889  und  Belatullus 
3,  5698,  vielleicht  auch  das  Alpenvolk  Bela- 
cores  zu  vergleichen.  Nach  Windisch  bei  Fick, 
griech.  Personennamen  p.  66  ist  lei  — bellum 
(vergl.  bela  ( bellare ) bei  Zeufs,  gr.  C.  p.  140) 
und  cymr.  cadr  — decorus.  D'Arbois  de  Jubain- 
ville,  le  cycle  myth.  Irl.  p.  379,  1 setzt  Belatu- 
Cadros  dem  Todesgott  Teutates  gleich  und 
erklärt  den  Namen  durch  „ beau  quand  il  tue“  (?). 

[Steuding.] 

Belekatos  (Bsltßaros),  bei  den  Babyloniern 
6 z ov  nvQoc;  dazyg,  Hesych.  Vgl.  Aslsqm r,  der 
Stern  Venus.  Ahrens,Dial.  2,193.  [Steuding.] 

Belemis.  Unter  den  ausländischen  Gott- 
heiten, welche  zur  Zeit  des  Verfalls  der  römi- 
schen Religion  eine  mehr  oder  weniger  wichtige 
Rolle  spielen,  ist  uns  Belenus  oder  (wie  er  auf 
Inschriften  fast  eben  so  häufig  heifst)  Belinus 
durch  eine  verhältnismäfsig  grofse  Anzahl  von 
Zeugnissen  bekannt.  Als  im  Jahre  238  n.  Chr. 
Maximin  Aquileia  belagerte  und  die  Stadt  be- 
reits auf  dem  Punkte  stand  sich  zu  übergeben, 
wufsten  die  Kommandanten  den  Mut  der  Ein- 
geschlossenen dadurch  zu  beleben,  dafs  sie  ver- 
breiteten, der  in  Aquileia  einheimische  Gott  Be- 
lenus habe  seine  Hilfe  angekündigt;  und  wirk- 
lich behaupteten  nachher  die  Soldaten  Maximins 
das  Bild  Apollons  habe  sich  wiederholentlich 
gegen  sie  kämpfend  in  der  Luft  gezeigt  (Berod. 

8,  3,  8.  Iul.  Capit.  Maximini  duo  22).  Diese 
Bezeichnung  des  Belenus  als  eines  speziell  in 
Aquileia  angesessenen  Gottes  bestätigen  zahl- 
reiche dort  gefundene  Inschriften,  die  wohl 
sämtlich  aus  ziemlich  später  Zeit  stammen 
(C.  I.  L.  5,  732—755.  8212.  8250);  es  scheint 
als  ob  der  Gott  nach  jenem  persönlichen  Ein- 
greifen gegen  Maximin  ein  besonderes  Ansehen 
auch  über  die  Grenzen  der  Stadt  hinaus  ge- 
nossen habe;  wenigstens  findet  sich  unter  den 
genannten  Inschriften  auch  eine  Dedikation 


Belestis  Augusta  756 

der  Kaiser  Diocletian  und  Maximian  (C.  I.  L. 

5,  732).  Doch  beschränkte  sich  überhaupt  die 
Verehrung  dieses  Gottes  nicht  auf  Aquileia, 
sondern  erstreckte  sieb  auf  das  ganze  Gebiet 
von  Carnicum  und  Venetien;  so  hatte  er  einen 
Tempel  in  Iulium  Carnicum  ( G . I.  L.  5,  1829), 
und  Dedikationen  an  ihn  finden  sich  in  Con- 
cordia  ( C . I.  L.  5,  1866)  und  Altinum  ( C . I. 

L.  5,  2143—2146).  Vereinzelt  findet  sich  eine 
Widmung  an  Belinus  auch  in  Noricum  ( C . I. 

L.  3,  4774),  was  dazu  stimmt,  dafs  Tertullian 
(apol.  24  ad  nat.  2,  8)  den  Belenus  als  einen 
speziellen  Gott  von  Noricum  bezeichnet;  doch 
ist  es  bei  dem  grofsen  Überwiegen  der  Inschrif- 
ten von  Carnien  und  Venetien  wohl  wahr- 
scheinlicher, dafs  Tertullian  die  benachbarten 
Landschaften  verwechselt  oder  doch  jedenfalls 
sich  ungenau  ausgedrückt  hat.  Eine  zu  Ari- 
minum  gefundene  Belenus -Inschrift  ( Tonini , 
Pünini  avanti  il  principio  dell'  era  volgare 
p.  231)  ist  vielleicht  dorthin  verschleppt,  wenn 
sich  auch  die  Möglichkeit  einer  vereinzelten 
Ausbreitung  der  Verehrung  des  Belenus  bis 
dorthin  nicht  leugnen  läfst.  Dagegen  ist  die 
Tiburtiner  Inschrift  Orelli  823  (aus  Muratori), 
in  der  Antinous  und  Belenus  in  Parallele  ge-  I 
stellt  werden,  wohl  sicher  eine  Fälschung.  — [ 

So  sehen  wir  also  in  Belenus  eine  Gottheit 
der  östlichen  Alpenländer,  deren  Kult  nament- 
lich seit  der  2.  Hälfte  des  3.  Jahrhunderts  in 
Blüte  gestanden  zu  haben  scheint.  Von  römi- 
schen Gottheiten  niuls  er  dem  Apollo  am  näch- 
sten gestanden  haben;  denn  mit  diesem  iden-  j 
tificieren  ihn  Schriftsteller  und  Inschriften  in  5 
voller  Übereinstimmung;  in  Aquileia  wird  er 
auch  mehrfach  als  Fons  Belenus  angeredet  1 
(G.  I.  L.  5,  754.  755.  8250),  wie  mit  Wahr- 
scheinlichkeit vermutet  worden  ist  als  Gott 
einer  Heilquelle.  — Kurz  zu  berühren  bleiben 
noch  zwei  Stellen  des  Ausonius,  deren  falsche 
Erklärung  zu  einer  Anzahl  unrichtiger  Kom- 
binationen Anlafs  gegeben  hat.  Da  nämlich 
Ausonius  (profess.  10,  17  ff.  4,  7 ff.)  den  aus 
Burdigala  stammenden  Phoebicius  und  seinen  : 
Sohn  Attius  Patera  den  einen  als  acdiUms  Be- 
leni,  den  andern  als  e Beleni  templo  genus 
duccns  aufführt,  so  hat  man  dies  mit  Unrecht 
für  ein  Zeugnis  für  eine  Verehrung  des  Bele- 
nus im  südlichen  Gallien  gehalten  und  ihn 
mit  einem  keltischen  Sonnengotte  Beal  iden- 
tifizirt  (vgl.  Mone , Geschichte  des  Heidentums 
im  nördl.  Europa  2,  416 f.  Grimm,  Deutsche 
Mythol.  S.  379.  H.  Müller , Jahrb.  d.  Alter- 
tumsfr.  im  Bheinl.  33/34,  68  ff.).  Wäre  diese 
Annahme  richtig,  so  wäre  das  gänzliche  Fehlen 
von  Belenusinschriften  in  Gallien  höchst  wun- 
derbar. Aber  Mommsen  (G.  I.  L.  5 p.  84) 
hat  mit  vollem  Rechte  darauf  hingewiesen, 
dafs  bei  Ausonius  einfach  aus  gelehrter  Spie- 
lerei der  entlegnere  Beiname  Belenus  für  Apollo 
steht ; eine  gute  Parallele  dafür  giebt  die  That- 
sache,  dafs  Ausonius  auch  sehr  gern  schlecht- 
weg Consus  für  Neptunus  gebraucht  ( epigr ■ 

69,  9 idyll.  12  de  dis  3).  Auch  der  auf  süd- 
gallischen  Inschriften  (Orelli  1952.  1953)  vor- 
kommende deus  Abellio  hat  wohl  mit  Belenus 
nichts  zu  schaffen.  | Wissowa.] 

Belestis  Aug[usta],  Name  einer  Göttin  auf 


757  Beliar 

einer  Inschrift,  die  auf  der  Pafshöhe  des  Loibl 
(Grenze  von  Kärnthen  und  Krain)  gefunden 
worden  ist),  C.  I.  L.  3,  4773:  Belesti.  Aug. 
T.  Tapponius  etc.  = Or.  2045,  der  aber  Seiest! 
hat.  Da  ganz  in  der  Nähe  auf  der  Zigullen  bei 
dem  an  derselben  Strafse  gelegenen  Klagen- 
furt  Belenus  (s.  d.  u.  vgl.  C.  I.  L.  3 , 4774),  (der 
altceltische  Sonnengott  Beal?),  verehrt  wurde, 
so  dürfte  Belestis  Augusta  wohl  mit  diesem 
zusam menzustellen  sein.  Allerdings  hatte  auch 
eine  Aphrodite  BtXiozixri  oder  BiXi6zi%r\  einen 
Tempel  in  Alexandria,  der  zu  Ehren  einer  Ge- 
liebten des  Ptolomäus  II.  errichtet  worden  sein 
sollte  [Athen.  13,  570  f.  596  e).  Letzteren  Namen 
leitet  Pape  von  etliaam  ab,  so  dafs  er  „Ranke“ 
bedeuten  würde,  während  Keil,  onom.  p.  28 
ihn  mit  „Honigseim“  übersetzt.  [Steuding.] 
Beliar  (BeXiÜq),  Name  eines  bösen  Dämons 
in  Schlangengestalt  auf  einem  Amulett:  C.  I. 
Gr.  9005b.  | Roscher.] 

Belides,  Nachkomme  des  Belos,  Verg.  Aen. 
2,  82  (Palamedes).  [Schultz.] 

Belis,  1)  s.  Belenus.  — 2)  identisch  mit 
Ganymedes  oder  Katamitus.  Er  soll  seinem 
Vater  Laomedon  geweissagt  liahen,  das  troische 
Reich  werde  untergehn,  wenn  vom  meotischen 
Berge  von  selbst  ein  Felsstück  herabfalle,  Serv. 
Aen.  1 , 28.  — 3)  Enkelin  des  Belos,  Tochter 
des  Danaos,  eine  Danaide,  Ov.  Metam.  4,  462. 

[Schultz.] 

Belisama  oder  Belisana,  jedenfalls  celti- 
scher  Beiname  der  Minerva  auf  einer  Inschrift 
aus  St.  Bertrand  de  Comminges,  Dep.  Haute- 
Garonne,  Orelli  1431  = 1969:  Minervae  Beli- 
savme  ( Belisanae ) sacrum  Q.  Valerius  Mo- 
nim  . . . ( Montanus ).  Zeufs,  gr.  Celt.  p.  769b 
ist  zweifelhaft,  ob  der  Name  durch  doppelte 
Ableitung  mittelst  S-M  gebildet,  oder  zusam- 
| mengesetzt  ist.  Den  celtischen  Ursprung  be- 
' weist  der  Umstand , dafs  auch  die  Mündung 
! des  Merseyflusses  in  England  diesen  Namen 
I führt  ( Ptolem . 2,  3,  2 BcXiaaya  si'e%vGig),  wäh- 
rend Belisama  mehrfach  der  dea  Caelestis  der 
I Karthager  gleichgesetzt  worden  ist  (vgl.  Orelli 
a.  a.  0.  u.  Be-Vit,  Onom.  s.  v.).  Der  Stamm 
ist  jedenfalls  mit  dem  von  Belinus , Belestis 
identisch.  [Steuding.] 

Belisticlie  oder  Bilisticlie,  Beiname  der 
I Aphrodite  in  Alexandria;  s.  Belestis.  [Steuding.] 
Belleroplion  oder  Bellerophoutes  {BeXXe- 
Qocpoöv , BsXXeQOcpövzris).  Unter  den  Mythen, 
welche  sich  an  diesen  korinthischen  Heros 
angeschlossen  haben,  treten  zwei  als  speziell 
ihm  zugehörig  hervor:  seine  Verbindung  mit 
dem  Pegasos  und  sein  Kampf  mit  der  Chimaira, 
während  er  andere,  wie  die  Versuchung  und 
Verleumdung  durch  die  Gattin  des  Proitos  oder 
die  ihm  auferlegten  Kämpfe  mit  Amazonen 
u.  s.  w.  mit  anderen  Heroen  teilt.  Jene  bei- 
den  ihn  besonders  kennzeichnenden  Mythen 
werden  also  zu  Grunde  zu  legen  und  mit  der 
Sage  von  seiner  Herkunft  zusammenzunehmen 
sein , um  die  ursprüngliche  Naturbedeutung 
desselben  zu  erkennen. 

I.  Naturmythen  und  ihre  Deutung. 

1)  Bellerophons  Abstammung  von 
i Glaukos. 


Belleroplion  758 

In  der  Erzählung  bei  Homer  Z 152 — 
205,  in  welcher  die  Sage  von  Bellerophon 
schon  vollständig  ausgebildet  vorliegt , er- 
scheint er  als  Angehöriger  des  zu  Korinth 
herrschenden  Hauses  des  Sisyphos ; dieser 
war  sein  Grofsvater , Glaukos  sein  Vater. 
Diese  Abstammung  halten  auch  die  Späteren 
fest,  Apollod.  1,  9,  3.  2,  3,  1.  Paus.  2,  4,  3, 
Apollodor  unter  Hinzufügung  des  Namens  der 
Gattin  des  Glaukos  Eurymeda,  während  Hyg. 
fab.  157  die  Mutter  Bellerophons  Eurynome 
nennt.  Dafs  dieser  Glaukos  eine  Personifika- 
tion des  Meeres  ist,  steht  fest,  Völcker,  Myth. 
d.  Iapet.  Geschl.  S.  119.  Fischer,  Bellerophon 
Leipz.  1851  S.  90.  Stephani,  Nimbus  u.  Strah- 
lenkranz S.  33,  und  wird  von  Preller  2ä,  76, 
der  ihn  von  Glaukos  Pontios  trennt,  ebenso 
zugegeben , wie  von  Gädechens , Glaukos  der 
Meergott  1860  S.  203,  der  beide  identificiert. 
Auch  die  Namen  Eurynome  oder  Eurymeda, 
sonst  Okeanidennamen,  beziehen  sich  auf  das 
Meer;  vgl.  Fischer  a.  a.  O.  8.  Deshalb  ist  es 
nicht  ein  Widerspruch,  sondern  vielmehr  eine 
Bestätigung  dieser  Auffassung,  wenn  statt  des 
Glaukos  geradezu  Poseidon  als  Vater  des  Bel- 
lerophon genannt  wird,  Hygin.  fab.  157.  Schol. 
II.  Z 191,  was  die  alten  Erklärer  folgender- 
mafsen  zurechtlegen:  Schol.  Find.  Ol.  13,  98: 
tc5  filv  Xbycg  o BtXXtQOcpbvzgg  rXa.vnov  sozi, 
rfj  d’  uXrj&si'cc  Iloa sidüvog-,  Schol.  II.  Z 155 
ed.  Bind.  r;v  Ss  cpvoei  glv  notig  IloGEid'öivog, 
ininXyciv  dl  PXavtov.  Denn  in  der  That  war 
Glaukos  doch  nur  eine  Personifikation  einer 
besonderen  Eigenschaft  des  Meergottes,  vergl. 
Gädechens  S.  203 , eine  durch  Ablösung  des 
Epithetons  yXuvv.bg  aus  Poseidon  entstandene 
Persönlichkeit,  Stephani  a.  a.  O.,  und  zwar 
stellt  Glaukos,  wie  Gädechens  ausführt,  die 
Seite  des  Poseidon  dar , vermöge  deren  er 
Schöpfer  und  Bändiger  des  Rosses  ist  und 
Poseidon  Hippios  genannt  wird.  Im  ganzen 
Hause  des  Sisyphos  spielen  die  Rosse  eine 
hervorragende  Rolle , besonders  aber  in  den 
Sagen  von  Glaukos , der  zuletzt  von  seinen 
Rossen  zerfleischt  wird.  Das  Rofs  des  Posei- 
don ist  aber  ein  Bild  der  Meereswogen,  des 
Wassers. 

2)  Bellerophons  Verbindung  mit 
Pegasos. 

So  wird  also  Bellerophon  durch  seine  Ab- 
stammung dem  jjoseidonischen  Gebiet  zuge- 
wiesen; aber  auch  ihm  steht  ein  Rofs  zur 
Seite,  welches  so  sehr  sein  stehender  Beglei- 
ter, in  allen  Kunstdarstellungen  so  sehr  sein 
wesentliches  Kennzeichen  ist , dafs  es  einen 
Teil  seines  Wesens  ausmacht  und  durch  seine 
eigentümliche  Natur  die  Stellung  seines  Herrn 
iiix  poseidonischen  Reich  wesentlich  modifiziert. 
Es  ist  das  Flügelrofs  Pegasos.  Es  ist  eben- 
falls poseidonisch;  Poseidon  soll  es  nach  He- 
siod  Theog.  278 ff.  auf  blumiger  Aue  mit  der 
Medusa  gezeugt  haben,  aus  deren  Leib  es  bei 
ihrer  Enthauptung  durch  Perseus  an  den  Quel- 
len des  Okeanos  nebst  dem  Chrysaor  hervor- 
sprang und  alsbald  zu  den  Unsterblichen  ent- 
flog. Geflügelt  erscheint  es  in  der  Kunst  eben- 
so wie  bei  den  Schriftstellern  Pindar  Ol.  13, 
86.  Isthm.  6 , 44.  — Eurip.  Ion  202  nennt  es 


io 

20 

30 

40 

50 

60 


759 


Belleroplion 


Bellerophon 


760 


i'nnog  nzSQoeig;  Apollod.  2,  3,  2.  Strab.  8 p.  379 
7zzrjv6g ; Palaephat.  Incred.  29  vnonxEQog;  Scliol. 
II.  Z 155  flcragGOTÖg.  Wenn  das  poseidonisclie 
Rofs  das  Symbol  des  Meeres  ist,  somufs  dasposei- 
donische  Flügelrofs  das  Wasser  am  Himmel,  die 
Wolken  bedeuten,  die  aus  dem  Meere  aufsteigen. 
Dies  ist  denn  auch  der  Sinn  der  hesiodischen 
Sage,  dafs  der  Pegasos  vom  Meergott  mit  der 
Medusa,  der  Wetterwolke,  im  äufsersten  Westen, 
woher  die  Wolken  kommen  (dies  bedeuten  die 
blumigen  Auen  und  die  Quellen  des  Okeanos) 
erzeugt  wird  und  auf  den  Schlag  des  Perseus 
mit  dem  Schwert  oder  der  Harpe , was  den 
Blitz  bedeutet , aus  ihrem  schwangeren  Leib 
hervorspringt.  Die  Beweise  bei  Roscher,  Gor- 
gonen S.  23 ff.  114ff.;  vgl.  auch  Sonne,  Ztschr. 
f.  vergl.  Sprachf.  10,  119.  Milchhöf  er,  Anfänge 
der  Kunst  in  Griechenland  61f.  Die  Rofsgestalt 
hat  Pegasos  von  Poseidon,  der  übrigens  hier 
in  seiner  allgemeineren,  ursprünglicheren  Be- 
deutung eines  Gebieters  auch  des  Himmels  und 
des  ganzen  Dunstkreises  erscheint,  vgl.  Kuhn , 
Ztschr.  1,  456.  Roscher  a.  a.  0.  25.  Wie  aber 
Poseidon  in  dieser  Eigenschaft  auch  Herr  des 
Gewitters  ist,  wie  Medusa  speziell  die  Gewit- 
terwolke bedeutet,  so  ist  auch  der  Pegasos 
das  Gewitterrofs.  Nachdem  er  zu  den  Unsterb- 
lichen entflogen,  fährt  die  hesiodische  Erzäh- 
lung v.  285  fort,  weilt  er  in  den  Wohnungen 
des  Zeus  und  bringt  ihm  Donner  und  Blitz. 
Dahin,  stg  zu  ugxqcx  Mythogr.  Gr.  cd.  Wester- 
mann p.  251,  kehrt  er  auch  zurück,  nachdem 
er  seine  irdische  Laufbahn  in  der  Verbindung 
mit  Belleroplion  vollendet;  „die  uralten  Krip- 
pen des  Zeus  im  Olympos  nehmen  ihn  auf“ 
sagt  Pindar  Ol.  13,  92,  damit  er  wieder  wie 
zuvor  dem  Zeus  Blitze  bringe  und  seinen 
Wagen  ziehe,  Kurip.  Beller,  fr  gm.  30:  vcp ’ 
agyccx’  tlQ'mv  Zqvog  (xGXQcnzrjcpoQSi.  Nach 
einer  andern  Version  bat  sich  ihn  Eos  von 
Zeus  dazu  aus,  um  ihr  bei  ihrer  täglichen 
Umfahrt  behilflich  zu  sein,  Schol.  Z 155  ed. 
Bind.  Dort  im  Olympos  hat  man  sich  wohl 
auch  die  auf  Kunstwerken  dargestellte  Scene 
zu  denken:  Pegasos  von  den  Nymphen  gepflegt 
und  gebadet,  Engelmann,  Annali  delT  Inst.  1874 
p.  8 n.  1 — 4,  welche  sich  wohl  auf  die  regen- 
spendende Kraft  des  Wolken-  und  Gewitter- 
rosses bezieht.  Denn  Pegasos  ist  ja  auch  der 
Schöpfer  der  berühmten  Quellen  Hippokrene 
auf  dem  Helikon  Strab.  8 p.  379.  Paus.  9,  31,  3 
und  in  Troizen,  Paus.  2,  31,  12,  welche  auf 
einen  Schlag  mit  seinem  Huf  emporsprangen. 
Auf  einem  Brunnenstandbild  des  Belleroplion 
in  Korinth  war  dieser  Gedanke  so  dargestellt, 
dafs  das  Wasser  aus  dem  Huf  des  Pegasos 
hervorströmte,  Paus.  2,  3,  5.  Dies  führt  uns 
aber  nur  wieder  auf  das  Donnerrofs  zurück: 
der  Hufschlag  des  himmlischen  Rosses,  der 
auch  in  der  deutschen  Sage  die  Quelle  her- 
vorruft, Grimm,  Mythl  485,  783,  ist  nach  einer 
bei  vielen  Völkern  verbreiteten  Vorstellung 
der  Blitz,  Schwartz,  Urspr.  d.  Mytli.  166.  Dafs 
auch  den  Griechen  diese  Anschauung  nicht 
fehlt,  zeigt  die  Erzählung  Schol.  II.  20,  74, 
dafs  Zeus  für  den  von  Durst  gequälten  Hera- 
kles durch  einen  Blitzstrahl  eine  Quelle  schuf: 
(J irpug  hsqccvvov  dztsdwHe  Xtßdda  (vgl.  auch 


Cei 


Berglc,  Jahrb.  f.  Phil.  1860  S.  307  über  den 
Quell  Trito ).  Pegasos  ist  also  das  Donnerrofs 
nach  derselben  Anschauung,  nach  welcher  Ho- 
rat.  Od.  1 , 34 , 5 das  Gewitter  auf  die  tonan- 
tes  equi  zurückführt,  mit  welchen  Diespiter  am 
Himmel  hinfährt,  und  nach  welcher  deutsche 
Dichter  vom  „Donnergaloppschlag  des  Hufes“ 
sprechen:  das  Dröhnen  des  Donners  und  das 
Sprühen  der  Blitze  erweckt  die  Vorstellung 
io  himmlischer  Rosse.  Sie  findet  sich  noch  im 
Volksglauben  der  heutigen  Griechen,  Politis 
gslizg  snl  zov  ßiov  zcöv  vscozsqeov  'EXXyvmv 
1871  S.  10.  Das  Wort  ngycecog  wird  seit 
Kuhn,  Ztschr.  1,  461  gewöhnlich  von  ngy- 
vvgi  und  ngyög  dick,  stark  abgeleitet,  be- 
deutet also  wohl  „der  Starke,  Kräftige“. 

Durch  seine  enge  Verbindung  mit  dem  posei- 
donischen  Donnerrofs  erhält  nun  auch  Belle- 
rophon , der  poseidonisclie  Heros , einen  be- 
20  stimmten  Charakter.  Weil  Homer  in  seiner 
ausführlichen  Erzählung  von  Bellerophons 
Schicksalen  den  Pegasos  gar  nicht  erwähnt, 
sondern  der  Verbindung  desselben  mit  Belle- 
rophon  erst  bei  Hesiod  und  dann  bei  Pindar 
gedacht  wird , hat  man  diese  eine  spätere 
lokale  Erfindung  genannt,  welche  in  Korinth 
entstanden  sei,  Fischer  a.  a.  O.  17 ff.  Dafs 
der  vereinigte  Bellerophon-  undPegasosmythos 
seinen  ursprünglichen  Sitz  in  Korinth  hat  und 
30  die  Korinthier  Bellerophon  als  ihren  National- 
heros, den  Pegasos  als  ihr  Wahrzeichen  be- 
trachteten, beweisen  aufser  anderem  auch  die 
korinthischen  Münzen.  Gleichwohl  aber  hat 
dieser  Mythos,  wie  die  zahlreichen  Kunstdenk- 
mäler  (80  bei  Engelmann , Annali  1874)  und 
aufser  Hesiod  und  Pindar  die  Tragödien  Io- 
bates , Stheneboia  und  Bellerophon  von  Sopho- 
kles und  Euripides  beweisen,  die  lokalen  Gren- 
zen weit  überschritten  und  ist  zum  hellenischen 
40  Gemeingut  geworden.  Was  sodann  die  Zeit 
betrifft,  so  fällt,  da  Homer  selbst  eine  späte 
Quelle  für  mythologische  Überlieferung  ist, 
der  Zeitunterschied  zwischen  ihm  und  Hesiod 
wenig  ins  Gewicht,  wie  denn  das  meiste,  was 
Homer  von  Bellerophons  Schicksalen  erzählt, 
sicher  später  ist  als  die  uralte  Anschauung 
vom  Donnerrofs  Pegasos;  vgl.  auch  Milchhöf  er 
a.  a.  0.  56,  81.  Hesiod  setzt  aber  bei  der 
unbestimmten  Art  seiner  Erwähnung  Theog.  325 
50  zi]v  gsv  (die  Cliimaira)  llriyccaog  sils  »«1  sod'kbg 
BelXsQocpovxyg  die  Verbindung  beider  als  schon 
bekannt  voraus. 

Näheres  geben  die  Späteren  an.  Nach 
Strabo  8 p.  379  fing  Bellerophon  den  Pegasos, 
da  er  eben  aus  der  Quelle  Peirene  trank. 
Dafs  Poseidon  ihn  demselben  übergeben,  er- 
wähnt nur  Schol.  II.  Z 155.  Nach  der  Sage 
in  Korinth,  wo  man  am  besten  unterrichtet 
sein  mufste , bändigte  die  daselbst  verehrte 
60  Athene  Xalevizig  den  Pegasos  durch  Anlegung 
des  Zaumes  und  übergab  ihn  dem  Bellerophon, 
Paus.  2,  4,  1.  Pindar  dagegen  läfst  in  seinem 
Gedichte  zum  Ruhme  Korinths  Ol.  13,  60  ft. 
die  eigene  Thätigkeit  des  korinthischen  Heros 
mehr  hervortreten.  Nach  vergeblichem  Be- 
mühen, den  Pegasos  zu  bändigen,  ruht  Belle- 
rophon auf  den  Rat  des  Sehers  Polyidos  eine 
Nacht  im  Heiligtume  der  Athene.  Die  Göttin 


In 


1 


761  Bellerophon 


Bellerophon  762 


erscheint  ihm  im  Traum  und  übergiebt  ihm 
den  Zaum  mit  dem  Gebot,  seinem  Vater,  dem 
Poseidon  Aagaio g zu  opfern.  Bellerophon  er- 
wacht, findet  den  Zaum  neben  sich  und  zeigt 
ihn  dem  Seher,  der  ihm  der  Athene  Hippia 
einen  Altar  zu  errichten  befiehlt.  „So  fing 
der  starke  Bellerophon  das  Flügelrofs , den 
sanften  Zauber  um 


seiner  Laufbahn  in  Korinth  an,  z.  B.  schon  bei 
seiner  Werbung  in  Troizen,  Paus.  2,  31,  12, 
noch  ehe  er  zu  Proitos  kommt,  steht  ihm  Pega- 
sos  zur  Seite  bis  zuletzt,  da  er  mit  seiner 
Hilfe  in  den  Himmel  zu  dringen  versucht, 
Pindar  Isthm.  6 , 44.  Diese  unzertrennliche 
Verbindung  lehren  auch  die  Darstellungen  in 


das  Kinn  ihm  span- 
nend“ ; vgl.  üb.  die 
Kunstdenkmäler  En- 
gelmann a.  a.  0. 

S.  9 No.  5 bis  12. 

Wohl  zu  beachten 
ist,  dafs  es  in  die- 
ser Erzählung  die 
Athene  Kvuvcuyi g 

v.  70,  Z rjvog  lyjjft- 
hequvvov  notig  v.  77 
ist,  also  die  Gewit- 
tergöttin , die  ihm 
den  Zaum  bringt, 
welcher  v.  65  %qu- 
Gupnv^  u.  v.  78  Sa- 
ficcGicpQcov  xqvgoc;  ge- 
nannt wird,  was  viel- 
leicht auch  auf  das 
Gewittergold  (%qv- 
Gtov  aGZEQonrjg  gictog 
Aristoph.  Av.  1748) 
zu  beziehen  ist;  vgl. 

Sclnvartz,  Urspr.  63  f. 

Auch  dürfte  die  hier 
thätige  Athene  innicc 
und  eben- 

so wie  Poseidon  i'n- 
mog,  als  Bändigerin 
des  W olken-  und 
Donnerrosses  zu  ver- 
stehen sein,  vgl.  Ro- 
scher, Nelctaru.  Am- 
brosia 97  (ob.  678). 

Nachdem  nun  Bel- 
lerophon den  Pega- 
sos  gebändigt , er- 
zählt Pindar  weiter 
86  , schwang  er 
sich  sogleich  auf 
ihn  und  begann  in 
eherner  Rüstung 
Waffentänze;  vergl. 
auch  Apoliod.  2,  3, 

2 agdflg  eig  vipog ; 

Eustath.  z.  II.  6,  180 
p.  636,  37.  Nicht 
blofs  die  Chimaira 
erlegt  er  so  aus  der 
Höhe  herab,  sondern 
luch  die  Amazonen 
bekämpft  er , wie 
Pindar  weiter  singt 
v.  88,  von  ihm  her- 
abschiefsend  aus  den 

einsamen  Buchten  des  kalten  Äthers  ctid-s- 
)og  ilivxQÖig  dito  v.6ln cov  tgypiov , ein  alter- 
ümlicher  Ausdruck,  der,  wie  die  tivfol  und 
'Zrvxeg  cd&EQog , die  Wolkenhöhle  bedeutet, 
’.  Dilthey , Arch.  Ztg.  31,  93.  Vom  Anfang 


Bellerophon  den  Pegasos  tränkend  (nach  Braun,  12  Basreliefs  Taf.  1). 


der  Kunst,  so  das  schöne  Relief  in  Pal.  Spada, 
welches  hier  nach  Braun , zwölf  Basreliefs 
griech.  Erfindung  Taf.  1 abgebildet  ist.  So  ist 
also  Bellerophon  als  Sohn  des  Gebieters  der 
himmlischen  Wasser  und  der  Gewitterwolke 


763 


Bellerophon 


Bellerophon 


764 


der  Lenker  und  Gebieter  des  Wolken-  und 
Donnerrosses , der  kühne  himmlische  Reiter, 
nzsQovvzog  k'cpsSgog  innov  Eurip.  Ion  202,  der 
hoch  in  den  Räumen  des  Himmels  sich  tummelt 
und  in  eherner  Rüstung  Waffentänze  hält,  zu- 
gleich aber  der  siegreiche  Held,  der  seine  furcht- 
bare Macht  und  Schnelligkeit  im  Gewitter  offen- 
bart und  aus  der  Höhe  des  Äthers  seine  schreck- 
lichen Geschosse  auf  seine  Feinde  schleudert. 
Für  die  zuletzt  von  Fischer  a.  a.  0.  und  Prel- 
ler, Gr.  M.2  2,  78  vertretene  Auffassung  des 
Bellerophon  als  Sonnenhelden  spricht  unter 
allen  Zeugnissen  des  Altertums  nur  eine,  von 
jenen  nicht  einmal  angeführte  Stelle  bei  Eu- 
stath.  ad  II.  Z 162,  wo  unter  anderen  sonder- 
baren Deutungen  auch  cpvaiY.fi  zu;  dXlrjyoQi'cc 
zov  BfllsQOcpovzov  uvayoysvov  slg  ghov  an- 
geführt wird.  Schon  Stephani  ist  a.  a.  0.  391 
dieser  Deutung  entgegengetreten,  ohne  jedoch 
eine  eigene  Ansicht  aufzustellen.  Andere,  zu- 
letzt Gcidechens  a.  a.  0.  S.  206,  fassen  ihn  als 
Meergott. 

3)  Belle rophons  Kampf  mit  der  Chi- 
maira. 

Der  zweite  Mythos,  welcher  Bellerophon 
allein  eigen  und  deshalb  für  ihn  charakteri- 
stisch ist,  ist  der  Kampf  mit  der  Chimaira  (s.  d.) ; 
Homer  Z 179  beschreibt  sie  als  eine  Misch- 
gestalt: vorn  Löwe,  hinten  Schlange,  in  der 
Mitte  Ziege,  und  nennt  sie  feuerschnaubend, 
unbezwinglich  und  von  göttlicher  Herkunft. 
Auch  nach  Ilesiod  Theog.  319  ist  sie  feuer- 


Bellerophon  tötet  die  Chimaira  im  Beisein  von  Athena  und  Iobates  (s.  u.  Z.  68) 


füfsig , hat  aber  nicht  drei  Leiber , sondern 
drei  Köpfe,  den  des  feurig  blickenden  (%mqo- 
7toio ) Löwen , der  Ziege  und  der  Schlange. 
Die  Späteren  folgen  hierin  bald  dem  einen, 
bald  dem  andern,  oder  verbinden  beide.  Vor- 
stellungsweisen, Eurip.  Ion  201  zgiacögcczog; 
Apollod.  2,  3,  1.  Serv.  ad  Aen.  5,  118.  Hygin. 
fab.  57.  In  den  Darstellungen  der  Kunst  er- 
scheint sie  gewöhnlich  als  Löwe,  aus  dessen 
Rücken  ein  Ziegenkopf  herausgewachsen  ist, 
und  dessen  Schwanz  in  einen  Schlangenkopf 
endigt.  So  auf  dem  Vasenbild  Tischbein  1,  1 
(s.  d.  Abbildung) , auf  welchem  der  Hals  der 


Ziege  von  der  ersten  Lanze  durchbohrt  ist. 
Nach  Apollodor  a.  a.  0.  und  dem  Vasenbild 
Mon.  d.  Inst.  2 , 50  ist  der  Ziegenkopf  der 
feuerspeiende.  Feuerschnaubend,  uvq  nvioiacc, 
nennt  sie  auch  Pindar  Ol.  13,  90,  und 
ihre  Stärke  und  Gefährlichkeit  hebt  schon 
Homer  hervor  H 328:  Amisodaros  zog  sie  auf, 
vielen  Menschen  zum  Verderben;  Apollodor 
a.  a.  0.  sagt:  sie  verwüstete  das  Land  und 
io  zerrifs  die  Herden  und  war  schwer  zu  bezwin- 
gen , auch  für  viele  Männer.  Für  die  Frage 
nach  der  ursprünglichen  Bedeutung  dieses 
feuerschnaubenden,  Land  und  Volk  verheeren- 
den Drachens  wird  zunächst  seine  Herkunft  in 
Betracht  kommen.  Nach  Hesiod  Theog.  319. 
Apollod.  2,  3, 1 erzeugten  Typhaon  und  Echidna 
eine  Anzahl  solcher  Ungeheuer  wie  die  Hydra, 
den  Kerberos,  den  kolchischen  Drachen,  die 
Skjdla  u.  a.  und  so  auch  die  Chimaira.  Auch 
20  Hymn.  Homer,  in  Apoll.  Pyth.  190  werden 
beide  zusammen  genannt  ovzs  Tvcpcoev g ovzs 
XificaQix  dvocovvfiog.  Typhaon  ist  der  von  Ge- 
wittererscheinungen begleitete  Wirbelsturm, 
s.  Roscher,  Gorgonen  S.  52  ff.,  und  in  der  grofs- 
artigen  Beschreibung  Hesiods  Theog.  820  ff. 
kommen  ihm  die  der  Chimaira  zugeschriebenen 
Eigenschaften  ebenfalls  zu : die  furchtbare  Stärke 
und  vernichtende  Gewalt  v.  823,  der  flam- 
mende Blick  v.  828,  das  Feuerschnauben  v.  845, 
30  das  Brüllen  des  Löwen  v.  833,  und  die  zün- 
gelnden Schlangenköpfe , deren  ihm  hundert 
angewachsen  sind  v.  825.  Wenn  nun  die  ge- 
nannten Erscheinungen 
nicht  blofs  bei  Typhaon 
auf  das  Gewitter  zu  be- 
ziehen sind  , sondern  sich 
auch  ebenso  bei  andern 
Gewitterwesen  wiederho- 
len, und  zwar  nicht  blofs 
in  der  griechischen,  son- 
dern auch  in  der  indischen 
Mythologie,  wofür  zahl- 
reiche Beweise  bei  Roscher , 
Gorg.  S.  46.  63.  74—76. 
90.  96,  so  wird  man  auch 
in  der  Chimaira  auf  Grund 
derselben  Eigenschaften 
ein  Gewitterungetüm  zu 
erkennen  haben.  Auf  das^ 
selbe  weist  auch  ihre  Mut- 
ter Echidna  hin,  was 
radezu  Schlange  heifst  = 
Skrt.  Ahi  ( Gurtius , Etymf 
193) , welche  bei  den  In- 
ein himmlisches  Wolken- 
Roscher,  Gorg.  76.  So- 


dern  ebenfalls  für 
ungeheuer  galt,  s. 


mit  bezeichnet  der  Löwenkopf  das  Brüllen 
des  Donners,  der  Schlangenkopf  das  Zischen 
und  den  flammenden  Blick  des  Blitzes ; der 
eo  Ziegenkopf  aber  wird  wohl  nach  der  sonstigen 
Bedeutung  von  ai'i \ und  alyfg  (s.  Aigis)  auf  den 
Sturm  zu  beziehen  sein,  und  da  gerade  jener 
als  der  feuerspeiende  bezeichnet  wird,  so  ist 
der  Gewittersturm  darunter  zu  verstehen.  Nun 
wird  aber  schon  bei  Homer  in  der  Erzählung 
von  Bellerophons  Schicksalen  der  Kampf  mit 
der  Chimaira  nach  Kleinasien  verlegt,  das  noch 
bestimmter  als  ihre  Heimat  bezeichnet  wird 


765  Bellerophon 

in  der  freilich  mit  dem  übrigen  Mythos  nicht 
zusammenhängenden  Angabe  17  328 , welche 
Apollodor  2,  3,  1.  Palaephat.  de  Incr.  29  wie- 
dergeben , dafs  der  lykische  oder  karische 
König  Amisodaros  sie  auferzogen  habe.  Noch 
genauer  spricht  Strabon  14  p.  665  von  einer 
bestimmten  Lokalität,  welche  den  Namen  Chi- 
maira  trage.  In  der  Nähe  des  Kragosgebirgs 
in  Lykien  sei  eine  Bergschluckt  mit  dem  Na- 
men AYf lcuqcc  und  dahin  versetze  man  die  i 
mythologische  Chimaira:  nsgl  rccvra  gvQ-svsxcu 
xd  OQrj  xd  negi  xgg  Xegaigag.  Auch  weiter 
südlich  in  Lykien  bei  der  Stadt  Pkellos  er- 
wähnt er  abermals  das  Vorkommen  des  Namens 
Chimaira  p.  666.  Während  es  bei  Strabon 
scheint  als  ob  nur  die  Namensgleichheit  diese 
Identificierung  hervorgerufen  hätte , bringt 
Palaeph.  de  Incred.  29  auch  die  Beschaffenheit 
der  Örtlichkeit  mit  der  Natur  der  mythologi- 
schen Chimaira  in  Verbindung.  In  seiner  ra-  2 
tionalistisclien  Erklärungsweise  macht  er  den 
Pegasos  zu  einem  Schiff,  auf  dem  Bellerophon 
nach  Lykien  kam.  Dort  in  der  Nähe  des 
Xanthos,  sagt  er,  ist  ein  steiler  Berg,  in  des- 
sen Mitte  ein  Erdschlund  ist,  aus  welchem 
Feuer  hervorkommt;  an  dem  vorderen  Zugang 
desselben,  erzählen  die  Eingeborenen,  hauste 
damals  ein  Löwe,  an  dem  hintern  eine  Schlange, 
welche  die  Hirten  raubten.  Bellerophon  nun 
verbrannte  den  Wald  auf  dem  Berg  und  ver-  3 
Dichtete  so  die  Tiere;  hieraus  sei  der  Mythos 
entstanden.  Auch  Plutarch  de  mul.  virt.  9 er- 
wähnt unter  anderen  natürlichen  Erklärungs- 
weisen (die  Chimaira  ein  landverwüstender 
Eber,  oder  ein  Seeräuber  Namens  Chimarrhos 
ruf  einem  Schiff  mit  Löwe  und  Schlange  als 
Abzeichen)  die  Deutung  auf  einen  Berg  ugog 

■ Iv&rjliov  (?)  mit  feurigen  Ausbrüchen.  Eustath. 
td  Z 181  giebt  aufser  der  Deutung  der  drei 
Tiere  auf  drei  ^tvodoxoi,  also  ein  Räuberwirts-  4 
laus , jene  Angaben  Strabons  wieder.  Pli- 

t lius  endlich  N.  H.  2,  106.  5,  28  kennt  einen 
euerspeienden  Berg  an  der  Ostküste  Lykiens 
>ei  Phaselis  mit  dem  Namen  Chimaira,  ebenso 

■ len.  ad  Aen.  6,  280.  Daraus  ergiebt  sich 
rstens,  dafs  in  Lykien  eine  Ortsbezeichnung 
fter  vorkain,  welche  die  Griechen  Chimaira 
ussprachen  und  welche  nach  Strabon  eine 

; iergschlucht,  nach  Plinius  geradezu  Vulkan 
edeutete  ( Fischer  a.  a.  0.  93  führt  das  Wort  5 
uf  “ran  zurück),  wie  auch  die  vulkanische  Be- 
Lchaffenheit  des  Bodens  bezeugt  ist  von  Fel- 
; nvs,  Lycia  S.  113 ff. ; zweitens,  dafs  das  spä- 
l ere  Altertum  daraus  die  Sage  von  dem  feuer- 
peienden  Ungetüm  Chimaira  erklärte.  Daher 
r-  aben  auch  Neuere  die  Chimaira  als  die  Per- 
( onifikation  der  vulkanischen  Kräfte  Lykiens 
edeutet , Fischer  a.  a.  0.  91  ff.  Gääechens 
■ a.  0.  206.  Preller,  MythA  2,  83.  Gleicli- 
ohl  ist  es  nicht  wahrscheinlich,  dafs  ein  ur-  e 
irünglich  griechischer  Mythos  wie  der  von 
ellerophon  und  seinem  Kampf  mit  der  Chi- 
iaira  aus  einem  örtlich  beschränkten,  einem 
rnen  Lande  ungehörigen  Naturereignis  ent- 
anden  sein  sollte.  Vielmehr  ist  der  aus  im- 
er  und  überall  wiederkehrenden  Vorgängen 
m griechischen  Himmel  entstandene  Mythos 
>m  feuerspeienden  Gewitterdrachen  Chimaira 


Bellerophon  766 

nur  mit  der  Zeit  in  Lykien  lokalisiert  worden. 
Nach  einem  in  der  Entwickelungsgeschichte 
der  Mythen  häufig  zu  beobachtenden  Vorgang 
werden  göttliche  Wesen,  die  ein  früherer 
Glaube  sich  am  Himmel  thätig  dachte,  nach 
dem  Schwinden  des  Glaubens  an  irdische,  je- 
ner himmlischen  Scenerie  analoge  Lokalitäten 
fixiert.  So  sagt  Schwarte , Urspr.  S.  13:  „als 
man  nicht  mehr  daran  glaubte,  dafs  die  Ge- 
witterdrachen die  Regenströme  hüteten,  ver- 
setzte man  die  in  der  Tradition  haftenden 
Wesen  an  irdische  Quellen  oder  meinte  noch 
in  feuerspeienden  Bergen  die  Spuren  des  Feuer- 
drachen zu  sehen.“  Auch  das  erstere  trifft 
auf  die  Chimaira  zu,  indem  auf  dem  Vasenbild 
Mon.  d.  Inst.  2 , 50  der  Aufenthaltsort  der 
Chimaira  (wie  bei  andern  Ungeheuern  s.  Fischer 
75)  durch  eine  Quelle  bezeichnet  ist;  ein  Zug, 
der  ebenso  wie  die  Eigenschaft  der  Schnell- 
füfsigkeit,  lies.  Theog.  320,  beweist,  dafs  wir 
es  hier  mit  einer  Drachensage,  nicht  mit  einem 
Vulkan  zu  thun  haben.  Diese  Lokalisierung 
auf  irdische  Vulkane  scheint  sogar  eine  Eigen- 
tümlichkeit in  den  Mythen  der  Gewitterdämo- 
nen zu  sein,  vgl.  Roscher,  Gorgonen  36 : „Spä- 
ter sind  aus  diesen  Hesiodischen  Gewitterrie- 
sen (Brontes  , Steropes  , Arges)  vulkanische 
Wesen  geworden,  eine  Thatsache,  die  sich 
noch  bei  mehreren  anderen  Gewitterdämonen 
z.  B.  Typhoeus,  den  Giganten  u.  a.  beobach- 
ten liefst  und  sich  wahrscheinlich  aus  der 
grofsen  Ähnlichkeit  der  Gewitter-  und  vulka- 
nischen Erscheinungen  erklärt.“  Diese  Ähn- 
lichkeit wird  sodann  Anm.  76  in  fünf  Punk- 
ten durchgeführt.  Wenn  es  demnach  sehr 
erklärlich  erscheint,  dafs  eine  Zeit,  in  der  man 
geographische  und  naturgeschichtliche  Be- 
obachtungen machte , die  Chimaira  auf  den 
vulkanischen  Boden  Lykiens  verpflanzte , so 
wird  es  sich  doch  fragen,  ob  tnan  bei  Homer 
schon  diesen  Grund  für  die  Übertragung  an- 
nehmen soll.  Bei  ihm  läfst  sich  diese  Ver- 
legung in  genügender  Weise  aus  dem  allge- 
meinen Bestreben  erklären , wunderhafte  Er- 
scheinungen, wofür  man  auf  dem  eignen  Boden 
keine  Analogie  fand,  wie  z.  B.  die  Amazonen 
oder  die  Greifen  an  die  Grenze  der  bekannten 
Welt  zu  verlegen,  wofür  der  Orient  mit  seinen 
fabelhaften  Tieren  besonders  geeignet  erschei- 
nen mufste.  Die  Erfindung  der  Chimairage- 
stalt  aber  scheint  nicht  dem  Orient,  sondern 
Griechenland  anzugehören,  vgl.  Milchhöfer , An- 
fänge der  Kunst  in  Griechenland  81. 

Fassen  wir  nun  den  Kampf  des  Bellerophon 
mit  der  Chimaira  ins  Auge,  so  trifft  hier  aller- 
dings ein  Gewitterwesen  mit  dem  andern  zu- 
sammen; aber  dies  ist  eben  die  uralte  Vor- 
stellung von  dem  Gewitter  als  einem  Kampf 
am  Himmel;  s.  Schwarte  S.  12,  die  „fast  bei 
allen  indogermanischen  Völkern  verbreitete 
Anschauung  von  dem  Gewitterkampf  eines 
göttlichen  Helden  mit  einem  schlangenartigen 
Ungeheuer“,  vgl.  Roscher,  Gorgonen  16.  Bei 
den  Gewitterkämpfen  glaubte  man  ein  erha- 
benes göttliches  Wesen  im  Streit  mit  einem 
dämonischen  Ungeheuer,  in  der  indischen  und 
deutschen  Mythologie  so  gut  wie  in  der  grie- 
chischen, s.  Roscher,  Gorgonen  40.  116:  Indra 


767  Bellerophon 

überwältigt  Abi,  Thunar  die  Riesen  und  Dra- 
chen, Zeus  oder  Athene  die  Giganten.  In  der 
griechischen  aber  wiederholt  sich  dieses  Ver- 
hältnis mehrmals  zwischen  Zeus  und  Typhaon, 
Perseus  und  Gorgo,  und  so  auch  zwischen 
Bellerophon  und  Chimaira,  die  schon  durch 
ihre  Abkunft  von  Poseidon  und  Typhaon 
den  entgegenstehenden  Seiten,  jener  der  höhe- 
ren, göttlichen,  durch  Vernunft  geklärten, 
diese  der  niederen,  rein  natürlichen  Seite  der 
Gewittererscheinungen  zugewiesen  werden.  Da- 
bei wurden  die  bösen,  verheerenden  Folgen 
des  Gewitters  dem  Besiegten,  die  guten  dem 
Sieger  beigelegt,  vgl.  Schwartz  a.  a.  0.  21. 
Bellerophon  ist  also  der  himmlische 
Reiter,  der  mit  seiner  heilsamen  und 
reinigenden,  in  Sturm  und  Gewit- 
ter einher  fahr  enden  Macht  das  ver- 
derbliche Gewitter ungetüm,  die  Chi- 
maira, erlegt  und  dadurch  als  der  Ret- 
ter undWohlthäter  der  Menschheit, 
d.  h.  als  Heros  erscheint.  Hierdurch  er- 
hebt er  sich  über  die  rein  natürliche  Sphäre 
in  das  ethische  Gebiet : im  Epos  erscheint  er 
als  der  edle  und  tapfere,  von  Schönheit  und 
Anmut  strahlende  Held  Z 155,  der  reinen  Sin- 
nes das  Böse  hafst,  der  Verführung  wider- 
steht und  die  Gefahren , in  die  ihn  seine 
Rechtschaffenheit  (ciycxQ-d  cpQOvtwv  v.  162)  und 
Arglosigkeit  bringt,  mutvoll  besteht:  6 v.uqzb- 
gog  BsXlBQOcfiovcug  Pindar  Ol.  13 , 84.  Des- 
halb erfreut  er  sich  auch  der  Hilfe  der  Göt- 
ter Z 171:  ftecov  vn  ccyvyovi  jzoynfi;  183: 
tHco v zbqocbggi  Tn&/jG(xg  und  ist  besonders,  wie 
wir  oben  gesehen,  ein  Liebling  der  Athene. 
Seine  siegreiche  Macht  oder,  wie  Homer  Z 191 
sagt,  seine  göttliche  Abstammung  bewährt 
sich  in  der  Bestehung  von  Gefahren , die  je- 
dem andern  den  Tod  bringen  würden 

II.  Bedeutung  des  Namens  Bellerophon. 

Der  Name  Bellerophontes  wurde  schon  im 
Altertum  verschieden  gedeutet.  Eigentlich  soll 
er  Hipponoos  geheifsen  haben,  wohl  als  Sohn 
des  Poseidon  Hippios,  oder  auch  Asoicpovzrjg, 
(nach  Max  Müller  Essays  22,  168  ed.  Francke 
= decocpövzyg  = skr.  däsa-hantä  Feindetöter), 
und  wegen  Tötung  eines  Korinthiers  Namens 
Belleros  Bellerophontes  genannt  worden  sein, 
Schol.  II.  Z 155.  Tzetz.  Lycophr.  17.  Eustatli. 
ad  II.  Z 158.  Dafs  dies  eine  Erdichtung  zur 
Erklärung  des  imverständlichen  Namens  ist, 
ist  längst  erkannt,  s.  Fischer  a.  a.  0.  10. 
Wichtiger  ist  die  Bemerkung  des  Eustath.  ad 
Z 162.  181 , dafs  er  auch  EXliQocpovtyg  ge- 
nannt werde  als  cpovevg  xam'cig , nämlich  als 
Erleger  der  Chimaira:  bXIbqcc  yciQ  cpceai  v.kzo. 
SlccXbkzov  tä  mk ä.  Hieran  knüpft  Max  Mül- 
ler seinen  Deutungsversuch  in  seinem  Aufsatz, 
Kuhns  Ztschr.  5,  140;  vgl.  auch  Essays  22 
S.  155,  in  welchem  er  zuerst  die  von  Pott 
ebendas.  4,  416  aufgestellte  sprachliche  Herlei- 
tung  Bellerophons  von  Vrtrahän  zurückweist. 
Müller  sieht  in  dem  ß von  ßsXXsQO,  da  es  = 
bXIsqo,  ein  Digamma  und  setzt  es  lat.  villus, 
villosus  gleich : „zottig“,  „zottiges  Ungeheuer“, 
so  dafs  also  Bellerophon  der  Töter  des  zotti- 


Bellerophon  768 

gen  Ungeheuers  wäre , was  Müller  auf  die 
Wolke  bezieht.  Denn  er  geht  davon  aus,  dafs 
Bellerophon  der  Sonnenheld  sei.  Wenn  man 
cpovzyg,  wie  in  dvÖQuepovzrjg,  als  Töter  nimmt, 
wird  man  unter  dem  zottigen  Ungeheuer  lie- 
ber direkt  die  Chimaira  verstehen , wenn  sie 
auch  ursprünglich  ein  Wolkenungeheuer  war. 
Nachdem  aber  die  Ableitung  ’AgyBicpovzrjg  von 
cpuiv co  allgemein  angenommen  ist , . wird  es 
sich  fragen,  ob  nicht  auch  BsXXeQocpovzyg  eben- 
so zu  erklären  sei.  Die  Analogie  der  Eigen- 
namen Klsocpovzrjg  und  ’AqiGzoyovzrig , die 
ebenso  wie  BsllsQocpäv  die  verkürzte  Endung 
-cpcov  haben  können  und  der  Bedeutung  nach 
eher  von  cpaivco  als  von  cpe'r«  abzuleiten  sind 
(s.  Roscher , Hermes  95)  spricht  für  die  Ablei-  , 
tung  von  cpccivco.  Dann  würde  (RLLpo  mit 
Müller  im  Sinne  von  Wolke  zu  nehmen  sein 
und  man  bekäme:  „der  die  Wolke  Herbeifüh- 
rende“ oder  „der  in  Wolken  Erscheinende“. 

III.  Die  sonstigen  Schicksale 
Bellerophons. 

Wenden  wir  uns  nun  zu  den  Mythen,  welche 
den  Kampf  am  Himmel  auf  die  Erde  verlegen  1 
und  den  Heros  mit  menschlichen  Verhältnis- 
sen, einem  Vaterhaus,  einem  bürgerlichen  Ge- 
meinwesen und  Familie  umgeben,  so  wird  sich 
zeigen,  dafs  dieselben  sich  auf  der  Grundlage 
seiner  Naturbedeutung  und  seines  daraus  er- 
wachsenen ethischen  Charakters  gebildet  haben. 

Da  der  Mythos  korinthisch  ist,  wie  denn  die  J 
Korinther  noch  spät  den  Bellerophon  mit  Stolz 
den  ihrigen  nennen,  Theokr.  15,  91,  so  wird 
Bellerophon  dem  korinthischen  Herrscherhaus 
der  Sisyphiden  zugeteilt  als  Enkel  des  Sisy-  : 
phos  und  Sohn  des  Glaukos  II.  Z 153 ff.  ;-dort 
stand  sein  Königsthron  und  Pallast,  Pind.  01. 

13,  62.  Die  Abstammung  von  Poseidon,  die 
dem  himmlischen  Heros  angehört,  verwandelt 
sich  nun  für  den  irdischen  in  ein  Verhältnis 
des  Schutzes  durch  den  Gott,  Schol.  II.  Z155; 
Flut,  de  mul.  virt.  9,  welches  auch  auf  Vasen-  ; 
bildern  durch  Poseidons  Anwesenheit  beim 
Kampf  mit  der  Chimaira  ausgedrückt  ist,  s. 
Engelmann  a.  a.  0.  n.  64.  71.  72  u.  die  Ab- 
bildung Mon.  d.  Inst.  9,  52. 

1)  Aufenthalt  bei  Proitos. 

Die  Kette  seiner  Schicksale  beginnt  mit  dem 
schon  von  Homer  Z 159,  vgl.  Paus.  2,  4,  1 er- 
wähnten, aber  nicht  näher  begründeten  Abhiin- 
gigkeitsverhältnis  zu  Proitos,  eine  Lücke,  welche 
die  Späteren  mit  der  aus  der  Deutung  seines 
Namens  entnommenen  Tötung  des  Belleros 
ausfüllten:  er  tötete  einen  Mitbürger  Namens 
Belleros,  sagt  Schol.  Z 155,  mufste  deshalb 
aus  Korinth  fliehen  und  begab  sich  zu  dem 
König  Proitos  von  Tiryns , der  ihn  bei  sich 
aufnahm  und  sühnte,  vgl.  Serv.  ad  Aen.  5,  118. 
Nach  Apollodor,  der  es  ebenso  erzählt  2,  3,  1, 
sollte  er  den  unfreiwilligen  Mord  an  seinem 
Bruder  Deliades,  von  andern  Peiren  oder  Al- 
kimenes  genannt,  begangen  haben,  vgl.  Tzetz. 
Lyc.  17.  Wenn  diese  Dichtung  auf  Euripi- 
des’  Bellerophon  zurückzuführen  ist,  vgl.  Fi- 
scher a.  a.  0.  10,  so  ist  der  Zweck  derselben, 
seinen  Aufenthalt  bei  Proitos  zu  motivieren, 


io 

20 

30 

40 

50 

60 


769 


Bellerophon 


Bellerophon 


770 


nur  um  so  klarer.  Dafs  das  Abhängigkeits- 
Verhältnis  zu  Proitos  dem  des  Herakles  von 
Eurystheus  nachgebildet  ist,  ist  schon  öfter 
bemerkt  worden. 

2)  Sendung  nach  Lykien. 

Nun  folgt  die  bekannte  homerische  Erzäh- 
lung Z 160  ff.:  Proitos’ Gemahlin  Anteia  (s.  d.) 
entbrannte  in  Liebe  zu  Bellerophon,  aber  dieser 
wies,  äya&K  cpQovscov,  ihre  Anträge  zurück.  Da 


seiner  Sendung  durch  Proitos.  Zugleich  sollte 
seine  Versetzung  auf  den  Boden  Kleinasiens 
auf  eine  W eise  motiviert  werden,  dafs  er  nicht 
nur  ohne  Schuld  erschien,  sondern,  dem  Cha- 
rakter eines  himmlischen  Heros  entsprechend, 
seine  Scheu  vor  dem  Bösen  und  die  Reinheit 
seiner  Gesinnung  glänzend  ans  Licht  trat. 
Diese  moralische  Seite  wird  auch  da  und  dort 
hervorgehoben : Schol.  Z 155  äsgiovysvos  x 6 
verleumdete  sie  ihn  bei  ihrem  Gemahl,  als  habe  io  ocuov  ccvxslsysv,  nach  Hygin.  poet.  astron.  2,  18 


er  sie  verführen  wollen,  und  verlangte  von  ihm 
seinen  Tod.  Proitos  scheute  sich  ihn  selbst 
zu  töten  und  schickte  ihn  mit  dem  in  gehei- 
mer Zeichenschrift  abgefafsten  Auftrag  ihn  zu 
töten  zu  seinem  Schwiegervater,  dem  König 
von  Lykien.  Dieser  nahm  ihn  freundlich  auf 
und  bewirtete  ihn  neun  Tage.  Als  er  aber 
am  zehnten  die  Zeichenschrift  gelesen , da 
sandte  er  ihn,  uni  der  Aufforderung  seines 


geht  er  freiwillig  nach  Lykien,  um  den  An- 
trägen, die  er  nicht  länger  hören  mag,  auszu- 
weichen, oder  droht  nach  Serv.  Aen.  5,  118 
dem  Proitos  Mitteilung  zu  machen. 

3)  Thaten  und  Aufenthalt  in  Lykien. 

Nun  folgen  seine  Thaten,  in  welchen  er  seine 
siegreiche  Kraft  bekundet,  wie  bei  Herakles  in 
der  Form  von  äüLot,  welche  dem  Bellerophon 
von  Iobates  auferlegt  werden,  II.  Z 179.  Apol- 


Schwiegersohnes  nachzukommen,  zum  Kampf  20  lod.  2,  3,  2.  Den  schon  besprochenen  Kampf 
gegen  die  Chimaira  aus  und  zu  andern  schwe- 
ren Kämpfen.  Mit  dieser  Erzählung  stimmen 
die  Späteren  vollständig  überein,  Apollod.  2, 

3,1.  Schol.  Z 155.  Schol.  Aristoph.  Han.  1043. 

Plaut.  Baccli.  810.  Hör.  Garm.  3,  7,  13.  Hy- 
gin. fab.  57.  Serv.  acl  Aen.  5,  118.  Dagegen 
heifst  die  Gemahlin  des  Proitos  bei  den  Spä- 
teren nicht  Anteia,  sondern  Stheneboia,  eine 
Änderung,  die  Apollodor  2,  2,  2 auf  die  Tra- 
giker zurückführt:  cos  y'ev  "Oyggos  ’ Avtplkv , 30 
<os  äc  oc  xgcxycnol  £&svißotav.  Der  bei  Ho- 
mer nicht  mit  Namen  genannte 
König  von  Lykien  heifst  bei 
den  Späteren  Iobates;  derselbe 
soll  nach  Apollod.  2,  2,  2 sei- 
nen Schwiegersohn  Proitos 
wieder  in  die  Herrschaft  von 
Tiryns  eingesetzt  haben;  ver- 
einzelt wird  er  auch  Amphia- 
nax  genannt,  Apollod.  a.  a.  O. 

Schol.  Z 200,  was  Fischer 
a.  a.  O.  15  für  die  griechische 
Übersetzung  des  barbarischen 
Namens  Iobates  hält.  Die  No- 
tiz Schol.  Z 170  ’loßuxrj  fj  ’Afu- 
guSccqco  beruht  auf  Verwechs- 
lung des  lykischen  und  ka- 
rischen  Königs , s.  Fischer 
a.  a.  O.  Der  Abschied  des  Bellerophon  von  mit  der  Chimaira  beschreibt  Apollodor  in  der 
Proitos  findet  sich  nicht  selten  auf  Kuustwer-  50  Weise,  dafs  sich  Bellerophon  auf  dem  Pega- 


Bellerophon,  die  Chimaira  erlegend,  Terracottarelief  von  Melos 
(nach  Müller- Wieseler,  D.  a.  K.  1,  52). 


ken  dargestellt,  so  Mon.  d.  Inst.  3,  21 : Proi- 
tos übergiebt  dem  Bellerophon  das  Diptychon; 
dieser  ist  mit  Chlamys,  zwei  Speeren  und  dem 
Reisehut  dargestellt,  hinter  ihm  der  Pegasos 
aufgezäumt  und  ungeduldig  des  Aufbruchs  har- 
rend. Stheneboia  sieht  auf  einem  Sessel  sitzend 
zu.  Andere  Darstellungen  bei  Engelmann  a.  a.  0. 
n.  13 — 23.  Arch.  Ztg.  34,  91.  Dafs  die  Sage  von 
der  zurückgewiesenen  Liebe  und  der  Verleum- 


sos  hoch  in  die  Lüfte  erhoben  und  von  dort 
herab  die  Chimaira  erlegt  habe.  So  stellen 
auch  die  zahlreichen  Denkmäler,  Gemmen, 
Münzen,  Reliefs  und  Vasenbilder  den  Kampf 
dar:  Bellerophon,  meist  mit  Chlamys,  Petasos 
und  Jagdstiefeln  bekleidet , schwebt  in  der 
Luft  auf  dem  Pegasos  über  der  Chimaira,  die 
er  mit  der  Lanze  durchbohrt,  vergl.  Fischer 
a.  a.  0.  66—80.  Engchnann  n.  36 — 73.  Er 


düng  der  Anteia  dem  Belleroplionmythos  nicht  oo  selbst  wird  überall  als  junger  kräftiger  Held 


| eigentümlich  ist , zeigen  die  Parallelen  von 
Phaidra  und  Hippolytos , von  der  Gattin  des 
] Akastos  und  Peleus  und  die  ähnliche  Erzäh- 
lung von  Idaia,  der  Gattin  des  Pliineus.  Als 
i man  sich  einmal  die  Chimaira  in  Kleinasien 
j dachte,  galt  es  zu  erklären,  wie  ihr  Überwin- 
der, der  korinthische  Heros,  nach  Lykien  ge- 
kommen sei,  und  so  entstand  die  Sage  von 
Koscher,  Lexikon  der  gr.  u.  röm.  Mythol. 


mit  edlen  Formen  dargestellt,  die  aber  nichts 
Charakteristisches  haben  und  der  allgemeinen 
Heroenbildung  der  verschiedenen  Kunstperio- 
den und  Denkmälergattungen  folgen.  Auf 
mehreren  Vasen  wird  er  in  diesem  Kampf  von 
asiatisch  gekleideten  Personen  unterstützt, 
welche  von  Gerhard,  Braun  und  Fischer  für 
Amazonen  gehalten  wurden,  aber  von  Heyde- 

25 


771  Bellerophon 

mann , Annali  dell’  Inst.  1873  p.  20 — 52 
vielmehr  als  Phryger  erwiesen  werden.  So 
auf  der  bekannten  Darstellung  der  Dareios- 
vase , Mon.  dell'  Inst.  9 , 52 , s.  Ileydemann 
a.  a.  0.  Eine  eigentümliche  Erzählung  findet 
sich  bei  Westermann,  Mythogr.  Gr.  p.  388,  und 
ähnlich  bei  Eustath.  Z 200  und  Tzetz.  Lyc.  17: 
Bellerophon  habe  der  Chimaira  eine  Bleikugel 
in  den  Bachen  gebracht,  und  daran,  dafs  dieselbe 
an  dem  Feuer  in  ihrem  Innern  geschmolzen, 
sei  die  Chimaira  zu  Grunde  gegangen.  Diese 
Waffe  in  der  Hand  Bellerophons  erinnert  an  die 
Donnerkugeln  und  Kugelblitze  in  nordischen 
und  slavisch-lettischen  Mythen,  siehe  Roscher, 
Gorgonen  103.  104.  Sodann  sandte  ihn  Ioba- 
tes  Z 184.  Pindar  Ol.  13,  86.  Apollod.  2,  3,  2 
in  den  Kampf  gegen  die  Solymer  und  gegen  die 
Amazonen  (s.  d.),  wovon  jene  als  Nachbarn  der 
Lykier,  diese  wegen  ihrer  asiatischen  Heimat 
und  als  die  streitbaren  Gegnerinnen  griechi-  2 
scher  Heroen  der  dichtenden  Sage  sich  dar- 
boten. Bei  den  Solymern  in  der  Nähe  von 
Termessos  zeigte  man  nach  Strab.  13  p.  630 
noch  das  befestigte  Lager  (%kqu£)  des  Belle- 
rophon. Servius  ad  Aen.  5,  118  nennt  statt 
ihrer  auch  die  Tympier:  adversus  Tympios  sine 
Solymos,  gentem  ferocissimam.  Den  Amazonen- 
kampf erwähnt  auch  Strabon  12  p.  573.  Der 
Versuch,  denselben  auf  einem  pompejanischen 
Wandgemälde  zu  finden,  ist  als  nicht  gelun- 
gen zu  betrachten,  s.  Engelmann  a.  a.  0.  p.  29. 
Nachdem  Bellerophon  die  Feinde  glücklich 
bestanden , versuchte  es  lobates  mit  einem 
Hinterhalt  Z 187.  Apollod.  2,  3,  2,  zu  dem  er 
die  Tapfersten  seines  Volks  ausgelesen;  aber 
alle  tötete  der  starke  Held,  so  dafs  keiner 
nach  Hause  kam : eine  aus  der  Heroenzeit  auch 
sonst  erzählte  Kraftprobe  II.  A 396.  Auf  dies  hin 
erfolgt  die  Umstimmung  des  Königs  von  Lykien 
und  die  Belohnung  des  Helden.  lobates,  er- 
zählt Homer  weiter,  erkannte  an  den  Thaten 
Bellerophons  seine  göttliche  Abkunft  (und  seine 
Unschuld  Schol.  Z 155),  behielt  ihn  bei  sich, 
gab  ihm  seine  Tochter  zur  Frau  und  teilte 
mit  ihm  seine  Herrschaft  (so  auch  Serv.  Aen. 
5,  118),  wozu  die  Lykier  ein  auserwähltes 
Grundstück  fügten,  oder  hinterliefs  ihm  nach 
Apollod.  2,  3,  2 bei  seinem  Tod  das  Reich. 
Diese  Tochter  des  lobates  heifst  bei  Apollodor 
nnd  Schol.  Lycophr.  17  Philonoe,  Schol.  II. 

Z 155  Kasandra,  Schol.  Stat.  Theb.  4,  689  Al- 
cimene,  Schol.  Pind.  Ol.  13,  82  Antikleia.  Eine 
spätere  Erzählung  bei  Plutarch  de  mul.  virt.  9 
berichtet,  da  lobates  immer  noch  ungerecht 
gegen  Bellerophon  gewesen,  habe  dieser  durch 
ein  Gebet  zu  Poseidon  das  Meer  ins  Land  her- 
eingerufen und  eine  Überschwemmung  veran- 
lafst,  und  erst  als  die  Weiber  ihm  mit  aufge- 
hobenen Gewändern  entgegengegangen,  sei  er 
aus  Scham  zurückgewichen  und  mit  ihm  das 
Meer.  Schtvenclc,  Myth.  d.  Gr.  S.  478  deutet 
diese  Entblöfsung  der  Weiber  als  einen  Ge- 
genzauber gegen  Unfruchtbarkeit  und  als  ein 
Mittel  zur  Abwehr  des  Bösen.  Aus  seiner  Ehe 
mit  der  lobatestochter  hatte  Bellerophon  nach 
llomer  Z 196  zwei  Söhne,  Isandros  und  Hip- 
polochos  und  eine  Tochter  Laodameia,  welche 
von  Zeus  geliebt,  den  Sarpedon  gebar.  Statt 


Bellerophon  772 

Isandros  hat  Strabon  13  p.  630  Peisandros, 
dessen  Grab  bei  den  Solymern  gezeigt  werde. 
Einen  weiteren  Sohn  Hydissos  erwähnt  Stepli. 
Byz.  s.  v.,  mit  Asteria,  der  Tochter  des  Hydes 
erzeugt,  als  Gründer  der  gleichnamigen  kari- 
schen  Stadt  Hydissos. 

4)  Bache  an  Stheneboia. 

In  die  Zeit  nach  der  Aussöhnung  mit  lo- 
bates gehört  die  Rache  des  Bellerophon  an 
) Stheneboia,  ohne  Zweifel  eine  Erfindung  des 
Euripides.  Nach  Apollodor  2,  3,  2 zeigte  ihm 
lobates  die  von  Proitos  erhaltenen  Zeichen, 
woraus  Bellerophon  die  Hinterlist  des  Proitos 
erkannte.  Hieran  knüpfte  Euripides  in  seiner 
Stheneboia  an,  vgl.  Welcher,  Gr.  Tr.  S.  777. 
Fischer  a.  a.  0.  45 ff. : er  zieht  nach  Tiryns, 
verlangt  von  Proitos  die  Auslieferung  der  Gat- 
tin, und  da  sich  dieser  weigert,  schreitet  er 
zur  List:  er  heuchelt  ihr 'Liebe  und  beredet 
i sie  mit  ihm  den  Pegasos  zu  besteigen;  da 
stürzt  er  sie  bei  der  Insel  Melos  ins  Meer  und 
Fischer  bringen  ihre  Leiche  nach  Tiryns.  So 
auch  das  Schol.  Aristopli.  Pac.  141  zrjv  zov 
Hqoüzov  yvvccitux  — cncuzrjoai  cog  s^cov  yvvctiHcc 
Kcd  tmßdoa g zov  nyyccGov  stg  (isGyv  (jiipcu 
zrjv  fi'txhxooKv.  Vielleicht  aus  Rache  hierfür 
wollte  der  Sohn  des  Proitos  ihn  töten,  Anth. 
Pal.  3,  15.  Auf  die  Rückkehr  nach  Tiryns 
beziehen  sich  nach  Engelmann  n.  75.  76  ein 
Wandgemälde  von  Pompeji  und  eine  Vase; 
der  Sturz  dev  Stheneboia  ist  dargestellt  auf 
der  bekannten  Vase  Inghir.  vas.  fit.  1,  3 ( ib . 
n.  77).  Nach  anderer  Tradition  Schol.  Aristopli. 
Ran.  1043  soll  Stheneboia,  als  die  Unschuld 
Bellerophons  sich  herausstellte,  den  Giftbecher 
getrunken  haben.  Fischer  S.  48  erklärt  dies 
für  ein  Mifsverständnis  des  Sclioliasten;  doch 
hat  sich  diese  Sage  auch  noch  in  der  andern 
Gestalt  bei  Hygin.  fab.  57  erhalten,  sie  habe 
sich  selbst  getötet , als  sie  von  dem  Glück 
Bellerophons  und  seiner  Heirat  mit  ihrer 
Schwester  in  Lykien  erfuhr. 

5)  Bellerophons  Sturz. 

Eigentümlich  sind  die  Andeutungen  Homers 

über  das  spätere  Schicksal  Bellerophons  Z200: 
als  er  aber  allen  Göttern  verhafst  geworden,  irrte 
er  einsam  auf  dem  aleischen  Gefilde  umher, 
sich  in  Gram  verzehrend  und  den  Pfad  der  Men- 
schen meidend;  seinen  Sohn  Isandros  aber  tötete 
Ares  und  seine  Tochter  die  zürnende  Artemis. 
Schon  die  Sclioliasten  zu  V.  200.  202.  205  haben 
über  die  Ursachen  dieser  rätselhaften  Melan- 
cholie und  des  Zornes  der  Götter  verschiedene 
Vermutungen  aufgestellt,  von  welchen  viel- 
leicht die  Zurückführung  derselben  auf  den 
Neid  der  Götter  das  Annehmbarste  ist.  Auch 
die  Ableitung  des  nsdiov  ’AXffiov  von  aläa&M 
Schol.  v.  200  ist  wohl  im  Sinn  der  Sage,  die, 
wie  es  scheint,  das  von  Herod.  6,  95  genannte 
ztsdiov  ’Ahq'Cov  in  Kilikien  herbeigezogen  hat. 
Geistverwirrende  Krankheiten  bilden  auch 
den  Schlufs  der  Herakleslaufbahn,  s.  Preller 
2,  183;  bei  Bellerophon  scheint  dieser  trübe 
Zug  eine  Wiederholung  aus  dem  Wesen  sei- 
nes Vaters,  des  Sisyphiden  Glaukos,  der  sich 
aus  Verzweiflung  ins  Meer  stürzte  und  von 
nun  an  lauter  Unglück  prophezeit,  Schol.  Plat. 
rep.  p.  611 C,  vgl.  Gädcchcns,  Glaulos  197.210. 


773 


Bellerophon 


Auch  ist  an  das  wilde  und  aufgeregte  Wesen 
zu  erinnern , das  den  Poseidonssöhnen  eigen 
ist,  Preller  1,454.  Die  spätere  nachhomerische 
Sage  dagegen  und  besonders  die  Tragödie 
läfst  den  Bellerophon  durch  eigene  Schuld  ins 
Unglück  geraten.  Pindar  Isthm.  6,44  erzählt: 
Bellerophon  versuchte  auf  dem  geflügelten  Pe- 
gasos  in  die  himmlischen  Behausungen  des 
Zeus  emporzudringen , wurde  aber  vom  Pega- 
sos  abgeworfen,  vgl.  Mythogr.  Gr.  Westermann 
p.  251.  Eustath.  ad  Z 200.  Schol.  Aristoph. 
Pac.  76.  Schon  bei  Pindar,  wie  bei  Hör. 
Carm.  4,  11,  26  dient  er  als  Beispiel  der  be- 
straften Selbstüberhebung  des  Menschen , wie 
auch  das  Schol.  II.  Z 155  aus  Aslüepiades  be- 
richtet , er  habe , übermütig  gemacht  durch 
seine  Thaten,  auf  dem  Pegasos  den  Himmel 
ausforschen  wollen;  Zeus  aber  habe  im  Zorn 
dem  Pegasos  eine  Bremse  geschickt  (vgl.  auch 
Eustath.  a.  a.  0.),  so  dafs  Bellerophon  herab- 
gestürzt und  auf  das  nach  ihm  benannte  aleische 
Feld  gefallen  sei,  auf  dem  er  dann  blind  um- 
herirrte. So  auch  Ilygin.  fab.  57 , während 
derselbe  poet.  astron.  2,  18  ihn  von  Schwindel 
erfafst,  herabstürzen  und  an  dem  Fall  sterben 
läfst.  Diese  Verschmelzung  der  Sage  von  sei- 
nem Sturz  mit  der  homerischen  Erzählung 
von  seinem  Umherirren  auf  dem  aleisclien  Ge- 
filde ist  offenbar  nur  eine  gelehrte  Erfindung. 
Dagegen  ist  die  Sage  von  dem  kühnen  Ritt 
und  jähen  Sturz  Bellerophons  wohl  auf  die 
Vorstellung  von  dem  himmlischen  Wolkenhel- 
den zurückzuführen , dem  auf  seiner  unstäten 
Bahn  Versuchung  und  Gefahren  drohen,  wenn 
man  nicht  auch  hierin  mit  Sclmartz , Poet. 
Naturansch.  1,  58  geradezu  eine  Beziehung  auf 
das  Gewitter  finden  will , während  die  mora- 
lische Wendung,  welche  der  Erzählung  ge- 
geben wird , einer  späteren  Zeit  angehört, 
i Euripides  hat  in  seinem  „ Bellerophon “ den 
Helden  dargestellt,  wie  er  auch  nach  dem 
: Sturze  vom  Unglück  verfolgt,  am  Dasein  der 
| Götter  zweifelt  und  ihnen  mit  kühnem  Trotz 
I entgegentritt,  aber  schliefslich  von  Krankheit 
, und  Zweifel  geheilt  und  mit  den  Göttern  ver- 
] söhnt,  ruhig  dem  Tod  entgegengeht  (so  auch 
I Aelian  hist,  anim.  5,  34),  vergl.  Welcher,  Gr. 

\ Trag.  7 85 ff.  Fischer  a.  a.  0.  50fF.  Aus  den 
Scholien  zu  Aristoph.  Acharn.  427.  Pac.  147. 
Ran,  846  erfahren  wir,  dafs  Euripides  seinen 
Helden  noch  schmutzig  und  gelähmt  von  sei- 
nem Sturze  auf  die  Bühne  brachte.  Schliefs- 
lich wurde  in  allegorischer  Auslegung  sein 
Ritt  auf  dem  Pegasos  zum  kühnen  Gedanken- 
flug und  er  selbst  zum  Astronomen  gemacht, 
I Anth.  Pal.  7,  683.  Mythogr.  Gr.  p.  324  Wester- 
mann. Auch  der  Sturz  wurde  geographisch 
i fixiert  und  nach  Lykien  oder  Kilikien  ver- 
legt, Eustath.  II.  Z 200.  Schol.  Z 155;  spe- 
ziell nach  Tarsos,  das  seinen  Namen  von  der 
'Feder  (rc/gaog)  aus  dem  Flügel  des  Pegasos 
] ableitet,  die  dieser  hier  verloren  habe,  IJio- 
j nys.  Perieg.  869,  nebst  der  Erklärung  des 
Eustath.  a.  a.  0.  Nur  auf  einigen  späte- 

ren , zum  Teil  unsicheren  Kunstwerken  er- 
scheint sein  Sturz  dargestellt,  Engelmann  No. 
78—80. 


Bellona  774 


IV.  Bellerophon  göttlich  verehrt. 

Bellerophon  wurde  in  Korinth  und  in  Ly- 
kien göttlich  verehrt.  In  einem  Cypressen- 
hain  vor  Korinth  war  ihm  ein  heiliger  Be- 
zirk geweiht,  Paus.  2,  2,  24,  und  an  einer 
Quelle  in  Korinth  war  er  mit  dem  Pegasos, 
aus  dessen  Huf  das  Wasser  strömte,  als  Rei- 
terstandbild dargestellt,  ib.  2,  3,  6.  Auch  die 
io  Münzen  von  Korinth  und  seinen  Kolonieen,  auf 
welchen  der  Pegasos  sehr  häufig  vorkommt, 
weisen  auf  den  ßelleroplionmythos  hin,  Raoul- 
Rochette,  Annal,  d.  Inst.  1829  p.  311  ff.  Seine 
Verehrung  in  Lykien,  welche  erst  infolge  der 
Lokalisierung  der  Chimairasage  daselbst  ent- 
standen sein  kann,  ist  teils  durch  Quint.  Smyrn. 
10,  162,  teils  durch  zahlreiche  lykische  Denk- 
mäler bezeugt,  die  sich  auf  Bellerophon  und 
namentlich  auf  seinen  Kampf  mit  der  Chi- 
20  maira  beziehen,  besonders  Münzen  und  Bas- 
reliefs s.  Fellows  Discoveries  in  Lycia  p.  136. 
181.  252.  Mitteilgn.  d.  deutsch,  arch.  Inst,  in 
Athen  2,  Taf.  10.  — [Nachtrag:  Vergl.  auch 
die  neuerdings  am  Heroon  von  Gjölbaschi  in 
Lykien  gefundenen,  in  Wien  befindlichen  Re- 
liefs, welche  unter  anderem  auch  den  Kampf 
des  Bellerophon  mit  der  Chimaira  darstellen: 
0.  Benndorf,  Vorläuf.  Bericht  über  zwei  österr. 
archäol.  Expeditionen  nach  Kleinasien,  Wien 
30  1883.  Archäolog.  - epigraph.  Mitteilungen  aus 
Österreich  6,  2.  Roscher.]  [Rapp.] 

Belleros  s.  Bellerophon  S.  767  Z.  50  u.  S.  768. 
Bellipotens,  1)  Beiname  des  Mars,  alleinste- 
hend Verg.  Aen.  11,  8.  — 2)  der  Pallas,  Stat. 
Tlieb.  2,  716.  [Steuding.] 

Bellona,  ursprünglich  Duellona,  von  duel- 
lum,  bellum  ( Yarro  de  l.  lat.  5,  73:  Bellona  a 
hello  nunc,  guae  Duellona  a duello ; vgl.  ib.  7, 
94;  Priscian  in  Keils  Gramm,  latt.  3 p.  497,  6; 
40  SC.  de  Bacch.  im  C.  I.  L.  August,  de  civ.  Bei 
4,24),  römische  Kriegsgöttin.  Nach  Rom  kam 
sie  wahrscheinlich  von  den  Sabinern,  bei  denen 
sie  Nerio,  Neria  oder  Nerienes  = Virtus  hiefs 
{Gell.  N.  att.  13,  23,  3 ff. ; vgl.  Nero  = for- 
tis)  und  entweder  Eigenschaften  des  Mars 
{Gell.  a.  a.  0.  § 10:  Nerio  igitu/r  Martis  vis  et 
potentia  et  maiestas  quaedam  esse  Martis  de- 
monstratur\  vgl.  Ioannes  Lydus  de  mensibus 
4,  42  Bekk.)  oder  dessen  Gemahlin  bezeichnete 
so  {Gell.  a.  a.  0.  § 11.  Aug.  de  civ.  D.  6,  10,  der 
sie  öfter,  und,  wie  Plaut.  Amph,  pr.  42  mit 
Virtus,  Victoria,  Mars,  gewöhnlich  zusammen 
mit  Mars  nennt),  und  der  man  beim  Ausbruch 
eines  Krieges  {Amm.  Marc.  21,  5,  1)  und  am 
Ende  desselben  {ib.  27,  4,  4)  Opfer  brachte. 
Nach  Liv.  8,  9,  6 rief  sie  P.  Decius  Mus.  340 
vor  der  Schlacht  am  Vesuv  und  sein  Enkel 
bei  Sentinum  an,  ib.  10,  28,  15;  ja  nach  Plin. 
hist.  nat.  35,  3,  12  Jan  hätte  bereits  Appius 
60  Claudius,  Konsul  495  v.  Chr.,  im  Tempel  der 
Bellona  seiner  Vorfahren  Bilder  aufgestellt; 
doch  findet  sich  sonst  kerne  Nachricht  über 
eine  aedes  Bellonae  aus  jener  Zeit.  Erst  296 
v.  Chr.  gelobte  Appius  Claudius  Caecus  in  der 
Schlacht  der  Bellona  einen  Tempel  {Liv.  10, 
19,  17:  Bellona,  si  hodie  nobis  victor iam  duis , 
ast  ego  tibi  templum  voveo ) und  errichtete  ihn 
auch,  Or.  Inscr.  latt.  No.  539.  So  stehen  also 

25:,: 


775 


Bellona 


Bellona 


776 


die  ältesten  Nachrichten  über  die  Bellona  zu 
der  sabinischen  gens  Claudia  in  Beziehung. 
Dieser  Tempel  der  Bellona  lag,  wie  die  aller 
Gottheiten,  welche  etwas  Schlimmes  repräsen- 
tierten, das  man  von  der  Stadt  fern  halten 
wollte,  Vitruv.  1,7,  aufserhalb  des  pomoeri- 
ums  und  zwar  nach  Ov.  Fast.  6,  199  fl',  und 
Mirabilia  Rornae  bei  77.  Jordan,  Topogr.  der 
Stadt  Born  2 p.  629;  vgl.  ib.  p.  422  f.  in  der 
neunten  Region  zwischen  dem  Capitol  und  io 
dem  Marsfelde,  östlich  vom  Circus  Flaminius. 

In  demselben  fanden  die  Verhandlungen  mit 
den  Konsuln  etc.  statt,  wenn  diese,  an  der 
Spitze  des  Heeres , die  Stadt  nicht  betreten 
durften  (wie  mit  M.  Marcellus  Liv.  26,  21  in.; 

M.  Livius  ib.  28,  9,  5;  C.  Claudius  ib.  38,  2; 
Sulla,  Sen.  de  dem.  1,  12,  2;  vgl.  noch  Liv. 
39,  29,  4.  42,  21,  6.  Lange,  Rom.  Altert.  2, 
346 ff.);  ebenso  mit  den  Gesandten  auswär- 
tiger Völker  ( Festus  s.  v.  senaculum;  z.  B.  mit  20 
den  Karthagern  Liv.  30,  21,  12.  40,  1;  vgl. 
ib.  33,  24,  5).  Vor  dieser  aedes  Bellonae  stand 
auch  die  columna  bellica,  über  welche  der 
pater  patratus  im  Namen  der  Fetialen  nach 
einem  Platze,  der  symbolisch  das  Feindesland 
bezeichnete,  eine  Lanze  schleuderte,  seitdem 
(etwa  seit  Pyrrhos)  diese  Handlung  nur 
noch  symbolisch  vor- 
genommen wurde 
{Paul.  Festi  s.  v.  30 
Bellona.  Liv.  1,  32. 
Gell.  16,  4.  Ov.  Fast. 

6,  206  — 8;  bei  Dio 
Cass.  50,  4,  5 schleu- 
dert August,  71,  33, 

3 Marc  Aurel  als  Fe- 
tial  die  Lanze,  vgl. 
Preller,  Rom.  Myth. 
218  f.).  — Als  die 
Römer  mit  der  grie-  40 
chischen  Litteratur 
bekannt  und  Mars 
mit  Ares  identificiert  wurde,  legten  sie  der 
Bellona  die  Attribute  der  ’Evvco  bei,  welche 
bei  Horn.  E 333.  592  die  Gefährtin  des 
Ares  und  Städtezerstörerin  ist.  So  erscheint 
sie  denn  bei  den  späteren  Dichtern  (Stat. 
Tlieb.  5,  155.  Glaudian,  de  l.  Stilich.  2,  371) 
auch  als  Wagenlenkerin  und  Tochter  des 
Mars,  mit  blutigen  Händen  und  langem  Sta-  50 
chel  (Stat.  Tlieb.  7,  72—74),  oder  blutiger  Gei- 
fsel  (Verg.  Aen.  8,  703.  Sil.  Rai.  Pun.  4,  436 
— 39.  August,  de  civ.  L>.  5, 12),  oder  mit  Schwert 
(Sen.  Here.  Oet.  1312),  oder  mit  einer  Lanze, 
die  sie  in  Feindesland  schleudert  und  damit 


Bellona  auf  e.  Münze  von 
Hierokaisareia  (nach  Millin- 
gen, anc.  coins  Tf.  5,  No.  4). 


den  Krieg  erklärt  (Stat.  Theb.  4,  6) ; auch  mit 
einer  Tuba  ( id . ib.  10.  Glaudian,  in  Eutrop. 

2,  144.  Sil.  Pun.  5,  225)  oder  einem  Zinken 
(4mm.  Marc.  31,  13,  1),  um  den  Schlachtruf 
anzugeben,  einer  Fackel  (Stat.  Theb.  4,  5.  Sil.  60 
a.  a.  0.  290.  Arnm.  Marc.  24,  7,  4.  29,  2,  20) 
zur  Bezeichnung  der  Kriegswut.  So  wurde 
sie  mit  den  Furien  als  Begleiterinnen  des  Mars 
zusammengestellt  (Sil.  Pun.  4 , 436.  4mm. 
Marc.  31,  1 , 1)  oder  mit  Metus,  Pavor,  For- 
mido  (Glaudian.  a.  a.  O.  373 — 76)  oder  mit 
beiden  (Petron.  124,  256);  mit  fliegenden  Schlan- 
genhaaren und  in  blutbesudeltem  Kleide  geht 


sie  durch  die  Reihen  der  Kämpfenden  und 
spricht  ihnen  Mut  ein  (Stat.  Theb.  7,  73.  Sil. 
4,  223.  5,  221.  Glaudian,  in  Eutrop.  2,  109 
— 111);  daher  heifst  sie  a.  a.  0.  sanguinolenta, 
atra,  tartarea,  irnplacabilis.  Als  Urheberin  des 
trojanischen  Kriegs  erscheint  sie  Stat.  Ach. 

1,  33.  Bildlich  wurde  sie  dargestellt  mit  einer 
Fackel,  hastig  vorwärtsschreitend,  mit  Helm 
und  Lanze  und  einer  trabea  bekleidet;  vor 
ihr  liegen  Köcher,  Schild,  Helm,  Fahnen  etc. 
als  ihr  geweihte  Beute  auf  dem  Altar  ausge- 
breitet (Glaudian,  in  Pr obi  consul.  121).  — Die 
wichtigste  W eiterentwickel ung  aber  erfuhr  der 
Kultus  der  Bellona,  als  die  Römer  um  die  Zeit 
der  mithridatischen  Kriege  die  Göttin  von 
Komana  in  Kappadokien,  eine  in  Kleinasien, 
Armenien  etc.  unter  verschiedenem  Namen 
verehrte  Gottheit,  wahrscheinlich  Mondgöt- 
tin, mit  der  Anaitis  (s.  d.)  verwandt  oder  iden- 
tisch, kennen  lernten,  welche  Sulla  im  Traume 
erschienen  sein  soll  ( Plut . Süll.  9:  rjv 
Pcogaioi  7 ttXQU  KocmtccSoucov  (la&övzs g,  sl'zs  dg 
Eslrivr]v  sivea  si'z’  ’A&rjväv  si'x’  ’Evvcö-,  wie 
hier  Plut.,  so  nennt  sie  auch  Strabo  12,  2,  3 
Evvor,  rjv  sxsivor,  sc.  KanndSoxsg  Md  ovofiü- 
£ovgi);  die  Römer  nannten  dieselbe  Göttin 
Bellona  (Reil.  Alex.  66),  ihr  ursprünglicher 
Charakter  bezog  sich  daher  jedenfalls  auf  den 
Krieg.  Da  ihre  Priester,  welche  ein  sehr  zahl- 
reiches Kollegium  bildeten  und  deren  Haupt 
in  Komana  nach  dem  Könige  die  höchste 
Würde  besafs,  in  Rom  aus  dem  untersten  Volke, 
besonders  aus  Gladiatoren  genommen  und  von 
den  Freigeborenen  verachtet  wurden,  so  ist 
ihr  Kultus  ursprünglich  wohl  kaum  von  Staats 
wegen  eingeführt  worden,  sondern  durch  Skla- 
ven und  niedere  Leute  nach  Rom  gekommen, 
obwohl  es  Lactant.  inst.  1,  21  heifst:  publica 
illa  sacra,  quorum  alia  sunt  Matris  deum  . . . 
alia  Virtutis,  quam  eandem  Rellonam  vocant. 
Weil  aber  auch  die  Göttin  von  Komana  eine 
Kriegsgöttin,  insbesondere  aber  wohl,  weil  ihr 
Bild  dem  der  Bellona  sehr  ähnlich  war,  wurde 
sie  bald  mit  dieser  identificiert,  und  so  kam 
der  fanatische,  dem  der  Kybelepriester  ähn- 
liche Charakter  in  den  Kultus  der  Bellona, 
wie  er  zuerst  von  Tibull  (1,  6,  43 — 50),  seit- 
dem aber  von  allen  Dichtern,  die  ihn  erwäh- 
nen, übereinstimmend  geschildert  wird.  Dar- 
nach ritzten  sich  die  Priester,  die  Martial  (12, 
57,  11)  turba  entheata  Bellonae  nennt,  mit  flie- 
genden Haaren  und  von  fanatischer  Wut  er- 
griffen beim  Schalle  von  Posaunen  und  Cym- 
beln  die  Arme  und  Schenkel  mit  Beilen  blu- 
tig (Tertull.  Apol.  9.  Lucan.  Phars.  1,  565  ff. 
Lact.  inst.  1,  21  p.  74  Bip. ; vgl.  Hör.  Serm. 

2,  3,  223  mit  den  Erklärern);  Lactanz  nennt 
Bellona  daher  (5,  10)  mit  Mars  cruentos  deos. 
Das  aus  den  Wunden  fliefsende  Blut  gaben 
die  Priester  nach  Minucius  Felix  (Oct.  30)  und 
Tertullian  (Apol.  9)  einander  zu  trinken,  wohl 
um  in  fanatische  Wut  zu  geraten,  und  weis- 
sagten auch.  Ihre  vaticinia  bezogen  sich  ur- 
sprünglich jedenfalls  auf  den  Ausgang  des 
Kriegs,  später  auf  die  nichtigsten  Dinge  ( lu- 
ven. 4,  123.  6,  öllff.).  Auch  veranstalteten 
sie  zu  Ehren  der  Göttin  feierliche  Umzüge  im 
Frühjahre  und  Herbst.  Der  Name  der  Priester 


777  Bellona 

war  nach  Acro  (zu  Hör.  Satt.  2,  3,  223)  bello- 
narii;  Minucius  Felix  nennt  sie  ( Oct . 30)  sacri, 
Tertullian  {A-pol.  9)  sacrati,  Lampriclius  ( Comm . 
9)  servientes  Bellonae,  die  Inschrift  No.  2317 
hei  Orelli  fanatici  de  aede  Bellonae.  Wie  die 
Gottheit  selbst  atra,  luctuosa,  feralis,  sanguino- 
lenta , ihre  sacra  insana  u-nd  cruenta  waren 
{Horat.  a.  a.  0.  Augustin  de  civ.  1).  4,  34),  so 
trugen  auch  die  Priester  schwarze  Kleider  und 
Mützen  von  schwarzem  Fell  ( Tertull . de  pal- 
lio  4).  Nach  Lampridius  {Comm.  9)  verwun- 
deten sich  die  Priester  nicht  wirklich,  sondern 
nur  scheinbar.  Neben  ihnen  scheinen  nach 
Tibull  (a.  a.  0.)  auch  Priesterinnen  bestanden 
zu  haben.  — Der  Festtag  der  ursprünglichen, 
sabinisch-römischen  Bellona  war  der  3.  Juni 
( Ov . Fast.  6,  200  ff.),  seit  ihrer  Verschmel- 
zung mit  der  Göttin  von  Komana  der  24.  März 
(Ioann.  Lyd.  a.  a.  0.),  der  wohl  deshalb  dies 
sanguinis  hiefs.  — Noch  später  identificierte 
man  die  Bellona  mit  derVirtus  {Lactant.  Inst. 
1,  21  p.  74  Bip.  Or.  Inscr.  latt.  4983).  Die 
Inschriften  aus  Rom  C.  I.  L.  6 , 490  (.  . . el- 
sinius.  Capitolinus.  M.  JD.  D.  I))  und  ex  aede 
Bellonaes  Pulvinesis  fanaticus)  und  2318 
{L.  Lartio  Antlio  cistophoro  aedis  Bellonae 
Pulvinensis  . . . .)  scheinen  auf  einen  zwei- 
ten Tempel  hinzuweisen;  von  einer  Unter- 
scheidung der  Göttin  von  Komana  und  der 
römischen  Bellona  findet  sich  keine  Andeu- 
tung (doch  vgl.  den  folgenden  Artikel).  Von 
der  Göttin  von  Komana  ging  auf  die  Bellona 
nicht  mit  über  das  hohe  Ansehen  ihrer  Priester 
und  die  Prostitution  {Tiesler,  de  Bellonae  cultu  et 
sacris.  Berol.  1842;  vgl.  Belola).  [Procksch.] 
Bellona  Rufilia , auf  der  Inschrift  einer 
Spitzsäule  zu  Rom,  C.  I.  L.  6,  2234:  L.  Cor- 
nelio  Januar  io  ||  fanatico  ab  Isis  Serapis  ||  ab 
aedern  Bellone  Bufdiae  ||  V.  A.  XII.  M.  XI. 
D.  XXI.  fec  ||  C.  Calidius  custos  amico  ||  B.  M. 
Die  Erwähnung  eines  fanaticus,  sowie  die  Zu- 
sammenstellung mit  Isis  u.  Serapis  weisen,  wie 
hei  der  Bellona  Pulvinensis,  auf  die  asiatische 
Bellona  hin.  Rufilia  ist  vielleicht  von  rufu-s 
(=  blutrot?)  abgeleitet,  vergl.  oben  den  Kult 
derselben.  [Steuding.] 

Bellum.  Der  aufs  Abstrakte  gerichteten 
Religionsanschauung  der  Römer  entspricht  es, 
dafs  bei  ihnen  neben  der  des  mythologischen 
Gehaltes  doch  nicht  ganz  entbehrenden  Kriegs- 
göttin Bellona  (s.  d.)  auch  die  blofse  Personifika- 
tion des  Krieges,  Bellum,  ihre  Stelle  fand,  wenn 
auch  nicht  im  öffentlichen  Kulte,  so  doch  in 
der  allgemeinen  Vorstellung  und  namentlich 
in  der  Poesie.  Die  Dichter  stellen  sich  Bel- 
lum persönlich  als  von  schrecklicher  und  dro- 
hender Gestalt  vor  (z.  B.  ore  cruento  Verg. 
Aen.  1 , 296 , sanguinea  manu  Ovid.  met.  1, 
143  u.  a.)  und  Vergil  {Aen.  6,  2 7 8 ff . ; vergl. 
Senec.  Here.  für.  695)  weist  ihm  neben  Sopor, 
Discordia  und  den  Furien  seinen  Sitz  in  der 
Unterwelt  an.  In  die  Genesis  dieser  ganzen 
Vorstellung  gewährt  einen  interessanten  Ein- 
blick eine  Notiz  des  Plinius  {n.  h.  35,  93  f.), 
wonach  Augustus  in  fori  sui  celeberrimis  par- 
ibus  ein  Bild  des  Apelles  weihte,  darstellend 
Belli  imaginem  restrictis  ad  terga  manibus 
Alexandro  in  curru  triumphante ; allerdings 


Belos  778 

schien  dies  Gemälde  Panoflca  so  ungeheuer- 
lich, dafs  er  {Archäol.  Zeitg.  1848  p.  100)  die 
Stelle  für  verderbt  erklärte  und  nach  imagi- 
nem den  Ausfall  einiger  Worte,  etwa  quae 
Indos  minitabatur  annahm.  Dafs  jedoch  das 
Bild  des  gefesselten  Bellum  nichts  so  Abson- 
derliches war,  zeigen  mehrfache  Stellen  römi- 
scher Dichter,  denen  genau  die  nämliche  An- 
schauung zu  Grunde  liegt  ( Verg.  Aen.  1,  293ff. 
Ovid.  met.  1,  701  f.)  und  die  Authenticität  der 
Notiz  des  Plinius  wird  über  allen  Zweifel  er- 
hoben durch  eine  von  jenem  unabhängige  An- 
gabe des  Servius  {Aen.  1,  294;  vgl.  auch  Plin. 
n.  h.  35,  27),  der  dieselbe  vollinhaltlich  bestä- 
tigt mit  dem  Beifügen,  dafs  sich  das  Bild  zur 
linken  Hand  des  das  Forum  des  Augustus  Be- 
tretenden befand.  So  erhalten  wir  einen  in- 
teressanten Beleg  für  die  Thatsache,  wie  ein 
Kunstwerk  der  alexandrinischen  Zeit,  hervor- 
gega.ngen  aus  einer  den  Römern  von  Haus  aus 
vertrauten  abstrakten  Auffassung,  auf  die  Vor- 
stellungen der  römischen  Dichter  befruchtend 
einwirkte.  [Wissowa.] 

Belola , Nebenform  oder  verschrieben  für 
Belona  = Bellona  {Fahr,  gloss.  Ital.  p.  245), 
auf  einer  Trinkschale  aus  dem  Museum  zu  Flo- 
renz (jetzt  in  Rom),  die  aus  Etrurien  zu  stammen 
scheint;  C.  I.  L.  1,  44:  BElOblH  ■ TOCOVOM. 
Jordan,  ler it.  Beitr.  7 weist  darauf  hin,  dafs 
das  Bild  dieser  Schale , eine  Büste  der  Enyo 
mit  Schlangen  im  Haar,  zur  Umschrift  gehört 
(Ann.  d.  Inst.  arch.  1872,  54  f.).  [Steuding.] 
Belone,  Erfinderin  der  Nadel  {Bslovrf),  Hy- 
gin.  f.  274.  [Schultz.] 

Belos  (Bijlog),  ursprünglich  Stamm-  und 
Nationalgott  der  Semiten,  Baal,  Bel,  [vgl.  Zsfig 
Brjlog  C.  I.  Gr.  4482.  4485.  R.  | wurde  er  von 
der  späteren,  insbes.  griechischen  Mythologie 
mit  Königen  und  Heroen  der  asiatischen  Völ- 
ker vermengt.  Ein  König  der  Assyrer  dieses 
Namens  wird  erwähnt  bei  Serv.  zu  Verg. 
Aen.  1,  642,  729;  von  ihm  stammt  ab  der 
Vater  der  Dido,  der  Kypros  unterwarf,  das 
er  hernach  an  Teukros  abtrat,  Verg.  Aen.  1, 
62011'.  u.  Serv.,  Stepli.  Byz.  AdnrjQ'os,  Hesycli. 
bei  Phot.  34,  41.  Ein  anderer  ist  Gründer  des 
babylonischen  Reiches:  Ov.  met.  4,  213.  Eu- 
seb.  praep.  ev.  419 dff. , 456 d,  ein  dritter  Vater 
des  Ninos , lydischer  Heraklide  Herod.  1 , 7. 
Tzetz.  Chil.  7, 159  ff.,  ein  vierter  w.ird  als  indischer 
Gott  von  Cic.  {de  not.  d.  3,  16,  42)  erwähnt  und 
mit  Herakles  verglichen.  Am  ausführlichsten 
endlich  ist  die  Genealogie  des  ägyptischen 
Königs,  der  von  Ägypten  später  eine  Kolonie 
nach  Babylonien  ausführte,  Diod.  1,  28.  Er 
galt  als  Sohn  des  Poseidon  und  der  Libya, 
Bruder  des  Agenor,  Vater  des  Aigyptos  und 
Danaos  (s.  d.),  desgl.  als  Vater  des  Phineus, 
Kepheus  , Phoinix , Agenor , Apollod.  2 , 1 , 4. 
Hyg.  31,  10.  106,  4.  151,  9.  Herod.  7,  61. 
Paus.  4,  23,  5.  7,  21,  13.  Aesch.  suppl.  318. 
Nonn.  3,  291  ff.  Schol.  Für.  Hcc.  886.  Phoen. 
247,  291.  Ioann.  Ant.  in  Müller  fr.  h.  4 p.  544. 
Die  Identificierung  mit  dein  Babylonischen  Son- 
nengotte Baal  (s.  d.),  Bel  führte  dann  weiter  zur 
Identificierung  mit  Kronos,  Zeus,  bez.  Ammon; 
dah.  bei  Herod.  1,  181  Z«t>g  Bylos  (s.  o.),  wozu 
noch  zu  vgl.  Diod.  Sic.  2,  8.  Agathias  in  Müller 


io 

20 

30 

40 

50 

60 


779 


Belus 


Bendis 


780 


fr.  li.  2 p.  498.  Philo  Bybl.  fr.  2,  21.  Müller 

з,  568.  Alex.  Polyli.  fr.  3.  ebd.  3,  212.  Nonn. 
a.  a.  0.  Thallus  fr.  2 ( Müller  3 p.  517).  Io- 
ann.  Ant.  a.  a.  0.  u.  vorher  p.  542,  6.  Sein 
Tempel  oder  Grab  zu  Babylon  wird  erwähnt  bei 
Joseph.  10,  11,  1.  Arr.  an.  3,  16,  4.  Strabo 
738.  Diod.  Sic.  17,  112.  Paus.  8,  33,  3.  Pion. 
Perieg.  1007.  Ael.  v.  h.  13,3;  desgl.  ein  Heilig- 
tum bei  denElymäern  in  Persien  Strabo  744,  bei 
den  Hebräern  Joseph.  8,  13,  1.  Vergl.  Belus. 

[Bernhard.] 

Belus  wird  auf  einer  zweisprachigen  In- 
schrift genannt,  die  vor  der  porta  Portuensis 
in  den  ehemaligen  Gärten  Casars  gefunden  ist, 
C.  I.  L.  6 , 50  und  51 : . . . ( ae)dem  Belo 
stat(uerunt ) . . . ; sowie  auf  einer  zweiten  Bi- 
lingue  aus  Yaison  (Vasio  Vocontiorum),  Or.- 
Iienzen  5862:  ET&TNTHPl  TTXHS  ß HA£l 
ZE32TOZ  GETO  BSIMON  TUN  EN  AIIA- 
MEIA  MNHZAMENOZ  AOTHIN  — Belus 
Fortunae  rector  Menisque  (—  mentisque?)  Ma- 
gister ara  gaudebit  quam  dedit  et  voluit,  siehe 
Baal  u.  Belos  u.  vgl.  Kaibel,  ep.  836.  [Steuding.] 

Bemilucims,  Name  einer  (celtischen?)  Gottheit 
auf  einer  Inschrift  zu  Paris,  Orelli  1970:  Deo  Be- 
milucio  VI.  Möglicherweise  ist  an  beim,  bemen 
Schlag,  Wunde  ( Zeufs , gr.  Celt.  p.  8 a)  zu  den- 
ken. Vielleicht  ist  aber  in  lucius  wirklich  der 
Stamm  luk  (altir.  noch  in  luacharn,  lücerna) 
leuchten  enthalten,  und  eine  dem  Lucetius  ent- 
sprechende Gottheit  gemeint;  endlich  wäre  etwa 
auch  der  Name  der  Stadt  Bsgsoslag  (los.  bell. 
Jud.  1,  4,  6)  zu  vergleichen.  [Steuding.] 

Benäcus,  der  göttlich  verehrte  lacus  Bena- 
cus , jetzt  Lago  di  Garda,  auf  einer  in  der 
Nähe  dieses  Sees  gefundenen  Inschrift  C.  I. 
L.  5,  3998:  . . lac  Benaco  Successus  etc.  Als 
Vater  des  Flusses  Mincius  wird  er  bezeichnet 
bei  Verg.  Aen.  10,  205.  Zeufs,  gr.  celt.  p.  59 

и.  87  vermutet  einen  Zusammenhang  mit  dem 
altirischen  bennach  = cornutus , was  auf  die 
hornartig,  spitzig  zulaufende  Gestalt  des  Sees  zu 
beziehen  sein  würde.  — Sonst  wird  auch  Neptun 
als  die  Gottheit  desselben  genannt  (Jordan-Prel- 
ler, Beim.  Myth. 3 2 p.  123).  [Steuding.] 

Bendis  (Bsvdig  gen.  Bsvdidog  richtiger  als 
Bsvdig,  Bsvdidog  Bekker , Anecd.  Gr.  p.  1343. 
Göttling.  doctr.  acc.  p.  275)  war  der  Name 
einer  in  Thrakien  hochverehrten  Göttin,  deren 
Dienst  jedoch  auch  frühzeitig  in  Attika  hei- 
misch wurde,  vgl.  Hesych.  gs/dlg  &sög'  ’Agi- 
oxocpavgg  sqnq  xgv  Bsvdiv  ©paxta  ydp  g &sög, 
und  Pliotii  lex.  Msyulgv  Q’sov  Agiaxocpccvgg 
sv  Agyvicug 4 i'ecog  xgv  Bsvdiv  ©paxm  ydp. 
Die  thrakische  Heimat  der  Göttin  ist  auch 
durch  die  nachher  zu  besprechende  Stelle  bei 
Platon  rep.  1 p.  327  bezeugt,  sowie  durch  die 
Erwähnung  des  ihr  zu  Ehren  in  Thrakien  ge- 
feierten Bendideenfestes  Strab.  10  p.  470.  Luc. 
Icaromen.  24,  und  eines  templum  Bendidium 
zwischen  Kypsela  und  dem  Hebros , welches 
der  Konsul  Manlius  auf  seinem  Zug  189  v.  Chr. 
antraf,  Liv.  38,  41.  Bendis  wird  von  den  Al- 
ten der  griechischeh.  Artemis  gleichgesetzt, 
Uesycli.  Bsvdig'  g Agr  sing , ©ganiaxi;  Palae- 
phat.  de  Incred.  32  kccIovoi  xgv  ’Agxsgiv  ©pd- 
xs g Bsvdsiav , Kggxsg  ds  AGxvvav,  AccHsdonyo- 
vun  ds  Ovtilv  ; Schol.  Fiat.  Bep.  1 (cd.  Buhn- 


lien p.  143)  Bsvdig  nag’  uvxoig  (GgalgC)  g ”Aq- 
xsgig  nalsixcu.  Damit  stimmen  die  Angaben 
Herodots  überein  5,  7,  dafs  die  Landesgötter 
Thrakiens  Ares,  Dionysos  und  Artemis  waren, 
und  4,  33,  dafs  die  Frauen  Thrakiens  und 
Päoniens , das  somit  demselben  Dienste  hul- 
digte, ’Agxsgidi  xrj  ßaoilgig  Weizengarben  zum 
Opfer  darbringen.  Auch  die  Denkmäler  Thra- 
kiens beweisen  die  Verbreitung  des  Artemis- 
dienstes in  diesem  Lande.  Heuzey  hat  in  der 
früher  zu  Thrakien  gehörenden  Landschaft  von 
Philippi  zahlreiche  Reliefdarstellungen  der  Ar- 
temis gefunden,  Mission  archeologique  de  Ma- 
cedoine  pur  L.  Heuzey  et  H.  Daumet  Paris 
1876  p.  80,  auf  welchen  Artemis  als  Jägerin 
aufgefafst  ist,  hoch  aufgeschürzt  in  rascher 
Bewegung  stürmisch  dahinschreitend,  oder  mit 
dem  Hund  einen  Hirsch  verfolgend,  oder  einer 
Hirschkuh  das  Knie  auf  den  Rücken  setzend, 
so  dafs  sie  das  Tier  zu  Boden  drückt,  vergl. 
pl.  4,  2,  3,  8.  Wenn  auch  die  Typen  dieser  ; 
Skulpturen  der  griechisch  - kleinasiatischen 
Kunst  angehören , so  zeigt  sich  doch  in  der  j ■ 
Häufigkeit  dieser  Darstellungen  unverkennbar  1 : 
die  Einwirkung  der  Landesreligion.  Dasselbe  i 
gilt  von  den  thrakischen  Münzen  z.  B.  von  den  1 1 
Städten  Anchialos,  Deulton,  Koila  bei  Mionnet 
Bd.  I.  Schon  im  5.  Jahrhundert  bürgerte  sich 
der  Kultus  dieser  thrakischen  Göttin 
in  Attika  ein.  Aufser  Hesychius  Bsvdig'  * 
naga  ’A&gvaioig  sogxg  Bsvdidsice,  den  Anganen 
Strabons  10  p.  471  und  dem  Zeugnis,  das  der  $ 
Name  Bsvdidoiga  auf  einer  attischen  Inschrift 
G.  I.  Gr.  496  darbietet,  besitzen  wir  hierüber  . £ 
den  eingehenden  Bericht  bei  Platon.'  Er  läfst  , jj 
zur  scenischen  Einkleidung  seines  Dialogs  über  J 
den  Staat  Polit.  1,  327.  328  den  Sokrates  er-  i 
zählen,  wie  er  in  denPeiraieus  gegangen,  um 
das  Bendideenfest  mit  anzusehen,  das  zum  8 
i ersten  Mal  daselbst  gefeiert  wurde.  Es  be-  f 
stand  aus  einem  öffentlichen  Aufzug  (nog- 
7i g)  der  Athener  und  einem  besonderen  der 
anwesenden  Thraker , woraus  auch  hervor- 
vorgeht,  dafs  die  in  der  thrakischen  Heimat 
üblichen  Gebräuche  dabei  festgehalten  wur- 
den. Daran  schlofs  sich  des  Abends  ein  Fackel- 
lauf an  (IccfiTtag),  und  zwar  zu  Pferd,  was  neu, 
also  wohl  thrakisch  war,  und  eine  Nacktfeier 
{Tiuvvv%ig).  Die  Scholien  zu  dieser  Stelle  (ed. 
i Buhnken  p.  143)  geben  als  Tag  der  Feier  der 
Bsvdidsice  im  Peiraieus  den  19.  Thargelion  au, 
womit  INoclus  in  Tim.  p.  9B  übereinstimml, 
während  er  sie  an  einer  andern  Stelle  dessel- 
ben Werks  p.  27  A auf  den  20.  Thargelion  an- 
setzt. Über  das  Jahr  der  Einführung  gehen 
die  Ansichten  auseinander:  Bergk  com.  Att. 
reliq.  p.  90  nimmt  das  Jahr  444  v.  Chr.  an, 

K.  F.  Hermann  de  reip.  Platon,  temp.  p.  12  das 
Jahr  429,  Susemihl,  Platon.  Forschungen  Phi- 
i lolog.  Suppl.-Bd.  III,  1863  p.  123  hält  noch 
die  Jahre  410  bis  407  für  möglich:  jeder  unter 
dem  Einflufs  seiner  Meinung  über  die  Abfas- 
sungszeit des  Platonischen  Dialogs.  [Vergl. 
Mommsen,  Heortol.  425.  R.]  Am  Ausgang  des 
5.  Jahrh.  stand  jedenfalls  schon  das  Heiligtum 
x o Bsvdidsiov,  das  Xenoplion.  Hell.  2, 4, 11  hei 
den  Kämpfen  im  Peiraieus  beim  Sturz  der 
Dreifsig  auf  der  Höhe  der  Munychia  erwähnt. 


781 


Bendis 


Bendis 


782 


Über  das  Wesen  der  th rakiseben 
Bendis  giebt  Hesychius  s.  v.  äü.oy%ov  einigen 
Aufschlufs.  Er  sagt:  „Kratiuos  hat  in  seinen 
„Thrakerinnen“  die  Bendis  8iXoy%og  genannt, 
entweder  weil  sie  zwei  Würden  erlöst  hat 
( övo  xigug  E-nXggcoGuxo) , eine  himmlische  und 
eine  irdische;  denn  mit  den  Lanzen  (X 6y%ca) 
meinte  man  die  Losteile  (nXrjgot,)-,  oder  weil  sie 
als  Jägerin  zwei  Lanzen  trägt;  andere  meinen, 
weil  sie  zwei  Lichter  besitzt,  das  eigene  und  i 
das  der  Sonne,  denn  den  Mond  hält  man  für 
Bendis  und  für  Artemis“.  Unter  diesen  Er- 
klärungen von  Si'Xoyxo?  hat  diejenige,  welche 
das  Wort  im  eigentlichen  Sinne  nimmt:  die 
Göttin  mit  zwei  Lanzen,  nebst  der  Begründung 
„als  Jägerin“  die  meiste  Wahrscheinlichkeit 
für  sich.  Denn  diese  Eigenschaft  war  doch 
wohl  die  nächste  Veranlassung  zu  ihrer  Iden- 
tificierung  mit  Artemis,  welche,  nach  jenen 
Denkmälern  zu  schliefsen,  von  den  Thrakern  2 
vorzugsweise  als  Jägerin  und  Erlegerin  des 
Wildes  aufgefafst  wurde.  Ihrer  Nationalnei- 
gung zu  Krieg  und  Jagd  entsprechend,  dach- 
ten sie  sich  ihre  Hauptgöttin  als  wilde  Jäge- 
rin, welche  über  die  schneebedeckten  Höhen 
und.  durch  die  Schluchten  des  Gebirgs  dahin- 
stürmt, ähnlich  wie  die  ebenfalls  der  thraki- 
schen  Mythologie  angehörige  Jägerin  Harpa- 
lyke.  Dieser  Seite  ihres  Wesens  galten  wohl 
auch  die  wild  orgiastischen  Gebräuche  bei 
dem  Bendideenfest  in  Thrakien , von  welchen 
S trab 011  berichtet.  In  dem  Abschnitt  über 
den  thrakisch-phrygisc.hen  Orgiasmus  10  p.  470 
kommt  derselbe  auch  auf  den  Kultus  der  Ko- 
tys  und  Bendis  zu  sprechen.  Nachdem  er  die 
in  Phrygien  beim  orgiastischen  Kultus  der 
Kybele  und  des  Dionysos  üblichen  Gebräuche 
und  Instrumente  geschildert:  die  Flöte,  die 
Handklapper,  die  Cymbeln  und  Handpauken, 
die  bakehisclien  Rufe  und  das.  Stampfen  mit 
dem  Fufs,  fährt  er  fort:  xovxoig  8e  eolae  v.cd  xd 
TttxQcc  xoig  0guS,l  xcc  xe  Koxvxxiu  yicci  xu  BevSl- 
Seiu.  Auch  Proclus  in  Tim.  p.  26  E stellt  das 
barbarische  Getümmel  ( xov  ßagßagrxov  y.Xv- 
äeavog)  bei  der  Bendideenfeier  im  Peiraieus  der 
klaren  Ordnung  der  Panathenäen  gegenüber. 
Da  der  Orgiasmus  eine  Nachahmung  des  Thuns 
der  Götter  beabsichtigt,  so  ist  dieses  Toben 
wohl  eine  Form  für  die  Verehrung  einer  Gott- 
heit, die  selbst  stürmend  und  brausend  dahin- 
fährt. Deshalb  deutet  die  erste  jener  Erklä- 
rungen von  öiXoy%og  bei  Hesychios  auch  auf 
Hekate  hin,  welche  unheimlich  mit  gespensti- 
schen Erscheinungen  durch  die  Nacht  tobt. 

| Die  „zwei  Würden  ( xigui ),  eine  himmlische 
I und  irdische“,  die  bei  Hesychios  der  Bendis 
| zugeschrieben  werden,  sind  Ausdrücke,  die  an 
l der  Hauptstelle  über  Hekate,  Hesiod.  theog.  413 
wiederkehren:  Zeus  verleiht  ihr  (101 guv  e%eiv 
yutrjg  xe  nul  uxgvyc-xoio  &uXuGGrj g,  rj  öe  ual 
UGXEQOEVXOg  UTt’  OVgUVOV  EjJLyOQE  Tlflijs,  wobei 

fWLQu  im  Sinne  von  „Teil“  (nicht  „Anteil“  vgl. 
Welcher,  Gr.  G.  1,  566)  zu  nehmen  ist,  was 
Hesychios  mit  -Alggog  bezeichnet.  In  einem 
| Orakel  der  Hekate  bei  Euseb.  Praep.  ev.  4,  23 
1 sind  als  die  drei  Naturreiche,  die  sie  beherrscht, 
Äther,  Luft  und  Erde  genannt,  was  Hesychios 
| wohl  durch  die  Zweiteilung  ovgavtuv  nul  ^Vo- 


vluv  ausdrücken  konnte.  In  der  That  ist  die 
Verwandtschaft  der  Bendis  mit  Hekate  auch 
ausgesprochen  bei  Ilesych.  ’A8gr\xov  nogg  • 'E*d- 
xiq-  xiveg  öe  xijv  Bevölv,  wobei  unter  Admetos 
Hades  zu  verstehen  ist.  Auch  die  orgiastische 
Verehrung  (für  Hekate  bezeugt  von  Strab.  10 
p.  468)  haben  beide  gemein.  Schon  J.  H.  Vofs, 
Myth.  Br.  3,  190  ff.  hat  die  thrakische  Heimat 
der  Hekate  wahrscheinlich  zu  machen  gesucht, 
1 ohne  Bendis  hereinzuziehen.  Da  jedoch  die 
uns  überlieferten  Zeugnisse  die  Bendis  der 
Artemis,  nicht  der  Hekate  gleichsetzen,  so 
werden  wir  wohl  das  Verhältnis  der  drei  Göt- 
tinnen so  aufzufassen  haben , dafs  den  Grie- 
chen die  thrakische  Bendis  ihrer  Artemis 
gleichgalt,  die  Vergleichung  der  Bendis  mit 
Hekate  aber  diejenige  Seite  im  Wesen  der 
Artemis  hervorheben  wollte,  welche  den  unter 
sich  wiederum  wesensverwandten  Göttinnen 
Artemis  und  Hekate  gemeinsam  ist,  nämlich 
die  Mondgöttin.  Denn  auch  Mondgöttin  scheint 
nach  jener  dritten  Erklärung  von  8CXoy%og  durch 
die  beiden  Lichter  Bendis  gewesen  zu  sein. 
Aber  auch  auf  Persephone  findet  sich  nach  einer 
Stelle  bei  Proclus  Theolog.  p.  353  der  Name 
der  Bendis  übertragen,  und  Appian  Bell.  Civ. 
4,  105  berichtet,  dafs  die  Sage  vom  Raub  der 
Persephone  am  Zygaktes,  einem  kleinen  Flufs 
bei  Philippi,  heimisch  gewesen  sei.  Heuzey 
a.  a.  0.  p.  36  hat  auch  die  Darstellungen  auf 
archaischen  Münzen  von  Thasos  und  der  thra- 
kischen  Küste  mit  dem  Raub  einer  Frau  [Mül- 
ler -Wieseler  1,  16,  80,  81.  17,  82,  84)  darauf 
bezogen  und  daraus  geschlossen,  dafs  eine  ähn- 
liche Sage  von  der  Göttin  Bendis  in  dieser 
Gegend  geherrscht  habe,  an  welche  sich  dann 
die  griechische  vom  Raub  der  Persephone  an- 
gescblossen  habe.  Wenn  der  Göttin  Bendis 
eine  Seite  zuzuschreiben  ist,  welche  sich  auf 
Tod  und  Unterwelt  bezieht  — und  darauf 
weist  das  Attribut  der  beiden  Lanzen  hin  — , 
so  werden  wir  darin  jenen  Artemiskultus  von 
blutigem  und  zugleich  orgiastischem  Charak- 
ter erkennen , der  sich  unter  verschiedenen 
Namen  von  Nordgriechenland  über  Kleinasien 
und  bis  ins  Innere  von  Asien  hinein  erstreckt, 
im  Norden  besonders  unter  dem  Namen  der 
TuvgonoXog,  in  Kleinasien  unter  dem  der  ’EXu- 
cprjßoXog;  vergl.  die  eingehendere  Darstellung 
dieses  Zusammenhangs  bei  Papp,  die  Bezie- 
hungen des  THonysoskultus  zu  Thrakien  und 
Kleinasien  Stuttgart  1882  p.  32  f.  Denn  auch 
der  Bendiskultus  erstreckte  sich  über  den  Bos- 
porus nach  Kleinasien.  Auf  einer  Inschrift 
von  Byzanz  noch  auf  der  europäischen  Seite 
des  Bosporus  erscheint  der  Name  BsvdiScogog 
C.  1.  Gr.  2034.  Ihre  Verehrung  auf  Lemnos  ist 
in  der  angeführten  Notiz  des  Photius  bezeugt, 
wornacli  sie  in  Aristophanes  „Lemnierinnen“ 
genannt  war.  Die  Bithyner  sodann,  welche 
mit  den  Thrakern  verwandt  waren  ( Herod . 1, 
28.  Thulcyd.  4,  75),  hatten  einen  Monatsnamen 
BsvöiöuLog , gleichbedeutend  mit  ’Agxsfu'Giog, 
Usser  de  anno  Maced.  p.  41 , verehrten  also 
gleichfalls  die  Bendis.  Deshalb  hat  Mionnet 
2,  503  n.  1,  2 eine  Artemis  auf  einer  Münze 
des  Königs  Nikomedes  I.  von  Bithynien,  welche 
die  Göttin  mit  zwei  Lanzen  in  der  Rechten, 


783  Beneficium 

einem  kurzen  Dolch  in  der  Linken  darstellt, 
mit  Recht  eine  Diana  SCloy%og  oder  Bendis 
genannt,  wodurch  auch  unsere  Auffassung  von 
8(loy%og  hei  Hesychios  bestätigt  wird.  End- 
lich hat  J.  Grimm  eine  Namens-  und  Wesens- 
verwandtschaft zwischen  Bendis  und  einer  Ge- 
stalt der  deutschen  Mythologie  aufgedeckt 
„ Über  die  Göttin  Bendis “ Kleinere  Schriften  5 
p.  430  ff.  Ausgehend  von  der  Verwandtschaft 
der  thrakischen  und  germanischen  Völker  er- 
kennt er  in  der  ersten  Silbe  des  Wortes  Ben- 
dis, welche  die  Griechen,  in  deren  Mund  V 
in  B überging,  ßsv  sprachen,  das  altn.  vaenn 
= glänzend,  angelsächs.  van  = hell;  in  der 
Silbe  dis  alts.  idis,  ahd.  itis,  altn.  dis  = höhe- 
res, weibliches  Wesen,  Frau.  Demnach  hiefs 
Bendis  „schöne,  leuchtende  Frau“.  Nun  heifst 
Freya  nordisch  auch  Vanadis  bei  Snorri , einem 
nordischen  Schriftsteller  des  13.  Jahrh.  Fa- 
nals aber  ist  nach  Grimm  dasselbe  Wort  wie 
Bendis,  und  da  auch  Freya  wie  Bendis  und 
Artemis  eine  mildleuchtende  Mondgöttin  ist, 
so  herrscht  zwischen  Vanadis  und  Bendis  mehr- 
fache Übereinstimmung.  [Rapp.] 

Beneficium  erklärte  Demokrit  neben  der 
Poena  für  die  einzige  Gottheit,  Plin.  n.  h.  2, 
7 , 14.  [Steuding.] 

Benthesikyme  {Bsv&£(n%vpr}  von  ßsv&og  u. 
Hviiu) , Tochter  des  Poseidon  und  der  Ainphi- 
trite,  Gemahlin  des  Enalos  («lg)  in  Äthiopien, 
Erzieherin  des  Eumolpos,  Apollod.  3,  15,  4. 

[Schultz.] 

Berecyndai  (BsgeKvvdca  oder  BsQsvivdca), 
Gottheiten  der  Phryger,  Hesych.  Bottich.  Arie. 
p.  33.  S.  Kybele.  [Steuding.] 

Berecyntes  {BsgEv.vvzgg),  Heros  eponymos 
der  Landschaft  Berecyntia,  Steph.  Byz.  s.  v. 
Bsqshvvzo?.  [Steuding.] 

Berecyntia,  Beiname  der  Kybele,  Ovid.  F. 

4,  355.  Verg.  Aen.  6,  784.  9,  82.  Arnob.  5, 
10.  Augustin  de  civ.  Dei  2,  5,  7,  25  ff.  Mythogr. 
1,  230.  1,  3,  2.  [Steuding.] 

Berecyntius  lieros  bei  Ovid.  Met.  11,  106 
= Midas.  [Steuding.] 

Berenike  {Begsving),  1)  Tochter  des  Lagus, 
zuerst  mit  einem  Macedonier  Namens  Philip- 
pus, dann  mit  Ptolemäus  I.  Soter  verheiratet, 
genofs  mit  letzterem  zusammen  göttliche  Ehren. 
Sie  wurden  &eol  oiozygEg  oder  ddelcpo l ge- 
nannt, Scliol.  z.  Theolcr.  id.  17,  58  u.  61.  Athen. 

5,  202  d ff'.  Letzterer  erwähnt  auch  einen  Tem- 
pel derselben  BsgsvCnsiov.  — 2)  Gemahlin  des 
Ptolemäus  III.  Euergetes.  Ihr  Haupthaar,  wel- 
ches sie  der  Aphrodite  für  die  glückliche  Rück- 
kehr ihres  Gatten  aus  Asien  geweiht  hatte, 
verschwand  aus  dem  Tempel  und  wurde  nach 
der  Aussage  des  Mathematikers  Konon  in  ein 
Sternbild  (in  der  Nähe  des  Löwen)  verwandelt, 
Hygin.  Astr.  2,  24.  Schot.  Arat.  145.  Erat. 
12.  Nach  Erat.  5 hiefs  das  Sternbild  auch 
Haar  der  Ariadne.  [Steuding.] 

Beres  (Bsggg),  Sohn  des  Makedon,  Eponym 
von  Beres , einer  thrakischen  Stadt,  Steph. 
Byz.  s.  v.  Bsggg.  [Schultz.] 

Bergimus,  ein  wohl  celtischer  Gott  der  Berge 
auf  Inschriften  aus  Brescia  und  Umgegend, 
C.  I.  L.  5,  4200:  Bergim  M.  Nonius  M.  F. 
Fab.  Senecianus  v.  s.  4201:  L.  Vibius.  Visci. 


Besas  784 

L.  Nympliodotus  ||  Bergimo.  votwn  ||  C.  Asinio. 
Gallo.  C.  Marcio.  censor  ||  cos  [|  L.  Salvio  Apro  j| 
C.  Postumio.  Costa  ||  PL  viris  quincpuennalibus, 
4202  : [ Genio  cot.]  Brixi\ae  et]  Berg[imo] 
sacr\um]  Alpi[nus]  . -.  aus  der  Nähe  von 
Arco  und  Riva  4981:  Sex.  Nigidius  ||  Fab.  Pri- 
mus ||  Acdil.  Brix.  Eecur.  honore  grat.  DD  ||  ex 
postulation.  pleb  ||  aram  Bergimo  restituit;  end- 
lich Orelli  2194  (nach  Spon.  Mise.  p.  117  un- 
verdächtig) aus  dem  val  Camonica:  Noniae 
Mac  ||  rinae  sacerd  ||  Bergirni  ||  BM  ||  Camunii. 
Jedenfalls  wird  man  auch  den  Namen  des 
nahen  Bergomum  auf  Bergimus  zurückführen 
dürfen.  Nach  Zeuf's,  gr.  celt.  p.  770  ist  Berg- 
imus zu  teilen  und  also  etwa  durch  Berger 
oder  Berggeist  zu  übersetzen.  (Vergl.  Ber- 
gyos  u.  Grimm,  D.  Myth.  p.  499).  Celtisch 
lautet  das  Wort  sonst  allerdings  brig  — altus 
(. Zeufs  a.  a.  0.  p.  86  a.  S.  Brigantia,  Brixan- 
tum,  Brixia),  doch  dürfte  die  Stadt  Bergidum 
im  Gebiet  der  Astures  ebenfalls  auf  erstere 
Form  zurückzuführen  sein.  [Steuding.] 

Bergyos  {Bsgyvog?) , nach  Bursian  falsche 
Lesart  statt  Dercynos  b.  Meta  2,  78.  S.  Der- 
kynos  und  Bergimus.  [Roscher.] 

Beroe  (Bsgoy),  1)  Amme  der  Semele,  in  die 
sich  Iuno  verwandelt,  um  Semele  zu  der  ver- 
hängnisvollen Bitte  zu  veranlassen,  Hygin.  f. 
167  u.  179.  — 2)  Eine  Nereide,  Hygin.  Geneal.\ 
bei  Verg.  Georg.  4,  341  wird  sie  mit  ihrer 
Schwester  Clio  als  Oceanitis  (Okeanide)  be- 
zeichnet. — 3)  Tochter  des  Adonis  und  der 
Aphrodite,  (auch  Amymone  genannt,  Nonn. 
41  v.  153),  nach  der  die  Stadt  Beroe  (Berytos) 
am  Libanon  genannt  war.  Um  ihre  Liebe 
kämpften  Dionysos  und  Poseidon;  letzterer 
trägt  den  Sieg  davon,  Nonn.  41 — 48.  Pi  gier, 
de  Beroe  Nonnica,  Potsdam  1860.  Darstellun- 
gen der  von  Poseidon  ergriffenen  Beroe:  Over- 
beck, Kunstmythologie  3 p.  340.  — 4)  Gemah- 
lin des  Doryklos,  eines  Begleiters  des  Äneas, 
deren  Gestalt  Iris  annahm,  um  die  Frauen  zur 
Verbrennung  der  Schiffe  zu  bereden,  Verg. 
Aen.  5,  618  sqq.  [Schultz.] 

Beroia  {Bsgoia),  Tochter  des  Beres,  nach 
der  Beroia  {Beroe,  Steph.  Byz.  s.  v.  Mis^a)  in 
Makedonien  benannt  sein  sollte.  [Schultz.] 

Berossus  {Bggcoaoö g),  Vater  des  Tanais  und 
Gatte  der  Amazone  Lysippe,  Pseudoplut.  de 
fluv.  14,  1 f.  — 2)  Vater  der  Eäßßg  (s.  Zapßfi- 
ög) , Gemahl  der  Erymanthe,  Paus.  10,  12,  9. 
Justin.  Mart.  coh.  ad  Gr.  30.  Suid.  s.  v.  2a- 
ßvV.a.  [Steuding.] 

Berutli  {Bggovd),  eine  phönikische  Göttin, 
Mutter  des  Epigeios  oder  Autochthon , der 
später  Uranos  genannt  wurde , von  Eliun. 
Phil.  Bybl.  fr.  2,  12  bei  Müller  fr.  h.  gr.  3, 
567.  Bei  Steph.  Byz.  s.  v.  Bggvzög  wird  ßrj- 
go vt  für  phönikisch  — ia%v g erklärt,  vergl. 
Eckhel,  D.  N.  3 p.  358.  Herzog,  B.-E.  ver- 
gleicht Baal  Berith  von  «rna  oder  syr. 

= , beides  ziemlich  unwahrscheinlich. 

[Steuding.] 

Besas  {Bgcäs),  der  ägyptische  Bes  oder 
Bessa,  eine  ursprünglich  aus  Arabien  stam- 
mende, später  aber  in  Ägypten  ziemlich  all- 
gemein verehrte  Gottheit.  Der  Name  geht 
wohl  auf  das  semitische  "02  Sieger,  Unter- 


m 

20 

30 

40 

50 

60 


Besbikos 


785 

jocher  zurück  (S.  S.  Reinisch  in  Pctulys  R.-E. 
s.  v.).  Er  hatte  einen  altertümlichen  Kult  nebst 
Orakel  in  Abydus  in  der  Thebais  bis  in  die 
Zeit  des  Constantius  und  lulianus  ( Aminian . 

19,  12,  3 ff.)  jedenfalls  auch  in  dem  nach  ihm 
genannten  Bessa  ebenda  (=  dem  späteren  ’Av- 
nvöov  nohg).  Hesych.  s.  v.,  Suid.  s.  v.  Ast ov? 

[Steuding.] 

Besbikos  (Bsoßixog) , Name  eines  Giganten 
(nach  Agatliokles)  oder  Pelasgers,  nach  dem  io 
eine  Insel  bei  Kyzikos  benannt  sein  sollte,  wo 
die  letzten  Giganten  vernichtet  wurden,  Steph. 
Byz.  s.  v.  Vgl.  die  Sage  von  Arktonnesos  bei 
Apoll.  Rhod.  1,  936  ff.  [Schultz.] 

Betagon  (Brjzdycov),  nach  dem  Etym.  M.  = 
Kronos  bei  den  Phöniciern;  doch  geht  das 
Wort  auf  “pin  rro  Haus  des  Dagon  (eines 
Gottes  der  Philister)  zurück.  S.  Dagon. 

[Steuding.] 

Bia  (Bia,  'die  Gewalt’),  Tochter  des  Pallas  20 
und  der  Styx,  beständige  Begleiterin  des  Zeus, 
Schwester  des  Zelos  und  der  Nike,  sowie  des 
Kratos  (Hes.  Theog.  385.  Apollod.  1 , 2,4), 
mit  dem  sie  auf  Befehl  des  Hephaistos  den 
Prometheus  an  den  Felsen  schmiedet,  Aeschyl. 
Prom.  Pr  dl.  bes.  12.  Auf  Akrokorinth  hatte 
sie  neben  der  Ananke  ein  Heiligtum,  das  nicht 
betreten  werden  durfte,  Paus.  2,  4,  7;  vergl. 
Flut.  Thcmist.  21.  [u.  C.  I.  Gr.  4379°,  wo  sie  das 
Epitheton  svzsXrjg  führt.  Roscher.]  [Schultz.]  30 

Biadike  (=  Demodike),  Gemahlin  des  Kre- 
theus,  verleumdete  wegen  ihrer  unerwidert 
gebliebenen  Liebe  zu  Phrixos  diesen  bei  Atha- 
mas,  aber  Nephele  rettete  ihn,  Ilygin.  poet. 
astr.  2,  20,  wahrscheinlich  nach  Soph.  Phrixos. 
Welcher,  Gr.  Trag.  1,  317.  [Schultz.] 

Bianna  (BCavva) , eine  kretische  Jungfrau, 
nach  der  die  Stadt  Bienna  (Vienne)  in  Süd- 
gallien benannt  sein  sollte.  Infolge  einer 
Dürre  waren  die  Kreter  ausgewandert  und  zur  40 
Rhone  gekommen;  da  wurde  die  Jungfrau 
beim  Reigentänze  in  einen  Erdschlund  hinab- 
gerissen und  nach  ihr  die  neuerbaute  Stadt 
benannt,  Steph.  Byz.  s.  v.  Bisvvog.  [Schultz.] 

Bianor  (Bidviog,  Bigvcog),  1)  Kentaur,  auf 
ler  Hochzeit  des  Peirithoos  von  Theseus  er- 
schlagen, Ov.  Met.  12,  345.  — 2)  Troer,  von 
igamemnon  getötet,  Hom.  II.  11,  92.  — 8) 
i iiner  der  Krieger  des  Kyzikos,  fällt  im  Kampfe 
>’egen  die  für  Feinde  gehaltenen  Argonauten,  50 
Val.  Flacc.  3,  112  sq.  — 4)  ein  mantuanischer 
Jeros,  Sohn  des  Tiberis  und  der  Manto,  der 
Dichter  des  Teiresias  oder  Herakles,  (sonst  auch 
ilcnus,  Aucnus  (s.  d.)  genannt),  der  die  nach 
einer  Mutter  genannte  Stadt  Mantua  gegrün- 
let  haben  soll.  Nach  andern  war  er  ein  Sohn 
'der  Bruder  des  Auletes,  welcher  Perusia  grün- 
let  und,  um  nicht  mit  seinem  Bruder  in  Streit 
u geraten  Celsena  (Cesena,  Felsina),  d.  h.  das 
pätere  Bononia  erbaute.  Seinem  Heere  er-  eo 
aubte  er  Kastelle  zu  bauen , zu  denen  auch 
■lantua  gehörte,  Sero.  Verg.  Ecl.  9,  60.  Aen. 

0,  198.  [Schultz.] 

Bias  (Bia g rder  Bezwinger’,  von  ßi'a),  1) 
>obn  des  Amythaon,  der  Tochter  des  Pheres 
nd  der  Eidomene  (oder  der  Aglaia,  Eiod. 

, 68),  Bruder  des  Melampus,  in  Pylos.  Bias 
/arb  um  Pero , die  Tochter  des  Neleus, 


Biostrophe  786 

welche  nur  derjenige  erhalten  sollte,  der 
dem  Neleus  die  Rinder  des  Iphiklos  ver- 
schaffte. Da  dies  Melampus  für  Bias  tliat, 
se  erhielt  dieser  die  Braut.  Nach  andrer 
Sage  (Schol.  Od.  15,  236)  weigerte  sich  Ne- 
leus, wurde  aber  besiegt  und  mufste  Bias  die 
Tochter  geben.  Mit  Pero  zeugte  Bias  den 
Talaos  (Vater  des  Adrast),  Perialkes  (bei  Schol. 
II.  2,  565  ist  Talaos  Enkel  des  Bias  und  Sohn 
des  Perialkes),  Ijeodokos  (Laodokos),  Areios 
(Aretos),  Alphesiboia  (Alkesiboia  oder  Anaxi- 
bia),  Od.  15,  231  sqq.  mit  Schol.;  Theokr.  3, 
43  mit  Schol.  Apollon  Rhod.  1,  118  u.  Kat. 
d.  Arg.  Apollod.  1,  9,  11  ff.  Paus.  4,  36, 

з.  Ilygin.  f.  14  u.  51.  Schol.  Eur.  Phon.  150 

и.  422.  Eustath.  zu  Hom.  p.  1685,  10  sqq. 
Später  werden  Bias  und  Melampus  durch  Ne- 
leus vertrieben  und  ziehen  nach  Argos.  Hier 
heilt  Melampus  die  Töchter  des  Proitos  vom 
Wahnsinn  und  erhielt  dafür  für  sich  und  sei- 
nen Bruder  je  ein  Drittel  des  Landes  (nach 
Paus.  2,  18,  4 und  PHod.  4,  68  war  Anaxago- 
ras  damals  König) , zugleich  heirateten  die 
beiden  Brüder  Töchter  des  Proitos,  Bias  die 
Lysippe,  Od.  15,  225  sqq.  Herod.  9,  34.  Apol- 
lod. 2,  2,  2.  Paus.  2,  18,  4.  Schol.  Find.  Nem. 
9,  30.  Vgl.  TL  I).  Müller,  Mythol.  d.  griech. 
Stämme  S.  161  ff.  Deimling,  Leleger  S.  133. 
Hartung , Griech.  Myth.  2 S.  222.  Nach  Bias 
sollte  auch  ein  Flufs  in  Messenien  benannt 
sein,  Paus.  4,  34,  2.  — 2)  Sohn  des  Melam- 
pus und  der  lpliianeira  oder  Iphianassa,  der 
Tochter  des  Proitos,  Diod.  4,  68.  Schol.  Theokr. 
3,  45.  Apollod.  2,  2,  2.  — 3)  König  von  Me- 
gara,  Bruder  des  Kteson,  von  seinem  Neffen 
Pylas  erschlagen,  Apollod.  3,  15,  5.  Ilyg.  f. 
90  (1.  Bias  st.  Biantes).  — 4)  Sohn  des  Pria- 
mos,  Apollod.  3,  12,  5.  — 5)  Unterfeldherr 
des  Nestor  vor  Troja,  II.  296.  — 6)  Unter- 
feldherr des  Menestheus  vor  Troja,  II.  13,  69. 
[Schultz.]  Davon: 

Biantiades  (Biavziddgg),  Sohn  des  Bias  (Ta- 
laos), Apoll.  Rhod.  2,  63.  [Schultz.] 

Biblis  s.  Byblis. 

Bibractis,  altgallische  Göttin  auf  einer  In- 
schrift aus  der  Gegend  von  Luxemburg,  Orelli 
1973:  Deae  Bibracti  ||  P.  Capril.  Pacatus  j 
ITTTiI  vir  Augustal  ||  v.  s.  1.  m.  Nach  Orelli 
a.  a.  O.  fand  Millin  (Voyage  1 p.  338)  dieselbe 
Göttin  in  Autun,  d.  h.  in  oder  bei  dem  alten 
Bibracte.  Auch  die  Stadt  der  Reiner  Bibrax 
(Caes.  h.  g.  2,  6)  geht  auf  denselben  Stamm  zu- 
rück. Ebel  (bei  Fiele,  vgl.  Wörterb.  1 p.  695) 
bezeichnet  als  solchen  beblira  (eigentlich  braun) 
der  Biber,  wofür  noch  der  Umstand  sprechen 
würde,  dafs  auch  ein  Nebenflufs  der  Sequana 
celtisch  Biber  genannt  wurde  (Zeufs , gr.  O. 
p.  778).  Demnach  wäre  Bibractis  etwa  als 
Beschützerin  der  Biberjagd  aufzufassen. 

[Steuding.] 

Bidatas , Name  des  Zeus  in  Kreta,  nach 
Voretzsch  Hermes  4 S.  268.  273  = vsziog,  nach 
Schmidt  in  Kuhns  Ztschr.  12  S.  217  = ’ldr'i- 
xr\g.  [Crusius.] 

Bien »os  (Bisvvog),  einer  der  Ivureten,  nach 
dem  eine  Stadt  in  Kreta  benannt  sein  -sollte, 
Steph.  Byz.  s.  v.  Vgl.  Bianna.  [Schultz.] 

Biostrophe  (Bioozqocprj),  Amazone,  Gefahr- 


Boibos 


787  Bippos 


788 


tin  der  Penthesileia,  von  Achilleus  getötet: 
Tzetz.  Posthorn.  179.  [Klügmann.] 

Bippos  Inno? ?),  ein  Satyr  in  J.  de  Witte 
descr.  etc.  Par.  1836  n.  145,  s.  Keil  An.  p.  172 
(■ = r'lnnog  nach  G.  I.  Gr.  7460).  [Steuding.] 
Biris  ( Bigig  nach  Pape  = Iris),  eine  Göt- 
tin, deren  Bildsäule  auf  dem  Altar  zu  Amy- 
lilai  nahe  bei  denen  der  Amphitrite  und  des 
Poseidon  stand,  Paus.  3,  19,  3.  [Steuding.] 
Bisaltes,  1)  Vater  der  Theophane,  Ov. 
Met.  6,  117.  — 2)  Sohn  des  Helios  und 
der  Ge,  nach  welchem  Bisaltia  in  Makedonien 
benannt  sein  sollte , Steph.  Byz.  s.  v.  Bioal- 
x icc.  [Schultz.] 

Bisaltis,  Tochter  des  Bisaltes,  Theophane 
(s.  d.),  Ov.  Met.  6,  117.  Hyg.  f.  188.  [Schultz.] 
Biston  (Bioxi ov),  Sohn  des  Ares  und  der 
Kallirrhoe , einer  Tochter  des  Nestos , oder 
Sohn  des  Paion,  eines  Sohnes  des  Ares,  oder 
Sohn  des  Kikon,  oder  Sohn  des  Terpsichoros, 
Schol.  Apollon.  Bliod.  2,  704.  Steph.  Byz.  s.  v. 
BioxovCa , Et.  M.  s.  v.  Bioxovig.  [Schultz.] 
Bisyras  (Biovgag),  ein  thrakischer  Heros, 
und  zwar  nach  Theopompos  aus  der  Chersones. 
Hesych.  [Steuding.] 

Bitliynis  (Bi&vvi g),  Mutter  des  Amykos  (s.  d.), 
Apd.  1,9,20.  Schol.  PI at.  I.  796  A.  [Roscher.] 
Bitliynos  (Bt&vvög,  Bi&vg),  Sohn  des  Zeus 
oder  Phineus  oder  Odryses  und  der  Titanide 
Tlirake,  nach  welchem  Bithynien  benannt  sein 
soll , Steph.  Byz.  s.  v.  BiQ-vvia  u.  Aoloynor , 
Eustath.  zu  Dionys.  Perieg.  793.  App.  Mithr. 
1.  [Schultz.] 

Bithys  (Bi&vg  = Stürmer,  Geradedarauflos- 
geher  = iVvg  Pape),  Appian  d.  b.  Mithrid.  1 
= Bi&vvog  (s.  d.)  — Sohn  des  Ares  und  der 
Sete,  der  Schwester  des  Rhesos,  Steph.  Byz. 
s.  v.  Bi&vcu.  [Steuding.] 

Bitiae,  zauberkundige  scythische  Frauen, 
die  in  jedem  Auge  doppelte  Pupillen  haben, 
Apollon,  bei  Plin.n.  h.  7,  2,  17.  Solin.  1,  101. 
Vergl.  Ovid.  amor.  1,  8,  15.  Gell.  9,  4m. 

[Steuding.] 

Bitias,  Sohn  des  Alcanor,  Bruder  des  Pan- 
daros, mit  diesem  von  der  Iaera  erzogen,  ein 
Gefährte  des  Aneas,  von  Turnus  erschlagen, 
Verg.  Aen.  9,  672  sqq.  11,  396.  [Schultz.] 
Biviae  und  Bivii,  die  Gottheiten  der  Dop- 
pel- oder  Scheidewege  auf  Inschriften  aus 
Aventicum,  Orelli  389 : Bivis  ||  Tribuis  ||  Qua- 
drubis,  aus  Speier  2104:  Biviis  Triviis  ||  Qua- 
driviis  ||  ex  voto  suscepto  ||  posiit  Primus  Victor, 
v.  s.  I.  m.  und  aus  Langres  2105:  H.  D.  ||  IS 
(d.  h.  wohl  In.  h.  d.  d.  dis)  dea  [öws]  ||  Bi- 
vis. Trivls  ||  Quadrivts  ||  Aurel.  Victorinus  etc. 
aus  dem  Jahre  226  n.  Chr.  Wie  aus  der  Main- 
zer Inschrift  Orelli  1664:  Laribus  competalibus 
sive  Quadrivi  . . . hervorgeht,  sind  diese  mit 
ersteren  identisch,  so  dafs  also  die  Bivii  all- 
gemeiner den  Bares  viales  (s.  d.)  entsprechen 
würden.  Zu  vergleichen  ist  die  hervorragende 
Bedeutung  der  Kreuzwege  im  deutschen  Aber- 
glauben. [Steuding.] 

Blaesus,  Beiname  des  Battos  (s.  d.),  des 
Gründers  von  Cyrene,  Ovid.  Ib.  537.  Es  ist 
natürlich  Übersetzung  des  Namens  Battus  = 
der  Stammler.  [Steuding.] 


Blaudos  (Blccvdog) , der  Gründer  von  Blau- 
dos in  Phrygien,  Menekr.  bei  Steph.  Byz.  s.  v. 

[Schultz.] 

Blanirus  wird  Hygin.  f.  81  unter  den  Freiern 
der  Helena  aufgezählt,  doch  ist  die  Lesart  sehr 
zweifelhaft.  [Steuding.] 

Blasta  (oder  Blaste),  1)  vgl.  Hesych. : BXaoxä  • 
Blaotrj  Kvtzqioi  , doch  vermutet  M.  Schmidt 
dafür:  Bhx xxvr  Baalx lg  Kvtiqiol.  S.  Blatta.  — 
io  2)  = Bulxg  (s.  d.).  Suid.  s.  v.  Enigsvidyg. 

[Steuding.] 

Blatta  (Bläxrcc  oder  BXktxkI)  ist  nach  Laur. 
Lyd.  p.  24  ein  Name  der  Aphrodite,  nach 
31.  Schmidt  wohl  aus  Bacdtä  — Bcuxlxig  ent- 
standen. S.  Blasta.  [Steuding.] 

Blaudia,  Beiname  der  Mater  deum  magna 
auf  einer  Inschrift  aus  Celeia,  C.  I.  L.  3,  5194: 
M.  D.  M.  Blaudie  etc. ; doch  ist  wohl  mit 
Mommsen  dafür  Idaeae  zu  lesen.  [Steuding.] 
20  Blemys  (Blsgvg),  Eponym  der  Blemyer  (die 
nach  Schol.  TheoTcr.  7,  114  Troglodyten  sind), 
einer  der  drei  Unterfeldherrn  des  Deriades 
(neben  Orontes  und  Oruandes),  welche  gegen 
Dionysos  kämpften,  Steph.  Byz.  s.  v.  Blsgvsg. 
Von  Dionysos  besiegt,  erhält  er  Verzeihung 
und  wird  zum  Fürsten  der  Aithiopen  gemacht, 
Nonn.  17,  385ff.  Et.  M.  s.  v.  Blsnveg. 

[Schultz.] 

Blias  (Bhü g?),  Arkadierin  aus  Kyllene,  Mut- 
30  ter  des  Menephron,  der  mit  ihr  in  unzüchti- 
gem Verhältnis  gestanden  haben  soll,  Ov.  3Iet. 
7,  386.  Hygin.  f.  253.  [Schultz.] 
Bmervasegus,  Name  einer  celtischen  Gott- 
heit auf  einer  Inschrift  zu  Soure  sw.  von  Coirn- 
bra,  C.  I.  I.  2,  363:  Bmervasego  Marinianus 
etc.  Hübner  a.  a.  O.  denkt  an  D(eus)  Mer- 
(curius)  Vasecus;  da  jedoch  das  B sicher  ist, 
so  dürfte  darin  vielleicht  eine  Abkürzung  des 
Ban  von  Bandua  (s.  d.)  zu  vermuten  sein. 
40  Vergl.  auch  Bcantunaecus.  Über  die  Endung 
siehe  Bandiaeapolosegus.  [Steuding.] 
Boarmia  (Boaggia),  böotischer  Beiname  der 
Athene  als  Bespannerin  oder  Erfinderin  des 
Pflugs,  entsprechend  dem  der  Bovösra  bei  den 
Thessaliern,  Tzetz.  Lycophr.  520.  [Steuding.] 
Bocius  auf  einer  Inschrift  vom  Fuciner  See, 
Orelli  5827:  Titidia.  Tit.  f.  ||  Bocio  ||  d.  d.  d. 
cl.  I.  ||  m-  nach  Mommsen  I.  N.  5485,  Unterital. 
Dial.  p.  339  vielleicht  ein  sonst  unbekannter 
50  Gott  der  Sabiner,  möglicher  Weise  aber  auch 
als  cognomen  Bocio  aufzufassen  (vgl.  De- Vit, 
Onom.  s.  v.).  [Steuding.] 

Bodon  (BcoScov),  ein  Heros,  nach  welchem 
die  perrhäbische  oder  thessalische  Stadt  Bodone 
benannt  sein  sollte,  Steph.  Byz.  s.  v.  Bcodmrq. 

[Schultz.]  j 

Boedromios  (Boydgogiog  der  unter  Schlacht- 
ruf (hilfreich)  Herbeieilende,  Beiname  des  Apol- 
lon, Callirn.  h.  in  Apoll.  69  u.  Schol.,  Paus. 
60  9,  17,  2.  Etym.  31.,  Suid.,  Harpokr.  S.  oben 
S.  436,  22 ff.  [Steuding.] 

Boethoides  (Borj&oidgg),  des  Boethoos  Sohn 
= Eteoneus,  Horn.  Od.  4,  31.  15,  95.  140 
(hier  allein  stehend).  [Steuding.] 

Boibias  (Borßiccg),  die  Nymphe  der  Boißrjlg 
Ugvrp.  Schol.  Pind.  Pyth.  3,  59.  [Roscher.] 
Boibos  (Boißog),  Sohn  des  Glaphyros,  nach 
welchem  die  thessalische  Stadt  Boibe  benannt 


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789  Boios 

sein  sollte,  Steph.  Byz.  s.  v.  Boi'ßrj.  Schol.  II. 

2,  711.  [Schultz.] 

Boios  (Boios  oder  Boios),  ein  Heraklide,  der 
Gründer  von  Boiai  in  Lakonien , das  er  mit 
Kolonisten  aus  Etis,  Aphrodisias  und  Side  be- 
siedelte, nachdem  Aphrodite  durch  einen  unter 
Myrten  sich  verbergenden  Hirsch  den  Platz  für 
die  Gründung  bezeichnet  hatte,  Paus.  3,  22,  9. 
Vgl.  auch  C.  I.  Gr.  30G4.  [Schultz.] 

Boiotia  (Boiioti'cc)  , Gemahlin  des  Hyas  und  r 
Mutter  der  Hyaden,  Hyqin.  poet.  astr.  2,  21. 

[Schultz.] 

Boiotos  (Boicozös),  Sohn  des  Poseidon  und 
der  Arne  (s.  d.),  Biocl.  4,  67.  Schol.  II.  2,  494. 
Steph.  Byz.  s.  v.  Bouon'a;  oder  Sohn  des  Posei- 
don und  der  Antiope,  Hygin.  f.  157,  oder  Sohn 
des  Poseidon  und  der  Melanippe,  I)iod.  19, 
53.  Strabo  6 p.  265.  Hygin.  f.  186;  oder  Sohn 
des  Itonos  und  der  Melanippe,  Paus.  9,  1,  1. 
Steph.  Byz.  s.  v.  Boicoria.  S.  auch  Aiolos.  2 

[Schultz.] 

Bolbe  (Bölßrj),  die  Göttin  des  Sees  Bolßq 
oder  Ksqhivitis  am  Strymonischen  Meerbusen, 
von  Herakles  Mutter  des  Olynthos,  Heges.  bei 
Athen.  8,  11  p.  334  e.  Sonst  wird  letzterer 
auch  Sohn  des  Strymon  genannt.  S.  Olyn- 
thos. [Steuding.] 

Boline  (BoXivg),  eine  Jungfrau,  die  vor  Apol- 
lon fliehend  bei  der  gleichnamigen  Stadt  in 
Achaja  ins  Meer  sprang,  Paus.  7,  23,  3.  Et.  3 
M.  s.  v.  Bohvov.  [Schultz.] 

Bolvinnus,  ein  gallischer  Beiname  des  Mars 
auf  einer  Inschrift,  Bull.  d.  Inst.  arch.  1859 
S.  191.  Vergl.  Zeu/s,  gr.  C.  p.  140,  wo  BoX- 
yios  von  heia  (bellare)  abgeleitet  wird  (s.  Bela- 
tucader),  über  die  Endung  ebenda  p.  774. 

[Steuding.] 

Bona  Bea  ist  an  und  für  sich  eine  allge- 
meine Bezeichnung  für  eine  Heil  und  Segen 
spendende  Göttin.  In  Rom  aber  und  auch  im  4 
übrigen  Italien  wurde  unter  dieser  allgemeinen 
Bezeichnung  eine  bestimmte  Göttin  verehrt, 
deren  eigentlichen  Namen  auszusprechen  nicht 
erlaubt  war  (Serv.  Aen.  8,  314,  vgl.  unten). 
Wer  indes  diese  Göttin  war,  ergiebt  sich  aus 
Mythus  und  Kultus  (vergl.  im  Allgem.  aufser 
der  weiterhin  angeführten  Litteratur  Stoll  in 
Paulys  Pealenc.  s.  v.  Bona  Dea  und  Darem- 
berg- Saglio,  Dictionn.  des  antiquites  725  f . s.  v. 
Bona  Dea).  — Im  Mythus  tritt  Bona  Dea  5 
als  die  Tochter  oder  Frau  des  Faunus  auf. 
Der  Vater  stellt  der  Tochter,  von  Liebe  ent- 
brannt, nach;  aber  diese  widersteht  ihm  und 
giebt  auch,  von  ihm  durch  Wein  berauscht 
nicht  nach,  so  dafs  er  sie  mit  Myrtenzwei- 
gen züchtigt;  endlich  gelingt  es  ihm,  in  eine 
Schlange  verwandelt  ihr  beizuwohnen  (Macrob. 
sat.  1,  12,  24).  Die  Legende,  die  sie  als  Gat- 
tiu  des  Faunus  hinstellt,  erzählt,  dafs  sie  kun- 
dig aller  weiblichen  Wissenschaft  und  so  keusch  c 
gewesen  sei,  dafs  sie  nie  ihr  Gemach  verliefs, 
ihr  Name  nie  in  der  Öffentlichkeit  gehört 
wurde  und  sie  aufser  ihrem  Gatten  keinen 
Mann  sah  oder  von  einem  solchen  gesehen 
wurde  ( Varro  bei  Lactant.  I.  D.  1 , 22  und 
Macrob.  1,  12,  27.  Tertull.  ad  nat.  2,  9.  Serv. 
a.  a.  0.).  Weil  sie  heimlich  einen  Krug  Wein 
uisgetrunken  habe  und  berauscht  worden  sei, 


Bona  Dea  790 

habe  sie  ihr  Gemahl  mit  Myrtenruten  zu 
Tode  gepeitscht  und  nachher,  als  ihn  Reue 
erfafste,  zur  Göttin  erhoben  (Sex.  Clodius 
bei  Arnob.  5,  18:  rsexto  de  diis  graecoi’ , vergl. 
1,  13  und  bei  Lactant.  a.  a.  0.  Flut.  Q.  B.  20 
vergl.  dazu  Klausen,  Aen.  u.  d.  Pen.  851  f.). 
Ferner  bringt  die  Sage  die  Göttin  mit  Hercu- 
les in  Verbindung.  Als  dieser  mit  den  Rin- 
dern des  Geryon  nach  Italien  gekommen  war, 
machte  er,  vom  Wege  und  dem  Kampfe  mit 
Cacus  ermüdet  und  von  Durst  gequält,  am 
Velabrum  Halt;  da  hörte  er  das  Lachen  der 
Jungfrauen  und  Frauen,  die  in  dem  vom  Walde 
umschlossenen  Heiligtume  das  Fest  der  Bona 
Dea  feierten;  er  bat  um  einen  Labetrunk, 
aber  die  Priesterin  wies  ihn  zurück  und  ant- 
wortete, dafs  sie  ihm  den  Trunk  nicht  reichen 
dürfe,  da  das  Fest  der  Frauengottheit  gefeiert 
würde  und  Männer  von  den  Opfergaben  nichts 
geniefsen  dürften;  erzürnt  darüber  schlofs  Her- 
cules die  Frauen  von  seinem  Opfer  an  der  ara 
maxima  aus  (Varro  bei  Macrob.  1 , 12 , 28. 
Propert.  5,  9).  Preller,  R.  M.3  1,  399  hat  be- 
merkt , dafs  die  Legenden  sich  an  die  Ge- 
bräuche im  Kultus  der  Göttin  anlehnen  (auch 
Preuner , Ilestia-Vesta  410  erkennt  in  ihnen 
einen  Reflex  der  Kultusgebräuche).  Das  be- 
rühmteste Heiligtum  der  Bona  Dea  in  Rom 
lag  am  Aventin  unterhalb  des  sogen.  Saxum; 
eine  Vestalin  Claudia  hatte  dort  einen  Tem- 
pel erbaut,  den  Livia  erneuerte;  als  Stiftungs- 
tag galt  der  1.  Mai;  von  der  Lage  des  Tem- 
pels erhielt  die  Göttin  den  Beinamen  Sub- 
saxana  (Ov.  f.  5,  148  ff.,  vgl.  Cic.  de  domo  53, 
136.  Cornel.  Labeo  bei  Macrob.  1,  12,  21. 
Curios.  u.  Notit.  Urb.  p.  20  f.  Pr.  560  Jord. 
Becher,  Top.  454 f.).  Eine  früher  auf  Grund 
einer  Stelle  des  Ael.  Spartian.  v.  Hadr.  19 
angenommene  Verlegung  des.  Tempels  durch 
Hadrian  hat  nicht  stattgefunden  (Marucchi  im 
Bullet,  della  commiss.  arch,  com.  7,  1879  13.231). 
Das  Heiligtum  durfte  kein  Mann  betreten  ( Ovid . 
a.  a.  0.  und  a.  am.  3,  637.  Propert.  a.  a.  0.  26. 
53 ff.  Fest.  278s.  v.  religiosus.  Macrob.  1, 12,26); 
Frauen  versahen  den  Dienst  der  Göttin  (mit 
Propert.  a.  a.  0.  51,  Macrob.  1, 12,  28;  vgl.  C.  I. 
L.  6,  68.  2236  f.  2240;  die  Inschriften  2238 f. 
deuten  auf  ein  Kollegium  von  Priesterinnen 
mit  einer  magistra  an  der  Spitze,  vergl.  die 
magistrae  und  ministrae  der  Bona  Dea  in 
Aquileia  C.  I.  L.  5,  757.  759.  762  und  Ephem. 
epigr.  4,  872).  Das  der  Göttin  bestimmte 
Opfertier  war  das  Schwein , weshalb  Bona 
Dea  mit  Proserpina  und  Xfroviu  Eyuxzrj 
identificiert  wurde  (vergl.  Klausen  a.  a.  0. 
853);  ursprünglich  brachte  man  als  Opfer- 
gaben auch  Milch  und  Honig , wie  aus  dem 
Namen  lac  für  Wein  und  mellarium  für  den 
beim  Opfer  verdeckt  hingestellten  Weinkrug 
zu  schliefsen  ist;  über  dem  Bilde  der  Göttin 
wölbte  sich  eine  Weinrebe;  Myrtenzweige 
waren  aus  dem  Tempel  verbannt  ( Plut . a.  a.  0. 
Arnob.  5,  18.  Lactant.  a.  a.  0.  Macrob.  1, 
12,  23.  25).  Dieselben  Kultussatzungen  liegen 
dem  Feste  zu  Grunde,  das  in  Rom  im  Anfang 
des  December  gefeiert  wurde  (C.  D.  Hüllmann , 
De  orig.  Damii,  Bonn  1818  p.  14f.  Drumann, 
Gesch.  Roms  2,  204.  5,  502.  Marquardt,  Rum. 


791 


Bona  Dea 


Bona  Dea 


Staats- Venu.  3,  332).  In  dem  Hause,  das  in 
imperio  war,  also  des  Prätors  oder  Konsuls, 
versammelten  sich  zu  einer  nächtlichen  Feier, 
vorbereitet  durch  Enthaltsamkeit,  besonders  im 
geschlechtlichen  Verkehr,  die  vornehmsten 
Frauen  Roms  mit  den  vestalischen  Jungfrauen. 
Das  Haus  wurde  mit  Weinlauben  geschmückt, 
während  Myrtenzweige  auch  hier  verboten 
waren,  und  die  Frauen  selbst  schmückten  sich 
mit  Kränzen  und  Blüten.  Die  Frau  oder  Mut-  io 
ter  des  höchsten  Beamten  brachte  mit  den 
Vestalinnen  der  Göttin  ein  Opfer  für  das  Wohl 
des  römischen  Volkes  dar  (popularia  sacra  Mar- 
tial.  10 , 41 , 7 ; publicae  caerimoniae  Sueton. 
Caes.  6),  bestehend  in  den  angegebenen  Ga- 
ben. Kein  Mann  durfte  bei  der  Feier  zu- 
gegen sein;  man  fürchtete  Erblindung  als 
die  Strafe  der  Göttin  für  Verletzung  die- 
ses Gebotes;  selbst  alle  männlichen  Bild- 
werke wurden  verhüllt,  überhaupt  alles  Männ-  20 
liehe  entfernt,  der  Hausherr  mufste  während 
jener  Nacht  aufser  Hause  sein;  sogar  den 
Namen  der  Göttin  durfte  kein  Mann  hören 
{Cic.  ad  Att.  1,  12,  3.  13,  3.  5,  21,  4 eil.  6, 

1,  1.  15,  25.  ad  fam.  1,  9,  15.  de  domo  40, 
105.  har.  resp.  3,  4.  5,  8.  17,  37.  18,  38. 
Mil.  27,  72.  d.  leg.  2,  9,  21  eil.  14,  35  parad. 

4,  2,  32.  Tibull.  1,  6,  21  ff.  Tropert.  a.  a.  0. 

26.  52.  Liv.  epit.  103.  Senec.  ep.  16,  2(97),  2. 
luven.  2,  83ff.  6,  3 1 4 £f.  Flut.  Cic.  19 f.  28.  30 
Caes.  9.  Q.  B.  a.  a.  0.  Cass.  Dio  37,  35.  45. 
Arnob.,  Lactant.  a.  aa.  00.  Marquardt  a.  a.  0. 
Preller,  Rom.  Mythol.3  1,  402f.).  Den  Ursprung 
des  Opfers  setzte  die  Überlieferung  unter  die 
Könige;  es  geschah  incredibili  cacrimonia  und 
wird  als  sanctum , sanctissimum  bezeichnet; 
die  Göttin  selbst  wurde  Sancta,  Sanctissi- 
ma  und  Augusta  = Sancta  genannt  {Cic. 
har.  resp.  17,  ,37.  de  domo  42,  109.  Mil. 
a.  a,  0.  Orelli  1523.  G.  I.  L.  6,  69.  5,  756.  40 
761.  10,  5383).  Griechischer  Einflufs  (vgl. 

Stoll,  Daremberg-Saglio  a.  aa.  00.)  giebt  sich 
in  den  Namen  Damium,  Damia  und  damia- 
trix,  womit  das  nächtliche  Fest,  die  Göt- 
tin und  ihre  Priesterin  bezeichnet  wurden 
{Paul.  p.  68  Damium.  Placid.  p.  30,  12  u. 

33,  ]D.;  vgl.  Gloss.  Labb.  s.  v.)  zu  erkennen 
(vgl.  Damia).  Unter  dieser  Einwirkung  erhielt 
die  Feier  den  Charakter  eines  Lectisterniums 
( pulvinaria  Cic.  har.  resp.  5,  8.  Pison.  39,  95.  50 
Mil.  a.  a.  0.,  vgl.  de  domo  53,  136);  die  an  das 
Opfer  schon  zu  Ciceros  Zeit  sich  anschliefsende 
ausgelassene  Lustbarkeit  erinnerte  die  Alten 
in  ihren  symbolischen  Bräuchen  an  die  grie- 
chischen Mysterien  und  Orgien  und  veranlafste 
die  Gleichstellung  der  Göttin  mit  Kybele  und 
Seniele  {Cic.  ad  Att.  5,  21,  14.  15,  25.  Flut. 
Caes.  a.  a.  0.  Cic.  19.  Macrob.  1,  12,  23; 
über  den  Frevel  des  Clodius  vergl.  Drumann 
a.  a.  0.  2 , 205.  Preller  a.  a.  O.  403).  Die  eo 
höchste  Sittenlosigkeit  bei  dem  Feste  schildert 
luvenal  (a.  aa.  00.);  vgl.  C.  I.  Gr.  6206.  — 
Bei  dem  Volke  genofs  Bona  Dea  als  Heil-  und 
ländliche  Segensgöttin  eine  weitverbreitete 
Verehrung.  In  ihrem  Tempel  zu  Rom  befand 
sich  eine  Apotheke,  aus  der  die  Priester  innen 
Heilmittel  verabreichten;  man  verglich  sie  mit 
Medea  {Macrob.  1 , 12 , 26)  und  identificierte 


792 


sie  mit  Hygia  {Bonae  Deae  Hygiae  C.  I.  L. 
6,  72,  wo  Bona  Dea  nur  Epitheton  zu  Hygia 
ist,  Uenzen  im  Bullet,  d.  inst.  1864  p.  33  u.  63  f.) ; 
sie  erhält  das  Symbol  der  Schlange  (so  auf 
dem  Altar  C.  I.  L.  6,  55;  Flut.  Caes.  a.  a.  0. 
erwähnt  ein  Tempelbild  der  Bona  Dea  mit  einer 
Schlange) ; in  ihrem  Tempel  hielten  sich  Schlan- 
gen auf  {Macrob.  a.  a.  0.).  C.  I.  L.  6,  68 
wird  ihr  die  Heilung  von  Augenleiden  zuge- 
schrieben; aus  gleicher  Veranlassung  erhält 
sie  den  Beinamen  Oclata  d.  i.  oculata  {C.  I.  L. 
6,  75,  vgl.  Preller,  Aiisgeiv.  Aufs.  309f.  Det- 
lefsen  im  Bull.  d.  inst,  i 86 1 p.  177  ff.  Bruzza 
in  Ann.  d.  inst.  33,  1861,  387  f.).  Viel- 
leicht gehört  hierher  die  Bona  Dea  Lucifera 
{C.  I.  L.  6,  73),  falls  das  Beiwort  sie  nicht 
etwa  als  Geburtsgöttin  bezeichnet.  Auf  Kräf- 
tigung einer  Kranken  mufs  die  Widmung  Bonae 
Deae  Conpoti  {C.  I.  L.  6,  71)  bezogen  wer- 
den, auf  Befreiung  von  einem  Ohrenübel  die 
Dedikation  auribus  Bonae  Deae  = Bonae  Deae 
Auritae,  wie  Oclata  {C.  I.  L.  5,  759  u.  Momtn- 
sen  das.,  Jordan  bei  Preller  a.  a.  0.  404  A.  2; 
vgl.  auribus  Aesculapii  et  Hygiae  C.  I.  L.  3, 
986  und  Friedländer,  Sittengesch.  35,  539).  Es 
scheint,  dafs  auch  die  Bona  Dea  Restituta, 
die  im  pagus  Janiculensis  einen  Tempel  hatte, 
zu  deuten  ist  als  'Wiederherstellerin’  (vergl. 
Oclata,  Conpos)  und  mit  der  Wiederherstel- 
lung des  av entmischen  Tempels  (oben,  vergl. 
Preller  a.  a.  0.  402  und  Daremberg-Saglio 

а.  a.  0.)  nichts  zu  thun  hat  {C.  I.  L.  6,  65 
— 67,  gefunden  in  Trastevere , woher  auch 
die  Widmung  an  Bona  Dea  Ocl. , vgl.  Detlef- 
sen,  Bull.  1861  p.  178  f.  Marucchi  a.  a.  0.). 
— Der  Landmann  verehrt  Bona  Dea  als  Spen- 
derin der  Gaben  des  Feldes:  Augusta  Bona  Dea 
Cereria  {C.  I.  L.  5,  761,  vgl.  Bruzza  a.  a.  0.), 
Bona  Dea  Agrestis  Felix  (C.  I.  L.  6,  68);  vgl. 
auf  der  Widmung  C.  I.  L.  10,  4615  die  Bil- 
der eines  Landmannes  und  eines  Weibes  mit 
äpfelgefüllten  Körben;  vgl.  Damia.  Verwand- 
ter Art  mag  die  Bona  Dea  Nutrix  {C.  I.  L. 

б,  74)  sein.  Als  Schutzgöttin  eines  ganzen 
Gaues  lieifst  sie  Bona  Dea  Pagana  {C.  I.  L. 

5,  762,  vgl.  das.  1,  1279,  wo  magistri  Laver- 
neis  der  Bona  Dea  pagi  decreto  ein  templum 
errichten;  über  die  hiernach  von  Bergk  an- 
genommene enge  Verwandtschaft  von  Bona 
Dea  und  Laverna  vergl.  Damia);  unter  ihre 
Obhut  werden  bestimmte  Örtlichkeiten  ge- 
stellt {C.  I.  L.  6 , 67)  und  sie  erhält  von 
diesen  ihre  Beinamen:  Bona  Dea  Annianensis 
Sanctissima  d.  i.  des  Hauses  der  Annii  {C.  I. 
L.  6,  69.  Ephem.  epigr.  4 n.  722),  Bona  Dea 
Galbilla  d.  i.  der  horrea  Galbiana  {Ephem. 
epigr.  a.  a.  0.  n.  723a  und  Mommsen  das.,  vgl. 
den  Genius  horreorum  Galbianörum  G.  I.  L. 

6,  236),  Bona  Dia  castri  fontanorum  {C.  T. 
L.  6,  70);  nicht  zu  entscheiden  ist,  ob  die 
Bona  Dea  Sevina  {Orelli  1520)  in  gleicher 


1! 


In 


Weise  aufzufassen  ist.  Die  Götti  u beschützt 
ländliche  Arbeiten;  wegen  glücklicher  Voll- 


endung eines  Wasserlaufes  stellt  ein  redemptor 
der  Bona  Dea  Sanctissima  Caelestis  ein  Heilig- 
tum wieder  her  {Or.  1523,  wo  Preller  a.  a.  0. 
404  und  Uenzen,  Bull.  1864  a a.  0.  eine  späte 
Vermengung  mit  dem  Kult  der  Caelestis  an- 


793 


Bona  Dea 


Bona  Dea 


794 


nehmen,  vgl.  unten);  C.  I.  D.  10,  1549  löst 
der  Bona  Dea  ein  redemptor  marmorarius  ein 
Gelübde.  Aufser  den  angeführten  Zeugnissen 
beweist  noch  eine  ganze  Anzahl  von  Heilig- 
tümern und  Widmungen  die  Popularität  der 
Bona  Dea  in  ganz  Italien  (Kapelle  bei  Bovil- 
lae:  Cic.  Mil.  31,  86.  Ascon.  in  Mil.  p.  27 
Ii.  et  Sch.  Canina  in  Arm.  d.  inst.  25,  1853, 
185f.  Bormann , Altlat.  Chorogr.  162;  Ruinen 
eines  kleinen  Tempels  bei  Elci,  Bull.  ä.  inst,  io 
1881,  8 f . ; Orelli  686  ebenfalls  ein  etruskisches 
Heiligtum;  C.  I.  L.  5,  8242  Altar  der  Bona 
Dea  und  der  Parcen  aus  Arpiileia;  C.  1.  L. 

6,  53 — 76  aus  Rom,  darunter  Inschriften  von 
Altären  und  Kapellen;  C.  I.  L.  1,  1426.  9, 
684.  5421.  10,  1548.  5383.  5998);  in  Umbrien 
entspricht  ihr  die  Cupra  m ater  (vgl.  s.  v.);  fast 
gar  keine  Denkmäler  haben  wir  aus  den  Pro- 
vinzen (C.  I.  L.  8,  4509.  10765  eine  Bona  Dea 
Augusta;  eine  solche  auch  Bull.  d.  inst.  1850, 
155  f.).  Da  der  Name  Bona  Dea  ein  ganz  all- 
gemeiner ist,  kann  es  nicht  wunderbar  erschei- 
nen , dafs  derselbe  schliefslich  auch  anderen 
Göttinnen  beigelegt  wird  (Bona  Dea  Iuno 
Ephem.  epigr.  2 n.  649.  Bona  Dea  Caelestis 
C.  I.  L.  10,  4849.  Bona  Dea  Venus  Cnidia 
C.  I.  L.  6,  76;  vgl.  Preller  a.  a.  0.  404.  Uen- 
zen a.  a.  0.  G.  I.  L.  5,  760;  die  Bona  Dea 
Regina  Triumphalis  Bull.  d.  inst.  1864,  108 
erinnert  an  Iuno  Regina,  Isis  Regina  und  Trium- 
phalis); in  diesem  Sinne  wird  eine  Verstorbene 
als  Dea  Bona  Pia  bezeichnet  {Orelli  1527).  Bild- 
werke. Wir  kennen  zwei  durch  beigeschriebe- 
nen Namen  gesicherte  Bilder  der  Göttin,  die  sie 
als  sitzende  Frau  mit  einem  Füllhorn  darstellen: 
Münze  von  Pästum  Eckhel,  Doctr.  numm.  1, 
158,  abgeb.  bei  Gerhard,  Agatliodäm.  u.  Bona 
Dea  in  Abh.  d.  Berl.  Ali.  1847  Taf.  2,  7 = Ges. 
Abh.  Taf.  49  und  Daremberg-Saglio  a.  a.  0. 
Fig.  867;  und  eine  von  Marucclii  Di  una 
rara  statuetta  rappresentamte  la  Bona  Dea 
a.  a.  0.  p.  227  ff.  Taf.  23  publicierte  Sta- 
tuette aus  Albano,  vgl.  nebenstehende  Abbil- 
dung, bei  welcher  der  antike,  nicht  zugehörige 
Kopf  wegzudenken  ist;  das  Haupt  der  Sta- 
tuette war  verhüllt.  Ein  Teil  einer  sitzenden 
Frau  ist  erhalten  auf  der  Basis  C.  I.  L.  6,  72 
(oben;  vgl.  das.  61  ein  Marmorsessel);  zum 
Attribut  des  Füllhorns  vgl.  den  mit  Kränzen 
ius  Früchten  aller  Art  geschmückten  Altar 
T I.  L.  6,  54.  Macrob.  1,  12,  23  erwähnt  ein 
Bild  der  Göttin,  das  ein  sceptrum  in  der  Lin- 
ien hielt.  Willkürlich  nimmt  Gerhard  a.  a.  0., 
EtrusJc.  Gotth.  (Abh,  d.  Berl.  Ak.  1845  p.  524. 

49 f.  A.  73.  74  = Ges.  Abh,  1,  293.  319f.)  ~ 
md  Hyperbor.-röm.  Stud.  2,  81  f.  und  Saglio 
, a.  0.  eine  Reihe  von  Bildwerken  für  Bona 
dea  in  Anspruch;  ganz  unsicher  ist  die  Ver- 
mutung, dafs  die  Göttin  auf  einem  pompeia- 
jiischen  Gemälde  dargestellt  sei  (vgl.  Helbig,  eo 
Wandgem.  d.  St.  Camp.  n.  71;  falsch  war  es, 
venn  Premier,  llestia-V esta  240  dazu  neigte, 

>ei  der  auf  pompeianischen  Larenbildern  zwi- 
chen  den  Laren  stehenden  Figur  mit  patera 
tnd  Füllhorn  an  Bona  Dea  zu  denken,  da  hier 
tets  der  Genius  dargestellt  ist,  vgl.  Beiffer- 
cheid,  De  Darum  pictur.  Pompeianis  in  Ann. 

. Inst.  35,  1863,  121  ff.).  — • Deutung.  Aus 


Mythus  und  Kultus  geht  hervor , dafs  Bona 
Dea  die  Fauna  (Varroh.  Lactant.  a.  a.  0.  Ar- 
nob.  a.  aa.  00.)  oder  Erdgöttin  ist;  das  ist 
selbst  Cornelius  Dabeo  (bei  Macrob.  1,  12,  21) 
nicht  entgangen,  wenn  er  sagt,  dafs  Bona  Dea 
nur  eine  besondere  Form  der  Erdgöttin  sei, 
die  in  den  Pontifikalbüchern  unter  den  Na- 
men Fauna,  Ops  und  Fatua  angerufen  werde; 
in  diesem  Sinne  konnte  er  sie  mit  Maia  iden- 
tificieren.  Premier  (a.  a.  0.  409,  vgl.  313.  407) 
stellt  auch  Vesta  in  den  von  Labeo  genannten 
Kreis  von  Erdgöttinnen  und  gelangt  dadurch 


Bona  I)ea , Statuette  aus  Albano  (nach  Bulleltino  della 
commissione  comm.  VII  (1879)  Tf.  XXIII). 

zu  einer  nahen  Verwandtschaft  von  Bona  Dea 
und  Vesta.  Im  Mythus  erscheint  sie  als  die 
empfangende  Erdmutter,  die  im  Frühlinge, 
wo  die  Natur  von  Liebestaumel  ergriffen  scheint, 
vom  Erdgotte  befruchtet  wird  (Preller  a.  a.  0. 
385;  vgl.  Klausen  a.  a.  0.  853  f.),  und  als  das 
Ideal  der  altrömischen  Frau  (vgl.  Berglc,  Zwei 
Zauberformeln  bei  Cato,  Philol.  21,  1864,  599 


795  Bona  Dea 

Anm.  24  = Kleine  phüol.  Schriften  569  f.,  der 
im  Hinblick  auf  PUn.  n.  h.  28,  28  vermutet, 
dafs  man  sich  Bona  Dea  wie  die  deutsche 
Holda  auch  als  spinnende  Göttin  vorstellte); 
als  Frauengottheit  schlechthin  ( feminea  dea 
Propert.  a.  a.  0.  35.  ©scs  yvvcuxsicc  Varro 
bei  Macrol>.  a.  a.  0.  Flut.  Q.  B. , Caes. 
a.  aa.  00.  Cic.  19)  tritt  sie  in  Gegensatz  zu 
Hercules , vgl.  Bei  ff 'er scheid , De  Here,  et  Iu- 
none  düs  Italor.  coniugal.  in  Annali  d.  inst,  io 
39,  1867  p.  354.  358  und  Hercules.  F.  L.  W. 
Schwarte  erklärt  (N.  Jdhrb.  f.  Fh.  109,  1874, 
180  ff.  u.  Der  Ursprung  der  Stamm-  und  Grün- 
dungssage Borns  etc.  Jena  1878,  35)  im  Wider- 
spruche mit  dem  überall  deutlich  hervortreten- 
den Charakter  der  Göttin  als  Erdgöttin  Bona 
Dea  als  eine  Himmelsgöttin  und  stellt  den 
Mythus , der  von  ihrer  Besclileichung  durch 
Faunus  erzählt,  mit  einem  ähnlichen  von  Zeus 
und  der  Persephone  als  Mutter  des  Zagreus  20 
und  einem  anderen  von  Odhin  und  Gunlöd, 
wo  überall  das  Beschleichen  der  Göttin  durch 
eine  Schlange  sowie  der  'Göttertrank’  eine 
Rolle  spielt,  zusammen:  er  erkennt  hierin 
'Gewittermythen’  und  führt  deren  Ursprung 
zurück  auf  'die  Vorstellungen  eines  bei  den 
indogermanischen  Völkern  hervortretenden  al- 
ten, rohen  Glaubensatzes,  nach  welchem  man 
in  der  der  Welt  Beängstigung  bringenden  Ge- 
witterwolke ein  Wesen  erblickte,  welches  sich  30 
auf  die  Sonne  lagert,  indem  der  Sturmesgott 
in  Gestalt  des  sich  schlängelnden  Blitzes  zur 
Begattung  mit  derselben  in  den  Wolkenberg 
hineinschlüpft’  (Jdhrb.  181  f.) ; auch  das  Peit- 
schen mit  Myrtenruten  finde  in  dem  'mythi- 
schen Naturkreise’,  in  den  Schic  arte  die  Sagen 
verweist,  seine  Analogieen  (Jahrb.  182.  Ur- 
sprung 36  Anm.)  Der  im  Kultus  der  Göt- 
tin hervortretende  griech.  Einflufs  und  die 
gräcisierenden  Auffassungen  der  Alten  haben  40 
Motty,  De  Fauno  et  Fauna  s.  Bona  Dea  diss. 
Berol.  1840  p.  36  ff.  und  Gerhard  a.  aa.  00.  u. 
Gr.  Myth.  2 § 975  p.  289f.  verleitet,  das  echt- 
italische Wesen  der  Göttin  gänzlich  zu  ver- 
kennen; besser  hat  noch  Klausen  (a.  a.  0. 
849 ff),  trotz  seiner  mystischen  Deutungen, 
daran  festgehalten , dafs  Bona  Dea  eine  ita- 
lische Göttin  ist.  [R.  Peter.] 

Bonadie  (Bovadirf)  — Bona  Dea  (s.  d.)  C.  I. 
Gr.  6206.  [Roscher.]  50 

Bonus  Eventus.  Bonus  Eventus  gehört  in 
die  Reihe  derjenigen  römischen  Gottheiten, 
deren  Kult  in  jener  Periode  wurzelt,  als  Rom 
noch  vorwiegend  ein  ackerbautreibender  Staat 
war , und  die  daher  ursprünglich  eine  rein 
agrarische  Bedeutung  hatten , während  eine 
spätere  Periode  ihren  Wirkungskreis  erwei- 
terte und  auf  die  allgemeinen  Verhältnisse  des 
Lebens  ausdehnte.  Evenire  und  eventus  sind 
die  eigentlichen  Ausdrücke  für  das  glückliche  60 
Aufgehen  und  Gedeihen  der  Feldfrüchte  (vgl. 
Cato  de  agric.  141.  Paul.  p.  220),  und  demge- 
mäfs  ist  auch  der  Gott  Bonus  Eventus  von  vorn 
herein  speziell  eine  Gottheit  des  Landbaues; 
als  solche  führt  ihn  noch  Varro  (de  r.  r.  1, 

1,  6)  unter  den  12  Göttern  auf,  qui  maxime 
agricolarum  duces  sunt.  Jemehr  aber  der  Acker- 
bau im  Leben  des  römischen  Volkes  zurück - 


Bonus  Eventus  796 

trat , umsomehr  wurde  Bonus  Eventus  zum 
Gotte  jeglichen  glücklichen  Gelingens,  wie  uns 
das  die  Inschriften  zeigen  (vgl.  Mommsen, 
Arch.  Anz.  1860,  74*  f.);  wir  hören  von  einem 
Bonus  Eventus  profectionis  orientalis  et  redi- 
tus  augustorum  (C.  1.  L.  1560)  oder  einem 
Bonus  Eventus  legionis  I.  Italicae  (C.  I.  L.  3, 
6223);  man  macht  ihm  Dedikationen  pro  salute 
dominorum  nostrorum  u.  s.  w.  ( C . I.  Bhen.  983), 
ob  honorem  sacerdotii  (C.  I.L.  2, 1471),  wegen 
der  Entdeckung  eines  Bergwerks  (C.  I.  L.  3, 
1128)  u.  ähnl.  Wahrscheinlich  wurde  er  auch 
schon  in  früherer  Zeit  von  Staatswegen  ver- 
ehrt; wenigstens  findet  sich  sein  Kopf  mit 
Umschrift  auf  dem  Avers  der  um  700  u.  c. 
geprägten  Denare  des  L.  Scribonius  Libo 
(Cohen,  med.  consul.  pl.  36,  Scribonia  2;  vgl. 
Mommsen,  Böm.  Münzw.  p.  632,  247  c).  In 
der  Kaiserzeit  besafs  er  einen 
Tempel  auf  dem  Marsfelde  in 
der  Nähe  der  Thermen  des 
Agrippa  (Ammian.  Marc.  29, 

6,  19;  vergl.  Becher,  Topogr. 

6491’.).  Aufserdem  hören  wir 
von  mehreren  berühmten  Sta- 
tuen dieser  Gottheit,  welche  _ T, 

•■ne*  j.1*  i • p 1 n j.  Bonus  Eventus, 

öffentlich  m Rom  aufgestellt  Münzc  d Soribou’iui 
waren:  aut  dem  Lapitoi  stan-  Libo  ^oiien,  med. 
den  Bildnisse  des  Bonus  Even-  Cons.  pi.  36,  2). 
tus  und  der  Bona  Fortuna  von 
der  Hand  des  Praxiteles  (PUn.  36,  23;  s.  Aga- 
thodaimon),  und  eine  andere  Statue,  welche  den 
Gott  mit  einer  Schale  in  der  rechten  und  mit 
Ähren  und  Mohn  in  der  linken  Hand  darstellte, 
trug  den  Namen  des  Euphranor  (PUn.  34,  77). 
Natürlich  beruhte  bei  beiden  Werken  die  Be- 
zeichnung als  Bonus  Eventus  nur  auf  einer 
Umtaufung  einer  griechischen  Gottheit,  und 
man  hat  nach  der  Beschreibung  der  Statue 
des  Euphranor  wohl  mit  Recht  angenommen, 
dafs  ursprünglich  ein  Triptolemos  [oder  Aga- 
thodaimon;  s.  d.  u.  vergl.  Welcher,  Götterlefire 
3,  211,  1]  dargestellt  war  ( Boettiger , Vasen- 
gemälde 1,  2 p.  211  ft).  An  diese  oder  ähn- 
liche statuarische  Vorbilder  (speziell  an  die 
praxitelische  Statue  denkt  Urlichs,  observat. 
de  arte  Praxitelis  p.  4ff)  knüpfen  dann  die 
Darstellungen  des  Bonus  Eventus  an,  die  sich 
auf  Münzen  der  Kaiser  von  Galba  bis  auf  Gal- 
lien häufig  finden:  der  Gott  ist  als  nackter 
Jüngling  gebildet,  der  in  der  einen  Hand 
Ähren  hält,  in  der  andern  eine  Schale,  aus 
der  er  in  die  Flamme  eines  vor  ihm  stehen- 
den Altars  libiert  (Cohen,  med.  imper.  Galba  11, 
Titus  9,  Antonin  le  Pieux  491.  494.  Suppl.  57. 
58  u.  a.);  au-  die  Stelle  der  Ähren  tritt  zu- 
weilen ein  Füllhorn  (Cohen  a.  a.  0.  Antonin  le 
Pieux  492.  493.  495).  Ähnliche  Darstellun- 
gen begegnen  uns  dann  auch  auf  Gemmen 
(Müller- Wieseler , Denkmal,  d.  alt.  Kunst  2, 
944.  Bullet,  d.  inst.  1839,  107  n.  98),  Reliefs 
(Müller- Wieseler  2,  942),  in  kleinen  Bronzen 
(z.  B.  Friederichs,  Berlins  ant.  Bildw.  2 n.  2009. 
2010)  und  seltner  auch  in  Marmorstatuen  (Bul- 
let. archeol.  munic.  6,  1878  p.  205  ff  tav.  17, 
vgl.  die  verwandten  Statuetten  bei  Matz-Duhn, 
Antike  Bildwerke  in  Born  Bo.  306 — 310).  Aller- 
dings weichen  die  meisten  dieser  Darstellun- 


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3il 

3 


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797  Bonus  puer 

gen  von  den  Miinzbildern  insofern  ab,  als  sie 
den  Gott  nicht  völlig  nackt,  sondern  entweder 
unterwärts  oder  mit  einer  kleinen  Chlamys 
bekleidet  darstellen ; doch  ist  die  Deutung  des 
Reliefs  im  British  Museum  ( Müller- Wieseler  2, 
942)  durch  die  Inschrift  (früher  angezweifelt; 

, als  echt  C.  I.  L.  6,  144)  gesichert.  Ganz  ab- 
I weichend  endlich  ist  die  Darstellung  eines 
Votivsteins  an  Fortuna  und  Bonus  Eventus 
( C . I.  L.  7,  97) , auf  der  letzterer  einfach  als 
Jüngling  in  der  Toga  erscheint.  [Wissowa.] 

Bonns  puer  wird  ohne  Beifügung  von  Phos- 
! phortis  auf  den  Inschriften  C.  I.  L.  3,  1131. 
1134.  1137  und  8,  2665  genannt.  Siehe  Phos- 
phoros.  [Steuding.] 

Bootes  s.  Arkturos. 

Bopiennus,  ein  altgallischer  Gott  auf  einer 
j Inschrift  aus  St.  Bertrand  de  Comminges,  Dep. 
Haute-Garonne,  Or.-Henzen  5880a:  Bopienno 
deo  Monsus  Taurini  f.  v.  s.  [Steuding.] 

Borax,  ein  Hund  des  Aktaion,  Hyg.  f.  181. 
[vgl.  C[  I.  Gr.  8185  a u.  den  Artik.  Bores.  R.] 

[Schultz.] 

Boreaden  ( BogedcSca ).  1)  Zetes  und 

K a 1 a i s. 

Nach  übereinstimmender  Überlieferung,  wo- 
von Simonides,  Schol.  Apollon.  Arg.  1,  211 
und  Akusilaos,  Schol.  Odyss.  14,  633  die 
ältesten  Zeugnisse  für  uns  darbieten  (sämt- 
liche Stellen  bei  Stephani,  Memoir.  de  TAcad. 
i de  St.  Petersb.  7.  Ser.  Boreas  und  die  Borea- 
' den  S.  15  Anm.  2),  gebar  Oreithyia,  nachdem 
sie  von  Boreas  in  seine  thrakische  Heimat  ent- 
] führt  war,  demselben  zwei  Söhne  Zetes  und 
Ealais.  Aus  der  Umarmung  zweier  Windgott- 
heiten (s.  Boreas)  in  dunkler  Wolkenhülle  ent- 
sprossen, Apoll.  Bhod.  Arg.  1,  218  sind  sie 
natürlich  auch  Windgötter.  Indessen  ist  die 
Ansicht  Mannhardts,  Wald-  u.  Feld-Kulte  206 
wahrscheinlich , dafs  Zetes  und  Kalais  schon 
vorher  als  Windgötter  vorhanden  waren,  ehe 
sie  dem  Mythos  vom  Raub  der  Oreithyia  ein- 
verleibt und  zu  Söhnen  derselben  gemacht 
wurden.  Damit  stimmt  auch  die  Ansicht  Startes 
'überein  Annal.  delV  Inst.  32  p.  337,  dafs  die 
Boreaden  unmittelbar  aus  sprachlichen  Aus- 
drücken, welche  die  Macht  des  Boreas  im 
Pluralis  bezeichnen,  wie  ftvellcu,  nvoaxl,  del- 
icti., Aquilones  entstanden  seien.  So  gebrauche 
Aeschyl.  Brom.  sol.  frg.  209  Bogedöctg  ygsi g 
Tcgbg  nvoctg  schon  das  Patronymikon  für  das 
^Adjektiv  Bogiiog.  So  führt  Stark  auch  den 
Gegensatz  im  Wesen  der  Boreaden  auf  die 
sich  in  ihnen  manifestierende  Doppelnatur  des 
Boreas  zurück.  Schon  das  Schol.  Pind.  Pyth, 
4,  181  erklärt  ihre  Namen  folgendermafsen: 
I'g mg  zi x ovoficeza  nsnoiryitvct  and  zov  nazgbg, 
oiov  Zctfjzyv  zov  dyotv  aovzct  v.a.1  nviovzct,  l 
\Kctlctiv  oiov  Huldig  etovzet , also  £ rjzgg  — £a- 
ar;zr]g,  nuluig  von  Hctlog  und  ebenfalls  aryu 
(vergl.  Koscher,  Jahrb.  f.  Phil.  1877  S.  406): 
der  starkwehende  und  der  schön  Wetter  brin- 
gende. Auch  nach  Stephani  a.  a.  0.  S.  15 
repräsentiert  der  eine  die  heftigeren,  der  an- 
dere die  ruhigeren  Strömungen  des  Nord- 
winds. 

Als  Heimat  der  Boreaden  wird  nach  dem 
Obigen  übereinstimmend  Thrakien  angegeben 


Boreaden  798 

(Stellensammlung  bei  Stephani  a.  a.  0.  S.  15). 
Dort  wurden  sie  nach  Silius  It.  Pun.  8,  514 
in  der  väterlichen  Höhle  auferzogen.  Erst 
Ovid.  Met.  6,  712  nennt  sie  Zwillinge.  Im 
übrigen  zeigen  sie  vorzugsweise  die  Eigen- 
schaften des  Vaters,  besonders  seine  Schnel- 
ligkeit, Theogn.  716  convzegog  nctidatv  Bogsco; 
Bio  Qhrys.  Or.  4 p.  179;  wie  er  stürzen  sie 
vom  Äther  herab  ■netz’  ulQ-egog  ui%uvzs  Apoll. 
Ith,  Arg.  2,  426;  von  Haupt  und  Nacken  wehen 
ihnen  die  dunklen  Locken  im  Winde  ib.  1,  222 
u.  Hygin.  fab.  14,  während  sie  auf  der  Vase 
Mon.  d.  Inst.  10,  8 lange  Haare  zu  einem 
Krobylos  aufgebunden  tragen.  Ebendaselbst 
sind  sie  bärtig  wie  bei  Ovid.  Met.  6,  715.  Ins- 
besondere aber  haben  sie  vom  Vater  die  Flü- 
gel , die  ihnen  nach  Ovid.  a.  a.  0.  erst  mit 
dem  Barte  wuchsen.  Apollodor  1,  9,  21.  3,  15,  2 
nennt  sie  im  allgemeinen  nzegcozovg , andere 
Schriftsteller  sprechen  von  Flügeln  am  Rücken, 
so  Pind.  Pyth.  4,  181:  megoiGiv  vtnzoc  neepgi- 
Kovzag  uycpco  nogtpvgeoig;  Lactant.  Narr.  fab. 
6,  8;  oder  von  Flügeln  an  den  Füfsen,  die 
von  leuchtenden  Punkten  glänzen , Apollon. 
Bh.  Arg.  1,  219  nach  Art  der  Flügelschuhe 
des  Perseus,  Eustath.  ad  Hom.  p.  1712,  23, 
oder  an  den  Schläfen  Orph.  Arg.  222;  oder 
auch  an  Kopf  und  Füfsen  zugleich , Hygin. 
fab.  14.  Damit  stimmen  auch  die  Vasenbilder 
überein  (München  no.  805,  abgeb.  ob.  S.  530), 
auf  welchen  sie  meist  zwei  grofse  Flügel  am 
Rücken  haben.  Auf  der  altertümlichen  Vase 
Mon.  d.  Inst.  10,  8 (abgebildet  unter  Horen) 
haben  sie  vier  grofse  Flügel  an  den  Schultern, 
das  eine  Paar  nach  oben,  das  andere  nach 
unten  aufgeschlagen,  dazu  an  den  Stiefeln 
ein  kleines  Flügelpaar.  Auch  ihre  Bekleidung 
schliefst  sich  in  der  Regel  an  Boreas  an:  kur- 
zer Chiton  und  hohe  Stiefel,  dazu  Schwerter 
oder  Lanzen,  vgl.  Stephani  a.  a.  0.  S.  21. 

Die  Hauptveranlassung  für  die  bildliche  Dar- 
stellung der  Boreaden  (9  Vasen,  aufgezählt  bei 
Stephani  S.  19;  vgl.  0.  Jahn,  Bh.  Mus.  6 p.  295) 
sowie  für  die  Erwähnung  der  Schriftsteller  bil- 
det ihre  Teilnahme  am  Argonautenzug 
(s.  cl.).  Ob  ihre  persönliche  Rüstigkeit  oder  ihre 
nördliche  Heimat  oder  die  mit  den  Boreaden 
und  Argonauten  zugleich  in  Beziehung  ste- 
hende Phineussage  (Stephani  S.  16)  diese  Sagen- 
verknüpfung herbeigeführt  habe , ist  schwer 
zu  sagen.  Das  Schol.  Apollon.  Arg.  1,  211 
giebt  verschiedene  Orte  an,  von  welchen  aus 
sie  sich  den  Argonauten  angeschlossen  haben 
sollten;  nach  Pind.  Pyth,  4,  181  rüstete  Bo- 
reas selbst  seine  Söhne  dazu  aus , und  nach 
Hyg.  fab.  14  versahen  sie  bei  der  Argonauten- 
fahrt das  Amt  der  toecharchi.  Die  hervor- 
ragendste , vielberühmte  That  der  Boreaden 
auf  dem  Argonautenzug  war  die  Befreiung  des 
Phineus  von  den  Harpyien.  Sie  gehört  zu 
den  ältesten  Gegenständen  der  griechischen 
Kunst  vgl.  Löschcke,  Arch.  Ztg.  39,  49.  Milch- 
höf er , Anfänge  d.  Kunst  in  Griechenland  58. 
165.  Schon  auf  der  Lade  des  Kypselos  und 
auf  dem  amykläi  sehen  Thronsessel  waren  die 
Boreaden  dargestellt,  wie  sie  die  Harpyien 
verjagten,  Paus.  5,  17,  11.3,  18,15.  Eine  Vor- 
stellung von  der  Art  dieser  Darstellungen  giebt 


io 

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60 


799  Boreaden 

etwa  das  altertümliche  Yasenhild  Mon.  d. 
Inst  a.  a.  0. ; vergl.  Flasch , Arch.  Ztg. 
38,  138.  Dafs  dem  Phineus  Kleopatra , die 
Schwester  der  Boreaden,  zur  Gattin  gegeben 
wurde,  geschah  vielleicht  erst  zugleich  mit 
der  Verknüpfung  der  Boreaden  mit  dem  Orei- 
thyiamythos  und  zur  Motivierung  der  von  den 
Boreaden  dem  Phineus  gewährten  Hilfe.  Eine 
Motivierung  anderer  Art  geben  Apollod.  1,  9, 
21  und  Serv.  ad  Am.  3,  209:  Phineus  habe 
die  Argonauten  gastfreundlich  aufgenommen 
und  ihnen  einen  Führer  zur  Fahrt  gegeben; 
zum  Lohn  dafür  hätten  ihn  die  Boreaden  be- 
freit. Derselbe  Apollodor  a.  a.  0.  aber,  so- 
wie Apollon.  JRliod.  2,  243  und  Valer.  Flacc. 
Arg.  4 , 432  führen  diese  Befreiung  auf  den 
Beschlufs  des  Schicksals  zurück  und  verzich- 
ten somit  auf  .jegliche  Motivierung.  Der  ur- 
sprüngliche, aber  durch  spätere  Zusätze  ent- 
stellte Ivern  der  Phineussage  enthielt  wohl  wie 
bei  Apollon.  Rh.  2,  262  ff.  nur  die  Mifshand- 
lung  und  Beraubung  des  alten,  bljnden  Phi- 
neus (wie  er  auch  auf  Vasenbildern  erscheint, 
s.  Flasch  a.  a.  0.)  durch  die  Harpyien  und  die 
Befreiung  desselben  durch  die  Boreaden,  welche 
die  Harpyien  verscheuchten.  Da  die  Har- 
pyien Gottheiten  des  Sturmes  und  Wirbelwindes 
sind,  welche  den  Himmel  verdunkeln  — eine 
heifst  Kslcuvco  • — so  ist  die  Deutung  des 
Phineus  von  Schwarte,  Urspr.  S.  199  und 
Mannliardt,  Avt.  Wald.- u.  Feld-Kulte  S.  95.  206 
auf  den  Himmel  oder  Himmelsriesen  sehr  wahr- 
scheinlich. Die  Speise,  welche  die  Harpyien 
dem  Phineus  rauben  und  besudeln,  ist  das 
Himmelslicht,  ein  Bild,  das  sich  aus  der  Vor- 
stellung der  Raublust  und  Gefräfsigkeit  der 
Winde  erklärt;  und  infolge  der  Bedeckung  des 
Himmelslichts  im  Gewittersturm  ist  Phineus 
blind.  Diese  Blindheit  war  also  nach  dem 
ursprünglichen  Sinn  des  Mythos  eine  Wirkung 
der  Harpyien,  da  der  Wind  blendet,  vgl.  den 
Art.  Boreas;  vielleicht  eine  undeutliche  Erin- 
nerung hieran  schreibt  seine  Blendung  all- 
gemein den  Göttern  Apollodor  1 , 9 , 21  oder 
dem  Iuppiter  Hygin.  19  zu.  Die  spätere  Sage 
jedoch,  welche  die  Blindheit  des  Phineus  nicht 
mehr  verstand , dichtete  eine  Verschuldung 
hinzu , die  entweder  in  der  Mitteilung  der 
Ratschlüsse  Iuppiters  an  die  Menschen,  Valer. 
Flacc.  Arg.  4,479.  Hyg.  f.  19  und  in  derVor- 
hersagung  der  Zukunft  Apollodor  1,  9,  21  oder 
in  der  Blendung  seiner  Stiefsöhne  bestanden 
haben  soll,  beidemal  mit  Anwendung  auch 
sonst  vorkommender  Motive.  Phineus  näm- 
lich soll  nach  Kleopatra,  von  welcher  er  zwei 
Söhne  hatte,  als  zweite  Gemahlin  Idäa  gehei- 
ratet haben.  Diese  verleumdete  ihre  Stief- 
söhne bei  ihm,  als  hätten  sie  ihr  Gewalt  an- 
thun  wollen,  und  Phineus  beraubte  sie  deshalb 
des  Augenlichts,  Apollodor  3,  15,  3.  Schol. 
Apoll.  Rh.  1,  211.  Diodor  4,  43,  114.  Orph. 
Arg.  669  ff.  Serv.  ad  Aen.  3,  209  (hier  Kleo- 
bule  statt  Idäa).  Da  nun  hinwiederum  für  die 
geblendeten  Söhne  der  Kleopatra  ihre  Oheime, 
die  Boreaden,  als  die  natürlichsten  Rächer  er- 
schienen, so  liefs  die  Sage  weiter  die  Bestra- 
fung und  Blendung  des  Phineus  durch  die 
Boreaden  vollziehen,  Orph.  Arg.  669 ff.  Diod. 


49J. 


801 


Boreaden 


Boreaden 


802 


4 , 44  oder  allgemeiner  durch  die  Argonauten 
Apollod.  3,  15,  3:  ein  vollständiger  Wider- 
spruch gegen  den  ursprünglichen  Sinn  der 
Sage,  nach  welchem  die  Boreaden  als  die  Be- 
freier des  Phineus  erscheinen.  Nicht  besser 
ist  die  Version,  welche  die  Blendung  des  Phi- 
neus dem  Boreas  selbst  zuschreibt,  Apollod. 
1,  9,  21.  Diod.  4,  44.  Serv.  ad  Aen.  3,  209 
(oder  auch  seine  Entführung  zu  den  Bistonen, 
Orph.  Arg.  680) , da  Boreas  damit  der  That 
seiner  Söhne , der  Befreiung  des  Phineus , ge- 
radezu entgegen  handelte.  So  wurde  zu  der 
ersten  motivierenden  Ausschmückung,  der  Blen- 
dung der  Stiefsöhne,  auch  noch  die  Rache 
durch  die  Verwandten  hinzugedichtet.  Für  die 
Verjagung  der  Harpyien  durch  die  Boreaden 
bietet  Apollon.  Rhod.  2,  262  ff.  den  ausführ- 

! lichsten  Bericht,  welchem  das  Vasenhild  Mon. 
d.  Inst.  3 , 49  entspricht , das  die  Scene  mit 
dem  Argonautenzug  in  Verbindung  bringt: 
die  Boreaden  bereiten  dem  Phineus  ein  Mahl 
und  stellen  sich  mit  Schwertern  dazu ; als 
nun  die  Harpyien  herbeistürzen , um  das 
! Mahl  zu  rauben  und  zu  besudeln , dringen 
i sie  auf  dieselben  ein , verfolgen  sie  hart 
und  hätten  sie  erreicht  bei  den  vgaoig  TR.co- 
Toig , wenn  nicht  Iris  dazwischen  getreten 
l wäre  mit  der  Verkündigung,  dafs  es  ihnen 
, nicht  erlaubt  sei , die  Harpyien  zu  töten,  und 
sich  dafür  verbürgt  hätte , dafs  sie  den  Phi- 
neus nicht  mehr  belästigten.  Hierauf  kehrten 
; die  Boreaden  zu  den  Argonauten  zurück  (vns- 
OTQicpov) , wovon  jene  Inseln  Strophaden  ge- 
] nannt  wurden.  Mit  dieser  Erzählung  stimmen 
auch  die  andern  überein,  am  meisten  Serv.  ad 
Aen.  3 , 209  und  Valer.  Flacc.  Arg.  4 , 500 ; 
doch  gehen  die  Angaben  über  den  Ausgang 
der  Sage  auseinander.  Nach  dem  Schol.  Apol- 
i Ion.  Rh.  Arg.  2,  297  soll  Hesiod  zur  Vermitt- 
lung den  Hermes  statt  der  Iris  eingeführt 
haben,  während  Val.  Flaccus  dem  Vater  der 
Harpyien,  Typhon,  diese  Rolle  zuweist.  Apol- 
' lodor  dagegen  (und  nach  ihm  Tzetzes  Chil.  1, 
217)  läfst  nach  einer  Version,  der  jedoch  Aku- 
i silaos  widerspreche,  die  Boreaden  bei  der  Ver- 
folgung umkommen  3,  15,  2:  zag  'AQnviag  did>- 
i uovzsg  ccniQ-avov ; nach  einer  andern  wenig 
stens  einen  davon  in  der  etwas  unklaren  Er- 
zählung 1,  9,  21:  „es  war  den  Boreaden  be- 
stimmt zu  sterben,  wenn  sie  die  Harpyien  nicht 
1 erreichten.  Bei  der  Verfolgung  fiel  die  eine 
in  den  Tigresflufs,  die  andere  kam  bis  an  die 
Eehinadischen  Inseln,  welche  jetzt  von  ihnen 
Strophaden  genannt  werden;  denn  hier  wandte 
sie  sich  (EGZQdcpg)  und  fiel  mit  dem  Verfolger 
vor  Anstrengung  nieder.“ 

Die  Bedeutung  der  Verfolgung  der 
Harpyien  durch  die  Boreaden  kann  nicht  zwei- 
felhaft sein:  es  ist  eine  griechische  Variation 
des  germanischen  Mythus  von  der  Verfolgung 
der  Trollweiber,  Holzfräulein,  weifsen  Frauen 
l durch  die  wilden  Jäger,  vgl.  Mannhardt , A. 
W.-  u.  F.-K.  95.  Roscher  führt  unter  Zustim- 
mung zu  dieser  Ansicht  Jalirb.  f.  Philol.  1877 

5.  406  eine  Stelle  aus  Wiesele  r,  Göttinger  Fest- 
rede v.  4.  Juni  1874  an:  „Wer  an  Ort  u.  Stelle 

i (d.  h.  zu  dem  heutigen  Kap  Karibsche  am  Bos- 
I porus)  kommt,  kann  erfahren,  dafs  hier  zwei 
Boscher,  Lexikon  der  gr.  u.  rüm.  Mythol. 


furchtbare  Orkane  wüten,  der  sogen,  schwarze 
und  der  weifse.  Jener,  bei  dem  sich  der  Him- 
mel mit  finsteren  Wetter-  und  Regenwolken 
bezieht,  ist  der  minder  starke.  Ihn  repräsen- 
tieren die  Harpyien,  deren  eine  Kelaino,  die 
dunkle,  heilst.  Der  heftigere  Orkan,  der  sog. 
weifse,  hat  seinen  Namen  daher,  weil  er  bei 
völlig  heiterem  Himmel  plötzlich  losbricht. 
Seine  Repräsentanten  sind  die  Söhne  des  Bo- 
reas, welcher  bei  den  Griechen  ständige  Bei- 
namen von  der  hellen,  trockenen  Witterung 
hat.“  Wir  haben  somit  hier  eine  Wiederholung 
der  Sage  von  der  Verfolgung  der  Oreithyia 
durch  Boreas,  nur  mit  dem  Unterschied,  dafs 
die  Verfolgung  hier  nicht  den  Sinn  der  Braut- 
werbung, sondern  durch  Hereinziehung  der 
Phineussage  die  Befreiung  des  letzteren  zum 
Zweck  hat. 

Sonst  wird  von  den  Boreaden  wenig  er- 
zählt: nach  Apollon.  Rhod.  1,  1304  nahmen  sie 
an  den  Leichenspielen  des  Pelias  teil  und  sieg- 
ten dabei  nach  Hygin.  fab.  273  in  der  Renn- 
bahn, während  sie  Schol.  Pind.  Olymp.  4,  26,  32 
bei  der  Leichenfeier  des  Thoas  besiegt  wur- 
den. Ihr  Tod  wird  gewöhnlich  auf  Herakles 
zurückgeführt,  der  sie  nach  der  Angabe  des 
Alcusilaos  bei  Apollod.  3,  15,  2 auf  Tenos  ge- 
tötet haben  soll.  Apollon.  Rh.  Arg.  1,  1298 
führt  dies  weiter  aus  mit  Angabe  des  Grun- 
des : Herakles  war  bei  der  Argonautenfahrt 
in  Mysien  zurückgeblieben  (vergl.  auch  Diod. 
4 , 44) ; die  andern  wollten  zurückkehren , um 
ihn  wieder  aufzunehmen,  aber  die  Boreaden 
verhinderten  es.  Dafür  sollte  sie  die  Strafe 
des  Herakles  ereilen:  als  sie  von  den  Leichen- 
spielen des  Pelias  zurückkehrten,  tötete  er  sie 
auf  der  Insel  Tenos  und  errichtete  ihnen  ein 
Grabmal  mit  zwei  Stelen  (eine  homerische 
Sitte  fi  14  und  Ameis  Anh.  z.  d.  St.)  , von 
welchen  die  eine  sich  — ein  Wunder  — beim 
Wehen  des  Boreas  bewegt  (die  Macht  des 
Nordwinds  auf  Tenos  erwähnt  auch  noch  Rofs, 
Inselreisen  1,  20).  Das  Schol.  zu  1300  u.  1304 
weifs  noch  vielerlei  andere  Gründe  für  ihren 
Tod  anzugeben,  die  alle  ohne  Bedeutung  sind; 
den  Tod  durch  Herakles  haben  auch  Senec. 
Med.  637.  Hygin.  fab.  14. 

2)  Aufser  Zetes  und  Kalais  werden  noch 
andere  Nachkommen  des  Boreas  genannt. 
Einmal  ebenfalls  von  Oreithyia  die  Töchter  Kleo- 
patra  und  Chione , Apollod.  3,  15,  1.  Schol. 
Apollon.  Rh.  Arg.  1,  211  ff.  Kleopatra , die 
schon  genannte  Gemahlin  des  Phineus,  sollte 
nach  Diodor  4,  44  von  den  Boreaden  aus  dem 
Gefängnis  befreit  worden  sein.  Bei  Sophokles 
Ant.  983  erscheint  sie  als  echte  Boreastoch- 
ter: sie  wächst  in  ferner  Höhle  unter  den  Stür- 
men des  Vaters  auf  und  gleicht  ihm  als  Bo - 
Qsdg  afimnog  an  Schnelligkeit.  Chione  drückt 
schon  in  ihrem  Namen  die  Beziehung  zu  Bo- 
reas aus,  wenn  auch  die  daran  geknüpfte  Er- 
klärung Forchhammers  Hellenika  S.  85  nicht 
zutrifft.  Die  Aufführung  einer  dritten  Tochter 
Chthonia  Schol.  Apoll.  Ith.  1,  211  beruht  wohl 
auf  einer  Verwechslung  mit  einer  gleichnami- 
gen Tochter  des  Erechtheus , vergl.  Stephani 
a.  a.  O.  4.  Nur  Schol.  Theolcr.  Id.  7,  76  nennt 
auch  den  Haimos  wegen  der  Nachbarschaft 

26 


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803  Boreas  (Naturerscheinung) 

des  gleichnamigen  thrakischen  Gebirgs  einen 
Sohn  des  Boreas  und  der  Oreitkyia.  Nicht 
ganz  zur  Personifikation  sind  die  Avgca  durch- 
gedrungen, welche  Quintus  Smyrn.  1,  684  als 
d'ocä  Boqscxo  d'vyctzQSs  anführt.  Einem  andern 
Ideenkreis  gehört  die  Apollonpriesterschaft  der 
Boreaden  bei  den  Hyperboreern  an,  von  wel- 
cher Diodor  2,  47  berichtet:  die  Boreaden  hät- 
ten dort  mit  der  Vorsteherschaft  am  Apollon- 
heiligtum auch  die  Herrschaft  verbunden. 
Aelian  de  nat.  anim.  11,  1 nennt  sie  Söhne 
des  Boreas  und  der  Chione,  drei  an  der  Zahl 
und  sechs  Ellen  grofs.  Der  Ursprung  davon 
ist  in  der  unten  S.  807  ausgeführten  nahen  Be- 
ziehung des  Boreas  zur  Gegend  des  Lichtauf- 
gangs und  zu  Apollon  zu  suchen.  Ebenso  sol- 
len nach  Kallim..  Hymn.  Del.  291  drei  Töch- 
ter des  Boreas  von  clen  Arimaspen  nach  Delos 
gekommen  sein,  um  Apollon  zu  verehren.  End- 
lich werden  Diod.  5,  50  noch  zwei  Söhne  des 
Boreas  von  verschiedenen  Frauen,  Butes  und 
Lykurgos,  erwähnt.  Butes  wurde  wegen  Nach- 
stellungen gegen  den  letzteren  verbannt  und 
siedelte  sich  auf  Naxos  an,  wo  er  ein  See- 
räuberleben führte  und  die  Koronis  raubte. 
Diese  Scene,  Butes  die  Koronis  raubend,  findet 
sich  nach  Stephani  a.  a.  0.  S.  23  auf  einem 
Terracottagefäfs  Taf.  I dargestellt,  Butes  mit 
grofsen  Flügeln,  Chlamys,  hohen  Stiefeln  und 
phrygischer  Mütze.  Auch  bezieht  Stephani 
S,  25  darauf  drei  Vasenbilder.  [Rapp.] 

Boreas  {Bogictg,  sr\g , BoQQccg,  über  die  For- 
men des  Namens  s.  Pape,  Handle.  Curtius, 
Etym ,4  S.  594.  Welcher,  A.  D.  3,  168)  fällt 
zunächst  mit  der  Naturerscheinung,  dem  Nord- 
wind, zusammen;  aber  auch  da,  wo  dieser  ohne 
mythologische  Beziehung  nur  als  Wind  er- 
wähnt wird,  wird  ihm  eine  so  spontane  und 
kraftvolle  Thätigkeit  beigelegt,  dafs  die  Per- 
sonifikation im  Mythus  von  selbst  daraus  her-  < 
vorging. 

1)  Boreas  als  Naturerscheinung. 

Homer  kennt  ihn  als  gewaltigen  Wind 
avEfiog  fis'yccg,  der  Menschen  niederwirft  x 200; 
er  rechnet  ihn  zu  den  starkstürmenden  Win- 
den , g E 525  und  nennt  ihn  cenQarjg 

scharf  wehend  | 253.  Er  wirft  sich  mit  sol- 
cher Wucht  auf  das  Meer,  dafs  sich  gewaltige 
Wogen  ans  Gestade  wälzen  und  der  Seetang 
ans  Ufer  geschleudert  wird  15;  W 214.  230;  ! 
wo  es  sich  um  Erregung  des  Meeres  handelt, 
wird  er  vornehmlich  genannt  wie  Al  394 ; He- 
siod  Op.  et  dies  507.  Nicht  minder  zeigt  sich 
seine  Macht  zu  Lande,  und  er  entwurzelt  hohe 
Eichen  und  mächtige  Fichten  unter  dem  Brau- 
sen des  Waldes,  Hes.  a.  a.  0.  509;  steinerne 
Mauern  stürzen  unter  seiner  Wucht,  Kallim. 
PL.  Hel.  25.  So  beschreiben  auch  die  Späteren 
seine  furchtbare  Gewalt,  Ovid.  Met.  6,  691  ff. 
Quint.  Smyrn.  8,  205.  Namentlich  wird  das  ( 
Stofsweise  seiner  Wirkung  hervorgehoben  durch 
den  Ausdruck  vno  ginyg  Boqscco  O 171.  T 359 
und  zwar  dachte  man  sich  nach  Anschauun- 
gen, die  sich  auch  sonst  über  das  Wesen  der 
Winde  finden  (vgl.  Koscher , Hermes  S.  19,  20) 
den  Windstofs  als  von  oben  herabfahrend  Bo- 
Qsao  hcctouE,  Kallim.  II.  Bi.  114,  sei  es  vom 
Himmel,  weshalb  er  cdO'Qriysvfjg  O 181.  T 359 


Boreas  (als  Person)  804 

und  cdQ'Qrjysvsxrjg  s 296  heifst,  oder  von  der 
Höhe  der  Berge,  denn  ßoQsag  bedeutet  ,, Berg- 
wind“ von  oqog  Curtius , EtyinA  350.  474. 
M.  Müller , sprachwissensch.  Vorles.  von  Bött- 
ger 2 2 , 9.  Ganz  ebenso  schildert  ihn  jetzt 
noch  Hofs,  Inselreisen  1,  20 : „mit  furchtbarer 
Gewalt  stürzte  der  Boreas  von  den  Gipfeln 
des  Berges  auf  unsere  kleine  Barke.“  Die 
Eigenschaft  grofser  Schnelligkeit  teilt  er  mit 
) anderen  Winden ; Homer  nennt  ihn  e 385 
%Qcanvog,  Hesiod  Theog.  379  ceOpriQonElEv&og ; 
die  Vergleichung  mit  ihm  dient  zur  Veran- 
schaulichung unübertroffener  Geschwindigkeit 

0 170.  Tyrt.  12,  4.  Quint.  Smyrn.  4,  552; 

ebenso  teilt  er  mit  den  andern  den  hellsau- 
senden Ton,  die  nvoiai  hyvQcci  E 526.  215; 

Quint.  Smyrn.  8,  243  nslddcov,  der  brausende. 
Er  weht  von  Thrakien  her,  dem  Lande  des 
Nordens,  Hesiod  op.  et  dies  506,  oder  vom  thra- 

) kischen  Hämos  Kallim.  H.  Di.  114,  weshalb 
er  bei  Homer  aufs  engste  mit  Zephyros  ver- 
bunden erscheint,  der  für  den  Standpunkt  in 
Kleinasien  ebenfalls  von  Thrakien  her  weht 

1 5,  wo  beider  Heimat  ist  W 230.  Boreas 

wird  deshalb  allgemein  als  der  thrakische  be- 
zeichnet, OQigY. iog  Hes.  op.  553.  Tyrt.  12,  4. 
Ibyc.  frg.  1.  Apollon.  Bhod.  1,  214.  1300.  2, 
426.  Theokr.  25,  89.  Als  Nordwind  ist  er  eisig- 
kalt, X.en.  An.  4,  5,  3.  Ovid  Met.  6,  711.  Trist. 
1,  2,  29;  deshalb  sein  Wehen  schmerzerregend 
Al  395.  Er  weht  regelmäfsig  zur  Herbstzeit 
concaQLvog  s 328.  346  und  bringt  Schnee 

£ 475.  O 170.  Ovid  Met.  6,  692,  dichtes 
Schneegestöber  T 258;  Hagel  O 170  und  Eis 
Hes.  op.  504  [daher  zu  Mallos  in  Kilikien  nu- 
yqsvg  genannt,  Arist.  vent.  p.  973a,  1 B.] ; 
überhaupt  Wolken  i 68;  Quint.  Smyrn.  8,^59. 
Tlieophr.  de  ventis  6 , auch  Regenwolken 
Theolcr.  25,  89.  Andrerseits  aber  wird  ihm 
auch  die  entgegengesetzte  Eigenschaft  bei- 
gelegt, die  Wolken  mit  derselben  Gewalt,  mit 
der  er  sie  herbeiführt,  zu  vertreiben  E 525. 
Verg.  Aen.  12,  367.  Ovid  Met.  6,  690.  1,  328. 
Val.  Flacc.  2,  516,  so  dafs  dadurch  der  Him- 
mel klar  wird,  Ovid  Met.  5,  285.  Boreas  führt 
also  auch  heiteres  Wetter  herbei  s 385  und 
weht  im  Sonnenschein  Ibyc.  fr.  1,  weshalb  er 
£ 253  Kcdog  heifst.  Dabei  wirkt  er  belebend 
und  erfrischend  wie  bei  dem  verwundeten  Sar- 
pedon  E 697. 

2)  Boreas  als  Person  aufgefasst. 

Diese  Züge  der  Naturerscheinung  bilden  die 
Grundlage  für  die  Personifikation.  Eine  Vor- 
stufe derselben  ist  die  alte  in  der  griechischen 
( Preller 2 1,  371)  wie  in  der  germanischen 
{Mannhardt , A.  W-  u.  F.-K.  S.  95.  99.  203) 
Mythologie  nachgewiesene  Vorstellung  des 
Windes  unter  dem  Bild  eines  Rosses.  Homer 
erzählt  T 221  ff.,  Boreas  habe  in  Gestalt  eines 
Rosses  mit  dunkler  Mähne  mit  den  Stuten  des 
Erichthonios  zwölf  Füllen  gezeugt,  welche 
über  das  Ährenfeld  liefen,  ohne  die  Halme  zu 
knicken,  und  über  die  Fläche  des  Meeres,  ohne 
einzusinken.  So  gebar  nach  Quintus  Smyrn. 
8,  242  die  Erinys  dem  Boreas  feuerschnaubende 
Rosse , deren  Namen  auf  Blitz  und  Donner 
hin  weist,  also  Gewitterrosse;  während  die  Rosse 
des  Erechtheus,  die  Boreas  mit  der  Harpyie 


805 


Boreas  (als  Person) 


Boreas  (als  Person) 


806 


erzeugt,  Nonn.  Dion.  37,  15B,  ebensowohl  auf 
die  sonst  bekannte  Roisnatur  der  letzteren 
zurückgeführt  werden  können.  Doch  könnte 
die  Sage  von  den  Stuten  des  Erichthonios  auch 
von  dem  Glauben  ausgegangen  sein , dafs  die 
Stuten  vom  Winde  geschwängert  werden  kön- 
nen, s.  Preller 2 1,  371,  wie  denn  neben  dem 
Westwind  besonders  auch  der  Boreas  für  einen 
i fruchtbaren  Wind  galt,  Plin.  N.  H.  17,  10. 
Theophr.  de  c.  pl.  2,  3,  1.  Eine  halbmensch- 
liche und  halbtierische  Bildung,  die  ebenfalls 
später  aufser  Gebrauch  gekommen  ist , hatte 
j Boreas  auf  dem  Kasten  des  Kypselos  Paus. 

5, 19, 1.  Er  hatte  daselbst  Schlangenschwänze 
statt  der  Fiifse,  wodurch  er  der  furchtbarsten 
der  Windgottheiten,  dem  schlangenfüfsigen 
i Typhon,  gleichgesetzt  und  ebenso  wie  durch 
I seine  Verbindung  mit  Erinys  in  die  Reihe  der 
Sturm-  und  Gewitterwesen  gestellt  wurde,  vgl. 
j Schioartz,  Urspr.  d.  Mythol.  37.  Die  mytholo-  20 
gische  Personifikation  aber  macht  ihn  entspre- 
chend seiner  alles  besiegenden  Gewalt  zu  einem 
Herrscher  und  König.  So  nennt  ihn  Pind.  Pyth. 

4,  181  ßaoikevg  dvsycov;  Nonn.  Dion.  39,  195 
giebt  ihm  alle  übrigen  Winde  zu  Dienern, 
wenn  er  auch  selbst  dem  Ruf  des  Zeus  zu  ge- 
\ horchen  hat  t 67  , und  um  ihn  noch  mehr  in 
; menschliche  Verhältnisse  zu  versetzen,  wurde 
' er  zum  König  eines  bestimmten  Landes  He- 
1 racl.  de  Incred.  28  ßccGilsvg  zmv  zoncov  säet-  30 
vcov.  Dieses  Land  war  natürlich  vor  allem 
Thrakien : Eustatli.  ad  Dionys.  Perieg.  424 
ßactZEvs  r)v  ©paaryg,  speziell  die  Landschaft 
i am  Strymon,  weshalb  er  ZzQvyoviog  Kall.  II. 

\ Del.  26  und  Sohn  des  Strymon  Schol.  Apoll. 
Bhod.  1,211  genannt  wird;  oder  am  Pangaion, 
wo  er  nach  Vater.  Flacc.  Arg.  1,  575  eine 
Burg  hat;  oder  er  heifst  Edonus  Verg.  Aen.  12, 
365,  Sithonius  Ov.  Her.  11,  13,  Odrysius  Sil. 
Ital.  Fun.  7,  570,  Geticus  Stat.  Tlieb.  12,  631,  40 
und  sogar  mit  Erweiterung  Thrakiens  zum 
Nordland  Scythicus  Luc.  Phars.  5,  603  (voll- 
ständige Stellensammlung  hierfür  bei  Stephani 
Memoir.  de  V Acad.  de  St.  Peter  sh.  7.  Ser. 
Boreas  und  die  Boreaden  S.  4).  Schliefslich 
gewinnt  aber  doch  wiederum  die  Mythenbil- 
1 düng  die  Oberhand,  indem  sie  ihn  an  die  Rhi- 
päischen  Berge  versetzt,  Val.  Flacc.  Arg.  2, 
516,  die  von  den  qu img  Bogsao  ihren  Namen 
haben  (s.  Preller 2 1,  369.  Roscher,  Hermes  20),  50 
und  in  das  hinter  denselben  liegende  Fabel- 
land der  Hyperboreer  (vgl.  M.  Müller,  sprach- 
\ wiss.  Vorl.  v.  Böttger  2,  9)  in  Hyperhoreis  mon- 
tibus,  unde  est  origo  venti  Boreae  Sero.  ad  Aen. 

10 , 350.  12 , 366.  Dort  war  der  eigentliche 
mythische  Aufenthalt,  die  Höhle  des  Boreas, 
Plin.  N.  H.  7,  10:  ab  ipso  Aquilonis  cxortu 
specuque  ejus  dicto,  quem  locum  yf/g  v.lii&Qov 
appellant  (die  von  Plinius  hier  genannten  Ari- 
maspen  sind  auch  sonst  mit  den  Hyperboreern  «0 
gleichbedeutend,  z.  B.  Kallim.  II.  Del.  291) 
und  Schol.  Apoll.  Bhod.  Arg.  1,  826  ßo&Qov 
txvificov  oDrjzrjQiov.  Schon  Sophokles  kennt  die 
Höhle  des  Boreas  als  den  Ort,  wo  seine  Toch- 
ter Kleopatra  erzogen  wurde,  Ant.  983 : zt/Xe- 
nÖQOig  ö’  iv  ccvzQOig  ZQcccprj  &veXXcugiv  tv  na- 
-rpwcag;  ebenso  bei  Sil.  Ital,  Pun.  8,  513  sein 
I Sohn  Kalais  Geticis  in  antris.  Bei  Kallim.  H. 


Del.  63  stellt  Ares,  während  er  auf  dem  Gip- 
fel des  thrakischen  Härnus  Wache  hält,  seine 
Pferde  in  die  siebengrottige  Höhle  GTiiog  tnzu- 
fiv%ov  Boqsuo,  und  von  Agatlionlj)  Ps.-Plut.  de 
fluv.  14,  5 wird  diese  Höhle  der  kälteste  Ort 
genannt.  Offenbar  ist  zunächst  an  eine  Berg- 
hohle  zu  denken,  der  Art,  wie  Vergil  die  Höhle 
des  Aeolus  beschreibt;  es  ist  der  Ort,  den 
sich  die  mythenbildende  Phantasie  ausdenkt 
10  als  Antwort  auf  die  Frage,  wo  denn  der  Wind 
4 sich  birgt,  wenn  er  plötzlich  verschwindet,  wo 
er  verbleibt,  bis  er  wieder  zu  wehen  beginnt. 
Wenn  aber  auch  in  der  griechischen  Mytho- 
logie, wie  in  der  indischen  und  germanischen, 
unter  der  Berghöhle,  eine  Wolkenhöhle  zu  ver- 
stehen sein  sollte,  vgl.  Roscher,  Hermes  21,  106. 
Schioartz,  Poet.  Naturansch.  2,  54  f. , so  wäre 
es  doch  wohl  die  Höhle,  wo  der  Wind  die 


Boreas  und  Oreithyia  (Vasenbild  nach  Gerhard, 
Etr.  u.  C.  V.  26;  vgl.  unt.  S.  808). 


W olken  verbirgt , wenn  er  sie  plötzlich  ent- 
führt , und  woher  er  sie  wieder  hervorholt, 
wenn  er  sie  hertreibt,  eine  Anschauung,  die 
sich  aus  der  Gleichsetzung  von  Wolke  und 
Rinderherde  (vgl.  Roscher  a.  a.  O.  44)  und  der 
ebenfalls  in  alten  Sagen  vorkommenden  Sitte 
diese  in  Höhlen  zu  bergen  leicht  ergiebt.  Die 
Gegend  des  tzizcqiviov  cnsog  ist  sodann  wohl 
auch  mit  den  sehr  altertümlichen  Ausdrücken 
gemeint,  mit  welchen  Sophokles  in  seiner  Orei- 
thyia den  Ort  bezeichnet,  wohin  Boreas  die- 
selbe entführt,  Frgm.  658:  sn  EG%ura  %D° 
vog  vvszog  ts  mjyocg  ovgavov  z’  avanzv^ag, 

26  * 


807 


Boreas  (als  Person) 


Boreas  (als  Person) 


808 


@oißov  nalcuov  y.rjTtov , indem  (oLV(x)7iTV%ttL 
gleichbedeutend  mit  (£nrd)[iv%os  sein  dürfte 
(vgl.  die  Ausführungen  Biltlieys,  Arch.  Ztg.  31 
S.  94),  und  die  tcxccra  i&ovog  dem  yrjg  nXsi- 
&qov  des  Plinius  entsprechen.  Es  ist  der 
Ort  im  äufsersten  Nordosten,  wo  die  Sonne 
sich  verbirgt  und  wieder  hervorkommt,  wo 
Tag  und  Nacht  sich  scheiden.  Deshalb  sind 
auch  Boreas,  Zephyros  und  Notos  bei  Hesioä 
Tlieog.  378  (vgl.  auch  869)  die  Söhne  der  Eos,  io 
welche  diese  dem  Astraios , dem  gestirnten  ^ 
Himmel,  geboren  hat,  weil  die  Winde  sich 
mit  Sonnenaufgang  und  infolge  dessen  erheben, 
Theophr.  de  vent.  15.  Ar  ist.  Met.  2,  5;  vgl. 
die  Beobachtung  von  Jio/'s , Inselreisen  1,  20: 
„als  der  Boreas , wie  gewöhnlich  nach  Son- 
nenaufgang, seine  Kraft  wieder  erneute.“  Da- 


er  in  Dunkel  gehüllt,  mit  fulvis  alis , und 
während  er  über  die  Berggipfel  schwebt, 
schleift  er  seinen  langen  Mantel  am  Boden 
nach,  dafs  der  Staub  auffliegt;  ein  grofsar- 
tiges  Naturbild , dessen  sämtliche  Züge  auf 
die  Wolken  deuten,  mit  welchen  er  im 
Sturm  einherfährt,  besonders  auch  der  Man- 
tel, s.  Roscher,  Hermes  S.  113.  Einen  sol- 
chen bis  auf  die  Füfse  reichenden  Mantel  hat 
er  auf  dem  Vasenbild  bei  Gerhard,  A.  V. 
152,  3,  während  ihm  sonst  der  für  seine 
rasche  Bewegung  geeignetere  kurze  Chiton 
eigen  ist.  Nach  einer  Nachricht  bei  Lukian 
Timon  54  stellte  Zeuxis  den  Boreas  bärtig, 


her  schreibt  sich  end- 
lich auch  die  Bezie- 
hung des  Boreas  zu 
Apollon,  dessen  Prie- 
sterschaft seine  Söhne 
bei  den  Hyperboreern 
und  seine  Töchter  auf 
Delos  verwalten  (siehe 
oben  S.  803). 

Erleichtert  wurde  die 
Personifikation  durch 
die  Neigung,  sich  die 
schnelle  Bewegung 
durch  die  Luft  als  ein 
Fliegen  zu  denken, 
weshalb  sämtliche 
Windgötter  z.  B.  am 
Turm  der  Winde  ( Mil - 
lin  G.  M.  Taf.  75 — 
77),  darunter  auch  Bo- 
reas, mit  Flügeln  ver- 
sehen wurden.  Dafs 
FI  o m e r noch  keine  be- 
flügelten Winde  kennt. 


Boreas  hält  Oreithyia  umfafst  (Vasenbild  nach  Monuments 
Grecs  I,  1874.  Taf.  2). 


mit  struppigem  Haar 
und  hinaufgezogenen 
Augenbrauen  dar,  dazu 
■uzccvädes  ßlsncov.  Da- 
mit stimmen  die  Va- 
senbilder vollkommen 
überein:  fast  immer, 
nur  mit  einer  Ausnah- 
me, erscheint  er  bärtig, 
mit  reichem,  oft  strup- 
pigem Haarwuchs,  vgl. 
Welcher  u.  Stark  a.  a. 
0. ; selbst  der  unter 
den  hochaufgezogenen 
Augenbrauen  hervor- 
dringende wilde  Blick 
ist  b.  Gerhard,  Etrur.  u. 
Campan.  Vasenbild.  26 
— 29  zu  erkennen;  s.  d. 
Abbildung  dieser  Berl. 
Vase  n.  1602;  ob.  S.806 
u.  vgl.  Welcher,  A.D.  3, 
173.  Es  ist  der  Ausdruck 
seines  wilden,  heftigen 


bemerkt  Vofs,  myth.  Br.  1,  37,  und  für  die  50  und  zornigen  Sinnes,  OvidMet. 6,  685ff.  Aeschyl. 


Beflügelung  des  Boreas  wären  wir  erst  auf  die 
späten  Zeugnisse  des  Ovid  Met.  6,  703.  Trist. 
3,  10,  45  u.  Val.  Flacc.  Arg.  1,  578  angewie- 
sen, wenn  nicht  die  attischen  Vasenbilder  der 
besten  Zeit  eintreten  würden , auf  welchen 
Boreas  stets  beflügelt  erscheint,  nicht  blofs 
an  den  Schultern,  sondern  meist  auch  an  den 
Füfsen  wie  Hermes,  s.  Welcher,  Annali  dell' 
Inst.  29  p.  207.  Stark,  Annali  32  p.  340. 


fr  gm.  275.  Denn  auch  geistig  bleibt  er  trotz  der 
Personifikation  ganz  die  Elementargewalt,  die 
er  darstellt,  und  erhebt  sich  nicht  zum  ethi- 
schen Charakter,  sondern  nur  zum  Temperament. 
Auch  die  Doppelnatur  des  Boreas,  vermöge  deren 
er  bald  finstere  Wolken  herbeiführt,  bald  sie 
wieder  verjagt  und  schönes  Wetter  bringt,  ist 
nach  der  Ansicht  Starks  auf  einem  merkwürdigen 
Vasenbild  Ann.  dell ’ Inst.  32  tav.  LM.  p.  332  ff. 


So  wird  er  auch  in  der  Plastik  mit  grofsen  co  (s.  d.  Abbildung  S.  809 f.)  zur  Darstellung  ge- 


Schulterflügeln  gebildet,  wie  auf  der  Akrote- 
riengruppe  von  Delos,  Furtwängler,  Arch.  Ztg. 
40,  339  (s.  u.  S.  811).  Seinem  gewaltigen  Flü- 
gelschlag schreiben  Ovid  und  Valerius  Flaccus 
a.  a.  O.  die  heftige  Bewegung  der  Luft  und  des 
Meeres  zu;  nach  Onomakritos  bei  Paus.  1,  22,  7 
verlieh  Boreas  sogar  dem  Musaios  die  Gabe 
des  Fliegens.  Bei  Ovid  Met.  6,  705  erscheint 


bracht.  Boreas  ist  hier  mit  doppeltem  Ange- 
sicht, das  eine  vorwärts,  das  andere  rückwärts 
gewendet,  dargestellt,  beidemal  bärtig,  jedoch 
ist  Bart  und  Haar  auf  dem  einen  Angesicht 
dunkler,  auf  dem  andern  heller.  Stephani  a.  a.  0. 
S.  12  Anm.  1 bestreitet,  dafs  das  Doppelgesicht 
diese  Bedeutung  haben  könne , und  sucht  es 
aus  der  Nachricht  Theophrasts  de  vent.  28  von 


1 809  Boreas  (u.  Oreithyia) 

einer  Doppelströmung  am  Euripus  zu  erklären, 
die  daselbst  ßogeae  und  naXiyßogecis  genannt 
werde.  Für  beide  Auffassungen  fehlt  es  wohl 
an  einer  Analogie;  dagegen  scheint  es,  als  ob 
das  Doppelgesicht  nach  griechischer  und  rö- 
mischer Anschauung  den  Windgottheiten  über- 
haupt zukäme,  so  dem  als  Doppelherme  dar- 
gestellten Windgott  Hermes  und  dem  Janus, 
der  ohne  Zweifel  auch  ein  Windgott  war, 
s.  Roscher,  Hermes  S.  125. 

3)DerMythus  vomRaub  derOreithyia. 
Jenes  heftige  Temperament  zeigt  er  ins- 
besondere in  dem  Mythus,  durch  den  er  in  die 
älteste  Landessage  Attikas  verflochten  ist  und 
dem  er  vornehmlich  die  Ausbildung  seiner 
mythischen  Persönlichkeit  durch  die  Darstel- 
lung in  der  Kunst  und  Poesie  verdankt.  Des 
Erechtheus  Tochter  Oreithyia  spielte  mit  ihren 
Gefährtinnen  am  Ufer  des  Ilissos , indem  sie 
tanzte  oder  Blumen  pflückte:  da  erschien  Bo- 
reas, raubte  die  Jungfrau  und  trug  sie  durch 


Boreas  (u.  Oreithyia)  810 

Hermann  praef.  17.  Am  bedeutendsten  ist  die 
Abweichung  von  der  attischen  Gestalt  der 
Sage  bei  Akusilaos:  er  läfst  sie  als  Kanephore 
auf  die  Akropolis  gehen  ftvovoav  r fj  noXiadi 
’A^rjvä  und  dort  von  Boreas  geraubt  werden. 
Ohne  Zweifel  aber  soll  diese  Version  durch 
Q-vovaa v nur  den  Namen,  der  deshalb  auch 
’Rgi&va  geschrieben  ist,  erklären,  s.  Welcher 
a.  a.  0.  S.  148.  Als  den  Ort,  wohin  Boreas 
die  Jungfrau  entführte,  nannte  Simonides, 
Pherekydes  und  Apollonias  Bhodius  den  Sar- 
pedonischen  Felsen  in  Thrakien , vielleicht 
wegen  des  Anklangs  dieses  Namens  an  ctg- 
7t<x£ü3 , Welcher  a.  a.  0.  S.  147.  Ovid  Met.  6, 
170  nennt  allein  die  thrakische  Völkerschaft 
der  Kikonen.  Von  den  näheren  Umständen 
bei  dem  Raub  ist  wenig  die  Rede:  die  in  der 
Erklärung  Platons  als  anwesend  genannte  Phar- 
makeia  bleibt  auch  nach  der  Deutung  Welchers 
a.  a.  0.  S.  152  ff.  noch  rätselhaft;  dagegen  sind 
auf  der  Münchener  Vase  376  anwesend  und  mit 


Boreas  (doppelköpfig)  verfolgt  Oreithyia  (Yasenbild  nach  Ann.  clell'  Inst.  32,  tav.  L.  M;  vgl.  S 808  Z.  61). 


die  Lüfte  fort  in  seine  thrakische  Heimat,  wo 
sie  seine  Gattin  wurde  und  ihm  die  beiden 
Söhne  Zetes  und  Kalais  gebar.  So  erzählte 
man  nach  Platon  Phaedr.  229  B die  Sage  in 
Athen,  welche  auch  Äschylos  und  Sophokles 
ihren  Tragödien  „Oreithyia“  zu  Grunde  legten, 
vgl.  Welcher,  a.  D .3  p.  155.  176.  Das  älteste 
Zeugnis  ist  die  Darstellung  auf  der  Lade  des 
Kypselos , Paus.  5,  19,  1:  Bogeag  ygizctKcog 
SlgeL&viav.  Sodann  beschäftigten  sich  die  älte- 
ren Dichter  und  Geschichtschreiber  damit:  Si- 
monides, Choirilos,  Pherekydes,  über  deren  An- 
sichten das  Schol.  Apollon.  Bhod.  Arg.  1,  211 
berichtet,  und  cler  Logograph  Akusilaos,  Schol. 
Odyss.  14,  533;  ferner  Apoll.  Bhod.  Arg.  1, 
211ff.  Apollodor  3,  15,  1 und  zahlreiche  Spä- 
tere (vergl.  die  Stellensammlung  bei  Stephani 
a.  a.  0.  S.  6,  7).  Die  Abweichungen  sind  im 
ganzen  nicht  von  Bedeutung:  statt  des  Ilissos 
nennt  Choirilos  den  Kephisos,  Simonides  viel- 
leicht den  Brilessos  (Hdschr.  ßgdiaaov,  was 
Welcher  a.  D.  3,  149  = ’llicaov  nimmt);  in 
der  Platonischen  Stelle  ist  der  Zusatz  r) 
’Ags Cov  nccyov  etc.  als  Glossen!  erkannt,  s.  C.  Fr. 


Namensinschrift  bezeugt:  Herse,  Pandrosos, 
Kekrops,  Aglauros,  Erechtheus.  Ovid  Met.  6, 
682  läfst  Boreas  zuerst  iu  aller  Form  um  sie 
werben , und  erst  wie  der  gegen  die  Thraker 
eingenommene  Vater  sie  ihm  versagt,  schreitet 
er  zornentbrannt  zum  Raub;  ohne  Zweifel  .nach 
Äschylos,  vgl.  Welcher  S.  176.  Völlige  Über- 
einstimmung mit  den  Schriftstellern  zeigen  die 
Vasen  mit  dem  Raub  der  Oreithyia,  welche 
vermöge  ihres  Stils  sämtlich  der  Zeit  nach 
den  Perserkriegen  angehören , vergl.  Stark 
a.  a.  S.  323.  Es  Anden  sich  hauptsächlich  zwei 
Momente  dargestellt:  auf  den  meisten  verfolgt 
er  die  fliehende  Oreithyia,  auf  andern  (München 
376  u.  Berlin  1602)  hält  er  die  Fliehende  mit 
unentrinnbaren  Armen  umfafst  (Beispiele  bei 
der  Gattungen  geben  obige  Abbildungen  S.  806  f.), 
vgl.  Welcher,  Annali  29  S.  207.  Stark,  Annal. 
32  S.  341.  Stephani  a.  a.  0.  S.  8 zählt  25  Vasen 
und  ein  Relief.  Die  Plastik  des  entwickelten 
Stils,  durch  eine  schöne  Gruppe  auf  Delos  ver- 
treten (hier  nach  der  Rekonstruktionszeichnung 
Furtwänglers , Arch.  Ztg.  40,  339  abgebildet, 
siehe  S.  811),  folgt  der  letzteren  Auffassung. 


811  Boreas  (Deutung) 

Eigentümlich  ist  die  Darstellung  bei  Welcher, 
a.  D.  5,  328  Tat.  21,  auf  welcher  Boreas  Orei- 
thyia  zu  Wagen  entführt. 

4)  Deutung  der  Mythen  des  Boreas. 

Das  räuberische  Wesen , die  Eigenschaft, 
Menschen  und  Dinge  mit  sich  fortzureifsen, 
hat  Boreas  mit  den  anderen  Winden  gemein. 
Von  einem  spurlos  Verschwundenen  sagte  man, 
die  frvsllcu  oder  usXXca  hätten  ihn  geraubt, 
und  die  Harpyien  sind  nach  Bedeutung  und 
Namen  (aQTCvux  eine  Participialendung  von 
aQ7t -ä£co  nach  TJsener,  Rhein.  Mus.  1868  p.  333) 
nichts  anderes  als  eine  Personifikation  der  da- 
hinraffenden  Stürme.  Diese  Raublust,  welche 
nicht  blofs  in  der  griechischen  und  römischen 
Mythologie  (vgl.  Roscher,  Hermes  39.  40)  son- 
dern auch  in  der  deutschen  ( Mannhardt , Ant. 
Wald-  u.  Feldkulte  S.  93ff.  Schwartz,  Poet. 
Naturanscli.  2 S.  53)  den  Windgottheiten  eigen 


ist  (auch  das  Schmausen  der  Winde  gehört 
dahin,  von  Boreas  W 200,  vergl.  Mannhardt 
a.  a.  0.  S.  94),  zeigt  Boreas  auch  sonst;  er  ent-  50 
führt  zur  Strafe  den  Phineus  im  Wirbelwind 
(ozQocpddeoßLv  usXXcug)  weit  fort  nach  Bisto- 
nien  und  überliefert  ihn  dort  seinem  Verder- 
ben, Orph.  Arg.  680,  oder  auch  den  Harpyien, 
Serv.  Aen.  3,  209;  oder  er  blendet  ihn  nach 
Apollod.  1,  9,  21.  Dioel.  4,  44.  Serv.  Aen.  3, 
209,  wie  der  Wind  in  der  mährischen  Sage, 
Mannhardt  a.  a.  0.  94;  die  Pitys  stöfst  er  aus 
Eifersucht  von  einem  Felsen  und  tötet  sie, 
Mythogr.  Gr.  ed.  Westermann  p.  381;  aus  glei-  60 
ehern  Grund  den  Hyakinthos , Myth.  Vat.  1 
n.  117,  so  dafs  er  allerdings  nach  dieser  Seite 
hin  wie  auch  andere  Winclgottheiten  ( Roscher , 
Hermes  S.  58)  einem  Todesdämon  nahezukom- 
men scheint,  wenn  man  ihn  auch  mit  Unrecht 
geradezu  zu  einem  solchen  gemacht  hat,  vgl. 
Welcher , a.  I).  3 , 166.  Auch  die  Sagen  von 
Rauh  und  Verfolgung  von  Jungfrauen  sind 


Boreas  (Deutung)  812 

auf  atmosphärische  Vorgänge  zurückzuführen. 
Wenn  Apollon.  Rhod.  1,  218  erzählt,  dafs  Bo- 
reas die  Oreithyia  in  einer  Umhüllung  dunk-  1 
ler  Wolken  umarmte,  woraus  die  Windgötter 
Zetes  und  Kalais  entsprangen;  wenn  er  sie 
nach  dem  Sophokleischen  Fragment  No.  658 
an  die  Quellen  der  Nacht,  des  Phoibos  alten 
Garten  trug,  und  sie  fortan  nach  Soph.  Ant.  983 
in  seiner  Windhöhle  mit  ihm  weilt;  oder  wenn 
io  Boreas  nach  Ps.-Plut.  de  fluv.  5,  3 aus  Lie-  I 
besbegierde  Chloris,  die  Tochter  des  Arkturos, 
raubt  und  mit  ihr  auf  der  Höhe  des  Niphan- 
tes,  des  Schneebergs,  der  deshalb  Boqsov  xoltt], 
des  Boreas  Ehebett,  heifst,  den  Sohn  Hyrpax 
erzeugt,  so  weisen  diese  mythischen  Lokalitä- 
ten ebenso  deutlich  auf  Naturereignisse  hin, 
wie  die  oben  angeführten  Sagen  vom  Beilager 
des  Boreas  mit  der  Harpyie  oder  mit  derWol-  I 
kengöttin  Erinys,  wovon  diese  die  Gewitter- 
bö rosse  gebiert.  Wenn  die  Winde  sich  tummeln 
und  einander  jagen,  so  verfolgt  in  der  deut- 
schen Sage  der  wilde  Jäger  d.  h.  der  Sturm 
die  fahrende  Frau , seine  Buhle , die  Winds-  / jj 
braut,  Mannhardt  a.  a.  0.  S.  93  f.  206.  Schwartz , 
Urspr.  159  und  Poet.  Nat.  2,  62:  Wenn  der 
Sturm  der  Windsbraut  nachjagt,  so  wird  das 

als  ein  Buhlen  und  Ent-  j 
führen  des  weiblichen  1 
Wesens  aufgefafst,  oder 
als  Brautzug,  Mann- 
hardt a.  a.  0.  39.  96.  li 
Denn  die  Winde  sind  >" 
buhlerisch  nicht  blofs  in 
der  deutschen  Mytho- 
logie, Mannhardt  a.  a.  0. 

S.  131. 171,  sondemaucli  i 

in  der  griechischen:  au-  <|. 

fser  den  genannten  Lie- 
besabenteuern wird  von 
Boreas’  Liebe  zu  Hya- 
kinthos, Mythogr.  Vat. 

1 n.  117,  zu  Chione, 
Aelian  de  nat.  anim. 

11,  1 und  zu  Pitys  er- 
zählt, der  personificier- 
ten  Fichte,  um  die  er, 
durch  ihre  Zweige  sau- 
send, wirbt,  Mythogr.  Gr.ed.  Westermann  p.  381, 
vgl.  M.  Müller,  Essays  2,  142.  Deshalb  wird  er 
auch  Porphyr,  antr.  nymph.  26.  28  eQconxog  ge- 
nannt und  mit  Hinweisung  auf  seine  Begünsti- 
gung der  Fruchtbarkeit  und  Zeugung  Tgoepigog. 

So  wäre  also  nach  Analogie  jener  griechischen 
und  deutschen  Sagen  Oreithyia,  wenn  sie  auch 
in  die  attische  Königsgeschichte  verwoben  ist, 
ursprünglich  ein  dem  Boreas  verwandtes  weib- 
liches Wind  wesen,  wie  es  leicht  aus  den  weib- 
lich gedachten  usXXca  und  entstehen 

konnte,  die  als  das  sanftere  Wehen  dem  civs- 
gog  zur  Seite  treten.  Darauf  scheint  auch  der 
Name  ’&qsi&vicc  hinzuweisen,  welcher  freilich 
verchiedene  Deutungen  erfahren  hat.  Schon 
das  Etym.  M.  p.  823,  43  erklärt  ’SIqsi&vicc 

71UQCC  TY]V  CQS L äoTlXTjV  XDCL  TO  ftvCO  , TO  OQflÖ), 
yivSTCll  (OQStövUX,  juxt’  SXTUGIV  TOV  o slg  (0, 
also  „Bergdurclistürmerin“.  Dieser  Erklärung 
sind  gefolgt  Welcher,  a.  D.  3,  154,  indem  er 
die  Dehnung  des  o zu  erklären  sucht  und  eine 


Boreas  Oreithyia  raubend,  Akroteriengruppe  aus  Delos;  vgl.  S.  810  unt.  (Arch.  Ztg.  40,  339). 


813 


Bormanicus 


814 


Boreas  (Kult) 

OPEI0TA  auf  einer  Vase  anführt,  Gerhard , 
a.  V.  3 S.  9;  Pott,  Kuhns  Zeitschrift  8,  435; 
Mannhardt  a.  a.  0.  S.  206 ; Stephani  a.  a.  0. 
6;  Meyer  in  Gurtius ' Studien  zur  griech.  u.  tat. 
Gramm.  5 , 93 : ’Slgsi&via  aus  ’Slgsai-d'via. 
WörnerS  Ableitung  von  töpiico,  sprachwissensch. 
Ahhdl.  aus  Curtius'  grammat.  Gesellsch.  1874 
p.  120  hat  wenig  Wahrscheinliches.  Welcher 
hat  jedoch  später  Griech.  G.-L.  3,  70  für  den 
ersten  Teil  des  Namens  eine  andere  Ableitung 
aufgestellt , von  opa> , opoopa.  Neben  diesem 
hat  freilich  ein  zweites  Verbum  &vco  wenig 
Wahrscheinlichkeit,  weshalb  Useners  Annahme 
I (Rhein.  Mus.  1868  p.  333)  einer  Nebenform 
oqs&co  zu  oqvvgi,  wobei  die  Endung  via  blofs 
als  Paiticipialendung  aufzufassen,  ansprechen- 
der ist.  Welcher  zog  die  Ableitung  von_  opw 
offenbar  deshalb  vor,  um  den  Namen  in  Über- 
einstimmung zu  bringen  mit  der  früher  von 
i ihm  a.  D 3,  156  aus  der  Erklärung  der  Hc- 
! siodischcn  Stelle  Op.  et  dies  547  ff.  hergeleiteten 
Bedeutung  der  Oreithyia,  die  mit  den  Bergen 
nichts  zu  thun  hat.  Es  wird  daselbst  ein  at- 
mosphärischer Vorgang  beschrieben,  wonach 
der  Boreas  die  fruchtbare  Morgenluft,  welche 
aus  dem  Flusse  Wasser  anzieht,  im  Windes- 
sturm , dvsfioio  ftvillr] , hoch  über  die  Erde 
j entführt.  Hierin  erkannte  W elcher  die  Ur- 
i sache  zur  Entstehung  des  Mythos  vom  Raub 
der  Oreithyia,  indem  er  sie  jener  Thyia  bei 
Herod.  7,  178  gleichsetzt,  der  Tochter  des 
Flufsgottes  Kephisos  in  Boiotien,  welche  den 
fruchtbaren  Morgenhauch  in  der  Flufsniede- 
rung  bedeute.  Diese  Erklärung  Welchers  hat 
lebhafte  Zustimmung  gefunden  von  Gerhard, 

> A.  V.  3,  9.  Stark,  Annal.  32  S.  332.  Preller 2 
2,  149.  Roscher , Herrn.  40.  Da  man  bei  die- 
ser Erklärung  doch  wohl  an  eine  sichtbare 
Erscheinung,  an  Wasserdünste  oder  Nebel  zu 
denken  hat  (Preller  a.  a.  0.:  „Oreithyia  ist  • 
der  Morgennebel“),  so  würde  damit  der  Orei- 
thyiamythos  in  die  Reihe  der  Nebelsagen  zu 
stellen  sein,  in  welchen  ein  Nebelfräulein  von 
einem  Jäger  verfolgt,  d.  h.  der  Nebel  durch 
i den  Wind  entführt  wird,  was  auch  von  Laist- 
, ner,  Nebelsagen  S.  113.  278  geschehen  ist.  Ab- 
gesehen von  den  sprachlichen  Unklarheiten 
I der  hesiodischen  Stelle,  welche  von  den  Er- 
klärern  verschieden  gedeutet  werden,  ist  daran 
zu  erinnern,  dafs  Hesiod  doch  wohl  zunächst 
; von  einer  Naturerscheinung  in  Boiotien  spricht. 
Ob  dieselbe  auch  auf  die  attische  llissosebene 
zu  übertragen  ist,  miifste  doch  erst  aus  alter 
oder  neuer  Beobachtung  erwiesen  werden,  in 
ähnlicher  Weise , wie  Laistner  seine  Nebel- 
sagen an  örtliche  Vorgänge  anknüpft.  Gegen 
die  Erklärung  Forchhammers , Hellenika  S.  85 
(Oreithyia  eine  „Heroine  der  Wasserdämpfe“) 
die  dies  zu  leisten  scheint,  s.  Welchers  Bemer- 
kungen a.  I).  3,  157.  Jedoch  schliefsen  sich 
die  beiden  Auffassungen  der  Oreithyia  als 
Wind-  oder  als  Nebelwesen  keineswegs  gerade- 
zu aus , da  diese  Erscheinungen  durch  den 
Mittelbegriff  Dunsthauch  in  einander  übergehen 
können  und  beide  Erklärungen  auf  demselben 
Prinzip  beruhen. 

5)  Kultus  des  Boreas. 

Am  entschiedensten  ist  die  Personifikation 


des  Boreas  in  seiner  Verehrung  durch  Gebet 
und  Opfer  ausgesprochen,  welche  auch  andern 
Winden  zuteil  wurde,  vergl.  Welcher,  Kleine 
Schriften  3,  57 — 63;  [Stengel  im  Hermes  1881, 
349  f. ].  Bei  Homer  W 195  wendet  sich  Achil- 
leus , da  der  Scheiterhaufen  des  Patroklos 
nicht  brennen  will,  an  Boreas  und  Zephyros 
um  Hilfe  mit  Opferversprechen  und  Spende. 
Viel  erwähnt  wird  die  Hilfe , welche  Boreas 
i auf  die  Anrufung  der  Athener  mit  Opfer  und 
Gebet  im  Krieg  gegen  Xerxes  leistete,  indem 
er  bei  Chalkis  die  persischen  Schiffe  vernich- 
tete, Herod.  7,  189.  Paus.  1,19,5.  Die  Athe- 
ner, sagt  Herodot  weiter,  schrieben  dies  ihrer 
Verwandtschaft  mit  Boreas  zu  und  errichteten 
ihm  den  auch  von  Platon  erwähnten  Altar 
am  llissos.  Ebenso  sollte  er  Megalopolis  von 
drohender  Eroberung  gerettet  haben,  Paus.  8, 
27,  14,  weshalb  er  dort  ein  Heiligtum  hatte 
und  mit  jährlichen  Opfern  wie  ein  rechter 
Gott  verehrt  wurde,  Paus.  8,  36,  6.  Thurioi, 
eine  athenische  Kolonie,  bewahrte  er  vor  der 
Kriegsflotte  des  Dionysios,  Ad.  V.  H.  12,  61, 
weshalb  ihn  die  Thurier  zu  ihrem  Ehrenbürger 
ernannten,  ihm  Haus  und  Grundstück  zuteilten 
und  ihm  jährlich  opferten.  Dafs  man  ihm 
aber  auch  zur  Beschwichtigung  seiner  vernich- 
tenden Gewalt  Opfer  darbrachte,  sehen  wir 
aus  der  Erzählung  Xenoph.  An.  4,5,3.  In 
Athen  scheint  nach  Hesych.  s.  v.  Bogsaogoi 
ein  Fest  für  Boreas  bestanden  zu  haben,  das 
besonders  in  einem  Schmaus  bestand,  vielleicht 
eine  Erinnerung  an  die  schmausenden  Winde; 
ob  anzunehmen  ist,  dafs  damit  auch  Gesänge 
verbunden  waren,  hängt  von  der  zweifelhaften 
Lesart  der  Stelle  ab , vgl.  Welcher , Kl.  Sehr. 
3,  58  mit  Stephani  a.  a.  0.  S.  2.  [Rapp.] 

Bores  (Boqrjs),  Hund  des  Aktaion,  Bergh, 
P.  L.  fr.  ad.  39,  9.  Apollod.  3,  4,  4.  Vergl. 
Borax.  [Steuding.] 

Borias,  auf  einer  Inschrift  zu  Pola  in  Istrien, 
C.  I.  L.  5,  7 : Euangelus  colonorum  Polensium 
Boriae  v.  s.  I.  m. , der  personificierte  heftige 
Nordwind,  der  noch  jetzt  in  diesen  Gegenden 
Bora  genannt  wird,  vgl.  Boreas.  [Steuding.] 

Borios  (Böpios),  beigeschriebener  Name  eines 
Meergottes(?)  auf  einem  bei  Toulouse  gefunde- 
nen Mosaik:  C.  I.  Gr.  6784.  [Roscher.] 

Bormanicus,  celtischer  Gott  einer  Heilquelle 
zu  Caldas  de  Vizella  bei  Guimaraens  in  der 
Nähe  von  Oporto,  wo  ihm  zwei  Inschriften 
geweiht  sind,  C.  I.  L.  2,  2402:  Medamus  Ca- 
mal(i ) Bormanico  v.  s.  I.  m.  und  2403:  C.  Pom- 
peius  Gal(eria)  Caturonis  f(ilius)  Rectugenus 
Uxsamensis  deo  Bormanico  v.  s.  p.  s.  etc.  Als 
Kultstätten  ähnlicher  Gottheiten  zu  betrachten 
sind  die  Städte  Borma  am  Rhein,  Bormanni 
in.  Gallia  Narbonensis,  Bormio  mit  dem  alten 
Martinsbad,  die  Aquae  Bormonis  jetzt  Bour- 
bon FArchambault  in  Bourbonnais,  Bourbon- 
Lancy,  Bourboule  und  die  Bormiae  aquae  (Cas- 
siod.  Var.  10,  29)  am  Bormia  (jetzt  Bormida 
in  Montferrat).  Vergl.  auch  die  Quellgotthei- 
ten Bormonia,  Borvo,  Borvonia.  Alle  gehen  auf 
den  Stamm  bor  = bar  wallen,  fervere  zurück,  der 
sonst  im  Celtischen  nicht  mehr  nachweisbar  zu 
sein  scheint , aber  germanisch  (Born  etc.)  in 
derselben  Bedeutung  erhalten  ist.  [Steuding.] 


815  Borraonia 

Bormouia,  celtische  Göttin  der  Heilquelle 
zu  Bourbon-Lancy  auf  einer  Inschrift  daselbst, 
Orelli  1794:  G.  Iulius  Eporedirigis.  f.  Ma- 
gnus pro  L.  Iulio  Caleno.  filio  Bormoniee  (jeden- 
falls = Bormoniae ) Damonae  vot.  sol.  Siehe 
Bormanicus.  [Steuding.] 

Bormos  {Bcoggog,  Bcogigog),  Sohn  des  Upios 
oder  Titias  (Tiriocg,  Trzvog,  Tizvog),  ein  Ma- 
riandyner,  ein  schöner  Jüngling,  der,  als  er 
einst  den  Schnittern  Wasser  aus  einer  Quelle  1 
holte,  plötzlich  verschwand  {vvgcpölgnzog  lies.), 
oder  auf  der  Jagd  umkam , und  dessen  Tod 
man  in  der  Erntezeit  mit  Klaggesängen  unter 
Begleitung  des  einheimischen  avlog  {ßcoggor) 
feierte,  Athen.  14,  3 p.  620a.  Poll  4,  7,  54. 
Schot.  Apoll.  Bhod.  1,  1126.  2,  780.  Schot. 
Aescli.  Pers.  937.  Schot.  Eustath.  zu  Dionys. 
Perieg.  791.  lies.  s.  v.  Bmngov.  Müller,  Or- 
chomenos  S.  293.  Dorier  1 S.  347.  Nauck  im 
Philol.  12  S.  646.  Welcher,  Kl.  Sehr.  1 S.  lOff.  2 
0.  Kämmet,  Uerakleotika  (Plauen  i.  V.)  S.  12  ff. 

[Schultz.] 

Boros  ( Bägog ),  1)  Sohn  des  Perieres,  Ge- 
mahl der  Polydora,  einer  Tochter  des  Peleus 
und  der  Antigone,  II.  16,  177.  Apollocl.  3, 13,  1 
(vgl.  die  abweichende  Genealogie  Apollocl.  3, 
13,  4).  — 2)  Sohn  des  Penthilos,  Enkel  des 
Periklymenos,  Vater  des  Andropompos,  Paus. 

2,  18,  7,  oder  Vater  des  Penthilos  und  Sohn 
des  Periklymenos,  Schot.  Platon,  p.  376.  — B)  3' 
ein  Maionier,  Vater  des  vor  Troja  von  Ido- 
meneus  getöteten  Phaistos  aus  Tarne,  II.  5, 
44.  [Schultz.]. 

Borvo , celtische  Gottheit  einer  Heilquelle 
auf  einer  Inschrift  bei  Orelli  1974,  1 und  einer 
solchen  aus  Bourbonne-les-Bains , das  selbst 
darnach  genannt  ist,  Or. -Benzen  5880:  Deo 
Apollini  Borvoni  et  Damonae  C.  Daminius 
Ferox.  civis  Dingonus.  ex  voto,  wo  Borvo  als 
Beiname  des  Apollo  Medicus  erscheint , der  4 
auch  sonst  bei  Heilquellen  verehrt  wurde 
(s.  Preller  Jordan,  R.  31. 3 1 p.  302,  1).  Vgl. 
Ann.  cl.  Inst,  archeol.  1845  p.  101  und  Bor- 
vonia,  Bormanicus.  [Steuding.] 

Borvonia,  celtische  Göttin  einer  Heilquelle 
auf  einer  Inschrift  bei  Orelli  1974,  von  der  er 
nur  die  Worte:  Borvoniae  et  Damonae  an- 
führt. Siehe  Borvo  und  Bormanicus. 

[Steuding.] 

Borysthenes  {BoQvG&svrjg),  Vater  des  Thoas,  5 
zu  dem  Artemis  die  Iphigeneia  entrückte,  An- 
ton. Lib.  27.  [Schultz.] 

Botachos  ( Bwraxog ),  Sohn  des  lokritos,  En- 
kel des  Lykurgos,  nach  welchem  der  tegea- 
tische  Demos  Botachidai  {Paus.  8,  45,  1 JTco- 
tuiCdcu)  benannt  sein  sollte,  Steph.  Byz.  s.  v. 
B(oxa%idcu.  [Schultz.] 

Botres  ( Bozqgg ),  Sohn  des  Eumelos  von  The- 
ben. Als  sein  Vater,  ein  eifriger  Diener  Apol- 
lons, einst  opferte,  verzehrte  Botres  das  Hirn  6 
des  Opfertiers,  ehe  es  auf  den  Altar  gelegt 
war,  wofür  ihn  sein  Vater  im  Zorn  mit  einem 
Feuerbrande  erschlug.  Apollon  erbarmte  sich 
des  wehklagenden  Vaters  und  verwandelte  den 
Knaben  in  einen  Vogel  Aeropos,  der  in  einem 
unterirdischen  Neste  brütet  und  immer  flattert, 
Anton.  Lib.  18.  [Schultz.] 

Botrys  {Bozqvg) , Sohn  des  Stapliylos , ein 


Branchos  816 

Assyrer,  Verehrer  und  Begleiter  des  Dionysos 
b.  Norm.  D.  18,  7 fl.  u.  ö.  [Roscher.] 

Braciaca,  celtisclier  Beiname  des  Mars  auf 
einer  Inschrift  aus  der  Nähe  von  Bakewell  bei 
Chester,  C.  I.  L.  7,  176:  Deo  3Iarti  Bracia- 
cae  Q.  Sittius  Caecilian{us)  praeflectus)  coh{or- 
tis)  1 Aquitano{rum)  v.  s.  In  Bezug  auf  den 
Stamm  des  Wortes  ist  vielleicht  der  Name  der 
Bracari  im  Westen  von  Hispania  Tarraconen- 
sis  zu  vergleichen.  Es  dürfte  derselbe  ent- 
weder auf  das  gräco-italische  brakio  = bra- 
chium  oder  auf  das  im  Celtischen  sonst  frei- 
lich nicht  nachweisbare  barlc  = schallen,  lär- 
men {Fiele,  vergl.  Wörterb.  3,  206)  zurückzu- 
führen sein.  Die  Ableitungssilbe  iac-  kommt 
in  gallischen  Namen  sehr  häufig  vor  {Zeufs, 
gr.  Gelt.  p.  806).  [Steuding.] 

Braisia  {Bgcuoia,  v.  1.  Bqccgi 'a),  Tochter  des 
Kinyras  und  der  Metharme,  Schwester  des  Ado- 
nis (s.  d.)  u.  Oxyporos  aus  Kypros.  Vom  Zorne 
der  Aphrodite  verfolgt , starb  sie  und  ihre 
Schwestern  Orsedike  und  Laogore  in  Ägypten, 
da  sie  Umgang  mit  fremden  Männern  gepflo- 
gen, Apollod.  3,  14,  3.  Mannhardt,  Wald-  u. 
Feldkulte  2 S.  283  versteht  die  Stelle  so,  dafs 
die  drei  Schwestern  sich  dem  Willen  der  er- 
zürnten Aphrodite  gemäfs  fremden  Männern 
preisgegeben  hätten  und  sieht  in  der  Sage 
eine  ätiologische  Begründung  der  beim  Ado- 
nisfest üblichen  Sitte.  [Schultz.] 

Branchiades  {BQayxuxSgg) , Beiname  des 
Apollon.  Metrod.  bei  Lactant.  zu  Stat.  Theb. 
3,  478.  S.  Branchos.  [Steuding.] 

Brancliidai  s.  Branchos. 

Brancliios  {Bquyxco g),  Beiname  des  Apollon, 
Orph.  hymn.  33,  7.  S.  Branchos.  [Steuding.] 
Branchos  (Bqdyxog),  der  Heisere,  vgl.  Et. 
M.  s.  v.  ßQay%ictt;(o  und  ßg6y%og , Schwenck, 
Etym.-mythol.  Andeut.  S.  157.  Stra.bo  p.  421. 
634.  Con.  33.  44.  Lactant.  zu  Stat.  Theb.  8, 198. 
Gesner,  Gomment.  Soc.  Gott.  4 p.  121.  Ionian 
antiquities  T.  2,  besonders  Müller,  Dorier  1, 
225  ff.  II.  Geizer,  de  Branchidis  Leipzig  1869. 
Preller,  Gr.  Myth.  I2,  226.  22,  482.  Branchos, 
ein  Prophet  zu  Didyma  oder  Didymoi  bei  Milet, 
18  Stadien  landeinwärts  vom  Vorgebirge  Posei- 
dion,  legte  daselbst  ein  Heiligtum  des  Apol- 
lon mit  ähnlichem  Kultus  wie  beim  delphi- 
schen Orakel  an;  der  didymäische  Apollon  ist 
mit  dem  delphischen  identisch  und  wird  auch 
Sshpivcog  genannt,  Strabo  p.  179.  Seine  anderen 
Beinamen  <MXcog  {Con.  33)  und  hh!i<nog  (. Plin . 
n.  h.  34,  75)  weisen  auf  seine  Beziehungen  zu 
Branchos  hin.  Dieser  nämlich,  ein  Sohn  des 
Delphiers  Smikros  und  einer  Milesierin,  wurde 
von  Apollon  geliebt,  und  mit  der  Gabe  der 
Weissagung  beschenkt.  Nach  Strabo  9 p.  421 
war  er  ein  Nachkomme  des  Machaireus  aus 
Delphi,  der  den  Neoptolemos  erschlug,  was 
sich  mit  der  andern  Angabe,  er  sei  ein  Sohn 
des  Smikros  aus  Delphi  gewesen,  wohl  ver- 
einigt. Wenn  er  endlich  geradezu  ein  Sohn 
des  Apollon  selbst  genannt  wird,  so  will  das 
eben  nichts  anderes  sagen,  als  dafs  er  seine 
prophetische  Gabe  dem  Apollon  verdanke. 

Alle  diese  Überlieferungen  vereinigen  sich 
dahin,  dafs  das  didymäische  Orakel  durch  sie 
in  eine  bestimmte  Abhängigkeit  von  dem  del- 


817  Brangas 

phischen  gesetzt  wird,  wie  dies  ganz  ähnlich 
bei  dem  benachbarten  klarischen  Orakel  durch 
die  Ehe  des  kretischen  Propheten  Rhakios  mit 
der  dem  delphischen  Gott  geweihten  Manto 
geschehen  ist.  — Der  Name  Branchos  deutet 
seine  Thätigkeit  als  Prophet  an  Quint.  Inst, 
orat.  11,  3 S.  305:  „Est  interim  et  longus  ct 
plenus  et  clarus  satis  Spiritus,  non  tarnen  fir- 
mae  intentionis  idemque  tremulus.  Id  ßgäyxov 
Graeci  vocant.  Dies  ist  genau  die  Stimme  en- 
thusiastischer Priester  und  Propheten“  Anm.  3 
bei  Mittler,  Dor.  1 S.225.  Welcher  zu  Seine  ende, 
etym.-myth.  And.  S.  334.  Conon  33  erklärt  den 
Namen  Branchos  aus  jenem  Traum , den  die 
Mutter  des  Branchos  bei  der  Geburt  hatte: 
„ott  o r\Xiog  avzrjg  diu  zov  ßgay%ov  üisjj- 
rjl&sP  Über  das  Alter  des  didymäischen  Ora- 
kels giebt  Paus.  7,  2,  4 die  Nachricht,  dafs 
es  älter  sei  als  die  ionische  Einwanderung, 
womit  sich  vortrefflich  die  Angabe  des  Strabo 
vereinigt,  dafs  das  alte  Miletos  eine  kretische 
Gründung  sei ; denn  von  Kreta  aus  verbrei- 
tete sich  der  Apollonkult  über  die  östlichen 
Küsten  des  Aegäischen  Meeres,  Müller,  Do- 
rier 1,  216ff. 

Die  nach  Branchos  patronymisch  benannten 
Brancliiden  versahen  den  Dienst  des  Heilig- 
tums, das  sich  grofsen  Ansehens  erfreute  und 
sehr  reich  war,  Herod.  1,  46.  92.  157.  2,  159. 
5,  36.  Con.  33.  Als  Xerxes  auf  seinem  Rückzug 
die  Tempel  der  griechischen  Städte  verbrannte, 
lieferten  die  Branchiden  die  Schätze  des  Got- 
tes aus , zogen  mit  den  Persern  davon  und 
wurden  in  Persien  angesiedelt,  Str.  634.  Die 
Strafe  des  Verrats  traf  erst  ihre  Nachkommen 
durch  Alexander  d.  Gr.,  der  sie  alle  töten  und 
ihre  Stadt  von  Grund  aus  zerstören  liefs,  Cur- 
tius  7,  28  ff.  Nach  der  persischen  Zerstörung 
wurde  das  Heiligtum  aufs  grofsartigste  wieder 
aufgebaut,  Strabo  a.  a.  0.,  wovon  noch  heute 
die  Ruinen  Zeugnis  geben.  Die  Ausgrabungen 
Newtons  haben  auch  Statuen  eines  sehr  alten 
Stils  zu  Tage  gefördert,  welche,  über  60  an 
der  Zahl,  den  heiligen  Weg  vom  Hafen  Panor- 
mos  zum  Tempel  umrahmten,  Newton,  Discov. 
at  Halicarnass  etc.  2,  2.  Overbeck,  Gr.  Plast. 
I3  S.  93  f.  Fig.  11.  Dieselben  stellen  übrigens 
nicht  Gottheiten,  sondern  männliche  und  weib- 
liche Personen  dar,  die  ihre  Statuen  dem  Hei- 
ligtum weihten.  Inschriften  und  Stil  weisen 
dieselben  der  Periode  vom  Ausgang  der  50er 
bis  in  die  zweite  Hälfte  der  60er  Olympiaden 
zu  (ungef.  540 — 510  v.  Chr.). 

Branchidae  hiefsen  jedoch  nicht  nur  die 
Priester,  sondern  auch  das  Orakel  selbst  und 
der  Ort  desselben.  [Weizsäcker.] 

Brangas  (Bgüyyczg),  Sohn  des  thrakischen 
Königs  Strymon,  Bruder  des  Olynthos.  Als 
dieser  auf  der  Jagd  durch  einen  Löwen  um- 
kam, liefs  ihn  Brangas,  wo  er  gefallen,  bestat- 
ten imd  benannte  später  die  Stadt  Olynthos, 
die  er  in  Sithonia  erbaute,  nach  ihm,  Conon 
4.  [Schultz.] 

Brar  oder  wahrscheinlicher  Br.  Ar..  Bei- 
namen des  Iuppiter  auf  einer  Inschrift  aus 
Brescia,  C.  I.  L.  5,  4233:  Iovi  Br.  Ar.  (nach 
Manutius,  oder  Brar  nach  liossi ) ||  P.  Apidius. 
i P.  L ||  Omuncio  ||  v.  s.  I.  m.  Labus,  Mann. 


Briareos  818 

Bresc.  p.  16  ergänzt  Brario.  Da  die  Inschrift 
zu  Brixia  gefunden  ist , dürfte  Br.  vielleicht 
zu  Brixiensi  zu  ergänzen  sein;  in  Ar.  ist  mög- 
licherweise Arubianus  enthalten,  das  ja  auch 
mit  dem  örtlichen  Beinamen  Bedaius  mehr- 
fach verbunden  ist.  [Steuding.] 

Brasennus,  jedenfalls  celtischerGott  auf  der 
Inschrift  eines  Säulenstückes  zu  Nobolum  bei 
Gardone  im  val  Trompia,  C.  I.L.  5,  4932:  Bra- 
senno  Sex  Valerius  Primus  1.  m.  [Steuding.] 
Brathy  (Bgct&v  oder  Bgd&v?),  bei  den  Pliö- 
nieiern  ein  die  Menschen  an  Gröf'se  weit  über- 
ragender (d.  h.  ein  baumlanger)  Sohn  der  <Z>4ö£, 
die  mit  ihren  Geschwistern  I>cog  u.  IIvq  das 
Feuer  durch  Reiben  von  Holzstücken  erfand, 
Phil.  Bybl.  fr.  2,  7 bei  Müller , fr.  1t.  gr.  3, 
566.  Nach  ihm  soll  der  Berg  gleichen  Namens 
in  Phönicien  genannt  sein.  Vielleicht  wird 
ßpd'frn  der  Sadebaum  wegen  der  Brennbarkeit 
seines  Holzes  und  wegen  Verwendung  dessel- 
ben als  Feuerbohrer  u.  dgl.  zum  Sohn  der 
Flamme  gemacht.  [Steuding.  | 

Brauron  (Bgavgwv)  , ein  Heros , nach  dem 
der  betr.  attische  Demos  benannt  sein  sollte, 
Steph.  Byz.  s.  v.  Bgavgc av.  [Schiritz.] 

Bremon  (Bgipcov),  Kreter  aus  Lyktos,  von 
Aineias  getötet,  Quint.  Sm.  11,  41.  [Stoll.] 
Bremusa  (Bgipovoa),  Amazone,  von  Idome- 
neus  erlegt,  Quint.  Sm.  1,  43.  247.  [Stoll.] 
Brentos  ( Bgevzog ),  Sohn  des  Herakles,  nach 
welchem  Brentesion  (Brundusium)  am  Adriati- 
schen Meere  benannt  sein  sollte,  Stepli.  Byz. 
s!  v.  Bgevxyaiov.  Etym.  M.  s.  v.  BgsvzgGiov. 

[Schultz.] 

Bret(t)annos  {Bgix(x)ccvvog),  Vater  der  Kelto 
oderKeltine  (s.  d.),  Stammvater  der  Britannen: 
Etym.  M.  212,  30.  Parthen.  30,  1.  [Roscher.] 
Brettia  (Bgszzia),  Nymphe,  nach  der  Abret- 
tene  in  Mysien  benannt  sein  soll:  Steph.  Byz. 
(=  Suid.)  s.  v.  Aßgezzyrg.  [Crusius.] 

Brettos  ( Bgszzog ),  Sohn  des  Herakles  und 
der  Baletia , nach  welchem  die  tyrrhenische 
Stadt  gleichen  Namens  benannt  sein  sollte, 
Steph.  Byz.  u.  Et.  AI.  s.  v.  [Schultz.] 

Briakchos  ( Bgiav-iog ),  1)  eine  Bakchantin, 
Soph.  in  Etym.  AI.  213,  26  und  Hesych.  s.  v. 
wo  der  Name  mit  y ßgitxgcög  laxxagovGa  er- 
klärt ist.  — 2)  Satyrname  auf  Vasen:  C.  I. 
Gr.  7465.  8227.  Vgl.  auch  Roscher , de  aspi- 
ratione  vulg.  ap.  Graecos  in  Curtius,  Stud.  z. 
gr.  u.  lat.  Gr.  1,  2 S.  122  u.  Heydcmann,  Sa- 
tyr- u.  Bakchennamen  35  f.  [Roscher.] 

Briareos  (BgLugeag,  -tco,  -eco  Zenob.  5,  48). 
Die  Form  Bgiagscog  findet  sich  bei  Plato  Eu- 
thyd.  299  c.  Paus.  2,  1,  6 u.  4,  7.  Athen.  9, 
376.  Apd.  1,  1,  1.  Plut.  am.  mult.  6 p.  95  E. 
or.  def.  18.  p.  419  F.  Luc.  dial.  deor.  21,  2. 
Dtp.  trag.  40.  Polemon.  decl.  1 , 43.  Dio 
Chrys.  37,  457  M.  Jüngere  und  dichterische 
Form  Bgiccgtvg  Athen.  6,  224  a.  Nonn.  Dio- 
nys. 39,291.  43,  361.  Etym.  AI.  213,  24  führt 
auch  eine  Form  Bgicegyog , yov,  abgekürzt  yo, 
thessalisch  goto  an.  Vergl.  auch  Schol.  Ap. 
Rh.  2,  777.  Eine  andere  Form  war  ’Oßgiagecog. 
Eust.  124,  42.  218,  19.  650,  48.  1395,  56. 
Etym.  AI.  p.  346,  38.  Ilcsiod.  Theog.  617  u.  734. 
Steph.  Byz.  s.  v.  Tgiygsg.  Curtius,  Grdz.  226  u. 
714.  Lateinische  Form  nur  Briareus,  vgl.  Stat. 


io 

20 

30 

40 

50 

60 


819 


Bi’igantia 


Briseis 


820 


Theb.  2,  596.  Sen.  Here.  Oet.  167.  Luc.  Phars. 
4,  596.  Die  weiteren  Stellen,  sowie  das  Mytho- 
logische und  Genealogische  s.  u.  Aigaion.  Der 
Name  war  spriieh wörtlich  für  alles  Riesige  und 
Ungewöhnliche,  Plut.  Marc.  17:  zov  yscogszQi- 
v.6v  Bquxqhov  (d.  i.  Archimedes).  Apost.  9,  98: 
Kozzov  iGxvQOZBQoq  Bquxqsco.  Vergl.  auch 
Athen.  Luc.,  Stat.  Theb.  a.  a.  0.  Greg.  Naz. 
18,  290  a u.  Plut.  am.  mult.  a.  a.  0.,  wo  er 


Brigos  (Bptyog),  Eponymos  und  Stammvater 
der  thrakischen  Briger  (=  Phryger),  welcher 
sich  in  Makedonien  niederliefs,  Steph.  Byz.  u. 
Bgiysg.  [Roscher.] 

Bruno  (Bgiyco) , Beiname  1)  der  Hekate 
(s.  d.):  Ap.  Ith.  3,  861  ff.  1211  u.  Schot.  Ly- 
kophr.  1176  u.  Tzetz.  Et.  M.  s.  v.  Bnigco.  Yergl. 
Orph.  Arg.  17.  431.  — 2)  der  Persephone  (s.  d.): 
Tzetz.  z.  Lykoplir.  698  u.  z.  Lies,  tgy<x  144.  Mehr 


mit  seinen  100  Armen  50  Mägen  speist.  Als  io  bei  Benseler,  Wörterb.  d.  gr.  Eigenn.  u.  d.  W. 


Riese  ist  er  auch  der  Hüter,  der  den  schlafen 
den  Kronos  auf  den  Inseln  des  britannischen 
Meeres  gefangen  hält,  Plut.  or.  def.  a.  a.  0. 
(Bei  l)io  dir.  37 , 457  M.  ist  er  Schiedsrichter 
zwischen  Poseidon  und  Helios  bei  dem  Wett- 
streit um  Korinth).  — 2)  Einer  der  Kyklopen, 
(s.  d.),  Vater  des  Sikanos  und 
der  Aitna,  Demetr.  in  Schot. 

Theolcr.  1 , 65.  [Bernhard.] 

Brigantia,  die  eponyme 
Göttin  des  celtischen  Staun 
mes  der  Brigantes  im  nörd- 
lichen England  und  den  an- 
grenzenden Bezirken  Schott- 
lands (vgl.  Steph.  Byz.  BqC- 
ysg),  wird  auf  mehreren  In- 
schriften dieser  Gegend  er- 
wähnt; auf  einem  kleinen 
Altar  aus  Addle  bei  Leeds, 

C.  I.  L.  7 , 203:  Deae  Bri- 
gan[tiae]  . . .,  ebenso  auf  ei- 
nem Altar  zu  Greetland, 
westlich  von  Leeds  7,  200: 

THeae)  Vict(oriae ) Brig(an- 
tiae ) et  numiinibus ) A{u)g{u- 
storum ) T.  Aur(elius)  Aure- 
lianfus ) etc.,  auf  der  andern 
Seite:  Antonino  II  et  Geta 
cos.  d.  h.  208  n.  Chr. ; vom 
Walle  Hadrians  bei  Naworth 
stammt  7,  875:  Deae  nym- 
phae  Brig(antiae ) quod  vove- 
ratprosal{ute ) ( Futviae  Plan- 
tillae)  domimi)  nostri  inviciti ) 
imp(eratoris)  M.  Auret(ii ) Se- 
veri  Antonini  Pii  Felicis  Au- 
gusti  etc.;  aus  Greatabridge 
inRichmondshire,  Oretli203&: 

Deae  Numeriae  numini  Brig 

et  Ian und  aus  Bir- 

rens  bei  Middleby  (Cippus 
aus  dem  2.  Jahrhundert) 

(J.  J.  L.  7 , 1 062 : Brigan- 
tiae  s(acrum ) Amandus  arcitectus  ex  impe- 
rio  imp.  Über  der  Inschrift  steht  die  geflü- 
gelte Göttin,  auf  dem  Haupte  einen  turm- 
artigen, mit  Blättern  geschmückten  Helm,  in 
der  Rechten  hält  sie  eine  Lanze,  in  der  Lin- 
ken eine  Kugel;  sie  ist  mit  einer  bis  auf  die 


3)  der  Demeter  (s.  d.):  Giern.  Al.  Coli.  p.  13, 
21  Pott.  Arnob.  adv.  g.  5,  20.  — 4)  der  Kybele 
(s.  d.):  Theodoret.  Ther.  serm.  1,  699.  S.  über- 
haupt Lobeclc,  Agl.  587ff.  1213.  [Roscher.] 
Brisai  (Bqigcu),  Nymphen,  welche  den  Dio- 
nysos, der  den  Beinamen  Brisaios , Briseus 


Briseis’  Wegführuug,  pomp.  Wandgemälde  (Overbeck,  Bildiu.  des  thebanisclien 
und  trojanischen  Heldenkreises  S.  389). 

(s.  d.),  Breseus  führte  (vgl.  Etym.  AI.  214,  4)  er- 
zogen und  den  Aristaios  (s.  d.)  die  Bienenzucht 
gelehrt  haben  sollen:  Heracl.  Pont.  fr.  9,  2. 
Etym.  M.  u.  Hesych.  s.  v.  Eqigcu.  Schot.  Fers. 
Sat.  1,  76.  Vergl.  Schot.  II.  1,  366.  Steph. 
Byz.  s.  v.  Koiaa  und  Creuzer , Symbolik3  4, 
Piifse  herabfallenden  Tunica  und  einem  Man-  60  103  f.  [Roscher.] 


tel  bekleidet;  links  lehnt  ein  Schild  an  ihr. 
Nach  Zeufs,  gr.  Gelt.  p.  86  ist  Brigantium  von 
dem  altceltischen  brig  — altus,  subtimis  ab- 
zuleiten. Iubcc  Mauret.  bei  Hesychius  erklärt 
Bglysg  aus  dem  Lydischen  (?)  = Pranken, 
Freie , was  etwa  auf  altceltisch  brig  = 
auctoritate  praeditus  ( Zeufs  a.  a.  0.)  hinweisen 
dürfte.  [Steuding.] 


Briseis  (Bnicrfig) , Tochter  des  Brises  aus 
Lyrnessos,  Gemahlin  des  Mynes  (des  Sohnes 
des  Buenos),  welchen  Achill  erschlägt.  Patro- 
klos  tröstet  sie  durch  das  Versprechen  sie  zur 
ehelichen  Gattin  Achills  zu  machen.  Später 
ist  sie  Lieblingssklavin  Achills  und  Veranlas- 
sung zu  seinem  Streit  mit  Agamemnon,  II.  1, 
184.  323.  392.  2,  690 ff.  mit  Schot.  19,  291  ff. 


821 


Brises 

Quint.  Smyrn.  3,  552  u.  ö.  Sie  wird  von  Ho- 
mer stets  und  meist  auch  sonst  mit  dem  Patro- 
nymikon  genannt,  hiefs  aber  eigentlich  Hippo- 
dameia  nach  Schol.  II.  1,  392.  Eusth.  z.  Hom. 
77,  30.  Tzetz.  z.  Lykophr.  345.  Antehom.  350. 
Zu  Delphi  war  sie  in  der  Lesche  des  Polygnot 
dargestellt,  Paus.  10,  25,  2.  Erhaltene  Dar- 
stellungen: Overbeck,  Gal.  her.  Bildiv.  p.  386 
— 389.  447.  Hom.  II.  pict.  cd  Ang.  Mai  t.  6. 
Mon.  dell'  Inst,  artli.  6 t.  19  u.  48.  Ann.  1858  l 
p.  354sq. , 1860  p.  496  u.  499  und  vielleicht 
Mon.  9,  32.  33.  Ann.  1871  p.  179.  [Schultz.] 

Brises  u.  eus  (Bgtagg,  BgiGevg),  1)  Sohn  des 
Ardys,  König  der  Leleger  in  Pedasos,  oder 
Priester  in  Lyrnessos,  Bruder  des  Chryses, 
j Vater  der  Hippodameia,  die  nach  ihm  Bri- 
. seis  genannt  wurde , und  des  Eetion.  Als 
i Achill  seinen  Wohnsitz  erstürmte,  erhing  er 
i sich,  Hom.  II.  2,  689.  Scliol.  Hom.  II.  19,  291. 

; Eustath.  z.  Hom.  77, 30.  Dictysü,  17.  [Schult  Z.]2 
— 2)  Beiname  des  Dionysos  (s.  d.) : C.  I.  Gr. 

| 3176 A.  3177.  3190.  3210  ( Bgeiaevg );  ib.  3160. 
3161  (Bgyaevg).  [Roscher.] 

Britannia,  die  göttliche  Personifikation  von 
Britannien  auf  Inschriften  aus  York,  C.  I.  L. 

\ 7,  232  -.  Britanniae  sanctae  P.  Nikomcdes  Augg. 

] etc.,  aus  Castlehill  am  Walle  Hadr.,  7,  1129: 

\ Campestribus  et  Britanniiae , nach  Orelli  viel- 
j leicht  Britannicis  oder  Britannis  sc.  matribus) 
i Q.  Pisentius  Iustus  pref  coh  IV  Gal(lorum ) 3 
! v.  s.  I.  I.  m.,  aus  Kerschbach  (bei  Celeia  in 
Noricum),  3,  5300:  f Marti  A]ug(usto ) e\t  JV]o- 
; reiae  re[ginae  et]  Britannia[e  pr]o  vicltoria ) 

, L.  Sep[timii  Severi  P]ert(inacis)  inv(idi).  Zu 
vergleichen  ist  auch  7,  1113c:  Genio  terrae 
Britannicae  etc.,  sowie  Bretannus.  Zeufs,  gr. 
Celt.  p.  104  u.  151  leitet  Brittae,  Britannus 
■ etc.  von  breith  — varius,  versicolor  ab. 

[Steuding.] 

Britannicae  matronae  oder  matres,  s.  Bri-  4 
tannia. 

Britlio  (Bgifho)  , eine  der  melischen  Nym- 
phen: Tzetz.  z.  Hes.  op.  144.  [Roscher.] 

Britoniartis  (Bgizoyagzig).  1)  Heimat  und 
Namen.  Sie  ist  eine  in  Kreta  einheimische 
Göttin , welche  von  den  Griechen  in  der 
Regel  für  ihre  Artemis  angesehen  oder  sonst 
in  ein  nahes  Verhältnis  zu  dieser  gesetzt 
wurde.  Bgizogctgzig  ev  Kggz y g Agzeptg  sagt 
j Hesychius.  Pausanias  2,  30,  3 nennt  Kretas 
als  die  Heimat  ihres  Kultus,  und  Solinus  11,8 
berichtet  von  der  hohen  Verehrung,  welche 
Diana  unter  dem  in  Kreta  landesüblichen  Namen 
Britomartis  genofs:  Gretes  Dianam  religiosis- 
| sime  vencrantur , Britomartem  gentiliter  nomi- 
nantes.  Auf  das  hohe  Alter  ihres  Kultus  weist 
die  Zurückführung  eines  Tempels  und  eines 
Götterbildes  von  ihr  auf  die  Hand  des  Daida- 
' los  hin,  Solinus  a.  a.  O.  und  Paus.  9,  40,  3, 
wie  denn  auch  schon  Herodot  3,  59  einen  Tem-  6 
pel  von  ihr  zu  Kydonia  auf  Kreta  kennt. 
Schon  die  Alten  haben  sich  um  die  Erklärung 
des  Wortes  Bgzzogctgzig  bemüht,  das  übrigens 
auf  einer  aus  Kreta  stammenden  Inschrift, 

| Bangabe,  Ant.  Hell.  n.  691  in  der  Form  Bgvzö- 
uctQug  erscheint  (vgl.  Bryte).  Solinus  sagt  im 
Anschliffs  an  die  eben  angeführten  Worte:  Bri- 
Uomartem  gentiliter  nominantes,  guod  sermone 


Britomartis  (Heimat  u.  Name)  822 

nostro  sonat  virginem  dulcem.  Dies  bestätigt  für 
den  ersten  Teil  des  Namens  Hesychius  ßgizv- 
ykv-itv'  Kggzeg  (vgl.  Etym.  M.  s.  v.  Bgizoyagzig' 
ßgizov  zovztGzLV  ccycc&ov),  während  man  für 
die  Erklärung  von  gccgzig  das  von  Steph.  Byz. 
s.  v.  räf a in  der  Bedeutung  „Jungfrau“  be- 
zeugte kretische  Wort  gagvä  (nach  Vanicek, 
Etym.  W.  714  vom  Stamm  mar  leuchten,  glän- 
zen) zu  Hilfe  nimmt,  woraus  sich  dann  die 
Bedeutung  „stifse  Jungfrau“  ergiebt,  vergl. 
C.  0.  Müller,  Aeginet.  p.  164.  Aufserdem  er- 
scheint aber  die  Göttin  auch  noch  unter  dem 
Namen  AGzvvvu , der  übereinstimmend  als 
Beiname  der  Britomartis  bezeichnet  (Paus.  2, 
30,  3 eniulriGig  de  oz  (der  Britomartis)  AC*- 
zvvvcc  ev  Kggzy,  JDiod.  5,  76  BgLzogcegziv  zgv 
nQoaayogevogevgv  AGzvvvav)  und  auf  einen 
Zug  ihrer  Sage , den  Sprung  in  die  Fischer- 
netze, öiv-zva , zurückgeführt  wird,  Kallimach. 
H.  Dian.  197.  Beide  Namen  waren  in  ver- 
schiedenen Teilen  Kretas  üblich : während  die 
Göttin  in  den  Städten  des  mittleren  und  öst- 
lichen Kretas  unter  dem  Namen  Britomartis 
verehrt  wurde  (so  in  Gortyn  Kallim.  a.  a.  0. 
189,  in  Cherronesos  Strab.  10  p.  479,  Olus 
Paus.  9,  40,  3 und  nach  Inschriften  zu  Dreros 
Bangabe,  Ant.  Hell.  n.  1029,  Lato  und  Olus 
Chishull,  antiq.  Asiat,  p.  136),  war  dagegen  im 
Westen  der  Name  Diktynna  üblich.  Diesen 
hatte  sie  nach  Kallimachos  a.  a.  0.  von  den 
Kydonen,  bei  welchen  sie  besonders  verehrt 
war,  erhalten,  wie  denn  auch  schon  Herodot 
ihr  Heiligtum  zu  Kydonia  6 zgg  Amzvvgg  vgog 
nennt;  ebenso  werden  in  den  benachbarten 
Städten  der  Westküste  Phalasarna  ( Dicaearch . 
v.  118)  und  Polyrrhenia  (Strab.  10  p.  479)  Hei- 
ligtümer der  Diktynna  erwähnt.  Diese  Städte 
gehörten  wohl,  wie  nach  Strab.  10  p.  475  die 
ganze  Westküste,  den  Kydonen,  die  ebenda- 
selbst als  zur  ursprünglich  kretischen  Bevöl- 
kerung gehörig  bezeichnet  und  von  den  ein- 
gewanderten Griechen  unterschieden  werden. 
Das  Hauptheiligtum  der  Diktynna  war  nach 
Strabo  p.  479  auf  einem  Berg  bei  Kydonia  und 
hiefs  Jinzvvvazov , was  offenbar  identisch  ist 
mit  dem  bekannten  westlichen  Vorgebirge 
Kretas,  Strab.  p.  484:  zo  Aixzvvvaiov  dtiQozriQiov 
oder  ogog  Alkzvvulov  Dicaearch.  a.  a.  0.  Es 
liegt  daher  nahe,  noch  einen  engeren  Zusam- 
menhang zwischen  dem  nur  im  westlichen 
Kreta  üblichen  Beinamen  der  Göttin  und  dem 
Namen  des  Vorgebirgs  anzunehmen,  als  den 
auf  der  Hand  liegenden,  dafs  Ainzvvveuov  ein 
Heiligtum  der  Diktynna  bezeichnet.  Der  Name 
des  Bergs  erscheint  bei  Kallimachos  a.  a.  0. 
199  u.  Vergib  Cir.  300  in  kürzerer  Form  als 
ogog  zhxzaiov,  was  nicht  notwendig  auf  eine 
Verwechslung  mit  dem  Diktegebirge  im  Osten 
Kretas  zurückgeführt  werden  mufs  , welche 
Strabo  p.  479  und  die  Neueren  dem  Kalli- 
machos schuld  gegeben  haben.  Ferner  steht 
im  Schol.  Pind.  Hypoth.  Pyth.  p.  297  cd.  Böckh 
und  nach  dem  Zeugnis  Höcks , Kreta  2,  172 
bei  noch  anderen  Schriftstellern  statt  J» izvv- 
vcaov  ursprünglich  Amzvviov  ogog  in  den  Hand- 
schriften. Es  fragt  sich,  ob  sich  in  diesen 
kürzeren  Formen  des  Worts  nicht  der  ursprüng- 
lich kretische  Name  des  Bergs  (etwa  dUzvv‘1 


823  Britomartis  (Mythus) 

vgl.  rÖQtvv,  woraus  rogzvva  wurde)  verbirgt 
und  ob  nicht  von  diesem  Berge  Britomartis 
den  Beinamen  Diktynna  erhalten  hat,  wie  an- 
dere Göttinnen  von  ihrem  Höhentultus,  z.  B. 
Dindymene,  Sipylene.  Der  Name  des  wiederum 
nach  der  Göttin  benannten  berühmten  Heilig- 
tums Alkxvvv aiov  verdrängte  dann  den  ur- 
sprünglichen Namen  des  Berges.  Denn  dafs 
Diktynna  nicht  von  ihrem  Sprung  in  die  Fischer- 
netze, SiKxva,  ihren  Namen  hat,  sondern  dafs 
dieser  eigentümliche,  mit  den  übrigen  Mythen 
derselben  in  keiner  Beziehung  stehende  Zug 
nur  eine  Erdichtung  zum  Zweck  der  Namens- 
erklärung ist,  wird  sich  aus  der  Darstellung 
derselben  ergeben. 

2)  Mythen  der  Britomartis. 

Die  auf  Britomartis  bezüglichen  Mythen 
stimmen  zunächst  hinsichtlich  ihrer  Abstam- 
mung überein.  Nach  der  einheimischen  Sage 
der  Kreter  bei  Paus.  2,  30,  3 und  den  im 
Folgenden  zu  nennenden  Schriftstellern  war 
sie  die  Tochter  des  Zeus  und  der  Karme. 
Pausanias  und  Diodor  5,  76  nennen  Karme 
übereinstimmend  eine  Tochter  des  Eubulos, 
den  letzteren  aber  Pausanias  den  Sohn  des 
Apollonpriesters  Karmanor,  Diodor  einen  Sohn 
der  Demeter,  während  Anton.  Lib.  Transform. 
40  die  Mutter  der  Karme  Kassiepeia  und  ihren 
Vater,  ebenso  wie  Verg.  Cir.  220,  Phönix  nennt. 
Nach  der  zweifelhaften  Angabe  des  Diodor 
a.  a.  0.  soll  sie  in  Kava  geboren  und  nach 
Anton.  Lib.  a.  a.  0.  aus  Phönikien  nach  Ar- 
gos  zu  den  sonst  unbekannten  Töchtern  des 
Erasinos,  von  da  nach  Kephallenia  und  dann 
erst  nach  Kreta  gekommen  sein.  Alle  diese 
Fabeln  samt  der  angeführten  Abstammung 
scheinen  keinen  Schlufs  auf  das  Wesen  der 
Göttin  zuzulassen;  wohl  aber  ihre  Mythen. 
Für  diese  ist  die  vollständigste  und  älteste 
Quelle  Kallim.  Llymn.  in  Dian.  189 ff.,  welche 
erzählt:  Unter  den  Nymphen,  welche  Artemis 
vorzüglich  liebte,  war  die  Gortynische  Nymphe 
Britomartis;  von  heftiger  Liebe  zu  ihr  ergrif- 
fen verfolgte  sie  Minos  durch  die  Berge  Kre- 
tas; sie  barg  sich  bald  an  waldigen  Abhän- 
gen, bald  in  grasreichen  Niederungen.  Er  aber 
verfolgte  sie  neun  Monate  durch  hohe,  zackige 
Felsen  und  liefs  nicht  ab  von  der  Verfolgung, 
bis  sie  in  dem  Augenblick,  da  er  sie  eben  er- 
greifen wollte , von  dem  hohen  Felsen  des 
Dikteberges  ins  Meer  sprang.  Aber  sie  sprang 
in  Fischernetze , die  ihr  Rettung  brachten, 
weshalb  sie  auch  von  den  Kydonen  den  Na- 
men Diktynna  erhielt  und  mit  Altären  und 
Opfern  verehrt  wurde.  Die  einzelnen  Punkte 
dieser  Erzählung  werden  auch  von  andern 
erwähnt,  die  Liebe  und  Verfolgung  des  Minos 
von  Paus.  2,  30,  3.  Verg.  Cir.  301.  Anton. 
Lib.  Transform.  40.  Schot.  Eurip.  Hippol.  146. 
Nur  Kallimachos  hat  für  die  Verfolgung  die 
Zahl  von  9 Monaten,  welche  den  Mythen  des 
Minos  eigen  zu  sein  scheint  ( Od . x 179.  Plat. 
Minos  p.  319  E).  Den  Sprung  vom  Felsen  ins 
Meer  erwähnt  aufser  Kallimachos  nur  Verg. 
Cir.  302:  praeceps  aerii  specula  de  montis  iisses; 
dagegen  ihre  Rettung  durch  die  Fischernetze 
wiederum  Paus.  2,  30,  3:  SQQiapsv  savxfjv  sl g 
SiKxva  acpsigsva  in’  lyQ-vcn v &r]QK,  sowie  das 


Britomartis  (Deutung)  824 

Schot,  z.  Eurip.  a.  a.  0.  Anton.  Lib.  sucht  sich 
diese  eigentümliche  Rettung  durch  Netze  zu- 
rechtzulegen durch  die  Fassung:  sie  floh,  von 
Minos  verfolgt,  zu  Fischern,  welche  sie  in 
ihren  Netzen  verbargen.  Diodor  5 , 76  tritt 
dieser  ganzen  Erzählung  entgegen , weil  sie 
ebenso  wohl  dem  Charakter  des  Minos  als 
dem  Wesen  einer  Göttin  widerstreite,  und 
leitet  den  Beinamen  Diktynna  davon  ab,  dafs 
ihr  die  Erfindung  der  Jagdnetze  ( ölkzvcov  xwv 
st g Kvvriylav)  zugeschrieben  werde.  Ebenso 
läfst  das  Schot.  Aristoph.  Pan.  1356  den  Minos 
ganz  bei  Seite  und  giebt  als  Inhalt  des  Mythos 
von  Britomartis,  sie  sei  auf  der  Jagd  zufällig 
in  Netze  geraten,  aber  von  Artemis  gerettet 
worden,  weshalb  sie  der  Artemis-Diktynna  ein 
Heiligtum  gegründet  habe.  So  wird  sie  hier 
vornehmlich  als  Jägerin  aufgefafst,  und  dies 
geschieht  hauptsächlich  da,  wo  sie  mit  Arte- 
mis in  Beziehung  gesetzt  wird.  So  schon  bei 
Kallim.  a.  a.  0.  v.  190,  wo  sie  als  Lieblings- 
nymphe der  Artemis  und  durch  die  Beiwörter 
iXXocpovo g,  svßKonog,  welche  sonst  der  Arte- 
mis selbst  beigelegt  werden  (s.  Preller  1,  236,  3 
u.  Od.  I 198),  als  Jägerin  bezeichnet  wird; 
ähnlich  Schot.  Eurip.  Hippol.  146  vvgrprj  v.vv- 
gyog  (ebenfalls  ein  Epitheton  der  Artemis); 
Verg.  Cir.  297  und  Paus.  2,  30,  3 %cuqsiv  av- 
xrjv  dgogoig  zs  Kai  &fiQaig  •Kai  ’AQXsgiSi  palioxa 
cpilrjv  slvai.  Aber  auch  selbständig  ohne  Be- 
ziehung auf  Artemis  erscheint  sie  als  eine  der 
Jagd  vorstehende  Göttin,  Eurip.  Hippol.  1130; 
wie  jene  mit  Pfeil  und  Bogen  ausgerüstet, 
Verg.  Cir.  299  und  sparsa  comam  Claudian. 
Cors.  Stil.  3,  302;  von  Hunden  begleitet,  An- 
stoph.  Pan.  1360.  Verg.  Cir.  308  Hyrcanos  inter 
comites,  weshalb  auch  in  einem  ihrer  Tempel  auf 
Kreta  Hunde  gehalten  wurden,  Philostr.  vit.  Ap.  8, 
30.  Auch  ist  sie  wie  Artemis  von  Wild  umgeben 
nolvVrjoog,  Eurip.  Hippol.  147;  inter  agmen  fe- 
rarutn  Verg.  Cir.  308.  So  ist  sie  auch  auf  den 
kretischen  Münzen  der  Kaiserzeit  in  der  Tracht 
der  Artemis  dargestellt,  mit  hochaufgeschürz- 
tem  Chiton  und  Jagdstiefeln,  mit  Bogen  und 
Köcher  und  von  einem  Jagdhund  begleitet; 
s.  die  Abbildungen  bei  Spanheim  ad  Callim. 
p.  271;  vergl.  Pellerin,  ree.  de  med.  3 Taf,  99 
n.  35  Münze  der  Kydonier.  Ebenso  ist  sie, 
wie  Artemis,  eine  jungfräuliche  Göttin  und  liebt 
die  Einsamkeit,  Anton.  Lib.  40:  cpvyovou  zr\v 
bgiUav  xwv  dvd'Qioncov  fjyuTtrjßsv  asi  nag&ivos 
slvai;  Aristoph.  Pan.  1358  JiKxvvva  naig  KaXd; 
wegen  ihrer  Jungfräulichkeit  bringen  ihr  die 
Kydonier  nicht  Myrten-,  wohl  aber  Fichten- 
kränze dar,  Kallim.  a.  a.  0.  v.  200;  vgl.  Spon- 
heim z.  d.  St.,  denn  die  Myrte  hafst  sie,  Nic- 
andri  Alexiph.  v.  618. 

3)  Naturbedeutung  der  Britomartis 
und  ihrer  Mythen. 

Der  Charakter  der  Jungfräulichkeit  kommt 
ihr  jedoch  auch  als  Nymphe  zu,  was  sie  ur- 
sprünglich war,  und  diese  führt  uns  der  Natur- 
bedeutung ihres  Wesens  näher  als  die  nach 
dem  Vorbild  der  Artemis  gräcisierte  Jägerin. 
Eine  Gortynische  Nymphe  nennt  sie  schon 
Kallimachos  a.  a.  0. , wozu  das  Scholion  (bei 
Meinehe  z.  d.  St.)  nach  Diogenianos  hinzufügt: 
Bgizogagzig  ovopa  kvqiov  zrjg  vvgcpgg.  Eben- 


10 

20 

30 

40 

50 

60 


825  Britomartis  (Deutung) 

so  heifst  sie  vvpq>rj,  Schol.  Arist.  Ban.  135G. 
Schol.  Eurip.  Hippol.  146 ; und  wenn  im  Ety- 
mol.  M.  s.  v.  ByizöfictQus  die  Ableitung  die- 
ses Namens  durch  die  Erklärung  versucht 
wird:  oti  zotig  Bgiacug  vvpcpaig  bpctQzsi:,  so 
ist  darin  wenigstens  eine  Erinnerung  an  ihr 
ursprüngliches  Wesen  erhalten.  Die  grasrei- 
chen Niederungen,  die  dichtbelaubten  Hügel- 
ränder und  zackigen  Felsgegenden , durch 
welche  sie  bei  Kallimachos  auf  ihrer  Flucht  1 
vor  Minos  ihren  Weg  nimmt,  sind  auch  sonst 
zuweilen  als  ihr  Aufenthalt  zu  denken.  Aber 
doch  ist  sie  nicht  vorzugsweise  eine  ländliche 
Gottheit  der  Fluren,  sondern  in  näherer  Be- 
ziehung steht  sie  zum  Meer , wie  vor  allem 
ihr  Sprung  ins  Meer  beweist.  Diese  doppelte 
Beziehung  ist  deutlich  ausgesprochen  bei  Eu- 
rip. Hippol.  145,  wo  der  Chor  Phaidra,  die 
Kreterin,  die  zu  der  Zeit  in  Troizen  weilt, 
fragt,  ob  sie  sich  etwa  den  Zorn  der  Diktynna  s 
zugezogen  „denn  sie  geht  durch  Seeen,  über 
das  Festland  und  des  Meeres  wirbelnde,  feuchte 
Salzflut.“  So  eignet  sie  sich  ganz  besonders 
zur  Schutzgottheit  der  Fischer  und  ihres  Hand- 
werks: ihr  werden  die  Erstlinge  von  der  ,,Jagd 
zu  Wasser“  dargebracht,  wie  der  Artemis 
’AyooztQct  von  der  Jagd  zu  Land,  Blut,  de  sol. 
anim.  8.  Das  wichtigste  Gerät  für  den  Fischer, 
das  Netz,  ist  ihr  heilig,  worauf  Aristoph.  Vesp. 
369  r]  ös  fiOL  Aikzvvv cc  avyyvcoyr]v  s%oi  zov  3 
öikzvov  anspielt.  Deshalb  führten  die  Polyr- 
rhenier,  die  ja  Diktynna  besonders  verehrten, 
ein  Fischergerät  auf  den  Münzen  ihrer  Stadt 
Neumann,  pop.  et  reg.  num.  vet.  P.  1 tab.  7 
n.  10  p.  246.  Beierin,  tab.  100  n.  49.  So  wer- 
den es  wohl  auch  Fischer  gewesen  sein,  die 
sich  von  den  eigentümlichen  Erscheinungen 
der  Ufernymphe  erzählten.  Nach  Bausanias 
2,  30,  3 wurde  nämlich  Britomartis  auch  auf 
der  Insel  Aigina  verehrt,  und  zwar  hier  unter  i 
dem  Namen  ’Acpaia,  was  bei  den  alten  Be- 
ziehungen der  Aigineten  zu  Kreta  und  speziell 
zu  Kydonia  ( Herocl . 3,  59.  0.  Müller,  Aeginet. 
165)  und  bei  der  bestimmten  Ausdrucksweise 
des  Bausanias  wohl  nicht  in  Zweifel  gezogen 
werden  kann.  Er  sagt  von  Britomartis:  as- 
ßovoi  ös  ov  KQgzsg  povov  alld  Kal  Aiyivr^zai, 
Xsyovzsg  cpcu'vsG&cxi  Gcpiaiv  sv  zrj  vrjccp  zgv 
Bqiz6(uxqzlv  STZLHhrjGLg  de  oi  naget  zs  Aiyivrj- 
zcug  sgzlv  ’Acpcdu  Kal  Alkzvvvu  sv  KQrjzy.  Von  5( 
dem  bei  ihm  erwähnten  Heiligtum  der  Aphaia 
auf  Aigina  glaubt  man  noch  Überreste  zu  haben, 
vgl.  Bursian,  Geogr.  Griech.  2,  1.  S.  84.  Man 
erzählte  also  von  Britomartis,  dafs  sie  zuwei- 
len plötzlich  erscheine , ähnlich  wie  in  der 
Sage  von  Anthedon  der  Meergott  Glaukos, 
der  sich  wie  Britomartis  ins  Meer  gestürzt 
hatte,  die  Schiffer  durch  sein  Erscheinen  am 
Ufer  erschreckte,  Schol.  Blat.  Bep.  611  C.  Auch 
Anton.  Lib.  transf.  40  erwähnt  in  seiner  Er-  o 
/Zahlung  von  Britomartis,  die  nach  Schneider, 
Nicandrea  p.  69  einer  älteren  Quelle,  dem 
Alexandriner  Nikandros  entlehnt  ist,  die  Ver- 
ehrung der  Britomartis  auf  Aigina.  Sie  fuhr, 
wird  hier  erzählt,  vor  Minos  fliehend  auf  einem 
Fahrzeug  mit  einem  Fischer  nach  Aigina;  als 
aber  dieser  ihr  Gewalt  anthun  wollte,  floh  sie 
n den  Hain  auf  Aigina,  wo  auch  jetzt  noch 


Britomartis  (Deutung)  826 

ihr  Heiligtum  ist,  und  verschwand  hier  (was 
durch  dqjavrig  syevezo  ausgedrückt  ist  mit  An- 
spielung auf  ’Acpai'a) , worauf  sie  an  dieser 
Stelle  unter  dem  Namen  ’Acpceia  göttlich  ver- 
ehrt wurde.  Dieses  wunderbare  Verschwinden, 
das  sie  ebenfalls  mit  den  Wasserdämonen  ge- 
mein hat,  ist  offenbar  nur  das  Gegenstück  zu 
dem  wunderbaren  Erscheinen  bei  Bausanias. 
Nur  diese  Bedeutung  des  Verschwindens  kann 
i auch  ihr  Sprung  in  die  Netze  haben,  durch 
welchen  sie  sich  der  Verfolgung  des  Minos 
zu  entziehen  sucht.  So  legt  es  auch  An- 
ton. Lib.  a.  a.  0.  aus:  sie  floh  zu  Fischern, 
welche  sie  in  ihre  Netze  verbargen.  Da  aber 
der  Sprung  in  die  Netze  nach  Kallimachos 
a.  a.  0.  v.  196  kein  anderer  ist  als  der,  wo- 
mit sie  sich  vom  Vorgebirge  Diktynnäum  ins 
Meer  stürzt,  so  ist  der  Sinn  der  Sage:  sie 
sprang  vom  Vorgebirge  herab  und  verschwand. 

• Wir  haben  hier  den  Kern  einer  Sage,  die  in 
verschiedener  Gestalt  in  manchen  Gegenden 
Deutschlands  wiederkehrt,  von  einer  Jungfrau, 
die  von  einem  schlimmen  Jäger  verfolgt,  um 
ihre  Ehre  zu  retten , den  Sprung  von  steiler 
Höhe  herab  wagt  und  verschwindet,  aber  eben 
damit  gerettet  ist.  Laistner,  Nebelsagen  S.  1 09  f. 
276  f.  führt  diese  am  Fufs  der  Schwäbischen 
Alb  und  in  anderen  deutschen  Gebirgsland- 
schaften vorkommenden  Sagen  auf  einen  meteo- 
rischen Vorgang  zurück:  es  ist  der  Nebel,  der 
über  eine  Hochfläche  hinziehend  an  der  Kante 
des  Bergs  anlangt  und  sich  in  die  Tiefe  stürzt, 
aber  hier  in  der  wärmeren  ltegion  sich  auf- 
löst und  plötzlich  verschwindet.  Das  Heran- 
ziehen des  Nebels  nach  dem  Abgrund  wird 
als  Überfall,  Flucht  und  Verfolgung  aufgefafst. 
Die  Jungfrau  aber  gehört  den  Nebelfräulein 
an,  welchen  ja  die  griechischen  Nymphen  ent- 
sprechen. Wie  der  Mädchenfelsen  bei  Pful- 
lingen, der  von  der  Sage  den  Namen  hat,  oft 
mit  einer  Nebelkappe  bedeckt  eischeint,  so 
wird  auch  vom  Vorgebirge  Diktynnäum  be- 
richtet, dafs  es  infolge  seiner  weisen  Felsen 
dem  Schiffer  in  der  Ferne  oft  wie  ein  Nebel 
erscheine,  Solinus  11,  6;  war  infolge  einer  Ver- 
änderung des  Wetters  und  der  Beleuchtung 
der  Nebel  verschwunden,  so  hat  sich  das 
Nebelfräulein  ins  Meer  gestürzt.  Das  Eigen- 
tümliche bei  Britomartis  ist  freilich  die  Ver- 
einigung von  Land-  und  Meernymphe : aber  die 
Nymphen  der  Wiesen,  Wälder  und  Felsen,  zu 
welchen  Britomartis  nach  der  einen  Seite  ge- 
hört, sind  ja  mit  den  Nereiden  ursprünglich 
eins,  vgl.  Mannhardt , A.  Wald-  u.  FeWculte 
S.  35.  Noch  heutzutage  ist  der  Glaube  an 
Nereiden  und  Dryaden  auf  Kreta  lebendig,  und 
zwar  ohne  dafs  man  zwischen  ihnen  unter- 
scheidet, vgl.  Sieber,  Bcise  nach  Kreta  1,  432. 
Auch  die  von  Euripid.  Hippolyt.  145  der  Bri- 
tomartis zugeschriebene  Macht,  wie  Pan  oder 
Hekate  den  Geist  zu  verwirren,  findet  sich 
ebenso  im  neugriechischen  Neraiden-  und  im 
nordischen  Elbenglauben,  s.  Mannhardt  a.  a.  0. 
36.  37.  Das  rasche  Dahinstürmen  durch  Feld 
und  Wald,  welches  auch  den  neugriechischen 
Neraiden  zugeschrieben  wird  (s.  ebendas.),  hat 
bei  Britomartis  die  Vorstellung  von  einer  Ver- 
folgung kervorgerufeu,  wie  sie  in  der  griechi- 


Britovius 


827  Britomartis  (Deutung  u.  Kult) 

sehen  Erzählung  von  Boreas  und  Oreithyia 
und  in  der  deutschen  Sage  von  der  Verfol- 
gung der  den  Waldnymphen  entsprechenden 
Holzfräulein  durch  den  wilden  Jäger  zu  Tage 
tritt.  Diese  Rolle  dem  Minos  zuzuteilen,  konnte 
der  kretischen  Sage  um  so  näher  liegen,  da 
sie  ihn  als  verderblichen  Dämon  und  grausa- 
men Jäger  {Preller  22, 120. 121)  darstellt;  auch 
darf  man  wohl  daran  erinnern,  dafs  ihm  als 
Unterweltsgott  ein  räuberischer  Charakter  zu- 
geschrieben  werden  konnte.  Andrerseits  gab 
aber  ihre  Lust  am  Durchstreifen  der  Wiesen- 
gründe und  Bergabhänge  ( Eurip . Iph.  T 126 
Alkxvvv  ovq'clc<)  ebenso  wie  ihre  Verehrung 
als  Beschützerin  des  Fischerhandwerks  Ver- 
anlassung, dafs  die  Nymphe  zur  Jägerin  wurde 
und  in  Beziehung  zu  Artemis  trat.  Dies  ge- 
schah, wie  Hoch,  Kreta  2,  172  gewifs  mit 
Recht  bemerkt,  nachdem  durch  die  dorische 
Einwanderung  der  Kultus  der  ihr  wesensver- 
wandten Artemis  auf  Kreta  einheimisch  ge- 
worden war.  Der  höheren  Göttin  wurde  nun 
Britomartis  untergeordnet  und  trat  in  das  Ge- 
folge der  sie  begleitenden  Nymphen,  so  dafs 
sie,  wie  wir  gesehen,  die  äufsere  Ausstattung 
und  die  Epitheta  der  Artemis  annimmt.  Oder 
aber,  sie  ging  ganz  in  der  höheren  Göttin  auf, 
so  dafs  entweder  beide  identificiert  wurden 
(vgl.  aufser  den  angeführten  Stellen  Eiod.  5,  76. 
Schol.  Aristoph.  Pan.  1356  AiKxvvvav  liysi 
zrjv  ”Aqts[uv  [im  Text  v.  1359  ist  "Agrsfug  Glos- 
sem],  Eurip.  Iph.  Taur.  126  heifst  sie  Toch- 
ter der  Leto.  Etym.  M.  BQixoyagxig'  h<xI”Aq- 
rifug  Kal  vvycprj.  Palaepliat.  de  Incr.  32.  Orph. 
Hymn.  36,  3),  oder  Artemis  den  Namen  Brito- 
martis und  Diktynna  annahm:  "Aqxe pug  Bqlxo- 
(itxQTig  Schol.  Callim.  II.  Ei.  200.  ’Agxsyig  Alk- 
zvvva  Paus.  3,  24,  9.  Plut.  de  sol.  anim.  36. 
Apuleius  Met.  11,  5 oder  Aiv.zvvvaCa  Paus.  10, 
36,  5.  Demgegenüber  braucht  kaum  hervor- 
gehoben zu  werden,  dafs  die  Verschiedenheit 
beider  Göttinnen  aufser  dem  ausdrücklichen 
Zeugnis  Paus.  3, 14,  2 auch  aus  inschriftlichen 
Zeugnissen  von  Kreta  feststeht,  wo  beide  unab- 
hängig von  einander  aufgeführt  werden,  so  in 
dem  Vertrag  der  Bewohner  von  Lato  und 
Olus,  etwa  200  v.  Chr.  ( Chishull  Antiq.  Asiat. 
p.  136)  und  im  Eid  der  Jünglinge  von  Dreros 
Bangabe , Antiq.  Hell.  n.  1029,  welche  schwö- 
ren bei  Artemis,  Ares,  Aphrodite,  Hermes, 
Helios,  Britomartis.  Dafs  infolge  der  Identi- 
ficierung  mit  Artemis  auch  weitere  Seiten  die- 
ser Göttin  auf  Britomartis  übertragen  wurden, 
kann  nicht  Wunder  nehmen.  So  wurde  sie 
nach  Anton.  Lib.  40,  wie  Artemis  selbst  auch 
AcapQLcc  genannt,  Hygin.  fab.  261  der  Taurica 
gleichgesetzt  und  nach  einer  Nachricht,  Schol. 
Eurip.  Hippol.  146  zivsg  8s  zgv  avxgv  sivea 
zy  'Ey.dzrj  der  Hekate  (vergl.  Schwenclc,  Bhein. 
Museum  19,  608) , welche  nach  der  etwas 
unklaren,  jedenfalls  auch  durch  Verderbnis 
unsicheren  Erzählung  Etym.  M.  s.  v.  Bqxxo- 
liaQTLs  auch  die  Mutter  der  Britomartis  ge- 
nannt worden  sein  soll.  Dies  hängt  wohl  da- 
mit zusammen , dafs  Britomartis  ebenso  wie 
Artemis  auch  als  Mondgöttin  aufgefäfst  wurde, 
Verg.  Gir.  305:  alii  Eictynnam  dixere  tuo  de 
nomine  lunam.  Ob  auch  diese  Seite  ihres 


Wesens  erst  aus  der  Verschmelzung  mit  Arte- 
mis sich  entwickelt  oder  ob  der  lunare  Cha- 
rakter schon  der  kretischen  Ufernymplie  und 
Fischergottheit  angehaftet  hat,  mag  bei  der 
Beschaffenheit  unserer  Quellen  zweifelhaft  er- 
scheinen; Preller,  Myth.  I2,  243  und  TJsener, 
Bhein.  Mus.  1868.  S.  342  sehen  denselben  als 
grundlegend  an  und  letzterer  erblickt  in  ihrem 
Sprung  ins  Meer  und  ihrer  Rettung  aus  den 
io  Netzen  eine  Fischersage  vom  Auf-  und  Nie- 
dergang des  Mondes.  Jedenfalls  wird  man  gut 
thun  zunächst  den  eigentümlich  entwickelten 
lokalen  Charakter  der  ursprünglich  kretischen 
Göttin  festzuhalten,  hier  wie  auch  in  folgen- 
dem Zug.  Auf  einer  kretischen  Münze,  welche 
der  Regierungszeit  Trajans  angehört , sitzt 
A IKTTNNA  in  sehr  kurzem  ChitOD  und  Jagd- 
stiefeln auf  einem  zackigen  Felsen  und  hält 
ein  kleines  Kind  im  Arm,  vgl.  die  Abbildung 
20  bei  Spanheim  zu  Callim.  H.  Ei.  S.  271.  Span- 
heim u.  Hock,  Kreta  2,  174  haben  darin  eine 
Eileithyia  erkennen  wollen.  Richtiger  aber 
erinnert  Hock  selbst  an  ihr  Amt,  die  Tiere 
des  Waldes  zu  hegen  und  an  ihre  Abstam- 
mung von  Eubulos,  dem  Sohn  der  Demeter, 
um  in  ihr  eine  Göttin  des  Gedeihens  in  der 
Pflanzen-  und  Tierwelt  zu  finden;  denn  jene 
Münze  weist  zunächst  nur  auf  eine  kovqoxqo- 
(pog  hin.'  Dafür  spricht  auch  der  Umstand, 
30  dafs  ihr  der  Mastixbaum  {axivog)  heilig  war, 
der  für  ein  Symbol  der  Fruchtbarkeit  galt, 
vgl.  Kallim.  a.  a.  O.  v.  201  u.  Spanheim  z.  d.  St. 
So  nahe  es  auch  liegt,  die  verwandte  Arte- 
mis novQozQÖcpog  zu  vergleichen,  s.  Preller  1, 
234,  so  weist  doch  die  jetzt  noch  auf  Kreta 
vorhandene  Sage,  dafs  die  Neraiden  besonders 
gern  Kindern  Gutes  erzeigen  (s.  Sieber  a.  a.  O.) 
auf  eine  eigentümlich  kretische  Lokalsage  hin. 

4)  Ausbreitung  ihres  Kultus. 

40  Die  Verehrung  der  Britomartis  verbreitete 
sich  nicht  blofs  im  Aigaiisehen  Meer,  wo  aufser 
Aigina  noch  Astypalaia  zu  nennen  ist,  nach 
einer  Inschrift  Bangabe,  Ant.  Hell.  n.  1199, 
sondern  auch  nach  dem  griechischen  Festland 
Plut.  de  sol.  anim.  36:  ’Agxii u8og  Jim xvvvyg  — 
isgu  Kal  ßcoyol  ztaga  nohlohg  'Ellyvcov  doi. 
Gegenüber  von  Kreta,  unweit  Gythion,  hatte 
sie  auf  einem  Vorgebirge  einen  Tempel,  bei 
dem  ein  jährliches  Fest  gefeiert  wurde,  Paus. 
50  3 , 24,  9.  Aber  auch  ins  Binnenland  drang  ihr 
Kultus,  während  er  sich  sonst  meist  am  Meeres- 
ufer findet;  so  hatte  sie  in  Sparta  zwei  Hei- 
ligtümer, eines  auch  unter  dem  Namen  ”Aqxs- 
pug  Aiyxvaia,  Paus.  3,  14,  2,  das  andere  unter 
dem  Namen  Diktynna  ib.  3,  12,  8.  Liv.  34,  38. 
Auch  in  der  phokischen  Stadt  Ambrosos  ward 
sie  hoch  verehrt,  Paus.  10,  36,  5.  Merkwür- 
dig aber  ist,  dafs  selbst  aus  Massilia  durch 
eine  dortige  Inschrift  ihre  Verehrung  bezeugt 
oo  ist.  Dieselbe  gehört  dem  römischen  Zeitalter 
an  und  heifst:  @sä  Alkx va  drjyog  Maoa{aluo- 
zäv)  C.  I.  Gr.  6764.  [Rapp.] 

Britovius,  celtischer  Beiname  des  Mars  auf 
einer  Inschrift  aus  Nemausus  Orelli  1356a: 
Marti  Britovio.  Das  Wort  geht  auf  denselben 
Stamm  zurück,  wie  Brittae,  Brittones  etc.,  die 
alle  auch  oft  nur  mit  i geschrieben  werden  {Zeufs, 
gr.  Celt.  p.  151).  S.  Britannia.  [Steuding.] 


829 


Brittae  matres 


Brusos 


830 


Brittae  matres  oder  matronae,  auf  Inschrif- 
ten aus  Vetera  in  Gallia  Belgica,  Or.-Henzen 
5932:  Matribus.  Brittis.  L.  Valerius.  Simplex, 
mil.  leg.  XXX.  V.  V.  v.  ( s .)  I.  m.  und  aus  Cre- 
mona  Orelli  2094:  Matronis  Brittis  etc.  S. 
Britannia.  [Steuding.] 

Brixantu(m)  deus  erscheint  auf  der  Inschrift 
eines  Schlüssels  aus  Moulins-Engelbert,  Dep. 

1 Nievre,  Orelli  1975:  Augu  sacrum  deo  Brixantu 
j propitiu  (vgl.  ib.  187).  Der  Name  ist  wohl  mit  l 
dem  rhätischen  Volke  Bgi^avzai , Ftol.  2,  12, 

3 = Brixentes  Plin.  3,  24,  4,  von  denen  Bri- 
. xen  genannt  zu  sein  scheint,  zusammenzustel- 
1 len  und  dem  Stamme  nach  mit  Brixellum  und 
Brixia  verwandt.  Alle  diese  Namen  gehen  wohl 
auf  das  altceltische  brig  = altus , sublimis 
■■  ( Zeufs , gr.  Celt.  p.  80  a)  zurück.  [Steuding.] 

Brixia,  celtische  Gottheit  auf  einer  Inschrift 
zu  Luxovium  im  Sequanergebiet  (Luxeu  in  der 
Franche-Comte),  Orelli  2024:  Luxovio  et  Bri-  2 
\ xiae  C.  Iul.  ||  Firman.  jussu  ||  v.  s.  I.  rn.  Da 
hier  Brixia  mit  einer  eponymen  Stadtgottheit 
zusammengestellt  ist,  dürfte  sie  vielleicht  auch 
als  solche  auf  Brixia  = Brescia  zu  beziehen 
| sein.  [Steuding.] 

Brizo  (Bgigco  von  ßgigoo),  eine  zukunftver- 
kündende , Träume  eingebende  Gottheit  bei 
den  Deliern , welcher  die  delischen  Frauen  in 
nachenförmigen  Opfergefäfsen  (cr.acpca)  ver- 
schiedene Gaben,  aber  keine  Fische,  darbrach-  3 
ten.  Besonders  wurde  sie  als  Schutzgottheit 
der  Schiffe  angerufeu,  Athen.  8,  3 p.  335  a u.  b. 
Eustatli.  z.  Hom.  1720,  57.  Hes.  s.  v.  ßgi- 
goyuvzig.  Spanheim  z.  Kallim.  h.  in  Del.  316 
jp.  519.  Creuzer,  Symbolik  3,  S.  356.  [Schultz.] 

Brome  oder  Bromie  (Bgöyri,  Bgoyig),  Toch- 
: ter  des  Okeanos,  eine  der  Nymphen,  welche 
den  Dionysos  auf  dem  Berge  Nysa  aufzogen, 
Hygin.  f.  182.  Serv.  Verg.  Ecl.  6,  15.  Nvy- 
epea  Bgoyica,  Skolion  5 bei  Bergic,  Lyr.  gr.  4< 

.[Stoll.] 

Bromia  (Bgoyta,  rj),  1)  eine  Bakchantin,  Norm. 
21,  64.  88.  — 2)  Beiname  der  Artemis,  Orph. 
llft.  35,  2.  [Steuding.] 

| Bromios  (Bgoyiog),  1)  Beiname  des  Diony- 
sos (s.  d.),  von  dem  hallenden  Lärm  (ßgoyog)  der 
,Bakchoszüge,  Aeschyl.  Eum.  24.  Eurip.  Bacch. 
329.  Bhoen.  625.  Find.  ( Dithyramb .)  fr.  53,  10 
Bergic  ( Bgoyiov  ’Egißoav  ze).  Athen.  11  p.  465  b. 
k Ovid.  Met.  4,  11.  Lucan.  5,  73.  [Vgl.  auch  51 
I 0.  I.  Gr.  1177.  5956.  6260.  6305.  R.].  Die  Alten 
leiteten  den  Namen  ab  von  dem  Lärm  des 
Donners  und  Blitzes  bei  seiner  Geburt  ( Diod . 

1,  5.  Dio  Chrys.  Or.  27.  Etym.  AI.  Bgoyiog)  oder 
von  seiner  Amme  Brome  oder  Bromie  (s.  d.). 
\ndere  Erklärungen  hat  Suid.  s.  v.  Preller, 

Ir.  Mythol.  1.  S.  549.  Gerhard,  Gr.  Mythol. 

■ 447,  1.  — 2)  Beiname  des  Satyros,  Hesych. 
j i.  v.  Bgoyiog.  — 8)  Beiname  des  Ares,  Bergic, 

I lyr.  gr.  fragm.  adesp.  111.  — 4)  Sohn  des  o< 
Vigyptos,  von  der  Danaide  Euroto  gemordet, 
Apollod.  2,  1,  5.  [Stoll.] 

Bromius , Beiname  des  Bacchus  auch  auf 
dner  schwer  verständlichen  Inschrift  aus  Rom, 
helli  1488  (vgl.  Denzen  z.  d.  St.):  Die  fuithor- 
idus  ante  locus  Asteri  consilio  coeptus  Liber  iter 
Iromio  silvigeri  dei.  auxilium  renovatum  in 
erbe.  S.  Bromios.  [Steuding.] 


Bromos,  Kentaur,  auf  der  Hochzeit  des  Pei- 
rithoos  von  Kaineus  erschlagen,  Ov.  Met.  12, 
459.  [Schultz.] 

Bront  aios  (Bgovzaiog),  1)  Donnerer,  Beiname 
des  Zeus,  Orph.  Hymn.  14,  9.  — 2)  Broutaios, 
Vater  der  Athena,  einer  attischen  Prinzessin, 
die  auch  Belonike  hiefs,  mit  welcher  Hephai- 
stos den  Erichthonios  zeugte,  Tzetz.  Lylc.  111. 
Vgl.  Eudocia  u.  Phavorin.  [Stoll.] 
i Bronte  ( Bgovzy ),  1)  der  personificierte  Don- 
ner, Orph.  H.  prooern.  39.  Nach  Plin.  35,  96 
von  Apelles  gemalt.  Vgl.  Brunn,  Künstler- 
gesch.  2,  207.  — 2)  Name  eines  Sonnenrosses, 
Eum.  b.  Hygin.  f.  183.  Schol.  Eurip.  Phoen. 
3.  [Stoll.] 

Broutes  ( Bgovzyg ),  einer  der  Kyklopen  (s.  d.), 
Sohn  des  Uranos  und  der  Ge,  Ilesiod.  Thcog. 
140.  Apollod.  1, 1,  2.  Verg.  Aen.  8,  425.  Nonn. 
14,  59.  Pherekyd.  b.  Schol,  Eurip.  Alcest.  1. 
Die  von  ihm  geschwängerte  Metis  wurde  von 
Zeus  verschlungen,  worauf  dieser  aus  seinem 
Kopfe  die  Tritogeneia  gebar,  Schol.  11.  8,  39. 
Er  bezeichnet  mit  seinen  Brüdern  Steropes  und 
Arges  die  Erscheinungen  des  Gewitters,  Prel- 
ler, Gr.  Myth.  1.  S.  42.  Braun,  Gr.  Götterl, 
§ 53  f.  Iioscher,  Gorgonen  34.  [Stoll.] 

Bronton,  ontis  = ßgovzüv  der  Donnerer, 
Beiname  des  Iuppiter  auf  Inschriften  aus  Rom 
C.  I.  L.  6 , 2241 : L.  Iulius.  L.  f.  Clau.  Pol- 
litianus  sacerlßos)  dei.  Brontontis  donum.  d. 
d.  und  6,  432:  Iovi.  sancto  Brontonti  Aur. 
Poplius.  Auf  einer  Inschrift  aus  Aquileia  wird 
derselbe  Name  Broton  geschrieben,  Orelli 
1272  b:  Bono  deo  Brotonti.  S.  Preller- Jor- 
dan, B.  M.  1,  237,  1.  Vergl.  Iuppiter  Tonans 
und  Zsvg  ßgovzäv  [C.  I.  Gr.  3810.  add.  3817  b. 
3819  u.  ö,  R.],  u.  s.  Bamsay , Hellenic.  Stud. 
3,  1 p.  123.  [Steuding.] 

Broteas  (Bgozsccg) , 1)  Sohn  des  Hephaistos 
und  der  Athene,  der,  um  dem  Hohn  über  seine 
Häfslichkeit  zu  entgehen,  sich  selbst  verbrannte, 
Ovid.  Ibis  515  u.  Schol.  Stark,  Niobe  S.  438. 

— 2)  Sohn  des  Tantalos,  Bruder  des  Pelops 
und  der  Niobe,  Verfertiger  eines  alten  Bildes 
der  Göttermutter  auf  dem  Felsen  Koddinos  im 
Lande  der  Magneten,  Paus.  3,  22,  4.  Schol. 
Eurip.  Orest.  5.  Alantiss.  proverb.  2,  94.  Par- 
otmiogr.  gr.  2 p.  773.  Gerhard  im  Bhein.  Mus. 
N.  F.  8,  1851.  S.  130—132.  Griecli.  Mythol. 
§ 874.  Preller  in  Philolog.  7 S.  35.  Griecli. 
Mythol.  1.  S.  536,  3 u.  2.  S.  380,  3.  Stark , Niobe 
S.  351.  435.  437.  Als  Gemahl  der  Niobe  er- 
scheint Broteas,  Schol,  Ven.  alt.  u.  Lips.  II. 
24,  602.  — 3)  Vater  des  Tantalos,  der  vor 
Agamemnon  mit  Klytaimnestra  vermählt  war. 
Der  Vater  dieses  jüngeren  Tantalos  heifst  auch 
Thyestes,  Paus.  2,  22,  4.  18,  2.  Vgl.  Hygin. 
f.  88.  244.  246.  — 4)  Ein  Genosse  des  Per- 
seus, von  Pbineus  getötet,  Ovid.  Met.  5,  107. 

— 5)  Ein  Lapithe,  auf  der  Hochzeit  des  Pei- 
rithoos  von  Gryneus  getötet,  Ovid.  Alet.  12, 
262.  [Stoll.] 

Broton  s.  Bronton. 

Brotos  {Bgozög,  der  Sterbliche),  nach  He- 
siod  ein  Sohn  des  Aither  und  der  Hemera,  ein 
Autochthone  nach  Euhemeros , Etym.  Al.  215, 
37.  [Stoll.] 

Bi  •»SOS  ( Bgovoog ),  Sohn  des  Emathios,  nach 


831 


Bukolos 


832 


Bryke 

welchem  Brusis,  ein  Teil  Makedoniens,  benannt 
war,  Steph.  Byz.  s.  v.  Bgovcig ■ [Stoll.] 

Bryke  (Bgvnrj),  der  Name  einer  Danaide 
bei  Apollod.  2,  1,  5,  welche  sonst  Bebryke 
heilst,  s.  Bebryke.  Vgl.  Marmor  Par.  Ep.  9 
v.  15.  C.  Müller  p.  542.  561.  [Stoll.] 

Brylle  (‘IBqvIIt]),  eine  Tochter  des  Minos, 
mit  welcher  Poseidon  den  Orion  zeugte,  He - 
siod  b.  Schol.  Arat.  322.  ( Hesiod  fr.  43  Lelirs). 
Sicherlich  ist  zu  schreiben  Euryale,  s.  Apollod.  io 

1,  4,  3 u.  Orion.  [Stoll.] 

Bryte,  eine  Tochter  des  Mars,  Dienerin  der 
Diana  auf  Creta,  die,  von  Minos  verfolgt, 
sich  ins  Meer  stürzte.  Ihr  Körper  wurde  in 
Netzen  (dir.zva)  von  Fischern  wieder  empor- 
gezogen. Eine  darauf  ausbrechende  Pest  konnte 
nach  einem  Orakelspruch  nur  dadurch  been- 
det werden,  dafs  der  Diana  Dictynna  ein  Tem- 
pel errichtet  wurde,  Mythogr.  Vat.  2,  26.  Es 
ist  dies  ein  etymologisches  Märchen ; da  aber  20 
Dictynna  oft  auch  als  Beiname  der  Britomar- 
tis  erscheint,  so  dürfte  in  Bryte  vielleicht  der 
erste  Teil  dieses  Wortes  ( martis  — Tochter 
des  Mars?)  enthalten  sein.  S.  Britomartis. 

[Steuding.] 

Bryusa  ( Bqvovgcc , von  ßgvco  strotzen),  eine 
Mainade,  Norm.  14,  222.  [Steuding.] 

Bubastis,  is  ( BovßaGzig ),  die  ägyptische  Göt- 
tin Bast  (wohl  mit  Vorgesetztem  Artikel  bu  wie 
in  Bu-siris  oder  aus  dem  altägyptischen  Pa-  30 
Bast  = Haus  der  Bast  gebildet,  vgl.  S.  Bei- 
nisch  in  Paulys  B.-E .)  wird  von  Herodot.  2, 156 
fälschlich  als  Tochter  des  Dionysos  = Osiris  und 
der  Isis  bezeichnet;  sie  wurde  hauptsächlich  in 
der  nach  ihr  genannten  Stadt  Unterägyptens 
verehrt,  wo  man  auch  die  ihr  heiligen  Katzen 
( Ovid . Met.  5,  330.  Eckhel,  D.  N.  V.  4,  104. 
Steph.  Byz.  s.  v.  luven.  15,  8)  begrub  (Her. 

2 , 67).  Sancta  Bubastis  wird  sie  bei  Ovid. 
Met.  9,  690  genannt,  und  Joseph,  ant.  jud.  13,  40 

3 , 2 führt  eine  aygia  BovßaGzig  an , die  bei 
Leontopolis  im  heliopolitischen  Nomos  ihren 
Tempel  hatte.  Dafs  ihr  Kult  sich  auch  im 
römischen  Reich  verbreitete , beweist  eine  In- 
schrift aus  Ödenburg,  C.  I.  L.  3,  4234:  Isidi 
Aug(ustae)  et  Bubasti  G.  P(omponius ) etc.  und 
eine  solche  aus  Ostia:  Isidi.  Bubasti.  Vener. 
arg.  P.  I.  S.  Cor.  aur.  P.  . . . Cor.  anal.  P.  . . . 
Caltil.  Hiodora  Bubastiaca  testamento  dedit 
(bei  Vercellone,  diss.  acad.  p.  339  nach  De-  50 
Vit,  On.  s.  v.),  vergl.  Or.-Henzen  5974:  Bu- 
bastia  sacra  bei  Grat.  Cyn.  42.  S.  auch  Et. 

M.  s.  v.  Bovßaaig.  Sehr  ausführlich  wird  Bu- 
bastis von  S.  Beinisch  in  Paulys  Beal-Enc. 
behandelt.  Nach  den  von  demselben  ange 
führten  ägyptischen  Quellen  ist  sie  ein  Sinn- 
bild des  Feuers  in  .seinen  wohlthätigen  Wir- 
kungen; nach  Herod.  2,  59.  137.  156  entspricht 
sie  dagegen  der  Artemis,  wie  sie  auch  bei  Nic- 
arch.  Anthol.  Pal.  11,  18,  als  Göttin  der  Ge-  co 
burtshilfe  erscheint.  [Vergl.  auch  C.  I.  Gr. 
7039],  [Steuding.] 

Bubon  (Bovßcöv),  ein  Räuber,  Gründer  der 
gleichnamigen  Stadt  in  Lykien,  Stepli.  Byz. 

, u.  Etxym.  M.  s.  v.  [Stoll.] 

Bubona  s.  Indigitamenta. 

Bubrostis  (Bovßgooazig),  d.  i.  Heifshunger, 
eine  zu  Smyrna  verehrte  Göttin,  welcher  holo- 


kaustische  Opfer  von  schwarzen  Stieren  dar- 
gebracht wurden.  Man  fluchte  bei  ihr  dem 
Feinde,  Plut.  Sympos.  6,  8,  1.  Schol.  II.  24, 
532.  Eustath.  Horn.  p.  1364.  Vergl.  Preller, 
Demeter  S.  333.  Gr.  Myth.  1.  S.  638,  2.  Ger- 
hard, Gr.  Myth.  § 536.  [Stoll.] 

Buchetos  (Bovxtzog),  angeblicher  Gründer 
der  sicilischen  Stadt  Buchetos  (oder  der  thes- 
protischen  Stadt  Bucheta),  Vater  des  Echetos, 
Mnaseas  bei  Schol.  Od  18,  85.  [Stoll.] 

Budeia  (BovSsux),  1 ) die  Stieranspanneriu,  Bei- 
name der  Athene  (s.  d.)  in  Thessalien,  Eustatli. 
Hom.  p.  1076,  27.  Steph.  Byz.  s.  v.  Bovdntx. 
Lykophr.  359  u.  Tzetz.  Vgl.  Bückert,  Athene- 
dienst S.  71.  O.  Müller,  Pallas  § 43.  Wel- 
cher, Gr.  Götterl.  2.  S.  301.  Preller,  Gr.  Myth. 
1.  S.  181,  4.  Gerhard,  Gr.  Myth.  § 246,  2.  3. 
Lauer,  System  d.  gr.  Myth.  S.  354.  — 2)  Boio- 
terin , Gemahlin  des  Klymenos , Mutter  des 
Erginos,  nach  welcher  Budeion  benannt  war, 
Eustath.  Hom.  p.  1076,  26.  Schol.  II.  16,  572. 
Bei  Schol.  Ap.  Bh.  1 , 185  heifst  sie  Buzyge, 
welcher  Name  dieselbe  Bedeutung  hat,  eine 
Tochter  des  Lykos.  O.  Müller , Orchom. 

5.  185.  Vgl.  Budeios.  [Stoll.] 

Budeios  ( Bovdnog ),  Sohn  des  Argos,  angeb- 
licher Gründer  der  Stadt  Budeion  (in  Thessa- 
lien oder  Boiotien?)  oder  Budeia  (auf  der  Halb- 
insel Magnesia) , Schol.  II.  16,  572.  Eustath. 
Hom.  p.  1076,  29.  Steph.  Byz.  Bovdeia.  He- 
sych.  Bovthog.  O.  Müller,  Orchom.  S.186.  [Stoll.] 

Bullion  (Bovdiorv) , ein  Aiginete , von  dem 
die  aiginetischen  Budiden  abgeleitet  wurden, 
Vater  der  Oinone,  nach  welcher  in  früherer 
Zeit  Aigina  Oinone  hiefs,  Schol.  Pind.  Nem. 

6,  63.  Tzetz.  Lyk.  175  p.  446  Müll.  O.  Mül- 
ler, Aeginet.  p.  8.  [Stoll.] 

Bugius,  celtischer  Gott  auf  einer  Inschrift 
aus  den  Trümmern  eines  alten  Kastells  bei 
Tarquinpole  in  Lothringen,  Orelli-Henzen  5882: 
Bugio  ||  M.  Monianus  Magnus  ||  v.  s.  r.  (jeden- 
falls l.)  rn.  [Steuding.] 

Bukolion  (BovuoUcov) , 1)  einer  der  fünfzig 
von  Zeus  getöteten  Söhne  des  Lykaon,  Apol- 
lod. 3,  8,  1.  — 2)  Sohn  des  Laomedon  und 
der  Nymphe  Kalybe , zeugte  mehrere  Söhne 
mit  Abarbarea,  Apollod.  3,  12,  3.  Horn.  II.  6, 
21.  Tzetz.  Homeric.  115.  223.  Norm.  15,  376. 
— 3)  Arkadischer  Fürst,  Sohn  des  Holaios, 
Enkel  des  Kypselos,  Vater  des  Phialos,  Paus. 
8,  5,  5.  Vgl.  Curtius,  Peloponnesos  1.  S.  319.  — 
4)  Sohn  des  Pan,  der  zuerst  das  Weiden  des 
Viehes  (ßovnoXsiv)  erfunden  haben  soll,  Mna- 
seas b.  Schol.  Theokr.  1,  64.  — 5)  Ein  Myke- 
näer,  von  Eurypylos  getötet,  Quint.  Smyrn.  6, 
615.  [Stoll.] 

Bukolos  ( Bovxolog ),  1)  Sohn  des  Herakles 
und  der  Thespiade  Marse,  Apollod.  2,  7,  8.  — 
2)  Sohn  des  Hippokoon  in  Lakedaimon,  von 
Herakles  mit  Vater  und  Brüdern  erschlagen, 
Apollod.  3,  10,  5.  — 3)  Sohn  des  Kolonos  zu 
Tanagra,  Bruder  des  Ochemos  und  Leon  und 
der  Oehna.  Diese  verleumdete  den  sie  ver- 
schmähenden Eunostos  bei  ihren  Brüdern  wegen 
Gewaltthat,  weshalb  sie  ihn  erschlugen.  Oehna 
gestand  später  aus  Reue  die  Wahrheit;  die 
von  dem  Vater  des  Eunostos  eingekerkerten 
Brüder  entflohen,  Oclina  erhängte  sich,  Plut. 


833 


Bulaioi 


Busiris 


834 


Quaest.  gr.  40.  — 4)  Vater  des  Splrelos,  Grofs- 
vater  des  vor  Troja  erschlagenen  Iasos,  eines 
Führers  der  Athener,  II.  15,  338.  [Stoll.] 
Bulaioi  (BovXuioi  &so£).  1)  So  wurden  von  den 
Chaldäern  dreifsig  Fixsterne  genannt,  an  denen 
die  Planeten  hei  ihrem  Laute  scheinbar  vor- 
über gehen.  Die  eine  Hälfte  von  ihnen  be- 
obachtet das,  was  über  der  Erde,  die  andere 
das,  was  unter  derselben  vorgeht,  worüber  sie 
sich  durch  je  einen  Stern  gegenseitig  alle  l 
10  Tage  Meldung  machen.  Sie  erscheinen  so 
als  Berater  der  Planeten,  die  dann  durch  ihren 
Lauf  das  von  jenen  Beobachtete  verkünden, 
Diodor.  2,  30  a.  E.  [ — 2)  Vergl.  C.  I.  Gr. 
add.  3847  m und  Bückli  zu  G.  I.  Gr.  Vol.  1 
n.  1307.  R.]  [Steuding.] 

Buleus  (BovXsvg),  Sohn  des  Herakles  und  der 
Thespiade  Elacheia  (?),  Apollod.  2,  7,  8.  [Stoll.] 
Bulis  (BovXig),  Mutter  des  Aigypios  (s.  d.), 
welche  in  einen  Vogel  (nävy^ , cpcöv^)  ver- 2 
wandelt  wurde,  der  die  Augen  von  Fischen, 
Vögeln  und  Schlangen  zu  fressen  pflegt,  Boios 
b.  Ant.  Lib.  5 (vgl.  Aristot.  de  an.  h.  9 , 18). 
Der  re couy|  oder  qxnvh,  ist  wohl  eine  Art  Rei- 
her (vgl.  den  Index  nat.  hist,  zu  Aristot.  ed. 
Didot  5,  911).  [Roscher.] 

Bulon  (BovXcov) , Gründer  der  Stadt  Bulis 
in  Phokis,  Paus.  10,  37,  2.  Steph.  Byz.  s.  v. 
BovXig.  [Stoll.] 

Bunaia  {Bovvaia)  s.  Bunos.  3 

Buueus  oder  Buneas?  (Bovvev g,  BowiagT), 
Sohn  des  Eleiers  Menedemos  (?),  welcher  in  der 
Sage  von  Herakles  und  Augeias  (s.  d.)  eine  Rolle 
spielte  nach  Ptol.  Heph.  b.  Phot.  bibl.  p.  151, 
30.  Vgl.  Müller,  Orchomenos  373.  [Roscher.] 
Bunikos  {Bovviuog),  Sohn  des  Alexandros 
(Paris)  und  der  Helena,  Bruder  des  Korythos 
(der  auch  Sohn  der  Oinone  lieifst,  Tzetz.  Lyk. 
57.  Parthen.  Brot.  34),  Aganos  (Agauos?)  und 
Idaios,  Tzetz.  Lyk.  851.  Homeric.  442.  Bei  i 
Jüict.  5,  5 heifst  der  Name  Bunomos  oder  Bu- 
nochos  statt  Bunikos.  [Stoll.] 

Bunonios,  Sohn  der  Helena  und  des  Paris,  Dict. 
Cret.  5,  5.  Bei  Tzetz.  Lyk.  851  u.  Rom.  442  wird 
derselbe  Bovvinog  (s.  d.)  genannt.  [Steuding.] 
Bunos  {Bovvog),  Sohn  des  Hermes  und  der 
Alkidameia,  korinthischer  Heros,  dem  Aietes 
bei  seiner  Auswanderung  von  Korinth  nach 
Kolchis  die  Herrschaft  in  Korinth  übergiebt 
mit  dem  Aufträge,  sie  bis  zu  seiner  oder  eines  5 
1 seiner  Nachkommen  Rückkehr  zu  bewahren. 
Nach  Bunos’  Tode  tritt  Epopeus  von  Sikyon 
an  seine  Stelle,  Eumelos  bei  Paus.  2,  3,  10. 
Theopomp.  fr.  340  ( Müller , F.  II.  G.  1,  332). 
i Schot.  Find.  Ol.  13^  74.  Tzetz.  ad  Lyc.  174. 
Bunos  gründete  am  Wege  nach  Akrokorinth 
der  Hera  ein  Heiligtum , die  davon  Bunaia 
hiefs,  Paus.  2,  4,  7.  E.  Curtius,  Peloponn.  2, 
533.  Die  Figur  des  Bunos  ist  ein  etymologi- 
scher Mythus : da  ßovvog  die  Höhe , der  Hau-  6 
fen  bedeutete  (nach  Meinehe  von  ßva> , nach 
Welcher,  Tril.  404  von  ßdco , nach  Abicht  zu 
Ger.  4,  199  ein  kyrenäisches  Wort!),  so  hiefs 
die  Hera  am  Bergabhang  Bovvaia,  und  durch 
Rückbildung  entstand  der  Gründer  Bovvog , der 
ibenso  wie  seine  Mutter  Alkidameia  nur  bei 
Eumelos  und  denen,  die  ihn  ausschrieben,  vor- 
kommt, E.  Wilisch,  über  die  Fragm.  des  Ep. 

Roscher,  Lexikon  der  gr.  u.  röm.  Mythol. 


Eumelos  11.  E.  Gerhard,  Gr.  Mythol.  282,  3 
bringt  die  Xocpoe  "Egyaioi  (Horn.  Od.  16,  471. 
Strab.  8,  343)  mit  dem  Hermessohne  Bunos  in 
Verbindung.  Welcher  bei  Schwenck,  Andeut. 
326  nennt  Bunos  „den  Hügelmann“,  Hirt  und 
Ackerbauer  mit  Beziehung  auf  die  Qualität 
der  Altern.  [Wilisch.] 

Bupltag'OS  (Bovcpccyog),  1)  ein  Heros  in  dem 
arkadischen  Pheneos , Sohn  des  Iapetos  und 
der  Thornax.  Er  nahm  mit  seinem  Weibe 
Promne  den  im  Kriege  gegen  Augeas  verwun- 
deten Iphikles  , Bruder  des  Herakles , auf, 
pflegte  ihn  bis  zu  seinem  Tode  und  begrub 
ihn.  Er  wurde  von  Artemis,  der  er  ungebühr- 
lich nachstellte,  im  Pholoegebirge  erschossen. 
Nach  ihm  wurde  der  arkadische  Flufs  Bupha- 
gos  benannt,  Paus.  8.  14,  6.  27,  11.  Preller, 
Gr.  Myth.  2,  239.  — 2)  Beiname  des  Herakles, 
weil  er  mehrmals  ganze  Ochsen  verzehrte, 
Apollod.  2,  7,  7.  2,  5,  11.  Schol.  Ap.  Rh.  1,  1212. 
Kallim.  in  Dian.  161.  Eustath.  Horn.  p.  1523, 
5.  Lukian.  Amor.  7.  Anthol.  Pal.  9,  59.  Ad. 
V.  H.  1,  24.  Athen.  10  p.  411  f.  Preller , Gr. 
Myth.  2.  S.  246.  265.  S.  Buthoinas.  — 3)  Bei- 
name des  Argonauten  Koronos,  Orpli.  Arg. 
136.  [Stoll.] 

Buphonas  ( Bovcpovag ),  ein  sicilischer  Held, 
der  in  der  Schlacht  gegen  Herakles  fiel,  als 
er  sich  mit  vielem  Kriegsvolke  ihm  bei  seinem 
Durchzug  durch  Sicilien  entgegenstellte.  Neben 
ihm  werden  noch  als  Führer  dieses  Heeres 
genannt:  Leukaspis,  Pediokrates,  Glychatas, 
Butaias  u.  Krytidas,  I)iod.  4,  23.  [Stoll.] 
Buprasios  ( BovnQÜoiog ),  Herrscher  von  Bu- 
prasion,  Steph.  Byz.  s.  v.  Bovtzquolov.  [Schultz.] 
Bura  (Bovqk),  Tochter  des  griechischen 
Stammheros  Ion  und  der  Helike,  nach  welcher 
die  achäische  Stadt  gleiches  Namens  benannt 
war,  Paus.  7,  25,  5.  Stepjli.  Byz.  s.  v.  Vgl. 
jedoch  auch  Etym.  M.  s.  v.  Bovqcc.  Curtius, 
Peloponnesos  1.  S.  469.  490.  [Stoll.] 

Buraikos  {Bovqcüy.6 g),  Beiname  des  Hera- 
kles, nach  dem  Flusse  Buraikos  bei  Bura  in 
Achaia.  In  einer  Höhle  an  dem  Flusse  hatte 
Heiakies  ein  Orakel.  Die  Fragenden  gebrauch- 
ten Würfel  mit  bestimmten  Zeichen,  aus  denen 
man  nach  einer  in  der  Höhle  hängenden  Tafel 
(nivat;)  die  Antwort  deutete,  Paus.  7,  25,  6. 
C.  Fr.  Hermann,  Gottesdienstl.  Altert.  § 39, 
15.  16.  E.  Curtius,  Peloponnesos  1 S.  471.491. 
Bursian,  Geogr.  v.  Griechen l.  2.  S.  337.  [Stoll.] 
Burnus  s.  Indigitamenta. 

Burorina,  jedenfalls  eine  niederdeutsche  Göt- 
tin auf  einer  Inschrift  aus  Domburg  auf  der  Insel 
Walcheren,  Orelli- Uenzen  5883:  Deae  \\  Buro- 
ri  ||  ne  quo  ||  (d)  votum  ||  (f)ecit  1 ■ RI  ||  • FiS  ( lu - 
lius  Primus  oder  = prius)  pro  s ||  (e)  et  suis. 
In  Bezug  auf  den  Stamm  des  Wortes  ist  viel- 
leicht an  Burri,  Burr,  Buri,  den  erstgeborenen 
Menschen,  zu  denken  {Grimm,  I).  Myth.  p.  323 
u.  526).  Vielleicht  ist  dann  Burorina  (vergl. 
altsächsisch:  burian)  die  Gebärerin,  die  Urmut- 
ter (?).  [Steuding.] 

Busbatos  (Bovoßarog) , tliralcische  Göttin, 
mit  Artemis  identificiert:  vgl.  Hesych.  Bovo- 
ßazov  zgv  ’'Aqxe[uv.  ©gäntg.  Vgl.  Layarde, 
ges.  Abh.  S.  279.  [Crusius.] 

Busiris  {Bovoiyr g),  1)  Sohn  des  Aigyptos, 

27 


835 


Busiris 


Busiris 


836 


vermählt  mit  Automate,  der  Tochter  des  Da- 
naos  und  der  Europa,  Apollod.  2,  1,  5.  — 2) 
Nach . griechischer  Sage  ein  grausamer  König 
von  Ägypten,  Sohn  des  Poseidon  und  der  Ly- 
sianassa,  einer  Tochter  des  Epaphos,  oder  der 
Anippe,  Tochter  des  Neilos  ( Plutarch .),  der  die 
Fremden,  die  in  das  Land  kamen,  an. dem 
Altar  des  Zeus  schlachtete.  Während  Ägyp- 
ten neun  Jahre  lang  von  grofser  Unfruchtbar- 
keit heimgesucht  ward,  kam  von  Kypros  her 
ein  Wahrsager  Phrasios,  der  dem  Busiris  offen- 
barte, dafs  die  Unfruchtbarkeit  aufhören  werde, 
wenn  er  jährlich  dem  Zeus  einen  fremden 
Mann  opfern  würde.  Busiris  machte  mit  dem 
Wahrsager  selbst  den  Anfang  und  opferte  in 
der  Folge  alle  Fremden,  die  nach  Ägypten 
kamen.  Herakles,  der  Vorkämpfer  der  huma- 
nen hellenischen  Sitte,  machte  dieser  barbari- 
schen Roheit  ein  Ende.  Als  er  auf  seinem 
Zuge  nach  den  Hesperidenäpfeln  (oder  nach 
den  Rindern  des  Geryones,  Diod.  4,  18)  auch 
in  Ägypten  erschien,  wurde  er  ergriffen  und 
von  Busiris  als  bekränztes  Opfer  gefesselt  zum 
Altar  geführt;  hier  aber  zerreifst  er  die  Bande 
und  erschlägt  den  Busiris  samt  seinem  Sohne 
Amphidamas  (oder  Iphidamas) , dem  Opfer- 
herold Chalbes  und  dem  ganzen  Gefolge  des 
Königs  — eine  sehr  populäre  Fabel,  Apollod. 

2,  5,  11.  Pherekyd.  b.  Schol.  Ap.  Rh.  4,  1396. 
Apulej.  de  orthogr.  2.  Flut.  Parall.  38.  Thes. 
11.  Herodot.  2,  45.  Isocrat.  or.  11.  Arr.  Anab. 

3,  3,  1.  Dioä.  4,  27.  Gell.  N.  A.  2,  6.  Ma- 
crob.  Sat.  6,  7.  Hygin.  f.  31.  56.  157.  Ov. 
Met.  9, 183.  Verg.  Georg.  3,  5.  Boeth.  de  cons. 
phil.  2,  6 p.  34,  17f.  Obb.  Glaudian,  in  Rufin. 
1,  255.  in  Eutrop.  1,  159.  Dio  Ghrys.  8 p.  136. 
Serv.  Verg.  Aen.  8,  300.  Georg.  3,  5.  Plnlarg. 
Verg.  Georg.  3,  5.  Prob.  Verg.  Georg.  3,  1. 
Euripides  hat  diese  Geschichte  in  einem  Satyr- 
drama Busiris  auf  die  Bühne  gebracht,  Fragm. 
Bus.  Eurip.  p.  117  ed.  Matthiae,  p.  359  ed. 
Nauck.  Auch  Epicharmos  schrieb  einen  Bu- 
siris, Athen.  10  p.  411  a.  Die  Begegnung  des 
Busiris  und  Herakles  und  Tötung  des  Busiris 
auf  Vasenbildern,  Müller,  Handb.  d.  Arehäol. 
§ 410,  5.  Millingen  vas.  dir.  28.  Micali  ant. 
mon.  t.  90.  Gerhard , Trinksch.  u.  Gef.  T.  8. 
S.  9 u.  Arehäol.  Ztg.  1865  Lfrg.  67.  Panofka, 
Hyp.-röm.  Stud.  S.  296.  Braun,  Gr.  Götterl. 
§ 599.  Stephani,  conipt.-rend.  1868, 141  ff.  Bull, 
d.  Inst.  1872,111.  Heydemann,  Vasens.  Sant- 
anyelo  n.  343.  Vor  der  Grausamkeit  des  Bu- 
siris floh  Proteus  aus  Ägypten  nach  Pallene, 
Philarg.  Verg.  Georg.  4,  390.  Kurz  vor  der  Zeit, 
wo  Herakles  den  Busiris  tötete,  hatte  dieser 
Räuber  ausgeschickt,  um  die  sieben  Atlan- 
tiden  oder  Hesperiden , die  durch  Schönheit 
ausgezeichnet  waren,  für  sich  rauben  zu  las- 
sen; Herakles  stiefs  auf  seinem  Wege  zu  Atlas 
auf  die  Räuber , tötete  sie  und  befreite  die 
Jungfrauen,  die  er  dann  dem  Vater  zurück- 
brachte, Diod.  4,  27.  Nach  Diod.  1,  17  setzte 
Osiris,  der  König  Ägyptens  und  der  Nachbar- 
länder, als  er  seinen  grofsen  Zug  durch  die 
Welt  unternahm  und  seiner  Gemahlin  Isis  das 
Reich  überliefs , den  Busiris  als  Statthalter 
über  die  gegen  Phönikien  und  das  Meer  ge- 
legenen Länder  (vgl.  Stepli.  Byz.  s.  v.  Bovoi- 


Qig),  den  Antaios  über  Äthiopien  und  Libyen, 
während  er  den  Hermes  als  Berater,  den  Hera- 
kles als  Feldherrn  seiner  Gemahlin  zurückliefs. 
Derselbe  berichtet  (1,  45).,  dafs  Menas  der  erste 
menschliche  König  von  Ägypten  gewesen,  aus 
dessen  Geschlecht  52  Könige  stammten , die 
mehr  als  1400  Jahre  regierten.  Darauf  sei 
Busiris  zum  König  gemacht  worden,  und  es 
folgten  ihm  8 Könige  aus  seinem  Geschlechte, 
io  von  denen  der  letzte  wieder  Busiris  hiefs,  der 
Erbauer  der  grofsen  Stadt  des  Zeus , welche 
die  Griechen  Theben  nannten.  Nach  Etym. 
31.  s.  v.  war  Busiris  ein  König  vou  Ägypten, 
nach  welchem  auch  die  Stadt  Busiris  benannt 
war.  Hier  befand  sich  das  gröfste  Heiligtum 
der  Isis  und  das  Grab  des  Osiris,  dessen  Leiche 
seine  Gattin  in  ein  hölzernes  Rind  gebettet 
hatte,  wonach  dann  die  Stadt  BovooaiQiq  ge- 
nannt wurde,  Steph.  Byz.  s.  v.  BovaiQig.  Es 
20  werden  zwei  Städte  Busiris  genannt,  an  der 
ägyptischen  Küste  und  in  der  Gegend  von 
Memphis;  an  jene  dachte  Eratosthenes  bei 
Strab.  17  p.  802,  doch  residierte  Busiris  nach 
Pherekydes  bei  Schol.  Ap.  Rh.  4,  1396  in  Mem- 
phis. In  der  ägyptischen  Geschichte  und  Mytho- 
logie ist  kein  König  Busiris  bekannt.  Der 
König  Busiris  in  der  Geschichte  des  Herakles 
ist  durchaus  ein  Produkt  der  griechischen  Sage. 
„Es  ist  eigentlich  Osiris,  d.  h.  sein  Name  mit 
30  dem  Vorgesetzten  Artikel,  und  zwar  scheinen 
Menschenopfer  in  diesem  Dienste,  welche  vor- 
zugsweise die  an  das  ägyptische  Ufer  verschla- 
genen Fremden  bedroht  haben  mögen , der 
Kern  der  Fabel  zu  sein“  (Preller) Diod.  1, 
berichtet  nach  der  Aussage  der  Ägypter,  nach 
der  Ermordung  des  Osiris  durch  Typhon  hät- 
ten die  ägyptischen  Könige  an  dem  Grabe  des 
Osiris  diejenigen  Menschen  geopfert,  welche 
die  rötliche  Farbe  des  Typhon  gehabt  hätten; 
40  doch  fänden  sich  unter  den  Ägyptern  wenige 
von  dieser  Farbe , mehr  unter  den  Fremden. 
Daher  habe  sich  unter  den  Griechen  die  Fabel 
von  den  Menschenopfern  des  Busiris  verbreitet; 
aber  das  sei  nicht  der  König  dieses  Namens, 
sondern  das  Grab  des  Osiris  heifse  so  in  der 
Landessprache.  An  einer  andern  Stelle  (1,  68) 
sagt  Diodor,  die  Könige  voi  Psammetich  hät- 
ten keine  Fremden  in  das  Land  gelassen,  und 
dadurch  sei  bei  den  Griechen  die  der  Wahr- 
50  heit  nicht  entsprechende  Fabel  von  der  Gott- 
losigkeit des  Busiris  entstanden.  Herodot  2,  45 
leugnet,  dafs  die  Ägypter  Menschen  geopfert 
hätten.  Isokrates  hielt  dem  Busiris  eine  eigene 
Schutzrede  und  bewies,  dafs  Perseus  200  Jahre 
später  und  Herakles  noch  später  als  Busiris 
gelebt  habe  ( Isokrat . Bus.  15).  Nach  Hesiod 
war  Herakles  11  Menschenalter  jünger  als 
Busiris,  Theon.  progymnast.  p.  34  (c.  6).  Era- 
tosthenes bei  Strabo  17  p.  802  sagt,  das  Aus- 
go  treiben  der  Fremden  sei  allen  Barbaren  ge- 
mein ; die  Ägypter  aber  würden  blofs  wegen  der 
Stadt  Busiris  beschuldigt,  indem  die  Späteren 
die  Ungastlichkeit  des  Ortes  hätten  tadeln 
wollen.  In  der  That  habe  es  weder  einen 
König  noch  einen  sonstigen  Herrscher  Busiris 
gegeben.  Neuere  Forscher  erkennen  in  Busi- 
ris den  Vertreter  der  Hyksoslierrschaft  in 
Ägypten,  Heyne  zu  Apollod.  (2,  5,  11)  p.  171  k 


837  Bussumarus 

Müller,  Prolegomena  S.  174.  Dorier  1.  S 452. 
Preller,  Gr.  Myth.  2,  219.  Braun,  Gr.  Götterl. 
§ 598 — 600.  Reiniseh  in  Paulys  R.-Encycl.  u. 
Busiris.  Parthey  zu  Flut.  1s.  et  Osiris  S.  206. 
272.  Brugsch,  Geogr.  Inschr.  3,  49.  [Stoll.  ] 

Bussumarus,  ein  celtischer  Gott,  der  wolil 
mit  Iuppiter  identificiert  wurde,  auf  einer  In- 
schrift aus  Carlsburg  (Apulum) , C.  I.  L.  3, 
1033 : I.  0.  | Bus.  su  \ maro  | etc.  Die  Endung 
märus  grofs  , berühmt  kommt  in  celtischen 
Namen  häufig  vor;  vgl.  Zeufs,  gr.  C.  p.  16,  2. 

[Steuding.] 

Butaias  (Bovzaiag)  s.  Buphonas. 

Butes  oder  Butas  ( Bovzgg , -ccg),  1)  Sohn 
des  Boreas,  Stiefbruder  des  Lykurgos;  er  stellt 
seinem  Bruder  nach,  sein  Verrat  wird  erkannt, 
und  er  wird  genötigt  mit  seinen  Parteigängern 
Thrakien  zu  verlassen.  Er  nimmt  Naxos  ein 
(damals  Strongyle  genannt)  und  lebt  von  der 
Plünderung  der  Vorüberfahrenden.  Auf  einem 
der  Streifzüge,  die  sie  unternahmen,  um  sich 
Frauen  zu  rauben,  kamen  sie  nach  Thessalien 
(Phthiotis)  und  treffen  dort  auf  die  Pflegerin- 
nen des  Dionysos;  die  meisten  retten  sich, 
sei  es  dafs  sie  ins  Meer  springen,  sei  es  durch 
die  Flucht  nach  dem  Berge  Drios  (vgl.  Horn. 
Z 130,  wo  fast  dasselbe  von  Lykurgos  erzählt 
j wird) ; nur  Koronis  wird  geraubt  und  dem 
Butes  als  Gattin  gegeben;  auf  ihre  Bitten  ver- 
< setzt  Dionysos  den  Butes  in  Raserei,  so  dafs 
; er  sich  in  einen  Brunnen  stürzt  und  stirbt, 
Diotl.  5,  50.  Auf  ihn  bezieht  sich  wohl,  was 
der  Schol.  zu  Ovid.  Ibis  605  konfuser  Weise 
bemerkt : Butes  Lycurgi  filius  Bacchi  sacerdotes 
in  ultionem  patris  variis  affecit  suppliciis.  Auf 
den  Raub  der  Koronis  bezieht  Stephani  Boreas 
und  die  Boreaden  ( Abh . d.  Ale.  v.  St.  Peters- 
burg Ser.  7,  Bd.  16,  1871)  eine  in  mehrfachen 
Exemplaren  vorkommende  Terracotta,  (ein  ju- 
gendlicher geflügelter  Mann  hat  eine  nackte 
Frau  ereilt  und  gepackt) , ohne  dafs  die  Deu- 
tung zur  Wahrscheinlichkeit  zu  bringen  wäre. 
— 2)  Sohn  des  Pandion,  Königs  von  Athen, 
und  der  Zeuxippe;  seine  Schwestern  sind  Prokne 
und  Philomela , sein  Bruder  Erechtheus.  Er 
! heiratet  die  Chthonia,  die  Tochter  des  Erech- 
theus; damit  steht  im  Widerspruch,  dafs  Erech- 
theus, um  den  Eumolpos  zurückzutreiben,  auf 
die  Mahnung  des  Orakels,  eine  seiner  Töchter 
(gerade  Chthonia  wird  genannt,  und  Butes  als 
Opferpriester  bezeichnet)  opfert , worauf  die 
| Schwestern  derselben  sich  selbst  töten.  Siehe 
die  Art.  Chthonia  und  Erechtheus.  Butes  erhält 
die  Priesterschaft  der  Athene  und  des  Posei- 
don, die  im  Erechtheion  verehrt  wurden,  Apol- 
lod.  3,  14,  8.  Nach  ihm  sind  genannt  die 
Butaden  ( BovzccSca  drjyog  zijg  Aiygidog  q>v\r;g, 

! Steph.  Byz.  ethn.  ed.  Meinelce  S.  183)  und  Eteo- 
butaden,  aus  deren  Geschlecht  die  Priesterin 
: der  Athena  Polias  genommen  wird  (Schol. 

• Aeschin.  parapresb.  147).  Im  Erechtheion  stan- 
den dem  Butes  geweihte  Altäre , auch  die 
Wandmalereien  bezogen  sich  auf  sein  Ge- 
| schlecht  (Paus.  1,  26,  6).  Er  ist  es  wohl,  des- 
sen Sohn  Polykaon  (Paus.  4,  2,  1)  und  dessen 
Tochter  Hippodameia,  die  Gattin  des  Peiri- 
thoos  genannt  wird  (Diod.  4,  70,  3).  Mit 
jihm  wird  mehrfach  verwechselt  — 3)  Sohn 


Buzyge  838 

des  Teleon  und  (nach  Hygin  f.  14)  der  Zeu- 
xippe, der  Tochter  des  Eridanos,  ein  Athe- 
ner, (Apollod.  1,  9,  16.  25.  Apollod.  Bhod.  1, 
95.  4,  914.  Val.  Fl.  Arg.  1,  394);  bei  Orph. 
Arg.  138  wird  er  Aiviciögg  genannt,  wohl  rich- 
tiger AlysiSyg,  nach  Steph.  Byz.  S.  183  zyg 
AlyyCSog  yvhrjg,  vergl.  oben  2 und  O.  Müller, 
Gesch.  hell.  Stämme  1 S.  185;  bei  anderen  heilst 
er  Sohn  des  Poseidon  (Etym.  M.  s.  v.  Eust. 
ad  Hom.  II.  S.  13,  43.  Pliavorin.  Eclog.  S.  361, 
9);  nimmt  am  Argonautenzug  teil.  Als  die 
Argonauten  an  der  Insel  der  Seirenen  vorbei- 
fahren, ist  Butes  der  einzige,  welcher  sich  be- 
thören läfst;  er  springt  aus  dem  Schiffe  und 
schwimmt  nach  den  Seirenen  hin,  wird  aber 
von  Aphrodite  errettet  und  nach  Lilybaeum 
gebracht.  Sein  und  der  Aphrodite  Sohn  ist  Eryx 
(Hygin  f.  260),  der  jedoch  nach  Serv.  ad  Verg. 
Aen.  1,  570.  4,  23  auch  als  Sohn  des  Posei- 
don bezeichnet  wird  Nach  Diod.  4,  23,  2. 
83,  1 ist  Butes,  der  Vater  des  Eryx,  nicht  der 
Argonaut,  sondern  ein  einheimischer  König.  — 
— 4)  Sohn  des  Pallas,  Bruder  des  Klytos ; beide 
begleiten  den  Kephalos  nach  Aigina,  als  er 
Hilfe  gegen  Minos  holen  will,  Ovid.  Met.  7, 
500.  — 5)  Butes,  ein  Argiver,  welcher  den 
Tlepolemos  auf  seiner  Flucht  nach  dem  Tode 
des  Likymnios  begleitet  hat.  Als  Tlepolemos 
sich  rüstet  den  Agamemnon  nach  Troja  zu 
begleiten,  übergiebt  er  dem  Butes  die  Herr- 
schaft über  Rhodos,  Diod.  5,  59.  — 6)  Sohn 
des  Amykos,  Königs  der  Bebryker  (den  Poly- 
deukes  im  Faustkampfe  besiegt  hatte).  Dares 
hat  ihn  bei  den  zu  Ehren  Hektors  angestell- 
ten  Leichenspielen  im  Faustkampfe  betäubt 
oder  getötet,  Verg.  Aen.  5,  372.  Vielleicht  ist 
er  identisch  mit:  — 7)  ein  Teukrer  im  Heere 
des  Aineias,  ehemals  Waffenträger  des  Anchi- 
ses,  dann  Begleiter  des  Ascanius;  er  wird  von 
Camilla  getötet,  Verg.  Aen.  9,  647.  11,  690. 

[Engelmann.] 

Butlioinas  (Bov&oLvug),  Stierfresser,  Beiname 
des  Herakles,  Anthol.  Plan.  123.  Eustath.  Hom. 
p.  1523,  8.  Suid.  s.  v.  Bov&og  nsgiyoizu  und 
"Tk log.  Gregor.  Nazianz.  Or.  3.  Eudokia  p.  95 
u.  209.  S.  Buphagos  No.  2.  [Stoll] 

Bnthrotos  (Bov&gcozog),  Gründer  von  Buthro- 
tos  in  Illyrien,  Steph.  Byz.  s.  v.  [Schultz.] 

Buto  (Bovzio),  ein  Beiname  der  ägyptischen 
Waz  oder  Wazyt,  einer  der  Bast  oder  Pacht 
verwandten  Gottheit  des  Feuers  (s.  Reiniseh 
in  Paulys  R.-E.  s.  v.),  Herodian.  bei  Steph. 
Byz.  s.  v.  Bovzog  (vgl.  dens.  s.  v.  BovQ-oy  u. 
Xiggig)  setzt  sie  dagegen  der  Ayzco  gleich 
(vergl.  Strabo  17.  18  p.  802).  Auf  eine  Bezie- 
hung zu  Tod  und  Bestattung  (vergl.  Paulys 
Real-Encycl.  unter  Babys)  deutet  Plut.  de  Is. 
et  Os.  18,  38.  Das  ihr  geweihte  Tier  war  die 
Spitzmaus,  Herod.  2,  67.  Plut.  a.  a.  O.  Nach 
dieser  Göttin  führt  die  Stadt  an  der  Sebennyti- 
schen  Nilmündung,  wo  sich  der  Haupttempel 
mit  einem  berühmten  Orakel  der  Göttin  be- 
fand, den  Namen  Bovzog  oder  Bovzco.  Ebenda 
wurde  ihr  alljährlich  ein  Fest  gefeiert,  Hero- 
dot.  2,  59  ff.  83,  152,  155 f.  [Steuding.] 

Buzyge  (Bov^vyy),  Tochter  des  Lykos,  Gemah- 
lin des  Klymenos,  Mutter  des  Erginos,  Schol.  Ap. 
Rh.  1,  185.  S.  auch  Budeia  No.  2.  [Stoll.] 

27  * 


io 

20 

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40 

50 

60 


839  Buzyges 

Buzyges  (Bov^vygg) , der  Stieranspanner,  1) 
ein  alter  attischer  Heros,  der  zuerst  die  Stiere 
an  den  Pflug  gespannt  und  gepflügt  haben 
sollte;  sein  ursprünglicher  Name  soll  Epime- 
nides  gewesen  sein,  Aristoteles  bei  Serv.  Verg. 
Georg.  1,  19.  Hesych.  s.  v.  Etym.  M.  Bov- 
gvyia.  Schol.  II.  18,  483.  Elin.  N.  H.  7,  57. 
Er  galt  den  Athenern  als  der  Begründer  des 
Ackerbaus  und  war  auch  ihr  erster  Gesetzgeber, 
Preller,  Demeter  u.  Persephone  S.  391  ff.  Be- 
kannt ist  das  Verbot  des  Buzyges,  den  Acker- 
stier  zu  töten,  s.  Böttiger , Aldobrand.  Hoch- 
zeit S.  165f. ; vgl.  Lobeck , Aglaoph.  677.  Über 
die  agai.  Bov£vysioi  App.  Proverb.  1,  61.  Val- 
cken.  zu  Herodot.  7,  231.  Boßler,  de  gent.  et 
fam.  Att.  sacerdot.  p.  11.  Preller , Demeter  u. 
Pers.  S.  392.  A.  Mommsen,  Ileortologie  S.  222. 
Buzyges  gehörte  ursprünglich  dem  kekropischen 
Religionskreis  der  athenischen  Athena  Polias 
an  ( Aristid . Ath.  p.  20  Dind.),  der  Vorstehe- 
rin der  Agrikultur  und  Ölbaumzucht  im  kekro- 
pischen Thale,  ward  aber  später  mit  dem  dem 
eleusinischen  Demeterkulte  angehörigen  Trip- 
tolemos  verschmolzen,  Preller,  Demeter  u.  P. 
S.  290  ff.  Gr.  Myth.  1.  S.  642.  Boßler  p.  10  ff. 
Mommsen  a.  a.  0.  S.  76.  Vgl.  Auson.  Epist. 
22,  46  f.  Von  ihm  leitete  sich  das  athenische 
Priestergeschlecht  der  Buzygen  (Bovgvyicc, 
Et.  M.  Bekker  An.  Hes .)  ab,  dem  die  Pflege 
des  Palladions  anvertraut  war,  Polyaen.  Stra- 
teg.  1,  5.  C.  I.  Gr.  n.  491.  Müller , Eume- 
niden  S.  155.  Pallas  § 16.  Gerhard,  Griech. 
Mythol.  § 248,  5.  ln  Attika  wurden  drei 
heilige  Pflügungen  gehalten,  auf  Skiron,  auf 
dem  rarischen  Felde  bei  Eleusis  und  unter- 
halb der  Burg  von  Athen,  wahrscheinlich  um 
das  Korn  für  die  heiligen  Gebräuche  in  den 
Tempeln  der  Athena  Skiras , der  eleusini- 
schen Göttinnen  und  der  Pallas  Polias  zu  säen. 
Das  Pflügen  unter  der  Burg  hiefs  im  engeren 
Sinne  agozog  Bovgvyiog.  Die  Besorgung  des 
Pflügens,  wie  die  Pflege  der  heiligen  Stiere, 
welche  den  Pflug  zogen,  lag  dem  Geschlechte 
der  Buzygen  ob.  Der  Vollzieher  des  Pflügens 
(6  zovg  isgovg  agozovg  inneXcöv)  hiefs  Buzy- 
ges, Plut.  prciecept.  conjug.  42  (p.  144).  He- 
sych.  Bov£vyr\g.  Schol.  Aristid.  p.  473  Dind. 
Preller , Demeter  a.  a.  0.  Griech.  Mythol.  1 
S.  169.  A.  Mommsen,  Heortologie  S.  9.  76 f. 
218.  221.  462  (Index  unt.  Eleusinion).  C.  Böt- 
ticher, Pliilolog.  22.  S.  262ff.  394f.  C.  Fr.  Her- 
mann, Gottes dienstl.  Altert.  § 56,  27.  Band,  de 
Diipoliorum  sacro.  Halae  1873  S.  49  f.  — 2) 
Beiname  des  Herakles,  Suid.  s.  v.  Lactant.  1, 
21,  36.  [Stoll.] 

Bybassos  ( Bvßaooog ) , ein  karischer  Hirt, 
der  den  nach  Karien  verschlagenen  Podalei- 
rios  (Paus.  3,  26,  7)  aus  Sturmesnot  rettete 
und  der  von  diesem  gegründeten  Stadt  Bybas- 
sos  (Bybastos  nach  Ephoros ) den  Namen  gab, 
Steph.  Byz.  s.  v.  und  s.  v.  Evgva.  Eine  zweite 
dort  von  Podaleirios  gegründete  Stadt  erhielt 
den  Namen  Syma.  [Stoll.] 

Byble  (Bvßly),  Tochter  des  Miletos,  Steph. 
Byz.  s.  v.  Bvßlog.  S.  Byblis.  [Steuding.] 

Bytolis  ( Bvßh'g ),  Tochter  des  Miletos,  eines 
Enkels  von  Minos  (nach  Nonn.  Dion.  13,  546 ff. 
des  Asterios,  eines  Sohnes  des  Minos),  und  der 


Bysnos  840 

Tragasia,  der  Tochter  der  Kelaino  ( Nikain . b. 
Parth.  Erot.  11),  oder  der  Eidothea,  der  Toch- 
ter des  Karerkönigs  Eurytos  ( Nilcand . bei  An- 
ton. Lib.  30),  oder  der  Areia  (Schol.  Theokr. 

7,  115)  oder  der  Kyanee , der  Tochter  des 
Maiandros  (Ov.  Met.  9,  451  f.  Myth.  Vat.  1, 
204).  Ein  Liebesverhältnis  mit  ihrem  Bruder 
Kaunos  brachte  ihr  den  Tod.  Nach  der  ge- 
wöhnlichen Tradition  ging  die  sündhafte  Nei- 
gung von  Byblis  aus.  Als  sie  ihrem  Bruder 
dieselbe  gestand,  entwich  er  voll  Entrüstung 
aus  dem  Lande  und  gründete  im  südlichen 
Karien  die  Stadt  Kaunos.  Byblis  aber,  von 
fortdauernder  Liebesglut  verzehrt  und  gequält 
von  dem  Gedanken,  dafs  sie  ihren  Bruder  aus 
der  Heimat  verdrängt  hatte,  erhängt  sich  an 
einer  Eiche;  aus  ihren  Thränen  entstand  die  1 
Quelle  Byblis  (Partiten,  a.  a.  0.).  Dieser  Form  A 
des  Mythus  folgt  Nikander  a.  a.  0.,  wo  jedoch  i 
Byblis,  als  sie  im  Begriff  ist,  sich  von  einem 
Felsen  zu  stürzen,  von  den  mitleidigen  Nym- 
phen jenes  Berges  zurückgehalten  und  in  eine 
Hamadry ade  verwandelt  wird  (die  Quelle  heifst  ' 
hier  Sängvov  ßvßh'dog) , und  Ovid  in  der  aus- 
führlichen Schilderung  Met.  9,  450  ff.  Nach 
ihm  durchirrt  Byblis  schliefslich  im  Wahn- 
sinn, nach  dem  Bruder  suchend,  die  Länder, 
bis  sie  erschöpft  zusammensinkt  und,  in  Tkrä-  ' 1 
nen  zerfliefsend,  sich  in  eine  Quelle  verwandelt. 
Dieser  Tradition  steht  eine  andere  gegenüber, 
nach  welcher  Kaunos  zuerst  von  Liebe  zur 
Schwester  entbrannte  und,  weil  er  diese  Liebe 
nicht  überwand,  aus'  dem  väterlichen  Hause 
floh.  Sie  findet  sich  bei  Nikain.  a.  a.  0.  Go- 
non.  Narr.  2.  Schol.  Theokr.  a.  a.  0.  Auch 
hier  macht  Byblis  ihrem  Leben  durch  Erhän-  j 
gen  ein  Ende,  und  eine  Quelle  entspringt  aus  T3 
ihren  Thränen.  (Vgl.  Paus.  7,  5,  10,  wo  sie 
Bißh'g  heifst,  Nonn.  Dion.  a.  a.  0.  Steph.  Byz.  1 
s.  v.  Kavvog.  Suid.  u.  Hes.  s.  v.  Kuvviog  sgwg. 
Diog.  Prov.  5,  71.  Hyg.  f.  243).  Nach  Byblis  fl- 
wurde  die  Stadt  Byblis  in  Karien  (Anton.  Lib. 
a.  a.  0.)  und  Byblos  in  Phoinikien  (Steph.  Byz. 
s.  v.  Bvßlog,  wo  die  Tochter  des  Miletos  Bv-  I® 
ßlg  heifst),  benannt.  Der  Mythus  hängt  wohl 
mit  den  Traditionen  des  Aphroditekultus  in 
der  Nähe  von  Milet  zusammen  und  wurde 
durch  die  kretischen  Kolonieen  dieser  Stadt 
genealogisch  mit  Minos  verknüpft,  (vergl.  Ja- 
cobs, Animadv.  in  Anthol.  1,  2 p.  233.  Hock, 
Kreta  2,  313f.  Preller,  gr.  Myth.  1,  296.  2, 

135.  [Schirmer.] 

Byblos  (Bvßlog),  nach  Steph.  Byz.  s.  v.  Kv- 
Ttgog  Vater  der  Kypros  (s.  d.),  von  welcher  die 
Insel  Cypern  genannt  sein  soll.  [Steuding.] 

Bydis  (Bvödg),  ein  Heros  und  König  von 
Ägypten,  Maneth.  b.  Euseb.  Arm.  chron.  p.  93 
bei  Müller  fr.  h.  gr.  2,  526  a,  1.  [Steuding.] 

Byne  (Bvvri,  nach  Etym.  M.  entstanden  aus 
Bv&odvvr]  oder  Avvrf),  Name  der  Ino-Leuko- 
thea,  Etym.  M.  s.  v.  Lykophr.  107  u.  Tzets.  . 
Preller,  Gr.  Mythol.  1.  S.  493,  2.  Vgl.  Schol. 
Veron.  Verg.  Aen.  10,  76:  Deam  Veniliam  aln 
Venerem  — alii  Nympham  quam  Gracci  Bvvgv 
vocant.  [Stoll.] 

By  rseus  s.  Hyrieus. 

Bysnos  (Bvovog),  König  der  Bebryker,  von 
llos  getötet  (Steph.  Byz.  s.  v.  Bvavakog).  Bei 


io 

20 

30 

40 

50 

60 


841 


Caca 


842 


Byssa 

Gonon.  Narr.  12  heilst  derselbe  Byzos  oder 
Byzes.  Hier  ist  vielleicht  Bvovov  zu  schrei- 
ben. [Roscher.] 

Byssa  ( Bvoocc ),  Tochter  des  Eumelos,  Enkelin 
des  Merops,  Schwester  der  Meropis  und  des 
Agron,  in  den  Vogel  der  Leukothea  verwan- 
delt: Boios  b.  Anton.  Lib.  15  (s.  Agron). 

[Roscher.] 

Bytos  ( Bezog ),  Gemahl  der  Aphrodite  und  Va- 
ter des  Eryx,  Steph.  Byz.  s.  v.  ”Eqv |.  [Schultz.] 

Byzas  (Bv£ccg),  1)  der  Gründer  von  Byzan- 
tion,  dessen  Mauern  er  mit  Poseidon  und  Apol- 
lon aufbaute,  und  König  daselbst  zur  Zeit  der 
Argonautenfahrt.  Er  heilst  Sohn  des  Posei- 
don und  der  Keroessa,  welche  auf  der  Land- 
zunge Keras  bei  Bvzantion  von  Io  dem  Zeus 
geboren  und  von  der  thrakischen  Nymphe  Se- 
mestra  (Semystra)  aufgezogen  worden  war;  oder 
er  ist  Sohn  der  Semestra  und  wird  aufgezogen 
von  einer  tkrakiächcn  Quellnymphe  Byzia,  Ge- 
i mahl  der  Phidaleia,  Bruder  des  Strombos  (oder 
| Stroibos),  Diod.  4, 49.  Steph.  Byz.  s.  v.  Bv&vzlov 
, und  rvvcanav  Lggv  (Pwcav-onolig).  Dionys. 
Byz.  de  Thracio  Bospor.  fr.  9 ff.  Friclc  (G.  Mül- 

Iler , Geogr.  gr.  min.  2 p.  28  fr.  18  und  p.  46 
fr.  37).  Hesych.  Miles.  § 5 fl’.  C.  Müller,  Fr. 
hist.  gr.  4 p.  147  ff.  Tzetz.  Chil.  2,  40.  Glau- 
i dian.  in  Eutrop.  2 , 83.  Procop.  de  aed.  1 , 5. 

! Sonst  wird  die  Erbauung  Byzantions  megari- 
schen Kolonisten  unter  einem  Führer  Byzes 
oder  Byzas  zugeschrieben , Steph.  Byz.  s.  v. 
Bv^ävziov.  Eustath.  zu  Dionys.  Perieg.  803 ; 
vgl.  Anthol.  Plan.  4,  66,  67.  0.  Müller,  Do- 
| vier  1.  S.  120.  Prolegg.  S.  133.  Erich  in  Pau- 
i lys  Realencykl.  1,  2 p.  2603  f.  Byzas  besiegte 
! den  thrakischen  Tyrannen  Haimos,  der  gegen 
seine  Stadt  feindlich  heranzog,  in  einem  Zwei- 
kampf. Während  er  die  besiegten  Feinde  ins 
Innere  von  Thrakien  verfolgte,  rückte  der  sky- 
thische  König  Odryses  vor  Byzantion  und  be- 
lagerte es;  aber  die  Gattin  des  Byzes,  Phida- 
leia, rettete  die  Stadt,  indem  sie  eine  Menge 
von  Schlangen  in  das  feindliche  Heer  schleu- 
derte. Auch  Strombos,  der  Bruder,  bekriegte 
i den  Byzas  und  ward  von  Phidaleia  und  den 
Frauen  der  Stadt  in  Abwesenheit  der  Männer 
zurückgeschlagen , Dionys.  Miles.  § 17.  20. 

| Steph.  Byz.  Fwcuxcav  luxqv.  Tzetz.  Chil.  2,  40. 

' Uber  eine  Statue  des  Byzas  und  der  Phidaleia 
in  Byzanz  s.  Hesych.  Mil.  § 34.  mit  Orelli  p.  235. 
i Godinus  Excerpta  de  antiquit.  Const.  (ed.  Bek- 
I her  in  Corp.  script.  hist.  Byz.)  p.  12  u.  59.  — 
i 2)  Byzas , Sohn  des  Amphithemis  in  Libyen, 
Herodian.  n.  yov.  Xsb,.  p.  11,  19  (sehr  unge- 
wisse Lesart,  s.  C.  Müller,  Fr.  hist.  gr.  4 
p.  294,  1).  Vgl.  Steph.  Byz.  s.  v.  Bv£<xv reg. 

\ Strab.  2,  131.  [Stoll.] 

Byze  (Bvgrj),  Tochter  des  argivischen  Flul’s- 
I gottes  Erasinos,  Schwester  der  Melite,  Maira 
i und  Anchiroe , in  der  Geschichte  der  Bvito- 
| martis-Diktynna  (s.  d.)  genannt,  Anton.  Lib. 
40.  [Stoll.] 

Byzenos  s.  Byzinos. 

Byzes  s.  Byzas. 

Byzia  s.  Byzas. 

Byzinos  (Bv&vog;  falsch  Byzenos  bei  Eras- 
mus, Zenob.  Par.  2,  63  (in  einer  interpolirten 
Sprichwörterreihe) , Sohn  des  Poseidon  ysza 


nagggoiag  asi  diccXsyofifvog.  Er  verdankt  seine 
Existenz  lediglich  dem  Parömiographen,  der 
das  Sprichwort  ßv^ivg  naggydia  (von  ßvgco,  zu 
ßv£a,  ßvas  = Uhu,  über  dessen  lugubre  Be- 
deutung vergl.  Plin.  hist.  nat.  10,  16,  append. 
prov.  1,  65  p.  389  ed.  Gott.  Wachernagel  ensa 
nzigosvza  S.  25)  nicht  zu  erklären  wufste  und 
sich  nach  altem  Herkommen  mit  Anknüpfung 
an  den  bekannten  Byzas  einen  Eponymos  da- 
für schuf.  [Crusius.] 


Cabar  [diacensis?]  dea,  celtische  Göttin  auf 
einer  Inschrift  aus  Vizeu  in  Lusitanien,  C.  I. 
L.  2,  403:  Deae  Cabar  ||  Sullpicius)  etc.  Wohl 
dieselbe  Göttin  ist  auf  Inschriften  aus  Caver- 
zago  (=  Cabardiacus)  in  der  Nähe  der  Treb- 
bia  als  Minerva , und  zwar  als  Medica , be- 
zeichnet. (P.  Bortolotti  im  Bull.  delV  Instit. 
Arch.  1867  p.  219—224  u.  237—242  und  da- 
nach bei  De- Vit,  On.  s.  v:  Minervae  Cabar - 
diacensi  Maria  C.  Marii  Umbronis  f.  v.  s.  I. 
m.  und  Minervae  Medicae  Gabardiac.  Da  der 
Name  aber  nicht  auf  diesen  Punkt  beschränkt 
ist,  so  dürfte  er  auch  nicht  von  demselben 
abzuleiten  sein  ( Jordan  zu  Preller,  B.  M.3  1, 
295,  1),  sondern  der  Ort  wohl  der  Gottheit 
seine  Benennung  verdanken.  Dazu  kommt, 
dafs  der  Stamm  cabar  oder  cavar  sich  auch 
in  anderen  celtischen  Namen  findet,  z.  B.  in 
Kaßags is  (Paus.  1,  35,  5),  Cavarillus,  Cavari- 
nus,  Cavares,  die  Zeufs,  gr.  C.  p.  129  auf  cawr 
— gigas  zurückführt.  Vgl.  Friedländer , Sit- 
teng.  Poms  3,  478.  [Steuding.] 

Caca.  Die  Göttin  Caca  besafs  in  Rom  ein 
sacellum,  in  welchem  ihr  nach  der  einen  Les- 
art (bei  Serv.  Aen.  8,  190;  vgl.  Mythogr.  Vatic. 
2,  153  p.  128,  21.  3,  13  p.  247,  7 Bode)  ein 
stets  brennendes  Feuer  unterhalten , nach  der 
andern  durch  die  vestalischen  Jungfrauen  ge- 
opfert wurde.  Diese  Verehrung  hat  ihren 
Grund  angeblich  darin,  dafs  Caca  an  ihrem 
Bruder  Cacus  Verrat  geübt  und  dem  Hercules 
den  Raub  der  Rinder  angezeigt  hatte  (a.  a.  0. 
Lact.  inst.  div.  1,  20,  36).  Jedoch  verrät  sich 
diese  Angabe  als  ätiologische  Erfindung  schon 
dadurch,  dafs  sie  mit  der  in  der  Sache  be- 
gründeten und  auch  in  den  Sagen  der  ver- 
wandten indogermanischen  Völker  wiederkeh- 
renden Version  der  Cacussage  unvereinbar  ist, 
wonach  die  Rinder  selbst  durch  Brüllen  ihren 
Aufenthaltsort  und  den  Räuber  verraten.  Man 
hat  vielmehr  mit  Recht  darauf  hingewiesen, 
dafs  sowohl  die  Abstammung  der  Caca  (ihr 
Bruder  Cacus  heifst  nämlich  Sohn  des  Vulcan, 
z.  B.  Verg.  Aen.  8,  198  u.  a.),  als  auch  die 
Art  ihrer  Verehrung,  welche  sie  in  direkte 
Verbindung  mit  Vesta  setzt,  sowie  endlich 
auch  ihr  Name,  der  sicher  auf  Verwandtschaft, 
z.  B.  mit  Caeculus,  dem  Vulcanssohne  und 
Gründer  von  Praeneste,  hinweist,  darauf  füh- 
ren , in  ihr  eine  uralte  Göttin  des  Herdfeuers, 
die  dann  durch  Vesta  verdunkelt  wurde,  zu 
erkennen  (vgl.  Preuner,  Hestia-Vesta  S.  386  f.) 
und  dafs  Cacus  und  Caca  wohl  ursprünglich 
ein  altes  Götterpaar  sind  (Ambrosch,  Rcligions- 
biicher  der  Römer  S.  52,  193.  Schwegler,  Röm. 


843 


Cacunus 


Caelus 


844 


Gesell.  1,  372;  vgl.  auch  Osthoff)  quaest.  mythol. 
Bonn  1869  p.  7 ff.).  [Wissowa], 

Cacunus,  sabinischer  Beiname  des  luppiter 
auf  einer  Inschrift  vom  Berge  Moretta  im  Sa- 
binergebiet, Orelli  1209 : ( J)ovi  Cacuno  F.  G. 
und  einer  solchen  auf  einer  Bronzeplatte  zu 
Bom,  C.  I.  L.  6,  371:  Jovis  | Cacu  \ nus.  Vgl. 
cacurnen  (nach  Biondi ) , also  = Gulminalis  u. 
Cacus  s.  Hercules.  [ähnl.  [Steuding.] 

Caeculus.  1)  Während  griechische  Schrift- 
steller ( Zenodotos  bei  Solin.  2,  9.  Mart.  Cap.  6, 
642)  als  Gründer  von  Praeneste  einen  Heros 
Praenestes,  Sohn  des  Latinus  und  Enkel  des 
Odysseus  (und.  der  Kirke)  nannten,  wufste  die 
einheimische  Überlieferung  {Solin.  2,  9) , wel- 
cher Gato  in  den  Origines  und  Varro  folgten 
{Schol.  Veron.  Aen.  7,  681),  über  die  Entste- 
hung der  Stadt  eine  schöne  Sage  zu  erzählen. 
Vor  der  Erbauung  der  Stadt  wohnten  in  jener 
Gegend  als  Hirten  die  diui  fratres  Depjdii  (die 
Überlieferung  des  Namens  ist  eine  sehr  schwan- 
kende; diui  fratres  heifsen  sie  bei  Sero.  Aen. 
7,  681,  Depidii  in  den  Schol.  Veron.  Aen.  7, 
681,  Digidii  bei  Solin.  2,  9;  Bursian,  Bitter. 
Centralbl.  1859,  609  will  Digiti  hersteilen,  Har- 
tung, Relig.  d.  Böm.  1,  88  Indigetes)  mit  ihrer 
Schwester;  als  diese  einst  am  Herdfeuer  sitzt, 
fällt  aus  der  Flamme  ein  Funken  in  ihren 
Schofs  und  sie  wird  dadurch  schwanger:  sie 
gebiert  einen  Knaben,  den  sie  in  der  Nähe 
eines  Tempels  des  luppiter  aussetzt,  Serv. 
Aen.  7,  681.  Dort  finden  wasserholende  Jung- 
frauen das  Kind  nahe  bei  einem  Feuer  neben 
der  Quelle  liegend  und  bringen  es  zu  den 
nämlichen  fratres  Depidii,  welche  es  aufziehen, 
Varro  b.  Schol.  Veron.  Aen.  7,  681;  vgl.  Verg. 
Aen.  7,  680.  Serv.  Solin.  a.  a.  0.  Mythogr. 
Vatic.  1,  84;  nach  Solin.  sind  sogar  die  auf- 
findenden Jungfrauen  selbst  ebenfalls  sorores 
Digidiorum.  Wegen  der  merkwürdigen  Art 
seiner  Auffindung  hält  man  ihn  für  einen  Sohn 
Vulcans  {Verg.  Aen.  7,  679.  10,  544.  Schol. 
Veron.  Serv.  a.  a.  0.)  und  nennt  ihn  wegen 
seiner  infolge  der  Wirkung  des  Rauches  klei- 
nen und  blinzelnden  Augen  Caeculus,  während 
er  eigentlich  Depidius  hiefs  {Schol.  Veron.  Aen. 
7,  681.  Serv.  ibid.).  Nachdem  er  längere  Zeit 
unter  den  Hirten  ein  Räuberleben  geführt, 
sammelt  er  schliefslich  eine  Menge  seiner  Ge- 
nossen und  anderen  Volkes  um  sich  und  grün- 
det die  Stadt  Praeneste  {Verg.  Serv.  Schol. 
Veron.  a.  a.  0.),  nicht  ohne  dabei  noch  einen 
Beweis  seiner  göttlichen  Abkunft  zu  geben. 
Als  er  nämlich  bei  der  Einweihung  der  neuen 
Gründung  festliche  Spiele  feiert  und  die  zahl- 
reich zusammengeströmten  Nachbarn  unter 
Hinweis  auf  seine  Abstammung  von  Vulcanus 
zur  Ansiedlung  in  seiner  Stadt  auffordert,  will 
man  seiner  Behauptung  keinen  Glauben  schen- 
ken; da  bittet  er  den  Vater  um  ein  Zeichen 
für  die  Wahrheit  seiner  Worte,  und  plötzlich 
sieht  sich  die  ganze  Menge  von  lodernden 
Flammen  umgeben , die  sich  erst  auf  Befehl 
des  Caeculus  wieder  legen:  nun  ist  sein  über- 
menschlicher Ursprung  deutlich  dargethan,  und 
man  drängt  sich  in  die  von  ihm  neu  gegrün- 
dete Stadt  Praeneste  {Serv.  Aen.  7,  681;  ratio- 
nalistisch erklärt  von  Mythogr.  Vatic.  1,  84). 


Später  leitet  sich  in  Rom  die  Familie  der 
Cäcilier  von  Caeculus  ab  {Paul.  p.  44).  Die 
Sage  enthält  eine  Menge  von  Zügen,  die  uns 
auch  anderweit  in  Gründungssagen  begegnen: 
die  wunderbare  Zeugung  durch  einen  Funken 
des  Herdfeuers  finden  wir  auch  in  der  römi- 
schen Vorgeschichte  mehrfach,  bei  der  Geburt 
sowohl  des  Romulus,  Plut.  Rom.  2,  als  des 
Servius  Tullius,  Hion.  Hai.  4,  2,  und  auch  die 
Erzählung  von  der  Auffindung  durch  wasser- 
holende Jungfrauen,  der  Erziehung  durch  Hir- 
ten , dem  Räuberleben  u.  a.  kehren  häufig 
wieder  {Schwegler,  Böm.  Gesell.  1,  431).  In  all 
diesen  Gründungssagen  ist  auch  der  Gedan- 
keninhalt ein  durchaus  verwandter : die  Gott- 
heiten des  Herdfeuers,  des  sprechendsten  Sym- 
bols der  Sefshaftigkeit  und  Häuslichkeit,  sind 
die  Erzeuger  der  Städtegründer;  bei  Caeculus 
ist  das  auch  im  Namen  selbst  ausgesprochen, 
der  wohl  mit  v.cdco  u.  ähnl.  zusammenhängt 
(anders  Corssen,  Aussprache  etc.  1,  378).  Die 
Depidii  fratres  endlich,  oder  wie  der  Name 
lauten  mag , hat  man  mit  vollem  Recht  als 
die  Lares  praestites  von  Praeneste  aufgefafst, 
denen  als  solchen  die  Erziehung  des  zukünf- 
tigen Stadtgründers  naturgemäfs  zufällt;  vgl. 
Premier,  Hestia-  Vesta  p.  400.  — 2)  Der  in  den 
Indigitamenta  vorkommende  Todesgott  Cae- 
culus, qui  oculos  sensu  exanimet  {Tertull.  ad 
nat.  2,  15)  hat  natürlich  mit  dem  Gründer 
Praenestes  nichts  als  den  Namen  gemein,  Am- 
brosch, Religionsbücher  der  Römer  S.  18.  Vgl. 
auch  Indigitamenta.  [Wissowa.] 

Caedicas,  1)  ein  Italer,  Gastfreund  des  Ti- 
burtiners  Remulus,  dem  er  einen  Gürtel  als 
Geschenk  sandte,  Verg.  Aen.  9,  362.  — 2)  Ein 
Etrusker,  Krieger  im  Heere  des  Mezentius, 
Aen.  10,  747.  Der  Name  hängt  wahrschein- 
lich mit  der  zu  Camillus’  Zeit  blühenden  gens 
Caedicia  (Liv.  5,  45  f.  App.  Celt.  5;  vgl.  Iuv. 
13,  197)  zusammen.  Vgl.  auch  den  Caedicius 
campus  im  Gebiete  der  Vestini  ( Plin . N.  H.  11, 
241 ; vgl.  ib.  3,  108;  14,  62)  und  Caeditiae  taber- 
nae  {Paul.  Diac.  p.  45,  13  Müller).  [Roscher.] 

Caelestinns , Beiname  des  luppiter,  Orelli 
inscr.  1223.  [Steuding.] 

Caelestis,  ein  verschiedenen  Gottheiten  so- 
wie konsekrierten  Personen  beigelegter  Bei- 
name, besonders  häufig  zur  Bezeichnung  der 
als  Iuno,  Diana,  zuweilen  auch  als  Kybele 
oder  Venus  aufgefafsten  Himmelsgöttin  von 
Karthago  (=  der  phönicischen  Astarte).  Der 
Name  Caelestis  findet  sich  jedoch  auch  selb- 
ständig und  ohne  spezielle  Bestimmung,  aber 
auch  in  diesem  Falle  dürfte  meist  letztere 
Göttin  gemeint  sein:  C.  I.  L.  2,  4310  (Tar- 
raco),  3,  992  (Carlsburg),  6,  79  (Rom),  8,  1360. 
2592.  4673f.  2226  (Afrika);  dea  Caelestis  8, 
1887;  dea  sancta  Caelestis  8,  8433;  dea  magna 
virgo  Caelestis  8,  9796;  vergl.  Tertull.  Ap. 
24.  Aug.  de  civ.  Hei  2,  4.  26;  Caelestis  Au- 
gusta  C.  I.  L.  2,  2570  (Spanien);  3,  993  (Carls- 
berg), 8,  859.  993.  1318.  1837.  6351.  6939.  8241. 
8432;  8239.  4286 — 4290;  domina  Caelestis  6,  77. 
Caelestis  victrix  6,  756;  invicta  Caelestis  6,  78. 

[Steuding.] 

Caelus , i.  m. , Gott  des  Himmels , auch 
Caelus  pater  {Serv.  Verg.  Aen.  5,  801),  und 


845 


Caieta 


Camenae 


846 


trotz  der  Bemerkung  des  Servius  a.  a.  0.  oft 
auch  Caelum  genannt,  Neue,  lat.  Formen}} 
1,  416,  ist  nach  Hygin.  fab.  praef.  der  Sohn 
des  Aether  und  der  Dies,  Bruder  der  Erde  und 
des  Meeres,  während  ihn  Mythogr.  Vat.  1,  204 
zum  Sohne  des  Ophion  (s.  d.),  oder  Oceanus, 
oder  Nereus  und  der  älteren  Thetis  macht. 
Nach  Varro  de  1.  lat.  5,  10,  57ff.  (vergl.  Non. 
197,  6),  sind  dagegen  Himmel  und  Erde  über- 
haupt die  ältesten  Götter , die  dei  magni,  die 
divi  qui  potes,  {Hol  SvvcaoC,  so  viel  als  anima 
et  corpus,  humidum  et  frigidum ; doch  setzt 
er  ihnen  für  Latium  Saturnus  und  Ops,  sonst 
auch  Iuppiter  u.  luno  gleich.  Cie.  de  nat.  deor. 
3,  2 1 ff',  nennt  den  Himmel  als  Vater  des  Iup 
piter  II,  des  Vulcanus  I,  des  Mercurius  I (vgl. 
Ampel.  9,  5.  Mythogr.  2, 41  nennt  Mercurius  II) 
und  der  Venus  I (vgl.  Ampel.  9,9),  und  zwar 
wird  dabei  als  die  Mutter  der  beiden  letzte- 
ren die  Dies  bezeichnet,  während  Charis.  1 p.  55 
cd.  Putsche  u.  Lindemann  Caelus  mit  Vesta 
verbindet.  [Vgl.  auch  Mythogr.  1,204,  wo  er 
Vater  des  Saturnus  (vergl.  Myth.  2,  1),  des 
Phorcus  und  der  Rhea  genannt  wird.]  Sie  alle 
schliefsen  sich  dabei  an  die  von  der  späte- 
ren griech.  Theologie  vertretene  Vorstellnngs- 
weise  an , die , nachdem  die  älteren  Personi- 
fikationen des  Himmels  sich  von  der  Natur- 
vorstellung losgelöst  und  selbständig  entwickelt 
hatten,  nach  neuen  Abstraktionen  suchte  und 
diese  dann  genealogisch  mit  den  alten  Gott- 
heiten in  Verbindung  brachte.  Sonst  ist  Cae- 
lum oder  Caelus  immer  nur  eine  Übersetzung 
des  Ovqkvos;  er  ist  dann  Vater  des  Saturn  = 
Kqovos  ( Cic . de  nat.  deor.  3,  17.  Ennius  bei 
Nonius  197,  9),  und  der  von  ersterem  überlie- 
ferte Mythus  wird  auf  ihn  übertragen;  so  bei 
Cic.  a.  a.  0.  3,  24,  62 ff.  2,  24,  63.  Serv.  zu 
V erg.  Aen.  5,  801  u.  Fel.  6,  13.  M aerob.  Somn. 
Scip.  1,  2,  11.  Mythogr.  2.  fab.  30,(198?);  3 fab. 
1,  7.  (3,  4?).  In  späterer  Zeit  deuten  die  Weih- 
inschriften C.  I.  L.  2,  2407.  6,  81,  83,  84  auf 
wirklichen  Kultus ; auch  spricht  Vitr.  1 , 2,  5 
von  Hypäthraltenrpeln  des  Caelus.  Auf  römi- 
schen Kunstdenkmälern  erscheint  derselbe  (nach 
Visconti)  als  bärtiger  Mann  mit  im  Bogen 
über  dem  Kopf  ausgebreitetem  Gewände,  öfter 
auch  mit  Terra  zusammen,  Jahn,  Arch.  Beitr. 
35.  91.  Matz-Buhn,  A.  23.2711.  3315f.  3341. 
1449.  Vergl.  Preller,  Ii.  AI.3  2,  372.  Be-Vit,  •. 
On.  s:  v.  [Steuding.J 

Caieta.  Vorgebirge  und  Stadt  Caieta  im 
; südlichem  Latium  sollte  nach  heimischer  Über- 
ieferung von  Caieta,  der  Amme  des  Aeneas 
nach  andern  der  Creusa  oder  des  Ascanius 
/gl.  Serv.  Aen.  7,  1)  benannt  sein,  welche  auf 
ler  Fahrt  starb  und  an  jenem  Orte  begraben 
vurde,  Verg.  Aen.  7,  lff.  Ovid.  met.  14,  441  ff. 
Strabo  5 p.  233.  Solin.  2,  13.  Serv.  a.  a.  0. 
iurel.  Vict.  orig.  10.  Doch  gab  es  auch  an-  ( 
lere  Ableitungen  des  Hamens,  von  einem  lako- 
nischen Worte  hcuszcc  = noilog  ( Strabo  a.  a.  0.) 
»der  Uno  rov  %ca 'uv,  weil  dort  die  Flotte  des 
Aeneas  infolge  eines  Unfalls  verbrannt  sei 
Serv.  a.  a.  0.  Aurel.  Victor,  orig.  10  hat  dar- 
aus mit  fingierten  Gewährsmännern  eine  neue 
I ersion  geschaffen,  wonach  Caieta  den  Flotten- 
u-and  veranlafst  hätte;  vgl.  II.  Jordan , Her- 


mes 3,  411;  zur  Sache  vgl.  Fest.  p.  269.  Bio- 
nys. Hai.  1,  72.  Flut.  QB.  1,  6).  Ein  früher 
angenommener  Tempel  des  Apollo  und  der 
Caieta  zu  Formiae  beruhte  auf  einer  falschen 
Lesart  bei  Liv.  40 , 2 , 4 (vgl.  Obseq.  5) , wo 
man  früher  las:  'et  a Formiis  [sc.  nuntiatum 
est ] aedem  Apollinis  ac  Caietae  de  caelo  tac- 
tam\  während  jetzt  Weifsenborn  und  Madvig 
das  'ac'  tilgen.  [Wissowa.] 

» Cailarus,  oder  wohl  besser  Caiiarus,  eine 
celtische  Gottheit  auf  einer  Inschrift  aus  Ar- 
les, Orelli  1976:  Ex  imperio  T.  Attius  Quar- 
tus  Cailaro  v.  s.  I.  m.  ( Garrucci , diss.  sugli  acc.: 
Caiiaro).  [Steuding.J 

Caligo , das  Dunkel , nach  Hyg.  f.  praef.  1 
Mutter  des  Chaos  und  von  diesem  wiederum 
Mutter  von  Nox , Dies,  Erebus  und  Aether, 
erstes  Prinzip  der  Theogonie.  Es  entspricht 
dem  griechischen  Zxorog,  welcher  aber  sonst 
i nicht  als  Erzeuger  des  Chaos,  sondern  der  Eu- 
meniden  angesehen  wurde:  Soph.  Oed.  C.  40 
und  106  (vgl.  auch  Schol.  z.  v.  42)  Schol.  Aeschin. 
p.  25,  35  ed.  Tur.  [Roscher.] 

Calpus , einer  der  vier  Söhne  des  Numa 
Pompilius  (Flut.  Num.  21),  Stammvater  der 
gens  Calpurnia,  Festus  bei  Paul.  Biac.  p.  47, 
2 M.  Panegyr.  in  Pisonem  15.  Acron,  Por- 
phyr. u.  Schol.  Cruq.  zu  Hör.  cp.  2,  3,  ad  Pi- 
son.  292.  [Steuding.J 

i Calva  dea,  wohl  gleich  der  Venus  Calva 
(s.  d.) , auf  einer  Inschrift  aus  Pelm  bei  Ge- 
rolstein in  der  Eifel,  Or. -Benzen  5681:  Calvae 
deae  aedem  omni  sua  impensa  donavit  AI  Vic- 
torias Pollentin  et  ob  perpetuam  tutelam  ejusd. 
aedis  dedit  etc.  (124  n.  Cbr.).  [Steuding.J 
Calybe,  eine  Priesterin  der  luno,  deren  Ge- 
stalt die  Furie  Allecto  annahm,  um  den  Tur- 
nus zum  Kampfe  mit  Aeneas  zu  entflammen: 
Verg.  Aen.  7,  419.  [Roscher.] 

Camb(us,  Dat.  o) , vielleicht  ein  celtischer 
Beiname  des  Mercurius  aus  einer  Inschrift  aus 
Impflingen  bei  Landau,  Or.-Henzen  5690:  Beo. 
Mercurio.  Cambo.  Iusti.  v.  s.  1. 1.  m.,  wenn  Cambo 
nicht  etwa  als  Name  des  Dedicierenden  auf- 
zufassen ist.  Denselben  Stamm  enthalten  die 
celtischen  Namen  Cambodunum , Cambolectri 
u.  ä.  S.  Mercurius_._  [Steuding.J 

Camenae.  Der  Überlieferung  nach  weihte 
Numa  auf  Rat  der  Egeria  vor  der  porta  Ca- 
pena  den  Camenae  einen  Hain  mit  einer  Quelle 
{Liv.  1,  21,  3.  Flut.  Numa  13.  Sulpic.  67  f. ; 
über  die  Örtlichkeit  luven.  3,  10  ff.  mit  Schol. 
Becher,  Topogr.  p.  513ff.) , sowie  eine  kleine 
eherne  aedicula,  welche  später  vom  Blitze  ge- 
troffen und  erst  in  dem  benachbarten  ( Symm . 
cp.  1,  21)  Tempel  des  Honos  und  der  Virtus, 
nachher  in  der  von  Fulvius  Nobilior  gegrün- 
deten aedes  ITerculis  Musarum  aufgestellt 
wurde,  Serv.  Aen.  1,  8;  der  Grund  der  Dedi- 
kation  war  nach  einer  Angabe  der  Fall  des 
ancile,  Plut.  Numa  13,  nach  den  meisten  Zeug- 
nissen aber  das  enge  Verhältnis,  in  welchem 
die  Camenae  zu  des  Numa  Freundin  und  Be- 
raterin Egeria  standen  (Liv.  Sulpic.  a.  a.  0.). 
Ob  eine  aedes  Camenarum , in  welcher  der 
Dichter  L.  Accius  eine  grofse  Statue  von  sich 
aufstellte  (Plin.  34,  19)  in  jenem  Haine  lag, 
ist  bei  dem  Fehlen  jeder  weiteren  Nachricht 


847  Camenae 

fraglich  (vgl.  Becker,  Topogr.  p.  515).  Man 
opferte  den  Camenen  in  ihrem  Haine  Wasser 
und  Milch,  Serv.  Ecl.  7,  21,  und  das  Wasser 
ihrer  Quelle,  welches  als  besonders  vortrefflich 
berühmt  war,  Vitr.  8,  3,  1,  diente  nach  der 
alten  Vorschrift  Numas  speziell  zum  Tempel- 
gebrauch der  vestalischen  Jungfrauen,  Blut. 
Numa  13.  Jedoch  scheint  der  Kult  der  Came- 
nen schon  verhältnismäfsig  früh  verfallen  zu 
sein;  zwar  war  noch  in  der  augusteischen  Re- 
gioneneinteilung ein  vicus  der  ersten  Regio, 
in  dem  jener  Hain  lag,  vicus  Camenarum  ge- 
nannt (C.  I.  L.  6 , 975  aus  dem  Jahre  136 
n.  Chr.);  aber  zur  Zeit  Iuvenals  waren  Hain 
und  delubrum  bereits  ihrer  ursprünglichen  Be- 
stimmung entzogen  und  verpachtet  {luven.  3, 
10 ff.),  wozu  die  Thatsache  stimmt,  dafs  uns 
auch  nicht  ein  einziges  inschriftliches  Zeugnis 
der  Camenen- Verehrung  erhalten  ist;  denn 
wenn  in  einer  rheinischen  Inschrift,  C.  I.  Rh. 
484 , eine  Dedikation  unter  andern  Göttern 
auch  Granno  {et)  Camenis  gemacht  wird,  so 
ist  das  natürlich  nur  eine  affektiert  gelehrte 
Ausdrucbsweise  für  Apollo  und  die  Musen. 
Der  Grund  für  dieses  Zurücktreten  des  Dienstes 
der  Camenen  liegt  jedenfalls  im  Aufblühen 
der  seit  dem  Anfang  des  2.  Jahrhdts.  v.  Chr. 
in  Rom  eingeführten  Verehrung  der  griechi- 
schen Musen:  denn  als  Musen  gelten  die  Ca- 
menen in  der  alten  Überlieferung  durchweg; 
man  leitete  ihren  Namen  stets  in  diesem  Sinne 
ab , sei  es  nun  a carminibus , da  die  älteren 
Formen  Casmena  und  Carmena  lauteten,  Paul. 
p.  67.  43.  Varro  a.  a.  0.  7,  26;  vgl.  H.  Jor- 
dan, kritische  Beiträge  p.  132  f.,  oder  quasi  Ca- 
nenas  a canendo  {Paid.  p.  43.  Serv.  Ed.  3,  59. 
Macr.  comm.  2,  3,  4;  vereinzelt  steht  die  Ety- 
mologie 'castae  mentis  praesid.es ’ Paul.  p.  43) 
und  die  Schriftsteller  brauchen  auch  die  Na- 
men Camenae  und  Musae  einfach  als  identisch. 
Diese  Auffassung  mufs  schon  in  Geltung  ge- 
wesen sein , als  sich  in  Rom  die  Poesie  zu 
entfalten  begann ; das  zeigen  die  Erwähnungen 
und  Anrufungen  der  Camenae  bei  Livius  An- 
dronicus  bei  Gell.  18,  9.  Naevius  bei  Gell.  1, 
24  und  Varro  a.  a.  0.  7,  26,  Accius  bei  Varro 
a.  a.  0.  u.  a.  Dennoch  aber  würde  man 
Unrecht  thun  mit  G.  H.  Grauert  {index  lect. 
Monaster.  hiem.  1848/49)  dies  für  die  ursprüng- 
liche Bedeutung  der  Camenae  zu  halten:  viel- 
mehr zeigen  ihre  Verehrung  an  einer  Quelle, 
ihre  Verbindung  mitEgeria  und  ähnliche  Züge, 
dafs  sie  auch  Quellgöttinnen  waren,  und  es 
kann  keinem  Zweifel  unterliegen,  dafs  diese  Be- 
deutung älter  ist  als  die  Übertragung  auf  das 
geistige  Gebiet;  ja  auch  die  Alten  selbst  haben 
die  Erinnerung  an  diese  ursprüngliche  Geltung 
der  Camenae  nie  verloren:  Varro  bei  Serv.  Ed. 
7, 21behauptet  direkt  die  Identität  von  Nymphen 
und  Musen  d.  h.  Camenen,  und  Tertullian,  adv. 
Marc.  1,  13  führt  unter  andern  Naturkräften, 
welche  die  Alten  zu  Göttern  gemacht  hätteh, 
auch  die  aquae,  die  als  Camenae  verehrt  wür- 
den, auf.  Der  Übergang  von  Quellnymphen 
zu  Gottheiten  einerseits  der  Weissagung,  an- 
drerseits des  Gesanges  und  der  Dichtung  ist 
leicht  begreiflich  und  läfst  sich  durch  zahl- 
reiche Analogieen  belegen,  vergl.  Welcher, 


Camilla  848 

Gr.  Götterl.  1,  703  ff.  Siehe  auch  Indigita- 
menta.  [Wissowa.] 

Camers.  Camers,  Sohn  des  Vulcens,  ist  ein 
sagenhafter  König  der  einst  zwischen  Terra- 
cina  und  Caieta  gelegenen  latinischen  Stadt 
Amyclae  oder  Amunclae,  Plin.  3,  59 , welche 
schon  sehr  früh,  angeblich  durch  Schlangen, 
unterging,  Plin.  3,  59.  8,  104.  Serv.  Aen.  10, 

564,  wo  man  auch  die  Erklärungsversuche  der 
Antiquare  für  den  Namen  rtacitae  Amyclae’ 
findet.  Bei  VergilAen.  10,  561  ff.  tritt  Camers  ; 
als  einer  der  landreichsten  Fürsten  im  Heere 
des  Turnus  auf;  er  ist  es  auch,  unter  dessen  / 
Gestalt  Iuturna  in  den  Kampf  zieht,  Verg.  Aen. 

12,  224ff.  — Ganz  unabhängig  davon  ist  der 
alte  Name  von  Clusium  Camers  oder  Camars,  1 
worüber  vgl.  Müller,  Etrusker  1,  96.  [Wissowa.] 

Camese.  Ein  alter  Name  von  Latium,  Ca- 
rneseue,  für  den  man  keine  überlieferte  Erklä- 
rung hatte,  hat  verschiedentliche  genealogische 
Erfindungen  der  Grammatiker  zur  Folge  ge- 
habt. Die  Überlieferung  mufs  diesen  Namen 
in  einer  für  uns  nicht  mehr  ersichtlichen  Weise 
mit  Ianus  zusammengebracht  haben,  da  all 
die  sonst  von  einander  abweichenden  Tradi-  I j 
tionen  das  zur  Voraussetzung  haben.  Die  eine, 
vorwiegend  griechische  Version  der  Sage,  nach  i 
welcher  Ianus  aus  dem  Perrhäberlande  in  lll 
Italien  einwandert,  Plut.  Q.  R.  22,  läfst  ihn 
noch  in  der  Heimat  seine  Schwester  Kccglßg  |,i 
{KafiaGrjvrj  Demophilos  bei  Lyd.  de  mens.  3,  2, 
Camesene  Serv.  Aen.  8,  330)  heiraten  und  mit  Im 
ihr  zwei  Kinder,  einen  Sohn  Ai&r^  und  eine  ■ Dj 
Tochter  ’OXvGzrjvg  zeugen  {Drakon  von  Ker-  ilt 
kyra  mol  h'&oiv  bei  Athen.  15  p.  192 DE);  Iii 
weiterhin  heilst  auch  Tybris,  der  Eponym  des  Iii 
Tiberflusses,  ein  Sohn  jenes  Paares,  Serv.  Aen. 

8 , 330.  Die  andere  Überlieferung  dagegen, 
welche  den  Ianus  zum  Ureinwohner  von  La- 
tium machte,  konnte  jene  griechische  Gemah-  Iej 
lin  nicht  brauchen  und  sah  daher  in  Camese 
einen  ebenfalls  in  Latium  uransässigen  Fürsten, 
der  mit  Ianus  eine  Weile  zusammen  regierte 
und  nach  welchem  die  Gegend  Camesene  ge- 
nannt wurde,  wie  die  Stadt  nach  Ianus  Iani-  l: 
culum;  man  gab  sich  aber  gar  nicht  einmal  ■ 
die  Mühe,  jenen  Camese  weiter  in  der  Reihe  | 
der  Fürsten  von  Latium  zu  verarbeiten,  son- 
dern liefs  ihn  einfach  verschwinden  und  Ianus 
allein  weiter  regieren  {Protarchos  von  Pralles 
und  Dygin  bei  Marc.  S.  1,  7,  19).  Dafs  alles 
das  nur  aus  dem  der  Erklärung  bedürftigen 
Namen  herausgesponnen  ist,  behauptet  Har- 
tung, Relig.  d.  Römer  2,  227  mit  vollem  Rechte; 
für  uns  aber  ist  es  ziemlich  aussichtslos,  die 
Erklärung  des  Namens  finden  zu  wollen,  welche 
die  alten  Grammatiker  vergeblich  suchten;  je- 
denfalls kann  das,  was  man  bisher  in  dieser 
Richtung  versucht  hat,  Vergleichung  von  Na- 
men wie  Camena,  Carmenta,  Heyne  ad  Verg. 

Aen.  3 p.  156,  oder  wie  des  umbrisehen  Stamm- 
namens Camertes,  Preller,  Rom.  MytholJ  1, 

183,  keinerlei  Anspruch  auf  Wahrscheinlichkeit 
machen.  [Wissowa.] 

Camilla.  Camilla  ist  die  Heldin  einer  von 
den  vielen  Lokalsagen  latinischer  Städte,  die 
Vergil  in  der  Aeneis  verwertet  und  dichterisch 
ausgestaltet  hat.  Nach  ihm  ist  Camilla  die 


io 

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849  Campestres 

Tochter  des  Volskerfürsten  Metabns  von  Pri- 
vernum  und  seiner  Gemahlin  Casmilla.  Nach 
dem  frühen  Tode  der  letzteren  wird  Metabus 
von  seinen  Feinden  aus  der  Stadt  vertrieben 
und  kommt  auf  der  Flucht  mit  dem  Kinde  an 
den  hoch  angeschwollenen  Amasenus-Flufs.  V on 
den  Verfolgern  gedrängt  gelobt  er  im  Augen- 
blicke der  höchsten  Gefahr  das  Kind  der 
Diana,  wenn  sie  ihm  ihren  Beistand  leihe,  und 
schleudert  es,  an  seinen  Speer  gebunden,  ans 
jenseitige  Ufer;  dann  durchschwimmt  er  selbst 
unversehrt  den  Strom  und  lebt  nun  mit  sei- 
ner Tochter  in  tiefster  Einsamkeit,  indem  er 
sie  mit  Stutenmilch  ernährt  (vgl.  Hygin.  fab. 
252.  Serv.  Acn.  1,  317)  und  sie  zu  einem  ganz 
der  Diana  geweihtem  Leben,  zur  Liebe  zur 
Jagd  und  zu  beständiger  Jungfräulichkeit  er- 
zieht, Verg.  Acn.  11,  531  ff.  Davon  leiteten 
auch  die  Alten  ihren  Namen  ab,  da  man  mit 
camillus  und  camilla  die  jugendlichen  und 
edlen  Diener  bei  heiligen  Handlungen  bezeich- 
nete  ( Macr . S.  3,  8,  5 ff.  Serv.  Aen.  11,  543. 
558).  Wir  hören  erst  dann  wieder  von  Camilla, 
als  sie  an  der  Spitze  der  Volsker  dem  Tur- 
nus zu  Hilfe  zieht  (Aen.  7,  803  ff.).  In  der 
grofsen  Schlacht  greift  sie  zuerst  die  Troer 
an,  Aen.  11,  498  ff'. , und  thut  als  Amazone 
Wunder  der  Tapferkeit,  Aen.  11,  648ff. , bis 
Arruns,  vom  Apollo  von  Soracte  unterstützt, 
sie  mit  dem  Speere  tötlich  trifft,  Aen.  11, 
759  ff.  Damit  wendet  sich  auch  die  Schlacht 
zu  gunsten  der  Troer,  wenn  auch  Diana  ihre 
Dienerin  rächt,  indem  sie  Arruns  durch  ihre 
Nymphe  Opis  mit  dem  Pfeile  töten  läfst,  Aen. 
11,  838ff.  Die  Sage  scheint  aufser  von  Vergil 
: nirgends  behandelt  worden  zu  sein  und  es  ist 
daher  für  uns  keine  Möglichkeit  vorhanden, 
I festzustellen,  in  wie  weit  Vergil  in  seiner  Er- 
1 Zahlung  an  ältere  Tradition  anknüpfte.  Es 
wäre  daher  sehr  interessant , wenn  wirklich, 
wie  Brunn,  Anncili  d.  Inst.  1864,  304  vermutet, 
auf  der  etwa  200  Jahre  vor  Vergil  fallenden 
sog.  Aeneasciste,  Monum.  d.  Inst.  8,  7.  8 auch 
Camilla  dargestellt  wäre;  doch  beruht  grade 
1 für  diese  Figur  die  Deutung  nur  auf  Vermu- 
tung. [Wissowa.] 

Campestres,  celtische  Göttinnen  der  Flur, 
i Sie  werden  allein  genannt  auf  den  Inschriften 
C.  I.  L.  3,  3667  (Pest),  7,  1029  , 1080  (England), 

I Orelli  2102  (Böckingen  bei  Heilbronn);  neben 
Britannia  C.  I.  L.  7,  1129,  neben  Epona  3,  5910 
I (Pföring  hei  Ingolstadt),  neben  Mars,  Minerva, 
Hercules,  Epona,  Victoria  7,  1114  (England), 
neben  den  Sulevae  6,  768  (hier  sind  sie  wahr- 
scheinlich als  drei  gleichgekleidete,  sitzende 
! Frauen  abgebildet).  Endlich  werden  sie  selbst 
| als  Matres  (s.  d.)  bezeichnet  7,  1084:  Matrib 
Alatervis.  et  Matrib.  Gampestrib.  etc.  u.  510: 
i Matr(ibus ) tribus  campe  (stribus)  et  Genio  alae 
\ pri(mae ) Hispanorum  Asturum  etc.,  also  gilt 
auch  für  sie,  wie  für  die  Nornen,  Moiren, 
Parzen,  etc.  (Grimm,  D.  M.  S.  382.  388)  die 
Dreizahl.  Vielleicht  sind  sie  mit  diesen  nahe 
verwandt  und  haben  auch  die  Bedeutung 
von  Schicksalsgöttinnen , weshalb  sie  ge- 
rade von  Soldaten  so  oft  angerufen  werden. 
Dii  campestres  aber,  als  Beschützer  der  mili- 
tärischen Übungen,  wie  sie  De- Vit,  Onom.  s.  v. 


Canens  850 

annimmt,  sind  nicht  nachweisbar;  vgl.  Mars 
Campester.  [Steuding.] 

Camulus,  ein  celtischer  Gott,  der  mit  Mars 
identificiert  wird,  auf  einer  Inschrift  aus  Ivil- 
syth  (am  vallum  Hadriani),  G.  I.  L.  7,  1103: 
Deo  Mar  ||  (t)i.  Cainulo  ||  etc.  und  einer  solchen 
aus  Rhynern,  jetzt  in  Bonn,  Orelli  1977:  Marti 
Gamulo  sacrum  pro  saliete  Tiberii  Claudii  Cae- 
saris  Aug.  Germanici  imp  cives  Remi.  qui 
templum  constituerunt.  Auf  einer  andern  Seite 
des  Steines  befindet  sich  eine  corona  civica  u. 

0.  G.  S.  = ob  cives  servatos.  Vgl.  1978,  die 
jedoch  nach  Uenzen  verdächtig  ist.  Camulus 
ist  also  ein  im  Kriege  Schutz  gewährender 
Gott.  Zeufs , gr.  C.  p.  766  teilt  Cam-ulus  ab 
und  führt  davon  abgeleitete  Namen  an.  Siehe 
solche  auch  bei  De-  Vit,  On.  s.  v.  [Steuding.] 

Canaclie,  Hund  des  Aktaion,  Hyg.  fab.  181. 
Ovid.  Met.  3,  217  (Canace);  vgl.  v.avccif\  Ge- 
räusch. [Steuding.] 

Candamius,  ein  celtischer  Beiname  des  Iup- 
piter  auf  einer  Inschrift  aus  der  Nähe  von 
Oviedo  in  Asturien,  C.  I.  L.  2,  2695:  Iovi.  Gan- 
damio.  Derselbe  ist  jedenfalls  nach  dem  monte 
Candamio  ebenda  genannt,  Hübner  a.  a.  O., 
und  zwar  dürfte  der  erste  Teil  des  Wortes  so 
viel  als  candidus  sein  (Gott  des  weifsen  oder 
hell  beleuchteten  Berges?);  vergl.  cambr.  ccm 
Zeufs,  gr.  G.  p.  857  a und  Cantunaecus , Can- 
diedo. [Steuding.] 

Candelifera  (vgl.  Lucina),  Göttin  b.  Ter- 
tull.  adv.  nat.  2,  11,  von  dem  altrömischen, 
auch  sonst  weit  verbreiteten  Brauche,  bei  Ent- 
bindungen eine  Kerze  anzuzünden,  um  Kind 
und  Wöchnerin  vor  den  namentlich  im  Dun- 
kelnschwärmenden bösen  Dämonen  zu  schützen. 
Vergl.  F.  Liebrecht,  ezur  Volkskunde ’ S.  31  ff. 
S.  auch  Indigitamenta.  [Crusius.] 

Candiedo  (Dat.  oni),  ein  celtischer  Beiname 
des  Iuppiter  auf  einer  wahrscheinlich  aus  As- 
turien stammenden  Inschrift,  G.  I.  L.  2,  2599 : 

1.  O.  M.  | Candiedoni  \ T.  Caesius.  Rufus  j 
Saelenus  \ ex  voto  fecit.  Candiedo  ist  wohl 
mit  dem  gleichfalls  asturischen  Candamius 
(s.  d.)  und  dem  Namen  des  Passes  Candanedo 
auf  der  Höhe  des  monte  Candamio  zusannnen- 
zustellen.  [Steuding.] 

Canens.  Canens  ist  die  Heldin  einer  schönen 
altlatinischen  Volkssage,  welche  am  ausführlich- 
sten Ovid,  Met.  14,  320  ff.  erzählt.  Der  jugend- 
liche Laurenterkönig  Picus  liebt  die  Canens, 
eine  Nymphe  von  schöner  Gestalt  und  wunder- 
voller Stimme , welche  einst  Venilia  auf  dem 
Palatin  dem  Ianus  geboren,  und  gewinnt  sie 
zur  Gemahlin.  Da  erblickt  ihn  einst  auf  der 
Jagd  Kirke  und  von  Begierde  entbrannt  lockt 
sie  ihn  unter  der  Gestalt  eines  Ebers  von  sei- 
nen Waidgenossen  fort,  um  in  der  Einsamkeit 
in  ihrer  wahren  Gestalt  seine  Liebe  zu  gewin- 
nen. Als  er  aber,  nur  seiner  geliebten  Gattin 
Canens  gedenkend,  sie  verschmäht,  verwandelt 
sie  ihn  erzürnt  in  einen  Specht  und  auch  sein 
Gefolge  wird,  als  es  von  Kirke  den  Herrn  zu- 
rückfordert, in  verschiedene  Tiere  verwandelt. 
Seine  Gattin  aber  irrt , um  den  Gemahl  zu 
suchen,  6 Tage  und  6 Nächte  lang  ruhelos 
umher,  bis  sie  endlich  am  Tiberufer  erschöpft 
niedersinkt  und,  nachdem  sie  noch  einen  letz- 


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851  Cantunaecus 

ten  leisen  Gesang  hat  hören  lassen,  in  Luft  sich 
auflöst.  Den  Ort  aber  haben  nach  ihrem  Namen 
die  veteres  Camenae'  benannt.  Soweit  Ovid. 
Die  Verwandlung  des  Picus  durch  Kirke  wird 
auch  anderweitig  erzählt ; doch  heilst  dann 
entweder  diese  selbst  Gemahlin  des  Picus, 
V erg.  Aen.  7,  189  ff.  Val.  Flacc.  7,  232.  Flut. 
Q.  R.  21,  oder  als  solche  tritt  die  Fruchtgöt- 
tin Pomona  auf,  Serv.  Aen.  7,  190.  Es  mufs 
daher  die  Möglichkeit  zugegeben  werden,  dafs 
Canens  gar  keine  Figur  der  alten  Sage  ist, 
sondern  eine  freie  dichterische  Erfindung  des 
Ovid,  in  Anlehnung  an  ähnliche  Figuren  des 
griechischen  Mythus,  wie  z.  B.  Echo,  geschaf- 
fen. Die  Bedeutung  der  Figur  als  einer  Ver- 
körperung Ries  Gesanges  in  seiner  ältesten 
Wirkung  und  Bedeutung,  wie  er  aus  den  Stim- 
men der  Natur,  aus  Wäldern,  Flüssen  und 
Quellen  in  siifsen  und  lockenden  Klängen  her- 
vortönt’, Preller,  Pom.  Myth.3  1,  378,  ist  da- 
bei immer  leicht  zu  durchschauen.  [Wissowa.] 
Cantunaecus  (?),  eine  celtische  Gottheit,  wenn 
etwa  in  der  unter  Bcantunaecus  (s.  d.)  ange- 
führten Inschrift  das  B mit  Hübner  a.  a.  0.  als 
F = filius  zu  lesen  sein  sollte.  [Steuding.] 
Capare(nses?)  nyniphae,  auf  Inschriften  klei- 
ner Altäre  aus  Banos  bei  Salamanca,  C.  I.  L. 
2,  883:  Ny(m)phi,s  | Capcir  \ Trebia  \ Sever.  | v. 

ci.  I.  s.  884:  Apci.  . . | . .tvv. . . | nin | Ca- 

pare  \ sis  \ Votum,  vgl.  891,  sind  jedenfalls  nach 
der  nicht  weit  südlich  vom  Fundort  gelegenen 
Stadt  Capara  genannt.  [Steuding.] 

Capricornus  s.  Aigokeros  u.  Sternbilder. 
Caprio , Name  eines  Gottes  auf  einer  In- 
schrift aus  Mürlenbach  in  der  Gegend  der  Ei- 
fel, Or .-Uenzen  5805:  ln  h.  d.  cl.  deo  Caprioni 
L.  Tettiatius  primus.  Uenzen  denkt  an  einen 
caprorum  deus,  während  ihn  Preller,  R.  M.3 
2,  227 , 2 wegen  des  Fundorts  der  Inschrift 
wohl  mit  Recht  für  celtisch  erklärt.  Für  letz- 
teres spricht  auch  der  Name  Tettiatius;  vgl. 
Tettaeus  bei  Zeufs , gr.  C.  p.  69  a.  Möglicher- 
weise besteht  aber  doch  ein  Zusammenhang 
mit  caper,  und  es  wäre  vielleicht  an  den  all- 
gemein europäischen  Stamm  kap  auf  und 
niedergehen  (Fick,  vergl.  W.  1,  519;  vgl.  xa- 
nQog)  und  an  einen  Gott  der  Befruchtung  (vgl. 
dea  Pertunda  u.  dgl.)  zu  denken.  [Steuding.] 
Caranus  s.  Garanus. 

Cardea  s.  Indigitamenta  und  Carna. 

Cari  . . beflac(ae?),  hispanische  Gottheiten 
auf  einer  Inschrift  aus  S.  Juan  de_  los  Banos 
in  Hisp.  Tarrac.,  0.  I.  L.  2,  2531:  Cari . . be  \ 
flacis  | Secundi  [v.  s.  [Steuding.] 

Carmenta.  Über  die  Abkunft  des  alten  La- 
tinerfürsten Euander  gab  es  verschiedene  Über- 
lieferungen: er  hiefs  Sohn  des  Hermes  und 
einer  arkadischen  Nymphe,  Tochter  des  La- 
don,  Pa,us.  8,  43,  2,  oder  der  italischen  Sibylle, 
Schol.  Platon,  p.  269  f.  Herrn . ; andere  Genea- 
logieen  bei  Serv.  Aen.  8,  130;  bei  weitem  am 
verbreitetsten  aber  ist  die  Tradition,  welche 
ihm  die  Carmenta  oder  Carmentis  (denn  beide 
Schreibungen  gehen  neben  einander  her)  zur 
Mutter  giebt,  angeblich  eine  arkadische  Nymphe, 
Serv.  Aen.  8,  336.  Strab.  5,  3,  3,  welche  ihren 
Sohn  zur  Auswanderung  nach  Italien  veranlafst 
und  mit  ihm  in  die  neue  Heimat  übersiedelt, 


Carmenta  852 

60  Jahre  vor  dem  trojanischen  Kriege,  Verg. 
Aen.  8,  333  ff.  Ovid.  fast,  1,  461  ff.  Liv.  1,  7. 
Dion.  Hai.  1,  31.  Plut.  Q.  R.  56.  Charis,  p.  33. 
Aur.  Vict.  orig.  5.  Polem.  Silv.  11  Jan. ; hier 
weissagt  sie  ihrem  Sohne  die  Gröfse  Roms, 
Verg.  Aen.  8,  333  ff.  Ovid.  fast.  1,  461  ff,  ver- 
kündet ihm  die  Schicksale  des  Hercules,  Strabo 
5,  3,  3.  Dion.  Hol.  1,  40.  Solin.  1,  10,  wird 
die  Erfinderin  des  ältesten  lateinischen  Alpha- 
betes von  15  Buchstaben,  Hygin.  fab.  277. 
Isid.  orig.  1,  4,  1.  5,  39,  11.  Als  Vater  des 
Euander  gilt  gewöhnlich  Hermes,  Dion.  1,  31. 
Aur.  Vict.  orig.  5,  welchen  allerdings  andere 
seinen  Grofsvater,  Vater  der  Carmenta,  nann- 
ten, Serv.  Aen.  8,  130;  Carmenta  selbst  aber 
soll,  ehe  sie  diesen  Namen  annahm,  anders 
geheifsen  haben,  nach  den  einen  Tyburs,  Serv. 
Aen.  8,  336 , nach  andern  Oeyig,  Dion.  1,  81. 
Plut.  Q.  R.  56 , nach  den  meisten  Gewährs- 
männern aber  war  ihr  ursprünglicher  Name 
Ninoatgarrj,  Plut.  Romul.  21.  Q.  R.  56.  Solin. 
1,  10.  Strabo  5,  3,  3.  Serv.  Aen.  8,  51.  130. 
336.  Aur.  Vict.  orig.  5.  Isid.  orig.  1,  4,  1. 
Einige  machten  sie  zur  Gattin  des  Euander, 
Plut.  Rom.  21;  andre  wufsten  zu  erzählen,  sie 
habe  ihren  Sohn  Euander  veranlafst  seinen 
Vater  umzubringen,  Serv.  Aen.  8 , 51 ; nach 
noch  andern  war  sie  selbst  im  110.  Lebens- 
jahre von  ihrem  Sohne  umgebracht  worden, 
Serv.  Aen.  8,  51.  Darin  aber  stimmte  alle 
Überlieferung  überein,  dafs  ihr  nach  ihrem 
Tode  von  Euander  unterhalb  des  Capitols  in 
der  Nähe  der  nach  ihr  benannten  porta  Car- 
mentalis  ein  Altar  errichtet  wurde,  Verg.  Aen. 
8,  333 ff.  Serv.  Aen.  8,  337.  Dion.  Hai  1,  32. 
Liv.  5,  47.  Solin.  1,  13;  vgl.  Becker,  Topogr. 
p.  137  ; und  mit  diesem  hing  wahrscheinlich 
auch  das  Fest  zusammen , welches  ihr  nach 
den  Kalendarien  am  11.  Januar  gefeiert  wurde; 
es  waren  feriae  statiuae,  Macr.  S.  1,  16,  6; 
vgl.  Varro  a.  a.  O.  6,  12,  und  ein  sacrum  pon- 
tificale,  Ovid.  fast.  1,  461  ff.,  und  galt  als  nach 
dem  latinisch-sabinischen  Synoikismos  einge- 
richtet, Plut.  Rom.  21.  Ein  andres  Heiligtum 
der  Carmentis  (vielleicht  das  bei  Gell.  18,  7,  2 
erwähnte)  haben  ihr  die  römischen  Matronen 
als  einer  Geburtsgöttin  gebaut,  Plut.  Q.  R. 
56  , und  zugleich  einen  zweiten  Festtag  am 
15.  Januar  gestiftet,  Ovid.  fast.  1,  617ffi,  und 
zwar  weifs  die  Sage  dafür  eine  ganz  besondre 
Veranlassung  anzugeben.  Als  nämlich  die 
Römer  den  Frauen  das  Fahren  auf  Wagen 
(carpenta)  untersagten,  beschlossen  die  Matro- 
nen, sich  solange  den  ehelichen  Pflichten  zu 
entziehen  und  keine  Kinder  zu  gebären,  bis 
die  Männer  dies  Verbot  würden  aufgehoben 
haben;  als  sie  ihren  Zweck  erreicht  hatten 
und  ihnen  wieder  reicher  Kindersegen  blühte, 
stifteten  sie  der  Carmenta  jenes  Heiligtum  und 
den  zweiten  Festtag,  Plut.  Ovid,  a.  a.  0.  Nach 
andrer  Überlieferung  war  dieser  Festtag  von 
einem  Feldherrn,  dessen  Name  in  den  prae- 
nestinischen  Fasten,  welche  uns  allein  diese 
Thatsache  mitteilen,  ausgefallen  ist,  für  die 
Einnahme  von  Fidenae  gelobt  und  eingeführt; 
man  denkt  dabei  gewöhnlich  an  den  Diktator 
Mam.  Aemilius,  der  317  oder  328  u.  c.  Fide- 
nae einnahm ; doch  liegt  es  viel  näher  auf 


io 

20 

30 

40 

50 

60 


853 


Carmenta 


Car  na 


854 


ältere  Zeit  zurückzugreifen  und  den  Namen 
eines  Königs , etwa  des  llomulus  oder  des 
Ancus  in  die  Lücke  zu  setzen , Mommsen,  C. 

I.  L.  1 p.  384.  An  diesem  Festtag  wurde 
! aufser  der  Carmenta  auch  den  beiden  Carmen- 
| tes,  Schwestern  und  Begleiterinnen  der  erste- 
ren,  geopfert,  Porrima  (oder  Prosa  Varro  hei 
i Gell.  16,  6,  4)  und  Postverta  mit  Namen,  Ovid. 

| fast.  1,617  0'.;  es  sind  das  geburtshelfende  Göt- 
: tinnen,  die  ebenfalls  Altäre  besitzen  und  ihre  l 
■ Namen  von  der  Kopf-  und  Steifsgebuvt  haben, 

| vermittelst  derer  sie  das  Kind  ans  Licht  be- 
; fördern,  Varro  a.  a.  0. ; andre  freilich  bezogen 
die  Namen  lieber  darauf,  dafs  die  Carmentes 
als  weissagende  Gottheiten  die  Vergangenheit 
sowohl  wie  die  Zukunft  überschauten,  Macr. 

. 1,  7,  20.  Serv.  Aen.  8,  336.  Tertüll.  ad  nat. 

: 2,  11.  Der  Kult  der  Carmenta,  der  sich  durch 
manche  besonders  ins  einzelne  gehende  Ritual- 
vorschriften auszeichnet  (z.  B.  das  Verbot,  2' 
, Leder  in  den  Tempel  zu  bringen,  Ovid.  fast. 

1,  629.  Fast.  Praen.  11  Jan.),  wurde  noch  in 
der  Kaiserzeit  von  einem  eignen  üamen  Car- 
mentalis  geleitet,  ß ic.  Brut.  59.  Fphem.  epigr. 

4,  759;  doch  scheint  er  im  Volke  nicht  mehr 
recht  lebendig  gewesen  zu  sein,  da  keine  ein- 
i zige  auf  Carmenta  oder  die  Carmentes  bezüg- 
liche Votivinschrift  auf  uns  gekommen  ist;  in 
der  Inschrift  bei  Orelli  1415  las  man  allerdings 
früher  ' Mercurius  et  Postuerte doch  hat  Hen-  3 
t sen  (bei  Orelli  3 p.  1401  die  richtige  Lesung 
Bosmerte  festgestellt.  — Deutung:  Haben  sich 
j auch  an  die  alte  Tradition  von  der  Göttin  Car- 
menta mancherlei  Auswüchse  und  willkürliche 
Erfindungen  festgesetzt,  so  haben  dieselben 
doch  die  Wesenheit  der  Göttin  nicht  verdunkeln 
können.  Wie  schon  der  Name  zeigt,  haben 
wir  es  mit  einer  echt  italischen  Gottheit  zu 
thun:  die  Bezeichnung  als  Nymphe,  die  ihr 
mehrfach  gegeben  wird,  läfst  uns  die  Quellen-  4 
göttin  erkennen;  noch  mehr  aber  tritt  in  der 
1 Sage  ihre  Thätigkeit  als  weissagende  Gott- 
heit hervor;  einige  leiteten  ihren  Namen  von 
1 carere  mente , d.  h.  von  der  wahnsinnartigen 
1 Verzückung  der  Weissagenden  ab,  Plut.  Bom.  21. 

Q.  B.  56;  bei  weitem  aber  die  meisten  brach- 
■ ten  ihn  mit  Recht  mit  carmen,  der  alten  Be- 
I Zeichnung  für  die  Weissagungen,  zusammen, 
Plut.  Bom.  21.  Q.  B.  56.  Solin.  1,  10.  Mart. 
Gap.  2,  159.  Isid.  orig.  1,  4;  carmentes  soll  5 
i geradezu  Appellativ  für  die  Seherinnen  in  der 
alten  Zeit  gewesen  sein,  Serv.  Aen.  8,  336,  und 
manche  leiteten  sogar  carmen  erst  wieder  von 
Carmenta  ab,  Plut.  Q.  B.  56.  Aur.  Vict.  orig.  5. 
Dazu  kommt  als  dritte  Funktion  der  Göttin: 
ihre  Eigenschaft  als  Geburtsgöttin,  welche 
so  gut  überliefert  ist,  dafs  Hartungs  (Bclig.  der 
Bömer  2,  199  f.)  Zweifel  durchaus  ungerecht- 
fertigt erscheinen.  So  finden  wir  in  Carmenta 
1 dieselbe  Vereinigung  von  Quellen-,  Geburts-  und  e 
Weissagegöttin  wie  z.  B.  in  Egeria,  und  wie 
| diese  dem  Numa  und  Iuturna  dem  Ianus,  so 
tritt  sie  dem  Euander  als  helfende  und  bera- 
j tende  Gottheit  zur  Seite ; um  sich  dann  mit 
' verschiedenen  andern  Traditionen,  welche  Ni- 
v.ooTQUTri  oder  &spig  oder  andre  als  Mutter 
Euanders  nannten , abzufinden , identificierte 
! man  einfach  Carmenta  mit  allen  diesen,  und  so 


entstand  jenes  Gewirre  von  Genealogieen,  aus 
dem  oben  das  Wichtigste  angeführt  wurde. 
Ihre  Bedeutung  aber  als  weissagende  Geburts- 
göttin, als  eine  Art  Geburtsparze,  blieb  unver- 
gessen, Plut.  Bom.  21.  Q.  B.  56.  August,  c. 
Dei  4 , 11,  und  in  dieser  Bedeutung  ist  sie 
auch  von  den  Neueren  richtig  erkannt  worden, 
Klausen,  Aeneas  und  die  Penaten  p.  883  0. 
Merkel,  Prolegom.  p.  211.  Preller,  Böm.  Myth. 
1,  406  f.  Die  Carmentes  Prosa  und  Postverta 
treten  ihr  dann  als  untergeordnete  und  die- 
nende Gottheiten,  gewissermafsen  als  Darstel- 
lungen der  Einzeläul'serungen  der  in  ihr  ver- 
einigten göttlichen  Funktionen , zur  Seite. 

[Wissowa.] 

Carna.  Auf  dem  Caelius  gab  es  ein  altes 
Heiligtum  der  Göttin  Carna,  angeblich  eine 
Gründung  des  M.  Iunius  Brutus,  Macr.  S.  1,  12, 
31  ff. ; erwähnt  auch  von  Tertull.  ad  nat.  2,  9; 
vgl.  Ambrosch,  Studien  u.  Andeutungen  p.  165, 
32.  Becker,  Topogr.  p.  499,  und  bis  in  die  spä- 
teste Zeit  hinein  wurde  dieser  Göttin  am  1.  Juni 
ein  Fest  gefeiert,  an  welchem  in  der  Kaiser- 
zeit auch  Circusspiele,  freilich  geringeren  Um- 
fangs, gegeben  wurden,  Kalendaria  G.  I.  L.  1 
p.  394.  Sie  galt  als  eine  Göttin,  welche  die 
Hauptlebensfunktionen  des  menschlichen  Kör- 
pers schütze  und  vor  allem  für  die  Erhaltung 
von  Herz  und  Eingeweiden  sorge,  Macr.  a.  a.  0., 
und  darum  wurden  ihr  an  ihrem  Feste  beson- 
ders kräftige  Speisen,  Speck  und  Bohnenbrei, 
zum  Opfer  gebracht  und  vom  Volke  genossen; 
daher  heifsen  auch  die  Kalenden  des  Juni 
Kalendae  fabariae , Macr.  Kalend.  a.  a.  0. ; 
Varro  de  vita  p.  B.  bei  Non.  p.  341.  Mit 
dieser  Göttin , deren  Funktionen  doch  recht 
deutlich  ausgesprochen  sind,  haben  alte  und 
neuere  Erklärer  eine  andere  Göttin  vermischt, 
welche  aufser  der  Namensähnlichkeit  nichts 
mit  Carna  gemeinsam  hat,  nämlich  Cardea, 
die  als  Göttin  der  Thürangeln  neben  For- 
culus,  dem  Gott  der  Thürpfosten,  und  Limen- 
tinus,  dem  Schwellengott,  in  den  Indigitamenta 
(s.  d.)  figurierte,  Aug.  c.  I).  4,  8.  6,  7.  Tertull.  ad 
nat.  2, 15.  de  idol.  15.  de  coron.  13.  Scorp.  10. 
Diese  Cardea  vermengt  Ovid  (fast.  6 , 107  ff.) 
fälschlich  mit  Carna,  indem  er  am  Feste  der 
letzteren,  die  Identität  beider  Göttinnen  vor- 
aussetzend, das  hübsche  Märchen  erzählt,  wie 
Cardea  zu  ihren  Funktionen  als  Göttin  der 
Thürangeln  gekommen  sei.  Sie  war  eine 
Nymphe  im  Haine  des  Helernus  am  Tiber, 
ursprünglich  Crane  geheifsen  (den  Namen 
möchte  Merkel , proleg.  p.  195  für  eine  Erfin- 
dung Ovids  halten;  wunderliche  Vergleichung 
von  Carna  mit  der  griech.  ’Aovrj  bei  Panoflca, 
Annali  d.  inst.  1847,  224),  und  bekannt  durch 
ihre  spröde  Jungfräulichkeit ; machte  ein  Jüng- 
ling ihr  Liebesanträge , so  schickte  sie  ihn 
vorerst  unter  dem  Gebote , sich  nicht  umzu- 
wenden, ins  Gebüsch,  und  entwischte  ihm  so- 
dann. Bei  Ianus  aber,  dem  Gotte  mit  dem 
Doppelgesicht,  war  diese  List  erfolglos,  er 
gewann  ihre  Liebe  und  schenkte  ihr  zum 
Lohne  die  Herrschaft  über  die  Thürangeln  und 
den  wunderthätigen  Weifsdorn,  mit  dem  sie 
bösen  Zauber  abhält,  vor  allem  die  nächt- 
lichen Strigen,  welche  den  Kindern  das  Blut 


855 


Carneus 


Catillus 


856 


aussaugen:  namentlich  rettet  sie  vermittelst 
dieses  Gegenzaubers  das  schon  beinahe  den 
Strigen  verfallene  albanische  Königskind  Pro- 
cas.  Wieviel  an  diesem  Märchen  alte  Volks- 
tradition, wieviel  dichterische  Erfindung  Ovids 
ist,  läfst  sich  bei  dem  Mangel  andrer  Über- 
lieferung nicht  mehr  feststetlen ; dafs  aber  seine 
Identificierung  von  Cardea  und  Car  na  eine 
willkürliche  ist,  zeigt  schon  eine  blofse  Prü- 
fung seiner  eignen  Erzählung,  in  der  ganz  10 
heterogene  Dinge  durcheinanderlaufen.  Was 
neuere  Gelehrte,  welche  sich  durch  ihn  haben 
täuschen  lassen,  teils  auf  Grund  der  Etymo- 
logie des  Namens  ( Curtius , Griecli.  Etymologie 
p.  143),  teils  aus  der  Überlieferung  über  ihre 
Funktionen  ( Preller , Rom.  Mythol.3  2 p.  239)  für 
die  Identität  der  Göttinnen  beigebracht  haben, 
hat  keinen  Anspruch  auf  Überzeugungskraft 
und  fällt,  wenn  man  die  Basis  der  ovidiani- 
schen  Erzählung  wegnimmt,  von  selbst.  So  20 
werden  wir  also  Carna,  die  Göttin  der  Kalen- 
dae  fabariae,  von  Cardea,  der  Gottheit  der  Thür- 
angeln und  Geliebten  des  Ianus,  streng  zu 
scheiden  haben,  womit  sich  Prellers  Vermu- 
tung, an  der  verdorbenen  Stelle  des  Mart. 
Cap.  1,  4 'Janusque  Ar gionam  utraque  mi- 
ratur  effigie’  sei  der  Name  der  Carna  einzu- 
setzen, von  selbst  erledigt.  S.  auch  Indigita- 
menta.  [Wissowa.] 

Carneus,  wohl  ein  celtischer  Gott  auf  einer  30 
Inschrift  aus  Arrayolos  bei  Ebora  in  Lusitania, 

G.  I.  L.  2,  125:  Carneo  ||  Calantice  ||  8.  Caeci- 
lia  ||  Or  ni  cuis  ||  r.  cuis.  An  den  Apollo  Kag- 
vsiog  ist  dabei  wohl  nicht  zu  denken,  viel- 
leicht aber  an  das  durch  Hesych.  als  gallisch 
bezeichnete  ■xccqvov  (Horn),  was  dann  auf  den 
gehörnten  Gott  der  Nacht  und  des  Todes  bei 
den  Celten  deuten  würde.  S.  Cernunnos.  Zu 
vergleichen  sind  die  Völkernamen  Cami,  Car- 
nutes,  Carnuntes.  [Steuding.]  40 

Carutius  (?)  s.  Acca  Larentia. 

Casenter(a),  auf  einer  pränestini sehen  Ciste, 

C.  I.  L.  1,  15C1  = Cassandra,  vgl.  Aucena  u. 
Ateleta.  Quintil.  1,  4,  16  führt  die  Form  Cas- 
santra  als  auf  alten  Inschriften  vorkommend 
an.  Vgl.  das  etruskische  Casntra.  [Steuding.] 

Casius  {Kuotog),  Beiname  des  Iuppiter  oder 
Zeus  (Lucan.  8,  858.  Lactant.  1,  22),  der  unter 
demselben  Tempel  auf  den  Bergen  Casius 
(. Kcioiov  ogog)  in  Syrien  ( Anthol . Pal.  6,  332.  50 
Proc.  Gotli.  4,  22.  C.  I.  Gr.  4,  7044  b.  Am- 
mian.  22,  14,  4.  Spartian.  Hadr.  13)  und  in 
Ägypten  hatte  ( Suid .,  Strabo  16,  2,  33,  p.  760. 
Plin.  n.  h.  5,  12,  68).  Ein  anderes  Heiligtum 
desselben  befand  sich  in  Cassiope  auf  Corcyra, 
Plin.  n.  li.  4,  12,  52.  Sueton.  Nero  22  s.  f.,  C.  I. 

L.  3,  576f.  Vgl.  Münzen  desselben  bei  Eckhel 
3,  326.  2,  179.  Annal.  dclV  Inst.  arch.  1846. 
177.  Genannt  wird  Deus  Casius  auf  einer  In- 
schrift bei  Steiner , inscr.  Rh.  229:  Deo  Casio  60 
Ovinius  v.  s.  I.  I.  m.  Vgl.  De-Vit,  Onom.  s.  v. 
Pape,  gr.  Eigenn.  übersetzt  Kciciog  durch  „der 
Leuchtende,  der  Hervorglänzende“,  wofür  die 
Verehrung  auf  Bergen  sprechen  würde.  Vgl. 
die  Erzählung  von  dem  eponymen  Heroen  des 
Casius  (rb  Kucglov),  Phil.  Bybl.  2,  7 bei  Mül- 
ler fr.  h.  gr.  3,  566.  Auch  wird  gerade  von 
dem  Casius  in  Syrien  mehrfach  hervorge- 


hoben, dafs  man  von  ihm  aus  die  Sonne  zu- 
erst erblicke,  Plin.  h.  n.  5,  22,  80.  [Steuding.] 

Casmilus  {Kdoyilog),  bei  Varro  de  l.  I.  7,  34; 
vgl.  Macrob.  Sat.  3,8,  5f.  Orelli  440 ; Schöl.  zu 
Apoll.  Arg.  1,  917;  vgl.  Kadmilos.  [Steuding.] 

Casses,  jedenfalls  celtische  (nicht  germa- 
nische, wie  De- Vit,  On.  s.  v.  meint)  Gotthei- 
ten auf  einer  Inschrift  zu  Speier,  Orelli  1979 : 
Diis  Cassibus,  denn  das  Wort  ist  doch  schwer- 
lich von  den  celtischen  Tricasses,  Bodioeasses, 
Velio-casses  (melior-),  Vidu-casses  (Baum  — ) 

u.  a.  m.  {Plin.  n.  h.  4,  107  f.)  zu  trennen,  mit 
denen  Fiele,  gr.  Personenn.  74  irisch  cais  = 
Studium,  odium  (?)  vergleicht.  [Steuding.] 

Castaeci  oder  ae,  celtische  Gottheiten  (ma- 
tres?)  auf  einer  Inschrift  aus  der  Nähe  von 
Caldas  de  Vizella  bei  Guimaraens,  C.  I.  L.  2, 
2404 : Rebur  | rinus  \ lapida  \ rius.  Ca  | staecis  \ 

v.  I.  s | m.  Vergl.  die  celtischen  Namen  Casti- 
cus  {Caes.  b.  g.  1,  3,  4),  Kugtcc^  {App.  1b.  32). 

| Steuding.] 

Castitas,  absolut  für  Minerva,  die  jungfräu- 
liche Göttin  als  Schützerin  des  Ölbaumes,  Pal- 
lad. de  re  rust.  1,  6,  14.  [Steuding.] 

Catauiitus,  altlateinische  Form  statt  Gany- 
medes:  Plaut.  Men.  1,  2,  35.  Cie.  Phil.  2,  31, 
77.  Paul.  Diac.  p.  7.  16  u.  ö.  Vgl.  die  latei- 
nischen Lexika  u.  d.  W.  [Roscher.] 

Catillus,  1)  Catillus,  ein  Arkader,  der  Be- 
fehlshaber der  Flotte  des  Euander,  gründete 
Tibur  ( Cato  bei  Solin.  2,  8 = or.  2 fr.  24  Jord., 
2 fr.  56  Peter,  vielleicht  aus  tiburtinischen  An- 
nalen; vergl.  Mart.  Cap.  6,  642  aus  Solinus). 
— 2)  Catillus,  der  Sohn  des  Amphiaraos  (s.  d.), 
wurde  nach  dem  wunderbaren  Tode  seines 
Vaters  auf  Geheifs  seines  Grofsvaters  Oikles 
mit  der  heimatlichen  Jugend  als  ver  sacrum 
ausgesandt  und  zeugte  in  Italien  drei  Söhne, 
Tiburtus,  Coras  und  Catillus,  welche  die  alten 
Sica.ner  aus  ihrer  Stadt  vertrieben  und  sie 
nach  dem  ältesten  Bruder  Tibur  nannten  {Sex- 
tius  bei  Solin.  a.  a.  O.).  Nach  Serv.  Aen.  7, 
670  kamen  die  drei  Brüder  Catillus,  Coras 
und  Tiburtus,  deren  Vater  er  nicht  nennt,  aus 
Griechenland  und  erbauten  aufser  der  gemein- 
samen Gründung  Tibur  jeder  für  sich  Städte. 
Vergil  läfst  den  jüngeren  Catillus  am  Kampfe 
gegen  Aneas  teilnehmen  (mit  Coras , Aen.  7, 
670  ff. ; vgl.  Sil.  Ital.  4,  186,  wohl  nach  Ver- 
gil) und  den  Troianer  Iollas  niederstrecken 
(11,640);  sonst  feiert  die  römische  Poesie  nur 
den  einen  Catillus  als  Gründer  Tiburs,  also 
jedenfalls  den  unter  1)  Genannten  {Hör.  c.  1, 
18,  2 Catilus.  Sil.  Ital.  4,  224.  8,  364.  Stat. 
süv.  1,  3,  100).  Serv.  Aen.  7,  672  spricht  von 
einem  mons  Catilli,  rquem  Catelli  dicunt  per 
corruptionem , [ iuxta  Tibur]’  (vgl.  Jordan,  Pro- 
legg.  Caton.  S.  XLII1).  Falsch  ist  es,  bei  Soli- 
nus den  Bericht  des  (sonst  unbekannten)  Sex- 
tius  mit  dem  Catos  zu  verbinden  (wie  z.  B. 
Rormann,  Altlatin.  Chorogr.  S.  233.  De-  I d, 
Onomast.  s.  v.  Catillus  es  thun) , da  uns  hier 
offenbar  verschiedene  Fassungen  der  Sage  vor- 
liegen, von  denen  die  catonische,  weil  einfacher, 
die  ältere  zu  sein  scheint.  Unrichtig  ist  auch 
die  Auffassung  Prellers,  Rom.  Mytli.3  2,  S.  139, 
dafs  die  Sage  Catillus , den  Gründer  Tiburs, 
bald  einen  Begleiter  des  arkadischen  Euander, 


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857 


Catius 


Centimanus 


858 


bald  einen  Sohn  des  argivischen  Propheten 
Amphiaraos  nenne.  Doch  hat  Preller  mit  Recht 
bemerkt , dafs  durch  die  Verbindung  mit 
Euander  und  Amphiaraos  Catillus  als  ein  dem 
Faunus  nahe  verwandter  Prophet  charakteri- 
siert werde,  Catillus  = catus  (vgl.  den  römischen 
Indiges  Catius  pater,  'qui  catos  id  est  acutos 
faceret ’ Augustin,  c.  d.  4,  21),  und  dafs  er 
speziell  als  Gründer  der  Burg  von  Tibur  ver- 
ehrt worden  zu  sein  scheine.  [R.  Peter.] 

Catius  s.  Indigitamenta. 

CaturiXj  igis,  ein  gallischer  Gott  des  Krie- 
ges, nach  Fick,  griech.  Per  sonn.  73  von  catu 
(kymr.  arm.  cad , lad,  irisch  cath ) = Schlacht 
und  rix  — König  abzuleiten  und  mit  germ. 
Hudu-rich  zu  vergleichen;  ebenso  ist  der  Volks- 
name Caturiges  gebildet.  Inschriften  bei  Orelli 
1980:  I.  0.  M.  et  Marti  Caturigi.  genio  loci 
etc.  und  Mommsen,  inscr.  Helv.  70:  Marti  Ca- 
tur.  sacr.  [Steuding.] 

Cau  (leilenses , celtische  Gottheiten  (matro- 
nae?)  auf  einer  Inschrift  aus  Cadenet,  depart. 
Vaucluse,  Orelli  1988:  Dexsivae  et  Caudellen- 
sibus  C.  Helvius  Primus  sedilia  v.  s.  I.  m. 
Vielleicht  ist  der  Name  von  einer  Ortschaft 
(vgl.  das  nahe  Cabellio)  abgeleitet.  [Steuding.] 

Caulex  (?  Dat.-eci),  celtische  Gottheit  auf 
einer  Inschrift  aus  Castro  Sancti  Christophori 
in  Gallaecia,  C.  I.  L.  2,  2551:  1).  D.  Cauleci. 
sac  etc.  [Steuding.] 

Caute(s)  oder  Caut(us),  Dat.  Caute,  o oder  i, 
oft  mit  dem  Zusatz  von  Pati,  ist  nach  Labus, 
Ann.  d.  Inst.  arch.  1846  p.  268 ff.  u.  Marm. 
Bresc.  p.  48  ein  Beiname  des  Mit-hras.  Der- 
selbe stützt  sich  dabei  besonders  auf  eine  in 
Hessen  gefundene  Inschrift,  Or. -Uenzen  5853: 

D.  I.  M (=  Deo  invicto  Mithrae ) ||  Cauto  Pati , 
über  welcher  ein  Jüngling  mit  phrygischem 
Hute  und  umgekehrter  Fackel  dargestellt  ist. 
Diese  Figur  ist  durchaus  dieselbe,  welche  sonst 
als  Begleiter  resp.  Wiederholung  des  Mithras, 
einer  zweiten  gleichen  mit  erhobener  Fackel 
entsprechend , erscheint.  Ferner  findet  sich 
der  Titel  pater  (patrum),  der  im  Mithraskult 
als  Bezeichnung  für  denjenigen  gebraucht  wird, 
der  die  höchsten  Weihen  erhalten  hat,  auch 
auf  Inschriften  des  Cautes,  C.  I.  L.  5 , 765. 

6,  86  und  2 , 464  , wo  das  P am  Ende  sicher 
so  zu  lesen  ist.  Demnach  wird  man  berech- 
tigt sein  die  Inschriften:  Deo  M \ C.  P.  S.  I.  50 
(7 , 650  u.  1344i)  mit  Hübner  Deo  Mithrae 
Cauto  Pati  Soli  Invicto  und  2 , 1025 : M.  C. 
(P?)  etc.  Mithrae  Caute  (Pati?)  zu  lesen.  Allein 
findet  sich  der  Name  Caute  (Dativ.)  2 , 464. 

6,  86.  7,  748.  Cauti  3,  994,  4736.  Cauto  5, 
763  (i?);  dagegen  Cauto  Pati  (Cautopati?)  5, 
1809,  4935,  5465.  Kauto  Pati  8,  2228.  Cauto 
Pati  Aug.  5,  765.  Pati  ist  also  nur  eine  nähere 
iBezeichnung,  die  auch  wegfallen  kann;  da  der 
Mithraskult  aber  persischen  Ursprungs  ist, 
dürfte  sie  dem  paiti  des  Zend  = Herr,  dessen 
ursprüngliche  Form  pati  das  Sanskrit  erhalten 
hat,  identisch  sein.  Für  die  Zusammenstel- 
lung von  Cautes  mit  dem  lat.  cautes  = Spitz- 
säule spricht,  wie  De-  Vit,  On.  s.  v.  mit  Recht 
lervorhebt,  einerseits  der  Umstand,  dafs  über- 
haupt die  tcstqcc  im  Mithraskult  von  Bedeu- 
tung ist,  andererseits  der  Fund  in  der  Mithras- 


höhle  unter  der  Basilica  S.  Clemente  in  Rom. 
Man  entdeckte  dort  einen  Altar  mit  der  In- 
schrift Caute  sacrum  ( C . I.  L.  6,  748)  und  da- 
neben eine  Marmorspitzsäule,  aus  welcher  eine 
Flamme  (d.  Symbol  des  M.)  hervorbricht.  Da- 
zu kommt,  dafs  sich  die  Inschrift  5,  4935  ans 
dem  val  Camoniea  auf  einem  cippus  aus  schwar  - 
zem Mairnor  befindet.  Wenn  nun  ein  anderer 
mit  dem  Mithraskult  zusammenhängender  (s. 
io  Elagabalus)  Name  des  Sonnengottes , Ammu- 
dates  (s.  d.),  geradezu  „kegelförmige  Säule“ 
bedeutet,  so  dürfte  dies  auch  für  Cautes  sehr 
wahrscheinlich  sein.  Es  ist  aber,  wie  schon 
die  dreifache  Form  auf  c,  i,  o vermuten  läfst, 
wohl  nicht  an  das  lateinische  Wort  cautes, 
sondern  an  dessen  (freilich  nicht  nachweis- 
bare, s.  Fick,  vergl.  W.  1 , 236)  persische  Pa- 
rallele zu  denken.  Die  Verbreitung  des  Kul- 
tus wird  durch  die  erwähnten  Inschriften  für 
20  Hisp.  Baetica  , Lusitania  , Dacia  , Britaunia, 
Numidia,  Rom,  Oberitalien  und  Deutschland 
(Hessen)  erwiesen.  [Steuding.] 

Ceaiius  oder Ceaigus (lens, ein  celtischer  Gott 
auf  einer  Inschrift  aus  Wardal  in  Cumberland, 
Orelli  1981:  Deo  [|  Ceaiio  Aur.  (Aug?)  ||  M(a)rti 
et  MS  ||  etc.;  Baxter,  Gloss.  Brit.  p.  85  bietet 
dagegen  Deo  Ceango.  Vergleichen  wir  die 
dii  Ceceaigi  (s.  d.),  so  dürfte  etwa  Ceaigo  zu 
lesen  sein.  [Steuding.] 

30  Ceceaigi  dii,  celtische  Götter  auf  einer  In- 
schrift aus  Gallaecia,  C.  I.  L.  2,  2597:  Düs 
Cec  ||  eaigis  ||  Iriba  ||  Marcu  ||  s A(e)turi.  Die 
zweite  Hälfte  des  Wortes  ist  wahrscheinlich 
mit  dem  in  Aegiamunniaegus  (s.  d.)  und  den 
übrigen  dort  angeführten  Beispielen  enthalte- 
nen Stamm  identisch  (vgl.  auch  Ceaiius  und 
Bcantunaecus).  Es  dürfte  dabei  vielleicht  an 
yag  (vergl.  ayog)  einen  Gott  verehren  zu  den- 
ken sein , da  auch  das  ähnlich  lautende  yaga 
40  Eis  altirisch  als  aig  erscheint,  Fick,  vergl,  W. 
1,  729  f.  [Steuding.] 

Celeia,  die  Stadtgottheit  von  Celeia  in  Nori- 
cum (Cilli)  auf  daselbst  gefundenen  Inschrif- 
ten aus  dem  Anfang  des  3.  Jahrh.  nach  Ohr. 
(213  u.  215  n.  Chr.).  Celeia  Aug.  wird  sie 
C.  I.  L.  3,  5154  genannt,  Celeia  neben  I.  O. 
M.  u.  Noreia  sancta  5188,  Celeia  sancta  neben 
ersterem  5187  , neben  Arubianus  5185,  neben 
Epona  5192.  [Steuding.] 

Celeritas,  die  Tochter  der  Sonne  (Mart. 
Cap.  1,  50.  Mythogr.  Vat.  3,  8,  17),  eine 
wahrscheinlich  erst  in  später  Zeit  gebildete 
Abstraktion.  Sie  wird  bei  Mart.  Cap.  in  die 
sechste  Region  des  Himmels  und  zwar  nach 
Deecke,  etruskische  Forschungen  4,  das  Tem- 
plum  von  Piacenza  p.  20  genau  in  den  Ost- 
punkt versetzt.  Derselbe  (p.  47)  nimmt  an, 
dafs  sie  der  catlia(nia?)  auf  der  Bronze  von 
Piacenza  gleich  sei,  welche  er  wieder  mit 
oo  Kad’rjzog , catus , citus  zusammenstellt.  Auch 
vermutet  er  ihre  Identität  mit  Salia , der 
Tochter  des  etruskischen  Königs  Annius-lanus 
(p.  76)??  [Steuding.] 

Cemenelus , Beiname  des  Mars  zu  Cemene- 
lum  (Cimella  bei  Nizza)  auf  daselbst  gefunde- 
nen Inschriften,  C.  I.  L.  5,  7871;  7970 (?) 

[Steuding.] 

Centimanus  s.  Aigaion  u.  Hekatonclieiren. 


859 


Centondis 


Ceres  (Name) 


8G0 


Centoiulis(?),  eine  jedenfalls  celtische  Gott- 
heit auf  einer  Inschrift  aus  Ceinenelum  (Ci- 
mella  in  den  Seealpen) , C.  I.  L.  5,  7867 : D. 
Vesuccius  Celer  Centondi  v.  s.  Zum  Stamm 
des  Wortes  ist  die  Stadt  Centobriga  in  Celt- 
iberia  zu  vergleichen.  [Steuding.] 

Cerenaeci  Laves , auf  einer  Inschrift  aus 
S.  Salvador  de  Thuyas  im  Conventus  Bra- 
caraugustanns,  C.  I.  L.  2,  2384 : Laribus  Cere- 
naccis.  Niger.  Proculi  f.  v.  I.  s.  [Steuding.] 


venustus;  ursprünglich  venös  C.  I.  L.  1,  57 f.) 
hervorgegangen  ist  und  überdies  im  Nominativ 
keine  Längung  durch  Einflufs  des  Nomina- 
tiv s erfahren  hat,  während  die  Messung  Ce- 
res durch  Verg.  Georg.  1,  96.  Martial.  3,  58  si- 
cher steht.  Der  schwurartige  Vokativ  eccere 
(s.  Festi  epit.  S.  78ltf.)  hat  Verlust  des  s er- 
litten. Genau  entspricht  dagegen  das  Adjektiv 
pubes,  puberis ; und  so  wie  man  das  Femini- 
10  num  dieses  letzteren  zu  einem.  Substantivnm 
verselbständigte,  wel- 


Demeter  oder  Ceres  thronend  (pompeian.  Wandgemälde;  vgl.  Ooerbeck,  K.-M.  2,  5220'.). 


Ceres.  (Vgl.  u.  a.  J.  A.  Hartung , Bel.  d. 
Römer  2.  S.  135ff.  Klausen,  Aeneas  u.  d.  Pe- 
naten 1.  S.  274f.  Becker  u.  Marquardt,  Hdb. 
d.  röm.  Altert.  4.  S.  307  ff.  Preller , B.  Myth .2 
S.  432  ff.).  Der  Name  der  Göttin  garantiert 
auch  hier,  dafs  der  ihr  zu  Grunde  liegende  Be- 
griff ein  echt  italischer,  autochthoner  gewesen 
ist.  Zunächst  formell  betrachtet,  steht  die 
Bildung  des  Substant.  ceres,  cereris  im  Latei- 
nischen nahezu  vereinzelt.  Nicht  analog  ist 
vcnus  veneris’,  welches  aus  venus  venuris  (vgl. 


Begriff  zum  Ausdruck  gedient  haben  , da  das 
Adjektiv  kerriis  als  Epitheton  jedweder  Gott- 
go  heit  dient.  . Auch  den  Verbalbegriff  crcarc 
scheint  das  Oskische  besessen  zu  haben, 
falls  der  Name  Nu-ceria  richtig  als  vs6-%u- 
(jtog  gedeutet  ist  (Büchelcr , Lexicon  Ital. 
S.  13).  Die  Umbrer  besafsen  zwei  entspre- 
chende Götternamen,  mascl.  Qerfus , fern.  Qer- 
fa  ( Büchelcr  a.  a.  0.  u.  Festschrift  nat.  sciec. 
Niebuhri  1876.  S.  24f.).  Endlich  dürfen  viel- 
leicht auch  die  Städtenamen  Carsulae  und 


ches  sowohl  abstrakt 
die  Mannbarkeit,  als 
konkret  das  Zeichen 
derMannbarkeit  bedeu- 
tete, so  dürfen  wir  auch 
für  den  Wortsinn  von 
ceres  Ähnliches  gewär- 
tigen. Während  Varro 
de  l.l.  5 , 64  (und  mit 
ihm  Cic.  de  nat.  d.  2, 
26.  3 , 52)  vielleicht 
nach  des  Fnnius  Vor- 
gang ( Epich . v.  6 V ali- 
len)  den  Namen  a ge- 
rendo  ableitete,  hängt 
er  stammhaft  ohne 
Zweifel  vielmehr  mit 
crescere  und  creare  zu- 
sammen : „entstehen“ 
und  „erzeugen“ ; so 
schon  Serv.  zu  Verg. 
Georg.  1 , 7.  Diesen 
Stamm  verwandte  das 
Latein  vielleicht  auch 
noch  in  Wortbildungen 
wie  volu-cer,  ludi-crum ; 
von  ihm  abgeleitet  ist 
ferner  crassus  „dick, 
wohlgenährt“ ; übri- 
gens applicierte  ihn  die 
alte  Sprache  auf  Göttli- 
ches in  dem  mascl.  ce- 
rus  oder  kerus  (gleich 
divus,  genius ; vgl.  die 
Art.  „Cerus“  u.  „Ge- 
nius“). Das  Oskische 
bietet  uns  auf  der  Ta- 
fel von  Agnone  zwei- 
mal den  Dativ  kern 
(heidemal  statt  kerrei!), 
mit  welchem  Götter- 
namen das  lat.  Cereri 
formell  fast  identisch 
ist;  doch  mufs  die  os- 
kische Gottheit  einem 

universelleren,  höheren 


861  Ceres  (Name) 

Garseoli  zum  selbigen  Wortstamm  gezogen 
werden. 

Ob  nun  Ceres  selbst  zunächst  die  Schöpfe- 
rin oder  das  Schaffen  oder  etwas  Geschaffe- 
nes bedeutete,  läfst  sich  nach  der  Wortform 
nicht  entscheiden.  Bei  Terenz  steht  das  Dic- 
tum ( Eun . 732)  sine  Cerere  et  Libero  füget 
Venus;  noch  älter  ist  der  Vers  des  Naevius 
(com.  v.  121  jR.)  cocus  cdit  Ncptunum  Venerem 
Cererem  (vgl.  auch  V erg.  Aen.  1,  701  und  da- 
selbst Servius)  \ diese  Metonymie  gilt  den  Rhe- 
toren als  stilistische  Eleganz  ( Cornific . 4,  43; 
Cic.deor.  3,  167),  und  die  in  stoischer  Manier 
spekulierende  Theologie  bei  Cicero  de  nat. 
deor.  2 , 60  knüpft  an  sie  an , um  zu  zeigen, 
dafs  man  häufig  Dinge  nach  ihren  göttlichen 
Urhebern  benenne.  So  hiefs  ja  auch  z.  B. 
ianus  ,,der  Durchgang“  u.  a.  m.  Doch  wäre 
nicht  undenkbar,  clafs  in  ceres  sowie  in  venus 
umgekehrt  die  dingliche  Bedeutung  die  pri- 
märe war.  Denn  ähnlich  machte  man  ja  auch 


vgl.  Müller- IVieseler,  Denkm.  a.  K.  2,  90). 

iol,  luna  und  hjmphae  zu  Gottheiten,  schuf  so- 
gar eine  Göttin  Bobigo,  eine  Göttin  Fornax , 
die  dea  Pccunia  u.  a.  Hierfür  aber  würde 
sprechen,  dafs  bei  den  Sabinern  das  Wort  für 
Brot  Panis  selbst  Name  dieser  Göttin  war,  wie 
von  Servius  bezeugt  ist,  zu  V erg.  Georg.  1,  7 : 
quamvis  Sabini  Cererem  Panem  appellcnt , Li- 
berum ■ Lebasium;  der  Zusammenhang  dieser 
■Stelle  beweist,  dafs  hier  Servius  unter  Panis 
o gut  wie  unter  Lebasius  einen  Eigennamen 
verstanden  wissen  will. 


Ceres  (==  Demeter)  862 

Eine  immerhin  auffallende  Thatsache,  welche 
den  Ceresdienst  selbst  betrifft,  könnte  durch  diese 
Erwägung  ihre  Erklärung  finden.  Für  das  alte 
Latium  ist  kein  Ceresdienst  nachweis- 
bar. Und  so  hat,  soviel  wir  wissen,  auch 
in  Rom  ein  Heiligtum  der  Göttin  mit  einhei- 
mischem Ritus  nie  bestanden.  Der  römische 
Ceresdienst,  den  wir  kennen,  ist  vollständig 
griechisch,  also  erst  durch  griechischen  Ein- 
io  flufs  geschaffen.  Es  war,  wie  Festus  S.  257 
ausdrücklich  sagt , ein  peregrinum  sacrum ; 
diese  Ceres  ist  nach  demselben  dea  evocata 
und  um  nichts  römischer  als  die  Magna  Ma- 
ter oder  Aesculapius.  Somit  kann  schwer- 
lich schon  vorher  eine  Ceres  Gegenstand  des 
Kultus  gewesen  sein;  erst  damals  ist  das  alte 
Nomen  für  Saat  und  Brot  auf  die  Saat  und 
Brot  spendende  Demeter  der  Griechen  ange- 
wendet worden.  Gleichzeitig  wurden  dann 
20  auch  Liber  und  Libera  mit  persönlicher  Ge- 
stalt versehen.  Vorbild  aber  war  wahrschein- 
lich speziell  die  Demeter  von  Enna  auf  Sici- 
lien;  denn  zur  Zeit  der  Gracchen  war  es  eben 
diese,  auf  welche  die  sibyllinischen  Bücher 
verweisen  zu  müssen  glaubten  (vgl.  Cic.  Verr. 
4,  108.  Val.  Maxim.  1,1,  1). 

Die  Tradition  machte  den  Cereskultus  zu 
dem  ältesten  der  griechischen  Kulte  in  Rom; 
vgl.  Dionys,  antiq.  6,  17  u.  94.  Tacit.  Ann. 
30  2 , 49.  Seine  Gründung  fällt  in  den  Anfang 
der  Republik ; die  Kriege  mit  Porsenna  hat- 
ten Not  ins  Land  gebracht;  nach  Befragung 
der  sibyllinischen  Bücher  beschlofs  man,  den 
Dienst  der  griechischen  Korn-  und  Weingott- 
heiten einzubürgern.  Wie  in  griechischen 
Städten  wie  Lampsakos  Demeter,  Dionysos 
und  Kora  als  Hauptgottheiten  neben  einander 
bestanden  (vgl.  Klausen  a.  a.  0.),  so  wurde  in 
Rom  i.  J.  496  v.  Chr.  von  A.  Postumius  die 
io  aedes  Cereris  Liberi  Liberaeque  gelobt  und 
nach  drei  Jahren  von  Sp.  Cassius  konsekriert, 
und  zwar  am  Aventin  beim  Circus  maximus 
(vgl.  Liv.  40,  2,  2.  41,  28,  2.  3,  55,  7).  Es 
war  dies  somit  ein  publicum  sacrum  ( Marquardt 
a.  a.  0.),und  dasLectisternium  konnte  gelegent- 
lich auch  in  ihm  stattfinden  (Arnob.  7,  32). 
Während  Tempel  und  Tempelschmuck  in  Rom 
bisher  etruskischen  Vorbildern  nachgebildet 
zu  werden  pflegten,  zeigte  dieses  Heiligtum  zum 
50  ersten  Mal  griechischen  Stil  und  den  Schmuck 
griechischer  Plastik  und  Malerei;  in  griechi- 
scher Schrift  standen  die  Künstlernamen  Aa- 
porpilog  und  rbgyaoog  am  Tempel  zu  lesen 
(Plin.  35,  154).  Das  Erzbild  der  Göttin  kam 
etwa  fünf  Jahre  nach  der  Einweihung  hinzu 
(vgl.  Plin.  34,  15  mit  Liv.  2,  41,  10).  Sie  trug, 
der  griechischen  AryirizriQ  entsprechend , auch 
den  volleren  Namen  Ceres  mater  ( Varro  de 
r.  r.  3,  1,  5;  vgl.  J.  B.  N.  5750.  Benier  inscr. 
00  Afr.  3581;  hiernach  ist  Preller  l3,  S.  56  zu  be- 
richtigen). So  durften  aber  auch  die  Prieste- 
rinnen  nur  Griechinnen  sein;  die  Kultsprache 
war  die  griechische  (Cicero  pro  Balbo  55:  per 
Graecas  semper  curata  sunt  sacerdotes  et  grae- 
ca  [?]  omnia  nominata  etc.);  ein  Geheimgot- 
tesdienst der  Frauen  knüpfte  sich  daran 
„graeco  sacro“  (Cic.  de  leg.  2,  21).  Der  vgazsia 
entsprach  endlich  das  iciunium  Cereris,  welches 


863 


Ceres  (=  Demeter) 


Ceres  (Eigenschaften) 


864 


Annona  u.  Ceres,  Münze  des 
Nero  (vergl.  Cohen,  med.  imp. 
pl.  XII,  84). 


im  J.  191  y.  Chr.  auf  Geheifs  der  sibylli- 
nischen  Bücher  eingeführt  wurde  (am  4.  Okto- 
ber; vergl.  Kal.  Amitern.  mit  Liv.  36,  37,  4). 
Ein  anderer  Ceresdienst  neben  diesem  aber  hat 
nicht  bestanden.  Auch  da,  wo  Ceres  mit  Tel- 
lus  zusammen  angerufen  wurde  (s.  unten),  ist 
die  griechische  Saatgöttin  gemeint.  Über  de- 
meterartige Darstellungen  auf  römischen 
Münzen  vgl.  Overbeck,  Kunstmyth.  2 S.  496  f. ; so 
vereinigt  eine  Münze  des  Nero  Ceres  mit  der 
späten  Proviantgöt 


tin  Annona  {Cohen, 
med.  imp.  pl.  XII,  84). 
[Auch  dieDarstellun- 
gen  der  Demeter  auf 
pompejan.  Gemälden 
(s.  o.)  können  eben- 
so gut  als  solche  der 
Ceres  gelten.  R.]. 
Ihr  Tempel  brannte 
übrigens  i.  Jahre  31 
v.  Chr.  ab  und  ist 
vom  Augustus  und 
Tiberius  restituiert 
worden  ( Tac . Ann. 
2 , 49).  Die  eleusinischen  Mysterien  führte 
Hadrian  in  Rom  ein  {Aur.  Victor.  14),  nach 
einem  früheren  Versuch  des  Claudius,  ( Sueton 
Claud.  25).  Ein  Cereris  mystes  des  5.  Jhdts. 
erscheint  Ephem.  epigr.  4.  S.  299. 

Naturgemäfs  hatte  sich  dieser  römische 
Ceresdienst  allmählich  über  ganz  Italien  ver- 
breitet: z.  B.  war  ein  Cerestempel  in  Capua 
{C.  I.  L.  1,  566,  568),  Teanum  (I.  B.  N.  3988), 
Pompeji  {I.  B.  N.  2378.  2350),  Falerii  (1107- 
manns  expl.  793),  Ostia  {ibid.  1724),  Casinum 
( C . I.  L.  1,  1183).  Dagegen  zeigen  in  den 
Provinzen  Gallien,  Spanien,  Britannien  die  la- 
teinischen Inschriften  den  Namen  der  Göttin 
fast  gar  nicht  (nur  C.  I.  L.  2,  2407  ( Cer)er{i ). 
5,  2795).  ln  Afrika  freilich,  wo  er  wiederum 
häufig  ist,  wird  spät  sogar  einmal  eine  Ceres 
graeca  unterschieden  ( C . I.  L.  8,  10  564).  Ceres 
in  Pannonien  z.  B.  Ephem.  epigr.  2 , 841 , in 
Achaia  Ephem.  4,  S.M7. 

Ceres  besitzt  nun  infolge  dessen  die  meisten 
Eigenschaften  der  Demeter  und  keine  mehr 
als  diese.  Schon  der  Anlafs  ihrer  ersten  Ein- 
führung in  Rom  zeigt,  dafs  sie  vornehmlich 
als  die  nährende  galt,  die  die  Ernte  sichert, 
darum  heifst  sie  alma,  ist  wie  bei  Homer 
die  blonde  Göttin  (z.  B.  V erg.  Georg.  1 , 96), 
kränzt  sich  mit  Ähren  ( corona  spicea ) u.  s.  w. 
Ihr  sollte  jeder  getötet  werden,  der  ein  Saat- 
feld beraubte,  nach  der  Bestimmung  des  Zwölf- 
tafelgesetzes, {Elin.  18, 12).  Als  Ceres  vertens, 
„die  umpflügende“,  verehrte  man  sie  speziell 
in  Potentia  (J.  M.  N.  375).  Hier  und  dort 
wurde  mit  ihrem  Priestertum  das  der  Naturgöt- 
tin Venus  verbunden  {C.  I.  L.  1,  1183.  I.  B. 
N.  4227.  5434).  Ihrem  Charakter  entsprachen 
die  friedlichen  Gaben,  die  sie  empfing,  bren- 
nende Fackeln,  Spelt-  und  Weihrauchopfer; 
die  Tötung  des  Pflugstiers  verpönte  sie  {Ovid 
East.  4,  413);  doch  war  ihr  von  blutigen  Opfern 
vor  der  Ernte  das  Schwein  genehm,  wie  viel- 
fach auch  in  Griechenland ; vgl.  {Cato  de  r.  r. 
134  mit  Gell.  4,  6,  7.  Fest.  S.  238.  Varro  de 


r.  r.  2,  4,  9).  In  ihren  Festen  und  Opfern  ahmte 
sie  aber  in  sehr  auffallender  Weise  die  Tellus, 
sowie  auch  die  Ops  und  Bona  dea  (s.  d.)  nach 
(vgl.  Marquardt  S.  311),  eben  Tellus  wird  die 
echtitalische  Vorgängerin  der  Ceres  gewesen 
sein.  Tellus  giebt  der  Ceres  ihren  Kranz  bei 
Horaz  c.  s.  30. 

Die  Spenderin  des  Erntesegens  war  not- 
wendig zugleich  Gönn  er  in  des  Friedens:  um 
io  Abwendung  des  Kriegs  wurde  sie  angerufen 
{Ovid.  F ast.  4,  407).  Und  so  ist  sie  es  weiter,  die 
mit  der  Agrikultur  als  &eGgoq>OQOs  oder  legi- 
fera  { Vergil ) auch  überhaupt  „Recht,  Sitte  und 
Menschlichkeit“  gelehrt  hat  (vergl.  bes.  Cic. 
Verr.  5,  187),  die  die  Ehen  stiftet  und  beschützt 
{Fest.  epit.  S.  87),  und  die  Städte  gründet, 
wie  von  ihr  Calvus  sang  {fr.  6 Müller) : Et  leges 
sanctas  docuit  et  cara  iugavit  Corpora  conubis 
et  magnas  condidit  urbes.  Die  Göttin  fried- 
20  lieber  Ernährung  war  in  ihrer  höchsten  Po- 
tenz die  Patronin  des  intelligenten  Fortschritts 
in  der  Menschheit. 

Liber  und  Libera  traten  hinter  Ceres 
zurück.  Dafs  sich  mit  diesen  echtitalische  Got- 
tesvorstellungen verbanden,  ist  wahrschein- 
lich. Libera  aber  galt  doch  wesentlich  als 
die  griechische  Persephone,  so  wie  die  Römer 
auch  die  sicilische  Sage  vom  Raube  der  Ceres- 
tochter in  Enna  vollständig  übernommen  hat- 
30  ten  {Ovid.  Fast.  4,  392  ff.).  Um  Ceres  nicht 
an  ihren  Schmerz  zu  gemahnen,  vermied  man 
bei  den  Opfern  von  Vater  oder  Tochter  zu 
reden  {Serv.  z.  Aen.  4,  58);  ja,  es  gab  solche, 
die  sie  darum  für  Gegnerin  der  Ehe  und  Patro- 
nin der  divortia  ausgaben  {Serv.  z.  Aen.  3, 139). 
Der  Tochter  Vermählung  mit  Piuton  wurde 
als  Orci  nuptiae,  so  wie  in  Griechenland,  mit 
grofser  Feierlichkeit  von  den  Pontifices  began- 
gen; dies  nannte  man,  weil  der  Gebrauch  des 
40  Weines  dabei  ausgeschlossen  war,  auch  dop- 
pelsinnig nuptias  Cereri  celebrare  (so  wohl  bei 
Serv.  zu  Georg.  1 , 344  zu  lesen  nach  Plaut. 
Aul.  354).  Ceres  selbst  tritt  hierdurch  nun  in 
Bezug  zu  Tod  und  Unterwelt;  bei  den  Säku- 
larspielen empfing  sie  ihr  Opfer  mit  Dis  und 
Proserpina  {Zosim.  2,  4).  Die  Gruben,  die  in 
den  Städten  den  Eingang  zum  Orcus  bedeu- 
teten {Fest.  S.  154) , hiefsen  geradezu  Cereris 
mundus  {Fest.  S.  142)  und  waren  ihr  heilig 
50  wie  dem  Orcus  und  der  Tellus.  Wer  einem 
Toten  nicht  die  gebührenden  Ehren  erwiesen, 
hatte  der  Ceres  zur  Sühne  ein  Schwein  zu 
opfern  {Gell.  4,  6,  8.  Festi  epit.  S.  223).  Bei 
Erdbeben  betete  man  zu  ihr  wie  zur  Tellus 
{Ovid.  Fast.  4,  409).  Pluto  und  Ceres  stehen 
auf  Inschriften  zusammen,  C.  I.  L.  8,  8442. 
9020.  9021.  Die  frohe  Feier  der  Wiederver- 
einigung der  Mutter  und  Tochter  aber  begin- 
gen die  Frauen  am  Anfänge  des  August  {Elu- 
eo  tarch.  Fab.  18.  Ovid  Met.  10,  431  f.  Weifsen- 
born  z.  Liv.  22,  56,  4)  durch  neun  Nächte,  in 
denen  „tactus  viriles“  verboten  waren  (vergl. 
auch  Tertull.  de  monog.  17).  Aus  diesem  Feste 
erklärt  sich  aber,  dafs  auch  im  Bauernkalen- 
der der  Ceres  nicht  die  tutela  des  April,  son- 
dern die  des  August  gehörte,  I.  B.  N.  6746. 

Die  Hauptbedeutung  der  Ceres  für  Born 
war  indes  eine  socialpolitische,  und  wie 


Cernunnos 


866 


865  Ceres  (Eigenschaften  u.  Kult) 

alle  griechischen  Kulte  ist  auch  dieser  iu  Anlafs 
bestimmter  Verhältnisse  des  Staatslehens  ein- 
geführt worden.  Es  geschah  als  Konzession 
an  die  Plebs.  Die  Plebs  war  es,  die  der  Ce- 
res, d.  h.  billigeren  Kornes  bedurft  hatte;  und 
bis  hinab  in  die  Gracchischen  Unruhen  ist  sie 
so  Patronin  der  Forderungen  des  Volks  im 
Gegensatz  zum  Patrizier  und  Grofsgrundbesitzer. 
i Noch  beim  Lucilius  lesen  wir  (v.  195  L.):  Dc- 
I ficit  alma  Ceres  nec  plebes  pane  potitur.  Die 
plebejischen  „Tempelmänner“  oder  Ädilen 
; hatten  die  Sorge  für  den  Kornmarkt  (vergl. 
j Mommsen,  St.  11.  2 S.  491  f.)  und  stationierten 
zu  diesem  Behuf  beim  Tempel  der  Ceres.  Das 
ädilische  Amt  selbst  aber  war,  nach  den  An- 
i nalisten,  erst  kurz  vor  der  Gründung  dieses 
Tempels  eingeführt  worden.  Im  Cerestempel 
wurden  die  Senatsbeschlüsse  zur  Kenntnisnahme 
I für  die  Volkstribunen  deponiert  ( Liv . 3,  55. 
33,  25).  Wer  immer  einen  plebejischen  Beam-  : 
i ten  verletzte,  dessen  Vermögen  verfiel  der 
j Ceres  {Liv.  3,  55,  7.  Dion.  Hai.  (3,  89).  Von 
einem  ihr  zugefallenen  argentum  multaticium 
; erfahren  wir  aus  dem  J.  197  {Liv.  33,  25,  3). 
'Ebenso  war  aber  auch  mit  dem  Vermögen  des 
Volksaufwieglers  Sp.  Cassius,  Urhebers  einer 
ijlex  agraria,  verfahren  worden  {Liv.  2,  41,  10. 
j Dion.  Hai.  8,  79).  Panembonum  fert  galtauch 
in  der  Kaiserzeit  vom  Ädilen  in  Pompei  {C.  I. 
L.  4,  429).  ..  : 

Und  denselben  plebejischen  Ädilen  lag  da- 
i rum  auch  endlich  die  Sorge  für  die  Festspiele 
der  Ceres  ob  (vgl.  Liv.  30,  39,  8.  Cic.  Verr. 

! 5,  36.  Dio  C.,  47,  40  für  das  Jahr  42  v.  Chr.; 
über  die  Übertragung  derselben  an  die  kuru- 
iilischen  Ädilen  zur  Zeit  Ciceros  vgl.  Momm- 
\ sen  im  St.-R.  2 S.  509).  Die  Cerealia  oder 
I ludi  Cereales  mögen  anfangs  nur  von  Zeit  zu 
Zeit  begangen  worden  sein;  als  jährliches  Fest 
sind  sie  zuerst  für  das  Jahr  202  v.  Chr.  nach- 
gewiesen {Mommsen,  St.-R.  1 S.  586).  Diesel- 
ben fielen  in  den  Frühling,  wo  die  Felder  voll 
junger  Saat  standen,  vom  12.  bis  19.  April, 

I (vgl.  auch  das  hemerolog.  Caeretanam  in  Ephem. 
Epigr.  3.  S.  7),  gleichzeitig  mit  den  Fordici- 
dia  der  Tellus  {Kal.  Maffe.),  und  wurden  nicht 
| nur  in  Rom , sondern  ebenso  auch  auf  dem 
» Lande  begangen  {Orelli  n.  1495).  Innerhalb  der 
Plebs  gab  man  in  diesen  Tagen  üppige  Gaste- 
; .'eien  {mutitarc) , wie  dies  die  Patricier  am  i 
1 Pest  der  Megalensien  tliaten  {Gell.  18,  2,  11); 
nnd  bei  Plautus  bedeuten  darum  cenae  Cerea- 
'es  besonders  üppige  Mahlzeiten  {Men.  1,  1, 

■ 15).  Gleichwohl  hat  die  Luxusgesetzgebung 
loch  nur  gegen  den  Aufwand  der  Megalesien 
ainschreiten  zu  müssen  geglaubt  {Gell.  2,  24,  2). 
Ifficiell  wurde  das  Fest  durch  eine  pompa 
m Circus  eröffnet  und  durch  circensische  Spiele 
dreensium  Cerialium  ludicrum,  Tac.  13,  74) 
un  letzten  Tage  beendet,  mit  Ausschlufs  der  i 
Radiatoren  {Dio  C.  47,  40).  Aus  Ovid,  der  diese 
Spiele  Fast.  4,  391.  679  ff.  erwähnt,  entnehmen 
•vir,  dafs  man  sich  besonders  durch  eine  Fuchs- 
letze  vergnügte,  bei  welcher  den  Tieren  auf 
len  Rücken  Feuerbrände  gebunden  wurden. 
Cine  ätiologische  Legende  hierzu  weifs  der- 
elbe  Ovid  beizufügen  und  lokalisiert  sie  in 
'er  Nähe  seines  Geburtsortes,  in  Carseoli  in 
Roscher,  Lexikon  der  gr.  u.  röm.  Mytkol. 


Latium.  Dafs  bei  dem  Feste  endlich  auch 
nucum  sparsiones  üblich  waren , scheint  Sin- 
nius  Capito  bei  Festus  S.  177  bezeugt  zu  haben. 

Ceres  wird  natürlich  oft  auch  mit  anderen 
Göttern  zusammen  angerufen  und  verehrt,  so 
mit  allen  unterirdischen  Gottheiten  an  den 
Säkularspielen  {Klausen  a.  a.  O.  S.  264),  mit 
Tellus  an  den  feriae  sementinae  {Varro  de  l.  I. 
6,  26;  vgl.  de  r.  r.  1,  2.  Festi  epit.  S.  337); 
mit  Venus  (s.  oben),  mit  Iuppiter  und  Ianus 
{Cato  r.  rust.  134;  hier  ist  der  Name  Iunos 
interpoliert);  mit  der  Ops  (/.  R.  N.  6748. 
575);  mit  Annona  (s.  oben);  mit  Mercurius 
im  lectisternium , Liv.  22,  10.  Speicherauf- 
seher geben  ein  donarium  dem  Genius  loci 
und  dem  numen  Caereris  I.  R.  N.  1387. 
Lehrreicher  ist,  dafs  wir  in  der  Kaiserzeit 
mehrfach  dem  Plural  Cereres  begegnen ; so 
I.  R.  N.  2479,  besonders  in  Afrika  C.  I.  L. 
8,  580.  1548  und  sonst,  ja  mit  Zusatz  Cereres 
domnotutores  8,  1838  add.  Dieser  Plural  wird 
weniger  nach  Analogie  der  dreihundert  Iup- 
piteres  des  Varro  {Tertull.  ad  nat.  1,  10)  als 
nach  der  jener  „Matronae“  der  nördlichen  Pro- 
vinzen zu  erklären  sein,  welche  auch  Iunones 
genannt  wurden  (bes.  oft  im  C.  I.  Rhen.-,  vgl. 
Preller  l3,  S.  289).  Ob  hier  vielleicht  die 
Ceres  graeca  (s.  oben)  mit  der  Romana  ver- 
bunden war? 

Das  augusteische  Kaiserhaus  scheint 
zur  Ceres  in  keine  nähere  theosophisch  - ge- 
nealogische Beziehung  getreten  zu  sein.  Doch 
ist  zu  erinnern,  dafs,  wie  Apollini  divo  Augusto 
dediciert  wurde  (J.  R.  N.  930) , so  auch  die 
Iulia  Augusta  mit  Ceres  identificiert  erscheint 
auf  der  Inschrift  Wilmanns  expl.  N.  907.  [Vgl. 
C.  I.  Gr.  4,  3 (lndices)  p.  20  R.]  [Birt.] 
Ceruenus,  ein  Beiname  des  Iuppiter  auf 
einer  Wachstafel  (167  n.  Chr.)  aus  einem 
Bergwerk  bei  Aprudbanya  in  Siebenbürgen, 
C.  I.  L.  3 p.  925:  . . . Artemidorus  Apolloni 
(sc.  servus ) magister  collegi  Iovis  Cerneni  etc. 
Mommsen  a.  a.  O.  S.  921  erinnert  zur  Er- 
klärung des  Beinamens  an  ein  jetzt  Korna 
genanntes  Dorf  in  der  Nähe  des  Fundortes 
d.  Inschr.  (vgl.  Cernenses  oder  Cirnenses  Aquae 
Anthol.  lat.  350  Riese).  Vielleicht  ist  jedoch 
an  Cernunnos  (s.  d.)  zu  denken  (der  wegen  der 
ihn  begleitenden  Blitzschlange  wohl  mit  Iup- 
piter identificiert  werden  konnte) , da  auch 
andere  Namen  derselben  Inschrift  auf  celti- 
schen  Einflufs  deuten.  [Steuding.] 

Cernunnos,  ein  celtischer  Gott  auf  einem 
von  den  nautae  Parisiaci  zur  Zeit  des  T'iberius 
geweihten  Altar  (no.  3 des  musee  de  Cluny 
zu  Paris,  Orelli  1993;  vgl.  Murat.  1066,  5). 
Unter  der  Inschrift  befindet  sich  eine  gehörnte 
menschliche  Figur,  deren  untere  Hälfte  zerstört 
ist;  nach  der  Höhe  zu  schliefsen,  mufs  dieselbe 
kauernd  dargestellt  gewesen  sein.  H.  D'Arbois 
de  Iubainville,  le  cycle  myth.  Irland,  p.  385.  Der- 
selbe vergleicht  damit  ganz  ähnliche  Bilder  des 
gehörnten  celtischen  Gottes  der  Nacht  (des 
Sturmes),  des  Todes  und  des  Bösen.  Der  Name 
Cernunnos  bedeutet  aber  vielleicht  so  viel  als 
„der  Gehörnte“  ==  Carneus  (s.  d.) , d.  h.  der 
die  Mondsichel  (?)  tragende  Gott  der  Nacht, 
wozu  sehr  gut  palst,  dafs  auf  dem  erwähnten 

28 


867 


Cerus 


Chalkaor 


868 


Altäre  Castor  und  Pollux,  die  Stellae  der 
Schiffer,  neben  ihm  dargestellt  werden.  Ander- 
wärts ( D'Arb . de  Jub.  a.  a.  0.)  ist  diese  Gott- 
heit meist  noch  von  einer  Schlange  (Blitz)  mit 
Widderkopf  begleitet;  hier  ist  diese  dagegen 
auf  eine  andere  Seite  des  Altars  verlegt,  wo 
sie  (von  dem  Gotte  des  Lichtes?)  erschlagen 
wird  (siehe  Atusmerius).  Natürlich  tötet  die- 
ser ursprünglich  auch  nach  irischer  Überliefe- 
rung den  Gott  der  Nacht  selbst,  der  als  sein  io 
Vater  oder  Grofsvater  bezeichnet  wird  [D'Arb. 
de  Jub.  a.  a.  0.).  [Steuding.] 

Cerus.  Cerus  oder  Kerus  ist  die  ältere  latei- 
nische Bezeichnung  für  ein  schöpferisches  gött- 
liches Wesen,  welches  uns  unter  den  entspre- 
chenden Namen  auch  bei  den  verwandten  ita- 
lischen Völkern  begegnet,  als  Kerri  bei  den 
Oskern  auf  der  Weihinschrift  von  Agnone 
( Mommsen , Unterital.  Dial.  p.  133),  als  Qer- 
fus  auf  den  Denkmälern  umbrischen  Dialektes,  ‘ 
Aufrecht-Kirchhoff , Umbrische  Sprachdenlcm.  2, 
265.  Bücheier,  Rhein,.  Mus. 33,281.  Lexicon  Ita- 
licum  p.  13.  Alle  diese  Worte  stammen  zusam- 
men mit  Ceres  (s.  d.),  creare  u.  ähnl.  von  einer 
Wurzel,  welche  rthun,  schaffen’  bedeutet  und 
noch  in  der  Sskrt. -Wurzel  har  vorliegt,  Corssen, 
Aussprache  1,  473.  Curtius , Griech.  Etymolog. 
p.  154,  und  es  verhält  sich  demnach  Cerus  zu 
creare,  wie  Genius  zu  gignere  und  Semo  zu  oq 
serere,  Breal,  Herctde  et  Gacus  p.  60;  alle  drei 
Namen  sind  Bezeichnungen  für  dieselbe  schöpfe- 
rische Gottheit,  für  die  später  der  Name  Genius 
(s.  d.)  der  allgemeine  geworden  ist.  Was  die 
alten  Grammatiker  noch  von  Cerus  wufsten, 
stimmt  völlig  zu  dem  eben  Gesagten.  Im 
Salierliede  wurde  er  mehrfach  angerufen,  Paul. 
p.  122  führt  daraus  die  Worte  Cerus  manus, 
das  heifse  creator  bonus , an,  und  in  dem  bei 
Varro  l.  I.  7,  26  erhaltenen  Fragmente  je- 4Q 
nes  Liedes  hat  Bergh  {de  carmin.  Saliar.  reli- 
quiis,  Ind.  lect.  Marburg  1847/48  p.  8)  mit  Evi- 
denz die  Worte  duonus  Cerus  es  hergestellt 
(anders  Corssen,  origin.  poes.  Boman.  p.  56  ff. 
Aussprache  1,  230,  der  Ceruses  als  eine  Weiter- 
bildung von  Cerus  erklärt,  sicher  mit  Unrecht). 
Endlich  ist  uns  noch  eine  jetzt  im  Museo 
Gregoriano  des  Vatikans  befindliche  Trink- 
schale erhalten,  welche  neben  einem  Flügel- 
knaben mit  der  Doppelflöte  die  Inschrift  KERI 
rOCOLOM  trägt,  C.  I.  L.  1,  46.  Wahrschein-  0 
lieh  ist  aber  in  diesen  Denkmälern  überall  der 
Name  Cerrus  zu  sprechen:  darauf  führt  sowohl 

das  osk.  Kerri,  als  das  umbrische  Qerfus  (Vgl. 
umbr.  parfa,  latein.  parra)  und  dafs  unsere 
Überlieferung  überall  nur  ein  r giebt,  ist  durch- 
aus in  der  Ordnung,  da  all  diese  Denkmäler  in 
die  Zeit  zurückgehen,  wo  man  die  Konsonanten- 
gemination in  der  Schrift  noch  nicht  ausdrückte, 
Buecheler,  Umbrica  p.  98  f.  [Wissowa.]  60 

Cervae,  vielleicht  segenspendende  Geister  auf 
einer  Inschrift  aus  Zalatna  (Dacia),  C.  I.  L. 

3,  1303:  Libero  ( p)atri  et  Li{b)ere  Herclia{n)is 
et  Cervabu{s ) Romanus  Auglusti ) n{ostri)  et 
Aur{elia ) Creste  vo{tum)  posuerun(t).  Momm- 
sen a.  a.  0.  hält  die  Hercliani  und  Cervae  für 
Priesterkollegien ; wenn  wir  aber  bedenken, 
dafs  Hercules  (=  Semo  Sancus)  auf  dem  Lande 


als  Genius  des  Segens  verehrt  und  gerade  in 
dieser  altitalischen  Auffassung  mit  Ceres  zu- 
sammengestellt wird  ( Preller , R.  M.3  2,  282), 
so  dürfen  wir  neben  Liber  und  Libera,  den 
alten  Gottheiten  des  strömenden  Segens,  wohl 
die  Hercliani  für  eine  Vervielfältigung  dieses 
Hercules  (ursprüngl.  Herdes,  Preller  a.  a.  0.  2, 
278,  1),  die  Cervae  aber  für  die  weibliche  Er- 
gänzung derselben  halten , welche  dann  der 
Ceres  (Cereres)  entsprechen  würden.  So  wäre 
vielleicht  Cerva  als  eine  Femininbildung  zu 
Cerus  (s.  d.)  resp.  *Cervus,  entsprechend  den 
Cerfiae  der  iguvinischen  Tafeln , zu  betrach- 
ten. [Steuding.] 

Chatlisia  {Xadhaia),  Amazone,  Eponyme  der 
gleichnamigen  Ortschaft  bei  Themiskyra,  Steph. 
Byz.  s.  v.  Xahcia  u.  Xaöioia ; nach  Hekataios, 
b.  Schol.  Ap.  Rh.  2,  999  Chadesia;  vgl.  Schol. 
Ap.  Rh.  2,  373.  [Kliigmann.] 

Ckairesilaos  {XaLgycilaog , Xaigyai^scos), 
Sohn  des  Iasios,  Enkel  des  Eleuther,  Vater  des 
Poimandros,  des  Gründers  von  Tanagra,  Paus. 
9,  20,  2.  [Stoll.] 

Chairias  {Xcuq tag) , s.  Eunomos.  [Stoll.] 
Cliairon  {Xcclqoov),  Sohn  des  Apollon  und 
der  Thero , einer  Tochter  des  Phylas,  nach 
welchem  das  von  ihm  gegründete  Chaironeia 
benannt  ward,  Hesiod  in  d.  grofsen  Eoien  bei 
Paus.  9,  40,  3.  Hellanikos  b.  Steph.  Byz.  s.  v. 
XaLQobvsiu.  [Stoll.] 

Cliaitos  (Xauos),  1 ) Sohn  des  Aigyptos,  von 
der  Danaicle  Asteria  ermordet,  Apollod.  2, 
1,5.  — [2)  vgl.  C.  I.  Gr.  7719.  R.]  [Stoll.] 
Chalastre  {XahxozQy) , nach  welcher  die 
Stadt  Chalastra  in  Makedonien  genannt  sein 
soll,  Steph.  Byz.  s.  v.  Xalaezga.  [Stoll.] 
Chalbes  {Xdlßyg),  Herold  des  ägyptischen 
Königs  Busiris,  von  Herakles  erschlagen,  Schol. 
Ap.  Rh.  4,  1396.  S.  Busiris.  [Stoll.] 

Chaldaios  {XalSaHog),  der  vierzehnte  König 
nach  Ninos,  dem  Erbauer  von  Ninos,  der  alle 
nach  ihm  genannten  Chaldäer  zusammenzog 
und  die  Stadt  Babylon  gründete,  Steph.  Byz. 
s.  v.  Xalduioi.  Eustath.  ad  Dionys.  767.  C. 
Müller,  fr.  hist.  gr.  2.  p.  237,  8.  [Stoll.] 
Chaldene  ( XaXdfjvr] ) , gebar  von  Zeus  den 
Solymos,  den  Heros  eponymos  der  Solynier. 
die  später  den  Namen  Pisider  erhielten,  Steph. 
Byz.  s.  v.  moiSia.  Dieselbe  wird  jedoch  von 
Antimachos  bei  Schol.  zu  Od.  5,  283  KaliySo- 
v [a  genannt,  weshalb  vielleicht  mit  Buttmann 
(z.  d.  St.)  b.  Steph.  Byz.  X 'aX-nydovia  zu  lesen 
ist.  [Steuding.] 

Clialis  {Xdchg) , Beiname  des  Dionysos  ah 
des  Gebers  des  reinen,  ungemischten  Weines 
Eustath.  Iiom.  p.  1471,  2;  denn  ’A^yvatoL  toi 
anguzov  %alLv  XsyovoLv,  Schol.  Ap’.  Rh.  1,  473 
Deshalb  hatte  auch  der  dionysische  Dämon 
der  Silen  Akratos,  den  Namen  Chalis.  Erklä 
rungen  des  Wortes  ^altg  (wahrscheinlich  zu 
sammenhängend  mit  %uld(o  und  so  viel  ah 
IvotLog)  b.  Hesycli.  s.  v.  Tzetz.  Hesiod.  Opp.  .336 
Lylc.  579.  Et.  M.  xaHcpQcov.  Creuzer,  Symbol 
u.  Myth.  3.  S.  210ff.  2.  Aufl.  Gerhard,  griech 
Mythol.  § 447,  3.  464,  2.  [Stoll.] 

Clialkaor  {Xalnäoo),  eine  Führerin  der  Aina 
zonen  vor  Troja,  von  Achilleus  getötet,  Tzet. 
Posthorn.  181.  [Stoll.] 


. 


869 


Ckalkedane 


Ckalkos 


870 


Chalkedaue,  XcdvySccvy  zavzgg  i sqov  iv 
ZnuQzr].  Hesych.  s.  v.  M.  Schmidt  vermutet 
dafür  XalvCvaog  ’A&ctvu-,  der  Reihenfolge  bei 
Hesych.  nach  wäre  etwa  Xalnoöävg  zu  erwar- 
ten. [Steuding.] 

Chalkedon  {Xcdvgd cöv),  1)  Sohn  des  Kro- 
nos, nach  welchem  zuerst  der  Flufs  und  dann 
auch  die  Stadt  Chalkedon  am  thrakisehen  Bos- 
porus benannt  ward,  Aman  hei  Eustath.  zu 
Dionys.  803.  — 2)  Sohn  des  Sehers  Kalclias,  io 
der  nach  einigen  die  Stadt  Chalkedon  gegrün- 
det haben  soll,  Hesych.  Mil.  4,21.  C.  Müller, 
fr.  hist.  Gr.  4.  p.  150.  [Stoll.  ] 

Chalkinos  {Xalv ivog),  ein  Nachkomme  des 
Kephalos,  des  Stammvaters  der  Kephallenier, 
und  Bruder  des  Daitos.  Daus.  1,  37,  6f.  Vgl. 
d.  Art.  Daitos.  [Steudiug.] 

Chalkioikos  {Xalv.CoLV.og) , ein  auch  selbst- 
ständig gebrauchter  Beiname  der  Athene  {Thuh. 

1,  128.  134.  Lycurg.  in  Leocr.  32,  128.  Dlut.  20 
garr.  14.  Polyaen.  2,  15.  2,  31,  3.  Polyb.  4,  22, 

8.  Paus.  4,  15,  5.  Eurip.  Hel.  228.  Arist.  Ly- 
sistr.  1320)  in  Sparta,  wo  sie  einen  Tempel 
nebst  ehernem  Standbild  unter  diesem  Namen 
hatte,  Paus.  3,  17,  2.  Jedenfalls  war  dieses 
Heiligtum  nach  alter  Sitte  innen  mit  Metall- 
platten ausgeschlagen,  Paus.  10,  5,  11.  Ael. 
v.  h.  9,  41.  Liv.  35,  36.  C.  Nep.  Paus.  5.  u. 
Hesych.  s.  v.  XalvCvaog.  [Steuding.j 

Chalkiope  {XccIvloht]) , 1)  Tochter  des  Eu-  30 
rypylos , Königs  der  Insel  Kos,  mit  welcher 
Herakles  in  Kos  den  Tlressalos  zeugte,  Apol- 
lod.  2,  7,  8.  II.  2,  676 ff.  Schol.  II.  2,  677. 

14,  255.  Schol.  Pind.  Nein.  4,  40.  Plut.  Quaest. 
Graec.  58 , wo  zr\v  Xulviozzrjv  zu  schrei- 
ben ist.  Kallim.  II.  in  Del.  161.  Hygin.  f. 
254.  [C.  I.  Gr.  5984 B.  R.]  Heyne,  Obss. 

in  Apollod.  p.  199.  Osann  zu  Cornut.  p.  368. 
Preller , Gr.  Myth.  2,  236.  Bei  Eustath.  Hom. 
p.  318,  34  und  Schol.  min.  zu  II.  2,  677  40 
heifst  der  Sohn  des  Herakles  und  der  Chal- 
kiope Eurypylos.  Hygin.  fab.  97  nennt  Chal- 
kiope Gemahlin  des  Thessalos.  — 2)  Toch- 
ter des  Aietes,  Schwester  der  Medeia,  Gemah- 
lin des  Phrixos , dem  sie  den  Argos , Melas, 
Kytisoros  und  Phrontis  gebar,  Apollod.  1,  9,  1. 
Ap.  Rh.  2 , 1 140  ff.  3 , 248  u.  ö.  Schol.  Ap. 
Rh.  2,  1.  388.  1122.  1149.  p.  534,  14  Keil. 
Orph.  Arg.  792.  860.  Eudoc.  p.  146  u.  236. 
Tzetz.  Lylc.  22 , wo  noch  eine  Tochter  Helle  50 
genannt  wird,  Hygin.  f.  3.  14.  Als  fünfter 
Sohn  wird  Presbon  genannt,  Schol.  Ap.  Rh.  2, 
1122.  Paus.  9,  34,  5.  Hesiod  u.  Alcusilaos 
1 nannten  die  Gemahlin  des  Phrixos , Tochter 
des  Aietes,  lopbossa,  Pherekydes  Euenia,  die 
die  Beinamen  Chalkiope  u.  lopbossa  gehabt 
Jliabe,  Schol.  Ap.  Rh.  2,  1122.  1149.  — 3)  Toch- 
| ter  des  Rhexenor  oder  des  Chalkodon,  zweite 
(Gemahlin  des  Aigeus,  Apollod.  3,  15,  6.  Tzetz. 
Lylc.  494.  Schol.  Eurip.  Med.  668.  Athen.  13.  co 
jp.  556 f.  Phanodemosh.  Nat.  Com.  9,  10.  p.  996. 

I Müller  fr.  hist.  Gr.  1.  p.  366.  — 4)  Tochter 
jdes  Alkon,  eines  Sohns  des  Ereclrtheus;  sie 
floh  mit  dem  Vater  aus  Attika  nach  Euboia, 
j Schol.  Ap.  Rh.  1,  97.  [Stoll.] 

Chalkis  {Xalv  Cg),  1)  Mutter  der  Korybanten, 
welche  hier  mit  den  euböischen  Kureten  ver- 
mengt scheinen.  Schol.  Vict.  llom.  II.  14,  291. 


— 2)  Tochter  des  Asopos  und  der  Metope, 
nach  welcher  Chalkis  auf  Euboia  benannt  war, 
Diod.  4,  72.  Eustath.  z.  Hom.  p.  279,  6.  Steph. 
Byz.  s.  v.  XalvCg.  [Stoll.] 

Chalkodon  {Xalvdöoiv),  1)  König  der  Aban- 
ten auf  Euboia,  Sohn  des  Abas,  ein  Nach- 
komme des  Erechtheus  im  5.  Gliede,  Vater 
des  Elephenor,  der  am  trojanischen  Kriege 
teilnahm,  II.  2,  541.  4,  464.  Schol.  II.  2,  536. 
Eustath.  Hom.  p.  281  , 45.  Soph.  Phil.  484. 
Tzetz.  Lylc.  1034.  Apollod.  3,  10,  8.  Nach 
Tzetz.  a.  a.  O.  hiefs  seine  Gemahlin,  die  Mut- 
ter des  Elephenor,  Melanippe,  nach  Hygin.  /'. 
97  Imenarete  (?).  Chalkodon  fiel  durch  die  Hand 
des  Amphitryon  (s.  d.)  in  einer  Schlacht  gegen 
die  Thebaner,  wodurch  diese  von  dem  an  die 
Euboier  zu  zahlenden  Tribut  befreit  wurden, 
Plut.  Amator.  3.  S.  72  Hutt.  Paus.  8,  15,  3. 
9,  17,  2.  Müller,  Orchom.  S.  232.  Sein  Grab 
war  am  Teumessos,  am  Wege  nach  Chalkis, 
Paus.  9,  19,  3.  Er  und  seine  Nachkommen, 
die  Chalkodontiden  {Eurip.  Ion  59),  sind  die 
Repräsentanten  der  Abanten  in  Mitteleuboia, 
welche  auch  über  einen  Teil  von  Boiotien  ge- 
herrscht zu  haben  scheinen  und  sich  mit  den 
attischen  Ioniern  gemischt  haben,  weshalb  der 
Vater  der  Chalkiope  (s.  d.  No.  3),  der  Gemah- 
lin des  Aigeus,  sowie  der,  welcher  zu  Athen 
am  peiräischen  Thor  einen  Heroentempel  hatte 
{Plut.  Thes.  27),  auf  den  euböischen  Chalko- 
don zurückzuführen  sein  werden.  — 2)  Ein 
Genosse  des  Herakles  bei  seinem  Zuge  gegen 
Elis;  er  fiel  in  der  Schlacht  und  hatte  ein 
Grabmal  bei  Pheneos  an  der  Quelle  Oinoe. 
Pausanias  trennt  ihn  von  dem  Euboier  glei- 
chen Namens,  Paus.  8,  15,  3.  — 3)  Ein  Freier 
der  Hippodameia,  von  Oinomaos  getötet.  Sein 
Grab  hatte  er  gemeinsam  mit  den  andern  Freiern 
in  der  Nähe  von  Pisa,  Paus.  6,  21,  7.  Chalkon 
heifst  er  b.  Schol.  Pind.  Ol.  1,  114.  127.  — 4) 
Ein  Koer,  von  welchem  Herakles  im  Kampfe 
gegeu  Eurypylos  verwundet  ward,  so  dafs  er 
fliehen  mufste  und  in  grofse  Not  geriet,  Apol- 
lod. 2,  7,  1 ; vgl.  Schol.  Tlieocrit.  7,  131.  Plut. 
Qu.  Gr.  58.  Bei  Tlieokrit.  7,  6 heifst  er  Chal- 
kon, Preller,  Gr.  Mytli.  2,  236,  4.  — 5)  Sohn 
des  Aigyptos , von  der  Danaide  Rhodia  ge- 
mordet, Apollod.  2,  1,  5.  [Stoll.] 

Chalkomedusa  {XalvogCäovoa),  Gemahlin 
des  Arkeisios , Mutter  des  Laertes , Eustath. 
Hom.  p.  1796,  34.  [Stoll.] 

Chalkon  {Xalvav),  1)  König  auf  Kos,  Sohn 
des  Eurypylos  und  der  Klytia,  der  Tochter 
des  Merops.  Er  stiefs  mit  seinem  Fufse  die 
Quelle  Burinna  auf  Kos  aus  dem  Felsen,  Theo- 
lerit.  7 , 6 u.  Schol.  S.  Chalkodon  No.  4.  — 
2)  König  in  Euboia,  Nachkomme  des  Erech- 
theus im  3.  Gliede,  Vater  des  Abas,  Schol.  II. 
2,  536.  — 3)  Myrmidone,  Vater  des  vor  Troja 
von  der  Hand  des  Glaukos  gefallenen  Batky- 
kles,  II.  16,  595.  — 4)  Ein  Kyparissier,  Füh- 
rer und  Schildträger  des  Antilochos.  Er  liebte 
die  Penthesileia , wurde  aber , als  er  ihr  zu 
Hilfe  eilte,  von  Achilleus  getötet  und  seine 
Leiche  darauf  von  den  Griechen  ans  Kreuz 
geschlagen,  Eustath.  Ilom.  p.  1697,  5 4.  — 5)  S. 
Chalkodon  No.  3.  [Stoll.] 

Chalkos  {Xalvog),  Sohn  des  Athainas  in 
28  * 


871  Chalybs 

Orehomenos,  Erfinder  der  Schilde,  Plin.  N.  H. 
7,  57.  Müller,  Orchomenos  S.  132.  [Stoll.] 

Chalybs  (XäXvip),  Sohn  des  Ares,  nach  wel- 
chem die  Chalyber,  ein  eisengrabendes  und 
eisenbearbeitendes  skythisches  Volk  in  Pon- 
tos,  benannt  sein  sollte,  Schol.  Ap.  Eh.  2, 
373.  [Stoll.] 

Cli am os  (Xccpcog),  nach  Suid.  s.  v.  und  s.  Xolo- 
ficov  (vgl.  Zonaras  lex.  p.  1840)'  eine  Gottheit 
der  Ammaniter  u.  Tyrier;  Alex.  Polyhist.  bei 
Euseb.  Chron.  1,  23  deutet  auf  Verehrung  des- 
selben bei  den  Babyloniern,  die  orientalischen 
Quellen  aber  erweisen  ihn  als  den  Hauptgott 
der  Moabiter,  vgl.  W.  v.  Baudissin  in  Herzogs 
B.-E.  s.  v.  Kemosch  und  oben  S.  650,  50. 

[Steuding.] 

Chamyne  (Xagvvrf),  Beiname  der  Demeter 
bei  den  Eleern,  Paus.  6,  20,  9.  21,  1.  An 
letzterer  Stelle  wird  ein  Tempel  derselben  er- 
wähnt und  der  Name  mit  %uvEtv  zusammen- 
gebraebt  in  Bezug  auf  die  Erdspalte , in  wel- 
cher Hades  mit  Persephone  verschwand;  doch 
wird  zugleich  auch  ein  von  Pantaleon  getöte- 
ter Pisäer  Chamynos  erwähnt , auf  dessen 
Kosten  jener  Tempel  erbaut  worden  sein  soll. 
Es  ist  aber  wohl  besser  an  den  Stamm  %agci 
Erde  (vgl.  jjaftat,  %cqicc&)  vgl.  ghamina  die 
Erde  betreffend  zu  denken.  Litauisch  keifst 
die  Erdgöttin  Zemina,  Zemyna  oder  Zemyne, 
Fick,  vergl.  W.  1,  578.  [Steuding.] 

Chamynos  s.  Chamyne. 

Chanaan  (Xavauv  = der  jüngste  Sohn 
des  Cham  (=  Ham),  Heros  eponymos  des  Lan- 
des Chanaan,  Hesych.  Suid.  Josephus  1,  6,  2. 
Nach  Alex.  Polyh.  fr.  3 bei  Euseb.  pr.  ev.  9, 
17  p.  419  d ist  er  ein  Sohn  des  Belos  und 
Stammvater  der  Phönizier,  also  identisch  mit 
Chnas  (s.  d.).  [Steuding.] 

Chania,  eine  Nymphe,  welche  mit  Herakles 
den  Gelon,  den  Stammvater  der  skythischen 
oder  sarmatiseken  Geloner,  zeugete,  Serv.  Verg. 
Georg.  2,  115.  [Stoll.] 

Chaon  (Xdav),  ein  Trojaner,  ein  Bruder  oder 
Freund  des  Helenos,  nach  welchem  dieser,  als 
er  König  in  Epirus  geworden,  einen  Teil  von 
Epirus  Chaonia  nannte,  weil  er  ihn  gegen  sei- 
nen Willen  auf  der  Jagd  getötet  hatte,  oder 
weil  Chaon  sich  bei  einer  Pestilenz  oder  bei 
einem  Sturm  auf  der  See  zum  Besten  seiner 
Genossen  freiwillig  geopfert,  Serv.  Verg.  Aen. 
3,  297.  334.  335.  [Stoll.] 

Chaos  ( Xäog , sog  von  %a Cvco  klaffe,  vgl.  %kg- 
uor,  %icog  Kluft,  G.  Curtius , Grundzüge 5 196), 
bei  Hesiod.  Theog.  116  das  erste  Moment  der 
Weltwerdung,  vor  aller  Gestaltung,  der  gäh- 
nende Baum,  doch  wohl  nicht  reiner  Raum 
scharf  distinguiert,  sondern  Raum,  Materie  und 
Dunkel  in  Eins  (vgl.  Flach,  Hes.  Kosmog.  11  ff.). 
Aus  dem  Chaos  gingen  Erebos  und  Nyx  her- 
vor, aus  diesen  Aither  und  Hemera,  v.  123ff. 
Vgl.  Akusilaos  b.  Müller  frg.  hist.  1, 100.  Fiat. 
Symp.  178b.  Verg.  Georg.  4,  347.  Lucian.  Salt. 
37.  Philopatr.  13.  Amor.  32  u.  a.  Deutung 
auf  den  leeren  Raum  bei  Aristot.  phys.  4, 
208b,  31.  Sext.  Emp.  478,  17.  149,  2 Bekk.; 
stoische  Deutung  bei  Schol.  Hes.,  Plut.  mor. 
955  e.  Flach,  Glossen  37  f.  Als  Urmaterie,  ru- 
clis  indigestaque  moles  Ov.  met.  1,  7.  Als  zwei- 


Charila  872 

tes  Moment  der  Kosmogenie  u.  a.  Hggin.  fab. 
pr.  Ex  Galigine  Chaos  etc.  s.  Preller- Plew  1, 
32 , 1.  In  orpkischer  Kosmogenie  ist  zuerst 
Chronos  (s.  d.) , der  den  Äther  und  das  Chaos 
hervorbringt,  Zeller,  Gesell.  I4,  85  ff.  — In  der 
bestehenden  Welt  a)  der  Weltraum,  das  Welt- 
all, Hes.  Th.  700;  b)  der  Luftraum,  Ibyk.  frg. 

28.  BaJcchyl.  frg.  47  Bgk.  Aristoph.  Nub.  424, 

627.  Av.  192.  Simm.  Al,  6,  672  Jac.  In  der 
Parodie  der  Hes.  Th.  bei  Aristoph.  Av.  691  ff. 
erzeugt  der  geflügelte  Eros  mit  dem  dämme- 
rigem Chaos  das  Geschlecht  der  Vögel;  c)  der 
Hades  Ov.  met.  10,  30.  Verg.  Aen.  4,  510.  6, 
265.  Plut.  mor.  953  a.  Quint.  Smyrn.  2,  614. 
Epigr.  adesp.  282;  als  Strafort,  %ä)Qog  dcsßäv 
[Plat.\  Axioch.  371  e;  Abgrund  überhaupt,  s. 
die  Lexika.  Metaphorisch  die  schwarze  Nacht, 
Ap.  Bliod.  4,  1697,  die  Ewigkeit,  M.  Anton. 
4,  3.  [v.  SybeL] 

Charaxos,  ein  Lapitke,  auf  der  Hochzeit  des 
Peirithoos  von  dem  Kentauren  Rhoitos  mit 
einem  Feuerbrand  erschlagen,  Ov.  Met.  12, 
271  ff.  [Stoll.] 

Charideiuos  (XaQi'drgiog)  ein  Bakekant:  C.  I. 
Gr.  8184.  [Roscher.] 

Chariklo  (Xagmlco),  1)  Tochter  des  Apollon 
oder  des  Perses  oder  des  Okeanos,  Gemahlin 
des  Kentauren  Cheiron  (s.  d.),  Mutter  des  Ka- 
rystos,  Pind.  Pyth.  4,103  (181)  nebst  Scholien. 
Bei  ihr  und  Cheiron  und  dessen  Mutter  Philyra 
wurde  lason  erzogen,  sowie  auch  Achilleus, 
Ap.  Eh.  1 , 554.  4,  813  nebst  Schol.  Hesiod 
nannte  die  Gemahlin  des  Cheiron  eine  Naiade, 
Schol.  Pincl.  a.  a.  O.  Auch  Ap.  Bhod.  4,  813 
nennt  Chariklo  und  Philyra  Naiaden.  Eine 
Tochter  der  Chariklo  und  des  Cheiron  heifst 
Okyroe,  Ovid.  Met.  2,  636.  [Bildlich  dargestellt 
auf  der  Framjoisvase;  vgl.  Overb.  Gail.  T.  9,  lu. 
C.  I.  Gr.  8185  d.  R.]  — 2)  Tochter  des  Kycbreus 
aus  Salamis,  Gemahlin  des  Skiron  oder  Skei- 
ron  in  Megaris , dem  sie  die  Ende'is  gebar, 
die  Gemahlin  des  Aiakos , Megarensische  Ge- 
schichtschreiber bei  Plut.  Thes.  10.  Vergl. 
Apollod.  3,  12,  6 u.  Heyne  z.  d.  St.  Paus.  2, 

29 , 7.  Anderwärts  heifst  der  Vater  der  En- 
de'is  Cheiron  statt  Skeiron , Schol,  Pind. 
Nein.  5,  12.  Schol,  II.  16,  14.  Hyg.  f.  14. 
— 3)  Eine  Nymphe , Gemahlin  des  Eueres, 
Mutter  des  Teiresias  Athene  hatte  den  Tei- 
resias  geblendet,  weil  er  sie  nackt  gesehen; 
da  aber  Chariklo  ihr  teuer  war,  so  reinigte 
sie  auf  deren  Bitten  zum  Ersatz  des  Augen- 
lichts dem  Teiresias  die  Ohren,  dafs  er  die 
Stimmen  der  Vögel  verstehen  konnte,  und  gab 
ihm  einen  Stab,  an  dem  er  sicher  ging,  Phere- 
Icydes  bei  Apollod.  3,  6,  7.  Kallim.  lav.  Pall. 
59  ff.  [Stoll.] 

Charila  (XÜQtla),  ein  Mädchen  und  ein  nach 
ihr  benanntes  ennaeterisches  Fest  zu  Delphi 
(Plut.  Quaest.  Graec.  12).  Während  einer  in- 
folge grofser  Trockenheit  entstandenen  Hun- 
gersnot in  Delphi  bat  unter  vielen  anderen 
auch  ein  kleines  Waisenmädchen  Namens  Xa- 
gdcc  an  der  Thiire  des  Königs  um  Getreide, 
dieser  aber  schlug  sie  mit  dem  Schuh  ins  Ge- 
sicht, worauf  sich  Charila  aus  Scham  erhängte. 
Da  die  Hungersnot  zunahm,  wurde  durch  ein 
Orakel  befohlen,  ihren  Tod  zu  sühnen.  Dies 


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873  Charilaos 

geschah  dadurch,  dafs  alle  neun  Jahre  eine 
Getieideverteilung  durch  den  König  vorge- 
nommen und  dabei  eine  Charila  genannte 
Puppe  von  demselben  geschlagen,  dann  von 
der  Führerin  der  Thyiaden  ergriffen  und  in 
einer  Bergschlucht  vergraben  wurde,  nach- 
dem der  Hals  derselben  mit  einem  ßinsen- 
seil  umwunden  worden  war.  Es  ist  dies 
wahrscheinlich  eine  alte  lokale  sjunbolische 
Darstellung  der  Ernte.  Das  Getreide  stirbt 
infolge  der  Trockenheit  ab , wird  zu  Garben 
gebunden,  ausgetreten  und  eingebracht.  Xcc- 
Qila  dürfte  demnach  ein  Getreidedämon  sein, 
vgl.  jedoch  Usener  im  Ehein.  Mus.  30,  Jahrg. 
1875.  S.  203ff.  Mommsen,  Delphika  S.  249ff. 
Mannliardt , ant.  Wald-  u.  Feldkulte  S.  298. 
Auch  die  von  Plutarch  a.  a.  0.  mit  der  Xa- 
gilcc  in  Verbindung  gebrachten  Feste  Ertniri- 
qlov  und  'Hgcoig  weisen  auf  erstere  Auffassung 
hin.  [Steuding.] 

Charilaos  oder  Charillos  oder  wohl  besser 
Chorillos  {Xagilaog,  Xagillog,  XogdXog?),  Sa- 
tyr; Heydemann,  Satyr-  und  Bakchennamen. 
Halle  1860  S.  36;  vergl.  C.  I.  Gr.  7461. 

[Roscher.] 

Charipliemos  {Xccgtcpryiog),  Sohn  des  Philo- 
terpes , einer  der  zehn  Vorfahren  Homers  in 
der  bis  auf  Orpheus  zurückgehenden  Reihe 
derselben.  Hellanikos , Damastes  u.  Pherekydes 
bei  Proclus  v.  H.  p.  25 ; vgl.  Müller , fr.  h.  gr. 

2,  66,  10  u.  1,  46,  6.  Schol.  Ven.  Beide,  praef. 
p.  I.  S.  Euphemos.  [Steuding.] 

Charippos  s.  Charops  4. 

Charis,  Chariten  {Xägig,  Xdgizig,  Gratiae; 
statt  Xägizsg  sagte  Sophokles  in  einer  Elegie 
Xcigcti,  Erotian.  390),  die  personificierte  An- 
mut. Bei  Plom.  II.  18,  382  ist  Charis  die  Ge- 
mahlin des  Hephaistos,  während  in  der  Odys- 
see (8,  270)  Aphrodite  seine  Gemahlin  ist;  doch 
darf  man  bei  dem  streng  ausgebildeten  Namen- 
system  des  Dichters  nicht  behaupten  wollen, 
dafs  jene  Charis  die  Aphrodite  selbst  sei,  son- 
dern mufs  für  beide  Stellen  verschiedene  Ver- 
fasser annehmen.  Nägelsbach , homer.  Theol. 

3.  109.  Hes.  Theog.  945  nennt  die  Charis, 
welche  dem  Hephaistos  vermählt  war,  Aglaia, 
die  jüngste  der  Chariten;  nach  den  Schol.  zu 
ler  homerischen  Stelle  hiefs  sie  Aglaia  oder 
Thalia.  (Nach  orphischer  Lehre  zeugte  He- 

r ihaistos  mit  Aglaia  vier  Töchter,  Eukleia, 

: Eustbeneia,  Eupheme  und  Philophrosyne,  Pro- 
mi. in  Tim.  2, 101).  Homer  II.  14,  267  spricht 

1 70n  einem  ganzen  Geschlecht  von  Chariten ; 
lort  verspricht  Hera  dem  Hypnos  die  Pasithea 
v.  ftecc,  Schau,  also  die  Wunderschöne,  Prel- 
’cr;  „die  über  alle  gebeut,  wie  der  Schlaf 
selbst“,  Welcher),  eine  der  jüngeren  Chariten, 
■ur  Gattin.  Vgl.  Paus.  9,  35,  1.  Mus.  Hero 
1 Leand.  77.  Dieses  Charitengeschlecht  scheint 
ihnlich  den  Nymphen  des  Verg.  Aen.  1,  71. 
Homer  nennt  weder  Zahl  noch  Namen  und 
Ybstammung  der  Chariten.  Auch  Pamphos,  der 
merst  von  den  Chariten  gesungen  haben  soll, 
lannte  weder  Zahl  noch  Namen,  Paus.  9,  35, 1. 
'lach  Hesiod  Theog.  907 , dem  die  Späteren 
aeistens  folgen,  waren  es  drei:  Euphrosyne, 
'halia  (bei  manchen  Thaleia)  und  Aglaia,  Töch- 
er  des  Zeus  und  der  Okeanine  Eurynome, 


Charis  u.  Chariten  (Mythus)  874 

„der  weithin  Waltenden“.  Vergl.  Apoll od.  1, 
3,  1.  Paus.  9,  35,  1.  Orph.  11.  59.  Hygin. 
praef.  Cornut.  15.  Osann  zu  Cornut.  p.  272. 
(Über  Eurynome  s.  Preller,  Griech.  Myth.  1. 

S.  394 f.  Schümann,  Opusc.  Ac.  2.  p.  160 f.). 
Pindar  Ol.  14,  13  nennt  die  drei  Chariten  mit 
den  hesiodischen  Namen  und  den  Vater  Zeus, 
aber  nicht  die  Mutter.  Zeus  gilt  gewöhnlich 
als  Vater  der  Chariten;  aber  als  Mutter  wird 
auch  Hera  angegeben  ( Cornut . 15.  Koluth.  E. 
Ilel.  174.  XaQLzwv  t iQ-rivg  heifst  sie  V.  88),  mit 
der  sie  überhaupt  in  enger  Verbindung  stehen 
{Welcher,  Gr.  Götterl.  1.  S.  372 ff.,  auch  im 
Anhang  zu  Schwenck,  Etym. -myth.  And.  S.  288), 
Eurydome  {Cornut.  15),  Eurymedusa  {ib.), 
Euanthe  {ib.),  Hemonia  {Burmann,  Anth.  Lat. 

T.  1.  p.  54),  Harmione  oder  Harmonie  {Lact, 
z.  Stat.  Theb.  2,  286),  Eunomia  {Orph.  H.  59,  2, 
nicht  in  Eurynome  zu  korrigieren,  s.  Müller, 
Orchom.  S.  180,  2.  Lobeck,  Aglaoph.  1.  p.  398. 
Osann  zu  Cornut.  c.  15.  Eunomia  unter  die 
drei  Chariten  gezählt,  Themist.  Or.  16  p.  406 
ed.  Petav.),  die  Orcliomenierin  Koronis  von 
Dionysos  {Norm.  48,  555),  Aphrodite  von  Dio- 
nysos {Serv.  Aen.  1,  720;  die  Charis  Pasithea 
heifst  Tochter  des  Dionysos  bei  Norm.  15,  91. 
33,  1).  Nach  Dosiadas  {Ara  14)  stammten 
sie  aus  den  himmlischen  Lüften,  von  Uranos. 
Auffallender  Weise  steht  Gratia  Cic.  Nat.  D. 
3,  17,  44  unter  den  Kindern  des  Erebos  und 
der  Nacht.  Lethe  nannte  man  die  Mutter  der 
Charis,  weil  der  Dank  {%ÜQtg)  leicht  verges- 
sen wird,  Schol.  II.  14,  276.  Eustath.  Hom. 
p.  982,  46.  Antimachos  {Paus.  9,  35,  1.  fr.  85 
Stoll),  der  weder  Zahl  noch  Namen  der  Cha- 
riten genannt,  machte  den  Helios  zum  Vater 
und  Aigle  (Glanz)  zur  Mutter  derselben.  Vgl. 
Schol.  Anthol.gr.  1,  27  p.  52  ed.  Frankf.  (1600). 
Suid.  u.  Hesych.  Ai'ylgg  Xägiztg.  Danach  hat 
Osann.  Cornut.  15,  wo  Aglaia  die  Mutter  der 
Chariten  heifst , Aigle  geschrieben.  — Die 
Chariten  waren  die  Göttinnen  heitrer  Anmut 
und  erfreuenden  Reizes  sowohl  im  Bereiche 
der  Natur  wie  im  Menschenleben;  doch  haben 
sie  unter  dem  Einflufs  der  Dichter  mit  der 
Zeit  sich  mehr  dem  Menschenleben  zugewandt. 
Hier  bezeichnen  sie  besonders  das  heitere 
frohe  Festesleben,  die  Anmut  des  durch  Sitte 
und  Schönheitssinn  geregelten,  durch  Schmuck 
und  Freude  gehobenen  Beisammenseins.  Da 
der  Begriff  der  Geselligkeit  hei  ihnen  vor- 
herrscht, so  sind  sie  unzertrennlich  mit  einan- 
der verbunden  und  selbstvergessen  gerne  im 
Dienste  andrer  beschäftigt.  Ihre  Namen  Eu- 
phrosyne, „die  Frohsinnige“,  Thalia,  „blühende 
Festesfreude“,  Aglaia,  „festlicher  Glanz“,  wei- 
sen auf  die  fröhliche  Geselligkeit  hin.  Sie 
verschönen  den  Menschen  das  Leben ; „nichts 
Liebliches  und  Schönes  wird  den  Menschen 
zuteil  ohne  die  Chariten“,  Theokr.  Id.  16,  108. 
Wie  selbst  die  Götter  nicht  ohne  der  ehrwür- 
digen Chariten  Geleit  zum  fröhlichen  Mahle 
und  Reigen  gehen , sondern  sie  im  Himmel 
über  allem  walten,  was  geschieht,  so  kommt 
auch  den  Sterblichen  alles  Süfse  und  Liebe 
von  ihnen , sei  einer  ein  weiser , ein  schöner, 
sei  er  ein  ruhmstrahlender  Mann , Find.  Ol. 
14,  5ff.  Wo  zu  Fest  und  Spiel,  zu  Tanz  und 


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875  Chariten  (Mythus) 

Gelage  die  Menschen  sich  vereinen , da  er- 
scheinen die  Chariten  leicht  und  frei  und  lösen 
die  beengenden  Bande ; heitere  glänzende 
Freude  giefsen  sie  aus;  doch  wehret  ihr  sin- 
nig ordnendes  Walten  der  Mafslosigkeit  und 
der  tobenden  Lust.  Sie  lieben  die  Gesellschaft 
des  Dionysos , der  zum  heiteren  Feste  den 
herzerfreuenden  Wein  giebt;  doch  sie  fordern, 
dafs  Mafs  gehalten  wird.  Darum  sagt  Panya- 
sis : der  erste  Trunk  beim  frohen  Mahl  gehört 
den  Chariten , den  Horen  und  dem  Dionysos, 
der  zweite  der  Aphrodite  und  wiederum  dem 
Dionysos;  das  ist  für  Männer  die  schönste  Art 
zu  trinken.  Wenn  einer  aber  unenthaltsam 
es  treibt  bis  zum  dritten  Gang,  dann  kommen 
Hybris  und  Ate  und  bringen  Leid.  Darum 
halte  Mafs.  Athen.  2.  p.  36  D (fr.  6 Hübner). 
Vgl.  Horat.  Od.  3,  19,  15.  Die  Chariten  (gs- 
f ivai,  ysläaai,  <xß()cd}  ß(ioSo7i(i%£ES,  ccyvcd  z/tög 
noQca,  S.äppho  fr.  65  Bergk)  sind  Freundinnen 
des  Gesanges  und  des  Chorreigens  und  ver- 
kehren daher  gern  mit  den  Musen , mit  denen 
sie  auf  dem  Olympos  zusammen  wohnen,  Hes. 
Theoy.  64;  vergl.  Eurip.  Here.  für.  673.  Die 
Musen  begeistern  den  Dichter  zum  Schaffen 
der  Gesänge,  während  die  Chariten  diese  zur 
Verherrlichung  der  Feste  aufführen  im  Chor- 
tanz und  im  Aufzug.  Sie  geben  den  Chorfüh- 
rern und  sonstigen  Wettkämpfern  den  Ruhm 
des  Siegeskranzes,  Pind.  Ol.  14.  4,  9.  6,' 76. 
Nem.  5,  54.  6,  38.  Pyth.  5,  48.  fr.  67,  182 
Ilerglc.  Simonid.  150.  166  Bergk.  Den  Chor- 
reigen ordnen  und  tanzen  sie  selbst  zugleich 
mit  andern  Göttinnen,  mit  den  Musen,  Aphro- 
dite , den  Horen  u.  s.  w.  Im  Olymp  spielt 
Apollon  die  Kithara;  die  Musen  singen,  die 
Chariten  aber  mit  den  Horen,  Aphrodite  und 
andern  jugendlichen  Göttinnen  tanzen  den  Rei- 
gen, Hom.  H.  in  Ap.  Pyth.  10  ff.  Artemis  geht 
nach  Delphi  zum  Tanz  der  Musen  und  Chari- 
ten, Hom.  Hymn.  27,  15.  Die  Chariten  tanz- 
ten bei  der  Hochzeit  des  Peleus,  Quint.  Sm. 
4 , 140 , sie  sangen  mit  den  Musen  bei  der 
Hochzeit  des  Kadmos  die  schönen  Worte,  die 
ihr  eignes  Wesen  bezeichnen:  „was  schön  ist, 
ist  lieb,  was  nicht  schön  ist,  ist  nicht  lieb“, 
Theogn.  15.  Sie  werden  zusammen  mit  den 
Musen  angerufen  von  Sapplio  fr.  60.  Als  aus- 
gezeichneter Tänzer  unter  den  Göttern  (Pind. 
fr.  75)  ist  auch  Pan  den  Chariten  lieb,  Pind. 
fr.  71.  Auch  dem  Kitharspieler  Apollon, 
dem  Genossen  der  Musen,  sind  die  Chari- 
ten eng  verbunden,  sie  haben  neben  dem 
pythischen  Apollon  ihre  Throne,  Pind.  Ol. 
14,  10,  nach  den  Schol.  z.  d.  St.  haben  sie 
zu  Delphi  ihre  Throne  zur  Rechten  des  Got- 
tes. Das  Bild  des  delischen  Apollon  trug  die 
drei  Chariten  auf  der  Hand,  Paus.  9,  35,  1. 
Preller , Gr.  Myth.  1.  S.  235,  2.  Der  Aphrodite 
(s.  d.)  stehen  die  Chariten  besonders  nahe. 
Die  Göttin  der  Schönheit  bedarf  der  Chariten, 
weil  ohne  den  Reiz  der  Anmut  die  Schönheit 
keine  dauernden  Erfolge  zu  erlangen  vermag. 
Sie  umgeben  die  Aphrodite  (die  Königin  der 
Chariten,  Kolutli.  B.  Hel.  16)  als  Begleiterin- 
nen und  freundliche  Dienerinnen.  Sie  baden 
und  salben  die  Liebesgöttin,  sie  fertigen  ihr 
schöne  duftige  Gewänder  und  schmücken  sie 


Chariten  (Mythus)  876 

zu  den  Festen  der  Liebe,  erheitern  sie  durch 
Tanz  und  Spiel,  Hom.  II.  5,  338.  Od.  8,  362  ff 
18,  192  ff.  Hom.  Hymn.  4,  61.  Athen.  15 
p.  682  E.F.  Sapplio  bei  Himer.  1,  4 (Bergk  z. 
fr.  93).  Hes.  Opp.  72.  Paus.  6,  24,  5.  Mosch. 

Id.  2,  71.  Quint.  Sm.  5,  72.  Dafs  auch  Eros 
oder  die  Eroten  hier  nicht  fehlen,  ist  natür- 
lich. Auch  andern  Göttern  wirkten  die  Cha- 
riten schöne  Gewände,  wie  dem  Dionysos,  Ap. 

Bh.  4,  424 ff.  Die  schönsten  Werke  der  Kunst 
heifsen  Werke  der  Chariten;  ohne  sie  vermag 
nichts  die  Geschicklichkeit  und  kalte  Regel 
der  Kunst;  erst  durch  die  Anmut  erhält  sie 
ihre  wahre  Weihe;  deshalb  sind  die  Chariten 
Genossinnen  der  Musen,  ist  Charis  die  Gemah- 
lin des  Künstlers  Hephaistos.  Aus  den  Ge-  I 
dichten  mufs  der  Hauch  der  Chariten  wehen, 
Simonid.  Antli.  Pal.  7,  25.  Vgl.  Plato  b.  Tho- 
mas Mag.  Vita  Aristoph.  p.  14.  Simmias  Antli. 

Pal.  7,  22.  Meleagr.  Antli.  Pal.  7,  417.  Pind. 

Ol.  9,  25.  Tlieokr.  Id.  16,  6.  Die  Chariten  j . 
helfen  selbst  der  Athene  als  der  Göttin  der 
ernsten  Studien,  die  ohne  Anmut  gleichfalls 
nichtig  sind,  und  auch  die  Weisheit  wird 
durch  sie  verschönert;  deshalb  rät  Platon  dem  1 
Xenokrates:  opfere  den  Chariten.  Auch  mit  | 
Hermes  sind  die  Chariten  befreundet,  der  I; 
durch  die  Gabe  anmutiger  Rede  seine  schön- 
sten Triumphe  feiert  und  mit  Anmut  jegliches 
Ding  zu  gutem  Ende  führt.  Hermes  Xccqiuov 
fiysycöv,  Eudoc.  p.  153.  Über  die  häufige  Ver- 
bindung der  Chariten  mit  Hermes  s.  Benndorf, 
Arch.  Zeitg.  1869,  58  u.  O.  Jahn,  Entführung  j 
der  Europa.  Wien  1870.  32 — 43.  Preller,  Gr.  1 
Myth.  1.  S.  397,  1 und  unten  S.  882,  Z.  52ff 
Deshalb  ist  auch  die  freundliche  Peitho,  die  p 
Göttin  der  Überredung,  oft  in  ihrer  Mitte 
(Hes.  Opp.  73.  Pind.  fr.  100,  10.  Ibylc.  5 
Bcrglc)-,  ja  sie  wird  sogar  von  Hermesianax  | 
selbst  eine  der  Chariten  genannt,  Paus.  9, 

35,  1.  — Schol.  Antli.  Graec.  1,  27  p.  52  ed.  i 
Frankf.  (1600),  der  den  Pausanias  ausgeschrie- 
ben, hat  nvyih  statt  nsi&cci,  indem  vorausge- 
nannt sind  Helios  und  Aigle,  nach  Antimachos  | 
die  Eltern  der  Chariten.  Ganz  besonders  häu- 
fig findet  man  mit  den  Chariten  die  Horen 
(s.  cl.)  vereint  (in  alten  Kunstwerken,  Paus.  2,  . 
17,  4.  3,  18,  7.  5,  11,  2),  die  im  Kreise  der  I 
Natur  sind , was  die  Chariten  im  geselligen  | 
Leben,  obgleich  die  Chariten  ursprünglich  nur 
Naturgottheiten  und  von  gleicher  Bedeutung 
mit  den  Horen  waren;  später  aber  haben  sich  * 
Chariten  und  Horen  so  von  einander  geschie- 
den, „dafs  die  Chariten  den  letztem  gerade  : 
so  entgegenstehen,  wie  menschliches  Leben 
und  Ordnung  der  Natur.  Diese  zeitigen  den 
Wein,  den  jene  geniefsen  helfen  (Athen.  2 
p.  38  C);  während  bei  Hesiod  (Opp.  73)  die 
Horen  das  Götterkind  Pandora  mit  Frühlings-  : 
blumen  kränzen,  schmücken  es  die  Chariten 
mit  goldnen  Halsketten.  Jene  pflücken  oder 
streuen  Blumen,  diese  winden  sie  und  giefsen  > 
Balsam  aus  (Apulej.  Met.  6,  24):  Dichterbil- 
der, in  denen  sich  immer  noch  alte  Vorstei 
lungen  fortpflanzen.“  Midier , Orcliom.  S.  181. 
Übrigens  blieben  die  beiderseitigen  Gebiete  ; 
doch  nicht  so  streng  geschieden.  Die  Horen  r 
greifen  hinüber  in  das  der  Chariten,  wenn  es  * 


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877  Chariten  (Kultus) 

z.  B.  TheoJcr.  Id.  1 , 150  von  einem  künstlich 
geschnitzten  Becher  heilst,  er  sei  getaucht  in 
den  Born  der  Horen;  die  Chariten  aber  lassen 
auch  Rosen  sprossen  ( Anahreont . 44,  1 Berglc) 
und  stehen  in  Beziehung  zum  Reiz  des  Früh- 
lings. Überhaupt  wo  Lenz  und  Liebe,  frische 
Lebenskraft  und  Lebenslust  herrschen,  da  sind 
die  Chariten  nah,  Stesich.  fr.  34  Berglc.  Ari- 
phron  p.  984.  Berglc.  Horat.  Carm.  1 , 4 , 5. 
1,  30.  4,  7,  5.  Ov.  Fast.  5,  215  ff.  Ihnen  ver- 
danken wie  die  Götter  so  auch  die  sterblichen 
Jünglinge  und  Frauen  ihre  frische,  anmutige 
Schönheit,  sie  heifsen  Xagt'zcov  cpvzov,  &aXog; 
ihre  Schönheit  wird  verglichen  mit  der  der 
Chariten,  Theolcr.  Id.  28,  7.  Lylcophronides  2. 
Berglc.  Athen.  15  p.  670  E.F.  Hes.  fr.  52.  67. 
167.  Lehrs.  Quint.  Sm.  6,  152.  Tzetz.  Ante- 
hom.  125;  vgl.  Mus.  II.  et  Leand.  63ff.  100. 
Analcreont.  15,  28  Berglc. 

Kultus.  Ein  uralter  Kultus  der  Chari- 
ten war  in  dem  boiotischen  Orchotnenos  der 
Minyer,  schon  vor  der  Minyerherrschaft  ge- 
stiftet von  dem  König  Eteokles  oder  Eteo- 
klos , dem  Sohn  des  Kephissos  (oder  des  An- 
dreus).  Ihre  ersten  Bilder  waren  rohe  Steine, 
die  dem  Eteokles  vom  Himmel  gefallen  waren; 
erst  zu  des  Pausanias’  Zeit  wurden  daneben 
künstlich  gearbeitete  Statuen  aufgestellt.  Es 
wurden  drei  Chariten  zu  Orchomenos  an- 
genommen; doch  wufste  man  die  Namen 
nicht,  welche  ihnen  Eteokles  gegeben.  Prel- 
ler vermutet,  dafs  es  die  gangbaren  Namen 
Euphrosyne,  Thalia  und  Aglaia  gewesen,  mit 
welchen  Pindar  Ol.  14  sie  anruft,  „die  san- 
geswerten Königinnen  des  prangenden  Orcho- 
menos, der  altgebornen  Minyer  Schutzgotthei- 
ten, die  an  den  Wassern  des  Kephissos  woh- 
nen in  rossereichem  Sitz“,  Paus.  9,  35,  1.  38,  1. 
Theolcr.  Id.  16,  104  („die  göttlichen  Jungfrauen 
des  Eteokles,  dem  minyeischen  Orchomenos 
hold“),  Schol.  Find.  Ol.  14, 1.  Strab.  9 p.  414. 
Find.  Pyth.  12,  26.  Serv.  Aen.  1,  720.  Bergler  z. 
Alkiphr. 3,1.  Meineke  ad  Euphor.  p.  135.  Höclc, 
Kreta  2.  S.  85.  Der  Tempel  der  Chariten  stand 
in  der  Nähe  der  Stadt  in  dem  fruchtbaren 
Thale  des  Kephissos,  und  in  der  Nähe  befand 
sich  ein  Tempel  des  Dionysos  und  ein  der 
Aphrodite  geheiligter  Quell,  welche  beiden  Gott- 
heiten hier  mit  den  Chariten  in  enger  Ver- 
bindung standen,  Müller,  Orchom.  S.  178.  Prel- 
ler, Gr.  Mythol.  1.  S.  395.  Bursian,  Gr.  Geogr. 
1.  S.  210.  Vischer,  Erinnerungen  aus  Griechen- 
land S.  584  f.  Conze  e Michaelis  rapporto  p.  79 
etc.  Von  den  reichen  Feldern  an  dem  Flufs 
brachten  die  Periöken  oder  Ackerbauer  von 
Orchomenos  einen  priesterliclien  Zehnten  zu 
dem  Tempel,  Ephoros  bei  Schol.  II.  9,  381. 
Müller,  Orchom.  S.  183.  Der  Charitenkult 
blieb  in  Orchomenos  immer  der  vornehmste. 
Man  feierte  ihnen  ein  altes  Fest,  die  Charite- 
sien,  mit  musischen  Agonen,  worüber  uns  noch 
Urkunden  erhalten  sind,  C.  I.  1.  n.  1583.  1584. 
c.  explic.  Boeclch.  Beide,  aus  etwa  01.  145 
stammend,  nennen  die  Sieger  in  den  Agonen, 
Trompeter  und  Herold,  einen  epischen  Dich- 
ter, Rhapsoden,  Flötenbläser,  Kitharspieler, 
Tragöden  und  Komöden  u.  s.  w. , die  aus 
den  verschiedensten  Städten  zusammenkamen. 


Chariten  (Kultus)  878 

Aufserdem  wurden  die  Charitesien  mit  nächt- 
lichen Tänzen  begangen,  nach  deren  Beendi- 
gung Kuchen  von  geröstetem  Weizen  und 
Honig  und  anderes  Backwerk  ausgeteilt  wur- 
den, Eustath.  Ilom.  p.  1843,  25.  Müller,  Or- 
chom. S.  181,  2.  In  diesem  uralten  Kultus 
waren  die  Chariten  ohne  Zweifel  Naturgott- 
heiten, Gottheiten  der  Fruchtbarkeit,  Spende- 
rinnen der  erfreulichen  Gaben  der  Natur;  und 
auch  die  andern  Gottheiten , die  häufig  mit 
ihnen  vereint  sind,  mögen  ursprünglich  zum 
Teil  wegen  ihrer  Naturbezüge  mit  ihnen  in 
Verbindung  getreten  sein;  erst  allmählich  ist 
wohl  die  Vorstellung,  welche  wir  bei  Pin- 
dar finden,  die  herrschende  geworden,  ohne 
dafs  man  jedoch  die  alte  Naturbeziehung  ganz 
wird  vergessen  haben.  Auch  anderwärts  tritt 
noch  die  Naturbedeutung  der  Chariten  hervor. 
In  Athen  verehrte  man  zwei  Chariten , Auxo 
und  Hegemone,  die  „Förderin  des  Wachstums“, 
und  die  „Führerin“  der  wachsenden  Pflanze 
zum  Licht,  zu  Blüte  und  Frucht;  sie  wurden 
mit  Helios,  den  athenischen  Horen  Thallo  und 
Karpo  (Blüte  und  Frucht)  und  der  Taugöttin 
Pandrosos  angerufen,  Paus.  9,  35,  1,  nach 
Pollux  8,  106  im  Eid  der  Epheben,  Stob. 
Senn.  41  n.  141;  vgl.  Hygin  f.  183.  Am  Ein- 
gang zur  Akropolis  stand  die  angeblich  von 
Sokrates  gearbeitete  Gruppe  der  Chariten,  und 
an  dieser  Stelle  hatten  die  Athener  einen  Ge- 
heimkult , Paus.  1 , 22 , 8.  9,35,1.  Schol. 
Aristoph.  Nub.  773.  JJiog.  Laert.  2,  19.  Plin. 
36,  32.  In  Aristoph.  Thesm.  300  werden  sie 
in  Verbindung  mit  agrarischen  Gottheiten  an- 
gerufen. An  den  Eleusinien  erhielten  sie  mit 
Hermes  ein  Opfer,  Mommsen,  Heortol.  S.  257. 
In  betreff  der  Bildwerke  siehe  unten.  Auch 
die  Spartaner  hatten  nur  zwei  Chariten, 
Kleta  und  Phaenna  (Schall  und  Schimmer), 
Namen,  die,  obgleich  vom  Naturleben  ausge- 
hend, doch  mehr  als  die  attischen  Chariten 
in  das  Menschenleben  hineinspielen;  Lakedai- 
mon  hatte  ihnen  am  Flufs  Tiasa  einen  Tem- 
pel gegründet  und  die  Namen  gegeben,  Paus. 
3,  18,  4.  6.  7.  9,  35,  1.  Ein  Tempel  der  Cha- 
riten und  Dioskuren  zu  Sparta,  Paus.  3,  14,  6. 
In  Paros  hatte  Minos  den  Chariten  geopfert. 
Während  des  Opfers  erhielt  er  die  Nachricht 
von  dem  Tode  seines  Sohnes  Androgeos  (s.  d.) ; 
da  warf  er  den  Kranz  vom  Haupte  und  liefs 
die  Flöte  schweigen.  Deshalb  wurde  bis  in 
späte  Zeiten  dort  den  Chariten  ohne  Kränze 
und  Flöten  geopfert,  Apollod.  3,  15,  7.  Auch  zu 
Thasos,  einer  Pflanzstadt  von  Paros,  war  Cha- 
ritenkult, s.  Michaelis,  Denlcm.  u.  Forsch.  1865, 
4 ff.  t.  217.  Alter  Dienst  der  Chariten  in  Ky- 
zikos,  Welcher,  Anh.  zu  Sclnvenclcs  Andeutun- 
gen S.  289.  In  Elis  hatten  die  Chariten  ein 
Heiligtum , und  daneben  standen  Bilder  des 
Helios  und  der  Selene,  Paus.  6,  24,  5.  Sie 
wurden  im  Frühling  von  den  eleischen  Frauen 
mit  Dionysos  angerufen,  Flut.  Quaest.  Gr.  36. 
In  Olympia  gehörten  die  Chariten  mit  Diony- 
sos vereint  zu  dem  dortigen  Zwölfgöttersystem, 
Schol.  Find.  Ol.  5,  5 (10);  vgl.  Paus.  5,  14,  8. 
Peter sen,  das  Zwölfgöttersystem  d.  Gr.  Ham- 
burg 1853.  S.  19.  Zu  Ilermione  Tempel  der 
Chariten  neben  einem  Tempel  des  Helios,  Paus. 


io 

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50 

60 


879  Chariten  (Kultus) 

2,  34,  10.  Als  Göttinnen  der  Geselligkeit  hat- 
ten sie  ihre  Tempel  häufig  auf  Märkten,  Mül- 
ler, Orcliom.  S.  182.  Dorier  1.  S.  353  Anm.  3. 
— - Die  Chariten  wurden  gedacht  als  blühende 
Jungfrauen  in  mädchenhafter  Unbefangenheit 
von  schlanker  Gestalt  und  freundlicher  Ge- 
sichtsbildung , in  älterer  Zeit  von  der  Kunst 
bekleidet  dargestellt,  später  nackt,  gewöhnlich 
die  drei  zusammen  in  der  bekannten  engver- 
schlungenen Gruppe,  Daus.  9,  35,  2.  Zenob.  l 
1,  36.  Senec.de  benef.  1,  3.  Weiteres  s.  unten. 
Über  den  Streit  der  Chariten  mit  Aphro- 
dite um  die  Schönheit  auf  der  Hochzeit  des 
Peleus,  vgl.  Sostratos  b.  Eustath.  Dom.  p.  1665, 
58).  Ihre  Attribute  waren  Rosen , Myrten, 
Würfel  (Paus.  6,  24,  5),  musikalische  In- 
strumente, Apfel  und  Salhenfläschchen , auch 
Ähren  und  Mohnbüschel,  je  nachdem  sie  ent- 
weder als  Umgebung  der  Aphrodite  oder  des 
Apollon  und  der  Musen  oder  des  Dionysos  2 
und  der  Fruchtgöttinnen  gedacht  wurden.  — 
Vergl.  im  allgemeinen  Manso , Versuch  über 
einige  Gegenstände  aus  der  Mythol.  d.  Gr.  u. 
liöm.  S.  425 — 462.  Müller,  Orchomenos  S.  177 
— 183.  Osann,  Ausg.  d.  Cornutus  p.  270 ff. 
Urlichs,  Reisen  u.  Forsch,  in  Griechenl.  S.  180. 
Schoemann  de  Oceanidum  et  Ner.  catalogis  p.  16 
= Opusc.  Ac.  2 p.  161.  Welcher,  Anhang  zu 
Schwenclcs  Et.-myth.  Andeut.  S.  288 ff.  Griech. 
Götterl.  1.  S.  371.  373.  696.  Gädechens,  Dali,  s 
A.  Encycl.  Sekt.  1,  88,  423  ff.  Preller,  Griech. 
Mythol.  1.  S.  394 ff.  Gerhard,  Gr.  Mythol.  1. 

§ 563 f.  E.  Braun,  Gr.  Götterl.  § 375 fl'.  En- 
gel, Kypros  2.  S.  415.  Jacobi,  mythol.  Wör- 
terbuch. F.  D.  Krause,  Musen  etc.  187 1 . [Stoll.] 

Die  Chariten  in  der  Kunst. 

Der  Dreiverein  der  Chariten  ward  schon 
früh  dargestellt ; eine  selbständige  Gruppe  der- 
art war,  wie  es  scheint,  die  des  Bupalos,  die  4 
zur  Zeit  des  Pausanias  oder  seiner  Quelle  im 
einstigen  Palaste  des  Attalos  zu  Pergamon 
bewahrt  wurde  (Paus.  9,  35,  6),  ferner  die  des 
Endoios  vor  dem  Poliastempel  in  Erythrai, 
Paus.  7,  5,  9;  die  ayocl jicetce  im  Pro- 

naos  des  Heraion  bei  Ärgos,  Paus.  2,  17,  3; 
die  von  Bathykles  gefertigten  und  selbst  ge- 
weihten, Paus.  3,  18,  9;  endlich  die  vergol- 
deten £oara  in  ihrem  eignen  Csgöv  zu  Elis, 
Paus.  6,  24,  5.  — In  enger  Verbindung  mit  £ 
höheren  Gottheiten  und  ihnen  untergeordnet 
fanden  sie  sich  vor  allem  in  Delos , nämlich 
auf  der  Hand  des  Kultbildes  des  Apollon  von 
Tektaios  und  Angelion  (Paus.  9,  35,  3;  Flut, 
de  nms.  14);  ferner  in  Smyrna  vusq  t.cöv  ayal- 
gccxwv  der  Nemesis  von  der  Hand  des  Bupa- 
los, Paus.  9,  35,  6;  noch  mehr  untergeordnet, 
als  Stützen  des  Thrones,  den  Bathykles  dem 
Amykläischen  Apoll  machte,  Paus.  3,  18,  10, 
den  Horen  entsprechend  (vgl.  Dymn.  liom.  in  e 
Ap.  P.  16)v  Die  grofsen  Götterbilder  des 
5.  Jahrh.  folgten  hierin  der  alten  Tradition. 
Polyklets  Hera  hatte  auf  ihrem  Stephanos  die 
Chariten  und  Horen,  Paus.  2,  17,  4,  und  Phei- 
dias  bildete  als  Krönung  des  Zeusthrones  hier 
drei  Chariten,  dort  drei  Horen,  Paus.  5,  11,  7. 
Wie  die  Bilder  aussahen,  wissen  wir  ungefähr, 
nämlich  nicht  anders  als  andere  archaische  weib- 


Chariten  (in  d.  Kunst)  880 

liehe  Gestalten.  In  langer,  zierlicher  Ge- 
wandung standen  sie  wohl  steif  nebeneinander ; 
jedenfalls  darf  mannoch  nicht  an  eine  eigentliche 
verbundene  Gruppe  denken;  die  des  Delischen 
Apollon  hielten  alle  drei  verschiedene  Attribute, 
die  eine  die  Leier,  die  andere  Flöten,  die  dritte 
die  Syrinx  am  Munde  (vgl.  die  Kalliope  der 
sog.  Fran^oisvase) ; die  Bilder  zu  Elis  hielten 
Rose,  Astragal  und  Myrtenzweig;  sie  fafsten 
sich  also  noch  nicht  bei  den  Händen.  Ein  ar- 
chaisches Relief  von  Thasos,  dem  Apollon,  den 
Nymphen  und  Chariten  geweiht  (Arch.  Ztg. 
1867.  Tf.  217.  S.  4ff. ; 0.  Rayet,  mon.  de  l'art. 
ant.),  stellt  die  letzteren  ebenfalls  noch  ein- 
zeln neben,  resp.  hinter  einander  gereiht  dar; 
auch  ist  kein  Versuch  gemacht,  sie  von  den 
Nymphen  zu  unterscheiden,  die  Attribute  sind 
allgemeiner  Art  und  beiden  gemeinsam  (Tänie, 
Blume,  Frucht). 


Chariten,  Belief  von  Thasos  (s.  oh.  S.  880  Z.  11). 


In  Athen  jedoch  begegnen  wir  nun  einem 
wohl  in  der  1.  Hälfte  des  5.  Jahrh.  ausgebilde- 
ten Typus  für  den  Dreiverein  der  Chariten,  der, 
ohne  zu  äufseren  Attributen  zu  greifen,  das  We- 
sen sowohl  wie  die  Vereinigung  derselben  durch 
Handlung  zum  Ausdruck  bringt,  indem  er  sie, 
sich  bei  den  Händen  fassend,  in  feierlichem 
Tanzschritte  bewegen  läfst;  die  Richtung  ist 
dabei  immer  nach  links.  Das  älteste  Beispiel 
ist  gegenwärtig  ein  echt  archaisches  Relief- 
fragment aus  dem  Peiraeus  (Mitt.  d.  I.  3,  189), 
jetzt  in  Berlin;  noch  fallen  lange  Locken  den 
reichbekleideten  Göttinnen  auf  die  Schultern 
und  hohe  Diademe  zieren  sie.  In  archaistischer 
Nachahmung  sehen  wir  denselben  Typus  auf 
dem  bekannten  Borghesischen  Zwölfgötteraltar 
(auf  der  Seite  des  Zeus  und  der  Hera,  D.  a. 
K.  1 , 43).  — Es  folgt  darauf  eine  Serie  von 
Reliefs , die  dem  Übergangsstile  angehören, 
nicht  mehr  archaisch , doch  noch  etwas  ge- 
bundenen und  strengen  Stiles  sind;  die  langen 
Locken  und  Diademe  haben  einer  weniger 
feierlichen,  mädchenhafteren  Haartracht  Platz 
gemacht;  auch  das  Gewand  ist  einfacher;  doch 
die  Motive  sind  in  allem  Wesentlichen  die- 
selben geblieben;  leicht  schreiten  sie  nach 


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881 


Chariten  (in  d.  Knnst) 


links,  sich  die  Hände  gebend;  die  vorderste 
und  die  letzte  fassen  mit  der  einen,  leeren 
Hand*  das  Gewand.  Fünf  genau  übereinstim- 
mende Exemplare  dieses  Relieftypus  sind  er- 
halten: zwei  in  Rom  ( Arch . Ztg.  1869,  55. 
1870,  83)  und  drei  in  Athen  {Mitt.  d.  Inst.  3, 
181),  wovon  2 auf  der  Akropolis  selbst,  1 am 
südlichen  Abhang  derselben  gefunden  wurden. 
Die  auf  der  Burg  gefundenen  waren  gewils 


Chariten  (in  d.  Kunst)  882 

genossen  zu  haben  ( Anthol . Pal.  6,  342;  vgl. 
Jahn,  Europa  S.  37);  ein  solches  mit  der  In- 
schrift tcms  Xuqlgiv  Asovnog  ist  in  jedenfalls 
sehr  interpolierter  Abbildung  aus  Boissards 
Schriften  bekannt  ( Montfauc . 1,  109  = Clarac 
632E,  1427 B,  C.  I.  Gr.  5971);  anderein  Athen 
{Mitt.  d.  I.  195).  Nicht  selten  sind  sie  in  der 
Weise  mit  der  ihr  im  Kulte  sehr  nahe  stehen- 
den Artemis-Hekate  verbunden  {Mitt.  d.  I.  3, 


Yotivgaben  an  die  dort  am  Eingänge  verehr-  io  193).  — Auch  die  um  den  Altar  des  Apollon 
ten  Chariten.  Eben  hier- 
bei den  Propyläen  befand 
sich  aber  nach  der  Tradi- 
tion das  die  Chariten  dar- 
stellende Relief  des  So- 
krates ( Schol . Aristojdi.  nub. 

773.  Plin.  36,  32.  Paus.  1, 

22,  8.  9,  35,  3.  7).  Da  auch 
der  Stil  der  erhaltenen  Re- 
liefs zu  dem  jugendlichen 
Sokrates  sehr  wohl  pafste, 
so  ist  die  Vermutung,  dafs 
das  Werk  desselben  eben 
eins  jener  Reliefs , oder 
ein  verlorenes  gleichartiges 
war,  nicht  ganz  abzuwei- 
sen.  Derselbe  Typus  ward 
in  Athen  indes  auch  für 
den  Charitenkultus  in  der 
Unterstadt  gebraucht,  wo 
sie  mit  dem  Demos  zusam- 
men verehrt  wurden;  ein 
kleines  Relief  und  ein 
Piombo  sind  Zeugnis  da- 
von {Mitt.  d.  Inst.  3,  192). 

Derselbe  kehrt  ferner  wie- 
der auf  athenischen  Tetra- 
drachmen und  Drachmen 
als  Beizeichen  (schlechte 
Abbildung  bei Beule,  Monn. 
d'Ath.  p.  297,  wonach  Ar- 
chäolog.  Zeitung  1869,  22, 

4);  die  von  mir  untersuchten  9 Berliner 
Originale  zeigen  deutlich  die  langbekleide- 
ten , nach  links  schreitenden , sich  an  der 
Hand  fassenden  Gestalten;  doch  hält  die  vor- 
derste Charis  in  der  Rechten  jeweils  einen 
runden,  für  einen  Apfel  etwas  grofsen  Gegen- 
stand. Der  auf  diesen  Münzen  mehrfach  er- 


tanzenden  Mädchen  auf  archaischen  Reliefs 
mögen  Chariten  sein  {Stephani,  ausruhender 
Heroldes  250). 

Häufig  wurde  späterhin,  besond.  im  4.  Jahrli. 
unser  Charitentypus,  dessen  wesentlicher  Grnnd- 
zug  das  nach  links  Schreiten  dreier  sich  die 
Hände  gebender  Gestalten  ist,  für  die  Darstel- 
scheinende  Beamtenname  Sokrates  wird  viel-  50  lung  der  ihnen  von  Anfang  an  so  nahe  ste- 


leicht  die  Deutung  des  Beizeichens  enthalten : 
wie  z.  B.  ein  Beamter  Namens  Themistokles 
in  Erinnerung  an  den  grofsen  Ahnen  eine  Prora 
mit  Tropaion  auf  das  Tetradrachmon  setzen 
läfst,  so  mochten  die  Chariten  durch  jenen 
Sokrates  veranlafst  worden  sein,  der  damit  an 
den  grofsen  Sokrates  erinnern  wollte.  (Vergl. 
auch  ein  Relief  in  Athen,  wo  nach  Bull.  1876, 
109  der  Kopf  des  Sokrates  mit  einer  Inschrift 


henden  Nymphen  verwendet,  die  zumeist  mit 
Hermes  und  Pan  zusammen  dargestellt  wur- 
den (s.  Ann.  1863,  31 2 ff.;  Mitt.  d.  I.  3,  199 ff. 
5,  214,  wo  mit  Recht  statt  der  von  mir  auch 
hier  früher  vermuteten  Chariten  die  Nymphen 
wieder  eingesetzt  werden;  vergl.  auch  Furt- 
wängler,  S.  Sabouroff,  Text  zu  Taf.  27.  28). 

Der  besprochene  Typus  hatte  ausschliefs- 
lich  in  Denkmälern  des  Kultus  und  Weibge- 


der  Chariten  verbunden  sein  soll,  C,  I.  A.  3,  oo  schenken  seine  Geltung;  anderwärts  wie  aut 


224b  c).  In  statuarischer  Kunst  besitzen  wir 
keine  so  alten  Charitentypen;  doch  scheint 
man  sie  zuweilen  an  einem  Pfeiler  oder  einer 
Schale  herum  tanzend  gebildet  zu  haben,  in 
ähnlicher  Weise  wie  man  die  drei  Gestalten 
der  Hekate  in  der  statuarischen  Kunst  an 
einem  Pfeiler  vereinigte.  In  Kyzikos  scheint 
ein  derartiges  Bild  der  Chariten  Verehrung 


Vasenbildern,  wo  man  sie  beide  in  Gemein- 
schaft mit  Aphrodite  nicht  selten  vermuten 
möchte  (vergl.  das  Bild  des  Nearchus,  Plin. 
35,  141  Venus  inter  Gratias  et  Cttpidincs)  las- 
sen sie  sich  schwer  feststellen , da  sie  sich 
äufserlich  in  nichts  von  andern  langbekleide- 
ten Mädchen  unterscheiden. 

Bevor  wir  nun  zu  dem  2.  Haupttypus,  dem 


883  Chariten  (in  d.  Kunst) 

nackten  übergehen,  der  wenigstens  zwei  Jahr- 
hunderte später  als  der  des  Sokrates  geschaf- 
fen wurde,  müssen  wir  ein  Übergangssta- 
dium erwähnen,  auf  das  wir  freilich  nur  durch 
litterarische  Nachrichten  schliefsen:  Seneca  de 
benef.  1,  3 beschreibt  die  drei  Chariten  mani- 
bus  irnplexis  solutaque  nc  perlucida  veste  und 
in  einer  bekannten  Ode  des  Horaz  (1,  30) 
erscheinen  die  Gratien  solutis  zonis ; noch 
haben  sie  also  Gewandung , aber  der  Gürtel 
des  langen  Chiton  ist  gelöst,  und  dieser  ist 
aus  durchsichtigem  Stoffe.  Die  Stelle  des 
Seneca  geht  wahrscheilich  auf  Ghrysippos  zu- 
rück; also  wäre  im  3.  Jahrh.  der  nackte  Cha- 
ritentypus wenigstens  noch  nicht  allgemein 
recipiert  gewesen.  Dals  er  aber  bereits  auf- 
gekommen war,  lehrt  ein  Fragment  des  Eupho- 
rion,  auf  das  O.  J ahn  [Europa  34)  aufmerksam 
macht  ( Xccqlgiv  <xcp<xQ£66Lv).  Apelles  malte  Cha- 
ris als  Einzelfigur  bekleidet  im  Odeion  zu 
Smyrna  (Paus.  9,  35,  6);  sie  dürfen  wir  uns  nach 
Art  jenes  Übergangstypus  denken.  Ob  auch  die 
bekleideten  Chariten  hierher  gehören,  die  Pytha- 
goras von  Paros  (ohne  genügenden  Grund  mit 
dem  von  Samos  identificiert)  beim  Pythion  zu 
Pergamon  malte  (Paus.  9,  35,  7),  ist  ungewifs. 

Erst  die  hellenistische  Zeit  in  ihrem  Stre- 
ben nach  sinnlichem  Reiz  schuf  also  den  nack- 
ten Charitentypus;  doch  fand  derselbe  sol- 
chen Anklang,  dafs  wir  in  römischer  Zeit 
wenigstens  gar  keine  bekleideten  Chariten  mehr 
nachweisen  können  (die  von  Einigen  auf  Kaiser- 
münzen von  Germe  erwähnten  bekleideten  Cha- 
riten sind  vielmehr  drei  Nymphen  mit  Was- 
sergefäfsen).  Alle  die  fast  unzähligen  Darstel- 
lungen der  nackten  Chariten,  die  wir  besitzen, 
sind  aber  nur  Wiederholungen  eines  einzigen 
Typus,  dessen  Elemente  bis  ins  Einzelnste  so 
fein  abgewogen  sind,  dafs  Änderungen  ihn  nur 
verderben  konnten.  Am  vollständigsten  erhal- 
ten finden  wir  ihn  auf  Wandbildern  und  ge- 
schnittenen Steinen  (s.  von  ersteren  Helbig, 
Campan.  Wandb.  n.  856  = Atlas  Tf.  IXa;  und 
856  b u.  857.  Mon.  d.  I.  2,  46,  47;  von  letz- 
tem hauptsächlich  den  Cameo  in  Petersburg, 
abgebildet  bei  Köhler,  Gesammelte  Schrif- 
ten 5,  Taf.  5(i)  S.  65ff. ; zahllose  Gemmen 
mit  der  Charitengruppe  sind  gefälscht);  hier 
sind  die  Attribute  am  besten  erhalten,  die 
jede  in  der  einen  freien  Hand  hält;  es  sind 
Blumen,  Früchte  oder  Zweige,  der  gerade  in 
römischer  Zeit  wieder  lebendigen  Naturbedeu- 
tung der  Chariten  entsprechend.  Das  Typische 
der  Stellung  ist  folgendes:  die  3 Figuren  sind 
so  vereinigt,  dafs  sie  nebeneinander  stehen, 
doch  die  mittlere  von  hinten  gesehen  wird; 
die  beiden  äufseren  legen  ihre  inneren  Arme 
je  auf  eine  Schulter  der  mittleren;  letztere 
legt  den  linken  Arm  auf  die  Schulter  der  links 
stehenden;  mit  der  Rechten  hält  sie  ihr  Attri- 
but nach  rechts  hinaus ; ebendahin,  nach  rechts 
ist  auch  ihr  Kopf  gewandt,  der  also  im  Pro- 
fil erscheint;  die  andern  beiden  neigen  die 
Köpfe  etwas  nach  aufsen;  sie  stehen  beide  je 
auf  dem  äufseren  Beine  fest  auf,  so  dafs  die 
entlasteten , etwas  zurückgezogenen  Beine  in 
das  Innere  der  Gruppe  fallen;  die  mittlere  hat 
immer  rechtes  Standbein.  Indem  so  die  streng 


Charon  884 

symmetrische  Anordnung  durch  die  Bewegung 
der  Arme  und  des  Kopfes  der  mittleren  rhyth- 
misch gemildert  wird,  so  entsteht,  namentlich 
auch  durch  die  Abwechslung  von  Rück-  und 
Vorderansicht  eine  überaus  reizvolle  Kompo- 
sition, deren  Ursprung  wir  indes  schwerlich 
in  der  Skulptur  zu  suchen  haben,  da  sie  nur 
für  eine  Ansicht  berechnet  ist.  In  hellenisti- 
scher Zeit  war  gerade  die  Malerei  vielfach  die 
tonangebende,  und  ein  berühmtes  Gemälde  des 
dritten  Jahrh.  wird  wohl  die  Quelle  des  Typus 
sein.  — Das  Vorkommen  desselben  in  staiua- 
rischen  Werken  römischer  Zeit  (unter  denen 
besonders  die  Sieneser  Gruppe  berühmt  ist: 
Clarac  633,  1427A.  I).  a.  K.  2,  723),  sowie 
in  römischen  Reliefs,  auf  Gemmen,  Münzen, 
Lampen  und  Gläsern  findet  man  bei  Jahn, 


Chariten  (nach  e.  geschnitt.  Stein  hei  Müller-  Wieseler, 
D.  a.  K.  2,  724). 


Europa  S.  34,  Anm.  5 zusammengestellt.  In- 
teressant ist,  dafs  auch  in  römischer  Zeit,  ana- 
log wie  wir  es  oben  an  dem  bekleideten  Ty- 
pus bemerkten,  die  Chariten  zuweilen  den 
Typus  für  Nymphendarstellungen  hergeben 
müssen  (s.  Jahn,  Eur.  S.  39).  — Die  mannig- 
fachen Verwendungen  der  Charitengruppe  in 
römischer  Zeit  auch  in  rein  allegorischer  Weise 
können  hier  nicht  besprochen  werden.  — Nichts 
Beachtenswertes  über  Chariten  enthält  die 
Schrift  F.  H.  Krause,  Musen,  Gratien,  Horen 
tt.  Nymphen.  Halle  1871.  [Furtwänglen] 
Charisios  (Xccgitnog),  Sohn  des  Lykaon,  der 
die  nach  ihm  benannte  Stadt  Charisiai  in  Ar- 
kadien gründete , Paus.  8 , 3 , 1 . Steph.  Byz. 
s.  v.  XccQioiai.  [Stoll.] 

Charmas  (Xagyag),  Vater  des  Evander  (s.  d.) 
aus  Arkadien,  Schol.  zu  Dion.  Perieg.  348. 

[Bteuding.] 

Charmopliron  (XagiUHpQwv  o Egayg  Ile- 
sycli) ; vgl.  Hom.  hymn.  in  Merc.  127,  wo  dies 
H.  Stephanus  vermutet.  Der  Name  „der  Herz- 
erfreuende“ pafst  aber  sehr  wohl  für  Hermes 
als  Gott  des  Glücks.  [Steuding.] 

Charmos  (Xägyog),  ein  Sohn  des  Aristaios, 
den  dieser  auf  der  von  ihm  cultivierten  Insel 
Sardinien  zeugte.  Ein  Bruder  von  ihm,  eben- 
da gezeugt,  war  Kallikarpos,  Diod.  4,  82.  Prel- 
ler, Griech.  Myth.  2,  374,  4.  [Stoll.]  , 

Charon,  Xugcov  , covog  m.  (über  yagmv  st. 
yccgonog  von  Löwen  u.  a.  vergl.  G.  Curtius, 


io 

20 

30 

40 

50 

60 


885 


Charon 


886 


Charops 


Grundzüge 6 198;  auch  xcti’  aviicpgaaiv  von  %al 
qhv  abgeleitet,  Serv.  Aen.  6,  299.  Eust.  16,  34; 
! von  einem  ägyptischen  Worte  %oiq<j>v  abgelei- 
tet mit  der  ganzen  Figur  bei  Biod.  1,  92.  96, 
vergl.  E.  Gurtius,  Ionier  19.  50  und  Krüger, 
Arch.Ztg.  1867,  104).  1)  Der  greise  Fährmann 

der  Toten , vehvcov  noQ'd’ysvg , ovnl  ncoitj],  zpv- 
%onoyn6g  ( Eur .).  Nachhomerisch,  Eust.  1666, 
36;  zuerst  in  der  Minyas,  sodann  gemalt  von 
[ Polygnotos  in  der  Lesche  zu  Delphi,  beides 
bei  Fans.  10,  28,  2.  Ygl.  Eur.  H.  F.  432; 
Alk.  255.  361.  Aristoph.  llan.  182;  Lys.  606; 
Fl.  278.  Antiphanes  b.  Stob.  flor.  121,4.  Her- 
mesianax  b.  Atli.  13,  597.  Iuv.  3,  266.  Verg. 
Aen.  6,  299.  Seneca  II.  F.  764  ff.  Lucian  oft, 
s.  die  Register.  Kaibel,  Epigr.  n.  302.  647. 


566.  [Vgl.  G.  I.  Gr.  add.  2239  c.  6203.  6239, 
wo  er  vrjlsd&vgo g heifst,  6298.  R.]  C.  I.  L. 

8,1,  8992.  Obolus  oder  Dareike  als  Fähr- 
geld dem  Toten  in  den  Mund  gelegt,  C.  Fr. 
Hermann,  Privataltert.  §.  39,  20.  Bestraft, 
weil  er  den  lebend  in  den  Hades  eingedrun- 
genen Herakles  übergesetzt  hatte,  Serv.  Aen. 
6,  392.  Später  der  Tod  überhaupt,  Apul.  M. 
6,  19.  Neugriechisch  Charontas  oder  Cha- 
ros,  als  schwarzer  Vogel  auf  sein  Opfer  her- 
abschiefsend  oder  als  Reiter  die  Scharen  der 
Verstorbenen  durch  die  Lüfte  wegführend, 
s.  B.  Schmidt,  Volksleben  der  Neugriechen  1, 
122  ff.  — Dar  gestellt  bärtig,  auch  häfslich 
und  struppig,  in  Exomis  und  Mütze,  im  Kahn 
mit  dem  Ruder,  die  herankommenden  Ver- 
storbenen aufnehmend,  auch  wohl  den  Obolus 
empfangend,  oder  auch  im  Kahn  beim  Grab  hal- 
tend; oft  an  Sepulkralmonumenten,  besonders 
Lekythen  und  Reliefs,  auch  Gemmen;  doch  ist 
noch  nähere  Feststellung  nötig.  Vgl.  Müller - 
Wiesel.,  Benkm.2,869— 871.  Stackeiberg,  Gräber 
Tfl.  47  (=  Benndorf,  Vasenbild.  2,  27,  1)  u.  48. 
Bull.  corr.  hell.  1877  pl.  1.  2.  Academy  6,  571. 
Milchhöfer,  Mitt.  d.  d.  arch.  Inst.  5,  180  f.  v.  Sy- 


bel , Katalog  p.  XX  unter  „Schiff*1,  bes.  n.  487. 
3328.  Wieseler,  Gott.  Nadir.  1874,  554.  Schrei- 
ber, Annali  1876,  342.  Vgl.  G.  Krüger,  Charon 
und  Thanatos  1866.  — Etruskisch  Charun; 
häfslich,  krummnasig;  auch  geflügelt,  auch  mit 
Vogelbeinen;  im  Chiton,  mit  grofsem  Doppel- 
hammer, auch  Schlangen  (s.  das  Bild  S.  887); 
kommt  auch  unbärtig  und  weiblich  vor;  als 
Würger  in  der  Schlacht,  als  Seelengeleiter, 
io  als  Wächter  an  der  Grabthür.  Reliefs  an 
Sarkophagen  u.  Urnen,  Wandgemälde  in  Grä- 
bern, Ambroscli,  de  Charonte  Etrusco.  Ganina, 
Etruria  marittima  2.  Tfl.  84.  Arch,  Ztg.  1863 
Tfl.  186;  1871,  60.  Tfl.  46  (vergl.  aber  Robert 
Thanatos  44).  Annali  1866  tav.  W.  1879,  299 
Körte.  Bull,  1874,  102.  213;  1877,  101.  104. 

115.  Der  Henker  in  der 
Arena  in  Charons  Maske 
(„p7iemt“),cornetanisches 
Grabgemälde,  Keck,  Mon. 
11,  25.  Annali  1881,  19. 
Milchhöfer , Anfänge  der 
Kunst  255.  — XagoivEiDc, 
Unterweltseingänge  wie 
zu  Tainaron , Herakleia 
Pont.  u.  a. , XtxQCüvsiog 
ffvp cc,  Xccqcqv £ loi  uXCfia- 
nig,  vtQoaconoi , s.  d.  Le- 
xika. [v.  Sybel.] — Cha- 
ron, auch  auf  einer  In- 
schrift aus  Taksebt,  Mau- 
ret.  Caes. , C.  I.  L.  8 , 
8992 : Beo  Cliaroni  Julius 
Anabus  votum  solvit. [ßteu- 
ding.]  — 2)  Name  eines 
Teilnehmers  an  einer 
Eberjagd  auf  einer  alten 
Vase  im  Vatikan : C.  I. 
Gr.  7374.  [Roscher.] 
Charopos  ( Xdgonog ) , 
1)  Vater  des  Nireus,  der 
von  der  Insel  Syme  eine 
kleine  Schar  nach  Ilion 
führte.  Die  Mutter  des  Nireus  war  die  Nymphe 
Aglaia,  II.  2,  671.  Hygin.  f.  97.  Tzetz.  Lyk. 
1011.  Aristot.  Fepl,  17.  Bergk.  Biod.  5,  53. 
Bei  Hygin.  f.  270  heifst  er  Charops.  — 2) 
s.  Charops  N.  4.  [Stoll.] 

Charops  (Xcigoili),  1)  ein  Thraker,  Vater  des 
50  Oiagros,  Grofsvater  des  Orpheus.  Da  er  dem 
Dionysos  die  feindliche  Absicht  des  Lykurgos 
mitgeteilt,  setzte  ihn  der  Gott  nach  dem  Tode 
des  Lykurgos  als  König  von  Thrakien  ein  und 
machte  ihn  mit  den  bakchischen  Weihen  be- 
kannt, deren  Kenntnis  dann  auf  Oiagros  und 
Orpheus  forterbte,  Biod.  3,  65.  — 2)  Ein  Troer, 
Sohn  des  Ilippasos , Bruder  des  Sokos , mit 
diesem  vor  Troja  von  Odysseus  getötet,  llom, 
II,  11,  426ff.  — 3)  Beiname  des  Herakles,  der 
60  unter  diesem  Beinamen  in  Boiotien  am  Berge 
Laphystion  eine  Statue  hatte,  an  der  Stelle, 
wo  er  den  Kerberos  aus  der  Unterwelt  her- 
aufgeführt haben  sollte,  Paus.  9,  34,  4.  — 4) 
Gemahl  der  Oie,  nach  welcher  der  attische 
Demos  Oie  genannt  sein  soll , einer  Tochter 
des  Kephalos , Philochoros  b.  Harpokr.  s.  v. 
OBj&s v.  Bei  Suid.  s.  v.  Olrfiev  heifst  er  Char- 
ippos  oder  Charopos,  bei  Photios  Lex.  p.  232 


Charon  u.  Hermes  (nach  Benndorf,  Griechische  Vasenbilder  Taf.  27). 


887 


Charybdis 


Cheiron 


Charopos.  — 5)  Ein  Hund  des  Aktaion,  Hy- 
gin.  f.  181,  vgl.  xciqotioI  v.vviq,  Hom.  11.  in 
Merc.  194.  — 6)  s.  Charopos  Nr.  1.  [Stoll.'J 
Charybdis  (Xagvßd'ig).  Homer  erzählt  von 
zwei  Felsen  in  dem  fernen  westlichen 
Meere,  welche  in  Bogenschufsweite  einander 
gegenüberstehen.  Der  eine,  ringsum  glatt  und 
mit  seinem  Gipfel  in  Himmel  und  Wolken 
ragend,  hat  in  der  Mitte  eine  tiefe  Höhle,  in 


wieder  auf  die  Balken  und  rettete  sich,  Ocl. 
12,  430  ff.  Die  Argo  wurde  glücklich  durch 
Thetis  an  der  Charybdis  vorbeigeführt,  Ap. 
Bh.  4,789.825.923.  Orpli.  Arg.  1252  ff.  Apol- 
lod.  1,  9,  25:  vgl.  Ovid.  Met.  7,  63.  Aineias 
vermied  die  Fahrt  durch  die  Enge  und  fuhr 
um  Sicilicn  herum,  Verg.  Aen.  3,  41 8 ff.  428. 
555 ff.  — Die  Alten  verlegten  später  Skylla 
und  Charybdis  in  die  sicilische  Meerenge,  ob- 


welcher das  Ungeheuer  Skylla  (s.  d.)  haust;  io  gleich  die  Gefahren  der  dortigen  Durchfahrt 

der  Beschreibung  der  alten  Dichter  nur 


Der  etruskische  Charun  (nach  Annali  dell’  Inst.  51,  T.  5). 


der  andre  ist  niedriger  und  trägt  einen  grofsen 


wenig  entsprechen,  und  zwar  die  Cha- 
rybdis auf  die  sicilische  Seite  unter  das 
Vorgebirg  Peloron  bei  Messene,  Schol. 
Ap.  Bh.  4 , 825.  Thuk.  4,  24.  Strab.  6 
p.  268.  Tzetz.  Lyk.  47.  Vergl.  Iustin. 
4,1.  Der  Name  Charybdis  (verwandt  mit 
XctQÜÖQcc)  bedeutet  „den  wirbelnden  Schlund 
und  Abgrund“,  Pott,  Zeitschr.  f.  vgl.  Spr. 
5,  244.  „Der  wilde  Feigenbaum,  sQtvsög, 
erinnert  an  ’Eoivvg  und  wird  deshalb 
wiederholt  in  Verbindung  mit  den  Mäch- 
ten des  Todes  gesetzt“,  Preller,  Griech. 
Mythol.  1,  507, 1.  Eine  späte  Sage  macht 
Charybdis  zu  einer  Tochter  des  Poseidon 
und  der  Ge,  zu  einem  Weibe  von  gro- 
fser  Gefräfsigkeit,  das  dem  Herakles  Rin- 
der raubte  und  deshalb  vom  Blitzstrahl 
des  Zeus  ins  Meer  geschleudert  ward,  wo 
sie  ihre  gefräfsige  Natur  behielt,  Sen. 
Verg.  Aen.  3,  420.  Ähnliches  erzählt  von 
Skylla  Tzetz.  Lyk.  47.  — Auch  ein  Schlund 
bei  Antiochia  in  Syrien,  in  den  der  Oron- 
tes  stürzt,  hiefs  Charybdis,  Strab.  6 p.  275. 

[Stoll.] 

Cheirimaclios  (fXsiQiya.%og) , Sohn  des 
Elektryon  und  der  Änaxo , Bruder  der 
Alkmene,  Apollod.  2,  4,  5.  [Stoll.] 
Cheirogastores  (XstQoytxGzoQsg) , ein 
Name  der  Kyklopen  (s.  d.)  nach  Hekat.  bei 
Pollux  1,  5,  60  in  Müller,  fr.  h.  gr.  1,  59, 
359.  Proitos  baute  mit  Hilfe  der  sieben 
aus  Lykien  herbeigerufenen  Kyklopen,  die 
den  gleichbedeutenden  Namen  yaazsQo- 
y/tQfg  führten,  die  Mauern  von  Tirynth 
(Strabo  8,  6,  11  p.  372;  Schol.  z.  Aristid. 
2,  52,  10).  Das  Wort  will  offenbar  (trotz 
Strabo , der  yaGzsgoxsiQ  unserem  „aus  der 
Hand  in  den  Mund  leben“  entsprechend  er- 


wilden  Feigenbaum,  unter  dem  sich  die  Cha-  50  klärt)  sagen,  dafs  sie  auch  am  Bauche  Hände 


rybdis  befindet,  ein  furchtbarer  Schlund,  der 
dreimal  täglich  mit  schrecklichem  Getöse  die 
Meeresflut  einschlürft  und  wieder  ausspeit,  so 
dafs  dem  vorüberfahrenden  Schiffer  selbst  die 
Hilfe  Poseidons  wenig  nützt.  Als  Odysseus 
durch  die  Enge  zwischen  den  beiden  Felsen 
hindurchfuhr,  mied  er  glücklich  die  Charybdis, 
nahte  aber  zu  sehr  der  Skylla,  die  ihm  6 Ge- 
fährten aus  dem  Schiffe  entraffte,  Od.  12,  73  ff. 


hatten  (vgl.  Hekatoncheiren);  auch  eine  Komö- 
die dieses  Namens  wird  mehrfach  erwähnt. 

[Steuding.] 

Cheirogonia,  XstQoyovlcc  g nsQGscpovg,  He- 
sych.  [Steuding.] 

Cheiron,  Xsiqcov,  covog  mascul.  (wird  von 
%£lq  abgeleitet) , XeiQcovsg  , Titel  einer  Komö- 
die des  Kratinos.  — Cheiron  ist  einer  der 
Kentauren  (s.  d.) , der  Gerechte  genannt, 


234  ff.  Nachdem  bald  darauf  seine  Genossen  t>o  drucaözazog  Kivzccvqwv  Ilias  11,  832.  Xen. 


wegen  ihres  Frevels  an  den  Rindern  des  He- 
lios mit  dem  Schiffe  zu  Grunde  gegangen 
waren,  trieb  er  auf  dem  Kiel  des  zertrümmer- 
ten Schiffes  zurück  zur  Charybdis,  welche  eben 
die  Flut  in  sich  einschlang;  in  der  Angst  er- 
griff er  den  Feigenbaum,  der  über  dem  Schlunde 
stand,  und  hing  daran,  bis  der  Kiel  wieder 
ausgestofsen  wurde.  Da  schwang  er  sich 


Cyn.  1,  1.  Ov.  fast.  5,  384.  413;  6 Ksvzccv- 
Qog  Kotz ’ t^oyjiV  Pmd.  Pyth.  9,  64.  Hör. 
Epod.  13,  11;  Führer  der  Kentauren,  Hom. 
nd/uvog  17.  In  älteren  Kunstwerken  mit 
menschlichen  Vorderbeinen,  amKypseloskasten, 
Paus.  5,  19,  7.  Overbeck,  Gail.  Taf.  7,  5.  8,  6 
u.  a. ; vgl.  Klügmann,  Bull.  1876,  140,  anders 
Puchstein,  Arch.  Ztg.  39,  243.  — Philyride, 


■ 


889 


Cheiron 


Cheiron 


890 


Hes.  Th.  1002.  Find.  Pyth.  3,  1.  6,  22.  9,  30. 
Ap.  Rhod.  1,  554.  Verg.  Georg.  3,  560.  Nonn. 
Dion.  48,40.  Philyreius  heros,  Ov  met.  2,  676. 
fast.  5,  383.  391;  Kronide  (und  älter  als  Zeus), 
Rind.  Nein.  3,  47.  Pyth.  3,  4.  4,  115.  — Sohn 
des  Kronos  und  der  Philyra,  Apollod.  1, 
2,  4.  Plin.  7,  196,  einer  Najade,  Xen.  Cyn. 

1,  4;  in  Rofsgestalt  wohnte  Kronos  der  Okea- 
nide  Philyra  bei,  daher  die  Zwittergestalt 
Cheirons,  Gigantomachia  bei  Schol.  Ap.  Rhod.  i 

1,  554.  PhereJc.  b.  Schol.  Ap.  Rh.  2,  1231.  Ov. 
met.  6,  126;  oder  Kronos,  im  Beilager  gestört, 
verwandelt  sich  in  das  Rol’s,  Philyra  flieht  auf 
den  Pelion  und  gebiert  Cheiron,  halb  Rofs, 
halb  Mann,  Ap.  Rhod.  2,  1231.  Cheiron  Po- 
seidons Sohn,  Schol.  II.  4,219;  Ixions  Sohn 
und  Bruder  des  Peirithoos,  Said.  Thessal.  bei 
Schol.  Ap.  Rh.  1,  554.  2,  1231.  Vermählt  mit 
einer  Najade  {Hesiod),  mit  Chariklo  ( Find . 
Pytli.  4,  103.  Schol.  Ap.  Rh.  1,  554.  Ov.  met.  2 

2,  636,  Fram^oisvase,  Overb.  Gail.  Taf.  9,  1), 
Tochter  des  Apollon  oder  des  Perses  oder  des 
Okeanos,  Schol.  Pind.  Pyth.  4,  181.  Vater 
des  Karystos,  Schol.  Find.  Pyth.  4,  181; 
eines  Aristaios,  Schol.  Ap.  Rhod.  2,  498;  der 
Ende is,  Gemahlin  des  Aiakos , Mutter  des 
Telamon  und  Peleus,  Schol.  Pind.  Nein.  5,  12. 
Schol.  II.  16.  14.  Hyg.  f.  14  u.  a.  (Skirons 
Tochter  ist  Endei's  bei  Apollod.  3,  12,  6,  4. 
Paus.  2,  29,  7.  Flut.  Thes.  10);  der  Thetis,  3 
Schol.  Ap.  Rhod.  1 , 558.  Dict.  1 , 14.  6,7; 
der  Okyrrhoe,  Ov.  met.  2,  636;  der  Mela- 
nippe  oder  Euippe,  Euripides  bei  Erat.  cat. 
18.  Hyg.  p.  astr.  2,  18.  Poll.  4,  19.  — Chei- 
ron ist  ein  Dämon  des  thessalischen  Pelion, 
Horn.  lies,  etc.;  XsiQoovidsg  darren  Kalliin.  hy. 
Del.  104;  seine  Höhle  ( Xsiqroviov  uvzqov)  am 
Gipfel  nach  dem  pagasäischen  Golf  hin,  Di- 

Skaiarch  ( frg . hist.  2,  262).  Bursian,  Geograph. 

1,  97;  Pind.  Pyth.  9,  30.  Isthm.  7,  41.  Val.  4 
Fl.  Arg.  1,  407.  Quint.  Smyrn.  4,  143  u.  ö.; 
ccvzox&cov  iozia  Hesych.,  auch  Philyras  Ge- 

Imacli  genannt,  weil  sie  ihn  da  gebar  und  mit 
ihm  hauste,  Pind.  Pyth.  4,  102.  Nem.  3,  43. 
Kalliin.  hymn.  Del.  118.  Nonn.  Dion.  48,  40.; 
sie  lag  über  der  kräuterreichen  pelethronischen 
Schlucht  (vgl.  Find.  Pyth.  3,  4),  Nicand.  Ther. 
440.  505.  Schol.  Nie.  Ther.  438;  daher  Chei- 
ron der  Pelethronier,  Hes.  LMEttpöno g; 
der  Pelion  kräuterreich,  Theophr.  hist.  pl.  9,  5 
15,  4;  Dikaiarcli.  Cheiron  im  Peloponnes  bei 
iMalea  s.  unten.  Seine  Menschenfreundlichkeit 
J|(PmcZ.  Pyth.  3,  5.  Schol.  Ap.  Rh.  1,  554)  erfuhr 
•| zumeist  der  Heros  des  Pelion  Peleus;  diesem 
gab  Cheiron,  da  Akastos  (s.  d.)  auf  der  Jagd 
ihn  verlassen,  ein  Messer,  womit  er  die  ihm 
begegnenden  wilden  Tiere  tötete,  Schol.  Ap.  Rh. 

L,  224;  oder  Akastos  hatte  das  Messer  in  Kuh- 
mist versteckt,  Cheiron  aber  rettete  ihn  aus 
len  Händen  der  Kentauren  (s.  d.)  und  schaffte  ihm  c 
las  Messer  wieder,  Hes.  Erg.  110  Götti. ; Pind. 
Nem.  4,  60  u.  Schol.  88.  95.  Apollod.  4,  13,  3; 

;r  berät  ihn  die  Thetis  zu  gewinnen,  Apol- 
lod. 3,  13,  5;  ist  auf  Kunstdarstellungen  des 
Itingens  von  Peleus  und  Thetis  öfter  anwesend; 
lie  Vermählung  findet  in  Cheirons  Höhle  statt; 
forthin  kommen  die  Götter  und  bringen  Ge- 
chenke,  Cheiron  selbst  vom  Berggipfel  den 


Eschenschaft,  nyhaäce  ysUgv  (s.  übrigens 
K.  Koch,  Bäume  Altgriechenlands  130),  Ilias 
16,  143.  19,  390.  Kypr.  frg.  2 bei  Schol.  II. 
16,  140.  Apollod.  3,  13,  5.  Zu  alledem  siehe 
Peleus.  Staphylos  n sqI  Gsooalia g P bei  Schol. 
Ap.  Rh.  4,  816  rationalisiert,  Cheiron  sei  him- 
melskundig gewesen,  habe  Peleus  mit  Aktors, 
des  Sohnes  Myrmidons,  Tochter  Philomela 
(diese  als  Achills  Mutter  auch  bei  Da'imachos, 
Schol.  Ap.  Rh.  1 , 558)  vermählt  und  hierzu 
Regen  und  Sturmzeit  abgewaitet,  sodafs  die 
vorher  von  ihm  ausgesprengte  Rede,  Peleus 
werde  Thetis  ehelichen  und  die  Götter  kämen 
dazu  mit  Regen  und  Sturm , Glauben  fand. 
Menschenopfer  für  Peleus  und  Cheiron  zu  Pella, 
Clcm.  Al.  protr.  p.  37  P. ; vergl.  Preller  - Pleiv 

2,  397,  4.  Cheiron  selbst  ist  Jäger,  typisch 
mit  Jagdbeute  dargestellt,  Overbeck,  Gail.  Tf. 
9,  1.  Arch.  Ztg.  34  Tf.  17  u.  a.  Vorzüglich 
ist  er  kundig  der  heilkräftigen  Kräuter  und 
der  Heilkunst,  insbesondere  Wundarzt;  Ilias 
4,  219.  11,  831  u.  a.  unten;  er  erfand  herbariam 
et  medicamentariam,  Plin.  7,  196.  Chironica 
ars  Sidon.  ep.  2,  12  extr.  Kult  des  Cheiron  im 
thessalischen  Magnesia  uud  Cheironiden  in  De- 
metrias,  Dilcaiarch ; Hyg.  f.  274;  Flut.  symp. 

3,  1,  3.  Müll.  Orch.  249.  Vgl.  den  Kentaur 
auf  der  Münze  von  Magnesia,  Friedländer,  Thes- 
salische  Kunst  n.  7.  Menschenopfer  in  Pella, 
Preller- Pleiv.  2 , 397.  XsiQcovig  ßc'ßlog  , medi- 
cinisches  Buch,  Epigr.  adesp.  579,  Anth.  7, 
158,  9.  Xezqcoveioc  fi'Qa , Theophr.  hist.  pl.  9, 
11.  Schol.  Nicandr.  Ther.  500.  858.  Xsi geovsia, 
Chironia,  Chironion,  wächst  im  Peloponnes, 
Plin.  25,  66,  Centaurea  Verg.  Georg.  4,  270, 
heilkräftige  Pflanzen,  s.  die  Lexika.  Cheiron 
mit  Asklepios  und  Apollon  im  pompejan.  Wand- 
gemälde Ilelbig,  n.  202.  Spielt  die  Lyra,  Val. 
Fl.  Arg.  1 , 139 ; vgl.  die  magnesische  Münze 
Friedländer,  Thessal.  Kunst  n.  8.  Weissagt 
Achills  Gröfse  bei  Peleus’  Hochzeit,  Eur.  I.  A. 
1064.  Hör.  Epod.  13,  11.  Er  ist  Lehrer  vie- 
ler Heroen  gewesen.  Von  ihm  hat  Achill 
die  Heilkunst,  II.  11,  831,  Asklepios  ib.  4, 
219.  Pind.  Pyth.  3,  45.  Nein.  3,  55.  Apollod. 
3,  10,  3,  7,  weiterhin  Iason  Schol.  Ap.  Rhod. 
1,  554.  Alkon,  Vita  Soph.  11;  vgl.  Meineke, 
com.  gr.  2,  2,  683.  Apollon,  lustin.  M.  de 
monarcli.  6.  Kokytos,  Ptol.  Heph.  1.  Die 
ganze  Erziehung  der  jungen  Heroen,  Unter- 
richt in  Heilkunst,  in  Jagd,  Musik,  Kriegs- 
kunst, Gerechtigkeit  wird  ihm  überwiesen,  zu- 
nächst des  Achill  (nachhomerisch)  Aristarch. 
zu  II.  11,  832.  Schol.  Ap.  Rh.  1,  558;  zuerst 
in  den  hesiod.  Katalogen?  Robert,  Bildu.  Lied 
124;  Scene  am  amykläischen  Thron,  Paus.  3, 

18,  12.  Find.  Pyth.  6,  21.  Nem.  3,  59.  Phe- 
rekydes?  b.  Apollod.  3,  13,  6.  Eur.  I.  A.  209. 
Xen.  conv.  8,  23.  Apollod.  3,  13,  6.  Val.  Fl. 
1,  255.  Luc.  dial.  mort.  15,  1.  Philostr.  her. 

19.  imag.  2,  2 u.  a.,  vgl.  auch  die  Kunstdarstel- 
lungen [s.  Achilleus’  Kindheit]  hes.  Cheirons 
Unterricht  im  Lyraspiel  und  im  Reiten  (auf 
seinem  Rücken).  Epische  Unterweisungen  an 
Achill,  Xsigcovog  vTzoftrjncu  (zuerst  die  Götter 
und  die  Eltern  ehren),  bis  auf  den  Grammatiker 
Aristophanes  für  hesiodisch  gehalten,  Schol. 
Pind.  Pyth.  6,  19.  Paus.  9,  31,  5 u.  a.  Frei- 


891 


Cheiron 


Ckesloimos 


892 


ler-Plew  2,  17.  400.  C.  I.  Gr.  7870.  Cheiron 
setzte  Achill  einen  Astragal  des  schnellfüfsi- 
gen  Giganten  Damysos  aus  Pallene  ein,  Ptol. 
Heph.  6;  Cheirons  Lehrer  hiefs  Achilleus, 
nach  diesem  nannte  Cheiron  den  Peliden,  ib.  6. 
Ferner  Zöglinge  Cheirons:  Medeios,  lies.  Th. 
1001.  Preller  - Plew  2,  320,  2.  Iason,  lies. 
Frg.  111.  Pind.  Nem.  3,  54.  Pytli.  4,  102. 
Sei  toi.  Pytli.  4,  135.  Schol.  Ocl.  12,  69.  As- 
klepios, Sohates  Arg.  bei  Schol.  Pind. 
Nem.  3,  92.  Apollod.  3,  10,  3,  7.  Ov.  met. 
2,  630.  Herakles,  Klügmann,  Archäol.  Zig. 
34,  199  Tat.  17.  Schol.  Theokr.  13,  9.  Ari- 
staios,  Ap.Rli.V,  510.  Aktaion,  Apollod.  3, 
4,  4 (dessen  Bild  in  der  Höhle,  von  Cheiron 
gemacht  zur  Beruhigung  der  ihren  Herrn 
suchenden  Hunde).  Dionysos,  lernt  von  Chei- 
ron seine  Feiern , Ptol.  Heph.  p.  25  Roulez. 


Cheiron  u.  Achilleus,  pompejan.  Gemälde. 


Xen.  Cyn.  1 nennt  als  Cheirons  Schüler  im 
Jagen  (u.  anderem)  Kephalos,  Asklepios,  Me- 
lanion,  Nestor,  Amphiaraos,  Peleus,  Telamon, 
Meleagros,  Theseus,  Hippolytos,  Palamedes, 
Odysseus,  Menestheus,  Diomedes,  Kastor,  Poly- 
deukes,  Machaon,  Podaleirios,  Antilochos,  Ai- 
neias,  Achilleus,  Philostr.  her.  9 den  Asklepios, 
Telamon,  Peleus,  Theseus.  Ch.  u.  Argonauten 
Ap.  Rh.  1,  554.  Orph.  A.  375.  Ch.  in  Delphi  pa- 
rodiert El.  cer.  2,  94.  Ch.  langlebig,  Xen.  Gyn. 
1.  Philostr.  her.  9 ; ursprünglich  unsterblich  (llsog 
bei  Aesch.  Prom.  1027  u.  Soph.  Trach.  715.  Luc. 
dial.  mort.2&,  vgl.  Lehrs , Aufsätze 2 85);  durch 
einen  der  vergifteten  Pfeile  des  Herakles  ward 
er  unheilbar  verwundet  (solche  Wunde  heifst 
daher  Xsiqcovsiov  ihiog  Zenob.  6,  46.  Alex. 
Aphr.  probl.  1,  92.  Ghironium  vulnus,  Cels. 
Apul.),  in  das  Knie,  da  Herakles  die  Kentau- 
ren vom  Pholoe-Gebirge  bis  Malea  verfolgt, 
wo  Cheiron  damals  hauste,  von  den  Lapithen 
vom  Pelion  vertrieben;  er  überläfst  dem  Pro- 
metheus seine  Unsterblichkeit,  Apollod.  2,  5, 
4,  5.  11,  10;  oder  den  Fufs  verletzt  ein  sei- 
ner Hand  entfallender  Pfeil,  da  Herakles  ihn 
besucht  (vergl.  Schol.  Theokr.  7,  149.  Phi- 
lostr. her.  9) , Ov.  fast.  5 , 398.  Hyg.  p.  astr. 


2,  38.  Plin.  25,  66;  vgl.  Apollod.  2 , 5,  4,  7. 
Cheiron  wird  als  Schütz  unter  die  Gestirne 
versetzt,  Erat.  cat.  40.  Arat.  ph.  436.  Ovid. 
fast.  5,  414  u.  a.  Mosaik  von  Sentinum,  Arch. 
Ztg.  35.  Taf.  3;  vgl.  Kentauren,  [v.  Sybel.] 
Chelidon  und  Chelidonis  {Xslidwv,  Xehöo- 
vig) , Tochter  des  Pandareos  von  Ephesos, 
Schwester  der  Aedon,  von  Polytechnos,  ihrem 
Schwager  geschändet  und  von  Artemis  in  eine 
Schwalbe  verwandelt,  Anton.  Lib.  11.  S.  Ae- 
don. [ Roscher.] 

Chelone  (Xehövr},  die  Schildkröte).  Als  Zeus 
zu  seiner  Vermählung  mit  Hera  durch  Hermes 
alle  Götter  und  Menschen  und  Tiere  einlud, 
blieb  Chelone,  eine  Jungfrau  zu  Hause,  ihre 
Verachtung  jener  Vermählung  ausdrückend. 
Da  Hermes  ihre  Abwesenheit  bemerkte,  stieg 
er  noch  einmal  zur  Erde  hinab  und  stürzte 
das  Haus  der  Chelone,  das  an  einem  Flusse 
stand,  in  den  Flufs;  die  Jungfrau  verwandelte 
er  in  das  Tier  gleichen  Namens  und  liefs  dies 
hinfort  sein  Haus  auf  dem  Rücken  tragen, 
Serv.  Verg.  Acn.  1,  505.  [Stoll.] 

Clielpliun  {Kulncovl),  Satyrname  auf  einem 
etruskischen  Spiegel  b.  Gerhard,  Etrusk.  Spie- 
gel Taf.  314.  Vergl.  Corssen,  Spr.  d.  Etr.  1, 
244  u.  338.  Heydemann , Satyr-  u.  Bakchenn. 
S.  33.  [Roscher.] 

Cherias  (Xsqlu g),  s.  Eunomos. 

Chersibios  (Xegaißiog) , Sohn  des  Herakles 
und  der  Megara,  Bruder  des  Polydoros,  Ani- 
ketos  , Mekistophonos , Patrokles , Toxoklei- 
tos,  Menebrontes,  Baton  b.  Schol.  Pind.  Istlrn. 
3(4),  104.  [Stoll.] 

Chevsidamas  (XegaiSd gag),  1)  Sohn  des  Pria- 
mos,  von  Odysseus  erlegt,  Rom.  II.  11,  423. 
Apollod.  3,  12,  5.  Bei  Hygin  f.  90  heifst  er 
Chirodamas.  — 2)  Ein  Sohn  des  Pterelaos, 
Apollod.  2,  4,  5.  [Stoll.] 

Chersis  (Xtgaig),  Tochter  des  Pliorkys  und 
der  Keto , eine  der  Graien  oder  Phorkides. 
Graien  werden  entweder  zwei  genannt,  Pe- 
phredo  und  Enyo  {Hes.  Theog.  270),  oder  es 
wird  noch  eine  dritte,  Deino , zugefügt,  die 
auch  XtQGig  oder  IIiqg cö  heifst,  Hygin  praef. 
p.  29  Bunte.  Vgl.  Apollod.  2,  4,  2.  Tzetz.  Lylc. 
838  Schol.  Aeschyl.  Prometh.  793.  Schol.  Ap. 
Rhod.  4,  1515.  Heraclid.  de  incred.  c.  13.  p.  73 
Gal.  Schömann,  Opusc.  Ac.  2 p.  212.  [Stoll.] 
Chesias  (Xycuxg),  1)  Beiname  der  Artemis, 
von  dem  Vorgebirge  Chesion  der  Insel  Samos, 
wo  sie  einen  Tempel  hatte,  Kallim.  h.  Dian- 
228  Schol.  — 2)  Eine  samische  Nymphe,  mit 
welcher  der  Flufsgott  Imbrasos  die  Nymphe 
Okyroe  zeugte.  Apollon  liebte  die  schöne 
Okyroe  und  wollte  sie  entführen.  Als  sie  nach 
Milet  zu  einem  Feste  der  Artemis  gefahren 
war,  bat  sie,  um  den  Nachstellungen  des  Apol- 
lon zu  entgehen,  einen  Schiffer  Pompilos,  einen 
Freund  ihres  Vaters,  sie  in  ihr  Vaterland  zu 
bringen.  Als  Pompilos  sie  ans  Ufer  gebracht, 
um  sie  fortzuführen,  erschien  Apollon,  raubte 
die  Jungfrau,  verwandelte  das  Schiff  in  einen 
Felsen  und  den  Pompilos  in  den  Fisch  glei- 
chen Namens,  Athen.  7 p.  283 e.  [Stoll.] 
Chesloimos  (Xicloiyog) , Sohn  des  Me- 
stra.imos  (=  Aigyptos),  Joseph.  1,  6,  2. 

[Steuding.] 


; 

r 

! 


P 

1 

■ 

I 


893  Chethimos 

Ciietllimos  (XHhyog),  Heros  eponymos  des 
Stammes  der  der  Bewohner  der  Insel 

Xe&ifid  = Kvngog,  Sohn  des  Iavan,  Enkel  des 
Iapheth,  Joseph.  1,  6,  1.  [Steuding.] 

Chettaios  (Xsrx aiog),  ein  Sohn  des  Chanaan, 
nach  welchem  die  Bewohner  des  Landes  Cha- 
naan auch  Xszzcuoi  genannt  wurden,  Joseph. 
1 , 0 , 2.  [Steuding.] 

Chias  (Xuxg),  eine  der  sieben  Töchter  der 
Niobe  und  des  Amphion , nach  welchen  die 
7 Thore  von  Theben  benannt  sein  sollen,  Hy- 
gin  f.  09  (vergl.  f.  11,  wo  sie  Chiade  heilst); 
doch  stimmen  diese  Namen  fast  durchgängig 
nicht  mit  denen  der  Thore,  Stark , Niobe 
S.  381.  Nach  Pherelajdes  bei  Schot.  Eurip. 
Phoen.  159  heilst  eine  der  Niobetöchter  Chione. 
Die  verschiedenen  Namen  der  Niobetöchter 
sind  zusammengestellt  von  Stark,  Niobe  S.  96. 

[Stoll.] 

Chimaira.  1)  Ein  fabelhaftes  Wesen,  vorn 
Löwe,  hinten  Schlange,  in  der  Mitte  Ziege, 
Feuer  speiend  ( Hom . Z 180);  gewöhnlich  wird 
es  nach  Lykien,  nach  dem  gleichnamigen  Berg 
versetzt  ( Strabo  14,  665  D.  Nat.  Com.  9,  4, 
nach  Eustatli.  Nom.  Z S.  634,  60) ; nach  Hom. 
II 328  ist  es  von  Amisodaros,  König  von  Karien, 
aufgezogen  worden;  nach  lies.  Theog.  319  ist 
die  Chimaira  die  Tochter  des  Typhaon  und 
der  Echidna.  Über  ihre  Bildung  wird  Ver- 
schiedenes erzählt;  sie  ist  entweder  eine  Ziege, 
der  ein  Löwenkopf  und  als  Schwanz  eine 
Schlange  gegeben  ist  (Schot.  Hom.  Z 181),  oder 
sie  ist  aus  mehreren  Köpfen,  mit  dem  Ziegen- 
kopf in  der  Mitte  emporragend  gebildet,  Hes. 
Theog.  321.  Apottod.  2,3,1;  vgl.  1,9,  3.  Dann 
ist  der  Ziegenkopf  regelmäfsig  derjenige,  wel- 
cher das  Feuer  ausspeit,  vgl.  noch  Ovid.  Met. 
9 , 647.  Über  andere  Bildungen  s.  Annal.  d. 
Inst.  1874  S.  7.  Sie  wird  von  Bellerophontes 
(s.d.)  im  Auftrag  des  Königs  von  Lykien  getötet, 
Hom.  Z 185,  s.  Iobates,  Amphianax,  nach  Hes. 
Theog.  323  besonders  durch  die  Hilfe  des  Pe- 
gasos,  während  Homer  den  Bellerophontes  nur 
&säv  r squsggi.  TU&iqGug  den  Kampf  aufnehmen 
läfst.  Nach  Lysias  (Tzetz.  ad  Lykophr.  17, 
vgl.  Myth.  gr.  S.  388  n.  82)  befestigt  Belle- 
rophontes Blei  an  seinem  Speer  und  wirft  die- 
sen in  den  feuerspeienden  Rachen;  durch  die 
| Flammen  schmilzt  das  Blei  und  tötet  das  Tier. 
; Später  wird  die  Xiycugu  allgemein  als  Fabel- 
I wesen  neben  den  andern  Schreckbildern  an- 
I geführt  und  mit  ihnen  zusammen  in  die  Unter- 
welt versetzt,  Luc.  diat.  mort.  30,  1.  Nec.  14. 
Hermot.  72.  Verg.  Aen.  6,  288.  Vergl.  noch 
Find.  Ot.  13,  128.  Athen.  11,  497b.  Luc.  cal. 
\ non.  er.  26.  Schot.  Arist.  Pax  141.  Quint. 
j Smyrn.  Posthorn.  8,  107.  Nicot.  Dam.  ( Mütter , 
I fragm.  hist.  gr.  3 S.  367,  16),  Hyg.  f.  57.  Prag- 
I matisch  wird  der  Mythus  gedeutet  bei  Schot. 
Hom.  Z 181.  Mytli.  gr.  S.  290.  316,  n.  15; 

! auf  den  Berg  wird  er  bezogen  bei  Plut.  de 
j virt.  mut.  9 (Myth.  gr.  S.  322,  8);  den  feuer- 
speienden Berg  sehen  in  ihr  Pomp.  Meta  1, 
15.  Plin.  hist.  n.  2,  236.  5,  100.  Serv.  Verg. 
I Aen.  2,  288. 

Der  Kampf  des  Bellerophontes  mit  der 
Chimaira  war  im  Altertum  vielfach  dargestellt, 
| vergl.  Euripid.  Et.  474  (nvgnvoog  lituvcc  als 


Chimaira  894 

Schildzeichen  des  Achilleus).  Eurip.  Ion  201 
(nvgnvsovGcc  xgiGcö/iaxog  alxd  in  den  Metopen 
des  delphischen  Tempels?).  Paus.  3,  18,  13 
(am  Thron  des  Amykläischen  Apollo)  2,  27,  2 
(am  Thron  des  Asklepios  in  Epidauros),  s.  u. 
Bellerophontes.  Auch  Einzeldarstellungen  der 
Chimaira  sind  nicht  selten,  namentlich  findet 
sie  sich  an  Stelle  der  Gorgonenmaske  zur  Ab- 
wendung von  Unheil  öfter  angebracht,  vergl. 
Verg.  Aen.  7,  785.  5,  118.  Am  bekanntesten 
ist  die  grofse  bronzene  Chimaira  des  Floren- 
tiner Museum,  vgl.  Müller -W ieseter , a.  D.  1, 
287.  Ami.  d.  Inst.  1874  S.  7.  Auf  den  Mün- 
zen von  Korinth  und  Sikyon  wird  sie  als 
Münzbild  verwendet;  vgl.  beistehende  Abbil- 
dung, eine  Münze  von  Sikyon  darstellend.  Vgl. 
noch  Longperier  Musee  Napol.  3 T.  53,  Vasen- 
bild aus  Kameiros  im  Louvre. 


Über  die  verschiedenen  Erklärungen  des 
Mythos  s.  Fischer,  B etter ophon , eine  mytholo- 
gische Abhandlung,  Leipzig  1851,  S.  90  und 
oben  unter  Bellerophontes.  Dafs  vulkanische 
Vorgänge  darin  angedeutet  sind,  wird  fast 
allgemein  angenommen  und  galt  schon  im 
Altertum  vielfach  als  sicher;  Schwierigkeiten 
macht  nur  der  Umstand,  dafs  der  Hauptwert 
im  Mythus  auf  die  „Ziege“,  Xlyougu,  ge- 
legt werden  mufs;  um  dies  zu  beseitigen, 
möchte  Fischer  (a.  a.  O.  S.  92)  das  Wort  aus 
dem  Lykischen  oder  Karischen  ableiten , ein 
Verfahren,  was  insofern  etwas  für  sich  hat, 
als  der  Mythus  anerkanntermafsen  ein  lokal- 
lykischer  ist,  vgl.  0.  Benndorf,  vorläufiger  Be- 
richt über  zwei  österr.  arcliäol.  Exp.  nach  Klein- 
asien, Wien  1883,  S.  51  (Arch.-epigr.  Mitt.  aus 
Österr.  6.  Heft  2).  Doch  verschwindet  das 
Fremdartige,  was  für  Nordländer  darin  liegt, 
dafs  die  Gestalt  einer  Ziege  verwandt  wird, 
um  das  Schrecklichste  auszudrücken , wenn 
man  bedenkt,  dafs  im  Süden  die  Ziege  durch 
das  Benagen  der  Rinde  weit  und  breit  den 
Baumwuchs  hindert  und  dadurch  die  Verödung 
der  Landschaft  verschuldet,  vergl.  V.  Hehn, 
Kulturpfl.  4.  Aufl.  S.  7.  Apottod.  2,  3,  1:  ncc- 
x rjv  %(6qav  discp&ngs  ueä  xd.  ßoGnrifuxxa  elv- 
yuivsxo ' f iCa  ydg  cpvcig  xgimv  Q-ggiiav  ti%£  dv- 
vccyiv.  Dann  hat  man  kaum  nötig , an  die 
Bedeutung  von  a2|,  alyCg  (Sturm-  und  Gewit- 
terwolken) zu  erinnern,  die  für  Xlyouoa  noch 
nicht  nachgewiesen  ist,  während  andererseits 
zugegeben  werden  mufs , dafs  Gewitterwolken 
mit  dem  Vulkan  auf  das  engste  verknüpft  sind 
(vgl.  Fischer,  Bell.  S.  95  u.  ob.  S.  766).  Dem 
Kampf  des  Bellerophontes  gegen  die  Chimaira 
liegt  fast  die  gleiche  Anschauung  zu  Grunde,  wie 
wenn  Zeus  den  Typhon  oder  die  Giganten  und 
Kyklopen  (s.  d.)  niederschmettert.  Neuerdings 
hat  A.  Milchhöfer  (Anfänge  der  Kunst  in  Grie- 


10 

20 

30 

40 

50 

60 


895 


Chimaireus 


Chloris 


896 


chenland , Leipzig  1883  S.  81  ff.)  versucht  die 
Entstehung  der  Mischgestalt  durch  Verschmel- 
zung mehrerer  hinter  einander  gedachter  Tiere 
zu  erklären,  ein  Verfahren,  für  welches  in  den 
Inselsteinen  sich  zahlreiche  Analogieen  finden. 
Dagegen  wendet  sich  Bofsbach,  Arcliäol.  Ztg. 
1883,  323.  Für  die  Bedeutung  der  Chimaira 
vgl.  auch  Zeitschr.  für  vergl.  Sprachf.  19 , 43. 
Giermont-  Ganneau  myth.  iconolog.  23  f.  Vergl. 
Bellerophontes.  — 2)  Eine  Nymphe,  welche  der  i 
schöne  Hirt  Daphnis  (s.  d.)  liebte,  um  derent- 
willen er  von  der  eifersüchtigen  Nymphe  Nomia 
erst  geblendet  und  dann  in  Stein  verwandelt 
wurde,  Serv.  Verg.  Ed.  8,  68.  ( Jacobi  myth. 

Wörterb.).  [Engelmann.] 

Chimaireus  {Xipaigsvs) , Sohn  des  Prome- 
theus und  der  Kelaino , Tochter  des  Atlas, 
Bruder  des  Lykos.  Beide  Brüder  lagen  in 
Troja  begraben.  Als  nun  in  Lakedaimon  eine 
Pest  wütete  und  das  Orakel  verkündete , die-  2 
selbe  werde  aufhören,  wenn  ein  edler  Lake- 
daimonier  in  Troja  auf  den  Gräbern  desselben 
opfere,  so  reiste  Menelaos  dorthin  und  brachte 
die  Opfer  dar.  Bei  dieser  Gelegenheit  ward  er 
Gastfreund  des  Paris,  Tzetz.  Lyk.  132.  136.  219. 
Phavorin  s.  v.  ”Azhxg.  Eustatli.  p.  521 , 30. 
Völcker,  Iapet.  Geschl.  S.  240.  [Stoll.] 

Cliione  {Xiovg,  r\ g f.  von  %u hv  Schnee).  1) 
Tochter  des  Boreas  (vgl.  Od.  14,  475.  Xen. 
Anab.  5,  5,  3.  4)  und  der  Oreithyia,  hat  zu  3 
Geschwistern  Kleopatra,  Zetes  und  Kalais 
(s.  Boreaden).  Als  Thrakierin  wird  sie  im  Mythus 
demEumolpos  zur  Mutter  gegeben;  der  Vater 
ist  Poseidon;  um  ihren  Fall  zu  verheimlichen, 
wirft  sie  das  Kind  in  die  See,  Poseidon  rettet 
es,  Lykurg,  p.  160.  Apollod.  3,  15,  2.  4.  Hy- 
gin  f.  157.  Paus.  1,  38,  2.  Preller 3 2,  149. 
Stephani,  Boreas,  Mem.  acad.  16.  — 2)  Toch- 
ter des  Arkturos,  von  Boreas  geraubt,  auf 
den  (seitdem  Koizg  Bogiov  genannten)  Berg  4 
Niphantes  gebracht,  gebiert  den  Hyrpax, 
welcher  Heniochos’  Nachfolger  wird,  Plut. 
fluni.  5,  3 (XIcoqiv  Iigb. , Xcaviqv  Hs.,  Xiovgv 
Stark,  Niobe  361).  — 3)  Tochter  der  Kal- 
lirrhoe  (Okeanos’  Tochter)  und  des  Neilos; 
auf  dem  Lande  lebend  erlitt  sie  von  einem 
Landmann  Unbill;  auf  Zeus’  Befehl  hob  Her- 
mes sie  empor  in  die  Wolken;  daher  ist  der 
Schnee  der  Saat  feindlich,  Serv.  Aen.  4,  250. 
— 4)  Daidalions  Tochter,  welcher  Apol-  5 
Ion  und  Hermes  in  derselben  Nacht  beiwoh- 
nen; sie  gebiert  von  Apollon  Philammon, 
von  Hermes  Autolykos  (s.  d.) ; sie  beleidigt 
späterhin  Artemis  auf  der  Jagd  und  wird 
von  ihr  erschossen;  den  verzweifelnden  Dai- 
dalion  verwandelt  Apollon  in  den  Habicht, 
Hyg.  f.  200.  Ovid.  met.  11,  266 — 345  (Daida- 
lion  u.  Keyx,  Sohn  des  Lucifer,  zu  Trachin; 
Chione  wegen  ihrer  Schönheit  vielumworben, 
in  Einer  Nacht  erst  von  Hermes,  dann  von  6 
Apollo  besucht;  nach  ihrem  Tod  will  Daidalion 
sich  vom  Parnassos  stürzen).  Pherekydes  63  er- 
zählt die  Doppelgeburt  und  nennt  als  die  Mutter 
der  Kinder  Philonis,  Deions  Tochter.  — 
5)  Mutter  des  Priapos , Vater  ist  Dionysos, 
Schol.  Theokr.  1,  21.  — ö)  Nymphe,  nach  wel- 
cher Chios  genannt  sei,  Steph.  Byz.  Xiog 
{Xiovo g IIss.,  Xiovgg  Meineke).  — [7)  Name 


einer  Crotalistria  auf  einer  rotfigurigen  Vase: 
G.  I.  Gr.  7468;  vgl.  Heydemann,  Satyr-  und 
Bakchennamen  S.  29.  R.]  [v.  Sybel.] 

Chios  {Xiog),  1)  Sohn  des  Poseidon  und  einer 
Nymphe  auf  Chios,  nach  welchem  diese  Insel 
benannt  sein  soll.  Er  ward  geboren,  während 
Schnee  vom  Himmel  fiel , weshalb  Poseidon 
ihn  Chios  nannte,  Paus.  7,  4,  6.  — 2)  Sohn 
des  Okeanos,  von  welchem  die  Insel  Chios 
den  Namen  hatte,  Steph.  Byz.  s.  v.  Xi og,  wo 
statt  Xiov  z yg  ’Slyisuvov  zu  schreiben  zov  Lix. 
Er  fügt  hinzu : ?j  onto  vvgipgg  zrj g Xiovo g { Xib - 
vgg?  Plin.  N.  H.  5,  38).  [Stoll.] 

Chitone  {Xizoivy,  Xizavia  Epich.  b.  Steph. 
Byz.  s.  v.  Xizcövrj , Xizcovsa  Athen.  14 , 27 
p.  629  e),  Beiname  der  Artemis  (s.  d.)  in  Be- 
zug auf  den  iizwv , mit  welchem  sie  darge- 
stellt  wurde , Steph.  Byz.  s.  v.  Eggicov  (hier 
absol.).  ln  Syrakus  tanzten  Mädchen  in  sol- 
chem iizcov  ihr  zu  Ehren  einen  besonderen 
Tanz , der  von  Flötenspiel  begleitet  wurde 
{Athen,  a.  a.  O.).  Nach  Kallim.  li.  1,  77  Schol., 
3,  225  (absol.)  wurde  sie  auch  zu  Milet  ver- 
ehrt. Der  Schol.  zu  ersterer  Stelle  leitet  den 
Namen  von  dem  attischen  Demos  Xizwvy  ab, 
was  wohl  umgekehrt  auf  den  Kult  der  Göttin 
an  diesem  Orte  hin  weist.  [Steuding.] 

Chlemos  {Xlipog),  ein  Lykier,  Sohn  des 
Peisenor,  vor  Troja  von  Meriones  getötet, 
Quint.  Smyrn.  8,  101.  [Stoll.] 

Chloe  {Xlorf , Name  der  Demeter  (s.  d.) 
als  Hüterin  der  grünenden  Saat  (vgl.  A.  %kor]- 
cpogog,  sv%loog ) Athen.  14,  10  p.  618  d,  attische 
Inschrift  bei  Bocckh , ind.  lect.  univ.  Berol. 
1835 — 36  p.  404.  Dieser  wurden  vor  allem 
die  XXöutx  am  6.  Tliargelion  mit  Widderopfern 
und  Spielen  in  Athen  gefeiert  {Schol.  z.  Soph. 
0.  C.  1600,  Plesych.).  Ihr  Heiligtum  daselbst 
in  der  Nähe  der  Akropolis  erwähnt  Paus.  1, 
22,  3 (vgl.  Ge  Kurotrophos)  u.  Ar  ist.  Lys.  835; 
s.  auch  Eust.  zu  Hom.  p.  772,  62;  ein  anderes 
svyloov  AfgirjzQog  auf  einem  Hügel  bei  Kolo- 
nos erwähnt  Soph.  a.  a.  0.  [Steuding.  j 
Cllloris  {Xlcogig , idog  f.  von  jTcopog) , 1) 
Nymphe,  gleichgesetzt  der  Flora;  im  Früh- 
ling vermählt  sich  ihr  Zephyr os,  Ov.  fast. 
5,  195 fF.  Pompejan.  Wandgem.,  Helbig  n.  974. 
Chloris  von  Boreas  geraubt,  f.  L.  bei  Plut. 
flum.  5,  3,  s.  Chione  2.  — 2)  die  Mutter  des 
thessalisclren  Mopsos,  von  Ampykos,  Hyg. 
f.  14.  Schol.  Ap.  Bhod.  Arg.  1,  65;  war  Toch- 
ter des  Orcliomenos,  Tzetz.  Lyk.  881.  — 3) 
Gemahlin  des  Neleus  von  Pylos,  war  eine 
Tochter  Amphions,  der  Od.  11,  281  (dazu 
Paus.  9,  36.  10,  29)  Iaside,  König  von  Or- 
chomenos  {Strabo  8 , 347)  und  Gemahl  der 
Minyastocliter  Persephone  {Pherekydes  bei 
Schol.  Od.)  heifst,  dagegen  Hyg.  10,  69  und 
Apollod.  3,  5,  ß König  von  Theben  und  Ge- 
mahl der  Niobe.  Nach  dem  Tod  der  Kinder 
erhenkt  sich  Chloris,  Schol.  II.  11,692.  Stark, 
Niobe  359.  — 4)  Zu  Argos  im  Tempel  der 
Leto;  neben  deren  Bild  stand  der  Niobide 
(s.  vorher,  auch  Tzetz.  Chil.  4,  422)  Chloris’ 
Bild  (wie  jenes  von  Praxiteles?  Overb.  Plastik 3 
2,  25) ; nach  dortiger  Sage  hatte  sie  mit  ihrem 
Bruder  Amy kl as  den  Tempel  gebaut,  als  die 
auf  Gebet  zu  Leto  einzig  verschonten  Niobi- 


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Chnas 


Chromios 


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den;  von  Schrecken  gebleicht,  erhielt  sie  den 
Namen  Chloris ; früher  hiefs  sie  Meliboia, 
Paus.  2,  21,  10.  Amyklas  und  Meliboia  hiefsen 
die  Geretteten  bei  Telesilla,  Amphion  und  Chlo- 
ris bei  anderen  ( Apollod .),  Chloris  bei  Hygin. 
In  Olympia  soll  Chloris,  nach  dortiger  Sage, 
an  den  H e r ä e n im  Lauf  gesiegt  haben,  Paus. 

5,  16,  3.  In  der  delphischen  Lesche  hatte  Poly- 
gnot  sie  gemalt,  auf  Thyias  Knieen  sitzend 
Paus.  10,  29.  [v.  Sybel.]  l 

Chnas  (Xväg),  der  Heros  eponymos  des  Lan- 
des Xvä  — Phönicien  ( Hecat . bei  Müller,  fr. 
h.  gr.  1,  17,  254),  welcher  mit  Agenor,  dem 
Vater  des  Phoinix  ( Choerob . bei  Bekk.  An. 
1181,  20.  Etym.  Magn.  635,  30),  oder  mit  letz- 
terem selbst  identificiert  wurde  (Phil.  Bybl. 
bei  Euseb.  pr.  ev.  1,  10,  39).  Auch  auf  phö- 
nicischen  Münzen  findet  er  sich,  Eckhel,  d.  n. 
v.  4,  409.  Xvcc  ist  jedenfalls  = )5?33  , denn 
i es  wurde  ja  auch  Phönicien  zu  Kanaan  ge-  2 
rechnet,  vergl.  E.  W.  Schultz  in  Herzogs  B.-E. 
s.  v.  Canaan.  S.  Clianaan.  [Steuding.] 

Clinnbis,  eine  ägyptische  Gottheit,  die  in 
der  Gegend  von  Syene  verehrt  wurde,  auf 
einer  Inschrift  daher  C.  I.  L.  3,  75:  I 0 M. 
Hammoni.  Chnubidi  \ lunoni.  Beginae  etc.  (203 
n.  Chr.)  und  einer  solchen  von  der  Insel  Esse- 

• hei,  ebenda  in  den  Katarakten,  C.  I.  Gr.  3, 

• 4893,  1 ...  . Xvovßsi  zip  ual  "ly/icovi,  Eäzsi 
Ti]  Kal  'Hqk,  ’Avovksl  tt)  Kal  ’EovCu  etc.  Die- 

| ser  Trias  war  nach  Champollion,  lettr.  ecr.  d'Eg. 
p.  111  auch  der  Tempel  auf  Elephantine  ge- 
weiht. In  derselben  Inschrift  deuten  dann 
noch  die  Namen  Wsvxvovßig,  Xytvixvovßiog, 
i näxvovßig  auf  den  Kultus  dieser  Gottheit. 
Sicher  war  die  etwas  weiter  nilabwärts  ge- 
legene Stadt  Xvovßig,  in  welcher  ein  Tempel 
des  Anubis  erwähnt  wird  (Ptol.  4,  5,  73),  eben- 
falls eine  Stätte  seiner  Verehrung.  Nach  dem 
Gotte  ist  wohl  der  König  Xvovßog  TvEvgog  ge- 
nannt, dessen  Name  durch  Xgvögg  Xgvoov  i uog 
erklärt  wird  (Eratostli.  12  bei  Syncell.  96  C,  in 
Müller,  fr.  h.  gr.  2,  545).  Mit  Xvovßig  identisch 
ist  Kvovipig,  der  nach  Strabo  17,  48  p.  817 
auf  der  Insel  Elephantine  bei  Syene  (s.  o.) 
einen  Tempel  mit  Nilmesser  besafs.  Wenn 
nun  auch  Chnubis  oben,  dem  Gebrauch  einer 
bestimmten  Zeit  entsprechend  (siehe  Ammon 
ob.  p.  285,  20),  dem  Juppiter  Ammon  gleich- 
gesetzt ist,  so  ist  dieser  doch  ursprünglich  von 
Chnubis  oder  Knuphis  (=  Kneph)  streng  zu 
scheiden  (vgl.  ob.  284,  30).  [Steuding.] 
Choirile  (XoigiAg,  Xogihq  Suid.  Xoigvlhq  He- 
i rodian.  Epim.  p.  153),  Beiname  der'Endßr]  Suid. 
s.  v.,  Philochoros  b.  d.  Schol.  z.  Eurip.  Hec.  3. 
Letzterer  leitet  den  Namen  von  xoigog  ab  und 
bezieht  ihn  auf  ihre  Fruchtbarkeit.  [Steuding.] 
Choiros  (Xoigog),  eine  Mänade:  C.  I.  Gr. 
8378.  Heydemann , Satyr-  und  Bakchennamen 
15.  39.  [Roscher.  ] 

Chomisdaites  (Xcogiodaizrjg)  , 6 HgaKlgg, 
Suid.  s.  Chon.  [Steuding.] 

Chon  (Xäv) , ägyptische  Gottheit,  die  mit 
Herakles  identificiert  wurde.  Der  Stamm  der 
Xävsg  am  Meerbusen  von  Tarent  soll  nach 
ihr  genannt  worden  sein,  Etym.  M.  816,  29 
p.  740  S.  Nach  Jablonslc.  (vgl.  Stcph.  thes.  s.  v.) 
ist  ägypt.  chom  = virtus  u.  potcntia ; vergl. 

Koscher,  Lexikon  der  gr.  u.  rüm.  Mythol. 


Macrob.  Sat.  1,  20,  6 ff.  Auf  diesen  Stamm 
geht  vielleicht  auch  XcofiiGSairgg'  o IlgaKlrig 
(Suid.)  zurück.  [Steuding.] 

Choraios  (Xcogaiog),  Vater  der  KaXUO-ta, 
der  Gemahlin  des  Atys,  Dion.  Hai.  1,  27. 
Derselbe  ist  als  eine  Personifikation  von  igcc 
zu  betrachten , wie  auch  seine  beiden  Enkel 
AvSog  u.  Tvggrjvog  eponyme  Heroen  von  Län 
dern  sind.  [Steuding.] 

Choranthe  (Xogäv&rj),  Mainade : Heydemann, 
Satyr-  u.  Bakchennamen  30  u.  39.  [Roscher.] 
Clioreia  (Xogsia),  eine  Mänade:  G.  I.  Gr. 
8387.  Heydemann  a.  a.  0.  17.  39.  [Roscher.] 
Chorikos  , ein  König  in  Arkadien , dessen 
Söhne  Plexippos  und  Enetos  die  Ringkunst  er- 
funden hatten  und  vor  dem  Vater  bei  festli- 
chen Spielen  übten.  Dies  verriet  Palaistra,  die 
Schwester  derselben,  ihrem  Geliebten  Mercu- 
rius,  der  jene  Kunst  vervollkommnete  und  die 
Menschen  lehrte.  So  galt  Mercurius  für  den 
Erfinder  der  Ringkunst.  Als  die  Söhne  dem 
Vater  den  Verrat  der  Schwester  meldeten, 
ward  er  zornig  über  die  Söhne , dafs  sie  den 
Mercurius  als  Dieb  nicht  verfolgten.  Als  diese 
darauf  den  Mercurius  auf  einem  Berge  schla- 
fend fanden , hieben  sie  ihm  die  Hände  ab, 
und  daher  hiefs  der  Gott  und  der  Berg  Cylle- 
nius,  von  k vllog,  d.  h.  der  verstümmelte  (Nie- 
der hat.  Als  Mercurius  dies  dem  Iuppiter 
klagte,  wurde  Chorikos  abgehäutet  und  in  einen 
Schlauch  verwandelt;  seine  neue  Kunst  aber 
nannte  Mercurius  nach  der  Geliebten  Palaistra, 
Serv.  Verg.  Aen.  8 , 138.  Der  Name  Chorikos 
scheint  zurückgeführt  werden  zu  müssen  auf 
KiogvKog,  d.  i.  der  grofse  lederne,  mit  Sand 
gefüllte  Sack,  der  in  den  Gymnasien  von  den 
Athleten  geschwungen  wurde.  [Stoll .] 

Chorillos  (XogiUog),  Satyrname  auf  zwei 
Berliner  Vasen:  Heydemann , Satyr-  und  Bak- 
chennamen 23  u.  25.  [Roscher.] 

Clioro  (Xogco),  1)  Nereide:  C.  1.  Gr.  7398. 
— 2)  Mainade:  C.  I.  Gr.  7461.  Heydemann, 
Sat.-  u.  Bakchennamen  12.  25.  39.  [Roscher.] 
Chorochartes  (XogoxagT-qg) , Satyrname  auf 
einer  Berliner  Vase:  Heydemann , Satyr-  und 
Bakchennamen  24  u.  36.  [Roscher.] 

Ckorouike  (XogovUrf),  1)  eine  Mänade:  C.  I. 
Gr.  7452  (?)  = Choranthe?  (s.  d.).  — 2)  Muse(?): 
C.  I.  Gr.  7815.  Vgl.  Bödiger  in  den  Jahrbb. 
f.  dass.  Philol.  Suppl.  8.  S.  278.  | Roscher.] 

Chromia  (Xgof. hu),  Tochter  des  Itonos,  Ge- 
mahlin des  Endymion,  Paus.  5,  1,  2.  [Stoll.] 
Chromios  (Xgoyiog),  1)  Sohn  des  Pterelaos, 
Apollod.  2,  4,  5.  Tzetz.  Lyk.  932.  — 2)  Sohn 
des  Priamos,  von  Diomedes  mit  seinem  Bru- 
der Echemon  erlegt,  Hom.  II.  5,  160.  Tzetz. 
Homerica  68.  Apollod.  3,12,5.  — 3)  Sohn 
des  Neleus  und  der  Chloris,  Bruder  des  Nestor, 
Hom.  Od,  11,  286.  Schol.  Ap.  Bhod.  1,  152. 
156.  Schol.  II.  11,  692.  Wohl  derselbe,  wel- 
cher II.  4,  295  ein  Genosse  und  Unteranführer 
des  Nestor  heifst.  — 4)  Ein  Troer,  von  Teukros 
erlegt,  Hom.  II.  8,  275.  — 5)  Ein  Lykier,  von 
Odysseus  vor  Troja  erschlagen,  II.  6,  677. 
Tzetz.  Homer.  97.  — ß)  Ein  Grieche  aus  My- 
kene (oder  Lakedaimon),  vor  Troja  von  Eury- 
pylos  erschlagen,  Quint.  Smyrn.  6,  616,  — 7) 
Ein  Bundesgenosse  der  Troer,  wohl  derselbe, 

29 


899  Chromis 

welcher  II.  2,  858  unter  dem  Namen  Chromis 
(s.  d.  No.  1)  Anführer  der  Myser  ist,  II.  17, 
218.  494.  534.  [Stoll.] 

Chromis  (Xqo/iis)  , 1)  Bundesgenosse  der 
Troer,  der  mit  Ennomos  diesen  eine  Schar 
der  Mysier  zu  Hilfe  führt,  Ilom.  II.  2,  858. 
Dict.  2,  35  (Chromius).  — 2)  Ein  Geführte 
des  Phineus , der  auf  der  Hochzeit  des  Per- 
seus den  Emathion  tötete,  Ovid.  Met.  5,  103. 
— 8)  Ein  Kentaur,  auf  der  Hochzeit  des  Pei- 
rithoos  von  diesem  erschlagen , Ovid.  Met. 
12,  333.  — 4)  Ein  junger  Satyr,  Vera.  Buc. 
G,  13  u.  Serv.  [Stoll.] 

Chronos  ( Xqovo g),  1)  die  personificierte  Zeit, 
welche  in  der  orphischen  Kosmogonie  [und  bei 
Pherelvydes  von  Syros,  vergl.  Diog.  L.  1,  119 
(=1,11,  6).  Creuzer , Symb.3  1,  28.  4,  79.  81] 
die  Rolle  eines  Urgrundes  aller  Dinge  spielte 
(. Proc . in  Grat.  p.  71  Boiss .;  vgl.  ebenda  p.  64.  in 
Tim,.  1 , 86.  in  Theol.  1 , 28 , 68.  in  Farm.  7, 
230.  Damasc.  de  Princ.  1, 198.  Philo  p.  952  B.; 
s.  Lobeck,  Aglaoph.  470  ff.  u.  vgl.  Pind.  Ol.  2,  19  : 
%Qovog  o nccvtcov  naxriQ) , also  eine  ähnliche 
Personifikation  wie  Kairos,  Eniautos  und  Aion 
(s.  d.),  der  von  Eur.  Heracl.  900,  vielleicht  im 
Anschlufs  an  orphische  Vorstellungen,  Xqovov 
naig  genannt  wird  (vgl.  Eur.  fr.  223  Nauclc,  wo 
zUnrj  (als  Höre?)  ebenfalls  Xqovov  n uig  heilst, 
während  derselbe  Dichter  sie  fr.  150  nodg  Aiog 
nennt).  In  den  späten  orph.  Hymnen  wird  Chro- 
nos (xqo vog‘?)  Sohn  der  Selene  (9 [8],  5)  oder 
des  Herakles  (12 [11],  3),  in  dem  orphischen 
Fragm.  bei  Scholl  Ap.  Rh.  3,  26  (p.  482  H.)  Vater 
des  Eros  und  der  Winde  {nvsvyaxa),  bei  Nonnos 
Vater  der  Horen  genannt  {Dion.  12,  15.  96;  vgl. 
ib.  2,  422  :e£o[i£vog  (Zeus)  nxsQoevzi  Xqovov  {Kqo- 
vov  G)  xszQcc&yt,  dicpQco  und  3 , 197,  wo  von 
ninlu  Xqovov  die  Rede  ist;  s.  auch  Stob.  ecl. 
1,2,  31).  In  dem  Epigramm  Anth.  7,  245 
(vergl.  Eaibel,  epigr.  gr.  27)  wird  er  a Xqovs 
ncivxoLcov  d'vgzokg  nuvsnioyione  8ciiyov\  (vergl. 
Soph.  fr.  280 N.)  angerufen  und  gebeten  Ver- 
künder der  Leiden  zu  sein , welche  die  bei 
Chaironeia  gefallenen  hellenischen  Freiheits- 
kämpfer erduldet.  Bildlich  dargestellt  er- 
scheint Chronos  (durch  Beischrift  gesichert)  in 
dem  Relief  der  sogen.  Apotheose  Homers,  und 
zwar  beflügelt,  neben  ihm  Oikumene,  zwei 
Rollen  (Ilias  u.  Oclysseia)  in  den  Händen  haltend, 
um  die  Unvergänglichkeit  der  homerischen  Ge- 
dichte anzudeuten:  Müller- Wieseler,  I).  a.  K. 
2,  742  u.  968  ( Müller , Hdb.  d.  Arch.  399,  3). 
Nach  Anth.  9, 499  scheint  man  sich  den  Chro- 
nos altersgrau  ( nohog ) vorgestellt  zu  haben 
(vgl.  Luc.  Am.  12  ysQOVxog  xqovov.  Eiphil.  4, 
414 M.  noXiog  xe%vix r\g  soxlv  6 %Qovog).  Über 
die  schon  aus  dem  Altertum  stammende  (s.  die 
Stellen  bei  Buttmann,  Mythol.  2,  32.  Lobeck 
a.  a.  0.470),  aber  nicht  haltbare  ( Gurtius , Grund- 
züge5 154f.  200)  Gleichsetzung  von  Xgovog  und 
KQovog  {Flut,  de  Is.  32),  für  welche  sich  neuer- 
dings Buttmann  ( Mythol . 2,  31  ff.)  und  Welcher, 
gr.G.-L.  1,  140  ff  entschieden  haben,  s.  Preller, 
gr.  Mytliol ,4  1,  51  Anm.  1.  Wenn  nach  Gel- 
lius,  N.  A.  12,  11,  7 ein  alter  (griechischer?) 
Dichter  die  Veritas  {’Aly&eux,  s.  d.)  eine  Tochter 
der  Zeit  (Tempus  = XQÖvogl)  nennt,  während 
Flut.  Q.  Bom.  11  u.  12  Kronos  (Saturnus)  als 


Chrysas 


900 


Vater  der  Wahrheit  bezeichnet,  so  beruht  die 
letztere  Vorstellung  wohl  auch  auf  der  Identi- 
ficierung  von  Xgovog  und  Koovog  und  auf  dem 
Gedanken,  dafs  die  Zeit  alles  ans  Licht  bringe 
{Buttmann  a.  a.  0.  32  Anm.).  Auf  späteren 
Kaisermünzen  ist  Saturnus  (s.  d.)  mit  Xgovog 
(—  Kgovog)  gleichbedeutend  ( Eckhel , D.  N. 
7,  381.  Preller,  B.  AI.3  2,  23,  3).  Von  den 
griechischen  Tragikern  verrät  zuerst  Sophokles 
io  eine  Neigung  die  Zeit  personificiert  zu  denken 
(vgl.  El.  179  Xgovog  yuQ  svyaQrjg  ffsög.  Frgm. 
280  (vgl.  Oed.  T.  1213):  6 ndvQ’’  oqcöv  xat  ndvx 
cchovcov  ndvx’  dvanzvoon  %Qovog. — 2)Rofsdes 
Helios  (?):  Schol.  Eur.  Phoen.  3.  [Roscher.] 
Clirysantliis  {XQvoavO'ig) , eine  Argiverin, 
die  nach  der  argivischen  Sage  der  die  Toch- 
ter suchenden  Demeter , als  sie  nach  Argos 
kam,  den  Raub  der  Tochter  erzählte,  Paus.  1, 
14,  2.  Die  mit  Eleusis  und  Athen  rivalisie- 
20  renden  Argiver  verlegten  den  Raub  der  Per- 
sephone an  den  Flufs  Cheimarros  in  die  Nähe 
von  Lerna,  Paus.  2,  36,  7.  [Stoll.] 

Clirysaor  {Xqvoo:coq).  1)  Als  Perseus  der 
Gorgo  Medusa  das  Haupt  abschlug,  sprangen 
aus  dem  Halse  derselben  das  Flügelrofs  Pega- 
sos  und  der  grofse  Clirysaor,  beide  eine  Frucht 
des  Umgangs  des  Poseidon  mit  Medusa.  Pega- 
sos  wird  erklärt  als  die  geflügelte  Donnerwolke, 
Chry saor  (=  Goldschwert)  als  Personifikation  des 
30  blitzenden  Feuerstrahls,  nach  andern  ist  er  ein 


Bild  des  Regens.  Mit  der  Okeanide  Kallirrhoe 


zeugte  er  den  Geryones  und  die  Echidna,  Hes. 
Theog.  278ff.  979ff.  Hygin.  praef.  f.  30.  151. 
Apoilod.  2,  4,  2.  2,  5,  10  und  Heyne,  Observ. 
p.  125.  Tzetz.  Lyk.  17.  Eiod.  4,  17.  18.  Nach 
Steph.  Bys.  s.  v.  EvQconog  war  Chrysaor  Vater 
des  ldrieus,  von  dem  eine  lrarische  Stadt,  die 
früher  Chrysaoris  geheifsen,  den  Namen  Idrias 
erhielt.  — Schümann,  Opusc.  Ac.  2 p.  205 f. 
io  Schivenck,  Etymol.-myth.  Andeutungen  S.  232. 
Völcker,  Iap.  Gesell.  S.  205.  209.  232  ff.  Prel- 
ler, Gr.  Mythol.  2,  65.  202.  Braun,  Griecli. 
Götter-Lehre  §.  106 — 110.  Fischer,  Belleroplion 
S.  88.  Boscher,  Gorgonen  S.  115.  — 2)  Xqv- 
gÜcoq  und  Xqvouoqo g (mit  goldner  Waffe)  Bei- 
name verschiedener  Götter:  des  Apollon, 
Ilom.  II.  5,  509  u.  Schol.  15,  256.  Jl.  in  Ap. 
Del.  123.  in  Ap.  Pyth.  214.  Hes.  Opp.  771. 
Pind.  Pyth.  5,  97.  Orph.  Arg.  138.  Welcher, 
50  Griecli.  Götterl.  1.  S.  536.  Boeckh,  Explic.  ad 
Pind.  Pyth.  5 p.  293.  — Der  Demeter  (nach 
der  Sichel?) , Ilom.  H.  in  Cerer.  4.  Preller, 
Demeter  S.  77.  Welcher  a.  a.  O.  — Der  Ar- 
temis, Herodot.  8,  77.  — Xqvgcccoq  u.  Xqvok- 
oqsv g,  auch  XQVOaoQiog  {C.  I.  G.  n.  2720.  2721), 
Beiname  des  Zeus  zu  Stratonikeia  (das  frü- 
her XQVGaoQig  hiefs,  Paus.  5,  21,  5)  in  Karien, 
nach  dem  von  ihm  geführten  Doppelbeil,  Strab. 
14.  p.  660.  Overbeck,  Kunstmyth.  d.  Z.  S.  269  f. 
eo  Schümann,  Opusc.  Ac.  2.  p.  206.  s.  Zeus.  — 
Auch  Orpheus  lieifst  xQvcdoQog  Find.  fr. 
inc.  84  Boeckh,  und  Perseus  wegen  seiner 
Harpe,  Orph.  Litli.  15,  41.  [Stoll.] 

Chrysas,  der  Gott  des  gleichnamigen  Flus- 
ses in  Sicilien,  welcher  ein  Marmorstancibild 
und  ein  Heiligtum  bei  Assorus  hatte , Cic. 
Verr.  4,  44,  96.  Sil.  It.  14,  229;  auf  Münzen 
bei  Eckhel,  D.  N.  1,  198  (Crysas).  [Steuding.] 


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901  Chryse 

Chryse  ( Xqvgt 7,  r\g  f.  Xqvgk,  Strabo  u.  Quint. 
Smyrn.) , 1)  eine  der  Kultstätten  des  sminthi- 
schen  Apollon,  II.  1,  30  u.  ö.  Soph.  ( Lern - 
niai  und  Aiclimalotides)  bei  Steph.  Byz.  s.  v. 
Ov.  met.  13,  174.  Quint.  Smyrn.  7,  402.  14, 
412.  — Strabo  13,  604  611ff.  setzt  die  homer. 
Stätte  in  die  Gegend  von  Adramyttion  und  unter- 
scheidet sie  von  dem  historischen  Ort  (gvvv  Xgv- 
oa)  bei  Hamaxitos  (j.  Karliköi),  der  später  mit 
Alexandreia  Troas  vereint  wurde,  605.  611  ff.; 
vergl.  Plin.  5,  30.  Eust.  z.  II.  77.  — 2)  (auch 
XQvoij  geschrieben)  Göttin  auf  L e m n o s (Chryse 
Athena,  Schot.  11.  2,  722;  hypoth.  metr.  Soph. 
Phil.;  Schol.  Soph.  Phil.  194;  Eust.  330,  11) 
oder  auf  einem  gleichnamigen  Inselchen  bei 
Leinnos , in  der  Tragödie.  An  ihrem  Altar 
ward  Philo ktetes  (s.  d.)  von  dem  Hydros 
gebissen,  Overb.  Gail.  324 ff.  Milani  Annali 
1881,  249  ff. ; auf  Lemnos  selbst,  auf  Anstiften 
der  Hera,  als  Philoktetes  den  (nur  ihm  von 
seiner  früheren  Anwesenheit  mit  Herakles  be- 
kannten) Altar  suchte,  an  welchem  die  Grie- 
chen opfern  mufsten , wenn  sie  die  Troer  be- 
siegen sollten,  Eur.  Pliiloct.  (aufgeführt  Ol. 
87,  1).  Hygin.  f.  102;  hypoth.  metr.  Soph.  Phil.; 
Dio  Chrys.  59.  Pliilostr.  im.  17 ; vergl.  Dar  es 
15 ; C.  I.  Gr,  n.  8403 ; nach  Soph.  Philoktet  (auf- 
geführt Ol.  92,  3)  auf  dem  Inselchen  Chryse 
(v.  270;  vgl.  Soph.  Lemn.  Erg.  352),  als  Phi- 
loktetes der  den  geweihten  Bezirk  der  Nymphe 
Chryse  (v.  194)  hütenden  Schlange  (cpvXulg, 
oIhovqos  ocpig  v.  1326,  vgl.  die  attische  Burg- 
schlange, Htrod.  8,41)  zu  nahe  kam;  cöyocpQaiv 
heifst  die  Nymphe  v.  194,  nach  dem  Schol., 
weil  sie  den  Piloktetes , der  ihre  Liebe  ver- 
schmähte, verfluchte.  Die  Schlange  ward  von 
Odysseus  getötet,  Dictys  2,  14.  Das  Inselchen 
soll  untergegangen  sein  (vergl.  Onomalcritos' 
Weissagung  bei  Herocl.  7,  6),  Paus.  8,  33,  4. 
Doch  zeigte  man  auf  einer  wüsten  Insel  bei 
Lemnos  einen  Altar  Philoktets , eine  eherne 
Schlange,  Bogen  und  Panzer,  Appian.  Mithrid. 
77;  Neai  heifst  das  Inselchen  bei  Steph.  Byz. 
s.  v.  — Herakles  hatte  nach  seiner  Fahrt 
nach  Troja  an  dem  Altar  geopfert,  in  Gegen- 
wart des  Philoktet,  Schol.  Soph.  Phil.  194. 
Pliilostr.  im.  17.  Steph.  Byz.  Neon.  Flasch, 
Angebliche  Argonautenbilder  13  ff.  C.  I.  Gr. 
n.  8430,  vgl.  aber  Aldenhoven,  Ann.  1873,  69  ff'. 
— Iason  hatte  auf  dem  Argonautenzug  den 
Altar  gestiftet,  Pliilostr.  im.  17.  Chryse  als 
Mondgöttin  erklärt  von  Welcher,  Götterl.  1,  307. 
Preller-Plew  1,  160,  5.  Pervanoglu,  Arcli.  Ztg. 
32,  110;  mit  der  thrakischen  Bendis  identi- 
ficiert  von  Petersen,  Gr.  Mytliol.  294.  Preller- 
Plew  1,  160,  5.  — 3)  Chrysa  in  Athen,  in 
der  Gegend  der  Pnyx,  Plut.  Thes.  27  xard 
t rjv  Xqvgccv.  — 4)  zu  Or ch omen os  in  Boio- 
tien,  Tochter  des  Almos  (Haimos);  von  Ares 
Mutter  des  Phlegyas,  welcher  dem  Almos  in 
i der  Herrschaft  folgte,  Paus.  9,  36.  Vgl.  Müller, 
Hell.  Stämme  1,137. — 5)  vermähltmit  Darda- 
nos  (s.  d.)  [ — 6)  Bakchantin:  Heydemann,  Sa- 
i tyr-  u.  Bakchennamen  14  u.  39.  R.]  [v.  Sybel.] 

Cliryseis  (XgvGrgg) , 1)  Tochter  des  Chry- 
ses,  Apollopriesters  in  Chryse  (s.  d.),  von  Achil- 
. leus  auf  einem  Streifzuge  erbeutet  und  dem 
Agamemnon  als  Sklavin  zugeteilt  (II.  1,  366  ff.). 


Clnysippos  902 

Als  ihr  Vater  kam,  um  sie  auszulösen,  wurde 
er  schroff  von  Agamemnon  abgewiesen.  Auf 
sein  Gebet  erzwang  Apollon  durch  Sendung  der 
Pest  ihre  Auslieferung  (II.  1,  9—317.  430ff.). 
Agamemnon  preist  ihre  Schönheit  und  Tugend 
II.  1,  113.  Nach  dem  Schol.  z.  II.  1,  18  hatte 
Achilleus  die  Cliryseis  in  Thebe  erbeutet,  wo- 
hin sie  zum  Besuche  der  Iphinoe,  Schwester 
des  Eetion,  gekommen  war.  Ihr  eigentlicher 
Name  war  Astynome  (s.  d.),  Schol.  z.  II.  1,  392. 
Dict.  2,  28.  Eust.  z.  II.  77,  33.  Nach  Dict. 
Cret.  2,  47  brachte  Chryses,  zum  Dank  für  die 
ihm  zu  Teil  gewordene  reiche  Sühne  (2,  33) 
und  weil  seine  Tochter  gut  behandelt  worden 
war,  die  Astynome  freiwillig  zu  Agamemnon 
zurück.  Hyg.  /'.  121  nennt  ihren  Sohn  Chry- 
ses (s.  d.),  nach  Et.  M.  815,  56  u.  Tzetz.  Lyk. 
183  soll  sie  auch  eine  Tochter  Ipliigeneia  gehabt 
haben.  S.  auch  Chryses  4.  Hinsichtlich  der 
die  Chryseis  betr.  Bildwerke  vgl.  Overbeck, 
Bildw.  d.  tlieb.  u.  tro.  H.  S.  376  u.  384ff  Vgl. 
auch  C.  I.  Gr.  6125  u.  6129  b.  — 2)  eine  von 
den  50  Töchtern  des  Thespios,  von  Herakles 
Mutter  des  Onesippos:  Apollod.  2,  7,  8.  — 3) 
eine  Tochter  des  Okeanos  und  der  Tethys:  Hy. 
Cer.  421.  Hes.  Th.  359  (wo  auch  KQgvgCg  oder 
Kqlggi jt's  gelesen  wird).  [Roscher.] 

Chryses,  -ae  (X gvGrjs,  ov),  1)  zu  Orchome- 
nos  in  Boiotien;  Sohn  der  Chrysogeneia  (Almos’ 
Tochter)  von  Poseidon;  Vater  des  Minyas,  Paus. 
9,  36,  4.  — 2)  auf  Paros,  s.  Brüder  Eurymedon, 
Nephalion  und  Philolaos,  Söhne  der  Nymphe 
Pareia  von  Minos,  Paus.  3,  1,  2,  5;  die  vier 
Brüder  getötet  von  Herakles  (auf  dessen  Zug 
gegen  die  Amazonen),  nachdem  sie  zwei  seiner 
Gefährten,  die  gelandet  waren,  erschlagen  hat- 
ten, Apollod.  2,  5,  9,  3.  — 3)  Priester  des  Apol- 
lon von  Chryse  (s.  d.),  Vater  der  Chryseis  (s.  d.), 
Ilias  A ein  Haupttriebrad  der  Handlung,  Plato 
rep.  3,  393  d.  Strabo  13,  612.  Tabula  lliaca. 
Chryses  betend,  V.-B.  aus  Ruvo,  Arcli.  Zeitg. 
30,  43.  Kqiotvg  nebst  KgiGgi g auf  V.-B.,  Arcli. 
Ztg.  40,  4.  Chryses  und  Brises  (Brisei's’  Vater) 
Söhne  des  Ardys,  Eust.  II.  77,  31.  Weiteres 
unter  Chryses  Nr.  4.  — 4)  Sohn  der  Chryseis 
(s.  d.)  von  Agamemnon.  Schwanger  kam  sie 
zu  ihrem  Vater  nach  Sminthe  zurück;  den  hier 
gebornen  Chryses  gab  sie  für  Apollons  Sohn 
aus.  Als  aber  Orestes  und  Ipliigeneia  auf 
der  Flucht  vor  Thoas  dahin  kamen  und  der 
Priester  Chryses  (3)  sie  ausliefern  wollte,  be- 
kannte Chryseis , ihr  Kind  sei  Agamemnons 
Sohn,  also  Orests  Bruder,  worauf  die  Brüder  den 
Thoas  töteten,  Hyg.  f.  121.  Über  Sophokles'  u. 
Pacuvius'  Tragöd.  s.  Naelce,opusc.  1, 91.  0.  Jahn, 
Hermes  1,  233.  Bibbeck,Böm.  Trag.  248 ff.  Der 
letztere  bezieht  (a.  a.  0.  250)  hierher  das  pom- 
peianische  Wandgemälde  Heilig  n.  1333.  Bo- 
ber t , Arcli.  Ztg.  33,  134.  145.  [v.  Sybel.] 

Chrysippe  (XguGiincg),  eine  Danaide.  Siehe 
Chrysippos  No.  1.  [Stoll.] 

Chrysippos  (Xgcainnog),  1)  Sohn  des  Aigyptos, 
vermählt  mit  der  Danaide  Chrysippe , Apollod. 
2,  1,  5.  Hyg.  f.  170.  — 2)  Sohn  des  Pelops  und 
der  Nymphe  Axioche  (Schol.  Pind.  Ol.  1,  144. 
Schol.  Eurip.  Orest.  5;  vgl.  Hellan.  b.  Schol. 
Hom.  II.  2,  105)  oder  der  Danais  (Plut.  parall. 
Gr.  et  Born.  li.  33),  Stiefbruder  des  Atreus, 

29* 


903 


Chrysippos 


Chrysippos 


904 


Thyestes,  Pittheus  u.  a.  (s.  Pelops).  Der  Tlie- 
bauer  Laios,  von  Zethos  und  Amphion  aus  der 
Heimat  vertrieben  und  von  Pelops  gastlich 
aufgenommen,  gewann  den  schönen  Jüngling 
Chrysippos  lieb,  unterrichtete  ihn  im  Wagen- 
lenken und  raubte  ihn  (von  Hause  oder  von 
den  nemeischen  Spielen,  Hygin.  f.  85)  auf  sei- 
nem Wagen  nach  Theben.  Dies  war  bei  den 
Hellenen  das  erste  Beispiel  von  Knabenliebe. 
Chrysippos  tötet  sich  aus  Scham , Apollod.  3, 

5,  5.  Athen.  13  p.  602  f.  603  a.  Aelian.  H.  An. 

6,  15.  Pseudo- Pisander  b.  Schol.  Pur.  Phoen. 
1760.  Pelops  sprach  über  Laios  den  Fluch  aus, 
wodurch  alles  Unglück  über  die  Labdakiden 
kam,  Schol.  Pur.  Phoen.  66.  Argum.  Phoen.  e 
cod.  Guelph.  bei  Matthiae  p.  155.  Argum.  Ae- 
schyl.  Sept.  c.  Th.  Diese  Form  der  Sage  lag 
dem  Chrysippos  des  Puripides  zu  Grunde,  W el- 
cker,  Gr.  Tr.  2.  S.  533.  Trilogie  354.  Nauck, 
Frgm.  tr.  gr.  497.  Preller,  Gr.  M.  2.  S.  343. 
347,  1.  Gerhard , Gr.  M.  § 742.  Bildwerke: 
Gerhard,  Apulische  Vasen  Tf.  5.  Overheck,  Gdll. 
S.  3 ff.  Ann.  dell'  Inst.  1866,  371  ff.  u.  beist. 
Abbildg.  Vgl.  auch  C.  I.  Gr.  8487  und  die 
dort  angegebene  Litteratur.  Die  sikyonische 


S.  16 ff.  Hyg.  f.  271  nennt  Theseus  den  Räuber 
des  Chrysippos.  — Nach  peloponnesischer 
Sage  fand  Chrysippos  den  Tod  durch  seine 
Stiefbrüder.  Pelops  hatte  zu  seinem  mit  seiner 
ersten  Frau  erzeugten  Sohn  Chrysippos  eine 
solche  Liebe,  dafs  seine  zweite  Frau  Hippoda- 
rneia  (s.  d.)  und  ihre  Söhne  fürchteten,  der  Vater 
möchte  ihm  die  Herrschaft  übergeben.  Sie  ver- 
anlafste  daher  ihre  Söhne  Atreus  und  Thyestes 
io  (nach  megarischer  Sage  den  Alkathoos,  Schol. 
Ap.  Rhod.  1,  517)  ihn  zu  töten,  worauf  sie  die 
Leiche  in  einen  Brunnen  warfen;  oder  sie  ertränk- 
ten ihn  in  einem  Brunnen.  Pelops  verbannte  die 
Mörder  und  sprach  den  Fluch  des  Bruderzwistes 
gegen  sie  aus,  Hellanikos  b.  Schol.  II.  2, 105  (vgl. 
569).  Schol.  Purip.  Orest.  5.  800.  Vgl.  Thuk. 
1,  9.  Paus.  6,  20,  4.  Hippodameia,  von  Pelops 
überführt,  tötet  sich  selbst,  Hygin.  f.  85  u.  243. 
Nach  Paus.  6,  20,  4 floh  Hippodameia  (mit  ihren 
20  Söhnen)  vor  dem  Zorn  des  Pelops  nach  Midea 
in  Argolis.  Nach  Schol.  Thuk.  1,  9 tötete  Pelops 
selbst  den  Chrysippos , und  Atreus  floh  aus 
Furcht  vor  gleichem  Schicksal,  Preller,  Gr. 
M.  2.  S.  387.  Gerhard,  Gr.  M.  § 871.  Welcher, 
Gr.  Tragöd.  2.  S.  536.  Die  beiden  durchaus 


Dichterin  Praxilla  sagte,  dafs  Chrysippos  von 
Zeus  geraubt  worden  sei,  Athen.  13.  p.  603a. 
Vgl.  jedoch  Valckenaer  Diatr.  p.  23.  Nach 
Schneidewin  dichtete  Praxilla,  dafs  der  in  Sikyon 
(oder  Pisa  oder  Tenea)  aufgewachsene  Oidipus 
dem  (nicht  erkannten)  Vater  durch  Entführung 
des  gemeinsamen  Lieblings  zuvorzukommen 
suchte,  dafs  aber  Laios  ihn  einholte,  um  Chry- 
sippos nach  Theben  zu  entführen,  und  nun  in 
dem  Handgemenge  der  Totschlag  des  Vaters  er- 
folgte, Schneidewin,  die  Sage  v.  König  Oidipus 


verschiedenen  Fabeln  von  dem  verhängnisvollen 
Frevel  des  Laios  und  der  Söhne  der  Hippoda- 
eo  meia  an  Chrysippos  sind  von  Hygin.  f.  85  u. 
Tzetz.  Chil.  1,  415—23  dadurch  verknüpft,  dafs 
der  von  Laios  entführte  Chrysippos  sich  nicht 
das  Leben  nimmt,  sondern  durch  Pelops  mit 
Waffengewalt  von  Theben  zurückgeholt  wird, 
worauf  dann  in  Pisa  der  Mord  des  Chrysippos 
durch  die  Brüder  erfolgt.  Eine  Tragödie  Chry- 
sippos schrieben  noch  Diogenes  ( Welcher , Gr. 
Tragöd.  3.  S.  1035  f.),  Lykophron  und  Attius 


905  Chrysis 

(Ribbcck , Rom.  Tragöd.  344;  444  ff.)-  — Hy- 
gin.  f.  271  zählt  den  Clirysippos  unter  den 
Jünglingen  von  ausnehmender  Schönheit  auf: 
Adonis,  Hyakinthos,  Narkissos,  Hylas  u.  a., 
und  Chrysippos  ist  auch  in  seinem  Schicksal  ein 
diesen  ähnliches  Wesen.  Vgl.  Argennos.  — 3) 
Der  Gründer  der  Stadt  Chrysippa  in  Kilikien, 
Steph.  Byz.  s.  v.  XgvGimta.  — 4)  S.  des  Aio- 
los,  Apost.  1,  83.  Arsen.  2,  43.  [Stoll.] 
Chrysis  (XgvGig),  1)  Amazone  auf  einer  Vase 
aus  Nola  in  Neapel  nach  Heydemann , Kata- 
log n.  2613.  [Klügmann.|  — 2)  Bakchantin: 
Heydemann , Satyr-  und  Bakchennamen  14  u. 

I 39.  — 3)  vgl.  C.  I.  Gr.  8487.  [Roscher.] 
Chryso  [Xqvgco 1 öatgtov  Hesycli.) , doch  ist 
wohl  Xqvgw  nach  Analogie  aller  übrigen 
gleichgebildeten  Namen  zu  accentuieren.  Die- 
sem Dämon  des  Goldes  ist  etwa  THovrco  (s.  d.) 
und  SiSgQoa  (s.  d.)  zu  vergleichen.  Vgl.  Try- 
phon  bei  Walz,  rhet.  Gr.  8,  2,  741.  [Steuding.] 
Clirysochoas  (XguGoyocig),  Sohn  des  Nil  und 
der  Garmathone.  Trotz  der  Trauer  über  den 
Tod  desselben  nahm  letztere  die  wandernde 
Isis  gastfreundlich  auf;  zum  Dank  dafür  liefs 
diese  dann  durch  Osiris  den  Clirysochoas  aus 
der  Unterwelt  zurückholen,  Thras.  Mend.  (?)  b. 
Pseudoplut.  de  fluv.  16  in  Müller , fr.  h.  gr.  3, 
502 , 2.  Aus  gleicher  Veranlassung  entreifst 
Terakles  die  Alkestis  dem  Tode , Eurip.  Ale. 

1122  ff.  [Steuding.] 

Chrysocome  (?) : Anth.  lat.  cd.  Riese  1,  267. 

[Roscher.] 

Chrysogeneia  (XQVGoysvfia) , Tochter  des 
disypliiden  Haimos,  welche  dem  Poseidon  den 
Jhryses  gebar,  der  in  dem  goldreichen  Orcho- 
nenos  König  ward,  Paus.  9,  36,  1.  3.  Müller, 
Orchom.  S.  134.  137.  Nach  Schol.  Ap.  Rhod. 
i,  1094  heifst  die  Tochter  des  Haimos  Chry- 
ogone,  von  Poseidon  Mutter  des  Minyas,  der 
.Jrchomenos  gründete.  [Stoll.] 

I Chrysogone  (A 'gvcoyorg),  s.  Chrysogeneia. 

Clirysokomas  {XguGonoga g) , Beiname  des 
Ipollon,  s.  oben  S.  423 , 26  und  Eur.  Troad. 
:54;  vergl.  xgvGoxogog  Mnasalcas  in  d.  Anth. 
Pal.  6,  264;  XQVGonogr]g  Beiname  des  Diony- 
os  Hes.  Theog.  947 ; des  Hymenaios  Philipp. 
Phess.  in  d.  Anth.  Plan.  4, 177;  des  Eros,  Anacr. 
. >ei  Athen.  13  p.  599  c.  Eurip.  Iphig.  Aul.  548; 
les  Zephyros  Plut.  Amat.  20,  2.  [Steuding.] 
I Chrysolaos  (XqvgoXcio g),  ein  Sohn  des  Pria- 
uos,  Hygin.  f.  90.  [Stoll.] 

Chrysomede  (XguGogsög),  Beiname  der  Bak- 
hantin  Chalkomede,  Nonn.  34,  119.  [Steuding.] 
Chrysonoe  ( Xqvgovo? /);  s.  Kleitos. 
Chrysopator  ( XpoGonärcog ),  Name  des  Dio- 
■ysos,  Nonn.  47,  471;  vgl.  Ignigena  Ovid.  M. 
, 12  und  xQvGonciTQog  als  Beinamen  des  Per- 
eus,  Lycophr.  838.  [Steuding.] 

Chrysopeleia  (Ngvoonelsia.) , eine  Baum- 
iymphe,  die,  in  einer  Eiche  wohnend,  Gefahr 
ief,  von  einem  Giefsbach  samt  dem  Baum 
veggerissen  zu  werden.  Da  kam  ihr  Arkas 
u Hilfe,  indem  er  den  Flufs  ablenkte  und  die 
liehe  durch  einen  Damm  schützte.  Aus  Dank- 
'arkeit  willigte  die  Hamadryade  in  eine  Ver- 
indung  und  gebar  dem  Arkas  den  Elatos  und 
epheidas , die  Stammväter  der  Arkader , Eu- 
lelos bei  Apoll.  3,  9, 1 und  Tzetz.  ad  Lyk.  480. 


Chthonia  906 

Der  Name  Chrysopeleia  ist  nur  dem  Eumelos 
eigen ; andere  (a.  a.  O.  und  Schol.  Eur.  Or. 
1646)  nennen  an  ihrer  Stelle  Leaneira,  Mega- 
neira  oder  Erato.  Vergl.  Paus.  8,  4,  2.  Ap. 
Rhod.  2,  477  u.  Schol.  Mehr  bei  E.  Wilisch, 
über  die  Fragmente  des  Epikers  Eumelos  36. 

[Wilisch.  | 

Chr  ysor  ( Xqvggöq ),  ein  phönicischer  Gott 
der  Schmiedekunst  und  der  Erfindungen  über- 
haupt , welcher  mit  Hephaistos  identificiert 
wurde;  doch  nannte  man  ihn  auch  Zeus  gsi- 
Uliog  (=  Melech?  nach  Movers  p.  326).  Philo 
Bybl.  bei  Müller,  fr.  li.  gr.  3,  566,  9.  [Steuding.] 

Clirysortlie  ( Xqvgoq&yi ),  Tochter  des  Sikyo- 
niers  Orthopolis , welche  dem  Apollon  den 
Koronos,  Vater  des  Korax  und  Lamedon,  ge- 
bar, Paus.  2,  5,  5.  [Stoll.] 

Chrysothemis  (XQVGÖ&iyt g),  1)  eine  Danaide, 
vermählt  mit  dem  Aigyptiden  Asterides,  Hy- 
gin. f.  170.  — 2)  Gemahlin  des  Staphylos, 
Mutter  von  drei  Töchtern , Molpadia , Rhoio 
und  Parthenos,  von  denen  Rhoio  dem  Apol- 
lon den  Anios  (s.  d.)  gebar,  Diod.  5,  62. 
C.  Proculus  b.  Apulej.  de  orthogr.  § 4,  wo 
Chryseis  statt  Chrysothemis  steht.  — 3)  Die 
Mutter  der  Parthenos,  welche  sie  dem  Apol- 
lon gebar.  Als  Parthenos  im  Kindesalter  starb, 
versetzte  sie  Apollon  als  n<xQ&tvog  (Virgo) 
unter  die  Sterne , Hygin.  P.  A.  2 , 25.  — 4) 
Tochter  des  Agamemnon  und  der  Klytaimne- 
stra,  II.  9 , 145.  287.  Soph.  El.  157  u.  Schol. 
des  Hemetr.  Triklin.  2 p.  362  I)ind.  Schol. 
Eurip.  Or.  5.  14.  23.  Tzetz.  Lyk.  200.  Preller, 
Griech.  Mytliol.  2,  419,  5.  — 5)  [Hesperide: 
C.  I.  Gr.  8487.  Roscher.]  — 6)  'O  Xqvgo&s- 
iug,  Sohn  des  Apollopriesters  Karmanor,  aus 
Tarrha  in  Kreta,  ein  apollinischer  Sänger,  der 
in  dem  ältesten  musischen  Wettkampf  zu  Del- 
phi mit  einem  Triumphgesang  auf  den  Sieg  des 
Apollon  über  Python  den  Sieg  davontrug,  vor 
Philammon  und  Thamyris,  Pausan.  10,  7,  2. 
Nach  Schol.  Find.  Pyth.  Hypoth.  p.  298  Boeckh 
reinigte  er  den  Apollon  von  dem  Morde  des 
Python,  was  sonst  seinem  Vater  Karmanor  (s.  d.) 
zugeschrieben  ward,  Müller,  Dorier  1.  S.  207. 
213,  343.  348.  Böckh,  de  metr.  Find.  p.  182. 
Welcher,  Gr.  Götterl.  2.  S.  377 ff.  Preller  in 
Paulys  Real.-Enc.  2.  S.  914.  Griech.  Mytliol. 
1.  S.  223.  Gerhard,  Griech.  Mythol.  1.  § 318, 
5.  [Stoll.] 

Chtlion  \ X&cov) , der  fruchtbare  Erdgrund 
und  die  Erdtiefe,  personificiert,  Aesch.  Eum.  6. 
Prom.  205  (vergl.  Ahrens , Themis  1,  11,  15), 
Eurip.  Hec.  70.  Hel.  168.  [Stoll.] 

Chthonia,  (X&ovia),  1)  Tochter  des  Pho- 
roneus , Schwester  des  Klymenos.  Beide  Ge- 
schwister stiften,  nach  Aussage  der  Bewohner 
von  Hermione , in  dieser  Stadt  der  Demeter 
ein  Heiligtum;  nach  der  Aussage  der  Argeier 
dagegen  ist  Chthonia  die  Tochter  des  Kolon- 
tas,  welcher  der  Göttin  Aufnahme  und  Ehren- 
bezeugung verweigerte,  wider  den  Willen  sei- 
ner Tochter.  Infolge  dessen  sei  Kolontas  mit 
seinem  Hause  verbrannt , während  Chthonia 
von  der  Göttin  nach  Hermione  übergeführt 
wurde  und  dort  das  Heiligtum  errichtete;  in 
diesem  wm’de  Demeter  unter  demselben  Na- 
men fÄ'&ovia)  verehrt.  Ihr  jährliches  Fest 


10 

20 

30 

40 

50 

60 


907 


Chthonioi 


908 


heifst  X&ovta,  Paus.  2,  35,  3 ff'.  Aelian  hist, 
an.  11,  4.  Der  Tempel  der  Demeter  Chthonia 
in  Hermione  wurde  zur  Zeit  des  Pompejus  von 
Piraten  geplündert,  Plut.  Pomp.  24.  — 2)  Toch- 
ter des  Erechtheus  und  der  Praxithea;  ihre 
Geschwister  heifsen  nach  Apollod.  3 , 15 , 1 
Kekrops,  Pandoros,  Metion,  Prokris,  Kreusa, 
Oreithyia,  nach  Suidas  (IlaQ&svot)  sind  es  da- 
gegen sechs  Töchter,  aufser  den  genannten 
noch  Protogeneia  und  Pandora;  nach  Schal,  io 
Ap.  Rhod.  Arg.  1,  211  sind  Kreusa,  Oreithyia 
und  Prokris  die  Kinder  des  Kekrops,  Chione, 
Chthonia,  Kleopatra,  Zetes  und  Kalais  dagegen 
die  Kinder  der  Oreithyia  und  des  Boreas  (s.Borea- 
den).  Nach  Apollod.  a.  a.  0.  heiratet  sie  den 
Bruder  ihres  Vaters,  Butes  (s.  d.  vgl.  dagegen 
3,  15,  4 6(pd£ccvT,og  avvov  (iEfreyttscos)  xgv  veco- 
xaxgv  Kai  ai  lotnai  euvxäg  Kaxsocpai-av).  Als 
Eumolpos  gegen  Athen  heranzieht , oder  als 
Feinde  aus  Boiotien  kommen,  wird  durch  das  20 
Orakel  dem  Erechtheus  aufgetragen,-  eine  sei- 
ner Töchter  zu  opfern,  um  den  Sieg  der  Stadt 
zu  sichern  (s.  Erechtheus).  Nach  Apollodor 
a.  a.  0.  und  Hygin.  f.  46  u.  238  ist  Chthonia 
die  Geopferte,  nach  Hygin  allerdings  erst  nach 
dem  Tode  des  Eumolpos  (Neptunus , ne  flii 
sui  morte  Erechtheus  laetaretur , expostulavit  ut 
eins  filia  Neptuno  immolar etur);  nach  Suidas 
a.  a.  0.  gaben  sich  Protogeneia  und  Pandora 
selbst  zum  Opfer  hin,  nach  Mythogr.  gr.  S.  345  30 
wurde  Prokris  getötet;  kaum  war  das  Opfer 
dargebracht,  als  die  übrigen  Schwestern,  die 
sich  unter  einander  durch  einen  Eid  zu  ge- 
meinsamem Tod  verpflichtet  hatten,  sich  selbst 
töteten.  S.  auch  Hyakinthides  u.  Hyades.  — 8) 
Eine  der  Alkyoniden  (s.  d.),  Tochter  des  Kie- 
sen Alkyoneus;  ihre  Schwestern  sind  Anthe, 
Methone , Alkippa , Pallene , Drimo , Asterie  ; 
nach  dem  Tode  ihres  Vaters  stürzen  sie  sich 
aus  Trauer  von  einem  Felsen  ins  Meer  und  io 
werden  in  Vögel,  Alkyones,  verwandelt,  Bek- 
ker,  Anecd.  p.  377,  25:  Ahivovide g rititoeu.  Vgl. 
Suidas  s.  v.  ’AIkvovlS sg.  Eust.  Hom.  p.  776, 
37.  Fragm.  Hist.  Gr.  4,  422,  46.  — 4)  Neben- 
benennung der  Insel  Kreta,  vergl.  Steph.  Byz. 
ethn.  ed.  Mein.  p.  384:  Kulstxai  de  y vrjoo g Kai 
’Aeqta  Kal  X&ovt'a  Kai  ’lSata.  [Engelmann.] 
Chthonioi  (X&ovtot  &sot)  s.  Chthonios  5. 
Chthonios  (X&ovtog),  1)  Kentaur,  auf  der 
Hochzeit  des  Peirithoos  von  Nestor  getötet,  50 
Ovid.  Met.  12,  441.  — 2)  Sohn  des  Aigyptos 
und  der  Kaliadne,  der  die  Danaide  Bryke  (s.  d.) 
zur  Braut  erhielt,  Apollod.  2,  1,  5.  — 8)  Sohn 
des  Poseidon  und  der  Syme  (einer  Tochter  des 
Ialysos,  Steph.  Byz.  s.  v.  Xvfiy),  unter  dessen 
Führung  von  Knidos  aus  die  karische  Insel 
Syme  bevölkert  wurde , Diod.  5 , 53.  Nach 
Athen.  7 p.  296  c wurde  Syme,  die  Tochter  des 
Ialysos  und  der  Dotis,  von  dem  Meergott  Glau- 
kos entführt.  — 4)  Einer  der  thebanischen  60 
Sparten  (s.  Kadmos) , Vater  des  Lykos  und 
Nykteus,  Apollod.  3,  4,  1.  3,  5,  5.  Schol.  Ap. 
Rh.  3,  1179.  1186.  Schol.  Eurip.  Phoen.  670. 
Hygin.  f.  178.  Paus.  9,  5,  1.  — 5)  X&ovioi 
01  (im  Gegensatz  zu  den  ovqd.vi.ot)  die 
Leben  und  Fruchtbarkeit  zeugenden  und  den 
Tod  bringenden  Gottheiten  des  Erdbodens 
und  der  Erdtiefe,  der  Unterwelt,  wie  Deme- 


Cipus 

ter,  Persephone,  Pluton  (Zsvg  XAoviog,  lies. 
Opp.  465.  Paus.  2,  2,  7.  5,  14,  6.  Orph.  H. 
69,  2.  Katax^ovtog,  11.  9,  457.  Preller,  Gr. 
Mytliol.  1, 127,  3.  622.  655),  zu  welcher  Gruppe 
sich  noch  gesellen:  Hermes  X&ovtog  als 
Psychagogos  (Aesch,  Choeph  1.  124.  147.  Pcrs. 
628.  Soph.  Ai.  813.  C.  1.  Gr.  n.  538.  539. 
Preller,  Demeter  S.  201  ff.  Gr.  Myth.  1,  320. 
329—331),  Dionysos  X&ovtog  (Orpli.  II.  52,  1. 
Suid.  s.  v.  Zayqsvg.  Preller,  Gr.  Myth.  1,  564 f. 
Gerhard,  Gr.  Myth,.  1.  §.447,  5),  die  Erinyen 
als  strafende  Dämonen  der  Unterwelt  (Orph. 
H.  68,  8.  69.  Preller,  Gr.  Myth.  1,  690,  2). 
Ferner  ist  x&oviog  ein  Beinamen  der  Tita- 
nen, Hes.  Theog.&'dl,  ob  proleptisch,  weil  sie 
in  die  Tiefe  der  Erde  verstofsen  werden,  oder 
als  yyyevetg,  wie  die  Sparten  (s.  N.  4),  die  %ft6- 
vtot  Eoeyßetdca,  Soph.  Ai.  200?  Preller,  Gr. 
Mythol.  1,  53.  Vergl.  Scliömann,  Hes.  Theog. 
S.  229.  231,  1.  Die  %&6vtat  Nvycpai  sind  die 
einheimischen  Nymphen,  eyxcoQtot,  deae  indige- 
nae,  Ap.  Rh.  2,  504.  4,  1322.  — Über  die  clitho- 
nischen  Götter  überhaupt  s.  Preller,  Demeter 
S.  18311'.  Gr.  Myth.  1,  83  f.  522.  0.  Müller  in 
Ersch  u.  Gr.  Encykl.  1,  33.  S.  287.  [Stoll.] 
Chthonophyle  (X&ovocpvlri),  eine  Nymphe, 
von  Dionysos  Mutter  des  Phlias  oder  Phlius, 
nach  welchem  die  Stadt  Phlius  genannt  war, 
Ap.  Rhod.  1,  115  u.  Schol.  Steph.  Byz.  s.  v. 
(hhovg.  Nach  Paus.  2,  6,  3 ist  sie  die  Toch- 
ter des  Sikyon  und  zeugte  mit  Hermes  den 
Polybos;  später  heiratete  sie  den  Phlias,  den 
Sohn  des  Dionysos , und  gebar  ihm  den  An- 
drodamas.  Die  Mutter  des  Phlias  aber  war 
Araithyrea,  Paus.  2,  12,  6.  Gurtius,  Pelopon- 
nesos  2.  S.  471.  [Stoll.] 

Chtlionopliylos  (X&ovocpvlog) , Gigant  des 
Altarfrieses  von  Pergamon:  Conze,  Vorläufig. 
Bericht  etc.  1,  64.  2,  44.  [Roscher.] 

Clium  (Xov g.),  Sohn  des  Chanaan  und  Stamm- 
vater der  Athiopen,  der  von  den  Griechen  ’9g- 
ßolog  genannt  worden  sein  soll , Alex.  Polyh. 
bei  Eitseh.  pr.  ev.  9,  17  p.  41 9 d.  Diese  Iden- 
tilicierung  beruht  natürlich  auf  der  Etymolo- 
gie beider  Namen.  Dtn  schwarz,  von  der 
Sonne  verbrannt,  wird  aeßoXog  Rufs  gleichge- 
setzt. [Steuding.] 

Chytros  (Xvxqog),  Sohn  des  Aledros,  Enkel 
des  Akamas,  nach  welchem  die  Stadt  Chytroi 
auf  Kypros  (das  früher  Akamantis  hiefs,  Plin. 
N.  H.  5,  31,  35)  benannt  war,  Steph.  Byz.  s.  v 
Xvtgot.  Engel,  Kypros  1,  220.  [Stoll.] 
Cimiacinus,  wohl  celtischer  Beiname  des 
Mercurius  auf  einer  Inschrift  aus  Ludenhausen 
bei  Epf'ach  (Abudi-acum  in  Raetia):  C.  I.  L.  3, 
5773  Deo  Mercurio  Cimiacino  aram  turariam 
M.  Paternius  Vitalis  quiaedem  fecit  et  signum po- 
suit  v.  s.  I.  I.  m.  dedicat  III Kal  Octohr  Gentiana 
et  Basso  cos  d.  h.  211  n.  Chr.  [Steuding.] 
Ciniaemus,  ein  Genius  auf  einer  Inschrift 
zu  Räkos-Pälota  bei  Pest,  C.  I.  L.  3,  3617: 
(IO AI  et)  | Iunoni.  Reg  \ et  genio  Ci  (oder  Cel) 
niaemo.  et  | genio  com  \ merci.  etc.  [Steuding.  | 
Cipus.  ln  der  servianischen  Mauer  der 
Stadt  Rom  gab  es  ein  Thor , die  porta  Rau- 
dusculana , welches  vielleicht  ganz  mit  Erz 
beschlagen  war  (vergl.  Fest.  p.  274.  Jordan , 
Topogr.  1,  1 p.  234.  251,  7),  jedenfalls  aber 


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909  Ciris 

über  der  Thoröffnung  das  eherne  Bild  eines 
gehörnten  Mannes  trug,  wahrscheinlich  von 
derselben  Art,  wie  die  für  denselben  Zweck 
bestimmten  ehernen  Masken  bärtiger,  gehörn- 
ter Köpfe  im  etruskischen  Museum  des  Vati- 
kan (z.  B.  Mus.  Gregor.  1,  38;  1.  2).  An  die- 
ses Bild  knüpft  sich  eine  sonderbare  'ätiolo- 
gische Sage.  Als  einst  der  Prätor  Genucius 
Cipus  aus  diese’m  Thore  mit  dem  Heere  aus- 
rückt, bemerkt  er  plötzlich,  als  er  sein  Spiegel- 
bild im  Flusse  sieht,  dafs  ihm  Hörner  gewach- 
sen sind,  und  die  Haruspices  deuten  das  Pro- 
digium  dahin,  dafs  Cipus,  wenn  er  in  die  Stadt 
zurückkehre,  König  sein  werde;  als  echter 
Republikaner  zieht  es  Cipus,  nachdem  er  dem 
Heere  die  Sachlage  eröffnet,  vor,  in  freiwillige 
Verbannung  zu  gehen  und  erhält  als  Dank 
vom  römischen  Volke  soviel  Land,  als  er  an 
einem  Tage  umpflügen  kann;  sein  gehörntes 
Bild  aber  wird  an  der  porta  Raudusculana 
angebracht  ( Valer . Max.  5,  6,  3.  Ovid.  Me- 
tam.  15,  565 ff.).  Den  unzweifelhaft  ätiologi- 
schen Charakter  der  Erzählung  verkennt  Prel- 
ler {Rom.  Myth.  1,  319)  vollständig,  wenn  er 
Cipus  wegen  der  Ähnlichkeit  mit  Aktaion  zum 
Kreise  der  Diana  zieht;  damit  gesteht  er  ihm 
viel  zu  viel  mythologischen  Gehalt  zu,  und 
wenn  Plinius  (11,  123)  Aktaion  und  Cipus  zu- 
sammen nennt,  so  ist  dabei  nur  die  Thatsache 
des  Hörnerwachsens  das  rein  äufserliche  Ter- 
i tium  comparationis.  Für  das  Alter  der  Sage 

I spricht  der  Umstand,  dafs  sich  in  der  für  uns 
hellen  Zeit  das  Cognomen  Cipus  in  der  Fami- 
lie der  Genucii  nicht  mehr  findet.  Bücheier 
{Rhein.  Mus.  33,  490,  zustimmend  Jordan, 

i Hermes  15,  9f.)  hat  bei  Gelegenheit  des  in  der 
alten  Bronzeinschrift  vom  Fuciner  See  vor- 
i kommenden  Wortes  Gceip’’  auch  unsern  Cipus 
herangezogen  und  etwa  in  dem  Sinne  von 
r Grenzwart’  erklärt,  indem  er  auf  die  Mög- 
lichkeit hinweist,  dafs  in  dem  Appellativ  ’cip- 
pus’  die  Bedeutung  des  Steins  die  sekundäre, 

> die  der  Grenze  (vorausgesetzt  dafs  cippus 
i eigentlich  den  Grenzstein  bezeichnet),  die 
ursprüngliche  sei.  Mehr  als  Möglichkeit  kann 
allerdings  dieser  ganzen  Kombination  nicht 
\ zugestanden  werden,  und  sie  zu  weiteren  Schlüs- 
sen auf  das  Wesen  des  Cipus  zu  benützen 
würde  unvorsichtig  sein.  [Wissowa.] 

Ciris  s.  Nisos  und  Skylla. 

Cisonius  (oder  Cissonius,  Cessonius),  ein 
I celtischer  Beiname  des  Mercurius  auf  einer 
Inschrift  aus  Besamjon,  Orelli  1406:  Deo  31er- 
curio  Cissonio  Dubitatia(?)  Castul a natione 
Syria  templum  et  porticus  vetustate  collabsum 
denuo  de  suo  restituit , und  auf  solchen  vom 
Mittelrhein,  Steiner,  inscr.  Dan.  et  Rhen.  640, 
722 f. ; vgl.  786:  Deo  Cisonio  etc.;  760.  1675. 
Deo  Cessonio  etc.  Zeufs,  gr.  C.  p.  773b  ver- 
mutet die  Ableitungssilbe  önia  in  dem  Worte, 
dann  wäre  wohl  für  den  Stamm  an  cts  = cen- 
• sus  (vgl.  ebenda  p.  42  a)  zu  denken  und  der  Mer- 
curius  Censualis  zu  vergleichen.  [Steuding.] 
Civitas  wird  als  Göttin , wohl  gleichbedeu- 
! tend  mit  der  Dea  Roma , betrachtet  auf  der 
Inschrift  eines  Altars  zu  Rom,  C.  I.  L.  6,  88: 
j Civitati  sacrum  A.  Aemilius  Artema  fecit. 

[Steuding.] 


Glementia  910 

Clementia.  Zur  Aufnahme  einer  Göttin 
Clementia  in  den  öffentlichen  Kultus  gab  die 
Ermordung  des  C.  Julius  Cäsar  Veranlassung. 
Milde  war  eine  hervorragende  Eigenschaft 
Casars  {Vellei.  Pat.  2,  56.  Plin.  n.  h.  7,  93. 
Sueton.  Div.  Jul.  75.  Solin.  6)  und  wurde  als 
die  Ursache  seines  Todes  angesehen  {Cie.  ad 
Att.  14,  22.  Marcus  Aurelius  bei  Vulcat.  Gal- 
lic.  v.  Avidii  Casii  11).  Deshalb  liefs  der  Se- 
nat dem  Divus  Julius  und  der  vergötterten 
Clementia  Caesaris  einen  gemeinsamen  Tem- 
pel bauen,  in  welchem  Cäsar  und  die  Göttin 
sich  gegenseitig  die  Hände  reichend  dargestellt 
waren  {Plut.  Caes.  57,  3.  Appian.  h.  c.  2,  106. 
Cass.  Dio  44,  6:  ’EnisCtieia  avrov.  Münze  des 
Sepullius  Macer  bei  Cohen,  Med.  imp.  Jules 
Cesar  18  mit  der  Legende  Clementiae  Caesa- 
ris und  dem  Bilde  des  Tempels , dazu  A.  von 
Sollet  in  Ztschr.  f.  Numism.  4,  1877  S.  130  f.). 
Die  Clementia  Caesaris  wollte  Raoul-Rochette 
auf  dem  Relief  eines  dem  Augustus  geweihten 
Altars,  das  die  Konsekration  des  Julius  Cäsar 
darstellt,  in  einer  dem  zum  Himmel  fahrenden 
Cäsar  mit  zwei  Knaben  (C.  und  L.  Cäsar) 
voraufschreitenden  Frau  erkennen  ( Raoul-Ro- 
chette, Mon.  ined.  t.  69  S.  389 , vergl.  dazu 
H.  Jordan  in  Arm.  d.  inst.  34,  1862  S.  306), 
doch  mufs  dies  Vermutung  bleiben;  unbegrün- 
det ist  die  Annahme  Cavedonis  {Bull.  d.  inst. 
1840  S.  39 ff.),  dafs  auf  Münzen  Casars  ein 
mit  einem  Kranze  geschmückter  Frauenkopf 
die  Clementia  oder  eine  Venus  Clemens  dar- 
stelle (willkürlich  deutet  auch  Klausen , Aen. 
u.  die  Penat.  S.  980  Anm.  1964  und  S.  1070 
Anm.  2144  die  weiblichen  Kopfe  auf  einigen  Mün- 
zen der  gens  Aemilia  und  gens  Iulia  als  Clemen- 
tia). In  gleicher  Weise,  wie  die  clementia 
Caesaris,  wurde  die  clementia  der  Kaiser  per- 
sonificiert  und  göttlicher  Ehren  teilhaftig.  Von 
Augustus  ist  es  nicht  überliefert  (vgl.  jedoch 
über  einen  Schild,  den  ihm  nach  Beendigung 
der  Bürgerkriege  Senat  und  Volk  virtutis  cle- 
mentiae iustitiae  pietatis  causa  widmete,  Res 
gestae  divi  Aug.  ed.  Th.  Mommsen  S.  97.  103  f. 
= S.  144.  152  f.3,  und  die  Aufserung  Marc 
Aurels  bei  Vulcat.  Gallic.  a.  a.  0.,  dafs  auch 
den  Augustus  seine  Milde  unter  die  Götter  er- 
hoben habe).  Dem  Tiberius  dekretierte  der 
Senat  einen  Altar  der  Clementia  {Tac.  ann.  4, 
74)  und  setzte  auf  Münzen  mit  der  Umschrift 
Clementiae  das  Bild  eines  Schildes  mit  einem 
weiblichen  Kopfe,  also  wohl  dem  der  Clemen- 
tia {Cohen  a.  a.  0.  Tiber e 23,  vgl.  Eckhel,  Doctr. 
nimm.  6 S.  187.  Daremberg-Saglio,  Dictionn.  des 
antiquites  s.  v.  Clementia  Fig.  1632 ; von  Cave- 
doni,  Ann.  d.  inst.  23,  1851  S.  226  falsch  als 
Kopf  des  Tiberius  erklärt),  wahrscheinlich  die 
Kopie  eines  dem  Kaiser  gewidmeten  Weih- 
geschenks (vergl.  Plin.  n.  h.  35,  13*)).  Unter 
Caligula  setzte  der  Senat  ein  jährliches  Opfer 
an  die  Clementia  des  Kaisers  ein  {Cass.  Dio 
59,  16).  Ganz  unsicher  ist  die  Lesung  einer 
pompejanischen  Inschrift  {C.  I.  L.  4,  1180), 
in  der  man  die  Erwähnung  eines  Altars  der 

*)  Die  von  Eckhel  a.  a.  O.  5 S.  130  (vgl.  Cavedoni,  Ann. 
a.  a.  0.)  angeführte  Münze  des  Aemilius  Paulus  Lepidus 
mit  einem  ähnlichen  ltevers  ist  gefälscht  und  seit  Eckliel 
von  niemand  mehr  als  echt  angesehen  worden. 


10 

20 

30 

40 

50 

GO 


911 


Ciementia 


Clitumnus 


912 


Ciementia  vermutete,  und  die  Beziehung  der 
Inschrift  auf  Kaiser  Claudius  (vgl.  Uenzen  5814. 
Arch.Ztg.  26,  1868  S.  87 ff.  90.  Overbeck,  Pomp.* 

S.  474;  Garrucci  hatte  den  Namen  einer  Göt- 
tin Amentia  vermutungsweise  in  die  Inschrift 
gesetzt).  Die  Arvalakten  aus  der  Zeit  Neros 
berichten  von  einem  i.  J.  66  von  den  Arva- 
len  dargebrachten  aufsergewöhnlichen  Opfer  ob 
supplicationes  a senatu  decretas , wobei  unter- 
anderen  Gottheiten  der  Ciementia  eine  Kuh  io 
geopfert  wird  ( Hensen , Act.  fr.  Arv.  S.  LXXXII 
u.  85  = C.  I.  L.  6,  1 S.  490  d 1 7 f . ; an  Nero 
richtete  Seneca  seine  Schrift  de  ciementia). 
Den  Namen  und  das  Bild  der  Ciementia  Au- 
gusta  tragen  Münzen  des  Vitellius  ( Cohen 
a.  a.  0.  Vitellius  lf.  60.  Supplem.  1:  Ciemen- 
tia imp\eratoris ] Germ[anici ],  vergl.  Tac.  hist. 

1,  75);  des  Trajan  (Cohen,  Trajan  327);  des 
Hadrian  (Coli.,  Adrien  lOOff.  686 ff.  762ff.  1165); 
des  Antoninus  Pius  (Coli.,  Antonin  36f.,  vergl.  20 
120.  887  f.) ; des  Marc  Aurel  (Cohen,  Marc 
Aurele  5 ff.  41‘2ff  549.  Suppl.  59.  60),  der  es 
liebte,  seine  Milde  mit  der  des  grofsen  Cäsar 
und  der  des  Augustus  zu  vergleichen  (Vulcat. 
Gail.  a.  a.  0.  und  12.  13).  Später  tritt  an  die 
Stelle  der  Ciementia  Augusta  die  Ciementia 
temporum,  die  seit  Gallienus  ausnahmslos  auf 
den  Münzen  genannt  wird  (s.  unten).  Schliefs- 
lich  wird  der  Name  Ciementia  zu  einer  blofsen 
Titulatur  des  Kaisers  (Ciementia  nostra,  Cod.  30 
Tlieodos.  2,  8,  20.  Ciementia  principalis , Noti- 
tia  dign.  Orient,  c.  19.  42;  vergl.  C.  I.  L.  10, 
7229.  7230).  — Die  Münzbilder  zeigen  ver- 
schiedene Darstellungen  der  Ciementia.  Vitellius 
verwendet  für  sie  ein  Bild,  das  später  (z.  B. 
Cohen  a.  a.  0.  Nerva  46—49.  102.  1 13 f.  Tra- 
jan 512 f.)  gewöhnlich  der  Justitia  zukommt: 
eine  sitzende  Frau  mit  einem  Zweig  und  Scep- 
ter ; Schwester  der  Justitia  nennt  die  Ciementia 
Claudian.  de  Manl.  Theod.  cons.  166.  Typisch  40 
wird  die  Göttin  abgehildet  als  eine  stehende 
Frau  mit  patera  und  Scepter  (das  ihr  als  Au- 
gusta zukommi) , einer  Iuno  ähnlich  (angef. 

Münzen  des  Trajan, 
Hadrian,  Anton.  Pius, 
Marc  Aurel ; neben- 
stehende Abbildung 
nach  einer  Münze 
Hadrians;  vgl.  ''Cie- 
mentia 0 Giunone’,  50 
capitolinischeStatue, 
Bull.  d.  inst.  1873 
S.  50.  Altar  und 
Säule  sind  der  Göt- 
tin beigegeben  Coh., 
Ciementia  (Münze  Hadrians).  Adrien  107  f.  Suppl. 

S.  111  zu  107).  Auf 
Münzen  des  Antoninus  Pius  und  Marc  Aurel 
hält  Ciementia  in  der  Rechten  die  patera  und 
hebt  mit  der  Linken  das  Gewand  nach  Art  60 
der  Spes  empor  (Coh.,  Antonin.  37.  Marc  Au- 
rele 5 — 8.  Suppl.  59).  Die  Münzen  des  letzte- 
ren Kaisers  zeigen  aufserdem  folgende  Varia- 
tionen: die  Göttin  hält  in  der  Rechten  eine 
doppelte  patera  (41 3 f.,  vgl.  656);  oder  sie  hält 
in  der  Rechten  die  patera  und  legt  die  Linke 
an  ein  Füllhorn,  das  an  einem  Altar  befestigt 
ist  (412  = 415  mit  dem  Namen  der  Concor- 


dia).  Die  Ciementia  temporum  erscheint  mit 
einem  Scepter  auf  eine  Säule  gestützt  (Coh., 
Gallien  76  f.  Tacite  36  f.  Florien  17.  Probus 
152  f.),  gewöhnlich  aber  zeigen  die  Münzen  mit 
ihrem  Namen  ein  symbolisches  Bild:  der  Kai- 
ser, in  militärischer  Tracht  mit  einem  Scepter, 
empfängt  von  Iuppiter  eine  Kugel,  auf  der 
meistens  eine  Victoria  steht  (Coh.,  Tacite  38  f. 
Probus  154ff.,  vgl.  163.  164ff.  Carus  33.  Nu- 
merien  2 1 f.  Car  in  55  lf.  Diocletien  133ff.  Maxi- 
mien  Hercule  132  £).  — Statius  Tlieb.  12,  481  ff. 
fingiert  ein  Heiligtum  der  Ciementia  in  Lerne 
und  führt  den  Ursprung  desselben  auf  die 
Nachkommen  des  Hercules  zurück;  Claudianus 
in  I cons.  Stil.  2 , 6 ff  verwebt  Ciementia  in 
ein  theogonisches  System  und  preist  sie  als 
die  Ordnerin  des  Chaos.  [R.  Peter.] 

Clitumnus.  Unter  den  besonderer  Vereh- 
rung sich  erfreuenden  Flufsgöttern  Italiens 
nimmt  eine  der  ersten  Stellen  Clitumnus  ein, 
der  Gott  des  gleichnamigen  umbrischen  Flus- 
ses (über  die  Etymologie  vgl.  Corssen,  Ausspr. 
2,  174);  die  Gegend  desselben  war  weit  und 
breit  sowohl  durch  ihre  landschaftliche  Schön- 
heit, als  durch  ihren  Reichtum  an  Rindern  von 
prächtiger  weifser  Farbe  berühmt  ( Verg.  Georg. 

2,  146  mit  den  Schol.  des  Serv.  u.  Pliilarg.  Prop. 

3,  12,  25.  Sil.  Ital.  4,  546  ff.  Stat.  Silv.  1,  4, 
128 ff.),  vor  allem  aber  durch  das  hocliange- 
gesehene  Heiligtum  des  Gottes.  Plinius  (epist. 
8,  8)  giebt  uns  von  demselben,  sowie  von  der 
ganzen  Landschaft  eine  vollendete  Schilderung. 
In  der  Nähe  der  Quelle  fand  sich  der  berühmte 
und  noch  in  der  Kaiserzeit  von  Reisenden  viel 
besuchte  (Suet.  Calig.  43)  Hain,  und  in  diesem 
lag  der  alte  Tempel  des  Gottes,  umgeben  von 
einer  grofsen  Menge  von  Kapellen  geringerer 
Gottheiten,  teilweise  kleinerer  Quellgötter  von 
Wassern,  die  sich  mit  dem  Clitumnus  verei- 
nigten; ringsum  fanden  sich  auf  Säulen  und 
Tempelwänden  zahlreiche  Dank-  und  Votivin- 
schriften, vor  allem  wohl  von  solchen,  denen 
der  Gott  gnädig  die  Zukunft  enthüllt  hatte: 
denn  seiner  Weissagegabe  wegen  war  er  vor- 
wiegend berühmt.  Der  Gott  galt  als  ganz  be- 
sonders heilig  (luven.  12,  13)  und  genols  seine 
Verehrung  unter  dem  Namen  Iuppiter  Clitu- 
mnus (Vib.  Sequ.  s.  v.),  d.  h.  nicht,  wie  Prel- 
ler, Rom.  Mytlif  2,  141)  will,  schlechtweg  Di- 
vus  pater  Clitumnus,  sondern  Iuppiter  in  sei- 
ner Individualisierung  als  Clitumnus  (Reiffer- 
scheid, Annali  d.  inst.  1866,  2 15 f.) ; dies  zeigte 
auch  sein  Bild,  welches  den  Gott  nicht  in  der 
gewöhnlichen  gelagerten  Stellung  der  Flufs- 
gottheiten  zeigte,  sondern  stehend  und  mit 
der  praetexta  bekleidet,  d.  h.  unter  der  Ge- 
stalt des  Iuppiter,  und  als  Clitumnus  nur  durch 
irgend  welche  unterscheidenden  Attribute  be- 
zeichnet. — Noch  heute  findet  sich  zwischen 
Trevi  und  Spoleto,  bei  der  Ortschaft  Le  Vene 
an  der  Clitumnusquelle  ein  kleiner  antiker 
Tempel , den  man  für  den  des  Clitumnus  zu 
erklären  pflegt;  jedenfalls  ist  es  aber  nicht 
der  von  Plinius  beschriebene,  da  er  nach  der 
ganzen  Art  des  Baues  frühestens  aus  der  Zeit 
der  Antonine  stammen  kann;  vgl.  R.  Venuti, 
Osservazioni  sopra  il  fiume  Clitunno , Roma 
1753.  |(Wissowa.] 


913  Clivicola 

Clivicola  s.  Indigitamenta. 

Cloacina  oder  Cluacina  als  selbständiger 
Name  Plaut.  Cure.  4,  1,  9.  Liv.  3,  48.  Augu- 
stin. ep.  17,  12.  de  civ.  Dei  4,  8.  6,  10,  1 nach 
Varro;  Prudent.  Ap.  265.  Minuc.  Octav.  25. 
Cyprian,  de  id.  van.  4.  Abgebildet  ist  sie 
auf  einer  Münze  der  gens  Mussidia  bei  Colien , 
med.  de  la  rep.  Pom.  29,  6;  vergl.  Eckhel,  d. 
n.  v.  5 p.  258.  Vgl.  De- Vit,  On.  s.  v.  Siehe 
Venus  und  Concordia  S.  915  Z.  8 ff.  [Steuding.J 

Cloanthus,  Gefährte  des  Aneas,  von  wel- 
chem  das  römische  Geschlecht  der  Cluentii 
sich  ableitete,  Verg.  Aen.  1,  222.  510.  5, 
122  f.  245.  Serv.  Verg.  Aen.  5,  117.  Hyg.  f. 
273.  [Stoll.]  _ 

Cocidius,  ein  celtischer  Gott,  der  auf  einer 
Anzahl  Inschriften  aus  verschiedenen  Orten 
am  vall.  Hadr.  erscheint.  Abgesehen  von  den 
Namen  der  Dedicatoren,  die  meist  als  Solda- 
ten bezeichnet  sind,  lauten  dieselben:  Deo 
Cocidio,  C.I.L.  7,  701,  800—804,  876;  Sancto 
Cocidio  (eo?)  973;  Deo  sancto  Cocidio  953 ; vgl. 
Eph.  ep.  3,  113;  M (—  Marti  oder  Magno? 
nach  Hübner)  deo  Cocidio  643;  Cocidio  genio 
pr[ae~\sidi  ( praesidii ? Hübner ) 644;  Mart.  Coc. 
914;  Deo  sancto  Marti  Cocidio  286:  Deo  Marti 
Cocidio  sancto  977;  Deo  Marti  [ C]ocidio  . . . 
Martius  . . \c\oh.  I Da\cor.\  genio  vall[i  v.  s.J 
7.  m.  886 , hier  wird  er  also  genius  valli  ge- 
nannt. Auf  einer  Inschrift  aus  Housesteads,  7, 
642  erscheint  er  dagegen  mit  Silvanus  identi- 
ficiert.  De-Vit,  On.  s.  v.  vermutet  in  dem  Fano- 
cocidi  (Fanocedi?)  des  Anon.  Ravenn.  5,  31 
p.  433  Pr.  ein  fanum  Cocidii.  [Steuding.J 

Cocliensis , Beiname  des  Liber  Pater  auf 
einer  Inschrift  bei  hlommsen,  Inscr.  Helv.  113: 
Libero  Patri  Cocliensi  P.  Severins  Lucanus 
v.  s.  7.  m.  De-Vit,  On.  s.  v.  vermutet,  dafs 
der  Beiname  von  einer  Ortschaft  entlehnt  sei, 

; dagegen  denkt  er  s.  v.  Cochlias  an  eine  Ab- 
leitung von  soxHag.  [Steuding.J 

Coera,  Name  einer  Gottheit  auf  einem  Be- 
I eher  wahrscheinlich  etruskischen  Ursprungs, 

\ C.  I.  L.  1,  45:  Cocrae  pocolo(m  ?).  Mommsen 
denkt  an  die  dea  Cura  (vgl.  Sorgenbrecher?), 
Wilmanns , inscr.  lat.  2827  d liest  dagegen 
Cotra.  [Steuding.J 

Coinquenda  s.  Indigitamenta  u.  Dea  Dia. 

Collatina  s.  Indigitamenta. 

Comedovae  Angustae,  celtische  Göttinnen 
auf  einer  Inschrift  aus  Äix  les  bains  in  Sa- 
i voyen,  Orelli  2098 : Comedovis  Augustis  AI.  Ilel- 
| vius  Severi  fil.  luventius  ex  voto.  ( Brambach , 
inscr.  Rhen.  469  liest  Comedonibus).  Wahr- 
| scheinlich  gehören  dieselben  zu  den  in  dieser 
Gegend  so  häufig  vorkommenden  matres  ; viel- 
leicht dürfte  in  dem  Namen  der  Stamm  co- 
, meit,  comet,  comid  retten  ( Zeufs , gr.  C.  p.  871a) 
und  die  Ableitungssilbe  ov  (ebenda  p.  784) 
enthalten  sein.  [Steuding.J 

Coinmolenda  s.  Indigitamenta  u.  Dea  Dia. 

Complices  (dei)  nach  Varro  b.  Arnob.  3,  40 
identisch  mit  den  Consentes  (s.  d.),  d.  h.  Göt- 
ter, welche  nach  dem  Glauben  der  Etrusker 
lie  innersten  Räume  des  Himmels  bewohnten 
md  den  Rat  des  Iuppiter  bildeten.  Zahl  und 
• Lamen  derselben  waren  nach  Varro  unbekannt, 
loch  scheinen  einige  behauptet  zu  haben 


Concordia  (in  republ.  Zeit)  914 

(Etrusker?),  dafs  6 männliche  und  ebensoviel 
weibliche  zu  unterscheiden  seien,  was  deutlich 
an  das  griechische  Zwölfgöttersystem  erinnert. 
Die  etwas  unklare  Notiz  bei  Arnob.  a.  a.  O. 
(vergl.  auch  Caecina  bei  Sen.  Q.  nat.  2,  41) 
lautet:  'Varro  qui  sunt  introrsus  atque  in  in- 
timis  penetralibus  caeli  deos  esse  censet , quos 
loquimur  (d.  i.  Renates) , nec  eorum  numerum 
nec  nomina  sciri.  Hos  Consentes  et  Complices 
Etrusci  aiunt  et  nominant,  quod  una  oriantur 
et  occidant  una,  sex  mares  et  totidem  feminas, 
nominibus  ignotiset  miserationis  parcissimae ; sed 
eos  summi  lovis  consiliarios  ac  principes  existi- 
mari\  Vgl.  Preller,  Rom.  Myth. 3 1,  70.  Müller, 
Etrusker2  2,  83.  Klausen,  Aeneas  2,659  f.  Oehler 
Z.  Arnob.  a.  a.  0.  vgl.  unt.  923,  3.  [Rosclier.J 

Coiicanaunae  matronae,  celtische  Göttinnen 
auf  einer  Inschrift  aus  Corbetta  bei  Mailand, 
C.  I.  L.  5,  5584:  Sanctis  Matr  \ onis.  Ucel- 
las  | icis  Concana  | unis.  Novell(i)  \ us  Maila- 
nds) | (P)rimuli  filiu(s)  | votum  Mas(i?)  \ von- 
num  | Matronis  | v.  s.  I.  m |.  Zu  vergleichen 
sind  vielleicht  die  Concani  in  Cantabria. 

[Steuding.J. 

Concordia.  Die  Personifikation  der  Ein- 
tracht ist  eine  der  ältesten  der  römischen 
Religion  [vergl.  die  griecli.  Homonoia.  R.J. 
Zur  Zeit  der  Republik  tritt  besonders 
die  politische  Bedeutung  der  Göttin  als  Ver- 
körperung der  Bürgereintracht  in  der  Grün- 
dung einer  Anzahl  von  Heiligtümern  hervor 
(vgl.  über  dieselben  Mommsen  in  Arm.  d.  inst. 
16,  1844  S.  293  f.  Detlef sen  daselbst  32,  1860 
S.  148  f.  Mommsen  im  Hermes  9 , 187 5 S.  287  ff.). 
Im  Jahre  388/366  erbaute  Camillus  nach  dem 
Kampfe  um  die  licinischen  Gesetze  eine  Ka- 
pelle der  Concordia  am  clivus  Capitolinus 
( Ovid . f.  1,  637  ff.  Plut.  Cam.  42.  Varro  l.  I. 
5,  148;  vergl.  Becker,  Topogr.  S.  311  f.  und 
unten);  450/304  errichtete  Cn.  Flavius , der 
die  Patricier  durch  die  Veröffentlichung  des 
Kalenders  erzürnt  hatte,  eine  kleine  eherne 
Kapelle  der  Concordia  auf  der  area  Volcani, 
von  nun  an  area  Volcani  et  Concordiae  ge- 
nannt (Liv.  9,  46.  Plin.  n.  h.  33,  19,  vgl.  Liv. 
39,  56.  40,  19  = Obsequens  4.  6;  vgl.  Becker, 
Topogr.  S.  289.  312  A.  550.  Hartung , Relig. 
d.  Rom.  2.  S.  107.  Preller , Reim.  Mythol.3  2 
S.  1 5 0 f . ) . Nach  der  Beilegung  eines  Aufstan- 
des im  Heere  wurde  der  Concordia-Tempel  in 
arce  im  Jahre  537/217  gebaut  und  am  5.  Febr. 
538/216  geweiht  (Liv.  22,  33.  23,  21.  Kal. 
Praenest.  zum  5.  Febr.  C.  I.  L.  1 S.  314;  vgl. 
Becker,  Topogr.  S.  409.  Jordan,  Topogr.  der 
Stadt  Rom  1,  2 S.  Ulf.),  nach  der  Ermor- 
dung des  C.  Gracchus  von  L.  Opimius  im 
Jahre  633/121  ein  Concordia-Tempel  in  der 
Nähe  der  von  Camillus  und  Flavius  gestifte- 
ten Heiligtümer  errichtet  ( Nicostratus  in  libro 
qui  inscribitur  de  senatu  habendo  bei  Fest. 
S.  347  s.  v.  senacula.  Varro  l.  I.  5 , 156. 
Cie.  Sest.  67,  140.  Plut.  C.  Gracch.  17.  Ap- 
pian.  b.  c.  1,  26.  August,  c.  d.  3,  26;  vergl. 
Becker,  Topogr.  S.  309;  über  Senatssitzungen 
in  dem  Tempel  Mommsen  im  Hermes  a.  a.  0. 
S.  290).  Ob  ein  dem  Julius  Cäsar  nach  seinem 
Siege  über  Pompejus  vom  Senate  dekretierter 
Tempel  der  Concordia  Nova  zur  Ausführung  kam, 


io 

20 

30 

40 

50 

60 


915 


Concorclia  (in  republ.  Zeit) 


Concordia  (in  d.  Kaiserzeit)  916 


ist  ungewifs  ( Cass . Dio  44,  4 'Oyovoicc  v. cuvg; 
vgl.  Becker,  Topogr.  S.  335  A.  (514.  Momm- 
sen  im  Hermes  S.  289.  Eckhel,  Doctrin.  num- 
mor.  vetl.  5 S.  130).  Da  fast  alle  diese  Stif- 
tungen in  der  Nabe  des  Platzes  liegen,  auf 
welchem  nach  der  Tradition  Romulus  und 
Titus  Tatius  sich  verbunden  und  der  Cluacina 
ein  Heiligtum  gestiftet  hatten  ( Plin . n.  h.  15, 
119.  Serv.  Aen.  1',  270;  vergl.  die  Münze  des 
L.  Mussidius  Longus  mit  einem  verschleierten 
weiblichen  Kopfe  und  dem  Namen  der  Con- 
cordia auf  cler  Vorderseite  und  einem  tribü- 
nenartigen Aufbau  mit  der  Inschrift  CLOACIN 
auf  der  Rückseite,  Eckliel  a.  a.  0.  S.  258.  Co- 
hen, Med.  cons.  Taf.  29  Mussidia  n.  4f.),  so 
erscheint  die  politische  Concordia  als  eine 
Nebenform  jener  Bundesgöttin,  die  ihrerseits 
nichts  anderes  als  eine  Form  der  Venus  ist, 
( Preller  a.  a.  0.  S.  260);  eine  Venus  Concor- 
dia beruht  jedoch  lediglich  auf  einer  unrich- 
tigen Vermutung  von  Graefe  {De  Concordiae 
et  Fidel  imagg.,  Petropoli  1858  S.  17  ff. , vgl. 
A.  Bei  ff  er  scheid,  De  ara  Vcneris  Genetricis,  in 
Ann.  cl.  inst.  35,  1863  S.  365).  In  mystischer 
Weise  bringt  Concordia  mit  Venus  in  Verbin- 
dung E.  Gerhard  {Über  Venusidole  in  Abhdlgn. 
d.  Perl.  Acad.  1843,  ph.-hist.  Kl.  S.  317  ff.  = 
Gesammelte  Abhandlungen  1 S.  258  ff.)  als  eine 
r venusähnliche  Göttereintracht’,  in  der  ’aller 
besondere  Venusdienst  seine  oberste  Einigung 
und  Heiligung  fand’  (S.  327=271).  Später 
schliefst  sich  Concordia  an  Venus  Victrix  an 
(vgl.  B.  Stark  in  N.  Jahrbb.  f.  Pli.  79,  1859 
S.  634f.),  indem  Münzen  des  L.  Vinicius  an 
Stelle  des  gewöhnlichen,  verschleierten  Haup- 
tes der  Göttin  einen  venusähnlichen,  lorbeer- 
bekränzten Kopf  zeigen  {Eckhel  a.  a.  0.  S.  343. 
Colien  a.  a.  0.  Taf.  42  Vinicia  n.  1.  Momm- 
sen,  Histoire  a.  a.  0.  S.  521  n.  304;  vgl.  d. 
untenstehende  Abbildung;  auf  der  Rückseite 
eine  Victoria,  vergl.  Lio.  26,  23  in  aede  Con- 
cordiae Victoria,  quae  in  culmine  erat,  f ul- 
mine icta  decussaque  ad  Victorias,  quae  in 
antefixis  erant).  [Aufser  cler  angeführten  Münze 
vgl.  den  Denar  des  Paulus  Aemilius  Lepidus 
Eckhel  a.  a.  0.  S.  129  f.  Cohen  a.  a.  0.  Tf.  1 


Aeniilia  n.  10.  Mommsen,  Histoire  de  la  mon- 
naie  rom.  2 S.  499  f.  n.  280  b.,  dazu  Canina  in 
Ann.  cl.  inst.  18,  1846  S.  251.  Benndorf- Schöne, 
Lateran.  Mus.  n.  440.  Kliigmann  in  Ztschr. 
f.  Numism.  6,  1879  S.  39  f.  42;  uncl  den  Denar 
des  P.  Fontejus  Capito  Eckhel  a.  a.  0.  S.  219. 
Cohen  a.  a.  0.  Taf.  18  Fonteja  n.  10.  Momm- 
sen, Histoire  a.  a.  0.  S.  509  n.  290  b.,  dazu 
Kliigmann  in  Ztschr.  f.  Numism.  a.  a.  0.  S.  40 ; 
auf  beiden  ist  der  Kopf  der  Göttin  durch  die 
Beischrift  des  Namens  kennt- 
lich gemacht;  B.  Engelhard , 
De  personificationibus  quae  in 
pocsi  atque  arte  Born,  inveniun- 
tur,  Gotting.  1881  S.  42f.  will 
auch  den  weiblichen  Kopf  auf 
den  Münzen  der  gens  Marcia, 
Cohen  a.  a.  0.  Taf.  26  Marcia 
n.  lOf. , dem  kein  Name  bei- 
geschrieben ist,  nicht  für  den  der 
Iuno  Moneta,  sondern  der  Concordia  halten;  zu 
den  Münzen  mit  dem  Kopfe  der  Concordia  vgl. 


Concordia  (Denar 
der  gens  Vinicia). 


im  allgemeinen  Kliigmann  in  Ztschr.  f.  Numism. 

7,  1880  S.  64].  Ein  Standbild  der  Concordia  ; 
hatte  der  Censor  Q.  Marcius  (Censor  590/164, 
vgl.  C.  de  Boor,  Fusti  censorii  S.  19)  öffentlich 
aufgestellt;  als  der  Censor  C.  Cassius  (Censor  i 
600/154,  de  Boor  S.  20)  dasselbe  in  die  Curie  I 
überführte  und  zugleich  mit  dieser  der  Con- 
cordia weihen  wollte,  verhinderten  die  Ponti- 
fices die  Dedikation  {Cie.  de  domo  50,  130  f. 
io  53,  136  f).  Ob  bei  Plin.  n.  li.  35,  141  Habron 
amicam  {Amicitiaml)  et  Concordiam  pinxit  ei 
deorum  simulacra  an  die  römische  Concordia 
zu  denken  ist,  läfst  sich  nicht  entscheiden,  da  ! 
wir  über  die  Zeit  des  Künstlers  und  über  das 
Gemälde  sonst  nichts  wissen  (vgl.  Brunn,  Gesch.  f 5 
der  griech.  Künstler  2 S.  299  und  1 S.  519. 
525.  Urlichs,  Malerei  in  Bom  S.  21 A.  18). 

In  der  Kaiserzeit  gehört  der  Kult  der  1 $ 
Concordia  zu  den  angesehensten.  Augustus  er-  j 
20  richtete  im  Jahre  745/9  einen  Altar,  auf  wel-  : 
ehern  am  30.  März  dem  Ianus,  der  Salus,  Con-  » 
cordia  und  Pax  geopfert  wurde  {Ovid.  f.  3,  S. 
881  f.  Cass.  Dio  54,  35;  vgl.  Preller  a.  a.  0. 

S.  251.  Mommsen  im  C.  I.  L.  1.  S.  395;  zur 
Verbindung  der  Concordia  mit  Salus  vergl. 
Cohen,  Med.  imp.  Galbci  252  mit  dem  Kopf  der 
Salus  auf  der  Vorderseite  und  Concordia  auf 
der  Rückseite,  und  Luccm.  4,  189 ff. ; mit  Pax:  | 

C.  1.  L.  2,  3349  und  unten;  auf  einer  alexan,-  1 
30  drinischen  Münze  Trajans  reichen  Eigiqv q und  ' 
’Ogcvoia  sich  die  Hände , Eckhel  a.  a.  0.  4 
S.  63).  Livia  weihte  in  der  porticus  Livia  im 
Jahre  747/7  am  11.  Juni  ein  Heiligtum  der  .. 
Concordia  {Ovid.  f.  6,  637 ff.);  Tiberius  unter- 
nahm in  demselben  Jahre  die  Erneuerung  des  B 
von  Camillus  gestifteten  Heiligtums  und  weihte  Fi< 
am  16.  Jan.  d.  J.  12  n.  Chr.  bei  Gelegenheit  fei 
seines  Triumphes  über  die  Pannonier  und  Dal-  Fr; 
matier  den  Tempel  der  Concordia  Augusta  * 
40  {Ovid.  f.  1,  645 ff.  Cass.  Dio  55,  8.  56,  24.  I 
Sueton.  Tib.  20.  Kalend.  Praenest.  zum  16.  Jan. 

C.  I.  L.  1 S.  312,  dazu  Mommsen  S.  384  und  ® 
295  n.  9.  Jordan  in  Ephem.  epigr.  1 S.  236 ; ler 
zum  Jahr  12 : E.  Meyer  in  Ztschr.  f.  d.  Gymn-  « 
Wesen  32,  1878  S.  457  gegen  Brandes  in  N.  fe 
Jahrbb.  f.  Phil.  115,  1877^  S.  349ff.,  der  13  Jaf 
n.  Chr.  angenommen  hatte,  während  die  Dedi-  & 
kation  früher  in  d.  J.  10  n.  Chr.  gesetzt  wurde,  -1 
vergl.  Mommsen  im  C.  I.  L.  1 S.  384  zum  B 
50  16.  Jan.;  Lage  am  clivus  Capitolinus  neben 
dem  Vespasianstempel  und  erhaltene  Reste:  ;>( 

Ovid.  a.  a.  0. , Flut.  Cam.  42.  Stat.  Silv.  1, 

1,  22  ff.  Serv.  Aen.  2,  116.  Notit.  und  Curios. 
Urbis  S.  12  f.  Prell.  552  Jord.  Acta  fratr.  Ar-  |1 
val.  ed.  Hmzen  S.  CXVII  und  5 = C.  I.  L.  6,  1 
S.  514;  vgl.  Becker,  Topogr.  S.  311.  Nissen,  \ 
Tcmplum  S.  204 f.  Jordan,  Top.  d.  St.  Bom  2 
S.  444.  477.  483.  1 , 2 S.  192  f.) ; das  Bild  der  ; 
Göttin  in  diesem  Tempel  trug  einen  Lorbeer- 
60  ltranz  {Ovid.  f.  6,  91  ff,  dazu  Preller  a.  a.  0. 

S.  262;  Kunstwerke  in  dem  Tempel:  Plin.  n.  h. 

34,  73.  77.  80.  89f.  35,  66.  131.  144.  36,  196. 

37,  4;  vgl.  Urlichs,  D.  Quellenregister  zu  Plin. 
letzten  Büchern,  Würzb.  1878  S.  19);  noch  in 
später  Zeit  restaurierte  der  Senat  den  Tempel 
{C.  I.  L.  6,  89  und  Henzen  z.  d.  Inschr,;  vgl. 
Jordan,  Topiogr.  1,  2 S.  192A.  31).  Nach  der 
Entdeckung  der  Verschrvörung  des  M.  Libo 


917  Concordia  (auf  Kaisermünzen  etc.) 


Concordia  (Ehegött.  d.  kais.  Hauses)  918 


im  J.  16  n.  Chr.  erhielt  mit  anderen  Göttern 
auch  Concordia  reiche  Geschenke  ( C . I.  L.  1 
S.  324.  Tac.  Ann.  2,  32.  C.  I.  L.  6,  91—94 
und  Henzen  das.).  Die  Arvalen  bringen  ein 
auf  Kaiser  Claudius  bezügliches  Opfer  im  Tem- 
pel der  Concordia  dar  (Acta  fr.  Arv.  ed.  Hen- 
zen S.  LVI  und  165  = C.  I.  L.  1 S.  474)  und 
opfern  am  Geburtstage  der  Agrippina  unter 
anderen  Gottheiten  im  J.  57  der  Concordia 
( Acta  etc.  S.  LXIV  und  57  — C.  I.  L.  6,1 
S.  478),  im  J.  58  der  Concordia  ipsius  ( Acta 
S.  LXX  und  57  = C.  I.  L.  6,  1 S.  482;  vgl. 
Henzen  im  Hermes  2,  1867  S.  47  und  in  Ann. 
d.  inst.  39,  1867  S.  251),  am  Geburtstage  des 
Nero  im  J.  58  der  Concordia  honoris  Agrip- 
pinae  Augustae  (hon.  Agripp.  = Nero;  Acta, 
C.  I.  L.  a.  aa.  00. , vgl.  Henzen  im  Hermes 
S.  51,  in  Ann.  S.  257),  im  J.  60  der  Concor- 
dia (Acta  S.  LXXVII  und  57  = G.  I.  L.  6,  1 
S.  486);  im  Tempel  der  Concordia  sagt  der 
magister  das  Opfer  der  Dea  Dia  an  (Acta 
S.  5).  Auf  den  Münzen*)  erscheinen  durch 
Beischrift  des  Namens 
gesicherte  Bilder  der 
Concordia  Augusta  zu- 
erst unter  Nero;  eine 
sitzende  Frau  mit  einer 
Opferschale  in  der  vor- 
gestreckten Rechten 
und  einem  Füllhorn  im 
linken  Arm  (Neron  7 f. 
„ , Titus  157 ff.  Julie  12 f. 

Concordia  Augusta,  Münze  d.  T,  ...  , , 

Titus  (Imhoofs  Sammlung).  Domihen  300  und  sehr 
ott;  nebenstehende  Ab- 
bildung; vergl.  Claude  97  Taf.  10  die  gleiche 
Figur  ohne  Namensbeischrift;  das  Füllhorn 
fehlt  bei  Sabine  Suppl.  2)  und  eine  stehende 
Frau  mit  denselben  Attributen  (z.  B.  Vespci- 
sien  263.  Titus  161.  Antonin  Suppl.  6.  Lu- 
cille  47 ; vgl.  unten)  sind  die  Haupttypen  der 
Concord.  Aug.  auf  Münzbildern.  Danach  hat 
man  ähnliche  Bronzefiguren  sitzender  und  ste- 
hender Frauen  mit  patera  und  Füllhorn  Con- 
cordia benannt  (vgl.  v.  Sachen,  Ant.  Bronzen 
des  Je.  Je.  Münz-  und  Ant.-Cabin.  in  Wien  1 
Taf.  16,  2.  36,  1.  und  S.  87,  wo  auch  eine 
Neapeler  Bronze,  Bronzi  d'Erc.  2 S.  15.  Wie- 
selet-, D.  A.  K.  2 3 Taf.  5,  59,  die  man  gewöhn- 
lich als  Iuno  Augustae  oder  weiblichen  Ge- 
nius einer  anderen  angesehenen  Frau  bezeich- 
net , für  Concordia  in  Anspruch  genommen 
wird);  über  andere  als  Concordia  aufgefafste 
Bildwerke  vgl.  Engelhard  a.  a.  0.  S.  56  f. ; als 
Concordia  erklärte  Cavedoni  (Bull.  d.  inst.  1859 
S.  173)  die  mit  Füllhorn  und  patera  thronende 
Göttin  einer  ceretanischen  ara  des  lateran. 
Museums  (abgebild.  Monum.  d.  inst.  6,  1858 
Taf.  13;  vergl.  Fortuna);  auch  Darstellungen 
geschnittener  Steine,  die  den  Münzbildern  ganz 
entsprechen,  hat  man  als  Concordia  gedeutet 
(vgl.  z.  B.  TölJcen,  ErJclär.  Verz.  d.  antiJcen 
Steine  S.  234  n.  1372).  Unter  den  beiden 
Haupttypen  der  Conc.  Aug.  werden  oft  auch 

*)  Alle  folgenden  Citate  von  Kaiser  münzen  beziehen 
sich,  sofern  nichts  anderes  angegeben,  auf  Cohen , Med. 
imp. ; vgl.  das.  Suppl.  S.  440  f.  in  der  table  des  legendes  des 
revers  die  Sammlung  aller  Münzen,  auf  denen  Concor- 
dia genannt  ist. 


die  Kaiserinnen  selbst  dargestellt  (auf  Mün- 
zen, z.  B.  Caligula  13  Taf.  9,  wo  die  drei 
Schwestern  des  Caligula  als  Securitas,  Concordia 
und  Fortuna  abgebildet  sind;  Claudia  1 Tf.  12 
eine  sitzende  Frau  mit  Füllhorn  und  patera 
in  einem  Tempel,  Umschrift:  Diva  Poppaea 
Aug. ; Faustine  jeune  125  f.  sitzende  Frau 
mit  denselben  Attributen,  Beischrift:  Augusti 
PU  fdia;  Statuen:  Monum.  d.  inst.  6/7,  1863 
io  Taf.  84,  3 Statue  der  Faustina  sen.  mit  patera 
und  Füllhorn,  dazu  vgl.  U.  Köhler  in  Ann.  cl. 
inst.  35,  1863  S.  450 ff.  und  Engelhard  a.  a.  0. 
S.  56;  vergl.  Nissen,  Pompejan.  Stud.  S.  290. 
Overbeck.,  Pompeji 4 S.  134);  andererseits  wird 
Concordia  unter  dem  Bilde  der  Divae  Augustae 
(vergl.  z.  B.  Galba  20.  107.  120)  sitzend  und 
stehend  mit  Opferschale  und  Scepter  dar- 
gestellt ( Commode  13 ff.  472 ff.:  Concordia  Covi- 
modi;  Plautüle  1 f. ; bei  Severe  II  4 noch  mit 
20  modius  auf  dem  Kopfe),  und  das  Symbol  der 
vergötterten  Kaiserinnen , der  Pfau , auch  für 
Concordia  verwandt  (Doniitüle  2.  Julie  2.  Uo- 
mitia  2 ff.  Taf.  18).  Con- 
cordia ist  in  der  Kaiser- 
zeit hauptsächlich  die 
Ehegöttin  des  kai- 
serlichen Hauses. 

Die  Vereinigung  zweier 
Füllhörner  im  Arme  der 
30  Göttin  (z.  B.  Trajan  121. 

134.  152.  195.  283.  519. 

Lucille  44  ff.  sitzende 
Concordia;  Adrien  697. 

Sabine  9 Taf.  7 ; 10.  Concordia  mit  2 Füllliör- 

39  ff.  Aelius  1.  Faustine  Münze  Gordians  III. 

mere  63.  213.  Faustine 

jeune  141.  Crispine  3 stehende  Concordia;  vgl. 
nebensteh.  Abbildung)  scheint  auf  die  Verbin- 
dung der  beiden  Mitglieder  des  Kaiserhauses 
40  bezogen  werden  zu  müssen  und  den  aus  dem 
Ehebunde  hervorgehenden  Kindersegen  zu  sym- 
bolisieren (vgl.  Drusus  1 und  Antonin  248  f. 
Taf.  11;  846  zwei  mit  Kinderköpfen  gekrönte 
Füllhörner;  EcJchel  a.  a.  0.  2 S.  257  u.  Mion- 
net, Dcscr.  de  med.  2 S.  192  n.  327:  auf  einer 
in  Paträ  geschlagenen  M.  des  Claudius  mit  der 
Beischrift  Liberis  Aug.  ein  jugendlicher  männ- 
licher Kopf  zwischen  zwei  mit  weiblichen 
Köpfen  gekrönten  Füllhörnern);  gerade  im 
50  Arm  der  Concor- 
dia ist  das  dop- 
pelte Füllhorn  ein 
stehendes  Symbol 
geworden.  Die 
auf  die  Ehe  ge- 
setzte Hoffnung 
wird  ansgedrückt 
durch  eine  der 
Concordia  beige- 
60  seilte  Statuette 
der  Spes , auf 
welche  sie  zuwei- 
len den  linken 
Arm  legt  (Adrien 
109—116.  702  ff. 

Sabine  2 ff.  Tf.  7;  36.  Suppl.  S.  132  zu  5 und 
6 mit  Scepter  statt  patera;  Adrien  698 f.  Sa- 
bine 45  ff.  Taf.  7.  Antonin  41f.  Faustine  viere 


Concordia  mit  Spes  (vgl. 
S.  919,  3). 


919  Concordia  (Ehegött.  d.  kais.  Hauses  etc.) 


Concordia  (Augustorum  etc.)  920 


215.  Suppl.  S.  158  zu  62.  Lucille  lf.  Medail- 
lon des  Commodus  und  der  Crispina,  abgebil- 
det bei  Fröhner , Lcs  niedaillons  de  Vempire 
vom.,  Paris  1878  S.  148;  s.  Abbildng.  S.  918; 
vgl.  Gerhard,  Venusidole  S.  327  = HW«.  S.  271, 
der  S.  329 f.  Taf.  6,  2.  3.  = Ablidlg.  S.  273f. 
Tat.  33,  2.  3 zwei  Bildwerke,  deren  trümmer- 
liafte  Erhaltung  jede  sichere  Deutung  verbietet, 
ergänzt  und  als  Concordia  mit  einer  Venus- 
Spes  deutet,  vgl.  dessen  Prodromus  S.  65.  67) ; 
in  gleichem  Sinne  stützt  sich  Concordia  auf 
das  neben  ihrem  Sessel  stehende  Füllhorn 
( Adrien  706.  Aelius  2 ff.  Taf.  9;  7 ff“.  2 8 ff.  Fau- 
stine mere  60  ff.  214,  vgl.  Adrien  700.  Marc 
Aurele  10  ff.  17  ff.  Faustine  jeune  Suppl.  4.  Lu- 
cius Verus  6f.  113).  Die  jüngere  Faustina 
setzt  auf  ihre  Münzen  eine  nach  Art  der  Spes 
das  Gewand  emporhebende  Concordia  mit 
Füllhorn  ( Faustine  jeune  15  ff.  140.  1 42  ff. , vgl. 
14)  und  giebt  der  auf  das  Füllhorn,  das  hier 
noch  auf  einer  Ku- 


gel aufsteht,  sich 
stützenden  Concor- 
dia in  die  Rechte 
die  Blume  der  Spes 
(18 1.  136f. ; nebenst. 
Abbildg.).  Als  Stif- 
terin des  Ehebundes 
wird  Concordia  cha- 
rakterisiert , wenn 
auf  einer  Darstellung 
der  dextrarum  iun- 


Concordia  mit  Blume  der  Spes, 

Münze  d.  Faustina  jun.  ctio  des  AntonillUS 
Pius  und  der  älte- 
ren Faustina  der  Kaiser  eine  Statuette  der 
Concordia  in  der  Hand  hält  ( Antonin  502  f. 
Taf.  12  = Faustine  mere  217  mit  der  Legende 
Concor diae ) und  bei  anderen  Darstellungen  der 
gleichen  Scene  Concordia  nach  Art  einer  Iuno 
Pronuba  zwischen  beiden  Personen  steht  und 
sie  vereinigt  (z.  B.  Marc  Aurele  20.  Suppl.  7. 
Caracalla  15.  Iulia  Paula  18  f.  Aquilia  Severa 
8 Taf.  16  mit  dem  Namen  der  Concordia; 
Faustine  mere  115.  Marc  Aurele  808  ff.  Tf.  15. 
Crispine  et  Commode  2 Taf.  4,  bei  Grueher  u. 
Poole,  Roman  medaillons  in  the  British  Mu- 
seum, London  1874  Taf.  37,  1 und  Fröhner 
S.  147,  mit  der  Umschrift  Vota  publica;  vgl. 
PL.  Brunn  in  Ann.  d.  inst.  16,  1844  S.  189  A.  1; 
vgl.  die  Darstellungen  der  dextr.  iunct.  ohne 
die  Göttin,  denen  nur  der  Namen  der  Concor- 
dia beigeschrieben  ist:  Sabine  11.  Faustine 
mere  65.  216.  etc.,  vgl.  Fröhner  S.  177;  Stal, 
silv.  1,  2,  239  ff.  Claudian.  nupt.  Honor.  et 
Mar.  202  f.  Martian.  Cap.  2,  147).  Auf  diesen 
Münzbildern  will  Rofsbach  (Rom.  Hochzeits- 
und Ehedenlcm.  S.  24,  ihm  folgt  A.  Herzog, 
Stati  Epithalamium  denuo  editum,  Lips.  1881 
S.  34,  vergl.  auch  Fröhner  S.  149)  trotz  der 
Umschrift  in  der  die  beiden  Personen  verbin- 
denden Göttin  nicht  die  Concordia,  sondern 
Iuno  Pronuba  erkennen.  Dafs  aber  die  Bei- 
schrift sich  auf  die  Figur  bezieht,  welche  die 
Verbindung  des  Kaisers  und  der  Kaiserin  her- 
beiführt, geht  daraus  hervor,  dafs  wir  auf  an- 
deren Münzen  durch  dieselbe  Umschrift  eine 
Göttin  bezeichnet  finden,  die  in  ganz  gleicher 
Weise  zwei  männliche  Mitglieder  des  Kaiser- 


hauses verbindet,  wo  an  eine  Iuno  Pronuba 
natürlich  nicht  zu  denken  ist  (z.  B.  Adrien 
536,  abgeb.  bei  Grueher  u.  Poole  Taf.  3,  1. 
Aelius  26  Taf.  10.  Grueher  u.  Poole  Tf.  7,  1 
und  Fröhner  S.  44.  PHocletien  104;  dieselbe 
Scene  sehr  häufig  ohne  die  Concordia  mit  der 
Legende  Concordia  Augustorum , z.  B.  Marc 
Aurele  21  ff.  417  ff.  Lucius  Verus  8 ff.  114  ff.  Tf.  1 ; 
auf  den  Münzen  griechischer  Städte  mit  der 
io  Legende  'Ogovoiu  Usßuozcöv;  vergl.  Eckhel 
a.  a.  0.  4 S.  332).  Als  Ehestifterin  wird 
Concordia  Felix  genannt  ( Lucille  34,  abgeb. 
Fröhner  S.  97.  Iulie  Domne  14.  Caracalla  15  f. 
Plautille  9;  später  jedoch  ohne  Beziehung 
auf  den  Ehebund  Concordia  felix  dominorum 
nostrorum,  z.  B.  Maximien  Hercule  160.  Ga- 
lere  Maximien  58;  vgl.  Prudent.  Psychomach. 
644  f. ) ; der  lange  Bestand  ihres  Werkes  wird 
ausgedrückt  durch  eine  Säule,  an  die  sie  sich 
so  lehnt  (z.  B.  Adrien  697.  Sabine  39  ff  Aelius 
1.  27.  Faustine  mere  64.  211  f. ; vgl.  Concor- 
cliae  aeternae:  Caracalla,  Sept.  Severe  et  Lulie 
lff.  Suppl.  1.  Lulia  Paula  4.  18.  Plautille  7f. 
Tf.  12  ; 26.  Salonine  HOt;  Martial.  4,  13,  7 ff). 

Die  Concordia  Augustorum  wird  häufig  auf 
den  Münzen  genannt  (vgl.  Cohen,  fable  s.  v. ; 
C.  L.  L.  8 , 8300) ; auf  die  Eintracht  des 
M.  Aurel  und  L.  Verus  bezieht  Hübner  (Ann. 
d.  inst.  36 , 1864  S.  233)  die  in  einer  metri- 
30  sehen  Inschrift  bei  Brambach,  C.  I.  Rhen.  484 
genannte  Sospes  Concordia  (vgl.  dazu  Zange- 
meister im  N.  Rh.  Mus.  19,  1864  S.  49  ff.,  und 
C.  I.  L.  8,  8301);  alle  männlichen  Mitglieder 
des  kaiserlichen  Hauses  umfafst  die  auf  den 
Münzen  der  späteren  Kaiserzeit  sehr  häufige 
Concordia  Augustorum  et  Caesarum  (vgl.  Co- 
hen, table  s.  v.  und  die  Concordia  perpetua 
dominorum  nostrorum  Maximien  Hercule  168. 
Constantin  I 217;  vgl.  Cass.  Dio  77,  1). 

40  Aufser  den  angeführten  Darstellungsweisen 
zeigen  die  Kaisermünzen  noch  andere  Bilder 
der  Concordia;  Ähren  oder  ein  Mohnkopf  mit 
Ähren  in  der  Hand  der  Göttin  an  Stelle  der 
Opferschale  bedeuten  die  von  ihr  verliehenen 
Gaben  der  Ceres  und  Annona  ( Vespasien  19  ff. 
Titus  12.  Domitien  18—20;  vgl.  Cavedoni  in 
Ann.  d.  inst.  25,  1853  S.  9;  Ähren  hält  auch 
die  ' Ofiövoux  auf  alexandrin.  Münzen  des  Titus 
und  des  Aelius,  vgl.  Eckhel  a.  a.  0.  4 S.  332). 
50  Vereinzelt  sind  andere  Darstellungen  der  Göt- 
tin: sitzend  mit  Scepter  und  Ölzweig  ( Galba 
113  ff  = Clementia,  vgl.  d.),  stehend  mit  Scep- 
ter und  Füllhorn  (Antonin  38,  vgl.  120.  Fau- 
stine mere  Suppl.  7),  sitzend  mit  Opferschale 
und  an  die  Brust  gelegter  linker  Hand,  hinter 
dem  Sessel  das  Füllhorn  (Marc  Aurele  16), 
stehend  mit  Opferschale  und  die  Linke  auf 
ein  Füllhorn,  das  an  einem  Altar  befestigt  ist, 
legend  (Marc Aurele  415  ff,  = Clementia,  vgl.  d.). 
60  Auf  Münzen  der  beiden  Faustinen  ist  die  Taube 
das  Symbol  der  Concordia  (Faustine  mere  59. 
jeune  20  ff  Taff  18.  Suppl.  3;  vgl.  Ilor.  cp.  1, 
10,  3 ff). 

Concordia  wird  in  der  Familie  besonders 
am  Feste  der  Cara  Cognatio  (Ovid.  f.  2,  361  f. ; 
vgl.  Valer.  Maxim.  1,  8,  17),  vielleicht  auch 
bei  dem  Opfer  der  Frauen  am  1.  April  (Lyd. 
de  mens.  4,  45)  angerufen;  sie  wird  in  Zünf- 


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921  Concordia  (provinciarum  etc.) 

teil , Corporationen  und  Gemeinden  verehrt 
( Conc . collegi  brattiariorum  inauratorum  C.  1. 
L.  6,  95.  Conc.  collegii  fahr  um  hastensium  das. 
5,  7555.  Conc.  curatorum  arcae  collegii  fabrum 
et  centonariorum  das.  5612.  Conc.  decurionum 
das.  2,  3424.  Conc.  coloniarum  Cirtensium  das. 
8,  6942.  Conc.  civitatis  hei  Ch.  Robert,  Epigra- 
pliie  de  la  Moselle  S.  13.  Conc.  populi  et  ordinis 
C.  I.  L.  8,  2342.  Conc.  Agrigentinorum  das. 
10,  7192;  vergl.  Brambach,  C.  I.  Rlien.  2027. 
C.  I.  L.  8,  757;  über  die  entsprechende  auf 
Münzen  griechischer  Städte  genannte  und  dar- 
gestellte ’Ogövoicc  von  Gemeinden  etc.  vergl. 
Eckhel  a.  a.  0.  4 S.  332 ff.).  Klügmann  (in 
Ztschr.  f.  Numism.  6,  1879  S.  39  f.  41  f.)  hat 
darauf  aufmerksam  gemacht,  dafs  auf  den  von 
mehreren  Monetären  gemeinsam  geprägten 
Denaren  der  Kopf  der  Concordia  nicht  ohne 
Kücksicht  auf  die  Verbindung  der  Miinzmeister 
gewählt  sei.  Die  Kaiser  loben  auf  den  Mün- 
zen die  Conc.  provinciarum  ( Galba  12  ff.  254, 
vgl.  Orelli  2131  dis  deabusque  praesidibus  pro- 
vinciarum Concordiae  etc.),  Conc.  praetoriano- 
rum  ( Vitellins  7.  100),  Conc.  senatui  {Vespa- 
sien  264),  Conc.  equitum  ( Gallien  Suppl.  10. 
Postume  12.  13 f.  mit  dem  Bilde  der  Fortuna; 
vgl.  Cic.  ad  Att.  1,  14,  4),  Conc.  imperii  ( Ga - 
lere  Maximien  61.  Severe  II  16.  Maximin  II 
37  f.  Constantin  I 214;  vgl.  orbis  Concordia 
in  einem  Gebete  bei  Flav.  Vopisc.  v.  Probi 
12),  und  besonders  oft  die  Conc.  exercituum 
( Vespasien  25.  Nerva  9 — 18.  71—80.  Adrien 
707  f.  Antonin  504 ff.,  vgl.  924.  934.  Marc  Au- 
rele 427.  etc.),  Conc.  militum  ( Connnode  16 tf. 
und  aufserordentlich  häufig  auf  Münzen  der 
späteren  Kaiserzeit,  vgl.  Cohen,  table  s.  v.)  und 
Conc.  legionum (Valerien pere  31.  Claude  II 48. 
Aurelien  9f.).  Concordia  Populi  Romani  ( Vi- 
tellins 3 ff.)  und  Conc.  Augusti  ( Vitellius  62  ff. 
Vespasien  24.  261  f.  Suppl.  59  f.  Titus  13.  157  f. 
C.  I.  L.  2,  465;  vgl.  Conc.  Commodi  Commode 
13  ff.  472  ff.)  drückt  nach  Hübners  (C.  I.  L.  2 
zu  n.  465)  Vermutung  die  Eintracht  des  Kai- 
sers mit  dem  Volke  aus.  Die  Conc.  provinc. 
und  praetor,  wird  mit  Fides  exercituum  ver- 
bunden ( Galba  254.  Vitellius  100,  vgl.  Ephem. 
epigr.  4,  715)  und  unter  dem  Bilde  der  Pax 
mit  Ölzweig  und  Füllhorn  dargestellt;  die  Conc. 
exercit.  etc.  erscheint  gewöhnlich  als  stehende 
Frau  mit  Feldzeichen  in  den  Händen  (bei 
Claude  II  43.  46.  Quintille  lOff.  mit  einem 
Feldzeichen  und  Füllhorn);  einmal  hält  sie 
eine  Victoria-Statuette  in  der  Rechten  und  ein 
Feldzeichen  in  der  Linken  ( Antonin  504  ff. ; 
s.  obenstehende  Abbildg.),  ein  andermal  führt 
sie  ein  Feldzeichen  und  einen  caduceus  ( Galba 
253);  oder  sie  wird  selbst  nicht  dargestellt, 
sondern  durch  das  Symbol  der  verbundenen 
Hände  bezeichnet. 

Aufs  er  halb  Roms  sind  uns  Bilder  und  Hei- 
ligtümer der  Concordia  aus  republikanischer 
Zeit  bekannt  aus  Cora  (Bild,  C.  I.  L.  10,  6508 
= 1, 1154),  Casinum  (Bild  und  Altar,  40  v.  Chr., 
C.I.L.  10,5159),  Syrakus  (Altar,  Liv.  24,  22); 
in  Agrigent  ist  ohne  genügenden  Grund  eine 
Tempelruine  als  Tempel  der  Concordia  be- 
zeichnet worden  (vgl.  Schubring , Histor.  To- 
pogr.  von  Acragas,  Leipz.  1870  S.  80.  52  ff.). 


Consentes 


922 


Concordia  exercituum  (siehe 
S.  921,  54). 


Der  Concordia  Augusta.  und  Pietas  weiht  unter 
Tiberius  oder  Nero  in  Pompeji  die  städtische 
Priesterin  Eumacliia  das  Chalcidicum,  in  des- 
sen Trümmern  eine  Concordia-Statue  ohne 
Kopf  mit  reich  ver- 
ziertem Füllhorn  ge- 
funden worden  ist 
(C.  I.  L.  10,  810; 
vergl.  Nissen,  Tem- 
10  plum  S.  219.  Pom- 
ptejan.  Stud.  S.  287  ff. 

Overbeck , Pompeji 
S.  131ff.);  in  Pata- 
vium  war  ein  be- 
rühmter Tempel  der 
Concordia  Augusta 
mit  einer  besonderen 
Priesterschaft  Con- 
cordiales  oder  Con- 
20  cordiales  Augustales  ( C . I.  L.  5,  2307.  2525. 
2843.  2865.  2869.  2872.2874f.  3130;  vgl.  Momm- 
sen  das.  S.  268);  in  Anaunium  stiften  drei  Brü- 
der der  Concordia  Augusta  eine  ara  cum  signo 
(C.  I.  L.  5,  5058).  [R.  Peter.] 

Concubinus  s.  Indigitamenta. 

Condat[es]  (Dativ  Condati),  eine  celtische 
Gottheit  auf  der  Inschrift  eines  Altars  aus  der 
Nähe  von  Piers  bridge  am  Tees,  C.  I.  L.  7, 
420:  D.M.  ||  Condati  ||  Attonius  ||  Quintianus  etc. 
30  Mommsen  und  Hübner  meinen,  dafs  nicht  Dis 
Manibus,  sondern  Deo  Marti  Condati  aufzulösen 
sei.  Letzteres  Wort  wird  meist  durch  confluens 
erklärt,  wofür  der  häufig  vorkommende  Städte- 
name Condate  zu  sprechen  scheint;  als  Name 
eines  Gottes  ist  diese  Bedeutung  aber  nicht 
wahrscheinlich.  [Steuding.] 

Conditor  s.  Indigitamenta. 
Couiuinbric(enses)  dii  und  deae,  celtische 
Ortsgottheiten  auf  einer  Inschrift  aus  Freixo 
40  de  Numäo  (Lusitania),  C.  I.  L.  2,  432:  . . . dis. 
deabusq  \ Coniumbric  \ s.  I.  m.  Hübner  a.  a.  0. 
denkt  an  Conimbriga  = Coimbra  und  vermutet 
deshalb  Conimbrigensibus;  doch  kann  es  auch 
eine  Ortschaft  Coniumbriga  gegeben  haben. 

[Steuding.] 

Consentes.  Die  Vorstellung  von  einer  Zwölf- 
zahl besonders  hervorragender  Götter  ist,  wie 
sie  sich  ja  auch  bei  den  Griechen  findet,  den 
italischen  Völkern  gemeinsam,  aber  von  den 
50  einzelnen  in  verschiedener  Weise  ausgebildet 
worden.  Die  Etrusker  zunächst  hatten  unter 
den  verschiedenen  Kreisen  von  Göttern,  welche 
ihr  theologisches  System  umfafste,  einen,  des- 
sen etruskischen  Namen  die  römischen  Anti- 
quare durch  das  Wort  Consentes  oder  Com- 
plices  wiedergeben.  Es  sind  das  12  Götter, 
die  zusammen  entstanden  sind  und  zusammen 
vergehen  werden,  aber  nicht  etwa  die  höchsten 
des  ganzen  Götterkreises,  sondern,  von  diesen 
60  geschieden,  geheimnisvolle  Wesen,  deren  Na- 
men man  nicht  weifs , sechs  weibliche  und 
sechs  männliche  Gottheiten  (wenn  das  letztere 
nicht  erst  eine  Übertragung  von  den  römischen 
Consentes  ist).  Sie  bilden  einen  hohen  Rat, 
den  Iuppiter  bei  bestimmten  Anlässen,  nament- 
lich beim  Schleudern  einer  bestimmten  Gattung 
von  Blitzen  zuzieht  ( Caecina  bei  Seneca  Quaest. 
nat.  2,41.  Arnob. 3, 4:0  (ob.  914,6).  Mart.  Cap.  1, 


923  Consortes  dei  Herculis  invicti 


Consus 


924 


41.  45;  vgl.  0.  Müller,  Etrusker 2 2,  83ff.,  wo 
aber  Etruskisches  und  Römisches  nicht  genü- 
gend geschieden  ist;  s.  G.  Schmeifser  de  Etru- 
scorum  deis  Consentibus  qui  dicuntur  in  Com- 
mentat.  pliil.  in  honorem  A.  Reifferscheidii  ( Vra- 
tislaviae  1884)  p.  29 ff.).  Eine  ganz  andre  Ge- 
stalt dagegen  nimmt  die  Vorstellung  von  den 
di  Consentes  in  Rom  an,  wo  sich  mit  der  ita- 
lischen Anschauung  von  dem  Zwölfgötterkreise 
(vgl.  Mommsen,  Unteritäl.  Dial.  S.  141.  Mar-  io 
quardt,  Horn.  Staatsverw.  3,  24.  Preller,  Rom. 
Mythol .8  1,  66ff.)  etruskische  und  griechische 
Einflüsse  begegneten.  Hier  sind  die  zwölf 
Götter,  welche  den  Senat  des  Iuppiter  bilden, 
nicht  geheimnisvolle  namenlose  Wesen,  son- 
dern es  sind  die  zwölf  höchsten  Gottheiten 
Iuppiter,  Neptunus,  Mars,  Apollo,  Volcanus, 
Mercurius,  Iuno,  Minerva,  Venus,  Diana,  Vesta, 
Ceres,  ein  Kreis,  der  bereits  in  der  Zeit  des 
Ennius  definitiv  festgestellt  war  ( Ennius  bei  20 
Apul.  de  deo  Socrat.  2 p.  6 Goldb. ; vgl.  auch 
August,  de  civ.  Dei  4,  23).  Diese  zwölf  Götter 
wurden  schon  in  verhältnismäfsig  früher  Zeit 
bildlich  dargestellt:  am  Aufgange  vom  Forum 
zum  Capitol  befanden  sich  ihre  vergoldeten 
Bildsäulen  ( Varro  r.  r.  1,  1,  4;  vergh  Detlef- 
sen , de  arte  Romanorum  antiquissima  1 p.  22. 
Becker,  Topogr.  S.  318)  und  diese  r deorum  Con- 
sentium  sacrosancta  simulacra ’ wurden  noch 
im  Jahre  367  von  Vettius  Praetextatus  wie-  30 
derhergestellt,  wie  die  erhaltene  Weihinschrift 
besagt  ( C . I.  L.  6,  102);  die  porticus  der  di 
Consentes  selbst  wurde  im  Jahre  1834  aufge- 
deckt und  ist  jetzt  restauriert.  Auch  aus  an- 
dern Zeugnissen  wissen  wir,  dafs  die  Vorstel- 
lung von  den  di  Consentes  bis  in  die  späte- 
sten Zeiten  des  Heidentums  im  Volke  lebendig 
blieb,  wenn  man  auch  den  Namen  nicht  mehr 
recht  verstand  und  mit  consentire  zusammen- 
brachte (während  natürlich  con-sens  wie  prae-  40 
sens,  ab-sens  gebildet  ist).  So  begegnen  uns 
öfter  in  den  Inschriften  der  Kaiserzeit  die  di 
consentes  ( C . I L.  3 , 942) , das  consentium 
deorum  ( C . I.  L.  3,  1935),  das  Consilium  deo- 
rum ( Orelli  1869),  cler  consessus  deorum  ( C . I. 

L.  3,  1063),  und  als  der  Mithrasdienst  aufbliiht, 
fügt  man  den  neuen  Gott  in  diesen  Götter- 
senat ein,  indem  man  ihn  als  deus  magnus 
Mithras  pollens  consens  bezeichnet  ( C . 1.  L. 

6,  736).  [Wissowa.]  50 

Consortes  <lei  Herculis  invicti , auf  einer 
Inschrift  aus  Carlisle , G.  1.  L.  7 , 924 , mit 
Hercules  zusammen  verehrte  Gottheiten,  die 
nach  Hübners  Annahme  (a.  a.  0.)  vielleicht 
auf  einem  ursprünglich  über  dieser  Inschrift 
befindlichen  Steine  genannt  waren.  [Steuding.] 
Constantia.  Eine  Personifikation  Constan- 
tia ist  nur  durch  Münzen,  welche  Kaiser  Clau- 
dius mit  seinem  und  seiner  Mutter  Antonia 
Namen  und  Bildnis  schlagen  liefs , bekannt  go 
(C.  Augusti,  Colien,  Med.  imp.  Claude  5 ff.  73. 
Supplem.  1.  10.  Antonia  lf.).  Eckhel  (Doctrin. 
numm.  6 S.  236)  ist  mit  Recht  der  Ansicht,  dafs 
Constantia  Augusti  die  Standhaftigkeit,  mit 
der  Claudius  die  vielen  Widerwärtigkeiten  bis 
zu  seiner  Erhebung  auf  den  Thron  ertrug,  re- 
präsentiere. Nach  der  Analogie  anderer  personi- 
ficierter  Fürstentugenden  dürfen  wir  auch  hei 


Constantia 
(s.  S.  924,  11  ff.). 


dieser  Personifikation  göttliche  Verehrung  an- 
nehmen. Auf  die  Münzen  der  Antonia  mit 
der  Umschrift  Constantia  setzte  Claudius  das 
Bild  einer  Frau  mit  Fackel  uud  Füllhorn  (d.  i. 
Ceres,  wie  auch  auf  der  Vorderseite  Antonia 
als  Ceres  mit  einem  Ährenkranz  abgebildet 
ist;  vgl.  Eckhel  a.  a 0.  S.  179.  Hirt,  Mythol. 
Bilderb.  S.  115  hielt  die  Figur  für  Constantia, 
welche  die  Anhänglichkeit  und  dauerhafte 
Liebe  der  Antonia  zu  Drusus  darstelle) ; auf 
seinen  eigenen  Münzen  ist  die  Göttin  in  zwei- 
facher Weise  dargestellt:  a ) als  sitzende  Frau, 
welche  die  Rechte  gegen  das  Gesicht  empor- 
hebt (5  ff.  Sappl.  1 ; nebenstehende  Abbildung) ; 
das  Symbol  des  aufgebogenen 
Armes  ist  jedenfalls  dem  Bilde 
der  Nemesis  entlehnt  und,  wie 
bei  diesem , Ausdruck  des 
Mafses  (vgl.  z.  B.  Zoega,  Ab- 
handlung. S.  52.  Schulz  in  Ann. 
d.  inst.  11, 1839  S.  105.  O.Jahn, 

Arch.  Beitr.  S.  150.  Midier, 

Iiandb.  d.  Archäol .3  § 398,  4. 

Benndorf- Schöne, Later  an. Mus. 
zun.  19.  Friederichs, Berlins  ant.Bildw.  1S.392), 
nicht  der  Verschwiegenheit,  wie  Eckhel  (a.  a.  0. 
S.  236)  und  Cavedoni  (Ann.  d.  inst.  23,  1851 
S.  239,  der  eine  Stelle  Suetons  Cal.  10  fälsch- 
lich auf  Claudius  bezieht)  annehmen,  da  der 
charakteristische  Ausdruck  des  Schweigens, 
das  Auflegen  des  Fingers  an  den  Mund  (vgl. 
z.  B.  Müller -Wieseler,  Denkm,  a.  K.  2 n.  948. 
954  u.  Text  dazu),  fehlt,  b)  auf  den  übrigen 
Münzen  des  Claudius  mit  der  Legende  C.  Aug. 
(73  Taf.  10,  danach  nebenstehende  Abbildg., 
Suppl.  10  Taf.  1;  von  Titus  ohne  Beischrift 
des  Namens  Constantia  wiederholt , Cohen 
a.  a.  0.  Claude  93  'Re- 
stitution de  Titus')  ist 
die  mit  Helm , Lanze 
und  Kriegsmantel  abge 
bildete  Figur,  die  eben- 
falls den  rechten  Arm 
gegen  das  Gesicht  em- 
porbiegt, weder  ein  iu- 
venis  galeatus,  wie  Eck- 
hel (a.  a 0.  S.  236) 
meint,  noch  eine  Pal- 
las Casquee,  wie  Cohen  Co^ta^tia  als  Roma-Virtus 

(a.  a.  0.)  sie  nennt,  son- 
dern , nach  brieflicher 

Mitteilung  A.  v.  Sallets,  Constantia  in  Tracht 
und  Aussehen  der  Roma-Virtus  oder  eine  Iden- 
tificierung  der  Constantia  mit  Roma-Virtus.  — 
Die  von  Eckhel  (a.  a.  0.  8.  S.  44)  nach  Tanini 
angeführte  Münze  des  Carausius  mit  Legende 
Constant.  Aug.  (nach  Eckhel  — Constantiae 
Aug.)  und  Bild  des  Hercules  (?  nackter  Mann, 
die  Rechte  an  die  Hüfte  legend,  in  der  Lin- 
ken eine  Lanze  haltend)  ist  auf  Taninis  Ge- 
währ hin  nicht  ohne  weiteres  als  echt  anzu- 
sehen; sie  fehlt  bei  Cohen,  und  selbst  wenn  ihre 
Echtheit  sich  feststellen  liefse,  müfste  es  zwei- 
felhaft bleiben,  ob  an  Constantia  Aug  zu  den- 
ken ist.  [R.  Peter.] 

Consus.  Der  Gott  Consus  hatte  in  Rom 
zwei  Heiligtümer,  von  denen  das  eine  seinen 
Ursprung  bis  in  die  Urzeit  der  Stadt  zurück- 


925  Consus 

führte.  Es  war  dies  ein  im  Circus  maximus 
'ad  primas  mctas ’ ( Tertull . de  spect.  5;  apud 
metas  Murcias  d.  h.  an  den  südlichen  metae, 
Tert.  de  spect.  8)  gelegener  Altar  (r iptvo?  nennt 
ihn  Dionys.  1,  33:  templum  sub  tecto  ungenau 
Serv.  Aen.  8,  63G)  merkwürdiger  Art  ( Varro 

1.  I.  G,  20.  Tac.  ann.  12,  24):  er  war  nämlich 
unterirdisch , mit  Erde  bedeckt , und  wurde 
nur  an  dem  Feste  des  Gottes  blofsgelegt  ( Flut . 
Rom.  14.  Dionys.  2,  31.  Tertull.  de  spect.  5). 
Tertullian,  der  in  der  Schrift  'de  spectaculis ’ 
Sueton  folgt  (vgl.  Reifferscheid,  Suet.  rel.  S.  463), 
giebt  sogar  die  auf  dem  Altar  befindliche  In- 
schrift 'Consus  consilio , Mars  duello , Rares 
coillo  potentes ’ an , deren  Authenticität  aller- 
dings nicht  über  allen  Zweifel  erhaben  ist. 
An  diesen  Altar  knüpften  sich  das  Fest  und  die 
Spiele  des  Gottes,  die  Consualien.  Es  waren 
dies  feriae  publicae  ( Yarr . 7.  I.  G,  20),  ursprüng- 
lich ein  Hirtenfest  (Varro  b.  Non.  p.  21),  nach- 
her von  den  Landleuten  gefeiert,  deren  Zug- 
und  Lasttiere , Pferde  und  Esel,  an  diesem 
Tage  ruhten  und  mit  Blumen  bekränzt  wur- 
den (Flut.  Q.  R.  48.  Dionys.  1 , 33.  Fast. 
Praen.  15.  Dec.).  Vor  allem  aber  wurden  an 
diesem  Tage  ludi  circenses  gefeiert  (Serv.  Aen. 
8,  G35.  63G.  Ps.-Ascon.  p.  142  Or.  Dion.  2,  31), 
bei  denen  namentlich  auch  Maultiere  um  die 
Wette  liefen,  weil  dies  die  älteste  Art  von 
Zugtieren  war  (Paul.  p.  148).  Den  Ursprung 
dieser  Spiele,  die  noch  in  der  augusteischen 
Zeit  gefeiert  wurden  (Strabo  5,  3,  2.  Dionys. 

2,  31),  führte  man  auf  die  älteste  Zeit  zurück. 
Diejenigen,  welche  alle  altrömischen  Bräuche 
und  Einrichtungen  aus  Griechenland  herleite- 
ten , meinten , es  sei  eine  von  Euander  ein- 
geführte Nachbildung  der  arkadischen  ’lnno- 
hqÜzsik  (Dionys.  1,  33);  die  herrschende  Tra- 
dition jedoch  schrieb  die  Einsetzung  der  Con- 
jsualia  dem  liomulus  zu  (Oie.  de  rep.  2,  12. 
Flut.  Rom.  14;  vgl.  Schwegler,  Rom.  Gesell.  1, 
|171)  und  brachte  dieselbe  in  Verbindung  mit 
dem  Raube  der  Sabinerinnen:  um  nämlich  die 
Sabiner  mit  ihren  Frauen  und  Töchtern  nach 
|ttom  zu  locken,  feierte  der  Sage  nach  ßomu- 
(us  zum  ersten  Male  die  Spiele  der  Consualien 
1 Varr.  I.  1,  6,  20.  Cie.  de  rep.  2,  12.  Slrab.  5, 
t,  2.  Dionys.  2,  30.  Flut.  Rom.  14.  Folyaen. 
i,  3.  Tertull.  de  spect.  5.  Ps.-Ascon.  p.  142 
\>r.  Serv.  Aen.  8,  635.  636).  Wann  jene  älte- 
Iten  Consualien  gefeiert  wurden,  mufs  dahin- 
gestellt bleiben,  Plutarcli  (Rom.  15;  gebilligt 
on  Schwegler,  Rom.  Gesell.  1,  477)  verlegt  sie 
uf  den  18.  August;  jedoch  geben  unsere  Kalen- 
arien an  diesem  Tage  keine  Consualien  an, 
nd  das  am  21.  August  gefeierte  Fest  des  Con- 

. us  kann  jedenfalls  nicht  das  Hauptfest  ge- 
lesen sein,  da  hier  die  Kalendarien  nur  von 
em  aventinensischen  Heiligtum , nicht  von 
em  Altar  im  Circus  sprechen.  Einer  Nach- 
icht  zufolge  (Serv.  Aen.  8,  636)  fanden  jene 
onsualien,  an  denen  die  Sabinerinnen  geraubt 
'urden , im  März  statt  und  dazu  würde  die 
anz  vereinzelte  Überlieferung  (Tertull.  de  spect. 

) stimmen,  wonach  Romulus  die  ehemaligen 
onsualien  in  Equirria,  Spiele  des  Mars,  um- 
wandelt hätte ; diese  letzteren  fallen  bekannt- 
ch  auf  den  14.  März.  In  historischer  Zeit 


Oonsus  926 

wurden  diese  grofsen  Consualia  am  15.  Dezem- 
ber gefeiert  (C.  I.  L.  1 p.  408).  Dagegen 
knüpfen  zwei  andre  Feste  des  Consus , am 
21.  August  (jedoch  wurde  an  diesem  Tage 
dem  Consus  auch  auf  dem  Altäre  im  Circus 
durch  den  flamen  Qirinalis  und  die  vestalisclun 
Jungfrauen  geopfert,  Tertull.  de  spect.  5;  von 
einem  ebenda  am  7.  Juli  durch  die  sacerdotes 
publici  dargebrachten  Opfer,  welches  Tertul- 
lian erwähnt,  wissen  die  Kalendarien  nichts), 
und  12.  December,  an  ein  von  L.  Papirius 
L.  f.  Sp.  n.  Cursor  461  oder  482  u.  c.  gegrün- 
detes Heiligtum  auf  dem  Aventin  an,  welches 
man  früher  fälschlich  mit  dem  Altar  im  Cir- 
cus identificierte  (Fest.  p.  209;  vgl.  TI.  Jor- 
dan, de  Vertumni  et  Consi  aedibus  Aventinen- 
sibus , in  der  Gratulationsschrift  der  Königs- 
berger Universität  zum  50jährigen  Jubiläum 
des  deutschen  archäol.  Instituts  1879  p.  3—6). 

Was  die  Anschauungen  der  Alten  über  das 
Wesen  des  Consus  anlangt,  so  begegnen  uns 
zwei  verschiedene  Erklärungsweisen,  für  deren 
richtige  Würdigung  man  sich  gegenwärtig  zu 
halten  hat,  dafs  in  der  späteren  Zeit  Consus 
keineswegs  ein  Gott  war,  der  eine  besonders 
lebhafte  Verehrung  vom  Volke  genossen  hätte; 
denn  es  kann  kaum  Zufall  sein,  dafs  keine 
einzige  auf  ihn  bezügliche  Dedikationsinschrift 
auf  uns  gekommen  ist.  Die  am  weitesten  ver- 
breitete Ansicht  identificierte  den  Consus  mit 
dem  griechischen  IIogsiScöv  "inniog  (Liv.  1,  9, 
7.  Dionys.  1 , 33.  2,  30.  31.  Strab.  5,  3,  2. 
Plut.  Rom.  14.  Q.  R.  48.  Polyaen.  8,  3.  Ter- 
tull. de  spect.  5.  Serv.  Aen.  8,  635.  636.  Lyd. 
de  mag.  1,  30,  weshalb  auch  spätere  Dichter 
schlechthin  Consus  für  Neptunus  gebrauchen 
(Auson.  id.  12  de  dis  3;  epigr.  69,  9),  und  stützte 
sich  dabei  vor  allem  auf  die  Thatsache,  dafs 
dem  Consus  Rennspiele  gefeiert  wurden.  Je- 
doch kann  es  keinem  Zweifel  unterliegen,  dafs 
diese  Deutung  nur  der  falschen  Analogie  des 
griechischen  Gottes  ihren  Ursprung  verdankt: 
schon  einige  der  alten  Gelehrten  hatten  die 
Bemerkung  gemacht,  es  sei  unmöglich  anzu- 
nehmen, dafs  dem  Neptunus  equester  ein  unter- 
irdischer Altar  geweiht  gewesen  sei,  und  des- 
halb den  Gott  des  Altars  von  dem  der  Cir- 
cusspiele unterschieden  (Dionys.  2,  31);  noch 
mehr  springt  in  die  Augen , dafs  unmöglich 
eines  der  ältesten  Feste,  welches  die  Hirten- 
oder Bauernbevölkerung  einer  Binnenstadt 
feiert,  dem  Meeresgotte  geweiht  gewesen  sein 
kann  (vgl.  Schwegler,  Rom.  Gesch.  1,  472).  Eben- 
sowenig Beachtung  verdient  die  zweite  antike 
Ansicht,  wonach  Consus  als  deus  consilii  galt 
(Paul.  p.  41.  Plut.  Rom.  14.  Serv.  Aen.  8,  636. 
Tertull.  ad  nat.  2,  11),  und  zwar  speziell,  weil 
er  den  Plan  zum  Raube  der  sabinischen  Jung- 
frauen dem  Romulus  eingegeben  habe  (Ovul. 
fast.  3,  199.  Ar  mb.  3,  23.  Tertull.  de  spect.  5. 
Cyprian,  quod  idola  dii  non  sint  4);  es  liegt 
auf  der  Hand,  dafs  hier  die  falsche  Etymolo- 
gie das  bestimmende  Element  gewesen  ist. 

Glücklicherweise  ermöglichen  uns  die  über 
die  Verehrung  des  Consus  überlieferten  That- 
sachen  die  Bestimmung  des  Götterkreises,  dem 
Consus  angehört:  sowohl  die  Zeit  seiner  Haupt- 
feste, die  ohne  Zweifel  in  Beziehung  zur  Ernte 


io 

20 

30 

40 

50 

eo 


927 


Contrebis 


928 


stehen,  als  auch  die  unterirdische  Anlage 
seines  Altars,  die  sich  sonst  nur  noch  bei  Dis 
pater  findet,  weisen  mit  Sicherheit  darauf  hin, 
dafs  wir  es  mit  einer  chthonisch  - agrari- 
schen Gottheit  zu  thun  haben:  auf  diese  Weise 
erklärt  sich  das  Feiern  der  Zug-  und  Lasttiere 
an  seinem  Feste,  das  Darbringen  von  Erstlings- 
opfern ( Bionys . 2,  31),  die  Veranstaltung  der 
Spiele  (vgl.  Mommsen , 1 iöm.  Forsch.  2,  4211'. 
Die  Abhandlung  von  Hüllmann , de  Consuali- 
bus , Bonn  1819  ist  wertlos)  und  durch  eine 
leicht  verständliche  Symbolik  auch  dieBeziehung 
zu  dem  Raube  der  Sabinerinnen  (vgl.  Schwegler, 
Böm.  G.  1,  473  ff.  Bofsbach,  Unters,  über  d. 
röm.  Ehe  S.  330  ff.  Mommsen , C.  I.  L.  1 p.  400. 
[Mannhardt,  rnyth.  F.  172.]).  Wahrscheinlich 
ist  diese  Bedeutung  des  Gottes  auch  in  sei- 
nem Namen  ausgesprochen,  der  wohl  wie  Con- 
sevius,  Consivia  u.  a.  von  der  Wurzel  sa  (se- 
rere)  abgeleitet  ist.  [Wissowa.] 

Contrebis  deus  sanctus , Name  oder  Bei- 
name einer  celtischen  Gottheit  auf  einer  In- 
schrift aus  Overborough,  C.  I.  L.  7,  290:  Deo 
san(cto)  | Contr  \ ebi  etc. , links  daneben  ein 
Vogel,  rechts  ein  Opferbeil,  und  einer  solchen 
aus  Lancaster  7<$ 284:  Deo  | Ialono  \ Contre(bi?)\ 
sanctissi  \ mo  etc.  Contrebis  dürfte  aus  con 
und  treb  (kymr.  = Dorf,  Fiele,  vergl.  W.  1,  604) 
zusammengesetzt  sein;  vgl.  Contrebia  und  Atre- 
bates,  atreba  = liabitat,  Zeufs,  gr.  C.  p.  866  a. 
Nach  der  zweiten  Inschrift  scheint  der  Haupt- 
name des  Gottes  Jalonus  zu  sein.  [Steuding.] 
Convector  s.  Indigitamenta. 

Copia.  Schon  zur  Zeit  des  Plautus  kannte 
man  in  Rom  eine  Personifikation  Copia  (Blaut. 
Pseud.  736  sagt  Pseudulus  von  Charinus,  der 
ihm  alles,  dessen  er  bedarf,  zu  geben  ver- 
spricht: di  inmortales,  non  Charinus  mi  hie 
quidemst,  set  Copia)  und  stellte  sich  dieselbe 
als  eine  Göttin,  die  in  einem  Füllhorn  alle 
guten  Gaben  führt,  vor;  denn  als  Attribut 
einer  persönlich  gedachten  Göttin  Copia  auf- 
zufassen und  nach  ihr  benannt  ist  das  eben- 
falls schon  von  Plautus  erwähnte  cornu  Copiae 
(Pseud.  671:  Pseudulus  von  einem  ihm  über- 
brachten Briefe:  nam  haec  adlata  cornu  Copi- 
aest,  ubi  inest  quidquid  volo ; vgl.  Plin.  n.  h. 
praef.  24  Copiae  cornu , Gell.  1,8,2  cornum 
Copiae,  14,  6,  2 Copiae  cornum,  wo  die  Aus- 
gaben überall  copiae  bieten;  später  als  ein 
Wort  cornucopia,  z.  B.  Ammian.  Marc.  22,  9, 
1.  25,  2,  3.  Lact.  Placid.  fab.  9,  1).  Die  Exi- 
stenz einer  Göttin  Copia  zur  plautinischen  Zeit 
wird  auch  durch  die  Benennung  der  i.  J. 
561/193  nach  Thurii  gesandten  römischen  Kolo- 
nie Copia  vorausgesetzt,  s.  unten.  Als  Segens- 
göttin mit  reichlich  gefülltem  Horn  wird  Copia 
von  Horaz  als  Repräsentantin  der  mit  Glücks- 
gütern gesegneten  Friedenszeit  unter  der  Regie- 
rung des  Augustus  gepriesen  (Hör.  carm.  saec. 
59  f'.  adparetque  beata  pleno  Copia  cornu ; epist. 
1,  12,  28 f. ; vgl.  Porphyr,  zu  c.  saec.  60).  Da- 
neben finden  sich  Stellen,  wo  die  Grenzlinie 
zwischen  dem  Appellativ  copia  und  dem  nom. 
propr.  sich  nicht  scharf  ziehen  läfst,  insofern 
das  Apellativ  mit  dem  Attribut  des  cornu  ver- 
bunden wird  (IPor.  carm.  1,  17,  14  ff. : hic  tibi 
copia  manabit  ad  plenum  benigno  ruris  hono- 


Copia 

rum  opulentu  cornu).  An  einer  anderen  Stelle 
(epist.  1,  12,  28  f.  aurea  fruges  Italiae  pleno 
defundit  Copia  cornu)  scheint  dem  Horaz  ein 
Bild  der  Copia  vorzuschweben,  gerade  so  wie 
dies  bei  der  Schilderung  der  Fides  der  Fall 
ist  (carm.  1,35,  21  f.,  vgl.  Reifferscheid  im  Ind. 
schol.  Vratislav.  hiem.  1878(79  S.  4f.),  umso- 
mehr, als  die  Abundantia,  welche  in  der  spä- 
teren Zeit  die  Copia  ablöst,  auf  den  Münzen 
mit  demselben  Gestus,  indem  sie  nämlich  das 
Füllhorn  ausschüttet,  dargestellt  wird  (vergl. 
Abundantia).  So  sicher  die  Göttin  Copia  dem 
echt  römischen  Streben  nach  Personifikation 
abstrakter  Begriffe  ihre  Entstehung  verdankt, 
so  wahrscheinlich  ist  es,  dafs  das  Füllhorn 
ein  in  Griechenland  erfundenes  und  künstle- 
risch ausgebildetes  Symbol  und  auf  Copia  erst 
übertragen  worden  ist,  so  dafs  die  von  den 
Alten  vorgenommene  Gleichsetzung  cornu  Co- 
piae = rsqag  ’AgaX&eias  (s.  d. ; Plin.  n.  h. 
a.  a.  O.  Gell.  1,8,  1 f.  gloss.  Stephani  s.  v. 
cornucopiae)  das  Richtige  trifft.  Eine  zuerst 
von  Ovid  mitgeteilte , dann  bei  den  Mytho- 
graphen  mit  geringen  Veränderungen  wieder- 
kehrende ätiologische  Legende  erzählt  da- 
gegen, dafs  die  Najaden  das  Horn,  welches 
Herakles  dem  Flufsgotte  Achelous  im  Kampfe 
abbrach,  mit  Früchten  und  Blumen  füllten,  und 
dafs  Copia  dieses  Horn  von  ihnen  erhielt 
(Ovid.  met.  9,  86ff. ; vergl.  Lact.  Placid.  Stat. 
Theb.  4,  106  und  Mythogr.  vatic.  II  165;  nach 
Albric.  de  deor.  imagg.  22  und  Mythogr.  vatic. 
III  13,  4 giebt  Herakles  selbst  das  Horn  der 
Copia;  bei  Hygin.  fab.  31  und  Lact.  Placid. 
fab.  9,  1 wird  nnr  erzählt,  dafs  das  dem  Ache- 
lous geraubte  Horn  von  den  Hesperiden  oder 
Najaden  mit  Früchten  gefällt  und  cornu  Co- 
piae genannt  wurde).  Nach  anderer  Tradition 
(Mythogr.  vatic.  I 58)  gaben  die  Nymphen 
das  Horn  des  Achelous  der  Fortuna,  die  es 
mit  allen  guten  Gaben  anfüllte  und  ihrer  Die- 
nerin Copia  übergab  (Dienerin  der  Fortuna 
heifst  Copia  auch  bei  Lact.  Placid.  Stat.  Ilieb. 
a.  a.  0.) ; unverständlich  in  ihrem  letzten  Teile 
ist  die  Erzählung  des  Mythogr.  vatic.  II  165 
quem  (sc.  taurum)  Hercules  amplexus  reluctan- 
tem  cornu  quod  implicaverat  brachiis  fregit: 
quod  Fortunae  fertur  consecrasse,  cum  quo  ille 
(illa?)  copiam  dicitur  fecisse.  Veranlassung  zu 
diesen  mythologisierenden  Erzählungen  mögen 
griechische  Legenden  gegeben  haben,  in  denen 
das  HEQcts  ’Agcd&tiag  in  den  Achelous-Mythus 
verflochten  wird  (vergl.  Achelous,  Amaltheia), 
und  die  selbst  nur  erdichtet  zu  sein  scheinen, 
um  das  Füllhorn  im  Arm  des  Herakles  (vgl. 
B.  P.  Hartwig,  Heroldes  mit  dem  Füllhorn, 
Diss.  Leipz.  1883)  mythologisch  zu  erklären. 
Dafs  Copia  mit  Fortuna  in  Verbindung  ge- 
bracht und  selbst  eine  Dienerin  derselben  ge- 
nannt wird,  ist  nicht  auffällig;  denn  Copia  ist 
nach  Begriff' und  Bild  nur  eine  besondere  Form 
der  Glücksgöttin.  Von  einer  Verehrung  der 
Copia  erfahren  wir  durch  eine  Inschrift  des 
Museums  zu  Avignon,  welche  eine  Widmung 
an  die  Göttin  enthält  (Sex.  V fejratius  ||  Pri- 
scae.  I,  Pothufs]  ||  Copiae  v.  s.  I.  m.,  von  Almer 
in  Bevue  epigr.  du  midi  de  la  France,  mars 
1884  und  J.  F.  Cerquand,  Copia  etude  de  mytlio- 


929 


Cornia 


Cuba 


■ 930 


logie  r omaine,  in  Memoires  de  l'Academie  de 
Vaucluse  1884  publiciert).  Auf  die  Göttin  selbst, 
nicht  auf  das  Appellativ  bezieht  sich  auch  die 
Benennung  der  durch  Munatius  Plancus  i.  J. 
711/43  in  Lugdunum  gegründeten  römischen 
Kolonie  Colonia  Copia  Claud.  Aug.  Lugd.  ( Gru - 
ter  30,  2.  388,  6.  488,  8;  danach  hat  man 
Münzen  mit  der  Legende  COPIA  und.  einem 
Schiffsvorderteil  u.  s.  w.  Lugdunum  zugeteilt, 
Eckhel,  Doctr . numm.  1 S.  73.  Mionnet , Descr. 
de  med.  1 S.  82  n.  214.  Suppl.  2 S.  148  n.  149 
—152;  ist  dies  mit  Recht  geschehen,  so  hat 
die  Kolonie , da  die  Münzen  zum  Teil  den 
Kopf  des  Augustus  auf  der  Vorderseite  tra- 
gen, wohl  bald  nach  der  Gründung  den  Namen 
Copia  erhalten) , sowie  der  Name  der  i.  J. 
561/193  (Liv.  34,  53.  35,  9)  nach  Thurii  ge- 
sandten Kolonie  Copia  (Münzen  derselben  mit 
dem  Namen  COPIA  bei  Eckheia,,  a. 0.  1 S.  164. 
Mionnet  a.  a.  0.  1 S.  172  f.  n.  697 — 700  Suppl.  2 
S.  324  n.  872  — 875.  Eit  seid,  P.  L.  M.  E.  tab.  7, 
84.  85  und  Enarratio  tabularum  S.  13;  was 
'es  mit  dem  Plural  KmniccC  bei  Strabo  6 S.  263  C 
und  Steph.  Byz.  s.  v.  Govqiol,  der  sich  in  die- 
sem Artikel  ausdrücklich  auf  Strabo  beruft, 
für  eine  Bewandtnis  hat,  wenn  derselbe  nicht 
auf  einem  Irrtum  beruht,  läfst  sich  nicht  er- 
kennen: die  officielle  Bezeichnung,  die  vollstän- 
dig wohl  Colonia  Copia  gelautet  hat,  geben 
jedenfalls  die  Münzen).  In  der  Verbindung 
Ool.  Copia,  wie  Lugdunum  ohne  allen  Zweifel 
genannt  wurde,  ist  nach  Reifferscheid  Copia 
adjektivisch  gefafst,  ebenso  Concordia  in  der 
Verbindung  Colonia  Concordia,  da  das  Latein 
lie  Substantive  auf  -ius,  -ia  ohne  weiteres  Suf- 
ix  als  Adjektiva  verwendet,  wie  lex  Iulia, 
;olonia  Claudia.  Col.  Copia  bezeichnet  also 
lie  unter  den  Schutz  der  Copia  gestellte  Kolo- 
lie  (vgl.  colonia  Veneria);  dafs  die  Benennung 
lopia  dieselbe  Bedeutung  auch  bei  Thurii  hat, 
rgiebt  sich  aus  dem  Füllhorn , welches  als 
Itadtwappen  auf  den  Münzen  der  Stadt  er- 
cheint  (s.  oben;  Borghesi  fafst  das  auf  einem 
epublikanischen  Denar  mit  dem  Kopfe  der 
IOMA  und  L . CVP  auf  der  Rückseite  neben 
lern  Kopfe  der  Roma  befindliche  Füllhorn  als 
ine  Art  sprechenden  Wappens  auf  und  teilt 
hernach  die  Münze  einem  Mitgliede  der  gens 
’upiennia  oder  Copiennia,  die  ihren  Namen 
on  Copia  abgeleitet  hätte,  zu;  vgl.  Borghesi, 
Oeuvres  1.  S.  466  f.  Mornmsen , Ilistoire  de  la 
wnn.  vom.  2.  S.  278  n.  76).  Die  Benennung 
on  Kolonieen  nach  der  Copia  sowie  die  Be- 
eichnung  des  Füllhorns  als  Horn  der  Copia 
eigen,  dafs  Copia  eine  der  ältesten  und  an- 
esehensten  Personifikationen  der  römischen 
eligion  war,  die  aber  schliefslich  durch  die 
ortuna  verdrängt  worden  zu  sein  scheint.  In 

Ser  späten  Kaiserzeit  tritt  der  ihr  zu  Grunde 
egende  Begriff  der  Fülle  zum  Überflufs  gestei- 
ert  in  der  Abundantia  (s.  d.)  hervor.  Bildliche 
•arstellungen  der  Copia  sind  nicht  erhalten 
der  lassen  sich  wenigstens  nicht  nachweisen ; 
ie  Annahme  Prellers  ( R . MO  2 S.  259),  dafs 
opia  auf  den  römischen  Denkmälern  eine 
-hr  gewöhnliche  Figur  gewesen  sei,  ist  ohne 
len  und  jeden  Anhalt.  [R.  Peter.] 

Cornia,  Beiname  der  Diana  auf  einer  In- 

Uo§ch£r,  Lexikon  der  gr.  u.  röm.  Mythol. 


sclirift  aus  Rom,  Orelli  2909  = 3539 : Ti.  Clau- 
dius divi  Claudii  lib.  Actius  Honoratus  cura- 
tor  Germanorum  et  aedituus  Dianae  Cornie  etc. 
Henzen  z.  d.  I.  erinnert  jedenfalls  richtig  an 
Plin.  n.  h.  16,  44,  (91),  242,  wonach  sich  im 
Gebiete  von  Tusculum  ein  Hügel  namens  Corne 
mit  einem  alten,  der  Diana  heiligen  Buchen- 
hain befand.  [ Steuding.] 

Corniscae.  Nach  italischer  Religionsvorstel- 
lo  lung  waren  der  Iuno  unter  andern  Vögeln 
namentlich  auch  die  Krähen  heilig;  so  sehen 
wir  eine  Krähe  als  Begleiterin  der  Iuno  Lanu- 
vina  auf  den  Münzen  der  Cornificier  (Cohen, 
med.  cons.  pl.  15  Cornif.  1—3.  Denhn.  d.  alten 
Kunst  1,  341).  In  Rom  aber  besafsen  diese 
heiligen  Krähen  einen  eignen  geweihten  Hain 
in  Trastevere,  der  unter  dem  besondern  Schutze 
der  Iuno  stand  (Paul.  p.  64,  wo  wohl  zu  lesen 
ist:  'Corniscarum  diuarum  lucus  erat  trans 
20  Tiberim’).  Aus  dieser  Gegend  stammt  ein  er- 
haltener Grenzstein  mit  der  altertümlichen  In- 
schrift 'deuas  Corniscas  sacrund , der  offenbar 
zur  Begrenzung  des  Areals  dieser  Gottheiten 
in  republikanischer  Zeit  gehörte  (C.  I.  L.  1, 
814).  Übrigens  ging  die  Verehrung  dieser  gött- 
lichen Wesen  früh  unter,  da  Festus  von  ihr 
als  etwas  Vergangenem  sprach.  [Wissowa.] 
Corotiacus,  ein  celtischer  Beiname  des  Mars 
auf  der  Basis  des  Erzbildes  eines  liegenden, 
30  mit  Schild  versehenen  Mannes,  aus  Martlesham 
in  Suffolk,  C.  I.  L.  7,  93a:  Deo.  Marti  | Co- 
rotiaco  | Simplicia  \ Procev.p.l.m.  [Steuding.] 
Corsica,  die  Personifikation  der  gleichnami- 
gen Insel.  Dafs  derselben  ein  Tempel  geweiht 
war , geht  aus  den  Resten  einer  Inschrift  zu 
Aleria  hervor,  C.  I.  L.  10,  8034.  [Steuding.] 
Cososus , ein  celtischer  Beiname  des  Mars 
auf  einer  Inschrift  aus  dem  Gebiet  der  Bitu- 
riges Cubi,  Orelli  1984:  Flavia  Cuba  Firmani 
40  fdia  | Cososo  deo  Marti  suo  hoc  | signum  dicavit 
Augusto ; doch  scheint  Henzen  die  Abschrift 
der  ganzen  Inschrift  nicht  recht  zuverlässig  zu 
sein.  [Steuding.] 

Coventina,  Couventina,  Countina  oder  Con- 
ventina,  die  (keltische?)  Göttin  einer  Heilquelle 
bei  Procolitia  auf  Inschriften,  die  neben  etwa 
16000  Münzen  und  2 Reliefs  in  dem  Quellen- 
schacht selbst  gefunden  worden  sind.  S.  Hüb- 
ner im  Hermes  12,  257  ff.  Clayton , the  temple 
50  of  the  goddess  Coventina  at  Procol.,  Newcastle 
1878.  Watkin , Ephem.  epigr.  4,  680.  [Steuding.] 
Crisida  = Chryseis  auf  einer  pränestinischen 
Ciste,  C.  I.  L.  1,  1501;  vgl.  Aucena.  [Steuding.] 
Crougintoudadigoe  (Dat.),  Bezeichnung  einer 
celtischen  Gottheit  auf  einer  Inschrift  aus  Sa. 
Ma.  de  Ribera,  C.  I.  L.  2,  2565:  CBOUGIN  I 
TOUDA  | DIGOE  \ RUFON1ASEVER  . . | 
Toudadigoe  (Dat.)  dürfte  neben  Totatigens 
C.  E L.  6,  2407  und  Toutati  ib.  7,  84.  3, 
00  5320  zu  stellen  sein,  unter  welchem  Namen 
der  Naflht-  und  Todesgott  Teutates  (s. . d.) 
zu  verstehen  ist.  S.  PI.  D’Arbois  de  lubain- 
ville , le  cycle  myth.  Irl.  p.  378  f.  Vielleicht 
ist  Crougin  auch  in  dem  Namen  der  britan- 
nischen civitas  Croucingo  (Anon.  Ravenn.  5,  31 
p.  433  Find.  s.  De-Vit,  On.  s.  v.)  enthalten. 

[Steuding.] 

Cuba,  Göttin  der  Indigitamenta  (s.  d.),  die 

30 


931 


Cultores 


Dada 


932 


den  Kindern  das  Liegen  gedeihen  läfst:  Varro 
hei  Donat.  zu  Terent.  Phorm.  1 , 1 , 15. 

[Crusius.] 

Cultores  dii  auf  einer  Inschrift  aus  Rising- 
ham,  Britannien,  C.  I.  L.  7,  980 : Dis  cultoribus 
hujus  loci  Iiü.  Victor  trib.  [Steuding.] 

'Cuniua  s.  Indigitamenta. 

Cuntinus,  Beiname  des  Segomo  auf  einer 
Inschrift  aus  der  Gegend  von  Cemenelum  (Ci- 
mella  bei  Nizza),  G.  I.  L.  5,  7868:  (S)egomo- 
ni  | Cuntino  | vic(us).  Cunttinus ) | p.  Wenn  die 
letzten  Worte  richtig  ergänzt  sind,  so  wäre 
der  Name  nach  der  Ortschaft  gebildet.  Vgl. 
Coventina.  [Steuding.] 

Cupido , lat.  Bezeichnung  des  Eros  (s.  d.), 
gewöhnlich  wohl  = Amor,  doch  auch  bisweilen 
von  diesem  unterschieden,  wie  ja  auch  im  Grie- 
chischen öfter  Eros,  Anteros,  Himeros  und  Pothos 
(s.  d.)  unterschieden  werden.  Vgl.  Plaut.  Most. 
1,  3,  7:  Amor  et  Cupido.  Gurc.l,  1,  3:  Venus 
Cupidoque  imperat  suadetque  Amor  (vgl.  Serv. 
z.  Verg.  Aen.  4,  194).  G.  I.  L.  4,  1928.  Sen. 
Phaedra  280:  quam  vocat  matrem  geminus 
Cupido.  Cic.  de  leg.  fr.  2:  Graecia  . . . Cupi- 
dinum  et  Amor  um  simulacra  in  gymnasiis  con- 
secraverat.  Hie  und  da  werden  auch  Cupidi- 
nes  ebenso  wie  Amores  erwähnt:  Hör.  ca.  1, 
19,  1:  Mater  saeva  Cupidinum  (vergl.  4,  1,  5 
und  Cornut.  p.  142  Osann).  Oft  wird  Cupido 
wie  Eros  mit  Bogen  und  Pfeilen  ausgerüstet 
gedacht:  Plaut.  Pers.  1,  1,  25.  Ov.  3Iet.  5, 
366.  Nach  Horaz  (ca.  1,  2,  34)  umflattern 
locus  und  Cupido  die  Venus.  Vgl.  aufsei'dem 
Cic.  de  nat.  deor.  2,61.  3,58—60,  wo  mehrere 
Cupidines:  1)  Sohn  des  Mercurius  und  der 
Diana,  2)  Sohn  des  Mercurius  und  der  Venus, 
3)  Sohn  des  Mars  und  der  Venus  = Anteros 
unterschieden  werden.  Inschriften,  die  sich  auf 
Cupido  beziehen:  C.  I.L.  1,  58.  2,  1956,  2407. 
3270.  5,741.  7,2.  8,6965.  Mehr  unter  Eros. 

[Roscher.] 

Cupra.  Cupra  dea  war  eine  namentlich  in 
Umbrien  und  Picenum  verehrte  Gottheit,  die 
nach  Namen  und  Wesen  ganz  der  Bona  Dea 
des  römischen  Gottesdienstes  entsprach.  Denn 
ohne  allen  Zweifel  hängt  der  Name  zusammen 
mit  dem  sabinischen  Wortstamme  cup  = bo- 
nus,  von  dem  uns  mancherlei  Bildungen  be- 
kannt sind  (cyprum,  vicus  cyprius  Varro  l.  I. 
5,  159;  cupencus  Serv.  Aen.  12,  539;  'Marti 
cyprio’  auf  einer  in  der  Nähe  von  Iguvium  ge- 
fundenen Inschrift  Henzen  5669).  Es  war  also 
jedenfalls  eine  Erd-  und  Totengöttin,  und  in 
letzterer  Hinsicht  hat  man  mit  Recht  darauf 
hingewiesen , dafs  ja  auch  die  Latiner  ihre 
Totengötter  Manes , Mania  u.  ,s.  w.  als  die 
Guten  bezeichnen,  da  bekanntlich  mane  = bo- 
num  ist  (Corssen,  Kuhns  Zeitschr.  20,  81  ff.). 
Das  weitbekannte  Hauptheiligtum  dieser  Gott- 
heit lag  im  Gebiet  der  Picenter,  an  der  Küste 
zwischen  Firmum  und  der  Mündung  de§  Truen- 
tus,  in  der  nach  der  Göttin  so  bekannten  Stadt 
Cupra  maritima  ( Strab . 5,  4,  2.  Sil.  Ital.  8, 
434);  noch  im  Jahre  127  erfuhr  der  dortige 
Tempel  durch  Hadrian  eine  Restauration,  wie 
die  noch  erhaltene  Restitutionsinschrift  beweist 
( G . I.  L.  9,  5294).  Ein  andres  Heiligtum  der 
Göttin  auf  umbrischem  Gebiete  wird  durch  eine 


bei  Fossato  gefundne  Dedikationsinscbrift  in 
umbrischem  Dialekt  (Cubrar  matrer  u.  s.  w.) 
bezeugt  (vgl.  II.  Jordan,  quaestiones  Umbricae, 
Begimonti  1882  S.  3ff.  Bücheier , Umbrica p.  173). 
Wenn  Strabo  (5,4,2)  die  Cupra  für  eine  etru- 
skische Gottheit  erklärt,  so  widerspricht  dem  so- 
wohl der  Name  als  auch  die  Thatsache  dafs  sich 
in  Etrurien  und  auf  etruskischen  Denkmälern 
keine  Spur  von  ihr  gefunden  hat  (vgl.  Momm- 
sen,  Unterital.  Dialekte  S.  350  f.).  [Wissowa.] 

Cura,  die  personificierte  Sorge.  Sie  spielt 
eine  Rolle  in  der  sinnigen  Fabel  bei  Hyg.  f. 
220,  wonach  der  Mensch  zugleich  dem  luppi- 
ter,  der  Erde  und  der  Sorge  gehört,  weil  alle 
drei  Götter  zu  seiner  Schöpfung  beigetragen 
haben.  Curae  ultrices  sind  bei  Vergil  Aen.  6, 
274  die  personificierten  Gewissensbisse,  welche 
mit  anderen  Schreckgestalten  am  Eingänge 
des  Orcus  wohnen.  Vgl.  auch  Hör.  ca.  3,  1, 
40:  post  equitem  seiet  atra  Cura  ( ib . 2,  16,  12. 
22)  u.  d.  Art.  Coera.  [Roscher.] 

Curae  s.  Cura. 

Cusicelenses  Lares,  auf  einer  Inschrift  aus 
Argeris  bei  Chaves  (Aquae  Flaviae,  Hisp.  Tar- 
rac.),  C.  I.  L.  2,  2469:  Laribus  Cu  \ sicf  (=  e?) 
lensbus  | etc.  Hübner  vergleicht  die  Aquae 
Celenae.  [Steuding.] 

Cuslanus,  ein  celtisclier  Gott  auf  einer  In- 
schrift aus  Fumane  im  valle  Policella,  Prov. 
Verona,  C.  I.  L.  5,  3898:  Cuslano.  sac  \ L.  Oc- 
tavius  etc.  Zeufs,  gr.  C.  p.  766  vergleicht  da- 
mit Cosli  (Kusel  in  d.  bayerischen  Pfalz)  und  Cu- 
ses  Orelli  484.  Ersteres  stellt  er  p.  1077  mit  altg. 
cosl  = corylus  Hasel  zusammen.  [Steuding.] 

Custodes  dii,  Schutzgottheiten  auf  einer 
Inschrift  aus  Chesterholm,  C.  I.  L.  7,  705: 
I O M | et.  Genio  \ diisq.  cus  \ todib.  ( campi  ?, 
wie  Hübner  lesen  zu  können  glaubte,  sonst  ist 
hujus  loci  vorgeschlagen  worden).  [Steuding.] 

Cyrist[is?],  Name  einer  Göttin  auf  einer  In- 
schrift aus  Fregellae,  Orelli  1945:  Pro  salute 
C.  Rufi.  Sereni  aram  et  bas.  Deae  Cyrist.  do- 
num  dedit  etc.  Vielleicht  ist  sie  mit  der  Kv§- 
QEGzlg  (=  Athene;  Steph.  Byz.  Kvqqos)  iden- 
tisch. [Steuding.] 


Dacia,  die  Personifikation  der  Provinz  Dacia 
auf  Inschriften,  C.  I.  L.  3, 1063 : 1 O M | et  ceteris 
düs  | deabusque  . im  \ mortalibus  et  Da  | eine  | 
pro  salute  domi  \ ni  n(ostri)  M Aur  Antoni  | 
ni  pii  etc.  (215  n.  Chr.);  terra  Dacia  1351; 
vergl.  996;  Daciae  tres  995  in  Bezug  auf  die 
Dreiteilung  Daciens  im  Jahre  168  n.  Chr.;  vgl. 
993.  Auf  Münzen  bei  Eckhel  d.  n.  v.  2,  4ff., 
10  ff.  De- Vit,  On.  s.  v.  [Steuding.] 

Dada  (AäScc),  die  Gemahlin  des  Kreters  Sa- 
mon,  der  dem  Kreter  Skamandros,  dem  ersten 
König  der  Troer,  das  troische  Land  hatte  er- 
obern helfen.  Als  Samon  in  einer  Schlacht 
gefallen  war , begab  sich  seine  Gemahlin  in 
Begleitung  eines  Herolds  nach  der  Stadt  Po- 
lion , um  sich  dort  wieder  zu  vermählen.  Da 
aber  der  Herold  ihr  unterwegs  Gewalt  anthat, 
so  durchbohrte  sie  sich  mit  dem  Schwert  ihres 
Gatten,  das  sie  bei  sich  trug.  Als  die  Kreter 
dieses  erfuhren,  steinigten  sie  den  Herold  an 
derselben  Stelle,  welche  den  Namen  yßQos 


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933 


Dadas 


Daidalos 


934 


’Avcadsia g erhielt,  Constantin.  Excerpt.  Nicol. 
Damasc.  de  virt.  Müller,  fragm.  hist,  graec.  3 
p.  369,  21.  [Stoll.] 

Dadas  (Aäöag),  der  Erbauer  der  karischen 
Stadt  Themissos,  Steph.  Byz.  s.  v.  Gsyio- 
aog.  [Stoll.] 

Daeira  (Aasigcx,  Jocigcx,  Hesych.),  eine  Toch- 
ter des  Okeanos , welche  mit  Hermes  den  He- 
ros Eleusis,  den  Eponymos  der  Stadt  Eleusis, 


16,  222.  Eustath.  ad  Hom.  p.  1056,  53.  Prel- 
ler, Gr.  Myth.  1,  155.  Gerhard,  Gr.  Myth. 
§ 265,  2.  [Stoll.] 

Daidalion  (Aaidcth'av) , Sohn  des  Heospho- 
ros  (Lucifer) , Bruder  des  Keyx,  Vater  der 
Chione  (s.  d.),  ein  heftiger,  kriegerischer  Mann. 
Als  seine  Tochter,  weil  sie  die  Schönheit  der 
Artemis  der  ihrigen  nachgesetzt,  durch  die  Göt- 
tin den  Tod  fand,  wurde  er  auf  dem  Parnafs  in 


zeugte,  Paus.  1,  38,  7.  Sie  war  ein  göttliches  io  seinem  unbändigen  Schmerz  durch  die  Gnade 


Wesen  der  eleusinisclien  Geheimlehre,  dessen 
Bedeutung  in  späterer  Zeit  zweifelhaft  war. 
Aeschylos  (fr.  271)  u.  andere  nannten  sie  gleich- 
bedeutend mit  Persephone.  Auch  wurde  sie  der 
Demeter  oder  Aphrodite  oder  Hera  gleichgesetzt. 
Pherekydes  nannte  sie  eine  Schwester  der  Styx, 
welche  in  der  Genealogie  bei  Apollod.  1,  3,  1 
die  Mutter  der  Persephone  heifst,  Ap.  Ilhod. 
3,  847  u.  Schol.  Et.  M.  s.  v.  Tzetz.  Lyk.  710. 


des  Apollon  in  einen  Habicht  verwandelt,  Ov. 
Met.  11,  291  ff.  Hygin.  f.  200.  Preller , Griech. 
Myth.  2,  151.  Nach  Paus.  8,  4,  3 war  Dai- 
dalion  (und  nicht  Hermes)  der  Vater  des  am 
Parnafs  herrschenden  Autolykos.  [Stoll.] 
Daidalos  (Acü SaXog)  wird  als  der  kunstreiche 
Arbeiter,  der  Künstler  schlechthin  von  der  Le- 
gende an  den  Anfang  griechischer  Kunst  gestellt, 
gehört  aber  in  eine  Reihe  mit  mythischen  Wesen, 


Eustath.  II.  6 p.  648,  33 — 42.  Preller,  Deine-  20  wie  Prometheus  und  Hephaistos,  der  selbst 
ter  u.  Pers.  8.  Griech,  Myth.  1,  311,  1.  Ger-  Daidalos  genannt  wird  (0.  Jahn,  Archäol.  Auf- 

hard,  Griech.  Myth,  § 566.  Loheck,  Aglaoph.  sätze  p.  129).  Sein  Name  bezieht  sich  auf  die 

p.  153.  Mommsen,  Heortolog.  S.  254.  Rinck,  älteste  Art  plastischer  Tliätigkeit,  auf  das  Bild- 

Bel.  d.  Hell.  2,  339.  [Stoll.]  schnitzen  (W.  dal,  dca'-daX-og , dcaddllu,  dou'- 

Daeuion  (Aaryicov  der  Kundige),  Vater  des  daliia;  vgl.  Pott,  Ztschr.  f.  vergl.  Spr.  6,  30 ff.), 
Homer,  der  als  synogog  = Grofshändler  be-  er  repräsentiert  die  uralte  Holzplastik,  wie 
zeichnet  wird,  Demokr.  bei  Wester- 
mann, biogr.  1,  8,  2.  S.  34.  [Steuding.] 

Dag'on  (Aaycov , l"pM)  wird  als 
Gottheit  der  Philistäer  mehrfach  in 
der  Bibel  erwähnt  (vgl.  auch  Joseph, 
arch.  6,  1,  1.  hell,  Jud.  5,  9,  4),  doch 
scheinen  verschiedene  Ortsnamen  eine 
Verbreitung  seines  Kultus  über  das 
Philisterland  hinaus  zu  beweisen. 

Da  ein  Gott  Dakan  oder  Dagan  auf 
assyrischen  Keilinschriften  vorkommt, 
während  der  Ortsname  Beth  Dagon 
vgl.  oben  Betagon)  assyrisch  gleich- 
falls Bit-Dakan  lautet,  so  ist  es  nicht 
anwahrscheinlich,  dass  der 'Kult  die- 
es  Gottes  aus  Assyrien  nach  Kanaan 
gelangt  ist.  Dagon  wird  wohl  von 
} = Fisch  abzuleiten  und  vielleicht 
nit  Taff  es  (s.  d.),  dem  Sohne  der  Atar- 
?atis  zusammenzustellen  sein  (vergl. 

9 dacon  bei  Beros.  fr.  5 in  Euseb.  Chr. 

').  Müller  fr.  li.  gr.  2,  499).'  W.  Bau- 
lissin  in  Herzogs  R.-E.  und  Winer, 
nbl.  Realw.  s.  v.  Nach  Philo  Byhl. 

14.  16,  vgl.  25f.  b.  Müller  fr.  h.  gr. 

567  ist  derselbe  auch  ein  phönici- 
cher  Gott,  Sohn  des  Uranos  u.  der  Ge, 

Iruder  des  El  oder  Kronos,  des  Bai- 
ylos  und  Atlas.  Von  Kronos  er- 
ält  er  nach  Überwältigung  des  Ura- 
os  eine  der  Nebenfrauen  seines  Va- 
ers,  welche,  noch  von  diesem  schwan- 
;er,  denDemarus  gebiert.  Philo  Byhl, 

■ a.  0.  fr.  14  und  20  nennt  ihn 
\Jrcov  als  Erfinder  des  Getreides 
nd  des  Pfluges , weshalb  er  ihn 
em  Zeus  Agozgiog  gleichsetzt;  wahrscheinlich 
Alt  er  dies  aber  nur,  weil  er  den  Namen  (wohl 
Uschlich)  von  = Getreide  ableitet.  Siehe 
ie  Literatur  bei  Baudissin  a.  a.  0.  [Steuding.] 

Daidale  (AouSälrf) , Mutter  der  Metis , bei 
elcher  Athene  aufgezogen  wurde,  Schol,  II. 


Daidalos  und  Ikaros,  Relief  der  Villa  Albani  in  Rom 
(vgl.  S.  937,  27  ff.). 

Diopos  (der  Nivellierer  von  dionog  sc.  ctvXog) 
die  Architektur,  Eugrammos  die  Malerei  (Plin. 
N.  II.  35,  152).  Seine  Geschicklichkeit,  sein 
Ruhm  wird  in  allerlei  Genealogieen  angedeu- 
det:  er  ist  Sohn  oder  Enkel  des  Eupalamos 
oder  des  Palamaon  (Paus.  9,  3,  2.  Apollod.  3, 

30* 


935 


Daidalos 


Daidalos 


936 


15,  9.  Schol.  Plat.  rep.  8 p.  529.  Said.  s.  v. 
rUgÖMog  legov) ; Euphemos  und  Phrasimede, 
Ruhm  und  Klugheit,  sind  seine  Eltern  {Schol. 
Plat.  a.  a.  0.  Hyg.  fab.  39.  Serv.  ad  Verg. 
Aen.  G,  14).  Verschiedene  Sagenkreise,  die  in 
Athen , Kreta  und  Sicilien  lokalisiert  sind, 


knüpfen  sich  an  seinen  Namen;  ihre  Verwandt- 
schaft unter  einander  deutet  vielleicht  auf  vor- 
griechischen Ursprung,  wenigstens  auf  eine 
gemeinsame  Wurzel.  Einzelne  Züge  derselben 
kehren  ähnlich  im  Mythenkreise  des  Herakles, 
des  Hephaistos  wieder  (vgl.  auch  die  Sagen 


von  Wieland  dem  Schmied).  Die  'älteste  Ver- 
sion scheint  die  von  Kreta  zu  sein,  wo  die 
Bildschnitzerei  ihren  Ursitz  hat,  vertreten  durch 
die  zünftige  Schule  der  kretischen  Daidaliden, 
deren  Kunst  sich  von  Kreta  aus  über  den 
Peloponnes  und  einen  Teil  des  Festlandes 
verbreitete  ( Furt - 

wängler , Arch.  Ztg. 
1882  p.  55 ff.).  Von 
Kreta  stammen  die 
Gründer  der  sikyoni- 
schen  Schule,  die 
Bildschnitzer  Dipoi- 
nos  und  Skyllis,  wel- 
che der  Sage  nach 
Söhne  und  Schüler 
des  Daidalos  gewesen 
sein  sollen  {Paus.  2, 
15.  1.  Vergl.  Klein, 
Arcliäol.-epigr.  Mit- 
teil. aus  Österreich 
1881  p.  93).  Aus 
Kreta  war  vermut- 
lich auch  der  in 
Athen  thätige  Künst- 
ler Endoios  gebür- 
tig, ebenfalls  ein 
Schüler  des  Daidalos 
{Paus.  1,  26,  4 vgl. 
Klein  a.  a.  0.  p.  88). 
Die  Sage  dichtete 
freilich  von  einem 
umgekehrten  Weg 
der  künstlerischen 
Traditionen , wenn 
sie  Daidalos  von 
Athen  aus  nach  Kreta 
fliehen  liefs.  In  At- 
tika sind  die  Spu- 
ren der  Sage  über- 
haupt deutlicher  aus- 
geprägt. Es  gab 
hier  einen  Demos 
AcuSaliSca  {Schol. 
Soph.  Oed.  Cöl.  472); 
das  Geschlecht,  des 
Sokrates  leitete  sich 
über  Daidalos  hin- 
weg von  Zeus  ab. 
Daidalos  wird  genea- 
logisch mit  der  at- 
tischen Sage  verbun- 
den, er  gilt  als  in 
Athen  geboren  und 
wird  zum  Sprofs  des 
königlichen  Hauses 
der  Erechthiden 
{Biod.  4,  76).  Bild- 
werke werden  ihm 
hier  nicht  beigelegt, 
doch  wird  ein  Klapp- 
stuhl im  Ereclitheion 
seiner  Kunstfertigkeit  zugeschriebeu  {Paus.  1, 
27,  1);  ist  er  in  Attika  doch  überhaupt  der  Pa- 
tron der  Tischlerzunft  und  Erfinder  der  Tischler- 
geräte. Späterer  Pragmatismus  hat  die  einzel- 
nen Lokalzüge  der  Sage  in  Zusammenhang  ge- 
bracht und  der  bildenden  Kunst  damit  den 


Daidalos  verfertigt  der  Pasiphae  die  hölzerne  Kuh,  Relief  in  Palazzo  Spada  (nach  Braun , 
12  antike  Basreliefs  Taf.  V;  vgl.  S.  937,  13  ff.). 


937 


Daidalos 


Daimon 


938 


Vorwurf  für  zahlreiche  Darstellungen  geliefert. 
Darnach  erzieht  sich  Daidalos  in  Athen  einen 
Schüler  mit  Namen  Talos  (s.  d.),  den  Sohn 
seiner  Schwester  Perdix , wird  aber  von  Neid 
über  dessen  Geschicklichkeit  erfüllt  und  stürzt 
ihn  von  der  Burg  herab.  Daidalos,  deshalb 
vom  Areopag  verurteilt,  flieht  nach  Kreta  zum 
König  Minos  (s.  d.).  Hier  erbaut  er  die  höl- 
zerne Kuh  für  Pasiphae  ('s.  d.),  das  Labyrinth 
für  den  Minotauros,  den  Tanzplatz  für  Ariadne 
(siehe  diese  Artikel).  Die  erstere  Scene  ist 
häufig  auf  Sarkophagen  und  Wandbildern 
dargestellt,  einmal  auch  auf  einem  hellenisti- 
schen Reliefbild  in  Palazzo  Spada  {Braun,  12 
Basreliefs  Taf.  V = Matz-Buhn , Zerstreute 
Bildwerke  in  Born  n.  3567.  Siehe  die  Abbil- 
dung). Vgl.  0.  Jahn,  Archäologische  Beiträge 
p.  237  ff.  Helbig , Wandgemälde  Campaniens 
n.  1205  — 1208.  Euripides  behandelte  den  Stoff 
in  den  Kretern  ( Welcher,  Gr.  Trag.  p.  801  ff.). 
Um  dem  Zorn  des  Minos  zu  entgehen,  flieht 
Daidalos  mit  seinem  Sohne  Ikaros  (s.  d.)  mit  Hilfe 
kunstreich  mit  Wachs  zusammengefügter  Flü- 
gel. Die  Verfertigung  derselben  schildert  ein 
Belief  in  Villa  Albani  in  Rom  {Braun,  12  Bas- 
reliefs griech.  Erfind.  Taf.  12),  eine  geringere 
Kopie  davon  ebendaselbst  ( Zoega , Bassirilievi 
tav.  44  u.  die  Abbildung  auf  S.  934);  Daidalos 
dem  Sohn  die  Flügel  anbindend  auf  einer  rot- 
figurigen Amphora  in  Neapel  (nr.  1767  Heyde- 
mann,  aus  S.  Agatade  ’Goti),  abgeb.  Mus.  Borb. 
13,  57.  Ikaros  kommt  der  Sonne  zu  nahe,  das 
Wachs  seiner  Flügel  schmilzt,  und  er  findet,  in 
das  nach  ihm  benannte  Meer  stürzend,  seinen 
Tod.  Die  Wandbilder  mit  dieser  Scene  sind 
bei  Helbig  a.  a.  0.  n.  1209  und  1210  und 
Sogliano  {Pompei  e la  regione  sotterata  dal 
Vesuvio  p.  173  f.)  nr.  523.  524  angeführt,  da- 
zu Bobert,  Archäolog.  Zeitung  1877  Taf  1.  2 
S.  lff.  Notizie  degli  scavi  1879  p.  23.  Wei- 
teres über  Ikaros  s.  u.  d.  W.  Daidalos  rettet 
sich  nach  Cumae , erbaut  dort  dem  Apollon 
einen  Tempel,  in  welchem  er  seine  Flügel  als 
Weihgabe  hinterläfst;  dann  gelangt  er  nach  Ka- 
mikos  oder  Inykon  in  Sicilien,  zu  dem  König 
Kokalcs  {Steph.  Byz.  s.  v.  Kd.giv.og)  und  wird 
von  diesem  gegen  die  Verfolgung  des  Minos 
geschützt,  dem  er  zum  Dank  in  Sicilien  aller- 
lei wunderbare  Bauten  ausführt  {Paus.  7,  4,  5. 
Serv.  ad  Verg.  Aen.  6,  14.  Diod.  4,  78.  79). 
Die  Erzählung  ägyptischer  Priester  bei  Diod. 
1,  97  vom  Aufenthalte  des  Daidalos  in  Ägyp- 
ten ist  vermutlich  nur  eine  Fiktion  zur  Er- 
klärung des  Ursprungs  der  ältesten  griechi- 
schen Plastik  aus  der  ägyptischen , wie  man 
manche  mythische  Traditionen  von  Ägypten 
ableiten  wollte.  Die  ihm  von  der  Sage  zu- 
geschriebenen Werke  sind  aufgezählt  und  be- 
sprochen in  Brunn’s  Gesch.  d.  griech.  Künst- 
ler 1 p.  15 ff.  Die  schriftlichen  Zeugnisse  fin-  i 
den  sich  zusammengestellt  bei  Overbeck,  An- 
tike Schriftquellen  zur  Gesch.  d.  bild.  Künste 
n.  74  — 142.  Aufserdem  sind  zu  vergleichen: 
Preller,  Griech.  Mythol.  2 2 p.  499 ff.  Eugen 
Petersen , Kritische  Bemerkungen  zur  ältesten 
Geschichte  der  griech.  Kunst.  {Progr.  d.  Gymn. 
zu  Ploen.  1871).  Waldstein,  Dedale  et  V Artemis 
de  Delos,  Bevue  arch.  1881  p.  32 lff.  [Schreiber.] 


Dailoclios  (Aatloxog) , Begleiter  des  The- 
seus  auf  der  Rückkehr  von  Kreta:  C.  I.  Gr." 
8185.  [Roscher.] 

Daimon , Aaigcov , ovog  m.  (Etymologie 
fraglich,  nach  einigen  zu  äi  div,  licht,  nach 
anderen  zu  Sa  Sai'co  teile,  nach  anderen  zu  Saa 
äafjgcov,  kundig , s.  G.  Gwrtius , Grundzüge 5 
230.  Preller- Plew  1,  88).  Die  Daimonen  ste- 
hen in  der  antiken  Vorstellung  als  eigene 
i Wesensgattung  in  einer  schwankenden  Mittel- 
stellung zwischen  den  Göttern  und  den  Men- 
schen. Da  in  ähnlichen  Mittelstellungen  auch 
die  Verstorbenen  gedacht  werden,  so  entste- 
hen mancherlei  Kombinationen  und  Varia- 
tionen. Bei  Homer  und  auch  ferner  oft, 
hauptsächlich  im  poetischen  Gebrauch , ist 
Sca'gcov  synonym  mit  &sog , obwohl  einige 
auch  dort  einen  Unterschied,  wonach  S ai- 
geov  das  göttliche  Walten,  tUbs  die  göttliche 
Person  bezeichne,  anerkennen,  s.  Preller- Plew 

I,  88.  Kröcher,  der  homer.  Daimon  1876.  Der 
Daimon  als  das  unentrinnbare  Menschenschick- 
sal,  Oc?.5,396.  10,  64.  Aesch.  Sept.  812.  Soph. 
El.  1156.  Eur.  I.  A.  1136f.  Theogn.  161; 
religiös  modificiert  Find.  Pyth.  5 , 515.  Dai- 
monen, oberirdisch,  als  Wächter  über  die  Men- 
schen und  Reichtum  spendend;  es  sind  die 
Entschlafenen  vom  goldenen  Geschlechte,  Hes. 
op.  121  — 126  (ursprünglich  nicht  identisch,  aber 
bald  identificiert  mit  den  drei  Myriaden  un- 
sterblicher Wächter  v.  251  — 255,  welche  nähere 
Vergleichungspunkte  mit  den  in  Menschenge- 
stalt auf  Erden  wandelnden  Göttern,  Od.  17, 
485,  bieten).  — Individuelle  Schutzgeister,  den 
Menschen  bei  ihrer  Geburt  mitgegeben,  nach 
populärer  Vorstellung  ohne  eigne  Wahl,  bei 
Plato  Pliaidon  107  d.  Bep.  10,  617  e,  vgl.  die 
Etymologie  AavsSca'gcov  f)  AaxsSai'gcov  Eust. 

II.  2,  581;  über  die  Versittlichung  dieses  Glau- 
bens durch  Plato  und  die  Stoiker  s.  Zeller , 
Gesch.  d.  Philos.  23,  791.  33,  1,  318.  Unter- 
scheidung zweier  solcher  Dämonen,  eines  guten 
und  eines  bösen,  vergl.  Menander  bei  Giern. 
Alex.  Str.  5 , 260  Sylb. , dazu  Leop.  Schmidt , 
Ethik  1,  153;-  der  böse  Geist  des  Brutus,  Plut. 
Brut.  36,  des  Cassius,  Valer.  Maximus  1,  7,  7.  — 
Vgl.  Genius  und  Iuno,  nebst  Ukert,  Daemo- 
nen,  Heroen  u.  Genien,  Sachs.  Ges.  Abli.  2, 139. 
Gerhard,  Daimonen  u.  Genien  1852.  0.  Bib- 
beck,  Daemon  u.  Genius  1868.  — Daimonen 
als  niedere  Götter,  wie  Hypnos  und  Thanatos 
bei  Eukleides  Megar.  {Stob.  flor.  6,  65),  spe- 
ciell  Subalterngötter,  Saigovsg  ngonoloi , 
wie  die  Korybanten  der  Rhea,  Strabo  10,  472; 
Eurynomos  im  Hades , in  Polygnots  Nekyia, 
Paus.  10,  28;  Akratos,  Daimon  des  Dionysos, 
Paus.  1,  2,  4;  Tychon  und  Orthages,  Daimon 
der  Aphrodite,  Preller- Plew  1,  444,  3.  Tzetz. 
Dyk.  538;  Daimonen  der  Hekate,  C.  I.  Gr. 
n.  3857  k u.  a.  — Ausgedehnter  Sepulkralge- 
brauch.  Wie  Hades  Sai'gcov  x^oviog  heilst, 

C.  I.  Gr.  1034,  so  heilst  der  Tod  Suigcov 
ßaGvavog,  cp&ovSQog,  aloyiGtog,  lvitr\Qog,  xaxvg, 
vrjlsgg,  voivog,  vavog,  dnQotSyg,  C.  I.  Gr.  710. 
1499.  2059.  2237.  2767.  3123.  3344b.  3627. 
4137.  6200.  6239.  6257.  6268.  6281.  6292.  6858. 
Der  Verstorben  e ist  Daimon,  Eur.  Alk.  1003. 
Lucian  de  morte  Peregr.  36.  C.  I.  Gr.  5872. 


939  Daiphron 

5858b.  Athenische  Mitt.  6, 129.  Kaibel,  Epigr. 
n.  243.  ftsoi 's  Suipoaiv  (ß.  svasßsoiv,  naloig, 
vergl.  S.  ayu&cöv)  = Dis  Manibus  C.  I.  Gr. 
n.  2264q.  4452.  5827.  5849.^  5857.  6635.  6664. 
Kaibel,  Epigr.  n.  607.  — ’Ayu&og  dulpcov 
(Bonus  Eventus ; s. d.),  auch  verbunden  mit’Ay  ufty 
rvxg,  C.  I.  Gr.  227  b.  2510.  2465  f.  3074.  4301  d. 
5967.  C.  I.  Att.  3,  1,  215.  691;  auf  Lebende 
übertragen,  C.  I.  Gr.  4717.  4699.  3886  add. 
Der  Trunk  ungemischten  Weines  war  ciya&ov 
öaigovog  H es.  s.  v.  Eiodor  4,  3.  Atli.  15,  17; 
der  Pithoigientag,  Flut.  Symp.  Qu.  8,  10,  3. 
Agathodaimoniasten,  Hes.  s.  v.,  Hofs,  inscr. 
gr.  ined.  3 n.  282,  5.  Acayovwv  «yaffc Sv  — 
Dis  Manibus  G.  1.  Gr.  2684.  2700b.  c.  2707— 
2710;  vgl.  6414.  Bild  des  Agathodaimon  von 
Praxiteles,  Plin.  36,  23;  er  trägt  das  Füllhorn 
im  athen.  Relief  v.  Sybel , Katalog  n.  6740. 
Statue  Pembroke,  Clarac  3,  438  f.  803  a = 970  b. 
2501  e.  Als  menschenköpfige  Schlange  (?)  auf 
der  Tessera  C.  I.  Gr.  8587.  Vergl.  Gerhard, 
Agathodaimon  (Abh.  2,  21).  Daemonologieen 
der  Philosophen,  s.  Zeller,  Gesell,  d.  Phil.3 
Register.  Über  Scapoviov  vgl.  Leop.  Schmidt, 
Ethik  1,  52  [vgl.  C.  I.  Gr.  3045.  3595  R,],  über 
das  des  Sokrates  ib.  1,  230  ff.  Die  Heidengötter 
bei  Juden  und  Christen  als  Daimonen  aufge- 
fafst,  s.  Zeller  3,  23,  345,  vgl.  z.  B.  C.  I.  Gr. 
8627  (ähnliches  schon  bei  Demokrit,  nach  Zel- 
ler l4,  838).  Vergl.  überhaupt  Lehrs  Daimon 
(. Aufsätze  144).  [v.  Sybel.] 

Da’iphron  ( Aatcpgcov ),  1)  Sohn  des  Aigyptos, 
mit  der  Danaide  Skaia  vermählt,  Apollod.  2, 

1,  5,  3.  — 2)  Ein  andrer  Sohn  des  Aigyptos, 
vermählt  mit  der  Danaide  Adiante,  Apollod. 

2,  1,  5,  9.  [Stoll.] 

Dais  (Aalg  ftcdeici),  die  als  Göttin  personi- 
ficierte  reichliche  Mahlzeit,  scheint  in  einem 
Fragmente  aus  dem  Triptolemos  des  Sophokles 
bei  Hesych.  als  die  ngsoßiGzig  Qtäv  bezeich- 
net zu  werden.  [Steuding.] 

Daitas  (Aalzag) , 1)  Vater  des  Delphiers 
Machaireus , der  den  Neoptolemos  erschlug, 
Asklepiades  b.  Schob.  Pind.  Nem.  7,  62.  — 2) 
Zwei  Brüder  in  Lesbos , Daitas  und  Thyestes, 
erzeugten  aus  einem  Ei  einen  Knaben  Namens 
Enorches , der  dem  Dionysos  einen  Tempel 
baute  und  dem  Gotte  von  sich  den  Beinamen 
Enorches  gab,  Tzetz.  Lyk.  212.  [Stoll.] 
Daites  (Aalxyg),  ein  bei  den  Troern  verehr- 
ter Heros  des  Gastmahls  (Saig),  welchen  Mimner- 
mos  erwähnt  haben  soll,  Athen.  4, 174a.  Eustath. 
Od.  p.  1413,  23.  Vgl.  Daitoü.  [Stoll.] 
Daiton  (Aaizcov) , ein  Heros  der  Mahlzeit 
(Saig),  der  Mahlbereitung,  welchem  zu  Sparta 
in  der  hyakinthischen  Strafse  zugleich  mit 
dem  Heros  Keraon  (Weinmischer,  nsgdvvvfii) 
von  den  Dienern , welche  zu  den  Pheiditien 
das  Backen  des  Brotes  und  das  Mischen  des 
Weines  besorgten,  Altäre  oder  Bildsäulen  ge- 
stiftet waren,  Athen.  4,  173 f. ; vgl.  Eustath. 
Od.  p.  1413,  20.  Dasselbe  sagt  Athen.  2,  39  c 
von  zwei  Heroen  Matton  (pazzeo)  und  Keraon 
in  Sparta.  Vgl.  Daites  u.  Deipneus.  [Stoll.] 
Daitor  (Aatzag),  ein  Troer,  von  Teukros 
getötet,  II.  8,  275.  [Stoll.  | 

Daitos  ( Aaizog ),  ein  Nachkomme  des  Kepha- 
los  (Deions  Sohn)  im  10.  Glied.  Derselbe  er- 


Daktyloi  940 

hielt  mit  seinem  Verwandten  (Bluder?)  Chal- 
kinos  in  Delphi  das  Orakel , wenn  sie  nach 
Attika,  aus  welchem  ihr  Ahnherr  verbannt  wor- 
den war,  zurückkehren  wollten,  „so  sollten 
sie  dem  Apollon  daselbst  an  dem  Punkte  ein 
Opfer  darbringen,  an  welchem  sie  eine  auf 
dem  Lande  laufende  Triere  erblicken  würden.“ 
Am  Berg  Poikilon  trafen  sie  dann  einen  Dra- 
chen, der  nach  seiner  Höhle  eilte.  Sie  opfer- 
ten an  dieser  Stelle  und  erhielten  hierauf  auch 
von  den  Athenern  das  Bürgerrecht,  Paus.  1, 
37,  6f.  [Steuding.] 

Daktyloi  (AänzvXoi)  auch  Digiti  m.  (ädv.zvloi 
Finger;  vgl.  Poll.  2,  156),  Daimonen  der  idäi- 
schen  Mutter,  Eisenschmiede  und  Zauberer  (yor\- 
zs g),  Kelmis,  Damnameneus  und  Akmon 
(s.  d.).  a)  Phryger;  riesig  und  überstark,  die 
handtüchtigen  Diener  der  Rhea,  die  zuerst 
in  den  Gebirgsschluchten  das  Eisen  fanden  und  ; 
schmiedeten ; so  in  der  Phoronis  b.  Schol.  Ap.  | 
Phod.  1,  1129;  Soph.  ib.  und  bei  Strabo  10,  I 
473  (fünf  männliche  thätig  in  Eisenarbeit,  fünf  1 
weibliche  helfende'  Schwestern) ; Pherekydes  | 
setzt  20  rechte,  verzaubernde,  32  linke,  den  |i 
Zauber  lösende.  Ap.  Phod,  1,  1126  nennt  Ti- 
tias  und  Kylienos  als  nageSgoi  der  idäi-  | 
sehen  Mutter,  setzt  sie  aber  mit  den  kretischen  I 
Daktylen  in  Verbindung.  Von  der  Göttermut-  1 
ter  lernten  sie  die  Eisenarbeit  Diod.  17,7;  sie  | 
gingen  nach  Samothrake  als  Orpheus’  Leh-  ij 
rer  ib.  5,  64;  waren  die  ersten  ooepot,  erfan-  1 
den  die  ephesischen  Zauberformeln  und  die  jf 
musikalischen  Rhythmen,  daher  Daktylos  als  K 
Name  eines  Metrums,  Clem.  Al.  str.  1,  132;  1 
vgl.  Et.  M.’lSaioi ; sie  haben  unter  den  ersten  * 
die  Hellenen  das  Saitenspiel  gelehrt , Alex.  I 
ne  gl  Invy  tag  bei  Flut.  mus.  5.  Auf  dem  phry-  ■ 
gischen  Ida  geboren,  mit  Mygdon  nach  Eu-  I 
ropa  gegangen,  Ephoros  bei  Diod.  5,  64.  Der 
Name  ’lSaioi  Acruzvloi  komme  vom  Vater 
Daktylos  und  von  der  Mutter  Ida,  Mnaseas  . 
nsgl  ’Aaiug  b.  Schol,  Ap.  Phod.  a.  a.  0.  — 
b)  In  Kreta,  Hesiod  Acinzvloi  ’ldaioi  ( Frg . 

14.  15.)  bei  Plin.  7,  57.  Diod.  5,  64  (nach  i 
einigen  100 , nach  anderen  10  gleich  den 
Fingern).  Alarm.  Par.  = C.  I.  Gr.  n.  237421.  ! 
Zur  Geburt  des  Zeus  in  der  diktäischen 
Grotte  in  Beziehung,  entstanden  aus  den 
Händen  voll  Staub,  welche  die  Nymphe  An- 
chiale  hinter  sich  warf,  Ap.  Pli.  1,  1129 
nach  Stesimbrotos  ■,  betr.  Anchiale  vergl.  Lydus  » 
de  mens.  p.  95;  sie  warten  den  neugeborenen 
Zeus,  Diod.  5,  70;  mit  Kureten  und  Kory- 
banten konfundiert,  Strabo  10,  466.  Schol,  ' 
Arat.  33;  Paus.  5,  7,  6;  die  Kureten  als  Nach- 
kommen der  Daktyloi,  Diod.  5,  65.  Einer  hiefs 
Morges,  in  dessen  Mysterien  Pythagoras  ein- 
geweiht worden  sei,  Porph.  Vit.  Pyth.  p.  17. 
Idaei  dactyli  kretische  Edelsteine,  eisenfarbig, 
in  Daumenform,  Plin.  37,  170.  Kelmis  und 
Damnameneus  auf  Kypros,  CI.  Al.  str.  1, 
132.  — c ) In  Olympia  gilt  Herakles  als 
Stifter  der  Spiele,  bald  Alkmenes  Sohn,  oder 
ohne  nähere  Bezeichnung  ( Pindar ; Lysias  33, 1 ; 
Schol.  Plato  Phaülon  89c;  Pol,  465  d;  Diod.  4, 

14, 1 ; 53,  4)  bald  als  idäischer  Daktyle  ( Strabo 
8,  355;  vgl.  Diodor  5,  64),  mit  seinen  Brüdern 
Paionaios,  Epimedes,  Iasias,  Idas  (oder 


io 

20 

30 

40 

50 

60 


941  Damaios 

Akesidas  — also  Heroen  der  Heilkunst)  vom 
kretischen  Ida  herübergekommen;  Herakles  als 
der  älteste  liefs  seine  Brüder  um  den  Kotinos- 
kranz  laufen,  Paus.  5,  7,  6 nach  elischer  Sage; 
Altäre  des  idäischen  Herakles  als  nuguGzazyg 
in  der  Altis  und  im  Gymnasion,  Paus.  5,  14, 

7.  6,  23,  2,  bei  ersterem  auch  Altäre  der  Brü- 
der, alle  angeblich  gestiftet  von  einem  Nach- 
kommen des  idäischen  Herakles  Klymenos 
aus  Kydonia,  Paus.  5,8,1.  6,  21,  6.  Der 
Altar  des  olympischen  Zeus  soll  vom  idäischen 
Herakles  gestiftet  sein,  Paus.  5,  13,  8.  Sonst 
fand  sich  der  idäische  Herakles  in  Megalo- 
polis  (yeys&og  n rj%vv)  nach  Onomakritos,  Paus. 

8,  31,  1,  in  Mykalessos  Paus.  9,  19,  4,  in 
Tyros  und  Erythrai,  vielleicht  auch  in 
Thespiai,  Paus.  9,  27,  5;  in  Kos,  Cie.  Deor. 
Nat.  3,  16.  Über  kretische  Ursprünge  olym- 
pischer Kulte  vergl.  Köck,  Kreta.  Furtiväng- 
ler,  Bronzen  aus  Olympia.  Milchhöfer,  Anfänge 
der  Kunst,  über  die  Daktylen  überhaupt  aufser 
den  genannten  noch  Lobeclc,  de  Idaeis  Lakty- 
lis  ( Aglaopliamus  1156).  Welcker , Götterlehre 

2,  240.  Preller-Plew  im  Register,  [v.  Sybel.] 

Damaios  (Aayui:og),  Beiname  des  Poseidon, 

Find.  Olymp.  13,  98,  nach  dem  Schol.  p.  282 
Böckh:  and  zr\g  zäv  i'nncov  dayuGicog.  Eine 
andere  Erklärung  versucht  Kuhn,  Ztschr.  f.  vgl. 
Spr.  1 S.  468.  [Crusius.] 

^ Damail  hos  (Aaguid-og),  ein  König  in  Karien. 
In  sein  Land  wurde  Podaleirios  auf  seiner 
Rückfahrt  von  Troja  verschlagen,  von  einem 
Ziegenhirten  gerettet  und  zu  dem  König  ge- 
führt. Er  rettete  dessen  Tochter  Syrna  von 
einer  Krankheit,  und  der  dankbare  König  gab 
ihm  seine  Tochter  zur  Ehe  und  eine  Halbinsel 
zum  Besitz.  Auf  dieser  gründete  er  zwei  Städte, 
von  denen  er  die  eine  nach  seiner  Gattin 
Syrna,  die  andre  nach  dem  Ziegenhirten  be- 
nannte, Steph.  Byz.  s.  v.  Lvova.  Vergl.  Paus. 

3,  26,  7.  [Stoll.] 

Damas  {Augüg),  ein  Begleiter  des  Dionysos 
auf  seinem  Zuge  nach  Asien,  der  in  der  Ge- 
gend, wo  später  Damaskos  stand,  eine  Hütte 
( onyvif ) baute  und  ein  Bild  des  Gottes  auf- 
stellte. Daher  rj  Augü  ayirjvfj,  Augu6Y.o g.  Et. 
AI.  s.  v.  AuyuGuog.  Vgl.  Damaskos.  [Stoll.] 

Damas  {Augug,  -ocvzog),  ein  Grieche  aus 
Aulis,  der  mit  Arkesilaos  nach  Troja  gezogen 
war,  von  Aineias  erschlagen,  Quint.  Sm.  8, 
303.  [Stoll.] 

Damasen  {Auguoriv,  Bändiger),  ein  Gigant, 
den  Gaia  aus  sich  selbst  geboren  und  Eris 
aufgezogen  hatte.  Von  Geburt  an  bärtig  wird 
er  sofort  von  der  Eileithyia  mit  Waffen  aus- 
gerüstet. Er  wächst  zu  gewaltiger  Gröfse  her- 
an und  erschlägt  auf  Bitten  der  Nymphe  Morie 
Iden  Drachen,  welcher  Tylos,  den  Bruder  der- 
I selben,  getötet  hatte,  Nonn.  Lion.  25,  486 — ■, 
521;  vgl.  453,  245.  Vgl.  Damysos.  [Steuding.] 

Damasichthon  {Au yaGi'x&cov) , 1)  Sohn  des 
Amphion  und  der  Niobe  (s.  d.),  Apollod.  3,  5, 
6.  — 2)  Sohn  des  Opheltes,  Enkel  des  Pene- 
leos,  nach  dem  Weggange  des  Autesion  (s.  d.) 
zum  König  von  Theben  gewählt:  Paus.  9,  5, 
16.  [Roscher.] 

Damasiklos  {Aapäßiv.log) , Vater  der  Ery- 
mede , welche  dem  Elatos,  dem  Sohne  des 


Dameon  942 

Ikarios,  den  Tainaros  gebar,  Pherekydes  bei 
Schol,  Ap.  lili.  1 , 102.  [Stoll.] 

Damasippe  {AuyuGinnrj),  Tochter  des  Atrax, 
Gemahlin  des  Kasandros , verliebte  sich  in 
ihren  Stiefsohn , Hebros , der  sie  aber  ver- 
schmähte und,  von  ihr  beim  Vater  verläum- 
det,  in  den  Flufs  Rbombos  (Hebros)  stürzte. 
(Apokrypher  Mythus  b.)  Pscud.  Plut.  de  fluv. 
3,  1.  [Roscher.] 

Damasippos  {AugÜGimrog),  1)  Sohn  des  Ika- 
rios und  der  Nymphe  Periboia,  Bruder  der 
Penelope,  Apollod,  3,  10,  6.  — [2)  Vgl.  C.  I. 
Gr.  8185  R.]  [Stoll.] 

Damasistrate  {AuguaiGZQuzr]) , Begleiterin 
des  Theseus  bei  der  Rückkehr  von  Kreta:  C.  I. 
Gr.  8185.  [Roscher.] 

Damasistratos  {AuguGiGZQuzog) , König  von 
Plataiai , der  den  von  Oidipus  erschlagenen 
Laios  begrub,  Apollod.  3,  5,  8.  Paus.  10,  5, 
2.  Schneidewin , die  Sage  vom  König  Oidipus 
S.  27.  [Stoll.] 

Damaskos  (AuguGKog),  ein  Sohn  des  Her- 
mes und  der  Nymphe  Halimede,  der  von  Ar- 
kadien nach  Syrien  kam  und  hier  die  gleich- 
namige Stadt  gründete;  oder  ein  Mann,  der 
in  Syrien  die  von  Dionysos  gepflanzten  Reben 
mit  dem  Beile  abhieb  und  deswegen  von  dem 
erzürnten  Gott  geschunden  ward,  Steph.  Byz. 
s.  v.  Vgl.  Askos  und  Damas  {Augccg).  [Stoil.] 
Damasos  (AäpuGog),  ein  Troer,  von  Poly- 
poites  erlegt,  II.  12,  183.  [Stoll.] 

Damastes {Auguczyg)  oderPolypemon(Paws.), 
ein  gewaltthätiger  Riese  in  Erineos  bei  Eleu- 
sis  in  der  Nähe  des  Kephisos,  oder  (nach  Dio- 
dor)  in  dem  Korydallos,  einem  Teil  des  Gebir- 
ges zwischen  der  eleusinischen  und  der  athe- 
nischen Ebene,  welcher  die  Wanderer,  die  in 
seine  Hände  fielen,  in  ein  Folterbett  zwang, 
und  wenn  sie  zu  lang  waren,  ihnen  die  über- 
stehenden Teile  des  Körpers  abhieb,  oder,  wenn 
sie  zu  kurz  waren,  sie  ausreckte,  indem  er  die 
Fiifse  hämmerte  ( nQOY.QOvsiv ) oder  Ambofse  auf 
sie  legte.  Daher  hatte  er  den  Beinamen  Pro- 
krustes.  Theseus  (s.  d.)  tötete  ihn  auf  seiner 
Reise  von  Troizen  nach  Athen  auf  dieselbe 
Weise,  wie  er  selbst  die  andern  getötet,  Plut. 
Thes.  11.  Paus.  1,  38,  5.  Liod.  4,  59.  Hy- 
gin.  f.  38.  Ovid.  Met.  7,  438.  Preller,  Griech. 
Myth.  2,  290,  6.  [Stoll.] 

Damastor  {AugdazcoQ) , 1)  Sohn  des  Nau- 
plios,  Vater  des  Peristhenes,  Grofsvater  des 
Diktys  und  Polydektes,  Pherekydes  bei  Schol. 
Ap.  Rh.  4,  1091.  — 2)  Ein  Gigant.  Bei  dem 
Kampf  gegen  die  Götter  schleuderte  er  statt 
eines  Felsblocks  den  durch  das  Gorgonenhaupt 
der  Athene  versteinerten  Pallas,  Glaudian.  Gi- 
gantom.  101  ff.  — 3)  u.  4)  siehe  Damastorides 
No.  2.  [Stoll.] 

Damastorides  {Auguozogidyg),  ein  Troer,  von 
Agamemnon  erlegt,  Quint.  Smyrn.  13,  211.  — 
2)  Sohn  des  Damastor,  d.  i.  der  Troer  Tlepo- 
lemos,  II,  16,  416  und  der  Freier  Agelaos  auf 
Ithaka,  0(7.20,321.  22,212.241.293.  [Stoll.] 
Dameon  ( Augsmv ),  Sohn  des  Phlius,  der  an 
dem  Zuge  des  Herakles  gegen  Augeias  teil- 
nahm  und  von  Kteatos  nebst  seinem  Rosse 
getötet  ward.  Manche  erklärten  den  Taraxip- 
pos  (s.  d.)  zu  Olympia  für  das  gemeinsame 


io 

20 

30 

40 

50 

60 


943  Damia 

Grabmal  des  Dameon  und  seines  Rosses,  Paus. 
6,  20,  8.  [Stoll.] 

Damia  (dafiia  , nach  Einigen  v.  dü  = yd, 
Zr}pf\xr\Q , s.  Preller,  Griech.  Mythol.  1,  618, 
2),  s.  Auxesia  u.  den  folg.  Artikel.  [Stoll.] 

Damia.  Damia,  Name  der  Bona  Dea;  wie 
damium  der  ibres  Opfers  und  damiatrix  der 
ihrer  Priesterin,  nach  Paul.  p.  68  damium 
sacrificium , quod  ftebat  in  operto  in  honorem 
Bonae  Deae,  dictum  a contrarietate , quod  mi- 
nime esset  äaaoaiov  id  est  publicum,  dea  quo- 
que  ipsa  Damia  et  sacerdos  eins  damiatrix 
appellabatur ; vgl.  Placid.  p.  30,  12  f.  33,  lD. 
Gloss.  Labb.  s.  v.  damium  (ftvatcu  vnuiO'QioL 
yivogsvca).  Das  von  Paulus  erwähnte  Opfer 
ist  dasjenige,  welches  bei  dem  im  Anfänge  des 
Dezember  in  dem  Hause  des  Prätors  oder  Kon- 
suls von  den  vornehmsten  Frauen  Roms  und 
den  Vestalinnen  unter  Ausschlufs  alles  Männ- 
lichen im  geheimen  (in  operto , vergl.  Seneca 
epist.  16,  2,  2 (97).  Cic.  parad.  4,  2,  32.  har. 
resp.  17,  37.  Iuvenal.  6,  314)  gefeierten  Feste 
der  Bona  Dea  von  der  Frau  oder  Mutter  des 
höchsten  Beamten  mit  den  Vestalinnen  für  das 
Wohl  des  römischen  Volkes  (daher  popularia 
sacra  bei  Martial  10,  41,  7,  publicae  caerimo- 
niae  bei  Sueton.  Caes.  6 genannt)  dargebracht 
wurde  (vergl.  über  dasselbe  Bona  Dea).  Wie 
schon  zu.Ciceros  Zeit  dieses  nächtliche  Fest 
einen  von  den  Bräuchen  des  strengen  altrömi- 
schen Kultus  abweichenden  Charakter  an  sich 
trug,  indem  die  Feier  einem  lectisternium  glich 
(pulvinaria  Cic.  har.  resp.  5,  8.  Pison.  39,  95. 
Mil.  27,  72;  vgl.  de  domo  53,  136) , in  ihren 
symbolischen  Handlungen  an  die  griechischen 
Mysterien  und  Orgien  erinnerte  und  die  Gleich- 
stellung der  Bona  Dea  mit  Kybele  und  Semele 
veranlafste  (Cic.  ad  Att.  5,  21,  14.  15,  25.  Flut. 
Caes.  9.  Cic.  19.  Macrob.  sat.  1,  12,  23),  so 
sind  auch  die  Namen  Damia,  damium  und  da- 
miatrix, die  aus  dem  Lateinischen  nicht  er- 
klärbar sind,  offenbar  griechischen  Ursprungs 
(Preller,  Böm.  Myth.3  1 S.  402  Anm.  4.  Stoll 
in  Paulys  Beal-Enc.  s.  v.  Bona  Dea.  Saglio 
in  Daremberg  und  Saglio,  Dictionn.  des  anti- 
quites  s.  v.  Bona  Dea;  allerdings  zeigt  die  Form 
damiatrix,  dafs  das  Lehnwort  sehr  alt  ist,  vgl. 
auch  Bücheier  am  unten  a.  0.)  und  wahrschein- 
lich mit  einer  dorischen  Göttin  Atxyi'a , deren 
Verehrung  für  Troizen,  Epidauros  und  Aigina 
bezeugt  ist  ( Pausan . 2,  32.  Herod.  5,  82.  83; 
Litteratur  s.  bei  Auxesia),  und  dem  tarentini- 
schen  Feste  Accgsia  (Hesych.  s.  v.),  das  jeden- 
falls sich  auf  diese  Göttin  bezieht  (vgl.  K.  Fr. 
Hermann,  Gottesd.  Altert ,2  § 68,  5),  in  Ver- 
bindung zu  bringen.  Auch  wird  die  sich  zu- 
nächst auf  die  Namensgleichheit  gründende 
Annahme,  dafs  man  Bona  Dea  mit  der  griechi- 
schen Accgia  identifizierte  und  nach  ihr  be- 
nannte, durch  das  Wesen  der  AayCcc  gesichert. 
Diese  nämlich  stellt,  ähnlich  wie  Bona  Dea, 
d.  i.  Fauna,  die  Erdgöttin  ist  (s.  Bona  Dea), 
nur  eine  besondere  Form  der  Demeter  dar 
(vgl.  ihre  Verbindung  mit  Av^rjaia;  Welcher, 
Gr.  Götterl.  3 S.  130fF.  0.  Müller,  Dorier  l2 
S.  406  Anm.  1.  2 2 S.  341.  Bachofen,  Versuch 
über  d.  Gräbersymbolik  S.  351);  und  wenn  fer- 
ner berichtet  wird,  dafs  Accgia  und  Avtgya'a 


Damia  944 

in  Epidauros  durch  geheime  Ceremonien  (kq- 
ggtoi  iQogy lat)  und  in  Epidauros  und  auf  Ai- 
gina durch  Chöre  von  Weibern,  welche  unter 
der  Anführung  von  Männern  die  einheimischen 
Frauen,  nicht  aber  die  Männer  schalten,  ver- 
ehrt wurden  (Herod.  5,  83),  so  läfst  sich  aus 
dem  zuletzt  genannten  Kultusbrauch  noch  er- 
kennen, dafs  Accyiu  eine  Frauengottheit  war 
(vgl.  auch  die  von  Welcher  a.  a.  0.  und  Kl. 
Schriften  3 S.  186  f.  202  nachgewiesene  Geltung 
der  Augicc  als  Geburtsgöttin),  also  auch  hier- 
in der  Bona  Dea  glich,  während  die  geheimen 
Ceremonien  im  Kultus  der  Bona  Dea  nachge- 
ahmt worden  zu  sein  scheinen.  Wann  die 
Römer  die  Aceyia  kennen  lernten  und  sie  der 
Bona  Dea  gleichsetzend  in  ihren  Kultus  auf- 
nalnnen,  läfst  sich  nicht  bestimmen;  die  An- 
nahme Prellers  (a.  a.  0.;  ihm  stimmt  Huschhe 
in  N.  Jahrb.  f.  Pli.  Suppl.  5 S.  890,  s.  unten, 
bei),  dafs  dies  in  den  ersten  Jahren  der  Re- 
publik zugleich  mit  der  Einführung  des  De- 
meterdienstes geschehen  sei  (ähnlich  Stoll, 
Saglio  a.  aa.  00.),  ist  nicht  unwahrscheinlich. 

Auch  bei  den  Oskern  haben  Huschhe  (Zu 
den  altitalischen  Dialekten,  in  N.  Jahrb.  f. 
Ph.  Suppl.  5 S.  889 ff.),  Guidobaldi  (Damia  o 
buona  dea,  Neapel  1865)  und  Bücheier  (Oshische 
Bleitafel,'  im  N.  Bh.  Mus.  33,  1877,  S.  7 1 f.) 
die  Damia  nachzuweisen  versucht,  erstere  auf 
einer  Inschrift  aus  einer  oskischen  Nekropole 
bei  Capua  (hluva  . . . | diuvia  . . . | damu  . . . 
auf  der  einen  Seite,  hluv  . . . | damuse  . . . | diu- 
via . . . auf  der  anderen,  Zvetajeff,  Sylt,  inscr. 
Osc.  n.  36  tab.  6,  3a.b,  wo  die  Publikatio- 
nen der  Inschrift  aufgeführt  sind,  vergl.  dazu 
F.  v.  Dulin  am  unten  a.  0.  S.  185;  Huschhe 
vermutet  eine  Form  des  Namens  wie  diuviai 
damüsenai  = Ioviae  Damiae,  von  öugöacog  oder 
dayötig  gebildet,  Guidobaldi  sieht  in  damusa 
die  Priesterin  der  Damia  Iovia),  letzterer  ge- 
stützt auf  eine  oskische  Bleitafel  mit  einer 
Verwünschung  aus  derselben  Nekropole  (v.  2: 
usurs  inim  malaks  nistrus  pakiu  kluvatiud  vala- 
mais  p[uklu]  anikadum  damia  . . . j , Zvetajeff 
n.  50  und  Addenda  S.  1 52  f. ; über  die  Nekro- 
pole vergl.  U.  v.  Wilamowitz-Möllendorff  im 
Bull.  delV  inst.  1873  S.  145ff.  und  besonders 
F.  v.  Duhn  das.  1876  S.  171  ff.);  aber  die 
Deutungen  Huschlces  und  Guidobaldis  sind 
durchaus  unsicher  (vergl.  Corssen  in  Ztschr.  f. 
vgl.  Spr.-F.  11,  1862,  S.  322  und  in  Ephem. 
epigr.  2 S.  160f.  n.  10;  Bücheier  a.  a.  0.),  und 
in  der  Imprecationstafel  hat  damia,  . . . nach 
S.  Bugge  (Altitalische  Studien,  Christiania  1878 
S.  12,  und  Huschhe  (Die  neue  oshische  Blcitafel 
etc.  Leipzig  1880  S.  28)  mit  Damia  nichts  zu 
thun.  In  welchem  Verhältnis  ein  von  Luxo- 
rius  (Anthol.  lat.  p.  70,  1 Biese)  gebrauchtes 
Wort  damium  ( quoniam  . . . voti  vobis  damium 
usque  ad  exodium  vitulantibus  coagmentem ; 
Bücheier  a.  a.  0.  übersetzt  cHochzeitsceremo- 
nien’,  ohne  einen  Beleg  für  diese  Bedeutung 
anzuführen;  jedenfalls  hierauf  bezieht  sich  die 
Äufserung  Huschlces.  Bleitäfel  a.  a.  0.,  dafs 
eine  von  dem  Feste  der  Bona  Dea  verschiedene 
Damienfeier  hochzeitlicher  Natur  gewesen  zu 
sein  scheine,  damium  von  dayugco  = su- 
bigo)  zu  damium,  welches  das  Opfer  der  Bona 


945  Damithales 


Danae  946 


Dea  bezeichnet,  steht,  läfst  sich  nicht  er- 
mitteln. 

Eine  genügende  Erklärung  des  Namens 
Aagza,  Damia  ist  noch  nicht  gefunden  (z.  B. 
Aufu'u  = 'Bändigerin  der  Stiere,  Einspannerin 
der  daficilcu.  Pflügerin*,  wie  'innoöapCa,  Aao- 
dufiiu,  nach  Welcher,  Gr.  Götterl.  a.  a.  0.  S.  131 ; 
Zagtet  von  Sggog , dieses  von  yfj,  yrj  = Sä, 
Aggyzyg  = TV]  ggzgg  nach  Preller,  Gr.  Myth. 
I3  S.  618  Anm.  2,  ähnlich  Huschlce,  Beiträge 
a.  a.  0.,  vgl.  aber  Curtius,  Etym ,5  S.  492;  auch 
Weise,  1).  griech.  Lehmeörter  im  Latein,  Leip- 
zig 1882  S.  316  setzt  damium  = öägiov  = 
drgiLov;  ganz  unrichtige  Erklärungen  der  röm. 
Damia  von  Hartung,  Bei.  d.  Böm.  2 S.  197 
und  Guidobaldi  a.  a.  0.,  sowie  von  Cuno,  Vor- 
geschichte Borns  1 Leipzig  1878  S.  186,  der 
Damia  etc.  vom  keltischen  Stamme  dag  = bo- 
nus  ableitet);  die  Gleichstellung  des  Paulus 
öagia  = öagoaia  = publica  scheint  von  den 
Römern  in  Rücksicht  darauf,  dafs  das  Opfer 
pro  populo  Romano  stattfand , vorgenommen 
worden  zu  sein.  Ganz  verschieden  von  den 
gewöhnlichen  Erklärungen  ist  die  Auffassung 
Bergks  ( Zivei  Zauberformeln  bei  Cato,  im  Phi- 
lol. 21,  1864  S.  596f.  = Kl.  philol.  Schrift.  1 
S.  567  f.);  nach  ihm  hat  die  Bona  Dea  auch 
ihre  Nachtseite;  als  unholde,  Schaden  und  Ver- 
derben bringende  Göttin  führt  sie  den  Namen 
Damia;  es  ist  dieselbe  Göttin,  die  in  Aigina 
unter  doppelter  Gestalt,  obwohl  sie  nur  eine 
war,  als  Av^gßta  und  Aagt'a  verehrt  wurde, 
wovon  Av^gat'a  die  Leben  erzeugende  und 
erhaltende  Göttin,  Aecgi'a  die  Verderben  brin- 
gende Todesgöttin  bezeichnet:  Aagia  = gapia 
= ^ggia;  doch  haben  die  altitalischen  Stämme 
diesen  Kultus  und  den  Namen  Damia  nicht 
von  den  Griechen  entlehnt,  sondern  dieser 
Gottesdienst  ist  beiden  Nationen  seit  alters 
gemeinsam;  daher  heifst  das  der  Göttin  dar- 
gebrachte Sühnopfer  damium,  die  Priesterin 
damiatrix,  von  damiare  'durch  Opfer  versöh- 
nen’, urspr.  'binden,  fesseln’  (davon  auch  dam- 
num  = 'Qggta).  Ferner  nimmt  Bergk  an  (das. 
Ä.nm.  22  und  De  Paelignorum  sermone,  ind. 
schol.  aest.  Halens.  1864  S.  VII  = Kl.  philol. 
Sehr.  1 S.  527),  dafs  die  Damia.-Bona  Dea  von 
der  Laverna  eigentlich  nicht  verschieden  ge- 
wesen sei,  und  stützt  diese  Annahme  auf  die 
Inschrift  C.  I.  L.  1 n.  1279,  wo  magistri  La- 
lerneis  der  Bona  Dea  pagi  decreto  einen  Tem- 
)el  errichten,  und  vermutet  aufserdem  ( Zwei 
Zauber f.  S.  598  f.  = Kl.  Sehr.  1 S.  569  f.),  dafs 
rnn  den  bei  Cato  de  agric.  160  überlieferten 
iaubersprüehen  der  zweite , ursprünglich  eine 
leschwörung  des  Hagels , einst  in  einer  Be- 
iehung  zu  Bona  Dea  oder  Damia , der  Be- 
chützerin  des  Landmanns,  gestanden  haben 
cönnte.  Doch  entbehren  diese  Annahmen 

teder  sicheren  Grundlage.  [R.  Peter.] 
lithalcs  {Aagt&uXgg),  ein  Heros  des  Acker- 
■aus  zu  Pheneos , der  in  Gemeinschaft  mit 
'risaules  die  nach  Pheneos  kommende  Deme- 
er  gastlich  aufnahm  und  ihr  unter  dem  Bei- 
amen  Thesmia  am  Fufse  der  Kyllene,  15  Sta- 
ien  von  der  Stadt,  einen  Tempel  baute, 
uch  stifteten  sie  der  Göttin  einen  Geheim- 
ienst,  der  noch  zur  Zeit  des  Pausanias  be- 


stand, Paus.  8,  15,  4.  Preller,  Griech.  Myth. 
1,  618,  2.  [Stoll] 

Damnameneus  ( Aagvagsvevg  — Hammer 
nach  Welcher,  Götterl.  3,  177),  einer  der  idäi- 
sclien  Daktylen  (s.  d.)  in  der  Phoronis,  Schol. 
Ap.  Bhod.  1,  1129.  Strabo  10  p.  473.  Scamo 
beb  Clemens  Alex.  1,  74  p.  362  (P)  = Müller, 
F.  H.  G.  4 p.  490.  Vgl.  Fröhncr,  Philol,  22, 
544,  der  den  Namen  in  späten  Zauberformeln 
io  (vergl.  Hesych.  s.  v.  ’Etpsoia  ygäggaza)  nach- 
weist, auch  in  der  Nebenform  Aagvavotog  auf 
einer  Silberplatte  im  Musee  Nap.  3 snl  zov 
gsyäXov  xal  ctytov  ovogazog  tov  geovzog  v.v- 
p/ov  &iov  AuyvuvuvoCov  xal  Adwvou'ov  xzX. 
[Vgl.  auch  C.  I.  Gr.  2374,  22  R.]  [Crusius.] 
Damneus  (Jagvevg,  Bändiger),  ein  Kory- 
bant {Norm.  Dion.  13,  144),  welcher  auf  dem 
Zuge  des  Bakchos  mit  den  übrigen  Koryban- 
ten zusammen  gegen  die  Inder  kämpft  (eben- 
20  da  28,  271).  [Steuding.] 

Damno  (z/apreo),  eine  Tochter  des  Belos,  Ge- 
mahlin des  Agenor,  dem  sie  Phoinix,  Isaia 
(Gemahlin  des  Aigyptos)  und  Melia  (Gemahlin 
des  Danaos)  gebar.  Pherekydes  bei  Schol.  Ap. 
Bh.  3,  1186.  [Stoll.] 

Damokrateia  (Aagoy-gdz fta) , Tochter  des 
Zeus  und  der  Aigina,  Schwester  des  Aiakos 
(s.  d.),  Gemahlin  des  Aktor,  Mutter  des  Menoi- 
tios:  Pythainetos  b.  Schol.  Pind.  Ol.  9,  107. 

30  [Roscher.]  ' 

Damokrates  (z/aponparrjg  Plut.,  Arigoxgd- 
zgg  Clem.  Al.),  ein  Stammheros  von  Plataiai, 
welchem  vor  der  bekannten  Schlacht  daselbst 
seitens  der  Griechen  ein  Opfer  gebracht  wurde, 
Plut.  Arist.  11  p.  325.  Clem.  Alex.  adm.  ad 
gentes  p.  26  Sylb.  [Steuding.] 

Damona,  eine  celtische  Göttin  auf  Inschrif- 
ten aus  Bourbon-Lancy,  Orelli  1974,  wo  aber 
nach  der  Bevue  Arch.  1880,  80  Bormoni  et 
40  Damonae  zu  korrigieren  ist,  und  aus  Bour- 
bonne-les-Bains , Henzen  5880  (s.  Borvo);  vgl. 
Bevue  Arch.  a.  a.  0.  74  und  die  Inschr.  im 
Bull,  d.  Inst.  Arch.  1875  p.  21,  23,  66,  76f., 
81,  133  und  p.  25:  Damonae  Aug.  Claudia 
Mossia  ...  v.  s.  I.  m.  (nach  De- Vit,  onom. 
s.  v.).  Mehrfach  steht  also  Damona,  die  bei 
Orelli  1974b  Tomona  genannt  wird,  neben 
Borvo  oder  Bormo.  [Steuding.] 

Ramoiie  heifst  bei  Hygin.  f.  170  eine  Toch- 
50  ter  des  Danaos,  die  mit  Amyntor  vermählt  ward. 
Vielleicht  ist  Damno  zu  schreiben.  [Stoll.] 
Damophon  (Auyocpäv),  Sohn  des  Thoas,  En- 
kel des  Ornytion,  Urenkel  des  Sisyphos,  König 
in  Korinth,  Paus.  2,  4,  3.  [Stoll] 

Damysos  (Aüpvoog?),  der  schnellste  aller 
Giganten,  welcher  in  Pallene  begraben  war. 
Cheiron  grub  seinen  Knöchel  aus  und  setzte 
ihn  dem  Achilleus  (s.  d.  oben  S.  24)  statt  des 
von  seiner  Mutter  im  Feuer  verbrannten  ein. 
co  Als  dieser  vom  Apollon  verfolgt  wurde,  ver- 
lor er  jenen  Knöchel  und  wurde  so  zum  Fal- 
len gebracht  und  getötet.  So  lautet  der  offen- 
bar erst  spät  erfundene  und  schlecht  beglaubigte 
Mythus  bei  Ptol.  Heph,  p.  195  Western.  Wahr- 
scheinlich erfand  man  ihn,  um  die  Schnell- 
füfsigkeit  des  Achilleus  zu  motivieren.  Vergl. 
Damasen.  [Roscher.] 

Danae  {Aa.vct.rf) , 1)  die  schöne  Tochter  des 


947 


Danae 


Danae 


Akrisios,  Königs  in  Argos,  und  der  Eurydike, 
einer  Tochter  des  Lakedaimon  und  der  Sparte 
(einer  Tochter  des  Eurotas),  Apollod.  2,  2,  2. 

3,  10,  3.  Pherekydes  bei  Schol.  Ap.  Bhod.  4, 
1091.  Hygin.  /'.  155.  224.  Bei  Tzetz.  LyTc.  838 
heilst  Eurydike  Tochter  des  Eurotas,  bei  Ily- 
gin.  /'.  63  ist  Danae  Tochter  des  Akrisios. und 
der  Aganippe.  — Da  Akrisios,  schon  in  höhe- 
rem Alter,  sich  einen  Sohn  wünschte,  so  be- 
fragte er  das  delphische  Orakel , wurde  aber  io 
von  diesem  vor  männlicher  Nachkommenschaft 
gewarnt:  seine  Tochter  Danae  werde  einen 
Sohn  gebären,  der  ihn  töten  werde.  Um  dies 
zu  verhüten , verschlofs  er  die  Tochter  in  ein 
ehernes  Gemach  und  bewachte  sie  streng. 
Zeus  aber,  der  Danae  liebte,  verwandelte  sich 
in  einen  goldenen  Regen,  drang  durch  das 
Dach  des  Gemaches  zu  ihr  und  zeugte  mit 
ihr  den  Perseus,  Apollod.  2,  4,  1.  Vgl.  Phe- 
rekydes b.  Schol.  Ap.  Bh.  4,  1091.  Tzetz.  Dyk.  20 
838.  Schol.  P'md.  Pytli.  10,  72.  Diod.  4,  9. 
Hygin.  f.  63.  II.  14,  319  u.  Schol.  z.  d.  St. 
Hesiod.  Scut.  216.  Find.  Pyth.  12,  17.  Sopli. 
Antig.  944 ff.  Ov.  Met.  4,  611.  698.  11,  117. 
Horat.  Od.  3,  16,  lff.  Strab.  10,  487.  Schol. 
Stat.  Theb.  2,  220.  6,  286.  Schol.  Germ.  p.  63 
ed.  Buhle.  Myth.  Vat.  1,  159.  2,  110.  Von 
dem  ehernen,  d.  h.  mit  ehernen  Platten  be- 
schlagenen Thalamos  der  Danae,  der  von  den 
meisten  als  unterirdisch  bezeichnet  wird  (also  30 
ähnlich  dem  Schatzhause  des  Atreus),  spricht 
Paus.  2,  23,  7 ; vgl.  Curtius,  Peloponnesos  2,  361. 
Bursian,  Geogr.  v.  Gr.  2,  51.  Er  war  von 
dem  Tyrannen  Perilaos  zerstört  worden.  Manche, 
auch  Pindar  an  unbekannter  Stelle,  gaben  an, 
dafs  Danae  nicht  von  Zeus,  sondern  von  Proi- 
tos , dem  Bruder  des  Akrisios,  geschwächt 
worden  sei,  und  dies  sei  der  Grund  zu  dem 
grofsen  Hafs  und  Streit  der  beiden  Brüder  ge- 
wesen, Schol.  II.  14,  319.  Apollod.  2,  4,  1.40 
Spätere  erklären , Danae  sei  durch  kostbare 
Geschenke  eines  reichen  Müfsiggäugers  ver- 
führt worden,  Myth.  Vat.  3,  3,  5.  — Die  mei- 
sten der  oben  citierten  Schriftsteller  erzählen 
weiter:  Als  Akrisios  einst  aus  dem  Thalamos 
die  Stimme  des  spielenden  Knaben  Perseus 
hörte  und  so  erfuhr,  dafs  seine  Tochter  den- 
noch geboren  hatte , tötete  er  die  Amme,  die 
Tochter  aber  mit  ihrem  Sohne  trug  er  auf  den 
Hausaltar  des  Zeus,  um  inbetreff  des  Vaters  des  50 
Knaben  sich  die  Wahrheit  beschwören  zu  las- 
sen. Er  glaubt  der  Aussage  der  Tochter  nicht, 
dafs  Zeus  der  Vater  sei,  schliefst  sie  mit  dem 
Kinde  in  einen  Kasten  und  wirft  sie  ins  Meer. 
Der  Kasten  wird  von  den  Fluten  an  die  Küste 
von  Seriphos  getrieben,  wo  Diktys,  ein  Fischör, 
gewöhnlich  ein  Bruder  des  Königs  Polydektes 
genannt,  Mutter  und  Kind  rettet,  indem  er  siemit 
seinen  Netzen  aus  dem  Meere  zieht  (s.  die  Münze 
S.  948;  die  ergreifende  Klage  der  mit  ihrem  Kind  eo 
in  dem  Kasten  auf  den  W ogen  umhertreibenden 
geängsteten,  aber  den  Ratschlüssen  des  Zeus 
vertrauenden  Danae  in  einem  Threnos  des  Si- 
monides  bei  Dionys.  Hai.  de  verb.  composit. 
c.  26;  vgl.  Athen.  9,  396  e.  Berglc,  lyr.  gr.2  fr. 

37  p.  883).  Diktys  führt  Mutter  und  Kind  in 
sein  Haus  und  hält  sie  wie  seine  Verwandten 
(Schol.  Ap.  Bh.  4,  1091.  1515).  Er  erzog  den 


948 


Perseus  wie  seinen  Sohn  und  sorgte  für  Da- 
nae (Tzetz.  Apollod.) ; aber  Polydektes  verliebte 
sich  in  die  schöne  Mutter,  und  da  ihm  Perseus 
im  Wege  stand,  so  suchte  er  diesen  zu  be- 
seitigen, indem  er  ihn  aussandte,  das  Haupt  der 
Gorgo  Medusa  zu  holen.  S.  Perseus.  Nach 
Ilygin.  f.  63,  der  über  Polydektes  und  den  Tod 
des  Akrisios  eine  von  den  übrigen  abweichende 
Sagenform  überliefert,  bringt  Diktys  Danae 
und  Perseus  zu  Polydektes , der  die  Danae 
heiratet  und  ihren  Sohn  (vgl.  Schol.  II.  a.  a.  O.) 
in  einem  Tempel  der  Athene  erzieht.  — Als 
Perseus  mit  dem  versteinernden  Medusenhaupt 
und  mit  seiner  in  Äthiopien  gewonnenen  Ge- 
mahlin Andromeda  glücklich  nach  Seriphos 
zurückkehrte,  fand  er  Danae  und  Diktys  als 
Schutzflehende  an  den  Altären,  wohin  sie  sich 
vor  der  Gewalt  und  der  Begierde  des  Poly- 
dektes hatten  flüchten  müssen.  Perseus  be- 
freit sie,  indem  er 
durch  das  Medusen- 
haupt den  Polydek- 
tes und  seine  Freunde 
versteinert.  DenDik- 
tys  setzte  er  als  Kö- 
nig der  Insel  ein, 

Bind.  Pyth.  10,  46 
(72).  12,  12.  Apollod. 

2,  4,  3.  Schol.  Find. 

Pyth.  10,  72.  Schol. 

Ap.Bh.  4,1515.1091,  

Tzetz.  a.  a.  O.  Epigr.  Danae  dem  Kasten  entsteigend, 
CyZ.  11.  Darauf  folgte  Münze  v.  Klaia  Imhoofs  Sanimlg.). 
Danae  dem  Sohne 
nach  Argos  und  blieb  dort  bei  ihrer  Mutter  Eu- 
rydike, während  Perseus  auszog,  den  Akrisios 
zu  suchen,  Schol.  Ap.  Bhod.  4,  1091.  — Nach 
italischer  Sage  soll  Danae  mit  Perseus  in  dem 
Kasten  an  die  Küste  von  Latium  gelangt  sein,  sich 
dort  mit  Pilumnus  vermählt  und  mit  ihm  die 
Stadt  Ardea  gegründet  haben,  so  dafs  der 
Rutulerkönig  Turnus  von  Ardea,  der  Enkel 
des  Pilumnus,  bei  Vergil  ein  Abkömmling  der 
alten  Heroen  von  Argos  und  Mykene  heifst, 
Verg.  Aen.  7,  371  u.  Serv.  z.  d.  St.  410.  10,  76 
u.  Serv.  Plin.  N.  II.  3 , 9,  56.  Preller,  Böm. 
Myth.3  2,  330.  — Joann.  Antioch,  fr.  6,  18 
b.  Müller  fr.  hist.  gr.  4 p.  544  nennt  den 
Perseus  Sohn  der  Danae  und  des  Picus  (6  w) 
Z(vg).  — Die  Leidensgeschichte  der  Danae  ist 
mehrfach  von  den  griechischen  Tragikern  be- 
handelt. Aischylos  schrieb  Jix xvovHoi, 
Welcher,  Aesch.  Tril.  378  ff.  Nauck,  trag.  gr. 
fr.  p.  13.  Sophokles  hatte  einen  Akrisios 
(=  Danae?)  gedichtet,  Welcher,  Gr.  Trag.  1, 348. 
Nauck  113.  143,  Euripides  eine  Danae  und 
einen  Diktys,  Welcher,  Gr.  Tr.  2,  636  ff.  6G8ff. 
Nauck  360.  365.  Danae  eine  Komödie  des  San- 
n y r i 0 n und  Apollophanes,  Meineke  fr.  com. 
gr.  1,  264.  267.  Eine  Tragödie  Danae  schrie- 
ben nach  griechischen  Mustern  auch  Liv.  An- 
dronicus  u.  Nävius,  Welcher,  Gr.  Trag.  3, 
1371.  Teuffel,  Gesch.  d.  röm.  Litt.  § 94,  5. 

§ 95,  5.  Bibbeck.  trag.  lat.  2,  5. 

Bildwerke  aus  dem  Sagenkreis  der  Da- 
nae und  des  Perseus:  Müller,  Handbuch  der 
Archäologie  § 351,  4.  Mus.  Borb.  2,  36. 
Overbeck,  Pompeji 3 242.  522.  526.  Hclbig, 


949 


Danaiden 


Danaiden 


950 


Wandgem.  der  vom  Vesuv  verschütteten  Städte 
Campaniens  n.  116.  119 — 121.  Welcher,  a.  1). 
5,  275  ff.  T.  16.  17.  Ann.  d.  Inst.  1856  p.  37.  t.  8. 
Gerhard , Danae  ( Winck.-Progr . 1854).  Heyde- 
mann,  Neapler  Vascns.  n.  3140.  Arcli.  Ztg.  1872, 
37ff.  O.Jaltn, Philol.  27, 1 — 17.  Overbeck, Kunst- 
inyth.  d.  Zeus  BPS  ff.  — Sonst.  Litteratur:  V dicker , 
läget. -Gesclü . 191.  234.  Buttmann,  Myth.  1,  250. 
2,  183.  Müller,  Prolegg.  185.  307.  313.  Prel- 
ler, Grieeh.  Mythol.  2,  58.  Gerhard,  Gr  lech, 
Mythol.  2.  § 797.  P.  Schwarz,  De  fab.  Danacia. 
Halle  1881.  — 2)  Tochter  des  Neoptolemos 
und  der  Leonassa  (oder  Lanassa),  einer  Tochter 
des  Kleodaios,  Lysimach.  Alex.  b.  Schot.  Venet. 
Eurip.  Androm.  24.  Müller,  fr.  hist.  gr.  3 
p.  338,  13.  [Stoll.'J 

Danaiden  (Accvca'Sss),  die  berüchtigten  Töch- 
ter des  Danaos  (s.  d.)  [ihr  Namenverzeichnis 
. unter  Aigyptos],  Hauptquellen:  Danais  (Fr. 
Epic.  gr.  ed.  K.  1,  78).  Aesch.  Supplices  und 
Danaiden.  Pind.  Pyth.  9,  117  u.  Schol.  Nein. 

10,  7.  Apd.  2,  1,  4.  Hygin.  f.  16811'.  Schol. 

11.  1,42.  Eustath.  37, 10.  Schol.  Eur.  Hck.  886. 
Nach  ihrem  Grofsvater  Belos  liiessen  sie  auch 
Belides,  Ov.  Met.  4,  462  u.  a.,  Beliades  bei  Sen. 
Here.  Oet.  959.  Sprichwörtlich  war  ihre  Strafe, 
Wasser  in  ein  durchlöchertes  Fafs  zu  schöp- 
fen, für  jede  vergebliche  Arbeit.  „AavaiSav 
nt&o g“  Macar.  3,  16.  Luc.  Tim.  18.  Hermot. 
61.  Alciphr.  ep.  1,  2.  Porphyr, 
de  abst.  3,  27.  Zenob.  2,  6. 

Plut.  sap.  conv.  16  A.  Mei- 
nehe, fr.  com.  1 p.  439.  Um 
ihrer  Zahl  willen  „Danaos  Töch- 
ter“ auch  sprichwörtlich  für  zahl- 
reiche Nachkommenschaft,  Cic. 
gar  ad.  1. 

An  die  50  Söhne  des  Aigyp- 
tos verlobt , hatten  sie  ihrem 
Tater  versprochen,  ihre  Männer 
n der  Brautnacht  zu  ermorden: 
iin  Befehl , dem  alle  mit  Aus- 
rahme  der  Hypermnestra  nach- 
iamen,  „die  allein  ihr  Schwert 
verhüllt  in  der  Scheide  hielt,“ 

Lind.  Nein.  10,  7.  Dasselbe  wurde 
Von  anderen  auch  der  Bebryke 
lachgerühmt,  Eustath.  zu  Dion. 

Per.  805.  Die  Mörderinnen  ver- 
gruben darauf  die  Leichen  ihrer 
Jänner  (vgl.  Aigyptos)  und  wurden  auf  Be- 
ehl  des  Zeus  durch  Hermes  und  Athene  von 
ler  Blutschuld  gereinigt,  Apollod.  a.  a.  O. 
■lach  anderer  Variation  des  Mythus  blie- 
>en  sie  jedoch  fortan  mit  Schuld  behaftet,  und 
Danaos  mufste,  um  sie  wieder  zu  vermählen, 
Vettläufe  anstellen,  bei  denen  sie  nach  der 
lestimmung  des  Vaters  ohne  die  Darbringung 
ler  üblichen  Brautgeschenke  seitens  der  Freier 
len  Siegern  als  Preis  Zufällen  sollten.  Der 
rste  Sieger  wählte  zuerst  unter  den  Jung- 
rauen,  und  die  übrigen,  wie  sie  auf  einander 
efolgt  waren.  Da  aber  die  Freier  nicht  eben 
ahlreich  kamen,  mufsten  die  übriggebliebenen 
uf  die  Ankunft  anderer  und  einen  erneuten 
Vettkampf  warten,  Paus.  3, 12,  2.  Nach  Pind. 
°yth.  9,  111  ff.  stellt  Danaos  seine  Töchter  am 
lorgen  an  das  Ziel  der  Rennbahn,  und  jede 


hatte  noch  vor  Mittag  einen  sieggekrönten 
Freier.  Vgl.  auch  Hyg.  146,  8 ff.  [u.  Gerhard, 
Ges.  ak.  Abhandl.  1,  60  Anm.  R.]  So  wurden 
sie  an  einheimische  Jünglinge  vermählt  und 
durch  diese  Mütter  der  Danaer,  der  bisheri- 
gen Pelasger,  Hyg.  34,  lOff.  Eur.  fr.  230. 
Automate  und  Skaia  fielen  den  Söhnen  des 
Achaios,  Arcliiteles  und  Archandros  zu,  Paus. 
7,  1,  6;  vgl.  dazu  Herod.  2,  98.  Wenn  Pin- 
ie dar  nur  48  Töchter  erwähnt,  so  hatte  das 
nach  dem  Scholion  seinen  Grund  darin , dafs 
Amymone  bereits  mit  Poseidon  und  Hyper- 
mnestra mit  Lynkeus  vermählt  war.  Das  end- 
liche Los  der  Danaiden  war  nach  dem  Schol.  zu 
Eur.  Hec.  886,  dafs  sie  samt  ihrem  Vater  von 
Lynkeus  getötet  wurden  und  für  ihre  Mord- 
that  büfsten  durch  nie  endende  Arbeit:  „Weil 
sie  tückischen  Mord  den  eigenen  Vettern  be- 
reitet, ||  Schöpfen  verrinnende  Flut  rastlos  die 
20  belischen  Jungfraun“  Ov.  met.  4,  462.  Heroul. 
14.  Hör.  c.  3,  11,  25.  Tibull.  1,  3,  79.  Hyg. 
31,  lOff.  Serv.  Verg.  Aen.  10,  497. 

Der  Mythus  scheint  sich  auf  jenen  Wech- 
sel von  Dürre  und  Überschwemmung  zu  be- 
ziehen, der  für  die  argivische  Laudschaft  cha- 
rakteristisch war*).  Da  die  Sage  vielfache 
Hindeutung  giebt,  hat  man  die  Danaiden  als 
Quellnymphen  des  Landes  aufgefafst:  Da- 
naos und  seine  Töchter  sollten  die  ersten 


Die  Danaiden  (als  Eidola)  und  Sisyplios,  von  e.  archaischen  Vase  in  München 
(nach  D.  a.  K.  2,  866). 


Brunnen  gegraben  haben,  ja  Danaos  selbst  um 
dieses  Geschenkes  willen  König  von  Argos  ge- 
worden sein,  Strabo  1,  23.  8,  370tf.  Hes. 
fr.  35.  Plin.  h.  n.  7,  195.  Serv.  Aen.  7,  286. 
Daher  auch  die  nahen  Beziehungen  des  Po- 
seidon zur  Amymone , die  insonderheit  in 
diesem  Zusammenhänge  zu  nennen  ist  (s.  d.) : 
Als  Danaos  auf  der  Flucht  vor  den  Söhnen 
des  Aigyptos  in  Argos  landete  und  seine 
eo  Töchter  ausschickte,  um  Wasser  zu  suchen, 
da  Poseidon  im  Zorn  gegen  Inachos  (Apoll.  2, 
1,  4.  Paus.  2,  15,  4 u.  a.)  die  Quellen  hatte 
versiegen  lassen , traf  Amymone,  als  sie  nach 
einem  Hirsche  schofs,  einen  schlafenden  Satyr, 

*)  Argos  war  nicht  immer  ,, 7toXudii^tov Tritt  doch 
Inachos  im  Gegenteil  in  der  Sage  als  derjenige  auf,  der 
das  überschwemmte  Land  trocken  legte,  Schol.  Eur.  Or,  932 
Vgl.  Arist.  met.  p.  352,  9.  Forchhammer , Erkl.  d.  Ilias  12. 


951 


Danaiden 


Danaos 


952 


vor  dessen  Zudringlichkeit  sie  jedoch  Posei- 
don schützte.  Amymone  gab  sich  nun  dem 
Poseidon  hin  und  dieser  zeigte  ihr  zum  Dank 
dafür  die  Quellen  von  Lerna,  Apollod.  a.  a.  0. 
Etwas  anders  die  Sage  bei  Hygin.  31,  24  ff. 
Da  nun  andererseits  die  Flüsse  von  Argos  in 
der  nassen  Jahreszeit  oft  ungestüm  dahin 
brausten  und  häufige  Überschwemmungen  ver- 
ursachten, so  wurden  mit  ihnen  die  Aigyptia- 
den  als  die  Nachkommen  des  grofsen  Aigyp-  io 
tosflusses  identificiert,  die  als  ungestüme  Freier 
der  Quellnymphen  erscheinen , während  diese 
sie  im  Sommer  töteten  und  ihnen  die  Köpfe 
abschlugen,  d.  h.  ihre  Quellen  versiegen  mach- 
ten. (Auf  Übermut  und  Ungestüm  weisen  auch 
die  Namen  vieler  der  Aigyptiaden  hin).  Vgl. 
Preller , Griech.  Mythol.  2 p.  45 ff.  Übrigens 
kommt  Danais  auch  für  „Nymphe“  vor:  eine 


Dichters  s.  G.  Hermann,  op.  2 p.  319—336; 
über  die  Verwertung  d.  Sage  b.  d.  Komikern 
s.  Meineke  a.  a.  0.  p.  253  u.  439.  — [Bild- 
werke: Von  einer  Darstellung  des  Danaos 
mit  gezücktem  Schwerte  unter  seinen  Töch- 
tern im  Portikus  des  palatinischen  Apollo  zu 
Rom  handeln  Prop.  2,  31,  1 — 4.  Ov.  Am.  2, 
2,  4.  A.  A.  1,  73.  Trist.  3,  1,  60.  In  Betreff 
der  Darstellungen  wasserschöpfender  Nym- 
phen, welche  man  auf  die  Danaiden  bezogen 
hat,  s.  0.  Jahn,  Archäol.  Aufs.  25 ff.  Ein 
schwarzfiguriges  Vasengem'älde,  welches  Sisy- 
phos  als  Steinwälzer  und  vier  (als  Eidola)  be- 
flügelte Danaiden  darstellt,  die  sich  bestreben 
Wasser  in  ein  grofses  leckes  Fafs  zu  schöpfen, 
s.  ob.  S.  950  u.  vgl.  Müller-  Wieseler , Denkm.  a.  K. 
2 n.  866  (vgl.  0.  Jahn,  Beschr.  der  Vasensamml. 
König  Ludwigs  n.  153).  Mehr  b.  Midier,  Häb.  d. 

Archäol.  § 414,  2.  Vergl. 
auch  Paus.  10,  10,  5 und 
den  Artikel  Amymone.  R.] 
[Bernhard.] 
Danais  (ActvcJs),  1)  eine 
Nymphe , mit  welcher  Pe- 
lops  den  Chrysippos  zeugte, 
Plutarch  parall.  Gr.  et  R. 
h.  33.  — 2)  Eine  kretische 
Nymphe,  welche  dem  Apol- 
lon die  Kureten  gebar, 
Tzetz.  Lyk.  77.  Lauer,  Syst, 
d.  gr.  Myth.  S.  188.  — 3) 
Eine  Tochter  des  Danaos, 
wie  Amymone,  Ap.  Rh.  1, 
137.  Siehe  Danaiden. 

_ [Stoll.] 

Danaos  (Aavaös),  Sohn 
des  Belos  und  der  Anchinoe 


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Die  Danaiden,  Relief  einer  Ara  im  Vatikan.  Visconti,  Mus.  Pio-Glem.  IV  tav.  36.  oder  Anchil'Oe,  Enkel  des 


solche  gebar  nach  Flut,  parall.  33  dem  Pelops  i 
nach  seiner  Einwanderung  in  den  Peloponnes 
den  Chrysippos,  und  auch  in  thessalischen  Ge- 
nealogieen  begegnen  Danaiden  als  Nymphen, 
Schol.  Apoll.  1,  1212.  Ant.  IAh.  32.  Vgl.  Danais. 

Die  Danaiden  sollten  weiter  den„  pelasgi- 
schen  Frauen  des  Landes  zuerst  die  Weihen 
der  Thesmophorien  überliefert  haben,  die  in- 
folgedessen auch  für  ägyptische  galten  (He- 
rod.  2,  171),  obwohl  dies  ein  spezifisch  grie- 
chischer Kultus  war.  Preller  bringt  auch  die-  £ 
sen  Zug  der  Sage  mit  ihrem  Charakter  als 
Quellnymphen  zusammen,  die  als  reine  Jung- 
frauen galten. 

Die  vollständige  Sage  hatte  den  Stoff  zu 
einem  Epos  „Danais“  gegeben,  aus  welchem 
Lyriker  und  Tragiker  schöpften:  Archilochos, 
Phrynichos,  Theodektes  und.  vor  allem  Aischy- 
los,  der,  .abgesehen  von  den  „Supplices“  und 
„Danaiden“  den  Stoff  auch  in  dem  Satyr- 
spiel „Amymone“  behandelte.  In  den  Supplices  ( 
schildert  er  die  Ankunft  der  Danaiden  in  Ar- 
gos , die  wohlwollende  Aufnahme  derselben 
bei  dem  Könige  des  Landes,  der  in  ihnen  den 
Stamm  der  argivischen  Io  erkennt,  den  Schutz, 
den  sie  bei  ihm  gegen  ihre  Verfolger,  die 
Aigyptiaden,  finden  und  den  endlichen  Einzug 
des  Danaos  und  seiner  Töchter  in  die  Stadt 
ihrer  Zukunft.  Über  die  Danaiden  desselben 


Poseidon  und  der  Libya, 
Bruder  des  Aigyptos  (s.  d.) , nach  Herod.  2, 
91  (7,  94)  ein  Ägypter,  aus  Chemmis  in 
Oberägypten  gebürtig.  Er  hatte  von  ver- 
schiedenen Frauen  50  Töchter,  sowie  sein 
Bruder  Aigyptos  50  Söhne.  Sein  Vater  hatte 
ihm  Libyen  als  Wohnsitz  angewiesen,  doch 
verliefs  er  dasselbe  nach  des  Vaters  Tode, 
entweder  durch  ein  Orakel  gewarnt  {Eust. 
ad  II.  p.  37,  20 ff.) , oder  aus  Furcht  vor  den 
Söhnen  des  Aigyptos , nachdem  er  auf  den 
Rat  der  Athene"  das  erste  öOruderige  Schiff 
gebaut  und  seine  Töchter  mit  an  Bord  ge- 
nommen. Er  landet  zunächst  in  Rhodos  und 
errichtet  daselbst  der  Athene  Lindia  ein  Stand- 
bild, Hygin.  f.  168.  273.  Apollod,  2,1,4.  Diod. 
5,  58.  (Nach  Herod.  2,  a.  E.  wurde  der  Tem- 
pel der  Athene  zu  Lindos  von  seinen  Töchtern 
erbaut).  Von  da  kam  er  nach  Argos  und  der 
dortige  Herrscher  Gelanor  übergab  ihm  das 
Königreich,  Apollod.,  vgl.  auch  Eust.  a.  a.  0. 
Ausführlicher  Paus.  2,  16,  1.  19,  3ff.  38,  4: 
Nach  ihm  landet  Danaos  in  Apobathmoi  und 
macht  nach  seiner  Ankunft  in  Argos  dem  Ge- 
lanor die  Herrschaft  streitig.  Nachdem  beide 
Parteien  viel  hin-  und  hergestritten,  verschob 
man  die  Entscheidung  auf  den  folgenden  Tag. 
Da  entschied  ein  Wunderzeichen  zu  Gunsten 
des  Danaos:  Mit  Anbruch  des  Tages  nämlich 
fiel  ein  Wolf  in  die  Herde  der  Rinder  ein,  die 


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953  Danaos 


Daphne  954 


vor  den  Mauern  weidete,  und  überwältigte  den  genannt  wurden,  Paus.  7,  1,  7.  Strabo  p.  221 

Stier  derselben.  Die  Argiver  verglichen  nun  u.  371.  Stcph.  Byz.  s.  v.  "Agyog.  (Danaiden, 

Danaos  mit  dem  siegreichen  Wolfe,  indem  sie  Eurip.  Orest.  933).  Nach  Serv.  zu  Verg.  10, 

sagten:  So  wenig  wie  der  Wolf  unter  Men-  497  starb  er  durch  Lynkeus’  Hand;  sein  Grät- 
schen lebe,  habe  Danaos  bisher  unter  ihnen  mal  sab  zu  Argos  auf  dem  Markte  noch  Paus. 

gelebt.  In  dem  Glauben,  dafs  Apollon  den  2,  20,  4 (vgl.  auch  Strabo  p.  371),  desgl.  sein 

Wolf  gesendet,  stiftete  Danaos  dem  Apollon  Standbild  mit  dem  der  Hypermnestra  und  des 

Lykios  ein  Heiligtum,  dazu  auf  einem  Fufs-  Lynkeus  zusammen  in  Delphi,  10,  10,  2.  Über 

gestell  vor  demselben  ein  Bildwerk,  das  in  er-  Danaos  als  Erfinder  des  Brunnengrabens  (Strabo 

habener  Arbeit  den  Kampf  des  Stiers  und  io  23  u.  371)  s.  Danaiden.  Inbetreff  der  Bild- 
Wolfes  darstellte,  dabei  eine  Jungfrau,  welche  werke  vgl.  Danaiden.  [Bernhard.] 
einen  Stein  auf  den  Stier  wirft  — nach  der  Danuvius,  der  Gott  des  gleichnamigen  Flus- 
Meinung  der  alten  Erklärer  war  es  Artemis.  ses  auf  Inschriften  aus  Risstissen  bei  Ehingen 

Endlich  hatte  er  in  der  Nähe  ebendesselben  C.  I.  L.  3,  5863:  In  h.  d.  d.  | I.  0.  M.  et. 

Tempels  noch  zwei  Säulen  von  Holz  gestiftet,  Danu  \ vio.  ex.  vo  | to  etc.  (201  n.  Chr.),  aus 

Bilder  des  Zeus  und  der  Artemis,  und  aufser-  Ofen  3,  3416:  Danuvio  | defluenti  etc.,  aus  Men- 

dem  seinen  Schild  in  dem  Tempel  der  Hera,  gen,  Epli.  ep.  4,  615.  Dargestellt  ist  er  auf 

)s.  Abas).  Der  Apollotempel  enthielt  auch  Münzen  Trajans  und  Constantins,  Eclihel  d.  n. 

ein  Schnitzbild  der  Aphrodite,  das  Hyper-  «.6,418.  8,  35  f.  [Steuding.] 

mnestra  geweiht.  Da  diese  nämlich  allein  20  Daortho  (Aaogdcö),  eine  Tochter  des  Illy- 
pon  ihren  Schwestern  wider  des  Vaters  Gebot  rios  ( Appian . Illyr.  2),  von  welcher  wohl  der 

ihren  neuvermählten  Gatten  Lynkeus  nicht  er-  illyrische  Stamm  der  Duqoiol  oder  Jaögatoi 

nordet  hatte  (s.  Aigyptos),  liefs  sie  Danaos  abstammen  sollte,  wie  vielleicht  statt  des  iiber- 

?or  Gericht  fordern,  aus  Furcht,  es  möchte  die  lieferten  zhxgaoi  mit  Schweighäuser  zu  lesen  ist 

Tettung  des  Lynkeus  für  ihn  selbst  gefahrvoll  (vergl.  Polyb.  32,  18.  Plolem.  2,  16,  5.  Steph. 

verden,  sowie  aus  Scham,  weil  Hypermnestra  Byz.  u.  DagoLOi).  [Steuding.] 

ladurcli,  dafs  sie  die  Blutthat  der  Schwestern  Daos  (deemg),  aus  Pantibibla,  einer  der  zehn 

mrabscheute,  die  Schmach  für  ihn,  den  Anstif-  Könige  der  Chaldäer,  welche  vor  der  Sintflut 

er,  vergrößerte.  Aber  freigesprochen  von  dem  regierten.  Abyden.  bei  Syncell.  p.  38  b in  Mül- 

jerichte  weihte  sie  aus  Dank  eine  „siegbrin-  30  ler  fr.  h.  gr.  4,  280,  1.  Bei  Euseb.  Cliron.  p.  5 
;ende“  Aphrodite.  (Vgl.  aufser  den 
ibigen  Stellen  noch  Dygin.  f.  170). 

Anders  giebt  Serv.  zu  Verg.  4,  377  / 

len  Anlafs  zu  dem  Bau  des  Apollo-  / 
empels  an:  Durch  den  Zorn  des  / 

’oseidon,  der  wegen  eines  der  Athene  < 

;ünstigen  Urteils  des  Stromgottes  j 
nachos  (s.  d.)  ergrimmt  war , war  / 
irgos  wasserarm  geworden.  Als  nun 
>anaos  seine  Tochter  Amymone  aus- 1 
andte  nach  Wasser,  verschwand  vor| 
eren  Augenein  Quell  und  ward  von' 
er  Erde  verschlungen.  Danaos  be- 
■ug  das  Apollonorakel  über  das  Wun- 
er  und  erhielt  den  Bescheid:  wo  er 
inen  Stier  und  einen  Wolf  käm- 
fend  finden  würde , sollte  er  auf 
en  Ausgang  des  Kampfes  achten 
nd  wenn  der  Stier  siege,  dem  Posei- 
on, andernfalls  dem  Apollon  einen 
empel  bauen.  Danaos  sah  den  Wolf 
egen  und  gründete  der  Weisung 
es  Orakels  gemäfs  dem  Apollon  Ly- 
ios.den  Tempel. 

Über  des  Danaos’  Verfahren  ge- 
tan die, Söhne  seines  Bruders,  die 
m nach  der  Flucht  aus  Libyen 
achgezogen  waren  und  um  seine 
. öchter  gefreit  hatten,  s.  Aigyptos; 
ie  er  seine  Töchter  nach  dem 
orde  der  ersten  Männer  weiter  ver- 


datete (mit  Ausnahme  der  Hyper-  Apollon  und 
nestra),s.  u.  Danaiden.  — Er  war  der 
egründer  der  Burg  von  Argos,  hatte  später  in 
m von  ihm  gegründeten  Apollotempel  einen 
genen  Thron  und  übertraf  überhaupt  alle  frü- 
ren  Herrscher  so  sehr  an  Ruhm,  dafs  die  Ar- 
ier (bisher  Pelasgioten)  nach  ihm  Danaer 


»apkne,  pompeian.  Gemälde  (nach  Museo  Borbonico  12  Tf.  33). 

in  Müller  a.  a.  O.  2,  499,  5 wird  er  Davonus 
genannt.  [Steuding.] 

Dapline  (Jctcpvrj) , der  personifizierte  Lor- 
beerbaum. Der  Lorbeer  eignet  dem  Apol- 
lon, daher  liebt  im  Mythus  Apollon  die 


955  Daphne 

Daphne,  vergl.  Paus.  10,  7,  8.  dem.  Al. 
protr.  p.  27  P , u.  a.  Sie  ist  a)  Tochter  des 
Flusses  Ladon  und  der  Erde  (Ge,  Terra) 
Paus.  8,  20.  10,  7.  8.  Tzetz.  Lylc.  6.  Lucian 
desalt.  48.  Philostr.  Vit.  Apoll,  i,  16.  Hesych. 
AuScoyevyg  oder  b)  des.Amyklas,  Diodor  und 
Phylarch  bei  Parth.  Prot.  15;  vgl.  Vary.  ecl. 
6,  83;  übertragen  c)  nach  dem  Apolloheilig- 
tum Daphne  bei  Antiocheia  am  Orontes, 
Philostr.,  vgl.  Strabo  16,  750.  Müller , Antiq. 
Antioch.  41  u.  a.  d)  des  thessal.  Peneios, 
Ov.  met.  1,  452ff.  Hycjin.  f.  203.  Spröde  flieht 
sie  Apollons  Liebe , er  verfolgt  sie ; auf  ihr 
Flehen  nimmt  die  Erde  sie  in  ihren  Schofs 
auf  und  läfst  an  ihrer  Statt  für  Apollon  den 
Lorbeer  hervorwachsen,  Tzetzes ; oder  Ge  nimmt 
sie  auf  und  verwandelt  sie  in  den  Baum,  Hy- 
gin. ; oder  sie  flüchtet  zum  Peneios  und  wird 
auf  ihr  Flehen  verwandelt,  Ovid;  vgl.  Philostra- 
tos.  S.  Müller  Hdb.  362,  4.  Helbig,  Apollon  u. 
Daphne,  Jih.  Mus.  24,  251 ; Wand  gern.  n.  206  ff. 
Preller-Plew  1, 233 f.  Heydemaxm,  Annali  1871, 
109.  Engelmann,  Lützows Ztschr.  57 ,253.  — Von 
der  peloponnesischen  Daphne  (a  und  c)  wird 
noch  erzählt,  dafs  Leukippos,  Sohn  des  Oi- 
nomaos  von  Pisa,  sie  liebte;  um  sich  trotz  ihrer 
Sprödigkeit  ihr  zu  nähern,  kleidete  er  sich 
als  Mädchen  und  gewann  als  Jagdgenossin 
ihre  Freundschaft;  aber  der  eifersüchtige  Apol- 
lon regt  Daphne  an  zu  baden,  wobei  Leukip- 
pos  entlarvt  und  von  den  Mädchen  mit  ihren 
Jagdmessern  und  Speeren  getötet  wird,  Paus. 
8,  20.  Parth.  Erot.  15.  — e ) Daphne  zu  Del- 
phi habe  Orakel  geschrieben,  denen  Homer 
entlehnt  habe;  sie  habe  den  Beinamen  Si- 
bylle erhalten  und  sei  die  von  den  Epigo- 
nen aus  der  thebanischen  Beute  nach  Del- 
phi geweihte  Tochter  des  Teiresias  gewesen 
(welche  sonst  Manto  genannt  wird),  Diod. 

4,  66.  [v.  Sybel.] 

Daphnis  (Jdcpmg),  1)  der  Heros  der  Hirten 
auf  Sicilien  und  der  Erfinder  des  bukolischen 
Gesanges,  dessen  Lieblingsfigur  er  ist.  Dio- 
dor der  Siculer  berichtet  von  seinem  Lands- 
mann: Daphnis  war  der  Sohn  des  Hermes,  des 
Herdengottes,  und  einer  Nymphe  (vgl.  Aelian. 
V.  PL.  10, 18.  Serv.  u.  Philargyr.  zu  Verg.  Buc. 

5 , 20  ; oder  er  war  ein  Liebling  des  Hermes, 
Aelian  a.  a.  O.  Schol.  Theokr.  1,  77).  Er  war 
geboren  in  der  herrlichsten  Gegend  von  Sici- 
lien , in  einem  Thalgrunde  der  heräischen 
Berge , welche  reich  waren  an  Quellen  süfsen 
Wassers  und  gesegnet  mit  Reben  und  man- 
nigfaltigen Bäumen  von  der  üppigsten  Frucht- 
barkeit. Die  Mutter  gebar  ihn  in  einem  den 
Nymphen  geweihten  Lorbeerhain  (d'äcpvrj),  wes- 
halb er  den  Namen  Daphnis  (Lorbeerkind)  er- 
hielt. (Oder  die  Nymphe  hatte  ihn  nach  der 
Geburt  in  einem  Lorbeerhain  ausgesetzt;  Hir- 
ten fanden  ihn  und  nannten  ihn  Daphnis, 
Aelian  a.  a.  0.  Serv.  Verg.  Buc.  a.  a.  0.). 
Von  Nymphen  erzogen  ward,  er  ein  Hirt, 
der  grofse  Rinderherden  besafs  (die  Rinder 
waren  versehwistert,  mit  den  in  der  Odys- 
see genannten  Rindern  des  Helios , Aelian. 
a.  a.  0.)  und  diese  (im  Winter  wie  im  Som- 
mer, fern  von  dem  Verkehr  der  Menschen,  auf 
den  Bergen  von  Sicilien,  bei  Syrakus,  an  den 


Daphnis  956 

Abhängen  des  Ätna,  am  Himerasflufs,  Parthen. 
narr.  am.  29.  Theokr.  1,  67  f.  7,  74)  mit  Sorg- 
falt hütete.  Deshalb  nannte  man  ihn  Aacpvig 
b ßovuoXog,  b ßovtceg  (die  Rinderhirten  bilde- 
ten die  vornehmste  Klasse  unter  dem  Hirten- 
stande). Er  ergötzte  sich  beim  Weiden  seines 
Viehs  am  Spiele  der  Syrinx,  am  Gesang  und 
dem  bukolischen  Liede,  das  von  ihm  erfun- 
den ward  und  in  Sicilien  sich  bis  in  späte 
Zeiten  erhalten  hat  (vgl.  Theokrit.  Id.  8.  Sil, 
Ital.  14,  465  ff  Serv.  Buc.  5,  20).  Diod.  4,84. 
Daphnis  war  ein  Jüngling  von  reizender  Schön- 
heit, so  dafs  alle  Frauen  ihn  liebten  ; die  Nym- 
phen und  Musen,  die  segenbringenden  Herden- 
götter Hermes,  Pan  und  Priapos  waren  dem 
schönen  Sänger  hold,  Serv.  Buc.  8,  68.  Theo- 
krit. 1,  81.  122.  141.  5,  80.  Epigr.  3.  Anthol. 
Pal.  7 , 535.  Pan  ist  als  musikliebender  Hirt 
und  als  Jäger  mit  Daphnis  verbunden,  denn 
auch  dieser  war  als  Hirt  ein  eifriger  Jäger; 
er  hat  von  Pan  die  Musik  gelernt,  Serv.  Buc. 
5,  20.  Anth.  Pal.  6,  78.  177  ( Theokr . Epigr.  2). 
7,  535.  9,341.556.  12,128.  Mit  Artemis,  der 
Jägerin,  war  Daphnis  befreundet;  er  trieb  sich 
mit  ihr  jagend  in  den  Wäldern  umher  und  er- 
götzte sie  mit  seiner  Syrinx  und  seinen  Liedern, 
Diod.  4,  84.  Auch  Apollon  liebte  den  Jüng- 
ling, entweder  wegen  seiner  musischen  Künste 
(Sil.  Ital.  14,  467),  oder  wegen  Apollons  Be- 
ziehung zum  Lorbeer,  Serv.  Buc.  10,  26.  So 
war  Daphnis  ein  Liebling  der  Götter  und 
Menschen;  aber  mitten  in  der  Blüte  des  Lebens 
fand  er  den  Tod.  Die  Hirten  trauern  um  ihn 
und  die  Götter,  deren  Freund  er  war;  es 
trauern  Herden  und  Wild  und  die  ganze  Natur 
(seine  fünf  Hunde  starben  aus  Trauer,  Aelian. 
II.  An.  11,  13.  Tzetz.  Ghiliaä.  4,  261).  Des 
Daphnis  Leiden  und  Tod  bleibt  in  Zukunft  der 
hauptsächlichste  Gegenstand  des  Kirtenlieds, 
Theokr.  1,  18.  63  ff. ; vgl.  Vergib  Ecl.  5,  20 ff. 
(wo  Daphnis  den  Iulius  Cäsar  bedeutet).  Des 
Daphnis  Leid  war  sprichwörtlich,  Theokr.  5,  20. 
— Die  Sagen  von  Daphnis  drehen  sich  haupt- 
sächlich um  sein  Leiden  und  seinen  T o d.  Ste- 
sichoros  von  Ilimera  in  Sicilien  ist  der  erste 
Dichter,  der  den  Daphnis  in  die  Litteratur  ein- 
geführt hat  ( Aelian . V.  H.  10,  18);  er  mochte 
den  Gegenstand  aus  den  Gesängen  der  Hirten 
am  IJimeras  kennen  gelernt  haben.  Ohne  Zwei- 
fel haben  wir  bei  Aelian  a.  a.  0.  die  Form 
der  Daphnissage , wie  sie  Stesichoros  erzählt 
hat:  der  schöne  Daphnis  gewann,  als  er  eben 
in  die  Blüte  des  Jünglingsalters  eintrat,  die 
Liebe  einer  Nymphe,  und  sie  schlofs  mit  ihm 
einen  Vertrag,  dafs  er  keiner  andern  Jung- 
frau.naben  dürfe,  mit  der  Drohung,  er  werde 
im  Übertretungsfäll  das  Augenlicht  verlieren. 
Daphnis  blieb  lange  treu,  bis  eine  Königstoch- 
ter ihn  durchWein  berauschte  und  zum  Treu- 
brucli  verleitete.  Die  erzürnte  Nymphe  liefs 
ihn  blind  werden  („denn  der  Göttinnen  Gunst 
bindet  streng,  und  ein  einziger  schuldiger  Augen- 
blick kann  den  Sterblichen  aus  seinem  Him- 
mel herauswerfen.“  Welcher.  Vgl.  das  Ge 
schick  des  Rhoikos , Schol,  Ap.  Bh.  2,  477). 
Seitdem,  sagt  Aelian,  gab  es  Hirtengesang,  und 
dessen  Inhalt  war  das  Leiden,  die  Erblindung 
des  Daphnis ; und  die  Erstlinge  dieser  Sanges- 


10 

20 

30 

40 

50 

60 


957  Daphnis 

weise,  fügt  er  verkehrter  Weise  hinzu,  stam- 
men von  Stesichoros , als  wenn  dieser  ein 
Zeitgenosse  des  Daphnis  gewesen  wäre  und 
bukolische  Lieder  gesungen  hätte.  Nach  Phil- 
argyr.  zu  Verg.  Buc.  5,  20  tröstete  sich  Daph- 
nis über  sein  Unglück  durch  sein  Flötenspiel 
md  seinen  Hirtengesang;  und  das  war  der 
Ursprung  des  bukolischen  Gesanges.  Stesicho- 
:os  selbst  war  des  Augenlichts  beraubt  Wor- 
ten, wie  er  meinte,  durch  den  Zorn  der  Helena, 
:1er  vergötterten  Heroine,  über  welche  er  Un- 
gebührliches gesungen;  zum  Widerruf  dich- 
;ete  er  dann  seine  berühmte  Palinodie  (fr.  26. 
Berglc).  Es  ist  möglich,  dafs  er  in  dieser  Palin- 
)die  das  Geschick  des  Daphnis  als  Parallele 
:u  dem  seinigen  erzählt  hat;  denn  beide  tru- 
gen gleiche  Schuld  (sie  hatten  sich  an  dem 
Göttlichen  vergangen)  und  gleiche  Strafe.  Des- 
vegen  wohl  ist  in  der  stesichorischen  Erzäh- 
ung  bei  Aelian  nur  die  Blindheit  des  Daphnis 
ils  seine  Strafe  erwähnt  und  nicht  auch  sein 
rod,  der  nach  Philargyrius  a.  a.  0.  bald  nach 
ler  Blendung  erfolgt  sein  soll.  Mit  Stesicho- 
■os  stimmt  im  wesentlichen  Timaios  der  Si- 
tuier überein  bei  Partlien.  narr.  amat.  29,  der 
lie  Nymphe  Echenais  nennt  und  die  Blen- 
lung  des  Daphnis  mit  der  des  Thamyras  zu- 
ammenstellt;  ferner  Diod.  4,  84,  auch  Serv. 
l.  Pliilar g.  zu  Verg.  Buc.  5 , 20.  Vergl. 
•Schal.  Theökr.  8,  93.  Bei  Philargyrius  ist  der 
Game  der  Nymphe  Lyca;  Ovid.  A.  Am.  1,  732 
lennt  sie  Nais,  d.  i.  Nymphe,  wie  sie  in  den 
neisten  Quellen  für  die  der  stesichorische 
äagenform  und  auch  bei  Theokrit  einfach 
leifst.  Die  Nachrichten  über  den  Tod  des 
laphnis , welche  sich  bei  einzelnen  der  er- 
vähnten  Autoren  finden,  lassen  sich  an  diese 
dtere  Sagenform  anfügen.  Daphnis  lebte  nicht 
ange  mehr  nach  seiner  Blendung,  heifst  es 
>ei  Philargyrius ; während  er  blind  umher- 
chweifte,  sagt  Schol.  Theökr.  8,  93,  stürzte  er 
on  einem  Felsen  herab.  Bei  Kephaloidion  in 
ler  Nähe  von  Himera  zeigte  man  einen  Fei- 
en in  der  Gestalt  eines  Menschen,  in  welchen 
•aphnis  verwandelt  worden  sein  sollte,  Serv. 
rerg.  Buc.  8,  68.  Nach  Serv.  Buc.  5,  20  rief 
er  geblendete  Daphnis  seinen  Vater  Hermes 
m Hilfe  an;  dieser  nahm  ihn  hinauf  in  den 
Himmel,  liefs  aber  an  der  Stelle,  von  wo  er 
in  entführt,  eine  Quelle  emporsprudeln,  welche 
'aphnis  genannt  ward  und  an  welcher  die 
iculer  jährlich  opferten.  Diese  Angabe  ist  mit 
en  vorhergehenden  Nachrichten  wohl  so  zu 
sreinigen,  dafs  der  blinde  Daphnis  vom  Felsen 
ürzte  und  in  der  Todesqual  den  Vater  um  Hilfe 
irief.  Der  betreffende  Felsen  hatte  vielleicht 
e Gestalt  eines  Menschen,  in  welcher  der 
olksglaube  ein  Steinbild  des  Daphnis  sah. 
:>weit  wäre  als  die  Grundlage  der  älteren 
aphnissage,  wie  sie  im  Munde  des  Volkes  i 
nging  und  von  Stesichoros  u.  a.  erzählt  wor- 
n ist,  Folgendes  anzusehen:  Daphnis  erfreut 
ch  der  Liebe  einer  Nymphe,  verletzt  sie  durch 
atreuo  und  wird  zur  Strafe  geblendet;  der 
inde  Jüngling  stürzt  von  einem  Felsen  und 
idet  den  Tod.  Hermes  entrückt  ihn  in  den 
mmel,  und  die  Menschen  bringen  ihm  jähr- 
h an  einem  bestimmten  Feste  an  der  Quelle, 


Daphnis  958 

wo  er  verschied,  Opfer  dar  — Sühnopfer  fin- 
den Früh  verstorbenen.  — Eine  jüngere  Sage 
von  dem  Leiden  und  Tod  des  Daphnis  findet 
sich  bei  Tlieokrit , der  von  der  Blindheit  des 
Daphnis  nichts  sagt.  Er  spricht  von  den  Ge- 
schicken des  Daphnis  Id.  1 , 64—142.  7,  72 
— 77.  8,  92  f.,  aber,  indem  er  eine  allgemeine 
Bekanntschaft  mit  der  zu  Grunde  liegenden 
Sage  voraussetzt,  nur  unvollständig  und  an- 
i deutend,  so  dafs  es  für  uns  schwierig  ist,  die 
seinem  Berichte  zugrunde  liegende  Sage  ge- 
nau festzustellen , daher  auch  sehr  verschie- 
dene Deutungen  sich  geltend  gemacht  haben. 
Id.  8,  92  f.  heifst  es,  nachdem  der  noch  sehr 
jugendliche  Daphnis  den  Menalkas  im  Wett- 
gesange  besiegt  hat:  „und  seitdem  galt  Daph- 
nis als  der  erste  unter  den  Hirten,  und  Nais,  die 
Nymphe,  ward  ihm  als  Gemahlin  zuteil“,  Id. 
7,  72 fl.  heifst  es:  „Tityros  wird  singen,  wie 
einst  Daphnis,  der  Rinderhirt,  die  Xenea  liebte, 
wie  er  die  Berge  durchschweifte  und  wie  ihn 
die  Eichen  beweinten,  die  an  den  Ufern  des 
Himeras  wachsen,  als  er  verging,  wie  der 
Schnee  in  den  Thälern  des  Haimos  u.  s.  w.“ 
Das  1.  Idyll  enthält  von  Vers  64  an  ein  Lied 
(cgdfi)  „auf  die  Leiden  des  Daphnis“,  noch  ein 
liebliches  Echo  von  dem  einfachen  Trauerlied, 
das  die  Hirten  in  den  Bergen  Siciliens  gesun- 
gen. Daphnis,  der  Liebling  der  Musen  und 
Nymphen , liegt , von  tiefem  Liebeskummer 
verzehrt , am  Boden , und  es  trauern  teilneh- 
mend die  Tiere  des  Waldes  und  seine  Herden. 
Hermes  kommt  und  die  Hirten  all  und  fragen, 
welches  Leid  ihn  drücke,  wen  er  so  sehr  liebe. 
Priapos  kommt  und  spricht:  „Warum  schmach- 
test du?  Das  Mädchen  irrt  ja  um  jeden  Quell 
und  durchschweift,  nach  dir  suchend,  alle 
Waldungen.  Du  bist  ungeschickt  in  der  Liebe“. 
Aber  Daphnis  antwortete  nicht,  sondern  „im 
Herzen  trug  er  die  quälende  Liebe  und  trug 
bis  zum  Ende  das  Schicksal.“  Zuletzt  kommt 
auch  Aphrodite,  heimlich  lächelnd  über  ihren 
Sieg,  aber  äufserlicli  bitteren  Groll  zur  Schau 
tragend,  als  ob  sie  dem  Jüngling  feind  wäre. 
„Ha“,  ruft  sie,  „den  Eros  prahltest  du  nieder- 
zuringen; bist  du  nicht  selbst  nun  von  Eros 
niedergerungen?“  Daphnis  antwortet  der  Ver- 
hafsten  mit  Hohn  und  Schmähung  und  ruft 
dann  dem  Wald  und  Wild,  den  Quellen  und 
Flüssen  sein  letztes  Lebewohl  zu.  Er  ruft 
nach  dem  abwesenden  Pan,  dafs  er  komme 
und  als  Andenken  seine  Syrinx  empfange, 
„denn  ich  werde  jetzt  von  Eros  in  den  Hades 
hinabgezogen.“  Als  er  eben  den  Geist  aus- 
hauchte, wollte  Aphrodite,  die  seinen  Tod  nicht 
wünschte,  ihn  emporrichten  und  dem  Leben 
erhalten;  aber  sein  Lebensfaden  war  völlig  ab- 
gelaufen, Daphnis  stirbt.  Hier  gebraucht  Theokrit 
(V.  140)  den  Ausdruck  t'ßa  qoov,  was  die  Scho- 
lien und  die  meisten  Neueren  erklären:  „er- 
ging zum  Flusse  Acheron“,  d.  i.  er  starb. 
Allein  diese  Bezeichnung  des  Acheron  wäre 
denn  doch  zu  unbestimmt,  und  die  folgenden 
Worte  tnlvoe  dlva;  „der  Wirbel  spülte  ihn 
weg“,  scheinen  wenig  zu  dieser  Erklärung  zu 
passen.  Gebauer  (p.  75)  erklärt:  se  praecvjai- 
tavit  in  fluctus ; K.  Fr.  Hermann  (p.  20):  „er 
zerflofs,  sich  auflösend,  zu  strömendem  Was- 


959  Daphnis 

ser,  er  zerflofs  zu  einer  Quelle“  (wie  der  sici- 
Iisclie  Akis,  Ov.  Met.  13,  750ff.).  Damit  scheint 
zu  stimmen  Theölcr. • 7,  76:  „Daphnis  verging, 
wie  der  Schnee  in  den  Thälern  des  Haimos.“ 
Manche  Erklärer  wollen  freilich  von  einer  Ein- 
mischung der  beiden  andern  theokritischen  Stel- 
len nichts  wissen  und  legen  Id.  1 einfach  fol- 
gende Geschichte  zu  Grunde  ( Fritzache  zu  1,  64): 
Daphnis,  den  Musen  und  Nymphen  liebten, 
hatte  sich  gerühmt,  der  Macht  der  Liebe  wider-  i 
stehen  zu  können.  Dadurch  erregte  er  den  Zorn 
der  Aphrodite,  welche  ihm  Liebe  zu  einem  Mäd- 
chen einüöfste.  Daphnis  strebte  dieses  Gefühles 
Meister  zu  werden,  unterlag  aber  im  Kampfe 
mit  der  Liebe.  Aphrodite  wollte  sich  seiner 
erbarmen;  aber  es  war  zu  spät,  er  verschied. 
Andere  vereinigen  die  drei  angeführten  Stel- 
len zu  einer  Sage.  Diese  lautet  nach  Welcher 
folgender mafsen:  Daphnis  vermählte  sich  im 
ersten  Jünglingsalter  mit  einer  Nymphe  (Nais) ; 2 
aber  er  rifs  sich  aus  irgend  einem  Grunde 
von  der  Gattin  los  und  entzog  sich,  stets 
von  ihr  gesucht',  mit  standhaftem  Trotz  ihren 
Lockungen.  Aphrodite  und  Eros  versuchen 
ihn  der  Nymphe  wieder  zuzuwenden,  aber  ver- 
gebens. Die  Liebe  soll,  so  rühmt  sich  Daph- 
nis, keine  Macht  mehr  über  ihn  haben.  Da 
erregt  die  erzürnte  Aphrodite,  um  ihn  zu  stra- 
fen, in  seinem  Herzen  eine  neue  Liebe  zu  einem 
Mädchen  Xenea , das  seine  Liebe  nicht  erwi-  3 
dert  und  ihn  flieht.  So  entsteht  ein  Suchen 
und  Fliehen,  wie  es  noch  ausführlicher  Mo- 
schos  Id.  6 von  Pan  und  Echo  erzählt.  Voll 
quälender  Sehnsucht  durchschweift  Daphnis 
die  Berge  und  sucht  die  Geliebte,  die  ihn 
verschmäht,  die  er  nimmer  erreichen  kann, 
bis  zuletzt  die  Liebe  ihn  aufreibt.  Die  ganze 
Natur  klagt  um  den  Tod  des  schönen  Daph- 
nis. Vgl.  die  Erzählung  bei  Serv.  Buc.  8,  68: 
die  Nymphe  Nomia,  d.  i.  eine  Nymphe  der  4 
Trift,  liebte  den  Daphnis;  der  aber  verschmähte 
sie  und  verfolgte  mit  seiner  Liebe  die  Chi- 
maira  (Xenea  bei  Theokrit).  Er  wurde  des- 
halb von  der  erzürnten  Nomia  des  Augenlichts 
beraubt  und  dann  in  einen  Stein  verwandelt 
(vgl.  Ovid.  Met.  4,  276 ff.),  ein  Motiv,  das  aus 
der  älteren  Sage  herübergenommen  ist.  Vgl. 
ferner  Schol.  Theokr.  8,  93.  Nach  K.  Fr.  Her- 
mann versuchen  Aphrodite  und  Eros,  als  Daph- 
nis das  Verhältnis  mit  der  Nais  gelöst  hat  5 
und  jeder  andern  Liebe  entsagen  will,  an  ihm 
dadurch  ihre  Macht,  dafs  sie  ein  anderes  Mäd- 
chen, das  ihn  leidenschaftlich  liebt,  ihm  nahe 
bringen;  da  aber  Daphnis  sie  verschmäht  und 
meidet , so  entzündet  Aphrodite , um  ihn  zu 
strafen,  in  seinem  Herzen  eine  heftige  Liebe 
zu  einer  Fremden  (£sve a = die.  er  wohl  nur 
flüchtig  gesehen  und  nimmer  erreichen  kann 
u.  s.  w.  Jacobi  giebt  der  theokriteischen  Sage 
folgende  Gestalt:  Daphnis  wird  der  Nymphe,  g 
die  er  zuerst  liebte,  untreu  und  vergeht  sich 
mit  einer  Sterblichen.  Als  jene  ihm  darüber 
Vorwürfe  macht,  entsagt  er  aus  Unwillen  und 
Verdrufs  der  Liebe  ganz  und  gelobt,  sein  Herz 
nie  wieder  durch  die  Liebe  bändigen  zu  las- 
sen. Darüber  zürnen  ihm  Aphrodite  und  Eros, 
und  zugleich  entbrennt  in  seiner  Brust  von 
neuem  die  Liebe  zu  der  älteren  Geliebten,  mit 


Daphnis  960 

der  er  sich  entzweit  hat.  Die  Sterbliche,  der  zu 
Liebe  er  die  T reue  brach,  sucht  ihn  überall  auf, 
er  aber  meidet  sie.  So  von  der  einen  gemie- 
den, die  er  liebt,  und  von  der  andern  gesucht, 
die  er  nicht  liebt,  von  Sehnsucht  getrieben 
und  von  Stolz  zurückgehalten,  gerät  er  in  den 
heftigsten  Kampf  mit  sich  selbst,  dem  er  er- 
liegt. — Ein  Zeitgenosse  des  Theokrit,  Sosi- 
theos,  hat  in  einem  Satyrdrama,  das  den  Titel 
Acupvi g 7)  Altviqg rjg  führte  {Athen.  10  p.  415  B), 
die  Fabel  von  Daphnis,  dem  Heros  der  Hirten, 
mit  der  des  Lityerses,  des  ländlichen  Schnitter- 
königs der  Phrygier,  verbunden,  G.  Hermann, 
Opusc.  1 p.54ff.  Welcher, Gr.  Trag.  3 S.  1252 ff. 
Nauck,  Trag.  Graec.  fragm.  p.  639  f.  [ Mann- 
hardt, Myth.  Fo.  lf.  R.].  Wie  er  die  Sage  ge- 
formt hat,  darüber  belehrt  uns  die  Erzählung 
bei  Serv.  Buc.  8,  68:  Daphnis  liebte  die  Pi- 
plea,  und  als  sie  ihm  durch  Räuber  entführt 
ward,  suchte  er  sie  auf  der  ganzen  Erde  und 
fand  sie  endlich  in  Phrygien  wieder  bei  dem 
König  Lityerses  (s.  d.)  dem  sie  als  Magd  diente. 
Lityerses  aber  war  ein  grausamer  Tyrann, 
der  die  Fremden  zwang  mit-  ihm  wetteifernd 
auf  seinen  weiten  Gefilden  Getreide  zu  mä- 
hen , und  wenn  er  sie  besiegte , liefs  er  sie  ! 
töten.  Auch  der  zarte  Daphnis  sollte  mit  dem 
Unholde  Frucht  schneiden;  da  kam  zu  rechter 
Zeit  Herakles , und  aus  Mitleid  mit  Daphnis 
stellte  er  sich  statt  dessen  zum  Schnitterwett- 
kampf. Kaum  aber  hatte  er  die  Sichel  in  der 
Hand,  so  schnitt  er  dem  König  den  Kopf  ab. 

So  ward  Daphnis  von  der  Gefahr  befreit  und 
erhielt  durch  Herakles  die  Geliebte  zurück. 
Der  Held  schenkte  dem  Paare  auch  die  könig- 
liche Burg.  Wir  dürfen  annehmen,  dafs  die- 
ses die  dem  Sositheos  ungehörige  Sagengestalt 
ist;  nur  liiefs  das  Mädchen  bei  Sositheos  nicht 
Piplea,  sondern  Thalia,  Schol.  Theokrit.  8,  1. 

93.  Eine  zwiefache  Liebe,  ein  Meiden  der 
einen  und  ein  Suchen  der  andern,  pafst  nicht 
in  die  Fabel  des  Sositheos;  das  Mädchen,  wel- 
ches Daphnis  sucht,  hat  er  im  ersten  Jüng- 
lingsalter geheiratet  (ähnlich  wie  bei  Theo-  1 . 
krit  8 die  Nais),  nachdem  er  zuvor  in  einem  j, 
Gesangeswettstreit,  bei  welchem  Pan  und  die 
Musen  Richter  waren,  über  Menalkas  ge- 
siegt,  Schol.  Theokr.  8,1.  — Infolge  dieser 
Verknüpfung  des  Hirtenheros  mit  dem  Heros 
der  Feldbauer  und  Schnitter  wurde  Daphnis,  ; 
der  ursprünglich  nur  in  Sicilien  heimisch  war, 
auch  nach  Phrygien  versetzt.  So  macht  denn 
Alexander  Aitolos  den  Daphnis  zum  Lehrer 
des  Phrygiers  Marsyas  in  der  Musik  {Schol. 
Iheokr.  8,  1),  und  Ovid  {Met.  4,  277)  nennt  den 
Daphnis  Idaeus,  mit  Bezug  auf  den  phrygischen 
Ida.  Hermesianax  hat  Daphnis  und  den  von 
ihm  geliebten  Menalkas  nach  Euboia  versetzt 
{Schol.  Theokr.  8,  55),  der  „rinderreichen“  In- 
sel. — K.  Fr.  Hermann  sieht  in  Daphnis,  der 
nach  den  Worten  des  Theokrit  verging  wie 
der  Schnee  im  Gebirge,  die  mythische  Gestalt 
des  Winterschnees  und  Winterfrosts,  der  gleich-  j j( 
sam  wider  seinen  Willen  durch  die  Macht  des 
Frühlings  besiegt  wird.  Aber  der  Winter  er- 
scheint denn  doch  immer  als  etwas  Unholdes 
und  Feindseliges,  dessen  Besiegung  durch  den 
Frühling  von  den  Menschen  mit  Freuden  be- 


961  Daplidike 

grüfst  wird.  Auch  wir  suchen  die  ersten  Keime 
der  Daphnissage  in  uralter  Naturanschauung, 
wir  sehen  in  ihm  einen  jener  zahlreichen  schö- 
nen , früh  verblafsten  Knaben  oder  Jünglinge, 
welche  das  fröhliche  Aufblühen  des  Natur- 
lebens im  Lenze  und  das  von  den  Menschen 
betrauerte  und  beklagte  Verwelken  der  Vege- 
tation in  den  heifsen  Tagen  der  Sommerzeit 
darstellen  (Hylas,  Linos,  Narkissos  u.  a. ; siehe 
Welcher,  Allg.  Schulzeitung  1830.  Abt.hlg.  2.  i 
N.  2f.  Preller,  Demeter  u.  Persephone  S.  254  ff.). 
Solche  von  dem  Volksliede  beklagte  Wesen 
wurden  von  der  Sage  zum  Teil  selbst  zu  Sän- 
gern und  Musikern  gemacht , wie  Linos  und 
Orpheus.  So  ist  auch  der  von  den  Hirten  Sici- 
liens  beklagte  Daphnis  der  Erfinder  des  buko- 
lischen Gesanges  geworden.  Bei  der  weiteren 
Ausbildung  seiner  Sage  wurde  dann  das  Haupt- 
motiv die  Liebe,  welche  bei  schönen  Knaben 
und  Jünglingen  das  Nächstliegende  war.  — 2 
Litteratur:  Lennep,  Comm.  Inst.  Belg.  CI.  3. 
T.  2.  Amstel.  1820.  p.  157ff.  Welcher,  Jahns 
Jahrhh.  f.  Philol.  1829.  P.  9.  p.  284  ff.  = Kleine 
Schrift,  z.  gr.  Litteratur gesch.  1.  S.  189  ff.  Döder- 
lein,  Lectiones  Theocrit.  Erlangen  1843  p.  176. 
Klausen,  Aeneas  und  die  Penaten  1.  S.  518  ff. 
Ahrens  in  Schneidewins  Philolog.  T.  7.  p.  414. 
K.  Fr.  Hermann,  Gotting,  gel.  Anzeigen  1845. 

3.  1072  ff.  u.  Disputat.  de  Daphnide  Theocriti. 
3ött.  1853.  Jacobi,  Handwörterbuch  d.  gr.  u. 
m Mythol.  Gebauer,  de  poetarum  graec.  buc. 
nprimis  Theocriti  carminibus  in  eclog.  a Vir- 
jil.  adumbratis.  Lips.  1856.  p.  74ff.  Hauler, 
le  Theocriti  vita  et  carm.  Freiburg  i.  Br.  1855. 

).  44.  Bursian,  litt.  Centralbl.  1856.  N.  46. 
Preller,  Gr.  Mythol.  1.  S.  324  u.  594  f.  Ger- 

Iiard,  Gr.  Mythol.  § 558.  Fritzsche , ( grofse ) 
iusg.  d.  Theokrit , Einl.  S.  12.  Anm.  zu  Id.  1, 

9 u.  64.  7,  73.  Einl.  zu  8.  Anm.  zu  8,  93.  — 

!)  Ein  Kentaur , von  Herakles  erschlagen, 
Diod,  4,  12.  — 3)  Eine  Bergnymphe  aus  der 
Jmgegend  von  Delphi,  von  Ge  als  Prophetin 
hres  dortigen  Orakels  eingesetzt,  Paus.  10, 

, 3.  [Stoll.] 

Daplidike  heifst  bei  Hygin.  f.  170  eine  Da- 
aide,  die  mit  dem  Aigyptiden  Pugnon  ver- 
lählt  war.  Beide  Namen  sind  verderbt.  Viel- 
leicht ist  nach  Apollod.  2,  1,  5 zu  schreiben: 
iallidike  u.  Pandion.  [Stoll.] 

Dardania  {AugSavla,  ctg  f.),  1)  mythische 
|)der  blofs  epische)  Stadt  des  Dardanos  (1) 
m troischen  Ida,  in  historischer  Zeit  davon 
eine  Spur,  II.  20,  216.  Sleymn.  689.  Apollod. 

■ , 12.  Strabo  13,  606.  Hyg.  f.  275.  Diod.  4, 
i 5.  Schol.  Lyk.  29.  Nonn.  Dion.  3,  191.  Frei- 
r-Plew  2,  373;  als  Landschaftsname,  mit  der 
tadt  Dardanos,  nach  Mnaseas  bei  Steph.  Byz. 
uqduvog.  — 2)  poetischer  (angeblich  frühe- 
:r)  Name  von  Samothrake,  vergl.  Darda- 
os  1,  Paus.  7,  4,  3.  Steph.  Byz.  Kago- 
odxrp  Kallim.  frg.  397  bei  Plin.  4,  73. 

[v.  Sybel.] 

Dardanis  {AagSavCg,  (8og  f.),  Dardanis  und 
oimen,  Lokale  an  einem  Flufs  Acheron  beim 
thynischen  Herakleia,  benannt  nach  Darda- 
s,  der  Tochter  eines  Königs  Acheron,  und 
rem  Sohne,  den  sie  von  Herakles  hatte; 
ihemeristisCher  Mythus,  aus  dem  Periplus  des 

Koscher,  Lexikon  der  gr.  u.  röm.  Mytliol. 


Dardanos  962 

Andron  von  Teos  citiert  bei  Schol.  Ap.  Rh. 

2,  354.  [v.  Sybel.] 

Dardanos  ( Adgäavog , ov  m.),  1)  Eponymheros 
der  troischen  Dardaner  (eine  historische  Stadt 
Dardanos  am  Hellespont,  der  Heros  ihr  mythi- 
scher Gründer,  Diod.  4,  75;  Stadt  Dardanos 
in  Italien,  Schol.  Lykophr.  1129),  Gründer  von 
Dardania  1 (s.  d.),  Sohn  des  Zeus,  Ilias  20, 
215,  und  der  Atlantide  Elektra  (s.  d.),  Apol- 
lod, 3,  12,  1.  2;  Schol.  Lykophr.  72;  Athe- 
nikon b.  Schol.  Ap.  Rh.  1,  916;  geb.  in  Tri- 
pkylien in  einer  Grotte,  Strabo  8,  346;  in 
Pheneos,  Varro  nach  griechischen  Autoren  bei 
Serv.  Aen.  3,  167;  in  Troja  oder  auch  in 
Kreta,  s.  Serv.  ib.  — Grab  in  Troja,  Lykoph. 
72  m.  Schol,  — Vater  desllos  undErichtko- 
nios,  II,  20,  219.  Dion.  Hai.  1,  61.  68.  69. 
Apollod.  3,  12;  des  Zakynthos,  Paus.  8,  24,  3. 
Steph.  Byz.  Z cr/.vv&og.  Dionys.  Hai.  1 , 50 ; 
derldaea  (zweiten  Frau  des  Phineus)  Apollod. 

3,  15,  3.  Con.  21.  Gemahlin  Bateia  (vergl. 
II,  2,  813  Batieia- Hügel)  Apollod.  3,  12.  Diod. 

4,  75.  Steph.  Byz.  AdtgSctvog-,  oder  Arisbe 
von  Kreta,  Lykophr.  1308.  — Sein  Ursprung 
ward  nach  Samothrake,  das  früher  Dardania 
(s.  d.)  gekeifsen  habe,  zurückverlegt,  wo  er  mit 
seinem  Bruder  Iasion  wohnte;  nach  dessen 
Ende  ging  Dardanos  nach  der  Troas,  gründete 
Dardania  (1)  und  lehrte  die  Troer  die  samothra- 
kischen  Mysterien;  nach  einigen  vertrieb  eine 
Flut  ihn  von  Samothrake;  auf  einem  Flofs  oder 
Schlauch  sei  er  herübergeschwommen,  Str.  7. 
Frg.  50.  Skymn.  Ch,  679.  Apollod.  3,  12,  1. 
Serv.  Aen.  2,  325.  Con.  21.  Schol,  Lykophr. 
73.  1302.  Tzetz.  Lykophr.  29.  73.  Schol,  II. 
20,  215.  Eustath.  u.  a. ; er  gründet  Dardanos 
und  die  troische  Burg  und  beherrscht  die  troi- 
schen Dardaner,  Diod.  5,  48;  Iasion  zeugte 
mit  Kybele  den  Korybas;  Dardanos  geht  mit 
Kybele  und  Korybas  nach  Phrygien  und 
überträgt  dahin  den  Kult  der  Göttermut- 
ter, Diod.  5,  49.  — In  Samothrake  sind  Ia- 
sion (Iasios,  Iasos,  Iason),  Eetion  und  Har- 
monia (s.  auch  Steph,  Byz.  Augdccvo g)  seine 
Geschwister  (Iasion  und  Eetion  identisch,  Dar- 
danos auch  Polyarches  genannt  bei  Schol, 
Ap.Rhod.  1,916);  seine  Gemahlin  ist  Chryse, 
Tochter  des  Arkaders  Pallas,  deren  Mitgift 
die  Palladien  und  die  Sacra  der  grofsen  Göt- 
ter, Dion.  Hol.  1,  68,  seine  Söhne  Idaios  und 
Deimas  (Arkader).  — Arktinos  bei  Dionys. 
1,  69  liefs  Dardanos  ein  Bild,  das  Palladion, 
von  Zeus  erhalten  {Paus.  7,  19  das  Bild  des 
Dionysos  Aisymnetes,  s.  Eurypylos  u.  Aisymne- 
tes).  — Dardanos  raubt  das  Palladion  aus 
dem  Tempel  der  troischen  Athena,  geht  nach 
Samothrake  zu  Kadmos,  nachher  zu  Teukros, 
und  gründet  Dardanos,  Mnaseas  bei  Steph.  Byz. 
Augdccvog.  Nach  römis ch- e tru s k.  Sage,  der 
Vergil  folgt,  stammt  Dardanos  aus  der  tus- 
kisohen  Stadt  Korythos  (Cortona),  als  Sohn 
des  Zeus  und  der  Elektra;  Iasios  ist  Sohn 
des  Korythos , oder  beide  sind  Söhne  des 
Korythos,  der  ein  Sohn  des  Zeus  ist;  nach 
einigen  ist  Dardanos  Gründer  von  Korythos 
nach  einem  Sieg  über  die  Aboriginer;  Iasios 
geht  nach  Samothrake,  Dardanos  nach  Phry- 
gien, Verg.  Aen.  3,  167.  7,  210.  Serv.  Aen. 

31 


963 


Dares 


Dea  dia 


964 


3,  15.  167.  170.  7,  207.  9,  10.  Schol.  Apollod. 

1,  916..  [Wegen  jener  Herkunft  der  Dardaner 
kehrt  Aneas  nach  Italien  als  der  Urheimath 
seines  Stammes  zurück.  Yergl.  Verg.  Aen.  3, 
167  ff. ; 6,  650;  7,  206ff.;  8,  134  ff. ; auch  1, 
380;  2,  620;  7,  122  u.  sonst,  nebst  Servius  u. 
den  andern  Interprett.;  ferner  Gluver  Itcü.  ant. 

2,  3.  Dempster  Etruria  Regalis  4,  15.  Venuti 

in  den  Dissert.  Cortonenses  4,  1 ff.  (Sopra  l’an- 
tica  cittä  di  Cortona).  0.  Müller , Etrusker 2 
2,289,  Anm.  40.  Dennis,  Cit.  and  Cemet.  of  Etru- 
ria2 2,  396,  Anm.  1.  399,  Anm.  7.  [Deecke.]  — 
Rotfig.  Vasenbild  mit  Dardanos,  Priamos,  Ti- 
thonos  u.  Eos,  C.  I.  Gr.  8410.  AaQddv tov  ys- 
vog,  C.  I.  Gr.  6280  b.  — 2)  Sohn  der  Helena 
von  Paris.  Dionysios  STcytobrach.  bei  Schol. 
Ilias  3,  40.  Eust.  Hom.  p.  380,  31.  — 3) 
Thessaler,  vor  Troja  dem  Protesilaos  von 
dessen  Vater  mitgegeben  als  yvryiwv,  Eust. 
Hom.  p.  1697,  60.  Ptol.  Heph.  p.  14,  64  Creuz. 
— 4)  Troer,  Sohn  des  ßias,  wie  sein  Bruder 
Laogonos  von  Achilleus  getötet,  II.  20, 
460.  [v.  Sybel.] 

Bares  (Adgy g),  1)  ein  Priester  des  Hephai- 
stos, reich  und.  untadelig,  Vater  des  Phegeus 
und  Idaios , von  denen  jener  von  Diomedes 
erschlagen  wurde , während  Hephaistos  den 
Idaios  dem  Vater  zuliebe  rettete:  II.  5,  9 ff. 
Tzetz.  Hom.  53.  — 2)  Ein  Phrygier , der  dem 
Hektor  auf  das  Geheifs  des  thymbräischen 
Apollon  als  Führer  beigegeben  wurde,  um  ihn 
vom  Kampfe  mit  Patroklos  abzuhalten;  er  ging 
aber  als  Überläufer  zu  den  Griechen  über  und 
ward  von  Odysseus  getötet,  Antipatros  Akan- 
thios  (?)  bei  Ptolem.  Chennos  1 in  Phot.  Bibi.  cod. 
120  u.  Eustath.  Hom.  p.  1697 , 58.  Dieser 
Phrygier  Dares,  mit  Nr.  l identifiziert,  wurde 
ausgegeben  für  den  Verfasser  einer  vorhome- 
rischen Ilias,  welche  auf  Palmblätter  geschrie- 
ben gewesen  sein  sollte  und  von  welcher  Ae- 
lian  V.  H.  11,  2 (c.  170  n.  Chr.)  behauptete, 
dafs  sie  noch  existiere.  Ptolemäos  Chennos 
(Sohn  des  Hephaistion,  70 — 100  n.  Chr.)  war 
übrigens  ein  Schwindler,  und  der  von  ihm 
citierte  Antipatros  Akanthios  ist  ein  von  ihm 
erdichteter  Schriftsteller,  II.  Her  eher , Ptol. 
Chenn.  S.  269 ff.  Teuffel , Gesch.  d.  r.  Litt. 

§ 471.  — 3)  Ein  Trojaner,  gewaltig  im  Faust- 
kampf, aber  bei  den  Leichenspielen  des  An- 
chises  von  Entellus  besiegt,  Verg.  Aen.  5,  367  ff. 
Hygin.  f.  273.  [Stoll.] 

Barrhon  (Auqqcov),  nach  Hesych.  Mocusdovi- 
u'og  daiycov  ct>  vtcsq  zdtv  vocovvzav  £v%ovxai, 
also  ==  (jeeoomv;  nach  Sonne  Kuhns  Ztschr.  14 
S.  338  'Gott  der  Lebenszuversicht’  (?),  bes- 
ser nach  Curtius,  Grundz.  d.  gr.  EtymI  315 
S.  256  Mer  des  guten  Mutes’  (vergl.  griech. 
Mythol.  v.  Preller- Plew  1 S.  431).  Vgl.  Adoaun • 
i'&vog  Godntov  nach  Ilekataios  bei  Steph.  Byz. 
s.  v.  ('Balten’  nach  Benseler),  und  die  mit  i 
jenen  vielleicht  identischen  Asgoaioi  am  Pan- 
gaios.  [Crusius.] 

Daseatas  (AuGsdza g),  ein  Sohn  des  Lykaon, 
der  die  arkadische  Stadt  Dasea  gründete,  Paus. 
8,  3,  1.  [Stoll.] 

Daskylos  (AdcnvXog),  1)  Sohn  des  Tantalos 
und  der  Anthemoisia,  einer  Tochter  des  Flufs- 
gottes  Lykos,  König  der  Mariandynen  in  Bithy- 


nien.  Als  Herakles  nach  dem  Gürtel  der  Hip- 
polyte ausgezogen  war,  wurde  er  von  Dasky- 
los freundlich  bewirtet  und  half  ihm  die  Myser 
und  Phryger  und  die  Völker  der  Bithyner  1 
unterwerfen,  Ap.  Rh.  2,  774 ff.  Schol.  Ap.  Rh. 

2,  724.  752.  Hygin.  f.  14.  Sein  Sohn  Lykos 
(s.  d.)  war  ebenfalls  Gastfreund  des  Herakles 
und  der  Argonauten,  Ap.  Rh.  2,  752.  Apollod. 

2,  5,  9.  1,  9,  23.  Müller,  Orchomenos  292.  — j 
) 2)  Sohn  des  Lykos,  Begleiter  der  Argonauten, 
Ap.  Rh.  2,  803.  814.  — 3)  Ein  Sohn  des  Periau- 
dos  (?),  Gründer  der  Stadt  Daskylion  in  Karien, 
Steph.  Byz.  s.  v.  AugkvXiov.  [Stoll.] 

Dassaro  (Auggccqio) , eine  Tochter  des  Illy- 
rios,  von  welcher  das  illyrische  Volk  der  Aug- 
GagriTioi  abstammen  soll,  Arm i an.  Illur.  2. 

[Steuding.] 

Dasyllios  ( AaovXXiog ),  1)  Beiname  des  Dio- 
nysos (s.  d.)  zu  Megara,  wo  er  ein  Standbild 
) hatte  (Paus.  1,  43,  5),  nach  Etym.  M.  248,  54: 
dno  zov  SaGvvsiv  zag  ayniXov g.  — 2)  ein  Amy- 
klaier,  Sohn  des  Tainaros,  von  Morrheus  ge- 
tötet: Nonn.  Dion.  30,  188.  [Roscher.] 

Daulieus  (AavXisvg),  Sohn  des  Tyrannos  und 
der  Chrestone  (Krestone) , Gründer  und  Epo- 
nymos  von  Daulis  in  Phokis:  Schol.  z.  II.  2, 
520.  [Roscher.] 

Daulis  ( AavXCg ),  eine  Nymphe,  Tochter  des  Ke- 
phissos,  nach  welcher  die  Stadt  Daulis  in  Phokis 
i benannt  war,  Paus.  10, 4,  7.  St.B.  s.v.  [Roscher.] 

Datums.  1)  Den  vorhistorischen  Namen  Apu- 
liens, Daunia  (Paul.  p.  69.  Plin.  n.  h.  3,  103f.), 
leitete  man  ab  von  einem  alten  Könige  dieses 
Landes  Daunus  (Hör.  carrn.  3,  30,  11  f.  4,  14, 

25 f.  Ovid.  fast.  4,  76.  Serv.  Aen.  8,  9),  der 
in  nächster  Beziehung  zu  den  Sagen  von  grie- 
chischen Einwanderungen  in  Unteritalien  steht. 

Er  soll  wegen  Zwistigkeiten  aus  seiner  Heimat 
Illyrien,  wo  er  ein  hervorragender  Mann  war, 
ausgewandert  und  nach  Apulien  gekommen 
sein  (Paul.  p.  69);  Kikander  wufste  zu  erzäh- 
len , dafs  drei  Söhne  des  Lykaon , Daunios, 
Iapyx  und  Peuketios  nach  Italien  kamen,  die 
ansässigen  Ausoner  vertrieben  und  drei  Reiche 
gründeten,  Messapien,  Daunien  und  Peuketien, 
zusammen  auch  lapygien  genannt;  und  zwar 
geschah  dies  alles  lange  vor  dem  Zuge  des 
Herakles  (Anton.  Lib.  31).  Als  später  Diome- 
des  nach  Italien  kommt,  nimmt  Daunus  ib’i 
freundlich  auf,  und  da  jener  ihm  gegen  die 
Messapier  beisteht , giebt  er  ihm  Land  und 
seine  Tochter  zur  Gemahlin , mit  welcher  je- 
ner zwei  Söhne  Diomedes  und  Amphinomos 
zeugt  (Anton.  Liber.  37.  Ovid.  met.  14,  408f 
510  f.  Plin.  3,  103.  Serv.  Aen.  8,  9).  Eine 
vereinzelte,  späte  Tradition  (Tzetz.  z.  Lykophr 
603  ff.)  spricht  von  nachherigen  Zwistigkeiten 
zwischen  Daunus  und  Diomedes  und  der  Er 
mordung  des  letzteren  durch  Daunus.  — 2)  Zt 
unterscheiden  davon  ist  der  Rutulerfiirst  Dau 
nus,  den  Vergil  als  Vater  des  Turnus  und  de: 
Iuturna  nennt  (Verg.  Aen.  10,  616 f.  688.  12 
22.  90  f.  723.  785.  932  ff.).  [Wissowa.] 

Dea  dia  (vgl.  besonders  G.  Marini,  gli  ath 
e monumenti  de'  fratelli  Arvali,  Rom  1795 
E.  Hoffmann,  die  Arvalbrüder , Breslau  1858 
Preller,  Rom.  Mythol.  23.  S.  29  ff.  W.  Het- 
zen, scavi  nel  bosco  sacro  dei  fratelli  Arvali 


965 


Dea  dia 


Dea  dia 


966 


Roma  1868.  Ders.  im  Bulletim  dell'  inst.  arch. 
1869.  S.  81  ff.  Hir schfelcl  in  Göttinger  gelehrten 
Anzeigen  1869.  S.  1600.  Mommsen  in  den  Grenz- 
boten 1,  1870.  S.  161  f.  Vor  allem  Uenzen , acta 
fratrum  Arvalium  quae  supersunt,  Berl.  1874. 
TI.  Oldenberq,  De  sacris  fratrum  Arvalium,  Ber- 
lin 1875). 

In  dieser  „lichten“  oder  „himmlischen  Göt- 
tin“, deren  Name  so  durchsichtig  wie  der 
der  Bona  Dea  oder  der  Dea  Muta  (s.  d.)  gebildet  i 
ist  (vergl.  zu  letzterer  Varro  de  l.  I.  5,  74. 
Lactant.  1,20,  35) , wird  man  eine  der  vie- 
len Varianten  zum  Typus  der  Acker  und 
Flur  segnenden  Gottheiten,  zur  Ceres 
und  Tellus,  zu  erblicken  haben.  Sie  ist  für 
den  Mythologen  in  zwiefacher  Hinsicht  höchst 
merkwürdig,  weil  er  sich  bei  keiner  anderen 
Gottheit  so  wie  bei  ihr  über  die  Formen 
des  Gottesdienstes  bis  in  das  Einzelnste 
unterrichten  kann,  und  weil  sie  dabei  doch  zu-  2 
gleich  zeigt,  bis  zu  welchem  Grade  eine  antike 
Gottheit  mit  ausgebildetstem  Kult  Lokalgott- 
heit sein  und  bleiben  konnte.  Die  römische 
Litteratur  kennt  nicht  einmal  den  Namen  der 
Dea  dia;  nur  zahlreiche  Inschriften  geben  be- 
redtes Zeugnis  von  ihrer  Existenz , aber  alle 
aus  einer  einzigen  Fundstelle.  Ging  man  aus 
der  porta  Portuensis  Roms  auf  der  via  Cam- 
pana  am  rechten  Tiberufer  nur  bis  zum  fünf- 
ten Meilenstein  stromabwärts  ( Acta  S.  CCXIII),  3 
so  gelangte  man  zu  dem  auf  einem  Hügel  ge- 
legenen, mit  Tempeln  geschmückten  Hain  der 
Dea  dia.  Hier,  in  der  heutigen  vigna  der 
Ceccarelli,  sind  die  priesterlichen  Akten  aus- 
jegraben  worden,  welche  im  Stylobates  ihres 
Tempels  auf  grofsen  Tafeln  geführt  wurden. 
Die  ersten  Funde  fallen  in  das  Jahr  1570; 
weiteres  kam  1699  hinzu;  als  endlich  im  Jahre 
1866  wiederum  eine  grofse  Tafel  zum  Vor- 
schein kam , wurden  auf  Grund  deutscher  4 
Sammlungen  bis  1871  planmäfsige  Ausgrabun- 
gen von  Uenzen  veranstaltet , deren  reichen 
Ertrag  derselbe  Gelehrte  in  seinen  „Acta  fra- 
rum  Arvalium“  zusammen  mit  dem  früher  be- 
cannt  Gewordenen  chronologisch  geordnet  vor- 
jelegt  hat.  Die  ergänzenden  in  Rom  am  Esqui- 
in,  Aventin,  Vatikan  gemachten  Funde  (clar- 
mter  die  wichtige  Tafel  vom  Jahre  218)  sind 
ms  Verschleppung  zu  erklären. 

Die  Göttin  wurde  von  einer  einzigen  heiligen  5 
.Brüderschaft“  verehrt,  den  fratres  Ar- 
ales, und  ihr  Kult  ist,  wie  das  Ritual  beweist, 
>ei  aller  örtlichen  Beschränkung  uralt  und 
ein  italisch.  Durch  die  Bezeichnung  als  Brü- 
lerschaft  bekundet  sich  der  Kultverband  als 
licht  durch  und  für  den  Staat  gestiftet,  sondern 
ls  einen  privaten  Bund  von  Familien- 
liedern,  die  für  ihre  Felder  gemeinsam  Segen 
u erflehen  übereingekommen  sind.  Ähnlich 
rivater  Natur  waren  die  Salier,  die  Luperci  0 
nd  die  sodales  Titii  (vgl.  Mommsen  zu  Borghesi 
pp.  3.  S.  414).  Durch  die  Centralisation  des 
taatslebens  verlor  sich  freilich  dieser  ursprüng- 
che  Charakter;  von  publica  sacra  der  Arva- 
» in  redet  Varro  De  l.  I.  5,  85.  Nie  aber  sind 
ie  Arvalfesttage  dies  nefasti  geworden;  es 
ab  keine  feriae  Deae  diae\  die  Kalendarien 
erzeichneten  dies  Fest  gar  nicht;  Ovid  über- 


geht es  in  seinen  Fasti.  Überhaupt  hatte  die 
Litteratur  auf  die  so  eng  lokale  Thätigkeit 
der  Arvalen  kaum  Acht.  Nur  Varro  besprach 
sie  a.  a.  O.  und  am  Anfang  der  Kaiserzeit 
Masurius  Sabinus  aus  welchem  Plinius  n.  h. 
18 , 6 und  Gellius  7 , 7,6  schöpfen.  Hinzu 
kommt  eine  Erwähnung  bei  Minucius  Felix 
Octav.  25.  Masurius  bezeichnete  Romulus  als 
den  Stifter  der  Brüderschaft,  als  erste  Brüder 
neben  ihm  die  Söhne  der  mythischen  AccaLaren- 
tia  (s.  d.).  Über  Dea  dia  verlautet  dabei  nichts. 
Der  Schlufs,  dafs  die  Brüderschaft  vor  Augustus 
eingegangen  war,  ist  durch  die  Spärlichkeit 
dieser  Erwähnungen  nicht  etwa  gegeben  (vgl. 
Oldcnberg).  Doch  scheint  sie  Augustus,  der 
Wiederhersteller  so  manches  alten  Kultus 
(. Sueton  31),  wesentlich  gehoben  und  erweitert 
zu  haben,  gehoben,  sofern  sich  die  kaiser- 
liche Familie  an  ihr  beteiligte,  erweitert,  so- 
fern die  Brüder  aufser  dem  Fest  der  Dea  dia 
von  jetzt  an  noch  eine  Reihe  sakraler  Hand- 
lungen zum  Wohle  des  kaiserlichen  Hauses 
zu  verrichten  hatten. 

Diese  Erweiterung  der  Funktionen 
derBrüderschaft  durch  Augustus  dürfte  nicht 
vor  12  vor  Chr.  fallen , in  welchem  Jahre  der 
Kaiser  pontifex  maximus  wurde  ( Hirschfeld ). 
Auch  die  unter  Augustus  gefertigten  Fasti  der 
Arvalen  fallen  nicht  früher  ( Henzen  S.  CCXXX 111). 
Die  gefundenen  Akten  selbst  beginnen  mit  dem 
Jahr  14  n.  Chr.  und  reichen  bis  zur  Zeit  des 
Gordian,  241  n.  Chr.  (die  letzten  sind  auf 
dem  leeren  Platz  der  Tafeln  früherer  Jahr- 
gänge nachgetragen).  Dafs  eine  Priesterschaft 
Protokolle  in  Marmor  grub , war  sonst  nicht 
üblich  ( Uenzen  S.  IX);  denn  das  Eisen,  das  zum 
Gravieren  nötig  war,  würde  die  heilige  Stätte 
entheiligt  haben  (vgl.  Macrob.  6,  19,  11);  da- 
her hatten  sich  auch  die  Arvalen  vor  Augustus 
mit  der  Eintragung  der  Protokolle  im  Codex 
begnügt,  welcher  im  Tetrastyl  aufbewahrt 
wurde  und  noch  gelegentlich  erwähnt  wird 
(vgl.  unten  über  den  zweiten  Festtag).  Erst 
durch  den  Kaiser  ist  im  Interesse  der  neu  hin- 
zugekommenen Sacra  die  glänzende  monumen- 
tale Form  eingeführt  worden;  seitdem  wurden 
jährliche  Sühnopfer  ob  ferri  inlationem  nötig 
(vgl.  unten). 

Die  Brüder  feiern  also  jährlich  die  Augusta- 
lien, die  Geburtstage  der  Augusti  u.  s.  f.,  eben- 
so aber  auch  die  Konsekration  der  Livia,  die 
Ernennung  des  Claudius  zum  pater  patriae 
(vgl.  Dio  C.  60,  3).  Jährliche  Vota  bringen 
sie  in  Rom  pro  Salute  imperatoris , und  diese 
Vota  richten  sich  nur  in  der  ältesten  Zeit 
(Acta  vom  Jahre  38)  auch  an  die  Dea  dia, 
hernach  nur  an  die  Staatsgötter  Iuppiter,  Iuno, 
Minerva,  daneben  an  die  Salus  publica  (Salus 
Augusta  publica).  Die  divi  des  Kaiserhauses, 
sechszehn  im  Jahre  183,  zwanzig  im  Jahre  218 
(. Henzen  S.  148),  finden  regelmäfsige  Verehrung. 
Auch  aufserordentliche  Feste  begeht  man,  wie 
nach  der  Entdeckung  der  Verschwörung  des 
Gaetulicus  im  Jahre  39. 

Eingehender  seien  hier  die  aus  älterer 
Zeit  stammenden  Institutionen  der  Brü- 
derschaft mitgeteilt. 

So  wie  das  Kolleg  der  Salii  und  wohl  auch 
31  * 


967 


Dea  dia 


Dea  dia 


der  Luperci  ( Preller  l3,  388)  bestand  die  Ar- 
valbrüaerschaft  nach  des  Masurius  Angabe  aus 
zwölf  Mitgliedern  Doch  finden  wir  meist 
nicht  so  viele  bei  den  Handlungen  anwesend; 
die  Zahl  schwankt.  Überschritten  wird  sie 
bei  dem  Opfer  ob  imperium  Neronis(?)  im 
Jahre  57  ( Henzen  S.  LXIY),  wo  ohne  den 
Kaiser  zwölf  Brüder  beteiligt  sind.  Der  Kai- 
ser ist  Bruder  vom  ersten  Tage  seiner  Regie- 
rung an.  Meistens  trat  er  sowie  die  kaiser- 
lichen Prinzen  in  leer  gewordene  Stellen  ein. 
Die  Aufnahme  geschah  durch  Cooptation  ( coop - 
tare  et  ad  sacra  vocare-,  vgl.  Uenzen  S.  150  ff.). 
Die  vornehmsten  Familienkreise  waren  be- 
teiligt. 

Hauptvorstand  war  ein  magister,  der  für 
ein  Jahr  am  2.  Tag  des  Festes  der  Dea  dia 
gewählt  wurde.  Das  Amtsjahr  hub  von  den 
Saturnalien  an,  d.  i.  vom  19.  Dezember.  Wie- 
derwahl war  gestattet.  Im  Todesfall  ward  ein  2 
suffectus  gewählt.  Den  Pro  magistro  ernennt 
zu  seiner  Vertretung  der  Magister  selber. 
Neben  ihm  steht  sodann  ein  fl, amen,  für  dessen 
Wahl  sowie  Ersetzung  genau  die  nämlichen 
Bedingungen  gelten.  Stirbt  der  Magister,  so 
funktioniert  auch  der  Flamen  nicht  mehr. 
Der  Flamen  steht  an  Würde  nach  dem  Ma- 
gister, doch  vor  dem  Promagister.  Auch  Kai- 
ser erscheinen  so  als  flamines  wie  als  magistri. 
Bei  den  Mahlzeiten  assistieren  weiter  vier  Edel-  3 
knaben  (je  einer  für  drei  Brüder)  aus  senato- 
rischer  Familie,  welche  Vater  und  Mutter  noch 
am  Leben  haben.  Sie  bleiben  länger  als  Jahres- 
frist. Ihre  Namen  werden  erst  seit  dem  Jahre 
117  mitgeteilt.  Vor  allem  besitzt  die  Brüder- 
schaft wie  die  anderen  Priesterschaften  Roms 
zahlreiche  publici,  Sklaven,  die  bei  den  Opfern 
und  gelegentlich  auch  bei  der  Administration 
des  Kollegs  (so  a commentariis,  Henzen  S.  CC) 
Dienst  leisten.  Einmal  wird  (im  Jahre  91)  als  4 
von  ihnen  verschieden,  mitopfernd,  ein  Thür- 
hüter ( aedituos ) erwähnt.  Endlich  hat  jeder 
Bruder  noch  einen  Personal-Opferdiener  (ka- 
lator ) von  Libertenstande,  den  er  sich  selbst 
wählt  und  dessen  Patron  er  ist. 

Der  Hain  der  Göttin  zog  sich  mit  Ei- 
chen und  Lorbeer  (vgl.  acta  a.  87  u.  105)  einen 
Hügel  hinan.  Der  von  Rom  Kommende  fand 
an  Monumenten  zunächst  unten  vor  dem  Hain 
eine  ara  Deae  diae,  daneben  ein  Tetrastylum  5 
mit  Garderoben  und  Speisesaal,  ferner  das 
Caesareum,  in  welchem  die  Divi  der  kaiser- 
lichen Familie  konsekriert  waren,  und  das  un- 
ter Domitian  (1 acta  a.  81)  statt  des  Tetrastyls 
als  Speisesaal  diente;  das  letztere  war  also 
damals  noch  nicht  erbaut  oder  in  Reparatur. 
Nahe  dabei  lag  ferner  auch  der  Circus  für  die 
Festspiele  (aus  dem  Tetrastyl  kann  der  Ma- 
gister unmittelbar  supra  carceres  steigen,  und 
die  exta  der  vacca  trägt  er  direkt  hierher),  g 
Dagegen  hoch  auf  dem  Hügel  selbst  stand  der 
Tempel  der  Dea  dia,  ein  Rundbau,  vor  des- 
sen Thüre  sich  ein  zweiter  Altar  der  Göttin 
befand.  In  ihm  aber  stand  ein  heiliger  „Tisch“ 
(vgl.  Brunn,  Annali  dell'  inst.  1856.  S.  114ff.) 
mit  altehrwürdigen,  hoch  archaischen  Thon- 
gefäfsen  ( ollae ),  von  denen  noch  achtzehn  an 
Ort  und  Stelle  gefunden  sind  (de  Bossi,  Gior- 


968 

nale  arcad.  1868  tab.  IV).  Der  Tempel  scheint 
um  das  Ende  des  2.  Jahrhunderts  n.  Chr.  neu 
gebaut  zu  sein  (Henzen S.  XXII).  Übrigens  hatte 
auch  die  baumheiligende  Göttin  Adolenda  Coin- 
quenda  (auch  Commolenda,  Deferunda  genannt) 
ihren  besonderen  Altar  im  Hain;  dagegen  ward 
ein  Kreis  von  vierzehn  Gottheiten  nur  an  „zeit- 
weiligen Altären  “ (arae  temporales)  verehrt, 
unter  denen  die  Lares,  der  Mars  pater  ultor, 
die  Virgines  divae  und  Famuli  divi,  sowie  ein 
Ungenannter  „sive  deus  sive  dea“  besonders 
erwähnenswert  sind.  Der  letztere  war  gewifs 
der  Genius  loci.  Nun  ist  ein  steinerner  Altar 
des  Genius  loci  aufgefunden  worden  (de  Bossi, 
Bull.  arcli.  Christ.  1868.  S.  27),  und  auch  die 
übrigen  arae  temporales  waren  somit  vielleicht 
Stein,  nicht  Rasen.  Die  Virgines  und  Famuli 
bedeuten  wohl  ein  Dienergefolge  der  Kom- 
göttin;  sie  sind  also  vielleicht  die  im  Arval- 
lied  angerufenen  Semones.  Denn  auch  die  I 
Lares  und  Mars  kehren  ja  im  Arvallied  wie- 
der, nur  dafs  die  Kaiserzeit  für  den  alten  Früh- 
lings-Mars den  kaiserlichen  Mars  ultor  substi- 
tuiert hat.  Wenn  wir  endlich  annehmen  dür- 
fen, dafs  unter  diesen  vierzehn  Gottheiten  die! 
zwei  Vestae  zusammen  und  ebenso  die  Mater! 
larum  mit  den  Laren  nur  je  einen  Altar  hat- 
ten, so  war  die  Zahl  der  Arae  gerade  zwölf,  j 
Unter  den  heiligen  Handlungen  waren  die; 

0 Sühnopfer  ( piacida ),  über  die  sorgfältig  be- 
richtet wird,  natürlich  nicht  Selbstzweck,  son- 
dern präparatorisch.  Alljährlich,  nachdem  im 
April  die  Protokolle  des  Vorjahres  graviert 
waren,  brachte  dafür  der  Magister  des  Vor- 
jahres ein  Sühnojffer  dar  „ob  ferri  inlationem 
et  elationem“ ; es  bestand  aus  porca  und  agna 
opima.  Denn  das  Eisen,  mit  dem  graviert 
wurde , entheiligte  den  Bezirk  (vergl.  oben).  | 
Wenn  ferner  ein  Baum  stürzte  oder  ein  Ast 

0 brach , so  wurde  Beschlufs  gefafst , den  Ast 
aus  dem  Hain  zu  tragen,  den  Baum  als  Brenn- 
holz beim  Opfer  zu  verbrauchen  und  dazu  der 
Haingöttin  ein  aufserordentliches  Piaculum 
gleichen  Inhalts  wie  das  obige  zu  schlachten. 
Schlug  gar  ein  Blitzschlag  ein  oder  fafste  wie 
im  Jahr  183  ein  Feigenbaum  am  Tempelgie- 
bel Wurzel,  so  wurde  ein  gröfseres  Piaculum 
mit  Suovetaurilien  nötig  ( lustrum  mittitur;  vgl. 
acta  a.  224).  Welcher  Gottheit  die  letzteren 

0 galten,  erfahren  wir  nicht.  Aufserdem  wurde  | it 
alsdann  der  Dea  dia  und  der  Adolenda  ge- 
opfert, sowie  jenen  vorhin  erwähnten  vierzehn 
Gottheiten,  welche  somit  speziell  Schutzherren 
des  Haines  waren,  und  deren  Reihe,  wie  obli- 
gat, mit  dem  Ianus  pater  anhub  und  mit  der 
Vesta,  der  irdischen  und  himmlischen  (V.  ma- 
ter  und  V.deorum  dearumque),  abschlofs.  Je- 
der Gott  erhielt  dabei  zwei  männliche , jede;  3 
Göttin  zwei  weibliche  Opfertiere. 

0 Das  dreitägige  Hauptfest  der  Dea  dia  wird 
auf  den  Tafeln  anfangs  nicht  mit  verzeichnet 
(s.  acta  a.  14).  Seine  Feier  war  eine  selbstver- 
ständliche, sie  war  gesichert  durch  die  Tradi 
tion  der  republikanischen  Zeit.  Die  Tafeln 
zu  gravieren  unternahm  man  erst  um  der  hin- 
zukommenden Feste  willen,  die,  wie  wir  sahen, 
entweder  aufserordentliche  waren  oder,  falls 
jährlich,  alle  Bezug  auf  das  Kaiserhaus  hat 


969  Dea  dia 

ten,  und  darum  eben  beginnen  die  Tafeln  erst 
seit  der  Zeit  des  Augustus.  Seit  dem  Jahre 
27  oder  38  wird  vom  Hauptfeste  sodann  wenig- 
stens der  zweite  Tag  aufgezeichnet,  seit  dem 
Jahre  66  (?)  oder  erst  seit  81  kommt  die  Er- 
wähnung des  dritten , seit  81  die  des  ersten 
hinzu.  Dem  entspricht,  dafs  auch  die  Angaben 
über  die  heilige  Handlung  selbst,  anfangs  höchst 
einsilbig,  erst  mit  der  Zeit  immer  ausführlicher 
werden.  Sie  verraten  so  deutlich  genug  die 
immer  wachsende  Sorge,  das  Ceremonial  könnte 
vergessen  werden.  Für  das  folgende  Detail 
war  vorzüglich  der  Bericht  des  Jahres  218 
(und  219  für  den  Scldufs  des  zweiten  Tages) 
zu  benutzen. 

Das  Fest  fiel  in  den  Mai  und  es  bezweckte 
den  Ackersegen  (Varro  a.  a.  0.).  Daher  der 
Name  der  Brüder,  daher  die  coronae  spiceac, 
die  sie  tragen,  daher  die  Ähren  und  Brode 
und  Töpfe  mit  Mehlbrei  in  der  heiligen  Hand- 
lung, daher  als  Höhepunkt  in  derselben  das 
Arvallied  mit  der  Herbeirufung  der  Semonen, 
daher  endlich  die  Amtsführung  des  Magister 
von  Saturnalien  zu  Saturnalien.  Andere  Mai- 
feste desselben  Zweckes,  von  denen  wir  wis- 
sen, verraten  nahe  Verwandtschaft.  Nach  Strabo 
(S.  230)  wurde  an  vielen  Grenzplätzen  des  ager 
publicus  zwischen  dem  fünften  und  sechsten 
Meilenstein  von  Rom  durch  die  „Priester“  (ob 
j alljährlich?  ob  im  Mai?)  ein  Opfer  dargebracht, 

: welches  dpßovQi'a  ( aviburbia ?)  hiefs.  Dies  war 
notwendig  ein  sacrum  publicum,  also  mit  dem 
Privatfest  der  Dea  dia  nur  verwandt.  Noch 
näher  standen  die  privaten  Ambar  valien,  se- 
| getum  lustrationes , welche  der  Landmann  auf 
'seinem  Acker  stets  im  Mai,  doch  an  einem 
beliebigen  Tage,  ausführte  ( segetes  lustrantur 
iim  Kalendarium  C.  I.  L.  1 S.  358).  Die  Am- 
barvalien  galten  bald,  wie  Cato  (de  r.  r.  141) 
Ivoraussetzt,  dem  Mars,  bald  auch,  nach  Ver- 
\jils  Darstellung,  der  Ceres  (Georg.  1,  338); 
die  Opfernden  hiefsen  auch  hier  fratres,  doch 
waren  es  deren  nur  zwei  (so  Pauli  Festus 
3.  5;  Mommsen  und  schon  Frühere  wollten  hier 
Indern),  und  ihre  charakteristische  Handlung 
Bestand  in  dreimaligem  Umgang  um  das  Feld, 
mit  Umführung  der  zu  opfernden  Tiere;  das 
Opfer  waren  Suovetaurilien:  porcus  agnus  vitu- 
us.  Noch  spät,  aus  den  acta  martyrum  Anau- 
|iensium  (in  Rhätien)  erfahren  wir  von  einer 
pustration  am  28.  Mai.  Auch  bei  den  Um- 
llirern  haben,  wie  die  Iguvinischen  Tafeln  zei- 
;en,  Gebräuche  desselben  Zweckes  und  ähn- 
Lcher  Form  bestanden. 

Den  Platz  der  Ceres  oder  des  Mars  hat  bei 
en  Arvalbrüdern  die  Dea  dia.  An  Mars  (zu- 
immen  mit  Laren  und  Semonen)  richtet  sich 
ei  ihnen  nur  die  eingelegte  Invokation  des 
vvalliedes.  Die  Zahl  der  Brüder  ist  nicht 
wei,  sondern  zwölf.  Den  Suovetaurilien  ent- 
sprechen ungefähr  die  drei  Opfer  porciliae, 
|acca  und  agna  opima,  welche  Dea  dia,  frei- 
lich in  andrer  Folge  und  nicht  als  ein  Opfer, 
lindern  jedes  unter  einem  anderen  Titel  er- 
iält  (vergl.  unten).  Ihr  Haupttag  war  zwar 
licht  der  28.  Mai,  aber  doch  häufig  der  29ste. 
| ichts  ist  hier  identisch , alles  nur  ähnlich.  Die 
■lmerhin  gewagten  Annahmen,  Dea  dia  sei 


Dea  dia  970 

nur  eine  denominierte  Ceres,  und  weiter,  diese 
Ceres  habe  im  Kult  den  Mars  Catos  verdrängt 
(so  Henzen  nach  Mommsen ),  reichen  doch  wohl 
schwerlich  aus,  alle  Unterschiede  zu  erklären. 
Vornehmlich  mufs  auffallen,  dafs  ja  die  Acker- 
brüder gar  keine  Ackerumgänge  ausführen, 
auch  gar  nicht  auf  dem  Felde  ihre  Handlung 
verrichten,  sondern  opfernd,  singend,  speisend 
im  Haine  sind  und  bleiben.  Was  sie  begehen, 
sind  nicht  ambarvalia.  Nun  mag  das  pro  fru- 
gibus  facere  im  Hain , eine  Haingöttin  als 
Korngöttin  befremden;  bei  der  nächststehen- 
den Ceres , Tellus  oder  Ops  wissen  wir  von 
ähnlichem  nicht,  wogegen  allerdings  der  Vieh- 
segen im  Wald  von  den  Waldgöttern  Faunus, 
Mars  Silvanus,  Pales  silvicola  erfleht  wurde 
(saltus  ubi  pecus  possit  pasci,  Varro  de  l.  I.  5, 
36).  Gleichwohl  wäre  schwer  glaublich , dafs 
etwa  erst  die  augusteische  Zeit  die  Handlung 
vom  Feld  in  den  Wald  verlegt  und  demge- 
mäfs  umgestaltet  habe.  Vielmehr  wird  dies 
Waldfest  mit  seinen  so  altertümlichen  Bestand- 
teilen durch  den  lucus  Feroniae  am  Soracte 
hinlänglich  geschützt,  in  welchen  das  Volk 
die  Erstlinge  der  Felclfrucht,  Segen  erflehend, 
zu  tragen  pflegte  (Liv.  26,  11,  9.  Sil.  Ital.  13, 
84 ff. ; vgl.  Strabo  S.  226),  nicht  minder  auch 
durch  den  Hain  der  Robigo,  welcher,  just  wie 
der  Hain  der  Dea  dia,  fünf  Millien  von  Rom 
lag  und  in  dem  am  25.  April  um  Schonung 
der  Saat  und  Feldsegen  gefleht  wurde  (Ovid 
Fast.  4,  907  ff.). 

Es  ist  zu  gewärtigen,  dafs  wie  für  die  Pri- 
vatfeste der  Ambarvalien  auch  für  das  der  Dea 
dia  der  Tag  im  Mai  beliebig  angesetzt  wurde. 
Eben  darum  mufste  das  Festdatum  in  jedem 
Jahr  zuvor  angesagt  werden;  dies  geschah  im 
Januar  zu  Rom  im  Pantheon  oder  Concordia- 
tempel  (z.  B.  acta  a.  59  zum  3.  Januar:  in 
Pantheo  astantibus  illis  fratribus  arvalibus  sa- 
crificium  Deae  diae  indixit  L.  Calpurnius  L.  f. 
Piso  magister  . ...  in  VI  Kal.  Iunias  domi  et 
in  IV  Kal.  Iunias  in  luco  et  domi  et  in  III  Kal. 
Iunias  domi).  Trotzdem  ist  das  Fest  mit  grofser 
Regelmäfsigkeit  abwechselnd  in  den  Varronisch 
geraden  Jahren  auf  den  17.,  19.  und  20.,  in 
den  Varronisch  ungeraden  auf  den  27.,  29.  und 
30.  Mai,  d.  h.  alljährlich  auf  den  9.,  11.  und 
12.  Tag  der  Zwillinge  im  Eudoxischen  Kalen- 
der angesagt  worden  (Mommsen,  Köm.  Chron. 
S.  70).  Nur  unter  Nero  wurden  die  geraden 
und  ungeraden  Jahre  vertauscht;  und  im  Jahre 
90  verschob  es  sich  auf  den  25.,  27.  und  28. 
Mai.  Also  im  Prinzip  war  das  Fest  zwar  ein 
freies  und  wurde  gelegentlich  frei  angesetzt; 
doch  hielt  man  sich  durch  becpiemere  Gewohn- 
heit an  einen  bestimmten  Kalendertag  des 
Eudoxischen  Jahres. 

Es  sei  hiernach  der  Hergang  der  Hand- 
lung selbst  mitgeteilt,  mit  Weglassung  un- 
wichtigeren Details  und  kleiner  Abweichungen 
in  der  Überlieferung. 

Der  erste  Tag  hatte  vorbereitenden  Cha- 
rakter. Er  wurde  „domi“,  d.  h.  in  Rom  und 
gewöhnlich  im  Haus  des  Magister  begangen. 
Die  Haupthandlung  gehörte  dem  Vormittag. 
Mit  Tagesanbruch  traten  die  Brüder  im  obli- 
gaten Priesterkleid,  der  Praetexta,  weifser 


io 

20 

30 

40 

50 

GO 


971 


Dea  dia 


Dea  dia 


972 


Toga  mit  Purpursaum  (Mommsen , Staatsrecht 
12S.  406),  zusammen.  Der  Magister  recitierte 
eine  Eröffnungsformel  ( sacrificium  conccpit),  und 
nach  seinem  Voi-gang  spendeten  alle  mit  Wein 
und  Weihrauch  (ture  vino  facere).  Diese  Spende 
pflegte  jeden  bedeutenderen  Akt  abzuschliefsen. 
Hierauf  wurden  von  ihnen , wiederum  unter 
seinem  Vorgang,  Feldfrüchte  und  mit  Lorbeer 
umkränzte  Brode  „berührt“  und  die  himmlische 
Göttin  gesalbt,  von  der  sich  also  ein  Bildnis 
auch  in  Rom  befand,  worauf  man  niedersafs 
und  die  Prätexta  ablegte.  Unter  den  panes 
laureati  „mit  Lorbeer  zubereitete“  Brode  zu 
verstehen  (Cato  de  r.  r.  12),  scheint  sprachlich 
kaum  möglich.  Von  der  Feldfrucht  werden 
zwei  Sorten  unterschieden,  reife  Ähren  vom 
vorigen  Herbste  ( aridae ),  frisch  grüne  des  Mai- 
monds ( virides ).  Durch  das  Berühren  aber 
konsekrierte  man  so  Brot  als  Früchte  für  die 
Handlung  des  zweiten  Tages.  Grüne  Ähren, 
reife  Ähren  und  das  aus  ihnen  bereitete  Ge- 
bäck  bezeichneten  offenbar  die  drei  Zustände, 
zu  denen  der  ausgestreute  Same,  um  dem  Men- 
schen zu  nützen,  durch  der  Göttin  Gnade  sich 
entwickeln  mufs.  Der  Nachmittag  brachte  so- 
dann im  selben  Hause  das  Festmahl,  welches 
nie  im  Priesterkleid  stattfindet.  Nach  dem 
Bade  und  nachdem  man  sich  sitzend  die  Hände 
gewaschen,  legte  man  sich  im  weifsen  Speise- 
kleid ( synthesis , cenatoria)  zu  Tische.  Die 
vier  Opferdienst  thuenden  Edelknaben  speisten 
sitzend  daneben.  Erst  nach  dem  Hauptteil 
des  Mahles  wurden  die  Triklinien  mit  kost- 
baren goldbordierten  Teppichen  überdeckt;  vor- 
her wären  sie  arg  befleckt  worden.  Man  legte 
sich  abermals , spendete  ture  vino  und  liefs 
opfern  (ad  aram  pertulerunt  per  publicos  eqs„ 
was?  gewifs  nicht  die  Ähren;  vgl.  die  folgen- 
den Tage) , nahm  Kränze  und  Salbe , weihte 
die  in  Servietten  verpackten  Speisereste , um 
sie  nach  Haus  zu  schicken  (man  lese  a.  218 
Zeile  14f. .-  et  in  mantelis  contenta  rursus  con- 
tigerunt),  afs  den  leichten  Nachtisch,  empfing 
die  sportulae,  das  Speisegeld  (hierüber  Momm- 
sen, De  collegiis  et  sodal.  S.  109  ff.)  und  trennte 
sich  nach  Verteilung  von  Rosen  mit  dem  Heils- 
ruf auf  den  Kaiser.  Die  Gastmähler  der  fol- 
genden Tage  halten  sich  mit  geringen  Unter- 
schieden in  den  Formen  dieses  ersten. 

Der  Haupttag  folgte.  Ihn  allein  beging 
man  im  Hain  selbst,  und  er  war  um  vieles  in- 
haltreicher. Anscheinend  unter  dem  unthäti- 
gen  Beisein  der  Brüder,  die  im  Alltagskleide 
blieben,  eröffnete  ihn  der  Magister  in  der  Prä- 
texta frühmorgens  allein  durch  das  Opfer  einer 
weifsen  Kuh  auf  einem  Dreifufs  ( foculus ) neben 
dem  Altar  der  Dea  dia  vor  dem  Hain.  Dies 
heifst  „Ehrenopfer“  (vacca  honoraria),  wurde 
somit  der  Göttin  nicht  geschuldet , gehörte 
noch  nicht  zur  eigentlichen  heiligen  Handlung; 
daher  opfert  er  es  allein  und  nicht  auf  dem 
Altar  selbst;  daher  vielleicht  mufs  dieser  Akt 
hernach  im  Codex  besonders  notiert  werden. 
Seit  dem  Jahre  59  aber  sehen  wir  den  Magister 
vorher  regelmäfsig  noch  zwei  junge  Schwein- 
chen  zum  Sühnungszweck  darbringen  (porci- 
liae  piaculares  duae ; ein  Tier  luco  coinquendi, 
eines  operis  faciundi)-,  dies  geschah  auf  dem 


Altar  selbst.  Die  Geweide  der  Schweine  trug 
er,  nachdem  sie  im  Tetrastyl  gekocht  waren, 
auf  den  Altar  zurück,  die  der  vacca  deponierte 
er  auf  einem  zweiten  Dreifufs,  der  im  Circus' 
stand  (vgl.  acta  a.  218,  wo  an  Identität  Hei-  ] 
der  Dreifüfse  sich  nicht  denken  läfst),  notierte 
endlich  den  Vollzug  im  Codex  und  erwartete, 
der  Prätexta  entkleidet,  im  Zelt,  dafs  sich  die1 
Brüder  bereiteten.  Dies  geschieht  um  Vormit- 
10  tag.  Nunmehr  legen  allesamt  die  Prätexta 
an,  kommen  im  Tetrastyl  zusammen  (woher', 
aus  ihren  Zelten?),  notieren  jetzt  erst  ihre  Be- 
teiligung am  Geschehenen  im  Codex  (warun 
erst  jetzt  und  nicht  mit  dem  Magister  zusam- 
men? sie  durften  es  nicht  vor  Änlegung  dei  | 
Prätexta)  und  verspeisen  daselbst  das  Schweine 
fleisch  und  das  Schweinebiut  (anscheinend  ir 
der  Prätexta;  auch  hernach  beim  Verspeisei 
der  Brode  wird  sie  nicht  abgelegt;  dies  war 
20  kein  Diner  und  Festschmaus,  sondern  ein  cere 
monial-  priesterliches  Pflichtessen).  Dann  is 
man  zum  dritten,  dem  eigentlichen  Festopfe: 
bereit,  das  alle  Brüder  darbringen.  Die  Prä 
texta  bleibt,  aber  man  verhüllt  das  Haupt  uni 
legt  die  Ährenkränze  an,  steigt  vom  Tetrasty 
den  Waldberg  hinauf,  und  der  Magister  op 
fert  das  fette  Schaflamm , die  agna  opima 
auf  dem  Altar  vor  dem  Tempel  der  Dea  dia 
prüft  den  glücklichen  Verlauf  durch  Eingeweide 
30  schau  ( litationem  inspicere ) und  „alle“  spen 
den  ture  vino.  Dies  Opfer  hat  also  mit  Su 
ovetaurilien  nichts  gemein;  die  vacca  und  poi 
ciliae  haben  vorhin  an  anderer  Stätte  unte 
anderen  Umständen  anderen  Zwecken  gedien 
als  das  Lamm. 

Hiernach  beginnt  nun  der  sonderbare  Ritu 
mit  den  heiligen  Töpfen,  Kornähren  und  Brc 
den.  Während  Magister  und  Flamen  vor  dei 
Tempel  bleiben  und  wiederum  am  Altar  Opfer 
40  (Honig?  Milch?  vgl.  Denzen  S.  31),  gehen  zeli 
Brüder  in  den  Tempel  und  bringen  den  heil 
gen  Töpfen  Verehrung,  kehren  darauf  zui 
Magister  zurück  (foras  ad  aram  reversi)  un 
übergeben  den  Tempelschatz  ( thesauros  dedi\ 
runt.  Dafs  thesaurus  für  stips  stehen  könnt 
läfst  sich  nicht  belegen.  Und  sollte  ma 
„Geldbeiträge“  vor  dem  Tempel  statt  in  dei 
Tempel  dargebracht  haben?).  Tempelscha! 
waren  wohl  die  silbernen  Becher  nebst  sun 
50  puvia  und  Weihrauchkästen,  aus  denen  dan 
Magister  und  Flamen  sogleich  allein  die  Spend 
machen  (vielleicht  ist  acta  a.  218  zu  lesen 
item  flamen  et  promagister  seyfos  argenteos  cui 
sumpuvis,  vino  repletis  ante  osteum,  acerras  V 
nentes  ture  et  vino  fecerunt ; die  sumpuvia  wu 
den  erst  vor  der  Thür  mit  Wein  gefüllt).  L 
zwischen  sind  aus  der  Stadt  (durch  Public; 
in  Prozession?)  die  am  Vortag  geweihten  Ähre 
und  Brode  unten  am  Eingang  des  Hains  ai 
60  gelangt.  Zwei  der  vor  der  Tempelthür  ha 
renden  Brüder  steigen  den  Berg  hinab  un 
nehmen  zunächst  nur  die  Ähren  in  Empfar 
(der  eine  die  trocknen,  der  andere  die  frischen? 
kehren  zurück , und  nun  werden  die  Ähre 
unter  den  Zwölf  von  Hand  zu  Hand  gereich 
indem  gleichzeitig  die  Rechte  giebt,  die  Link 
nimmt,  bis  die  Publici  endlich  sie  zur  Ve 
Währung  erhalten.  Alle  betreten  den  Tempe 


fce 


Dea  dia 


974 


973  Dea  dia 

flehen  zu  den  mit  dem  altbäurischen  Mehlbrei 
( puls)  gefüllten  Töpfen,  konsekrieren  den  Brei 
durch  Berührung;  die  Tempelthüren  werden  auf- 
gethan,  und  die  Brüder  werfen  die  Töpfe  aus 
dem  Tempel  über  den  Hügel  hin  (per  clivum). 
Mutmafslich  war  es  hierbei  auf  das  gute 
Omen,  dafs  sie  nicht  zerbrachen,  abgesehen, 
und  das  Gebet  an  die  Töpfe  hatte  hierauf 
Bezug.  Dann  nimmt  man  auf  Marmorsesseln 
(im  Tempel?)  Platz,  und  jetzt  kommen  die 
Brode  unter  den  Brüdern  durch  die  Publici 
I zur  Verteilung  (zu  partiri  aliquid  per  aliquem 
konnte  ein  inter  alios  nicht  weggelassen  wer- 
den; also  ist  zu  verstehen  inter  se  und  zu 
vergl.  omnes  partircntur  bei  Cicero  pro  (Rose. 

I com.  53,  sowie  Tacit.  hist.  2,  77),  augen- 
scheinlich um  verzehrt  zu  werden;  daher  wer- 
den die  Brode  hernach  nicht  wie  die  Ähren 
i an  die  Publici  zurückgegeben,  daher  auch  am 
dritten  Tage  nicht  wieder  erwähnt.  Endlich 
nehmen  die  Arvalen  Salbgefäfse  ( lumemulia 
cum  rapinisl)  und  salben  die  „Göttinnen“,  und 
dann  wird  der  Tempel  geschlossen.  Diese 
„Göttinnen“  überraschen.  Wer  stand  denn 
noch  neben  der  Dea  dia  im  Tempel?  Da  in 
der  entsprechenden  Handlung  des  ersten  Tages 
lediglich  die  Dea  dia  gesalbt  wurde,  so  mufs 
die  hier  hinzukommende  Gottheit  speziell 
I Haingöttin  gewesen  sein.  Nun  hatten  die 
i Virgines  divae  blofs  einen  zeitweiligen  Altar 
| im  Hain  (s.  oben);  also  bleibt  die  Adolenda 
Coinquenda  als  die  einzige  mögliche  Mit-Göt- 
tin  übrig. 

Die  zur  Salbung  zugehörige  Bekränzung 
unterbleibt  noch;  denn  ein  eigentümlicher  Akt, 
der  nicht  auf  Dea  dia  Bezug  hat,  wird  hier 
'i  eingeschoben : der  Festtanz  mit  invocatio  im 
verschlossenen  Tempel,  nachdem  „alle“,  d.  h. 
die  Publici,  hinausgegangen.  Dieser  Akt  wird 
also  den  Augen  des  draufsen  stehenden  Vol- 
kes entzogen.  Die  Brüder  schürzen  die  Prä- 
texta,  nehmen  Textbücher  ( libelli ) in  die  Hände 
und  stampfen  im  Dreischritt  ( tripodaverunt ) 
zu  den  Worten  eines  altehrwürdigen  saturni- 
H sehen  Liedes,  indem  sie  „das  Lied  skandieren“ 
i (das  wird  carmen  descindentes  heifsen;  das  Wort 
verhält  sich  zu  scandere,  wie  desaltare,  decan- 
' tare  zu  ihren  Simplicia;  scandere  aber  ist  in 
j diesem  Sinn  aus  den  Grammatikern  bekannt). 
Das  Tripodieren  war  eben  ein  Skandieren;  je- 
der Halbvers  mit  drei  Hebungen  war  ein  tri - 
\ pudium.  Es  sind  24  Halbverse,  die  sich  auf 
die  12  Brüder  irgendwie  verteilten , und  in 
ihnen  werden  die  Laren  um  Hilfe,  Mars  um 
Schonung  der  Ernte  angefleht,  alle  semunes 
herbeigerufen.  Sicherlich  war  den  Singenden 
i der  Inhalt  des  Liedes  gar  nicht  mehr  verständ- 
lich; es  war  genug,  dafs  sie  es  zu  skandieren 
wufsten.  Dann  erst  stellen  sich  die  Brüder 
wieder  vor  dem  Tempel  auf,  um  sich,  jeder 
von  seinem  Kalator,  die  nötigen  Kränze  reichen 
zu  lassen,  und  kränzen  endlich  gemeinsam  die 
„Göttinnen“  im  Tempel. 

Der  bedeutsamste  administrative  Akt  der 
j Brüderschaft  war  die  Wahl  ihres  Magister 
und  Flamen.  Dieselbe  wurde  nun  an  jenes  hei- 
ligste Finale  der  Bekränzung  ganz  unvermittelt 
1 angeknüpft.  Ebenso  seltsam  scheint,  dafs  man 


beide  ex  Saturnalibus  primis  in  Saturnalia  sc- 
cunda  wählte  (vergl.  Marini  S.  275 ff.).  Das 
„Saatgott-Fest“  der  Saturnalien  fiel  doch  in 
den  Dezember.  Man  wird  anzunehmen  haben, 
dafs  die  Arvalen  ursprünglich  auch  Saturna- 
lien gefeiert  und  an  diesen  ihren  Vorstand  ge- 
wählt hatten;  als  dies  Fest  einging,  verlegte 
man  die  Wahl  an  den  Schlufs  des  Maifestes, 
ohne  doch  den  Antrittstermin  für  das  Amt 
abzuändern. 

Nach  der  Wahl  steigt  alles  vom  Tempel 
den  Berg  hinab,  legt  die  Prätexta  (nicht  auch 
die  Ährenkränze?)  ab  und  speist  im  Tetrastyl. 
Nach  dem  „Heil  dem  Kaiser“  giebt  der  Ma- 
gister im  nahen  Circus  für  das  Volk  ludi  cir- 
censes,  er  selbst  angethan  in  weltlichem  latus 
clavus  und  ricinium.  mit  Sandalen  und  Rosen- 
kranz. So  hatte  auch  das  verwandte  Fest  der 
Robigo  (s.  oben)  ludi  cursoribus  maioribus 
minoribusque  hinter  dem  sacrificium  (s.  Fast. 
Praen.).  Es  laufen  Wagen  und  Desultoren. 
Palmen  und  silberne  Kränze  sind  der  Preis. 
Dann  kehrt  alles  nach  Rom  zurück  und  es 
folgt  das  Gastmahl  der  Brüder  im  Haus  des 
Magister  oder  seines  Vertreters. 

Der  dritte  Tag  mutete  den  Erschöpften 
nichts  weiter  mehr  zu  als  ein  neues  Festmahl 
in  Rom , im  selbigen  Hause  wie  am  ersten 
Tage.  An  Nebenumständen  sei  hervorgehoben, 
dafs  nur  bei  diesem  Mahle  Lampen  erwähnt 
werden  (am  hellen  Tag?  vgl.  Macrob.  1,  7,  31 
über  die  Kerzen  beim  Saturnalienfeste)  sowie 
eine  gewisse  Sorte  von  Thongefäfsen,  tuscani- 
cae  (vgl.  Uenzen  S.  43  f.),  von  denen  jeder  Bru- 
der anscheinend  eines  (mit  Inhalt?)  durch  Be- 
rührung weiht  und  es  durch  seinen  Kalator 
in  sein  Haus  befördern  läfst,  ähnlich  wie  am 
ersten  Tage  der  Inhalt  der  mantelia  „berührt“ 
würde.  Die  wichtigste  Handlung  aber  fiel  zu 
Anfang  der  Tafel,  wo  die  vom  gestrigen  Tage 
aufgehobenen  Ähren  endlich  durch  die  Edel- 
knaben libiert  und  zum  Altar  gebracht  wer- 
den. Die  Brode  dagegen  werden  hier  ohne 
Frage  deshalb  nicht  mehr  erwähnt,  weil  sie 
am  Vortage  verzehrt  sind. 

Das  Volk  war  nur  am  zweiten  Tage  betei- 
ligt und  auch  da  nur  als  Zuschauer;  ihm  gal- 
ten die  Circusspiele,  und  schon  vorher  drängte 
es  sich  neugierig  um  die  im  Hain  agieren- 
den Brüder;  (vgl.  über  summoto  HenzenS.  28); 
ein  Anteil  des  Volks  an  der  Handlung  fehlt 
auch  da,  wo  er  am  ehesten  möglich  war,  bei 
der  Weihung  und  Darbringung  der  Ähren  (vgl. 
das  Fest  der  Feronia).  Die  Arvalen  waren 
eben  von  jeher  nur  ein  Privatklub  gewesen;  ihr 
Fest  war  exklusiv  vornehm  und  in  der  Kaiser- 
zeit nichts  mehr  als  ein  religiöser  Sport  weni- 
ger Aristokraten  oder  des  Hofes.  Trotzdem 
mufs  für  den,  der  sich  den  Glanz  der  Ausstat- 
tung vor  Augen  hält  und  unter  den  gekränz- 
ten Brüdern  mit  Magister  und  Flamen  den 
Kaiser  des  römischen  Weltreichs  mit  Konsula- 
ren und  Prinzen  sich  vergegenwärtigt,  das  fast 
drollig  Kleinliche  des  auf  Marmor  verewigten 
Ceremonials  ins  Bedeutsame  wachsen,  und  ihm 
eröffnet  sich  ein  enger,  doch  fesselnder  Durch- 
blick in  das  so  stillos  buntscheckige  Leben 
jener  Zeit  der  kämpfenden  Religionen , wo 


975 


Dea  Mena 


De'ianeira 


976 


neben  völkerreichen,  jungen,  exotischen  Kulten 
das  Altheiligste  in  lokalster  Beschränktheit  noch 
ängstlich  gehütet  wird.  Sicher  darf  angenom- 
men werden,  dafs  uns  nicht  nur  in  der  Tri- 
pudation  des  Arvalliedes,  sondern  in  allem  dem, 
was  mit  Ähren,  Broden  und  Töpfen  vorgeht, 
Reste  ältesten  Brauches  erhalten  sind.  Den 
Brüdern  selbst  erschien  freilich  wichtiger  als 
sie  das  Salben  und  Kränzen  „der  Göttinnen“, 
das  sie  in  ihren  Protokollen  weit  regelmäfsi-  10 
ger  verzeichnet  haben. 

Zum Schlufs  sei  hier  der  Text  des  Arval- 
liedes angefügt  (vgl.  Hennen  acta  S.  CCIV; 
Facsimile  bei  Ritscht  priscae  lat.  mon.  36) : 

Enos  lases  iuväte 

Neuei  verve(r)  Märmar  sins  incürrere  in 
pleores 

Satür  fü  fere  Mars,  limen  sali,  sta  berber 
Semunis  ältdrnei  ädvocäpit  conctos 
Enös  Marmor  iuväto  20 

Triumpe. 

Die  Lesung  der  zweiten  Zeile  ist,  von  der 
Accentuation  abgesehen,  nach  Bücheier  ( Index 
Schot.  Bonn  1876  S.  3f.)  gegeben.  Jede  der 
Zeilen  steht  dreimal,  das  Triumpe  fünfmal. 
Bei  diesen  Wiederholungen  fehlt  es  nicht  an 
Varianten.  Interpretations versuche  sind  vor- 
nehmlich von  Marini  a.  a.  0.  p.  600.  Bergk, 

Z.  f.  A.-W.  1856.  S.  129.  Mommsen,  C.  I.  L.  1. 

S.  9;  vgl.  Römische  Gesch.  I5.  S.  225.  Bücheier  30 
a.  a.  0.  gegeben  worden.  Für  die  besonders 
schwierige  zweite  und  dritte  Zeile  hat  keiner 
derselben  Sicheres  geboten,  daher  neuerdings 
versucht  wird , durch  Emendation  mit  den 
Unverständlichkeiten  aufzuräumen;  so  Jordan, 
krit.  Beitr.  z.  Gösch,  der  lat.  Sprache  S.  203  f. ; 
vgl.  auch  Breal  in  Memoires  de  la  soc.  de  lin- 
guistique  4.  S.  373 ff.  M.  Ring,  Altlat.  Stucl. 
Prefsburg- Leipzig  1882.  Eine  Interpretation 
vorzunehmen  ist  nicht  dieses  Ortes.  [Birt.]  40 

l)ea  Mena,  Göttin  der  Menstruation,  Toch- 
ter des  Iuppiter  (Zeus?),  ursprünglich  wohl 
eine  Göttin  des  Mondes  (grjvrj):  Aug.  C.  D.  7, 

2 : Dea  Mena,  quae  menstruis  fluoribus  praeest, 
Iovis  filia.  [Roscher.] 

Dea  Muta.  Die  Verehrung  der  Dea  Muta 
oder  Tacita  soll  zuerst  von  Nurna  infolge  sei- 
nes Verkehrs  mit  Egeria  und  den  Camenen 
eingeführt  worden  sein,  in  deren  Kreis  auch 
diese  Göttin  gehörte,  Blut.  Numa  8.  Die  spä-  50 
tere  Tradition  (vgl.  Lact.  inst.  div.  1,  20,  35) 
identificierte  diese  Göttin  mit  Lara  oder  La- 
runda,  der  Mutter  der  Laren,  welcher  bereits 

T.  Tatius  einen  Altar  errichtet  hatte  ( Varro 
l.  I.  5,  74),  und  Ovid  {fast.  2,  583  ff.)  erzählt 
uns  eine  hübsche  Sage  darüber , wie  jene 
Nymphe  Mutter  der  Laren  geworden  sei.  Iup- 
piter liebt  die  spröde  Iuturna,  welche  ihn 
flieht;  da  überredet  er  die  Nymphen  Latiums 
sie  auf  ihrer  Flucht  aufzuhalten.  Eine  der-  60 
selben  aber,  Lara  oder  Lala,  die  Tochter  des 
Almo,  verrät  sowohl  der  Iuturna  als  der  luno 
den  Anschlag.  Erzürnt  darüber  raubt  ihr  Iup- 
piter  die  Sprache  und  übergiebt  sie  dem  Mer- 
kur , um  sie  in  die  Unterwelt  zu  führen , wo 
sie  die  Nymphe  der  inferna  palus  sein  soll. 
Unterwegs  aber  thut  ihr  Merkur  Gewalt  an, 
und  so  wird  sie  Mutter  der  beiden  Lares  com- 


pitales.  — Man  wird  sich  hüten  müssen  auf 
diese  Form  der  Sage,  die  ihre  Entstehung 
wohl  mehr  der  dichterischen  Phantasie  Ovids, 
der  mit  den  Mythen  frei  genug  schaltet,  als 
volkstümlicher  Tradition  verdankt,  zu  viel  zu 
bauen.  Dafs  wir  aber  in  der  Dea  Muta  eine 
Gottheit  der  Unterwelt  zu  sehen  haben,  steht 
nach  ihrem  Namen  und  nach  der  Rolle , die 
sie  in  den  Ceremonien  der  Zauberin  bei  Ovid 
{fast.  2,  5710'.)  spielt,  aufser  Zweifel. 

[Wissowa.] 

Dea  Syria  s.  Astarte. 

Becima  s.  Indigitamenta. 

Deferuinla  s.  Indigitamenta. 

De'ianeira  {ArjidvsiQu) , 1)  Tochter  des  Ne- 
reus und  der  Doris , Apollod.  1,2,7.  — 2) 
Tochter  des  ätolischen  Königs  Oineus  und  der 
Althaia  in  der  Stadt  Kalydon  {Soph.  Trach.  7 
nennt  Pleuron  ihre  Heimat) , Schwester  des 
Helden  Meleagros,  Apollod.  1,  8,  1 [vgl.  C.  I. 
Gr.  8434  R.].  Statt  des  Oineus  wird  auch 
Dionysos,  der  einst  bei  Oineus  einkehrte 
und  ihm  die  Rebe  schenkte , als  Vater  der 
De'ianeira  genannt , Apollod.  a.  a.  0.  Hygin. 
f.  129.  Satyros  b.  Theophil,  ad  Autolyc.  2 
p.  94  in  Müller  fr.  hist.  gr.  3 p.  164,  21. 
Entsprechend  dem  Charakter  der  Krieg  und 
Jagd  liebenden  Aitoler,  war  sie  ein  kühnes, 
mannhaftes  Weib,  Müller,  Dorier  1,  417,  Ger- 
hard, Griech.  Mythol.  2 § 848.  Sie  lernte  in 
ihrer  Jugend  die  Lenkung  des  Streitwagens 
und  übte  sich  im  Gebrauch  der  Waffen,  Apol- 
lod. 1,  8,  1.  Als  sie  später  mit  ihrem  Gatten 
Herakles  nach  Trachis  durch  das  Land  der 
Dryoper  zog,  und  diese  mit  ihrem  König  Theio- 
damas  den  Herakles  anfielen,  kämpfte  De'ia- 
neira  kühn  an  seiner  Seite  und  scheute  die 
Wunden  nicht;  sie  ward  in  die  Brust  ver- 
wundet, Scliol.  Ap.  Rh.  i,  1212.  — Nachdem 
Meleagros  (s.  d.)  ein  unglückliches  Ende  genom- 
men, wurden  seine  Schwestern  (Polyzo,  Autonoe, 
Eurymede,  Melanippe)  in  ihrer  Trauer  um  den- 
selben durch  die  Götter  in  Vögel  (Perlhühner, 
f Lslsaygiöig)  verwandelt;  aber  De'ianeira  und 
Gorge  (welche  den  Andraimon  heiratete,  Apol- 
lod. 1,8,  1)  behielten  auf  Verwenden  des  Dio- 
nysos ihre  menschliche  Gestalt,  Hygin  /'.  174. 
Apollod.  1,  8,  3.  Ov.  Met.  8,  532.  Anton.  Lib. 
2.  Schot.  II.  9,  584.  — Als  Herakles  in  der 
Unterwelt  den  Kerberos  holte,  traf  er  dort 
den  Meleagros,  welcher  ihn  bat,  er  möge  sich 
mit  seiner  Schwester  De'ianeira , die  durch 
seinen  Tod  verwaist  sei,  vermählen,  und  Hera- 
kles ging  sogleich  nach  Kalydon , wo  er  die 
De'ianeira  von  dem  Flufsgott  Acheloos  um- 
worben fand.  Er  rang  in  heifsem  Kampfe 
dem  Flufsgott  die  Jungfrau  ab  und  heiratete 
sie  selbst,  Pindar  b.  Schot.  II.  21,  194.  Über 
diesen  Kampf  s.  Acheloos  und  Herakles,  Ar- 
chilochos  b.  Schol.  II.  21,  237.  Soph.  Trach. 
9 ff.  502  ff.  Strabo  10,  458.  Apollod.  2,  7,  5. 
Ovid.  Met.  9,  5 ff  Tzetz.  Lyk.  50.  662.  Paus. 
6,  19,  9.  Serv.  Aen.  8,  30.  Nach  Kephalion 
b.  Malala  p.  164.  Müller  fr.  hist.  gr.  3 p.  631 
hatte  Acheloos  vor  der  Ehe  De'ianeira  heim- 
lich geschwächt  und  darauf  von  Oineus  die 
Herrschaft  gefordert.  Als  sie  ihm  verweigert 
wurde,  bekriegte  er  den  Oineus;  dieser  rief  dann 


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977 


De'ianeira 


Deirna 


978 


den  Herakles  zu  Hilfe,  indem  er  ihm  die  Hand 
der  De'ianeira  versprach.  Die  Vermählung  des 
Herakles  mit  der  Aitolierin  De'ianeira  zeigt 
den  Bund  an , in  welchen  die  ätolische  und 
dorische  Völkerschaft  vor  dem  Einfall  in  den 
i Peloponnes  traten,  Müller,  Dorier  1,  417.  — 
Herakles  blieb  nach  der  Vermählung  mitDe'ia- 


Durch  Hyllos  ward  sie  die  Stamm-Mutter  der  l 
dorischen  Herakliden,  Diod.  4,  34.  Apollod. 

2,  7,  7.  Hygin.  f.  162.  Tzetz.  Lylc.  804.  Sa- 
tyros  b.  Theophil,  ad  Autol.  a.  a.  0.  Phlegon 
\ Trallian.  fr.  4 b.  Müller  fr.  hist.  gr.  3 p.  603. 

De'ianeira,  dem  aus  dem  Krieg  gegen  das  thes- 
: protische  Ephyra  nach  Kalydon  zuriickkehren- 
den  Herakles  den  kleinen  Hyllos  entgegen- 
reichend, auf  einem  Vasenbild  bei  Gerhard, 
A.  V.  t.  116  [vgl.  C.  I.  Gr.  7603  R.].  Eine 
ähnliche  Darstellung  zeigt  eine  Neapler  Vase,  2 
Archäol.  Ztg.  1867.  t.  218.  Vergl.  R.  Ke- 
i lade  ebd.  1866,  259ff.  Jüngere  Kinder  des 
Herakles  und  der  De'ianeira  waren  Ivtesip- 
pos,  Glenos  (Gleneus,  Diod),  Oneites  (Ho- 

Idites,  Diod.)  und  Makaria,  Apollod.  2,  7,  8. 
Diod.  4,  37.  Paus.  1,  32,  5.  — Als  Herakles 
nach  der  Tötung  des  Eunomos  von  Kalydon 
i nach  Trachis  zog,  begleitete  ihn  De'ianeira  mit 
dem  kleinen  Hyllos.  Über  das  Abenteuer  mit 
Nessos  auf  diesem  Wege  und  den  von  Deia-  3 
neira  durch  das  vergiftete  Blut  des  Nessos 
unfreiwillig  herbeigeführten  Tod  des  Hera- 
kles s.  Nessos  und  Herakles  [vergl.  C.  I. 
1|  Gr.  7603 — 6 R.J.  Als  De'ianeira  erkannte, 
welches  Unheil  sie  angerichtet,  tötete  sie  sich 
‘selbst,  Soph.  Trach.  Apollod.  2 , 7,  6.  7.  Hy- 
\gin.  f.  34.  36.  240.  243,  Diod.  4,  36  ff.  Strabo 
8,  381.  10,  451.  Tzetz.  Lyk.  50.  Ov.  Met. 

9,  lOlff.  Schol.  II.  2,  527.  Schol,  Ap.  Rh. 

1,  1212.  Das  Grab  der  De'ianeira  befand  sich  4 
in  der  Nähe  von  Herakleia  am  Oite  (Trachis); 
doch  behaupteten  die  Argiver  fälschlich,  dafs 
: ;j  jin  ihrer  Stadt  De'ianeira  begraben  sei,  Paus.  2, 
32,5;  vgl.  Curtius,  Peloponnesos  2,  361.  Bur- 
\iian,  Geogr.  v.  Gr.  2,  56.  Da  die  Ptolemäer 
n Ägypten  behaupteten  von  den  dorischen 
Herakliden  und  also  von  De'ianeira  abzustam- 
inen,  so  war  in  Alexandria  ein  Demos  Arya- 
’siqis  genannt ; ein  andrer  hiefs  nach  ihrer 
flutter  Satyros  b.  Theopliil.  ad  Autol,  5 

]!,  94.  — 3)  Nach  Hygin.  f.  31  und  33  ist  Deia- 
jieira  Tochter  des  Dexamenos  (s.  d.),  Königs  von 
llenos,  und  er  erzählt  in  /’.  33,  dafs  Herakles, 
bis  er  zu  Dexamenos  als  Gast  gekommen,  mit 
essen  Tochter  Umgang  gepflogen  und  ver- 
prochen  habe,  sie  zu  heiraten.  Nachdem 
(erakles  sich  entfernt,  forderte  auch  der  Ken- 
aur  Eurytion  die  De'ianeira  zum  Weibe,  und 
dexamenos  sagte  sie  ihm  aus  Furcht  zu.  Am 
Hochzeitstage,  wo  Eurytion  mit  seinen  Brii-  6 
em  erschienen  ist , kommt  Herakles  dazwi- 
chen,  tötet  den  Eurytion  und  führt  seine  Ver- 
übte heim.  Vergl.  Apollod.  2,  5,  5,  wo  die 
ochter  des  Dexamenos  Mnesimache  heifst. 
Hod.  4,  33  nennt  sie  Hippolyte  und  läfst  auf 
- eren  Hochzeit  mit  Azan  den  Eurytion  von  Hera- 
Jes  erschlagen  werden.  Dexamenos(s.  d.),„der 
istlich  Aufnehmende“,  ist  ursprünglich  iden- 


tisch mit  dem  gastlichen  Oineus,  der  von 
Atolien  nach  dem  gegenüberliegenden  Olenos 
versetzt  worden  ist,  Preller,  Gr.  Myth.  2,  245. 
Müller,  Dorier  1,417.  Curtius  Peloponnesos  1, 
430.  Stephani,  compt.-rend.  1865,103.  0.  Schnei- 
der zu  Kallim.  h.  in  Del.  102.  Mehrere  Vasen- 
bilder (vgl.  unt.  S.  999  f.)  werden  auf  jenes 
Abenteuer  bezogen,  Stephani  a.  a.  0.  106  ff. 
[Stoll.]  — 4)  Amazone,  Gegnerin  von  Herakles, 
Diod.  4,  16.  [Kliigmann.]  — 5)  Von  Pelasgos 
Mutter  des  arkadischen  Königs  Lykaon,  Phere- 
kydes  b.  Dion.  Hai.  Archaeol.  1,  13.  [Stoll.] 
De'fdameia  (ArySüysi a),  1)  Tochter  des  Bel- 
lerophontes,  heiratete  den  Euandros,  König  in 
Lykien,  einen  Sohn  des  aus  Kreta  eingewan- 
derten Sarpedon,  eines  Bruders  des  Minos.  Sie 
gebar  dem  Euandros  den  Sarpedon,  der  vor 
Troja  kämpfte,  Diod.  5,  79.  Bei  Hom.  II,  6, 
197  heifst  sie  Laodameia.  — 2)  Gemahlin  des 
Peirithoos  (s.  d.),  gewöhnlich  Hippodameia  ge- 
nannt, Plut.  Thes.  30.  — 3)  Tochter  des  Lyko- 
medes,  Königs  auf  Skyros;  gebar  dem  Achil- 
leus den  Neoptolemos;  s.  Achilleus,  Apollod.  3, 
13,  8.  Bion  15,  9.  Quint.  Smyrn.  7,  228  ff. 
Schol.  II.  19,  326.  Hygin.  f.  97.  122.  Sero. 
Aen.  2,  263.  477.  Ptolem.  Heph.  3.  Tryphiod.  52. 
Tzetz.  Posthorn.  638.  Tzetz.  Lyk.  53.  185.  — 
4)  Tochter  des  Perieres,  Gemahlin  des  ätoli- 
schen  Königs  Thestios,  Mutter  der  Leda  und 
Althaia.  Nach  Plierekydes  hiefs  sie  Laophonte, 
Schol.  Ap.  Rh.  1,  146'.  201.  [Stoll.] 

De'ikoon  (Arynocov),  1)  Sohn  des  Herakles 
und  der  Megara , mit  dieser  und  seinen  Brü- 
dern von  Herakles  im  Wahnsinn  erschlagen, 
Apollod.  2,  4,  11  u.  12.  7,  8.  Schol.  Od.  11, 
269.  Schol,  Pind.  Istlim.  4,  104.  Hygin.  f.  31. 
32.  S.  Demokoon.  — 2)  Sohn  des  Pergasos,  ein 
troischerHeld,  Freund  des  Aineias,von  Agamem- 
non getötet,  II.  5,  534.  Tzetz.  Hom.  79.  [Stoll.] 
Be'ileon  (AryUcov),  1)  Sohn  des  Deimachos 
(s.  d.),  aus  Trikka,  begleitet  mit  seinen  Brüdern 
Autolykos  und  Plilogios  den  Herakles  gegen 
die  Amazonen,  bleibt  zurück  und  schliefst  sich 
den  Argonauten  bei  Sinope  an,  Ap.  Rhod.  2, 
955 ff.  Val.  Flacc.  5,  115.  Bei  Plut.  Luc.  23 
heifst  er  Demoleon,  ebenso  bei  Hygin.  f.  14 
als  Sohn  des  Phrixos.  [Seeliger.]  — 2)  Ein 
Krieger  des  Epeios,  vor  Troja  von  Aineias  ge- 
tötet, Quint.  Smyrn.  10,  110.  [Stoll.] 

Deiloclios  (AryXoxog),  ein  thebanischer  Krie- 
ger zur  Zeit  des  Zuges  der  Sieben  gegen 
Theben,  von  Tydeus  erlegt,  Stat.  Theb.  8, 
698.  [Stoll.] 

Dei'lyke  {Arfi\vy.rf),  Amazone  in  der  Hera- 
kleischen  Sage,  Schol.  Ap.  Rhod.  2,  777.  Pott , 
Zeitschrift  f.  vergl,  Sprachf.  8.  S.  427:  „gegen 
Feinde  eine  Wölfin“.  [Kliigmann.] 

Beiina  (Asiyu),  Personifikation  der  Furcht 
und  des  Schreckens.  Zu  Korinth  stand  an  dem 
Grabe  der  Kinder  der  Medeia  noch  bis  zu  den 
Zeiten  des  Pausanias  ein  weibliches  Bild  der- 
selben , eine  äufserst  schreckliche  Gestalt,  der 
Sühne  jener  Kinder  errichtet.  Da  nämlich  die 
Korinthier  die  Kinder  der  Medeia  gewaltsam 
und  ungerechter  Weise  getötet,  kam  ein  Ster- 
ben über  ihre  eigenen  Kinder,  das  erst  auf- 
hörte, nachdem  sie  auf  den  Rath  des  delphi- 
schen Gottes  jenes  Bildes  errichtet  und  den 


Deimachos 


979 


Ermordeten  jährliche  Opfer  eingesetzt  hat- 
ten, Paus.  2,  3,  6.  Vgl.  Schol.  Eurip.  Med. 
276.  S.  auch  Deimos.  [Stoll.] 

De'imachos  (Ar]iya%o$),  1)  Sohn  des  Neleus, 
von  Herakles  getötet,  Apollod.  1,  9,  9.  Schol. 
Ap.  Ph.  1,  152.  Der  Scholiast  zu  II.  11,  691 
hat  dafür  AvGi'yci%og.  — 2)  Vater  der  Enarete, 
der  Gemahlin  des  Aiolos,  Apollod.  1,  7,  3.  — 
8)  Ein  Thessaler  aus  Trikka,  dessen  drei  Söhne 
Deileon,  Autolykos  und  Phlogios  den  Herakles 
auf  seinem  Zuge  zu  den  Amazonen  begleitet 
und,  nachdem  sie  von  Herakles  abgekommen, 
sich  am  Halys  niedergelassen  hatten.  Die  vor- 
beifahrenden Argonauten  nahmen  sie  mit  sich, 
Ap.  lih.  2,  955  ff.  Valer.  Flacc.  5,  115.  Flut. 
Lucull.  23.  — 4)  Sohn  des  Eleon,  begleitete 
den  Herakles  auf  seinem  Zuge  nach  Troja, 
wo  er  seinen  Tod  fand,  Plut.  Qu.  gr.  41.  Vgl. 
Glaukia.  [Stoll.] 

Deimas  (Aiiyag) , Sohn  des  Dardanos  und 
der  Chryse  in  Arkadien , wo  er  hei  der  Aus- 
wanderung seines  Geschlechtes  mit  einem  Teil 
der  Bevölkerung  zurückblieb,  Dionys.  Halle. 
1,  61;  s.  Dardanos.  Gerhard,  Gr.  Mythol.  2. 
§ 880.  [Stoll.] 

Deimos  (Astgog) , in  der  Regel  mit  Phobos 
($>6ßog)  verbunden,  Pallor  und  Pavor,  beide 
Personifikationen  der  Furcht  und  des  Schreckens, 
Diener  und  Begleiter  des  Ares,  II.  4,  440.  11, 
35.  15,  119.  Hes.  Thcog.  934.  Scut.  195.  463. 
Quint.  Smyrn.  5,  29.  10,  57.  11,  13.  Nägels- 
hach,  Hom.  Theolog.  S.  89.  In  der  Ilias  (13, 
299)  ist  Phobos  Sohn  des  Ares , und  ebenso 
wohl  auch  Deimos.  Bei  Hesiod  ( Theog . 934) 
sind  beide  Söhne  des  Ares  und  der  Aphrodite. 
Vgl.  Schol.  II.  4,  439f.  Antimachos  (Schol.  II. 
4,  439.  fr.  45  Stoll)  sah  beide  irrtümlich  für 
die  Rosse  des  Ares  an,  verleitet  durch  II.  15, 
119.  S.  Ares.  Panofka,  hyperbol.-röm.  Stud. 
1,  245  ff.  0.  Müller,  Handbuch  d.  Archäologie 
§ 406,  2.  S.  auch  Deima.  [Stoll.] 

Deino  (Asivw,  von  Ssivog),  Harne  der  drit- 
ten Graia  bei  Apollod.  2,4,  2,  3.  Vgl.  H.  D. 
Müller,  cAres’  S.  75  und  den  Artikel  Graien. 

[Crusius.] 

Deinomaclie  (Asi voya%ri),  Amazone  auf  einer 
Vase  aus  Nola,  Panofka,  Cab.  Pourtales  pl.  35, 
wo  sie  Theseus’  Gegnerin  Hippolyte  zu  Hilfe 
kommt.  [Klügmann.] 

Dei'nome  (Agivögrj) , eine  gefangene  Troe- 
rin auf  dem  Gemälde  des  Polygnotos  in  der 
Lesche  zu  Delphi , deren  Name  auch  in  der 
kleinen  Ilias  des  Lesches  vorkam,  Paus.  10, 
26,  1.  [Stoll.] 

Deiochos  (Ayioxog),  1)  ein  Grieche  vor  Troja, 
von  Paris  mit  dem  Pfeil  erlegt,  II.  15,  341. 
— 2)  Ein  Trojaner,  von  dem  Telamonier  Aias 
erlegt.  Quint.  Sm.  1 , 529.  [Stoll.] 

DeToleon  (Agiolemv) , ein  Freund  des  Kad- 
mos,  zugleich  mit  Seriphos  von  dem  Aresdra- 
chen getötet,  weshalb  Kadmos  diesen  erschlug, 
Tzetz.  Lylc.  1206.  [Stoll.] 

Deion  (Ary'cov),  1)  Sohn  des  Aiolos  und  der 
Enarete,  einer  Tochter  des  Deimachos,  Bruder 
des  Kretheus,  Sisyphos,  Athamas,  Salmoneus, 
Magnes , Perieres , König  in  Phokis.  Er  hei- 
ratete Diomede , die  Tochter  des  Xuthos  und 
zeugte  mit  ihr  die  Asteropeia  (Asterodia,  Schol. 


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20 


30 


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50 


60 


Deipatyros  980 

II.  2,  520),  den  Ainetos,  Aktor,  Phylakos  und 
Kephalos,  der  später  in  Attika  einwanderte, 
Apollod.  1,  7,  3.  9,4.  3,  15,  1.  Hesiod  bei 
Schol.  Arnbr.  Od.  11,325  (fr.  162  Lehrs).  Phot. 
Lex.  TsvfirjOi’a.  Pausan.  1,  37,  4.  10,  29,  3. 
Hygin.  f.  48.  189.  241.  270.  273.  Schol.  II.  2, 
631.  695.  Nach  Pherekyd.  b.  Schol.  Od.  19, 
432  war  Philonis,  mit  welcher  Apollon  den 
Philammon  und  Hermes  den  Autolykos  zeugte, 
eine  Tochter  des  De'ion.  Derselbe  bei  Schol. 
Od.  11 , 321  nennt  den  Vater  des  Kephalos 
Dei'oneus  (vgl.  Schol.  Od.  11,  290.  326),  ebenso  : 
Hellanikos  b.  Schol.  Eurip.  Orest.  1648.  Apol- 
lod. 2,  4,  6.  Strab.  10,  452.  456.  459.  Schol. 
Ap.  Eli.  1,  121.  Gerhard,  Gr.  Myth,  2.  § 653. 
— 2)  Sohn  des  Eurytos  und  der  Antiope, 
Hesiod,.  b.  Schol.  Soph.  Tracli.  263  (fr.  45  Lehrs). 
Bei  Plut.  Thes.  8 heifst  er  Deioneus.  — 8) 
Sohn  des  Herakles  und  der  Megara,  Apollod. 
2,  7 , 8 , wo  jedoch  der  Name  Ayicov  in  man- 
chen Handschriften  fehlt;  auch  wird  er  von 
Apollod.  2,  4,  11  unter  den  Söhnen  der  Me- 
gara nicht  genannt.  Die  Zahl  und  die  Namen 
derselben  werden  sehr  verschieden  angege- 
ben, s.  Schol.  Pind.  Isthm.  4,  104,  wo  nur 
von  Deinias  aus  Argos  auch  Deion  erwähnt 
wird.  [Stoll.] 

Deione  (Aguiivg),  1)  von  Apollon  Mutter 
des  Miletos,  Ov.  Met.  9,  443.  — 2)  Die  Toch- 
ter der  Deo  (=  Demeter),  d.  i.  Persephone, 
Kallim.  (fr.  48  Blomf.)  bei  Schol.  Pind.  Nem. 

1,  3.  Doch  wird  hier  zu  schreiben  sein:  Arjco- 
ivrj.  [Stoll.] 

Deioneus  ( Aryovsv g),  1)  s.  Deion  N.  1 u.  2.  — 

2)  Vater  der  Dia,  der  Gemahlin  des  Ixion  (s.  d.) 
Hygin.  f.  155.  Als  er  von  diesem  die  Braut 
gaben  für  die  Tochter  einforderte,  wurde  eil  i 
hinterlistiger  Weise  von  ihm  in  eine  mit  feu 
rigen  Kohlen  gefüllte  Grube  gestürzt  und  ver 
brannt,  Schol.  II.  1,  268.  Schol.  Pind.  Pyth 

2,  39.  Preller,  Gr.  Mythol.  2,  12.  Gerhard . 
Griech.  Mythol.  2.  §.  670.  S.  Ixion.  — 2)  Eil 
Trojaner,  von  Pliiloktetes  erlegt,  Quint.  Sin  4 
10,  167.  [Stoll.] 

De'iope  (Agiong),  Tochter  des  Triptolemos! II 
Mutter  des  Eumolpos,  nach  andern  die  Mut  ] I 
ter  des  Triptolemos,  Schol.  Soph.  Oed.  C.  1101 
Paus.  1,  14,  2.  Aristot.  Mirab.  143.  291.  Pho. 
s.  v.  Eviiolnog.  Preller , Gr.  Myth.  2,  492  j 1 
Demeter  u.  Pers.  106.  [Stoll.] 

Del'opeia  (Agionsia) , 1)  eine  Nymphe  i .: 
der  Umgebung  der  Kyrene,  Verg.  Ge.  4,  341  1 
von  Hera  dem  Aiolos  zur  Ehe  versprochei 
Verg.  Aen.  1,  72.  — 2)  Eine  Nereide,  Hygii  I 
praef.  [Stoll.] 

De'iopliontes  (Agiocpovrgg , der  den  Fein 
Tötende),  Name  eines  Trojaners  bei  Quin  i 
Smyrn.  8,  317.  [Steuding.] 

De'iopites  (Arpomhyg,  auch  Arpontgg),  ei 
Sohn  des  Priamos,  in  der  Schlacht  von  Ody 
seus  verwundet  (oder  getötet?),  II.  11,  42 1 
Apollod.  3 , 12 , 5.  Hygin.  f.  90.  Bei  Quin 
Smyrn.  13 , 212  wird  ein  Trojaner  Deiopiti 
von  Meges  getötet.  [Vergl.  C.  I.  Gr.  61261 
R.].  [Stoll.] 

Deipatyros  (Asindrvgog)  debgnuQci  (2)  Tv\ 
cpuioig.  Hesych.,  G.  Curtius  und  Preller  ve 
gleichen  Diespiter.  [Steuding.] 


!>- 

I 


981  Detphilos 

l)e'iphilos  s.  De'ipylos  3. 

Deiphobe  (Jgiq>6ßg),  bei  Verg.  Aen.  6,  36 
(Sen.)  der  Name  der  cumanisclien  Sibylle, 
einer  Tochter  des  weissagerischen  Glaukos. 
Über  sie  und  ihren  Aufenthalt  berichtet  Verg. 
Aen.  3,  441  ff.  u.  6,  10 ff.  S.  Sibylla.  [Stoib] 

Dei'phobos  (Jglcpoßo?,  G.  Curtius,  Grundz. 
520),  1)  einer  der  troischen  Corpsführer,  11. 
12,  94;  in  der  Epinausimaclie  13,  402 — 539 
(nebst  Hyg.  f.  113.  115);  Sohn  des  Priamos  i 
und  derHekabe  (so  auch  Apollod.  3,  12,  5,  7. 
Hyg.  f.  89);  dem  Hektor  der  liebste  unter  den 
Brüdern  22,  233;  begleitet  die  Helena  [als 
ihr  Gemahl]  zum  hölzernen  Pferd,  Od.  4,  276; 
bei  der  Zerstörung  Ilions  geht  Odysseus  mit 
Menelaos  zum  Haus  des  Deiphobos  [um  He- 
lena aufzusuchen]  und  siegt  nach  schwerem 
Kampf  8,  517.  Robert,  Bild  u.  Lied  70.  Arch. 
Ztg.  40,  44 f. ; sein  Haus  zerstört,  Sero.  Aen. 
2,  310.  Deiphobos  als  Gemahl  der  Helena  2 
nach  Paris’  T od,  auch  nach  Lesches,  Ilias  mikra  b. 
Procl.  Eur.  Pro.  954  (ßicc)).  Dictys  1, 10.  4,  22. 
Tzetz.  Lylc.  168  und  Schol.  II.  24,  251  (durch 
Priamos’  Zuteilung);  Sero.  Aen.  2,  166.  Con. 
34.  Sein  Tod  durch  Menelaos,  Ilyg.  f.  113. 
Quint.  Smyrn.  13,  354ff.  Dictys  5,  12.  Eust. 
894,  24  (sein  unbestatteter  Leichnam  in  die 
Pflanze  Akephalon  verwandelt);  Helena  leitet 
den  Menelaos  dazu  an,  Aen.  6,  494—547.  Hyg.  f. 
240,  Tumulus  von  Äneas  errichtet,  Aen.  6,  505.  3 
Deiphobos  fällt  in  der  Schlacht  durch  Palame- 
des , Daves  28.  — Deiphobos  bei  Paris’  (s.  d.) 
Erkennung:  im  Agon  beteiligt,  Hyg.  f.  273; 
von  Paris  besiegt,  Ov.  Her.  15,  359;  zückt  ge- 
gen Paris  das  Schwert , worauf  dieser  auf 
den  Altar  flüchtet  und  Kassandra  ihn  erkennt, 
Hyg.  f.  91.  Overbeck  Gail.  258.  Brunn,  Urne 
1,4.  Zu  Pferd  bei  Hektors  Abschied,  Vasenbild 
aus  Caere,  C.  I.  Gr.  7379.  Bei  Tro'ilos’  Tod, 
Vasenbild  C.  I.  Gr.  7675.  Overb.  Gail.  15,  12.  4 
Gerhard,  A.  V.-B.  3,  223.  In  einem  Gemälde 
Aristophons:  Deiphobos  mit  Helena  bei  Odys- 
seus vor  Priamos,  Plin.  35,  138.  O.  Jahn, 

' Arch.  Ztg.  1847  , 127.  Aias  gegen  Deiphobos 
beim  Zweikampf  des  Achill  und  Memnon,  in 
J Lykios’  Gruppe  zu  Olympia,  Baus.  5,  22,  2. 
Achill  in  der  Verfolgung  der  Polyxena  von 
Paris  und  Deiphobos  getötet,  Hyg.  f.  110.  — 
Deiphobos  der  Heros  fragl.  in  der  Inschrift 
; C.  I.  Gr.  3614b.  S.  auch  Deithynos.  — 2)  5' 
Deiphobos  von  Amyklai,  Hipp  olytos’  Sohn; 
zu  ihm  kommt  Herakles  nach  dem  Mord  des 
Iphitos  und  wird  von  ihm  gereinigt,  Apollod. 

2,  6,  2.  Diod.  4,  31.  Eudocia  p.  306  (De'ipho- 
! bos  König  der  Arkader).  Tzetzes  hist.  2,  425. 

C.  I.  Gr.  5984 B,  40  u.  O.  Jahn,  Bilderchro- 
niken 70.  [v.  Sybel.] 

De’iphontes  (Argcpovvgs),  Sohn  des  Herakli- 
! den  Antimachos  (Herakles  — Ktesippos  — 
Thrasyanor  — Antimachos),  heiratete  des  He-  6' 
rakliden  Temenos  Tochter  Hyrnetho  (s.  d.; 
j nach  Steph.  Byz.  s.  v.  TgvGhnv  Ilyrnitho),  mit 
der  er  den  Antimenes , Xanthippos , Argeios 
und  die  Orsobia , die  spätere  Gemahlin 
des  Pamphylos , eines  Sohnes  des  Aigimios, 
zeugte,  Paus.  2,  19,  1.  28,  3.  Nicol.  Da- 
'■  masc.  b.  Müller , fr.  hist.  gr.  3 p.  376,  38. 
Sohn  des  Temenos  nennt  ihn  Shymn.  Ch.  5, 


De'iphontes  982 

33.  Als  Temenos  nach  der  Eroberung  des 
Peloponnes  durch  das  Los  Argos  als  seinen 
Anteil  erhalten  hatte,  wandte  er,  seine  Söhne 
(deren  Namen  sehr  verschieden)  vernachlässi- 
gend, alle  Gunst  der  Tochter  und  ihrem  Ge- 
mahl De'iphontes  zu  und  gebrauchte  diesen  zu 
allen  wichtigen  Geschäften,  so  dafs  die  Söhne 
sich  gekränkt  fühlten  und  befürchteten , er 
werde  den  De'iphontes  zu  seinem  Nachfolger 
machen.  Deshalb  dangen  sie,  mit  Ausnahme 
des  jüngsten  (Agaios , Aigaios,  Agraios,  Ar- 
geios, Agelaos,  s.  Curtius , Peloponnesos  2,  575), 
Mörder  gegen  den  Vater.  Diese  überfielen  und 
verwundeten  den  Temenos , während  er  im 
Flusse  badete,  liefsen  ihn  aher,  da  Lärm  ent- 
stand, noch  lebend  zurück.  Temenos  wurde 
ins  Lager  getragen  und  übergab,  ehe  er  starb, 
die  Herrschaft  der  Hyrnetho  und  dem  De'i- 
phontes.  Die  Söhne  des  Temenos  wurden,  als 
ihr  Verbrechen  bekannt  geworden , verjagt, 
gaben  aber  ihre  Hoffnung  auf  die  Herrschaft 
nicht  auf.  Deshalb  veranlafste  De'iphontes  zu- 
nächst durch  heimliche  Gesandtschaften  die 
Troizenier,  Asinäer,  Hermioneer  und  alle  dort 
wohnenden  Dryoper,  dafs  sie  von  den  Argi- 
vern  abfielen,  Nicol,  Damasc.  a.  a.  O.  Apol- 
lod. 2,  8,  5.  Diod.  in  exc.  de  insid.  b.  Müller, 
fr.  hist.  gr.  2.  p.  8.  fr.  4.  Paus.  2,  19,  1. 
Pausanias  sagt  am  Ende  kurz,  dafs  Keisos,  der 
älteste  Sohn  des  Temenos,  die  Herrschaft  von 
Argos  erhielt.  Ephoros,  die  Quelle  für  obige 
Erzählung,  gab  an,  dafs  De'iphontes  und  Ai- 
gaios (der  jüngste  Sohn  des  Temenos,  der  von 
der  Sage  als  Freund  des  De'iphontes  und  sei- 
ner Schwester  Hyrnetho  bezeichnet  wird)  die 
sog.  Akte,  die  Attika  gegenüberliegende  Nord- 
küste von  Argolis , besetzt  hatten , Strabo  8 
p.  389,  und  zwar  bemächtigte  sich  De'iphontes 
der  Stadt  Epidauros,  welche  ihm  der  König 
Pityreus,  ein  Abkömmling  des  Ion,  gutwillig 
abtrat,  indem  er  nach  Athen  hinüberzog.  Del- 
phontes  und  diejenigen  Argiver,  welche  aus 
Hafs  gegen  Keisos  und  seine  Brüder  ihm  nach 
Epidauros  gefolgt  waren,  sagten  sich  von  den 
übrigen  Argivern  los,  Paus.  2,  26,  2.  Skymn. 
Ch.  533.  Aigaios  liefs  sich  in  Troizen  nieder, 
Müller,  Dorier  1,  81.  Curtius,  Peloponnesos  2, 
426  — Während  De'iphontes  mit  Hyrnetho  in 
Epidauros  wohnte , unternahmen  es  seine 
Schwäger  Kerynes  und  Phalkes,  ihm  seine  Gat- 
tin nach  Argos  zu  entführen.  Sie  liefsen  die 
Schwester  vor  die  Mauern  rufen,  wo  sie  mit 
ihrem  Wagen  Halt  gemacht,  und  da  sie  nicht 
gutwillig  folgte  , fiihrteu  sie  sie  mit  Gewalt 
auf  ihrem  Wagen  fort.  De'iphontes  verfolgte 
sie  und  tötete  den  Kerynes  durch  einen  Speer- 
wurf; da  aber  Phalkes  die  Hyrnetho  umschlun- 
gen hielt,  wagte  er  nicht  den  Speer  zu  wer- 
fen und  rang  mit  ihm.  Hierbei  wurde  Hyr- 
netho, die  gerade  schwanger  war,  von  ihrem 
Bruder  getötet.  Phalkes  entrann,  De'iphontes 
aber  und  die  Epidaurier  begruben  die  Leiche 
der  Hyrnetho  an  einer  Stelle,  die  nach  ihr 
Hyrnethion  genannt  ward,  im  Schatten  wilder 
Ölbäume  und  errichteten  ihr  ein  Heroon.  Das 
umgebende  Gehölz  war  ihr  heilig  und  durfte 
nicht  geschädigt  werden,  Paus.  2,  28,  3.  Cur- 
tius, Peloponnesos  2,  425.  Auch  in  Argos,  wo 


983  Deipneus 

es  wie  in  Epiclauros  eine  nichtdorische  Phyle 
Hyrnethia  gab  [Müller , Dorier  2,  77),  hatte 
man  ein  Grab  der  Hyrnetho,  Paus.  2,  23,  3. 
Bursian,  Geogr.  v.  Griechen 1.  2,  56.  Curtius 
a.  a.  0.  2,  361.  Das  unglückliche  Schicksal 
der  Hyrnetho  war  Gegenstand  der  euripideischen 
Tragödie  Temenos,  Welcher,  Gr.  Trag.  2,  697. 
Nauck,  trag  graec.  fr.  p.  465.  [Stoll.] 

Deipnens  (Asinvsvg) , ein  Heros  des  Gast- 
mahls,  in  Achaia  verehrt,  Athen.  2.  p.  39c. 
Ygl.  Daitas,  Daiton,  Matton.  [Stoll.] 

Deipyle  [Aginvlg),  Tochter  des  Adrastos  in 
Argos  und  der  Amphithea,  Apollod.  1,  9,  13. 
Adrastos  vermählte  sie  mit  Tydeus,  dem  sie 
den  Diomedes  gebar , Apollod.  1 , 8,  5.  Diod. 

4,  65.  Schol.  Eurip.  Plxoen.  410.  Schol.  II.  4, 
376.  Ilygin.  f.  69.  97.  175.  Serv.  Verg.  Aen. 

1,  95.  Preller,  Gr.  Myth.  2,  353.  [Stoll.] 

Deipylos  [Aginvlog),  1)  ein  Freund  und  Ge- 
nosse des  Sthenelos  vor  Troja,  II.  5,  325.  — 21 
2)  Sohn  des  Iason  und  der  Idypsipyle,  Bruder 
des  Euneos,  Ilygin.  f.  15.  273.  ■ — 3)  Sohn  des 
thrakischen  Königs  Polymestor  und  der  Ilione, 
der  ältesten  Tochter  des  Priamos.  Die  Eltern 
der  Ilione  hatten  dieser  ihren  Sohn  Polydoros 
bald  nach  seiner  Geburt  zur  Erziehung  über- 
geben, und  Ilione  hatte  ihn  heimlich  mit  ihrem 
Sohne  Deipylos  (so  zu  schreiben  für  Deiphilos) 
vertauscht,  so  dafs  sie  ihren  Sohn  Deipylos 
für  den  Bruder  Polydoros  ausgab  und  umge-  3' 
kehrt,  damit,  wenn  der  eine  sterben  sollte, 
der  andre  immer  den  Vorzug  hätte , dem 
Königshause  anzugehören.  Als  nun  nach  der 
Zerstörung  von  Troja  Agamemnon  dem  Poly- 
mestor seine  Tochter  Elektra  zur  Ehe  und 
viel  Gold  versprach,  wenn  er  den  Polydoros 
tötete,  ermordete  Polymestor  seinen  eigenen 
Sohn  Deipylos,  im  Glauben,  den  Polydor  zu 
töten.  Dem  Polydoros  eröffnete  Ilione  den 
wahren  Sachverhalt,  und  auf  seinen  Rat  bien-  4 
dete  und  tötete  sie  den  Polymestor,  Ilygin , f. 
109.  Dies  war  der  Inhalt  einer  nach  griechi- 
schem Muster  gedichteten  Tragödie  Iliona  des 
Pacuvius , Welcher , Gr.  Trag.  3.  S.  1150  — 1156. 
Bibbech,  trag.  la.t.  rell.  p.  83.  292.  — 4)  Ein 
Epigramm  Aristot.  Pepl.  40  ( Bcrgk , lyr.  Gr.2) 
mit  der  Überschrift  sni  Agmvlov,  beginnend 
mit  dem  Worte  Aymvlov  und  endend  mit 
ysivazo  (?)  Thqnolsgog , leidet  an  manchen 
kritischen  Bedenken,  so  dafs  wir  eine  Bestim-  5 
mung  der  Person  nicht  wohl  wagen  kön- 
nen. [Stoll.] 

üei'pyros  (AyinvQog),  ein  griechischer  Füh- 
rer vor  Troja,  von  Helenos  getötet,  II.  9,  83. 
13,  92.  478.  576.  Nach  dem  Schol  z.  II.  13,  92 
war  er  ein  Pylier,  oder  ein  Bruder  des  Merio- 
nes.  [Stoll.] 

Deirades  (Asigadg g) , ein  alter  Heros,  nach 
welchem  der  Demos  AsiqÜSs g in  der  attischen 
Phyle  Asovzig  benannt  sein  sollte,  Steph.  Byz.  6 
s.  v.  AsiqdSsg.  [Stoll.] 

Deii’ona,  Dirona,  eine  celtische  Göttin  auf 
Inschriften  aus  Lothringen  (S.  Nabor),  Orelli 
1987  : Deae  Deironae  Major  Magiati  ftlius  v.  s. 

I.  m.  und  aus  Trier,  Uenzen  5890:  Deae.  Di- 
rona(e ) L.  Lucanius.  Censor(i)nu(s).  sigillum 
d.  ( d ).  Oberlin,  Plus.  Schoepflin.  1,  2 setzt  sie 
der  Sirona  gleich , die  auch  auf  einigen  In- 


Delos  984 

Schriften  dieser  Gegend  (Oppenheim,  Hocken- 
heim)  erwähnt  wird.  Über  die  Umwandlung 
des  d in  z (u.  s)  siehe  Zeufs , qr.  G.  p.  142  ff. 

[Steuding.] 

Deisenor  (AsioqvcoQ) , ein  Lykier  unter  den 
Bundesgenossen  der  Troer,  JZ.  17,  217.  [Stoll.] 
Dei'tliynos  (AqtAvvog) , anderer  Name  des 
Deiphobos  auf  der  Münchener  Troilosvase: 
O.  Jahn,  Vasensammlung  K.  Ludwigs  Nr.  124. 
Gerhard,  Auserles.  V.-B.  Taf.  223.  Overbeck, 
Bildw.  d.theb.u.tro.  Heldenhr.  Taf.  15.  Fig.  12. 
Vgl.  über  diesen  Namen  Boscher  im  Bh.  Mus. 
1869  S.  618.  C.  I.  Gr.  7675.  [Roscher.] 
Dekelos  (Asnslog),  Heros  epon.  vonDekeleia. 
Er  soll  den  Dioskuren  (s.  d.)  mitgeteilt  haben, 
wo  ihre  von  Theseus  geraubte  Schwester  Helena 
verborgen  gehalten  werde,  und  sie  dann  selbst 
nach  Aphidnai  geführt  haben  ( Herodot . 9,  73. 
Steph.  Byz.  s.  v.  Asualsiu).  Die  spätere  (?)  Sage 
erzählt  dasselbe  von  Akademos  (s.  d.).  [Steuding.] 
Delephat  (Atltqnxz)  o zrjg  ’AcpQodizgg  aozrjg, 
vn'o XccldcJiov.  Hesych.  S.Belebatos.  [Steuding.] 
Deliades  (Aqhddqg) , Sohn  des  Glaukos, 
Bruder  des  Bellerophon,  den  dieser  wider  Wil- 
len tötete.  Nach  andern  hiefs  der  Bruder  des 
Bellerophon,  dessen  Ermordung  ihn  zur  Flucht 
zwang,  Peiren  oder  Alkimenes,  Apollod.  2,  3, 1. 
Tzetz.  Lyh.  17.  S.  Bellerophontes.  [Stoll.] 
Delos  (Aglog) , 1)  die  Personifikation  der 
Insel  Delos,  der  Geburts-  und  weitberühmten 
Ivultusstä.tte  des  Apollon.  Sie  tritt  als  solche 
redend  und  handelnd  besonders  in  dem  Mythus 
von  der  Geburt  des  Apollon  auf.  In  Hom. 
Hymn.  in  Ap.  Del.  49  ff.  läfst  sich  die  Ver- 
treterin der  kleinen  öden  Insel  von  der  um- 
herirrenden, mit  Apollon  schwanger  gehenden 
Leto  erst  zuschwören,  dafs  ihr  Sohn  sie  nicht 
wieder  verlassen  oder  gar  ins  Meer  hinaus- 
stofsen  werde,  und  bietet  ihr  dann  eine  Stätte 
zur  Geburt  des  gewaltigen  Gottes;  Apollon 
aber  liebte  und  ehrte  die  durch  seinen  Kultus 
beglückte  Insel  seiner  Geburt  vor  allen  Lan- 
den. Später,  und  zwar  zuerst  bei  Pindar , fin- 
det sich  die  Sage,  dafs  vor  der  Geburt  des 
Apollon  die  unfruchtbare  Insel  unstät  im  Meere 
umherschwamm,  dann  aber,  als  Leto  sie  be- 
trat, vier  ragende  Säulen  sie  im  Meeresgründe 
befestigten , einen  weitstrahlenden  Stern  der 
dunklen  Erde,  Pind.  fr.  64.  65  Bergh.  Vergl. 
[Verg.  Aen.  3,  75.  Servius  z.  d.  St.  und  die 
von  Farbiger  gesammelten  Belege.  Roscher.] 
Gallim.  II.  in  Del.  35  ff,  wo  sie  die  kovqozqo- 
cpog  (V.  2)  des  Apollon  heifst,  den  sie  nach 
seiner  Geburt  an  die  Brust  nahm  und  nährte 
(V.  264ff).  Seit  der  Geburt  des  Apollon  (und 
der  Artemis)  hatte  die  Insel  den  Namen  Delos, 
ori  HSUQvyysvyv  avzgv  iv  zy  Aalocooy  Zsvg 
Sglgv  snoigasv,  ozi  ccdqlov  sqqi£cq&i],  wäh- 
rend sie  früher  Asteria  und  Ortygia  geheifsen 
hatte , Et.  AI.  s.  v.  Aqlog.  Schol.  II.  1,9; 
vergl.  Schol.  Ap.  Bhod.  1,  308.  Aristoteles  bei 
Plin.  N.  H.  4,  12.  Eustatli.  Dion.  Per.  525. 
Asteria,  die  Tochter  des  Koios,  eine  Schwester 
der  Leto,  war,  von  Zeus  in  eine  Wachtel  ( og - 
zv£,)  verwandelt  und  ins  Meer  gestürzt,  zur 
Insel  Asteria  oder  Ortygia  geworden,  s.  Aste- 
ria und  Ortygia,  Preller,  Gr  Myth.  1,  191. 
238.  — [2)  Bakche  auf  einer  Trinkschale  in 


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985  Delphin 

der  Sammlung  Dzialinsky : Heydemann , Satyr- 
und  Bakchennamen  S.  32  u.  39.  R.].  [Stoll.] 

Delphin  s.  Sternbilder. 

Delphos  (AeXcpog),  der  Heros  eponymos  von 
Delphi.  Nach  Aeschyl.  JEum.  16  war  er  König 
im  delphischen  Lande , als  Apollon  dorthin 
kam  , von  dem  Orakel  Besitz  zu  nehmen.  Er 
hatte  eine  eherne  Bildsäule  60  Stadien  von 
Delphi  am  Wege  nach  den  Höhen  des  Par- 
nafs,  Paus.  10,  32,  2.  Nach  Plin.  7,  57  war 
er  der  Erfinder  der  Haruspicin.  Er  galt  fin- 
den Sohn  1)  des  Poseidon  und  der  Melantho 
, (Melaina) , der  Tochter  des  Deukalion , die 
: von  dem  Gotte  in  Gestalt  eines  Delphins 
berückt  ward , Tzetz.  Lylc.  208.  Ovid.  Met. 
6,  120  mit  d,  Erklärern.  Epaphrod.  bei  Schol. 

\ Aesch.  Eum.  2.  Pindorf  p.  519.  — 2)  Sohn 
; des  Apollon  von  Kelaino , einer  Tochter 
i des  Hyamos , oder  von  Thyia , Tochter  des 
Kastalios,  oder  von  Melaina,  Tochter  des 
i Kephisos,  Paus.  10,  6,  2.  Hyg.  f.  161.  [Vgl. 

A.  Mommsen , Delphika  10.  Roscher.]  Bei 
i Schot.  Eurip.  Or.  1087  heilst  Melanis,  die 
Mutter  des  Delphos,  eine  Tochter  des  Hyamos 
und  der  Melantheia,  einer  Tochter  des  Deuka- 
lion. Nach  einem  Sohn  des  Delphos , dem 
: König  Pythes,  oder  nach  einer  Tochter  des 
; Delphos  Pythis  erhielt  Delphi  den  Namen 
Pytho,  Paus.  10,  6,  3.  Schot.  Ap.  Rh.  4,  1405. 
Panofka,  Delphi  u.  Melaina  1851.  S.  6.  Ger- 
i j hard,  Griech.  Myth.  2.  § 709.  [A.  Mommsen 

; a.  a.  O.].  — 3)  Nach  den  Schot.  Veronens.  zu 
Verg.  Aen.  4,  146  ( Servius  ed.  Lion  2.  p.  316) 
war  Delphos  Führer  der  Kreter,  die  nach  Pho- 
, kis  kamen  und  nach  ihm  sich  Delpher  nann- 
ten. [Stoll.] 

Dclpliyiie,  1)  y AsXtpvvy,  AsXcptvy,  AeXcpcvu 
\ (dgccxcava) , oder  ö AsXxpvvyg,  AeXcptvyg,  AsX- 
yiv,  JsXcpig  (äguxcov),  ein  andrer  Name  des 
delphischen  Drachen  Python,  der,  an  der  Quelle 
AsXcpovooa  gelagert , das  alte  Erdorakel  be- 
wachte und  von  Apollon  (s.  d.)  getötet  ward. 
Der  Name  in  seinen  verschiedenen  Formen 
i kommt  erst  seit  den  Alexandrinern  vor,  Ap.  Rh. 
2,  706  und  Schot,  und  daselbst  Kallimachos. 
Schot.  Eurip.  Phoen.  232.  233,  Nonn.  Dionys. 
13,28.  Dion.  Per.  441.  Tzetz.  Lylc.  208.  Suid. 
Jiu.  Stepli.  Byz.  s.  v.  AsXcpoi.  Et.  M.  s.  v.  'Ex y- 
ßoXo g.  0.  Mittler  ( Eumeniden  S.  140.  142)  hält 
den  Namen  für  uralt,  aus  alter  Sage  oder 
Kultuspoesie  von  alexandrinisehen  Gelehrten- 
dichtern wieder  hervorgeholt,  Preller,  Griech. 

I Mythol.  1.  S.  194  in  Paulys  Encycl.  2.  S.  903. 
Gerhard , Gr.  Mythol.  § 326.  Lauer , System 
1 1.  griech.  Mythol.  S.  260.  Stoll,  Ares  S.  4.  8. 
Schreiber,  Apollon  Pythoktonos  p.  2f.  u.  64  li.]. 
u p.  Python  u.  Drakon.  — 2)  AsXcpvvy,  weibli- 
cher Drache,  halb  Tier,  halb  Jungfrau  (wie  Echi- 
lua),  welche  inKilikien  in  der  korykischen  Höhle 
len  von  Typhon  überwundenen  und  verwun- 
deten Zeus  bewachte;  Hermes  aber  und  Aigi- 
nan  entwendeten  ihr  die  von  Typhon  ausge- 
schnittenen und  in  ein  Bärenfell  eingewickelten 
(lehnen  der  Hände  und  Füfse  des  gefangenen 
Gottes  und  setzten  sie  diesem  heimlich  wieder 
in,  worauf  er  den  Kampf  mit  Typhon  aufs 
oeue  begann,  Apollod.  1,6,  3 u.  Heyne,  Ob- 
j erv.  S.  Schümann,  Opusc.  Ac.  2 p.  37.3.  [Stoll.] 


Demodike  986 

DelphynOs  s.  Delphyne. 

Deltoton  (AeXxorxov),  s.  Sternbilder. 

Demarclios  (JyyccQxog),  Sohn  des  Aigyptos, 
mit  der  Danaide  Eubule  vermählt,  Ih/gin.  f. 
170.  [Stoll.] 

Demarns  \jyyagov g),  Sohn  des  Uranos  und 
Vater  des  phönicischen  MtXxdQgog  (Melkarth). 
Er  bekämpft  mit  Uranos  zusammen  den  növ- 
xog,  wird  aber  von  diesem  in  die  Flucht  ge- 
schlagen, Phil.  Bybl.  fr.  2,  16.  22  bei  Müller 
fr.  li.  gr.  3,  568.  [Steuding.] 

Demeter  {Ayyyxyg)  wird  mit  Persephone 
(s.  d.)  zu  einem  Artikel  vereinigt  werden. 
Vgl.  auch  Ceres. 

Demipllon(z/?jgi<p<»i'od.  Ayyocpüv?),  Königin 
Elaeusa(’Elcaous)  imthrakisclienCkersones,  der 
zur  Abwehr  einer  Seuche  in  seinem  Lande  nach 
dem  Ausspruch  des  Orakels  jährlich  eine  Jung- 
frau aus  vornehmer  Familie  opfern  sollte.  Er 
that  dies , indem  er  jedesmal  die  Jungfrauen 
der  Stadt  losen  liefs,  aber  die  eigenen  Töchter 
vom  Losen  ausschlols.  Als  einst  ein  vornehmer 
Bürger,  Mastusius  (so  ist  wahrscheinlich  zu 
schreiben  statt  Matusius),  sich  weigerte,  seine 
Tochter  losen  zu  lassen,  wenn  nicht  auch  die 
Töchter  des  Königs  zugezogen  würden,  tötete 
dieser  dessen  Tochter,  ohne  dafs  sie  gelost  hatte. 
Um  sich  zu  rächen,  lud  Mastusius  später  den 
König  und  seine  Töchter  zu  einem  Opfer  ein 
und  tötete  die  vor  dem  Vater  erschienenen 
Töchter.  Ihr  Blut  mischte  er  in  einem  Becher 
mit  Wein  und  gab  es  dem  später  kommenden 
Vater  zu  trinken.  Als  dieser  erfuhr,  was  ge- 
schehen, liefs  er  den  Mastusius  mit  dem  Becher 
ins  Meer  werfen.  Danach  hiefs  das  Meer  das 
Mastusische,  und  der  Hafen  hiefs  Crater.  Die 
Astronomen  aber  nahmen  den  Crater  unter  die 
Sternbilder  auf,  Phylarchos  bei  Hygin.  poet. 
astron.  2,  40.  Müller,  fragment.  histor.  gr.  1. 

р.  358.  [Stoll.] 

Demiurgos  (?)  s.  Demogorgon. 

Demo  (Ayyo)),  1)  = Ayyyxyg  (=  Ayyoyy- 
xygi  Rhein.  M.  37,  474ff.)  Suid.  s.  v.  Et.  M. 
s.  v.  Jyco.  Preller,  Demeter  und  Persephone 
S.  135.  368.  Jacobi,  Mythol.  Lex.  p.  176  Anm. 
schlägt  Hom.  li.  in  Cerer.  122  Ayyco  für  Jcog  vor. 
— 2)  Tochter  des  Keleos,  Königs  in  Eleusis, 
und  der  Metaneira,  Schwester  der  Kallidike, 
Kleisidike  und  Kallithoe,  Hom.  li.  in  Cerer.  109 

с.  not.  Baumeist.  Die  Namen  der  Schwestern 
hiefsen  anders  nach  Pamphos  b.  Paus.  1,  38, 
3.  — 3)  Name  der  kymäischen  Sibylle,  Hype- 
rochos  aus  Kyme  b.  Paus.  10,  12,  4.  [Stoll.] 

Demoauassa  s.  Demonassa. 

Demodike  (AyyoSUrf),  1)  von  Ares  Mutter 
des  Thestios,  Königs  in  Aitolien,  Schot.  Ap. 
Rh.  1, 146.  Bei  Apollod.  1,  7,  7 lieifst  sie  De- 
rnonike.  — 2)  Die  Stiefmutter  des  Phrixos  (s.  d.), 
welche  diesen  ohne  Erfolg  liebte  und  ihm  da- 
her nach  dem  Leben  strebte.  Pindar  in  den 
Hymnen  nach  Schol.  Pind.  Pyth.  4,  288.  Nach 
Hygin.  poet.  astr.  2 , 20  war  Demodike  Ge- 
mahlin des  Kretheus.  Da  Phrixos  ihrer  IAebe 
nicht  willfährig  war,  klagte  sie  ihn  bei  ihrem 
Gatten  ungebührlichen  Verlangens  an , und 
dieser  verlangte  nun  von  seinem  Bruder  Atlia- 
mas  den  Tod  des  Phrixos.  Nephele  entrückte 


io 

20 

30 

40 

50 

60 


987  Demoditas 

ihren  Sohn  durch  den  Widder.  [ — 3)  vgl.  C.  I. 
Gr.  7719  R.].  [Stoll.] 

Demoditas  (der  Name  ist  korrupt),  Tochter 
des  Danaos , vermählt  mit  dem  Aigyptiden 
Chrysippos,  Hygin.  f.  170.  [Stoll.] 

Demodoke  (drjy.o86y.rj),  Tochter  des  Agenor 
(Sohn  des  Pleuron),  welche  wegen  ihrer  aufser- 
ordentlichen  Schönheit  von  vielen  Königen 
umworben  ward,  Hesiocl  b.  Schol.  II.  14,  200. 
Schöl.  Od.  1 , 98.  Bei  Apollod.  1,7,7  heilst  i 
sie  Demonike , bei  Schol.  Ap.  Rh.  1 , 146  De- 
modike. [Stoll.] 

Demodokos  (drjyodor tos) , 1)  der  treffliche 
Sänger  der  Phaiaken  auf  Scheria  (6  Ksgyv- 
Qctrog,  Flut,  music.  3),  von  dem  Volke  hoch- 
geehrt (Od.  8,  472.  13,  27).  Die  Muse  liebte 
ihn  sehr , gab  ihm  jedoch  Gutes  und  Böses 
zugleich ; sie  beraubte  ihn  des  Augenlichts, 
verlieh  ihm  aber  den  süfsen  Gesang,  dafs  er 
die  Menschen  ergötzen  konnte,  wie  das  Herz  2 
ihn  zu  singen  antrieb , Od.  8 , 44.  62.  Als 
Odysseus  als  Gast  bei  dem  Phaiakenkönig 
Alkinoos  weilte,  sang  und  spielte  er  in  dem 
Hause  des  Königs  zum  Mahl;  er  sang  von 
dem  Streit  des  Odysseus  und  Achilleus  vor 
Troja,  Od.  8,  75,  er  sang  auf  des  Odysseus 
Wunsch , der  ihn  lobte  und  ehrte , von  dem 
hölzernen  Rofs  und  der  Zerstörung  von  Troja, 
wobei  Odysseus  die  wichtigste  Rolle  gespielt, 
V.  491  ff.,  er  sang  auf  dem  Markte  den  Jung-  3 
lingen  zum  Tanz  das  scherzhafte  Lied  von  der 
Liebe  des  Ares  und  der  Aphrodite,  266ff., 
(Athen.  1,  15d).  Am  Apollothron  zu  Amyklä 
war  er  abgebildet,  wie  er  zum  Tanze  der 
Phaiaken  die  Phorminx  spielte,  Paus.  3,  18,  7. 
Als  Beispiel,  wie  die  Sänger  als  Vertreter  der 
Weisheit  und  guter  Zucht  bei  den  Königen 
weilen,  führt  Paus.  1,  2,  3 aus  der  alten  Zeit 
den  Demodokos  und  den  Sänger  im  Hause  des 
Agamemnon  (s.  d.)  an.  Vgl.  Athen.  1,  14bc.  4 
— 2)  Der  Sänger,  welchen  Agamemnon  (s.  d.)  bei 
seiner  Abfahrt  nach  Troja  seiner  Gattin  zur  Seite 
gab,  dafs  er  sie  in  Zucht  und  guter  Sitte  er- 
halte , soll  auch  Demodokos  (oder  Chariades 
oder  Glaukos)  geheifsen  haben.  Der  Phalereer 
Demetrios  gab  an,  er  sei  ein  Lakonier  ge- 
wesen, Schüler  des  Automedes  von  Mykene 
und  des  Perimedes  von  Argos  und  habe  im 
pythischen  Wettkampf  als  Sänger  gesiegt. 
Agamemnon  habe  ihn  damals  (Od.  8,  79)  be-  5 
wogen,  ihm  nach  Mykene  zu  folgen.  Timolaos 
nennt  diesen  Sänger  einen  Bruder  des  Phe- 
mios,  welcher  der  Penelope  nach  Itliaka  als 
Hüter  gefolgt  sei,  Eustath.  u.  Schol.  zu  Od. 

3,  267.  — 3)  Ein  Gefährte  des  Äneas,  von 
Halesus  getötet,  Verg.  Aen.  10,  413.  [—  4)  vgl. 

C.  I.  Gr.  7381  R.]  ‘[Stoll.] 

Demogorgon  (?),  rätselhafter  Gott  (der  Ma- 
ger?) bei  Lactant.  z.  Stat.  Theb.  4,  516.  Vgl. 
Lobeck , Aglaopli.  597f.  Ob  aus  SrjyiovQyos  ent-  61 
standen?  Vgl.  Greuzer , Symb.3  4,  86.  Orph. 
fr.  6 u.  27  (ed.  Herrn.).  [Roscher.] 

Demokoon  (drjyoyocov) , 1)  Sohn  des  Hera- 
kles und  der  Megara,  mit  dieser  und  seinen 
Brüdern  von  Herakles  im  Wahnsinn  getötet, 
Tzetz.  Lylc.  38.  Bei  Apollod.  2,  7,  8 u.  andern 
heifst  er  Dei'koon , s.  Deikoon  Nr.  1.  — 2) 
Natürlicher  Sohn  des  Priamos,  „der  von  Aby- 


Demophon  988 

dos  ihm  kam  vom  Gestüt  leichtrennender 
Gäule“,  von  Odysseus  erlegt.  Er  war  der 
erste  von  den  Priamiden,  die  vor  Troja  fielen, 
II.  4,  499  u.  Schol.  Apollod.  3,  12,  5.  Tzetz. 
Homeric.  41.  Strab.  13  p.  585.  [Stoll.] 
Deinokratia  (drjyoyQDctLa) , dargestellt  in 
einem  Gemälde  des  Euphranor:  Paus.  1,  3,  3; 
Brunn,  Künstler g.  2,  183.  Vgl.  AthenaDemokra- 
tia  ü.  I.  A.  3, 165.  S.  auch  Demos.  [Roscher.] 
0 Demoleon  (dyyoUcov),  1)  ein  Troer,  Sohn 
des  Antenor  und  der  Theano,  von  Achilleus 
erlegt,  II.  20,  395.  — 2)  Ein  Grieche  aus  Lako- 
nien,  Sohn  des  Hippasos,  Genosse  des  Mene- 
laos, von  Paris  erschossen,  Quint.  Sm.  10, 119. 
— 3)  Sohn  des  Deimachos,  Plut.  Lucull.  23. 
Bei  Ap.  Rh.  2,  956  heifst  er  Deileon.  S.  Dei- 
machos  N.  3.  — 4)  Ein  Kentaur,  auf  der  Hoch- 
zeit des  Peirithoos  von  Theseus  erlegt,  Ovid. 
Met.  12,  355 ff.  — 5)  Unter  den  athenischen 

0 Jünglingen,  welche  von  Theseus  aus  dem 
Labyrinth  befreit  wurden,  heifst  bei  Serv.  Verg. 
Aen.  6,  21  einer  Demolion,  wofür  Demoleon 
zu  schreiben  sein  wird.  __  [Stoll.] 

Demoleos,  ein  von  Äneas  am  Simois  er- 
legter Grieche,  dessen  Panzer  er  bei  den  Lei- 
chenspielen des  Anchises  als  Preis  aussetzte, 
Verg.  Aen.  5,  258ff.  [Stoll  ] 

Demon  (drjycov),  Satyr;  Ileydemann,  Satyr- 
und  Bakchennamen  32  u.  36.  [Roscher.] 
a Demonassa  (drjyrovaooci) , 1)  Gemahlin  des 
Iros,  Mutter  der  Argonauten  Eurydamas  und 
Eurytion,  Hygin.  f.  14;  vgl.  Ap.  Rh.  1,  74  u. 
Schol.  Ap.  Rh.  1,  71.  Nach  Ap.  Rh.  1,  67  ist 
Eurydamas  Sohn  des  Ktimenos,  vergl.  Hygin. 
a.  a.  0.  — 2)  Von  Adrastos  Mutter  des  Aigia- 
leus,  Hygin.  f.  71.  — 3)  Tochter  des  Amphia- 
raos  und  der  Eriphyle,  Gemahlin  des  Thersan- 
dros,  Mutter  des  Tisamenos,  Paus.  9,  5,  8.  Am 
Kasten  des  Kypselos  abgebildet,  Paus.  5,  17, 

1 4.  — 4)  Gemahlin  des  Poias,  Mutter  des  Phi- 
loktetes,  Hygin.  f.  97.  102.  — 5)  Gemahlin 
des  Hippolochos,  eines  Sohnes  des  Bellerophon, 
Mutter  des  Glaukos,  des  lykischen  Bundesge- 
nossen der  Troer,  Schol.  II.  6,  206.  [Stoll.J 

Demonike  (ArjyovCyrj),  1)  Tochter  des  Age- 
nor, des  Sohnes  des  Pleuron,  und  der  Epikaste, 
einer  Tochter  des  Kalydon,  von  Ares  Mutter 
des  Euenos,  Molos,  Pylos  und  Thestios,  Apol- 
lod. 1,  7,  7.  S.  Demodoke  u.  Demodike.  [—  2) 

) vgl.  C.  I.  Gr.  7719  R.]  [Stoll.] 

Demophile  (Jrjyocpilrj),  Tochter  des  Danaos, 
vermählt  mit  dem  Aigyptiden  Pamphilos,  Hy- 
gin. f.  170.  [Stoll.] 

Demoplion  (drjyocpcov,  dyyoyocov),  1)  Sohn 
des  eleusinischen  Königs  Keleos  und  der  Meta- 
neira,  welchen  Demeter,  als  sie,  die  geraubte 
Tochter  suchend,  nach  Eleusis  gekommen  und 
unerkannt  in  die  Dienste  der  Metaneira  getre- 
ten war , nährte  und  pflegte.  Durch  ihren 
) göttlichen  Anhauch  und  die  geheime  Läute- 
rung im  Feuer  hätte  sie  das  Kind  unsterblich 
gemacht,  wenn  nicht  Metaneira  durch  ihre 
neugierige  Dazwischenkunft  ihr  Werk  unter- 
brochen hätte.  Als  die  Mutter  ihr  Kind  im 
Feuer  liegen  sah  und  laut  aufschrie,  legte 
Demeter  unwillig  den  Kuaben  vor  sich  aul 
die  Erde  und  gab  sich  als  Göttin  zu  erkennen. 
So  behielt  Demophon  seine  sterbliche  Natur; 


989  Demophoü 

weil  er  aber  auf  dem  Scliofse  und  in  den  Armen 
der  Göttin  geruht,  ward  ihm  eine  unvergäng- 
liche Ehre  zuteil.  Hont.  li.  in  Cerer.  219  0'.  S.  De- 
meter (unter  Persephone).  Später  ward  Demo- 
phon in  der  eleusinischen  Sage  ganz  von  Tripto- 
lemos  verdrängt,  und,  was  jenem  zukam,  wurde 
auf  diesen  übertragen.  Darum  erzählte  man, 
um  dem  Triptolemos  Platz  zu  machen,  Demo- 
phon sei  bei  der  Feuerläuterung  verbrannt, 
ApoUod.  1,  5, 1.  Preller , Demeter  u.  Perseph.  109. 
288.  Gr.  Myth.  1,  635.  Gerhard,  Gr.  Myth.  1. 
§ 432,  2.  Welcher,  Z.  f.  alte  Kunst  129.  Momm- 
sen,  Heort.  239.  Aum.  2.  Mannhardt,  W.- u.  F.  69. 
Von  den  Athenern  wurde  ein  Fest  ßaXXipv g 
zu  Ehren  dieses  Demophon  gefeiert,  Mommsen, 
Heort.  265.  — 2)  Sohn  des  Theseus  und  der 
Phaidra,  der  Tochter  des  Minos,  Bruder  des 
Akamas,  König  von  Athen , Diod.  4,  62.  Hy- 
gin.  f.  48.  Eurip.  Heracl.  213.  Nach  Schol. 
Od.  11,  321  waren  Demophon  und  Akamas 
Söhne  des  Theseus  und  der  Ariadne.  Pindar 
nannte  den  Demophon  Sohn  des  Theseus  und 
der  Amazone  Antiope  (statt  des  Hippolytos), 
Flut.  Thes.  28.  Im  ersten  Jahre  der  Regie- 
rung des  Demophon  (oder  im  4 Jahre,  Lysi- 
mach,  Alex.  b.  Schol.  Eurip.  Hec.  892.  Mül- 
ler, fr.  hist.  gr.  3 p.  340  fr.  20),  im  18.  Jahre 
der  Regierung  des  Agamemnon  soll  Troja  ge- 
nommen worden  sein,  Dionys.  Argiv.  b.  Euseb. 
Praep.  evang.  10,  12  p.  498  B ( Müller , fr.  hist, 
gr.  1 p.  65,  143).  Vgl.  Clem.  Alex.  Strom.  1. 
p.  321 D.  Die  Brüder  Demophon  (Volksheil) 
und  Akamas  (d.  Unermüdliche)  bezeichnen  in 
ihren  Namen  die  Eigenschaft  ihres  Vaters  als 
unermüdlichen  Kämpfers  für  das  Heil  des  Vol- 
kes. Homer  kennt  beide  nicht;  aber  der  attische 
Patriotismus  hat  sich  bemüht,  sie  in  die  troische 
Sage  einzuführen,  anknüpfend  an  II.  3,  144, 
wo  Aithra,  die  Tochter  des  Pittheus,  die  Mut- 
ter des  Theseus , als  Dienerin  der  Helena  in 
Troja  genannt  wird.  S.  Aithra.  Aber  die  Alten 
nahmen  schon  Anstofs  an  dem  Vers;  sie  er- 
klären ihn  entweder  für  unecht,  oder  nehmen, 
wenn  er  echt  ist,  eine  jüngere  Aithra  an. 
|S.  Schol.  z.  d.  St.  Flut.  Thes.  34.  Von  den 
Kyklikern  hat  zuerst  Arlctinos,  der  milesisch- 
attische  Dichter,  in  seiner  Iliupersis  die  bei- 
den Theseiden  in  die  troische  Sage  hereinge- 
igezogen; er  erzählte  von  der  Befreiung  der 
Aithra  aus  ihrer  Knechtschaft  durch  ihre  Enkel, 
Welcher,  Ep.  Cylclus  2,222.528.  Als  Theseus, 
durch  Menestheus  aus  Athen  vertrieben,  sich 
nach  Skyros  zurückzog,  schickte  er  seine  bei- 

Iden  Söhne  heimlich  nach  Euboia  zu  Elephenor 
II.  2,  540),  Chalkodons  Sohn,  und  mit  die- 
sem zogen  sie  als  gemeine  Krieger  gen  Troja, 
Plut.  Thes.  35.  Oder  sie  gingen  mit  Mene- 
theus  (II.  2,  552)  nach  Troja,  blos  in  der  Ab- 
ncht,  Aithra  zurückzuholen,  Hellanic.  (fr.  75 
Müller,  fr.  hist.  gr.  1.  p.  55)  bei  Schol.  Eurip. 
Mecub.  119.  Sie  hatten  einen  besonderen  An- 
eil an  der  Eroberung  und  Zerstörung  von 
l’roja  (beide  waren  im  hölzernen  Rofs,  Quint, 
ßmyrn.  12,  325.  Trypliiod.  177.  Tzetz.  Posthorn. 
>47;  vgl.  Paus.  1,  23,  10)  und  fanden  und  er- 
:annten  bei  dieser  Gelegenheit  ihre  Grofmut- 
er,  während  sie  verzweifelt  in  den  Strafsen 
mherirrte;  oder  sie  war  in  das  griechische 


Demophon  990 

Lager  geeilt  und  wurde  von  Agamemnon,  nach- 
dem Helena  in  ihre  Freigebung  gewilligt,  ihren 
Enkeln  übergeben,  die  sie  mit  sich  in  die  Hei- 
mat nahmen.  Lesches  und  das  Bild  des  Poty- 
gnot  b.  Paus.  10 , 25 , 3.  Quint.  Smyrn.  13, 
496  01.  Lysimach.  Alex.  (fr.  19  Müller,  fr.  hist, 
gr.  3.  p.  340)  bei  Schol.  Vat.  u.  Neap.  in  Eu- 
rip. Troad.  31;  vgl.  Dilctys  5,  13.  Tzetz.  Lylc. 
495.  Overbeck,  Gail.  her.  Bildw.  S.  618.  621. 
3 632  0’.  [Vergl.  C.  I.  Gr.  7746.  8154.  8487  (?). 
Brunn,  Künstlergeschichte  2,  40.  Roscher], 
Schon  vor  dem  Kriegszug  gegen  Troja  soll 
Akamas  oder  Demophon  (denn  beide  wer- 
den öfter  verwechselt)  mit  Diomedes  dorthin 
geschickt  worden  sein,  um  Helena  zurückzu - 
fordern  (Tzetz.  Antehom.  156).  Er  zeugte  da- 
mals heimlich  mit  Laodike,  einer  Tochter  des 
Priamos,  den  Munitos  (oder  Munychos),  wel- 
cher in  Troja  von  Aithra  auferzogen  und  nach 
i der  Zerstörung  von  Troja  von  dem  Vater  mit- 
genommen wurde.  Er  starb  aber  unterwegs 
in  Thrakien  durch  einen  Schlangenbifs , Plut. 
Thes.  34.  Tzetz.  Lyk.  495;  vgl.  Parthen.  Nie. 
Erot.  16.  — Nach  dem  Kriege  gingen  Demo- 
phon und  Akamas  nach  Athen  zurück  und  er- 
langten dort,  da  Menestheus  vor  Troja  den 
Tod  gefunden,  den  Thron  des  Vaters;  sie  teil- 
ten die  Herrschaft  durchs  Los,  Plut.  Thes.  35. 
Eurip.  Heraclid.  35  [vergl.  C.  I.  Gr.  2374, 
i 41  R.].  Auf  der  Rückkehr  von  Troja  hatte 
Demophon  (oder  Akamas,  Lukian ) in  Thra- 
kien in  der  Gegend  von  Amphipolis  sein  Liebes- 
abenteuer mit  Phyllis  (s.  d.),  der  Tochter  des 
Königs  Sithon,  Hygin.  f.  59.  243.  Lukian  de 
salt.  40.  Sero.  Ecl.  5,  10.  Ovid.  Her.  2.  A.  A. 
3,  38.  Myth.  Vat.  1,  159.  2,  214.  Plin.  N.  H. 
16,  108.  Pallad.  de  insit.  v.  61.97.  149.  Mann- 
hardt, W.-u.  F.  21.  — Ihrem  König  Demophon 
verdankten  die  Athener  den  Besitz  des  Palladions, 
i Diomedes  und  Odysseus,  die  es  aus  Troja  ge- 
raubt, sollen  es  freiwillig  dem  Demophon  zur 
Aufbewahrung  übergeben  haben,  Dionys.  Bhod. 
(fr.  5 Müller,  fr.  hist.  gr.  2.  p.  9)  bei  Giern. 
Alex.  Protr.  c.  4.  p.  14,  11  Sylb.  Oder  es 
wurde  dem  Diomedes  oder  den  Argivern , die 
man  sich  auch  wohl  von  Agamemnon  ange- 
führt denkt,  als  sie  in  der  Nacht  im  Hafen 
Phaleron  landeten  und  das  Land,  das  sie  für 
ein  anderes  hielten , plünderten,  von  dem  zur 
Abwehr  herbeieilenden  Demophon  abgenom- 
men, wobei  einige  der  Argiver,  die  man  nicht 
erkannt  hatte,  und  auch  ein  Athener  unabsicht- 
lich getötet  wurden.  Da  Agamemnon  und  die 
Argiver  zürnten,  oder  die  Anverwandten  des 
getöteten  Atheners  oder  das  athenische  Volk 
den  Demophon  anklagten,  so  unterwarf  sich 
Demophon  einem  Gericht,  das  zu  diesem  be- 
sonderen Zweck  damals  veranstaltet  wurde. 
Damit  ward  für  Athen  der  Gerichtshof  ini 
ncdladico  gestiftet,  der  über  unvorsätzlichen 
Mord  richtete.  Das  troische  Bild  stand  bei 
dem  Gerichtshof,  Kleitodem.  u.  Phanodem.  bei 
Suid.  tni  IlalXaöiü]  (Müller,  fr.  hist.  gr.  1. 
p.  361.  fr.  12  u.  p.  368  fr.  14).  Eustath.  Od. 
p.  1419.  Paus.  1,  29,  9.  Lysias  b.  Schol.  Ari- 
stid.  p.  320  Ddf.  Clem.  Alex.  Protr.  p.  42  P., 
Polyaen  1,  5.  Harpocr.  Et.  M.  Phavor.  Hesych. 
ini  HaXlaäiüi.  Apostol.  8,  42.  0.  Müller,  Ae- 


991  Demoptolemos  Dervones  992 


schyl.  Eum.  p.  155.  Hermann,  gr.  Staatsaltert. 
§ 101,  10.  Mommsen,  Heortöl.  432.  — Zur  Zeit 
des  Demophon  kam  der  mordbefleckte  Orestes 
nach  Athen,  und  Demophon  nahm  ihn  freund- 
lich auf.  Damals  wurde  gerade  zu  Athen  ein 
bakchisches  Fest  gefeiert.  Da  Orestes  noch 
nicht  gesühnt  war,  so  liefs  ihn  Demophon  am 
Opfer  nicht  teilnehmen  und  befahl  die  Heilig- 
tümer zu  schliefsen;  er  liels  aber  jedem  ein- 
zelnen eine  Kanne  mit  Wein  vorsetzen,  mit 
dem  Versprechen,  dem,  der  zuerst  ausgetrun- 
ken, einen  Kuchen  zu  schenken.  Die  Kränze, 
welche  die  Feiernden  getragen,  verbot  er  zu 
den  Heiligtümern  zu  bringen,  weil  sie  (bei 
dem  Trinkgelage)  mit  Orest  unter  Einem  Dache 
gewesen;  jeder  solle  vielmehr  den  Kranz  um 
seine  Kanne  winden,  und  so  sollten  die  Kränze 
zu  der  Priesterin  des  Heiligtums  Iv  Alyvcag 
getragen  und  dann  erst  die  Festfeier  vollendet 
werden.  Seitdem  soll  das  Fest  Voss,  das  Kan- 
nenfest, genannt  worden  sein ; es  war  der  zweite 
Tag  der  Anthesterien , Phanodemos  b.  Athen. 
10,  437  c.  Plut.  sympos.  2,  10;  vgl.  Tzetz.  Lylc. 
1374.  Nicol.  Dam.  fr.  50  ( Müller , fr.  hist.  gr. 
3.  p.  386).  Alarm.  Par.  epoch.  25  (—  C.  I. 
Gr.  2374,  41).  Mommsen,  Heortologie  345 ff, 
356 ff.  361  ff.  Hermann,  Gottesdienstl.  Altert. 
§ 58,  10 ff.  — Während  der  Regierung  des 
Demophon  kamen  auch  die  von  Eurystheus 
verfolgten  Herakliden  nach  Attika  und  fan- 
den Hilfe  bei  ihm  gegen  Eurystheus , der  in 
der  Schlacht  gegen  Demophon  und  die  Hera- 
kliden fiel , Pherekyd.  b.  Anton.  Lib.  c.  33 
(fr.  39  Müller,  fr-  liist.  gr.  1.  p.  82).  Eurip. 
Heraclidae.  — Demophon  hatte  zu  Athen  ein 
Heiligtum,  Mommsen,  Heort.  432.  Nach  Tzetz. 
Lylc.  495  behaupteten  manche,  er  sei  mit  sei- 
nem Bruder  Akamas  nach  Kypros  gegangen. 
In  Athen  folgte  ihm  auf  dem  Thron  Oxyntes, 
diesem  Thymoites , Nicol.  Dam.  a.  a.  O.  — 
Preller,  Gr.  Myth.  2,  465.  Gerhard,  Gr.  Myth. 
2.  § 782.  Etrusc.  u.  camp.  Vasen  t.  12.  Arcli. 
Ztg.  1848  n.  17.  Puckert,  Athenadienst  29  f. 
Paucker , att.  Palladion  S.  16,  72.  Brunn , 
Kü/nstlerg.  2,  40.  — 8)  Sohn  des  Hippomedon 
N.  1,  w.  m.  s.  — 4)  Gefährte  des  Aineias,  von 
Camilla  getötet,  Verg.  Aen.  11,  675.  [Stoll.] 

Demoptolemos  (AryiOTitolsyog) , ein  Freier 
der  Penelope,  von  Odysseus  getötet,  Od.  22, 
242.  266.  [Stoll.] 

Demos  (Arjgog),  öfters  bildlich  dargestellt, 
z.  B.  von  Lyson,  Leochares,  Aristolaos,  Eu- 
phranor,  Parrhasios.  S.  die  Belege  b.  Brunn , 
Künstler gesch.  1,  387.  438.  558.  2,  99.  109ff. 
Müller,  Handb.  d.  Arch.  405,  4.  Friedländer- 
Sallet,  Miinzk.  Berlin 2 n.  685  ff.  (?).  Kult  in 
Athen:  C.  1.  A.  3,  265.  661.  Vgl.  auch  Demo- 
kratia.  [Roscher.] 

Demuclios(zl?jpoi5^os),  ein  Troer,  Sohn  des  Phi- 
letor, von  Achilleus  getötet,  II.  20,  457.  [Stoll.] 

Dendritis  (Asvdgizig),  1)  Beiname  der  Helena 
auf  Rhodos,  wo  sie  als  solche  ein  Heiligtum 
hatte.  Die  Rhodier  erzählten,  nach  dem  Tode 
des  Menelaos,  während  Orestes  noch  umher- 
irrte, sei  Helena,  von  Nikostratos  und  Mega- 
penthes , den  unehelichen  Söhnen  des  Mene- 
laos, verfolgt,  nach  Rhodos  gekommen,  da  sie 
mit  Polyxo  (Philozoe  b.  Tzetz.  Lylc.  911.  Phi- 


lixo  haben  die  Hss.  b.  Polyaen.  Struteg.  1, 13),  der 
Gemahlin  des  Tlepolemos,  befreundet  gewesen. 
Denn  auch  Polyxo  war  von  Geburt  eine  Argi- 
verin,  hatte  den  Tlepolemos,  noch  ehe  er  aus 
Argolis  floh,  geheiratet  und  ihn  dann  auf  der 
Fahrt  nach  Rhodos  begleitet.  Hier  hatte  sie 
nach  dem  frühen  Tod  ihres  Gemahles  vor  Troja 
(II.  5,  655)  während  der  Minderjährigkeit  ihres 
Sohnes  die  Herrschaft  über  die  Insel.  Als 
io  Helena  zu  ihr  kam,  wollte  sie  den  Tod  ihres 
Gatten  an  ihr  rächen  und  schickte  daher,  wäh- 
rend sie  im  Bade  war,  Dienerinnen  gegen  sie 
ab , welche  als  Erinyen  verkleidet  waren. 
Diese  erdrosselten  sie,  indem  sie  dieselbe  an 
einem  Baume  aufhängten.  Deshalb  haben  die 
Rhodier  ein  Heiligtum  der  Baumhelena,  Paus. 
3,  19,  10;  vgl.  Ptolem.  Heph.  p.  189  Western., 
nach  welchem  das  Kraut  Helenion , welches 
Helena  gegen  den  Schlangenbifs  gepflanzt 
20  haben  sollte  (Aelian  N.  H.  9,  21.  Hesych.  v. 
'Eltviov ),  unter  dem  Baume  der  Helena  wuchs,  j 
Heffter,  die  Gottesd.  auf  Phodos  3,  72  ff.  Preller,  | 
Gr.  M.  2,  110.  [Mannhardt,  W-  u.  F.  22.  j 
— 2)  Baumnymphe:  Agath.  46.  R.]  [Stoll.] 
Deo  (Agco)  — Demeter  (s.  Persephone). 
Deoine  s.  Deione  2. 

Depidius  s.  Caeculus. 

Derceimus,  ein  alter  König  der  Aboriginer, , 
nach  Einigen  identisch  mit  Latinus,  Verg.  Aen.  \ 
30  11,  850.  Serv.  s.  Heyne  z.  d.  St.  Preller,  Gr., 
Myth.  2,  213  Anm.  4.  [Stoll.] 

bereites  (Agguzgg),  Sohn  des  Harpalos,  eines 
Sohnes  des  Amyklas,  Vater  des  Aiginetes,  Paus. 
7,  18,4.  Nach  Paus.  3,  1,  3 heilst  der  älteste  ! 
Sohn  des  Amyklas  Argalos.  [Stoll.] 

Deriades  (AggiuSg g),  Gegner  des  Dionysos,' 
s.  Blemys.  [Schultz.] 

Derimaclieia  (Aggiyu%nci) , Amazone,  vor 
Troia  von  Diomedes  erlegt,  Quint.  Smyrn.  1, 
40  45. ‘260.  [Stoll.] , 

Derioue  (Aggiovg),  Amazone,  vor  Troja  von 
Aias  dem  Lokrer  erlegt,  Quint.  Smyrn.  1,  42. 
258.  [Stoll.] 

Derke  (Asg^g),  nach  Tlxeon  zu  Arat.  Phaen. 
239  eine  syrische  Göttin  und  Tochter  der 
Aphrodite , welche  bei  einem  Sturz  ins  Meer  j 
von  den  Söhnen  des  grofsen  T^thlg  (s.  d.)  ge- 
rettet wurde.  Zu  Ehren  derselben  enthielten 
sich  deshalb  die  Syrer  des  Genusses  der  Fische. 
50  Sicherlich  ist  Aigv.g  mit  Asgxszco,  ’Azccgyau g 
identisch,  siehe  oben  S.  653,  67.  [Steuding. j 
Derketo  ( Asg-nszco ) = Atargatis;  s.  Astarte. 
Derkynos  (Asgxvvog) , Sohn  des  Poseidon, . 
Fürst  der  Ligurer,  der  mit  seinem  Bruder  Ale- 
bion  den  mit  den  Rindern  des  Geryones  durch 
Ligurien  ziehenden  Herakles  angreift,  um  ihm 
seine  fetten  Rinder  zu  nehmen.  Herakles  tötete 
beide  und  zog  dann  durch  Tyrrhenien  weiter. 
Apollod.  2,  5,  10.  Pompon.  Mela  2,  5 nenn! 

60  diese  Söhne  Poseidons  Albion  und  Bergyosjl 
(s.  d.) , Tzetz.  Chil.  2,  341 : Derkinnos  u.  Ale- 
bion,  Tzetz.  Lylc.  649:  Alebion  und  Ligys.  . 
s.  Herakles,  Bergbaus  u.  Alebion,  Heyne  z. 
Apollod.  a.  a.  O.  Preller , Griech.  Mythol.  2, 
213.  [Stoll.]  [7-  [Stoll.  i 

Dero  (Aggd),  eine  Nereide,  Apollod.  1,  2. 
Dervones  und  Dervonnae,  erstere  als  fa- 
tae  (fata?) , letztere  als  matronae  bezeichnet,  , 


Genealogische  Tafel  des  Iapetiden-Gcsclileclits. 

(Zum  Artikel  Deukaliou.) 


Iapotos  (Sohn  d. 
Uranos  und  d. 
Ge,  Gemahl  d. 
Klymene  oder 
Asia) 


Epimetheus  Pyrrlia 
(Pandora) 


(Melantho?) 


Pandora 

(Zeus) 


Protogeneia 

(Lokros) 

v.  Zeus 


Ampbiktyon 


Grailcos 


Opus 


Aethlios 
(s.  Kalyke) 


Propi  etheus 
(Klymene) 


Menoitios 


Atlas 

a)  von  Pleione 
Apd.  3,  10,  1 
oder  v.  Hesperis 
Diod.  4,  27 


Deukaliou  \ Hellen 

(ux.  Pyrrka)  ’ (Orseis) 


Merope  (verm. 
m.  Sisyphos) 

Sterope  IT.  von  Oinomaos 
Ares  (Hyg.  Poet.  Astr. 

2,  21. 


•erimede  j Orestes 
(Acheloos)  [ Hippodamas 


Eurykyde  (Posei-  f Eleios 
dou)  \ 


Kalyke 

(Aethlios) 


Endymion 


Peisidike  f Aktor 
(Myrmidon)  \ Antiphos 


Paion 

Aitoloa 

Epeios 

Eurytion 


{Kalydon 
(Aiolia) 
Pleuron 

(Xanthippe) 

Hyrmiue 


Augeas 

[ Protogeneia  Ares  Oxylos 

Demonike 


Epikaste 


| Agenor 


Laophonte 

Stratonike 

Sterope 


Alkyone 

(Keyx) 

Kanake 

(Poseidon) 


Perieres 

(Gorgo- 

phone) 


Deion 

(Diomede) 


Salmoneus 

(Alkidike) 

(Nephele) 

Athamas 

(Ino) 


Sisyphos 

(Merope) 


( Triopas 

Aloeus  (ux.  Iphi-  f 
I medeia)  \ 

I Epopeus 
Nireus 

l Hopleus  I 

Ilkarios  j 

Tyndareos  (Leda ) 
v.  Zeus)  I 

Leukippos1)  ' 

Aphareus2) 

f Diktys 
\ Polydektes 

( Kephalosux.Pro- 
kris) 

I Phylakos 
| Ainetos 
Asteropeia 
l Aktor 

\ Tyro 

1 (s.  Kretheus) 

[ Melikertes 
' Learchos 

, Helle 
( Phr  ix  os 

{Haimos 
Thersandros 
Ornytion 
Glaukos 


Otos 

Ephialtes 

Polydeukes 

Kastor 

Klytaininostra 

Helena 

Timandra  (verm. 

an  Echemos) 
Philonoe 


(Ares) 


Porthaon 

(Euryte) 


Euandros  (Serv. 
Yerg.Aen.S,  33G) 


J ux.  Leukippe) 
Thestios  \ od.  Laophonte? 

od.  Deidameia 

Pylos 

Molos 


Buenos 

Sterope 

(Achelooa) 

Leukopeua 

Melas 

Alkathooa 


Hypermnestra 

(Oikles) 

Althaia  (s.  Oi- 
neus) 

Leda  (s.  Tynda- 
reos) 

Eurypylos 
Plexippos 
Euippos 
»Iphiklos 
Marpessa  (Idas) 
j Seirencn , Apol- 
l lod.  1,  7,  lü) 


Agrios 


Oineus 


IMelanippoa 
Leukopeus 
Keleutor 
1 Prothoos 
I Onchestos 
l Thersites 
1)  ux.Perihoia  (Tydeus 
) (Deipyle) 


2)  ux.  Althaia 


Menoitios 

(Stheuele) 


Meleager 

Deianeira 

(Herakles) 

Gorge 

(Andraimon) 
Klymenos 
Thyreus 
^ Toxeus 


Iasion 


b)  von  Aithra  J 


c)  von  Sterope 
Serv.  Yergil. 
Aen.  8,  130 


Die  übrigen  Ple- 
jaden  (Elektra < 
u.  Zeus) 

Die  Hyaden 
Die  Hesperiden 

j Darclanos 
' ux.  Bateia 

(Oinomaos) 

Maia  (v.  Zeus)  Hermes 


Ai  olo  s , 

(Enarete)  \ Kretheus 
l (Tyro) 


{Diomede 
Achaio  s 
Ion 


( Ilos  I 


Poseidon  u. 
Tyro 


Erichtho- 

nios 


Tros 

v.  Kallirrlioe 


Phercs 

(Periklymene) 


Amythaon 

(Eidomene) 


Aison 

(ux.  Polymede) 


P eli  as 
(ux.  Anaxibia) 


Neleus 

(Chloris) 


IKleopatra 
Ilos  II 

I Assaralcos 
Ganymedes 


( Bellerophon- 
\ t e s 

I Periapis  f. 
Eidomene 
(s.  Amythaon) 
Lykurgos 
Admetos  j 

(ux.  Alkestis)  I 

{Aiolia  (s.  Kaly- 
don) 

Melampus 

Bias 

Iason 

’iLuadue  (Diodor 
4,  53). 

Akastos 
Peisidike 
Pelopeia 
Hippothoe 
Alkestis  (s.  Ad- 
metos) 


I Nestor 
l ux.  Eurydike 
Anaxibia 


I Laomcdon 


Perimeie  (Argos)  Magnes  (Ant.Lib. 
Eumelos  23.  Müller,  Or- 

chom.  p.  457). 


Sterope 

Aktor 

Sthenele  (s.  Me- 
noitios) 
Laodameia 


Thrasymedes 

Antiloclios 

Peisistratos 

Echephron 

Aretos 

Stratios(od.  Stra- 
tichos) 

Perseus 

Polykaste 

Peisidike 


| Hesione 
j Priamos 


Amphiaraos 


Diomcdet 


Hyllo8 


J)  Töchter  dos  Leukippos:  Phoibe, 
Hilacira,  Arsiuoc. 

2)  Söhne  des  Apharcus:  Idas,  Lyn- 
kous,  Peisos. 


Roscher,  Lexikon  der  gr.  u.  röm.  Mythol. 


993 


Desmontes 


Deukalion 


994 


auf  einer  Inschrift  aus  Calvazesium  in  der  Ge- 
gend von  Brixen,  C.  I.  L.  5,  4208:  Fatis  Der- 
vonibus  v.  s.  I.  in.  M.  Rufnius  Severus  und  einer 
solchen  aus  Mailand,  5,  5791:  Matronis  Der- 
vonnis  G.  Rufnius  Apronius  v.  s.  I.  in.  — Grimm, 
D.  Mythol.3  1 , 388  identificiert  wohl  rich- 
tig die  fatae  (oder  fata)  mit  den  matronae, 
so  dafs  die  Dervones  nicht  von  den  Dervon- 
nae  verschieden  sein  dürften.  Labus  inarm. 
Rresc.  p.  101  stellt  die  letzteren  mit  einem 
Dorfe  Dervo  im  Mailändischen  zusammen; 
wahrscheinlich  dürfte  der  Stamm  dam,  deru 
cambr.  dertv  Eiche  (Fick,  vergl.  W.  1 , 616. 
Zeufs,  gr.  C.  p.  7)  in  beiden  Namen  enthalten 
sein  (=  celtische  Aqvixös g).  Vgl.  Derva  C.  1. 
L.  3,  3405,  Dervonia  3,  3659.  Über  die  Ab- 
leitungssilbe -on , -oiin  s.  Zeufs  a.  a.  0. 
p.  773  f.  [Steuding.] 

Desmontes (?).  Hygin.f.  186  nennt  die  Me- 
lanippe,  von  Poseidon  Mutter  des  ßoiotos  und 
Aiolos,  Desmontis  filiam  sive  Aeoli,  ut  alii 
poetae  dicunt.  Die  Fabel  enthält  den  Inhalt 
der  euripideischen  Tragödie  MiXctvinnr]  dso- 
[Ußrig  ( Welcher , Griech.  Trag.  2,  850 ff.  Nauck, 
trag.  gr.  fragm.  p.  408  ft'.),  und  wahrscheinlich 
hat  Hygin,  durch  eine  Überschrift  m-gl  MtXa- 
vCnngg  zgg  öeagcoziöog  verleitet,  irrtümlich  die 
Melanippe  zu  einer  Tochter  des  Desmontes  ge- 
macht (s.  Aiolos).  [Stoll.] 

Desos  (Asoog,  v.  1.  Asvaog),  ein  Sohn  des 
Kyklopen  Arges  und  der  Nymphe  Phrygia  (?), 
gründete  mit  seinen  Geschwistern  Atron  und 
Atrene  die  Stadt  Atrene  (Philosteph.  bei  Steph. 
Byz.  s.  v.  ’AzQrivg).  Vgl.  Deusos.  [Steuding.] 

Despoina  (ÄeonoLvu) , Herrin , hehre  Gebie- 
terin, sowohl  von  menschlichen  Frauen  (von 
der  Hausfrau  im  Gegensatz  zum  Gesinde,  Od. 

14,  127;  bei  den  Doriern  und  Thessalern  ehrte 
mit  diesem  Namen  der  Mann  seine  Frau,  Mül- 
ler, Dorier  1,  5.  2,  287)  als  auch  von  Göttin- 
nen verschiedener  Art.  gebraucht;  so  von  Aphro- 
dite Theokr.  Id.  15,  100,  von  Nymphen  Kal- 
lim.  fr.  126  Blomf. , Artemis  Sopli.  El.  626 
( Preller , Gr.  Myth.  1,  243),  Athene  Aristoph 
Equ.  763,  Kybele  Aristoph.  Av.  877.  Serv.  Acn. 
3,  113,  Hekate  Acschyl.  fr.  378  Nauck,  Deme- 
ter Aristoph.  Thesin.  286,  Persephone  Horn.  h. 

j in  Cer.  366.  Serv.  a.  a.  0.  Plat.  leg.  7,  796  b 
\r]  nag  ggiv  nogg  ntxl  (ttanoiva),  Demeter  und 
Persephone  zusammen  Jsanoivca , die  in  der 
Altis  zu  Olympia  einen  Altar  hatten  und  mit 
weinlosen  Spenden  geehrt  wurden , Paus.  5, 

15,  3.  6.  Besonders  wurde  Persephone  als 

Despoina  in  Arkadien  verehrt,  wo  sie  für 
sine  Tochter  der  Demeter  (Erinys)  und  des 
Poseidon  (Hippios)  galt  [vergl.  auch  Kaibcl, 
Epigr.  Gr.  1026,  3.  R.];  sie  hatte  aber  auch 

■ och  einen  geheimen,  mystischen  Namen,  den 
Pausanias  sich  zu  nennen  scheut,  Paus.  8,  37, 
>■  25,  5.  42,  2.  Ein  ausgedehntes  ehrwürdiges 
Heiligtum  derselben  befand  sich  zwischen  Ly- 
tosura  und  Akakesion  unweit  Megalopolis. 
^or  dem  Eingang  des  Peribolos  stand  ein 
’empel  der  Artemis  Hegemone  und  ein  eher- 
les  Bild  derselben  mit  Fackeln  in  der  Hand; 
or  dem  Eingang  des  Tempels  der  Despoina 
varen  drei  Altäre  (der  Demeter,  Despoina  und 
er  grofsen  Mutter  der  Götter).  In  der  Cella 

Koscher,  Lexikon  der  gr.  u.  rom.  Mythol. 


des  Tempels  sah  man  das  Doppelsitzbild  der 
Demeter  und  Despoina:  Demeter,  eine  Fackel 
in  der  Rechten,  die  Linke  um  den  Nacken  der 
Tochter  gelegt,  die  mit  der  Rechten  die  auf 
ihrem  Schofse  stehende  mystische  Kiste,  in  der 
Linken  ein  Scepter  hielt.  Neben  Demeter  stand 
noch  Artemis , neben  Despoina  Anytos , nach 
der  Lokaltradition  ein  Titane,  der  die  Des- 
poina erzogen  haben  sollte.  Höher  als  der 
Tempel  stand  das  sog.  Megaron,  ein  zu  Opfern 
und  Weihungen  bestimmtes  Gebäude,  und  dar- 
über befand  sich  ein  Hain  der  Despoina,  über 
welchem  Altäre  des  Poseidon  Hippios,  des 
Vaters  der  Despoina,  und  anderer  Götter  stan- 
den. Auf  einer  noch  höheren  Terrasse  war 
eine  ganze  Gruppe  von  kleinen  Heiligtümern, 
Paus.  8,  37,  1 ff . 10,  4.  27,4.  Welcher,  Ztschr. 
f.  alte  Kunst  78.  Curtius,  Peloponn.  1 , 295 f. 
2,  135.  Bursian,  Geogr.  v.  Griechen l.  2,  238. 
Gerhard,  Gr.  Mythol.  1.  § 411,  1.  — Preller, 
Demeter  und  Pcrseph.  170.  384.  Gr.  Myth,  1, 
618.  621.  Müller,  Dorier  1,  378.  Völcker,  la- 
pet.  Geschl.  164 ff.  C,  Fr.  Hermann,  Quaest. 
Oedip.  3 p.  74f.  Gerhard,  Griech.  Mythol.  1. 
§ 233,  7.  [Stoll.] 

Denkalidai  (AevuaXidcu)  = Eclzvqol,  Hes. 

[Roscher.] 

Deukalion  (AsvnaXiaiv),  1)  Sohn  des  Prome- 
theus [inbetr.  der  Mutter  s.  Preller,  gr.  Mf  1, 
84  f.  R.],  der  mythische  Stammvater  der  Helle- 
nen. AnseinenNamen  knüpft  sich  die  vielen  Völ- 
kern gemeinsame  Sage  von  der  grofsen  Flut  (b 
Stil  AsvuaXlcovog  xaxcniXvGfiog),  welche  das  da- 
malige Menschengeschlecht  vernichtete.  Zeus, 
erzürnt  über  die  Frevel  des  „ehernen“  Ge- 
schlechts (Lykaon,  Apollod,  1,  7,  2.  3,  8,  2. 
Ovid.  Met.  1,  260 — 415)  beschliefst,  dasselbe 
auszurotten;  nur  der  fromme  Deukalion  ent- 
kommt mit  seiner  Gattin  Pyrrha  (Ilvgga)  der 
Tochter  des  Epimetheus  und  der  Pandora,  in- 
dem er  auf  Rat  des  Prometheus  einen  Kasten 
(Xdgvu£)  erbaut,  und  in  demselben  mit  Pyrrha 
neun  Tage  und  neun  Nächte  lang  von  den 
Fluten  getragen  wird,  worauf  er  am  Othrys 
oder  Parnafs  landet  und  dem  Zeus  hvlgiog  ein 
Opfer  darbringt.  Zeus  schickt  ihm  hierauf 
den  Hermes  und  stellt  ihm  einen  Wunsch  frei. 
Deukalion  bittet  um  Menschen,  und  sie  erhal- 
ten nun  die  Weisung,  die  Gebeine  der  Mutter, 
die  Steine  des  Erdbodens,  über  den  Kopf  rück- 
wärts zu  werfen.  Sie  thun  es,  und  aus  den 
von  Deukalion  geworfenen  Steinen  entstehen 
Männer , aus  denen  der  Pyrrha  Frauen.  Die 
so  entstandenen  Menschen  habe  man  XctoC  ge- 
nannt, metaphorisch  von  b Xctug  = ö Xtöog 
der  Stein,  Apollod.  a.  a.  0.  Rind.  Ol.  9,  44. 
Hesiod  fragm.  135  wird  speciell  den  Leiegern 
unter  Lokros’  Führung  dieser  Ursprung  zuge- 
schrieben: "Htol  yctg  AoxQug  AsXsycav  rjyricazo 
Xaäv , ||  zovg  gd  nozs  Kgovidg g Zsvg  acpfhza 
ggösa  sldcog  ||  Xtuzovg  sn  yuigg  Xaovg  tioqs  Asv- 
huXiwvl.  In  beiden  Fällen  ist  man  versucht, 
eine  etymologische  Spielerei  anzunehmen.  Der 
beiden  Wörtern  gemeinsame  Begriff  scheint  das 
Massige,  Gehäufte  zu  sein;  Etym.  M.  s.  v.  laug: 
öl  byXoi  • Xäeg  v.azd.  diaXsuzov  oi  XGh u Xiyovzcu. 

Sehr  weit  gehen  die  Überlieferungen  über 
den  Landungsplatz  auseinander.  Die  Lan- 

32 


995 


Deukalion 


Deukalion 


996 


düng  erfolgt  am  Parnafs  in  Pkokis  oder  am 
Othrys  in  Thessalien,  Hellanilcos  bei  Schöl. 
Find.  Ol.  9,  64.  [vgl.  C.  I.  Gr.  2374,  4 R.] 
Ovid  Met.  1,  316  (der  am  Parnafs  das  Orakel 
der  Themis  angiebt),  oder  am  Athos,  Serv. 
Verg.  Ed.  6,  41,  oder  am  Ätna,  Hygin.  f. 
153.  Nicht  weniger  differieren  die  Angaben 
über  den  nachmaligen  Wohnort  Deukalions. 

Der  älteste  Sitz  der  Flutsage,  und  ur- 
sprüngliche Wohnort  Deukalions  ist  die  Gegend 
von  Dodona,  Aristot.  Meteorol.  1, 14:  6 huXov- 
gtvog  etcl  AevuecXbcovog  Kazcxr.XvGfiog  tcsqI  zov 
' EllyvLxov  syivszo  fuxXiGzcx  zonovAcu  zovzov  nsgl 
zrjv  EXXdäa  zi]V  ccqxciiciv'  ccvzr)  ö’  sgzIv  rj  zisqi 
Acodcovrjv  Kai  zov  ’AxsXwov  ovzog  yäp  uoXXa- 
Xov  zö  Qevya  yszaßsßXynsv  oWovv  ybcQ  Ob  2sX- 
Xob  ivzccv&u,  «at  Ob  v.aXovgevoi  zozs  (isv  PQccb- 
y.ob,  vvv  d’  "EXlgveg.  Nach  Hesiod  und  Hellani- 
lcos, Schol.  Find.  Ol.  9,  64  wohnte  Deukalion 
in  Opus  oder  in  Kynos,  ibid.  u.  Strab.  p.  425, 
wo  das  Grabmal  der  Pyrrha  gezeigt  wurde, 
„sowie  das  des  Deukalion  zu  Athen“,  oder  in 
Delphi,  Flut.  Quaest.  gr.  p.  292  ; ja  sogar  Athen 
wird  als  Wohnort  des  Deukalion  angegeben, 
wo  man  zum  Beweis  hiefür  in  der  Nähe  des 
Tempels  des  Olympischen  Zeus,  dessen  erster 
Bau  dem  Deukalion  zugeschrieben  wurde,  sein 
Grab  zeigte,  Marm.  Par.  7.  Paus.  1,  18,  8. 
Strabo  a.  a.  0.  (Dagegen  ist  Lykoreia  auf 
dem  Parnafs,  wo  nach  Mann.  Par.  Deukalion 
vor  der  Flut  regiert  haben  soll,  nach  Paus. 
10,  6,  2 von  Flüchtlingen  aus  Delphi  gegrün- 
det, welche  dadurch,  dafs  sie  dem  Geheul  der 
Wölfe  folgten , aus  der  Flut  gerettet  wurden, 
wie  auch  Megaros , der  Sohn  des  Zeus  und 
einer  sithnischen  Nymphe,  durch  das  Geschrei 
der  Kraniche  auf  das  Gebirge  Gerania  auf  dem 
Isthmos  gerettet  wurde,  ein  Zeichen,  wie  sich 
von  der  Hauptsage  einzelne  Lokalsagen  ab- 
zweigten). * 

So  wandert  die  Sage  mit  Deukalions  Nach- 
kommen von  Dodona  durch  ganz  Mittelgrie- 
chenland: Lokris,  Phokis,  Boiotien  bis  nach 
Attika,  ja  sogar  wieder  zurück  nach  Epirus, 
und  es  offenbart  sich  darin  unverkennbar  das 
Streben  der  verschiedenen  Stämme,  sich  durch 
Aneignung  des  Stammvaters  aller  Hellenen 
gleichfalls  als  solche  zu  legitimieren.  Wie 
aber  Epirus  der  Ausgangspunkt,  so  ist  Thes- 
salien deutlich  der  Endpunkt  der  Wanderung 
Deukalions  und  seines  Geschlechts : in  der 
Phthiotis  findet  sich  die  erste  historische  Spur ; 
Strabo  p.  432  berichtet,  dafs  Deukalion  hier 
geherrscht  habe;  bei  seiner  Landung  am  Othrys 
lag  das  ganze  Thessalien,  vor  ihm  als  das 
lockendste  Gefilde;  diese  Übersiedelung  eines 
Geschlechts  aus  dem  Thal  von  Dodona  über 
den  Othrys  nach  Thessalien,  und  zwar  im  Zu- 
sammenhang mit  einer  grofsen  Flut,  wird  also 
als  der  historische  Kern  der  Sage  zu  betrachten 
sein;  vgl.  Schömann,  Griech.  Altert.  1.  S.  5f. 
Durch  die  weiteren  Wanderungen  und  Wan- 
delungen der  Sage  wird  Deukalion  eben  vom 
ganzen  hellenischen  Volk  als  Stammvater  be- 
ansprucht, das  für  seine  Eigenart  und  Über- 
legenheit über  die  umliegenden  Völker  eine 
sinnreiche  Erklärung  gefunden  hat  durch  Zu- 
rückführung seiner  Herkunft  auf  einen  einzi- 


gen dem  allgemeinen  Untergang  entronnenen 
Götterliebling  und  Vater  aller  Kultur.  Denn 
nicht  blofs  Stammvater  aller  Hellenen  ist  Deu- 
kalion nach  der  Genealogie  des  Mythos,  son-  | 
dern  auch  der  Träger  und  Vater  aller  Kultur,  j 
Er  ist  ja  der  Sohn  des  Prometheus,  des  grofsen 
Wolilthäters  der  Menschen,  der  ihnen  das  Feuer  : 
gebracht  und  sie  in  allen  möglichen  Kunst- 
fertigkeiten unterwiesen  hat;  aber  er  ist  auch 
im  Gegensatz  zu  seinem  trotzigen  Vater  fromm 
und  gottesfürchtig,  der  Gründer  der  Städte 
und  der  Götterverehrung  in  Griechenland.  In 
diesem  Sinn  wird  auf  ihn  die  Gründung  des 
olympischen  Zeusheiligtums  in  Athen  zurück-  |i 
geführt  und  sagt  von  ihm  Apollonius  Phod.  , 
3,  1085: 

IamziovCdrig  uyu&ov  zsxs  AtvnccXb'cova , 

Og  7CQCOZOS  TlObTjGS  310/Ulg  %CCb  idSb/JbCCZO  VY\OV g 

u&avdzoig,  tcqüjzos  bi  Kcd  uvQ’Qbänav  ßuct-  j 
XsvGtv. 

Ebendahin  ist  auch  die  Sage  von  der  Grün-  1 
düng  des  Orakels  in  Dodona  durch  Deukalion 
zu  rechnen,  Et.  M.  s.  v.  Acodcovubog.  Mit 
Rücksicht  auf  diese  Seite  im  Wesen  Deuka- 
lions ist  auch  die  Etymologie  des  Namens  von 
Benseler  zu  verstehen,  welcher  ihn  zurückführt  1 i 
auf  die  Bestandteile  dsv  ==  6lo  u.  tuxXbd  die 
Hütte,  „Gotteshüttner,  Tempelbauer“. 

Preller,  Gr.  Mythol.  I2  S.  66  sieht  in  Deu- 
kalion einen  zweiten  Noab,  eine  Personifika-  i 
tion  sowohl  der  Flut,  als  auch  der  von  neuem 
aus  ihr  entstehenden  Landeskultur,  in  Pyrrha  | 
eine  Personifikation  der  fruchtbaren  und  durch  x 
ihren  Weizenbau  (nvQog)  berühmten  Fluren  i 
am  Fufse  des  Othrys.  Und  allerdings  findet  5; 
sich  dieser  Name  auch  nicht  nur  für  eine  Stadt 
in  der  Gegend,  wo  Deukalion  geherrscht  haben  1 
soll,  bezeugt,  Strabo  p.  432,  sondern  auch  für  ein  j 
Vorgebirge  und  eine  Insel,  Strabo  p.  435,  deren  ; 
Nachbarinsel  Deukalion  hiefs;  ja  Strabo  nennt 
auch  Pyrasos  an  der  Ostseite  des  Othrys  = 
Demetrium , ein  heiliges  Besitztum  der  Deine-  j 
ter  (II.  2,  695),  wodurch  wir,  wenn  jene  Ety-  | 
mologie  richtig  wäre,  auf  die  Identität  von 
Pyrrha  und  Demeter  geführt  würden.  So 
wenig  Wahrscheinlichkeit  aber  die  Zurück-  ;j 
führung  von  IJvqqu  auf  nvQog  hat,  so  wenig 
oder  noch  weniger  die  Ableitung  des  Namens  j 
Asvkcxi Ucov  von  dsuxog  = zo  yXvHv,  wodurch 
Deukalion  auch  als  Urheber  des  Weinbaus  mit 
Noah  in  Parallele  gesetzt,  ja  schliefslich  zum 
Dionysos  selbst  gestempelt  würde. 

So  klar  nun  im  ganzen  die  Bedeutung  der  | 
Sage,  so  rätselhaft  ist  die  des  Namens  Deuka- 
lion (siehe  G.  Gurtius,  Griech.  Etymol.  S.  448. 
G.F.  Unger,  Philol.  25,  2 12.  Pott,  Philologus  ^ 
Suppl.-JBd.  2.  S.  285.  Grote,  Griech.  Gesell.  1, 

89,  3 Fischer).  Allerdings  ist  man  wegen  de: 
mannigfachen  Beziehungen  des  Mannes  zu  Zeus 
versucht,  im  ersten  Bestandteil  diesen  Stamm 
finden  zu  wollen;  allein  so  gut  die  oben- 
genannte Deutung  des  Namens  zu  der  einen 
Seite  im  Wesen  Deukalions  zu  passen  scheint, 
so  ist  doch  eine  solche  Namenbildung  kaum 
anzunehmen,  und  bleibt  die  wichtigere  Bezie- 
hung  zur  Flutsage  dabei  ganz  aufser  Acht. 
Und  in  diesem  Betracht  legt  sich  vielmehr  die 
von  Schwenclc,  Etym.-mytholog . Andeut.  S.  149 


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997  Deukalion 

vorgeschlagene  Ableitung  von  äsvta  = netzen 
nahe.  Deukalion  wäre  darnach  eine  Personi- 
fikation des  Wassers,  wie  Pyrrha  die  der  roten 
Erde  (von  tcvqqos),  Schwende,  S.  351.  Aus  dem 
Bunde  des  Wassers  mit  der  roten  Erde  ent- 
*spriefsen  die  Hellenen,  die  Flut  hat  die  Erde 
befruchtet,  die  nun  eine  Ernährerin  des  helle- 
nischen Geschlechtes  wird,  das  seine  Herkunft 
von  den  fruchtbaren  Gefilden  Thessaliens  her- 
leitet, die  einst  unter  Wasser  standen,  von  den 
Gestaden  des  vom  Othrys  herabkommenden 
Enipeus,  an  dem  einst  Pyrrha  lag.  Die  Sage 
hat  nun  mit  Anlehnung  an  die  Namen  des 
Gesamtvolkes  und  der  Hauptstämme  dessel- 
ben ein  weitverzweigtes  genealogisches  System 
aufgestellt,  für  dessen  bequemere  Übersicht 
auf  die  beigegebene  Tabelle  verwiesen  wird. 
Die  ersten  Menschen,  die  sich  um  das  gerettete 
Menschenpaar  scharten,  sind  die  aus  den  auf- 
gelesenen Steinen  (Xsxzoi  sx  yaigg  Xctoi)  ent- 
standenen Le  leg  er,  lies,  fragrn.  135.  Nach- 
dem sich  sodann  Deukalion  in  Thessalien  nieder- 
gelassen, erzeugte  er  den  Hellen,  der  auch  ein 
Sohn  des  Zeus  sein  soll,  den  Amphiktyon 
und  die  Protogeneia  (s.  d.  und  vergl.  die 
beigegebene  genealogische  Tafel).  Nach  Hes. 
fragm.  5 hatte  er  noch  eine  Tochter  Pan- 
dora, die  von  Zeus  denGraikos  gebar.  Grai- 
koi  wurde  das  Stammvolk  der  Griechen  zu- 
erst , später  nach  Hellen  Hellenen  genannt, 
Apollod.  1 , 7 , 3 : wie  sie  also  mit  der  Be- 
nennung Hellenen  ihr  Geschlecht  auf  Deukalion, 
bez.  auf  Zeus  selbst  zurückführen,  so  auch 
in  der  älteren  Benennung  Graikoi,  indem  sie 
auch  den  Graikos  von  Zeus  erzeugt  werden 
lassen.  Als  weitere  Kinder  des  Deukalion  und 
der  Pyrrha  werden  noch  genannt:  Thyia, 
Steph.  Byz.  s.  v.  MixxsSovldc , Kandybos,  id. 
s.  v.  Kd vävßa , Melantho,  Tzetz.  Lyk.  208. 
Über  Deukalion  als  Wassermann  unter  den 

! Stern  bildern  s.  Hegesianax  bei  Hygin,  poet. 
astron.  2 , 29  und  die  Artikel  Ganymedes  und 
Sternbilder.  [Weizsäcker.] 

2)  im  Kult  zu  Knosos  Vater  des  ygcog  ßog- 
ß-'og  Idomeneus,  und  Molos  sein  Bruder, 
Diod.  5,  79.  Vater  des  Idomeneus  (AsvxaXicov, 
AsyxecXidyg),  Sohn  des  Minos,  II.  13,  451.  Od. 
19,  180.  Pherek.  b.  Scliol.  Ap.  Iih.  3,  1087. 

\ Apoll.  3,  1,  1,  3;  s.  Mutter  Pasiphae,  Apoll. 
Ji,  1,  2,  4.  Hyg.f.  14.  Diod.  4,  60,  oder  Krete, 
isklepiades  b.  Apollod.  Seine  Kinder  ferner 
Trete  und  aufserehelich  Molos,  Apollod.  3, 
S,  1.  Sero.  Aen.  3,  121.  (Argonaut  Hyg.  fab. 
4,  ist  Zusatz  einer  Hs.).  Kalydonischer  Jäger, 
2 yg.  f.  173.  Theseus,  aus  Athen  vertrieben, 
vill  zu  ihm,  wird  aber  nach  Skyros  verschla- 
en,  Paus.  1,  17,  5.  Nach  Kleiclemos  (frag in. 
Müll.  b.  Plut.  Thes.  19)  hätte  Theseus  eine 
'lotte  nach  Knosos  geführt  und  den  Deukalion 
rschlagen.  — 3)  Deukalion  und  Amphion, 
|usd.  ach.  Pellene,  Söhne  der  Hypso,  Argonau- 
ten, Valer.  Flacc.  1,  366;  bei  Ap.  Bit.  1,  176 
jeifsen  der  Hypso  und  des  Ilyperasios  Söhne 
sterios  und  Amphion.  — 4)  Sohn  des  Ilera- 
les  und  einer  Tochter  des  Thespios,  Hyg. 
ib.  162.  — 5)  ein  Troer,  von  Achilleus  ge- 
het, II.  20,  478.  — ß)  über  ihn  Hellanilcos 
ei  Schol.  Ap.  Bh.  3,  1087,  nicht  näher  be- 


Dexamenos  998 

stimmt.  — 7)  Sohn  des  Abas;  über  ihn  Ari- 
stippos  Arcad.  bei  Schol.  Apollod.  Bliod.  3, 
1087.  [v.  Sybel.] 

Deus  amabilis  auf  einer  Inschrift  aus  Rom 
(Altar),  C.  I.  L.  6,  112:  Deo.  amabili  \ sacr  \ 
Aelia  Ehorte  | fecit.  Auf  einem  darüber  befind- 
lichen Kranze  stehen  die  Worte:  Kvql  \ %ui qs. 
Mommsen  vermutet,  dafs  der  Gott  Glyco  gemeint 
sei,  doch  ist  auch  an  Antinous  oder  Pliospho- 
ros  gedacht  worden  ( Orelli  2142)  [Steuding.] 

Deus  scliolarius  (?)  auf  der  Inschrift  einer 
Säule  zu  Capua,  C.  I.  L.  10,  3793:  Deo  scho- 
lario(T)  \ Sex  Finnas  Charito  \ lunarem  inar- 
gentat  \ (Zeile  4 und  5 sind  nicht  sicher  les- 
bar) | stauravit  cancellis  \ circumdatis  ex  voto  \ 
n.  m.  que  eins.  d.  d.  Auf  Zeile  5 ist  nicht, 
wie  Mommsen  früher  (I.  N.  3574)  annahm, 
Mitrae  erkennbar,  so  dafs  auch  eine  Beziehung 
der  Gottheit  zum  Mithraskult  nicht  erweisbar 
scheint.  [Steuding.] 

Deusos  ( Jfvaog ),  Sohn  des  Kyklopen  Arges 
und  einer  phrygischen  Nymphe,  Bruder  des 
Atron  und  der  Atrene,  nach  welcher  die  Stadt 
Atrene  (in  Phrygien  oder  Lydien?)  benannt 
sein  sollte,  Steph.  Byz.  ’AzQfivq.  Ein  Ort  Asv- 
glov  yovoU  in  der  Nähe  von  Sardes  wird  er- 
wähnt von  J.  Laurent.  Lydus  de  mensib.  4, 
48.  Müller,  hist.  gr.  fragm.  3.  p.  29,  6.  Vgl. 
Desos.  [Stoll.] 

Deverra  s.  Indigitamenta. 

Dexamene  (As^apsvrf),  eine  Nereide,  II  18, 
44.  Hygin.  praef.  [Stoll.] 

Dexamenos  (As^ccysvog) , 1)  Name  eines 
Königs  von  Olenos,  Apollod.  2,  5,  5,  6.  Paus. 
7,  18,  1.  Von  dem  Kentauren  Eurytion  be- 
drängt, der  von  ihm  seine  Tochter  Mnesimache 
zur  Ehe  verlangt,  ruft  er  den  eben  von  Augeias 
kommenden  Herakles  zu  Hilfe,  der  den  Eury- 
tion tötet.  Dafs  Herakles  hernach  die  Mnesi- 
mache geheiratet  habe,  wird  nicht  ausdrück- 
lich berichtet.  Auf  diesen  Kampf  bezieht  Ste- 
phani mehrere  Vasenbilder,  Compt.-rend.  1865 
S.  106  ff.  Nach  Hygin.  f.  33  hiefs  die  Tochter 
des  Dexamenos  Deianeira  (s.  d.);  Herakles 
fand  bei  ihm  von  Augeias  kommend  gastliche 
Aufnahme  (ds%oyou),  pflog  Umgang  mit  Deia- 
neira und  versprach  beim  Abschied , sie  zu 
heiraten.  In  seiner  Abwesenheit  nötigte  der 
Kentaur  Eurytion  den  Dexamenos,  seine  Toch- 
ter mit  ihm  zu  verloben.  Als  aber  eben  die 
Hochzeit  stattfinden  sollte,  erschien  Herakles 
und  tötete  den  Eurytion.  Deianeira  wird  sonst 
als  Tochter  des  Oineus,  Königs  von  Kalydon 
genannt.  Um  sie  wirbt  der  stierhäuptige  Flufs- 
gott  Acheloos,  wird  aber  von  Herakles  besiegt, 
dem  nun  Deianeira  in  die  Ehe  folgt.  Die 
Verwandtschaft  beider  Mythen  ist  auffallend; 
in  beiden  erscheint  Herakles  als  Retter  der  von 
einem  verbalsten  Freier  bedrängten  Deianeira- 
Mnesimache;  auch  der  Charakter  der  Freier  ist 
in  beiden  Mythen  ein  verwandter : hier  Acheloos, 
der  ungestüme,  wilde  Flufsgott,  dort  einer  der 
Kentauren  (s.  df),  ein  Wolkensohn  mit  Namen 
Eurytion,  von  svQvzog  reichlich  strömend,  also 
ebenfalls  das  Ungestüm  des  Wildwassers  be- 
zeichnend. Oineus  selber  wird  von  Verschie- 
denen durch  seine  Ehe  mit  Periboia  von  Ole- 
nos teils  mit  der  ätolischen , teils  mit  der 

32  * 


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999 


Dexamenos 


Dexamenos 


1000 


achäisclren  Stadt  dieses  Namens  in  Verbin-  ursprüngliche  Einheit  vergessen,  immer  neue 

düng  gesetzt,  Apollod.  1,  8,  4,  während  sonst  Züge  zur  alten  Sage  hinzu.  Ein  deutliches  Bei  - 

Dexamenos  als  König  von  Olenos  genannt  spiel  hievon  bietet  Nr.  2;  vgl.  auch  Welcher 

wird  Der  gastliche  Oineus  von  Kalydon-Ole-  zu  Schwende,  Etym.-mylh.  Andeut.  S.  309.  — 2) 

nos  in  Aitolien  und  der  Dexamenos  von  Oie-  Angeblicher  Name  eines  Kentauren  (s.  d.),  der 

nos  in  Achaja  sind  daher  offenbar  als  iden-  zu  Bura  (Borget)  in  Achaja  einen  grofsen  Rin- 
tisch zu  betrachten,  wobei  dann  Dexamenos  derstall  besafs,  von  welchem  die  Stadt  ihren 

nur  ein  Beiname  des  Oineus  wäre,  und  infolge  Namen  bekommen  haben  soll,  Schol.  Kallim. 

der  Existenz  einer  Stadt  gleichen  Namens  in  hymn.  in  Del.  102.  Wenn  in  dieser  Stelle  der 

Achaja  wie  in  Aitolien  wurde  frühzeitig  die  io  Kentaur  Dexamenos  ein  Oiniade  genannt  wird, 

auf  das  ätolische  Olenos  bezügliche  Sage  auch  so  scheint  der  Scholiast  durch  die  Verwandt- 

an  das  peloponnesische  geknüpft  (Tydeus  führt  schaft  des  Oienischen  Dexamenos  mit  Oineus 

den  Oineus  in  den  Peloponnes,  Apollod.  1,  8,  auf  diese  Genealogie  geraten  zu  sein;  im  Et. 

6,  2),  der  König  dieser  Stadt  also  irrtümlich  M.  s.  v.  Borget  heifst  der  Kentaur  zu  Bura 

von  Oineus  getrennt  und  für  eine  eigene  Person  Hexadios,  und  in  dem  dort  angeführten  Vers 

mit  Namen  Dexamenos  gehalten.  Hieraus  er-  wird  Dexamenos  (wenn  nicht  auch  hier  Hexa- 

geben  sich  dann  die  übrigen  Variationen  der  dios  dafür  zu  setzen  ist)  ein  Oikiade  genannt: 

Sage  von  selbst,  dafs  für  Acheloos  der  ver-  Borget  ts  As^ctpsvoto  (resp/E^ctdeoio)  ßoootetoig 

wandte  Eurytion , für  Deianeira  die  Mnesi-  Olv.Ld.8cto.  Offenbar  hat  dieser  Dexamenos  = 

mache  eintrat.  Ja,  wie  Dexamenos  nur  ein  20  Hexadios  von  Bura  mit  Oineus  nichts  zu  schaffen, 

Beiname  des  Oineus,  so  scheint  Mnesimache  und  wenn  in  einem  Vasenbild  der  besten  Zeit 

nur  ein  anderer  und  zwar  sehr  bezeichnender  beim  Kampf  des  Herakles  mit  einem  Kentauren 


Kampf  des  Herakles  mit  einem  Kentauren  (Dexamenos)  um  die  Deianeira  in  Gegenwart  des  Oineus 
(nach  Millingen , Feint,  de  div.  collect.  PL  33). 


Name  für  Deianeira  zu  sein;  denn  Apollodor 
erzählt  1,  8,  1 von  dieser,  dafs  sie  xd  vaxcc 
ndXcyov  rjovst,  und  das  besagt  ja  eben  fivrjoi- 
pd%rj  „die  Kampfmütige“.  Wesentlich  anders  so 
berichtet  Diod.  4,  33,  Dexamenos  habe  eine 
Tochter  Hippolyte  gehabt,  die  mit  dem  Ar- 
kader  Azan  verlobt,  von  Eurytion  beim  Mahle 
beleidigt  worden  sei.  Nach  Daus.  5,  3,  3 hatte 
Dexamenos  von  Olenos  noch  zwei  Töchter, 
Zwillinge  Namens  Theronike  und  Theraiphone, 
erstere  dem  Kteatos,  letztere  dem  Eurytos  ver- 
mählt; so  spinnen  sich,  nachdem  einmal  die 


um  den  Besitz  der  Deianeira  in  Gegenwart  des 
Oineus  dieser  Kentaur  durch  Inseln-ift  als  Dexa- 
menos , statt  als  Eurytion  bezeichnet  wird, 
(Müller,  Dorier  1,  422  Anmerk.  1.  C.  I.  Gr.  7605. 
Millingen,  Peint.  de  div.  coli.  PI.  33;  s.  unsere 
Abbildg.),  so  spiegelt  sich  hierin  nur  aufs  deut- 
lichste die  Verwirrung,  die  durch  die  früh- 
zeitige Trennung  des  Dexamenos  von  Oineus 
in  die  ganze  Sage  hineiugekommen  ist.  Ein 
Vasenbild  kann  ja  für  die  Annahme  eines  Ken- 
tauren Dexamenos  unmöglich  beweisend  sein, 
da  sich  auf  Vasenbildern  häufig  unrichtige 


1001  Dexikreon 


Diana  (Lichtgöttin)  1 002 


Beischriften  finden.  Bleibt  also  für  den  Ken- 
tauren Dexamenos  nur  jene  Stelle  des  Scho- 
liasten  zu  Kallimachos , die  durch  die  Ver- 
schiedenheit des  Namens  im  Et.  31.  bedenk- 
lich erschüttert  wird.  — 3)  Sohn  des  Herakles, 
Vater  des  Ambrax,  D.  Halik.  1,  50.  — 4)  Sohn 
des  Mesolas  und  der  Ambrakia,  von  welchem 
ds£uysvcü  benannt  sein  soll,  Stepli.  Byz.  s.  v. 
dt!-.  [Weizsäcker.] 

Dexikreon  {dt^mgicov) , ein  Kaufmann  aus 
Samos,  welcher  der  Aphrodite  ein  Standbild 
weihte,  weil  sie  ihm,  als  er  in  Kypros  sein 

I Schiff  befrachten  wollte , den  Rat  gegeben 
hatte,  nur  Wasser  zu  laden  und  schnell  abzu- 
fahren. Auf  der  See  trat  eine  lange  Wind- 
stille ein,  und  Dexikreon  konnte  mit  grofsem 
Vorteil  seine  Ladung  Wasser  an  andre  Kauf- 
fahrer verkaufen,  Pint.  Q.  Gr.  54.  [Stoll.] 
Dexioclios  (de£i'o%og),  ein  Grieche  im  Heere 
des  Bakchos  auf  dem  Zuge  nach  Indien , der 
den  Phlogios  verwundet,  dann  aber  von  Ko- 
rymbasos  getötet  wird,  Norm.  Dion.  28,  60 ff., 
82.  [Steuding.] 

Dexion  (dttj,icov) , Beiname  des  Sophokles, 
unter  welchem  er  nach  seinem  Tode  von  den 
Athenern  in  einem  besonderen  Heroon  verehrt 
j wurde.  Er  soll  so  genannt  worden  sein,  weil 
! er  den  Asklepios  in  seinem  Hause  aufgenom- 
men und  ihm  einen  Altar  errichtet  hatte,  Etym. 
31.  256,  6.  [Steuding.] 

Dexios  (dtlgiog),  Vater  des  Griechen  Iphi- 
noos , welchen  der  Lykierfürst  Glaukos  vor 
Troja  erlegte,  II.  7,  15.  s.  d.  Schol.  z.  d.  St. 
Hesych.  s.  v.  ds^iadyv.  [Stoll.] 

Dexitliea  (Ds£tffsa),  1)  s.  Euxantios.  — 2) 
Tochter  des  Phorbas,  welche  dem  Aineias 
den  Romulus  und  Remus  gebar,  Plat.  Ro- 
mul.  2.  [Stoll.] 

Dexo  (Df|oi) , eine  von  Kratinos  gebildete 
Personifikation  des  Annehmens  von  Geschen- 
ken, Hesych.  Vgl.  Emblo.  [Steuding.] 
Dexsiva,  Dexsivia,  eine  celtische  Göttin 
auf  einer  Inschrift  aus  Cadenet,  Dep.  Vaucluse, 
Orelli  1988:  Dexsivae  et  Caudcllensibus  C.  Hel- 
vius  Primus  sedilia  v.  s.  1.  in.  und  einer  sol- 

Ichen  bei  Herzog,  Gail.  Narb.  426:  Dexsiviae 
v.  s.  I.  m.  Acom.  Suc  etc.  (auch  deutet  Orelli 
x.  a.  O.  das  Vorhandensein  noch  anderer  In- 
schriften an , auf  denen  sie  erwähnt  wird) ; 
/gl.  De-Vit,  On.  s.  v.  Eick,  vergl.  W.  1,  612 
eitet  den  Namen  von  deks  — es  recht  machen, 
Itamm  deksva , altir.  des,  dess  ab.  Vgl.  Dex- 
I erati.  [Steuding.] 

Dexterati  (Dat.),  eine  celtische  Gottheit  auf 
'iner  Inschrift  aus  Körny  bei  Totis  (vielleicht 
‘us  Brigetio),  C.  I.  L.  3,  4273:  DENTLRATI 
nach  Weszprem,  Römer  liest  Delbath)  | Flavia 
l Vic  | torina  pro  se  et  | ( p)ro  suis  om  \ v s l m. 
ist  Dexsiva  von  Fick  richtig  abgeleitet,  so 

I“  "lürfte  auch  hier  an  altirisch  des,  dess  zu  den- 
cen  sein;  freilich  ist  der  Stamm  dekstero  nur 
m Griechischen  und  Lateinischen  nachweisbar 
J Fick,  vergl.  W.  2,  123).  [Steuding.] 

Dia  (dCcr,  ctg,  f.),  1)  Göttin,  zu  Phlius  und 
ikyon  verehrt,  identificiert  mit  Hebe,  Str. 

, 382.  Paus.  2 , 13 , 3 nennt  die  zu  Phlius 
anymeda,  Preller  - PI ew3  1,  410.  de  Cha- 
ot, Gaz.arch.V ,46  pl.  15  (Terrae,  aus  Megara 


erklärt  als  Dia-Hebe).  — 2)  Tochter  des  De'io- 
neus  (Eioneus,  Pherek.  u.  Diod.  Oineus  irrig 
bei  Hygin.) , vermählt  mit  Ixion,  von  Zeus 
Mutter  des  Peirithoos,  II.  2,  741.  14,  317. 
Pherek.  frgm.  103  bei  Schol.  Ap.  Rh.  3 , 62. 
Schol.  Find.  Pyth.  2,  39.  Hyg.  f.  155.  Diod. 

4,  69.  Schol.  II,  1,  268.  14,  317.  Schol,  Od, 
11,  631.  Eust.  Hom.  p.  101,  3.  — 3)  Nymphe, 
zu  Troizen,  von  Pelops  Mutter  des  Pit- 

10  theus,  Schol.  Find.  Ol.  l,  144.  — 4)  Tochter 
des  arkadischen  Heros  Lykäon;  von  Apollon 
Mutter  des  Dryops,  Schol,  u.  Tzetz.  in  Lylc. 
480.  — 5)  Als  Name  der  zweiten  Frau  des 
Phineus  bei  de  Witte,  Arch.  Ztg.  39  (1881) 
164,  1 ohne  Beleg;  sonst  heifst  sie  Idaia, 
Eidothea  oder  Eurytia.  — 6)  diu,  Mutter 
des  Thersites,  Schol.  II,  2,  212.  — 7)  Name 
der  Insel  Naxos  im  Mythus  von  Ariadne 
(s.  d.)  [v.  Sybel.] 

20  Diades  ( diüdgg ),  Gründer  der  Stadt  Dias  in 
Lykien,  Steph.  Byz.  s.  v.  duxg.  [Stoll.] 

Diaecus  oder  Dialcus,  eine  celtische  Gott- 
heit auf  einer  Inschrift  zu  Madrid  (vielleicht 
aus  dem  Nordwesten  Spaniens) , C.  I.  L.  2, 
4977:  Valerius  Tir  \ o DIALCO  votu  \ in  libes 

me  | rito Ob  Dialco  oder  Diaeco  zu  lesen 

sei , hat  Hübner  auf  dem  Steine  selbst  nicht 
sicher  sehen  können;  doch  ist  letzteres  bei 
der  Häufigkeit  der  Endung  -aegus,  -aecus  in 
30  celtischen  Götternamen  wahrscheinlicher. 

[Steuding.] 

Diaktoros  s.  Hermes. 

Diallage  (diulXccyr'i),  Personifikation  der  Ver- 
söhnung, mit  Kypris  und  den  Chariten  aufer- 
zogen nach  Aristoph.  Acharn.  989.  Lysistr. 
1114.  [Steuding.] 

Diana.  (Vgl.  u.  a,  Hartung,  Rel.  d.  Römer 
2.  S.  207  ff.  Preller,  Rom.  Mythol,3  1 S.  3 12  ff. 
Ambrosch,  Studien  u.  Andeutungen  im  Gebiet 
40  des  altröm.  Bodens  u.  Cultus  1 (1839)  S.  161. 
172.  Novi,  iscrizioni  mon.  e vico  scoperti  con 
nuove  not.  sul  tempio  di  Diana  Tif.  Napoli 
1861.  Fiorelli,  notizie,  1880  S.  450  ff.  Miner- 
vini  in  Comment.  in  hon,  Mommseni  S.  660ff.). 
Die  italische  Parallelfigur  zur  griechischen  4^- 
temis  ist  Diana.  Sie  ist  rein  italischen  Ur- 
sprunges , doch  sind  auf  sie  bei  dem  über- 
mächtigen Andringen  griechischer  Kulte  früh- 
zeitig Eigenschaften  der  Griechin  übertragen 
50  worden,  und  die  Ähnlichkeit  beider  wurde  für 
das  römische  Bewufstsein  zur  Identität.  Diana 
ist  ursprünglich  zwar  nicht  Mondgöttin,  aber 
Lichtgöttin  gewesen  und  als  solche  weiter 
Schützerin  und  Patronin  der  Fruchtbarkeit  im 
Pflanzenreich , Tierreich  und  unter  den  Men- 
schen. 

Ihre  Lichtnatur  zeigt  schon  ihr  Name  an. 
Derselbe  ist  eine  Ableitung  der  indogermani- 
schen Wurzel  dt,  „scheinen“,  „leuchten“,  welche 
60  im  griechischen  Ztvg  de og  vorliegt  und  im 
Lateinischen  nicht  nur  zur  Bezeichnung  der 
Göttlichkeit  dient  in  divus,  deus,  Diovis,  Dies- 
piter , sondern  auch  im  gemeinen  Sprachschatz 
den  hellen  Himmel  ( subdio ) bezeichnet  und  den 
hellen  Tag  {dies).  Diana  ist  hiervon  eine  Ab- 
leitung, welche  nicht  aus  dem  ähnlich  lauten- 
den duövtj  ( Benfey  in  Orient  und  Occident  1. 

5.  27 9 f.,  der  Divania  als  älteste  Form  ansetzt), 


1003  Diana  (Name  u.  Bedeutung) 


Diana  (Kultstätten) 


1004 


sondern  aus  der  Analogie  der  lateinischen 
Sprache  seihst  zu  erklären  ist.  Der  Name 
Janus  ist  so  aus  Djanus  hervorgegangen  wie 
Jovis  aus  Djovis;  allein  die  Annahme,  dafs  Ja- 
nus das  Maskulin  zu  Diana  sei,  ist  trotzdem 
verkehrt;  denn  letzteres  hat  ursprünglich  lan- 
ges i,  welches  noch  in  den  Dichtungen  der 
Kaiserzeit  anzutreffen  ist  und  gelegentliche 
Kürzung  wohl  nicht  vor  der  Zeit  des  Varro 
( Menipp . fr.  385  Bücheier)  erfahren  hat.  Lan- 
ges i aber  konnte  nie  konsonantisch  werden. 
Ferner  ist  aber  auch  ohne  Wahrscheinlichkeit 
die  Ableitung  vom  Adjektiv  dius  „göttlich“, 
welches  einesteils  in  dius  Fidius  und  Dea  dia 
erstarrt  vorliegt,  andernteils  doch,  besonders 
von  der  Dichtersprache,  lebendig  erhalten  wor- 
den ist  (diae  orae  luminis  Lukrez;  dia  Camilla 
Vergil  u.  a.).  Denn  Ableitungen  auf  -anus 
pflegen  nicht  von  Adjektiven,  sondern  ent- 
weder und  meistenteils  von  Substantivstäm- 
men auszugehen  (vgl.  Silvanus,  Bomanus,  No- 
lanus,  paganus,  solanus,  memhrana  u.  a. ; alta- 
nus  von  altum  „die  See“,  decumanus  vom  Subst. 
decuma,  publicanus  vom  Subst.  publicum ; so 
auch  rusticanus  „bäurisch“,  von  dem  Subst. 
rusticus,, der  Bauer“), oder  abervon Verbalformen 
(vgl.  divus  Statanus,  deas  Tutanus).  Es  blei- 
ben somit  nur  zwei  Möglichkeiten;  dea  Diana 
ist  entweder  vom  Subst.  dium  „der  Himmel“, 
welches  im  sub  dio  oder  sub  diu  vorliegt,  her- 
geleitet (vgl.  dialis)  und  sie  bedeutet  alsdann 
die  Göttin  des  hellen  Himmels;  oder 
zweitens  dies  „der  Tag“  hatte  ursprünglich 
lange  erste  Silbe,  die  früh  gekürzt  wurde  wie 
in  fui  u.  a. , und  dea  Diana  verhält  sich  zu 
dies  genau  so,  wie  sich  hora  meri -diana  zu 
meri -dies  verhält;  in  letzterem  Falle  aber  ist 
Diana  die  Göttin  des  hellen  Tages.  Die 
Bedeutungsdifferenz  zwischen  diesen  beiden 
Erklärungen  ist  keine  erhebliche.  Der  Zusam- 
menhang mit  dies  war  für  Cicero  evident,  und 
so  nötigte  ihn  denn  die  griechische  Auffassung 
als  Mondgöttin  zu  einer  Etymologie  nach  dem 
Stil  des  lucus  a non  lucendo:  Diana  dicta 
«tta  noctu  quasi  diem  efficeret  (De  not.  deor. 
2,  69).  Die  altrömische  Mondgöttin  hiefs  da- 
gegen Luna  (noctiluca),  deren  altes  Heiligtum 
sich  wie  das  der  Diana  auf  dem  Aventin  be- 
fand. Die  maskuline  Form  ist  einmal  inschrift- 
lich in  Jovi  Dianö  erhalten  ( C . I.  L.  5,  783; 
vgl.  Jordan  b.  Preller  1,  S.  168);  dieses  wichtige 
Epitheton  bestätigt  erstlich,  dafs  Janus  von 
Diana  zu  sondern  ist  (denn  die  Interpretation 
als  Jovi  Jano  würde  mehrfache  Bedenken  haben) 
und  zweitens,  dafs  bei  diesem  Adjektiv  nicht 
an  das  Mondlicht,  sondern  an  die  Tageshelle 
gedacht  wurde;  vergl.  den  Iuppiter  serenator 
( Preller 3 S.  190). 

Der  Kult  dieser  Göttin  läfst  sich  nicht 
blofs  für  Rom , sondern  als  gemein-italisch 
nachweisen.  Aufserhalb  Latiums  finden  wir 
auf  ursprünglich  oskischem  Gebiete  den  offen- 
bar alten  Gottesdienst  der  Diana  Tifatina 
auf  dem  Mons  Tifata  dicht  bei  Capua,  wofür 
uns  besonders  Inschriften  der  Kaiserzeit  Zeu- 
gen sind  ( I . B.  N.  3675,  6310  u.  sonst;  aber 
schon  C.  I.  L.  1,  569  aus  dem  Jahr  99  v.  Chr. ; 
vgl.  Novi  a.  a.  0.).  Sulla  hatte  das  Tempel- 


gebiet dieser  alten  Tifatischen  Göttin  erheb- 
lich vergröfsert  ( Vellej . 2,  25.  Plutarch,  Sulla 
6);  der  Kaiser  Vespasian  fand  im  Jahre  77 
n.  Chr.  Anlafs,  dasselbe  im  nämlichen  Umfange 
zu  restituieren;  noch  im  vierten  Jahrh.  fand 
sie  Vereinung  (vgl.  Nissen,  Hermes  1.  S.  156  f. 
C.  I.  L.  2 , 2660).  Aber  auch  für  die  nörd- 
lichen Nachbarn  Latiums,  die  Sabiner,  ist 
der  Dianadienst  bezeugt  ( Varro  De  l.  I,  5,  74). 
io  Innerhalb  Latiums  wird  er  an  verschiedenen 
Stellen  angetroffen;  so  lag  im  Gebiet  der  Her- 
nici  ein  Hain  der  Göttin,  wo  sich  bei  Anagnia 
die  via  Lavicana  und  Latina  vereinigten  (Liv. 
27,  4,  12;  jetzt  osteria  della  Fontana).  So  er- 
wähnt Horaz  ( carm . 1,  21,  6;  vgl.  carm.  saec. 
69)  als  Kultstätte  mit  Bergen  Arkadiens  und 
Lykiens  zusammen  den  hohen  eichenbestande- 
nen mons  AJgidus  im  Gebiet  der  Aequi,  öst- 
lich von  Tusculum ; über  die  Reste  zweier  Um- 
20  fassungsmauern  des  Tempels  s.  Abeken , Mit- 
telitalien S.  215.  Berühmter  war  südlich  von 
Tusculum  die  Diana  von  Aricia,  über  die 
schon  Cato  in  seinen  Origines  redete  (fr.  2,  21 
Jordan )-;  mit  ihr  zusammen  wurde  daselbst  der 
rätselhafte  Halbgott  Virbius  verehrt;  Hain  und 
Grotte  der  Egeria  lag  daneben,  und  die  römische 
Sagenerzählung  wufste  diese  Gestalten  in  histo- 
rischen Zusammenhang  zu  bringen.  Der  Hain 
der  Diana  Aricina  stand  einst  in  so  hohem 
30  Ansehen , dafs  sich  ganz  Latium  an  seinem 
Kult  beteiligte;  vielleicht  ist  er  eben  als  lati- 
nisches  Bundesheiligtum  geweiht  worden  (Be- 
loch,  Italischer  Bund  S.  180).  Cato  (ed.  Jor- 
dan p.  41.  12)  nennt  als  beteiligt  Tusculum, 
Aricia,  Lanuvium,  Laurentum , Cora,  Tibur, 
Pometia,  die  Rutuler  mit  der  Hauptstadt  Ar- 
dea.  Die  Kultstätte  wurde  nach  diesem  Hain 
auch  schlechtweg  Nemus  ( Vitruv),  Nspos  (Stra- 
bo , Äppian)  und  die  Göttin  selbst  Nemoren- 
40  sis  genannt;  ebendort  oder  in  nächster  Nähe 
liegt  das  heutige  Nemi.  Aber  auch  später, 
nicht  allein  zur  Zeit  des  Augustus  (Vitruv  4. 
7,  4;  vgl.  Appian),  sondern  bis  in  das  zweite. 
Jahrhundert  n.  Chr.  blieb  dieser  Kultus  in 
Blüte ; denn  noch  Appian  (bell.  civ.  5,  24)  fin- 
det den  Reichtum  der  dortigen  Tempelschätze 
für  seine  Zeit  bemerkenswert.  Uber  die  Lage 
des  Tempels  an  dem  „Waldsee“  lacus  Nemo- 
rensis  ist  des  näheren  Bosa  in  Bull,  dell'  inst 
50  1 8 5 6 , 5.  Henzen  ibid.  1871  S.  53  ff.  zu  ver- 
gleichen. Ein  sehr  nahe  belegener  zweitei 
Hain  der  Göttin,  ein  Buchenhain  im  Weichbild 
von  Tusculum  auf  dem  Hügel  Corne,  wird  da 
gegen  nur  einmal  aus  zufälligem  Anlafs  voi 
Plinius  erwähnt  (hist.  nat.  16,  242);  er  hatti 
damals  geringe  Bedeutung;  doch  war  sein  Kuh 
altheilig  (antiqua  religio  Dianae)  und,  wie  e; 
scheint,  ursprünglich  gemein-latinisch  (sacra 
tus  a Latio).  So  hat  aber  endlich  auch  de: 
60  Haupttempel  Dianas  im  alten  Rom  ge 
meinlatinische  Bedeutung  gehabt.  Diania  ode 
Kapellen  der  Göttin,  die  z.  T.  schon  früh  wie 
der  eingingen,  befanden  sich  zu  Rom  auf  dei 
Carinen  am  Vicus  Cyprius  (Liv.  1,  48,  6),  au 
dem  Caeliolus  (Cie.  Harusp.  resp.  15)  und  ai 
anderen  Stellen.  Bedeutsamer  war  ihr  voi 
Servius  Tullius  gegründeter  Tempel  auf  den 
Aventin,  also  aufserhalb  des  ursprünglichste! 


1005  Diana  (Wald-  u.  Seegöttin) 

Stadtbereiches:  ein  commune  Latinorum  Dia- 
nae  templum  ( Varro  De  1.  I.  5,  43).  Die  alte 
Dedikationsurkunde  der  Verbündeten  (lex  arae 
Dianae  in  Av.)  in  griechischer  Schrift,  welche 
jährlich  einmalige  Festzusammenkunft  be- 
stimmte , wurde  noch  zu  Augustus’  Zeit  in 
diesem  Tempel  gelesen  {Dion.  Hai.  4,  26 ; vgl. 
Orelli  N.  2489.  C.  I.  L.  3,  1933).  Dedikations- 
tag  waren  die  Iden  des  August  ( Martial  12, 
67:  Augustis  redit  Idibus  Diana ; Festus  S.  343; 
C.  I.  L.  1.  S.  399.  Orelli-Henzen  Nr.  6086).  Es 
scheint  bemerkenswert,  dafs  an  demselben  Tage 
auf  demselben  Aventin  auch  dem  Gott  der 
Fruchtbäume  Vertumnus  geopfert  wurde  (0.  I. 
L.  1 S.  399).  Auch  weiterher  aber  kam  man 
gelegentlich , um  dieser  Diana  zu  opfern , wie 
jener  Sabiner  mit  seinem  prodigiosen  Opfer- 
tier, von  welchem  eine  dortige  Tempellegende 
zu  erzählen  wufste  (s.  unten). 

Als  erste  Eigenschaft  der  Tages-  oder  Him- 
melsgöttin  Diana  tritt  ganz  ähnlich  wie  beim 
Lichtgott  luppiter  dianus  (vgl.  Preller3  1 S.  113) 
i ihre  nahe  Beziehung  zur  vegetabilischen 
Natur  heraus,  insbesondere  zu  Wald  undHai- 
nen.  Sie  ist  dea  nemorensis  und  haust,  wie  am 
! Waldsee  bei  Nemi,  so  in  denEichen  des  Algidus, 
unter  den  Buchen  von  Corne,  auf  dem  gewifs 
; waldreichen  mons  Tifata  {tifata  bedeutet  iliceta 
Paulus  S.  366  M.).  Sie  ist  Waldgeist  und  0b- 
] walterin  der  urwüchsigen  und  ohne  mensch- 
liches Zuthun  spriefsenden,  fruchtbaren  Vege- 
tation; dagegen  eignet  ihr  weniger  die  Sorge 
um  die  Saaten  des  Feldes,  deren  Wachstum 
Menschenhand  regelt.  Ihr  und  dem  Waldgott 
! Silvanus  zusammen  wird  auf  Inschriften  häufig 
dediciert,  wie  C.  I.  L.  6,  656,  658  u.  a.  Das 
Priestertum  in  Aricia  fiel  nach  alt-barbarischer 
'Sitte  demjenigen  zu,  der  den  bisherigen  Prie- 
Ister  im  Kampf  erschlug;  dazu  hatte  ihm  aber 
lein  aus  dem  heiligen  Hain  selbst  gebroche- 
ner Ast  als  Waffe  zu  dienen  ( Strabo  S.  239 
und  sonst). 

Allein  nicht  blofs  als  Baumgöttin  zeigt 

! Diana  ihre  Lichtnatur,  sondern  deutlicher  in 
anderen  Merkmalen.  Ähnlich  wie  der  Wasser- 
spiegel beim  Phaedrus  1,  4 speculum  lympha- 
rurn  heifst , bezeichnete  das  Volk  mehr  als 
finen  seiner  Landseen  als  ,, Dianaspiegel “. 
I Speculum  Dianae  hiefs  der  Lacus  Nemorensis 
■ Serv.  z.  V erg.  Aen.  7,  515)  und  der  See  von 
jabicum  (de  Bossi,  Bull.  arch.  munic.  1,  270ff.); 
lies  liefse  freilich  verschiedene  Deutungen  zu; 
nutmafslich  ist  der  See  hier  doch  aber  als 
;in  „Licht-  oder  Himmelsspiegel“  gedacht.  So 
iflegte , wer  der  Aricinischen  Diana  Dank  zu 
erzeigen  und  Gelübde  zu  erfüllen  hatte,  neben 
finden  und  Votivtafeln  ihr  vor  allem  bren- 
nende Fackeln  oder  Lichter  darzubringen,  wie 
hid  sagt  (Fast.  3,  269  f.):  Saepe  potens  voti, 
rontem  redimita  coronis,  Femina  lucentes  por- 
at  ab  urbe  faces  (Preller  S.  317).  Und  dem 
ntspricht  eine  freilich  sehr  kurze  Schilderung, 

■ /eiche  wir  beim  Statins  ( Silv . 3,  1,  55  f.)  von 
er  Hauptfestfeier  zu  Ehren  der  Nemorensis 
''halten ; diese  Feier  wurde  an  den  Iden  des 
ugust  begangen;  denn  Statius  redet  hier  frei- 
ch  nur  von  „Iden  der  Diana“,  sagt  aber,  dafs 
dieselben  in  die  Hundstage  fallen  und  ferner, 


Diana  (Schützerin  des  Wildes  etc.)  1006 

dafs  ganz  Italien  (omnis  Itala  terra ) sie  ge- 
meinsam feiere;  also  kann  er  nur  die  Iden 
des  August  und  den  Festtag  der  Aventinischen 
Diana  meinen;  die  Feier  aber  findet  nicht 
nachts,  sondern  am  frühen  Morgen  statt  (iam 
diesaderat),  also  zur  Begriifsung  des  Tageslichts : 
die  Feiernden  halten  mit  zahllosen  Fackeln 
einen  Umzug,  so  dafs  der  See  aufleuchtet  (da- 
her eben  speculum  Dianae)  und  der  Aricinische 
Hain  voll  Rauch  ist.  Diese  Fackeln  der  Diana 
versinnbildlichen  das  Aufleuchten  der  Früh- 
stunde und  das  Erwachen  des  dies  Dianae 
(dies  Dianae  z.  B.  bei  Afranius  v.  141 R).  Im 
Zusammenhang  hiermit  erhält  nun  auf  einmal 
die  anscheinend  seltsame  und  allgemein  ver- 
schmähte Nachricht  des  Servius  (zu  Aen.  7, 
776)  Sinn  und  Gewicht,  dafs  Virbius,  der  He- 
ros oder  vielmehr  „Gott“,  der  mit  der  Aricina 
auf  das  untrennbarste  verknüpft  ist,  nach  der 
Ansicht  einiger  geradezu  mit  Sol  identisch 
war:  Virbium  autem  quidavi  Solem  putant  esse. 
Zur  weiteren  Erläuterung  kann  aber  auch  noch 
der  Name  desjenigen  dienen,  welcher  nach  der 
Tempelsage  den  lucus  Nemorensis  dereinst 
konsekriert  haben  sollte;  er  lautete  Manius 
Egerius  und  man  wird  darin  den  Anklang  an 
die  Morgenstunde  mane  gewifs  nicht  für  zu- 
fällig halten;  sein  Geschlecht  blühte  lange  in 
Aricia , und  es  gab  ein  Sprichwort  multi 
Mani  Ariciae  (Festus  S.  145;  vergl.  übrigens 
0.  Jahn  z.  Pers.  6,  55  — 60). 

Die  Beziehung  der  Diana  zum  Tier  leben 
ist  nicht  so  deutlich  mehr  nachzuweisen.  Viel- 
leicht war  auch  die  Fruchtbarkeit  der  Herden 
ihrer  Sorge  unterstellt;  in  der  Vorhalle  der 
Diana  auf  dem  Aventin  sah  man  lange  Zeit 
ein  grofses  Gehörn  aufgehängt , und  die  Le- 
gende erzählte:  ein  Sabiner  habe  in  seiner 
Herde  eine  Kuh  gehabt  von  übernatürlicher 
Schönheit;  die  Seher,  welche  darin  ein  prodi- 
gium  erblickten,  setzten  das  Tier  in  abergläu- 
bische Beziehung  eben  zur  Diana;  wer  dasselbe 
der  Diana  opferte,  sollte  über  Rom  und  La- 
tium herrschen  (Livius  1,  45,  3 ff.;  vgl.  Pint, 
guaest.  rom.  4).  Sicherer  ist,  dafs  schon  die 
italische  Diana  wenn  auch  nicht  als  Jägerin,  so 
doch  als  Schützerin  des  Wildes  galt;  denn 
nur  so  kann  sich  erklären,  dafs  man  die  unter 
Dianas  besonderen  Schutz  gestellten  entlaufe- 
nen Sklaven  im  Volksmund  „Hirsche“  nannte 
(vergl.  unten).  Ebenso  wurde  auch  Silvanus 
Jagdgott  (C.  1.  L.  7,  451).  Eine  Darstellung 
der  Tifätischen  Diana  als  Jägerin  und  mit 
Fackel  und  Hirschkuh  (Fiorelli  u.  Minervini 
a.  a.  O.)  ist  dagegen  sichtlich  nach  dem  grie- 
chischen Vorbild  der  (pilola/mudos  "Agrspig  ge- 
macht, und  nicht  zuverlässiger  ist  die  Jägerin 
Diana  bei  Statius  Silv.  3 , 1 v.  58  oder  auf 
einer  Inschrift  des  4.  Jahrhdts.  n.  Chr.  „vena- 
tibus  incluta“  (Nissen  a.  a.  0.)  neben  der  späten 
domna  Artemis  (sic)  und  ihren  canes  agrestes 
silbatici  bei  Wilmanns  ex.  2751.  Mehr  von 
Belang  könnte  scheinen , dafs  der  erlesene 
Hirsch  beim  Verg.  Aen.  7,  483  ff.  gerade  im 
Haine  der  Diana  Nemorensis  gejagt  wird  und 
dafs  sodann  Silius  Italiens  13,  1 1 4 fi.  die  cerva 
in  seiner  Nachbildung  der  Vergilstelle  als  fa- 
mula  Dianae  ausdrücklich  bezeichnet.  Aber 


io 

20 

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40 

50 

60 


1007  Diana  (Gott,  weibl.  Fruchtbarkeit  etc.) 

selbst  die  gewifs  recht  alte  Verknüpfung  unserer 
Göttin  und  des  Virbius  mit  dem  Jagdheros 
Hippolytos,  worüber  hernach  zu  reden  ist,  er- 
giebt  noch  keinen  sicheren  Schlufs  auf  ur- 
sprünglich cynegetische  Funktionen  jener  bei- 
den italischen  Numina.  Auch  Grattius  ist  in 
seinem  Jagdgedicht  v.  483—496  vielleicht  von 
griechischen  Vorlagen  beeinflufst. 

Auch  zum  Menschenleben  tritt  unsere 
Lichtgöttinin direktesteBeziehung;  wie  über  die 
Fruchtbarkeit  der  stets  weiblich  gedachten  Pflan- 
zenwelt waltet  sie  auch  über  die  Fruchtbar- 
keit der  Frauen;  sie  ist  Geburtshelferin,  und 
die  Schwangeren  sind  es,  die  sie  vornehmlich 
anrufen.  Cie.  Be  nat.  dcor.  2 , 68  vindiciert 
diese  Eigenschaft  in  seltsamer  Flüchtigkeit 
nur  der  griechischen  Artemis.  Auch  sie  war 
Ausflufs  des  Grundbegriffs  der  Diana  und  kann 
darum  keineswegs  von  Mond  und  Menstruation 
hergeleitet  werden,  wie  wiederum  z.  B.  bei 
Cicero  a.  a.  0.  geschieht,  der  Luna  und  Lucina 
nicht  nur  etymologisch,  sondern  auch  begriff- 
lich gleichsetzt.  Falls  der  Glaube  an  den  Ein- 
flufs  des  Mondes  auf  die  Geburt  sich  als  ita- 
lisch erweisen  hissen  sollte,  was  bezweifelt 
werden  darf,  so  war  die  Namengebung  jeden- 
falls hiervon  unbeeinüufst.  Die  beste  Analogie 
ist  für  Diana  eben  die  zweite  Geburtshelferin 
der  Römer,  Iuno  Lucina;  Lucina  hiefs  diese 
göttliche  obstetrix  deshalb,  weil  sie  „Licht 
gab“,  weil  sie  die  Kinder  „das  Licht  der 
Welt“  erblicken  liefs;  so  erklärt  das  Epithe- 
ton ausdrücklich  Ovid.  Fast.  3,  255 : tu  nobis 
lucem,  Lucina,  dedisti.  Ganz  ebenso  heifst  die 
zweite  Geburtshelferin  Biana,  d.  i.  die  das 
Tageslicht  sehen  läfst : quae  cliem  dedit  infan- 
tibus, als  cpcoacpoQo ? oder  cpsQsoßios.  Sie  wurde 
darum  auch  selbst  mit  Zusatz  Diana  Lucina  oder 
Genitalis  zubenannt  [Borat,  carm.  saec.  15)  oder 
Dianalucifera  aufMiinzen,und  schon  Titus  Tatius 
vo  vierte  neben  ein  ander  Bianae  Lucinaeque  ( Var - 
ro  de  1.  I.  5,  74).  Nur  Frauen  hatten  in  Rom  zu 
ihrem  Heiligtum  im  Vicus  Patricius  Zutritt 
( Blut . quaest.  rom.  3).  Und  vornehmlich  Frauen 
scheinen,  wie  die  Cynthia  des  Propertius  2,  32, 
9f.  zu  Aricia  jene  brennenden  Fackeln  und 
Lichter  ( lumina ) dargebracht  zu  haben,  von  wel- 
chen vorhin  die  Rede  war.  Frauen  auch  nen- 
nen sich  auf  mehreren  Votivtafeln,  Orelli  1453. 
1455.  1456.  C.  I.  L.  3,  1773  (vgl.  aus  ältester 
Zeit  jene  Cesulla  Atilia  C.  I.  L.  1 , 168),  und 
bei  Nemi  sind  nebst  dem  Bild  einer  Kreifsen- 
den  in  Relief  bekränzte  Frauenköpfe  ausgegra- 
ben worden,  welche  genau  jenen  Worten  Ovids 
frontem  redimita  coronis  femina  (s.  ohen)  ent- 
sprechen [Graevius  Thesaurus  12  S.  754).  An 
den  Iden  der  Diana  reinigten  sich  die  Frauen 
Haupt  und  Haare  ( Plut . a.  a.  0.  100). 

Aber  der  Funktionen  der  Göttin  gab  es 
noch  mehr.  Das  Heil  aller  Menschen  lag  ihr 
am  Herzen  und  auch  von  Männern  nahm  sie 
Opfer.  In  der  verlorenen  Togatkomödie  Ex- 
ceptus  des  Afranius  wurde  anscheinend  irgend 
wer  aus  den  Wellen  gerettet,  und  der  Retter 
löst  zum  Dank  sein  Gelübde  der  Diana  [solvo 
operam  Bianae,  v.  144  Ribb.) ; vgl.  dazu  das 
fatorum  labes  minasque  exire  bei  Grattius  v.  495. 
Vor  allem  „galten“  ( vulgo  existimatur ) die  Iden 


Diana  (Mythen,  Virbius  etc.)  1008 


der  Diana  auch  als  Festtag  der  Sklaven , an- 
geblich, weil  Servius  Tullius,  servus  von  Ge- 
burt, das  Dianium  auf  dem  Aventin  gegründet 
hatte;  insbesondere  standen  die  servi  fugitivi 
unter  ihrem  Schutze,  denn  diese  Flüchtlinge 
schienen  dem  gehetzten  Wilde  vergleichbar 
und  wurden  so  statt  servi  cervi  benannt 
( Festus  S.  343.  C.  1.  L.  1 S.  399)  in  ersichtli- 
chem Silbenspiel  und  ähnlich  gleichnisweise, 
10  wie  man  z.  B.  die  scorta  lupae  zu  nennen 
pflegte. 

Endlich  aber  erhob  sich  die  Dianareligion 
im  alten  Latium  sogar  zu  hoher  politischer 
Bedeutung.  Gleichsam  in  Konkurrenz  mit  dem 
Iuppiter  Latiaris  und  anderen  Gemeinkulten 
(vgl.  Ambrosch  a.  a.  0.  S.  223)  hat  ihr  Dienst, 
wie  schon  oben  gezeigt  ist,  an  verschiedenen 
Stätten,  zu  Rom  wie  zu  Aricia  und  Tusculum 
die  Römer  und  die  verschiedenen  latinischen 
20  Stämme  zu  jährlich  gemeinsamem  Opfer  ver- 
einigt und  so  dem  Bewufstsein  der  politischen 
und  Stammesgemeinschaft  als  Träger  gedient. 
Diese  Thatsache  beweist,  dafs  vor  dem  Ein- 
dringen griechischer  Kulte  die  Naturreligion 
der  Diana  bei  den  Italikern  in  allerhöchstem 
Ansehen  gestanden  haben  mufs.  Innerhalb 
Roms  erscheint  die  Diana  in  Aventino  in  älte- 
rer Zeit  gelegentlich  als  Schutzgöttin  der 
Plebs  (vgl.  Liv.  2,  32.  3,  51.  54.  Scdlust  Lug. 
30  31 , 17). 

Mythen  haben  sich  wenige  an  die  Diana 
geknüpft  und  sie  verraten  schon  den  griechi- 
schen Einflufs.  An  der  alten , erzenen  Porta 
Raudusculana  zu  Rom  war  der  gehörnte  Kopf 
des  Prätors  Genucius  Cipus  (s.  d.)  zu  sehen; 
dem  sollten  Hörner  gewachsen  sein,  als  er  sein 
Heer  aus  diesem  Thore  führte , und  man  ver- 
glich sein  Schicksal  mit  dem  des  durch  Arte- 
mis verwandelten  Aktaion  [Ovid.  Met.  15,  565  f. 
40  Val.  Max.  5,  6,  3.  Plin.  hist.  nat.  11,  123). 
Schon  Cato  erzählte  ferner  (S.  15  Jordan),  dafs 
das  Dianabild  zu  Aricia  von  Orestes  aus  Tauri 
über  Rhegium  dorthin  gebracht  worden  sei, 
und  man  hielt  die  Nemorensis  geradezu  für 
die  TuvQonoloq  [Strabo  S.  239)  aus  Anlafs  der 
vorhin  erwähnten  grausamen  Zweikämpfe  um 
ihr  Priestertum  (ßa^ßapixov  x«i  anv&inov  rffog). 
Deshalb  redet  auch  Silius  von  immite  nemus 
und  immitis  Aricia  4,  369.  8,  364;  und  die 
50  placabilis  ara  Bianae  bei  Vergil  7,  764  hat 
den  Kritikern  nicht  unbegründeten  Anstofs  ge- 
geben, Wichtiger  aber  ist  der  zu  Aricia  mit 
Diana  zusammen  verehrte  „Gott“  oder  „Sonnen- 
gott“ Virbius  (s.  oben).  Er  ward  zum  Heros 
und  Weidmann  und  sollte  dort  ihr  erster  Priester 
(rex  nemorensis)  gewesen  sein ; man  wufste 
aber  jetzt  auch  von  ihm  nicht  anders , als 
dafs  er  mit  dem  griechischen  Hippolytos  iden- 
tisch sei;  Hippolyt  wurde  zwar  durch  die 
60  Rosse  des  Poseidon  zerrissen  (die  Sonne,  die 
im  Meer  untergeht?),  allein  Diana  belebte  den 
Toten  durch  Hilfe  des  Asklepios  und  verbarg 
ihn  liebend  im  Hain  von  Aricia,  wo  er  nun 
unbekannt  unter  dem  Namen  Virbius  haust; 
denn  sein  griechischer  Name  gemahnte  an  die 
verderblichen  Rosse;  auch  durfte  kein  Pferd 
hinfort  den  heiligen  Bezirk  betreten  [Ov.  Met. 
15,  497 ff.  Fast.  3,  265 f.  6,  735f.  Apollod.  bibl. 


1009  Diana  (Mythen,  Virbius  etc.) 

3,  10  u.  a.;  vergl.  Forbiger  z.  Verg.  Aen.  7, 
761  ff.  A.  Kalkmann , De  Hippolylis  Euripi- 
deis  Bonn  1882.  S.  55ff.).  Bei  Vergil  zeugt 
dann  Virbius  weiter  einen  gleichnamigen  Sohn, 
der  an  den  Kämpfen  wider  Aineias  sich  be- 
teiligt. Einen  clivus  Virbi  erwähnt  Persius  6, 
56,  ein  Bildnis  Servius  (z.  Verg.  7, 776),  und  ein 
solches  ist  wirklich  bei  Aricia  gefunden  wor- 
den (s.  Uhden  in  Abhdl.  d.  Berl.  Alcad.  1818. 
S.  189f.;  vgl.  M.  Pio-CIem.  3,  39'?).  Vier 


Diana  (==  Artemis)  1010 

felhaft,  ob  der  erste  Bestandteil  mit  den  gött- 
lichen Vires,  mit  virere  zusammenzustellen  ist 
( Jordan  vergleicht  verbena)  oder  vielmehr  mit 
ver;  denn  der  Frühling  ist  es  ja,  den  die  Sonne 
wirkt.  Die  Vermutung  Kalkmanns  a.  a.  O , 
dafs  diese  ätiologische  Fabel  in  den  Ai'zux 
des  Kallimachos  stand  und  erst  daher  den 
Körnern  durch  Varro  vermittelt  wurde,  hat  nicht 
hinlängliche  Sicherheit;  doch  ist  der  Einflufs 
des  fabulierenden  Griechentums  hier  evident, 
der  den  starren  numina  Italiens  menschliche 
Bezüge  zu  geben  sich  bemüht  hat.  Echt  ita- 
lisch endlich  ist  auch  noch  Name  und  Funk- 
tion der  Quellnymphe  Egeria,  die  im  selbigen 
Haine  mit  Verehrung  fand  und  der  römischen 
Egeria  vor  der  porta  Capena  gleicbgesetzt 
wurde.  Sie  war  nach  der  Etymologie  und 
Erklärung  bei  Paulus  S.  77  M.  egerens  oder 
„entbindend“  wie  Diana,  und  die  schwangeren 
Frauen  opferten  ihr.  Die  Dichterfabel  aber 
machte  sie  zur  Erzieherin  des  Virbius.  Ein 
jüngerer  Virbius  als  Sohn  einer  Egeria  er- 
scheint noch  bei  Silius  4,  382. 

Diana  glich  der  griechischen  Artemis  nicht 
nur,  sofern  sie  nemorensis,  sondern  auch  so- 
fern sie  genitalis  war;  die  Identifizirung  bei- 
der konnte  daher  früh  ausgeführt  werden.  Ori- 
ginale bildliche  Darstellungen  hatten  die 
Italer  von  ihr  anscheinend  keine;  schon  das 
alte  Kultbild  des  Dianium  auf  dem  Aventin 
entsprach  dem  der  grofsen  Ephesiscben  Arte- 
mis. [Inbetreff  der  hier  nach  D.  a.  K.  2,  16, 
168  gegebenen  Münchner  Diana  von  Gabii, 
welche  unzweifelhaft  ein  Tempelbild  darstellt, 
sei  auf  Schreibers  Artikel  Artemis  (oben 
S.  596  f.)  verwiesen.  Roscher.]  Auch  die 
römische  Litteratur,  die  für  uns  erst 
seit  dem  zweiten  punischen  Kriege  anhebt 
und  die  ja  von  griechischen  Mustern  voll- 
kommen abhängig  war,  hat  im  wesentlichen 
die  griechische  Artemis  getreu  übernommen, 
nämlich  diejenige,  unter  deren  Begriff  schon 
so  Eileithyia  wie  Hekate  und  Selene  subsu- 
miert waren.  Allerdings  wissen  die  Monumente 
in  späterer  Zeit  gelegentlich  noch  Luna  und 
Diana  korrekt  zu  sondern,  wie  auf  der  In- 
schrift Ephem.  epigr.  4 S.  269,  wo  zugleich 
Sol  Luna  Apollo  Diana  erscheinen,  oder  C.  I. 
L.  5,  3224,  wo  Luna  neben  Diana  lucifera 
steht,  beide  verschieden  gebildet,  die  letztere 
als  Jägerin.  Doch  schon  bei  Ennius  trag. 
v.  318  Vahlen  heifst  Diana  Trivia,  und  dieselbe 
der  Hekate  entlehnte  Bezeichnung  drang  in  den 
Kult  der  Tifatisehen  Diana  ein  ( Orelli-Henzen 
5707).  Aus  dem  Gebiet  der  römischen  Poesie 
sei  noch  besonders  auf  den  Dianahymnus  Ca- 
tulls  c.  34,  auf  den  des  Horaz  carm.  1,  21, 
auf  desselben  Horaz  Säkularlied  und  Ode  3,  22, 
auf  Grattius  Cyn.  v.  483 ff.  verwiesen.  Diana 
ist  hier  nicht  nur  Schützerin  des  Wildes, 
sondern  Jägerin,  sie  ist  Mondgöttin,  sie  ist 
Schwester  des  inzwischen  gleichfalls  recipierten 
Griechen  Apollo.  Auf  Grund  des  griechischen 
Zwölfgöttersystems  wurde  zu  Rom  bei  den  Lec- 
tisternien  neben  den  Paaren  luppiter  und  Iuno, 
Neptun  und  Minerva,  Mars  und  Venus  auch  schon 
Diana  mit  Apoll  als  Götterzweiheit  vereinigt 
(Liv.  5,  13.  Dion.  Hai.  12,  9;  vgl.  Liv.  22,  10. 


io 

20 

30 

40 

50 

GO 


1011 


Dido 


1012 


Diana  (u.  Apollo  etc.) 

Klausen,  Aneas  1 S.  258 f.)  Nachdem  sodann 
M.  Ämilius  in  der  Schlacht  gegen  die  Ligu- 
rer v.  Jahre  187  den  Dianatempel  beim  Circus 
Flaminius  geloht  hatte,  weihte  Augustus  sei- 
nen Palatinischen  Apollotempel  nicht  ohne  der 
Diana  Victrix  neben  dem  Bruder  Kaum  zu  ge- 
ben. Apollini  et  Dianae  findet  man  auf  In- 
schriften häufig  dediciert , z.  B.  I.  B.  1751. 
C.  I.  L.  3,  986.  5,  4199.  Beiden  zusammen 
wurden  auch  i.  J.  17  v.  Chr.  die  Säkularspiele  l 
gefeiert  (im  Sommer  vgl.  Glaudian.  de  VI  cons. 
Hon.  v.  388  f.),  wobei  nach  des  Zosimos  Be- 
richt (2,  5)  wiederholt  griechische  und  latei- 
nische Chorlieder  ihnen  zu  Ehren  gesungen 
wurden,  nachdem  in  den  Vortagen  eine  Natu- 
ralienspende an  das  Volk  u.  a.  auch  im  Tem- 
pel der  Diana  in  Aventino  verteilt  war.  ln 
der  Kaiserzeit  wird  sodann  auch  einer  Diana 
Augusta  dediciert,  z.  B.  in  Born  C.  I.  L.  6, 
128;  ferner  Boissieu , Inscr.  de  Lyon  S.  19.  2 
Ephem.  epigr.  2,  966.  C.  I.  L.  5,‘  771.  772. 

8,  955 ; oder  auch  der  caelestis  Diana  augusta, 
z.  B.  C.  I.  L.  5,  5765.  8,  999.  Merkwürdiger 
ist  die  Identifizierung  der  Diana  mit  Vesta  auf 
der  bei  Aricia  gefundenen  Inschrift  Wilmanns 
ex.  1767,  woraus  sich  vielleicht  erklären  kann, 
dafs  bei  Propcrt.  2,  29,  27  Cynthia  der  Vesta 
ihre  Träume  erzählt,  wo  wir  die  Nennung  Dia- 
nas oder  der  Isis  erwarten ; einen  weiteren 
Bezug  zwischen  Diana  und  Vesta  vermutet  3 
Premier,  Hestia-  Vesta  S.  239  Anm.  Merkwürdig 
endlich  ist  auch  jenes  Kolleg  von  Verehrern 
der  Diana  und  des  Antinous  zur  Bestattung 
armer  Leute,  das  zu  Lannvium  unter  Hadrian 
bestand  ( OrcJli  6086  aus  d.  J.  136  n.  Chr. ; 
vgl.  Boissier,  Ja  religion  rom.  d' Auguste  aux 
Antonins  2.  S.  308  f.).  Vielleicht  beruht  auf 
ähnlichen  Voraussetzungen,  wenn  ein  Grabmal 
geradezu  als  sacrum  Dianae  bezeichnet  wird, 
wie  bei  Henzen  n.  5704:  D.  M.  sacrum  Dea - 4 
nae  und  ebenso  Wilmanns  ex.  242.  Die  Göt- 
tin scheint  hier  insbesondere  als  Hekate,  d.  i. 
als  Unterweltsgöttin  gefafst  zu  sein.  [Birt.l 
Diana,  aus  *Div-ana,  etruskisch-römische 
Mondgöttin,  s.  unter  Tio  (etruskisch).  [Deecke.] 
Dianus,  Beiname  des  Inppiter  (=  Ianus?) 
auf  einer  Inschrift  aus  Aquileia,  C.  I.  L.  5,  783: 
Iovi  | Dianö  j C.  Herre  \ n . nius.  | Candidus  \ 
v.  s.  1.  m.  Vgl.  Diana  S.  1003,  50  u.  s .Jordan 
zu  Preller,  Ii.  AI.3  1,  167,  2.  [Steuding.]  5 
Diaphoros  (Aidcpogog),  wird  von  Hygin.  f. 
97  unter  den  Griechen  genannt,  welche  gen 
Ilion  zogen,  und  heifst  judex , wie  Epeus  ar- 
chitectus,  Calchas  augur.  [Stoll,] 

Diaprepes  (z/ta ngenyg)  König  von  Atlantis 
und  vieler  anderer  Inseln  des  Oceans.  Plat. 
Gritias  114  c.  [Steuding.] 

Dias  (z/tag,  -avzog) , 1)  einer  der  Titanen, 
Et.  M.  s.  v.  z/tag.  — 2)  Sohn  des  Abas,  Bru- 
der des  Alkon  und  der  Arethusa , welcher  6 
’A&rivca  z/tadsg  auf  Euboia  gründete,  Steph.  Byz. 
s.  v.  ’A&rivat,  Bursian,  Geogr.  v.  Griechenland 
2,  409  f.  — 3)  Sohn  des  Pelops  (Et.  M.  s.  v. 
z/tag)  und  der  Hippodameia,  Bruder  des  Atreus 
und  Thyestes.  Atreus  heiratete  Kleolla  (Kleola), 
die  Tochter  des  Dias,  und  zeugte  mit  ihr  Plei- 
sthenes,  den  Vater  des  Agamemnon,  Menelaos 
und  der  Anaxibia,  Schol.  Eurip.  Or.  5.  Nach 


Ilesiod  u.  Aeschylos  b.  Tzetz.  Exeges.  in  II. 
p.  68,  20  war  Kleolla,  die  Tochter  des  Dias, 
Gemahlin  des  Atriden  Pleisthenes,  Mutter  des 
Agamemnon,  Menelaos  und  der  Anaxibia.  — 
4)  Dias  und  Thoas  hiefsen  die  Rosse  des  Am- 
phiaraos  (öioucu  u.  Hoog),  Schol.  Pind.  Ol.  6, 
21.  . [Stoll.] 

Riaulos  ( Aiavlog ),  der  erste  Erdensohn  nach 
eleusinischer  Sage ; vgl.  Pindars  neuentdeck- 
tes Fragment  aus  Hippolytos  ed.  Duncker  et 
Sclmeidewin  p.  135  f. ; vgl.  auch  Schneidewin 
im  Philol.  1,421  ff.  437.  Gerhard,  Gr.  Myth.  2. 
§ 639,  3.  Welcher,  Gr.  Götterl.  2,  473  will  z/t- 
oavlog  lesen,  s.  Dysaules.  [Stoll.] 

Bidnasos  ( Jiövuaog ),  ein  Inder,  Vater  des 
Morrheus  und  Orontes,  welcher,  um  den  Tod 
des  letzteren  zu  rächen,  trotz  seines  Alters  am 
Kampfe  gegen  Dionysos  teil  nimmt , Nonn. 
Dion.  26,  79.  [Steuding.] 

Dido  (Elissa).  Ihr  Name  und  ihre  Schicksale 
wurden,  soweit  nachweisbar,  zuerst  von  Ti- 
mäus  (fr.  23  Müller ) in  die  Litteratur  einge- 
führt.  Seine  Erzählung  giebt,  wenn  nicht  ganz 
vollständig , doch  innerhalb  dieser  Beschrän- 
kung anscheinend  fast  ganz  ungetrübt,  lustin, 
18,  4,  3 — 6,  8 wieder;  aufserdem  lassen  sich 
einzelne  Züge,  die  der  letztere  fallen  gelassen, 
noch  aus  sehr  späten  und  im  übrigen  sehr  ge- 
trübten Niederschlägen  der  Tradition  mit  an- 
nähernder Sicherheit  herausfinden.  Danach 

setzte  der  tyrische  König  Mutto  (=  oder 
■jtra  „das  Gegebene,  das  Geschenk“,  vgl.  Mo- 
vers, Phönizier  2, 1 S.  353.  Schröder,  die  phön. 
Sprache  S.  127)  bei  seinem  Tod  seine  Tochter 
Elissa  und  seinen  Sohn  Pygmalion  zu  Erben 
seiner  Herrschaft  ein;  doch  ward  nur  der  letz- 
tere, obwohl  noch  ein  Knabe,  vom  Volk  als 
Herrscher  angenommen.  Elissa  vermählte  sich 
mit  ihrem  Oheim  Sieharbas  (über  die  verderbte 
Namensform  Acerbas  s.  v.  Gutschmid  im  Litt. 
Centralblatt  1872,  Sp.  659),  der  als  Priester 
des  Hercules  die  nächste  Stelle  nach  dem 
König  einnahm.  Aus  Begier  nach  seinen  ver- 
borgen gehaltenen  Schätzen  tötet  diesen  nun 
Pygmalion , freilich  ohne  sein  Ziel  damit  zu 
erreichen.  Elissa  aber,  die  sich  darauf  voll 
Abscheu  lange  von  ihrem  Bruder  ferngehalten 
hat,  erlangt  schliefslich  unter  dem  Vorgeben, 
zu  ihm  übersiedeln  zu  wollen,  Schiffe  von  dem- 
selben, die  sie  mit  den  Schätzen  des  Sieharbas 
und  den  Heiligtümern  des  Hercules  besteigt, 
um,  nachdem  sie  die  Bemannung  durch  eine 
List  zum  Ansclilufs  bewogen,  nach  dem  Westen 
zu  entfliehen , begleitet  von  mifsvergnügten 
Mitgliedern  der  tyrischen  Aristokratie.  Von 
der  beabsichtigten  Verfolgung  wird  Pygmalion 
durch  die  Bitten  seiner  Mutter  und  durch  Dro- 
hungen der  Götter  abgehalten.  Auf  Cypern 
schliefst  sich  den  Flüchtigen  auf  göttlichen 
Antrieb  ein  Priester  des  luppiter  (so  jetzt 
lustin ; richtiger  aber  wohl  „der  Iuno“,  d.  i. 
Astarte,  vgl.  Serv.  ad  Aen.  1,  443,  nach  wel- 
chem er  auch  später  den  Platz  für  die  neue 
Stadt  bezeichnet)  an,  für  sich  und  seine  Nach- 
kommen das  Priestertum  in  dem  neuzubegrün- 
denden Staat  sich  ausbedingend;  aufserdem 
rauben  sie  als  Gattinnen  für  die  junge  Mann- 
schaft 80  Jungfrauen,  die  der  Sitte  gemäfs  am 


1013 


Dido 


Dido 


1014 


Gestade  ihre  Jungfrauschaft  opfern  wollten. 
Elissa  tritt  an  der  Küste  Afrikas,  wohin  sie 
darauf  gelangt,  mit  den  Eingeborenen  (Mdgi- 
xrg,  JEustath.  ad  Dionys.  Perieg.  195—97  bei 
G.  Müller,  Geogr.  Gr.  m.  2;  über  die  Bedeutung 
dieses  Namens  s.  Meitzer,  Gesell,  d.  Karth.  1, 

S.  52,  431)  in  freundschaftlichen  Verkehr  und 
erwirbt  durch  die  bekannte  List  mit  der  Rinds- 
haut (woher  später  der  Name  Byrsa)  Land  zu 
einem  zunächst  nur  vorübergehenden  Aufent-  io 
halt.  Eingeborne  lassen  sich  neben  den  An- 
kömmlingen nieder  und  wünschen  sie  bei  sich 
festzuhalten ; auch  Gesandte  von  Utica  bringen 
Geschenke  und  ermuntern  zur  Gründung  einer 
Stadt.  So  schreitet  man  dazu,  nachdem  ein 
jährlich  an  die  Eingebornen  zu  zahlender 
Grundzins  festgesetzt  worden  ist.  Da  die  Auf- 
findung eines  Rindskopfs  beim  ersten  Grund- 
graben als  ein  minder  günstiges  Vorzeichen 
erscheint,  schlägt  man  an  einer  andern  Stelle  20 
ein , wobei  man  (unter  einer  Palme , Eustath. 
a.  a.  0.)  den  Kopf  eines  Rosses,  ein  Vorzeichen 
künftiger  Kriegstüchtigkeit  und  Stärke  (und 
zugleich  den  Anlafs  zur  Benennung  Kav-naßri 
für  die  Stadt,  Eustath.  a.  a.  0.,  vergl.  Steph. 
Byz.  s.  v.  Kcigiydcov),  findet.  Durch  weiteren 
Menschenzuflufs  aus  dem  Umland  wächst  die 
Stadt  rasch  an.  Da  verlangt  Jarbas,  der  König 
der  Maxitaner,  unter  Androhung  des  Kriegs 
für  den  Weigerungsfall,  die  Hand  der  Elissa.  30 
Da  sie  diesem  von  ihr  verabscheuten  Verlan- 
gen sich  nicht  anders  entziehen  kanu,  errich- 
tet sie  nach  Ablauf  der  ausbedungenen  drei- 
monatlichen Frist  unter  dem  Vorwand,  dem 
Sicharbas  ein  Totenopfer  darbringen  zu  wol- 
len, einen  Scheiterhaufen  und  giebt  sich  auf 
diesem  selbst  den  Tod  [vergl.  Antliol.  Plan. 
151  R.].  So  lange  Karthago  unbesiegt  stand, 
ward  sie  als  Göttin  verehrt.  Den  Namen 
Dido  übersetzte  Timäus  (fr.  23;  vgl.  Eustath.  40 
a.  a.  0.  Etym.  M.  p.  272  s.  v.  Asiöd.  Eudoc. 
viol.  268,  p.  194 — 97  Flach ) mit  nhxvr\ng.  Ob 
er  Anna  als  Schwester  derselben  genannt  hat, 
mufs  dahingestellt  bleiben. 

In  allen  wesentlichen  Punkten  denselben 
Bestand  gab  (übrigens  selbstverständlich  durch- 
aus unabhängig  von  Timäus)  Nävius,  wie  seine 
Fragmente  (9.  10.  12.  14  Vahlen)  und  mehr 
noch  die  an  die  seinige  stark  angelehnte  Darstel- 
lung Vergils  ( Aen . B.  1 u.  4)  erkennen  lassen,  50 
nur  erheblich  .erweitert  durch  die  Zusammen- 
- führung  des  Äneas  mit  Dido.  Er  hat  auch 
sicher  Anna  genannt,  obwohl  kaum  in  bedeu- 
tungsvollerer Stellung  als  Vergil,  und  ohne 
i ihr  Schicksal  über  Didos  Tod  hinaus  zu  ver- 
folgen; Didos  Vater  hiefs  bei  ihm  anscheinend 
Mettes  ( Serv . ad  Aen.  1,  343),  der  libysche 
König  vielleicht  Iopas  (Serv.  ad  Aen.  1,  738). 
Sofern  Vergil  von  jenem  Bestand  abweicht, 
Motive  fallen  läfst  oder  durch  andere  ersetzt,  60 
Namen  ändert  (über  Sychäus  statt  Sicharbas 
vergl.  Sero,  ad  Aen.  1,  343),  Beziehungen  und 
Verhältnisse  um-  oder  ausgestaltet,  ist  dies 
nur  der  Rücksicht  auf  die  Bedürfnisse  seiner 
dichterischen  Darstellung  zuzuschreiben.  En- 
nius,  der  einmal  (fr.  8,  24  Vahlen ) die  Punier 
als  „Didone  oriundos“  bezeichnete,  scheint  auf 
die  Gründung  Karthagos  nicht  eingegangen  zu 


sein.  Cato  ( Solin . 27,  9 — 11)  liefs  Karthago 
von  der  Tyrierin  Elissa  (Elisa,  Meitzer  a.  a.  0. 
S.  476)  gegründet  werden,  als  der  König  Ja- 
pon  in  Libyen  herrschte,  und  zuerst  Carthada 
(=  nova  civitas)  benannt  sein,  mit  der  Zeit 
aber  seien  auf  punisch  beide  Namen  in  Kar- 
thago und  Elisa  (Elissa,  Meitzer ) umgewandelt 
worden.  M.  Terentius  Varro  (Serv.  ad  Aen. 
5,  4;  vgl.  4,  682)  glaubte  annehmen  zu  sollen, 
dafs  nicht.  Dido,  sondern  Anna  es  gewesen  sei, 
die  den  Äneas  geliebt  und  sich  den  Tod  ge- 
geben habe.  Die  Zusammenführung  des  Äneas 
und  der  Dido-Elissa  ist  weiterhin  definitiv  fal- 
len gelassen  worden , augenscheinlich  unter 
dem  Einflufs  der  Thatsache , dafs  gegenüber 
der  auf  eine  weit  frühere  Zeit  weisenden  und 
mit  anderen  Persönlichkeiten  operierenden  Da- 
tierung des  Philistus  ( Synccll . p.  324,  2 ed.  Bonn. 
Hievon,  ad  a.  Ahr.  803.  App.  Pun.  1,  übernommen 
von  Eudoxos , Schol.  ad  Eur.  Troad.  220  ed. 
Cobet  in  Eur.  Phoen.  ed.  J.  Geelius,  in  mifs- 
verständlicher  Fassung  nachwirkend  bei  Euseb. 
ap.  Sync.  p.  340,  14.  vers.  Arm.  ad  a.  Ahr. 
978.  Hieron.  ad  a.  Ahr.  974),  sei  diese  nun 
mit  Meitzer  a.  a.  0.  S.  105,  oder  mit  v.  Gut- 
schmid,  Neue  Jahrb.  /'.  Philol.  121  S.  295,  oder 
mit  Ungcr , Bhein.  Mus.  f.  Pliilol.  n.  F.  35, 
S.  31  zu  erklären,  die  auf  das  Jahr  814  ge- 
stellte, eine  derartige  Berührung  absolut  aus- 
scliliefsende  (Serv.  ad  Aen.  1 , 267)  Datierung 
des  Timäus  die  allgemeine  Anerkennung  er- 
langte (Tim.  fr.  21  = Dion.  Hai.  ant.  1,  74, 
1;  über  die  weiteren  damit  zusammenhängen- 
den, bezw.  mifsverständlicherweise  daraus  ab- 
geleiteten oder  danach  zu  berichtigenden  Zeit- 
angaben vgl.  Meitzer  a.  a.  0.  S.  108f.  459—63). 
Und  auch  in  materieller  Hinsicht  ist  die  be- 
treffende Tradition,  wie  sie  Timäus  einerseits, 
Nävius  anderseits  zuerst  in  die  Litteratur  ein- 
fübrten,  durchaus  die  herrschende  geblieben. 
Auf  sie  ist  direkt  oder  indirekt  jede  fernere 
Bezugnahme  auf  Dido-Elissa  und  die  Gründung 
Karthagos  ihrem  sachlichen  Inhalt  nach  zu- 
rückzuführen (vgl.  App.  Pun.  1.  Veil.  1,  6,  4. 
Sil.  It.  1,  21  ff. ; vgl.  2,  410.  3,  241.  Herodian. 
hist.  5,  6,  4 und  die  zahlreichen  Anführungen 
bei  Serv.  ad  Aen.  1 u.  4,  der  zugleich  auf  die 
Behandlungsweise  des  Livius  zu  schliefsen  ge- 
stattet, übrigens  mit  der  „historia  Poenorum“, 
bez.  „Punica  historia“,  auf  die  er  sich  ad  Aen. 
1,  343.  738  beruft,  gewifs  nichts  anderes  be- 
zeichnen will,  als  die  Gründungsgeschichte  in 
der  allgemein  recipierten  Form;  tyrische  Mün- 
zen von  Elagabalus  an  , vergl.  Eclchel,  doctr. 
num.  vet.  3 p.  388.  Mionnet,  descr.  de  med. 
ant.  5 p.  433.  441  — 50.  supplem.  8 p.  310 — 12), 
nicht  ohne  dafs  auf  die  Gestaltung  im  einzel- 
nen auch  schon  wieder  die  Darstellung  Ver- 
gils von  Einflufs  gewesen  wäre,  aufserdem  aber 
auch  zum  Teil  autoschediastische  Erklärungs- 
und Vermittelungsversuche  (vergl.  z.  B.  Serv. 
ad  Aen.  1 , 363.  Eustath.  a.  a.  0.  Malal.  6 
p.  162  f.  Cedrenus  1 p.  246  u.  a.  m.),  endlich 
augenscheinliche  Mifsverständnisse  und  irrige 
Namendeutungen  (Dido  = ,,virago“  Serv.  ad 
Aen.  4,  36.  674,  vergl.  335.  1,  340;  = olvöqo- 
ipovog  Eustath.  u.  a.  m. ; vergl.  Meitzer  a.  a.  0. 
S.  122.  475)  mit  unterliefen.  Ganz  auf  freier 


1015 


Dido 


Dido 


1016 


Erfindung  beruht,  was  über  das  Auftreten  des 
Jarbas  und  das  Schicksal  Annas  (s.  d.)  nach  Di- 
dos Tode  erzählt  wird  ( Ovid . fast.  3,  545  ff. ; 
danach  Sil.  It.  8,  54  ff.  unter  Einsetzung  von 
Kyrene  anstatt  Malta,  was  Klausen,  Aneas  u. 
die  Penaten  2 S.  721  richtig  erklärt;  Eustath. 
a.  a.  0. , gegen  Movers1  Deutung  richtig  er- 
klärt von  C.  Müller,  Geogr.  Graeci  min.  z.  d. 
St.) , um  die  letztere  mit  der  gleichnamigen 
italischen  Göttin  in  Verbindung  zu  bringen. 

Nachdem  früher  nur  oberflächlich  versucht 
worden  war , in  diesem  Bestände  sagenhafte 
Bestandteile  und  einen  sogenannten  historischen 
Kern  von  einander  zu  sondern,  nahmen  zuerst 


Dido  von  dem  fortsegelnden  Aineias  verlassen,  neben  ihr  dienende  Frauen  und  die 
Afrika  (vgl.  Mus.  Borb.  9,  4). 


Klausen  a.  a.  0.  Bd.  1,  S.  502 — 15  und  Movers, 

Phönizier  Bd.  1,  S.  609  ff.  Dido-Elissa  ganz  abzuleiten.  Für 

und  voll  für  die  Götterwelt  in  Anspruch,  so  scheint  den  eigentlichen  Krystallisationspunkt 


det  ist.  Derjenige  des  Philistus,  der  dies  chro- 
nologisch durch  eine  Bezugnahme  auf  den  tro- 
janischen Krieg,  daneben  durch  die  vorbildlich 
an  das  in  Karthago  bestehende  Doppelkönig- 
tum angeknüpfte  Personifikation  Zcopog  und 
KaQxridcov  als  Gründer  zum  Ausdruck  brachte, 
beweist,  dafs  der  Bericht  des  Timäus  nicht  in 
Karthago  selbst  seinen  Ursprung  hatte,  obwohl 
derselbe  schliefslicli  wohl  auch  dort  unter  dem 
io  Eiuflufs  des  Hellenismus  Eingang  fand.  Timäus 
ebenso  wie  Ncivius  und  wohl  auch  andere 
Römer  der  älteren  Zeit  schöpften  das  ihrige 
aus  einer  Sage,  die  sich  unter  den  Griechen 
(bezw.  hellenisierten  Sikelern  und  Puniern)  Sici- 
liens  ausgebildet  hatte. 
Seine  Datierung  erhielt 
Timäus,  indem  er  ein  in 
der  Sage  vorkommendes, 
ursprünglich  mythisches 
Wesen  namens  Pygmalion 
mit  einem  gleichnamigen 
historischen  König  von 
Tyrus,  dessen  Regierungs- 
geschichte vielleicht  noch 
aufserdem  Anknüpfungs- 
punkte gab,  identificierte; 
selbstverständlich  war 
allerdings  zugleich  da- 
mit für  ihn  die  Benutzung 
eines  Zuges  ausgeschlos 
sen,  der  sich  gleichfalls 
wahrscheinlich  noch  in- 
nerhalb jenes  Kreises  aus- 
gebildet hatte  und  von 
Nävius  nur  dorther  über- 
nommen und  weiter  aus- 
gestattet, nicht  geschaf- 
en  wurde  (a.  a.  0.  S.  126; 
übersehen  von  E.  War- 
ner , die  Sage  von  ^ den 
Wanderungen  des  Aneas 
etc.,  Leipz.,  Progr.  1882. 
S.  17):  die  Zusammenfüh- 
rung von  Aneas  mit  Dido- 
Elissa,  ersonnen,  um  die 
Feindschaft  Roms  u.  Kar- 
thagos aus  der  vorbild- 
lichen Entzweiung  ihrer  Stifter  motivierend 
die  Ausbildung  der  Sage 


Doch  kam  letzterer  später  von  seiner  Ansicht 
zurück  und  nahm  (s.  besonders  Plwn.  Bd.  2, 
1,  S.  118 fF.  351  — 68.  2,  S.  92—101.  133—57), 
unter  Benutzung  sowohl  des  Philistischen  als 
auch  des  Timäischen  Gründungsdatums , eine 
ältere  sidonische  und  eine  jüngere  ty rische 
Kolonisation , eine  mythische  Dido  und  eine 
historische  Elissa  an.  Hauptsächlich  hiergegen 
richtet  sich  in  ihrem  negativen  Teile  die  neueste 


die  Existenz  einer  Stadtgöttin  von  Karthago 
(als  datgoiv  KtxQxgöovicov  an  erster  Stelle  ge- 
nannt bei  Polyb.  7 . 9 , 2 ; häufig  dargestellt 
auf  karthagischen  Münzen , vergl.  L.  Müller, 
numism.  de  l'anc.  Afr.  2,  p.  74.  78.  84 — 104. 
Supplem.  p.  45 f.  48f.)  abgegeben  zu  haben, 
welche  möglicherweise  im  Lauf  der  Zeit 
auch  schon  in  Karthago  eine  Auffassung  als 
Stifterin  der  Stadt  erhalten  hatte.  Wurzelnd 


Behandlung  des  Stoffes  durch  Meitzer  a.  a.  0.  eo  in  dem  grofsen  weiblichen  Gottesbegriff  der 


(S.  100 — 41.  458 — 78),  dessen  eigene  Erklärung 
im  wesentlichen  auf  folgendes  hinausgeht. 
Beide  Gründ  ungsberichte  sind  ohne  historischen 
Wert,  insofern  mit  Gewifsheit  sich  nur  fest- 
stellen läfst,  dafs  Karthago  von  Tyriern  und 
in  der  Zeit  vor  der  (seit  dem  8.  Jahrh.  v.  Chr. 
erfolgten)  stärkeren  Ausbreitung  der  Griechen 
nach  dem  westlichen  Mittelmeerbecken  gegrün- 


Semiten  (s.  Astarte) , vereinigte  sie  dessen 
verschiedene  Modifikationen  in  sich,  war  eben- 
sowohl die  „jungfräuliche“  Göttin  (vergl.  die 
Virgo  Caelestis  im  römischen  Karthago),  wie 
die  „wandernde , umherirrende“  (supponierte 
Form  bezw.  iVU'ifi];  Wurzel  "Tii,  vgl. 

Böchart,  Chanaan,  1.  1,  c.  24.  Movers  in  Ersch 
u.  Grübers  Allgcm.  Encycl.,  Sektion  3,  Bd.  24. 


fee 


M: 


.... 


V 


feil 


1017 


Dido 


Dike 


1018 


S.  439. J Schröder,  die  phöniz.  Spr.  S.  126),  die 
j „frohe,  freudige“  (nük? ; als  weiblicher  Perso- 
nenname mehrfach  inschriftlich  belegt,  wie 
auch  ein  entsprechender  männlicher;  Wurzel 
j 1 ob's,  vgl.  bibl.  tbs>,  öbi>,  und  die  „gnä- 

dige, freundliche“  (SCH;  als  Göttin  erwiesen 
auch  durch  den  Personennamen  SOH^iS).  Eine 
Modifikation  des  grofsen  männlichen  Gottes- 
begriffs scheint  zu  sein  Sicharbas  (==  “öt 
oder  bezw.  “757,  „Gedächtnis 

Baals“  oder  „Baal  gedenkt“',  bezw.  „dessen 
Baal  gedenkt“?),  ein  göttliches  Wesen  auch 
, Pygmalion  (=  “pi^-CSS  „der  vom  Höchsten 
Angetriebene“  oder  ‘ji“'W-DS>S  „ Ambofs  des  Höch- 
sten“?). desgleichen  ein  in  naher  Beziehung  zu 

i Baal-Melkart  stehender  Gott  Jarbas 
„Baal  erweckt“  oder  „der,  welchen  Baal  er- 
weckt“ nach  J.  Euting),  letzterer  anscheinend 
, früh  verschmolzen  mit  einem  national-libyschen 
Gott,  dessen  Name  einen,  wenn  auch  vielleicht 

inur  entfernten,  Anklang  darbot  ("22""?) , und 
somit  befähigt,  das  Substrat  für  den  König 
Jarbas  (Jopas,  Japon)  als  eine  Art  von  Reprä- 

Isentanten  der  libyschen  Urbevölkerung  gegen- 
über den  phönikischen  Einwanderern  abzugeben. 
Diese  göttlichen  Wesen  wurden  in  dem  oben 
bezeichneten  Kreise  nach  griechischer  Art  in 

(Menschen  umgesetzt;  welche  Züge  des  ursprüng- 
lichen Mythus  dafür  mafsgebend  waren , die 
Beziehungen  zwischen  den  letzteren  und  ihre 
i Schicksale  gerade  so  zu  gestalten,  wie  sie  uns 
in  der  Gründungssage  vorliegen,  läfst  sich  frei- 
lich bei  der  notorischen  Unzulänglichkeit  unse- 
rer Kenntnis  der  phönikischen  Religion  und 
Mythologie  mehrfach  nicht  ausreichend  fest- 
stellen. In  weiterem  Umfang  ist  es  möglich, 
die  Anlässe  nachzuweisen,  welche  zur  Ausbil- 

[dung  der  Gründungssage  aus  historischen  That- 
sachen  und  Namen  abgeleitet,  bezw.  auf  dem 

IWege  der  ätiologischen  oder  etymologischen 
Fabel  verwertet  worden  sind.  Unter  diesem 
Gesichtspunkt  betrachtet  Meitzer  namentlich: 
die  Unabhängigkeit  Karthagos  von  Tyrus  und 
die  aristokratische  Gestaltung  seiner  Verfas- 
sung, das  vermutungsweise  angenommene  Be- 
i ätehen  eines  erblichen  Astartepriestertums  und 
siner  politischen  oder  sakralen  Einteilung  in- 
lerhalb  der  Bürgerschaft  auf  Grund  der  Zahl 
1 I0(?),  das  wirklich  oder  nur  vermeintlich  höhere 
Alter  von  Utica  und  das  dort  obwaltende  Mifs- 
l/ergnügen  über  die  mit  der  Zeit  eingetretene 
Abhängigkeit  von  Karthago,  den  in  das  Grie- 
chische umgesetzten  Namen  der  Burgstadt 
ntiS2)  und  die  Thatsache,  dafs  Karthago  bis 
n das  5.  Jahrh.  v.  Chr.  an  libysche  Völkerschaf- 
ten einen  (übrigens  in  seiner  Bedeutung  meist 
erkannten)  Grundzins  zahlte,  das  überaus  häu- 
ige  Vorkommen  von  Palme  und  Rofs  (bezw. 
/orderteil  oder  Kopf  eines  solchen)  auf  kar- 
hagischen  Münzen  und  die  etwaige  Existenz  < 
iner,  wie  den  Griechen  unverständlichen,  so 
llerdings  auch  uns  rätselhaften  anderweitigen 
Benennung  der  Stadt  oder  eines  Teiles  der- 
elben. 

Hiergegen  erhebt  E.  Meyer,  Litt.  Centralbl. 
880,  Sp.  453  einige  allgemeine  Bedenken  und 
mpfiehlt  wieder  die  Deutung  des  Namens  Dido 
Sls  „amata“  nach  Gcsenius  ( monutn . Phoen. 


p.  406;  Wurzel  üü"').  Für  das  Timäische  Grün- 
dungsdatum treten  ein  v.  Gutschmid  (N.  Jahrbb. 
121,  S.  294ff.)  und  Unger  (Philoiog.  Anz.  11, 
S.  386),  ersterer  zugleich  unter  Einspruch  ge- 
gen die  Annahme  von  dem  specifisch  griechi- 
schen Ursprung  der  damit  verbundenen,  übri- 
gens immerhin  gesondert  zu  betrachtenden  und 
ihrem  Inhalt  nach  eventuell  preiszugebenden 
Erzählung.  Ein  ganz  neues  Element  führt  in 
i die  Diskussion  B.  Stade , de  populo  daran, 
Giefsen,  Progr.  1880  p.  8f.  eiu,  indem  er  den 
Namen  Elissa  zu  dem  liCibN  der  Mosaischen 
Völkertafel  (Gen.  10,  4;  vgl.  Ez.  27,  7)  in  Be- 
ziehung setzt  und  darin  einen  alten  Namen 
Karthagos  erblicken  will , der  in  der  tyri- 
schen  Königstochter  der  Sage  personificiert 
erscheine.  [Über  Dido  auf  Bildwerken  vgl. 
Anth.  Plan.  151.  Müller,  Ilandb.  § 418,  3. 
S.  auch  oben  die  Abbld.  S.  1015/16.  Inbetreff 
i eines  Tanzes  vgl.  Luc.  salt.  46.  R.]  [Meitzer.] 

Didoros  (AiäcoQog  Joseph.,  Aiödcogog  Euseb.), 
Sohn  des  Herakles  und  der  Tochter  des  Aphra 
(Abrahams  Sohn),  Vater  des  Sophon  oder  Sopho- 
nas  Alex.  Polyh.  bei  Joseph,  ant.  Jud.  1,  15 
u.  Euseb.  pr.  ev.  9,  20  in  Müller  fr.  h.  gr.  3, 
214,  7.  Vielleicht  ist  ein  Heros  eponymos  der 
Al'öovqoi  Ptol.  5,  9,  22.  Plin.  6,  10,  29  ge- 
meint, da  an  der  betreffenden  Stelle  nur  von 
solchen  die  Rede  ist.  [Steuding.] 

Didymaon,  ein  geschickter  Waffenschmied, 
von  dem  ein  Werk,  ein  kostbarer  Schild,  im 
Besitze  des  Aneas  war,  Verg.  Aen.  5,  359. 
Ilygin.  f.  273.  [Stoll.] 

Dies  bonus , als  Gott  verehrt  auf  einer  In- 
schrift aus  Cäsarea  (Mauret.),  G.  I.  L.  8,  9323: 
Eie.  bono.  [ M.  Allecinus.Athictus  \ dedit.libens. 
animo.  d.  s.  Unter  derselben  befindet  sich  das 
Bild  eines  Knaben  (des  bonus  puer  Phospho- 
rus  ?).  [Steuding.] 

Diespiter  s.  Iuppiter. 

Digidii  bei  Solin.  2,  9 s.  Caeculus. 

Digines,  wohl  celtische  Gottheiten  auf  einer 
Inschrift  aus  der  Nähe  von  Köln,  Orelli  1729: 
Eiginibus  (nach  Lersch,  C.  M.  1,  27)  | sacrum  | 
(S)ex.  (C)omminius  j Sacratus . et  \ Cassia  . Vera  \ 
ex  . imp.  ips.  (vgl.  dig,  deug  = der  Trank?  Zeufs, 
gr.  C.  p.  244a).  Steiner , I.  E.  et  Ith.  1080. 

[Steuding.] 

Diilyke  (AuXvnrf),  eine  Amazone,  statt  der 
Hippolyte  als  Besitzerin  des  Gürtels  genannt, 
nach  dem  Herakles  ausgesandt  ward.  Ibykos 
nannte  sie  Oiolyke,  Schol.  Ap.  Ithod.  2,  777. 
Wahrscheinlich  ist  ArjBv-ur]  zu  schreiben.  S. 
Diiovis  s.  Iuppiter.  [Deilyke.  [Stoll.] 
Dikaios  (AUcaog) , Sohn  des  Poseidon,  der 
die  Stadt  Dikaia  in  Thrakien  gründete,  Steph. 
Byz.  s.  v.  AUcau.  Nach  Konon  n.  17  wohnte 
er  mit  seinem  Bruder  Syleus  (s.  d.)  in  Thes- 
salien am  Pelion.  [Stoll.] 

Dikaiosyne  ( AiY.caoovvg ) , 1)  die  Gerechtig- 
keit, Personifikation.  Vgl.  Dike,  Orph.  h.  62. 
[C.  I.  Gr.  3544.  — 2)  = Isis,  C.  I.  Gr.  2295. 
C.  I.  A.  3,  203.  Flut.  Is.  et  Os.  3.  R.]  [Stoll.] 
Dikanos(?)  Bei  Schol.  Theolcr.  1,65  ist  statt 
Aiv-uvog  zu  schreiben  Ziuavog.  Siehe  Sika- 
nos.  [Stoll] 

Dike  (AUg  — SUrf),  die  Gerechtigkeit, 
s.  auch  Justitia  u.  Aequitas.  Dike,  Eunomia 


1019 


Dike 


Dimoites 


1020 


und  Eirene,  Horen,  nehmen  in  Obhut  die  Werke 
der  Menschen,  Töchter  des  Zeus  und  der 
Themis,  Hesiod  Th.  901, danachPmd.  Ol.  13,6. 
Apd.  1,  3,  1.  Hyg.  f.  36.  183.  Diod.  5,  72;  dazu 
Lehrs,  Aufs.2  83.  Völkern,  welche  sie  ausge- 
stofsen  haben,  folgt  sie  weinend,  in  Nebel  ge- 
hüllt, Schlimmes  bringend,  Hes.  op.  222—224; 
die  Jungfrau,  des  Zeus’  Tochter,  ehrwürdig  den 
Göttern  (danach  Plato  leg.  943  e);  wenn  einer 
sie  verletzt,  so  setzt  sie  sich  zu  Zeus  und  sagt  io 


40 


Dike  und  Adikia  (nach  Nuove  Memorie  dell’  Inst.  arch.  2 
tav.  4,  4). 

der  Menschen  ungerechten  Sinn , damit  er  es 
büfse,  op.  256 — 260  anklingencl  an  Ilias  9, 
505  — 512  betr.  Ate  und  Litai;  op.  261 — 262 
von  Lehrs  u.  Götti,  athetiert;  aus  v.  259  nag 
Aul  hat  sich  Dikes  Prädikat  Bei- 

sitzerin (fj-ui ’sdgog,  TtägsSgog)  des  Zeus  ent- 
wickelt, Soph.  O.  C.  1381.  Orph.  hymn.  42.  61. 
Arr.  Alex.  4,  9.  Pint.  Alex.  52.  Mit  au  dag 
verbunden,  aber  unpersönlich,  bei  Hesiod  und  50 
Plato,  vergl.  Leop.  Schmidt,  Ethik  1,  179. 
Aldcog  yuxu  Nsfitoug  verlassen  das  eherne  Ge- 
schlecht und  begeben  sich  in  den  Himmel, 
op.  200,  welche  Vorstellung  später  an  Dike- 
Astraia  haftet,  einer  der  Personifikationen 
des  Sternbildes  der  Jungfrau,  s.  Astraia. 
Dike,  die  Adikia  würgend  und  mit  dem 
Stab  schlagend  (vgl.  Eur.  Hippol.  1160),  Scene 
am  Kypseloskasten , Pausan.  5,  18,  dazu  das 
Vasenbild  Nuove  Memorie  2 tav.  4,  4 nebst  60 
Furtivängler , Bronzefunde  aus  Olympia  95. 
Dike  weifs,  was  geschieht  und  was  geschehen, 
kommt  mit  der  Zeit  als  Rächerin,  Solon  4,  14 
Bergle.  Ihre  Tochter  ist  die  Ruhe,  Hesychia, 
Pind.  Pyth.  8,  1,  wie  Hes.  op.  225  — 228  die 
Wirkung  ihrer  Herrschaft  Friede  ist.  Dike 
lohnt  den  gerechten  Wandel,  Aesch.  Ag.  773, 
Polyneikes  führt  sie  als  Schildzeichen,  als  die- 


jenige, welche  ihn  zurückführen  werde,  Sept.  646. 
Meist  ist  sie  den  Tragikern  die  Rächerin  des 
Unrechts,  bei  Aesch.  Cho.  639  ff.  mit  dem  Rache- 
schwerdt;  mit  Po  ine  verbunden  ib.  947,  mit 
Erinys,  Eum.  510.  Ag  1432.  Soph..  Ai.  1390. 
Tr  ach.  808.  Eur.  Med.  1389.  Als  eine  Dienerin 
der  Nemesis,  Plut.  sera  num.  vind.  9.  Als  In- 
haberin des  Gerichtshofs,  Kaibel,  Epigr.  n.  905, 
5.  906,  3.  909,  9.  Eine  Statue  ib.  n.  813b 
(p.  XVIII).  Als  Adoptivmutter  desHerakles, 
also  als  Gattin  des  Zeus  gedacht?  Kaibel 
Epigr.  n.  831,  7.  Dike  des  Todes,  Kaibel 
n.  522,  11.  Vgl.  Dikaiosyne.  [v.  S}Tbel.] 
Rikte  (Auv.Trf),  eine  kretische  Nymphe,  welche 
am  Berge  Dikte  verehrt  ward.  Von  Minos 
geliebt  und  verfolgt,  stürzte  sie  sich  ins  Meer, 
wurde  aber  in  den  Netzen  (dnttua)  der  Fischer 
aufgefangen  und  gerettet  Minos  stand  nun 
von  ihr  ab  und  gebot,  dafs  die  Gegend  nach 
ihr  die  diktäische  genannt  werde,  Serv.  Aen. 
3,  171.  Vgl.  Britomartis  und  Bryte.  [Stoll.] 
Diktynna  s.  Britomartis. 

Diktys  (z/nerug),  1)  einer  der  tyrrhenischen 
Schiffer,  welche  von  Dionysos  in  Delphine  ver- 
wandelt wurden,  Ov.  Met.  3,  615.  Hygin.  f. 
134.  — 2)  Ein  Kentaur,  auf  der  Hochzeit  des 
Peirithoos  von  diesem  getötet,  Ov.  Met.  12, 
334  ff.  — 3)  Sohn  des  Magnes  und  einer  Na- 
jade,  der  mit  seinem  Bruder  Polydektes  sich 
auf  der  Insel  Seriphos  niederliefs,  Apollod,  1, 
9,6;  vgl.  Hesiod  {fr.  26  Lehrs)  b.  Herodian. 
de  soloecismo  ( Boisson . Anecd  gr.  3 n.  9).  Bei 
Tzetz.  Lyk.  838  heifsen  Diktys  und  Polydektes 
Söhne  des  Poseidon  und  der  Kerebia.  Phcre- 
kyd.  b.  Schol.  Ap.  Bhod.  4,  1091  nennt  Diktys 
und  Polydektes  Söhne  des  Peristlienes  (dessen 
Vater  Damastor  ein  Sohn  des  Nauplios  war, 
eines  Sohnes  des  Poseidon  und  der  Amymone) 
und  der  Androthoe,  der  Tochter  des  Perikastor; 
er  begründet  dadurch  eine  Verwandtschaft  des 
Diktys  und  Polydektes  mit  Danae  (s.  d.)  und 
Amymone.  Polydektes  ist  der  König  von  Seri- 
phos, sein  Bruder  Diktys  wird  öfter  blofs  Fischer 
genannt,  Hygin.  f.  63.  Diktys  rettete  mit  sei- 
nen Netzen  die  Danae  und  den  Perseus  aus 
dem  Meere  und  wurde  später  von  Perseus  nach 
der  Versteinerung  des  Polydektes  als  König 
der  Insel  eingesetzt;  siehe  Danae  und  Perseus. 
[Über  den  Diktys  des  Euripides  s.  Nauck,  fr. 
tr.  gr.  p.  365.  C.  I.  Gr.  6047.  Welcher , Gr. 
Tr.  2,  668  ff.  R.]  Zu  Athen  hatte  Perseus 
einen  heiligen  Bezirk,  in  welchem  ein  Altar 
des  Diktys  und  der  Klymene  stand , welche 
den  Perseus  gerettet  hatten,  Paus.  2,  18,  1. 
(Vö Icker , Tapet.  Geschl.  204  möchte  hier  Kly- 
mene in  Klymenos  = Polydektes  = Hades  ver- 
wandeln). Vö Icker,  lapet.  Geschl.  203  ff.  Mül- 
ler, Prolegg.  314.  Preller , Gr.  Mythol.  2,  Gl. 
71.  Gerhard , Gr.  Myth.  § 653,  3.  673,  2,  797. 
— 4)  Sohn  des  Poseidon  und  der  Agamede, 
Tochter  des  Augeias,  Hygin.  f.  157.  — 5)  Pflege- 
sohn der  Isis,  Plut.  Is.  et  Os.  8.  [Stoll.]  _ 
Dimoites  (zhjuoiT^g),  Bruder  des  Troizen, 
dessen  Tochter  Euopis  er  heiratete.  Euopis 
erhängte  sich  wegen  verbrecherischer  Liehe, 
die  sie  mit  ihrem  Bruder  gepflogen,  aus  Furcht 
und  Scham,  nachdem  sie  zuvor  dem  Dimoites, 
der  ihr  Verbrechen  ihrem  Vater  mitgeteilt,  ge- 


1021  Dindyme 

flucht  hatte.  Nach  nicht  langer  Zeit  traf  die- 
ser eine  von  den  Wellen  ausgestofsene  weib- 
liche Leiche  von  grofser  Schönheit,  und  von 
Liebe  ergriffen  mifsbrauchte  er  dieselbe.  Als 
diese  darauf  in  Verwesung  überging,  und  er 
ihr  einen  hohen  Grabhügel  aufgeworfen  hatte, 

! erstach  er  sich  auf  demselben,  da  die  Leiden- 
schaft Dicht  nachlassen  wollte,  Partlien.  Erot. 
31.  [Stoll.] 

Dimlyme  {AivSvgrf) , Gemahlin  des  Maion, 
Königs  in  Plirygien  und  Lydien , Mutter  der 
Kybele,  Diod.  3,  58.  | Stoll.  ] 

Dindymene  = Kybele  (s.  d.) 

Dinus  (Aivog,  Anvog'/),  eines  der  Menschen- 
fleisch fressenden  Pferde  des  Diomedes,  Hygin. 

If.  30.  [Steuding.] 

Dioclithondes  (Aiox&wvdgg),  Sohn  des  Mi- 
nyas  und  der  Phanosyra,  Tochter  des  Paion, 
Bruder  des  (thessalischen)  Orchomenos  und 
Athamas,  Schol.  Ap.  Rh.  1 , 230.  Müller,  Or- 
chomenos 141.  175.  [Stoll.] 

Diogeneia  (Atoysvsia),  1)  eine  der  Töchter 
des  Keleos,  Königs  von  Eleusis,  Runs.  1,  38,  3. 
Vgl.  Hom.  h.  in  Cer.  109  u.  Baumeister  z.  d.  St. 
Preller,  Demeter  u.  Perseph.  68.  — 2)  Tochter 
des  Kephissos,  Gemahlin  des  Phrasimos,  Mut- 
ter der  Praxithea,  der  Gemahlin  des  Erech- 
theus , Apollod.  3,  15,  1.  — 3)  Tochter  des 
Phorbas,  eines  Sohnes  des  Lapithes.  Ihr  Va- 
ter  gab  sie  dem  Alektor , König  von  Elis, 
zur  Ehe,  während  er  selbst  dessen  Schwester 
zum  Weibe  nahm,  Eustatli.  p.  303,  8;  s.  Phor- 
bas. [Stoll.]  • 

Diokles  (AioxXrjs),  1)  Sohn  des  Orsiloehos 
(auch  Ortilochos,  Schol.  II.  5,  542  u.  Schol.  Od. 
3,  489),  Enkel  des  Alpheios,  Fürst  in  dem  mes- 
senischen  Pherä,  aber  Vasall  der  Atriden,  Vater 
der  Zwillingsbrüder  Krethon  u.  Orsiloehos,  die 
vor  Troja  von  Aineias  getötet  wurden.  Bei 
hm  übernachteten  Telemachos  und  Peisistra- 
;os  auf  ihrer  Beise  nach  Sparta  wie  auf  der 
Rückkehr,  II.  5,  541  ff.  Od.  3,  488.  15,  186. 
21,  16.  Paus.  4,  1,  3.  Eine  Tochter  von  ihm 
liefs  Antikleia,  Paus.  4,  30,  2.  Curtius,  Pelo - 
dionnesos  2,  158.  — 2)  Einer  der  Fürsten  von 
t jüleusis,  welche  von  Demeter  in  die  eleusini- 
■ chen  Mysterien  eingeweiht  wurden,  Hom.  h. 
\n  Cer.  475.  In  V.  153  heilst  er  Dioklos,  Paus. 

14,  2.  Preller,  Demeter  u.  Perseph.  104f.  — 
H)  Heros  der  Megareer,  dem  zu  Ehren  die 
IlokXsioc  gefeiert  wurden.  Er  sollte  ein  athe- 
üscher  Flüchtling  gewesen  und  in  einer  Schlacht 
apfer  kämpfend  gefallen  sein,  indem  er  einen 
i eliebten  Jüngling  mit  seinem  Schilde  deckte, 
iristoph.  Ach.  774  u.  Schol.  Schol.  Theolcr. 
2,  28.  Der  Anführer  der  Besatzung,  welche 
u des  Theseus  Zeit  die  Megareer  nach  Eleu- 
.1  is  gelegt  hatten,  ist  wohl  derselbe.  Theseus 
äuschte  ihn  durch  eine  List  und  nahm  Eleu- 
is,  Plut.  Thes.  10.  [Stoll.] 

Diokorystes  (AionoQvaTgg),  Sohn  des  Aigyp- 
os  (s.  d.),  vermählt  mit  der  Danaide  Hippo- 
ameia,  Apollod.  2,  1,  5.  [Stoll.] 

Diomede  (zAo,u?jdry),  1)  Tochter  des  Xuthos, 
emahlin  des  Deion,  Apollod.  1,  9,  4;  s.  Dei'on 
r.  1.  — 2)  Tochter  des  Lapithes,  Gemahlin 
es  Amyklas,  Mutter  des  Kynortes  und  Hya- 
mthos,  Apollod.  3,  10,  3.  — 3)  Gemahlin  des 


Diomedes  1022 

Pallas,  Mutter  des  Eurychos,  der  von  Argos 
aus  mit  gegen  Troja  zog,  Hygin.  f.  97.  Die 
Namen  scheinen  verderbt;  Bunte  z.  d.  St.  ver- 
mutet in  Pallas  und  Eurychos  die  Namen 
Thalpios  und  Eurytos  mit  Bezug  auf  II.  2, 
620  f.  u.  Hygin.  f.  81.  — 4)  Tochter  des  Phor- 
bas, aus  Lesbos,  Geliebte  des  Achilleus,  II.  9, 
665.  [Vgl.  C.  I.  Gr.  8207  Roscher],  Zenodot 
schrieb:  tco  ös  yvvr\  nuQiXsuzo  Kccslq’,  rjv  As- 
oßo&ev  gys,  Schol.  z.  d.  St.;  vgl.  Paus.  10,  25, 
2.  Bei  Eustath.  Hom.  p.  596,  22  lieifst.  sie  Dio- 
medeia,  ebenso  Dilct.  2,  19.  [Stoll.] 

Diomedeia  (Aiopgdsia),  1)  von  Iphiklos  Mut- 
ter des  Iolaos,  der  bei  der  Landung  der  Grie- 
chen hei  Troja  zuerst  aus  dem  Schiffe  sprang 
und  sofort  von  Hektor  getötet  ward.  Deshalb 
nannten  ihn  alle  Protesilaos  (s.  d.) , Hygin. 
f.  103.  — 2)  s.  Diomede  N.  4.  [Stoll.] 

Diomedes  (Aiopgögg , ovg,  m.)  1)  Sohn  des 
Ares  und  der  Kyrene,  König  der  thrakischen 
Bistonen,  warf  seinen  Stuten  die  landenden 
Fremden  zum  Frais  vor,  bis  Herakles  lan- 
dete, ihn  tötete  und  die  Rosse  zu  Eurystheus 
brachte,  als  achte  Arbeit  in  dessen  Auftrag, 
Apollod.  2,  5,  8.  Vgl.  Jahn,  Bilder  Chroniken 
S.  36  ff.  zu  C.  I.  Gr.  5984.  Bull.  1874,  221. 
Die  Rosse  hiefsen  P od  argos,  Lampon,  Xan- 
thos  und  Dinos,  Hyg.  f.  30;  sie  waren  mit 
eisernen  Ketten  an  eherne  Krippen  gebunden, 
Diod.  4,  15;  Herakles  warf  den  König  selbst 
ihnen  vor,  ib.  und  Hyg.  f.  250,  er  ging  über 
Pherä  dahin,  Eur.  Alk.  65,  499  ff.  H.  F.  380  ff. 
Bei  Abdera  am  Strand  des  bistonischen  Sees 
zeigte  man  die  Burg  des  Diomedes  (ßaaz- 
Xeiov  JioggSovg,  Strabo  7,  frg.  44;  turris  Dio- 
medis , Pomp.  Mela  2,  29.  Plin.  n.  h.  4,  42 
nennt  Tirida  als  alten  Namen  des  Orts,  wo 
Diomedes’  Ställe  waren),  an  der  Mündung  des 
Flusses  Kossinites  in  den  See;  das  Wasser  des 
Flusses  macht  die  Pferde  wild,  Ael.  nat.  an. 
15,  25,  dasselbe  bewirke  die  Weide  im  Knies 
Diomedis , Plin.  25,  94.  Abdera,  Schwester 
des  Diomedes,  Pomp.  Mela  2,  29.  Solin.  10,  10. 
Ab  der  os  (s.  d.),  Eponymheros  der  Stadt,  von 
den  Rossen  zerrissen  ( Strabo  7 , frg.  47) , als 
Herakles  sie  ihm  zu  halten  gegeben,  um  die 
verfolgenden  Bistonen  zurückzuwerfen,  ein  Sohn 
des  Hermes  und  Liebling  des  Herakles,  Apol- 
lod. Die  Rosse  liefs  Eurystheus  frei,  sie  lie- 
fen auf  den  Olympos,  wo  sie  von  Tieren  zer- 
rissen wurden,  Apollod.-,  vgl.  Preller 3 1,  101. 
2,  201;  oder  Eurystheus  weiht  sie  der  Hera, 
ihre  Nachzucht  erhielt  sich  bis  auf  Alexander 
d.  Gr.,  Diod.  4,  15;  das  Pferd  des  Seius  sei 
aus  dieser  Zucht,  Gell.  3,  9.  Herakles  giebt 
die  Rosse  seinem  Sohn  Chrom  is,  Mythogr.  2, 
151.  Herakles  tötet  die  Rosse  mit  ihrem  Herrn, 
mit  Hilfe  des  Abderos,  Hyg.  fab.  30.  (Vergl. 
übrigens  Hyg.  mit  Serv.  Aen.  1,  752  u.  Mytho- 
gr. 2,  151).  Viele  Kunstdarstellungen,  am  amy- 
kläischen  Thron,  Paus.  3,  18,  7;  in  den  Bild- 
cyklen  der  Heraklesthaten  zu  Olympia,  Paus. 
5,  10,  9,  am  athen.  Theseion,  Mon.  10,  58,  5. 
Ann.  1878,  194;  am  theban.  Herakleion  Paus. 
9,  11,  6,  in  Alyzia,  Strabo  10,  459  und  sonst. 
Preller  deutet  Diomedes  als  Sturm-  und  Win- 
terkönig, die  Rosse  als  die  Sturmrosse  der 
thrakischen  Küste.  Das  sonst  auf  Diomedes 


io 

20 

30 

40 

50 

60 


1023 


Diomedes 


Diomedes 


1024 


II  bezogene  Sprichwort  Aioyriduos  dvaynrj  auf 
D omedes  I bezogen:  Iilearchos  b.  Hesych.  s.  v. 
East.  822,  23.  — 2)  Diomedes  II,  Sohn  des 
Tydeus  und  der  Dei'pyle  (Adrastos’  Toch- 
ter), Ä toi  er  von  Herkunft  (ätolische  Tradition, 
Ann.  1875,  293),  aufgewachsen  und  herrschend 
in  Argos,  oft  in  der  Ilias,  s.  v.  Sybel,  Mytho- 
logie der  Ilias  178.  Als  einer  der  Epigonen 
nahm  er  teil  an  der  Einnahme  Thebens,  II. 

4,  406.  Eust.  489,  38,  Hyg.  f.  71.  Apollod.  io 

3,  7,  3.  Taus.  2,  20,  5 u.  10,  10,  2 (Bilder  d. 
Epigonen),  vgl.  Overbeck,  Plastik3  2,  HO.  Dio- 
medes  rächt  seinen  von  Agrios’  Söhnen  der 
Herrschaft  in  Atolien  beraubten  Grofsvater  Oi- 
neus,  führt  ihn  nach  der  Peloponnes  und  be- 
gräbt ihn  in  argolisch  Oinoe,  Apollod.  1,  8,  6. 
Paus.  2,  25,  2.  Sur.  Oineus;  Schol.  Ar.  Ach. 
418;  Nauck,  fr.tr.  gr.  423.  Ovid.  Her.  9,  153. 
Hygin.  f.  171.  175  (Sthenelos  mit  Diom.),  Epho- 
ros  bei  Strcibo  7,  325.  10,  462  (Alkmaion  mit  20 
Diomedes);  nach  dem  trojanischen  Krieg  setzt 
den  Vorfall  I)ict.  6,  2 und  Anton.  Lib.  37. 
Vasenbilder  J Bull.  1871,  123;  Müllers  Denkm. 

2,  957.  Preller- Plew  2,  370.  Als  Freier  der 
Helena  Hyg.  f.  81.  Apollod.  3,  10,  8.  Mit 
Odysseus  auf  Skyros,  um  Achill  zum 
Krieg  zu  holen,  Overbeck,  Gail.  287 ff.  Helbig, 
pomp.  Wandgem.  n.  1296 ff.  Bull.  1879,  52. 
Sarkophag  Arch.  Ztg.  1874,  69,  117.  Beim 
Abschied  des  Achill  von  Thetis,  Helbig,  An-  30 
nali  1880 , 260.  Im  Krieg  führt  er  die  von 
Argos,  Tiryns,  Hermione,  Asine,  Troizen,  E'io- 
nai,  Epidauros,  Aigiua,  Mases,  mit  80  Schif- 
fen, II.  2,  559.  Hyg.  f.  97.  Bei  Iphigeneias 
Opferung,  mit  Odysseus,  Hyg.  f.  98.  Pomp. 
Wandgem.  Helbig,  n.  1304.  Förster,  Arch.  Ztg. 
1874,  91.  Beim  Opfer  auf  der  Insel  Chryse, 
auf  der  Fahrt  nach  Troja,  rotfigur.  Vasenbild, 

C.  I.  Gr.  8403.  Mit  Odysseus  ertränkt  er  den 
Pal  am e des  beim  Fischfang,  Kyprien  b.  Paus,  do 

10,  31,  1.  Seine  Aristie,  worin  er  Aphrodite 
verwundet,  II.  5.  Bei  der  Losung  II.  7,  163, 
Gruppe  des  Onatas,  Paus.  5,  25,  8.  Diomedes 
u.  Nestor,  herkul.  Gern.,  nach  II.  8,  2.  O.  Jahn, 
Arch.  Beitr.  393.  In  der  Gesandtschaft  an 
Achill  llictys  2,  48.  Bibbeck,  Böm.  Trag.  114. 
Mon.  dell'  Inst.  6,  19,  21.  Arch.  Ztg.  1880, 

40.  1881,  150  Bobert.  Mit  Odysseus  tötet  er 
den  Do  Ion  (s.  diesen)  und  den  Rhesos 
(s.  diesen),  dessen  Rosse  ihm  zufallen,  II.  10.  50 
Hyg.  f.  113.  Vgl.  Hoernes,  Arch.  Ztg.  1877, 

21  Tf.  5.  Im  Kampf  um  Patroklos’  Leiche, 
Vasenb. , C.  I.  Gr.  8200.  Annali  1875,  265. 
Gegen  Hektor,  Gerhard , a.  Vas.  3,  192.  C.  I. 
Gr.  7671.  In  den  Leichenspielen  für  Patroklos, 

11.  23.  Vasenb.  C.  I.  Gr.  8185.  Zürnt  über 
Th  er  sites’  (seines  Grofsoheims  Agrios  Sohn, 
Apollod.  1,  8,  6.  Schol.  II.  2,  212)  Tod  durch 
Achill  und  schleudert  Penthesileias  Leiche  in 
den  Skamander,  Lykophr.  999  Tzetz.  Quint,  co 
Smyrn.  1,  767.  Schol.  Soph.  Phil.  445.  Dictys 

4,  3.  Kämpft  gegen  Aineias  beim  Zweikampf 
des  Achill  mit  Memnon,  Gruppe  zu  Olympia, 
Paus.  5,  22.  Bobert,  Bild  und  Lied  56.  Im 
Kampf  um  Achills  Leiche,  Mon.  1,  51.  C.  I. 
Gr.  7678.  Holt  den  Philoktetes  von  Lem- 
nos,  Kleine  Ilias ; mit  Odysseus,  Soph.  Phil. 
570.  592.  Hyg.  f.  102.  Mit  Odysseus  nach 


Paris’  Tod  in  die  Stadt,  unr  zu  unterhandeln, 
Dictys  5,  4.  Raubt  das  Palladion  mit  Odys- 
seus , der  es  ihm  auf  dem  Rückweg  nehmen 
will,  Kleine  Ilias.  Hesych.  s.  v.  Ai oygdsLog 
ccvayv.7].  Zenob.  s.  v.  Konon  34.’  Sophokles' 
Lakonierinneri;  Ions  Wächter  (Welcher,  Gr. 
Trag.  145.  948,  ep.  Cyhl.  2,  242).  Serv.  Aen. 
2,  162.  Eust.  822,  23.  Ptol.  Heph.  pag.  18  R. 
Bildwerke:  O.  Jahn,  Philol.  1,  46.  Annali  30, 
228.  Overbeck,  Gail.  578lf. , Taf.  25.  Pomp. 
Wandgem.  Archäol.  Zeitng.  1874,  116.  Gior- 
nale  1873,  2,  377.  Ball.  d.  Inst.  1873,  240. 
Münze  von  Argos,  Arch.  Ztg.  1873,  102.  Spie- 
gel , Ball.  1878  , 42.  Sarkophagrelief  aus  Ly- 
kien in  Athen,  Mitt.  2,  132  Taf.  10;  v.  Sybel, 
Katalog  n.  2974.  Diomedes  giebt  den  Troern 
das  Palladion  (nebst  Anchises’  Gebeinen)  zu- 
rück, Sero.  Aen.  2,  166.  3,  407.  4_,  427.  5,  81. 
Mit  Helena  und  einem  Krieger  in  Vasenbil- 
dern, Overbeck,  Gail.  584  n.  33.  Annali  1881, 
179.  Im  hölzernen  Pferd,  Hyg.  fab.  108. 
In  der  Iliupersis  des  Lesches  tötet  er  Kassan- 
dras  Freier  Koroibos;  danach  Polygnot,  Paus. 
10,  27,  1;  in  der  des  Brygos , Heydemann, 
Iliupersis.  Bobert,  Bild  und  Lied  68.  Arch.  Ztg. 
40,  44.  In  vier  Tagen  von  Troja  nach  Argos 
heimgekehrt,  Odyss.  3,  180.  Auf  der  Heim- 
kehr nach  Libyen  verschlagen;  König  Lykos 
will  ihn  dem  Ares  opfern,  Lykos1  Tochter  Kal- 
lirrhoe  rettet  ihn,  luba  bei  Plut.  Par  all.  Graec. 
et  Bom.  h.  23.  Heimgekehrt  fand  er  seine 
Gattin  Aigialeia  (s.  d.)  untreu,  von  Aphro- 
dite aus  Rache  für  ihre  Verwundung  ver- 
führt ; Kometes,  Kyllarabos,  Hippolytos  werden 
als  Liebhaber  wechselnd  genannt;  Diomedes 
flieht  auf  den  Altar  der  Hera  und  verläfst 
dann  Argos,  Lyk.  602 ff.  Schol.  und  Tzetz.  Serv. 
Aen.  8,  9.  Schuld  des  Nauplios,  Schol.  Lyk. 
1093.  Dictys  6,  2.  Er  irrt  über  Libyen  und 
Iberien  nach  Italien  (s.  u.),  ist  dort  nicht 
mehr  Feind  der  Troer,  Verg.  Aen.  11,  279. 
Serv.  Aen.  8,  9.  Paus.  1,  11  z.  E.  Göttliche 
Ehren  in  Metapont  und  Thurii  (s.  u);  durch 
Athena  unsterblicher  Gott,  Find,  Nem.  10,  7. 
Hör.  Od.  1,  6,  15.  Vgl . Ibykos  frg.  38  Bergk. 
Mit  Hermione  vermählt  lebt  er  unsterblich  mit 
den  Dioskuren,  Schol.  Pind.  Nem.  10, 12.  Ver- 
schiedene Meinungen  über  sein  Ende  bei  Strabo 
6,  284.  — Lokal  mythologisch  es.  Argos  be- 
safs  seinen  Schild  ( Ilias  5,  4),  dieser  war  im 
Athenetempel  und  wurde  am  Feste  mit  dem  Pal- 
ladion in  Procession  getragen  und  gebadet,  Kal- 
lim.  lav.  Pall. 35.  Schol.  1.  Spanheim,  Call.  p.  569. 
Das  Palladion,  von  Diomedes  heimgebracht, 
von  seinen  Nachkommen  gewartet;  auf  Terne- 
nos’  Veranlassung  nach  Sparta  entführt,  Plut. 
Quaest.  Graec.  48.  Tempel  der  Athena  Oxy- 
de rk  es  auf  der  Burg  von  Argos,  geweiht  von 
Diomedes,  weil  sie  ihm  vor  Troja  die  Augen 
geöffnet  hatte,  nach  II.  5,  127.  Paus.  2,  24,  2. 
Der  Berg  Atlienaion  bei  Argos,  so  genannt 
statt  Keraunion  wegen  des  dort  von  Diomedes 
nach  seiner  Heimkehr  von  Troja  gestifteten 
Athenaheiligtums  (?),  Plut.  fluv.  18.  Sein  Bild  in 
der  Gruppe  der  Epigonen,  Weihgeschenk  der 
Argeier  nach  Delphi,  Paus.  10,  10,  4.  Troi- 
zen, Hippolytos’ Tempel,  Bild  und  Opfer,  ge- 
stiftet von  Diomedes;  im  Temenos  ein  Tempel 


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Diomedes 


Diomedes 


1026 


1025 


des  Apollon  Epibaterios,  Weihung  des  Diome- 
des für  seine  Rettung  aus  dem  Schiffbruch  der 
von  Troja  heimkehrenden  Griechen;  Diomedes 
hat  auch  die  dortigen  pythischen  Spiele  ge- 
stiftet; Paus.  2,  32.  Athen,  Palladion  des 
danach  snl  IlaXla- 
SCw  genannten  Ge- 
richtshofs ; aus  Pe- 
lops’  Knochen  gefer- 
tigt, von  Diomedes 
I dem  Demophon  als 
Deposit  gegeben  auf 
der  Heimfahrt  von 
' Troja,  Giern.  Al.  pvotr. 
pag.  42  Pott.  Poly- 
I aen.  1,  5;  bei  nächt- 
licher Landung  des 
Diomedes  ihm  von 
Demophon , der  die 
! Argeier  nicht  er- 

1 kennt,  im  Kampf 
abgenommen,  Paus. 

1,  28,  9;  Demophon 
heifstDemophilos  bei 
Lysias , Schot.  Ari- 
stid.  p.  320  Dind . ; 
itatt  Diomedes  wird 
Agamemnon  genannt 
von  Kleitodemos  bei 
\Suidas  ’Enl  Tlcdla- 
)Yco ; kein  Heros  wird 
genannt,  blofs  heim- 
eehrende Argeier, 
lie  werden  erschla- 
gen , das  Palladion 
vird  aufgelesen,  Plia- 
wdemos  bei  Suidas, 

Pollux  8,118.  Mes- 
. jenisch  Methone 
iModon),  Athena 
vnemotis,  Bild  und 
dame  von  Diome- 
es  gegeben , auf 
essen  Gebet  Athena 
ie  für  die  Stadt 
phädlichen  Winde 
nschädlich  gemacht 
atte,  Paus.  4,  35,  8. 
ypros,  Mensch en- 
pfer  für  Diomedes, 
or  dessen  Zeit  an- 
eblich  für  Agraulos 
ieren  und  Athenas 
eiligtum  neben  sei- 
3m  sich  befand), 
irch  Stieropfer  er- 
fczt  durch  König 
iphilos  zur  Zeit  des 
deukos  Theologos, 
orphyr.  abstin.  an- 
I*.  2,  54.  In  Me- 
|ip  ont  und  T h u r i i wurde  Diomedes  als 
iott  verehrt,  Polemo  bei  Schot.  Pind.  Nem. 

12.  Bei  den  Dauniern  in  Apulien  galt 
rpi  (Argyripa,  Argos  hippion;  vergl. 
elbig,  Hermes  11,  261)  für  Diomedes’  Griin- 
ng;  König  Daunos  habe  ihn  gegen  seine 
inde  zu  Hilfe  gerufen  (vgl.  Gerhard,  Apul. 


Vasenb.  p.  1.  0.  Jahn,  Arch.  Beitr.  400)  ge- 

gen das  Versprechen  eines  Landanteils;  hinter- 
her stellte  ihm  Daunos  die  Wahl  zwischen  dem 
ganzen  Land  und  der  ganzen  Beute;  als  Schieds- 
richter spricht  Diomedes1  unebenbürtiger  Bru- 


Diomedes und  Odysseus  boim  Raub  des  Palladion  (Braun,  12  antike  Basreliefs  Taf.  4). 

der  Alain os,  der  Daunos’  Tochter  Euippe 
liebte,  dem  Daunos  das  Land  zu,  dem  Diome- 
des die  Beute;  dieser  flucht  dem  Land,  es  solle 
nicht  Frucht  tragen , aufser  wrenn  von  einem 
seiner  Nachkommen  oder  Landsleute  bebaut; 
endlich  wird  Diomedes  von  König  Daunos  ge- 
tötet , seine  Gefährten  in  Reiher  ( tQcoSioi ) 


Roscher,  Ijexikon  der  gr.  u.  röm.  Mythol. 


33 


1027 


Diomedes 


Dione 


1028 


verwandelt,  die  auf  der  Diomedischen  In- 
sel vor  der  Küste  Apuliens  ein  menschenartig 
geordnetes  Leben  führen,  gegen  landende  Helle- 
nen zutraulich,  gegen  Barbaren  feindselig  sind, 
auch  den  (nebst  seinem  Tumulus  unter  einer 
Platane)  auf  der  Insel  befindlichen  Tempel 
des  Diomedes  täglich  mit  Wasser  besprengen. 
Oder  er  ward  auf  der  Insel  unsichtbar.  Nach 
dem  Aufidus  hin  erstreckten  sich  die  Diome- 
dischen Felder  (Diomedis  campus  Liv.  22, 
12.  Festus  s.  v.),  die  er  durch  einen  Graben 
trocken  zu  legen  begann,  Strabo  6,  284.  Plin. 
3,  104.  151.  126  f.  (nach  Iuba)  12,  6.  Aristot. 
■9-avfi.  cn i.  79.  Lylc.  592.  632  nebst  Schol.  und 
Tzetzes ; Tzetz.  hist.  1,  27,  759.  Verg.  Aen.  11, 
243  ff.  nebst  Serv.  Liv.  22,  12.  Ovül.  Met.  14, 
457 — 511.  Vgl.  noch  Anton.  Lib.  37  und  Hel- 
big,  Hermes  11,  266.  Auch  Canusium  (Serv. 
Aen.  11,  246)  und  Sipontum  ( Strabo ) galten 
als  seine  Stiftung.  Luceria  besafs  im  Athena- 
tempel  Anathemata  des  Diomedes  (Strabo), 
Näheres-  bei  Arist.  &avg.  an.  109.  In  Samnium 
findet  er  sich  in  Beneventum,  Equus  Tu- 
ticus  und  Venafrum  (Serv.  Aen.  8,  9.  11, 
246).  Die  Peuketier  hatten  im  Artemistem- 
pel einen  von  ihm  herrührenden  Schmuck  ge- 
habt, Arist.  Havfi.  av..  110;  auch  B rundisium 
sei  von  seinen  Atolern  gegründet,  lustin.  12,  2. 
Die  Umtrer  verehrten  ihn,  Scylax  p.  6 Huds. 
Spina  seine  Gründung,  ut  Delphicis  credi- 
tum  est  thesauris,  Plin.  3,  120;  die  Heneter 
verehrten  ihn  mit  Opfer  eines  weifsen  Rosses ; 
auch  die  Haine  der  Hera  Argeia  und  der  Ar- 
temis Aitolis  beziehen  sich  auf  ihn,  Strabo  2, 
215;  sein  Ende  dort,  ib.  6,  284.  Timavum 
hatte  ein  Heiligtum  Diomeds  ib.  214.  Vergl. 
Preller- Jordan,  Rom.  Mythol.  2,  306.  Heyne 
zu  Verg.  Aen.  11,  Exkurs  I.  Klausen,  Aneas 
1173.  Über  das  Iunoheiligtum  inLanuvium 
als  diomedische  Gründung  s.  Preller- Jordan  1, 
282,  3.  — 3)  Diomedes  und  Amphinomos, 
Söhne  des  Diomedes  II  und  der  Euippe, 
Daunos1  Tochter,  Anton.  Lib.  37.  [v.  Sybel.] 

Diomeneia  (Aioysvsici) , eine  Tochter  des 
Atlas,  deren  ehernes  Bild  auf  dem  Markte  von 
Mantineia  stand,  Paus.  8,  9,  5.  [Stoll.] 
Dioinos  (Aloyog),  ein  attischer  Heros,  nach 
welchem  der  städtische  Demos  von  Athen  Dio- 
meia  benannt  war,  ein  Sohn  des  Kolyttos,  des 
Eponymos  des  angrenzenden  Demos  Kolyttos. 
Als  Herakles  sich  als  Gast  bei  Kolyttos  be- 
fand , gewann  er  den  Diomos  lieb.  Nach  der 
Apotheose  des  Herakles  opferte  ihm  Diomos 
auf  dem  väterlichen  Herde;  da  kam  ein  Hund 
und  schleppte  die  Opferstücke  vor  das  Thor 
an  die  Stelle,  wo  Diomos  darauf  das  Heilig- 
tum des  Herakles  Kynosarges  (in  Diomeia) 
gründete.  Das  Fest,  welches  hier  mit  Spie- 
len dem  Herakles  gefeiert  wurde,  hiefs  zho- 
(uug(Et.  M.),  IIoKY.liici  tccv  Aioufioig  (Aristoph. 
Pan.  651).  Schol.  Ap.  Pliod.  1,  1207.  Steph. 
Byz.  Et.  M.  Hesych.  Phot.  Suid.  s.  v.  ACo- 
f vog,  Aeogsia , Aiogsig,  Kwcoagysg.  Müller, 
Dorier  1 , 438.  458.  Göttling , Ber.  der  sächs. 
Ges.  6,  14—27.  Preller,  Griech.  Myth.  2,  258. 
0.  Jahn,  N.  memor.  d.  Inst.  2,  lOf.  Dettmer, 
de  Hercule  Attico,  Diss.  Bonn.  1869.  Bursian, 
Geogr.  v.  Gr.  1,  274f.  [Stoll. j 


l)iou  (Alwv),  1)  König  in  Lakonien,  Gemahl  der 
Iphitea,  Tochter  des  Prognaos.  Als  Iphitea  den 
Apollon  mit  der  gröfsten  Ehrfurcht  aufgenom- 
men hatte,  verlieh  dieser  ihren  drei  Töchtern, 
Orphe , Lyko  und  Karya,  zur  Vergeltung  die 
Gabe  der  Weissagung,  jedoch  mit  der  Bedin- 
gung, dafs  sie  die  Götter  nicht  verraten  und 
nicht  nach  Unerlaubtem  forschen  sollten.  Als 
später  auch  Dionysos  als  Gast  kam  und  freund- 
io  lieh  von  Dion  oder  seinem  Weibe  aufgenom- 
men ward,  gewann  er  die  Liebe  der  Karya,  so 
dafs  er  nach  seinem  Weggange  bald  wieder  - 
kehrte , unter  dem  Vorwand , dafs  er  den 
Tempel  , den  ihm  der  König  gegründet, 
weihen  wolle.  Die  Schwestern  aber  bewach- 
ten und  beobachteten  die  Karya  und  wur- 
den vergebens  von  Dionysos  gewarnt  und  an 
das  Gebot  des  Apollon  gemahnt.  Deswegen 
versetzte  der  Gott  sie  in  Wut  und  verwarn 
20  delte  sie  dann  auf  dem  Taygetos  in  Fel 
sen;  die  geliebte  Karya  aber  verwandelte  ei 
in  einen  Nufsbaum  (huqvc().  Artemis  offen 
barte  dies  den  Lakoniern,  welche  nun  de) 
Artemis  Karyatis  einen  Tempel  weihten,  Serv 
Verg.  Ecl.  8,  30.  Zu  Karya  (Nufsdorf)  feier 
ten  die  Jungfrauen  der  Artemis  Karyatis  all 
jährig  ein  Fest  mit  zierlichen,  dem  Diony 
sosdienste  verwandten  Tänzen,  s.  Preller,  Gr 
Mythol.  1,  243.  Bursian,  Geogr.  v.  Griechen l 
30  2,  119,  1.  Curtius,  Pelop.  2,  321.  [ — 2)  C.  1 

Gr.  7374.  R.]  [Stoll.] 

Dionaia  (Dionaea)  s.  Aphrodite  und  Dione 
Dione  (Auivy,  pg,  Alcovu,  ag  f.  zu  8i  Zsv 
Aiog;  vgl.  Diana,  G.  Curtius , Grundzüge 5 236 
Preller- Pleiv  1,  99,  inbetreff  der  in  einem  Frag 
mente  des  Apollod.  b.  Schol.  z.  Od.  3,  91  übei 
lieferten  Form  Aiuevy  Roscher,  Stud.  z.  vg: 
Mythologie  d.  Griechen  u.  Römer  2.  S.  24),  vo! 
Zeus  Mutter  der  Kypris  Aphrodite,  Ilia 
40  5,  312.  330.  370.  422,  Mu  dsdav  381  (doi 
tröstet  und  heilt  sie  die  von  Diomedes  vei 
wuudete  Tochter);  Apollod.  1,  31.  Eur.  He 
1098.  Theolcr.  17,36.  Aphrodite  AuovuCu Theoh. 
15,  106.  Orph.  Arg.  1320.  Verg.  Aen.  3,  1! 
Neben  Aphrodite  genannt  auch  Hes.  Theog.  lr 
AlsName  der  kyprischen  Aphrodite  selbs1 
Theolcr.  7,  116.  Bion  1,  93  (wo  jetzt  abe 
ncucovu  gelesen  wird).  Ov.  Fast.  2,  461;  h 
A.  3,  3.  Pervig.  Veneris.  Val.  Flacc.  Au, 
50  7,  187.  Serv.  zu  Verg.  Ecl.  9,  47  Dionaei  Cac 
saris.  Dionaea  columba  Stat.  Silv.  3,  5.  80 
vgl.  die  kyprische  Stadt  Aicovlu  bei  Steph.  By 
Preller- Plew  1,  274.  Unter  den  vornehmste 
Göttinnen,  neben  Rhea,  Themis  u.  a.,  bei  L( 
tos  Wehen,  Ho.  hy.  Ap.  Del.  93.  Titanidt 
Tochter  des  Uranos  und  der  Ge,  wie  Tetky 
Rhea,  Themis  etc.,  Apollod.  1,  1,  3;  Tochtf 
des  Aet.her  und  der  Terra,  Hyg.  f.  init.  - 
Im  Katalog  der  Quellen  Tochter  des  Okea 
60  nos  und  der  Tethys,  Hes.  Theog.  353  (N< 
reide,  Apollod.  1,  2,  7).  In  Dodona  mit  Zeu 
Na'ios  ovvvaog,  Strabo  7,  329  (nach  ihm  er 
nachhomerisch  hinzugefügt).  Roehl,  Inscr.  ai 
tiguiss.  n.  332.  Carapanos,  Dodone  pl.  341 
1 Vgl.  inbetreff  des  bräutlichen  oder  eheliche 
Verhältnisses  dieser  dodonäischen  Dione  i 


Zeus  (Dione  auf  Münzen  mit  Diadem  u.  Schleie 
- — " — - • 1 • ---b 


s.  auch  Etym.  M.  280,  42),  sowie  hinsich 


1029 


Dionysos  (b.  Homer) 


lieh  der  ihr  wie  der  Hera  dargebrachten  Kuh- 
opfer  (Dem.  in  Mid.  53),  woraus  schon  Apol- 
lodor b.  Schol.  z.  Od.  3,  91  ihre  Identität  mit 
Hera  erschlossen  zu  haben  scheint,  Roscher, 
Studien  z.  vergl.  Myth.  der  Griech.  u.  Römer  2, 

S.  24ff.  R.].  Den  dodonischen  Nymphen, 
den  Ammen  des  Dionysos,  eingereiht,  und 
dieselben  als  die  Hyaden  aufgefafst  von  Phe- 
kebgd.  b.  Schol.  Ilias  13,  48G  und  Hyg.  p.  a. 

2,  21.  Preller-Plew  1,  384.  Mutter  des  Dio-  io 
nysos,  Eurip.  Antig.  frg.  177  aus  Schol.  Pind. 
Pyth.  3,  177;  vergl.  Ilesycli.  Bdn%ov  zhcovr ]g. 
Behle.  Anehd.  1,  225.  Schoem.  op.  2,  152.  Wel- 
cher, a.  D.  1,  136.  Auf  rotfigur.  Yasenbildern 


Zeus  u.  Dior^e  (nach  Dione  thronend  (nach  Fried- 
Müller-  Wieseler,  D.  a.  K.  länder-Sallet , Münzkabinet 

2,  Taf.  1,  6 a).  Berlin - 633;  vgl.  Müller - 

Wieseler  1,  54,  262). 

in  bakchischen  Scenen,  C.  I.  Gr.  n.  8381.  8387.  30 
1 8413  b.  8387  b.  [Heydemann,  Satyr-  und  Bak- 
chennamen.  Halle  1880.  S.  39.  Roscher.]. 
Nachdem  auch  Hyaden  und  Pie  laden 
| (s.  d.)  zusammengeflossen,  ward  Dione  At- 
lantide  und  von  Tantalos  Mutter  der 
Niobe  und  des  Pelops,  Hygin.  fab.  9.  82. 
83;  Schwester  der  Ple'faden,  Ov.  met.  6,  174. 

Im  pisid.  Terme ss os  ein  Priester  Ai'og  war 
'Auovyg,  C.  I.  Gr.  n.  4366.  In  Athen,  Keil, 
Philol.  23,  615;  Altar  vor  dem  Poliastempel,  40 
C.  I.  A.  1 n.  324.  Rangabe,  Mitt.  d.  d.  arch. 
Inst.  7,  331.  Priestersitz  im  Theater,  C.  I.  A. 

3,  1 11.  333.  In  Pergamon  in  der  Giganto- 
machie  am  grofsen  Altar,  [v.  Sybel.] 

Dionysos.  Bei  Homer  Aicowaog,  ebenso  bei 
Hesiod,  Archiloch.  fr.  74.  Theogn.  v.  976 ; äolisch 
ZovvvGog  inschriftl.  Conze,  Lesbos  Tf.  9,  1,  5; 
vgl.  Meister,  Dialekte  1,  139.  Verdoppelung 
des  v wie  die  vorausgehende  Länge  scheinen 
auf  *AiJ~o-Gvvoog  zu  führen,  Alicens,  Philol.  23,  50 
210.  Attisch  Aiövvaog,  vergl.  v.  Wilamowitz- 
Möllendorf,  Untersuchungen  1,  225.  JsvvvGog 
aus  Asovvaog.  Anakreon  2,  11.  11,  2. 

§1.  Dionysos  bei  Homer.  V gl.  Nitzsch, 
A.nm.  z.  Od.  3,  42.  Lobeck,  Aylaopli.  p.  284. 
Nägelsbach,  Homer.  Theolr  p.  115.  Im  home- 
ischen  Götterwesen  spielt  der  nachmals  be- 
ieutend  entfaltete  Dionysoskult  keine  Rolle. 
jVenn  Dionysos  den  späteren  Alten  und  auch 
heueren  Mythologen  wesentlich  als  Weingott  co 
gilt,  so  ist  zu  beachten,  dafs  zwar  bei  den 
|jomerischen  Griechen  der  Genufs  des  Weines 
jdlgemein  verbreitet  ist  (s.  Hehn , Kulturpflan- 
ew3  S.  60),  der  Dichter  aber  noch  nicht  den 
iott  als  „Erfinder  des  Weines“  kennt,  wie  die 
\lten  zu  Od.  9,  198  bemerkten.  An  dieser 
Telle  wird  der  Wein  zum  wichtigen  Hebel 
er  Handlung  und  gemäfs  der  epischen  Tech- 


Dionysos  (orgiast.  Elemente)  1030 

nik  diese  Wichtigkeit  durch  Angabe  seiner 
Herkunft  hervorgehoben:  Odysseus  hat  ihn  von 
Maron  (s.  d.)  erhalten,  dieser  Heros  von  Ismaros- 
Maroneia  heifst  aber  Priester  des  Phoibos  Apol- 
lon, woraus  die  alten  Erklärer  mit  Recht  fol- 
gerten, dafs  ein  Weingott  Dionysos  dem  Homer 
unbekannt  sei.  Erst  Hesiod,  der  auch  Maron  Sohn 
des  Oinopion  und  Enkel  des  Dionysos  (Schol. 
Horn.  a.  a.  O.)  nennt,  kennt  den  Trank  als  Gabe 
des  Gottes  (tgycc  614  diöga  Aicovvgov  nolvyr\- 
•flf'og).  Wie  der  Genufs  ist  auch  der  gottes- 
dienstliche Gebrauch  des  Weines  zur  Spende 
(als  des  Götteranteils  beim  Tranke,  H 480. 
Z 259,  sowie  zur  feierlichen  Unterstützung  des 
Bittgebetes  und  zum  Totenopfer  yor)  l 25, 
W 220,  also  des  Weins  als  Götter-  und  Seelen- 
tranks) ständig.  Neuere  Mythologen  (Langlois, 
acad.  d.  inscr.  T.  XVIII  p.  2 p.  326.  Maury, 
hist,  des  rel.  dela  Grece  1,  118.  Duncker,  Gesell, 
d.  Altert.  55,  130)  haben  Dionysos  als  Geist 
des  Opfertrankes  erklärt  und  mit  dem  Soma- 
Haoma  der  asiatischen  Arier  parallelisiert. 
Hätten  aber  die  Griechen  diesen  Geist  des 
Göttertrankes  und  seiner  begeisternden  Kraft 
als  Erbstück  aus  der  indogermanischen  Urhei- 
mat besessen , so  erschiene  im  Hinblick  auf 
die  Wichtigkeit  der  Spende  bei  Homer  dessen 
Nichterwähnung  des  Dionysos  rein  unbegreif- 
lich. — Aufser  an  drei  verdächtigen  Stellen 
(£)  325,  l 325,  co  74)  geschieht  ausführlicher 
des  dionysischen  Sagenkreises  Z 130  Erwäh- 
nung : Lykurgos,  der  mit  Göttern  kämpfte  und 
dafür  bald  hingerafft  ward,  verscheuchte  des 
rasenden  Dionysos  Ammen : gcavogsvoio  Aico- 
vvgolo  Tid’fjvag.  Aufser  der  Pflegestätte  des 
Gottes  Nysa  (v.  133  fjyd&iov  Nvaffiov ) giebt 
diese  Erwähnung  noch  von  zwei  wesentlichen 
Momenten  des  bakchischen  Dienstes  Kunde : 
von  dem  Orgiasmus  „des  rasenden“  Gottes 
und  dessen  Verbreitung  in  Thrakien,  wohin 
Lykurgos  in  älterer  Zeit  als  König  der  Edo- 
nen  versetzt  wird. 

A.  Die  orgiastisclien  Elemente  des  Dionysos- 
kultes; ihre  Herkunft  und  Bedeutung. 

§ 2.  Von  den  Thrakern  am  Pangaion  und 
Haimos,  von  deren  Dionysosdienst  historische 
Nachrichten,  wie  die  Sagen  von  Lykurgos  und 
Orpheus  melden , unterschied  zuerst  O.  Mül- 
ler, Orchom.  u.  d.  Minyer 2,  372  tf.  den  Stamm 
der  Thraker  in  der  mythischen  Vorzeit,  der 
seine  bestimmt  umgrenzten  Sitze  in  Pierien 
am  Olympos , sowie  in  Mittelgriechenland  am 
Helikon  und  Parnassos  hatte.  Dieser  Stamm, 
welcher,  von  Norden  her  einwandernd,  den 
orgiastischen  Dionysosdienst  nach  Böotien  und 
Phokis  trug,  hat  sich  von  dem  thrakisch-phry- 
gischen  Urvolke  abgezweigt;  in  dieser  Form 
hat  Müllers  Aufstellung  von  der  thrakischen 
Herkunft  des  Kultes  mit  Recht  vielfache  Zu- 
stimmung gefunden:  so  von  Welcher,  Gr.  Götterl. 
1,  424,  neuerdings  von  Raptp , Beziehungen  d. 
Dionysoskultes  zu  Thrakien,  Progr.  Stuttg.  1882. 
Dafs  die  Thraker  zur  europäischen  Gruppe  der 
Indogermanen  gehörten,  ebenso  wie  die  ihnen 
eng  verwandten  Phryger,  sucht  Fiele,  Spracli- 
einlieit  der  Indogermanen  Europas  S.  417  auf 
Grund  der  deutbaren  Glossen  nachzuweisen. 

33* 


1031  Dionysos  (in  Thrakien) 


Dionysos  (mantisclr;  in  Delphi)  1032 


§ 3.  Dionysos  in  Thrakien;  vgl.  Lo- 
beck , Agl.  p.  289 ff.  Welcher,  Gr.  Götterl.  1, 
425.  Dionysos  wird  von  Herodot  5,  7 neben 
Ares  und  Artemis  (=  Kotytto)  unter  den  Haupt- 
gottheiten der  Thraker  genannt.  Wie  sehr 
gerade  dieser  Dienst  nationales  Eigentum  war, 
erhellt  daraus,  dafs  die  niemals  unterworfenen 
Satren  auf  ihren  Bergen  ein  Orakel  des  Dionysos 
besafsen  ( Hcrod . 7,  11);  dessen  Propheten,  die 
Bessen,  gingen  erst  durch  Crassus  des  dem  Gott  io 
heiligen  Landes  verlustig,  welcher  es  den  Odry- 
sen,  die  gleichfalls  den  Gott  verehrten,  schenkte, 
(Dio  Cass.  51,  25).  Während  hier  der  Gott 
durch  Frauenmund  wie  in  Delphi  sprach  ( He- 
rodot a.  a.  0.),  bei  den  gleichfalls  tlrrakischen 
Ligyrern  die  weissagende  Geisteskraft  an  den 
Weingenufs  geknüpft  war  (Macrob.  18,  1),  ver- 
kündete er  im  Lande  der  Bisalten  (nach  den 
aus  Aristoteles  ausgeschriebenen  OavyuGicc  122 

р.  842  B)  durch  einen  mächtigen  Feuerschein  20 
der  an  dem  Hain  harrenden  nächtlichen  Fest- 
gemeinde, wann  er  ein  fruchtbares  Jahr  ge- 
währen wollte  (oxav  — svsxggCav  ysllrj  tioielv). 
Dionysos , der  auch  dem  Oktavius  in  thraki- 
scher  Wildnis  antwortete  barbara  caerimonia 
de  filio  consulenti , wie  vordem  dem  Alexander, 
(Suet.  Oct.  94),  wird  allgemein  als  „Prophet  der 
Thraker“  (Eur.  Hek.  1267 ; vergl.  Paus.  9,  30,  5) 
bezeichnet;  von  Bedeutung  ist,  dafs  er  zugleich 
Urheber  der  Jahresfruchtbarkeit  ist.  Der  Name  30 
Sabazios,  der  dem  thrakischen  Dionysos  ( Schol . 
Arist.  vesp.  9 u.  av.  875.  Macrob.  1,  18,  11 

[ Thraces ] Sebadium  nuncupantes  magnifica  re- 
ligione  celebrant ) ebenso  wie  dem  phrygischen 
Gotte  (Arist.  av.  875.  £lgca  fr.  3 Mein.  He- 
sych.  s.  v.)  zukommt,  erweist  erstens  die  1 
enge  Verwandtschaft  der  Thraker  und  Phry- 
ger,  zweitens  wird  dieser  Name  ausdrücklich 
auf  die  orgiastische  Verehrung  bezogen  und 
war  (wohl  als  Anrufung)  in  dem  ekstatischen  40 
Rufe  svot  Gaßoi,  Dem.  de  cor.  260,  enthalten. 
Nymphis  bei  Schol.  Ar.  av.  a.  a.  0.  ( F . H. 
Gr.  3 p.  14  frg.  11):  xvxsüv  xrjg  ngoGgyogi'ccg 
naget  xov  ysvöysvov  mgl  avxov  &siaGybv , xd 
yctg  svccfciv  oi  ßägßagoi  Gtxßagsiv.  Plut.  symp. 
4,6.  2.  Hesych.  Gaßageiv.  Wenn  aber  seine 
Geweihten  Saßoi  heifsen , also  den  Götter- 
namen selber  tragen  (vergl.  auch  Phot.  Ea- 
ßov g,  Eustatli.  Od.  p.  1431),  so  erscheinen 
sie  als  Träger  der  ekstatischen  Begeisterung  50 
des  Gottes  voll  und  damit  seines  Wesens  teil- 
haftig. Auf  der  gleichen  Besitznahme  des 
menschlichen  durch  den  göttlichen  Geist  be- 
ruht die  Weissagung,  in  welcher  der  Gott  aus 
den  Menschen  spricht.  So  war  z.  B.  die  Lands- 
männin des  Spartakos  yavx Kal  K<xxo%og 
xotg  ntgl  xov  zUÖvvgov  ogyiaGyoeg  (Plut.  Grass. 

с.  8).  Wenn  der  Gott  den  Menschen  zeitwei- 
lig mit  seinem  Geiste  erfüllt,  so  sind  diese 
Thatsachen  des  orgiastischen  Kultus  und  der  60 
Mantik  bedeutsam  genug,  um  das  Wesen  des 
thrakischen  Gottes  als  ein  geistiges  festzustel- 
len, und  wenn  er  als  Sonnengott  bezeichnet 
wird(Afacr.  1,18, 11),  so  ist  darin  nicht  eine  Per- 
sonifikation des  Himmelskörpers  zu  erblicken; 
dem  Geber  der  Jahresfruchtbarkeit  wurde  als 
sinnenfälliger  Sitz  seines  Numen,  des  Gott- 
geistes, das  Gestirn  zugewiesen.  Für  die  Geistig- 


keit des  thrakischen  Gottes,  d.  i.  für  seine 
Wesensverwandtschaft  mit  dem  abgeschiede- 
nen, aber  als  mächtig  fortwirkend  verehrten 
Menschengeiste,  spricht  auch  die  Thatsache, 
dafs  bei  den  verwandten  nordthrakischen  Stäm- 
men der  Unsterblichkeitsglaube,  wie  er  den 
Griechen  zuerst  in  die  Augen  fiel,  deutlich 
als  Grundpfeiler  ihrer  Religion  erscheint.  Die 
Geten  (of  aO'avuxCQovxsg  Herodot  4,  94)  glaub- 
ten nicht  zu  sterben,  sondern  „zu  Zalmoxis  zu 
fahren“:  Gott  ist  die  Einheit  der  abgeschie- 
denen Geister , darum  Hort  und  Helfer  des 
Volkes,  wie  der  Ahnengeist  dem  einzelnen. 
Wird  dies  und  auf  gleichem  Glauben  beruhende 
Sitten,  wie  die  Glücklichpreisung  der  Verstorbe- 
nen, die  Mitgabe  der  Frauen  ins  Grab  (Herod. 
5,  4,  5),  von  den  nördlichen  Thrakern  berichtet, 
so  liegen  auch  aus  dem  dionysischen  Gebiete 
Thrakiens  Anzeichen  gleichen  Glaubens  vor. 
Wenn  unter  Augustus  ein  Priester  (0gai,  Bgc- 
Gog  lsgsvg  xov  nag7  avxoig  zhovvoov , Dio  Cass. 
54,  34)  durch  seine  Offenbarungen  (noXXa  ■dsiä- 
cag)  einen  Aufruhr  erregen  konnte,  so  erinnert 
dies  an  den  priesterlicken  Beirat  der  Geten- 
könige,  der  als  Nachfolger  des  Zalmoxis  leben- 
diger Träger  des  Gottgeistes  war,  Strabo  C, 
298.  Wenn  dem  Rhesos  verheifsen  wird  (Blies. 
964 f.;  vergl.  Dindorf  zu  v.  970)  in  Erdhöhlen 
gleich  dem  Bakcliospropketen  im  Pangaion  als 
Dämon  fortzuleben,  so  gleicht  dies  ganz  dem 
■Acixuycaov  OLKryia  (Herodot  4,  95),  in  welches 
sich  Zalmoxis  zurückzog,  um  im  vierten  Jahre 
wieder  zu  erscheinen;  dies  Verschwinden  und 
Wiedererscheinen,  von  den  ponti sehen  Grie- 
chen als  veranstaltete  List  ausgelegt,  würde,  von 
dieser  Entstellung  befreit,  zu  dem  trieterischen 
Wiedererscheinen  des  Dionysos  in  Parallele 
treten;  vgl.  Hahr  z.  Her.  a.  a.  0.  In  Anbe- 
tracht der  chthonischen  Machtsphäre  des  grie- 
chischen Gottes  sind  als  Mittelglieder  zu  dem 
Unsterblichkeitsglauben  der  nordthrakischen 
Stämme  auch  die  abgerissenen  Notizen  wich- 
tig, welche  den  thrakischen  Dionysos  mit 
dem  Totenkulte  in  Verbindung  setzen:  auf 
einer  Grabschrift  aus  der  Gegend  von  Philippi 
mit  thrakischen  Namen  wird  den  thiasis  Li- 
beri patris  Tasibasteni  eine  Summe  ausgesetzt 
zur  Feier  des  Totenmahles  am  Rosenfeste,  C. 
I.  L.  3,  1,  703.  704.  Den  jung  verstorbenen 
Knaben  nehmen  die  Bromio  signatae  mysti- 
des  oder  die  Nymphen  als  Genossen  aut  (at 
se  congregem  uti  Satyrum  — poscunt  (686);  vgl. 
Tomaschek , Brumalia  und  Bosalia  nebst  Be- 
merkungen über  d.  hessischen  Volksstamm , Ber. 
d.  Wiener  Akad.  phil.-hist.  CI.  1868.  p.  351  f. 
A.  Bapp,  Beziehungen  des  Dionysoskultes  etc. 
S.  15  (wo  die  Lesungen  des  C.  I.  nachzutra- 
gen sind).  Es  erübrigt  noch,  die  Nachrichten 
von  dem  orgiastischen  Kulte  des  thrakischen 
Dionysos  beizubringen,  die  jedoch  mit  der  Be- 
sprechung des  bakchischen  Orgiasmus  in  Grie- 
chenland zusammengestellt  werden  sollen. 

§ 4.  Bakckische  Mantik;  Dionysos 
in  Delphi.  Wenn  sich  der  thrakische  Gott 
mit  seinen  Verehrern  durch  Mantik  und  Or- 
giasmus in  Verbindung  setzte,  so  scheint  aut 
den  ersten  Blick  nur  letzterer  nach  Griechen- 
land verpflanzt.  Die  Einheit  des  Mantischen 


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1033  Dionysos  (mantisch;  in  Delphi) 

und  Orgiastischen  wird  von  Euripides  klar  aus- 
gesprochen ( Bacch . 297  f.)  und  darauf  zurück - 
i geführt,  dafs  „der  Gott  mit  Macht  in  den  Leib 
kommt.“  (Dies  mit  Welcher  2,  577  auf  den 
Wein  zu  beziehen,  ist  mit  der  Gliederung  der 
Rede  des  Teiresias  unvereinbar).  Ein  Traum- 
Heilorakel  in  Amphiklea  (Paus.  10,  33,  5),  wo 
der  Priester  „vom  Gotte  erfüllt“  sprach , ist 
1 bemerkenswert  wegen  der  Lage  in  Phokis,  dem 
Sitze  des  mythischen  Thrakerstammes ; vgl . Bur- 
sian,  Geogr.  1, 158.  Von  diesen  ursprünglichen 
Dionysosdienern  stammt  auch  der  alte  und 
wichtige  Kult  des  Gottes  in  Delphi,  an  welcher 
! Stätte  er  nicht  minderen  Anteil  hat  als  Apol- 
lon ( Plut . de  Ei  c.  9.  Lucan.  5,  73).  Wie  in 
den  Giebelfeldern  des  Tempels  vorn  Apollon 
mit  den  Musen , auf  der  Rückseite  Dionysos 
von  den  Thyiaden  umschwärmt,  mit  dem  unter- 
gehenden Helios  in  Bezug  auf  die  Nachtfeier, 
(Paus.  10,  19,  3;  vgl.  Welcher,  a.  D.  1,  151  ff.) 

| dargestellt  war,  so  gehörte  letzterem  auch  ein 
! Theil  des  delphischen  Kirchenjahres,  das  win- 
terliche Drittel , während  dessen  der  Päan 
schwieg  und  der  Dithyrambos  erklang.  Die 
I Frühlingsankunft  Apollons,  seine  Bewillkomm- 
:nung  durch  Dionysos,  der  sich  zum  Weggehen 
wendet,  sind  dargestellt  auf  dem  Vasenbilde 

■ Archciol.  Zeitung  1866  Taf.  211  (vgl.  Weniger 
S.  186,  anders  Stephani,  Comptc  rendu  etc. 
1861  S.  114).  Diese  Gleichstellung  der  bei- 
iden  Götter  führte  in  Kunst  ( Archciol . Zeitung 
1865  Tf.  202  u.  3.  Gerhard  S.  98  f.)  und  Poe- 

I sie  (Aesch.  frgm.  332 : 6 Kzoosvg  ’AnoXhav, 
b Kaxysiog  6 geevr zg  und  Eurip.  frgm.  480, 
bei  Macroh.  1,  18,  6)  zum  Austausch  der  At- 
tribute. Da  nun  eine  solche  enge  Beziehung 
zu  Dionysos  nirgends  aufserhalb  Delphi  vor- 
kommt (vereinzelte  Ausnahmen:  der  Apollons- 
Priester  und  Dionysosenkel  Maron  (s.  o.) ; ’AnbX- 
izov  Azovvoödozog  in  Phlyeis,  Paus.  1,  31,  4) 

. md  daher  sicher  nicht  im  Wesen  des  Apolli- 
; nschen  Kultes  wie  etwa  das  Verhältnis  zu 
Artemis  liegt,  so  mufs  eine  äufserliche  histo- 
rische Nötigung  dies  Zusammenfliefsen  veran- 
afst  haben.  Da  Apollon  selber  im  delphischen 
dythus  ankommend  und  seinen  Orakelsitz  nach 
iegreichem  Kampfe  einnehmend  erscheint,  so 
i st  es  am  wahrscheinlichsten , dafs  dort  der 
lionysische  Kult  älter  als  der  Apollinische 
st.  Apollon  nimmt  in  Besitz  das  chthonische, 
on  der  Schlange  gehütete  Orakel.  (Kampf 
ait  Ge,  Find,  bei  Schol.  Aesch.  Eum.  2.  Kon- 

■ urrenz  des  nächtlichen  Traumorakels,  Eur. 
ph.  T.  1228).  Da  nun  Orakelbefragung  ur- 
prünglich  Verkehr  mit  einem  abgeschiedenen 
■'eiste  ist  (vergl.  Tylor,  Anfänge  der  Kultur 
bers.  II  S.  130—134.  Lippert,  Relig.  d.  europ. 
Culturvölher  S.  399,  dessen  epochemachende 
iehandlung  des  Seelenkultes  überhaupt  für 
Ile  Thatsachen  dieses  Gebietes  in  Betracht  zu 
iehen  ist),  so  weissagte  ursprünglich  nicht 
ie  Erde,  sondern  der  in  ihr  hausende  Geist. 
Ethonisch  können  alle  durch  nächtliche  In- 
ubation  redenden  Orakel  ebenso  wie  die  ve- 
oogccvzsza  genannt  werden,  da  die  Erde  Mut- 
r der  Träume  (Eur.  a.  a.  O.  u.  Hec.  70),  d.  i. 
erbergerin  der  Seelen,  ist.  Da  nun  der  Stam- 
esgott  der  den  Thrakern  eng  verwandten 


Dionysos  (mantisch;  in  Delphi)  1034 

oder  thrakischen  Phlegyer  seine  Traumorakel 
hatte  und  durch  diesen  Traumverkehr  wie 
durch  den  Schlangenfetisch  (Welcher  2,  734: 
im  Glauben  war  die  Schlange  der  Gott)  seine 
Herkunft  aus  dem  Seelenkulte  deutlich  er- 
weist, so  scheint  mir  der  chthonische  Dio- 
nysos in  Delphi  ein  ursprünglicher  Toten- 
und  Todesgott  und  nicht  erst  aus  der  mythi- 
schen Anschauung  vom  Hinsterben  der  .Tahres- 
vegetation  entstanden  zu  sein  (wie  Welcher  2, 
622  Dionysos  im  Tode , Chthonios  etc.  will). 
Die  uns  überlieferten  Thatsachen  dieses  Kultes 
sind:  das  Grab  des  Dionysos  im  Allerheiligsten 
des  pythischen  Tempels  neben  einer  goldenen 
Statue  Apollons  in  Form  einer  Stufe  (ßäff^ov), 
(Philoch.  F.  H.  Gr.  1,  22.  23  p.  384—88;  vgl. 
Giern.  Al.  cohort.  p.  15  Potter.  Et.  M.  255, 
10)  und  ein  daselbst  von  dem  Kollegium  der 
"Oaoz  dargebrachtes,  geheimes  Opfer  (Lyhophr. 
208.  Plut.  Is.  Os.  35).  Diesen  Kultakt  wollte 
Bötticher  (Tehtonih  passim.  Bildwerke  d.  drei- 
seitigen Basis,  Ärch.  Ztg.  1858,  nr.  116  — 118. 
Grab  d.  Dionysos,  Winchelmannsprogr.  1858) 
auf  einem  Relief  der  sogen.  Dreifufsbasis  in 
Dresden  erkennen;  doch  stimmt  hierzu  weder 
die  Funktion  der  Priesterin , da  die  Thyiaden 
mit  der  Erweckung  des  Bakchoskindes  zu  thun 
hatten,  noch  die  Form  des  Grabes.  Dem  del- 
phischen Dionysos  kommen  (nach  Plut.  de  sz 
c.  9)  die  Hadesnamen  ’looöazzrjg,  der  alle  gleich 
zu  Gaste  ladet  ( Earpohrat . Plesych.  Beicher, 
Anecdot.  1,  267,  3),  und  Z ayQSvg  zu  (o  gsydXcog 
dygevco v Et.  Gud.  p.  227);  dafs  der  Name  des 
wilden  Jägers  auf  das  zerstückelte  Bakclios- 
kind  nur  als  ein  schon  geheiligter  übertragen, 
nicht  aber  dafür  erfunden  ist,  leuchtet  doch 
ein.  Auch  der  Beiname  EvßovXsvg , (Plut. 
Quaest.  conv.  7,9,  7)  ist  ursprünglich  chthonisch. 
Herahlit  fand  in  der  Einheit  des  Hades  und 
Dionysos  die  Einheit  von  Leben  und  Tod,  in 
Hinblick  auf  die  phallischen  Umzüge,  wieder, 
Frg.  127  Bywater.  Diesen  ursprünglichen  Dio- 
nysos-Zagreus  fassen  wir  als  den  Gott,  der  die 
abgeschiedenen  Geister  um  sich  sammelte,  und 
sein  Grab  als  die  Behausung  des  Gottgeistes, 
der  dort  ein  Opfer  empfing,  das  die  ursprüng- 
liche Gleichheit  mit  dem  Seelenkulte  noch  er- 
kennen liefs.  Dafs  nun  dieser  Dionysos  älte- 
ster Gestalt  wie  der  Thrakerprophet  zu  sei- 
nen Verehrern  sprach,  wird  nach  dem  Gesag- 
ten dadurch  nicht  aufgehoben,  dafs  das  von 
Apollon  eingenommene  Orakel  der  Erde  zu- 
gehörte; andrerseits  ist  es  wohl  begreiflich, 
dafs  an  der  den  siegenden  Gott  feiernden  Sage 
einseitig  nur  das  eine  Prinzip,  die  Erde,  nicht 
der  aus  ihr  sprechende  Geist,  eingeführt,  der 
als  Mitinhaber  des  Heiligtums  belassene  Gott 
nicht  als  besiegter  genannt  wird.  Nur  eine 
gelehrt  künstliche  Kombination  (Tno& EOLg  Duff. 
Schol.  Find.  Boechh  2 p.  297)  nennt  Dionysos 
als  Propheten  der  Nyx , Python  als  den  der 
Themis.  D.  Nvs.xsXzog  neben  einem  Erdorakel 
in  Megara,  Paus.  1,  40,  5.  Die  Verlegung 
des  Grabes  gerade  an  den  mantischen  Dreifufs 
wird  als  Rest  der  ursprünglichen  Vorstellung 
von  dem  aus  der  Erdtiefe  seinen  Geist 
emporsendenden  Gott  anzusehen  sein.  Es  er- 
übrigt noch,  das  in  Delphi  von  den  Thyiaden 


io 

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60 


1055  Dionysos  (Elem.  des  bakch.  Orgiasm.)  Dionysos  (Elem.  des  bakcb.  Orgiasm.)  1036 


gefeierte  Bakchoskind  zu  betrachten,  was  auf 
Grund  der  Erörterung  des  Orgiasmus  gesche- 
hen soll. 

§ 5.  Elemente  des  bakchischen  Or- 
giasmus. Betreffs  desselben  haben  wir  zu 
unterscheiden  die  Orgien  derthrakischen  Frauen 
von  denen  Griechenlands,  auf  griechischem  Bo- 
den aber  wiederum  die  in  historischer  Zeit  er- 
haltene und  durch  Gesetz  und  Brauch  fixierte 
Kultusübung  von  der  mythischen,  durch  Sage 
und  Kultlegende  fortgepflanzten  Kunde  von 
den  Mänaden  des  Diouysos,  welche  Überliefe- 
rung von  Poesie  und  bildender  Kunst  ergrif- 
fen und  mit  tiefer  lebendiger  Empfindung  reich 
ausgebildet  worden  ist.  Wenn  auch  durch  die 
bildende  Kunst  der  Typus  der  Mänade  vollendet 
und  diese  speciell  durch  Skopas1  Meisterwerk 
zu  einem  wesenhaften  und  lebensvollen  Gebilde 
geworden  ist,  so  dürfen  wir  deshalb  doch  nicht 
den  künstlerischen  Eindruck  der  Lebenswahr- 
heit als  Überlieferung  der  historischen  Wirk- 
lichkeit fassen;  dafs  die  Kunst  Wesen  erschuf, 
die  nicht  von  dieser  Welt  waren,  gilt  für  die 
Gottesdienerin  so  gut  wie  für  den  Gott.  Bei 
den  griechischen  Frauen  der  historischen  Zeit, 
ihrem  durch  die  Sitte  eng  beschränkten  Leben 
wäre  ein  zeitweilig  zu  den  Festen  rücksichts- 
los ausbrechendes  Rasen  und  Toben,  wie  es 
Preller  l3  570,  der  bei  seiner  Schilderung  poe- 
tische Züge  auf  den  wirklichen  Kultus  über- 
trägt, annimmt,  psychologisch  und  historisch 
unmöglich  gewesen.  Der  orgiastische  Taumel 
konnte,  wie  Welcher  2, 57 2 sagt,  mit  Zunahme 
der  bürgerlichen  Ordnungen  nirgends  beste- 
hen; in  Delphi  erhielt  sich  ein  Nachbild  der 
nächtlichen  Schwärmerei  der  Thyiaden.  Dafs 
der  historische  Kultus  in  der  That  nur  ein 
Nachbild  des  von  der  Sage  überlieferten  und 
geglaubten  Orgiasmus  bot,  diesem  Nachweis 
und  der  Scheidung  der  beiderseitigen  Elemente 
ist  die  Abhandlung  von  Bapp  gewidmet,  Bh. 
Mus.  27,  lff. : die  Mänade  im  griechischen 
Kultus,  in  Kunst  u.  Poesie  (vgl.  d.  Artikel 
Mainaden).  Für  die  Erkenntnis  des  mythi- 
schen Glaubens  ist  natürlich  der  Einwand 
der  Unwirklichkeit  gegen  sagenhafte  Züge 
nicht  zu  erheben.  Aufserdem  kann  uns  be- 
sonders die  Übereinstimmung  des  aus  Thra- 
kien Bezeugten  mit  dem  Griechischen  auf  das 
Ursprüngliche  leiten.  Als  erste  solche  Über- 
einstimmung tritt  uns  die  enge  Verbindung 
des  Gottes  mit  seinen  Geweihten  entgegen,  die 
durch  Namensgleichheit  angezeigt  wird:  dem 
Bakchos  dienen  Bakchen  zumeist  weiblichen 
Geschlechts  (ßdr-xoi,  HeräMit  fr  gm.  124  Byw. 
Eurip.  Äorjreg  frg.  475,  15.  Plato  Phaed.  69  C : 
noXXol  fiev  vaQ&gnocpogoi  xrl;  vergl.  Lobeck, 
Aglaopli.  813).  Dies  entspricht  ganz  dem  Ver- 
hältnis des  phrygisch  - thrakischen  Sabazius 
zu  den  aäßo i;  das  den  Gott  mit  seinen  Die- 
nern einende  Element  ist  der  Enthusiasmus, 
der  die  Geweihten  erfüllt  und  sie  so  dem  Gotte 
zu  eigen  giebt,  welcher  auch  aufserhalb  des 
Dionysoskultes  als  ßax^st'a,  ßanxrvnv  bezeich- 
net wird.  (Bei  Eustath.  p.  1437  werden  als 
Bezeichnungen  des  zjj  ’Peu  nazsxögsvog  rj  ncc'i 
aXXa  daipovi  zusammengestellt  xvßyßog,  odßog • 
ßaH%og,  ßaßänzrjg,  ßäßat-  u.  a.).  Dies  Appella- 


tivum  ßuHxog  wurde  von  den  Alten  von  ßocgco 
abgeleitet,  Et.  M.  s.  v. ; so  auch  Bibbeck,  Dio- 
nysoskult in  Attika  S.  6 n.  3.  Cwtius,  Ety- 
mol.5  S.  460  von  Wurzel  J-en  mit  altem  Gut- 
tural, von  der  auch  ’lccKxog  = *J-i  J-axxog.  Cha- 
rakteristisch ist,  dafs  dem  Bakchos  orgiastisch 
von  Weibern  gedient  wird,  von  den  Bäx^ai, 
Mcavctdsg,  ©viadsg,  Arjvai,  abweichend  von  der 
sonst  üblichen  Bedienung  der  Gottheit  durch 
io  Personen  gleichen  Geschlechtes,  die  bekannt- 
lich mitunter  zur  Vertretung  des  Gottes  durch 
den  Priester,  der  Göttin  durch  die  Priesterin 
wird  Das  ist  dem  thrakischem  und  dem  grie- 
chischen Gotte  gemein:  die  Thrakerinnen  am 
Haimos,  wie  die  Edonischen  Weiber  dienten 
dem  Gotte  mit  den  gleichen  Cärimonien  wie 
in  Makedonien  die  Bakchen,  welche  dort  KXi6- 
d'covsg  und  MipuXXovsg  hiefsen  ( Flut . Alex.  c.  2 
zu  Mig.  Callimacli.  Schneider  2,  580  frg.  401. 
20  Polyaen.  4,  1,  der  die  Legende  des  A.  tytv- 
dävcoQ  beibringt,  Lykophr.  1464.  Et.  M.  587, 
53.  ticcqd!  xd  fUfisiG&ai  xovg  ürdgag.  KXädcov fg 
Hesych.  Suid.).  Von  ihrem  orgiastischen  Kul- 
tus wird  aufser  dem  Gebrauch  von  Epheu  und 
Thyrsos  noch  der  grofser  zahmer  Schlangen 
und  der  bakchischen  Schwinge  (Xinvov)  be- 
richtet (vgl.  Plut.  u.  Polyaen.  a.  a.  O.  Luk. 
Alex.  6,  7).  Vielleicht  stammen  auch  die  ga- 
nszca  (Pompe  des  Ptol.  Philad.  Athen.  5,  28) 
30  aus  Thrakien.  War  Bakchos  der  durch  den 
begeisterten  Ruf  der  Bakchen  verehrte  Gott 
(daher  Bax^etog  A.  Hymn.  hom.  19 , 46.  Bax- 
%svg  Soph.  Ant.  1121.  Bax^dg  Soph.  frgrn.  608. 
Bcchx£X°Q° S Hymn.  Orph.  56,  3.  75,  1.  ’lvyyvyg 
Hesych.,  die  Lieder  ioßcc*xog.  Archilochos  nach 
Hephaist.  98.  Proklos  bei  Pliot.  bibl.  320,  31 
Bekker  [auch  Beiname  Hesych.])  und  ßax^aßax- 
Xog  Arist.  equ.  408),  so  heifst  er  vom  Lärm  sei- 
nes Thiasos  Bgogiog  (hymn.  Hom.  26,  9 af  ö’ 
40  dg’  tnovzo  Nvycpca , 6 d’  stfyysixo'  ßgöyog 

d’  s%sv  dcnszov  vXgv.  Aesch.  Eum.  24.  Find. 
Ditliyr.  frg.  45,  10,  wonach  Welcher  2,  610  zu 
berichtigen  ist;  sgißgogog  Anakr.frg.il.  Hymn. 
Hom.  7 , 56) ; von  elem  verzückten  Ruf  der 
Bakchen  svoi  Eviog  (Soph.  Oed.  B.  211.  Arist. 
Thesm.  994.  Eviov  svoi  avaxogsveov  u.  ö.),  Evav 
(svdgco  Soph.  Ant.  1135),  Eleleus  (Ov.  Met.  4, 
15).'  Die  Form  Evaiog  (Et.  M.  391,  12)  geht 
zurück  auf  svgoi,  was  mit  dem  (wohl  nur  um 
50  der  Interaspiration  willen)  als  lakonisch  über- 
lieferten svol  die  Erklärungsversuche  sv  xai 
xalwg  sezm  oi  ( Scliol.  Eur.  Phoen.  656) 
oder  sv  ooi  (Harp.  svoi)  bestätigen;  vergl. 
Lobeck,  Aglaojjh.  1042  f.  Dindorf  im  Thes. 
Steph.  s.  v.  Evav.  Nun  war  dieser  Ausruf  in 
den  aus  Phrygien  eingedrungenen  Sabazios- 
mysterien  in  der  Verbindung  svoi  caßoi  vrjg 
uzxrjg  üblich,  und  wahrscheinlich  ebensowenig 
wie  die  drei  andern  den  Götternamen  erlthal- 
60  tenden  Worte  bedeutungslose  Interjektion. 
Die  Analogie  des  Klagerufes  aiXivov , der  hel- 
lenisch umgebildeten  semitischen  Wehklage, 
zeigt , wie  mit  dem  fremden  Kulte  zugleich 
dessen  charakteristische  Laute,  mehr  der  Stim- 
mung als  der  wörtlichen  Bedeutung  nach  ver- 
standen, einwanderten  und  Wurzel  schlugen. 
Da  nun  die  abgeleiteten  Wörter  Eviog,  svioi 
yvvainsg,  svd£co  u.  a.  den  Tragikern  geläufig 


1037  Dionysos  (Elem.  d.  bakch.  Orgiasm.)  Dionysos  (Eiern,  d.  bakch.  Orgiasm.)  1038 


sind,  so  ist  der  Jauchzlaut  svoo  gewifs  nicht 
erst  aus  den  verachteten  und  befehdeten  Saba- 
ziosmysterien  auf  Dionysos  übertragen  worden, 
sondern  dies  Zusammenstimmen  des  dionysi- 
schen mit  dem  später  eiugedrungenen  phrygi- 
schen  Kulte  weist  auf  die  Urverwandtschaft  des 
thrakischen  und  phrygischen  Götterwesens  hin. 
Auch  die  Verwendung  der  rauschenden,  ekstati- 
schen Musik  der  Flöten,  Handpauken  und  Schel- 
len im  Dienste  der  phrygischen  Bergmutter  wie 
des  Dionysos  führt  Strabo  10,  469.  470  unter 
Anführung  von  Dichterstellen,  welche  in  der 
Schilderung  den  Orgiasmus  die  gleichen  Züge 
verwenden , auf  die  ethnische  Einheit  der 
Thraker  und  Phryger  zurück;  worin  aber  z.  T. 
sicher  eine  Übertragung  der  im  Kybeledienst 
ausgebildeten  Elemente  liegt.  Ein  anderes 
Moment,  das  die  Orgien  des  Dionysos  von  dem 
Dienste  der  olympischen  Götter  wesentlich 
unterscheidet , ist  die  Nachtzeit  der  Feier, 
welche  des  Lichts  der  Fackeln  in  den  Hän- 
den der  Mänaden  bedurfte;  vgl.  Eurip.  Bacch. 
485:  vvkxooq  xcc  n oller  Gsyvoxrjx’  £%£i  Gxoxog. 
Daher  die  NvkxbUcc  (Flut-  Quaest.  conv.  4,  6. 
10.  Serv.  Aen.  4,  303) , der  A.  Nvx.xigi.v6g 
[Flut.  ibid.  6,  7,  ‘2.  Verg.  Georg.  4,  521  Noc- 
turnus  Bacchus,  was  Pliilargyrius  mit  Nycte- 
lius  erklärt;  vgl.  b.  Nonn.  Dion.  44,  218  die 
Anrede  der  Mgvi] : vvxxocpasg  Aoovvgs  avv- 
Sgogs  Mr\vr\g\  vergl.  202  u.  279).  Insbeson- 
dere wird  in  der  delphischen  Thyiadenfeier 
ler  nächtliche  Fackelglanz  bedeutsam  her- 
vorgehoben. Echt  orgiastisch,  als  das  Werk 
Jsines  wilden,  vom  Gotte  verhängten  Wahn- 
sinnes, erscheint  die  Zerfleischung  von  Opfer- 
fcieren  durch  die  Mänaden.  Die  Tiere  des 
Waldes  und  der  Berge,  besonders  Rehkälber 
and  Böcke  {Phot,  vtßgigsiv  . . . duxonäv  vsßgovg. 
Eesych.  cüyöfciv),  auch  Stiere  und  Kälber  (Eu- 
. Baccli.  737.  Catull.  64,  256)  werden  glied- 
veis  zerstückelt  und  ihr  Fleisch  roh  verschlun- 
gen {Eur.  ib.  137  aygsvcov  cciya  xguyonxövov, 
öyoquxyov  %dgov , Apoll.  Bhod.  1,  636  ftviccöeg 
o (jLoßogoi.  Luh.  Baccli.  2.  dem.  Alex,  cohort. 
j.  HP.).  Die  Übertragung  dieses  Rohmahles 
luf  den  Gott  selber  ergab  für  diesen  die  Bei- 
lamen  ’Slyädiog,  ’Slggoxrig  (s.  u.),  T avgocpdyog 
Soph.  frg.  602).  Auf  Kreta  soll  nach  einem 
/on  Firmicus  Maternus  err.  prof.  rel.  c.  6 
ausgeschriebenen  Euhemeristen  der  Kultbrauch 
aestanden  haben , einen  lebenden  Stier  im 
Orgiasmus  zu  zerfleischen;  auch  in  die  orphi- 
chen  Mysterien,  deren  Anschauungen  Euripi- 
les  {Kgrjxsg  frg.  475)  ausführt , sind  die  Roh- 
nahle aufgenommen  (v.  12  xag  coyocpdyovg  dcco- 
ccg  xsliaag).  Die  Bildwerke  zeigen  die  Mäna- 
'en  mit  Stücken  von  zerrissenen  Tieren  in 
len  Händen , wie  Skopas  seiner  Bakche  nicht 
len  Thyrsos,  sondern  eine  getötete  Ziege  gab 
Kallistr.  sxcpgdo.  ß.) , oder  mit  Sclilachtmes- 
ern  zur  Zerteilung  der  Tiere  gerüstet;  dafs 
ler  darauf  folgende  Akt,  das  Verschlingen  des 
ohen  Fleisches,  bildlich  nicht  dargestellt  wird, 
tat  seinen  Grund  in  der  ästhetischen  Schwie- 
igkeit  oder  Unmöglichkeit  dieser  Darstellung 
n der  Plastik  und  darf  nicht  dazu  führen, 
ie  Omophagie  als  bedeutungslos  anzusehen. 
ls  werden  dieselben  Tiere , die  dem  Dio- 


nysos nach  gewöhnlichem  Kultbrauche  darge- 
bracht werden,  wobei  bekanntlich  der  Mitgenufs 
der  Menschen  stehend  ist,  von  den  Mänaden 
auf  ihre  Weise  geopfert,  d.  h.  zerrissen  und 
roh  verzehrt.  Nun  erscheint  das  Tieropfer  im 
dionysischen  Kult  mehrfach  als  Lösung  eines 
Menschenopfers.  In  Potniai  wurde  dem  Dio- 
nysos Jtyoßolog  anstatt  eines  blühenden  Kna- 
ben ein  Zicklein  geopfert  {Paus.  9,  8,  1),  auf 
io  Tenedos  dem  Dionysos  ’Av&gcoxtoQQ(xiGxi]g  ein 
Kalb  {Ael.  N.  A.  12,  34),  wo  aufser  diesen  Bei- 
namen auch  die  Cäremonie  der  Opferung  das 
ursprüngliche  Menschenopfer  erkennen  läfst. 
Noch  zur  Zeit  der  Perserkriege  brachte  ein 
plötzliches  Aufflackern  des  Fanatismus  dem 
Dionysos  ’SlygGxrjg  drei  gefangene  Perser  zum 
Opfer  {Phanias  v.  Eresos  bei  Flut.  Them.  13. 
Arist.  9).  Wie  der  Beiname  des  Gottes  auf 
die  Omophagie  der  Mänaden  zurückweist,  so 
20  kehrt  sowohl  das  orgiastische  Zerreifsen  wie 
das  Verzehren  beim  Menschenopfer  wieder, 
letzteres  natürlich  nur  in  den  Mythen.  In 
Chios  wurde  einst  dem  Dionysos  ’SlydSoog  ein 
Mensch  zerrissen  und  geopfert  {Porphyr,  d. 
abstin.  2,  55).  Dafs  die  Minyaden  eins  ihrer 
Kinder  zerreifsen,  geschieht,  weil  in  ihrem 
Wahnsinn  die  Gier  nach  Menschenfleisch  er- 
wachte {Plut.  Quaest.  Gr.  38),  und  auch  von 
den  Proitiden  von  Sikyon  {Apollod.  2,  2,  5)  und 
30  den  Weibern  am  Argos  {ib.  3,  5,  2)  wird  das 
Verzehren  der  Säuglinge  berichtet,  was  ich 
nach  diesem  Zusammenhänge  nicht  mit  Wel- 
cher 1,  447  für  übertreibenden  Zusatz  halten 
kann.  Von  Nonnos  Dion.  21,  105  f.  wird  die- 
ser Zug  auf  die  Weiber  des  von  Lykurgos  be- 
herrschten Nysa  übertragen  und  auch  den  er- 
sten Ammen  des  Dionysos  (9,  23  f.),  den  Töch- 
tern des  Lamos,  kannibalische  Gelüste  nach 
ihrem  Pflegling  zugeschrieben.  Nach  einem 
40  sich  für  historisch  ausgebenden  Berichte^  {Por- 
phyr. abst.  2,  8)  fügten  die  Bdaoagoo  zum  Men- 
schenopfer auch  das  Mahl  hinzu,  bis  durch 
diesen  menschenmörderischen  Wahnsinn  das 
Geschlecht,  welches  zuerst  das  Opfer  angeriihrt, 
vernichtet  war.  Da  von  einem  historischen 
Stamme  dieses  Namens  nichts  verlautet,  wird 
man  bei  dem  sagenhaften  Klange  der  Erzäh- 
lung an  mythische  Dionysosdiener,  benannt 
nach  den  ßaeedpat  (s.  u.) , sowie  bei  Steph. 
so  Byz.  die  Edßoo  zu  einem  phrygischen  Volke 
geworden  sind,  denken  dürfen.  Vermutlich 
waren  dieselben  in  Thrakien  lokalisiert  und 
eine  Manie  des  Kannibalismus  wurde  ihnen 
sicherlich  auf  Grund  bakchischer  Bräuche  und 
Vorstellungen  angedichtet.  Bei  Oppian,  Cy- 
neg.  4,  304  verwandelt  Dionysos  den  Pentheus 
in  einen  Stier , die  Mänaden  aber  in  Q’rjgcig 
cofioßogovg  (Panther),  oqpga  f uv  — Soa  axoytx. 
dcuxgsvGiaysv.  Wenngleich  diese  Version  der 
60  Pentheussage  sicher  späte  Erfindung  ist,  so 
verwendet  sie  doch  echte  Elemente  des  bakchi- 
schen  Orgiasmus  und  kann  so  die  ursprüngliche 
Zusammengehörigkeit  der  Omophagie  mit  dem 
von  der  Sage  selbständig  verwandten  Zerreifsen 
als  der  Exekution  des  strafenden  Gotteswil- 
lens durch  die  Hände  seiner  Dienerinnen  auf- 
zeigen. An  die  ekstatische  Zerreifsung  oder 
Opferung  der  dionysischen  Tiere  schliefst  sich 


1039  Dionysos  (früh.  Erklär,  d.  Orgiasm.) 

die  Bekleidung  mit  Fellen  an;  im  Bilde  der 
mythischen  Mänaden  ist  bekanntlich  das  Fell 
des  Rehkalbes , die  Nebris , am  häufigsten, 
Phot.  vsßgifcsi v r)  vsßgov  Sogar  cpogsev  rj  vs- 
ßgovg  ÖLdonäv.  Auch  das  Fell  des  im  histo- 
rischen Kulte  am  häufigsten  geopferten  Tieres, 
die  cdyi'g,  wurde  zur  Umhüllung  verwandt, 
welche  Aischylos  in  den  Edonen  als  bakchi- 
schen  Ornat  gleich  der  Nebris  aufführte,  frg. 
62.  Hesych.  alyi^siv.  id.  zgaygcpogoi'  ae  na- 
gen Aiovvocp  ogynx^ovoai  zgayrjv  nsgeynzovzo. 
Auch  die  Stiftungslegende  eines  ans  Euboia 
abgeleiteten  argivischen  Kultes  {Paus.  2,  33, 1) 
läfst  auf  das  Ziegenopfer  und  den  Schmaus  Um- 
hüllung mit  den  Fellen  folgen,  was  nach  dem 
bekannten  Schema  der  ätiologischen  Legenden 
als  ständiger  Kultbrauch  zu  betrachten  ist. 
Von  einer  andern  Mänadentracht,  der  ßaaaexqa 
(auf  den  Gott  übertragen  Dionysos  Baoaagsv g), 
geben  die  Alten  eine  doppelte  Erklärung.  Ge- 
wöhnlich wird  darunter  der  lange  Chiton  ver- 
standen (so  von  Aeschyl.  Edon.  fry.  b.  Miller, 
melanges  grecq.  p.  62:  oGzig  inävag  ßaGGagag  zs 
Avöiccg  noSfjgsig;  Poll.  7,  50.  Beide.  Anecd. 
1,  222,  26);  die  thrakischen  Bakchen  hiefsen 
ßKGGceQca  (übertragen  gebraucht  von  Lyhophr. 
771.  1393.  Et.  M.  190,  52.  Athen.  5 p.  198) 
oder  ßaGGciQLÖeg  (Chor  in  Aeschylos'  Lykurgeia 
frg:  23).  Andere  leiteten  es  von  den  Fuchs- 
pelzen ab  (Schol.  Fers.  1,  101:  quidam  a vul- 
pibus,  quarum  pellibus  bacchae  succingeban- 
tur , Ilerod.  4,  192  ßaaGugia  = Füchse,  nach 
Lagarde , Ges.  Abh.  279;  vgl.  275,  25  kop- 
tisch basor,  vielleicht  ein  persisches  Fremd- 
wort). Eine  Einheit  beider  Ableitungen  liefse 
sich  dergestalt  denken,  dafs  bei  dem  Fremd- 
wort die  Beziehung  auf  den  Stoff  fallen  ge- 
lassen und  nur  an  die  Form  der  dionysischen, 
vom  Theater  mitbestimmten  Festtracht  ge- 
dacht wurde.  Betreffs  der  übrigen  Ausrüstung 
der  Monaden  wird  die  Bekränzung  mit  Epheu 
als  tlirakische  Festsitte  ( Plin . N.  H.  16,  34) 
bezeugt.  Die  Festzeit  der  Orgien  kehrt  Jahr 
um  Jahr  {nag’  sviavzov)  wieder;  wenn  auch 
der  innere  Grund  dieses  Cyklus  noch  nicht 
erkannt  ist,  so  werden  doch  in  der  antiken 
Litteratur  thatsächlich  unter  den  Trieterieen, 
an  denen  sich  Dionysos  freut  (Eur.  Bakch.  133), 
orgiastische  Weiberfeiern  verstanden.  {Ovid 
Fast.  1,  393),  Vergil  Aen.  4,  302),  Diodor  (4,3) 
läfst  in  vielen  griechischen  Städten  Frauen  die 
Ankunft  ( smepctveioc ) des  Dionysos  feiern,  in 
Nachahmung  der  vor  alters  den  Gott  um- 
gebenden Mänaden.  Trieterische  Feiern  wer- 
den bezeugt  von  den  attisch-  delphischen  Thyia- 
den  {Paus.  10,  4,  2)  auf  dem  Parnafs,  auf  An- 
dros  {ül.  6,  36,  1),  in  Alea  (8,  23,  1),  My- 
tilene  {Ael.  V.  H.  13,  2),  Kerkyra  (C.  I. 
Gr.  1848,  17),  Opus  (Inschr.  Bhein.  Mus. 
27,  612). 

§ 6.  Bisherige  Erklärungen  des  Or- 
giasmus.  Fragen  wir  nun,  woher  diese  or- 
giastischen  Bräuche  entsprangen  und  was  sie 
bezweckten , so  lautet  die  Antwort  der  an- 
gesehensten neueren  Mythologen  dahin,  das  Mit- 
und  Nachfühlen  des  Naturlebens , seiner  Be- 
wegungen und  Gegensätze , des  Jubels  und 
Schmerzes  des  vegetativen  Erdenlebens  {Prel- 


Dionysos  (nordeurop.  Parallelen)  1040  I 

ler3  1,  545)  habe  sich  im  Orgiasmus  in  über-  I 
schwenglich  ekstatischerWeise  ausgesprochen. 

So  spricht  Gerhard,  Mythol.  1 , 495  von  dem 
'furchtbaren  Gegensätze,  der  auf  Erkenntnis  1 
und  Darstellung  des  blutig  zerfleischten,  aber  ] 
wiedererstandenen  Gottes  den  entsprechenden  j 
Brauch  drohender  Verfolgung , blutiger  Zer- 
fleischung , aber  auch  demnächst  erfolgen- 
den Festjubels  begründete’,  Hehn,  Eulturpfl. 

S.  66  'von  wütender  Lust  und  herzzereifsender  i 
Klage’,  mit  der  die  Thyiaden  des  Gottes  Tod  Ijo 
und  seine  Wiederauferstehung  feiern.  Man  würde 
demnach  ein  besonderes,  nicht  nur  inniges,  son- 
dern auch  gewaltsam  ekstatisches  Naturge-  ■?! 
fühl  anzunehmen  haben,  damit  die  Natur  „die  |m 
das  menschliche  Gemüt  überwältigende  und  aus  |se 
der  Ruhe  eines  klaren  Selbstbewufstseins  her-  j 
ausreifsende“  Macht  sein  könnte  (O.  Müller,  f : 
Arch.3  S.  594).  Wenn  aber  wirklich  ein  solcher 
'furchtbarer  Gegensatz’  bestanden  hätte , so  I lei 
nnifste  es  doch  ein  leichtes  sein,  die  Aus-  |»d 
briiehe  des  Jubels  scharf  von  denen  der  Klage  I & 
zu  scheiden,  die  einzelnen  Momente  der  über-  l;o 
lieferten  bakchischen  Bräuche  dem  einen  oder  fl  ^ 
der  andern  zuzuweisen,  wonach  man  jedoch  Jim 
in  Prellers  Schilderung  der  Trieterieen  (l3,  569  f.)  | .ti 
vergebens  sucht.  Wie  sich  die  Klage  um  lta< 
den  dahingeschiedenen  Jahresgott  ausspricht,  1 eb 
sehen  wir  klar  und  deutlich  im  Adoniskulte;  fl  um 
diese  Klage  hat  mit  der  bakchischen  Manie  lifo 
keinerlei  Ähnlichkeit.  Insbesondere  geschieht 
das  Zerreifsen  der  bakchischen  Opfer  durch  | Brä 
die  Mänaden  nach  den  Alten  neeza  gigr]Giv  lim, 
zov  nsg l z'ov  AiÖvvgov  nced'ovg,  d.  i.  ein  ätio-  j ton' 
logischer  Mythus,  den  die  Neuern  zumeist  als 
Naturmythus  fassen:  „das  Opfer  eines  zerstück-  |jir( 
ten  Knaben  scheint  symbolisch  auf  die  Zer-  lünc; 
reifsung  des  Dionysos,  diese  auf  Vernichtung  kf 
der  Vegetation  Bezug  gehabt  zu  haben“  {Wel-  L 
clcer  1,443).  Dieser  von  Preller  u.  A.  geteilten 
Ansicht  stehen  folgende  Bedenken  entgegen:  ,]je 

Die  Jugendlichkeit , die  bei  Tier-  und  Men-  Lc; 
schenleben  festgehalten,  also  ein  wesentliches. 
Moment  ist,  würde  bei  einer  naturmythischen 
Deutung  konsequent  auf  eine  Vernichtung  der  Lr; 
Frühjahrsvegetation  führen.  Sodann  wird  die 
Zerreifsung  des  Opfers  von  den  Bakchen,  den 
Dienerinnen  des  Gottes,  vollzogen;  in  diesen  |.te 
aber  Vertreterinnen  der  dem  Vegetationsgotte  I 
feindlichen  Macht,  der  vernichtenden  Gewalt 
des  Winters,  zu  erkennen , wäre  ganz  wider- 
sinnig. Endlich  geschieht  die  Zerreifsung 
nur  um  der  nachfolgenden  Verzehrung  willen, 
was  den  Gedanken  an  eine  Darstellung  der 
vernichteten  Jahresvegetation  ausschliefst.  Es 
werden  vielmehr  Opfertiere  zerrissen  und  roh 
verzehrt,  und  daher  ist  die  Frage  zu  stellen: 
wie  verhält  sich  diese  Art  orgiastischer  Opfe- 
rung zu  dem  im  Dienst  des  Dionysos  wie  der 
andern  Götter  üblichen  Opfer? 

§ 7.  Parallelen  aus  nordeuropäi- 
schem Volksbrauche.  a)  Gewisse  Elemente  ; 
des  bakchischen  Orgiasmus,  nämlich  Fackel- 
lauf, lärmende  Musik  unter  ekstatischem  Rennen 
und  Rufen  kehren  nicht  allein  im  phrygischen 
Kybelekulte,  sondern  auch  in  den  über  Frank- 
reich, Welsch-  und  Deutschtirol  und  Süddeutsch- 
land verbreiteten  Volksbräuchen  wieder , die 


10 

20 

30 

40 

50 

60 


1041  Dionysos  (nordeurop.  Parallelen)  Dionysos  (Mainaden  etc.)  1042 


Mannhardt , Wald-  und  Feldkulte  1 S.  534  f. 
zusammenstellt  in  den  Paragraphen  ''Packel- 
lauf über  die  Kornfelder;  Kornaufwecker,  Perch- 
tenspringen, Faschingsumläufe’.  Gerade  dafs 
diese  Bräuche  zum  gröfsten  Teile  in  bäuerli- 
chen Kreisen  auf  ihrem  Mutterboden  stehen 
geblieben,  zu  keiner  höhern  Entwicklung  aus- 
gebildet worden  sind,  hat  ihnen  ihre  unmit- 
telbare Durchsichtigkeit  in  Bezug  auf  die  ge- 
glaubte und  beabsichtigte  Wirkung  erhalten,  io 
ln  Frankreich  hat  der  Fackellauf,  von  wel- 
chem der  Sonntag  Invocavit  rjour  des  brandons’ 
heifst,  den  in  den  begleitenden  lauten  Rufen 
ausgesprochenen  Zweck,  Saaten,  Weinberge 
und  Obstgärten  fruchtbar  zu  machen,  Unge- 
ziefer und  Unkraut  zu  vertreiben.  In  Deutsch- 
land geschehen  die  Umzüge  unter  dem  Geläute 
von  Schellen  und  Kuhglocken,  um  „das  Korn 
, aufzuwecken“,  „das  Gras  auszuläuten,“  „den 
Lenz  zu  wecken.“  Je  mehr  in  Tirol  ver-  20 
: mummte  „Hutler“  gehen,  desto  besser  schlägt 
\ die  Ernte  aus;  gab  es  kein  gutes  Erntejahr, 
so  schrieb  man  es  dem  unterlassenen  Perch- 
tenspringen zu.  Wenn  es  nun  bei  Beschrei- 
bungdesletzteren heifst:  „sie  sprangen  und 
stürmten  in  wilder  Lust  tobend  und 
rasend  durch  die  Gassen“,  so  haben  wir 
einen  Orgiasmus  gleich  dem  bakchischen  vor 
1 uns,  und  die  zuletzt  angeführten  Bemerkungen 
über  den  geglaubten  Erfolg  führen  uns  in  die  30 
innern  Motive  ein.  Bei  Ausübung  dieser 
Bräuche,  deren  Wesen  Mannhardts  Bezeich- 
nung 'Vegetationszauber’  trifft,  tritt  eine  Schar 
von  Menschen  in  unmittelbarer  Aktion  den 
Geistern  der  Vegetation  gegenüber,  um  ihnen 
durch  vollen  Einsatz  der  Energie  die  Jahres- 
fruchtbarkeit abzuringen:  je  lauter  und  weiter 
Ruf  und  Lärm  ertönt,  je  mehr  Acker  und  Flu- 
ren die  Leben  zündende  Kraft  der  Flamme  er- 
i fahren,  um  so  weiter  und  kräftiger  breitet  sich  40 
die  Schaden  abwehrende , die  Vegetation  er- 
quickende Zauberwirkung  aus.  Zu  Grunde 
et  liegt  der  Glaube  nicht  sowohl  an  eine  über- 
mächtig waltende  Gottheit,  sondern  an  einen 
Dämonismus  des  Naturlebens,  wonach  die  Kraft 
des  Menschen  durch  gewisse  Bräuche  der  Dämo- 
nen Herr  werden,  ihren  schädigenden  Einflufs 
abwehren,  ihren  segnenden  fördern  kann.  Wenn 
aber  eine  sich  auf  das  lauteste  äufsernde  Hand- 
lung mit  aller  Energie  betrieben  wird,  und  50 
dabei  deren  Objekt  in  geisterhafter  Unsicht- 
barkeit bleibt,  so  müssen  dergleichen  Zauber- 
brauch ausübende  von  einem  andern  Geiste 
1 erfüllt  und  hingerissen  erscheinen,  b)  Von 
dem  Perchtenlauf  am  Faschingsabend  berichtet 
Zingerle,  Sitten  etc.  des  Tiroler  Volkes  S.  88, 
693:  Wenn  die  Perchten  „ganz  wild  und  ra- 
send tobten“,  so  hatte  sich  die  wilde  Percht 
selber  ins  Spiel  gemischt;  voller  Furcht  rann- 
ten sie  ins  nächste  Haus,  denn  man  erzählt  go 
mehrfach  von  Perchten,  die  von  der  wirklichen 
zerrissen  worden  sind.  So  gesellen  sich  Eisen- 
berta (in  Franken,  Panzer  Beitr.  z.  d.  Mythol. 

2,  177,  184)  oder  Knecht  Ruprecht  ( Eisei , Sa- 
\'/enbK  d.  Voigtl.  S.  71,  171)  leibhaftig  zu  den 
Vermummten,  die  sie  darstellen  wollen.  Es 
Bedarf  keiner  langen  Auseinandersetsung,  dafs 
die  wirkliche  Percht  unter  den  Perchten,  bis 


auf  das  feindliche  Verhältnis,  genau  dem  Bak- 
chos  unter  den  Bakchen  entspricht:  die  Phan- 
tasiethätigkeit  der  Feiernden  steigert  sich  bis 
zu  dem  Punkte  der  Energie,  dafs  sie  ihre  Ge- 
bilde aufser  sich  erblickt  und  vor  ihnen  zu- 
sammenschrickt. Doch  nicht  allein  den  Feiern- 
den erscheinen  die  Geister:  da  erstere  zur  Er- 
wirkung des  Naturzaubers  einer  bestimmten 
Ausrüstung  bedürfen,  so  ergiebt  dies  eine  be- 
stimmte Festtracht,  welche  schon  die  alljähr- 
liche Wiederkehr  mit  dem  Scheine  des  Wesen- 
haften umkleidet  So  wie  sonst  Verkleidung 
Nachahmung  eines  gesehenen  wirklichen  ist, 
wird  diese  Tracht  den  ihren  Ein-  und  Umzug 
haltenden  Naturgeistern  zugeschrieben.  Es 
schliefsen  sich  andre  Mummereien  an  (in 
Deutschland  namentlich  zur  Fastnacht) ; diese 
repräsentieren  die  Vegetationsdämonen,  de- 
ren Erscheinen  die  Natur  zu  neuem  Leben 
erweckt. 

§ 8.  Mänaden  als  Vertreterinnen  der 
Nymphen- Ammen  des  Gottes.  Dionysos 
Liknites  und  dieThyiaden.  Warauch  das 
bakchische  Rasen  nicht  Nachempfindung  eines 
Geschehenen,  wie  Jubel  über  die  Geburt,  oder 
Klage  über  den  Tod  des  Jahresgottes,  sondern 
Ausübung  eines  Naturzaubers,  damit  etwas  ge- 
schähe, das  Jahr  fruchtbar  werde?  Die  ersten 
Mänaden,  die  mythische  Umgebung  des  Got- 
tes waren  seine  Ammen,  die  Nymphen,  II. 
Z 132.  Soph.  Oed.  Col.  680  {fcaig  ccfirpinolböv 
TL&rivcag,  Hymn.  Hom.  26,  6f.  Arist.  Thesm. 
992.  Orph.  hymn.  30,  9 ovv  iv^covoiat.  xL&rr 
vcug  = 53,  6.  54,  5.  Diese  Nährerinnen  des 
Kindes,  durch  welche  es  zu  Leben  und  Stärke 
heranwuchs,  stellen  im  Kultus  die  Weiber  dar; 
also  sollte  auch  ihre  Kultübung  der  gleichsam 
kindlich  schwachen  und  zarten  Jahresvegeta- 
tion zu  gute  kommen.  Da  die  Bakchen  im 
Zustande  der  Ekstase  auch  der  Macht  des 
Gottes  teilhaftig  sind,  so  können  sie,  wie  bei 
der  Ankunft  des  Gottes  das  Gefilde  von  Milch 
und  Honig  fliefst  {Für.  Bakch.  142.  Himer, 
or.  18  p.  594),  Quellen  Wassers  oder  Weins 
aus  der  Erde  schlagen  {Hur.  a.  a.  0.  704f. 
Philostr.  v.  Ap.  6,  11  p.  115),  aus  Brunnen  und 
Flüssen  Milch  und  Honig  schöpfen  ( Plat . Ion. 
534.  Phaedr.  253.  Aeschin.  Socrat.  bei  Arist. 
55  vol.  II  p.  23  Bind.),  Honig  von  den  Thyrsen 
schütteln  {Hur.  a.  a.  0.  110  = Philostr.  v.  soph. 
1 p.  217).  Wie  die  Erde  den  Bakchen  gleich- 
sam die  Brüste  öffnet  {Philostr.  im.  14  p.  392 
fj  yrj  Scogei  ydla  oiov  0:71b  yctgav  eXhelv  zo  ysv 
eh  ßcolov,  zo  ds  eh  Tzizgag),  so  säugen  sie  aus 
den  ihren  die  Tiere  des  Bergwaldes,  Eur. 
a.  a.  0.  699.  Sie  melken  die  Löwinnen  {Alk- 
man.  frg.  34;  vergl.  Arist id.  4,  1.  1,  49,  das 
überlieferte  nolvcpavog  [ Bergk  nolvcpctyog]  sogzct 
geht  wohl  auf  die  bakchischen  cpavol  oder 
cpavai)  und  sind  überhaupt  mit  der  Tierwelt 
des  Bergwaldes  vertraut  und  freund,  so  dafs  sie 
sich  mit  Schlangen  die  Kleider  gürteil  {Eur. 
a.  a.  0.  698)  oder  sie  in  den  Händen  halten, 
um  damit  die  zudringlichen  Satyrn  zu  schrecken ; 
vgl.  Rapp,  Rh.  Mus.  27,  572.  Pis  führen  also 
dem  Glauben  nach  die  Bakchen  ein  von  allen 
Schrecken  und  Bedürfnissen  befreites  Natur- 
leben, wie  die  Naturgeister  selber,  sodafs  sie, 


1043 


Dionysos  (Mainaden  etc.) 


durch  die  Ekstase  mit  dem  Gotte  geeint,  ganz  den 
Nymphen  gleichstehen.  Der  orgiastische  Frauen- 
dienst ist  in  historischer  Zeit  am  deutlichsten 
in  Delphi  erhalten,  s.  Weniger,  Collegium  der 
Thyiaden , Eisenach  1876.  Hofs,  de  Bacclio 
Delphico  diss.  Bonn  1865.  Das  Hauptfest  der 
Thyiaden , die  Nachtfeier  im  Fackelscheine 
(wovon  der  Monat  Aadocpogiog),  hatte  zum 
Zweck  das  Kind  in  der  Schwingenwiege  zu 
wecken  (iysiQSiv  r'ov  Acuvizgv,  Flut.  Is.  Os.  35). 
Um  die  winterliche  Festzeit  ist  der  Gott  noch 
ein  zartes,  der  Pflege  bedürftiges  Kind;  er  er- 
wacht zum  Leben  und  wächst  zur  Fülle  der 
Kraft  heran  durch  den  Dienst  der  ihm  erge- 
benen Frauen  So  ist  dieses  Erwecken  dem 
Glauben  nach  eine  reale  Aktion , welche  ihr 
Verlangen  nach  der  Erneuerung  des  Natur- 
lebens zu  verwirklichen  strebt,  nicht  eine  alle- 
gorisch-mimische Darstellung  oder  ein  Aus- 
bruch des  Gefühls  über  das  Geschehene.  Wie 
es  dem  Namen  nach  an  das  deutsche  Früh- 
lingswecken erinnert , deuten  wir  auch  die 
wiederkehrenden  Elemente  nach  dieser  Ana- 
logie: der  laute  Ruf  der  Bakchen  sollte  der 
Weckruf  für  die  schlafende  Vegetation  sein, 
die  Fackel  in  ihren  Händen  neue  Lebensglut 
mitteilen  und  ausbreiten,  und  aus  diesem  lau- 
ten Eifer  der  Auswirkung  des  Vegetations- 
zaubers ging  das  Stürmen  (ftvsiv)  hervor, . wo- 
nach .das  Priesterinnenkolleg  benannt  ist.  Über 
das  Aufsere  der  Cäremonie  können  wir  nur 
noch  sagen , dafs  das  Symbol  der  Schwinge 
gewifs  in  der  Fackelprozession  einhergetragen 
wurde.  Eine  Terrakotte,  Millin.  Gail.  myth. 
67,  232,  zeigt  das  Kind  im  Liknon,  getragen 
von  einem  thyrsosschwingenden  Satyr  und  einer 
fackelschwingenden  Mainade,  in  der  wir  wegen 
dieses  Attributs  eine  Thyiade  erkennen;  das 
mythische  Nachbild  (nach  griechischer  An- 
schauung Urbild)  der  delphischen  Liknophorie. 
Gleichzeitig  mit  der  Erweckung  des  Wiegen- 
kindes brachte  das  Priesterkolleg  der  " Ooioi 
am  Grabe  des  Dionysos  ein  Opfer  dar,  das 
sich  auf  Grund  dieses  Zusammentreffens  am 
einfachsten  auf  den  Wiedereintritt  in  die 
Lebenswelt  beziehen  läfst;  so  feiert  ein  orphi- 
scher  Hymnus  (53)  den  uycpiezTj  Bcchxov  , der 
aus  dem  Schlummer  im  Hause  der  Persephone 
erwacht,  den  Reigen  mit  den  Nymphen  eröff- 
net. Durch  Übertragung  der  Festtracht  und 
Festfeier  auf  die  Naturgeister  erhält  das  Fest 
für  den  Gott  und  seine  dämonischen  Dienerin- 
nen immerwährende  Dauer,  sowie  jeder  Kul- 
tus die  Tendenz  hat  ideale  Kultträger  aufzu- 
stellen, deren  dauerndem  Chore  sich  die  Fest- 
gemeinde nur  anschliefst,  wie  ja  auch  die 
christliche  Festgemeinde  den  himmlischen  Heer- 
scharen. Infolge  solcher  mythischen  Verselb- 
ständigung des  Festbrauches  wird  der  dem  Dio- 
nysos heilige  Parnassos  (ßax%£vovoa  Aiovvam 
nagvctoiog  ■nogvcpä  Eur.  Iph.  T.  1243)  von  dem 
Gotte  und  seinen  Nymphen  durchschwärmt  und 
mit  geisterhaftem  Fackelglanz  erhellt.  Die 
Teilnahme  attischer  Thyiaden  an  den  Nacht- 
feiern hat  wohl  die  vielfache  Erwähnung  bei 
attischen  Dichtern  veranlafst  ( Soph . Ant.  1126. 
Eur.  Phoen.  233.  Ion  714;  1125.  Bacch.  306. 
Hypsipyle  init.  fr  gm.  752.  Arist.  nub.  603. 


Dionysos  (als  Kind;  s.  Geburt)  1044 

Attius  v.  249  Bibbeclc).  Nach  diesen  und  ähn- 
lichen Bildern  erscheint  die  Fackel  ohne  be- 
sondern  Festbezug  als  Attribut  des  Dionysos, 
Soph.  Ant  209.  Eur.  Bacch.  145.  Auch  der 
nach  delphischer  Sage  zuweilen  geschaute 
Goldglanz  der  Korykischen  Grotte  ist  wohl 
aus  der  bakcliischen  Wundererscheinung  ab- 
gelöst, Philoxen.  frgm.  14.  Antig.  mirab.  127, 
141.  [ Weniger  in  der  cit.  Abhandl.  entnimmt 

io  den  oben  als  mythische  Anschauung  gefafsten 
Dichterstellen  einen  ersten  Akt  der  Trieterieen : 
Schwärmen  der  Thyiaden  um  den  angekom- 
menen Gott  in  ausgelassener  Freude;  darnach 
Tod  des  Gottes,  Klage  und  Wiedererweckung, 
was  weder  überliefert  ist  noch  innere  Wahr- 
scheinlichkeit zu  besitzen  scheint].  Die  Mit- 
wirkung der  Thyiaden  beim  Feste  der  Cha- 
rila  (s.  d.)  hat  mehrfach  zu  der  Annahme  ge- 
führt , dafs  dies  in  den  Bakchoskult  gehört 
20  habe  (so  z.  B.  Mommsen , Delphika  S.  250,  der 
wenig  wahrscheinlich  als  Endzweck  dieser 
Bräuche  angiebt,  Selbstmördern  nachträglich 
noch  das  Seelenheil  zu  verschaffen).  Nach  der 
Kultlegende  Flut.  Qu.  Gr.  13  handelte  es  sich 
darum  die  zürnende  Seele  zu  versöhnen,  um 
das  Unheil  aus  diesem  Zorne,  nämlich  Mifs- 
wachs  und  Seuche,  abzuwehren.  Sowohl  die- 
sem Endzwecke  nach,  wie  durch  die  Ähnlich- 
keit der  Hauptcäremonie , dem  Begräbnis  der 
30  Charilapuppe,  stellt  sich  das  Fest  zu  deutschen 
und  slavischen  Volksbräuchen  (vergl.  Mann - 
hardt  S.  410f. , wie  Todaustragen  u.  a. , was 
schon  Bofs,  de  Bacclio  d.  p.  8 verglich),  welche, 
auf  dämonistischer  Naturauschauung  ruhend, 
auf  die  Zukunft  der  Jahresvegetation  zaube- 
risch einwirken  sollen.  Also  ist  das  Charila- 
fest  gleicher  Wurzel  wie  die  Bakchoserweck- 
ung  der  Thyiaden  entsprungen.  Da  in  der  Le- 
gende wie  in  dem  Festberichte  keines  Gottes 
40  Erwähnung  geschieht,  so  ist  möglicherweise 
der  Brauch  auf  der  Stufe  dämonistischen  Na- 
turzaubers stehengeblieben.  Denn  was  im  Bilde 
schmählich  ausgestofsen , getötet  und  in  die 
Öde  eingescharrt  wird,  ist  der  Dämon  des 
Mifswachses  und  Mangels , im  Gegensatz  zur 
schmausenden  Festgemeinde,  die  zuvor  vom 
Könige  Mehl  und  Hülsenfrüchte  als  Gewähr 
für  den  Anteil  am  Jahressegen  (ähnlich  der 
Panspermie)  erhalten  hat.  Name  und  Amt  der 
50  Thyiaden  werden  von  Thyia,  der  Tochter  des 
Kephissos  ( Herod . 7,  178),  oder  des  Kastalios, 
und  Mutter  des  Delphos  {Paus.  10,  6,  2)  ab- 
geleitet und  dadurch  in  die  delphische  Urzeit 
zurückgeführt.  Aufserdem  hatten  die  Thyia- 
den an  der  Mutter  des  Gottes  eine  Patronin, 
da  diese  von  ihrem  Sohn  aus  dem  Hades  em- 
porgeführt Thyone  hiefs  (s.  § 10). 


60 


B.  Dionysos’  Geburt  und  Kindheitspflege. 

§ 9.  Sem  eie  (s.  d.),  Tochter  des  Kadmos, 
des  Landeskönigs  und  Repräsentanten  des 
Kadmeerstammes , gebar  den  Dionysos , Hes. 
Tlieog.  940.  — AiscliyJos  {Esyslg  rj  ’TdgocpoQOi, 
frg.  217)  hatte  ihre  Schwangerschaft,  die  sie 
mit  dem  Geiste  der  Weissagung  erfüllt,  und 
die  Feuergeburt  des  Gottes  {frg.  218)  vorge- 
führt, diese  erfolgte  vorzeitig,  da  Semele 


1045  Dionysos  (als  Kind;  s.  Geburt) 

sich  die  Erscheinung  des  Zeus,  wie  er  als 
Freier  der  Hera  nahte , erbeten , Zeus  aber 
im  Wetter  mit  Donner  und  dem  tötenden 
Blitz  ( Eurip . Bacch.  init.  u.  a.)  nahte.  Das 
pragmatische  Motiv  der  Eifersucht  Heras  ward 
auch  hier  hereingezogen,  Apollod.  3,  4,  3. 

| Ovid.  Met.  3,  253 f.  Zeus  als  Himmelsgott 
fährt  im  Frühlingswetter  zeugend  hernieder, 
dieser  Mythus  ist  aus  der  Zeusreligion  her- 
| übergenommen,  um  den  Dionysos  in  das  helle- 
! nische  Göttersystem  einzureihen,  da  der  phry- 
] gisch-thrakische  Sabazios  schon  an  und  für 
. sich  seinen  Verehrern  als  Zeus,  d.  i.  als  höch- 
ster Gott,  galt.  Mit  dem  Mythus  von  der  Feuer- 
geburt (daher  nvQiysvfig , n vQi'onoqog)  hat  der 
Geburtsmythus  des  Asklepios  (s.  d.),_,  des  Gottes 
der  thrakischen  Phlegyer,  grofse  Ähnlichkeit, 
die  wir  auf  die  gleiche  Wurzel  im  thrakischen 
Götterwesen  zurückführen  können.  Vgl.  den 
Artikel  Koronis  in  Br  sch  u.  Grubers  Encylelo- 
i päclie.  Hierzu  treten  das  Auflodern  der  Flam- 
! men  im  heiligen  Bezirk  der  Semele , das  die 
Anwesenheit  des  Gottes  verkündet  [Baccli.  597), 
und  das  Flammenvorzeichen  der  Jahresfrucht- 
barkeit bei  den  Bisalten  in  bedeutsame  Paral- 
lele. Auch  den  fackeltragenden  Thyiaden 
konnte  das  neuerweckte  Wiegenkind  feuerge- 

Iboren  heifsen.  Während  nun  auf  dem  Stand- 
punkte des  orgiastischen  Kultes,  also  für  uns 
des  dämonistischen  Naturzaubers,  der  Zauber- 
brauch der  schwärmenden  Frauen  auf  die  Neu- 

I:  gebürt  des  Naturlebens  einwirken  sollte,  setzte 
hierfür  die  hellenische  Religion  die  lebenzeu- 
gende Kraft  ihres  Himmelsgottes  ein.  [ Preller 
. I3,  547  deutet  die  Feuergeburt  auf  den  in  der 
Sonne  reifenden  Wein,  wobei  der  schillernde 
Ausdruck  „der  Blitz  ist  das  Merkmal  der  flam- 
menden Himmelsglut“,  die  Inkongruenz  des 
Bildes:  einschlagender  Blitz  = reifende  Sonnen- 
glut nur  notdürftig  verdecken  kann.  Strabo 
13  C 628  bezeichnet  die  gleiche  Deutung  in 
Bezug  auf  den  Wein  der  KaxansKavfisvr]  als 
geistreichen  Witz:  äoxsC^öfisvot  xrvsg  sUoxcog 
rxvgi.y£vr)  xov  A.  nxL],  Die  Idee,  dafs  auch 
das  durch  Dionysos  mythisch  vertretene  Ge- 
■ biet  des  Naturlebens  aus  Zeus  entstamme, 
war  als  das  die  Dionysosreligion  hellenisie- 
rende  Bindeglied  wichtig  genug,  um  zwie- 
fach deutlich  ausgesprochen  zu  werden;  er- 
stens durch  den  Namen  Aua-vvoog,  den  Dichter 
bisweilen  trennen  [Arist.  ran.  214.  Apoll.  Arg. 
4,  1132:  Alo s Nvofgov  via).  Da  nun  die  dem 
thrakischen  Sabos  geheiligten  Orte  oaßoi  hiefsen 
i [Schol.  Arist.  av.  875),  wie  die  heilige  Stätte 
des  Dionysos  Nysa,  so  ist  die  Vorsetzung  des 
Vaternamens  deutlich  hellenische  Umbildung. 
Noch  eindringlicher  lehrt  die  Herkunft  des 
Dionysos  aus  Zeus  der  Mythus  von  der  Doppel- 
geburt. Zeus  näht  die  unreife  Frucht  in  sei- 
nen Schenkel  ein  und  gebiert  sie  aus  diesem 
! zum  zweiten  Male  (daher  Dionysos  fiyQOQQa- 
qtnjg,  diooo xoxog,  difiyzcoQ).  Auf  das  Einnähen 
bezog  man  den  Beinamen  iiQarpicoxrjg  [Et.  M. 
1302,  53.  Anecdot.  Ox.  2 p.  211,  32)  und  den 
Namen  des  dionysischen  Frühlingsliedes  Ai- 
ttvgayßog,  auf  den  Gott  bezogen  uno  xov  övo 
Atvgag  ßalvsiv,  Etym.  M.  274,  44;  vgl.  Eur. 
Bacch.  87,  525,  wo  Zeus  spricht:  Vfh  Ai&vQapß’ 


Dionysos  (als  Kind;  s.  Geburt)  1046 

sgav  ciQßsva  vgdvv.  Pindar  liefs  den  gebärenden 
Zeus  dem  Kinde  zurufen  IvQ’l  gagyec  [Et.  M. 
a.  a.  0.  Bind,  dithyr.  frg.  55.  56.  Julian  or.  7, 
220  C.).  Der  Mythus  von  derSchenkelgeburt  war 
barock  genug,  um  in  frivoleren  Zeiten  auch  den 
Spott  herauszufordern  (vergl.  das  von  Ivtesilo- 
clius  gemalte  Wochenbett  des  Zeus,  Plin.  N. 
H.  35,  140 ; des  Polyzelos  Komödie  Atovvoov 
yovai  Frgm.  Com.  Mein.  2 , 2 , 869.  Lulcian 
Dial.  d.  9).  Für  das  mythologische  Verständ- 
nis aber  ist  erstens  festzuhalten,  dafs  die  Ein- 
fügung des  thrakischen  Kultes  in  den  helleni- 
schen durch  die  Unterordnung  des  Gottes  unter 
Zeus,  durch  seine  Herleitung  aus  Zeus  vollzogen 
wird.  Zweitens  ist  bei  jedem  ernstgemeinten 
und  geglaubten  Mythos  das  Bild,  d.  h.  die  auf 
die  Menschheit  bezügliche  Seite  des  Mythos, 
ebenso  wichtig  wie  die  Sache,  wie  z.  B.  bei 
der  heiligen  Hochzeit  des  Zeus  und  der  Hera  die 
Schliefsung  des  Ehebunds  ebenso  wichtig  ist 
als  das  neu  erzeugte  Frühlingsleben.  Dafs  auch 
das  Männerkindbett  für  gewisse  Übergänge  der 
Entwickelung  des  Familienrechtes  bedeutsam 
ist,  wird  dadurch  evident  bewiesen,  dafs  das- 
selbe in  der  Form  der  Pflege  des  Mannes  nach 
der  Geburt  des  Kindes  durch  die  Frau  bei  ver- 
schiedenen Naturvölkern  des  Altertums  wie  der 
Neuzeit,  z.  B.  bei  den  brasilianischen  Karaiben, 
vorgefunden  wird;  vgl.  Apoll.  Bhod.  2,  1011  f. 
Nymphoclor  beim  Schol.:  Skytliische  Tibarener. 
Diod.  5,  14:  Korsen.  Strabo  3,  165:  Iberer.  Mit 
unserm  Mythus  hat  diese  Sitten  schon  Bacli- 
ofen,  Mutterrecht  S.  255,  116  zusammengestellt, 
der  aber  von  seinen  unklaren,  synkretistisch- 
mystischen  Voraussetzungen  aus  darin  eine  Kon- 
sequenz der  Gynaikokratie  sieht.  Gerade  um- 
gekehrt erblicken  wir  darin  die  energische 
Äufserkraftsetzung  des  Mutterrechtes  der  Ur- 
zeit , nach  welchem  das  Kind , als  aus  dem 
Blute  der  Mutter  entstanden,  dieser  angehört. 
Dafs  den  Konflikt  zwischen  dem  Mutter-ßluts- 
und  dem  Vater  = Herrenrecht  die  griechische 
Mythologie  bewahrt  hat,  lehrt  eindringlich  ge- 
nug das  theologische  Drama  des  tiefsten  Ken- 
ners seiner  ererbten  Religion , Aischylos’  Eu- 
meniden.  Wie  Apollon  den  Vertretern  des 
Mutterrechts,  den  chthonischen  nach  Menschen- 
blute  als  dem  eigentlichen  Seelentranke  gie- 
rigen (v.  183,  253)  Geistern  entgegenhält:  ovn 
£Oxi  yfjxriQ  zoxsvg,  zi'xzsi  6 ■d'gcoouorv,  so  konnte 
Zeus,  der  Hort  des  Hausherrenrechts  und  der 
aus  ihm  erwachsenen  Königsgewalt,  der  auch 
Athena  aus  sich  gebiert,  ganz  eigentlich  als 
Gebärer  eingeführt  werden.  \Böttiger , Ideen 
zur  Kunstmythologie  2,  179  wies  auf  altertüm- 
liche Adoptionsriten  als  Nachahmungen  der  Ge- 
burt, vgl.  Diodor  4,  3.  Genesis  30,  3,  hin,  doch 
handelt  es  sich  um  mehr  als  vCodsota:  Diony- 
sos soll  epvosi  Zeussohn  sein].  Der  volle  re- 
ligiöse Gegensatz  zwischen  Altem  und  Neuem 
und  der  Kulturfortschritt,  der  durch  die  my- 
thische Voranstellung  des  Vaterrechts  gesche- 
hen ist,  ist  noch  durch  Betrachtung  des  von 
den  Müttern  dargebrachten  Kindesopfers  zu 
erläutern.  Was  aber  die  Mutter  des  Gottes 
anlangt,  so  haben  wir  keinen  Grund  die  Aus- 
sage des  Mythus,  die  Sterbliche  habe  den  Gott 
geboren  [Res.  Thcog.  942),  für  spätere  Abschwä- 


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1047  Dionysos  (Semeles  Emporführung) 

chung  oder  Unideutung  zu  halten;  ältere  und 
neuere  Mythologen  [Apoll,  bei  Lyd.  de  mens. 
1?.  72,  15  von  d'spsXy,  ebenso  Welcher  1,  436; 
vgl.  THodor  3,  62.  Schömann,  opuscula  2,  155) 
haben  sie  für  eine  Erdgöttin  erklärt,  wofür 
kein  Anzeichen  vorliegt,  und  wozu  der  Flam- 
mentod schlecht  pafst.  [Hehn,  Kulturpflanzen3 
N.  126  S.  503  fafst  Semele  als  tlirakisches  Wort 
in  der  Bedeutung  Erde  (xagai,  liumus  etc.)  mit 
assibiliertem  Anlaut,  wie  sl.  semlja  u.  a.  Aber 
Semele  gehört  gerade  in  den  spezifisch  grie- 
chischen Mythus , der  den  thrakischen  Gott 
hellenisiert.j  Die  Frauen,  welche  das  Gottes- 
kind zu  neuem  Leben  Jahr  um  Jahr  erweck- 
ten , haben  dies  ihr  Amt  wie  ihr  Geschlecht 
durch  den  Mythus  von  der  Mutter  des  Flam- 
mengebornen  als  einer  Tochter  des  Landes- 
königs gefeiert,  wozu  auch  der  Name  Esgsly 
= asgvy  ( Schömann  a.  a.  0.)  pafst.  Aller- 
dings beruht  dies  Priestertum  der  Weiber  auf 
der  Anschauung,  dafs  sie  als  Vertreterinnen 
der  Urmutter  Erde  zu  symbolisch-realem  Na- 
turzauber berufen  sind,  der  auf  deren  Empfäng- 
nis und  Geburt  einzuwirken  imstande  ist.  — 
Thebanisches  Lokaldenkmal  des  Mythus  war 
ein  die  Trümmer  des  Gemachs  der  Semele 
umfassendes , unbetretbares  Heiligtum , Eur. 
Bacch.  6—12.  Paus.  9,  12,  3.  Als  Anzeichen 
der  Gegenwart  des  Gottes  selbst  galt  der  die 
Trümmer  nmrankende  Epheu,  emporgewach- 
sen,  um  das  unreife  Kind  vor  den  Flammen 
zu  schützen  (Phoen.  649),  nach  der  pathetische- 
ren Ausführung  des  orphischen  Hymnus  47  als 
aufrecht  haltendes  Band  während  des  Erdbe- 
bens. Hiervon  hiefs  der  Gott  nsgi.yu6viog  ( Mna - 
seas  Schol.  Eurip.  1.  c.  u.  cl.  cit.  Hymnus ),  nach 
diesem  Beiwort  war  nicht  die  Säule , sondern 
der  umrankende  Epheu  Bild  des  Gottes;  vgl. 
d.  Kiaaög  in  Acharnai  Paus.  1,  31,  6.  Das- 
selbe Kultobjekt  meint  wahrscheinlich  auch 
Euripides  ( Antiope  frgm.  202 : uoywvtcc  j ugg<x> 
gtvIov  d'sov)  und  in  veränderter  Auffassung  das 
Orakel  bei  Giern.  Al.  p.  418  P.  arvlog  (dyßcdoi- 
Giv  dicovvGog  nolvyyQ'yg. 

§ 10.  Semeles  Emporführung,  Thyone. 
Die  oben  entwickelte  Auffassung,  dafs  die 
Geburt  des  Gottes  durch  Semele  der  mythi- 
sche Niederschlag  des  orgiastischen  Frauen- 
dienstes sei,  wird  vom  Mythus  direkt  ausge- 
sprochen: Dionysos  führt  seine  Mutter  aus  dem 
Hades  in  den  Olymp  empor  und  als  verklärte 
Göttin  heifst  sie  ©vcovy  (vergl.  Diod.  IV,  25: 
(iSTccdovzcc  zfjg  a&avaGiag  ©vcovyv  (ist ovoyctGca. 
Schol.  Find.  Pyth.  3,  177:  ozt.  Q-v 1 1 v.ca  tv- 
ftovcia.  Schol.  Apoll.  Bh.  1,  636.  Hom.  frg. 
liymn.  34,  21.  Find.  Pyth.  3,  98.  Ol.  2,  25. 
JDiod.  3,  62.  Hesych.  s.  v.).  'Insbesondere  ist 
Thyone  Patronin  der  delphischen  Thyiaden, 
und  vielleicht  hat  deren  Identifikation  mit  der 
thebanischen  Semele  der  letzteren  allgemeine 
Geltung  als  Gottesmutter  gesichert.  War  der 
delphische  Dionysos,  wie  oben  geschlossen, 
Herr  über  die  Abgeschiedenen,  so  mufs  er 
auch  denen,  die  ihm  besonders  gedient,  ein 
besonderes  Heil  im  Jenseits  zukommen  lassen; 
sie  feierten  bei  dem  Gotte,  wie  sonst  auf  Erden, 
ein  ununterbrochenes  Fest  (vgl.  den  Iakchos- 
zug  der  Mysten  bei  Aristophanes).  Dies 


Dionysos  (als  Kind;  s.  Ammen)  1048 

stellten  die  Thyiaden  in  einer  zum  Theil  ge- 
heimen ennaeterischen  Feier  dar,  welche  sich 
auf  die  Emporführung  der  Semele  bezog  (Es- 
(isXyg  avccyaiyy  Flut.  Q.  Gr.  12).  Wie  es  den 
ganz  allgemeinen  Namen  Heroenfest,  'Hgcotg, 
trug,  hatte  es  auch  sicher  eine  allgemeine, 
alle  Betheiligten  des  Heiles  versichernde  Be- 
deutung. Die  Scene  der  Emporführung  war 
auf  den  Säulenreliefs  des  Tempels  zu  Kyzikos, 
den  Attalos  und  Eumenes  ihrer  Mutter  errich- 
tet, als  Exempel  der  Apotheose  durch  Sohnes- 
liebe dargestellt.  Die  geleitenden  Satyrn  tru- 
gen Fackeln  wie  die  delphischen  Thyiaden. 
Die  Emporführung  wurde  an  Lokalisationen 
des  Unterwelteinganges  geknüpft  in  Troizen 
(Paus.  31,  5)  und  in  Argos  (ib.  37,  5).  Wahr- 
scheinlich nannten  auch  die  Argiver  die  Ver- 
klärte Thyone,  da  die  Rhodier,  die  dorther 
ihren  Dionysos  holten,  diesen  ©vavCöag  nann- 
ten ( Hesych . s.  v.  Dionysos  Thyoneus  bei  La- 
teinern und  Oppian  1,  25).  Zur  Gegengabe  für 
seine  Mutter  schenkte  Dionysos  den  unter- 
irdischen Göttern  die  Myrte,  wie  Iophon 
(Schol.  Ar.  Ban.  330)  dichtete,  um  die  Myrten- 
bekränzung  der  Geweihten,  wohl  in  Hinblick 
auf  den  verheifsenen  ewigen  bakchischen  Rausch, 
legendarisch  zu  begründen.  — Während  die  im 
Festbrauch  dargestellte  Heroisierung  der  my- 
thischen Chorführerin  der  Thyiaden  auf  den 
Grundlagen  der  dionysischen  Religion  ruht, 
hat  die  tiefe  Innigkeit  des  griechischen  Götter- 
dienstes, welche  das  Gefühl  der  Verehrung 
von  dem  Sohne  auf  die  Mutter  überströmen 
liefs,  die  Apotheose  der  Gottesmutter  bewirkt. 
Der  Sohn  holt  seine  Mutter  in  den  Olymp 
nach,  wie  auf  die  ascensio  Christi  die  assum- 
ptio  Mariae  gefolgt  ist.  So  besingt  sie  Pin- 
dar,  wie  sie  unter  den  Olympiern  lebt,  von 
Pallas,  dem  Vater  Zeus  und  ihrem  Sohne 
geliebt,  Ol.  2,  25.  Die  zccvvsd’HQU  E,  ist  als 
Thyone  gedacht,  die  bei  den  Orgien  ihr  Haar 
frei  wallen  läfst. 

§ 11.  Ammen  und  Kindheitspflege 
des  Gottes.  Thyone  wird  von  Panyasis  (bei 
Schol.  Find.  Pyth.  3,  157)  unter  den  Ammen 
des  Gottes  genannt:  weniger  eine  Übertragung 
als  ein  Rest  der  alten  Identität  der  Funktion 
der  Mutter  und  der  Ammen,  welcher  beider 
Amt  und  Wesen  mythisches  Spiegelbild  des  der 
Vegetationskraft  zu  gute  kommenden  Frauen- 
dienstes ist.  In  gleicher  Weise  hiefsen  nach 
dem  Gotte  r'Ty g die  Mutter  "Ty  und  die  Mäna- 
denammen  ’Tccdsg,  welche  mit  dem  Regen- 
gestirn identificiert  worden  sind  (Pherehycl.  frg. 
46).  Wie  die  Anrufung  'Hyes  Abtes’  in  den 
Sabaziosmysterien  beweist,  ist  der  Name  ein 
ursprünglich  phrygischer,  wie  auch  Aristopha- 
nes den  Hyes  zu  den  fremden  Göttern  rech- 
nete (Phot.  Suul .)  und  Euphorion  so  den  von 
Sabazios  beeinflufsten  Gott  der  orphischen 
Mysterien  benannte  (frg.  XIV).  Die  Griechen 
aber  dachten  dabei  an  den  Regen  des  Zeus 
bei  der  Geburt  des  Frühlingskindes  (Zeus  reg- 
nete Ambrosia  auf  ihn  herab  Beklier,  Anecdota 
1,  207,  25,  vgl.  die  Hyade  Ambrosia)  oder  an 
die  Herrschaft  des  Gottes  über  die  feuchte 
Natur  (Plut.  Is.  Os.  34).  Die  Pflege  des  Dio- 
nysoskindes durch  die  Ilyaden  oder  Dodo- 


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1049  Dionysos  (Einführung  s.  Kultes) 

nischen  Nymphen  (s.  die  Zusammenstellung 
Er.  H.  G.  1 p.  84  u.  Robert,  Eratostlien. 
p.  108 — 9)  wie  die  Pflege  durch  die  Nymphen 
überhaupt  stellt  das  Erblühen  und  Erwachsen 
der  Jahresvegetation  unter  dem  wolilthätigen 
Einflüsse  der  Leben  zeugenden  Feuchte  dar.  Un- 
ter den  Hyaden  wird  Dione  (s.  d.)  nicht  nur  als 
Amme,  sondern  auch  als  Mutter  und  Bakche 
genannt,  was  wir  gleichfalls  als  Rest  der  Iden- 
tität dieser  drei  Funktionen  verstehen.  Die 
Pflegestätte  des  Nymphenzöglings  heilst  den 
' Griechen  allgemein  Nysa.  Die  Ilias  (Z  133) 
versetzt  die  Gottesammen  und  Nysa  nach  dem 
tlirakischen  Reiche  des  Lykurgos;  als  die 
: Eroberungszüge  des  Gottes  in  der  spätem  Ent- 
wicklung seines  Mythus  immer  weitere  geogra- 
phische Räume  durchmafsen,  wurde  auch  der 
Ausgangspunkt  in  die  Ferne  verlegt  (von  Hcro- 
clot  2, 146 ; 3,  97  nach  Äthiopien ; vgl.  d.  Hymnen- 
! fragment  b.  Diod.  3 , 66  = h.  hom.  34  Bau- 
, meister  vs.  8 : Nvog,  vnazov  oqo g — zgXov  tboivi- 
nrjs,  G%sdbv  AlyvnzoLO  qoüwv).  Verschiedene 
1 Niccub.  Steph.  B , Hesych.  s.  v.,  Eustath.  z..  II. 
p.  628,  Voss,  Mythol.  Br.  4,  59.  Im  Gegensatz 
zu  diesen  excentrisch  ausschweifenden  Sagen 
! bedurfte  der  Cultus,  je  näher  er  dem  ur- 
sprünglichen orgiastischen  Frauendienste  und 
dem  hierdurch  gefeierten  Nymphenzögling 
i stand,  der  Nähe  der  Pflegestätte.  Daher  haben 
die  Hauptorte  des  Dionysoskultes  der  älteren 
i Gestalt  lokalen  Nymphen  die  Kindespflege  an- 
vertraut oder  Nysa  bei  sich  lokalisiert.  In 
Th  eben  vertritt  die  Stelle  einer  lokalen  Nym- 
phe Ino  (s.  d.),  die  Schwester  der  Semele  und 
Anführerin  eines  der  drei  Mainadenchöre  auf 
dem  Kithairon  ( Eur . Bacch.  680),  nach  Nonn. 
9,  98  von  Mvczig  bedient.  Auf  Euboia  hat 
Makris,  die  Landesnymphe  und  Tochter  des 
Aristaios,  zuerst  des  Kindes  Lippen  mit  Honig 
benetzt  und  es  gepflegt,  bis  sie  durch  den 
Zorn  der  Hera  von  der  Insel  weichen  mufste 
Apoll.  Arg.  4,  1131  sq.).  Das  Nysa  dieser  Insel 
' (Steph.  B.)  war  ausgezeichnet  durch  das  Wun- 
der des  an  einem  Tage  blühenden  und  Trau- 
'ben  tragenden  Weinstockes  (Soph.  frg.  235). 
Dies  wurde  von  den  Häkchen  zu  Aigai  bei 
ihren  Orgien  geschaut  ( Scliol . Hom.  N 21); 
auf  den  Parnafs  übertragen  (Soph.  Ant.  1133. 
Schot.  Eur.  Plioen.  229).  Auf  Naxos  hiefsen 
die  pflegenden  Nymphen  Philia,  Koronis,  Kleis 
■.  [Diod.  5,  52).  Als  Ammen  des  Gottes  werden 
noch  genannt  Nysa  (Ter p ander  frg.  8,  im  atti- 

■ sehen  Theater  Sessel  vyvrjZQiäv  Nvaag  vvy- 
yrjg  G.  I.  A.  III  1,  320;  Nvcag  zQocpov  351), 
Töchter  des  Flusses  Lamos  (Nonn.  9,  28),  ’EQi'cpiq 
elegischer  Dichter  Et.  M.  372,  4),  Bromie, 
Jakche  (Serv.  Verg.  Ecl.  6, 15),  Gsgksqcc  (Theog- 
■lostus,  Cramer,  Anecd.  2,  106,  31).  — Nicht  in 
Iler  Kultidee  des  Gottes  begründet  ist  die  Pfleger- 
Schaft  des  Silenos  und  der  Satyrn,  die  erst, 
lachdem  besonders  durch  die  bildende  Kunst 
las  Bild  des  dionysischen  Thiasos  ausgestaltet 
var,  in  dieser  Funktion  auftreten. 

C.  Die  Mythen  von  der  Einführung  des 
Dionysoskultes 

■ cheiden  sich  in  zwei  Gruppen,  in  denen  bei- 
en  Dionysos  aus  der  Fremde  ankommend  und 


Dionysos  (Mythus  v.  Lykurgos)  1050 

seinen  Dienst  verbreitend  erscheint:  die  Feinde 
und  Verächter  seiner  Gottheit,  welche  dem 
orgiastischen  Frauendienste  hindernd  in  den 
Weg  treten,  straft  der  Gott  durch  seine  Macht, 
über  den  menschlichen  Geist  Wahnsinn  zu 
verhängen  (Pentheus,  Minyaden,  Proitiden); 
dagegen  giebt  der  einkehrende  und  freundlich 
aufgenommene  Gott  seinen  Wirten  die  Rebe 
als  Gastgeschenk  (Oineus,  Ikarios). 

§ 12.  Lykurgos  (Thrakische  Sage). 
Nach  dem  ältesten  Zeugnis  (Homer  Z 137) 
verjagte  Lykurgos  des  rasenden  Dionysos  Am- 
men dafs  sie,  getroffen  von  seinem  „Ochsen- 
schläger1'  (ßov7zXijyi),  die  Opfergeräte  zu  Boden 
warfen;  Dionysos  sprang  ins  Meer  und  suchte 
zitternd  Schutz  im  Schofs  der  Thetis.  Die 
Alten  haben  den  ßovnXrfe  nicht,  wie  viele  der 
Neueren  (dagegen  Hehn,  Culturpfl.3  S.  504  N.  25), 
als  Geifsel  sondern  als  Dojipelaxt  verstanden  (L. 
bipennifer  Ovid.  Met.  4,  22 ; trist.  5,  3,  39 ; secu- 
riger  Senec.  Oed.  471).  Nonnos  (2C,  186)  läfst 
die  Iris  das  Beil  von  Hera  bringen.  Die  Bild- 
werke (vgl.  Zoega,  Abliandl.  herausg.  v.  Welcher 
S.  1 f . ; Stephani,  compte  rendu  etc.  1864,  184f., 
und  die  Aufzählung  Heydemanns  Arch.  Ztg. 
1872,  67)  geben  dem  Lykurgos  zumeist  das 
Doppelbeil  (einfache  Axt  Zoega  2,  4,  Schwert 
Vas.  a.  Canosa  Münchn.  Samml.  n.  853)  in 
die  Hände.  Diese  uralte,  aus  der  steinernen 
Axt  stammende  Waffe  ist  für  den  barbarischen 
Feind  des  Gottes  aus  zweifachem  Grunde  cha- 
rakteristisch: die  bildende  Kunst  hat  dieselbe 
ihren  Barbarentypen  (besonders  den  Amazo- 
nen) zuerteilt  und  der  konservative  Kultus 
sie  beim  Opfer,  besonders  auch  beim  bakchi- 
schen  Stieropfer,  bewahrt.  Eine  bedeutende 
Weiterbildung  hat  der  Lykurgosmytlios  durch 
Aischylos  erfahren,  der  denselben  in  einer 
Tetralogie  (Hdcovoi,  BaGGagidsg , Nsuvlgkoi, 
AvnovQyog  o GuzvQinog,  vgl.  G.  Hermann,  de 
Aesch.  Lycurgia  opusc.  5,  3 sq.)  behandelt  hat. 
Diese  ist  uns  für  die  mythologische  Erkennt- 
nis überaus  wichtig,  einmal,  weil  wir  bei 
Aischylos  einer  tiefen,  auf  den  Grund  blicken- 
den Erfassung  des  Mythos  sicher  sind;  zu- 
dem hat  er,  wie  schon  die  Erwähnung  der 
Kotyto  (frg.  56)  beweist,  thrakische  Religions- 
anschauungen, von  denen  der  bakchische  Kult 
ausgegangen,  gekannt  und  zu  Grunde  gelegt. 
Der  Gott  erschien  vor  dem  Barbarenkönige 
in  einer  Tracht,  welche  dieser  als  weibisch 
verhöhnte  (die  Rede  parodiert  Aristopli.  Thesm. 
136  — 144;  vgl.  Fritzsclies  Ausg.  ad  v.  135); 
wenn  Sophokles  (Ant.  961)  als  Schuld  des  Ly- 
kurgos gegen  den  Gott  angiebt:  ipccvcov  zov 
&sov  sv  KSQzofiLOi-g  yXcoGGcag,  so  bezieht  er 
sich  augenscheinlich  auf  dieselbe  Scene.  Der 
dramatische  Dichter  hatte,  wie  wir  mit  Welcher 
(Nachtrag  z.  Aesch.  Tril.  114/5)  annehmen,  die 
theatralisch  schwer  darzustellende  Flucht  ins 
Meer  fallen  lassen  und  dafür  eine  heftige 
dialogische  Scene  vorgeführt.  Das  Zusammen- 
treffen des  Gottes  mit  Lykurgos  läfst  sich 
füglich  nach  der  Analogie  von  Euripides'  Bak- 
chen , worin  vs.  460  sq.  ein  ähnliches  Verhör 
stattfindet,  dadurch  herbeigeführt  denken,  dafs 
mit  seinem  Thiasos,  der  nach  Apollodor  (3, 
5,  1)  eingefangen  wird,  auch  der  anführende 


1051  Dionysos  (Mythus  v.  Lykurgos) 

Gott  vor  den  König  gebracht  wird.  Apollodor 
berichtet  weiter:  Lykurgos  tötete  seinen  Sohn 
Dryas,  indem  er,  von  Dionysos  verblendet, 
den  Weinstock  auszurotten  glaubte  und  kam 
nach  vollbrachter  That  (txygcoxggrjQidGag  av- 
xbv)  zur  Besinnung  (vgl.  Hyg.  f.  132,  wo  der 
Zusatz  steht  federn  sibi  pro  vitibus  excidisse  = 
dngcoxggidGag  stxvxov  bei  Apoll.,  nach  der 
weitverbreiteten  mythischen  Anschauung,  dals 
der  Baumfrevler  sich  selbst  verletzt;  vgl.  Ha- 
lirrhothios).  Über  die  sonstigen  Versionen  über 
Lykurgos’  Bestrafung  und  Ende  s.  Artikel 
Lykurgos).  Wichtig  für  die  Erkenntnis  der 
Grundlage  des  thrakischen  Lykurgosmythos 
ist,  dafs  das  Mittelstück  der  Aschyleischen 
Trilogie,  die  Buooagidsg,  das  Schicksal  des 
Orpheus  nach  einer  singulären  und  nur  in 
diesem  Zusammenhänge  verständlichen  Ver- 
sion darstellte  (Eratosthen.  p.  140/1  ed.  Robert): 
Orpheus  erwies  nicht  dem  Dionysos,  sondern 
allein  dem  Helios-Apollon  Ehre,  dessen  mor- 
gendliche Erscheinung  er  auf  dem  Pangaion 
erwartete;  hierfür  liefs  ihn  Dionysos  durch 
seine  Bassariden  zerreifsen.  Dies  gewichtige 
Zeugnis  tritt  mit  der  später  verbreiteten  Auf- 
fassung des  Orpheus  als  Dionysosdiener  zu- 
nächst in  Widerspruch;  betreffs  des  Sonnen- 
dienstes aber  erinnern  wir  uns,  dafs  auch  der 
thrakische  Dionysos  -Sabazios  als  Sonnengott 
verehrt  wurde.  Die  Parallelisierung  des  Orpheus 
mit  Lykurgos  erstreckt  sich  nicht  allein  auf 
die  anfängliche  Leugnung  des  Gottes,  sondern 
auch  auf  beider  Ausgang:  des  Orpheus  zer- 
stückter  Leichnam  wird  von  den  Musen  be- 
stattet ( Eratosth . a.  a.  0.);  daran  schlofs  sich 
vielleicht  wie  im  ßhesos  die  Weissagung  vom 
Fortleben  des  Geistes  im  Grabe  (vgl.  Preller 
II3  487/8).  Mit  einem  höheren  Grade  von 
Wahrscheinlichkeit  können  wir  diesen  Aus- 
gang für  Lykurgos  folgern,  der  nach  dem 
Glauben  seiner  Heimat  Bccn%ov  n(>ocpiqtr\g 
JTayycrfov  nitQCcv  orngGS  Gsgvbg  xolaiv  si'doGiv 
ffrog  (Wies.  973).  Bei  Sophokles „(Ant.  955), 
der,  wie  oben  geschlossen,  das  Aschyleische 
Drama  im  Sinn  hatte,  wird  er  in  felsiges 
Band  eingeschlossen  (^svx&g  — nexgcodst  tux- 
xcccpQO'v.xog  sv  dsagä;  Schol.  955  Dind.  Ip.  321 
STEQOt,  — d>g  laßovxeg  avxov  ■ s lg  avxgov  sy- 
ßcdövxsg  Hod  xgv  si'aodov  ■xlsiGccvxsg  slifiay- 
xovgoav;  Ov.  Trist.  5,  3,  39).  Dies  berichtet 
Apollodor  als  Werk  derEdonen,  geboten  durch 
das  Orakel  des  Gottes,  dafs  die  Unfruchtbar- 
keit des  Landes  nicht  eher  weichen  würde, 
als  bis  Lykurgos  zu  Tode  gebracht  wäre.  Dafs* 
dies  der  Inhalt  des  Schlufsstückes  der  Lykur- 
gie  war,  dafür  spricht  zunächst,  dafs  diese 
Art  der  Bestrafung  von  dem  Frevel  durch  eine 
Zwischenzeit,  durch  die  Not  der  Unfruchtbar- 
keit und  die  Orakelbeschickung  getrennt  ist 
und  sich  hierdurch  für-  die  trilogische,  ein 
Mittelstück  umspannende  Gliederung  eignete; 
dies  ist  nicht  der  Fall  bei  der  Frevel  und 
Strafe  unmittelbar  verknüpfenden  Version,  wo- 
nach Lykurgos  in  den  Schlingen  der  in  einen 
Bebenstock  verwandelten  Ambrosia  gefesselt 
wird  ( Nonn . 22 , 7 sq. ; Mosaik  aus  Herku- 
lanum  Arcli.  Ztg.  1859  S.  21,  3).  Sodann  ge- 
hört die  Unfruchtbarkeit  als  Folge  von  Dio- 


Dionysos  (Minyaden)  1052 

nysos’  Zorn  nach  dem  oben  (§  3)  Bemerkten 
dem  thrakischen  Religionskreise  an,  wie  wir 
auch  unter  dem  befragten  Orakel  wahrschein- 
lich das  nationalthrakisclie  des  Dionysos  zu 
verstehen  haben.  Die  vom  Gotte  verlangte 
Sühne,  die  Einschliefsung  in  die  Gebirgshöhle, 
dichtete  Aischylos  auf  Grund  des  thrakischen 
Glaubens  vom  Fortlehen  eines  Heros  in  sei- 
nem Felsengrabe  auf  dem  Pangaion.  Dafs 
der  Lykurgos  der  Edonen  geradezu  am  Kul- 
tus des  Dionysos  Anteil  hatte,  bezeugt  Strabo 
10,  471  (xov  Alovvgov  nal  xov  ’Höcovov  Av- 
v. ovgyov  Gvvdnxovxsg  slg  *iv  trjv  byoiOxqonCav 
xiZv  usgäv  alvLxxovxca).  Legte  Aischylos  diese 
Thatsache  des  thrakischen  Kultes  seiner  Dich- 
tung zu  Grunde,  so  schlofs  auch  diese  Trilo- 
gie wie  die  des  Prometheus  und  Orestes  mit 
einer  Aussöhnung  der  streitenden  dämonisch- 
göttlichen Parteien,  indem  der  Gott  seinem 
besiegten  Gegner  einen  Kultusanteil  gestattete. 
[Von  anderen  Bearbeitungen  des  Mythos  sind 
die  dramatischen  von  Polyphradmon  in  einer 
Trilogie  {Arg.  Aesch.  sepjt.)  und  von  Naevius 
(Ribbeck,  Rom.  Trag.  S.  55)  sowie  die  epischen 
von  Eumelos  {Schol.  Z 130)  und  Antimachos 
( Diod . 3,  65;  frg.  70  Kinkel)  zu  erwähnen; 
letzterer  verlegte  Nysa,  das  Reich  des  Lykur- 
gos, nach  Arabien,  worin  ihm  Nonnos  gefolgt 
ist.]  Halten  wir  die  wesenhafte  Geltung  des 
Lykurgos  im  wirklichen  Kultus  fest  und  suchen 
seine  Einheit  mit  Dionysos  bei  den  Edonen 
mit  seiner  mythischen  Feindschaft  wider  den- 
selben Gott  zu  vereinen,  so  ergiebt  sich  als 
Gegensatz  zu  dem  ins  Meer  flüchtenden  Gotte 
der  Jahresvegetation,  der  auch  im  argivischen 
Kulte  aus  dem  Wasser  als  aus  seinem  unter- 
weltlichen Aufenthalte  emporgerufen  wird,  als 
Gegensatz  zur  rettenden  und  bergenden  Feuchte 
die  durch  ihre  Glut  die  Vegetation  vernich- 
tende Macht  der  Sommersonne.  Wenn  der 
allgemein  von  den  Thrakern  (vgl.  Soph.  Tereus 
frg.  520  r'HXis • Ogyh).  ngsoßioxov  Gsßag),  bei 
Aischylos  von  Orpheus  verehrte  Sonnengott 
als  Schöpfer  der  Jahresfruchtbarkeit  Sabazios- 
Dionysos  hiefs,  so  ist  hiervon  durch  Differen- 
zierung des  allgemein  waltenden  Numens  die 
lebensfeindliche  Macht  der  Sonnenglut  im 
Hochsommer  abgetrennt  und  für  sich  personi- 
ficiert  worden.  Zwischen  dieser  Naturgottheit 
und  dem  Charakterbilde  der  Sage  von  dem 
,, männermordenden“  Lykurgos,  der  das  Dop- 
pelbeil schwingt,  wie  es  schon  der  Name  = 
„Wolfhart“  andeutet,  hat  die  Kultidee  eines 
Todes-  und  Kriegsgottes  vermittelt,  die  sich,  wie 
die  Analogie  Apollons  zeigt,  von  einem  Sonnen- 
gotte ablösen  konnte.  Ein  solcher  Todes-  und 
Kriegsgott  ist  der  thrakische  Ares,  als  dessen 
heroische  Hypostase  wir  nach  (Welcher  1,  422 
—431)  Lykurgos  betrachten. 

§ 13.  Minyaden,  Proitiden,  Pentheus. 
Von  den  Gründungssagen  des  dionysischen 
Kultes  in  Griechenland,  die  von  bakchischer  Ra- 
serei der  Weiber  erzählen,  stellen  wir  die  von 
Orchomenos  voran,  weil  die  Überlieferung 
uns  deren  Verhältnis  zum  Kultus  zu  übersehen 
gestattet  (vgl.  0.  Müller,  Orchomenos  u.  d. 
Minyer 2 S.  161).  Nach  Nikanders  Verwand- 
lungen (Anton.  Lib.  10)  verschmähen  die  drei 


io 

20 

30 

40 

50 

60 


1053  Dionysos  (Minyaden) 

Töchter  des  Minyas  die  Weihen  des  Gottes 
und  bleiben  zu  Hause  an  ihren  Webstühlen, 
trotzdem  sie  Dionysos  in  Gestalt  einer  Jung- 
frau dazu  ermahnt.  Darauf  erschreckt  sie  der 
Gott  als  Stier,  Löwe  und  Panther  erscheinend 
und  durch  andere  Wunderzeichen;  sie  geloben 
ein  Opfer,  losen  darum  und  die  getroffene 
bietet  ihren  Sohn  dar,  den  sie  zerreifsen.  Als 
sie  in  den  Bergen  umherschweifen,  werden  sie 
in  lichtscheue  Nachtvögel  (vv%rsQig,  yi laü|,  ßv  £a, 
wofür  Aelian  V.  H.  3 , 42  weniger  passend 
noqwvrf),  verwandelt.  Die  Erzählung  Ovids 
(Met.  4,  1 sq.  389 — 415)  läfst  das  Kindsopfer 
— wie  der  Kultbrauch  zeigt,  ein  wesentliches 
Moment  — weg  und  berichtet  nur  eine  Ver- 
wandlung, die  in  Fledermäuse,  auf  welche 
Abendzeit,  Flucht  ins  Dunkel  und  das  Zu- 
hausebleiben ätiologisch  überleiten  (vs.  414 
| tecta,  non  silvas  celebrant , umgekehrt  Ant.  Lib. 

1 a.  a.  0.  sßcevi%svov  iv  oqsgiv  kzX.).  Ovid  kürzt 
und  vereinfacht  den  Stoff,  mit  dem  er  freier 
schaltet  als  der  sich  an  die  Lokalsage  hal- 

(tende  Nikander , geht  aber  in  keinem  neuen 
Zuge  darüber  hinaus,  so  dafs  in  diesem  Falle 
wohl  Nikander  als  Quelle  gedient  haben  könnte 
(vgl.  Roh.de,  gr.  Roman  S.  127  N.  l).  Aufser- 
dem  hat  Korinha  (Anton,  a.  a.  0.)  den  Stoff  be- 
handelt. Des  Aischylos  Eccvzqicu  (frg. 162 — 166) 
bezieht  Fritzsche  (Arist.  ran.  p.  413—417) 
hierher;  da  in  diesen  Wollarbeiterinnen,  — 
die  bei  häuslicher  Arbeit  den  Orgien  fern 
bleiben,  — Avggcc  im.d'tLccgovGcc  zeeeg  ßcin^aig  die 
Wirkungen  der  bakchischen  Wut  schilderte, 
nachdem  vielleicht  vorher  Hera  in  Gestalt 
einer  Priesterin,  als  Feindin  des  Dionysos,  die 
Widerstrebenden  bestärkt  hatte  (frg.  162).  so 
ist  diese  Vermutung  (bis  auf  die  Annahme, 

) dafs  dieser  düstere  Stoff  in  einem  Satyrspiel 
behandelt  worden  sei)  wahrscheinlich  und  der 
Beziehung  auf  die  Pentheussage  vorzuziehen, 
j — Die  That  der  Minyaden  wurde  einem  Ge- 
I schlechte  in  Orchomenos  zugeschrieben,  in 
welchem  die  Männer  Wolosi g (von  dunkler 
Trauerkleidung)  und  die  Frauen  ’Olsica  (olov 
’OXocd)  hiefsen  (Flut.  Quaest.  Gr.  38).  An  dem 
i trieterischen  (nicht  jährlichen,  wie  Preller  l3 
567)  Feste  ’AyQLcovioc  verfolgte  der  Priester 
mit  dem  Schwerte  eine  der  Frauen  des  Ge- 
schlechts, die  er,  wenn  er  sie  erreichte,  töten 
durfte.  Die  alte  Schuld  der  Frauen  ist  das 
Kindesopfer,  der  Sage  nach  (Plut.  a.  a,  0.)  aus 
Gier  nach  Menschenfleisch  ins  Werk  gesetzt 
und  darum  mit  dem  Mahle  verbunden.  Dessen 
Verwerfung  wird  dadurch  ausgesprochen,  dafs 
der  Gott  durch  seinen  Priester  diese  That  als 
todeswürdigen  Frevel  rächen  will,  ln  Theben 
wurden  Agrionien  mit  einem  Agon  verbunden 
gefeiert  (Hes.  ’AyQidvecc  Inschr.  Mitth.  d.  arch. 
Inst.  Ath.  7,  S.  349).  An  den  böotischen  (zoig 
nag’  ryiiv  ’A.  Plut.  qa.  conv.  VIII  prooem.)  such- 
ten die  Frauen  den  Gott  als  Entflohenen,  liefsen 
aber  davon  ab,  weil  er  zu  den  Musen  geflohen 
und  dort  verborgen  sei;  nach  dem  Mahle  un- 
| terhielten  sie  sich  mit  Rätseln.  Die  Deutung 
I dieser  Flucht  auf  eine  bestimmte  Wendung 
des  Naturlebens  hängt  von  der  Lage  des  böo- 
I tischen  Monats  ’Aygimviog  ab,  für  den  nach  der 
Zusammenstellung  Bischoffs  (de  fastis  Graec. 


Dionysos  (Proitiden;  Pentheus)  1054 

Leipz.  Stud.  7 , p.  343)  die  4.  Stelle  (= 
Elapliebolion,  so  Lipsius  ebend.  4,  156)  oder 
die  7.  = Skirophorion  frei  ist,  was  der  Lage  des 
gleichnamigen  Monats  bei  den  Doriern  ent- 
sprechen würde  (so  Latischew , Mitt.  d.  Inst. 
a.  a.  0. ; vgl.  Bischoff  p.  345).  Mythologisch  stellt 
sich  die  Flucht  zu  den  Musen  als  ursprüng- 
lichen Quellgottheiten  der  zu  Thetis  parallel, 
was  für  die  Feier  der  Agrionien  im  Hochsom- 
10  merspricht.  DasSühn- und  Totenfest  vonArgos 
(Hesych.  s.  v.  ’AygdvLcm.’AyQidvKx)  weist  in  der 
Stiftungssage  von  den  drei  Töchtern  des 
Proitos,  — zunächst  des  Herscliers  von  Si- 
kyon  — (vgl.  die  drei  Minyaden.  drei  Bakcheu- 
chöre  auf  dem  Kitliairon,  Für.  Bacch.  vs.  680. 
Theocr.  25  init.)  die  gleichen  Züge  wie  die 
Sage  von  Orchomenos  auf:  im  bakchischen 
Wahnsinn  verlassen  die  Weiber  das  Haus, 
schweifen  in  der  Wildnis  umher  und  ver- 
20  zehren  sogar  die  Säuglinge  (Apoll.  3,  5,  2.  2, 
2,  2).  Dafs  es  zugleich  ein  Totenfest  war, 
spricht  sich  in  der  Sage  aus,  dafs  eine  der 
Proitiden  während  der  Verfolgung  durch  Me- 
lampus  gestorben  sei,  wie  in  den  von  Aelian 
(Tr.  II.  3,  42)  überlieferten  Namen  ’EXiyr/  u. 
Kslcaiq.  Der  argivischen  Sage  eigen  ist  die 
Abhilfe  durch  die  Reinigungen  des  Sehers 
Melampus.  Wenn  dieser  die  Heilung  gsz’ 
dhxXayfiov  %cd  zivog  iv&sov  %OQ£i<xg  (Apollod. 
30  a.  a.  0.)  vollführt,  so  ist  hier,  wo  es  sich  um  die 
Stiftungssage  eines  Seelenfestes  handelt,  daran 
zu  erinnern,  dafs  bei  allen  Völkern  mit  ent- 
wickeltem Geisterglauben  Wahnsinn  als  Be- 
sessenheit gefafst  und  Austreiben  der  Krank- 
heits-  und  Wahnsinnsgeister  mit  eben  jenen 
Mitteln  ausgeführt  wird.  — Auch  die  The- 
banische  Sage  kennt,  vermutlich  in  Ver- 
bindung mit  den  dortigen  Agrionien,  eine  im 
Wahnsinn,  den  Dionysos  verhängt,  vollbrachte 
40  Zerreifsung  des  Kindes  durch  die  Mutter,  des 
Pentheus  durch  Agaue  (Für.  Bakchen,  Theocr. 
id.  25.  Ov.  Met.  3,  513  sq.  Norm.  44 — 46.  Vgl. 
0.  Jahn,  Pentheus  u.  d.  Mänaden).  Nur  ist 
die  Kultussage  gewissermafsen  auf  das  Gebiet 
des  epischen  Heroenthums  gerückt:  die  Schuld 
liegt  nicht  auf  Seiten  der  Frauen,  sondern  in 
der  frevelhaften  Neugier  oder  dem  Trotze  des 
Königs,  der  seine  Macht  der  des  Gottes  gegen- 
über zu  stellen  wagt.  Der  Name  llsvtkivg 
50  (Kurzname  etwa  für  *]l£vQ'SGi.yivr)g),  den  Wel- 
cher, I 449  passend  mit  den  Woloeig  in  Orcho- 
menos und  mit  MsyanivQ'rig , dem  Sohne  des 
Proitos  zusammenstellt,  ist  vielfach  von  den 
Dichtern  ausgedeutet  worden  (Für.  Bacch.  368, 
508.  Chairemon  frg.  4.  77.  taogsvrig  GvgcpoQceg 
£7id>vv(iog.  Theocr.  25,  26.  Nonn.  5,  553).  Ein, 
wie  die  noch  zu  erwähnende  korinthische  Legende 
beweist,  alter  Zug  der  Sage  liel’s  denPentheus,  um 
die  geheimen  Orgien  der  Mainaden  zu  erspä- 
oo  hen,  auf  eine  Fichte  steigen,  die  von  den  Mai- 
naden gefällt  wird  (Für.  Bacch.  106,  4,  dem 
Philostrat  im.  18  p.  394.  [vgl.  14.  p 392;  bei 
Dionysos’  Geburt  pflanzt  Megaira  die  Fichte 
auf  dem  KithaironJ  und  Nonnos  44,  273;  46, 
145  folgen).  Pentheus  wird  von  den  Frauen 
für  ein  Tier  gehalten,  als  solches  erjagt  und 
von  seiner  Mutter  zuerst  zerrissen  (Für.  a.  a.  0.). 
Der  Mythus  wurde  dramatisch  vor  Euripides 


1055  Dionysos  (Opfer  u.  Symbole) 

von  Aischylos , nach  ihm  von  Chairemon 
( Welcher , Gr.  Tray.  S.  1090)  behandelt;  für 
die  Tragödie  sind  die  Scenen  vor  der  Königs  - 
bürg,  wohl  nicht  nur  die  Warnungen  des 
Teiresias,  sondern  auch  die  Gefangennahme 
des  Dionysos  nach  dem  Vorbilde  von  Aischy- 
los' Lylcurgie  erfunden  worden.  Eine  späte, 
durch  Anfügung  einer  Verwandlung  der  Häk- 
chen in  Panther  abweichende  Version  giebt 
Oppian  ( venat . 4,  267).  Sagen  von  einer  bak- 
chischen  Raserei  der  Frauen,  in  ihren  Motiven 
wahrscheinlich  den  besprochenen  ähnlich,  fan- 
den sich  auch  in  Lakedämon  und  Chios  (Ael. 
V.  H.  3,  42).  — ln  den  besprochenen  Kult- 
sagen handeln  Agaue  und  die  Minyaden  ge- 
trieben durch  den  vom  Gotte  verhängten 
Wahnsinn  und  in  Verblendung  der  Sinne. 
Dieser  Wahnsinn  aber  fällt  nicht  mit  dem  ge- 
forderten und  geleisteten  „Rasen“  der  Weiber 
zusammen,  da  er  gerade  über  die  widerstreben- 
den kommt;  auch  Pentheus  z.  B.  läfst  statt 
des  Gottes  einen  Stier  fesseln  (vs.  616  sp.), 
haut  in  die  leere  Luft  u.  s.  w.  Der  Gott  be- 
sitzt also  die  Macht  der  Menschen  Sinne  zu 
verblenden  und  Gemüter  zu  verwirren,  welche 
Macht  gelegentlich  allen  Göttern,  als  beson- 
dere Eigenschaft  aber  Pan,  Hekate,  der  phry- 
gischen  Mutter  und  ihren  Korybanten  (vgl.  Eur. 
Hipp.  141),  unter  den  Dämonen  den  Erinnyen 
eignet.  Auf  Grundlage  der  dämonistischen 
Anschauung,  dafs  Wahnsinn  Besessenheit  durch 
einen  fremden  Geist  ist,  lassen  -sich  Hekate, 
die  Führerin  der  Geisterscharen,  und  die  chtho- 
nischen  Erinnyen  als  den  Menschengeist  im 
Wahnsinn  einnehmend  verstehen,  wie  die  auf 
tiefer  Entwicklungsstufe  stehen  gebliebenen 
Gottheiten  Pan  und  Kybele.  Dem  Dionysos 
aber  wird  die  Macht  der  Geistesverwirrung 
analog  der  Geisteserfüllung  im  Orakel  eben- 
falls gemäfs  seinem  ältesten,  ursprünglichen 
Wesen  als  Herrn  der  Geister  zukommen.  An 
Hekate  und  ihre  sich  verwandelnden  Spuk- 
gestalten, die  sie  sendet  oder  unter  denen  sie 
erscheint,  erinnert  es,  wenn  Dionysos,  um  seine 
Feinde  in  Schrecken  und  Verwirrung  zu  setzen, 
vor  ihnen  seine  Gestalt  wandelt  und  dabei 
ihnen  Spukgestalten  vor  die  Sinne  zaubert. 
So  wird  er  im  Schiff  der  Tyrrhener  (s.  u.)  zum 
Löwen  und  erschreckt  sie  durch  einen  Bären 
eryiaza  cpcdvmv  ( Hymn . Hom.  7 , 32 , Ovid  in 
derselben  Erzählung  (Met.  3,  669)  simulacra 
inania,  desgl.  5,  404:  den  Minyaden  erscheinen 
falsa  — simulacra  ferarum , während  bei  Ni- 
Jcander  der  Gott  aus  einer  Jungfrau  zum  Stier, 
Löwen  und  Panther  wird). 

D.  Opfer,  Tier-  und  Vegetationssymbole. 

§ 14.  Opfer  (Stier  und  Bock)  Stier  dio- 
nysos.  Das  vorbesprochene,  zum  Teil  auf  kan - 
nibalistischen  Anschauungen  ruhende  Kindes- 
opfer der  Weiber  reicht  offenbar  in  eine  barbari- 
sche Urzeit  zurück;  es  kann  in  dem  Rahmen  eines 
einzelnen  Artikels  nicht  seine  Erklärung  finden, 
da  hier  nicht  auf  die  bei  Naturvölkern  anzu- 
treffenden, mit  der  Anthropophagie  verknüpften 
mythischen  Anschauungen  eingegangen  werden 
kann.  Da  wir  auch  auf  griechischem  Boden 


Dionysos  (Opfer  u.  Symbole,  Zagreus)  1056 

bei  den  Seelen  (Hom.  1 , 35  sq.)  Blutdurst  im 
eigentlichen  Sinne  als  das  Verlangen  der  lech- 
zenden Schatten  nach  dem  ihnen  abgehenden 
Lebenssäfte,  ferner  bei  den  nächstverwandten 
Dämonen,  den  Keren  (Hes.  scut.  Iierc.  249)  und 
ErinyenDurstnacliMenschenblute  antreffen,  end- 
lich kinderfressende  Gespenter  wie  Lamia  und 
Gello  die  Geister  Verstorbener  sind,  so  werden 
auch  die  dem  Dionysos  'SlyciS  1.0g, ’Slyriozt)g  darge- 
brachten Menschenopfer  dem  Gottgeiste,  dessen 
Wesen  nach  Analogie  der  abgeschiedenen  Men- 
schenseele gedacht  wurde,  gegolten  haben.  Auf 
das  Kindesopfer  bezieht  sich  ätiologisch  der 
Mythus  von  Zagreus,  der  in  der  Theologie 
der  Orphiker  zum  präexsistenten  Dionysos  ge- 
worden ist,  öfters  auch  mit  dessen  Namen  be- 
zeichnet wird;  so  von  Kallimachos  (frg.  171 
Schneider)  und  Euphorion  (frg.  1.4.  15  Meineke, 
Anal.  Alex.  p.  48) , der  in  seinem  zhovvcog 
wohl  zuerst  von  den  nichtorphischen  Dichtern 
den  Mythus  behandelt  hatte.  (Die  Erzählung  bei 
Nonnos  6,  264  sq.  Clem.  Al.  adhort.  2,  16 — 18; 
sonstige  Zeugnisse  b.  Lobeck  Agl.  p.  552  s.;  vgl. 
O.  Müller,  Trolegorn.  S.  390,  der  überzeugend 
nachweist,  dafs  Onomakritos  nur  als  Bearbei- 
ter, nicht  als  Erfinder  des  Mythus  gelten  kann). 
Zagreus,  der  Sohn  des  Zeus  und  der  Perse- 
phone, wird  beim  kindlichen  Spiele  von  den  Ti- 
tanen überfallen,  zerstückelt  und  aufgezehrt; 
das  allein  übrig  gebliebene  Herz  verschlingt 
Zeus  oder  giebt  es  der  Semele  im  Tranke  ein, 
(Hyg.  f.  157.),  wodurch  der  Gott  als  Dionysos 
wiedergeboren  wird.  Bei  Nonnos  sucht  sich 
Zagreus  seinen  Feinden  durch  verschiedene 
Verwandlungen  zu  entziehen  und  wird  zuletzt 
(6,  197)  als  Stier  überwältigt  und  zerstückelt; 
nach  Firmicus  Maternus  a,  a.  O.  wurde  zur  Er- 
innerung daran,  quae  puer  moriens  passits  est 
ein  Stier  zerrissen.  Überhaupt  wurde  dem  Za- 
greuskinde  Stiergestalt  zugeschrieben  (Euphor. 
fr.  14.  "Tg  zuvqoHqcozl  Nonn.  6,  165.  ssgotv  ßge- 
epog  Clem.  Al.  a.  a.  0 ; der  Sohn  des  Zeus  und  der 
Persephone  hat  nach  euhemeristisclier  Umdeu- 
tung zuerst  Ochsen  unters  Joch  geführt,  a<p’ 
oi)  ’•  HSQccziav  nctQ£i6cxyov6Lv , Diod.  4,4.3,64.) 
Wie  so  die  Zerstückelung  des  Zagreus  durch 
ein  Stieropfer  nachgebildet  wird,  so  wurde  in 
Tenedos  (Aelian  Hist.  an.  12,  34)  das  Opfer 
eines  Kalbes  als  dem  eines  Kindes  gleichartig 
behandelt:  dem  Diony'sos  wurde  eine  trächtige 
Kuh  ernährt,  und  ganz  als  Wöchnerin  behan- 
delt, ihr  Kalb  mit  Kothurnen  an  den  Füfsen 
geopfert;  der  Priester,  der  es  mit  dem  Beile 
geschlagen,  wurde  mit  Steinwürfen  bis  zum 
Meere  verfolgt  (wo  er  vielleicht  mit  Meer- 
wasser gereinigt  wurde).  Das  Doppelbeil  er- 
scheint bekanntlich  als  Wappen  von  Tenedos 
(z.  B.  Imhoof-Blumer,  monn.  gr.  p.  269  nr.  203 
—206),  was  nach  dem  öfteren  Zusatze  der  Traube 
auf  bakchische  Opfer  zu  beziehen  ist.  Legenda- 
rische Erklärungen  des  TsvsSiog  nilsyivg  b.  Flut. 
s.  v.  und  den  Parömiographen,  vgl.  Tivsdiog 
| vvrjyoQog . Simonides  (frg.  172)  nannte  in  einem 
Rätsel  das  Doppelbeil  zhmvvaoio  ßovcpovog 
fff Quncüv.  (Doppelbeil  von  Personen  des  bak- 
chischen  Thiasos  getragen , Stephani  compt. 
rend.  1863  p.  125;  zusammen  mit  trauben-  und 
eplieugeschmückten  Stierschädeln  (Bleifiguren) 


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1057  Dionysos  (Stier) 

auf  dem  Boden  von  Olbia  ausgegraben  ebend. 
1873  Tf.  I,  f.  15—24).  Überhaupt  ist  der  Stier 

I gewöhnliches  Opfertier  im  Dionysoskult.  (D. 
ravgocpccyog  Soph.  frg.  692.  Schol.  Arist.  ran. 
357.  Suid.)  Die  Bedeutung  des  Stier-Diony- 
sos lernen  wir  aus  den  Kulten  von  Argos 
und  Elis  kennen.  Die  Argiver  riefen  den 
Dionysos  ßovyEvgg  unter  Trompetenschall  {Poll. 
4,  86)  aus  dem  See  von  Lerna  empor,  wobei 
dem  IIvläo%oq(=  Hades)  das  Opfer  eines  (schwar- 
zen) Lammes  dargebracht  wurde,  dafs  er  seine 
Thore  dem  zur  Oberwelt  emporfahrenden  öffne. 

, ( Flut . qu.  conv.  4,  6,  id.  Is.  Os.  35  sgßällov- 
zsg  slg  z r\v  aßvaoov  uqvcc.  t]  ußvcGog  ngr/vg  in 
Lerna  schol.  Pind.  Ol.  7 , 60.)  Aus  diesem 
See  hatte  Dionysos  seine  Mutter  aus  dem  Ha- 
des emporgeführt  (Paus.  2,  37,  3);  der  empor- 
gerufene ßovysvr'/g  ist  die  lebenzeugende  Natur- 
kraft, als  deren  Symbol  in  diesem  Kultus  auch 
der  Phallos  gebraucht  wurde.  (Phallos  von 
Melampus  eingeführt,  Herod.  2,49;  darauf  be- 
zog sich  die  obscöne  Legende  von  Prosym- 
nos  (Polymnos  Paus.  a.  a.  0.),  der  dem  Gotte  den 
Weg  in  die  Unterwelt  gezeigt.  (Giern.  Al. 
adhort.  p.  30  P.  gvhlvoi  q> alloi  auch  in  dem 
aus  Argos  stammenden  rhodischen  Kulte  He- 
■ sych.  ©vcovidag).  — Aus  einer  vermutlich 
späten  Verbindung  der  eleusinischen  Göttin- 
nen mit  Dionysos  waren  die  Mysterien  von 
Lerna  hervorgegangen  (Paus.  2,  37,  2.  Weih- 
inschrift eines  ßäx%og  (Bcexxgi  fis  ß<x-x%ov  nal 
nQoovfivaioc  fffrä  nzl.)  Kaibel  epigr.  821.  822; 
vergl.  Keil,  Philolog.  Supplementb.  2,  S.  588.) 
Wie  die  Emporführung  der  Semele  den  Diene- 
rinnen des  Gottes  für  das  Heil  im  Jenseits  Ge- 
währ leistete,  umschlofs  der  Tempel  des  Got- 
tes , der  den  Beiamen  Rggoiog  führte,  das 
jGrab  Ariadnes  (Paus.  2,  23,  8).  Nach  Nonn. 
47,  665  starb  sie  durch  Perseus,  als  dieser,  den 
Wkchischen  Thiasos  bekriegend,  die  Einfüh- 
rung dieses  Dienstes  hindern  wollte  (a.  a.  0. 
vs.  476  s.).  Man  zeigte  in  Argos  das  Grabmal 
der  Mainade  Choreia  und  der  übrigen  Bakchen 
Paus.  2,  20,  2.  22, 1.),  die  im  gleichen  Kampfe 
i gefallen.  Diese  werden  durch  die  Bezeichnung 
■ ils  "Alicu  yvvctiKig  zu  dem  aus  dem  Wasser 
imporgerufenem  Gotte  in  enge  Beziehung  ge- 
setzt. Deren  Bekämpfung  und  Tötung  bildet 
len  ergänzenden  Gegensatz  zur  Frühlingsepi- 
ihanie  des  Gottes,  analog  der  Flucht  ins  Meer 
I mr  Lykurgos ; die  Analogie  mit  diesem  Mythus 
sowie  die  Entsprechung  und  der  Gegensatz  zur 
lufrufungsceremonie  werden  vervollständigt 
lurch  die  Nachricht,  dafs  Perseus  den  Dionysos 
jetötet  und  in  den  See  von  Lerna  geworfen 
f iahe ; nach  einem  Dichter  Deinarchos , Cyrill ; 
dv.Jul.  1.  X p.  341.  Schol.  Horn.  3 319.  Au- 
' ust . civ.D.  18,  c.  13;  s.  Lobeclc  Agl.  573/4;  dafs 
liese  Sage  auf  echt  mythischer  Grundlage  ruht, 
mrde  eine  Analyse  der  Perseussage  bestätigen, 
■'enn  sie  diesen  als  Aresheros  erwiese,  (s.  Ar- 
Ükel  Perseus  u.  einstweilen  d.  Verf.  Beiträge  z. 
Uythol.  d.  Ares.  Lcipz.  Studien  4,  265f.).  — 
n Elis  (vgl.  Weniger,  Kollegium  der  sechzehn 
’ rauen  und  Dionysoslcult  in  Elis.  Frogr.  Wei- 
iar  1883)  steht  dem  Emporrufen  des  Stier- 
ottes  in  Argos  gleich  das  Herbeirufen  dessel- 
ben durch  ein  Priesterinnenkolleg  an  dem  Feste 
Roscher,  Lexikon  der  gr.  u.  röm.  Mythol. 


Dionysos  (Stier,  Bock)  1058 

©via;  der  vgvog  ■ulgzisog  lautet  nach  Bergk 
( lyr . vol.  III  carm.  pop.  6):  ’El&siv  ygeo  Aic- 
vvge  , Alsicov  s g vccov  üyvov  avv  XctQueoaiv, 
Eg  vaov  tw  ßoscg  noöl  ftveov.  a^is  zcivqs,  a^is 
zavQS.  Dem  Emporrufen  aus  der  Unterwelt 
entspricht  das  Herbeirufen  des  Dionysos  als 
Heros.  Der  Gott  kommt  mit  den  Chariten, 
den  Geberinnen  der  Festfreude,  mit  denen  zu- 
sammen er  in  Olympia  einen  der  sechs  Doppel- 
altäre inne  hatte  (Herodor  b.  schol.  Pincl.  Ol. 
5,  10).  Ein  Wunder,  das  die  persönliche  Ge- 
genwart des  Gottes  bewirkte,  war  die  Füllung 
dreier  Kessel  mit  Wein,  welche  in  einer  Ka- 
pelle aufserhalb  der  Stadt  leer  aufgestellt  und 
am  Morgen  nach  der  nächtlichen  Feier  gefüllt 
gefunden  wurden  (Theopomp.  frg.  296,  Paus.  6, 
26,  1 [Aristotf]  mirab.  123);  das  in  der  Ekstase 
von  den  Bakchen  geschaute  Wunder  wurde  durch 
Priestertrug,  der  sich  auf  die  unversehrten  Sie- 
gel an  den  Tempelthüren  berief,  auf  den  Bo- 
den der  Realität  übertragen.  Dies  Wunder  ist 
nur  ein  zusammenfassender  und  gesteigerter  Aus- 
druck der  Macht  des  Gottes,  durch  sein  blofses 
Erscheinen  Segen  und  Fruchtbarkeit  zu  ver- 
breiten. Diese  zeugerische  Macht  des  Gottes 
ist  hier  wie  in  Argos  durch  die  Stiergestalt  aus- 
gedrückt; gewissermafsen  deren  komplementäre 
Ergänzung,  die  Empfängnis  der  Erde,  stellen 
die  Weiber  dar.  Nach  Athenaeus  11,  476  A 
wurde  Dionysos  von  vielen  Dichtern  Stier  ge- 
nannt; ßovHsgcog  Soph.  frg.  871A  v.tQaog NikancLer 
alexiph.  31.  zavQogszamog , ^ucmtf'peoe  Antli. 
Pal.  9,  524,  23;  aureo  cornu  decorus  Hör.  carm. 
2,  19,  29,  Tib.  2,  1,  3,  Prop.  3,  17, 19  u.  a.  — 
Das  im  Vergleich  zum  Stier  bescheidenere  Opfer- 
tier des  einfachen  ländlichen  Kultus  war  der 
Bock,  von  den  Ziegenhirten  und  Weinbauern 
der  Bergabhänge  dem  Berggotte  (oQSupoizgg, 
ovgsGicpolzgg)  dargebracht  (Plut.  de  divit.  cup.  8; 
auf  der  Darstellung  des  attischen  Festkalenders 
sind  die  grofsen  Dionysien  durch  einen  Satyr,  der 
einen  Bock  am  Horne  herbeiführt,  bezeichnet,  s. 
Bötticher,  Philolog.  22,  S.  403  Fig.  22  der  2.  Tf.). 
Eine  volkstümliche  Legende  liefs  das  Opfer 
geschehen  zur  Strafe  dafür,  dafs  der  genäschige 
Bock  den  Weinstock  benagt.  Dies  führte  Leo- 
nidas  von  Tarent  in  einem  Epigramm  (Antli. 
Pal.  9,  99)  aus;  die  Weissagung  des  Wein- 
stocks wider  den  Bock,  von  Euenos  aus  Askalon 
in  ein  Distichon  gebracht  (ibid.  9,  75:  ngv 
gs  cpäyyg  Siel  ql£<xv,  ogeog  szi  nccQnocpoQfjGa) 
(jggov  ehigtieigcu  Gol,  zQayE,  &vo{isvq>),  ist  un- 
gemein  populär  geworden.  Wir  finden  dies 
Epigramm  in  Pompeji  angeschrieben  und  illu- 
striert (Dilthey , epigr.  gr.  Pompeis  repertorum 
trias  ind.  lect. 'Turici  1876,  id.  Ann.  d.  Inst. 
1876  p.  307;  s.  Mon.  d.  I.  X t.  36,  1);  von  Ovid 
übersetzt  (Fast.  1,  357,  der  die  Worte  aber  einem 
Zuschauerin  denMund  legt),  bei  Domitians  (Suet. 
Dom.  14)  Mafsregelung  des  Weinbaus  citiert 
(Porphyr,  de  abstin.  2,10  [ Theophrastos ?] ; Varro 
de  r.  r.  1 2,  19.  Verg.  Georg  2,  380.  395.  Serv. 
ad  h.  I.  vgl.  ad  Aen.  3 , 18.  Martial  3 , 24 
init.).  Dafs  die  legendarische  Auffassung  des 
Opfers  als  eines  Strafgerichts  über  eine  Ver- 
sündigung de®  Tieres  an  dem  Gotte  volks- 
tümlich und  alt  ist,  zeigt  ihre  Anwendung  bei 
den  attischen  Buphonien,  an  welchen  man,  um 

34 


io 

20 

30 

40 

50 

00 


1059 


Dionysos  (Stier,  Bock) 


Dionysos  (Vegetationsgott)  1060 


das  Opfer  des  Stiers  zu  motivieren,  diesen  von 
der  heiligen  Gerste  fressen  liefs  (Paus.  1,  24,  4. 
Porphyr,  a.  a.  0.) ; aus  dieser  Auffassung  ist  die 
Legende  von  der  Feindschaft  des  Priapos  gegen 
den  Esel  (Ovid.  Fast.  1,  391  s.)  entsprungen, 
und  ganz  in  derselben  Weise  fragt  das  deutsche 
Volkslied,  ( Uhland  2,  S.  205)  wenn  zu  Martini 
das  grofse  Strafgericht  über  die  Gänse  herein- 
bricht: rWas  haben  doch  die  Gans  gethan, 

dafs  soviel  müssen  's  Lehen  län’?  und  weifs  io 
von  deren  Verschuldung  gegen  den  Heiligen 
zu  erzählen.  In  keinem  dieser  Fälle  können 
wir  die  Ätiologie  der  Legende  für  den  wahren 
Grund  annehmen.  Wenn  nach  Servius  (a.  a.  0.) 
victimae  numinibus  aut  per  similitudinem  aut 
per  contrarietatem  immolabantur,  so  wird  die 
similitudo,  die  positive  Wesensverwandtschaft 
durch  den  Beinamen  ’Egiqnog  bestätigt,  wie 
der  Gott  ( Apollodor  hei  Steph.  B.  ’Ay.gcSoeia. 
Fes.  "Egicpog)  bei  den  Metapontinern  hiefs.  20 
Gleichen  Sinn  hatte  (Wieseler,  Phüolog.  10,701) 
slgucpunzyg  ( Hom . hymn.  34,  2.  Alcaei  frg.  90 
SQQucpscorag).  Andere  Ableitungen  Et.  M.  371, 

57 , dagegen  von  Porphyr,  abst.  3 , 17  mit 
AslqjCviog  u.  a.  von  Tieren  hergenommenen 
Beinamen  zusammengestellt.  Das  Dionysos- 
kind ward,  um  der  Hera  zu  entgehen,  in  ein 
Zicklein  verwandelt  (Apollod.  3,  4,  3).  — 
Demnach  ist  es  eine  Eigentümlichkeit  dieses 
Kultus,  dafs  der  Gott  selber  in  der  Gestalt  30 
seiner  Opfertiere,  des  Stieres  und  des  Bockes 
erscheint.  Das  stiertötende  Opferbeil  führt 
nicht  der  Gott,  sondern  sein  Feind  Lykurgos, 
dem  er  weichen  mufs.  In  dem  mythischen 
Urtypus  des  Kindsopfers,  dem  Zagreusmythus, 
erscheint  das  göttliche  Wesen  nicht  als  Opfer- 
empfänger,  sondern  wird  selber  zerstückelt  und 
verzehrt,  ohne  dafs  überhaupt  ein  eigentlicher 
Opferempfänger  auftritt,  wie  etwa  Zeus  beim 
Opfer  Lykaons.  Dies  führt  uns  aufdieZerreifsung  40 
der  Tiere  durch  die  Mänaden  zurück,  die  oben 
als  orgiastische  Opferung  bezeichnet  wurde; 
auch  hierbei  fehlt  gerade  die  Darbringung  vor 
ein  höheres  Wesen,  es  findet  nur  die  gewalt- 
same Aneignung  statt,  während  im  Tieropfer 
der  Götterverehrung  bekanntlich  Darbringung 
und  sakramentaler  Genufs  verbunden  sind. 

Im  bakchischen  Orgiasmus  erkannten  wir  Aus- 
übung dämonistisehen  Naturzaubers;  verlegen 
wir  die  Mythen,  dafs  Dionysos  selber  Stier,  Zick-  50 
lein  ist  und  als  Zagreuskind  selber  den  Opfertod 
erleidet,  auf  die  Stufe  des  Naturdämonismus  zu- 
rück,so  sind  Stier  undBock  nicht  blofse  Sinnbil- 
der der  Naturtriebkraft,  sondern  deren  leibhaf- 
tige V erkörperung,  tiergestaltete  V egetationsdä- 
monen.  Durch  den  Genufs  ihres  Fleisches  und 
Blutes,umdessenalsdes  eigentlichen  Lebenssaf- 
tes willen  das  Rohessen  stattfindet,  eignen  sich 
die  Weiber  Kraft  und  Segen  der  zeugendenNatur 
an  und  eignen  diese  Kraft  zugleich  der  Erde,  eo 
der  empfangenden  und  gebärenden  Natur  zu. 

§ 15.  Dionysos  als  Vegetationsgott, 
Dendrites. 

Dem  Dionysos  wird  die  Triebkraft,  der 
schwellende  Saft  der  Vegetation  zugeschrie- 
ben, wie  sie  in  Blumen  und  Ranken,  an  Bäu- 
men und  deren  Früchten  offenbar  werden.  Da- 
her A.  (frlscov  Ael.  Var.  liist.  3,  41.  <Mscog  in 


Ephesus  ( W ood , discov.  at  Eph.  inscr.  city 
nr.  13).  Hesych.  , d>lo 10g  Plut.  Symp.  5 

8,  3;  in  Phlius  sein  Sohn  Phlias,  Apoll.  Arg. 
1,  115.  Orph.  Arg.  195.  Paus.  2,  12.  6.  6,  3; 
alter  Tempel  des  Dionysos  daselbst  13,  7,  Stepli. 
Byz.  Im  attischen  Demos  Phlyeis  erscheint  er 
als  Blumengott  ('AvQ’iog,  Paus.  1,  31,  2)  und 
am  attischen  Blumenfeste  (s.  u.);  ’Av&svg  aus 
dem  eingegangenen  Flecken  Antheia,  Paus.  7, 
21,  2;  vgl.  19,  1.  Das  bekannteste  Abzeichen 
der  den  Gott  feiernden  ( Chairemon  frgm.  5 %o- 
qc ov  sgccaryg  vu-GGog)  ist  der  Ep  heu,  schon 
nach  thrakischem  Brauche  zur  Bekränzung  be- 
nutzt (s.  Plin.  N.  H.  16,  34).  Indem  die  Fest- 
sitte der  Bekränzung  auf  den  Gott  übertragen 
wurde,  heifst  dieser  y.iGGoxaizyg  (Elcphantides 
frg.  3:  Eint  y.lggox<xcz ’ kvcc^,  %aig£ , Pratinas 
frg.  1,  43);  -utGGocpÖQog  (Ar ist.  thesm.  988),  xto- 
GOKoyyg  etc.  sliKonsraXog , frgm.  adespot.  115 
Berglc.  Ein  unmittelbarer  Bezug  des  Gottes 
auf  die  heilige  Pflanze  liegt  uns  aus  dem  Kulte 
des  Dionysos  nsgituovtog  in  Theben  (s.  oben 
1047)  und  des  A.  KiGGog  in  Acharnai  vor:  im 
Epheu  war  das  göttliche  Numen  selber  gegen- 
wärtig. Ein  gleiches  Einwohnen  desselben 
wird  dadurch  bezeugt,  dafs  die  Kränze  oder 
Zweige  der  Mysten  wie  diese  selber  ßccnx 01 
liiefsen  ( Nikander  [Schneider  p.  205]  und  Pisi- 
des  bei  Schot.  Ar.  equ.  408  = Suid.  Bär-xog. 
Hesych.  ßaxxog  — ttlddog  6 sv  zccig  zsXszcdg. 
ßciHXctv  sGxsqiccväGQ'cu  hlggcö.  In  Sikyon 
itx-Hxcc  = GTStpavcoga  svcSösg,  Philetas  und  der 
Glossograph  Timachülas  b.  Athen.  15,  22  p.  678). 
Bei  Acharnai  erwuchs  nach  heimischer  Sage 
zuerst  der  Epheu  (Paus.  1,  31,  6),  ohne  Zwei- 
fel die  Art,  welche  anderwärts  nogvgßiag,  in 
Athen  uxugi av.6g  hiefs  (Theophrast.  li.  pl.  3, 
18,  6;  vgl.  Anthol.  Pal.  7,  21 , Epigramm  auf 
Sophokles  v.  3:  nolhxtag  — ’Axagvüyg  KiGGog 
igsips  xöyrjv,  vgl.  ib.  4,  186).  Metamorphose 
eines  KiGGog,  nach  dem  bekannten  Schema  der 
Verwandlungssagen  erfunden,  der  aus  einem 
wettlaufenden  ceegGLnodyg  zum  dsQGMozyg  wird, 
Nonn.  10,  401.  12,  97.  190.  Auch  wenn  Baum- 
zucht und  -wuchs  nach  dem  allgemeinen  Aus- 
druck dem  Gotte  als  heilig  zugeeignet  werden, 
scheidet  sich  das  allgemeinere  Verhältnis  der 
göttlichen  Fürsorge  von  dem  intimeren  der 
Immanenz  des  göttlichen  Wesens  im  Baume. 
Plut.  Is.  Os.  35  belegt,  dafs  Dionysos  nicht 
allein  des  Weines,  sondern  ndcgg  vygäg  q>i>- 
Gscog  nvQLog  sei  (vergl.  August,  civ.  JD.  7,  21: 
quem  liquidis  seminibus  — non  solum  liquoribus 
fructuum  quorum  primatum  vinum  tenet  — prae- 
fecerunt  mit  dem  Gebete  Pindars:  Ssvöqscov 
vogov  diovvGog  TtoXvya&gg  avlgdvoL ; ähnlich 
Orph.  hymn.  49,  10:  n oXvyrj&ia  ykqttov  ccetgcov, 
Nonn.  7,  303  ds^icpvzog;  wahrscheinlich  auch 
A.  Av^izyg  in  einer  arkadischen  Stadt  Paus. 
8,  26,  1).  Nach  Plut.  Symp.  5,  1 opfern  fast 
alle  Hellenen  dem  Poseidon  epvrcdgiog  und  dem 
Dionysos  d'svd'QLzqg.  In  Sparta  A.  Zvklzi ]g 
Sosibios  bei  Athen.  3 p.  78  c,  AWfdzrj?  Hesych. 
(icthx  Alcovvgolo  , Theokr.  2 , 120.  Athen.  3 
p.  82  d.  Der  Dionysos  i'vösvÖQog  der  Boio- 
ter  (Hesych.)  bedeutet  dem  Wortsinne  nach 
das  dem  Baume  einwohnende  Numen,  wie  es 
die  Landleute  noch  in  späterer  Zeit  in  einem 


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1062 


1061  Dionysos  (Älteste  Idole) 

avrocpvsg  ngegvov  ehrten , das  für  ihren  länd- 
lichen Kult  den  Gott  der  Gärten  und  Auen 
darstellte  (Max.  Tyr.  diss.  38  init.).  Wenn 
nach  der  Legende  des  Kultes  von  Korinth 
(Paus.  2,  2,  5)  die  Bilder  des  Avaiog  und  Bän- 
XSiog  aus  dem  Holze  der  Fichte  stammten,  die 
als  Versteck  des  Pentheus  von  den  Mainaden 
gefällt  war,  und  ihre  Verehrung  auf  das  Gebot 
der  Pythia  zurückging:  ro  SsvSqov  l'occ  tö>  &sc ö 
asßsiv,  so  werden  ursprünglich  die  Mainaden  ; 
auf  dem  Kithairon  in  der  Fichte  den  Gott 
verehrt  haben;  vergleicht  man  hiermit  nun 
(den  ursprünglicheren  phrygischen  Festbrauch, 
alljährlich  eine  Fichte  zu  fällen  und  in  das 
Heiligtum  einzuführen , so  sehen  wir  in  der 
Erfüllung  jenes  Gebotes  den  Übergang  von 
der  Verehrung  des  Vegetationsgeistes  in  dem 
Naturkörper,  welcher  seine  unmittelbare  Ver- 
körperung ist,  zum  Bilderdienste.  Die  Bildung, 
welche  an  dem  heiligen  Gegenstände  Maske, 
Haupt,  Gewand  u.  dgl.,  (s.  u.  Thrämer,  früheste 
Par  stell,  d.  bärtig.  Dion.  S.  1091)  anbrachte, 
oezweckte  nur  Andeutung  des  Innewohnens 
les  göttlich-persönlichen  Wesens,  nicht  Ver- 
bildlichung seiner  Idee.  In  Sikyon  (Paus.  2, 
1,  5)  wurden  die  Idole  des  Bakcheios  und  Ly- 
iios , gleichfalls  auf  pythischen  Befehl  aus 
Theben  eingeführt  , nur  einmal  jährlich  in 
lächtlicher  Prozession  in  das  Dionysion  ge- 
macht, sonst  aber  in  heiliger  Abgeschlossen- 
heit aufbewahrt;  es  waren  also  nicht  für  die 
ichau  bestimmte  Bilder.  Auch  in  der  Mutter- 
tadt  dieses  Dienstes,  Theben,  wurde  der  Tem- 
>el  des  Lysios  nur  einmal  jährlich  geöffnet 
Paus.  9, 16,  G).  Durch  die  gleiche  Abgeschlos- 
enheit  des  Idoles  wie  durch  den  Kultus- 
amen  erweist  sich  der  attische  (s.  u.)  aus 
■oiotien  eingeführte  ’Elsv&sQsvg  dem  Lysios 
ng  verwandt.  In  Naxos  (Athen.  3,  78  c)  tritt 
eben  A.  Banxsvg  der  aus  heiligem  Feigenholz 
erfertigte  MsiUxiog  auf.  Auch  A.  Alavpvrj- 
r;g  in  Patrai  (Paus.  7,  19.  20)  wurde  nur  in 
iner  bestimmten  Nacht  in  einer  Lade  (ld(j- 

Bk£)  ausgetragen;  nach  der  Stiftungslegende 
es  Kultes  hatte  Eurypylos  (s.  d.),  dem  delphi- 
dien Orakel  folgend,  das  Schnitzbild  in  der 
ade  eingeführt;  vorher  geöffnet  hatte  es  ihn 
it  Wahnsinn  erfüllt , wovon  ihn  der  Gott 
: -st  in  Patrai  erlöste,  so  dafs  er  hierdurch  als 
I wiog  erscheint.  Zugleich  brachte  dieser  Dienst 
l .e  Abstellung  der  von  der  Artemis  TqihXccqioc, 
«kr  Göttin  dreier  vereinigter  Flecken,  gefor- 
mten Menschenopfer:  am  Dionysosfeste  gin- 
:n  in  der  Kleidung  jener  Opfer  Kinder  zum 
jusse  Msihxog^OM.  dem  das  Artemision  lag, 
!gten  dort  die  Ährenkränze  ab , badeten  und 
:hrten  mit  Epheu  bekränzt  zum  Dionysostem- 
,;1  zurück.  Der  Flufs  Meilichos,  der  nach  der 
ige  vor  der  Opferablösung  ’Aysü Xixog  hiefs, 
innert  an  den  Naxischen  Mnh'x iog  und  an 
us  Meilichios,  den  Gott  der  Mordsühne*). 

. *)  Neuerdings  hat  Rapp , Beziehungen  des  Dionysoskul- 
zu  Thrakien  S.  13  unter  mehrfacher  Zustimmung  auf 
k wichtigen  Gegensatz  zwischen  dem  Bakcheios  und 
im  Lysios  hingewiesen , ersteren  als  den  wild  orgiasti- 
»en  thrakischen,  den  Lysios  als  den  hellenischen  Gott 
klärt  und  mit  dem  alteinheimischen  Dendrites  zusam- 
jngefafst;  dieser  Hinweis  möge  der  Kürze  halber  für 
Stimmung  und  Modifikation  im  einzelnen  stehen. 


Dionysos  (Lysios) 

Den  Beinamen  Avaiog  bezieht  Welcher,  Nach- 
träge z.  Tril.  S.  195.  N.  40  mit  manchen  der 
Alten  (Diod.  4,  2)  auf  politische  Befreiung 
der  unteren  Volksklassen,  was  doch  nur  neben 
dem  Emporkommen  seines  Dienstes  hergeht. 
Der  einem  Bakcheios  entgegenstehende,  dem 
Meilichios,  Aisymnetes,  Eleuthereus  synonyme 
Avaiog  wird  am  einfachsten  als  Befreier  vom 
orgiastischen  Wahnsinn  aufgefafst.  Wie  allen 
Sühngöttern  ein  doppelseitiges,  in  dem  zusam- 
mengefafsten  Gegensatz  von  Zorn  und  Versöh- 
nung begründetes  Wesen  eignet  (vgl.  Erinyen- 
Eumeniden,  Apollon  als  Verderber  und  Abwehrer 
des  Verderbens),  so  ist  auch  der  Angelpunkt 
dieses  Kultes,  dafs  derselbe  Gott,  der  die  Ge- 
müter mit  Raserei  erfüllt,  in  seinem  Kultus 
die  Mittel  zu  seiner  Versöhnung,  zur  Befreiung 
vom  Wahnsinn  darbietet.  Wie  wir  nun  eine 
doppelte  Manie  unterschieden,  die  vom  Herrn 
der  Geister  verhängte  Besessenheit  und  den 
zur  Auswirkung  des  Vegetationszaubers  erfor- 
derlichen Orgiasmus , so  kann  sich  auch  die 
Lösung  auf  beides  beziehen.  Es  liegt  in  der 
Natur  der  Sache,  dafs  in  der  Sage  mehr  von 
der  erstgenannten  Wirkung  des  göttlichen  Zor- 
nes die  Rede  ist.  In  der  Wirklichkeit  aber 
wird  Dionysos  Lysios  in  Sikyon,  Korinth,  Mei- 
lichios in  Naxos  u.  s.  w.  nicht  infolge  einer 
Epidemie  des  Wahnsinns  verehrt  worden  sein, 
sondern  um  der  Ablösung  des  Orgiasmus  wil- 
len: die  Verehrung  des  Gottes  in  den  Formen 
des  hellenischen  Tempel-  und  Bilderdienstes 
war  Unterpfand  der  Gewährung  desselben  Na- 
tursegens, welchen  die  Mainaden  dem  Lande 
orgiastisch  erwirkten.  Wenn  Dionysos  Den- 
drites mit  Recht  aus  dem  alteinheimischen 
Baumkultus,  der  Verehrung  des  Vegetations- 
dämons im  Baume  abgeleitet  wird,  so  enthielt 
diese  dämonistische  Anschauung  auch  die  An- 
lage zum  Orgiasmus;  daher  sehen  wir  auf 
Vasenbildern  (vgl.  die  Zusammenstellung  Pa- 
nofkas  unter  dem  nicht  passenden  Titel:  Dio- 
nysos und  die  Tliyiaden,  Abhandl.  d.  Perl.  Akad. 
1852,  worunter  die  wegen  ihrer  altattischen 
Herkunft  wichtige  Schale  von  Hieron  Taf.  1,  2) 
die  kunstlosen  Baumidole  von  Mainaden  um- 
geben. Dem  entspricht  genau,  wenn  im  nord- 
europäischen Volksbrauche  Weiber  den  Ver- 
treter des  Vegetationsgeistes,  den  Erntemai, 
einführen,  empfangen  etc.  (vergl.  Mannhardt, 
Baumkultus  S.  216  und  Register  unter:  Weib), 
welche  der  Erde  dessen  Kraft  als  Vertreterin- 
nen des  empfangenden  Prinzipes  zueignen. 
Das  Symbol  der  zeugenden  Naturkraft,  der 
Phall  os,  bezieht  sich  im  Dionysoskulte  auf  die 
vegetative  Fruchtbarkeit.  Über  Namen  und 
Aufzug  der  Phallophoreu  in  Sikyon  und  ander- 
wärts Semos  von  Delos  b.  Athen.  14  p.  621  f. 
u.  p.  622  b — d,  in  Rhodos  ib.  10  p.  445;  über  den 
Phallos  im  Kulte  von  Argos  und  Rhodos  s.  oben 
S.  1057.  Seine  Umführung  (cpallocpoQia)  an 
den  ländlichen  Dionysien  führt  Aristophanes 
in  den  Acharnern  vor,  wo  das  Liedchen  Vers 
261  ff.  ein  Beispiel  der  bei  diesen  Prozessio- 
nen gesungenen  cp ctlhucc  (Poll.  4,  100,  Tanz: 
cpaViiv-ov  £7tl  Aiovvaco)  darbietet.  Darin  wird 
bcdyg  als  Freund  und  Zechgenofs  des  Diony- 
sos personificiert  und  seine  Lust  drastisch  ge- 

34* 


1063  Dionysos  (Phallos,  Priapos) 


Dionysos  (Wein)  1064 


feiert;  auch  Heraklit  (frg.  127  Byw.)  nennt  die 
Lieder  dieser  Umzüge  schamlos.  Diese  Ein- 
führung des  Phales  ist  offenbar  freie  dichte- 
rische Personifikation;  das  Lied  der  Ithyphallen 
bei  Athen.  14,  16  p.  622  c verlangt  für  „den 
Gott“,  also  doch  wohl  für  Dionysos  selber, 
Raum:  £vqv%cöqlccv  xü>  ttera  noisixs  — e&sXel  yag 
6 d'sog  oq&ös  iag/vScofisvog  (ha  fisaov  ßadf- 
£hv.  Die  allgemeinere  Verwendung  und  Ver- 
breitung des  Symboles  macht  nicht  sowohl 
eine  Ableitung  aus  Dionysos  als  vielmehr  eine 
Verknüpfung  mit  dem  eingeführten  Kulte  wahr- 
scheinlich, die  dergestalt  geschah,  dafs  der 
darin  verkörperte,  früher  oder  anderwärts  selb- 
ständig auftretende  Dämon  der  Zeugungskraft 
der  hohem  Macht  des  Gottes  untergeordnet, 
gewissermafsen  als  Teil  seiner  wirkenden  Macht 
erkannt  wurde.  Dem  entspricht  das  Verhält- 
nis zu  Priapos  (s.  d.);  in  Lampsakos,  dem 
Hauptsitze  seiner  eigentlichen  V erehrung,  wurde 
von  den  Alten  seine  teilweise  Identität  mit 
Dionysos  anerkannt  (Athen.  1,  p.  30  b.:  6 ar- 
ros  wv  xd)  Aiovvgg o e'%  ei ii&exov  Halovysvog  ov- 
xcog),  während  er  zumeist  für  dessen  Sohn  von 
Aphrodite  (Paus.  9,  31,  2.  Steph.  Byz.  Adg- 
ifanog.  Tibull.  1,  4,  7 u.  a.)  galt.  In  Methy- 
mna  wurde  ein  A.  (kallfjv  verehrt  (Paus.  10, 
19,  2 codcl.  Kscpalyv , was  Lobeck,  Agl.  1087 
aus  dem  bei  Euseb.  praep.  ev.  5,  36  p.  233  er- 
haltenen Orakel  korrigiert),  dessen  Bild  nach  der 
Legende  Fischer  aus  dem  Meere  gezogen  hatten. 

§ 16.  Wein. 

Aus  dem  Wirkungskreise  des  Vegetations- 
gottes stammt  auch  dessen  gepriesenste  Gabe, 
der  Wein;  doch  soll  damit  nicht  gesagt  sein, 
dafs  er  lediglich  dem  Vegetationsgott  Diony- 
sos geheiligt  war.  Es  wurde  oben  S.  1055 
darauf  hingewiesen,  dafs  dem  Gotte  die  Macht 
der  Geistesverwirrung  und  Sinnesverblendung 
zukommt,  welche  mit  der  Geisteserfüllung  (im 
orgiastischen  Dienste  wie  im  Orakel)  aus  einer 
Wurzel  entsprungen  ist.  Für  diesen  Zustand, 
in  welchem  nach  der  mythischen,  naiv  sinn- 
lichen Psychologie  die  Ekstase  von  aufsen  her 
überwältigend  über  das  gewöhnliche,  verstän- 
dige Bewufstsein  kommt,  ist  Trunkenheit  durch 
berauschenden  Trank  das  nächstliegende  Ana- 
logon. So  geht  im  bakchischen  Sagenkreise 
mehrfach  Berauschung  dem  von  Gotte  ge- 
sandten Wahnsinn  voraus;  wenn  Lykurgos 
(. Ilyg . f.  132)  die  Gottheit  des  Dionysos  leug- 
net, darnach  im  Rausche  an  seiner  Mutter  sich 
vergreifen  will,  sodann  die  Reben  ausrodet  und 
vom  Gotte  mit  Wahnsinn  geschlagen  wird,  so 
ist  offenbar  die  erste  Sinnesverwirrung  als 
göttliche  Strafe  gemeint  (vergl.  den  Mythus 
von  Ikarios,  der  von  den  Hirten  in  ihrer 
Trunkenheit  getötet  wird  bei  Apollod.  3,  14,  7). 
Platon  (leg.  2,  672 B)  sagt,  das  mythische 
Gerücht  wiedergebend,  von  dem  durch  Hera 
rasend  gewordenen  Gotte:  Sio  rag  ßaH%sia g 
■xal  ndoav  rijv  (lavinriv  syßdlXsi  %°QEi'av  xi- 
ycoQOuysvog  ■ oQ'sv  nai  xov  oivov  snl  xovx  uv- 
x'o  Ösöwqgxai.  Hiernach  wird  also  von  der  Ma- 
nie auch  der  Weinrausch  mythisch  abgeleitet. 
Neuere  Mythologen  haben  dies  Verhältnis  um- 
gekehrt, wie  Preller  l8,  549:  die  Sagen  von 
den  Schwärmereien  des  Gottes  und  seines 


Thiasos  sind  eigentlich  weiter  nichts  als  ein 
bildlicher  Ausdruck  von  den  natürlichen  Folgen 
und  Freuden  des  Weingenusses.  Hiergegen 
möge  nochmals  an  die  über  den  Weinrausch 
weit  hinausragende  Bedeutung  der  Manie  im 
dionysischen  wie  auch  in  anderen  Sagenkrei- 
sen erinnert  werden,  da  z.  B.  die  chthonischen 
Erinyen,  welche  „nüchterne“,  weinlose  Opfer 
erhalten,  Maviai , Furiae  sind.  Da  die  Mythen 
io  keineswegs  bakchische  Raserei  mit  Weinrausch 
identificieren,  so  halten  wir  fest,  dafs  beim  Ge- 
nufs  der  berauschenden  Getränke  die  Erfahrung 
mit  dem  Glauben , dafs  eine  Macht  den  Geist 
des  Menschen  zu  seinem  Heile  oder  Verderben 
entzücken  und  verrücken  könne,  zusammenfiel: 
der  Wein  wurde  dem  Bakchos  geheiligt  erstens 
als  materielles  Substrat  der  Geistein- 
flöfsung,  als  Mittel  der  bakchischen  Macht- 


:i:l 


20  schenk  des  Vegetationsgottes.  Der  Wein  er- 
scheint, wie  oben  S.  1030  bemerkt,  bei  Homer 
ohne  Beziehung  auf  Dionysos;  nur  wenn  3 328 
der  Gott  als  xdgya  ßgoxoiaiv  bezeichnet  wird, 
geht  dies  zweifellos  auf  den  Wein  (vgl.  Hes. 
tgya  612  öäga  A.  noXvyrföEog.  Pind.  frg • 5,  5 
Böckli.  Auovvgolo  n obvyu&ea  xigdv.  id.  frg. 
125).  Von  den  Weingott  angehenden  Sagen 
seien  hier  unter  Verweis  auf  die  betr.  Art. 
genannt  die  Rückführung  des  trunkenen  He- 
30  phaistos  auf  den  Olympos,  die  Verwandlungs- 
sagen von  Ambrosia,  Ampelos,  Pithos,  der 
Mythus  von  dem  Sohne  des  Dionysos  MarOD, 
von  Ariadne,  Oinopion,  Staphylos , Euanthes 
(Ion  bei  Paus.  7,  4,  6.  Theopomp  b.  Athen.  1 
p.  26  b.  Schol.  Apoll.  Rh.  3,  997;  vgl.  Osann , 
Rh.  Mus.  3 S.  242),  von  den  Enkelinnen  des 
Staphylos , den  Oinotropen  auf  Delos  ( Epic . 
frg.  Kinkel  fr.  17).  Auf  Einkehr  und  Bewirtung 
des  Gottes,  die  mythische  Empfehlung  der 
•io  Gastfreundschaft,  beziehen  sich  die  Sagen  von 
Oineus,  Ikarios,  Semachos.  Wenn  in  den  bei- 
den erstgenannten  Sagen  der  von  den  Sterb- 
lichen gastlich  aufgenommene  Gott  diesen  als 
Gegengeschenk  den  Trank  der  Rebe  bietet,  so 
kehrte  dies  wechselseitige  Verhältnis  der  Be- 
wirtung an  dem  Feste  des  „Gottesschmauses1 
wieder,  an  dem  der  Gott  die  Opfer  der  Sterb- 
lichen, diese  seinen  Trank  geniefsen.  OiodaiGia 
in  Mytilene  mit  Weinverteilung  (vgl.  die  In 
50  sehr,  im  Bull.  d.  corr.  hell.  4 p.  424),  auf  Andros 
mit  wunderbarer,  Wein  spendender  Quelle,  no- 
nis  lanuariis  gefeiert  (7 ’lin.  2,  23,  1;  vgl.  31, 
13.  Paus.  6,  26,  1;  vgl.  Philostr.  im.  1,  25), 


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auf  Kreta  (C.  I.  Gr.  2,  2554),  zu  Kyrene  (Hes. 


Suid.  ’AGxvÖQoyia),  wo  die  Nymphen  an  den 
Ehren  des  Gottes  Anteil  hatten  (Hes.  Gsododoiog ' 
Aiovvoog).  Die  kretischen  Theodaisien  standen 
im  Widerspruche  zu  dem  „Minoischen“ , in 
Wahrheit  wohl  altdorischen  Gesetze,  welches 
eo  das  gemeinsame  Zechen  bis  zur  Trunkenheit 
verbot  ([Plat.]  Min.  320  A),  wie  auch  in  Sparta 
hierfür  kein  Vorwand  durch  Dionysien  ge- 
währt wurde,  während  im  dorischen  Tarent 
an  diesen  Festen  die  ganze  Stadt  trunken 


{17. 


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schien  (id.  leg.  1 , 637  B).  Es  bedarf  keiner 
weiteren  Ausführung,  welch  wichtige  Rolle 
die  zum  Weingenufs  versammelte  Gemein- 
schaft im  griechischen  Volksleben  spielte  — ■ 


1065  Dionysos  (Weingott) 

Grund  genug  für  Bewohner  von  weinhauen- 
den Landschaften,  Inseln  und  Gehirgshängen 
den  Gott  zu  verehren , wie  für  die  Dichter  ihn 
durch  die  Poesie  des  Symposion  zu  feiern;  bei 
deren  fast  gänzlichem  Untergange  geben  noch 
die  bakchische  Darstellungen  der  Trinkgefäfse 
eine  Vorstellung  davon,  wie  ein  ursprünglich 
ernster  Kultus  allmählich  dahin  kam,  nur  noch 
Bilder  und  Formen  für  künstlerische  Verklärung 
des  Lebensgenusses  herzugeben.  Ion  ruft  den 
Gott  seiner  weinreichen  Heimat  an  als  sv&vgcov 
avynoGimv  zigvzavig  ( frg . 1 , 14)  und  er  bittet 
VS.  15:  ötdov  S’  atcöva , xaXäv  tniggavs  igycov , 
zivsiv  neu  nai^siv  xalzä  dixcua  cpgovsiv  (Letzte- 
es  im  Hinblick  anf  die  ilßgi g infolge  des  über- 
näfsigen  Weingenusses);  nach  Panyasis  bei 
Athen.  2 p.  36  d gehört  der  erste  Teil  des  Ge- 
ages  den  Chariten,  Horen  und  dem  Dionysos, 
ler  zweite  und  schönste  dem  Dionysos  und  der 
Aphrodite,  der  dritte  ist  vßgiog  aioa  xal  arg g(A. 
zaig  AglAgg  und  mit  der  zur  Welt  gekom- 

nen  nach  Plut.  Symp.  7,  5,  3;  vgl.  die  Saium- 
ung  von  Dichterstellen  b.  Athen.  2 p.  36.  37). 
Sine  einfache  Erweiterung  dieser  Richtung  des 
lionysoskultes  war  die  Verbindung  mit  Aphro- 
ite  und  ihrem  Kreise.  Eines  der  ältesten 
leugnisse  hierfür  ist  das  Gedicht  Anakreons 
'rg.  2),  der  Dionysos,  dem  Spielgesellen  des 
Bezwingers  Eros,  der  Nymphen  und  der  pur- 
urnen  Aphrodite,  sein  Liebesleid  klagt.  Wie 
ehr  die  Freigebung  der  sinnlichen  Lust  als 
ebot  des  Dionysos  sich  einschmeichelte  und 
1s  wesentliches  Stück  seines  Dienstes  er- 
ibien,  zeigt  das  schöne  Chorlied  in  Euripides' 
■akchen  v.  370  sq.,  gesungen  inmitten  der  Dar- 
ellung  des  alten  blutigen  Mythus , und  von 
em  Dichter,  bei  welchem  die  Anpreisung  des 
ebensgenusses , dem  gegenüber  alle  Theorie 
:au  ist  (v.  395  zb  ocxpbv  d’  ov  oocpiu),  bekannt- 
3h  nicht  Ausflufs  der  eigenen  Lebensauffassung 
ar.  Von  Beinamen  des  Weingottes  beziehen 
ch  Ogcpanizyg,  Azucpvhizgg,  IlQOZQvyaiog  ( Ael. 
h.  3,  41)  auf  Zucht  und  Wachstum  der  Rebe; 
■m  alten  Kultusnamen  Avgio g ist  Avaio g,  d.  i. 

Ir  Löser  und  Befreier  der  Seele  von  Sorgen 
id  Kummer,  nachgebildet,  was  zahlreiche 
:i  poetische  Beinamen  (XvCLgsgigvog , Xa&i- 
ör/g,  zsgt/u'gßgozog)  ausführen.  Wegen  der 

Isundheitliehen  Wirkung  des  Weines  wurde 
’lazgog  geehrt,  in  Athen  auf  pythisches  Ge- 
t,  Athen.  1 p.  22  e.  A.  ' Tyiazyg  id.  2 p.  36  b; 
er  medizinische  Verwendung  des  Weines 
1.  Plin.  n.  h.  ed.  Jan.  Index  Vol.  VI  p.  452/3. 
§ 17.  Thiasos. 

1 Das  Bild  der  weiblichen  Thiasoten  des 
vttes , der  Mainaden , wurde  oben  (S.  1043) 
I klärt  aus  der  Übertragung  der  von  den  Frauen 
:i|3geübten  Festbräuche  auf  die  Naturgeister, 
li‘.  Nymphenammen  des  Gottes.  Die  Satyrn 
ijd  nach  Welcher  ( Nacldr . z.  aesch.  Trilogie 
> 21  If.)  nichts  anders  als  ein  Abbild  der 
•'rklichen  ländlichen  Festtänzer  des  Gottes, 
<<  aus  dem  Irdischen  unter  die  Dämonen  er- 
iljoener  Chor.  Von  den  ländlichen  Festen  des 
( ttes  ist  sicher  der  Satyrtanz  hergenommen 
(Uivvig,  o [ oazvQOL  GLvuvviGzai  nach  Aristo- 
k nsgl  xoqcZv  Athen.  14  p.  630b)  und  die 
I kleidung  mit  dem  Ziegenfell,  welche  im 


Dionysos  (Thiasos)  1066 

Verein  mit  den  Bocksprüngen  der  Sikinnis, 
dem  künstlich  gesträubten  Haare  u;  a.  die 
Tänzer  Böcken  anähnlichen  sollte  (Dion.  Hai. 
7,  72:  TCSQi^cogaza  nal  dogai  zgaycov  hocI  oq - 
&6zQixsg  Stil  zotig  xecpalaig  cpoßai.  Et.  Magn. 
p.  764,  9:  zag  nogag  avinltxov  Gxgga  ZQceywv 
gigovgevoi.  Poll.  4,  118:  7]  guzvqixi ) iGd’rjg  [W- 
ßpig],  alyg,  r)v  xai  ÜgaXgv  txdlovv  nal  zgaygr). 
Die  Satyrn  der  Bühne  werden  geradezu  als 
Böcke  angeredet  (Aesch.  frg.  190),  sodafs  die 
in  der  bildenden  Kunst  dargestellten  tierischen 
Körperteile  nur  Reste  sind , die  der  Prozefs 
der  Vermenschlichung  hat  stehen  lassen.  Sehr 
zutreffend  und  weitführend  erläutert  Welcher 
(a.  a.  0.  S.  226)  die  ästhetische  Seite  der 
Sache,  warum  die  Hirten  an  den  Festen  des 
Gottes  der  Bergtriften  und  Rebenhügel  in 
ihren  Mummereien  Ziegenböcke,  ihre  tägliche 
Gesellschaft,  darzustellen  Belieben  fanden:  die 
allgemeine  und  überall  hervorbrechende  An- 
lage zur  Nachahmung  erlustigte  sich,  in  Er- 
mangelung andrer  Personen , die  nicht  wären 
wie  alle,  in  Tiermaskeraden.  Wenn  Welcher 
als  Parallelen  die  Festanzüge  und  Tiermasken 
asiatischer  Naturvölker  und  die  nordischen 
Julböcke  anführt,  so  liefse  sich  ebensogut  ein 
reiches  ethnographisches  Material  herbeischaf- 
fen , welches  die  Büffel- , Bären-  und  Kängu- 
ruhtänze  von  Jägerstämmen  aus  verschiedenen 
Weltteilen  den  Bockstänzen  der  griechischen 
Hirten  gleichstellt.  Wenn  demnach  auf  die 
äufsere  Erscheinung  der  Satyrn  die  festliche 
Schau  der  Dionysien  bestimmend  einwirkte, 
so  treten  doch  die  Dämonen  auch  selbständig 
auf,  die  Menschen  schädigend,  Herden  rau- 
bend und  den  Weibern  nachstellend  (Apollod. 
2,  1,  2,  3.  2,  1,  4,  4.  Philostr.  v.  Apoll.  7,  27 
p.  123  Kayser).  Demnach  kannte  der  griechische 
Volksglaube  sogut  wie  der  andrer  Völker  scha- 
denfrohe Poltergeister  und  lüsterne  mcubi  (ys- 
vog  ovziSav cöv  Eazvgcov  xal  agrixavosgyatv, 
Hes.  b.  Strab.  10  p.  471;  über  die  verwandte 
Sippe  der  Satyrn  vgl.  besonders  Mannhardt, 
Ant.  Wald-  u.  Feldk.  c.  3:  die  wilden  Leute 
der  antiken  Sage,  Satyrn  S.  136 f.).  Es  fragt 
sich,  warum  gerade  sie  dem  Dionysos  als  Ge- 
folgschaft, die  den  Taumel  seiner  Feste  stän- 
dig macht,  beigegeben  sind.  Bei  Philostrat. 
a.  a.  0.  fängt  Apollonius  einen  berauschten 
Satyr,  nachdem  er  in  den  Wassertrog  Wein 
geschüttet  hat.  Dieselbe  Sage  wurde  vom 
Silen  erzählt  (Bahchylid.  frg.  2.  Aristot.  bei 
Plut.  consol.  ad  Apoll.  27.  Cic.  Tuscul.  1,  48; 
vergl.  Itohde,  gr.  Boman  S.  204,  4),  der  vom 
König  Midas  in  seinen  Rosengärten  in  Make- 
donien (Herod.  8,  138)  wie  in  Phrygien  (Paus. 
1,  4,  5.  Xen.  anab.  1,  2,  13)  durch  Mischung 
einer  Quelle  mit  Wein  eingefangen  worden 
war.  Wegen  der  Zugehörigkeit  der  Satyrn 
und  der  Silene  zum  dionysischen  Thiasos  wie 
wegen  des  Weines  könnte  man  die  Sage  für  eine 
auf  dem  Boden  des  dionysischen  Sagenkreises 
erwachsene  halten,  wie  denn  z.  B.  auf  einem 
Krater  aus  Palermo  die  Vorführung  des  ge- 
fesselten Silens  mit  bakchischen  Scenen  zu- 
sammen dargestellt  wird  (Mon.  In.  d.  Inst.  4, 
t.  10).  Dagegen  spricht  aber,  dafs  die  Sage  von 
der  Fesselung  des  berauschten  wilden  Mannes 


io 

20 

30 

40 

50 

GO 


1067  Dionysos  (Thiasos) 

in  Geistersagen  anderer  Völker  wiederkehrt 
(. Mannhardt  a.  a.  0.  S.  150.  Baumlcult  S.  96  ff.), 
sonach  aus  dämonistischen  Anschauungen  ent- 
standen und  eben  daher  zu  verstehen  ist*). 

Wenn,  wie  im  vorigen  § gesagt,  der  Wein 
den  Glauben,  dafs  man  durch  den  Genul's  einer 
Seelensubstanz,  welche  zunächst  im  Blute  ge- 
funden wurde , der  eignen  Seele  Kraft  und 
Stärkung  zuführen  könnte,  zur  Erfahrung  er- 
hob, so  wurde  hierdurch  der  Trank,  den  wir 
heute  noch  als  „geistigen“  bezeichnen , zum 
Seelen-  und  Geistertranke,  vor  welchem  im 
dionysischen  Kulte  der  älteste  Träger  dessel- 
ben mythischen  Glaubens , das  Blut  der  Roh- 
mahle, zurücktrat.  Dies  Verhältnis  der  Dämo- 
nen zum  berauschenden  Tranke  spricht  sich 
in  einer  Reihe  von  Mythen  aus,  die  vor  der 
Erhebung  des  Dionysos  zum  allgemein  ver- 
ehrten Weingott  entstanden,  vordionysisch  ge- 
nannt werden  können.  Und  zwar  führt  die  2< 
Sage  die  Wirkung  des  Weins  nach  zwei  Rich- 
tungen hin  aus.  Entweder  kommt,  hierdurch 
bei  den  Dämonen  ihr  wildes,  unbändiges  Wesen, 
das  ihnen  schon  an  und  für  sich  eignet,  zu 
thätlichem  Ausbruche  in  Kampfeswut  (so  die 
Kentauren  der  Heraklessage,  die  vom  Wein- 
geruch angelockt  zur  Höhle  des  Pholos  kom- 
men, Apollod.  2,  5,  4)  oder  frecher  Brunst 
(Eurytion  Hom.  q o 235,  oder  überhaupt  die 
Kentauren  auf  der  Hochzeit  des  Peirithoos;  3' 
besonders  sprechend  Bind,  fr  gm.  147  Böchh: 
als  die  Untiere  [fff/pss]  die  männerbezwingende 
Gewalt  des  honigsüisen  Weins  merkten,  stiefsen 
sie  gleich  die  Milch  weg  und  berauschten  sich 
von  selber  aus  den  Trinkhörnern).  Oder  der 
berauschende  Trank  wird  in  der  Hand  des 
Menschen  zum  Mittel , den  Dämon  zu  über- 
wältigen, zu  fesseln  oder  zu  überlisten  (Sei- 
lenos, Satyrn  s.  o.,  der  Triton**)  in  der  Sage 
von  Anthedon  [Paus.  9,  26,  7],  der  Riese  Orion  4 
auf  Chios,  Apoll.  1,  4,  1,  3,  Polvphemos).  Die 
mythische  Anschauung,  dafs  der  Wein  zeit- 
weilig einen  einzelnen  Dämon  in  die  Gewalt 
des  Menschen  giebt,  verallgemeinert  sich  da- 
hin, dafs  dem  eigentlichen  Herrn  und  Spender 
des  Weines  die  Schar  eben  jener  Geister  ins- 
gemein als  festlich  schwärmendes  Gefolge  an- 
hangt. [Ähnlich  fleht  in  Shakespeares  Sturm 

*)  Auch  in  den  sekundären  Zügen  stimmt  die  grie-  K 
cliische  Yolkssage  mit  der  neueien  überein:  der  Wein 
wird  in  den  Brunnentrog,  in  die  Milchgefäfse  gegossen, 
oder  die  Wasserfarbe  des  weifsen  hervorgehoben  — , so 
wird  von  Midas  eine  Quelle  gemischt,  von  Apollonius 
ein  Wassertrog  der  Schafe  gefüllt , also  hier  wie  dort 
der  berauschende  Trank  dem  unschädlichen  äufserlich 
gleichgestellt;  der  Dämon  wird,  um  ihm  eine  Weissagung 
abzuzwingen,  eingefangen;  in  einigen  Versionen  (so  auch 
Ant.  Waldk.  S.  126)  triumphiert  er  über  seinen  Bezwin- 
ger, dafs  er  das  Beste  für  sich  behalten  habe  u.  dergl. ; 
eine  ähnliche  volkstümliche  Wendung  mag  in  die  Sage 
umgewandelt  sein,  dafs  König  Midas  den  allen  mensch-  ( 
liehen  Stolz  niederschlagenden  Spruch  erhält:  DvatoToi 
/uri  (pvvou  (peQiotov  y.xX. 

**)  Die  Sage  konnte  auch  von  Wasserdämonen  er- 
zählt werden,  da  die  zu  gründe  liegende  mythische  An- 
schauung nicht  im  Naturelement,  sondern  im  geistigen 
Wesen  der  Dämonen  wurzelt;  eine  Parallele  bietet  die 
Sage  aus  Steiermark  bei  Pröhle , Deutsche  Sagen  S.  196 
Nr.  142:  der  Wassermann  von  Obersteier  wird  berauscht 
eingefangen  und  zur  Weissagung  gezwungen. 


Dionysos  (Thiasos)  1068  j 

Caliban  da  er  den  Wein  gekostet,  zu  dem 
Geber:  ich  bitte  dich,  sei  mein  Gott.]  Andrer- 
seits bot  für  jene  ungezügelte  Sinnenlust, 
welche,  als  vßgie  ausbrechend,  die  Menschen 
schädigte  und  daher  von  ihnen  bekämpft  wurde, 
der  dionysische  Kreis  freien  Tummelplatz. 

Betreffs  der  einzelnen  Gattungen  der  in  den 
Thiasos  aufgenommenen  Dämonen  sei  unter 
Verweisung  auf  die  betr.  Artikel  über  ihre  Ver- 
bindung mit  Dionysos  noch  folgendes  bemerkt. 

Im  Typus  der  Satyrn  (vgl.  auch  unten  § 20) 
nehmen  wir  wie  bei  den  Mainaden  eine  Aus- 
stattung dämonischer  Wesen  mit  Zügen  mensch- 
lichen Eestbrauclies  an.  Schon  den  ersteren 
war  vermutlich  die  Tiergestalt  eigen;  wenn 
die  bildende  Kunst  als  deren  Reste  zum  Teil 
auch  von  Pferden  entnommene  Formen  zeigt, 
(Pferdeschweif  noch  auf  rotf.  Vasen  strengen 
Stils;  L7t7iovQis  r;  tüöv  Buzvqwv  ovqcc , Bekker, 
Anecd.  1 p.  44,  auch  Ohren  und  Hufe),  so  dürfen 
wir  wohl  das  Durchdringen  des  vermensch- 
lichten Bockstypus  dem  Einflüsse  des  Dionysos- 
kultes, insbesondere  des  Satyrspieles,  zuschrei-  11 
ben.  Die  im  Gegensatz  zu  den  festen  Typen 
der  Bühne  und  der  plastischen  Kunst  schwan- 
kenden Gebilde  der  Volksphantasie  belegen  |® 
vereinzelte  Darstellungen  der  Vasenmalerei:  j|M 
Dionysos  reitet  auf  einem  Bock  mit  Menschen- 
antlitz, Benndorf,  griech.  u.  sic.  Vasen  53,  1 ; I E 
Ziegenbock  mit  bärtigem  Menschenkopfe  er- 1 
schreckt  anspringend  einen  Satyr,  Münchner 
Vasensamml.  nr.  682.  Deutliche  Entlehnung 
aus  dem  Bilde  der  ländlichen  Festfeier  (Tanz 
beim  Keltern,  Bongos  4,  38)  ist  es  dagegen, 
wenn  Satyrn  mit  der  Arbeit  des  Weinbaues,  f 
besonders  dem  Keltern  beschäftigt  dargestellt 
werden  (vgl.  'Welcher,  Alte  Denhm.  2 S.  111 
Idealisclie  Vorstellung  des  Kelterns),  da  den  Jet 
Dämonen  vielmehr  ein  freies,  aller  Mühe  und  ® 
Arbeit  enthobenes  Naturleben  zukommt.  Wenn 
Seilenos  als  Pfleger  des  Dionysos  auftritt,  ■ 
so  beruht  dies  ebenso  wie  seine  Verbindung  «fj 
mit  den  Najaden  (vgl.  Bind.  frgm.  57  Büddi  Ife 
auf  seiner  Geltung  als  Quelldämon,  wenn  diese  Ifieis 
auch  nicht  konsequent  festgehalten  ist  (vergl  litte 
Welcher , Nachtr.  S.  214).  Die  weissagende  Ner 
Geisteskraft  ist  dem  Silen,  wie  oben  bemerkt 
aus  seinem  eignen  dämonischen  Wesen  geblie 
ben;  dagegen  hat  nach  seinem  Eintritt  in  der 
dionysischen  Kreis  die  Kunst  an  ihm  das  be 
kannte  Charakterbild  des  bejahrten , aufge 
schwemmten,  kahlköpfigen  Zechers  ausgestaltet 
— Das  Eintreten  der  Kentauren  (s.  d.)  in  de) 
dionysischen  Thiasos  zeigt  besonders  deutlich  nai; 
wie  derselbe  anderwärts  selbständig  ausge  ; % 
staltete  Wesen  aufnahm  und  den  durch  keine) 
ethischen  Mafsstab  gezügelten  Dämonen  freie) 
Tummelplatz  bot.  Während  die  epische  Hel 
densage  und  die  bildende  Kunst  der  erste) 
i (in  Pheidias  gipfelnden)  Blüteperiode  gerad- 
die  frevelnde  Wildheit  der  Kentauren,  vo) 
Wein  und  Brunst  entfacht,  in  heifsem  Ver 
nichtungskampfe  mit  den  Helden  schildern 
schuf  zunächst  die  bildende  Kunst  das  Bih 
des  freien  Waldlebens  der  Naturdämonen,  wi 
es  sich  selbst  genugsam,  ohne  Bezug  au 
die  Menschen  sich  entfaltet  (Kentaurenfamih 
des  Zeuxis  Luc.  Zeux.  3 ff.).  Und  gerade  di 


10G9  Dionysos  (Thiasos) 

hierdurch  erst  geschaffenen  Kentaurinnen  oder 
die  nach  ihrem  Typus  jugendlich  schön  (bart- 
los, mit  Satyrohren)  gebildeten  Kentauren  (auch 
Kentaurenpaare)  werden  als  Thiasoten  mit 
bakchischen  Attributen  versehen , mit  Maina- 
den  gruppiert  u.  s.  w.  (vgl.  Helbig,  Wandgem. 
d.  camp.  Städte  Nr.  496—503).  Eine  Verbin- 
dung der  älteren  Kentaurensage,  in  welcher 
der  Wein  eine  Itolle  spielte,  und  der  späteren 
Vorstellung  von  Dionysos  als  dem  Weingotte  ] 
wird  durch  den  Zug  hergestellt,  dafs  das  von 
Pholos  verwahrte  gemeinsame  Fafs  der  Ken- 
tauren diesem  von  Dionysos  geschenkt  sei 
( Diod . 4,  11.  Schot.  Theolcrit.  7,  149).  — Pan 
(oder  die  Pane)  ist  dem  Gotte  untergeben,  weil 
er  mit  ihm  seine  Heimat,  das  Waldgebirge 
teilt  und  seine  Syrinx  in  die  orgiastische  Musik 
des  Thiasos  einstimmt.  Aus  diesen  Gründen, 
die  ihn  auch  bei  Pindar  ( frg . 63.  66  Böckh) 
zum  Begleiter  der  ihm  ursprünglich  gleich  i 
fernstehenden  Kybele  gemacht  haben,  opferten 
die  Argiver  dem  Dionysos  und  Pan  gemeinsam, 
und  das  bakchische  Fest  hiefs  von  dem  rau- 
schenden Lärme  Tvgßr]  (Paus.  2,  24,  7;  vgl. 
Poll.  4,  104:  zvgßaGia  — OQ%rgux  didvQccfißi- 
uov,  aiiuvvozvQßr]  Athen.  14  p.  618  c.:  Satyr- 
name Tvgßccg,  Mon.  In.  d.  Inst.  2,  t.  38).  — 
Wenn  so  Dionysos  eine  reiche  Fülle  von  dämo- 
nischen Gestalten  verschiedenen  Ursprungs  und 
eigener  Ausbildung  aufgenommen  hat,  so  war  3 
doch  der  allgemeine  Rahmen  für  diese  bunte 
Mannigfaltigkeit,  der  Glaube  einer  Herrschaft 
des  Gottes  über  die  Geister  schon  in  der  alten 

I Kultidee  des  chthonischen  Dionysos  gegeben; 
an  Stelle  der  abgeschiedenen  Seelen  ist  der 
Thiasos  getreten,  ein  Bild  des  üppigen  Natur- 
lebens und  des  sinnlichen  Genusses  in  rauschen- 
der Festinst,  wie  auch  der  Gott  selber  in  sei- 
ner jugendlichen  Erscheinung  zumeist  weich- 
liche Hingebung  an  verfeinerten  Lebensgenufs  4 
zur  Schau  trägt.  Eine  parallele  Entwickelung 
liegt  vor , wenn  an  Stelle  der  Zaubergöttin 
Hekate , die  an  der  Spitze  der  nächtlichen 
Geisterscharen  (’Exdzrjg  r.cögog)  einherzieht, 
Artemis,  die  Führerin  des  Nymphenjagdzuges 
oder  -reigens  getreten  ist  (vgl.  Dilthey , Arte- 
mis d.  Apelles  u.  d.  ivilde  Jagd,  Rh.  Mus.  25, 

S.  321.  332);  in  beiden  Fällen  haben  die  füh- 
renden Gottheiten  wie  die  Schar  der  Dämonen 
die  gleiche  Entwickelung  erfahren,  indem  das  5 
griechische  Religionsbewufstsein  sich  von  der 
Geisterfurcht  der  Urzeit  ab-  und  der  wolilthä- 
tig  schaffenden  Macht  des  Naturlebens  zu- 
wandte und  die  schönste  Entfaltung  des  Gött- 
lichen im  verklärten  Menschentume  wieder- 
gespiegelt fand. 

E.  Dionysos  in  Attika. 

§ 18.  Aufnahme  des  Kultes;  Feste. 
Vgl.  Ribbeck,  Anfänge  u.  Entwickelung  des  s 
Dionysoskultes  in  Attika  Kiel  1869.  Mittel- 
baus, de  Baccho  Attico  diss.  Die  älteste  Ein- 
führung des  Dionysoskultes  geschah  nach  Philo- 
choros  (bei  Athen.  2 p.  38  c.  d.  = frg.  18.  19 
Müller)  durch  König  Amphiktyon,  der  einen 
kltar  des  A.  ’Opffog  im  Heiligtume  der  Horen 
and  daneben  einen  Altar  der  Nymphen  errich- 
<ete.  Die  Verbindung  mit  den  Horen,  die  in 


Dionysos  (in  Attika;  Feste)  1070 

Attika  als  Spenderinnen  der  Blüte  und  Frucht 
im  Jahreslaufe  verehrt  wurden,  bezeichnet  den 
Gott  als  Geber  des  vegetativen  Segens.  [Die 
gleiche  Verbindung  auf  der  attischen  Fran^.ois- 
vase;  nach  Panyasis  (bei  Athen,  p.  36  d = frg. 
13  Kinkel ) gehört  der  erste  Teil  des  Gelages 
den  Chariten,  Horen  und  Dionysos,  die  den 
Trank  bereitet;  der  Bauer,  der  seine  Reben 
und  Feigen  beschaut,  ruft:  Slgcu  cpiXaz  Ar. 
pax  1159  sq.]  Zu  diesem  Naturbezuge  des  Got- 
tes passend  deutet  der  Beiname  auf  phallische 
Natur  (so  Ribbeck  a.  a.  0.  S.  4),  während 
ihn  die  Alten  (Philoch.  a.  a.  0.),  weil  Amphi- 
ktyon von  Dionysos  die  Mischung  des  Weines 
mit  Wasser  gelernt  hatte,  in  ihrer  bekannten 
willkürlichen  Manier  auf  das  Aufrechtbleiben 
des  mäfsigen  Trinkers  deuteten.  Amphiktyon 
hatte  den  Gott  bei  sich  aufgenommen  und  be- 
wirtet, was  ein  Bildwerk  an  einer  Kapelle  in 
der  Nähe  des  heiligen  Bezirkes  darstellte,  Paus. 
1,  2,  5;  daneben  wird  auch  Pegasos  aus  Eleu- 
therä  genannt,  der  mit  Unterstützung  des  del- 
phischen Orakels  den  Gott  einführte  (Phal- 
losdienst  hierdurch  eingeführt  nach  Schot,  Ar. 
Ach.  v.  243.)  Der  Dienst  des  Gottes  in  Eleu- 
therai  am  Fufse  des  Kithairon  hängt,  wie  der 
Ort  selber  früher  zu  Boiotien  gehörte,  mit  dem 
boiotischen  Kulte  zusammen;  seine  orgiastische 
Wurzel  wird  noch  durch  folgende  Legende  auf- 
gedeckt: Die  Töchter  des  Eleuther  sahen  eine 
Erscheinung  des  Dionysos,  der  mit  schwarzem 
Ziegenfell  bekleidet  war;  als  sie  darüber  spot- 
teten, schlug  sie  der  Gott  mit  Wahnsinn, 
Eleuther  erhielt  das  Orakel,  zu  dessen  Abwen- 
dung den  A.  Mtluvcayiq  zu  verehren  ( Suid . Ms- 
lavaiyidu).  Hiernach  ist  auch  der  A.  ’EXsv&e- 
givg  oder  ’EXsv&sgog  ( Hesych . s.  v.)  als  Be- 
freier vom  orgiastischen  ,, Rasen“  zu  fassen. 
Eine  andere  Legende  giebt  eine  wichtige  Da- 
tierung der  Einführung  des  Kultes,  indem  sie 
dieselbe  mit  dem  Sturze  der  Theseiden  durch 
die  Neleiden  verbindet  (vergl.  Welcher,  Nach- 
trag z.  aeschyl.  Tril.  S.  194 ff. : Einführung  des 
Dionysosdienstes  in  die  Staatsreligion,  insbe- 
sondere zu  Athen).  Nach  Schot.  Ar.  Ach.  v.  146 
(=  Suid.  Harpocrat.  ’Anazovgicr,  vgl.  Polyaen. 
1,  19)  stand  Dionysos  im  Streite  der  Athener 
mit  den  Boiotern  um  KeXouvcA  (nach  Schot. 
Fiat.  Tim.  21 B u.  Konon  39  bei  Phot.  bibl.  p.  138 
wurde  um  Oivbr j gekämpft  — beides  diony- 
sische Namen)  dem  Melanthos  im  Zweikampfe 
bei,  indem  er,  mit  einem  schwarzen  Ziegenfell 
bekleidet,  hinter  den  boiotischen  Gegner  trat; 
als  dieser  sich  nach  ihm  umsah,  wurde  er  ge- 
tötet, und  daher  ehrten  die  Athener  an  den 
Apaturien  den  Dionysos  MeXavcayig  (Konon 
l,  c. : MeXav&idrjg)  durch  einen  Altar.  Die 
Legende  vom  Truge  des  Gottes  ist  aus  der 
Etymologie:  ’Ancczovgioc  von  dndzg  ersonnen 
(vgl.  Nonn.  27,  302:  yfXecvouylg  ndzgr\v  qvgszul 
iigsXdoccg  Bounziov  gyspovriu,  der  v.  305  mit 
Nonnianischem  Wortwitz  mazog  ’Ancczovgiog 
s.  v.  a.  treuer  Betrüger  heifst).  Dafs  des  Got- 
tes am  Feste  der  Apaturien  besonders  gedacht 
wurde,  scheint  von  der  Aufnahme  seiner  im 
nördlichen  Attika  angesessenen  Verehrer  aus 
dem  Hirtenstande  in  die  Bürgerschaft  Zeugnis 
abzulegen  Im  Gau  Eryxu%idcu  (Steph.  Byz.) 


1071  Dionysos  (in  Attika;  Feste) 

wurde  Dionysos  von  Semachos  aufgenommen 
und  machte  dessen  Töchter  zu  seinen  Prieste- 
rinnen.  Gröfsere  Berühmtheit  hat  die  Sage  von 
der  Einkehr  und  Bewirtung  des  Gottes  bei  Ikarios 
und  seiner  Tochter  Erigone  (s.  die  Artikel)  er- 
langt; auf  ersteren  wird  ätiologisch  der  Tanz 
auf  aufgeblasenen  Ziegenschläuchen  ( uG-KcoXtcto - 
fiog  Porphyr,  abst.  2,  10.  Mythograph.  Vatic.  2 
c.  61),  auf  Erigone  das  Schaukelfest  (cttcogct  Kt.M. 
Bes.  Athen.  14,  10.  Poll.  4,  55.  Serv.  Vtrg. 
georg.  2,  39.  Bygin.  f.  130)  zurückgeführt. 

Dionysische  Feste.  Yergl.  Böckh , Kl. 
Sehr.  Bd.  5 S.  1 ff.  Mommsen,  Heortol.  S.  323  ff. 
und  die  Handbücher.  Im  Poseideon  Dionysien 
auf  den  Dörfern  (rä  naz’  aygovg  AiovvGict 
Beicher,  Anecdot.  1,  235,  6.  Schöl.  Plat.  rep. 
475  D.  Besych.  Azovvgzk).  Ein  Bild  der  bäuer- 
lichen, derblustigen  Feier  giebt  Aristophanes 
in  den  Acliarnern  v.  201.  240  sq.  Hauptstücke 
waren  die  Umführung  des  Phallos  unter  Ab- 
singung  der  cpaHitiä  uud  das  Ziegenopfer.  Eine 
Jungfrau  als  navgcpoQog  (Ar.  a.  a.  O.  253)  trat 
auch  in  der  städtischen  Pompe  der  Dionysien 
auf,  vom  Eponymos  auserlesen  (s.  C.  I.  A.  2, 

I.  420  l.  8 sq.;  vgl.  die  Inschrift  Bull,  de  corr. 
hell.  3 p.62  [=  Bittenberger,  Sylt. 2,  383];  6 p.  338 
nr.  41).  Vom  Genüsse  des  Weines  hiefs  das  Fest 
Geozvict  ( Barp . s.  v.  Aesch.  frg.  397  nuxeQ&iozve). 
Über  die  religiöse  Bedeutung  der  Lenäen,  welche 
in  Attika  im  Gamelion  gefeiert  wurden  und 
von  denen  der  ionische  Monat  Ayvcaoiv  (Bes. 
f'gyc « 502  Schol.)  seinen  Namen  hatte,  sind 
wir  ganz  unzureichend  unterrichtet.  An  ein 
„Kelterfest“  im  eigentlichen  Sinne  zu  denken 
verbietet  die  Jahreszeit.  Mommsen  S.  340 
will  den  Namen  von  der  Kufe  (hqvög) , in  der 
man  den  Wein  gären  liefs,  herleiten,  Rib- 
beclc  S.  13  nr.  3 von  den  lyvuC  = ßccx%ai, 
den  „Packenden“  (von  derselben  Wurzel  wie 
lyvog,  erweitert  laß),  die  das  zu  zerreifsende 
Opfertier  erjagen;  doch  ist  von  Orgiasmus  an 
den  Lenäen  nichts  überliefert.  [Über  die  ioni- 
schen Lenäen  belehren  die  Opfervorschriften  von 
Mykonos  (Bittenberger,  Sylloge  2,  373  l.  16  sq.), 
nach  welchen  im  Lenaion  am  10tfm  vneg  nag- 
■jtov  der  Demeter,  Kore  und  dem  Zeus  Buleus  zu 
opfern  ist,  am  12ten  AiovvGcozAgvez  exyaiov  vntg 
xcxqtköv,  AuX&ovlcol  rfjzX&ovtriz  nzB]  Im  allge- 
meinen dürfte  wohl  die  Ansicht,  dafs  die  Lenäen 
eine  städtische  Nachfeier  der  ländlichen  Dio- 
nysien waren,  nachdem  die  Dörfer  dieselben 
gefeiert  hatten,  das  Richtige  treffen  (so  Momm- 
sen S.  44.  Preller  l3,  553.  Schömann  23,  493). 
Der  heilige  Bezirk  des  Gottes,  iv  Aiyvcng  ge- 
legen, welcher  den  älteren  und  den  jüngeren 
Tempel  umschlofs,  hiefs  das  Agvcuov,  davon 
Agvazog  A.  (Bes.  Alfivca.  Kt.  M.  Bes.  Int  Ag- 
vaicp  ayrnv  Pliot.  Agvatov).  Das  Hauptfest  des 
Gottes  in  älterer  Zeit  (Tlmlc.  2,  15  zu  ugxuto- 
zegu  Alovvglu)  waren  die  Anthesterien , vom 

II.  — 13.  Anthesterion  gefeiert  (vergl .Gerhard, 
Abhandl.  d.  Bert.  Ahad.  1858  S.  141  f.  = Ges. 
Abhandl.  2,  148  ff.).  Vom  Anstich  des  ausge- 
gorenen Weines  wurde  der  Festtag,  der  in 
Boiotien  dyafrov  duzyovog  hiefs,  ntQ'otyiu  ge- 
nannt; Herren  und  Knechte  thaten  sich  zusam- 
men gütlich  (. Plut . conv.  4;  quaest.  10,  3,  6. 
Schol.  Bes.  l'gyu  370).  An  dem  zweiten,  dem 


Dionysos  (in  Attika;  Feste)  1072 

Tage  der  Kannen  (Adeg),  wurde  ein  förmliches 
Wetttrinken  veranstaltet,  wozu  der  Priester 
des  Dionysos  die  Gemeinde  entbot  (Acliarn. 
v.  1087)  und  wobei  der  Sieger  vom  Basileus 
den  Preis,  einen  Kuchen  (Phanodem  s.  u.  Z.  37) 
oder  Weinschlauch  (Ach.  1224)  erhielt.  (Suid.  1,1 
p.  795  vermengt  den  aufgeblasenen  Schlauch 
des  uGKuiUuGyog  und  den  Schlauch  als  Preis, 
woraus  eine  ganz  sinn-  und  wertlose  Schilde- 
10  rung  entspringt.)  Dies  Wetttrinken  verpflanzte 
Themistokles  nach  Magnesia  als  Feier  des 
Alovvgo g Xoonozgg  (Athen.  12  p.  533  d).  An- 
dere Festbräuche,  Z d £K  Züjv  äfia^WV  GUCOflflUZU, 
Bekränzung  der  Kinder  u.  s.  w.  s.  bei  Momm- 
sen S.  347  ff.  Ungeachtet  dieser  lauten  Fest- 
lichkeiten galt  der  Tag  als  ytugü  gyiga  (Phot. 
s.  v.),  an  welchem  die  Seelen  umgingen;  durch 
unheilab wehrende  Mittel  — Wegedorn,  Teer 
au  den  Thüren  — suchte  man  sich  vor  ihnen 
20  zu  schützen.  Die  Göttertempel  wurden  mit 
einem  Seil  umspannt  (negiaxoCviGpu)  und  ab- 
geschlossen (Ale.  2,  3,  11.  Poll.  8,  141). 
Mommsen  (S.  23)  macht  wahrscheinlich,  dafs 
die  Totenbräuche,  welche  der  Mythus  mit  der 
Deukalionischen  Flut  — den  Regengüssen  des 
Xeificc  — verknüpft,  ursprünglich  den  Gott, 
der  diese  verhängt  und  entfernt,  nämlich  Zeus 
angingen;  als  man  das  Fest  auf  Dionysos  über- 
trag, lag  dessen  Herrschaft  über  die  abgeschie- 
30  denen  Geister  wahrscheinlich  noch  mehr  zu 
Tage,  als  in  der  spätem  Form  seines  Kultes. 
Das  mythische  Vorbild  für  das  Trinkgelage 
au  dem  unheimlichen  Tage  fanden  die  Athener 
in  Orestes,  der  von  der  Blutschuld  noch  nicht 
gereinigt,  weder  Zugang  zu  den  Tempeln  noch 
Tischgenossenschaft  mit  den  Bürgern  erhielt 
(Phanodem  frg.  13  Müller,  bei  Ath.  10  p.  437. 
Kur.  Iph.  Taur.  949  — 960.  Plut.  conviv.  2, 
quaest.  10,  3).  Den  verfolgenden  Erinyen  stehen 
40  die  umgehenden  Seelen  gleich.  Jeder  Zecher 
safs  und  trank  für  sich , wahrscheinlich  ein 
Rest  der  alten,  aus  Homer  bekannten  Tisch- 
sitte. Die  Form  der  Kannen,  die  später  nur 
noch  bei  dem  Feste  iu  Gebrauch  war  ( Kratcs 
b.  Athen,  p.  435a:  zo  uyyezov  nufhega iyevov 
tv  zfj  toozy  nuguziQ'ezui  pövov,  xd  ä’  eg  zgv 
Xgeiuv  ntnxov  yexsGxgyuxiGzaz),  lernen  wir  aus 
einem  Exemplar  (abgeb.  Archäol.  Zeitg.  1852 
Taf.  37,  vergd.  L.  Fivel,  Gaz.  Arch.  5 p.  6f.) 
50  kennen , auf  welchem  vier  Knabengestalten 
sämtlich  Kannen  gleicher  Gestalt,  wie  das 
Gefäfs  mit  Epheu  bekränzt,  in  den  Hän- 
den halten;  benannt  sind  BAIAN  mit  Fackel 
(Sclrlufsgesang  des  Symposion),  KSIMOZ,  NE- 
ANIAX.  Dargestellt  ist  die  Heimkehr  vom 
Choengelage , die  mit  besonderen  Bräuchen 
verknüpft  war:  die  Feiernden  schlangen  ihre 
Kränze  um  die  Kannen  und  brachten  sie  der 
Priesterin  im  Heiligtume  iv  Atavatg , wo  sie 
60  auch  den  Rest  des  Weines,  wahrscheinlich  an 
den  gleich  zu  erwähnenden  vierzehn  Altären 
opferten  ( Phanodem  a.  a.  0.).  Da  dieser  Schlufs- 
akt  erst  im  Morgengrauen  des  folgenden  Tages 
(so  Mommsen  S.  364)  stattfand,  so  gehen  wahr- 
scheinlich auf  die  Scharen  der  übernächtigen 
Zecher  die  Verse  Ar.  ran.  215  sq.:  iv  Aiyvcug 
— gvix  b HQcancdoKcoyog  xoig  [eqolgl  Xvxqolgl 
XmQtL  Mar’  iyov  zipevog  Xaäv  oxXog  (v.  Leutscli, 


1073  Dionysos  (in  Attika;  Feste) 

Philolog.  11  S.  733  versteht:  wir  [der  Frosch- 
chor] wollen  das  an  den  Chvtren  gesungene 
kyklische  Chorlied  wiederholen , und  folgert 
daraus’  kyklische  Chöre  an  den  Chytren,  was 
ich  aus  dieser  Stelle  nicht  herauslesen  kann). 
Der  wichtigste  und  heiligste  Festakt  vollzog 
sich  am  Abend  der  Choen;  aus  dem  Heilig- 
tume  des  Eleuthereus,  das  nur  an  diesem  Feste 
geöffnet  wurde,  brachte  man  das  Kultbild  in 
einen  kleinen  Tempel  im  Kerameikos , um  es 
am  Abend  in  feierlicher  Prozession  wieder  zu- 
. rückzuführen  ([Dem.]  c.  Neaer.  § 76.  Paus.  1, 
29);  Abendzeit  und  Fackelzug  macht  Mommsen 
S.  356  wahrscheinlich,  was  durch  die  gleichen 
Züge  im  Kulte  des  gleichbedeutenden  Lysios 
(s.  o.  § 15)  fast  zur  Cewifsheit  erhoben  wird. 
Dem  Grotte  wurde,  vielleicht  während  des  Zuges, 
die  Gemahlin  des  zweiten  Archon,  die  „Köni- 
gin“ zugeführt  und  ihm  in  der  heiligen  Ab- 
geschlossenheit des  Tempels  förmlich  ange- 
traut ([Demosth.]  a.  a.  0.  § 73.  76.  110.  Des. 
Jiovvaov  yugog).  Ihr  beigegeben  wurden  vier- 
zehn rsQccQui,  die  sie,  bedient  vom  Hieroke- 
ryx,  vor  den  Opferkörben  am  Altäre  verei- 
digte; ([Dem.]  a.  a.  0.  76 — 78.  Poll.  8,  108. 
Hes.  Dt.  M.  regugut)-,  sie  beschworen  ihre 
Reinheit  und  Festhalten  am  Dienst  des  Got- 
tes nach  Vätersitte  ( — tu  ©eoivux  aal  zu 
’loßunxlLCC  [sonst  unbekannt]  ysguigco).  Die 
Opfer,  welche  die  Ehrenfrauen,  jede  an  einem 
besonderen  Altäre , verrichteten,  bezogen  sich 
zweifellos  auf  den  folgenden  Ehebund  mit  dem 
Gotte,  und  geschahen,  wie  dieser  selbst,  zum 
Heile  der  Stadt  ([Dem.]  a.  a.  0.  73:  tzt qu£e  vnl g 
zr\g  nolscog  zu  nuzgiu  — uytu  nul  dnoggyza). 
Hieraus,  wie  aus  dem  oben  über  die  Bedeu- 
tung des  bakchischen  Frauendienstes  Bemerk- 
ten, folgt,  dafs  es  sich  nicht  um  eine  nach- 
bildende Darstellung  eines  mythischen  Vor- 
ganges, sondern  um  einen  symbolischen,  fin- 
den Glauben  realen  Akt  handelte,  worin  die 
Königin  als  Vertreterin  zunächst  der  Frauen 
der  Gemeinde  und  dadurch  des  Landes  han- 
delte. (Zuerst  Böttiger , Archäol.  der  Malerei 
S.  209,  dann  0.  Müller , Etrusker  bearb.  von 
Deecke  2 S.  100  nr.  65  a und  Gerhard  in  der 
cit.  ak.  Abliandl.  S.  169  haben  die  dem  Gotte 
vermählte  Königin  für  Kore  erklärt,  was  weder 
bezeugt  noch  an  sich  wahrscheinlich  ist.)  Der 
rben  erörterte  Glaube,  dafs  die  Weiber  im 
jakchischen  Kulte  als  Vertreterinnen  der 
empfangenden  Natur  handeln  und  so  die  kom- 
plementäre Ergänzung  der  zeugenden  Götter- 
iraft  beibringen,  wird  am  deutlichsten  in  die- 
iem  Akt  der  Vermählung  ausgesprochen.  Wenn 
Dionysos  seine  Liebe  der  Altliaia , der  Ge- 
nahlin  des  ätolischen  Königs,  schenkt  (Apoll. 
jl,  8,  1.  Hyg.  fab.  129),  so  ist  dies  wohl  der 
agenhafte  Ausdruck  derselben  Anschauung, 
Welche  der  Ehe  des  Gottes  mit  der  attischen 
Königin  zu  Grunde  liegt.  Der  letzte  Tag  der 
^.nthesterien  hiefs  Xvzgot,  von  den  in  Töpfen 
largebrachten,  aus  gekochten  Sämereien  be- 
tehenden  Totenopfern  (Theopomp.  b.  Schol. 
Ir.  ran.  218).  Diese  waren  ursprünglich  Speise 
er  Seelen,  wie  die  'Encczrjg  öetnvu  oder  die 
ei  der  täglichen  Mahlzeit  zu  Boden  fallenden 
hocken  (Arist.  " Hgcosg  frg.  305  Kock.  Eurip. 


Dionysos  (in  Attika ; Feste)  1074 

frg.  667.  Athen.  10  p.  427  e.  u.  a.),  wurden 
aber  nach  späterer  Auffassung  geopfert  'Eggy 
X&ovLcp  vTtlg  zäv  zt&vtcözcov  (Theopomp.  a.  a.  0.), 
d.  h.  dem  Hermes,  damit  er  die  Seelen  wieder 
zur  Ruhe  brächte.  Dasselbe  bezweckte  am 
Schlufs  des  Festes  der  Zuruf  an  die  Geister: 
<9 vgu^s  Ärjgsg,  ovu  tz’  ’AvQ'SGzygtu  (nach  der 
Erklärung  von  Didymos  bei  Phot.  1 p.  286 
Naber;  dafs  diese  Fassung  vor  der  auf  die 
io  Sklaven  bezogenen  Kccgtg  n.  z.  I.  den 

Vorzug  verdient,  zeigt  0.  Crusius,  Artikel  Ke- 
ren, Encykl.  v.  Ersch  u.  Gruber,  vgl.  Anm.  13 
ebend.).  So  tragen  die  Anthesterien  den  Cha- 
rakter eines  Frühlingstotenfestes,  nach  dem 
auch  sonst  bei  den  Alten  verbreiteten  Glau- 
ben (vergl.  Preller  l3,  S.  330),  dafs  mit  dem 
neuerwachenden  Naturleben  auch  die  Seelen 
zum  Lichte  empordrängten;  wir  können  fol- 
gern, dafs  auch  Blumen  und  Wein,  die  zum 
20  Schlüsse  des  Choengelages  an  den  Altären  des 
Dionysos  geopfert  wurden,  ursprünglich  Toten- 
opfer waren.  Dem  Dionysos  aber  feierte  man 
das  Fest  nicht  allein  als  dem  Geber  dieser 
Frühlingsgaben,  sondern  auch  als  dem  Gott, 
der , gleichfalls  aus  dem  Totenreiche  aufstei- 
gend, Fruchtbarkeit  und  Segen  mit  sich  brachte. 
[Den  gtugul  ygsgai  entsprechen  die  römischen 
dies  religiosi,  an  denen  mundus  patet  (Varro 
bei  Macrob.  1,  16).  Eine  noch  vollere  Para,l- 
30  leie  bieten  die  heiligen  „Zwölfnächte“  des 
deutschen  Volksbrauches , während  welcher 
einerseits  wegen  der  umziehenden  wilden  Jagd, 
oder  wie  die  mythische  Bezeichnung  der  Geister- 
scharen sonst  lautet,  die  Hausarbeit  ruht  (be- 
sonders deutliches  Verbot  für  die  giugui  ygi- 
gath.  Kuhn,  Westfälische  Sagend,  S.  111  — 113. 
Bartsch,  Mecklenb.  Sg.  S.  242 f.),  andererseits 
gerade  jener  Umzug  im  Sturmeswehen  die 
Fruchtbarkeit  in  Feld,  Garten  und  Weinberg 
40  schafft.]  — Die  städtischen  Dionysien  im 
Elaphebolion  (vgl.  Mommsen  S.  387  ff.)  boten 
die  glänzendste  Entfaltung  des  ausgebildeten 
Dionysoskultes  und  der  aus  ihm  entwickelten 
dramatischen  Kunst;  ihre  Einführung  fällt 
zweifellos  mit  dem  hohen  Aufschwünge  jener 
zusammen.  ( Mommsen  S.  58  ff.  läfst  die  Dio- 
nysien an  Stelle  eines  Apollinischen  Festes 
treten , Bibbeck  S.  28  vermutet  Einführung 
unter  Kimon,  Mittelhaics  S.  54  unter  Peisistra- 
50  tos.)  Daher  standen  sie  in  Bezug  auf  eigent- 
lich rituale  Kultgebräuche  ohne  Zweifel  den 
älteren  Festen  nach;  sie  mochten  sich  zu  den 
älteren  Festen  verhalten  wie  das  goldelfen- 
beinerne Prachtbild  des  Gottes  zu  dem  alt- 
heiligen Holzbilde  des  Eleuthereus.  Von  den 
Epheben  wird  in  späteren  Inschriften  (G.  I. 
A.  2,  1.  470.  I.  11,  471.  I.  12)  gemeldet:  slayyu- 
yov  zov  Aiovvoov  ano  rfjg  £G%ugag  s lg  zo  ftsa- 
zgov  gszu  cpcozbg  nzX. ; nach  Dio  Chrys.  or.  31, 
go  121  wurde  das  Bild  in  der  Orchestra  auf- 
gestellt ( Alciphr . 2,  3,  16:  o tn  £6%ägug  Aib- 
vvGog).  Mommsen  S.  312  bezieht  dies  auf  das 
Bild  des  Alkamenes,  was  nach  dem  Wesen 
der  Chryselephantintechnik , wenn  nicht  un- 
möglich , ganz  unwahrscheinlich  ist.  Da- 
gegen ist  Mommsen  im  Rechte , wenn  er 
S.  354  N.  *)  gegen  Hermann  ( Gottesd . Altert. 
§ 59,  7)  und  (Preller  l3  S.  556)  feststellt,  dafs 


1075  Dionysos  (Dithyrambos) 

das  Eultbild  des  Eleutliereus  in  der  Prozession 
der  grofsen  Dionysien  nicht  zur  Verwendung 
kam,  da  der  Tempel  nur  einmal  jährlich,  an 
den  Anthesterien , geöffnet  wurde.  Da  kein 
Zeugnis  aus  der  Blütezeit  die  Aufstellung  des 
Idoles  in  der  Orchestra  bezeugt,  so  wäre  mög- 
lich, dafs  hierin  eine  Neuerung  vorläge;  was 
für  ein  Idol  ano  zrj g sß^dgag  eingeholt  wurde, 
bleibt  ungewifs. 

Das  Fest  der  Weinlese  ( (6ß%ocp6gicc ) im 
Pyanepsion  (vgl.  besonders  Mannhardt , Ant. 
Wald-  u.  Fcldlc.  S.  216.  253  f.)  bestand  aus 
zwei  Akten:  einem  Wettlauf  ( Aristodemos  bei 
Athen.  11,  62)  und  einer  unter  dem  Gesänge 
von  (o6%ocpooiY.d  fislr/  (s.  Procl.  ehrest,  b.  Phot, 
bibl.  cod.  239  p.  322)  stattfindenden  Prozes- 
sion, in  welcher  unter  dem  Vortritte  eines 
Heroldes  zwei  Jünglinge  in  Frauenkleidern 
einen  traubenbehangenen  Rebzweig  einhertru- 
gen. Die  Feier  galt  Dionj^sos  und  Ariadne, 
daher  die  ätiologische  Legende  an  die  The- 
seusfahrt  anknüpfte  ( Plut . Thes.  23).  Über  die 
Teilnahme  an  diesem  Festzuge  entschied,  wie 
Mannhardt  a.  a.  0.  wahrscheinlich  macht,  der 
vorausgehende  Wettlauf.  Die  Sieger  erhielten 
als  Preis  einen  aus  Wein,  Öl,  Honig,  Mehl 
und  Käse  bereiteten  Fünftrank;  dieser  Trank 
bedeutete  ohne  Zweifel  dasselbe  wie  die  Pan- 
spermie  der  Pyanepsien,  den  von  der  Gottheit 
geschenkten  Herbstsegen.  Wenn  dessen  Ver- 
sinnlichung  zum  Preise  eines  Agons  gemacht 
wird,  so  erscheint  dieser  als  ein  Ringen  um 
die  Aneignung  eines  Heiltumes , also  weit 
mehr  als  religiöse  Ceremonie  denn  die  sonstigen 
Wettspiele,  bei  denen  es  mehr  auf  die  Schau- 
stellung des  Ringens  ankommt , nachdem  der 
zu  erringende  Preis  blofse  Anerkennung  des 
Sieges  geworden  war. 

§ 19.  Die  musische  Kunst  im  Dio- 
nysoskulte: Dithyrambos,  Entstehung 
des  Dramas. 

Die  für  die  hellenische  Kultur  und  deren 
Erben  wichtigste,  folgenreichste  Thatsache  des 
Dionysoskultes  ist  die  Entstehung  des  Dra- 
mas; im  Folgenden  sollen  die  hierfür  grund- 
legenden Thatsachen,  selbstverständlich  mit 
Übergehung  des  rein  Litterarhistorischen,  kurz 
erörtert  werden.  — Das  eigentliche  Lied  des 
dionysischen  Dienstes  ist  der  Dithyrambos  (vgl. 
Pcrnliardy , Gr.  Litterat.  2,  l8  S.  613  f.  S.  646 f. 
J.  A.  Hartung,  Phüölog.  1,  397  f.).  Der  Name 
wurde  auch  dem  Gotte  als  Beinamen  beige- 
legt, wie  auch  sonst  die  Ephymnien  der  alten 
religiösen  Lieder  — Paian,  Linos,  Hymenaios  — 
zu  Personennamen  werden  und , wie  oben 
bemerkt,  auf  den  „durch  zwei  Thüren  gegan- 
genen“, zweimal  geborenen  gedeutet  ( Plat . 
leg.  3,  700B.  Aiovvßov  ysvsßzg.  di&vgctpßog  Xs- 
yofisvog).  Eine  sichere  Etymologie  ist  noch 
nicht  gefunden ; der  alten  Erklärung  stimmt 
Welcher,  Götterl.  2, 580  bei,  nach  Hartung  a.  a.  0. 
= Ai'og  •d-gi'apßog , ffop'ußog , Zeus’  Unwetter, 
das  zeugende  Frühlingsgewitter,  nach  Schömann, 
Alt.  23,  494  Nr.  1 = *äi-Q-gL<xpßog  Doppeldrei- 
schritt. Jedenfalls  ist  der  Anklang  an  das 
sinnverwandte  {Xgiapßog  zu  beachten,  das  gleich- 
falls als  Beiname  des  Gottes  erscheint  (Athen. 
1,  30  b.  Bergh,  lyr.  34  fr  gm.  adesp.  109 


Dionysos  (Dithyrambos)  1076 

•d-giapßs,  ov  xwvds  %6gays,  Pratinas  frg.  1,  10 
d’giccpßod'i&vgccpßs , Et.  M.  455,  16.  Kratinos 
frg.  36  p.  23  Koch.).  Der  Dithyrambos  in  sei- 
ner ältesten  Gestalt  war  das  Lied  der  wein- 
seligen Lust  beim  Gelage  oder  Komos  ( Archi - 
lochos,  Epicharmos,  Philochoros  bei  Athen.  14, 
p.  628.  Aesch.  frg.  391:  f u^oßöav  ngtnsi  Si- 
frvgctpßov  öpagzsiv  ßvyxcopov  Aiovvßcg).  Und 
zwar  stimmte  ein  einzelner  das  Lied  an:  Arcli. 
a.  a.  0.  = frg.  77: 

Slg  Aicovvßod  dvanrog  ho tXov  sigdgigea  pei log 

oiSa  di&vgapßov,  oi'vco  ßvynsgavvw&slg  epgsvag. 

Es  war  die  Vortragsweise  nicht  allein  des 
ältesten  Dithyrambos,  sondern  überhaupt  der 
ältesten  Lyrik,  dafs  einem  einzelnen  slgdgxt ov 
das  eigentliche  Lied,  dem  Chore  dagegen  das 
Ephymnion  zufiel.  Dieser  ursprüngliche  re- 
spondierende  Vortrag  wurde  durch  denkunstge- 
mäfsen  Chorgesang  des  strophisch  gegliederten 
Melos  abgelöst;  diese  Einführung  in  die  Kunst- 
lyrik bezeichnen  die  Alten  als  „Erfindung“  des 
Dithyrambos  durch  Arion,  die  Pindar  (Ol.  13,25) 
Korinth,  nach  den  Scholien  z.  d.  St.  in  den 
Hyporchemen  der  Insel  Naxos,  in  einem  Dithy- 
rambos Theben  zuschreibt  — , in  den  beiden 
letzten  Fällen  war  wahrscheinlich  das  mit  dem 
Dionysoskulte  gleich  alte  Lied  beim  Weine 
gemeint;  vergl.  Schol.  Plat.  rep.  3,  449,  35. 
Dikäarcli  u.  Hellan.  bei  Schol.  Ar.  av.  1403; 
Bernhardy  a.  a.  O.  S.  578  f.).  Arion  hatte  ohne 
Zweifel  in  seiner  Heimat  Methymna  den  an- 
gestammten Gott  gefeiert,  ehe  ihn  der  Tyrann 
Periander  berief,  die  Feste  der  Weinbauer, 
des  Landvolkes,  welches  bekanntlich  die  Ty- 
rannis gegen  die  Geschlechter  stützen  half,  in 
der  Stadt  mit  dem  Glanze  musischer  Kunst  zu 
feiern.  (Dionysos  in  Korinth:  Lysios  s.  o.,  Ahn- 
herr der  Bakcliiaden,  Schol.  Ap.  Bhod.  4, 1212, 
auf  der  Kypselidenlade  in  einer  Höhle  unter 
Fruchtbäumen  gelagert,  Paus.  5,  19,  1).  Auch 
der  Tyrann  Kleisthenes  von  Sikyon  gab  die 
„tragischen  Chöre“  zu  Ehren  des  Heros  Adra- 
stos  dem  Dionysos  zurück  (Herod.  5,  67);  auch 
in  Athen  war  die  politisch-soziale  Richtung 
der  Tyrannis  der  Hebel,  welcher  die  früher 
sich  selbst  überlassene  bäuerliche  Festlust  und 
die  ihr  zu  gründe  liegenden  religiös-mythischen 
A nschauungen  auf  den  städtischen  Markt  ver- 
setzte und  in  das  volle  Licht  des  litterarischen 
Geisteslebens  stellte.  Der  von  einem  einstu- 
dierten Chore  vorgetragene  Dithyrambos  Arions 
unterschied  sich  in  der  Vortragsweise  von  dem 
inmitten  des  Komos  improvisierten  Liede,  wie 
ein  Pindarisches  Epinikion  von  dem  als  Olym- 
pisches Enkomion  verwandten  Hymnus  auf 
Herakles  von  Archilochos  (Pind.  Ol.  9 init. 
Archil.  fr.  119  mit  Berghs  N.),  den  nach  Era- 
tostlienes  (Schol.  Pind.  a.  a.  0.)  der  slgo!Q%0$ 
und  der  einfallende  Chor  (scpvpvid^cov — ozäv 
neopeeß zcöv  x°Q°s)  im  Wechselgesange  ausführ- 
ten, oder  wie  ein  chorischer  Threnos  von  der 
alten  Totenklage,  deren  respondierende  Form 
Hektors  Beklagung  in  der  Ilias  aufzeigt  und 
der  Kommos  der  Bühne  bewahrt  hat  (elgdg%£iv 
auch  beim  Paian  geübt,  Archil.  frg.  76).  Da 
nun  nach  Aristoteles  die  Tragödie  von  den 
Vorsängern  des  Dithyrambos  (poet.  4,  1449  a 
dno  zäv  ilgaQxovrav  zov  äi&vgapßov)  ausging, 


10 

20 

30 

40 

50 

60 


1077  Dionysos  (Dithyrambos) 


Dionysos  (Dithyrambos)  1078 


so  hatte  die  Festfeier  der  ländlichen  Demen 
die  alte  Weise  bewahrt,  sodafs  das  Verhältnis 
von  s^ccqxcov  und  x°QÖg  im  Drama  zu  dem  von 
vnonQixrig  und  %oqö g werden  konnte*).  Nun 
ist  es  bekanntlich  eine  Eigentümlichkeit  des 
chorischen  Melos,  dafs  die  Dichtung  von  dem 
Vortrag  durch  die  Mehrheit  des  Chores  ganz 
absieht  und  der  Dichter  allein  für  seine  eigne 
Person  das  Wort  führt  (was  vielleicht  eben 
mit  der  Übertragung  des  vom  i'igaQxog  gedich- 
teten und  gesungenen  Liedes  auf  den  Chor  zu- 
sammenhängt). Dasselbe  war  auch  beim  Dithy- 
rambos Brauch,  den  Plato  {rep.  3,  394 C)  bei 
seiner  Scheidung  der  nachahmenden  und  refe- 
rierenden Dichtung  (von  392  Dan)  als  Vertreter 
der  letzteren  Gattung  nennt,  welche  di’  ccnuy- 
ysh'ag  avxov  xov  noirjxov  spricht;  nach  Ari- 
stoteles ( probl . 19,  15)  wurden  die  Dithyram- 
ben erst,  nachdem  sie  die  strophische  Gliede- 
rung aufgegeben,  mimetisch  (und  nahmen,  vom 
Dionysosdienst  abgelöst,  die  nicht  in  den  Kreis 
unserer  Betrachtung  fallende  jüngere  Gestalt  an). 
Dies  bezeugt  auch  das  erhaltene  Fragment  von 
Pindars  athenischem  Dithyrambos,  in  welchem 
der  Dichter  von  seinem  persönlichen  Verhält- 
nis zu  Athen  spricht  ( frg . 45  Böclch  v.  7 sq.). 
Demnach  steht  fest,  dafs  der  Dithyrambos  der 
Kunstlyrik  ebensowenig  mimetisch  oder  dra- 
matisch war  wie  das  sonstige  Melos,  und  die 
schwer  zu  beurteilende  Nachricht  des  Suidas, 
dafs  Arion  Satyrn  eingeführt  und  ihnen  einen  ver- 
sifiziertenText  in  den  Mund  gelegt  habe,  kann  ich 
keinesfalls  auf  die  Chorsänger  des  Dithyrambos 
beziehen,  als  ob  diese  im  Kostüm  und  in  der 
Bolle  vom  Satyrn  gesungen  hätten.  — Wenn  die 
Entstehung  des  Dramas  im  ländlichen  Dionysos- 
kulte der  attischen  Demen  stattfand , was  die 
literarhistorische  Überlieferung  an  den  Namen 
des  Thespis  von  Ikaria  knüpft,  so  fragt  sich 
vor  allem:  wann  und  wodurch  trat  die  Urer- 
scheinung  dramatischen  Spieles  und  dramati- 
scher Illusion  ein,  dafs  einer  in  Maske,  Rede 
u.  s.  w.  sich  als  ein  andrer  darstellt  und  ge- 
bärdet und  von  den  Zuschauern  für  diesen 
andern  genommen  wird?  Es  ist  die  allgemeine 
Annahme,  dafs  dies  mit  dem  bakchischen  Or- 
giasmus  in  Zusammenhang  stehe,  daher  unsere 
Üntersuchung  auf  die  §§  6 u.  7 erörterten  Fra- 
gen zurückkommt.  0.  Müller  { Litteraturgesch . 2 
S.  26  f.),  der  wohl  die  ausführlichste  Darlegung 
der  dionysischen  Geburt  der  Tragödie  bietet, 
leitet  zunächst  die  enthusiastische  Begeisterung 
aus  einer  „leidenschaftlichen  Teilnahme  an  den 
Ereignissen  der  Natur“  ab,  in  denen  man  den 


*)  0.  Müller,  Litteraturgesch.  2 S.  87  hält  das  „beson- 
dere Hervortreten  des  Chorführers“  für  etwas  dem  Dithy- 
rambos Eigentümliches  und  diesen  für  einen  Repräsen- 
tanten des  Dionysos  oder  Boten  aus  der  Umgebung  des 
Gottes,  welcher  die  dem  Gotte  drohenden  Gefahren  be- 
richtete u.  s.  w.  — womit  das  Wesentliche  des  Dramas 
schon  im  Dithyrambos  gegeben  gewesen  wäre.  Der 
neueste  Geschichtschreiber  der  griechischen  Lyrik  {Flach, 
Gesell,  d.  Lijrik  1,  348)  versteht  unter  igocQ/wv  den  Be- 
gleiter und  einstudierenden  Vorsänger  des  Chores;  Ari- 
stoteles meine  „die  Dithyrambendichter,  welche  den  Grund 
zur  Tragödie  gelegt  haben“  — was  weder  Aristoteles 
meint  noch  thatsäcblich  der  Eall  ist , da  aus  den  Dithy- 
ramben des  Arion,  Pindar,  Simonides  u.  s.  w.  die  Tra- 
gödie weder  entstanden  ist,  noch  hätte  entstehen  können. 


Gott  selber  angegriffen,  getötet  und  wieder- 
auflebend glaubte.  Die  begeisterten  Festteil- 
nehmer empfanden  „das  innere  Verlangen  mit 
dem  Gotte  selbst  in  Gemeinschaft  zu  kämpfen, 
zu  leiden  und  zu  siegen“  und  dachten  sich  da- 
her in  die  Rolle  der  Begleiter  des  Gottes,  der 
Satyrn  hinein.  Die  Leiden  des  Gottes  in  der  von 
Müller  angenommenen  Ausdehnung  sind,  wie 
oben  zu  zeigen  versucht,  nicht  geglaubt  und 
io  daher  auch  nicht  dargestellt  worden;  in  den 
Mythen,  welche  von  Leiden  und  Gefahren  des 
Gottes  handeln  (Zagreus , Lykurgos,  allenfalls 
auch  Pentheus),  spielen  ursprünglich  die  Sa- 
tyrn gar  keine  Rolle , noch  auch  tragen 
sie  besonders  Verlangen  nach  einer  Gemein- 
schaft des  Leidens  u.  s.  w.,  welche  Worte 
eher  auf  eine  christliche  Passionsgemeinde 
passen  mögen.  Aus  dem  Satyrhaften  {in  occ- 
xvQinov)  ist  die  Tragödie  nach  dem  Zeug- 
20  nisse  des  Aristoteles  allerdings  hervorgegan- 
gen; da  sie  nach  demselben  Zeugnis  von  klei- 
nen Stoffen  und  burleskem  Texte  {in  fungeöv 
pvQ'cov  neu  Xilgsag  yiloiag)  ausging,  so  wider- 
streitet diesem  wichtigsten  unserer  Zeugnisse 
die  Annahme , dafs  die  Tragödie  einer  Klage 
über  die  Leiden  des  Gottes  entsprungen  sei. 
Sodann  ist  nach  dem  oben  Erörterten  die  dio- 
nysische Gefolgschaft  der  Satyrn  nicht  als  das 
Uranfängliche  anzusetzen,  sodafs  den  Festteil- 
30  nelimern  deren  Charakterrolle  zum  Hineinfah- 
ren fertig  Vorgelegen  hätte,  sondern  diese  ist 
mit  der  Entwickelung  des  Kultes  aus  dem 
Bilde  der  ländlichen  Festfeier  entstanden. 
Wenn  man  nicht  allein  die  immerwährende 
dämonische  Umgebung  des  Dionysos  im  Glau- 
ben nach  dem  Bilde  des  geschauten  Festes 
gestaltete,  so  wie  die  dämonischen  Thyiaden 
auf  dem  Parnafs  den  Gott  immerdar  um- 
schwärmten, sondern  von  diesem  Glauben  zur 
40  leibhaftigen  Sichtbarkeit  der  Dämonen  inmit- 
ten der  Festgemeinde  schritt , so  war  hiermit 
jener  oben  gesuchte  Urkeim  der  dionysischen 
dramatischen  Kunst  gegeben.  Einen  Hinweis 
auf  die  Begründung  des  dramatischen  Spieles 
durch  diese  Identifikation  enthält  der  Name 
xQaywdicc.  Die  Alten  leiten  ihn  von  dem  Chore 
der  Bocksatyrn  ab  {Et.  M.  p.  364,  6 oxi  xd 
xxolXd  oi  x°901  EaxvQiov  ovvioxavxo,  ovg 
indXovv  xqccyovg ) oder  von  dem  Bocke  als 
50  Preis  {Et.  M.  a.  a.  O.  Verg.  Georg.  2 , 387. 
Hör.  ep.  ad  Pis.  220.  Porphyr,  ad  h.  /.;  nach 
Bioskor ides  Anth.  Pal.  7,  410  war  ein  Bock 
und  ein  Korb  Feigen  Preis  des  Chores,  wovon 
sich  natürlich  ein  Preis  für  den  Chorführer 
und  Dichter  erst  mit  der  zunehmenden  Be- 
deutung der  Dichtung  ablösen  konnte).  Die 
erste  Ableitung  = Sang  der  Böcke  wird  durch 
die  nächstliegende  Analogie  nmpcodice , Sang 
des  Komos,  gestützt;  doch  ist  deswegen  die 
eo  Thatsache  des  Kampfpreises  für  das  ländliche 
Spiel  nicht  abzuleugnen,  wie  besonders  die 
Analogie  des  Dithyrambos  beweist.  Den  in 
Korinth  erblühten  Dithyrambos  nennt  Pindar 
{Ol.  13,  25)  stiertreibend  ( ßorildxrjg );  Simonides 
{epigr.  145)  giebt  die  Zahl  seiner  Siege  damit  an, 
wieviel  „Stiere  u.  Dreifüfse“  er  errungen  habe; 
nach  Schol.  Plot.  rep.  3,  449  erhielt  der  erste 
Sieger  einen  Stier,  der  zweite  einen  Krug  Wein, 


1079  Dionysos  (Drama) 

der  dritte  einen  Bock.  Der  Dreifufs  wurde  be- 
kanntlich später  in  Athen  als  dramatischer  Preis 
erteilt  und  dem  Gotte  als  Weihgeschenk  aufge- 
stellt ( Anth . P.  13,  28.  Fiat.  Gorg.  472.  Athen. 
2,  p.  37f.  Böckh  zu  C.  1.  Gr.  211),  als  es  sich 
darum  handelte  ein  bleibendes  Andenken  des 
Siegesruhmes  zu  stiften;  er  ist  ein  Zeichen  der 
Dankbarkeit  gegen  den  Gott,  und  ebendeshalb 
ursprünglich  ein  andrer  dem  Menschen  zufal- 
lender Preis  wahrscheinlich.  Wenn  der  Wett- 
lauf der  Oschophorien  ein  deutliches  Beispiel 
für  die  ursprüngliche  religiöse  Bedeutung  des 
Agon  bot,  wonach  derselbe  ein  Wettringen 
um  die  sakramentale  Aneignung  eines  Heil- 
tumes  war,  so  waren  Stier  und  Bock  hier- 
für geeignet,  welche  im  dionysischen  Kulte 
(vgl.  § 14)  als  Verkörperung  des  lebenzeugen- 
den Nurnens  des  Gottes  selber  galten;  auch 
Wein  und  Feigen  konnten  als  Unterpfand  die- 
nen, sich  des  gnädig  mitgeteilten  Jahressegens 
zu  vergewissern.  Besonders  vollständig  und 
deutlich  ist  die  zu  gründe  liegende  Vorstellung 
dann  ausgedrückt,  wenn  die  Aneignung  des 
im  Tiere  verkörperten  Nu  mens  durch  die  sakra- 
mentale Verzehrung  vollzogen  wird,  die  im 
griechischen  Götterkulte,  durch  Hinzutritt  der 
Darbringung  vor  den  Gott , zum  Opfermahle 
geworden  ist*). 

Bei  einer  derartigen  Auffassung  des  Bocks- 
opfers wird  es  durch  die  angezogenen  Paral- 
lelen nahe  gelegt,  die  Umkleidung  mit  dem 

*)  Den  innern  Zusammenhang  der  ursprünglich  in 
ernster  Absicht,  zur  Erlangung  des  Natursegens  geübten 
Bräuche:  "Wettkampf  um  tiergestaltigen  Vegetationsdä- 
mon, sakramentale  Verzehrung,  Übertragung  von  Numen 
und  Nomen  auf  Menschen  mögen  zwei  Parallelen  aus 
neuerem  Volksbrauche  belegen.  Der  Erntehahn  ( Mann- 
hardt, Kornclärnonen  S.  13),  der  „im  Getreide  sitzt“,  wird 
heim  Schnitt  der  letzten  Halme  gehascht  (Haupt-Schma- 
ler, Volkslied,  d.  Wenden  2 S.  221),  mit  dem  letzten 
Fuder  eingefahren  , sei  es  als  lebendes  Tier  oder  im 
Abbild  (Kuhn,  Westfäl.  Sag.  2,  180  Nr.  499 — 509),  oder  die 
letzte  Garbe  oder  der  Erntekranz  führt  den  Namen 
( Witzschel , Sag.  a,.  Thüring.  2,  2 _ 0 ; ; vom  Verzehren  des 
Hahnes  heifst  der  Ernteschmaus  „Erntehahn“  (Pfannen- 
schmid , German.  Erntefeste  S.  109 — 111).  Aus  der  Tötung 
desselben  beim  Dreschen  hat  sich  das  agonistische  Spiel 
des  Hahnenschlagens  abgelöst,  wobei  der  Sieger  („Hahn- 
könig“) den  Hahn  zum  nachfolgenden  Schmause  erhält. 
— Um  darzustellen,  dafs  der  „Kornstier“  ( Mannhardt , 
Mgtholog.  Forschungen  S.  58 — 64)  beim  Schnitte  getötet, 
wird  in  Frankreich  nach  einem  blumen-  und  ährenge- 
schmückten Kalbe,  oder  nach  der  Garbe,  die  la  gerbe  du 
jeune  boeuf  heifst,  von  den  Schnittern  ein  Wettlauf  an- 
gestellt; der  Sieger  ist  „roi  de  veau“,  darauf  Schjnaus; 
wer  den  letzten  Hieb  beim  Kornschnitt  gethan,  hat  das 
Beeilt  zum  Dreschermahl  einen  Ochsen  zu  schlachten. 
In  Schwaben  wird  der  Drescher,  der  den  letzten  Schlag 
gethan,  in  Stroh  gehüllt  und  unter  nachgeahmtem  Gebrüll 
als  „Kornstier“  u.  s.  w.  umgeführt , in  Ungarn  wird  als 
Hülle  die  Kuhhaut  mit  den  Hörnern  benutzt.  Über  den 
Umzug  der  tiergestaltigen  Dämonen  (Habergeifs,  Erbsen- 
bär, bes.  Julbock  in  Skandinavien,  s.  Mannhardt , Ant. 
Wald-  u.  Feldk. : Dramatische  Darstellungen  des  Vegetations- 
lockes  S.  183  ff. ; der  aus  dem  Korn  der  letzten  Garbe  ge- 
backene Weihnachtsstollen  heifst  Julbock  u.  s.  w. , wo- 
durch wiederum  sakramentale  Verzehrung  sich  mit  der 
Umführung  verbindet.  Die  mythisch-dämonische  Bedeu- 
tung des  Opfer-  und  Preistieres  wird  im  neueren  Volks- 
brauch durch  das  ausdrücklich  ausgesprochene  Einwoh- 
nen im  Getreide,  im  dionysischen  Kulte,  der  zum  Acker- 
bau keine  Beziehungen  hat , durch  die  Tiergestalt  des 
Gottes  und  der  Dämonen  erwiesen. 


Dionysos  (Drama)  10S0 

Felle  {aiyig,  xgcnyr]) , welches  als  das  Haupt- 
stück des  Satyrkostüms  dieses  eigentlich  schuf, 
ursprünglich  nicht  für  eine  blofse  Vermum- 
mung zum  Spafse,  sondern  für  eine  real-sym- 
bolische Identifizierung  der  Feiernden  mit  den 
Vegetationsdämonen  zu  halten,  ganz  wie  die 
römischen  Luperci  ( Mannhardt,  Mythol.  Forsch. 
Kap.  3)  nach  einem  Ziegenopfer  als  Böcke, 
Fauni  umliefen,  „der  Volksgemeinde  bocksge- 
staltige  Dämonen  in  leiblicher  Versinnlichung 
vorführten.“  Diese  in  Attika  und  Latium  unge- 
fähr um  die  gleiche  Frühlingszeit  stattfindende 
Darstellung  des  Einzuges  der  Vegetations- 
dämonen ist  durch  die  divergierende  Entwicke- 
lung der  hellenischen  und  italischen  Religion 
dadurch  differenziert  worden,  dafs  die  römische 
Gemeinde  den  realen  — Reinigung  und  Frucht- 
barkeit wirkenden  — Endzweck  festhielt,  wäh- 
rend die  griechische  Festlust  den  einen  Um- 
stand festhielt , dafs  hierbei  Personen  als 
Wesen  andrer  Art  erschienen  und  sich  gebär- 
deten. So  trat  an  Stelle  des  Glaubens 
an  die  vorhandene  leibhaftige  Identi- 
tät, die  für  Ausübung  des  Naturzaubers  nötig 
war  (wie  sie  in  dem  Glauben,  dafs  der  Schlag 
der  Luperci  die  Weiber  fruchtbar  mache,  ge- 
wahrt ist),  die  Bewunderung  der  Fähigkeit  und 
Fertigkeit,  ein  fremdes  Sein  vorzuführen,  eine 
Rolle  zu  übernehmen  und  durchzuführen  und 
mit  der  freien  Übernahme  der  Rolle  zu- 
gleich das  eigentliche  dramatische  Spiel.  War 
der  ursprüngliche  Gegenstand  der  dramati- 
schen Darstellung  der  Einzug  und  Umlauf  der 
Dämonen,  so  erhellt  sofort,  warum  das  älteste 
Satyrspiel  wie  die  Tragödie  ganz  aus  Chören 
bestand  {Gvvioxrjns  — aaxvQLni]  näau  noigois 
To  ncdcuöv  in  v,  cog  nocl  r]  t ots  XQaycgdicc 

Athen.  14  p.  630  c).  Der  Urkeim  der  Tragödie, 
der  Satyrchor,  blieb  bekanntlich  als  Schlufs- 
stück  der  ausgebildeten  Tragödie  im  dgä/ia  Ga- 
xvQinov  erhalten,  dessen  erste  Ausbildung  durch 
Pratinas  aus  Phlius , einem  alten  Sitze  des 
Dionysoskultes,  erfolgte  {Welcher , Nachträge 
S.  146  f.).  In  dem  einen  erhaltenen  Satyrdrama, 
wie  in  denen,  deren  Inhalt  aus  der  Zertrüm- 
merung ersichtlich  ist,  beruht  Einführung  und 
Anteilnahme  des  Satyrchores  an  der  Handlung 
der  heroischen  Personen  auf  freier  Erfindung 
der  Dichter,  ein  Anzeichen,  dafs  der  Dionysos- 
kult dem  Drama  nur  Spieler  und  deren  Cha- 
raktermaske, nicht  aber  Stoffe  zukommen 
liefs.  Was  aufser  der  Grundlage  der  dra- 
matischen Kunst,  dem  mimetischen  Spiele 
des  Chores,  der  Dionysoskult  der  nicht  weiter 
zu  verfolgenden  Entwickelung  des  Dramas  mit- 
gab, war  die  Form  des  Wettkampfes,  der 
zu  immer  stattlicherer  Ausstattung  vorwärts 
drängte,  ferner  für  den  Dichter,  der  gläubig 
zu  Ehren  des  Gottes  schuf,  wie  für  die  Fest- 
gemeinde, der  Erweis  seiner  Macht,  vermöge 
deren  er  den  menschlichen  Geist  mit  seinem 
Geiste  erfüllen  und  über  die  Sorgen  des  nüch- 
ternen Alltagslebens  hinwegheben  konnte. 
Wenn  die  Mythen  von  Trugbildern  berich- 
teten , welche  der  Gott  vor  den  Geist  sei- 
ner Feinde  zu  deren  Verderben  zauberte,  so 
entstand  jetzt  an  seinen  Festen  eine  Kunst 
der  Illusion  {cci iaxr\  z.  B.  in  der  vita  Aesch.) , 


io 

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50 

60 


1081  Dionysos  (Komödie) 

welche  gleichfalls  den  Geist  zu  entrücken  ver- 
mochte. Wie  ferner  der  Gott  als  Befreier 

1(Av6los)  das  Gemüt  vom  Wahnsinn  reinigt,  so 
wurde  auch  die  Wirkung  des  Dramas  als  Be- 
freiung (hu&ccqois)  empfunden,  die  von  dem 
Urheber  dieses  vielumstrittenen  Terminus  mit 

Ider  Wirkung  der  orgiastischen  Weisen  ( Aristot . 
pol.  8,  7,  1342  a)  zusammengestellt  wird.  — Die 
Ursprünge  der  Komödie  lagen  nach  Aristoteles 
( poet . 4)  in  den  Improvisationen  derer,  welche 
die  Lieder  bei  den  phallischen  Umzügen  an- 
stimmten ( and  zcöv  {£aQ%6vT(ov  za  qpaLlncce), 
welche  Sitte  zu  seiner  Zeit  noch  in  verschie- 
denen Städten  fortbestand.  Aus  der  Beschrei- 
bung des  Semos  von  Delos  {Athen.  14  p.  622) 
ist  ersichtlich,  dafs  für  die  Phallophoren  ein 
bestimmtes  Kostüm,  namentlich  Bekränzung, 
z.  Teil  auch  Maskierung  bräuchlich  war,  wel- 
ches nach  dem  Vorbilde  der  Tragödie  in  das 
Kostüm  des  komischen  Chores  überging.  Dafs 
die  Komik  zunächst  als  persönlicher  Spott 
unter  dem  Schutze  der  Maskenfreiheit  losbrach, 
ist  echt  volkstümlich,  wie  auch  dergleichen  bei 
volkstümlichen  Festmaskeraden  alter  und  neuer 

!Zeit  üblich  war;  im  übrigen  zeigt  die  alte 
Komödie  nicht  nur  darin,  dafs  sie  die  persön- 
lichen Ausfälle  des  aggressiven  Volkshumores 
I (was  Aristoteles  die  tagßiKg  iSsa  nennt)  be- 
' wahrt,  ihren  Ursprung  an;  sondern  sie  wur- 
■ zeit  auch,  wie  sie  im  Gegensatz  zu  der  die 
Allerweltsmisere  porträtierenden  neuern  Komö- 
die echt  attisches  Landesgewächs  ist,  ganz  in 
der  Feststimmung  .des  Dionysoskultes.  Was 
die  Alten  so  vielfach  als  Wirkung  der  Gottes- 
gabe ausführen,  dafs  wir  {Pind.  fr.  203  Bgk.) 
von  ermüdenden  Sorgen  befreit,  alle  ein- 
ander gleich,  in  einem  Meere  goldnen  Über- 
flusses nach  einem  Traumlande  segeln,  in  einen 
solchen  Rausch  des  lachenden  Optimismus  und 
[ zugleich  der  verwegensten  Phantastik  sucht 
die  Komödie  die  Festgemeinde  zu  versetzen: 
da  wird  das  Unmögliche  möglich,  sei  es  die 
Fahrt  in  den  Hades  {Aristophanes'  Frösche  u. 
i rriQvräörjs.  Kock,  Com.  I [worauf  sich  auch  die 
folgenden  Citate  beziehen]  p.  427.  Pherecrates 
Kgancczaloi  p.  167,  Mszctllris  p.  134),  das  Wie- 
dererlangen geliebter  Toten,  oder  die  Reise  zum 
Olympos,  die  Alten  und  Kranken  werden  wieder 
jung  und  lebensfroh,  heil  und  gesund  {Aristo- 
I phanes'  Bitter,  Wespen,  Plutos,Aficpicigscos  p.  396 
j rfjQc/g  Athen.  3 p.  109.  Pherekrates  rpäsg[?] 
p.  153),  wenn  nicht  gleich  ein  Schlaraffenland, 
wo  die  onzczl  Kylai  mgi  z'o  azoy  snszovzo  {Phe- 
recrates MszaXXrjg  a.  a.  0.  frg.  108,  23),  sei  es  in 

ider  Unterwelt,  im  goldnen  Zeitalter  oder  in  den 
Wolken  geschildert  wird.  Wie  diese  echt  dio- 
nysische, übermütige  Phantastik  kein  littera- 
i risches  Vorbild  hat,  so  führen  auch  die  Tier- 
chöre, in  welchen  die  Dichter  von  Magnes  an 
(vergi.  Ar.  equ.  522  Scholl.  Bdzgaxot.,  ’Ogvid'sg, 
Wr/reg-,  Kratrs  ("hjout  p.  133 ; Eup o lis A ty f g p . 2 5 8 ; 
Aristophanes  rhlagyoi  p.  502.  Archippus  ’ly- 
fftsg  p.  681)  ihren  Humor  entfalteten,  ein  vor- 
her nicht  anzutreffendes  Element  eines  urwüch- 
sigen Natursinns,  der  von  der  Waldmuse  {Movocc 
i loxfiona  Ar.  av.  737)  selber  gelernt  hat,  in  die 
bitteratur  ein,  worin  die  Dionysosverehrer  auf 
len  Bergtriften  und  den  Rebenhügeln  ihr  ver- 


Dionysos  (Kult  der  Inseln)  1082 

trautes  Zusammenleben  mit  der  Natur  wie  mit 
ihren  Herden  wiedergespiegelt  fanden.  Be- 
achten wir , wie  zum  Teil  (vergi.  Wespen, 
Frösche ) die  Tiermaske  gar  nicht  mit  der  Idee 
des  Stückes  gegeben  ist,  sondern  als  an  sich 
selbst  berechtigter  Scherz  erscheint,  so  dürfen 
wir  wohl  annehmen,  dafs  bei  dem  bäuerlichen 
Fasching  vor  Ausbildung  des  Dramas  die 
Satyr-Bocksmaske  nicht  die  einzige  Tierver- 
mummungwar, dafs  wie  in  unsern  Weihnachts- 
und Fastnachtsbräuchen  auch  andere  Masken, 
mit  Stimme  und  Gebärde  Tiere  nachahmend, 
umgingen.  Die  Stellung  des  Menschen  zur 
Tierwelt  wird  in  diesen  humoristischen  Erfin- 
dungen von  Vogelstaaten,  Friedensschlüssen 
mit  Fischen  u.  s.  w.  so  gehalten,  dafs  die 
Tiere  als  zum  mindesten  gleichstehende  Wesen 
erscheinen;  hierdurch  wird  nur  der  einst  ernst- 
haft gemeinte  Glaube  der  Urzeit  reproduziert, 
welchen  wir  im  dionysischen  Religionskreise 
im  Opferwesen,  der  Tiergestalt  der  Dämonen 
und  deren  Verkörperung  und  Darstellung  durch 
Menschen  ausgesprochen  finden. 

Die  Pflege  des  Dramas  hat  den  Dionysos 
in  ein  nahes  Verhältnis  zu  den  Musen  ge- 
bracht. A.  Mslndysvog  in  Athen  als  Stamm- 
gott der  Euneiden  (vgl.  Artikel  Euneos)  und 
Acharnai  Paus.  1,  2,  4;  durch  ihn  ist  seine 
nächststehende  Genossin  Melpomene  zur  Muse 
der  Tragödie  geworden.  Im  attischen  Theater 
Sitze  des  Priesters  Aiovvgov  M.  s’x  zsxvsLztnv 
C.  I.A.3,  1,  278  u.  Evvsidäv  {ib.  274).  Auf  dem 
Helikon  Dionysos  und  Terpsichore , die  ihre 
Attribute,  Epheu  und  Flöte  getauscht  haben, 
Kaibel,  epigr.  788.  Votivinschrift  für  A . Mova- 
ayszgg  von  dem  Agonotheten  der  grofsen  Diony- 
sien  in  Naxos,  Mitteil.  d.  ath.  Inst.  3 S.  161.*) 

F.  Dionysos  auf  den  Inseln  und  in  Kleinasien; 
im  hellenistischen  Zeitalter. 

§ 20.  Dionysoskult  der  Inseln. 

Von  den  Inseln  des  Agäischen  Meeres  sind 
schon  Lesbos,  Chios,  Tenedos,  Andros,  Naxos 
erwähnt  worden.  Auf  Lesbos  A.  BgriGaytryg 
s.  Inschr.  Bullet,  de  corr.  hellen.  4 p.  445,  der 
früher  nur  als  Bgiaaio g {Steph.  Byz.  Bgiact) 
bekannt  war.  Tempel  zu  Mytilene  mit  Ge- 
mälden aus  dem  dionysischen  Sagenkreise  Lon- 
gus  4,  3,  was,  da  der  Roman  auch  sonst  Lokal- 
kenntnis zeigt,  erwähnt  werden  darf;  Priester 
des  Dionysos  ebendas.  Ael.  v.  h.  13,  2.  In 
Methymna  Dionysien  mit  Umführung  des  Ido- 
les,  (reo  ayotXyazog  nsgupogee , Inschr.  Bull.  d. 
corr.  hell.  7 p.  35)  vielleicht  des  S.  1063  er- 
wähnten A.  (frctXXrjv.  Auf  Amorgos  A.  Kiggo- 
y. 6a ctg  Bofs,  inscr.  ined.  nr.  135;  eine  eigen- 
tümliche Namensform  Alsvvgcoi  giebt  eine 
ebend.  stammende  Inschrift  Bull,  de  corr.  7 
p.  187.  Auf  Mykonos  {Dittenberger,  Sglloge  2, 
373  l.  28)  wird  als  Opfer  im  Monat  Bak- 
chion  vorgeschrieben  Azovvacg  B xiuagog 
Hcdhczavaiv.  Von  Naxos,  bekanntlich  einer 

*)  Die  Schauspieler  hiefsen  bekanntlich  ol  mol  r'uv 
A.  re/vitai.  Über  ihre  Vereinigungen  — die  bedeutendste 
die  Synodos  tü>v  mol  tbv  A.  te/ritüv  tr'iv  in'  'hovlag 
xal  'BÄÄijanbvzou  zuTeos,  welche  die  re/vitai  mgl  zbv 
xaOijyi/uora  A . nebst  einer  anderen  Gesellschaft  in  sich  auf- 
nahm,— vgl.  0.  Luders,  Die  dionysischen  Künstler , Berl.  1873. 


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1083  Dionysos  (Verwandlg.  d.  Tyrrhener) 

der  berühmtesten  Stätten  des  Dionysosdienstes, 
ist  bereits  die  Lokalisation  des  Geburtsmythus, 
sowie  der  Kultus  des  Baxxsvg  und  Msili%Loq 
erwähnt;  der  gefeiertste  Mythus  ist  das  da- 
selbst vollzogene  Beilager  mit  Ariadne  (s.  d.); 
eine  angeblich  Wein  spendende  Quelle  be- 
wahrte die  Erinnerung  daran  (. Steph . Byz.  Na- 
£og.  Seneca  Oed.  503  sq.).  Der  hohen  Bedeu- 
tung des  Kultes  für  diese  Insel  entspricht  es, 
dafs  dieselbe  Sitz  der  Thraker  war,  auf  welche  10 
ohne  Zweifel  dessen  Stiftung  zurückzuführen 
ist.  Da  die  naxischen  Thraker  eine  bedeu- 
tende Seemacht  entfalteten  ( Biod . 5,  50),  so  ist 
es  wahrscheinlich,  däfs  sie  auch  ihren  Stammes- 
gott als  Helfer  zur  See  anriefen,  da  auf  die 
Gottesverehrung  vor  dem  künstlichen  Ausbau 
des  polytheistischen  Systems  die  spätere  Ein- 
schränkung auf  bestimmt  abgegrenzte  Wir- 
kungskreise nicht  zu  übertragen  ist.  Das 
Symbol  gnädigen  göttlichen  Geleits  und  glück-  20 
licker  Fahrt  ist  bekanntlich  der  Delphin.  Nun 
verwandelt  Dionysos  tyrrhenische  See- 
räuber, die  den  jugendlichen  Gott,  statt  ihn, 
wie  bedingt,  nach  Naxos  zu  fahren,  gefangen 
fortführen  wollen,  in  Delphine,  während  sie 
durch  Spukgestalten  und  Wunderzeichen  er- 
schreckt ins  Meer  springen  {Rom.  Hymn.  7. 
Apollod.  3,  5,  3.  Ov.  Met.  3,  577  sq.  Hyg.  f. 
134.  id.  P.  A.  2 , 17  nach  den  Naxica  des 
Aglaosthenes.  Serv.  Verg.  Aen.  1,  67.  Nonn.  30 
45,  106  sq.).  Bekanntlich  sind  eine  grofse  An- 
zahl der  Verwandlungssagen  ätiologische  Le- 
genden, die  als  Begründung,  warum  ein  Tier 
oder  eine  Pflanze  dem  Gotte  lieb  oder  heilig 
sei,  ein  Neigungs Verhältnis  desselben  zu  ei- 
ner Person  fingieren , das  auch  nach  voll- 
zogener Verwandlung  ihres  Wesens  fort- 
dauert. Wie  Dionysos  als  Gott  der  Rebe 
galt,  längst  ehe  die  Verwandlung  des  Ampe- 
los  erfunden  war , so  erkennen  wir  einen  40 
Nachklang  der  Verehrung  des  Gottes  als  Asl- 
qu’viog,  d.  i.  als  hilfreichen  Geleiters  seiner 
seefahrenden  Verehrer  auf  Naxos,  im  Mythus 
von  den  Tyrrhenern.  Als  dieser  Bezug  des 
Gottes  auf  das  Seeleben  verloren  gegangen 
war,  wurde  daraus  ein  einzelnes  Abenteuer 
gedichtet , und  zwar  nach  dem  Typus  der 
Mythen  von  Lykurgos  und  Pentheus  ein  Sieg 
über  seine  Feinde,  die  in  dem  zarten  Jüngling 
nicht  den  mächtigen  Gott  erkennen.  Das  Lo-  50 
kal  führte  darauf,  als  die  Ubelthäter  die  ver- 
rufenen Piraten  des  Ägäischen  Meeres,  die 
Tyrrhener,  anzusetzen,  welche  auch  in  der  Tem- 
pellegende von  Samos  {Athen.  15  p.  672)  eine 
ähnliche  Rolle  spielen;  den  Sprung  aus  dem 
Schiffe  ins  Meer  ergab  die  Naturbeobachtung 
der  Delphine,  wie  wir  der  Darstellung  des 
Lysikratesdenkmales  entnehmen  dürfen,  welche 
die  erschreckte  Flucht  aus  dem  Schiffe  und  den 
Sprung  der  Delphine  in  ihr  Element  in  leben-  60 
digster  Weise  verschmilzt.  [Betreffs  der  jugend- 
lichen Erscheinung  sucht  Baumeister , Hymn. 
Rom.  S.  338)  die  Worte  vsyriy  ardgi  fowws 
7iQco&/ißy  zur  Zeitbestimmung  des  Hymnus  zu 
verwerten,  als  erst  nach  der  von  der  Kunst 
eingeführten  jugendlichen  Bildung  des  Gottes 
möglich;  dagegen  ist  auf  ihr  offenbares  Vor- 
bild Horn.  K 278  hinzuweisen,  woher  die  drei 


Dionysos  (Verwandlg.  d.  Tyrrhener)  1084 

ersten  Worte  wiederholt,  die  folgenden:  ngä- 
tov  vTtt]vr'iT7],  ov7t£Q  %eiQir ozdxr]  rjßrj  in  ein  Bei- 
wort zusammengezogen  sind;  die  Stelle  lehrt 
zugleich , wie  die  Poesie  in  der  Einführung 
jugendlicher  Gottgestalten  ihren  eignen  Weg 
ging.]  Durch  diese  Annahme  löst  sich  der 
Widerspruch,  dafs,  während  sonst  das  Natur- 
dasein nach  der  Verwandlung  sich  als  Fort- 
setzung der  Beziehungen  des  menschlichen 
Lebens  giebt , hier  die  wilden  Seeräuber  in 
Tiere  verwandelt  werden , die  den  Griechen 
sonst  als  menschen-  u.  musenfreundlich  galten. 
Das  Innenbild  einer  Trinkschale  (schwarzfig.) 
des  Exekias  (München  nr.  339  = Gerhard,  a. 
V.  49)  stellt  den  Gott  zu  Schiffe  dar  unter 
einer  den  Mastbaum  umrankenden  Weinlaube 
liegend;  Schnabel  und  Spiegel  des  Schiffes 
sind  in  der  Form  eines  Delphins  gebildet,  das 
von  Delphinen  umschwärmt  wird.  Will  man 
hierin  eine  Darstellung  des  Tyrrhenermythus 
erblicken,  so  fehlt  den  Schiffen  wie  den  Del- 
phinen jede  Andeutung  des  vorangegangenen 
Zustandes;  wir  sehen  darin  einen  Dionysos 
Delphinios,  eine  Darstellung  von  dem  Walten 
des  Gottes  über  die  beruhigte  See,  welche  Vor- 
stellung der  Verwandlungssage  vorausging. 
[In  Smyrna  wurde  an  den  Anthesterien  eine 
vom  Dionysospriester  gesteuerte  Triere  um- 
geführt, der  Legende  nach  zur  Erinnerung  an 
einen  Sieg  über  die  während  des  Festes  ein- 
brechenden Chier  {Philostr.  vit.  soph,  I p.  227. 
Aristid.  or.  Srnyrn.  p.  373  Dind .);  der  wahre 
Grund  mochte  sein,  dafs  man  hiermit  den  Ein- 


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zng  des  Frühlingsgottes  über  das  nach  den 
Winterstürmen  wieder  beruhigte  Meer  vor- 
führen wollte.]  Bei  Euripides  {Cycl.  11)  han- 
deln die  Tyrrhener  von  Hera  angestachelt,  und 
Silen  mit  den  Satyrn  macht  sich  auf,  um 
nachgehend  den  Gott  zu  suchen;  diese  dem 
Satyrspiel  geläufige  Anschauung,  an  den  Aben- 
teuern des  Gottes  den  Satyrchor  teilnehmen 
zu  lassen,  leitet  zur  Darstellung  des  Lysikra- 
tesdenkmales über,  auf  welchem  die  Züchtigung 
der  Seeräuber  z.  Teil  Werk  der  Satyrn  ist. 
In  späterer  Zeit  identifizierte  man  die  Tyrrhe- 
ner mit  den  Etruskern  (so  Nonnos  a.  a.  0., 
bei  dem  übrigens  gerade  wie  bei  Ovid  die 
Sage  dem  Pentheus  zur  Warnung  erzählt  wird), 
und  stellte  diese  besiegten  Feinde  im  Westen 
mit  den  Indern  im  Osten  zusammen  {Arist. 
or.  4 p.  50  D.  Luc.  de  satt.  22  Tvggyvovg  nal 
’tvdovg  nui  Avdovg  £%eiQ(6oeeTO , Bong.  4,  3). 
Eine  eigentümliche  Wendung  bietet  das  Ge- 
mälde Philostrats  (1,  19),  wo  Dionysos  nicht 
auf  dem  Schiffe  der  Tyrrhener  sich  befindet, 
sondern  auf  seinem  eigenen  bakchisch  ausge- 
statteten  {vaiig  ftscogig)  ruht , welchem  das 
kriegerisch  gerüstete  Piratenschiff  entgegen- 
fährt. Lukian  sagt,  dafs  der  Gott  die  Tyr- 
rhener in  einer  Seeschlacht  besiegt  habe  {dial. 
d.  mar.  8 p.  306:  naTavccvucixgaoig  gsxsßcds, 
Siov  yovov , cooitsg  rovg  allovg 

vnrjyccysTo);  da  man  in  dieser  Zeit  die  Tyrrhe- 
ner als  Völkerschaft  verstand  und,  wie  § 22 
auszuführen,  an  der  Schilderung  des  Dionysos 
als  siegreichen  Anführers  seines  Thiasos  und 
dessen  Kämpfen  grofses  Gefallen  fand,  so  war 
wahrscheinlich  in  die  Reihe  der  Kriegsthaten 


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1085  Dionysos  (Kult  in  Kleinasien) 

des  Gottes  auch  dieser  Mythus  hineingezogen 
und  zur  Seeschlacht  ausgesponnen  worden,  wo- 
wozu  Philostrats  Gemälde  die  einleitende  Situa- 
tion darstellte;  vgl.  den  Kampf  des  poseidoni- 
schen  mit  dem  dionysischen  Thiasos  wegen  der 
Liebe  der  beiden  Götter  zur  Beroe,  Norm.  1.  43. 
— Auch  nach  Kypros  liefs  man  den  Gott  ge- 
langen und  dort  sich  in  Adonis  verlieben  (Pha- 
i noliles  b.  Fiat,  quaest.  conv.  4,  5,  9.  Plat.  com. 
bei  Athen.  10  p.  456  a). 

§ 21.  Dionysoskult  in  Kleinasien. 
Verhältnis  zu  Kybele  und  Sahazios. 

Der  ldeinasiatische  Dionysoskult  ist  vor 
i allem  durch  die  Verbindung  mit  dem  gleich- 
falls orgiastischen  Kybelekulte  wichtig  gewor- 
den. Die  bei  den  Phrygern  heimische  Lärm- 
musik der  ehernen  Becken  (-nvfißcda)  und 
Handpauken  (xvgnava),  die  frühzeitig  ausge- 
bildete Flötenmusik  hat  sich  der  dionysische 
Kult  vollständig  angeeignet.  Was  die  glei- 
chen Elemente  anlangt,  die  eine  Verschmel- 

izung  der  beiden  Kulte  begünstigten,  so  sei 
zunächst  auf  die  enge  Stammverwandtschaft 
der  Phryger  und  Thraker  hingewiesen,  welche 
eine  entsprechende  Wesensgleichheit  der  Gott- 
heiten in  ihrer  ältesten,  von  fremden  Ein- 
flüssen unberührten  Gestalt  zur  Folge  hatte. 
Wie  Bakchos  hat  Kybele  die  Macht  der 
«Geistesverwirrung;  wie  dem  Bakchos  von  B«- 
t ’,cu,  so  wird  der  Kvßqßiq  von  Kvßyßoi,  räl- 
lot,  Kogvßcevxsg  u.  s.  w.  gedient;  der  Ver- 
[ shrung  des  Dionysos  Dendrites  ähnelt  die 
Einführung  der  Fichte  aus  dem  Walde  in  das 
lybeleheiligtum.  Die  Verbindung  des  Dio- 
lysos  mit  Kybele  knüpft  an  deren  Macht  an, 
iV ahnsinn  zu  verhängen , wie  zu  entfernen, 
iur  Befreiung  von  Gemütsverwirrung  wurde 
lie  Weihe  der  Korybanten  gesucht;  so  sollte 
/ucli  Kybele  den  von  Hera  in  Wahnsinn  ver- 
etzten  Dionysos  in  ihren  heiligen  Felsgrotten 
sv  Kvßslot-g)  gereinigt  und  die  Weihen  ge- 
ehrt haben  ( Schol . II.  Z 131 , der  mit  dem 
nter  Apollodors  Namen  gehenden  Leitfaden 
3,  5]  aus  einer  Quelle  schöpft,  Marm.  Par. 
p.  10;  in  der  Pompe  des  Ptolemaios  Philadel- 
hos  A.  nsgi  xov  xijg  ’Psug  ßcogov  Kccxarcscpsv- 
cog,  oxi  vnbr'HQug  sdicossxo,  Athen.  5 p.  201c). 
mdere  erzählen  von  der  Pflege  seiner  Kincl- 
eit  durch  die  Göttin  ( Nonn . 10,  13  sq.  Steph. 
<yz.  MuGTavQcc);  r'lmta,  seine  Amme  auf  dem 
molos,  Orph.  hymn.  47,  4.  48,  wahrscheinlich 
in  Beiname  der  Göttermutter,  der,  leicht  ver- 
trieben, auf  einer  Inschrift  aus  Kula  ( Mov - 
‘ uov  x.  Bißho&qxr]  xijg  svctyysX.  aiolij g sv 
yvQvr]  3 p.  169  nr.  xyß'.)  wiederkehrt:  MII- 
'PI  ihTA  KAI  AIEI  2[<xß u&<p].  Auch  die 
eubelebung.  der  wiederzusammengesetzten 
jlieder  des  von  den  Titanen  zerrissenen  Got- 
s wurde  der  Rhea  oder  der  Demeter  ( Diod . 

, 62)  zugeschrieben  (Paus.  8,  37,  3.  Philo- 
'•m  TtsQi  svasß.  Gomperz  2 p.  16  col.  44  p.  47 
>1.  96).  Nach  Apollodor  und  Schol.  II.  a.  a.  O. 
npfing  Dionysos  von  der  Göttin  die  Aus- 
istung  ( axolrjv , diaonsvriv ) , womit  die  teil- 
j eise  Entlehnung  des  Kultusapparates  aus 
sm  phrygischen  Dienste  bezeichnet  wird, 
enn  Dionysos  von  Kybele  gereinigt  und  in 
n Weihen  unterrichtet  worden  ist,  so  ist  er 


Dionysos  (Kult  in  Kleinasien)  1086 

hierin  das  Vorbild  seiner  Verehrer,  die  sich 
in  den  abgeschlossenen  Zirkeln  privater  Myste- 
rien vereinigten  und,  wie  sogleich  zu  zeigen, 
mit  den  Elementen  phrygischen  Kultes  der 
orphischen  Theologie  neuen  Stoff  zuführten. 
(Die  personifizierte  Tslsxg  zeugt  Dionysos  mit 
Nikaia,  der  Tochter  des  Sangarios,  Nonn.  15, 
169  bis  16,  nach  Memnon  sv  xoig  tisql  ’IIqcc- 
kIslciv  (Phot.  Mbl.  cod.  190  p.  233  b)  HÜxvqov 
red  sxsQovg).  Die  Beeinflussungen,  welche  Dio- 
nysos hierdurch  erleidet,  führen  auf  eine  teil- 
weise Identifikation  mit  Sabazios  zurück.  Ari- 
stophanes  (vesp.  9)  erwähnt  Nachtfeiern  der 
Sklaven  zu  dessen  Ehren;  zum  vollen  Ver- 
ständnis der  Worte:  xov  avxuv  <?p’  sgol  ßov- 
Holsig  Haßctljiov  ist  zu  berücksichtigen,  dafs 
die  Mysten  jenes  Gottes  ßovxoloi  hiefsen;  es 
wäre  daher  ßovxohs ig  Haßa£iq>  zu  erwarten,  wo- 
für jene  Worte  na q vnovoxav  stehen.  Die  be- 
kannte Schilderung,  die  Demosthenes  (de  cor. 
260)  von  dem  Gebaren  seines  Gegners  in  den 
Winkelmysterien  entwirft,  bringt  aufser  dem 
rituellen  Gebrauche  der  Schlangen  die  Ämter 
des  niaxocpoeog  und  huvocpoQog  bei.  Bedeu- 
tender entfaltete  sich  dieser  Mysteriendienst 
in  seiner  kleinasiatischen  Heimat.  In  einem 
Ehrendekret  der  ßovsölox  aus  Pergamon  (Her- 
mes 7 S.  40)  für  den  uQiißovyioXog , dia  xov 
svGsßcög  scd  ä^icog  xov  xa&yyrjyovog  Aiovvgov 
TtQoCGxaGlIui  rcöv  ftsiav  gvaxgqicov,  werden  als 
Beamte  genannt  'TyvodidtxGxaloi,  Hsilrjvioi, 
und  ein  xoQgyog-,  auf  einer  Inschrift  aus  Apol- 
lonia (C.  1.  Gr.  2052)  kommen  zu  dem  \ly.vo- 
tpoQog,  ßovzolog,  KLGxoqjoQog  noch  xparpptaxög, 
aQ%ißuGGC(QU  u.  a.  Wie  namentlich  die  erste 
Inschrift  zeigt,  fiel  dies  Mysterienwesen  mit 
der  Schwärmerei  für  Orchestik  zusammen;  nach 
Lucian  de  salt.  79  wurde  man  in  Ionien  und 
am  Pontos  nicht  müde  dem  Mimus  der  Tita- 
nen, Korybanten,  Satyrn  und  Hirten  zuzu- 
schauen, und  dergleichen  tanzten  auch  die 
vornehmsten  Bürger,  wonach  die  ßovxoloi  so 
wenig  Hirten  von  Profession  waren,  wofür  sie 
der  Herausgeber  der  ersten  Inschrift  hält,  wie 
die  arkadischen  Schäfer  des  17.  Jahrhunderts. 
Darstellungen  der  in  diesen  Mysterien  von  den 
mGxocpoQOt.  einhergeführten  cista  mystica  als 
eines  geflochtenen  Korbes,  unter  dessen  halb- 
gehobenem Deckel  eine  Schlange  hervorschlüpft, 
finden  sich  bekanntlich  auf  den  in  römischer 
Zeit  zur  Münze  der  Provinz  Asia  erhobenen 
sog.  Cistophoren  (vergl.  Pinder,  Abliandl.  der 
Berliner  Äkad.  1855  S.  533.  Mommsen , Rom. 
Münzw.  S.  704).  Der  umgebende  Epheukranz 
sichert  die  bakchische  Bedeutung  dieses  auch 
in  anderen  Kulten  verwandten  Gerätes  (Harp. 
HiGxocpoQovg).  Dieser  Korb  findet  sich  auch 
unter  den  bakchischen  Gerätschaften  der 
Gruppe  des  Farnesischen  Stieres,  ferner  auf 
zahlreichen  römischen  Sarkophagen  im  bak- 
chischen Thiasos,  öfters  zu  Füfsen  des  Diony- 
sos. Einen  der  Schlange  selber  geltenden  ri- 
tuellen Akt  stellt  das  Innenbild  einer  Silber- 
schale dar , die  der  Herausgeber  (Stephani, 
Schlangenfütterung  in  den  orphischen  Mysterien, 
St.  Petersburg  1873)  ins  zweite  Jahrhundert 
n.  Chr.  setzt : eine  Balcchantin  öffnet  den  Deckel 
des  Korbes  und  tränkt  die  sich  hervorwin- 


1087  Dionysos  (Mysterien) 


Dionysos  (Indischer  Feldzug)  1088 


dende  Schlange  aus  dem  Kantharos.  Was 
nun  die  Bedeutung  dieser  mystischen  Schlange 
anlangt,  so  steht  die  Beziehung  der  Schlange 
zu  Sabazios  fest  (vgl.  l'heophr.  char.  16:  iav 
l'Sy  ocpiv  sv  xfi  oiv-iu  nuQSi'av,  Naßdt,iov  nalcäv; 
Relief  von  Blandos,  Conze,  Heise  auf  d.  Inseln 
d.  thrakisch.  Meeres.  T.  17,  7 : neben  dem  Gotte 
eine  Schlange  sich  emporringelnd;  Relief  aus 
Kula  (Koloe)  Mem.  couronn.  p.  l’acad.  belg.  t.  30 
p.  8:  auf  Wagen  des  Gottes  Schlange  und  Adler 
(letzterer  wegen  der  Identifikation  mit  Zeus 
gemäfs  der  Inschrift:  r]  Kolorjvcbv  xaroixia  y.cAt- 
iSQoußsv  Ata  Haßdgiov).  Das  Hauptsymbol  der 
Sabaziosmysterienwar  eine  durch  die  Kleider  der 
Einzuweihenden  gezogene  Schlange,  genannt 
6 äicc  yoXtiov  &sog  {Giern.  Al.  Protr.  2,  16. 
Firmic.  Mat.  cap.  11);  dies  bezog  sich,  wie 
Clemens  ausdrücklich  bezeugt,  auf  den  orphi- 
schen  Mythus,  dafs  Zeus  in  Schlangengestalt 
der  Persephone  beiwohnte  und,  mit  ihr  ..den 
stiergestaltigenDionysos-Zagreus  zeugte.  (Über 
diesen  Mythus  bei  den  Orphikern  Lobeck,  Agl. 
547  sq.  Nonn.  5,  566  sq.)  [Zu  dem  Euphe- 
mismus des  Bildes : in  den  Busen  nehmen 
s.  v.  a.  empfangen  vergl.  die  Sage  von  At- 
tis,  Paus.  7,  17,  5:  sGd'sysvrjg  {ttnyargog) 
slg  x ov  yoXuov  (nämlich  die  Mandel),  xap- 
nog — rjv  CCVXLV.K  cccpuvgg , ccvxr]  de  invei,  und 
Anton.  Lib.  32  'AnoXXeov  — sysvsxo  — ysv 
nXs(i[ivg  — Agvong  xgv  ulepgvv  svsQ'sxo  ei g 
rovg  yoXnovg  — gsxaßaXtbv  sysvsxo  bgccxcov 
v.xX.  ] Dies  besagte  der  orphische  Spruch,  dem. 
a.  a.  0.:  xavgog  naxrjQ  ÖQccYovxog  xai  (nax r/Q 
del.  Pindorf)  xavQov  Squ-acov.  Der  Spruch  be- 
zieht sich  in  seinem  zweiten  Teile  auf  die 
Sage.  Zugleich  wird  aber  eine  mythische  Ein- 
heit des  Zeugers  und  des  Gezeugten  angezeigt, 
wie  denn  Sabazios  gewöhnlich  Zeus  genannt, 
auch  in  einem  orphischen  Hymnus  (48)  ausdrück- 
lich als  Vater  des  Dionysos  gefeiert  wird;  andrer- 
seits ist  die  Schlange,  die  mit  Devotion  in  dem 
heiligen  Korbe  einhergeführt  wird,  Verkörpe- 
rung oder  Fetisch  des  Dionysos  (Dionysos  als 
vnonoX-niog  angerufen  Orph.  Hymn.  52,  11). 

§ 22.  Indischer  Feldzug. 

Der  indische  Feldzug  Alexander  des  Grofsen 
liefs  die  Griechen,  die  bekanntlich  mit  gröfs- 
ter,  höchst  unkritischer  Leichtigkeit  in  frem- 
den Gottheiten  die  heimische  wiederfanden, 
bei  den  Indern  dionysischen  Kult  vorfinden; 
Megasthenes  (bei  Strab.  15  p.  711)  nennt  als 
Anzeichen  hierfür  die  bunten  Gewänder  der 
Könige,  ihr  Aufzug  unter  Schellen-  und  Pau- 
kenmusik. Das  Gebirge,  das  die  Griechen 
Mygog  nannten,  erinnerte  an  die  Schenkel- 
geburt, Arr.  Ind.  5,  4;  eine  Stadt  Nvaaa 
ebend. , Berg  Nvca  mit  Heiligtum , das  aus 
Ölbäumen,  Epheu  und  Reben  zusammengewach- 
sen, Pliilostr.  vit.  Apoll.  Tyan.  2,8p.  26. 
Hach  dem  Vorbilde  des  wunderbaren  Sieges- 
zuges Alexanders , der  auch  zu  rauschenden 
Festlichkeiten  Anlafs  gab,  an  denen  der  Make- 
donenkönig  unter  üppigen  Gelagen  den  ange- 
stammten Gott  seiner  Heimat  feierte,  führte 
man  jenen  angeblichen  Dionysosdienst  der  In- 
der auf  ihre  Unterwerfung  durch  Dionysos  zu- 
rück. Hach  Strabo  15  p.  687  hielt  Megasthe- 
nes mit  wenigen  andern  den  indischen  Feld- 


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co 


zug  für  historisch,  während  Eratosthenes  ihn 
für  mythisch  (axnoxce  xcri  fiv&(übrf)  erklärte;  so 
auch  Theoplirast  hist.  pl.  4,  4,  1 bei  Erwäh- 
nung des  Meros:  o&sv  xad  xbv  Alowgov  sivca 
yv&oloyovGi.  [Einen  AiovvaaXs^avSgog  von 
Kratinos  hielt  MeineJce  {Com.  1,  56)  für  einen 
Spott  auf  jene  mythologische  Affektion  und  daher 
für  ein  Werk  des  jüngeren  Dichters  dieses  Na- 
mens, Kock  {Com.  1,23)  bezieht  es  auf  den  Mythus 
des  Paris,  was,  soweit  die  Fragmente  ein  Ur- 
teil gestatten,  wahrscheinlicher  ist,  und  schreibt 
das  Stück  demgemäfs  dem  älteren  zu.]  — Die 
poetische  Gestalt  der  Sage  liegt  uns  in  der 
Bearbeitung  des  Nonnos  (vom  13.  Buche  an) 
vor;  nachweisbare  Quelle  hierfür  waren  ihm 
die  BaG6uQiY.Dc  eines  Dionysos  (vergl.  Köhler, 
Pionysiaka  des  Nonnos  v.  Panopolis,  Halle 
1853,  S.  27  fi).  Unsere  Kenntnis  derselben  geht 
auf  Steph.  Byz.  zurück,  der  aus  demselben  die 
von  Dionysos  aus  dem  Kriege  gegen  den  In- 
derkönig Deriades  besiegten  indischen  Städte 
Pa^og , rrjQSia  und  die  Stämme  AugSue,  ”Eu- 
gsg , Zaßioi,  MccXXoi,  Tlcivdcci,  Hißca  aushob. 
Im  Artikel  Zh’ßai,  der  aller  Wahrscheinlichkeit 
nach  aus  der  gleichen  Quelle  geflossen  ist, 
nennt  er  drei  Unterfeldherrn  des  Deriades, 
Orontes,  Oruandes  und  Blemys.  Von  diesen 
fehlt  der  zweite  bei  Nonnos.  Orontes  wird  in 
der  Gegend  des  Taurus  geschlagen  und  stürzt 
sich  in  den  fortan  seinen  Hamen  tragenden 
Flufs  (Z.  17).  Blemys  {ngoyog  ’Eqv&qcAu> v ’lv- 
dcbv  17,  385)  unterwirft  sich  freiwillig  und 
bleibt  in  Äthiopien  (Libyen)  Herr  der  Blemyer. 
Der  Hauptheld  auf  indischer  Seite  ist  Deria- 
des, der  Sohn  des  Flusses  Hydaspes,  nach  ihm 
sein  Schwiegersohn  Morrheus.  Piodor  (2,  65) 
nennt  unter  den  von  Dionysos  gezüchtigten 
Feinden  einen  Inderkönig  Myrrhanos;  Köhler 
(a.  a.  0.  S.  54)  kombiniert  beide  Hamen  mit 
Hesychs  Glosse:  Magisig , oi  xü>v  ’lvScov  ßaGi- 
Xsig,  welche  sich  auf  eine  indische  Dynastie 
bezieht.  Nonnos  hat  den  indischen  Feldzug 
zu  einer  dionysischen  Ilias  {Köhler  S.  65  f.)  mit 
Heerschau,  (die  dem  Thiasos  noch  Kabiren, 
idäische  Daktylen  = Korybanten-Kureten,  Tel- 
cliinen  und  Kyklopen  willkürlich  einfügt),  Schild- 
beschreibung, Aiog  änccxg,  Leichenspieien  und 
anderen  Entlehnungen  verarbeitet.  Für  seine 
epischen  Schlachtengemälde  war  aufser  litte- 
rarischen  Vorgängern  noch  der  Mimus,  der 
bekanntlich  zur  Zeit  des  sinkenden  Heiden 
tumes  die  Bühne  beherrschte,  vorbildlich.  Man 
sah  die  Tänzer  Thyrsen,  Harthexstäbe  und 
Fackeln  anstatt  der  Waffen  handhaben,  belegte 
diese  Tänze  mit  dem  Hamen  der  Pyrrhiehe 
und  entnahm  die  Stoffe  dem  indischen  Feld- 
zuge , sowie  anderen  dionysischen  Mythen. 
{Athen.  14  p.  631);  vgl.  Luc.  de  salt.  22:  xuv- 
xrj  xy  xs%vrj  %Qcoysvog  d A.  Tvggrjvoiig  xat  l v- 
dovg  ncd  Avbovg  s%siQ(baaxo  xctt  cpvXov  ovxco 
ycc%ifiov  rotg  fhotaoig  YaxcagxQGaxo.  id.  ligo- 
XaXia  ij  Aiovvoog.  — - Hach  der  alten  Tyran- 
nis und  der  attischen  Demokratie  wurde  zum 
dritten  Male  dem  Dionysosdienste  politische 
Begünstigung  zu  teil  durch  die  höfische  Pracht- 
liebe  hellenistischer  Könige.  So  nahm  sich 
Demetrius  den  Gott  zum  Vorbilde,  der  im 
Kriege  seine  Feinde  gewaltig  zu  Boden  streckte, 


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1089  Dionysos  in  d.  Kunst  (bärtig) 


Dionysos  in  d.  Kunst  (bärtig)  1090 


den  Frieden  aber  voller  Freude  scliuf  {Flut.  Dem. 

2).  Kriegerischer  Dionysos  Macr.  1,  19, 1 : Bak- 
chos  ’EwccIlos,  Frei.  lyr.  adesp.  ( Bcrglc  34)  108: 
ßgöyis,  doQazocpÖQ’ , h 'vtxhs,  noleyoY.sl.oc8s,  nd- 
rsgAgy.  Besonders  aber  wurde  der  Gott  Vor- 
bild des  festlich  einziehenden  Siegers,  der  alte 
Beiname  &Q(ayßog  erhielt  die  vom  römischen 
triumphus  her  bekannte  Bedeutung  ( Diod . 3, 
j 65,  8:  nQiüTOv  — noczocyaysiv  ftgtcc yßov  st g zyv 
1 nazQLÖa ■ id.  4,  5,  2.  Plin.  7,  191:  diadema,  io 
reyium  insiyne  et  triumphum  invenit;  Macrob. 

! Sat.  1,  19,  4.  Arrian.  Anab.  6,  28,  2.  Solin. 

| 52,  5).  Ein  Beispiel  der  dionysischen  Pracht- 
i aufzüge  ist  uns  aus  der  Beschreibung  der 
Pompe  des  Ptolemaios  Philadelplius  von  Kal- 
; lixenos  b.  Athen.  5 p.  197  sq.  erhalten;  auch 
hier  trat  zu  den  älteren  Bildern  aus  dem 
i Sagenkreise  des  Gottes  die  Rückkehr  des  Sie- 
I gers  über  die  Inder;  dieser  war  auf  einem 
I Elefanten  gelagert,  die  Satyrn  in  Kriegsrüstung  20 
, (a.  a.  0.  p.  200  d.e).  Die  Kriegszüge  des  Dio- 
1 nysos  wurden  auch  auf  andere  Völkerschaften 
I ausgedehnt : die  Amazonen  der  Sage  von  Ephesos 
1 ( Flut . Qu.  Gr.  56),  die  Tyrrliener  (s.  o.  S.  1084), 

1 die  Iberer  {Flin.  n.  h.  3,  8.  Sil.  Ital.  Fun.  3,  101. 

I [ Flut.]  de  flum.  16) ; für  die  nordischen  Völker- 
I schäften  sollte  der  Gott  als  Ersatz  des  Weines 
I den  Gerstentrank  {£v&og)  erfunden  haben,  wäh- 
d rend  Kaiser  Julian  {Anthol.  Pal.  9 , 386)  nach 
I einer  Probe  auf  seinem  gallischen  Feldzuge  die  30 
I dionysische  Herkunft  des  nicht  feuer-,  son- 
I dern  weizengeborenen  ( nvQoysvyg ) Tranks  ent- 
I schieden  bestritt.  [F.  A.  Voigt.] 


Dionysos  in  (lex*  Kunst. 

Das  Überwiegen  von  Attributen,  welche  mit 
der  Weinkultur  in  keinem  Zusammenhänge 

!j  stehen  (unter  ihnen  das  altehrwürdigste  der 
Epheu),  die  Verwendung  des  Feigenholzes  zu  40 
alten  Kultbildern,  die  Beinamen  Asv8qtzrig,  Ev- 
v.izr]q,  Kiaoög,  ”Av&los,  d)vzdliuog  bekunden  eine 
j vegetative  Bedeutung  des  Dionysos  von  all- 
gemeiner Art,  welche  den  specifischen  Gott 
I der  Rebe  nicht  zur  Voraussetzung  hat  (vgl. 

I Voigt,  oben  p.  1029  u.  1059  f.) ; einen  Gegensatz 
[bietet  der  Kult  des  Gottes  andererseits  im 
Fehlen  oder  im  Vorhandensein  des  Orgiasmus  : 
Wahrnehmungen,  welche  den  Gedanken  nahe 
legen,  dafs  in  der  überkommenen  Gestalt  des  50 
Dionysos  etwas  älteres  Echtgriechisches  mit 
(i  von  aufsen  her  eingedrungenen  Elementen 
verschmolzen  worden  sei  (vergl.  Papp,  Be- 
t Ziehungen  des  Dionysoskultes  zu  Thralc.  und 
| Kleinas,  p.  13  u.  22).  Vom  kunstarchäologischen 
'{  Standpunkt  ist  jedoch  ein  anderer  Dualis- 
mus in  der  Erscheinung  des  Gottes  auffälliger: 

) seine  Darstellung  als  reifer  Mann  oder  als 
blühender  Jüngling.  Während  man  frü- 
her geneigt  war  das  Auftreten  des  jugend-  co 
liehen  Dionysosideals  mit  Praxiteles  in  Ver- 
bindung zu  bringen,  dann  seine  Spuren  bis  auf 
Pheidias  zurückzuverfolgen  suchte,  hat  neuer- 
Idings  ein  an  sich  geringfügiges  Denkmal  der 
Kleinkunst  den  Beweis  geliefert,  dafs  schon 
Kalamis  den  Gott  jugendlich  dargestellt  hat. 
iOb  aber  F.  Curtius , dem  die  kunstgeschichtliche 
Verwertung  dieser  Thatsache  verdankt  wird  {A. 

Roscher,  Lexikon  der  gr.  u.  röm.  Mythol. 


Z.  1883,  p.  255),  mit  Recht  hierin  einen  Beweis 
dafür  sieht,  dafs  bereits  in  der  1.  Hälfte  des  5. 
Jahrh.  „die  Verjüngung  der  Olympier  in  vol- 
lem Gange  war“,  scheint  doch  zweifelhaft. 
Allerdings  hat  derselbe  Kalamis  auch  einen  ju- 
gendlichen Asklepios  geschaffen,  aber  jugend- 
liche Kultstatuen  der  Götter  kann  es  auch  schou 
geraume  Zeit  vor  Kalamis  gegeben  haben.  Man 
darf  die  Veranlassung  zu  solchen  Bildungen  an 
denjenigen  Kultstätten  suchen,  welche  eine  Ge- 
burtslegende des  Gottes  besafsen.  Von  der- 
artigen sakral  und  lokal  begrenzten  Ausnahmen 
ist  jedoch  ein  weiter  Schritt  bis  zu  derKanoni- 
sierung  eines  jugendlichen  Götterideals  in  den 
bildenden  Künsten  überhaupt.  Die  dekorative 
Kunst  ist  von  der  (entschieden  ältesten)  bärtigen 
Bildung  der  Götter  zu  der  jugendlichen  nicht  in 
einer  bestimmten  Zeit,  ja  bei  einzelnen  Göttern 
überhaupt  nicht  übergegangen.  Am  frühesten 
und  am  konsequentesten  erfafst  die  verjüngende 
Tendenz  Apollon,  Asklepios  läfst  sie  (trotz  dem 
Vorhandensein  einiger  jugendlicher  Kultidole) 
unberührt.  Für  Dionysos  gelangt  der  jugendliche 
Typus  im  Lauf  des  4.  Jahrh.  auf  allen  Kunst- 
gebieten zur  Geltung,  ohne  jedoch  — was  wohl 
behauptet  worden  ist  — den  bärtigen  Typus  zu 
verdrängen.  Vielmehr  zeigt  die  Kunstmytholo- 
gie des  Dionysos  forthin  einen  bei  keinem  an- 
deren Gotte  so  bestimmt  durchgeführten  Dua- 
lismus. Daher  empfiehlt  es  sich,  im  folgenden 
die  überlieferten  Kunstwerke  nach  zwei  Kate- 
gorieen  auseinander  zu  halten  und  von  der  Ent- 
wickelung 1)  des  männlichen,  2)  des  jugend- 
lichen Dionysosideals  gesondert  zu  handeln, 
wobei  dem  1.  Abschnitt  ein  Überblick  über 
die  primitiven  Agalmata,  aus  welchen  der  bär- 
tige Typus  hervorgegangen  ist,  vorausgeschickt 
werden  soll. 


I.  Die  Darstellungen  des  in  reifer  Männ 

lichkeit  gefafsten  bärtigen  Dionysos. 

Die  ältesten  Symbole  des  D.  fallen  aufser- 
halb  unseres  Rahmens.  Die  kunstarchäologische 
Betrachtung  beginnt  au  dem  Punkte,  wo  an  die 
Stelle  der  freigewachsenen  Gaben  des  Gottes 
als  Kultsymbol  ein  (wenn  auch  nur  roh)  be- 
arbeitetes Stück  Holz  tritt.  Die  altertüm- 
lichsten Beispiele  dieser  Art  liefert  Boiotien, 
für  Griechenland  anscheinend  die  Wiege  des 
Dionysosdienstes:  so  den  Dionysos  Ivadmos 
auf  der  Burg  von  Theben , ein  angeblich  vom 
Himmel  gefallenes  Stück  Holz,  welches  mit 
Erzbekleidung  geschmückt  war  (Paus.  9,  12, 
4),  den  Dionysos  Stylos  der  Boioter  ( Clem . 
Alex.  Strom.  1,  24,  p.  418),  für  welchen  das 
pompeianische  Wandgemälde  bei  Bötticher, 
Baumlcultus  der  Hellenen  Fig.  12  eine  Illustra- 
tion abgiebt.  Der  thebanische  Dionysos  Pe- 
rikionios  fällt  nach  der  sehr  ansprechenden 
Erklärung  Voigts  (oben  p.  1047)  unter  einen  an- 
deren Gesichtspunkt  (=  der  rankende  Epheu). 
Dafs  Spitzsäulen  wie  dem  Apollon  Agyieus  so 
auch  dem  Dionysos  errichtet  worden,  ist  eine 
Angabe  Harpolcrations  (s.  v.  uyviä s),  für  welche 
anderweitige  Belege  fehlen.  Die  primitive  Form 
der  heiligen  Pfosten  und  Pfeiler  blieb  in  den  länd- 
lichen Kulten  des  Dionysos  stets  üblich , wie 

35 


1091  Dionysos  in  d.  Kunst  (bärt.  Maske) 


Dionysos  in  d.  Kunst  (bärt.  Herme)  1092 


Max.  Tyr.  8,  1 bezeugt:  yscoQyol  Aiovvaov  rt- 
[id&GL  ny^avTEs  OQ^cttcg  <xvtoepvsg  TtQSfivov, 
uyQoiY.ov  aycclyct.  — Ein  Schritt  weiter  in  der 
Entwickelung  war  es,  wenn  man  auf  den  ent- 
weder noch  roh  belassenen  oder  viereckig  be- 
hauenen Stamm  einen  Knauf  oder  sonstigen 
architektonischen  Abschlufs  setzte,  den  Schaft 
mehr  oder  weniger  mit  Gewändern  bedeckte  und 
unter  dem  Kapital  die  Maske  des  bärtigen 
Gottes  (über  die  Maske  im  Bakchoskult  vergl. 
0.  Müller,  Arch.  § 345*,  3)  anbrachte.  Zweige 
eines  dem  Gotte  heiligen  Gewächses  wurden 
an  dem  Stamme  angesteckt.  Ygl.  Gerhard, 
akad.  Äbh.  t.  G7,  3,  Mon.  d.  Inst.  6 u.  7 tav. 

65  A ( Daremberg  - Saglio, 
dict.  des  antiq.  I3  Fig.  449), 
Bötticher , Baumkultus 
Fig.  43  b u.  unsere  Fig.  1 
(=  Bötticher  Fig.  43  a). 
Ob  die TCQOGcona  das  Dio- 
nysos Bakcheus  (aus 
Rebenholz),  und  Meili- 
chios  (aus  Feigenholz) 
auf  Naxos  (Athen,  p.  78  c) 
isolierte  Masken  waren, 
oder  etwa  Bestandteile 
eines  Idols  der  bespro- 
chenen Art,  läfst  sich 
nicht  entscheiden.  Einen 
weiteren  Fortschritt  be- 
zeichnet die  Sitte,  den 
architektonischen  Ab- 
schlufs des  Pfostens  fal- 
len zu  lassen  und  den 
vollständig  als  Rundbild 
ausgeführten  Kopf  des 
Gottes  auf  den  Pfosten 
zu  setzen.  Der  Haar- 
sclimuck  (ursprünglich 
wohl  perückenartig  aufgesetzt),  die  tief  her- 
abgehende und  den  Stamm  fast  verdeckende 
Gewandung  geben 

B 


of  gr.  coins  t.  15,  11,  in  welchem  Newton  eine 
Nachbildung  des  Dionysos  Phallen  der  Myti- 
lenäer  vermutet  hat. 

An  diesem  Punkte  der  ikonischen  Entwicke- 


lung zweigt  sich  eine  wichtige  Form  des  Göt- 
terbildes ab,  die  Herme.  Man  vgl.  über  ihre 


Fig.  1 (Dionysosmaske  an 
e.  Pfosten). 


Fig.  2 (Kopf  auf  e.  Pfosten). 


hier  schon  die  Illu- 
sion eines  mensch- 
lich gestalteten  Kult- 
bildes. Mit  den 
Mitteln  vollendeter 
Kunst  führt  uns  ein 
solches  aycdycc  das 
Yasenbild  Figur  2, 
n.  Bötticher,  Baum- 
kultus Figur  44  vor. 
Die  sonst  meist  am 
Stamm  angesteckten 
Zweige  dienen  hier 
dazu  die  Vorstellung 
eines  das  Haupt  des 
Gottes  umgebenden 
buschartigen  Kran- 
zes hervorzurufen 
(die  Auffassung  Böt- 
tichers a.  a.  0.  p.  103 
scheint  uns  nicht 
haltbar).  Man  vgl. 
auch  das  schöne 


Herkunft  die  verschiedenen  Ansichten  bei  Preller 
in  Paulys  N.-E.  4 p.  1845  u.  1857,  dem  ich  aber 
den  genetischen  Zusammenhang  der  Egyai  mit 
io  den  EQ/xaioi  loqpof  ebensowenig  zugestehen 
kann  wie  die  Annahme,  dafs  die.Hermenform 
bei  anderen  Götter  erst  einer  „Übertragung“ 
aus  dem  Hermeskult  ihre  Existenz  verdanke. 

Diese  Form  des  Agalma  ergiebt  sich  mit  in- 
nerer Notwendigkeit  aus  der  allmählichen  Fort- 
entwickelung des  ikonischen  Gesetzes  und  hat 
nur  ihren  Namen  von  demjenigen  Gottesdienste 
erhalten,  in  welchem  sie  sich  am  festesten  ein- 
bürgerte. Neben  Hermes  ist  es  nun  von  anderen 
so  Göttern  Dionysos,  dem  man  hermenförmige  Idole 
aufstellte ; doch  bedarf  die  herrschende  Ansicht 
von  der  grofsen  Pläufigkeit  überkommener  Dio- 
nysoshermen einer  beträchtlichen  Einschrän- 
kung. Wir  kommen  hierauf  am  Schlüsse  dieses 
Abschnittes  zurück  (p.  1121)  und  beschrän- 
ken uns  zunächst  auf  die  Erwähnung  einiger 
sicheren  Beispiele  jener  Hermenart,  in  welcher 
die  beiden  Arme  mit  bezeichnenden  Attributen 
an  den  Stamm  angefügt  und  meist  auch  der 
30  ganze  Oberkörper  plastisch  ausgeführt  ist,  so 
in  dem  Relief  einer  Lampe  bei  Müller-  Wieseler 
2,  615,  dem  pompeianisch.  Wandgemälde  Mus. 

Borb.  7,3,  einem  Relief  des  Louvre  bei  Cla-  \ u 
rac  132,  112  (Müller- Wieseler  2,  641).  Dagegen  jtwäi 
ist  die  bärtige  nur  mit  einem  Tierfell  um  die  iisfe 
Lenden  bekleidete  Herme  der  Sarcl onyxvase  dar.  log  ■■ 
yd.  125  (Midier- Wieseler  2 n.  626  b)  wohl  kein 
Dionysos,  wie  Wieseler  annimmt,  sondern  eher 
ein  Herakles  (sehr  muskulöse  Brust).  [Hier- 
40  her  die  ludovisische  Herme  ( Schreiber  n.  3. 

Mon.  d.  Inst.  10,  56,  2)  zu  ziehen  fehlt  die  ge- 
nügende Sicherheit.]  — Somit  sind  wir  bei  der 
anthropomorphischen  Ausgestaltung  der  gan- 
zen Figur  angelangt  und  behandeln:  die  iko 
nischen  Darstellungen  des  bärtigen 
Dionysos. 

Die  Zahl  der  n ur  durch  schriftliche 
Überlieferung  bekannten  altertümlichen 
Dionysosbilder  ist  eine  beträchtliche,  doch 


Go 


50  läfst  sich  nicht  feststellen,  wie  viele  dieser  Her Lyi 

lorphisch  waren,  o L 


berl.  Vasenbild  Gerhard,  Trinksch.  u.  Gef.  1, 
4.  5 (Bötticher  Fig.  42)  und  das  Idol  einer 
lesbischen  Münze  bei  P.  Gardner , the  types 


Idole  bereits  rein  anthropomorphisch 
wie  viele  etwa  zu  den  primitiveren  Formen 
der  eben  besprochenen  Art  gehörten.  Der  Dio- 
nysos A k r a t o p h o r o s zu  Phigaleia  dürfte  wohl 
zu  der  Pfosten-  oder  Hermenklasse  gehören,  da 
Paus.  8,  39,  6 von  dem  unteren  Teil  desselben 
vor  Lorbeer-  und  Epheublättern  nichts  sehen 
konnte.  Vermutlich  sollte  durch  solche  Blätter- 
fülle der' unten  aus  dem  Gewände  hervortretende 
eo  Pfosten  verdeckt  werden.  Die  sichtbaren  Kör- 
perteile des  Gottes  waren  mit  Zinnober  gefärbt. 
Zu  Patrai  befand  sich  ein  uraltes  Bild  des  Dio- 
nysos Aisymnetes  (s.  d.),  der  Sage  nach  von 
Hephaistos  verfertigt  und  von  Eurypylos  als 
troisches  Beutestück  in  einer  Larnax  nach  Pa- 
trai gebracht,  Paus.  7, 19.  6 ff.  (Abbildung  dieser 
Larnax  nach  Sacken  auf  einer  Münze  der  Samm- 
lung St.  Florian  Taf.  2,  21,  fraglich).  Ebenso 


I l'urtijT 


pan 

piitt 


1093  Dionysos  in  d.  Konst  (bärtig) 

müssen  die  zu  Patrai  beim  Theater  aufbe- 
wahrten drei  Dionysosbilder  sehr  alt  gewesen 
sein,  da  ihre  Beinamen  die  Erinnerung  an  die 
drei  alten,  später  in  Patrai  aufgegangenen 
Flecken  Antheia,  Aroe,  Mesatis  bewahrten 
Waus.  7,  18,3).  — Mehrere  altertümliche  Idole 
des  Gottes  besafs  Athen:  ein  mit  dem  Kult  zu- 
gleich aus  Eleutherai  importiertes  Bild  des  Dio- 
nysos Eleuthereus  im  ältesten  Hieron  beim 
Theater  (Paus.  1,  20.  3;  vgl.  Mommsen,  Ileort.  i 
p.  356,  Ribbeck,  Dionysoslcult  in  Attika  p.  8 
u.  21,  K.  Waclismutli,  Stadt  Athen  p.  401).  Aus 
Schot.  Ar.  Ach.  243  ersieht  man,  dafs  im  Kult 
des  Eleuthereus  der  Phallos  eine  Rolle  spielte, 
doch  ist  damit  noch  nicht  das  Agalma  selbst 
als  eine  phallische  Herme  erwiesen.  Vielleicht 
ruht  auf  letzterer  Vorstellung  der  Dionysos 
Ort  ho  s,  dem  Amphiktyon  im  Horentempel 
einen  Altar  errichtete,  Philochor.  fr.  18  (Müll) 
u.  j Ribbeck  a.  a 0.  p.  4.  Ein  merkwürdiges  2< 
Bild  besafsen  die  Athener  endlich  an  ihrem 
Dionysos  Morychos,  dessen  Prosopon  zur 
Weinlese  mit  Most  und  frischen  Feigen  be- 
strichen wurde  (yogv^ui.  yug  t 6 yolvvca  Po- 
lemon.  fr.  73  Müll).  Dasselbe  war  aus  porö- 
sem Phellatas  von  Simmias,  Eupalamos’  Sohn 
gearbeitet,  den  Brunn  K.  G.  1,  96  mit  Recht 
n eine  frühere  Zeit  setzt.  Über  einen  auch 
ron  den  Sikelioten  verehrten  Dionysos  Mory- 
;hos  vgl.  Polcm.fr.  73  ff.  — Zu  Megara  rühmte  3 
nan  sich  eines  alten  von  Polyeidos  geweihten 
üoanon  des  Dionysos  Patroos,  von  welchem 
rnr  das  Gesicht  zu  sehen,  alles  übrige  durch 
lewänder  verdeckt  war;  ein  zweites  ebenda- 
elbst  befindliches  Bild  des  Dionysos  Dasyl- 
ios  wurde  dem  Enkel  des  Polyeidos  zuge- 
chrieben,  Paus.nl,  43,  5.  In  dem  Tempel  zu 
forinth  befanden  sich  zwei  Bilder,  das  eine 
lionysos  Lysios,  das  andere  Dionysos  Bak- 
i hi os  genannt,  tgouva  sni^qvGu  TtXgv  tg>v  i 
■QOGCÖlTCOV  , TU  Ss  71Q0GG)7CU  ÜXoUpf]  GCpLGlV  £QV- 

^qcc  v.SY.oGfir\zui.  Das  Holz  der  Bilder  sollte 
on  dem  Baume  stammen,  in  welchem  sich 
' inst  Pentheus  versteckt  hatte.  Auch  in  Si- 
yon  gab  es  zwei  gleichbenannte  Kultbilder, 
ie  Iv  ünoQQr'iTcp  aufbewahrt  und  einmal  jähr- 
ich  im  nächtlichem  Fackelzuge  zum  Diony- 
ostempel  getragen  wurde,  der  Bakcheios  auf 
es  Gottes  Enkel  Androdamas  zurückgeführt, 
er  Lysios  nach  delphischem  Spruch  aus  The-  5 
; en  eingeholt,  Paus.  2,  7,  6.  Über  den  A. 
Ivgios  der  Thebaner  vgl.  Paus.  9,  16.  6.  — Im 
’emeterheiligtum  bei  Sikyon  standen  Bilder  des 
'ionysos,  der  Demeter  und  Kora  rd  ngoaumu 
uivovzu,  Paus.  2,  11.  3,  wo  die  Verbindung 
liit  dem  eleusinischen  Götterpaar  den  Gedan- 
len  an  Iakchos  nahe  legt.  In  Argos  war  ein 
Vxtvov  des  Dionysos , das  von  heimkehrenden 
rojakämpfern  aus  Euboia  mitgebracht  sein 
jfflte,  Paus.  2,  23,  1.  Zu  Bryseai  durften  e 
nem  sv  dnoQQr\Tcp  bewahrten  Bilde  allein 
ie  Frauen  in  geheimnisvollem  Dienste  nahen, 
■'aus.  3,  20,  3;  im  Ileraion  zu  Olympia  be- 
md  sich  unter  anderen  Götterbildern,  welche 

!’aus.  5,  17,  3 eg  tu  yukioiu  uq^ulu  rechnet, 
ich  ein  Dionysos;  von  einem  h,ouvov  des 
ionysos  Saotes  bei  Lerna  endlich  giebt  Paus. 
37,  2 ausdrücklich  an,  dafs  es  den  Gott 


Dionysos  in  d.  Kunst  (hart,  auf  Vasen)  1094 

sitzend  darstellte,  während  man  in  den  Fäl- 
len, wo  er  hierüber  nichts  anmerkt,  wohl  stets 
die  stehende  Haltung  voraussetzen  darf,  welche 
sich  in  natürlicherweise  aus  dem  älteren  Idol, 
dem  mit  Gewändern  behängten  Baumstamm, 
entwickelt  und  geraume  Zeit  die  herrschende 
geblieben  sein  wird.  — • Die  gegebenen  Bei- 
spiele genügen  für  den  Nachweis,  dafs  im  Kult 
des  Dionysos  schon  in  alten  Zeiten  der  Bil- 
derdienst eine  grofse  Rolle  gespielt  hat.  Für 
die  Vorstellung  des  ältesten  ikonischen  Typus 
ergeben  sich  aus  demselben  nur  wenig  Züge, 
vornehmlich  die  Vorliebe  für  starke  Verhül- 
lung, für  Bemalung  der  sichtbaren  Körperteile 
mit  lebhafter  Farbe,  endlich  auf  Grund  eines 
Schlusses  das  Vorherrschen  der  stehenden 
Stellung.  Weiter  führt  uns  eine  Betrachtung 
der  erhaltenen  Denkmäler  archaischen  Stils. 
Die  Vasen  mit  schwarzen  Figuren  bieten 
eine  grofse  Menge  von  Darstellungen  des  Got- 
tes. Die  Bekleidung  besteht  in  der  Regel 
aus  einem  doppelten  Gewände,  dem  %iT<av  no- 
driQrjg  mit  Halbärmeln  (Gerhard  a.  V.  4,  318, 
3,  246;  Roulez,  clioix  d.  v.  p.  3;  Heydemann, 
yr.  V.  3, 1;  Müller- Wieseler  2,  605;  ganz  kurz- 
ärmelig Gerhard  a.  V.  1,  55,  1)  und  dem  dar- 
übergeschlagenen Himation.  Oft  hüllt  letzte- 
res die  ganze  Gestalt  so  stark  ein,  dafs  nur 
die  beiden  Hände  oder  auch  nur  eine  Hand 
zum  Halten  eines  Atributs  hervortritt  (Mon. 
d.  Inst.  9,11,  Gerhard,  a.  V.  1,  67,  Stackeiberg, 
Gräber  der  Hell.  12).  Seltener  ist  statt  des 
Himation  als  leichterer  Umwurf  die  Chlamys 
(Framjoisvase  AI.  d.  I.  4,  54  f. ; Mittheil.  7,13; 
Gerh.  a.  V.  1, 17;  4,  318  [von  Gerh.  verkannt]). 
Die  für  die  Vasen  des  alten  Stils  charakteristi- 
sche Form  der  stark  verhüllenden  Doppelge- 
wandung (Fortwirkung  der  primitiven  Umhül- 
lung des  Dionysospfahls)  wird  gerne  auch  da 
beibehalten,  wo  der  Gott  handelnd  auftritt:  als 
Gigantenbekämpfer  auf  der  sehr  altertümlichen 
Vase  Oppermann  (Fröhner,  mus.  de  France 
pl.  7),  wagenbesteigend  (Münch,  n.  364,  482, 
1133),  auf  Stier  seitwärts  sitzend  ( Gerhard , a. 
V.  1,  47,  Münch,  n.  1271),  auf  Maultier  gela- 
gert (Münch.  1246),  ja  einmal  selbst  wirklich 
reitend  (Münch.  550).  Sonst  ist  des  Gottes 
Reitkostüm  mehr  zweckdienlich  ein  kurzer  (dor.) 
Chiton  und  eine  auf  der  Brust  zusammenge- 
nestelte Chlamys  (Mon.  d.  Inst.  9,  9,  10.  Münch. 
60,  288,  346,  668  etc.),  oder  die  Chlamys  allein 
(Münch.  360,  577,  709,  1348);  im  Giganten- 
kampf hat  Dionysos  einmal  die  gewöhnliche 
Kriegerrüstung,  kurzen  Chiton,  Wams,  Stiefel 
(Gerhard  a.  V.  1 , 63  — Müller-  Wieseler  2, 
433).  Wo  die  Handlung  es  nicht  nahe  legt, 
erscheint  statt  des  solennen  Doppelgewandes 
nur  ausnahmsweise  eine  leichtere  Bekleidung: 
kurzer  Chiton  und  Mantel  Gerhard  a.  V.  1, 
32,  gestickte  Chlamys  und  Stiefel  Münch.  1202 
(Dionysos  schreitet  zwischen  2 Frauen)  und 
singulär  blofs  ein  langer  Chiton  Münch.  696 
(affektiert  archaisch  und  flüchtig).  Eine  ziem- 
lich zahlreiche  Gruppe  zeigt  Dionysos  in  be- 
haglicher Ruhe  im  Schatten  einer  Epheulaube 
auf  e.  Kline  gelagert,  gewöhnlich  in  Gesellschaft 
eines  Mundschenks  oder  einer  Frau  (Münch. 
1284,  1325);  auch  hier  fehlt  es  nicht  an  Bei- 

35* 


1095  Dionysos  (bärtig  auf  Vasen) 


Dionysos  (bärtig  auf  Vasen)  1096 


spielen  der  Doppelbekleidung  [Roulez , choix 
de  v.  pl.  3.  Münch.  85,  417,  582),  doch  hat  der 
Gott  dann  häufiger  blofs  das  Ilimation  um  den 
Leib  geschlagen,  ein  nicht  übler  Hinweis  auf 
eine  Situation,  wo  man  sich  zu  Hause  fühlt. 
Das  Haar  des  Dionysos  ist  an  Haupt  und  Bart 
durchaus  kräftig  entwickelt  [Find.  A.  svqv- 
%utTris),  doch  fällt  es  meist  noch  ungegliedert 
auf  den  Nacken  herab  (Frarnjoisvase,  Gerhard 
a.  V.  1,  55,  1)  oder  es  zweigt  sich  hinter  dem 
Ohr  eine  lange  Locke  ab  [Heydemann,  griech. 
V.  3,  1.  Gerhard  a.  V.  3,  246.  1,  38);  eine 
später  bei  Dionysos  nicht  selten  erscheinende 
Besonderheit,  das  im  Nacken  in  einen  Wulst 
zusammengenommene  Haar,  hat  auch  schon 
hier  einige  Beispiele,  Gerhard  a.  V.  1,  14. 
Mittheil.  7,  3.  Als  Attribute  erscheinen  auf 
schwarzfig.  Vasen:  der  Eplieukranz,  durch- 
aus herrschend  ( yuGo6%caz ’ avat,  Fratinas  fr.  1 
Bergt: ; Find.  Dithyr.  fr.  75  Bergt:.  Boss,  in- 
scr.  ined.  135),  seltener  die  schmale  Haar- 
binde (Münch.  102.  157.  555.  607.  Benndorf, 
gr.  u.  sic.  Vas.  52,  4),  singulär  ein  Myrtenkranz 
(Münch.  1207).  ln  der  einen  Hand  hält  Dionysos 
meist  ein  Trinkhorn  [Gerhard  a.  V.  1,48.49. 
Mittheil.  7,  3 etc.)  oder  einen  Kantharos 
[Gerhard  4,  246.  Mon.  d.  Inst.  9,  9.  10),  seltener 
eine  Schale  (Münch.  303,  455,  218)  oder  einen 
henkellosen  Becher  (Münch.  241),  in  der  an- 
deren Hand  gewöhnlich  eine  Ranke,  im  Falle 
deutlicher  Charakterisierung  meist  eine  Wein- 
rebe ( Gerhard  a.  V.  1,  73  etc.),  seltener  Epheu 
[Gerhard  3 , 206.  2) ; in  beiden  Händen  Reb- 
zweige  (Münch.  609.  1150.  1163.  1395).  Bis- 
weilen hält  Dionysos  ein  gewöhnliches  Scep- 
ter,  Gerhard,  etr.  u.  camp.  V.  4,  5.  Heydc- 
mann,  gr.  V.  2,  2 b.  Der  Thyrsos  als  Attribut 
des  Gottes  ist  noch  unbekannt  (das  einzige 
schwarzfig.  Beispiel,  welches  mir  vorgekommen, 
Münch.  179,  ist  von  flüchtiger  Arbeit  und  ver- 
hältnismäfsig  jung).  Die  Nebris  trägt  Diony- 
sos noch  nicht,  wohl  aber  haben  sie  neben 
dem  Gott  Mainaden  (Münch.  147,  474,  1272 
etc.).  Die  Pardalis  dagegen  läfst  sich  be- 
reits einmal  belegen,  Gerhard  a.  V.  1,  63  = 
Müller-  Wieseler  2,  433  ( Gigantomachie ).  Dem 
Gott  zugeteilte  Tiere  sind:  der  Ziegenbock, 
Gerhard  a.  V.  1,  32.  37.  39  Münch.  422  (ein- 
mal mit  menschlichem  Antlitz,  Benndorf,  gr. 
u.  sic.  Vas.  53,  1);  der  Stier,  Gerhard  1,  47 
Münch.  1271  (eine  Kuh,  Gerhard  1,  73);  eine 
Hindin  (Münch.  375,  1133);  das  Maultier 
ist  sein  häufigstes  Reittier  (Münch.  60 , 288, 
346,  561  etc.),  erscheint  aber  auch  sonst  neben 
ihm  (Münch.  135).  Ein  Löwe  scheint  Gerhard 
a.  V.  1,  38  als  des  Gottes  Lieblingstier  dar- 
gestellt, wenn  hier  nicht  besser  der  Panther 
zu  erkennen  ist,  der  sicher  bei  Gerhard  1,  36 
und  Münch.  756  neben  Dionysos  erscheint.  Auf 
einem  affektiert  archaistischen  Vasenbild  [Mon. 
d.  Inst.  10,  20)  gehören  zu  dem  absonderlichen 
Viergespann  des  Gottes  nach  Flasch  2 Löwen, 
nach  Brunn  1 Löwe  und  1 Panther.  In  der 
älteren  Kunst  dürfte  überall  der  Panther  ge- 
meint sein,  dessen  treue  Bildung  nicht  immer 
glückte.  Gerhard  a.  V.  1,  63  erscheinen  im 
Gigantenkampf  als  Mitstreiter  des  Gottes  Löwe, 
Panther  und  Schlange,  welche  Robert , Bild  u. 


Lied  p.  22  ansprechend  als  naive  Andeutung 
der  Verwandlungen  des  Dionysos  fafst.  An- 
ders Heydemann,  Hall.  Winckelmann-Programm 
1881  p.  8.  (Doch  scheint  die  Häufung  der  Tiere 
auf  obigem  schwarzfig.  und  einigen  rotfigur. 
Bildern,  verbunden  mit  dem  Umstand,  dafs  die 
Schlange  wohl  in  Darstellungen  der  Giganto- 
machie , sonst  aber  dem  Gott  nicht  beigege- 
ben*), der  Löwe  mit  ihm  erst  später  als  attrib. 
io  Tier  sicher  verbunden  wird,  zu  Roberts  Gunsten 
zu  sprechen.)  Das  frühe  Auftreten  des  Panthers 
in  der  Kunstmythologie  des  Dionysos  ist  sehr 
zu  beachten;  er  ist  das  älteste  sicher  unhel- 
lenische Attribut  des  Gottes.  Thrakien  als 
Ausgangspunkt  ist  fraglich,  da  der  Behauptung 
Ps.-Xenophons  de  venat.  11  die  Autorität  des 
Aristoteles  h.  a.  8,  28  entgegensteht,  wonach  der 
Panther  nur  in  Kleinasien  heimisch  ist;  vgl. 
T chihatcheff , Asie  mineure  2,  621.  Wir  haben  also 
20  in  ihm  ein  bakchisches  Tier  von  kleinasiati- 
scher Herkunft  und  vielleicht  auch  direktem 
Import  anzuerkennen.  Inbetreff  der  später  meist 
weiblichen  Bildung  des  bakchischen  Panthers 
vgl.  Oppian,  cyneg.  4, 3 6.  Hinsichtlich  der  S t e 1 - 
lung  des  Gottes  herrscht  auf  schwarzfig.  Vasen 
bei  durchgehend  ruhiger  Haltung  eine  grofse 
Mannigfaltigkeit.  Am  häufigsten  ist  Dionysos 
stehend  dargestellt,  mit  leicht  geneigtem  Haupt 
(Normaltypus  Gerhard  a.  V.  1,  73),  aber  auch 
30  sitzend,  besonders  in  Götterversammlungen  oder 
zwischen  2 tanzenden  Frauen  [Rapp,  Mainade 
Rhein.  Mus.  n.  F.  27,  563),  auf  Tieren  oben 
p.  1094,  auf  dem  Rücken  eines  Satyrs  [Mus. 
Gregor.  2,  3.  3 a),  wagenbesteigend  (p.  1094), 
im  Wagen  fahrend  mit  wechselndem  Gespann 
[Gerhard  a.  Vas.  1,  41.  54:  Böcke;  Mon. 
d.  Inst.  10,  20:  zwei  Hirsche  und  2 Panther; 
Gerhard  a.V.  1,  17  = Müller- Wieseler  2,  605: 
zwei  Satyrn  und  2 Mainaden),  oder  endlich  auf 
40  Kline  gelagert  (ob.  p.  1094).  — Von  bestimm- 
ten Mythen  werden  dargestellt:  der  Gigan- 
tenkampf, Fröhner , m.  de  Fr.  7,  Gerhard 
a.  V.  1,  63;  das  Abenteuer  mit  den  Tyr- 
rlienern,  Gerhard  1,  49,  nur  anspielend;  die 
Zurückführung  Hephaists,  Gerhard  1,  38 
[Fl.  cer.  1,  49  A?]  Frangoisvase.  Derselben 
Vase  verdankt  man  auch  eine  Darstellung  des 
Gottes  als  Horenführers,  Mon.  d.  Inst.  4, 
54.  55;  Dionysos  ist  hier  naiv  materialistisch 
50  aufgefafst,  insofern  er  auf  eigener  Schulter  ein 
mächtiges  Weingefäfs  zum  Fest  der  Thetis 
herbeibringt  und  durch  üppigen  Haarwuchs 
allen  anderen  Göttern  überlegen  ist.  Über  Dio- 
nysos  und  Semele  vgl.  p.  1146,  über  Dio- 
nysos und  Ariadne  p.  1147. 

An  die  archaischen  Vasen  reihen  wir  unmit- 
telbar die  Vasenb  i Id  er  des  strengen  rot- 
fig.  Stils,  die  in  ihren  Anfängen  ja  ziemlich 
weit  zurückreichen  [O.  Jahn,  münch,  Vasens. 
60  Einleitung  p.  174f.),  daher  auch  in  ihren  Typen 
dem  schwarzfig.  Stil  näher  stehen  als  dem 
schönen.  Auf  jenen  Vasenbildern  nun  erscheint 
zunächst  die  Gewandung  des  Dionysos  ge- 
nau der  auf  den  schwarzfig.  entsprechend.  Der 


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*)  Ein  spätes  Beispiel,  die  Statue  Welcher,  a.  D.  5,  2, 
kommt  hier  nicht  in  Betracht,  ebensowenig  der  Umstand, 
dafs  Schlangen  nicht  selten  den  Mainaden  beigesellt  sind. 


1097  Dionysos  (bärtig  auf  Vasen) 

i lange  Halbärmelchiton  und  darüber  das  Hima- 

!tion  (resp.  die  Chlamys)  sind  durchaus  vor- 
herrschend, Mon.  d.  Inst.  11,  27.  Gerhard  a. 
V.  1,  57,  3.  Panoflca,  Dion.  u.  Thyiaden  t.  1, 
2a  etc.  Nur  solche  Fälle  sind  mit  gutem 
Grunde  auch  hier  ausgenommen,  wo  der  Gott 
;n  energischer  Handlung  dargestellt  ist,  so  im 
Gigantenkampf  als  gewappneter  Krieger  ( Ger- 
hard a.  V.  1 , 64.  1.  2,  84.  85.  Fröhner,  m. 
ie  Fr.  6),  ja  einmal  nur  mit  der  Chlamys  be- 


Dionysos  (bärtig  auf  Vasen)  1098 

hier  so  wenig  wie  auf  den  schwarzfig.  Vasen, 
dagegen  sehen  wir  wie  dort  so  auch  hier  neben 
Dionysos  bisweilen  Nebris  tragende  Bakchan- 
tinnen  , R.  Rochette , m.  ined.  1,  44  B [Münch, 
n.  408  hat  Dionysos  über  dem  Doppelgewand 
die  Pardalis,  während  Satyr  und  Mainade  die 
Nebris  tragen].  Das  Haupthaar  des  Gottes 
ist  bisweilen  im  Nacken  in  einen  Wulst  zu- 
sammengenommen ( Rocliette  a.  a.  0.  Gerhard 
10  ant.  V.  1 , 64.  1,  77;  El.  cer.  1,  44), (in  der 


Fig.  3. 

Zeus  und.  Dionysos,  Vasenbild  (nach  Mon.  dell'  Inst.  9,  43;  vgl.  p.  1099  Z.  9 ff.). 


jiidet  ( Gerhard  1,  50.  51),  während  das  volle 
l|ppelgewand  trotz  Gigantomachie  beibehal- 
4 1 ist  b.  Gerhard,  Trinkschalen  A.  B.  — Das 
I ntherfell,  für  welches  oben  nur  ein  Bei- 
B el  beigebracht  werden  konnte  , findet  sich 
j zt  häufiger,  in  verschiedener  Drapierung 
( rhard  1,  64.  67.  Gaz.  arch.  1875  pl.  4),  als 
S;ild  gegen  Giganten  vorgestreckt  ( Gerhard 
284.  85.  C.  R.  für  1867  t,  6.  Millin,  g.  m.  88, 
2>).  Ständiges  Bekleidungsstück  des  Gottes 
if  es  nie  geworden  (die  Behauptung  Diodors 
4 4,  4,  dafs  die  Pardalis  nur  Kriegskleidung 
(1  Dionysos  sei,  findet  durch  die  Denkmäler 
vs Her  beim  *bärtigen  noch  beim  jugendlichen 
6[t  Bestätigung).  Die  Nebris  trägt  der  Gott 


Regel  jedoch  fällt  es  in  kräftiger  Fülle  herab, 
in  ungegliederter  Masse:  Münch.  56  Gerhard 
a.  V.  2,  175.  Heydemann,  Winckelmann-Progr. 
1881 , in  reichen  Locken  rings  um  den  Hals : 
Müller- Wieseler  1,  210b.  Mon.  d.  Inst.  9,  43. 
Gerhard  a.  V.  4,  319,  oft  mit  Absonderung 
60  von  tief  auf  die  Brust  herabfallenden  Ohr- 
locken : Gerhard  1,  4.  Millingen,  Coghillpl.  31,1. 
Mon.  d.  Inst.  10,  23.  24.  Gerhard,  etr.  u.  camp. 
V.  6.  7.  Wenn  im  allgemeinen  auf  altertüm- 
lichen Vasen  für  Dionysos  die  kräftige  Haar- 
fülle nicht  gerade  als  ein  unterscheidendes 
Charakteristikum  hingestellt  werden  kann,  so 
ist  doch  eine  Reihe  von  Beispielen  hervorzu- 
heben, wo  mehrere  Götter  nebeneinander  dar- 


1099  Dionysos  (bärtig  auf  Vasen) 


Dionysos  (bärtig  auf  Münzen)  1100 


gestellt  sind  und  die  Absicht  durch  die  Haar- 
bildung zu  individualisieren , deutlich  wird. 
Hier  erscheint  dann  der  A.  avQv%aCzi]c,  (Pind. 
Isthm.  7,  4)  vor  den  anderen  Göttern  deutlich 
ausgezeichnet:  Gerhard  a.  V.  1, 4 (Geburt  Athe- 
nasmit  Zeus,  Poseidon,  Dion.)  id.  2,  175  (Her- 
mes, Poseidon,  Dion.),  Mon.  d.  Inst.  6 u.  7,  t.  67 
(Hermes  u.  Dion.).  Instruktiv  in  dieser  Hinsicht 
ist  das  Vasenbild  ob.  1097/8  Fig.  3 (nach  Mon.  d. 
Inst.  9,  43),  wo  neben  dem  Himmelskönig  der 
Gott  des  vegetativen  Wachstums  nicht  nur  mit 
vollerem  Haarwuchs , sondern  auch  in  mäch- 
tigeren Körperformen  gebildet  ist.  Zugleich 
ist  die  bei  Dionysos  beliebte  stärkere  Verhül- 
lung zu  beachten.  Unter  den  Attributen 
herrscht  zunächst  noch  die  Ranke  vor  (So- 
siasschale  Müller- Wieseler  1,  210b.  Gerhard 
a.  V.  1,  77.  El.  cer.  1,  44  etc.).  Der  Thyr- 
sos  erscheint  zunächst  bei  dem  Thiasos  des 
Gottes , während  für  letzteren  die  Ranke  bei- 
behalten ist,  Mon.  d.  Inst.  11,  27,  Münch.  273. 
332.  Dann  wird  er  dem  Gott  selbst  in  die 
Hand  gegeben,  zunächst  mit  gleichzeitiger  Bei- 
behaltung der  Ranke  ( Panofka , T>.  u.  Thyiad. 
1,2  a),  dann  unter  Wegfall  der  letzteren  (Mil- 
lingen 31,  1.  Gerhard  1,  4 etc.).  Die  Spitze 
des  Thyrsos  schmückt  Epheulaub  in  dichtem 
Busch  (vgl.  Eur.  Bacch.  1054  f.),  zuweilen  sind 
aber  nur  einige  Ranken  oben  an  und  in  den 
Schaft  gesteckt,  wodurch  sich  letzterer  als  ein 
Rohrgewächs  {vagd'-y^,  ferula  communis)  zu  er 


Hi 


hoi 


kennen  giebt.  Im  übrigen  ist  die  Natur  des 


Schaftes  nicht  deutlich  genug  charakterisiert 
(vgl.  unten  p.  1106).  Bei  Fröhntr,  m.  de  Fr.  6 
dringt  Dionysos  auf  einen  Giganten  mit  der 
Lanze  ein,  deren  untere  Spitze  einen  Epheu- 
büschel  trägt  (eine  Art  d'vgoöloyxog) , nach 
späterer  V orstellung  ist  die  Lanzenspitze  selbst 
in  Epheublättem  versteckt,  Diod.  3,65.3;  eine 
einfache  Lanze  führte  ein  Dionysosbild  der 
Lakonier,  Macrob.  sat.  1,  19,  2.  Das  Trink- 
horn wird  seltener  ( Gerhard  1,  77.  Münch. 
273,  736),  der  Kantharos  Regel.  Der  Epheu- 
kranz  ist  auch  hier  der  übliche  Hauptschmuck, 
ein  Kranz  von  Weinlaub  ausnahmsweise 
(Münch.  273.  388),  nur  eine  schmale  Binde 
El.  cer.  1,  44,  eine  dicke  reifartige  (vgl.  oben 
unter  Asklepios  p.  628,  6)  Millingen  31,  1. 
In  einem  Beispiel  (edelster  strengfig.  Stil) 
zeigt  sich  auch  schon  die  verzierte  Stirnbinde 
mit  befransten  Zipfeln  ( Gerhard , etr.  u.  camp. 
V.  6.  7),  über  welche  unten  S.  1107.  In  der 
Stellung  des  Gottes  findet  man  hier  weniger 
Mannigfaltigkeit  als  bei  den  schwarzfig.  Vasen. 
Der  lässig  gelagerte  Gott  tritt  zurück  (Münch. 
388  [Verbindung  beider  Stilarten]  u.  783.  Tisch- 
bein 4,  11),  nicht  minder  der  reitende  {Mon. 
d.  Inst.  6.  7.  t.  67  auf  Ziegenbock  gelagert). 
Fast  ganz  verschwunden  ist  der  wagenbestei- 
gende Gott  (ein  Beispiel  sehr  strengen  Stils, 
Mon.  d.  Inst.  10,  23.  24.  bakch.  Zug).  Sitzend 
ist  Dionysos  in  Götterversammlungen  darge- 
stellt , sonst  aber  meist  stehend , umgeben 
von  dem  bunten  Treiben  seines  Thiasos , an 
welchem  er  nur  selten  lebhafter  teil  nimmt 
{Gerhard  a.  V.  1 , 77  Münch.  273) , von  dem 
er  meist  in  würdevoller  Ruhe  sich  umschwär- 
men läfst. 


Die  dargestellten  Mythen  sind  dieselben 
wie  auf  den  schwarzfig.  Vasen,  nur  fehlen  Bei- 
spiele für  das  tyrrhen.  Abenteuer  und  die 
Verbindung  mit  Semele;  dafür  tritt  als  neu  hin- 
zu die  Verknüpfung  des  Dionysos-  und  The- 
seusmythos  in  dem  grofsartigen  att.  Vasenbild 
Gerhard , etr.  u.  camp.  Vasen  6.  7. 

Die  betrachteten  Vasendarstellungen  sind  als 
einzige  sichere  Urkunde  für  den  altertümlichsten 
io  Typus  des  Dionysos  von  Wichtigkeit.  Sie  zei- 
gen, obschon  in  den  reifsten  Exemplaren  des 
strengen  Stils  in  verhältnismäfsig  späte  Zeit  ^ 
(Ende  des  5.  Jalirh.)  hinabreichend,  ein  zähes 
Festhalten  am  Althergebrachten.  Weniger  kon- 
servativ erscheint  die  Kunst  der  Stempel- 
schnei düng,  insofern  die  wenigen  archai-  ™ 
sehen  Darstellungen  des  Gottes  auf  Münzen 
doch  schon  gewisse  Merkmale  eines  fortgeschrit- 
tenen Typus  bekunden.  Gleich  an  der  Spitze 
20  steht  sogar  ein  überraschendes  Unicum,  eine 
aus  dem  6.  Jahrh.  stammende  Silbermünze 
Grofsgriechenlands  („uncertain  of  Luca- 
nia  or  Bruttii“),  beistehend  (Fig.  4)  abgebildet 
nach  Catal.  of  gr.  coins  in  the  brit.  Mus.  Italy 
p.  395.  Da  völlige  Nackt- 
heit sonst  bei  dem  bärti- 
gen Gott  ganz  unerhört  ist, 
so  hat  man  in  dieser  Figur 
lieber  einen  Satyr  erblicken 
30  wollen,  doch  tritt  P.  Gard- 
ner, the  types  of  gr.  coins 
p.  87  mit  Recht  für  die 
Erklärung  derselben  als 


fei 

iiegei 

seloi 

fei 


19, 6 


irProi 


Dionysos  ein.  Es  ist  hier  Fig.  4. 

eben  der  Versuch  den  Gott  Münze  Unteritaliens,  jj  nga 
in  völliger  Nacktheit  dar- 
zustellen nicht  wegzuleugnen , nur  steht  der-  •% 
selbe  ganz  vereinzelt  da.  Im  übrigen  zeigt  Mern, 
die  Münze  den  gewöhnlichen  archaischen  Dio-Per 
40  nysostypus:  ein  ruhiges  Dastehen,  tief  auf  den  Titon 
Nacken  fallendes  Haar,  Rebzweig  und  Kan-  Ms 
tharos.  Eine  Normaldarstellung  des  hochalter  h B; 
tüm liehen  Stils  bietet  der  Dionysoskopi Pfflj 
auf  Münzen  von  Naxos  (Sicil.)  Friedländer-  19,3 
Sollet,  das  Tcönigl.  Münzhab.  n.  539  und  540 1® 
(Taf.  VI).  Der  Gott  hat  hier  den  Epheukranz 

in  den  Nacken  tief  herabfallendes  Haupthaar  um 

spitzen  Bart,  der  geöffnete  Mund  soll  freund- Wiiets, 
liches  Lächeln  ausdrücken  (vgl.  die  cäretan 
50  Vase  Mon.  d.  Inst.  9,  55,  den  A.  M ? i Xi%  t o S -Mer 
von  Naxos  (Insel) , Tlieogon.  942  Aiwvvnoi  wonyso 
n olvyg&EK  u.  a.).  Die  Beziehung  des  Kopfe'  - im 
auf  einer  Münze  v.  Antissa  {Gardner  15,12  - Zusa; 
auf  den  Dionysos  Phallen  ist  sehr  unsicher  sei  £ 
Einen  Schritt  über  den  archaischen  Typus  de' 
Vasenbilder  hinaus  thun  mehrere  Münztypen 
welche  beweisen,  dafs  um  die  Wende  des  6 
und  5.  Jahrh.  an  Stelle  jener  alten  solennei 
Doppelgewandung  das  Idealkostüm  des  ein 
6o  fachen  Himations  (O.  Müller,  Arch.  § 336,  4ff. 
auch  für  Dionysos  zur  Anwendung  gekomme. 
sein  mufs.  So  schon  auf  einer  von  Gardnc 
zwischen  550  und  479  gesetzten  Münze  vo.' 
Galarina  (a.  a.  O.  Taf.  2,  2),  welche  beiVoi 
deransicht  des  Rumpfes  in  der  Seitenstelhinj 
von  Füfsen  und  Kopf  die  Eigentümlichkei 
des  ältesten  Reliefstils,  in  der  Ranke  das  altei 
tümliche  Attribut  des  Gottes  bewahrt,  dagege 


Rjw  2 


[Unter 

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1101  Dionysos  (bärtig;  arch.  Skulpt.) 

die  rechte  Brust  und  den  rechten  Arm  nackt 
aus  dem  Himation  hervortreten  läfst.  Und 
die  Bekleidung  mit  dem  blol'sen  Himation  hal- 
ten dann  die  Münzen  der  folgenden  Periode 
(479 — 431)  fest,  so  die  Münzen  v.  Nagidus, 
j Gardner  4,  25  (Dionysos  mit  Weinranke  und 
Tliyrsos),  oder  die  Typen  von  Ab  de  ra,  unter 
denen  ein  vorzüglich  erhaltenes  Exemplar  bei 
I Inihoof-Blumer , monn.  grecques  t.  C p.  38  in  der 
t linken  Hand  des  Gottes  einen  Stab  mit  Baum-  io 
I kröne,  in  der  rechten  den  Kantharos,  ein  an- 
deres bei  Gardner  t.  3 , 29  nur  eine  Trink- 

( schale  in  der  Rechten  zeigt.  Dafs  indes  die 
althergebrachte  Darstellung  des  Dionysos  in 
langem  Chiton  und  darüber  geschlagenem  Hima- 
tion durch  solche  Neuerung  nicht  verdrängt 
i1  wurde,  sondern  (von  den  Münzen  abgesehen) 

! als  die  Regel  beibehalten  worden  ist , wird 
I sich  weiter  unten  zeigen. 

Die  Umschau  nach  Darstellungen  des  Dio-  20 
■ nysos  in  der  archaischen  Skulptur  führt 
I auf  einen  sehr  unsicheren  Boden.  Unter  den 
1 Reliefs  des  alten  Stils  ist  keine  Darstellung 
I des  Dionysos  erhalten , nur  litterar.  Zeugnisse 
I liegen  vor.  So  war  an  der  Lade  des  Kyp- 
selos  der  bärtige  Gott  liegend  dargestellt,  in 
»der  Hand  ein  goldenes  Trinkgeschirr  und  be- 
ikleidet mit  einem  %ircov  nodriQgg,  Paus.  5, 

1 19,  6.  ln  dieser  Darstellung  „lydisehen  Ein- 
lflufs“  mit  Welcher,  Gütterl.  2,  615  zu  empfin-  30 
Iden  vermögen  wir  nicht,  wir  müfsten  denn 
»überhaupt  die  Göttertracht  der  altertümlichen 
IjVasen,  für  welche  dieser  Chiton  charakteristisch 
list,  ly  dischem  Einflufs  zuschreiben.  Die  Darstel- 
lilung  am  Kypseloskasten  ist  ein  Seitenstück  zu 
■ len  ob.  p.  1094f.  besprochenen  Vasenbildern  mit 
gelagertem  Dionysos  und  ergänzt  dieselben  in- 
sofern,  als  auf  jenen  entweder  Doppelgewand 
)der  blofses  Himation  erschien;  im  langen 
I phiton  allein  lernten  wir  einen  stehenden  Dio-  40 
liysos  kennen  im  münch.  Vasenbild  n.  696. 
[Am  Bathron  des  amykläischen  Thrones 
j yaren  Dionysos  und  Semele  dargestellt  (Paus. 

16,  19,  3)  und  am  Throne  selbst  (3,  18, 16)  fehlte 
ler  Zurückführung  Hepliaists  auf  den  Olymp 
hr  Protagonist  sicherlich  nicht;  vgl.  oben  die 
Pasenbilder.  Eine  Reihe  hochaltertümlicher 
I Reliefs , die  sogen.  „Kantharosmänner“,  sämt- 
lich aus  der  Umgegend  von  Sparta,  wurden, 
|[achdem  das  zuerst  gefundene  Exemplar  auf  50 

rmysos  und  Ariadne  gedeutet  worden  ( Conze 
Annali  1870,  284 ff.  u.  a.),  von  Milchhöfer 
n Zusammenhang  behandelt  und  dem  bakchi- 
(■:  ohen  Kreise  mit  Recht  abgesprochen , Mittei - 
mgen  2 p.  303  ff.  Die  zuerst  versuchte  Deu- 
mg  auf  Hades-Chthonia  (a.  a.  0.  p.  459)  hat 
I lilchhöfer  später  durch  die  richtige  auf  heroi- 
1 ierte  Tote  ersetzt,  Mittheil.  4 p.  163  und 
»L rch.  Zeitg.  39  p.  293 ff. 

Unter  den  erhaltenen  archaischen  Statuen  60 
ird  ein  sicher  bezeugter  Dionysos  vermifst, 
la  in  den  Fällen,  wo  man  einen  solchen  zu 
• i.kennen  geneigt  ist,  die  entscheidenden  Attri- 
jute  verloren  gegangen  sind.  So  ist  es  der 
all  bei  einer  Kolossalstatue  der  Villa 
lbani,  welche  Winclcelmann,  G.  d.  K.  3,  2 
' 11  ( Werke  3,  319  Eisei.)  für  einen  Priester 
. ld  ein  Beispiel  altetruskischer  Kunst  erklärte, 


Dionysos  (bärtig;  arch.  Skulpt.)  1102 

während  sie  entschieden  altgriechischen  Ur- 
sprungs ist  (ob  als  Original  oder  als  genaue 
Kopie,  ist  noch  festzustellen).  Dieses  für  die 
Kunstgeschichte  wichtige  Werk,  bis  jetzt  nur 
in  Feas  Übers,  d.  Kunstgesch.  Winckelmanns  1 
tav.  18  publiciert,  giebt  nach  einer  Photogr. 


Kolossalstatue  der  Villa  Albani. 

beistehende  Fig.  5.  Feas  Erklärung  derselben 
als  Sacerdote  di  Bacco  1 p.  434  hat  später  der 
Deutung  auf  Dionysos  selbst  Platz  gemacht, 
Beschreibung  der  Stadt  Born  3,  2 p.  535;  vgl. 
E.  Braun,  liuinen  u.  Mus.  Borns  p.  683.  Eine 
sichere  Benennung  ist  bei  dem  Mangel  cha- 
rakteristischer Attribute  (beide  Unterarme  er- 
gänzt) nicht  zu  wagen,  doch  läfst  sich  wenig- 
stens so  viel  sagen , dafs  diese  Gestalt  mit 


1103  Dionysos  (bärtig;  arch.  Skulptur) 


Dionysos  (bärtig;  1.  Blütezeit)  1104 


ihrem  lang  auf  den  Rücken  und  in  je  4 Locken 
tief  auf  die  Brust  herabfallenden  Haupthaar, 
den  vollen  Körperformen,  der  Doppelgewan- 
dung, dem  offenbar  beabsichtigten  freundlichen 
Gesichtsausdruck  aufs  beste  zu  der  Vorstel- 
lungstimmt, welche  man  auf  Grund  der  Vasen- 
bilder und  anderweitiger  Überlieferung  sich 
von  einer  archaischen  Dionysosstatue  bildet. 
Dafs  sich  im  Haar  kein  Epheukranz,  sondern 
eine  Binde  befindet,  entspricht  dem  Brauch 
der  alten  Skulptur;  auch  haben  wir  oben  selbst 
auf  Vasenbildern  statt  des  regelmäfsigen  Epheu- 
kranzes  bisweilen  die  einfache  Binde  angetrof- 
fen (z.  B.  Münch.  157.  Mon.  d.  Inst.  5,  35). 
Keine  gröfsere  Sicherheit  bietet  die  Benennung 
einer  Statue  des  Pal.  Doria  ( Matz-Dulm  1 
n.  317),  welche  in  Haarbildung,  Doppelgewan- 
dung und  Stellung  der  albanischen  Statue 
nahe  steht.  Die  beiden  Marmor  köpfe  von 
Delos  (Bull,  de  c.  h.  5 pl.  10),  welche  über 
der  Stirn  in  drei  Reihen  frisierte  Schnecken- 
locken,  eine  schmale  runde  Haarbinde,  langen 
und  breiten  Bart,  volle  Wangen  und  milden 
Gesichtsausdruck  zeigen  (archaischer  Typus, 
aber  archaisierende  Ausführung),  würden  durch 
den  Fundort  als  bakchisch  bezeugt  gelten  kön- 
nen, wenn  die  Kombinationen  IIomolles( a.  a.  0. 
p.  507  u.  509)  das  Richtige  treffen.  Über  die 
in  der  1.  Hälfte  des  5.  Jahrh.  geschaffenen 
Dionysosbilder  des  Dionysios  von  Argos 
(Paus.  5,26,  3)  und  des  Myron  (nach  Paus.  9, 
30, 1 das  zweitbedeutendste  Werk  des  Meisters) 
fehlen  genauere  Nachrichten.  Ein  trefflicher 
Münztypus  von  Naxos  Sic.  (fällt  zwischen 
479  u.  431)  lehrt,  in  welcher  Weise  der  Kopf 
des  Dionysos  von  der  reifarchaischen  Kirnst 
aufgefafst  wurde;  s.  Ab 


bildg.  6 nach  Friedlän- 
der-Sallet  t.  6 n.  57 1 ; 
vgl.  P.  Gardner  2,  22. 

Den  Beschlufs  mag 
ein  auf  Münzen  von 
Mende  in  der  2.  Hälfte 
des  5.  Jahrh.  erschei- 
nender und  später  häu- 
fig wiederkehrender  Ty- 
pus machen , welcher 
den  Gott  auf  einem 
Maultier  gelagert  dar- 
stellt (Müller-  Wieseler 
31,  349.  Catal.  of  gr.  c.  Macedonia  p.  81  n.  4; 
p.  83  n.  10.  Annuaire  de  la  soe.  de  numism. 
3,  1,  40,  überall  mit  Kantharos,  Imhoof- Blumer, 
monn.  gr.  p.  83  u.  87  mit  dem  altertümlicheren 
Rhyton).  Man  schwankt  in  der  Erklärung  die- 
ser Figur  zwischen  Dionysos  und  Silen.  Die 
Musterung  der  Reihe  im  Katal.  des  brit.  Mu- 
seums scheint  mir  die  Deutung  auf  den  Gott 
zu  sichern:  in  n.  5 u.  6 steht  ein  deutlich 
satyresk  gebildeter  nackter  Silen  neben  einem 
Esel.  Ganz  anders  in  n.  4 die  auf  dem  Maul- 
tier gelagerte  Gestalt,  welche  in  ihrer  behag- 
lichen aber  würdevollen  Ruhe,  in  dem  langen 
Haupt-  und  Barthaar,  dem  durchaus  idealen 
Ausdruck  des  Kopfes,  dem  um  den  Unterleib 
geschlagenen  Himation  ein  Wesen  höheren 
Ranges  bekundet  und  an  den  in  der  altertüm- 
lichen Kunst  beliebten  Darstellungen  des  ge- 


lagerten Dionysos  (vgl.  oben  p.  1094)  ihr  Ana 
logon  findet. 

1.  Blütezeit.  Von  den  beiden  Koryphäen 
derselben,  Pheidias  u.  Polyklet,  sind  uns  keine 
Darstellungen  desDionysos  überliefert  (über  e.  ge- 
mutmafsten  Dionysos  unter  den  Parthenonskulp- 
turen vgl.  jugendl.  Dionysos  p.  1126f.).  Kolo- 
tes  hatte  an  seinem  Tisch  zu  Olympia  auf  der 
einen  Nebenseite  Dionysos  mit  Pluton  und 
io  Persephone  dargestellt  (Paus.  5 , 20,  3) , eine 
Statue  des  Dionysos  von  demselben  Künstler 
entnimmt  aus  Eust.  z.  II.  2,  603  Brunn , G.  d. 
gr.  Zf.  1,  242.  Praxias  (Kalamis’  Schüler) 
und  Androsthenes  schmückten  den  West- 
giebel des  Delphischen  Tempels  mit  Dionysos 
und  den  Thyiaden,  Paus.  10,  19,  3;  vgl.  Wel- 
cher, a.  D.  1,  151  u.  2,  111.  In  allen  diesen 
Beispielen  läfst  sich  die  bärtige  Bildung  des 
Gottes  wenigstens  voraussetzen.  Wenn  aber 
20  nach  Welckers  auf  Eurip.  Ion  187  ff.  gestützter 
V ermutung  (a.  a.  0.)  die  beiden  letztgenannten 
Künstler  in  einer  Metope  des  Delph.  Tempels 
Dionysos  einen  Giganten  tötend  bildeten  (Hey- 
demann,  Winckelmannsprogr.  1881  p.  18  ver- 
gleicht zu  Eur.  a.  a.  0.  Luynes,  Descr.  19,  20. 
Gerhard,  Trinksch.  A.  B),  so  werden  wir  in  Über- 
einstimmung mit  sämtlichen  Vasenbildern  bis 
zum  schönen  Stil  herab  diesen  Gigantenbezwin- 
ger nur  als  den  bärtigen  Gott  auffassen  dür- 
30  fen.  Und  mit  genügender  Sicherheit  läfst  sich 
dieser  Typus  auch  von  dem  chryselephantinen 
Dionysos  des  Alkamenes,  der  Kultstatue 
des  athenischen  Heiligtums  beim  Theater,  an- 
nehmen (Paus.  1,  20,  2),  deren  Nachbildungen 
Beule,  monn.  d'  Athenes  p.  262  in  athen.  Te- 
tradrachmen und  Erzmünzen  erkannt  hat.  Die- 
selben sind  offenbar  von  einem  statuarischen 
Typus  abhängig  (Darstellung  von  verschiede- 
nen Seiten  in  stets  gleichbleibender  Anordnung), 
40  und  das  Original  ist  schwerlich  anderswo  zu 
suchen  als  in  jenem  kostbaren,  die  hervor- 
ragendste Stätte  des  athenischen  Dionysoskults 
schmückenden  Werk  des  Alkamenes.  Die  Mün- 
zen zeigen  den  Gott  auf  einem  Thron  mit 
hoher  Rückenlehne  würdevoll  dasitzend,  in  der 
erhobenen  Rechten  den  Thyrsos,  in  der  vor- 
gestreckten Linken  den  Kantharos.  Das  Ge- 
wand, nur  ein  Himation,  liegt  in  den  für  De- 
tails zuverlässigeren  Erzmünzen  auf  der  lin 
50  ken  Schulter  und  an  dem  Unterkörper;  vergl. 
den  olymp.  Zeus  des  Pheidias.  Bei  Beule  p.  261 
(Overbeck,  Plastik  1 p.  274)  und  Gombe,  num. 
mus.  brit.  7,  8 (schlecht  wiederholt  b.  Müller- 
Wieseler  2 n.  348)  ist  der  Bart  ziemlich  kurz 
und  das  Haupthaar  im  Nacken  aufgebunden, 
wohl  nur  eine  Ungenauigkeit  infolge  schlech- 
ter Erhaltung.  Ein  mir  in  Abdruck  vorliegen- 
des Exemplar  zeigt  langen  Bart  und  um  das 
Haupt  einen  kräftig  vorspringenden  Reif  (vgl. 
60  Millingenp.  d.  v.  Coghill  31)  oder  Kranz.  Eben- 
falls von  Gold  und  Elfenbein  gearbeitet  war 
die  Tempelstatue  in  dem  wegen  seiner  alter- 
tümlichen Dionysosbilder  schon  oben  (p.  1093) 
erwähnten  Heiligtum  zu  Sikyon,  Paus.  2, 
7,  6.  Zu  beiden  Seiten  des  Gottes  befanden 
sich  Marmorstatuen  von  Bakchen,  ein  Hinweis 
darauf,  dafs  in  dem  chryselephantinen  Kult- 
bilde der  Gott  orgiastisch  gedacht  war,  ent- 


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1105  Dionysos  (bärtig ; 1.  Blütezeit) 

sprechend  dem  ebendaselbst  befindlichen  alten 
Schnitzbilde  des  A.  Bkv.%uos.  Der  Goldelfen- 
beintechnik  gemäl's  wird  die  Statue  nicht  spä- 
ter als  Ende  des  5.  Jahrh.  anzusetzen  sein. 
Auf  Münzen,  welche  um  den  peloponn.  Krieg 
und  bald  nachher  geschlagen  worden  sind, 
läfst  sich  der  bärtige  Kopf  des  Dionysos  mehr- 
fach nachweisen.  Münzen  v.  Th asos  ( Gard- 
ner 7,  8)  zeigen  ihn  mit  dem  Ausdruck  gött- 
licher Hoheit  und  zeusartig , Münzen  von  io 
Naxos  Sicil.  ( Gardner  2,  22.  F riedländer -Sol- 
let 6,  571)  in  einem  etwas  vorgeschrittenen 
Typus.  Das  Haupthaar  ist  hier  überall  in 
kleine  Ringellöckchen  aufgelöst;  um  den  Kopf 
liegt  ein  breites  mit  einer  Epheuranke  ver- 
ziertes Diadem.  Der  geistige  Inhalt  tritt  hin- 
ter der  formalen  Schönheit  des  Kopfes  zurück 
(jedenfalls  aus  der  letzten  Zeit  der  Stadt, 
zerstört  403  v.  Ohr.).  Theben,  welches  auf 
älteren  Münzen  sich  mit  Dionysischen  Attri-  20 
buten  begnügte,  zeigt  jetzt  den  Kopf  des  Got- 
tes in  einer  interessanten  Reihe  von  Typen, 

( Fatal . d.  brit.  Mus.  Central  Greece  t.  13  Fig. 
5—9,  zwischen  426  u.  395  angesetzt),  welche 
einen  Fortschritt  vom  strengeren  Stil  zur  edel- 
sten Auffassung  vorführen  (n.  9 mit  mildem, 
sinnendem  Ausdruck);  vgl.  auch  die  Elektron- 
münzen Thebens  aus  dem  Anfang  des  4.  Jahr- 
hunderts a.  a.  0.  Taf.  14,  1 u.  2.  Den  schönen 
Köpfen  dieser  Reihe  ist  gemeinsam  das  lockere  30 
Haar,  welches  mäfsig  tief  auf  Nacken  und 
Hals  fällt  und  der  kurze,  die  Kinnbildung 
nicht  verdeckende  Bart  (die  kräftigere  Haar- 
f ri  Ile  und  überhaupt  materiellere  Auffassung 
des  Kopfes  bei  Gardner  7,  24  erklärt  sich 
wohl  aus  der  gewählten  Vorderansicht).  Der 
Doppelkopf  auf  Münzen  v.  Tenedos  ( Gard- 
ner 10,  43)  wird  von  Gardner  p.  175  im 
Anschlufs  an  Leuormant  für  einen  zweige- 
staltigen  oder  androgynen  Dionysos  erklärt.  40 
Meine  Bedenken  gegen  den  oft  behaupteten 
Androgynismus  des  Dionysos  finden  unten 
(p.  1110 f.)  Ausdruck;  bei  den  tenedischen  Dop- 
pelköpfen ist  der  jugendliche  durch  das  Ohr- 
gehänge doch  entschieden  als  weiblich  ge- 
kennzeichnet, also  Ariadne.  Auf  Münzen  v. 
Aigai  ( Mionn .,  D.  3,  2.  4.  Cli.  Lenormant,  n. 
(fall.  myth.  pl.  33,  10)  hat  der  Kopf  des  Gottes 
bei  mächtiger  Haarfülle  einen  sehr  freund- 
lichen Ausdruck.  50 

Welchen  Einflufs  die  Malerei  während 
der  1.  Blütezeit  auf  die  Entwickelung  des  Dio- 
nysosideals ausgeübt  hat,  läfst  sich  nur  indi- 
rekt aus  den  Vasenbildern  abnehmen.  Der 
einzige  der  älteren  Maler,  von  welchem  Dio- 
nysosbilder erwähnt  werden,  ist  Parrhasios; 
vgl.  Brunn  2 p.  100  über  seinen  Liber  pater, 
mit  dem  vielleicht  ein  zu  Korinth  mit  dem 
Preise  gekröntes  Bild  identisch  ist.  Die  Notiz 
des  Theaitet  über  letzteres  bei  Suid.  s.  v.  60 
ovdiv  TtQog  Aiovvcov  könnte  die  Mutmafsung 
einer  Neuerung,  welche  Parrhasios  in  der  Dar- 
stellung des  Gottes  wagte,  veranlassen,  und 
in  der  That  werden  uns  bei  den  Vasen  des 
schönen  Stils  alsbald  eine  Reihe  von  neuen 
Zügen  im  Bilde  des  Gottes  begegnen.  Dafs 
ein  Charakteristikum  dieser  Vasen  in  der 
Vorführung  des  Dionysos  als  einer  schönen 


Dionysos  (bärtig;  1.  Blütezeit)  1106 

Jünglingsgestalt  bestehe,  hat  0.  Jalin,  Ein- 
leit. zum  manch.  Vasenlcat.  p.  190f.  ausge- 
sprochen, aber  p.  205  wieder  eingeschränkt, 
und  mit  Recht;  denn  der  bärtige  Gott  ist  auf 
diesen  Vasenbildern  noch  sehr  häufig  darge- 
stellt und  läfst  sich  bis  in  den  flüchtigen  Stil 
hinab  verfolgen. 

Im  allgemeinen  hält  sich  der  Typus  des 
Gottes  in  den  von  früher  überkommenen  For- 
men; vgl.  Millingen,  peint.  d.  v.  pl.  19.  El. 
cer.  1,  46  A (— Münch.  780).  Münch.  793.  Pa- 
nofka,  Dion.  u.  d.  Thyiaden  3,  12  etc. 

Unter  den  benutzten  Sagenstoffen  erfreuen 
sich  der  alten  Beliebtheit  die  Gigantomachie 
und  die  Zu  rück  füll  rung  Hephaists.  Er- 
stere  ist  durch  zwei  hervorragende  Vasenbilder 
vertreten,  welche  in  der  Zeichnung  die  Grenze 
des  strengen  und  schönen  Stils,  in  der  Situa- 
tion dagegen  eine  neue  Auffassung  zeigen, 
nicht  mehr  den  kämpfenden  Gott,  sondern  ein 
Vorstadium,  die  Rüstung  zum  Kampfe.  Auf 
der  lebensvollen  Vase  v.  Milo  ( Fröhner , mus. 
de  Fr.  81  ist  der  Gott  eben  im  Begriff  den 
Panzer  über  dem  langen  Chiton  zu  schliefsen, 
während  ein  Satyr  den  Helm  bereit  hält ; in 
der  Petersburger  Vase  ( C.-B . für  1867  t.  4)  er- 
scheint Dionysos  in  kurzem  Chiton,  Panzer 
und  Stiefeln,  die  erhobene  Linke  auf  den  Thyr- 
sos  gestützt,  die  Rechte  in  die  Seite  gestemmt, 
jeder  Zoll  ein  Krieger.  Bakchantinnen  halten 
seine  Waffen  (Schwert,  Schild,  Helm).  Dafs 
diese  beiden  Bilder  nur  auf  den  Giganten- 
kampf  zu  beziehen  sind , begründet  Stephani 
a.  a.  0.  p.  186.  Auf  die  zahlreichen  Darstel- 
lungen der  Zurückführung  Hephaists  kommen 
wir  unten  mehrfach  zurück. 

Unter  den  Attributen  ist  jetzt  die  Ranke 
durch  den  Thyrsos  so  gut  wie  vollständig 
verdrängt  (Münch,  n.  1181,  Dionysos  mit  Ranke, 
Mainade  mit  Thyrsos,  soll  nach  0.  Jahn  dem 
schönen  Stil  angehören).  Der  Schaft,  in  wel- 
chem man  nach  der  schriftlichen  Überlieferung 
(Eurip.  u.  Plato ) den  Narthex  annehmen  mufs, 
ist  meist  nicht  genügend  charakterisiert,  am 
treuesten  etwa  Millingen  pl.  19  mit  stehen- 
gelassenen Blattstielen  und  Daremberg-  Saglio  1 
Fig.  712;  vgl.  auch  Mon.  gr.  1879  pl.  3.  Ein 
eigentümlich  gewundener  Schaft  Mon.  cl.  Inst. 
11,  27.  Gerhard,  etr.  Spiegel  1, 102.  — Dierbach, 
Flora  mythol.  p.  677  ist  ungenügend.  Lenz, 
Botanik  der  Griechen  u.  Börner  p.  563  zählt 
drei  Arten  von  Narthex  auf.  Den  oberen  Ab- 
schlufs  bildet  ein  Ej:>heubüschel.  [Der  dol- 
denförmige Blütenstand  der  ferula  als  natür- 
liche Spitze  des  Thyrsos  ist  noch  unbekannt 
und  erst  auf  späteren  Vasen  wie  Müller-Wie- 
seler  1 n.  11.  2 n.  442  dargestellt.  Ebenso  un- 
bekannt ist  auch  noch  der  Pinienzapfen  auf 
dem  Thyrsos,  dessen  frühestes  Beispiel  die  Pla- 
stik im  Beiwerk  des  farnesischen  Stiers  (das 
Lysikratesdenkmal  giebt  keine  Sicherheit),  die 
Vasenmalerei  in  der  Hand  des  jugendlichen 
Gottes  auf  einem  apul.  Vasenbild  ( Gerhard  ctp. 
V.  15)  liefert,  während  ältere  Vasen  wohl  stets 
den  Epheubüschel  meinen.  Eine  meines  Wissens 
nur  auf  süditalischen  Vasen  erscheinende  Thyr- 
sosform  ( Gerhard , Ap.  V.  1.  Millin,  peint.  d. 
v.  2,  16)  wird  man , da  ihre  Blattstengel  zum 


1107  Dionysos  (bärtig;  1.  Blütezeit) 

Aufhängen  eines  Tympanon  kräftig  genug  sind 
{Müller-  Wieseler  2 n.  543),  schwerlich  mit  Ger- 
hard als  „Kornähre“  fassen  dürfen , eher  als 
eine  Rohrpflanze  des  Südens.]  Jetzt  zuerst 
erscheint  auch  dieNebris  unter  den  Gewand- 
stücken des  Gottes,  z.  B.  Müller- Wieseler  2 
n.  196,  eine  relativ  späte  Übertragung  von 
den  Mainaden  auf  den  Gott  selbst.  Während 
auf  den  älteren  Vasenbildern  neben  dem  Epheu- 
kranz  nur  vereinzelt  die  Binde  als  einfaches 
und  schmales  Haarband  erschien,  tritt  jetzt 
eine  anspruchsvollere  breite  Binde  sehr 
häufig  zu  dem  Epheukranz  oder  an  seine  Stelle 
und  zwar  meist  in  der  für  Dionysos,  besonders 
den  jugendlichen,  charakteristisch  gewordenen 
Verwendung  als  Stirnbinde  ( A . Z.  31,  14. 
Müll  er- Wieseler  2,  603,  C.  11.  für  1861  Taf.  4), 
oft  mit  tief  herabhängenden  Zipfeln  ( Mülin 
g.  m.  83,  336.  Müller  - Wieseler  2 n.  136 
etc.),  in  auffallendster  Weise  Millin , peint. 
d.  v.  1,  30;  ein  vereinzeltes  Beispiel  dieser 
Art  giebt  bereits  das  grofsartige  Vasenbild 
aus  der  letzten  Periode  des  strengen  Stils 
Gerhard,  etr.  u.  carnpan.  Vas.  6,  7.  Da  die 
Stirnbinde  als  palästrische  Tracht  üblich 
war  (Diadumenos  Farnese,  Müller- Wieseler  1 
n.  136;  attischer  Ephe-benkopf , Mon.  d.  Inst. 
9,  36),  so  wird  man  in  ihrem  Auftreten  bei 
Dionysos  noch  keine  weibische  Tendenz,  son- 
dern ein  natürliches  Mittel  erblicken  dürfen, 
um  das  volle  Haar  an  dem  Herabgleiten  auf 
das  Gesicht  zu  hindern.  Anders  freilich  Fälle 
wie  Millin  p.  d.  v.  1,30,  wo  die  befranste 
Binde  durchaus  als  Kopfputz  wirkt  und  an 
den  ^gnoofiR gag  Buh%o g ( Sopli . Oed.  R.  209) 
erinnert  (eine  ähnliche  Binde  von  auffallender 
Länge  tragen  übrigens  auch  Männer  beim  Ge- 
lage, Mon.  d.  Inst.  3,  12).  Und  hiermit  kom- 
men wir  zu  einer  anderen,  noch  auffallenderen 
Neuerung  im  Typus  des  Gottes  auf  Vasen  seit 
dem  4.  Jahrh. , jenem  ärmellosen,  mit  reicher 
Stickerei  verzierten  kurzen  Rock*)  nebst 
Gürtel,  welchen  Dionysos  über  dem  langen 
ion.  oder  dor.  Chiton  trägt  in  Beispielen  wie 
Müller- Wieseler  2,  n.  196  und  den  jüngeren. 
C.  R.  für  1861,  t.  4 (=  Conse,  Heroen-  und 
Göttergest.  60).  A.  Z.  31,  14.  Gas.  arch.  1879 
pl.  5 = nebenstehende  Abbildung  Fig.  7). 

In  dem  ersten  und  letzten  Beispiel  trägt 
Dionysos  über  diesem  gestickten  ^trwWexos 
noch  die  Nebris , in  Figur  7 zudem  auf  dem 
linken  Arm  noch  eine  Chlamys.  An  dieser 
komplizierten  Gewandung  sind  das  auffallendste 
der  Chitoniskos  und  die  Binde.  Beide  haben 
einen  fremdländischen  Charakter  und  werden 
uns  beim  jugendlichen  Dionysos,  in  dessen 
Typus  sie  eine  viel  gröfsere  Rolle  spielen, 
wiederbegegnen.  Der  Chitoniskos,  am  reich- 
sten verziert  in  der  Petersburger  Vase  Compte- 
Rendu  a.  a.  0.  (vgl.  auch  Mon.  delV  Inst.  10, 
51  , wo  er  unmittelbar  auf  den  Leib  gezo- 

*)  Statt  dieses  Rocks  ein  nur  bis  zu  den  Hüften 
reichendes  Wams  b.  Müller- Wieseler  2,  603  und  dazu 
eine  befranste  Prachtbinde  ib.  n.  616  (Priester  des  Dio- 
nysos?). Vielleicht  ist  auch  im  pompejan.  Gemälde  ib. 
n.  613  dies  Wams,  und  nicht  ein  Pauzer  ( Quaranta ) ge- 
meint. Dafs  es  kein  spezifisches  Kostüm  des  Dionysos 
war,  beweist  der  Flötenspieler  Mon.  d.  Inst.  5,  10. 


Dionysos  (bärtig;  1.  Blütezeit)  1108 

gen),  gehört  in  die  Kategorie  jener  Pracht- 
gewäncler,  welche  fortan  auf  Vasenbildern 
bei  mehreren  Göttern  und  Heroen  erschei- 
nen und  von  0.  Jahn,  Einleitung  p.  227 
etwas  zu  spät  erst  aus  der  Zeit  des  Verfall- 
stils datiert  werden.  Am  frühesten  scheint 
von  den  Göttern  Ihonysos  mit  ihnen  ausgestat- 
tet worden  zu  sein;  doch  ist  ihre  Verwendung 
beim  bärtigen  Gott  auf  die  Vasenbilder  be- 
schränkt geblieben  und  auch  hier  selten 


Mg.  7. 

Dionysos  in  absonderl.  Tracht  auf  Vasenb.  (S.  1107,  47). 


nachweisbar.  Aufgekommen  sein  mag  dieser 
orientalische  Luxus  bei  den  Dionysischen  Pracht- 
aufzügen ( Müller , Arch.  § 336,  8),  in  die  Kunst 
hat  er  aber  vermutlich  erst  durch  Vermitte- 
lung des  Theaters  Eingang  gefunden.  Unter 
den  oben  genannten  4 Vasenbildern  behandeln 
zwei  offenbar  einen  Bübnenstolf:  1 Hüller- Wiese- 
ler 2 n.  196  die  Zurückführung  Hephaists,  welche 
Epicliarm  in  seinen  Komasten  dramatisch  be- 
arbeitet hatte  (0.  Müller,  Dorier  2“  p.  247),  das 
attische  Vasenbild  Arch.  Zeit.  31  T.  14  (Dio- 
nysos einen  Satyr  mit  der  Lanze  züchtigend) 
vermutlich  eine  Situation  aus  irgend  einem  Sa- 
tyrdrama. F.  Lenormantb.Daremberg-Sagho  1 
p.  628  b will  den  hier  verwendeten  kurzen  Über- 
rock als  -rgonunog  in  Anspruch  nehmen,  wozu 
hinreichender  Grund  fehlt.  Denn  Krokotos  heifst 
bald  ein  Himation  (Rollux  4,  117.  Suid.s.v.), 


io 

20 

30 

40 

50 

60 


1 109  Dionysos  (bärtig;  1.  Blütezeit) 

bald  ein  Chiton  ( Schol . Thesmoph.  268),  und 
offenbar  ein  Chiton  ist  gemeint  Thesmoph.  253, 
wo  Mnesilochos  den  Krokotos  als  erstes  Gewand- 
stück auf  den  Leib  zieht.  Da  der  Name  kqo- 
niozog  von  der  Farbe  hergenommen  ist  und  die 
verschiedensten  Gewänder  safranfarbig  sein 
konnten,  so  werden  wir  auf  seine  Nachweisung 
verzichten  müssen.  Die  gleiche  Zurückhaltung 
ist  gegenüber  der  Bassara  geboten,  nach 
Pollux  7,  60:  Avdwv  %izwv  zig  ...  . Aiovvoia - 
■sog  nodriQrig,  nach  Etym.  magn.  p.  191,  5 thra- 
kisch,  nodr/Qgg  und  noinilog.  Sicher  ist  die- 
selbe als  Tracht  der  Mainaden  (vergl.  oben 
p.  1039  und  F.  G.  Schoene,  de  person.  in  Eurip. 
Baach,  habitu  scen.  p.  23  u.  146)  und  schon 
von  Aischylos  auf  der  Bühne  verwendet  (vgl. 
seine  „ Bassarides “ u.  frg.&ih  Bind).  „ Baccho  qui- 
dem  perspicue  nusquam  tribuitur  “ sagt  Schoene 
a.  a.  0.  p.  23.  Den  Beinamen  des  Gottes  Bassa- 
reus  von  dem  Gewände  seiner  Mainaden  abzu- 
leiten, wie  der  Schol.  zu  Hör.  cartn.  1,  18,  11 
thut,  ist  vollständig  ausreichend,  und  da  wir 
von  der  Beschaffenheit  der  Bassara  keine  klare 
Vorstellung  haben,  so  wird  die  Annahme  eines 
mit  der  ßctaougct  bekleideten  Dionysos  auch  in 
jenen  sehr  seltenen  Beispielen,  wo  der  Gott 
auf  Vasenbildern  einen  dem  weiblichen  Kostüm 
entsprechenden  Chiton  trägt,  zu  vermeiden 
sein  und  umsomehr,  als  das  Prädikat  noinilog 
{Et.  Magn.)  auf  ihn  nicht  zutrifft.  Nicht  zu 
diesen  Beispielen  gehört  das  schöne  Vasenbild 
mit  der  Zurückführung  Hephaists  Millingen 
pl.  6 {Mülin,  g.  m.  83,  336),  wo  Dionysos  wie 
der  ihm  folgende  Hephaist  auf  dem  blofsen 
Leib  einen  kurzen  gegürteten  Chiton  trägt, 
aber  im  Gegensätze  zu  jenem  von  einem  fein- 
gefältelten Stoffe  und  mit  einem  Überschlag, 
welche  beiden  Merkmale  im  Gewände  der  vor- 
aufschreitenden Komodia  wiederkehren.  Hier 
findet  also  wenigstens  eine  Annäherung  an  die 
weibliche  Tracht  statt,  und  dafs  darin  eine 
Eigentümlichkeit  des  bakchischen  Bühnen- 
kostüms überliefert  ist,  beweist  die  inschrift- 
lich beglaubigte  Anwesenheit  der  Komodia. 
(Ich  kann  weder  mit  0.  Müller,  Dorier  22,  348 
hier  einen  Dionysos  „im  alten  Feierkostüm“, 
noch  mit  F.  Lenormant  bei  Baremberg-Saglio 
p.  627  den  Typus  des  D.  Brisaios  anerken- 
nen. Von  letzterem  wissen  wir  nichts  wei- 
ter, als  dafs  er  bärtig  dargestellt  wurde, 
Macrob.  Sat.  1,  18,  9.)  Für  eine  von  weib- 
licher Gewandung  nicht  mehr  zu  unterschei- 
dende Bekleidung  des  Dionysos  scheinen  nur 
drei  Beispiele  vorzuliegen,  von  welchen  zwei 
den  Gott  in  gleicher  Situation,  im  Lauf-  oder 
Tanzschritt  auf  eine  folgende  Mainade  zurück- 
blickend, vorführen:  die  Pariser  Vase  bei  Da- 
remberg-Saglio  1 Fig.  712,  wo  der  Gott  einen 
feingefältelten,  mit  tiefem  Überschlag  verse- 
henen ion.  Chiton  und  darüber  die  Pardalis 
und  einen  Gürtel  trägt,  die  Mainade  denselben 
Chiton , nur  etwas  tiefer  herabgelassen  und 
über  ihm  eine  Nebris  ohne  Gürtel.  Das 
2.  Beispiel  giebt  Millin,  peint.  d.  v.  1,  30;  der 
Gott  trägt  hier  nur  einen  langen  dorischen 
Chiton  mit  Überschlag  und  doppelter  Giirtung 
und  über  den  linken  Arm  eine  Chlamys.  Da- 
zu kommt  noch  El.  cer.  1 , 47  (Dionysos  im 


Dionysos  (bärtig;  1.  Blütezeit)  1110 

ion.  Chiton  mit  Überschlag,  darüber  Himation). 
In  allen  drei  Fällen  hat  der  Gott  auch  die 
breite  Zipfelbinde.  Das  3.  Beispiel  ist  wieder 
eine  Zurückführung  Hephaists  und  damit  wer- 
den wir  auch  für  dieses  seltene  Kostüm  des 
Dionysos  auf  den  Brauch  des  Theaters  hin- 
gewiesen. 

Nun  hat  aber,  nach  anderer  {Welcher,  Göt- 
ter! 2,  616.  Preller,  gr.  Myth.  I3,  575f.)  Vor- 
gang, Fr.  Lenormant  b.  Daremberg-Saglio  s.  v. 
Bacchus  p.  598ff.,  616,  628  f.  mit  grofser  Zuver- 
sicht den  Typus  eines  androgynen  lydischen 
Bassareus  aufgestellt  und  für  die  „tiefgreifen- 
den Modifikationen“,  welche  der  bärtige  grie- 
chische Dionysos  zur  Zeit  der  grofsen  Tragi- 
ker durch  denselben  erfahren,  unter  anderem 
das  erste  der  eben  besprochenen  Vasenbilder 
{Darcmb.  Fig.  712)  als  Beleg  beigebracht,  wo- 
bei als  Bassara  bald  der  lange  Frauenchiton, 
bald  das  darübergeworfene  Tierfell  gelten 
mufs.  Als  Beleg  gilt  Lenormant  ferner  die 
Vase  Mon.  d.  Inst.  1,  50  A = Müller-  Wieseler  2 
n.  447,  welche  völlig  asiatisch  bekleidete  Män- 
ner und  Frauen  um  einen  ebenso  kostümier- 
ten, auf  einem  Dromedar  sitzenden  Mann  mit 
phrygischer  Mütze  und  kurzem  Scepter  schwär- 
mend und  musicierend  vorführt  und  eine  Dar- 
stellung der  dem  Bassareus  als  Eroberer  Bak- 
triens  (vergl.  das  I>romedar)  auf  dem  Tmolos 
gefeierten  Feste  sein  soll.  Aber  das  Bild 
giebt  gar  keine  für  den  Dionysoskult  charak- 
teristischen Merkmale,  vielmehr  eine  Darstel- 
lung aus  der  menschlichen  Sphäre,  den  fest- 
lichen Aufzug  irgend  eines  orientalischen 
Würdenträgers  (die  Vase  wohl  aus  dem  Ende 
des  4.  Jahrh.).  Beispiele  eines  androgynen 
bärtigen  Dionysos  sieht  Lenormant  auch  Mus. 
P.  CI.  5,  8 (vgl.  das  Folg.)  und  besonders  in 
einer  Bronze  des  Mus.  von  Angers  {Ch.  Lenor- 
mant, nouv.  gall.  myth.  p 53).  Aber  die  hier 
angeblich  auf  dem  Himation  dargestellten  drei 
Reihen  weiblicher  Brüste  sind  nichts  anderes 
als  ein  troddelartiger  Gewandschmuck  (ein 
Webemuster  ähnlicher  Form  auf  dem  Gewand- 
stoffe Bev.  arch.  n.  S.  24  pl.  15),  überdies  ist 
die  Deutung  des  Figürchens  als  Dionysos  nicht 
sicher.  Die  beigebrachten  Zeugnisse  halten 
nicht  Stich  und.  die  ganze  Hypothese  schwebt 
in  der  Luft.  Überliefert  ist  vom  Dionysos 
Bassareus  nur,  dafs  er  bärtig  gebildet  wurde, 
Macrob.  Sat.  1,  18,  9.  — Früher  als  der  lydische 
Bassareus  ist  der  phryg.  Sabazios  herange- 
zogen worden,  um  ihn  auf  den  Dionysostypus 
einen  verweichlichenden  Einflufs  ausüben  zu 
lassen,  so  besonders  von  Gerhard,  der  (Text 
zu  den  a.  D.  p.  129 f.,  gr.  M.  § 438,  3c ; 446, 
2 a;  Etruslc.  Spiegel  1,  70  A.  140)  bis  zur  Auf- 
stellung eines  mannweiblichen  sabazischen  Dio- 
nysos gelangt.  Auch  hier  fehlt  die  positive 
Grundlage.  Die  von  Gerhard  herbeigezogem  n 
Monumente  stammen  ans  später  römischer  Zeit 
und  zeigen  (soweit  mir  in  Abbildung  zugäng- 
lich) nichts  Androgynes,  sondern  den  bärtigen 
Gott  höchstens  mit  breiter  Kopfbinde  und  lan- 
gem, gegürtetem  Chiton.  Der  römische  Sar- 
kophag M.  P.  CI.  5,  8 {Millin,  g.  m.  63,  241) 
liefert  einen  absonderlich  ausgestatteten  Dio- 
nysos in  gegürtetem  Chiton  (mit  Überschlag' 


io 

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1111  Dionysos  (bärtig;  1.  Blütezeit) 


Dionysos  (bärtig;  2.  Blütezeit)  1112 


wenn  nicht  richtiger  mit  übergezogenem  Chi- 
toniskos,  oben  p.  1107)  und  langen  Ärmeln. 
Letztere  erscheinen  zwar  auch  auf  einem  late- 
ranischen  Sarkophag  (Bennd.- Schöne  nr.  125 
Taf.  22,  2),  sind  aber  sonst  ebenso  wenig  wie 
das  von  der  Linken  gehaltene  Tympanon  für 
den  bärtigen  Gott  nachweisbar , denn  die 
beiden  Eckfiguren  auf  dem  Sarkophag  Casali 
(Maller- Wieseler  2 n.  432  a,  nach  Gerhard  ein 
„zweifaches  Idol  des  Sabaz“) , sind  mit  Wie-  io 
seler  entschieden  für  2 Priester  zu  erklären, 
und  demnach  liegt  auf  dem  vatikanischen  Sar- 
kophag wohl  nur  eine  Übertragung  dieses 
priesterlichen  Habitus  auf  den  Gott  vor.  Auf 
keinen  Fall  können  so  späte  Bildwerke  für 
eine  vermeintliche  Beeinflussung  des  Dionysos- 
typus in  griechischer  Zeit  etwas  beweisen.  Zu- 
dem lassen  Gerhard  wie  Lenormant  aufser  acht, 
dafs  der  weichliche  Charakter,  welchen  Dio- 
nysos bei  den  Tragikern  und  besonders  in  der  20 
späten  Litteratur  zeigt,  mit  dem  Ideal  des 
bärtigen  Gottes  nichts  zu  thun  hat,  sondern 
von  der  Vorstellung  des  jugendlichen  Diony- 
sos ausgeht,  worüber  der  2 Abschn.  zu  vergl. 
Das  wenige,  was  wir  von  der  Darstellung  des 
Sabazios  wissen,  giebt  der  Theorie  des  Andro- 
gynismus  keinen  Halt. 

Nur  zwei  (durch  Inschrift  gesicherte)  Dar- 
stellungen des  phrygischen  Sabazios 
sind  uns  überkommen:  1)  ein  Relief  v.  Koloe,  30 
welches  nach  Wageners  leider  von  keiner  Ab- 
bildung begleiteter  Beschreibung  ( Mem . cou- 
ronn.  et  mein,  des  sav.  etrang.  der  bclg.  Acad. 
Bd.  30  p.  8)  den  Gott  auf  einem  von  2 Ros- 
sen gezogenen  Wagen  mit  den  Attributen  der 
Schlange  und  des  Adlers  darstellt;  2)  das  Re- 
lief v.  Blau  dos  ( Conze , Heise  auf  den  Inseln 
d.  thralc.  M.  T.  17,  7;  vgl.  p.  99  f.):  S.  als  thro- 
nender Jüngling  in  Chiton  und  Himation,  im 
Haar  e.  Binde,  in  den  Händen  Schale  und  lan-  40 
zenartiges  Scepter  und  neben  ihm  um  einen 
Baum  geringelt  seine  Schlange.  Für  den  grie- 
chischen Dionysos  geben  beide  Reliefs  keinen 
charakteristischen  Zug,  in  der  Schlange  viel- 
mehr ein  Symbol,  das  neben  der  Gestalt  des 
Dionysos  keine  Rolle  spielt  (s.  ob.  p.  1095  u.  96). 
Nun  hat  man  in  zwei  Reliefs  thrakischen 
Ursprungs  einen  stierartig  gebildeten  Sabazios 
erkennen  wollen,  was  (wenn  richtig)  für  den  in 
einzelnen  griechischen  Lokalkulten  verehrten  50 
„Stierbakchos“  (vgl.  unten  p.  1149)  in  Betracht 
kommen  würde.  Diese  Darstellungen  liefern 
3)  ein  Relief  v.  Paros,  Müller -Wieseler  2 
n.  814  (die  Weihung  eines  Odrysers),  in  wel- 
chem jedoch  der  Stier  mit  bärtigem  Menschen- 
kopf trotz  Ileuzey  ( Bev . arch.  n.  s.  11,  451) 
nicht  als  irgendwie  gesicherte  Darstellung  des 
Sabazios  gelten  kann  (Flufsgott  nach  Michaelis, 
Annali  1863  p.  317),  4)  das  von  dem  genannten 
Gelehrten  entdeckte  Felsrelief  v.  Philippi  60 
( Mission  de  Maccd.  pl.  3,  2),  darstellend  das 
Brustbild  eines  langgelockten  Jünglings  mit 
Nebris  und  Stierhörnchen  unter  einem  Kopf- 
tuch (Bäumet  „Löwenfell“).  Ileuzey  erblickt 
in  diesem  Bild  den  unter  griech.  Einflufs  an- 
thropomorphisierten,  ursprünglich  stiergestaL 
tigen  thrakischen  Naturgott;  vgl.  auch  Lenor- 
mant, Bev.  arch.  n.  s.  S.  29,  380  ff.  Aber  das 


Relief  v.  Philippi  ist  eine  späte  griechische 
Arbeit  und  wenn  bei  der  schlechten  Erhaltung 
doch  ein  gehörnter  Dionysos  anzuerkennen  ist, 
so  würde  sich  derselbe  schon  aus  dem  seit 
hellenistischer  Zeit  auftretenden  allgemeinen 
Kunstgeschmack  (vgl.  unten  p.  1150)  hinreichend 
erklären  lassen.  Dafs  die  stierartige  Bildung 
des  Sabazios  später  (wenigstens  in  Kleinasien) 
nicht  üblich  war,  zeigen  oben  Relief  1 und  2, 
demnach  bleibt  zur  Stützung  derselben  nur 
Biodors  Zhxßufciog  -nigaziag  (4,  4,  1 in  Verbin- 
dung mit  3,  64,  2)  übrig.  Beruht  derselbe  auf 
guter,  alter  Überlieferung,  so  kann  man  auf 
ihn  die  vereinzelten  stierförmigen  Bildungen 
des  griechischen  Dionysos  zurückführen.  Je- 
denfalls sind  dieselben  lokalisiert  geblieben 
und  frühzeitig  hinter  den  idealen  Tendenzen 
der  griechischen  Kunst  zurückgetreten.  Als 
dann  in  späterer  Zeit  (5.  Jahrh.)  der  Sabazioskult 
in  seiner  spec.  phrygischen  Mysterienform  noch 
einmal  in  Griechenland  Eingang  fand,  begeg- 
nete ihm  der  bessere  Teil  der  Bevölkerung  durch- 
aus ablehnend  (Arist.  Lysistr.  833  und  sonst, 
Apollophan.  Kniiztg  fr.  3 Meineke.  Bemosth.  de 
cor.  p.  313  Beiske);  eine  Beeinflussung  des  in 
sich  längst  gefestigten  Dionysoskults  von  die- 
ser Seite  ist  also  an  sich  unwahrscheinlich, 
zudem  läfst  das  inschriftlich  häufige  Z svg 
Baßa&og  den  Versuch  einer  Gleichsetzung  mit 
dem  Göttervater  erkennen.  Wir  verlassen  die 
fremdländischen  Göttergestalten  mit  dem  nega- 
tiven Resultat,  dafs  sie  auf  die  Entwickelung 
des  bärtigen  Dionysosideals  keinen  bemerk- 
baren Einflufs  ausgeübt  haben.  War  der  in 
vorgeschichtlicher  Zeit  aus  Thrakien  importierte 
Gott  von  Hause  aus  stiergestaltig  gewesen,  so 
erscheint  doch  das  archaische  Dionysosbild  in 
rein  griechischem  Typus.  Uralter  Einflufs 
Thrakiens  erhält  sich  im  bakch.  Orgiasmus; 
an  ihm  haftet  eine  Reihe  von  Symbolen  und 
Geräten  (vgl.  Voigt  oben  p.  1036),  als  deren 
Träger  zunächst  der  mythische  Thiasos  des 
Gottes  erscheint.  Allmählich  geht  dann  von 
diesen  Attributen  das  eine  oder  das  andere 
auf  die  Gestalt  des  Gottes  selbst  über  (Par- 
dalis,  Tbyrsos,  Nebris).  Andererseits  scheint 
das  unter  dem  Patronat  des  Dionysos  erwach- 
sene Bühnenwesen  in  gewissen  Kostümformen 
auf  die  Ausstattung  des  Gottes  Einflufs  ge- 
habt zu  haben,  doch  (ausgenommen  etwa  die 
breite  Hauptbinde  mit  langen  Zipfeln)  nur  vor- 
übergehend. Aber  dies  alles  sind  Äufserlich- 
keiten,  von  denen  die  Gestalt  des  Gottes  in 
ihrem  Wesen  nicht  berührt  worden  ist.  Die 
Weiterentwickelung  des  Dionysosideals  wird 
dies  zur  Genüge  bestätigen. 

2.  Blütezeit.  Dem  Streben  der  jüngeren' 
attischen  Schule  nach  individueller  Charak- 
teristik und  psychologischer  Vertiefung  mulste 
die  Gestalt  des  Dionysos  ein  ergiebiger  Stoff 
sein,  vermöge  der  mannigfachen  in  seinem 
Wesen  liegenden  Kontraste.  Dem  feurigen 
Bdnxs  10g  (in  dem  auch  ein  Zug  mantischer 
Verzückung  liegt,  Eurip.  Bacch.  297;  vergl. 
Hcrod.  7, 111.  Paus.  10,33,  11)  steht  der  milde 
Avaiog,  der  herzerfreuenden  Kraft  des  Weines 
eine  Trübsinn  und  Ermattung  bewirkende  ge- 
genüber; derselbe  Gott,  der  sich  den  Menschen 


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1113  Dionysos  (bärtig;  2.  Blütezeit) 


Dionysos  (bärtig;  2.  Blütezeit)  1114 


als  ?y3uwrarog  erweist,  kann  sich  in  einen  {tsog 
dsivoTccrog  wandeln  {Für.  Bciccli.  860);  einen 
bedeutenden  Gegensatz  birgt  das  Patronat  der 
tragischen  und  zugleich  der  komischen  Poesie ; 
endlich  hat  Dionysos  eine  (im  Bewufstsein  der 
Griechen  nie  ganz  verdunkelte)  allgemeinere 
Bedeutung  als  Vegetationsgott,  es  konnte  an 
ihn  also  neben  der  Vorstellung  des  Spriefsens, 
Blühens,  Früchtezeitigens  (wie  bei  allen  Göt- 
tern vegetativer  Naturkraft)  auch  die  Vorstel- 
lung des  Ersterbens  und  Vergehens,  der  Ge- 
gensatz von  Freude  und  Trauer  geknüpft  wer- 
den (s.  indes  ob.  S.  1040).  So  mochte  jetzt  in  den 
bildenden  Künsten  dem  in  voller  Jugendschöne 
gebildeten  Frühlingsgott  (vgl.  den  A.  "Jv^ioe) 
ein  von  der  Vergänglichkeit  des  Erdenlebens 
bewegter,  ein  leidender  Gott  entgegengesetzt 
werden,  und  dafs  dies  in  der  That  geschehen, 
beweist  vielleicht  ein  gleich  zu  besprechendes 
Kunstwerk. 

Zahlreiche  Dionysosbilder  von  Künstlern 
des  4.  Jahrh.  werden  erwähnt,  von  den  Bild- 
hauern Kephisodot  d.  Ä.,  Eukleides,  Eu- 
phranor,  Skopas,  Praxiteles,  Bryaxis, 
Lysipp  os , Thy  mil  os,  Eu  ty  chides,  von  den 
! Malern  Aristides,  Nikias,  meist  leider  ohne 
jede  genauere  Angabe.  Zweimal  wird  aus- 

Idrücklich  das  Dionysoskind  genannt  (Kephisod., 
Praxitel.) , einmal  der  Jüngling  (Praxiteles), 
keinmal  der  bärtige  Gott.  Der  Schwerpunkt 
liegt  jetzt  jedenfalls  in  der  Ausgestaltung  des 
jugendlichen  Ideals  (vergl.  Abschnitt  II);  doch 
ist  damit  der  bärtige  Gott  noch  keineswegs  in 
den  Hintergrund  gedrängt,  wie  erhaltene  Bild- 
werke lehren.  • 

Von  besonderem  Interesse  ist  der  Kopf  auf 
einer  thebanischen  Münze  (s.  Abbildg.  8, 
nach  Friedländer- Sollet  Taf.  3,  183).  Der  ab- 
wärts geneigte  Blick*),  der  vergeistigte  Aus- 


Fig.  8. 


Theban.  Münze. 


Münze  v.  Sybrita. 


lruck  einer  in  sich  versunkenen  Schwärmerei 
veisen  diesem  schönen  Kopfe  eine  wichtige 
helle  in  der  Entwickelung  des  Dionysostypus 
;u.  Auf  einer  Münze  v.  Sybrita  bei  Gard- 
\ ler  Tf.  9,  4 erscheint  der  Gott  in  ganzer  Ge- 
walt, auf  einem  Stuhl  sitzend,  mit  Kantharos 
md  Thyrsos  , Himation  um  den  Unterkörper, 
i eichlich  auf  den  Nacken  fallenden  Locken. 

charakteristisch  ist  die  in  beistehender  Skizze 
1 s.  Figur  9)  nicht  recht  zur  Geltung  kom- 
aende Neigung  des  Hauptes,  durch  welche 
in  dem  theban.  Münzbilde  verwandter  Aus- 
ruck sinnender  Versunkenheit  bewirkt  wird. 
>eshalb  kann  ich  den  Ausführungen  Gardners 


*)  Im  Text  wird  der  „dem  B.  eigene,  sinnend  in  die 
erne  gerichtete  Blick“  betont;  unser  Text  ist  der  Ab- 
ldung  gefolgt. 


(p.  161)  nicht  beipflichten,  dafs  dieser  Typus 
für  den  Charakter  des  Gottes  wenig  sprechend 
sei  und  die  biofse  Vertauschung  der  Attribute 
mit  Adler  und  Scepter  eine  angemessene  Dar- 
stellung des  Zeus  geben  würde.  Gerade  das  ge- 
neigte Haupt  unterscheidet  diese  Gestalt  sehr- 
fühlbar  von  der  des  Götter vaters.  W enn  Gardner 
p.  162  ferner,  auf  die  geringe  Originalität  kre- 
tischer Münztypen  verweisend,  in  der  Münze 
10  die  Nachbildung  eines  athenischen  Typus 
(Dionysos  des  Alkamenes)  möglich  denkt,  so 
ist  dagegen  zu  bemerken,  dafs  in  der  durch 
die  athenischen  Münzen  (oben  p.  1104)  überkom- 
menen Haltung  des  Gottes  noch  mehr  von  der 
Würde  und  Straffheit  der  älteren  Kunst  liegt, 
hier  dagegen  ein  gelöstes  Wesen  durch  die 
ganze  Gestalt  geht,  welches  eher  den  Geist  der 
jüngeren  attischen  Kunst  wiederspiegelt.  Hier 
ist  nun  der  Ort  ein  hervorragendes  Kunstwerk 
20  einzuordnen  , die  herkulan.  Bronzebüste 
in  Neapel  ( Bronzi  d'Ercol.  1,  27,  28.  Mus. 
Borb.  1,  46.  Müller -Wieseler  2,  342.  Bau- 
meister, Denlcm.  d.  Jcl.  Alt.  Fig.  482),  welche 
lange  für  einen  Plato  galt.  Dafs  es  ein  Dio- 
nysos ist,  darf  mit  grofser  Wahrscheinlichkeit 
behauptet  werden  (vgl.  Arcli.  Ztg.  1862  p.  229). 
Die  breite  Stirnbinde,  das  über  dem  mächtigen 
Nacken  aufgenommene  Haar,  die  hinter  den 
Ohren  herabfallenden  Ringellocken  sind  uns 
so  im  Typus  des  bärtigen  Dionysos  bereits  mehr- 
fach begegnet.  Ins  Auge  springt  zudem  der 
Zusammenhang  mit  sicherenDionysosköpfen  wie 
oben  Abbild.  6 S.  1103  (Münze  v.  Naxos)  oder 
Gardner  T.  13, 30(M.  v.  Lampsakos).  Friederichs, 
Bausteine  n.  438  hat  den  berkul.  Kopf  treffend 
besprochen  und  sein  Original  (Kolossalstatue) 
wegen  der  strengen  Stilisierung  des  Haares 
spätestens  der  Mitte  des  4.  Jahrh.,  wegen  des 
pathologischen  Ausdrucks  der  Kunstrichtung  des 
40  Skopas  und  Praxiteles  zugewiesen.  Der  Aus- 
druck des  Leidens  ist  nach  Friederichs  eine 
Folge  des  Weingenusses;  doch  empfindet  er 
selbst  die  Unterstellung  dieses  „bedenklichen 
Motivs“  bei  einem  so  bedeutenden  Kunstwerk 
als  mifslich.  Wir  haben  oben  der  Möglichkeit, 
den  leidenden  Dionysos  in  einem  idealeren 
Sinne  aufzufassen,  das  Wort  geredet  (p.  1113). 
Einen  ähnlichen  Kopf  haben  die  Ausgrabun- 
gen zu  Delos  ans  Licht  gebracht,  den  Ho- 
so  molle,  Bull.  d.  c.  h.  5 p.  509  gelegentlich  er- 
wähnt. Dem  geneigten  Haupt  des  Gottes 
wurden  aber  noch  andere  Motive  gegeben. 
Liebevolle  Herablassung  und  Fürsorge  ist  es 
in  dem  Vasenbild  Gerhard  a.  V.  1,  56,  2,  wo 
der  Gott  dem  kleinen  Komos  den  Kantharos 
zum  Trinken  darreicht.  In  einem  bestimmten 
Kreise  von  Darstellungen  ist  die  Kopfneigung 
offenbar  eine  Folge  des  Weingenusses.  So  in 
einem  attischen  Terracottarelief  {Arcli. 
co  Ztg.  1875  Tf.  15,  wiederh.  Baumeister,  Denlcm. 
Fig.  481),  das  zwar  noch  ziemlich  strenge  Ele- 
mente zeigt,  aber  doch  wohl  erst  im  4.  Jahrh. 
gearbeitet  sein  dürfte.  Der  Gott  sitzt,  von 
Wein  und  Schlaf  übermannt,  auf  seinem  Maul- 
tier, während  ein  Satyr  seinen  Oberkörper 
stützend  umfafst  hält,  eine  derb  realistische 
Auffassung,  welche  Bildner  und  Abnehmer  des 
Reliefs  in  den  unteren  Volksschichten  suchen 


1115  Dionysos  (bärtig,  kellenist.) 


Dionysos  (bärtig,  bellenist.)  1116 


läfst.  Ferner  gehört  hierher  eine  Reihe  vonV as  en- 
bildern  mit  der  Zu-rückführung  Hepli  aists. 
Auf  den  Vasen  älteren  Stils  sehen  wir  sowohl 
Dionysos  wie  den  von  ihm  bezwungenen  He- 
phaist  ihre  göttliche  Würde  vollständig  wahren, 
und  das  geschieht  auch  noch  auf  mehreren 
Vasen  des  schönen  Stils  (El.  cer.l,  46,  46  A); 
lebhaft  bewegt  aber  würdig  ist  die  Haltung 
des  Dionysos,  während  sich  an  Hephaist  die 
Wirkung  des  Weins  schon  olfenbart  in  dem 
vorzüglichen  Vasenbild  ib.  pl.  48;  beide  Göt- 
ter wandeln  angeheitert  Arm  in  Arm  (pl.  45  A) 
und  geradezu  im  Stadium  der  Weinschwere 
folgt  hinter  dem  voraufreitenden  jugendlichen 
Hephaist  der  bärtige  Dionysos  pl.  47.  Er  er- 
scheint in  stark  verhüllendem  Doppelge wände, 
geneigten  Hauptes,  im  schwankenden  Gange 
vorsorglich  von  einem  bedeutend  kleineren 
Silen  unterstützt.  Man  beachte,  dafs  dies  das 
früheste  Beispiel  jener  später  so  oft  für  den 
bärtigen  wie  den  jugendlichen  Dionysos  verwen- 
deten Komposition  ist,  welche  Welcher,  a.  D.  4 
p.  6 Gruppierung  „nach  hergebrachter 
Etikette“  genannt  hat.  Die  Vorführung 
des  trunkenen  Gottes  hat  etwas  Anstöfsiges, 
wogegen  das  Gefühl  der  Alten  sich  auflehnte 
(Theophr.\?\  bei  Athen,  p.  428c).  Gemildert 
wird  die  Thatsacke  im  vorliegenden  Fall  so- 
wohl durch  den  gewählten  Sagenstoff,  jenes 
sehr  populäre  Abenteuer  mit  Hephaist,  als 
durch  die  den  Stoff  benutzende  Kunstgattung. 
Mit  einer  Vase  solchen  Gegenstandes  ein  Speise- 
gemach zu  schmücken,  war  weniger  anstöfsig, 
als  einen  Jiövvaog  olvcogsvos  statuarisch  dar- 
zustellen. Die  Komödie  (Epicharms  Komasten) 
war  in  ihrer  Ausgelassenheit  vorangegangen, 
erst  nach  ihr  konnten  die  bildenden  Künste 
dergleichen  wagen,  am  spätesten  die  monu- 
mentalste derselben,  die  Plastik.  Wenn  also 
bei  Athenüus  a.  a.  0.  Bildhauer,  Maler  und 
Bühnendichter,  welche  Dionysos  trunken  dar- 
gestellt , gemifsbilligt  werden , so  wird  die 
Reihenfolge  der  Künste  historisch  gerade  die 
umgekehrte  gewesen  sein.  — Die  normale  Be- 
kleidung  des  Gottes  ist  auch  jetzt  noch  das 
Doppelgewand.  Die  herkul.  Büste  hat  den 
Chiton,  zu  welchem  bei  der  Vollfigur  das  Hi- 
mation  hinzugefügt  zu  denken  ist,  wie  wir  deu 
Gott  auch  auf  einem  Vasenbild  schon  leicht 
hingeworfener  Zeichnung  ( Heydemann , gr.  V.  2 
n.  2b)  noch  in  Chiton  und  flimation  sehen; 
vergl.  auch  Müller-  Wieseler  2,  625,  wo  trotz 
des  Lorbeerkranzes  wohl  nach  Analogie  der 
Vase  Arch.  Ztg.  38  Tf.  16  ein  Dionysos  zu  er- 
kennen ist.  Dafs  indes  das  ideale  Kostüm 
(blofs  Himat.)  jetzt  endlich  auch  in  die  Vasen- 
malerei eindringt,  zeigt  eine  Vase  bei  Gerhard 
a.  V.  1,  56,  2.  — El.  cer.  1,  45 A ist  sowohl 
Hephaist  als  Dionysos  blofs  mit  einer  Chlamys 
bekleidet. 

Hellenistisches  Zeitalter.  Der  eben  bespro- 
chene Typus  des  d.  olvcopsvog  klingt  an 
in  der  Gruppe  der  zahlreichen  sogen.  Ika- 
riosreliefs,  welche  0.  Jahn,  archäol.  Beitr. 
p.  198 — 211  zusammengestellt  hat  (vgl.  auch 
Stephani  im  C.-li.  f.  1869  p.  75  ff.  und  Friede- 
richs , Baust,  n.  780).  Genaue  Übereinstim- 
mung und  Häufigkeit  der  Repliken  sprechen 


für  einen  bestimmten  und  beliebten  Vorwurf ; 
dargestellt  ist  die  Einkehr  des  Gottes  bei 
einem  begnadeten  Sterblichen  (von  jugendl. 
und  idealer  Bildung,  auf  Kline  gelagert,  ein- 
mal allein  Anc.  marh.  2,4,  sonst  mit  einer 
Frau;  an  der  Kline  gewöhnlich  Theatermasken). 
Die  Überlieferung  bietet  die  Namen  Dion, 
Oinos,  Semachos , Ikarios.  Am  natürlichsten 
knüpft  die  arckäolog.  Erklärung,  statt  an  ab- 
10  gelegene  Legenden,  an  den  Besuch  bei  Ikarios 
an,  den  in  der  Geschichte  des  Dionysoskultus 
folgenschwersten.  Denn  aus  der  mimischen 
Darstellung  dieses  Mythos  im  Gau  Ikaria  ist 
nach  Welchers  wahrscheinlicher  Vermutung 
(Nachtr.  zur  Aesch.  Tril.  p.  222  ff.)  die  Tragödie 
hervorgegangen  und  dazu  stimmen  gut  die 
Masken  an  der  Kline.  Der  künstlerischen  Kon- 
zeption nach  gehören  die  genannten  Reliefs 
offenbar  (vgl.  Schreiber , über  alexandrinischen 
20  Belief stil,  Arch.  Ztg.  1880  p.  154 f.)  erst  der 
hellenistischen  Epoche  an.  Allen  Repliken  ge- 
meinsam ist  gemäfs  überkommener  Typik  die 
einfache  Kopfbinde,  das  im  Nacken  aufgenom- 
mene Haar,  die  starke  Verhüllung  des  Diony- 
sos durch  ein  weites  Himation,  auch  die  grofse 
Fülle  des  Bartes  findet  in  strengfig.  Vasen  wie 
oben  Abbdg.  p.  1097/8  Seitenstücke;  als  Novum 
erscheinen  dagegen  die  starke  Beleibtheit  und 
damit  zusammenhängend  die  bejahrte  Erschei- 
30  nung  des  Gottes,  welche  diese  Reliefs  fast  zu 
einem  Beleg  der  nur  durch  Macrob.  Sat.  1, 
18,  9 überlieferten  senilis  species  Liberi  patris 
machen ; • die  Stützung  des  Gottes  auf  _ einen 
Satyr  bietet,  wie  das  ältere  Vasenbild  El.  cer. 
1,  47  zeigte  (p.  1115,  18),  keine  Originale  Grup- 
pierung, aber  dieselbe  ist  durch  den  schuhlösen- 
den Satyrknaben  erweitert,  und  auch  sonst  sind 
der  Komposition  Geschick  und  Leben  nicht  ab- 
zusprechen (im  Relief  Mus.  Camp.  29.  30,  aus 
40  zwei  verschiedenen  Darstellungen  kontaminiert, 
ist  der  1 o rb  e erbekränzte  Kopf  des  Gottes  wohl 
modern.  Der  Krater  von  Pisa  (Dütschhe  nr.  132 
Gerhard,  a.  B.  Tf.  45),  ein  zusammengestoppel- 
tes Machwerk , entlehnt  sehr  unpassend  die 


»achte 


Mittelgruppe.  Gegenüber  den  Vasen-Darstel-  jri,  [, 


lungen  der  Zurückführung  Hephaists  zeigt  der 
Gott  die  Wirkung  des  Weingenusses  in  einem 
geringeren  Mafse,  es  ist  eine  leise  Andeutung 
unbeschadet  der  göttlichen  Würde.  Spurlos 


50  dagegen  ist  letztere  verschwunden  in  einem  >. 


(seiner  Erfindung  nach)  ebenfalls  in  helleni- 
stische Zeit  zurückgehenden  Relief  in  Nea- 
pel (Müller-  Wieseler  2,  548,  etwas  abweichend 
Mus.  r.  de  Napl.  Cab.  secr.  7),  wo  es  den  ver- 
einten Anstrengungen  zweier  Satyrn  kaum  ge- 
lingt eine  ithyphallische , langbekleidete  bär- 
tige Figur  (nach  bisheriger  Erklärung  Dion.) 
aufrecht  zu  erhalten.  So  tief  auch  diese  ganze 
Darstellung  in  den  sittlichen  Verfall  des  nie- 
go  dergehenden  Hellenentums  blicken  läfst,  so 
fragt  es  sich  doch,  ob  je  Dionysos  so  bar 
aller  Göttlichkeit  dargestellt  worden  ist,  und 
da  in  der  späteren  Kunst  auch  Silen  in  Dio- 
nysosartiger Gewandung,  idealem  Gesickts- 
typus  und  Dionysischer  „Etikettenstellung“ 
(1115,23)  erscheint  (vgl.  Dütschhe  2,  515  Dop- 
pelgewand, Welcher,  a.  D.  4,  1.  Müller-Wie- 
seler  2,  601  u.  510.  Sachen,  Bronzen  des  Wie- 


fcit  v 


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«ogr.jei 

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1117  Dionysos  (bärtig,  heilenist.) 


Dionysos  (bärtig,  heilenist.)  1118 


ner  Cab.  Tal'.  27,  3),  so  möchte  ich  die  Deu- 
tung auf  Silen  vorziehen , der  ja  im  drit- 
ten der  ebengenannten  Reliefs  in  einer  ganz 
ähnlichen  Situation  dargestellt  ist.  Durch- 
aus mafsvoll  ist  die  Wirkung  des  Weines  auf 
den  Gott  in  der  Deckelgruppe  einer  prä- 
nestin. Cista  ( Mon . d.  Inst.  6 u.  7 Tf.  G4) 
ausgedrückt,  welche  die  technischen  Forderun- 
gen eines  handlichen  Griffs  nicht  ungeschickt 
durch  das  Stützbedürfnis  der  Mittelfigur  ver-  io 
deckt  (ungünstiger  Friederichs,  Baust,  n.  986). 

Zu  beachten  ist,  dafs  der  Gott  hier  nur  mit 
dem  Himation  bekleidet  ist.  Die  Arbeit  ist 
etruskisch,  aber  wohl  nach  dem  Vorbild  eines 
A.  otvcogsvog  der  hellenistischen  Kunst.  Die- 
ser in  der  That  sehr  vermenschlichenden  Auf- 
fassung des  Gottes  hält  der  sakrale  Ty- 
pus des  bärtigen  Dionysos  das  Gleichge- 
wicht, zwar  eingeschränkt  durch  den  immer 
häufiger  auftretenden  jugendlichen  Gott,  aber  20 
auch  im  hellenistischen  Zeitalter  noch  leben- 
dig. So  zeigen  den  feierlich  mit  Thyrsos  und 
Kantkaros  dastehenden  bärtigen  Dionysos  z.  B. 
Münzen  von  Nagidos  (Combc , num.  mus. 
Brit.  10,  16.  Gardner  13,  2),  den  alten  Typus 
n freier  Formengebung  bewahrend;  auch  eine 
STeugründung  wie  Cassandrea  benutzt  ihn 
[ür  ihre  Münzprägung  (Imhoof- Blumer , monn. 
p\  p.  68) , ebenso  Antiochus  IV  ( Imhoof - 
Bumer,  choix  7,  219),  das  einzige  Beispiel  für  30 
loppelgewandung  auf  Münzen  [ungewifs  bleibt 
ieselbe  auf  einer  autonom.  M.  Thebens  in 
lerlin,  Prokesch- Osten,  Inedita  Tf.  2,  32].  Der 
artige  Kopf  erscheint  auf  Erzmünzen  von  P e p a- 
ethos  (Cat.  of  gr.  c.  Thessal.  a.  Aet.  p.  53  n.  1), 
assope  (ib.  p.  99,  15),  Lampsakos  (Gard- 
er  13,  30)  etc.  Und  dafs  in  der  That  auch 
ie  hellenistische  Zeit  noch  neue  Kultbilder 
es  bärtigen  Gottes  hervorgebracht  hat,  be- 
■ eist  ein  statuarischer  Typus,  von  dem  2 Re-  40 
iiken  erhalten  sind.  Die  eine  bietet  jene 
tatue  des  Vatikan,  welche  wegen  einer 
urch  spätere  Laune  auf  dem  Gewandsaum  an- 
sbrachten Inschrift  lange  als  „Sardanapal“ 
ilt.  (Unzureichend  abgebild.  b.  Winckelmann, 
on.  ined.  163.  M.  P.  CI.  2,  41.  Müller-Wie- 
ler  2,  347,  ganz  verfälscht  Clar.  684,  1602). 
ieses  bedeutende  Kunstwerk  ist  nach  dem  ver- 
hlten  Versuch  Winckelmanns,  die  inschriftl. 
mennung  zu  halten  ( Werke  8,  307  f.  Eisei.)  50 
>n  Visconti,  M.  P.  CI.  2 p.  290 ff.  mit  schar- 
m Blick  als  ein  Bild  des  bärtigen  Dionysos 
kannt  worden.  Und  wenn  es  noch  eines 
fseren  Beweises  zu  Viscontis  Gunsten  be- 
irfte,  so  läfst  sich  derselbe  jetzt  durch  eine 
1 Posilipp  ausgegrabene  Replik  im  Briti- 
hen  Museum  erbringen,  welche  die  In- 
hrift  der  vatikanischen  nicht  kennt,  dagegen 
rch  Epheubekränzung  sich  unzweifelhaft  als 
1 Dionysos  darstellt.  Wir  geben  hier  (nach  e.  eo 
otogr.)  eine  Abbildung  dieser  bisher  unedier- 
l Statue  (Fig.  10).  Die  Inkongruenzen  zwischen 
iden  Werken  sind  untergeordneter  Art  (bei 
Epheukranz  , bei  1 Binde , bei  2 vortreten- 
bei  1 verdeckter  linker  Fufs,  bei  2 in 
lern  Detail  viel  Leben,  bei  1 wenig  Model- 
Irung,  doch  scheint  die  Statue  (nach  einer 
ljotographie  zu  urteilen)  stark  überarbei- 


Ü 


tet:  daher  das  Dominieren  weniger  Haupt- 
linien , welche  der  Gewandung  einen  ein- 
facheren und  strengeren  Charakter  verleihen. 
Bei  2 ist  das  Fleisch  weicher,  der  Bart  vol- 
ler, der  Gesichtsausdruck  freundlicher  [was 
unsere  Abbildg.  nicht  erkennen  läfst,  während 


Fig.  lü. 

Kolossalstatue  des  Dionysos  (Brit.  Museum,  unediert). 


das  Gesicht  hier  älter  erscheint  als  im  Origi- 
nal], Im  ganzen  ist  die  Übereinstimmung  bei- 
der Statuen  eine  überraschende.  Die  Vatikan. 
Replik  wurde  bei  Frascati  samt  4 Karyatiden 
unter  Umständen  gefunden,  welche  ihre  Ver- 
wendung zu  Kultzwecken  sichern.  Das  Urteil, 
welches  sich  durch  den  Luxus  in  Bekleidung 


1119  Dionysos  (bärtig;  römisch) 

und  Haartracht  an  den  Orient  gemahnt  sieht 
(z.  B.  Wieseler  im  Text  zu  den  Denkmälern,  und 
bis  in  neueste  Zeit  hat  man  den  lydischen 
Sandon  herangezogen),  steht  noch  unter  dem 
Banne  der  Inschrift.  Betrachtet  man  die  Sta- 
tue voraussetzungslos  in  ihrer  künstlerischen 
Formensprache,  so  wird  man  den  gutgriechi- 
schen Typus  nicht  verkennen.  Man  vergl.  die 
Gestalt  oben  (p.  1198)  mit  ihrer  starken 
Verhüllung,  ihren  mächtigen  Formen  und  10 
die  Ikariosreliefs  (p.  1115  f.).  Gegenüberden 
letzteren  zeigen  die  beiden  Statuen  in  dem 
Streben,  den  Gott  reicher  Fruchtfülle  in  mäch- 
tigen und  vollen  Formen  darzustellen , ein 
gröfseres  Mafshalten,  ihre  Erfindung  wird  dem- 
nach früher  fallen.  Der  gehobene  rechte  Arm 
ist  auf  einen  hochgefafsten  Thyrsos  gestützt 
zu  denken,  eine  effektvolle  Haltung  im  Ge- 
schmack dieser  Periode  (vgl.  den  Dionysos  bei 
Combe,  num.  mus.  Brit.  10,  16).  Eine  dritte  20 
Replik  dieses  Typus  bietet  die  schöne  farne- 
sische  Büste  Mus.  Borb.  3,  39  (nur  Haar- 
binde). — F.  Lenormant  bei  Daremberg-Saglio 
1 , 629  bemerkt  anläfslich  der  vatikanischen 
Statue,  dafs  diesem  Typus  allein  die  Bezeich- 
nung „indischer  Bakchos“  zukomme.  Der 
sogenannte  indische  Bakchos,  der  in  der  Ar- 
chäologie lange  sein  Unwesen  getrieben  hat, 
entstammt  dem  verwirrten  Bericht  Diodors 
über  die  verschiedenen  Dionyse , welche  er  30 
in  seiner  Quelle  (Dionysios  Skytobrachion,  vgl. 
Sch-w  arts , de  Dion.  Siegt,  p.  42  ff'.)  vorfand. 
Als  ältesten  Dionysos  stellt  Diodor  den  indi- 
schen voran,  der  nach  Inder sitte  einen 
langen  Bart  trage  (3,  63,  3).  Derselbe  ist  ein 
Welteroberer  (63,  4).  Aber  auch  der  3.  Dio- 
nysos, Semeles  Sohn  (64,  3),  ist  Welteroberer 
und  dehnt  seine  Siege  bis  nach  Indien  aus 
(65 , 4).  Beide  hält  Schwarts  a.  a.  0.  p.  47 
richtig  auseinander.  Ersterer  ist  eine  schatten-  40 
hafte  Figur  alexandriniseber  Gelehrsamkeit, 
die  vom  griecb,  Meifsel  nie  dargestellt  worden 
ist;  letzteren  meinten  die  Hellenen,  wenn  sie 
vom  indischen  Triumphator  sprachen.  Als  Cha- 
rakteristikum des  indischen  Triumphes  nennt 
nun  Diodor  3,  65,  8 u.  4,  3,  1 die  Verwendung 
von  Elefanten,  und  alle  bildlichen  Darstellun- 
gen desselben  oder  der  Siege  im  fernen  Osten 
zeigen  uns  (der  vermeintliche  bärtige  Diony- 
sos als  Eroberer  Baktriens  ist  ein  Phantasma  50 
vgl.  oben  p.  1110,  30)  den  jugendlichen  Dio- 
nysos, welchen  man  zudem  als  den  indischen  Sie- 
ger ausdrücklich  bezeugt  findet  bei  Luk.  Bacch. 

2 ( ccyevHov  angißcSg).  Wir  können  demnach 
den  kunstarch.  Terminus  des  „indischen  Bak- 
chos“ als  gegenstandslos  über  Bord  werfen. 

Späthellenistisclies  u röm  Zeitalter.  Die 
beiden  eben  behandelten  Statuen  und  die 
Ikariosreliefs  bezeichnen  für  die  Entwicke- 
lung des  bärtigen  Typus  den  Abschlufs.  eo 
Was  aus  der  Folgezeit  erhalten  ist,  bewegt 
sich  in  mehr  oder  weniger  geschickter  Be- 
nutzung der  vorhandenen  Typen.  Im  Gebiet 
der  dekorativen  Kunst  ist  der  bärtige  Dio- 
nysos allgemach  aus  der  Mode  gekommen. 
Die  Vasen  des  flüchtigen  Stils  zeigen  das 
Bild  des  Jünglings  in  zahllosen  Beispielen,  den 
bärtigen  Gott  sehr  selten  (Körte,  Arch.  Zeitg. 


Dionysos  (bärtig;  römisch)  1120 


1884  p.  85  citiert  einige  Beispiele,  vergl.  auch 
Heydemann,  gr.  Vas.  Tf.  2,  2b).  Die  etrus- 
kischen Spiegel  kennen  nur  den  jugend- 
lichen „Fufluns“  (s.  d. ; die  einzige  Ausnahme 
Gerhard,  etrusk.  Spiegel  Taf.  305  ist  als  Fäl- 
schung verdächtig;  vergl.  Archäol.  Ztg.  1884 
p.  85  Anm.  6).  Auf  einer  Cista  von  roher 
etruskischer  Gravierung  Gerhard,  alt.  Abh.  T.  58 
erscheint  der  bärtige  Gott  unter  seinem  Thia- 
sos  der  Etikette  gemäfs  (vgl.  oben  p.  1115),  je- 
doch nur  im  Himation  ; der  Kopf  dekorativ  an 
einem  Silbergefäfs  bei  Afneth,  ant.  Gold-  und 
Sübermon.  Taf.  S.  lila.  Die  Wandgemälde 
von  Herkulanum  u.  Pompeji  benutzen  den 
jugendlichen  Typus  des  Dionysos  in  ungezähl- 
ten Fällen,  den  bärtigen  nur  ausnahmsweise 
(z.  B.  Helbig,  Wandgem.  n.  410  in  rotem  dop- 
pelgegürtetem %ixö) v noörjQrjg  mit  Schale  und 
Thyrsos;  M.  Borb.  15,  45  als  Statue  in  stark 
verhüllendem  Doppelgewand  mit  Thyrsos;  Böt- 
ticher, Baumkult.  Fig.  24  ==_  Müller- Wieseler 
2 , 613  als  Kultstatue  im  Ärnielchiton  und 
kurzem  Wams  (Panzer?)  mit  Kantharos  und 
Lanze;  vergl.  auch  die  bärtige  Herme  M. 
Borb.  7,  3).  Anders  steht  es  mit  den  nicht 
so  seltenen  Fällen,  wo  in  Verbindung  mit 
einem  handelnd  auftretenden  jugendlichen  Gott 
eine  bärtige  Dionysosstatue  erscheint,  wie 
Helbig , W andgemälde  n.  402.  Denn  gerade 
dieser  Gegensatz  beweist,  dafs  die  dekora- 
tive Kunst  mit  Bewufstsein  das  Bild  ihre 
Geschmacks  dem  durch  den  Kultus  überliefer 
ten  gegenüberstellt.  Dieselbe  Erscheinung  auf 
Rel  iefs,  M.  P.  CI.  5,  8 = Millin  g.  m.  63,  241. 
Benndorf- Schöne , Lateran.  Mus.  Taf.  22,  2 
(vgl.  ob.  1111).  Gerhard  a.  B.  Taf.  110,  1 u.  2 
(mit  Kalathos).  Eroten  neben  bärtiger  Dio- 
nysosherme, Müller -Wieseler  2 n.  641.  Kult 
statue  mit  Thyrsos  (nicht  „Fackel“  Wieseler), 
vor  welcher  ein  Opfer  dargebracht  wird,  Mül- 
ler-Wieseler  2 n.  640  (geschn.  Stein).  [Arch 
Zeitg.  1851  Taf.  35  ist  das  Gegenstück  zum 
jugendlichen  Dionysos  nicht  der  bärtige,  son- 
dern Priapos].  Lebend  in  die  Komposition  ein- 
bezogen wird  der  bärtige  Dionysos  auf  späte- 
ren Reliefs  selten:  mit  Ariadne  auf  Wagen 
Müller-  Wieseler  2,  422.  = Brunn,  Glypt.  n.  100, 
Combe,  anc.  terrae,  nr.  14.  Gerhard,  a.  B.  45 
(Ikariosreliefs  benutzt),  einem  Tanze  zuschauenc 
Müller- Wieseler  2,549  (Verbindung  von  freiem 
und  archaisierendem  Stil) , Anc.  marbl.  9 , 28 
(archaisierend).  Das  archaistische  Relief  Clar. 
132,  110  möchte  man  für  einen  Dionysos  als 
Horenführer  nehmen , wenn  nicht  ein  ver- 
wandtes Relief,  Gerhard,  a.  D.  13  Schwierig- 
keiten machte. 

Die  Vorliebe  des  römischen  Geschmacks 
für  die  archaische  Kunst  hat  uns  endlich 
einige  archaisierende  Statuen  erhalten,  in 
denen  mit  mehr  oder  weniger  Sicherheit  ein 
bärtiger  Dionysos  zu  erkennen  ist.  So  dev 
sogen.  Bakchospriester  in  München 
(Clar.  696  A,  1641.  Brunn,  Glypt.  n.  50.  Frie- 
der ichs , Bausteine  n.  59,  Kopf  und  Unterarme 
modern).  Das  überladene  Kostüm  (ionisckei 
Chiton,  um  den  Unterleib  geschlagenes  Hi- 
mation, Pardalis,  Leibgurt  und  über  beide 
Unterarme  geworfene  Chlamys),  läfst  von  den 


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1121  Dionysos  (bärtig;  Hermen) 

bekannten  Gewandstücken  des  Gottes  nur  den 
vorübergehend  auftretenden  Chitoniskos  (Abb. 
p.  1108)  vermissen,  das  Vasenbild  strengen  Stils 
Gerhard,  a.  V.  1,  77  bietet  das  nächste  Vor- 
bild. Zu  dem  an  der  Spitze  zusammengeknüpf- 
ten Nackenzopf  vergl.  man  die  Haartracht  des 
Dionysos  auf  der  Framjoisvase  ( Mon . d.  Inst. 
4 , 56).  Gewifs  ist  der  Gott  selbst  gemeint, 
demnach  die  Ersetzung  der  restaurierten  At- 

itribute  durch  Thyrsos  und  Kantharos  gebo- 
ten. Unsicherer  ist  eine  ebenfalls  als  Priester 
ergänzte  Statue  der  Villa  Albani  nr.  983 
(ined.) , da  hier  bakchische  Attribute  fehlen. 
Die  nur  mit  dem  Himation  bekleidete  Sta- 
tue Hope  ( Clar . 696  A.  1641 A.  Michaelis,  Deep- 
dene  nr.  36  „St.  of  Dionysos1')  ist  wohl  ab- 
zulehnen (Kopf  aufgesetzt , Arme  mit  den  At- 
tributen ergänzt),  denn  für  ein  archaisierendes 
Werk  hätte  wohl  ein  in  Doppelgewand  geklei- 
deter Dionysos  das  Vorbild  abgegeben,  wäh- 
rend das  Idealkostüm  erst  seit  Alkamenes  und 
auch  dann  nur  ausnahmsweise  statuarisch  nach- 
weisbar ist.  Noch  gröfseres  Mifstrauen  erweckt 
der  in  freiem  Stil  gearbeitete  Torso  des  Louvre, 
(i  Glar.  675,  1600  A.;  für  so  starke  Entblöfsung 
nur  Chlamys  auf  rechter  Schulter  und  um 
linken  Unterarm)  bietet  nur  ein  Vasenbild 
: etruskischen  Stils  ( Gerhard , Trinksch.  Tf.  10) 
ein  Seitenstück.  Griechische  Vasen  geben  dem 
li  Hott  die  blofse  Chlamys  ausnahmsweise  in  be- 

Iitimmter  Situation  (Gigantomachie , Zurückf. 
lephaists).  Zudem  ist  von  der  Vasentechnik 
pur  statuarischen  Kunst  ein  weiter  Schritt.  Ist 
■lso  der  mit  Weinlaub  bekränzte  Kopf  des 
Pariser  Torso  wirklich  zugehörig,  so  haben  wir 
s mit  einer  Anomalie  zu  thun.  Einen  bärti- 
en  Kopf  des  Dionysos  in  völlig  freiem  Stil 
us  römischer  Zeit  bietet  Matz-Huhn  n.  348. 
[)er  Gott  hat  im  Haar  einen  Epheukranz, 
ie  Stirn  zeigt  Zweiteilung  mit  vorladendem 
nteren  Teil,  wofür  der  Dionysos  vom  Posilipp 
oben  Abb.  p.  1118)  ein  Analogon  bietet. 


Hermen  des  bärtigen  Dionysos. 

Vgl.  oben  p.  1092.  Hier  handelt  es  sich  um 
ie  grofse  Masse  jener  in  allen  Sammlungen 
ertretenen  Hermen,  die  ohne  charakteristische 
ttribute  einen  bärtigen  Kopf  darstellen,  mit 
inde  und  herabfallenden , meist  archaisieren- 
en,  bisweilen  aber  auch  völlig  frei  gearbei- 
iten  Seitenlocken.  Die  Formen  sind  füllig, 
ie  Gesichtszüge  gewöhnlich  verschwommen 
eundlich;  vgl.  M.  P.  Gl.  6,  7.  Mus.  Chiar. 
, 30 — 33.  Visconti  war  geneigt  solche  Her- 
en Dionysos  zuzuteilen  (M.  P.  CI.  3 p.  190, 
p.  65 ff.),  Zoega  nahm  sie  für  Hermes  in 
nspruch  (De  orig.  . . . obelisc.  p.  217).  Zuletzt 
it  Gerhard  dieses  Thema  behandelt;  vergl. 
yperb.  Stud.  2,  197 — 283  und  Über  Hermen- 
Ider  auf  gr.  Vas.  Al: ad.  Abli.  2,  126 ff.  Taf. 
!— 57.  Letztere  Abhandlung  hat,  gerade  in- 
m sie  neben  Hermes  die  gleichen  Ansprüche 
lionysos  zu  wahren  suchte,  gezeigt,  wie  hier 
'nächst  Hermes  in  Betracht  kommt,  im 
»rigen  alles  in  einander  verschwimmt.  Nach 
r schriftlichen  Überlieferung  waren  Hermen 
•Roscher,  Lexikon  der  gr.  u.  röm.  Mythcl. 


Dionysos  (bärtig;  Hermen)  1122 

für  alle  Götter  anwendbar,  auch  für  weibliche, 
Müller,  Arch.  § 345,  2.  Diejenigen  Hermen, 
welche  durch  Attribute  wie  den  Epheukranz 
etc.  sich  als  bakcliisch  erweisen,  stehen,  wenn 
der  Kopf  nicht  satyresk  (wie  Overbeck,  Pompeji 
Fig.  288,  1)  sondern  ideal  ist,  natürlich  aufser 
Diskussion  (Michaelis , anc.  marb.  in  Gr.  Br. 
Cambridge  nr.  105.  Betworth  nr.  20.  Specf  of 
anc.  Sculpt.  1,  39.  Stephani,  tit.  graec.  part.  5 
io  tob.  5.  Combc,  anc.  terrae,  nr.  75  mit  shawlart. 
Binde  etc.).  Aber  die  grofse  Masse  giebt  in  mehr 
oder  weniger  archaisierender  Weise  den  indif- 
ferenten Typus  eines  bärtigen  Gottes  der  älteren 
Kunst.  Zudem  ist  fast  alles  römische  Dutzend- 
arbeit für  dekorative  Zwecke  (vgl.  Overbeck, 
Pomp.  p.  491).  Auch  lehren  die  Vasenbilder 
( Gerhard  a.  a.  O.),  dafs  eine  genauere  Charak- 
terisierung der  bärtigen  Hermen  in  der  Regel 
nicht  für  nötig  gehalten  wurde,  und  wenn  ein- 
20  mal  ein  bestimmendes  Attribut  hinzutritt,  so 
ist  es  der  Caduceus  oder  Petasos,  Gerhard  Tf.  63, 
1.  2.  64,  2.  65,  2.  63,  3.  El.cer.  3,  78.  Selbst 
von  Satyrn  und  Mainaden  umgebene  Hermen 
( C.-B . für  1874  Taf.  2,  1 trägt  ein  Satyr  die 
Herme)  liefern  keinen  sicheren  Dionysos,  denn 
Gerhard  54,  6 u.  63,  2 ist  das  von  bakchischen 
Figuren  verehrte  Bild  durch  Caduceus  als  Her- 
mes bestimmt.  Von  dem  Anteil  an  den  über- 
kommenen phallischen  Hermen  ist  Dionysos 
30  vielleicht  ganz  auszuschliefsen , obwohl  der 
Phallos  unter  die  alten  Symbole  des  Gottes 
gehört,  Welcher,  Götterl.  2,  600 f.  und  oben 
p.  1093.  Schon  I Velcker  hat  bemerkt,  dafs  die 
Sitte  pliallischer  Hermen  für  Dionysos  sich 
nicht  verbreitet  hat.  Das  von  ihm  gegen  zwei 
bei  Müller,  Archäol.  § 383,  3 angeführte  Bei- 
spiele erhobene  Bedenken  ist  berechtigt;  nur 
möchte  ich  bei  Müller-Wieseler  2,  411  nicht 
an  den  Dämon  Phales,  sondern  wegen  der  Zu- 
40  rückbiegung  des  Oberkörpers  an  Priapos  denken. 
Unter  den  erhaltenen  Darstellungen  ist  mir 
keine  bekannt,  die  auf  Dionysos  gedeutet  wer- 
den müfste.  [ Gerhard , ah.  Abh.  Taf.  67,  2 ist 
nicht,  wie  der  Herausgeber  will,  ein  ithypli. 
jugendlicher  Dionysos  mit  Stierhörnem , son- 
dern offenbar  ein  Hermes  mit  Petasos,  dessen 
Krämpen  in  der  ungeschickten  Zeichnung  des 
Vasenbildes  hörnerähnlich  abstehen.]  Alsoläfst. 
sich  wohl  sagen,  dafs  jene  fraglichen  Hermen, 
50  wenn  phalliscb,  den  Hermes  darstellen  sollen. 
Wie  weit  die  bei  Dionysos  seit  dem  4.  Jahrh. 
aufkommende  Stirnbinde  (mit  herabhängen- 
den Zipfeln,  oben  p.  1107)  bei  Hermen  als 
Kennzeichen  des  Dionysos  zu  betrachten,  wäre 
noch  zu  untersuchen. 

Doppelhermen:  Beiderseits  epheube- 
kränzter  Dionysos  im  Capit.  Mus.  n.  45;  epheu- 
bekränzter  Dionysos  und  geflügelter  Hermes 
im  Vatikan  Braun , Kunstvorst.  des  ge  fl.  Dion. 
60  Taf.  5;  Dion.  u.  Ariadne  Müller-Wieseler  2, 
428.  Pistolesi,  Vatic.  descr.  6,  104.  Drei- 
facher Hermenpfeiler,  Müller-Wieseler  2, 
341.  = Matz-Duhn  n.  294,  nach  Wieseler  Dion., 
Demeter,  Kore?  (Dionysos  ist  durch  die  Wein- 
rebe am  Stamm  und  anscheinend  ein  Panther- 
fell bestimmt).  Vergl.  auch  Gerhard,  ak.  Ab- 
handl.  Taf.  31,  1 — 3 u.  dazu  Müller,  Archäol. 

§ 345,  2. 

36 


i 


1123  Dionysos  (als  Kind) 

II.  Der  jugendliche  Dionysos. 

A.  Dionysos  als  Kind  nnd  Knabe. 

Dionysos’  Geburt.  Overbeck,  Zeusp.  416ff. 
zweifelt  die  Mehrzahl  der  herangezogenen  Dar- 
stellungen an.  ZetishjV  xlv.t ovcav  in  einem 
Gemälde  des  athenischen  Dionysostempels  er- 
wähnt Longus  4,  3 {Jahn,  Beitr.  p.  288);  vgl. 
Philostr.imag.  1,14.  Die  Wiedergeburt  aus 
Zeus’  Schenkel,  schon  auf  einer  sehr  alter- 
tümlichen Vase  dargestellt  (R.  Bochette,  peint. 
de  Pompei  p.  73,  76  f.),  ist  später  in  allen  Gat- 
tungen dekorativer  Kunst  ein  beliebter  Stoff: 
Müller,  Arch.  § 384,  2.  I)e  Witte  in  Nouv. 
Annal . de  Vinst.  1.  Welcher,  Götterl.  2,  580. 
Wiesel  er  weist  im  Text  der  D.  a.  K.  2 n.  393 
darauf  hin,  dafs  man  in  manchen  Darstellun- 
gen zwischen  Dionysos’  und  Athenas  Geburt 
schwanken  mufs.  Ebenso  konkurrieren  auch 
Dionysos  und  Erichthonios  in  Fällen  wie  Mül- 
ler-Wieseler 1,  211  u.  2,  401,  wenn  hier  nicht 
. stets  Erichthonios  gemeint  ist.  Erste  Schick- 
sale des  Neugeborenen:  Ino  als  Nährmut- 
ter {Apolloä.  3,  4,  3.  5)  läfst  sich  in  bildlichen 
Darstellungen  keineswegs  sicher  belegen,  Mül- 
ler- Wiesel  er  2,  399.  401.  Die  münch.  Gruppe 
und  das  Relief  der  Villa  Albani  sind  längst 
in  Wegfall  gekommen;  eine  säugende  Frau 
mit  Epheukranz  hei  Gerhard,  akad.  Abh.  Taf. 
80,  2 (gegen  Gerhards  Erklärung'  vergl.  Over- 
beck, Dem.  u.  Kora  p.  489)  ist  vielleicht  Ino, 
vielleicht  eine  Nymphe,  vergl.  Annali  1865 
t.  E.  Hermes  das  Kind  den  Nymphen  über- 
bringend ist  eine  altbeliebte  Darstellung.  Die 
Übergabe  an  Zeus  behandelt  M.  P.  CI.  4, 
19  = Millin  g.  m.  53,  223.  Am  amykläischen 
Thron  war  von  Bathykles  der  (gewifs  noch 
bärtige)  Hermes  mit  Dionysos  auf  dem  Arm 
dargestellt  (nach  Paus.  3,  18,  11  freilich  sg 
oiqavov  cpegcov).  Auf  dem  Markt  von  Sparta 
ein  Egg.  Jiovvoov  cpiqcov  ncciSa  Paus.  3,  11, 
11,  an  den  sich  vielleicht  späte  laked.  Mün- 
zen anlehnen,  Imhoof-Blumer  m.  gr.  p.  173, 
90.  91.  Eigentümlich  ist  diesen  Münzbildern 
der  eilige  Laufschritt  des  Hermes,  ein  hüb- 
scher an  ältere  Kunstweise  (vgl.  Arch.  Zeitg. 
34  Taf.  17)  gemahnender  Ausdruck  des  Boten- 
eifers. Gleichfalls  im  Laufschritt  trägt  Her- 
mes das  Kind  auf  Reliefs,  vgl.  Müller-Wieseler 
2,  392.  395  u.  396  (Krater  des  Salpion).  [ Lenor - 
mants  Behauptung,  dafs  dieser  Typus  auf  die 
Gruppe  des  Praxiteles  zurückgehe,  hätte  hei 
Daremberg- Saglio  in  der  Ausgabe  von  1881 
(p.  602)  ebenso  wenig  stehen  bleiben  dürfen 
wie  die  münch.  „Ino-Leucothea“.]  Den  Mo- 
ment der  Übergabe  an  die  Nymphen  stellen 
dar  Stackelb  erg,  Gräber  d.  Hellenen  2 1 . Müller- 
Wieseler  2,  397.  398.  Salpion  (n.  396)  verwertet 
dabei  den  laufenden  Hermes.  In  der  Gruppe 
Kephisodots  ( Plin . 34,  87)  war  Hermes 
nicht  mehr  als  diensteifriger  Überbringer,  son- 
dern nach  Plinius'  Worten  (in  infantia  nutriens) 
in  einer  jener  Situationen  dargestellt,  welche 
die  Pflege  und  Aufziehung  des  Dionysos 
zum  Gegenstand  haben,  ein  Vorwurf,  welchem 
wir  die  anmutigsten  Schöpfungen  griechischer 
Kunst  verdanken.  Unter  den  erhaltenen  Dar- 


Dionysos  (als  Kind)  1124 

Stellungen  steht  voran  das  Originalwerk  des 
Praxiteles,  ein  ruhig  dastehender  Hermes, 
auf  dessen  Arm  das  Dionysoskind  in  seinen 
auffallend  kleinen  Verhältnissen  freilich  noch 
stark  zurücktritt  Abgeb.  Ausgr.  v.  Olympia  3 r5, 
Taf.  6 — 9;  5,  7 — 10  etc.  Die  Litteratur  bei 
Overbeck,  Plastik  23,  38.  Unter  den  Vermu- 
tungen über  die  Ergänzung  ist  diejenige  am  , 
ansprechendsten,  dafs  Hermes  mit  der  Rechten 
eine  Traube  in  die  Höhe  hielt,  zu  welcher 
das  Kind  mit  Arm  und  Oberkörper  empor- 
strebt. Der  Zusammenstellung  der  von  Praxi-  , 
teles  abhängigen  Monumente  ( Benndorf , Vor- 
legeblätter  Ser.  A , 12)  ist  jetzt  hinzuzufügen 
die  Bronzestatuette  von  Marche-Alou- 
arde  (Rev.  arch.  1884  pf  4;  vgl.  de  Witte  in 
gaz.  des  b.  arts  1880  p.  410).  Der  rechte  Arm 
des  Hermes  ist  hier  mehr  gesenkt  und  sein 
Attribut  durch  den  in  der  Hand  erhaltenen 
Stengel  als  Traube  gesichert,  der  Knabe  in 
gröfseren  Verhältnissen  gebildet,  sonst  grofse 
Übereinstimmung  mit  der  Komposition  des 
Praxiteles.  (Andere  Darstellungen  des  Hermes  ; 
mit  Bakchoskind:  vermutlich  am  Proscenium 
des  athenischen  Theaters,  Mon.  d.  Inst.  9,  16. 
Münze  von  Philadelphia,  Imlioof-Blumer,  clioix  J 
5,  184.  Hermes  sitzend  Millyi,  g.  m.  67,  228. 
Imhoof-Blumer,  choix  5,  166).  Erschien  in  der 
Gruppe  des  Praxiteles  das  genrehafte  Motiv 
noch  mit  einer  gewissen  Zurückhaltung,  so 
herrscht  dasselbe  uneingeschränkt  in  jenen 
Gruppen,  wo  alle  Aufmerksamkeit  der  Darge- 
stellten auf  das  Kind  konzentriert  ist  (nach- 
praxitelische  Motive).  So  zunächst  die  treff- 
liche Gruppe  des  bärtigen  Satyr  mit  dem 
strampelnden  Dionyskinde  in  den  Ar- 
men, deren  mehrfache  Repliken  ein  berühm- 
tes Original  verbürgen:  die  beste  im  Louvre, 

Clar.  333,  1556  (s.  beist.  Abbild.  11),  ferner  in 
München  {Clar.  676,  1556  A),  im  Vatikan  (fff ws. 
Ciliar.  2, 12),  Pal.  Massimi  {Clar.  333, 1556),  ver- 
wässert Coli.  Pembr.  {Clar.  724,  1680 B).  Eine 
hübsche  Gruppe,  Dionysos  auf  d.  Arm  des 
Papposilen  bei  Schöne,  griech.  Bel.  37,  147. 
Strenger  gedacht  ist  Le  Bas,  voy.  en  Gr.  mon. 

, Fig.  27  {Schreiber,  Bilderatlas  Taf.  1,  5):  Dio- 
nysos  auf  der  Schulter  des  Papposilen 
reitend  {Friederichs , Baust,  n.  621).  Das-  tau 
selbe  Motiv  in  völlig  genrehafter  Auffassung 
heiteren  Spiels  zeigt  die  Gruppe  der  Villa  {'Itn 
Albani,  Clar.  704B , 1628B  (jugendlicher  iete 

Satyr  und  Dionysos)  und  deren  Neapler  '}  ;lE; 
Replik  ib.  1628A,  Werke  der  Diadochenzeit,  -r letz 
vgl.  Brunn,  perg.  Gigantomachie  p.  17.  Dem  iUn, 
Geschmack  der  späteren  Zeit  entsprechend  -Hin 
wird  eine  Fülle  genrehafter  Züge  aus  dem 
Kindesleben  des  Gottes  in  Kunstwerken  aller 
Gattungen  zum  Ausdruck  gebracht:  in  statuar. 
Gruppe  Clar.  673,  155  ( Matz-Duhn  nr.  354), 
eine  Mainade  beugt  sich  zu  dem  ihren  linken 
Arm  umfassenden  Dionysos  herab.  Eine  als 
Aphrodite  und  Eros  ergänzte  Replik  in  Dres- 
den Clar.  640,  1452  {Matz-Duhn)-,  vergl.  auch 
das  Fragment  des  Palatin  Matz-Buhn  n.  355. 
Vasenbild:  Minervini,  Bull.  arch.  Ital.  1862 
t.  6.  Pompej.  Wandgem. : Mus.  Borb.  10,  25 
[Welcher , a.  D.  4 p.  33).  Münze  v.  Sardes 
Streber,  n.  gr.  reg.  Bav.  t.  4,  8.  Reliefs:  Sacken, 


1125  Dionysos  (als  Kind) 

Wiener  Bronzen  T.  27,  5.  Schöne,  gr.  Bel.  37, 
149.  Müller-  Wieseler  2,  n.  41'4  (Satyr  und  Mai- 
nade  schwingen  tanzend  den  in  einem  Korbe 
liegenden  Dionysos.  Trotz  der  Fackel  in  der 
Hand  der  Mainade  ist  gegenüber  weitherge- 
holten Erklärungen  wohl  mit  Wieseler  nichts 
' als  ein  Spiel  in  dieser  und  ähnlichen  Darstel- 
lungen zu  sehen).  Das  Münch.  Sarkophagre- 
lief Müller-  Wieseler  2,  402  {Brunn  Kat  n.  116) 


ttj  -Satyr  mit  dem  Dionysoskinde  (Louvre,  S.  1124,  39). 

Bst  aus  3 Scenen  zusammengesetzt:  in  der 
lütte  Waschung  des  Kindes,  rechts  läfst  ein 
fcatyr  dasselbe  auf  seinen  Händen  stehen,  links 
l eitet  es  auf  dem  vom  Satyr  geführtem  Widder. 
I >ie  angenommenen  mystischen  Beziehungen 
I er  letzten  Scene  scheinen  in  dieser  genrehaf- 
Jen  Umgebung  trotz  der  Cista  auf  dem  Kopf 
( es  Kindes  bedenklich  (vgl.  auch  Mus.  Capit. 
, 60.  Friederichs,  Baust,  n.  785).  Das  Reiten 
uf  Tieren  wiederholt  sich  sehr  häufig:  auf 

■ iege,  Müller-  Wieseler  2,  403.  Benndorf -Sei töne 
t later,  n.  293;  auf  Panther  Müller- Wieseler  2, 

05;  auf  Löwe  ib.  n.  414  (dodonäisches  Lokal?). 

1 »ionysos  mit  Silens  Hilfe  ein  Zweigespann  von 
antherweibchen  und  Ziegenbock  kutschierend : 
mdüller- Wieseler  2,  518.  Diese  spielenden  Züge 
nden  sich  sogar  auf  Münzen , so  auf  einer 

■ ergamenischen  Marc  Aurels  Mionn.  D.  2, 
! 91.  576,  wo  ein  junger  Satyr  sitzend  einen 

naben  auf  seinem  rechten  Fufs  schaukelt, 
ne  vortreffliche  Komposition,  die  gewifs  dem 


Dionysos  (als  Knabe)  1126 

Balcchoskind  gilt.  Um  seine  Figur  haben  sich 
diese  Züge  heiteren  Kinderspiels  entwickelt 
und  sind  dann  erst  auf  das  satyreske  Gebiet 
ausgedehnt  worden  (wie  bei  Müller-  Wieseler 
2,  563).  Darstellungen  desBakchoskindes  allein 
auf  Münzen  scheinen  mir  zweifelhaft,  Müller  - 
Wieseler  2,  415.  416.  Imlioof-Blumer , rn.  gr. 
Tf.  9 n.  27.  Statuen  des  kindlichen  Dionysos 
sind  selten  oder  gar  nicht  überkommen:  Clar. 
678C,  1564 A (der  aufgesetzte  Kopf  scheint 
Matz  n.  357  zugehörig);  Clar.  678 A,  1567  ist 
fraglich  {Michaelis,  anc.  marbles  Wilton  H. 
n.  112  „ Sleeping  Eros'1) ; Clar.  694A,  1610B 
{Michaelis  C.  Howard  n.  9)  scheint  reines  Genre. 

Für  reiferes  Knabenalter  finden  sich 
einige  Statuen  des  Dionysos,  doch  ist  bei  Clar. 
mehreres  zu  streichen  (gesichert  674,  1561  u. 
1562)  vergl.  das  Relief  161 C,  149  A.  Sacken, 
Wiener  Bronzen  25,  2.  Bereits  die  Über- 
gangsstufe zum  Jüngling  zeigen  Sacken 
a.  a.  0.  26,  1 (Ausdruck  träumerischer  Ruhe), 
die  vorzügliche  Bronze  aus  Herculanum  Müller- 
Wieseler  2,  353  {Clar.  684,  1601),  eine  Gruppe 
in  Sparta  {Mittheil.  2,  333  n.  57)  etc. 

B.  Dionysos  als  Jüngling. 

Ältestes  Beispiel  der  Überlieferung  ist  der 
Dionysos  des  Kalamis  zu  Tanagra,  eine 
Tempelstatue  aus  par.  Marmor,  Baus.  9,  20.  4. 
Auf  einer  tauagr.  Erzmünze  M.  Aurels  hat 
Imhoof-Blumer,  Wiener  Num.  Ztg.  9 p.  32  n.  111 
eine  Nachbildung  der  Statue  erkannt,  ihre 
Jugendlichkeit  E.  Curtius,  Archäol.  Ztg.  1883 
p.  225  hervorgehoben;  vergl.  oben  p.  1089 f.). 
Letztere  bestätigen  Dubletten  des  Cab.  Allier 
de  Haut.  Dumersan  pl.  6,  7 und  des  Berliner 
Münzkabinetts  (ined.).  Eine  Münze  des  Anton. 
Pius  kommt  hinzu  {Cat.  of  gr.  coins , Centr. 
Gr.  pl.  10,  15),  wo  (obwohl  vom  Herausgeber 
nicht  angemerkt)  der  Kopf  ebenfalls  bartlos 
erscheint.  Sämtliche  Münzen  sind  von  schlech- 
ter Erhaltung,  doch  zeigen  n.  2 — 4,  dafs  Dio- 
nysos wohl  nicht  eine  Chlamys  {Curtius),  son- 
dern einen  kurzen  Chiton  [in  nr.  3 (Berlin) 
scheint  vom  linken  Arm  auch  noch  eine  Chla- 
mys herabzuhängen]  und  sicher  hohe  Stiefel 
trug.  Die  Statue  war  im  Vorschreiten  darge- 
stellt (r.  Standbein),  im  linken  Arm  den  Thyr- 
sos,  in  der  vorgestreckten  Rechten  den  Ka.n- 
tharos.  (Dafs  der  zu  den  Füfsen  der  Statue 
befindliche  Triton  eine  Komposition  für  sich 
und  die  beiden  Gebälkträger  später  hinzu- 
gefügt sind,  hat  Curtius  bemerkt.)  — Ferner 
hat  man  unter  den  dekorativen  Skulpturen 
des  Parthenon  den  jugendlichen  Gott  nacli- 
weisen  wollen,  so  in  dem  „Theseus“  des  Ost- 
giebels, Michaelis,  Parthenon  p.  168  u.  Beter- 
sen, Kunst  des  Phidias  p.  119  ff.  Dagegen 
spricht  sich  aus  Brunn,  Bildw.  d.  Barth,  p.  4f. 
Zu  seinen  Bedenken  kommt  noch  das  weitere 
hinzu,  dafs  in  Pheidias’  Zeitalter  jener  Gott, 
dem  vor  allen  das  hüllende  Gewand  eigentüm- 
lich ist,  schwerlich  schon  in  völliger  Nackt- 
heit dargestellt  werden  konnte.  Dies  Beden- 
ken fällt  zwar  weg  gegenüber  dem  in  der 
Götterversammlung  des  Frieses  neben  Her- 
mes dargestellten  Jüngling,  nach  Michaelis 
a.  a.  0.  254  u.  Petersen  ebenfalls  einem  Dio- 

36* 


io 

20 

30 

40 

50 

60 


1127  Dionysos  (als  Jüngling) 

nysos.  Doch  ist  auch  hier  die  Deutung  sehr 
fraglich,  und  wenn  überhaupt  die  Anwesen- 
heit des  Gottes  in  dieser  Versammlung  vor- 
ausgesetzt werden  mufs  (was  die  Bedeutung 
des  attischen  Dionysoskultes  nahe  legt) , so 
wird  man  sich  wohl  nur  für  den  mit  Posei- 
don gruppierten  Jüngling  entscheiden  können, 
zu  dessen  Gunsten  Flasch,  zum  Parthenon- 
fries  p.  4 und  20  sehr  ansprechende  Gründe 
vorbringt.  Eine  stärkere  Verhüllung  durch  io 
das  Himation  unterscheidet  diese  Gestalt  von 
den  übrigen  Götterjiinglingen  der  Versamm- 
lung. Ganz  problematisch  bleibt  der  gemut- 
mal'ste  Dionysos  im  Fries  des  Theseion  und 
des  Niketempels,  Annali  13,  64.  Gegenüber 
solcher  Unsicherheit  haben  um  so  gröfseres 
Gewicht  zwei  Münztypen  von  Naxos 
Sic.,  (zerstört  403).  Der  bärtige  Dionysos 
herrscht  hier  von  den  ältesten  Zeiten  bis  zum 
Untergang  der  Stadt  (vgl.  oben  p.  1100,  1103  ?o 
u.  1105),  aber  zu  Ende  des  5.  Jahrh.  tritt  neben 
demselben  der  jugendliche  auf,  vgl.  Mionnet 
S.  1,  409,  325.  326  {Clar.  1004,  2756),  schöne 
Epheu-  resp.  Weinlaubbekränzte,  aber  durchaus 
noch  affektlose  Köpfe. 

Erst  die  2.  Blütezeit  der  Kunst  bietet 
ein  litterarisch  verbürgtes  Beispiel,  es  ist  die 
Erzstatue  eines  jugendl.  Dionysos  von 
Praxiteles,  beschrieben  von  Kallistr.  st.  8, 
nach  der  Aufstellung  in  einem  aloog  wohl  ein  30 
dekoratives  Werk.  In  der  Schilderung  des  Kal- 
listratos  ist  zunächst  der  äufserliche  Umstand 
wichtig,  dafs  diese  Statue  mit  der  Nebris 
(offenbar  mit  ihr  allein)  bekleidet  war.  Wir 
haben  oben  bereits  für  den  bärtigen  Dionysos 
einige  Beispiele  derselben  aus  dem  4.  Jahrh.  an- 
geführt (s.  d.  Abbildung  S.  1108f.).  Dem  Vor- 
gang des  Praxiteles  wird  es  zuzuschreiben  sein, 
wenn  dieses  dem  Gott  selbst  ursprünglich  fremde 
Attribut  später  bei  zahlreichen  Statuen  und  40 
Reliefs  als  einziges  Gewandstück  des  jugend- 
lichen Dionysos  erscheint*).  Dann  betont  Kal- 
listr. die  Verwandtschaft  mit  der  Auffassung 
des  Dionysos  in  Euripides’  Bakchen ; aber  eben- 
sowenig wie  der  euripideische  Gott  bei  nähe- 
rer Prüfung  sich  als  eine  weibische  Gestalt 
erweist  (vgl.  unten  p.  1138),  ebensowenig  sind 
die  Epitheta  des  Kallistr.  KvO'rjQÖg,  aßQÖtrjxog 
ys/iav  anders  zu  verstehen  denn  als  Merkmale 
einer  edlen,  aber  vom  Staub  der  Palästra  unbe-  50 
rührten  Jünglingsfigur.  Besonders  wichtig  ist 
in  dieser  Hinsicht,  dafs  an  der  praxitelischen 
Statue  der  feurig  strahlende  Blick  {imvcmv 
iSsiv)  hervorgehoben  wird;  doch  scheint  der 
ßuv.ytiog  oIotQog  sich  auf  den  Blick  beschränkt 
zu  haben,  denn  gleicherzeit  rühmt  Kallistr.  die 
lächelnde  Miene  ( ysXeozog  ipxdsag),  welche  der 
ekstatischen  Begeisterung  des  Blicks  das  Ge- 
gengewicht gehalten  haben  mufs  (vergl.  auch 
p.  1141  Schema  Ia).  In  der  Ausprägung  des  60 
bakchischen  Enthusiasmus  dürfte  Skopas,  der 
Schöpfer  des  kanonischen  Mänadentypus,  wei- 
ter gegangen  sein.  Nach  Plin.  36,  22  arbei- 

*)  Wie  weit  der  soeben  von  Spratt , Academy  1885 
n.  ß81  p.  370  an  gekündigte  Torso  aus  d.  Maiandros- 
thal  (mit  Nebris  und  vor  der  Brust  gehaltener  Traube) 
als  „Kopie  nach  einem  Praxitel.  Muster“  betrachtet  wer- 
den darf,  bleibt  abzuwarten. 


Dionysos  (als  Jüngling)  1128 

tete  er  für  Knidos  einen  Dionysos.  Dafs  der- 
selbe jugendlich  gebildet  war,  ist  zwar  nicht 
direkt  überliefert  aber  wenigstens  zu  vermu- 
ten, da  die  knidischen  Münzen  nur  den  jugend- 
lichen Typus  zeigen  (Köpfe  Mionn.  D.  3,  342, 
nr.  233.  234.  S.  6,  483,  nr.  234,  nr.  245—47, 
ganze  Figur  Mionn.  S.  6,  481,  nr.  231.  234). 
Zwar  besafs  Knidos  auch  von  Bryaxis  einen 
Dionysos,  doch  darf  man  auf  den  gen.  Münzen 
(welche  sämtlich  der  späteren  Erzprägung  an- 
gehören) eher  die  Anlehnung  an  den  berühm- 
teren Künstler  voraussetzen;  dazu  kommt,  dafs 


Fig.  12. 


Dionysoskopf  in  Leiden. 

die  Münzen  den  Gott  in  langem,  hoch  gegür- 
tetem Chiton  mit  Chlamys  über  dem  linken 
Arm  darstellen  (vgl.  Sachen , St.  Florian  t.  4, 
15),  einem  Typus,  der  an  den  wahrscheinlich 
auf  Skopas  zurückgehenden  Apollo  Kitharödos 
(vgl.  oben  p.  463)  anklingt.  (Dieses  Kostüm 
weiblich  zu  nennen  ist  bei  dem  einen  Gott 
nicht  mehr  gerechtfertigt  wie  bei  dem  ande- 
ren.) Vielleicht  giebt  von  der  Art,  wie  Sko- 
pas das  Dionysosideal  psychologisch  fafste,  der 
vorzügliche  Kopf  in  Leiden  eine  Anschau- 
ung (s.  beistehende  Abbildg.  nach  Mon.  dell 
Inst.  2,  41 B).  Über  seine  kunstgesch.  Bedeutung 
vgl.  Overheck,  Plast.  2,  40.  Der  Kopf  wurde 
um  1700  von  einem  holländischen  Residenten 
aus  Smyrna  nach  Amsterdam  geschickt.  Am 
Original  fehlen  Nase  und  Oberlippe , die  Ab- 
bildung nach  einer  Restauration  Eberhards 
(vgl.  Annali  9 p.  151).  Der  Ausdruck  dieses 
mit  Stirnbinde  und  Korymben  geschmückten 
Kopfes  ist  der  einer  freudigen,  selbstbewussten 
Kraft,  das  flammenartig  (vgl.  die  thessaliscke 
Münze  Cat.  of  gr.  c.  p.  109,  85)  über  der  Stirn 


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1129  Dionysos  (als  Jüngling) 

emporstrebende  Haar  giebt  ihm  einen  erhöhten 
Schwung,  wir  haben  den  ßaH%(iog  oiazgog  in 
seiner  vergeistigtesten  Form  vor  Augen.  Eine 
ganz  andere  Auffassung  des  Gottes  bietet  ein 
in  den  Caracallathermen  gefundener 
Kopf,  Mon.  d.  Inst.  10,  20  u.  Annali  1876  iav.  C 
1 (s,  die  Abbildg.  13),  dessen  Erfindung  von  Iiobert 
|a.  a.  0.  p.  37  ff.  mit  guten  Gründen  der  jüngeren 


Fig.  13. 

Kopf  aus  den  Caracallathermen  (London). 


tischen  Schule  zugesprochen  wird.  Während 
?r  Leidener  Kopf  bakchischem  Schwung  und 
luer  Ausdruck  giebt,  erscheint  hier  eine 
idere  Seite  der  Natur  des  Gottes,  jener  nach- 
snkliche  Zug,  welcher  auch  dem  bärtigen 
ionysos  nicht  fremd  geblieben  (ob.  Abbild.  8 
1113).  Das  schmalwangige  Oval  stimmt  zu 
m nach  innen  gekehrten  Charakter  des  schö- 
m Kopfes  aufs  beste.  Erst  die  spätere  Kunst 

!it  diesen  Zug  zu  schwärmerischer,  fast  sen- 
nentaler  Versunkenheit  gesteigert  und  die 
(fallend  vollen  Formen  des  Gesichts , den 
inlichen  Ausdruck  und  die  künstliche  Haar- 
!sur  geschaffen.  Von  einer  dritten  Seite,  als 
jiterer  und  freundlicher  (vgl.  ysXcozog  ignlsag 
i ullistr.)  Gott  des  Segens  ist  Dionysos  dar- 
jistellt  auf  Münzen  v.  Kydonia  ( Gardner 
19,  22),  in  deren  Köpfen  Gardner  den  Einflufs 
• r Praxitelischen  Schule  erkennt.  Auch  hier 
ult  das  Haar  in  weichen  Locken  kunstlos  auf 
' n Hals  herab.  So  sehen  wir  das  vielseitige 
esen  des  Gottes  (vgl.  ob.  p.  1112  f.)  von  den 
hnstlern  der  2.  Blütezeit  besonders  für  das 


Dionysos  (als  Jüngling)  1 130 

jugendliche  Ideal  in  reicherWeise  ausgebeutet. 
Die  Schöpfung  desselben  aber  liegt  schon  in 
einer  früheren  Epoche.  Wie  weit  einzelne 
Kultstätten  an  der  verjüngenden  Tendenz  An- 
teil gehabt,  läfst  sich  (abgesehen  von  Eleusis, 
wo  Iakchos  von  Hause  aus  als  Kind  oder  Knabe 
gedacht  wurde,  aber  seine  Sonderstellung  ge- 
genüber dem  allgemeingriechischen  Dionysos 
behielt,)  nicht  nachweisen.  Doch  darf  man 
vermuten,  dafs  der  erste  Anstofs  zur  Bildung 
des  Jünglingstypus  von  jenen  Lokallegenden 
ausgegangen  ist,  die  von  den  Thaten  des  zu 
jugendlicher  Kraft  herangewachsenen  Gottes 
erzählten,  und  so  ist  es  wohl  nicht  zufällig, 
dafs  der  älteste  uns  bekannte  jugendliche  Dio- 
nysos mit  der  tanagräischen  Priesterlegende 
eines  über  Triton  gewonnenen  Sieges  in  Ver- 
bindung steht.  Wie  an  solchen  Stätten,  wel 
chen  ursprünglich  die  Vorstellung  des  bärtigen 
Dionysos  eigentümlich  ist , allmählich  die 
jugendliche  Auffassung  eindringt,  zeigt  die 
vom  Kultus  abhängige  Münzprägung.  Das 
älteste  Beispiel  (Naxos,  Sic.)  wurde  schon  er- 
wähnt. Weitere  Beispiele  bieten:  Mende  (vgl. 
ob.  p.  1103),  welches  seit  der  3.  Periode  seiner 
Prägung  (400 — 346)  auch  den  jugendlichen  Gott 
zeigt  {Cat.  of  gr.  C.  Maced.  p.  83  nr.  11); 
Sybrita  läfst  auf  den  thronenden  bärtigen 
Dionysos  (Abbildg.  p.  1113)  gegen  Ende  des 
4.  Jahrhdts.  den  jugendlichen  auf  dem  Panther 
reitenden  folgen  ( Gardner  9,  6),  auf  Münzen 
von  Peparethos  tritt  zunächst  neben  den 
bärtigen  Gott  (vgl.  ob.  p.  1117)  der  jugendliche, 
Cat.  of  gr.  c.  Thess.  p.  53  nr.  4,  in  den  beiden 
letzten  Jahrh.  v.  Ch.  erscheint  letzterer  allein 
(ibid.  nr.  7 pl.  11,  15);  in  derselben  Zeit  prägt 
den  jugendlichen  Kopf  Thasos  (Mionn.  I).  1, 
435  nr.  30—39.  Cat.  of  gr.  c.  Thrak.  p.  223 
nr.  74)  etc.  Wenn  man  so  die  Münzprägung 
erst  allmählich  dem  neuen  Bildungsprincip  nach- 
geben sieht,  so  wird  das  Vorherrschen  dessel- 
ben in  der  Gesamtkunst  seit  dem  4.  Jahrh. 
durch  denEinflufs  einzelner  Kultstätten  nicht  ge- 
nügend erklärt;  eine  allgemeine,  mächtige  Trieb- 
feder mufs  wirksam  gewesen  sein.  Und  zwar 
war  es  diePoesie,  welche  die  lokalen  Sagen  von 
den  Thaten  des  jugendlichen  Gottes  populari- 
siert und  damit  den  bildenden  Künsten  den  Weg 
bereitet  hat.  Die  beiden  Mythen  von  Lykur- 
gos  und  Pentheus  sind  hier  von  mafsgebendem 
Einflufs  gewesen.  Schon  die  Ilias  erwähnt  den 
Lykurgosmythos  (6,  135)  und  gedenkt  dabei 
des  Dionysos  als  eines  schreckhaften  Knaben. 
In  der  Lykurgie  des  Aischylos  war  der  Knabe 
Homers  zum  Jüngling  herangewachsen  und 
zugleich  in  einer  befremdlich  weichlichen  Aus- 
stattung vorgeführt,  welche  mit  der  ihm  an- 
gedichteten Herkunft  aus  dem  Orient  zusaul- 
menliing.  Gewifs  jugendlich  trat  Dionysos 
auch  in  der  Lykurgie  des  Polyphradmon  auf. 
Die  Pentheussage  soll  schon  Thespis  verwen- 
det haben,  Aischylos  that  es  sicher,  ln  den 
Bakchen  läfst  Euripides  Dionysos  als  körper- 
lich zarten  und  doch  unheimlich  gewaltigen 
Götterjüngling  aus  Asien  heimkehren.  Nach 
solchem  Vorgang  der  Poesie  war  es  der  bil- 
denden Kunst  möglich  im  Verlauf  des  4.  Jahrh. 
den  Jünglingstypus  des  Gottes  in  allen  Kunst- 


10 

20 

30 

40 

50 

60 


1131 


Dionysos  (als  Jüngling) 


Dionysos  (als  Jüngling) 


1132 


gattungen  zur  Verwendung  zu  bringen.  Nur 
einzelne  Sagenstoffe , wie  Hephaists  Zurück- 
führung in  den  Olymp  und  der  Gigantenkampf 
bleiben  von  der  neuen  Tendenz  unberührt,  bei 
ersterer  erscheint  nur  der  bärtige  Dionysos 
(unt.  p.  1144  A),  in  letzterer  der  jugendliche  erst 
beträchtlich  später  (vgl.  unten  p.  1144 D).  Das 
Abenteuer  mit  den  tyrrhenischen  Seeräubern 
war  von  der  Figur  des  bärtigen  Gottes  aus- 
gegangen (vgl.  das  schwarzfig.  Vasenbild  oben 
p.  1096,  44),  aber  der  Ilom.  Hymn.  7 läfst  in 
demselben  Abenteuer  Dionysos  erscheinen  vsgvürj 
ccvöqI  solkcos  nQco&rißrj  • nahxl  d's  nsgiGosiovro 
e&siqcu  xvccvsai,  giägog  Sn  tisql  GzißaQotg  £%sv 
cogcug  noQqivQsov,  und  dieser  poet.  Vorstellung 
folgt  der  Fries  des  334  v.  Chr.  errichteten 
Lysikratesdenkmals  (Anc.  mar  bl.  9,  22 — 
26,  mit  Restaur.  Stuart , ant.  of  Ath.  1,  4 pl.  30. 
Müller-Wieseler  1,  Taf.  27.  Ovcrbeclc,  Plastik 
Fig.  113.  114).  Das  epeegog  des  Hymnus  ist 
auf  den  Felsensitz  des  Gottes  herabgeglitten, 
beibehalten  aber  sind  die  äfiot  Grißctgol,  ein 
Beweis,  dafs  auch  in  der  2.  Hälfte  des  4.  Jalirli. 
die  weichliche  Auffassung  des  Gottes  der  Kunst 
noch  fremd  war  (vgl.  Overbeck,  Plastik  2 p.  94). 
Das  Lysikratesdenkmal  liefert  das  älteste  Bei- 
spiel eines  unbekleideten  Dionysos,  aber  das 
Gewand  ist  doch  noch  nicht  principiell  besei- 
tigt, sondern  als  Unterlage  verwendet.  Im 
allgemeinen  bleibt  das  verhüllende  Himation 
zunächst  noch  durchaus  die  Regel.  Mit  ihm 
ist  der  Gott  bekleidet  auf  dem  ins  4.  Jahrh. 
zurückgehenden  Relief  der  Villa  Pamfili 
(Gerhard,  a.  B.  t.  82,  1.  = Matz-Buhn  nr.  3773 
als  Leierspieler),  ebenso  auf  Münzen  ( Gardner 
10,  35  u.  13,  4.  Head,  synopsis  pl.  29,  25), 
auf  Vasen  (vgl.  p.  1134)  und  in  vielen  statua- 
rischen Beispielen,  von  denen  einige  wie  die 
Gruppe  Fejervari,  Mon.  Ann.  Bull.  1854 
p.  81  tav.  13,  die  Statuen  Müller-Wieseler  2 
nr.  356  (Villa  Albani)  und  Bull,  de  c.  h. 
1882  pl.  5 (Dijon)  in  dem  Motiv  des  auf  dem 
Haupte  ruhenden  rechten  Armes  auf  die  Schule 
des  Praxiteles  zurückgehen  mögen.  Ja  der 
Künstler  des  vorzüglichen  Dionysos  vom 
Thrasyllosmonument  (320  v.  Chr.  oder 
vielleicht  noch  später;  vgl.  Overbeck,  Plastik 
2,  94)  wählte  hier,  wo  es  wahrscheinlich  die 
Darstellung  eines  A.  yslno  gsvog  galt  (vgl. 
Overbeck  a.  a.  0.),  das  solenne  Doppelgewand 
des  Kitharöden  mit  Hinzufüguug  der  specifisch 
bakchischen  Pardalis  (abgeb.  Anc.  marbl.  9, 
1 = Müller-Wieseler  2,  nr.  362;  in  Seitenan- 
sicht mit  restaur.  Kopf  als  „Dekeleia“  Stuart, 
A.  of  Ath,  2 , 4 pl.  28 , 2).  Nach  Luk.  Iup. 
trag.  12  bildete  Lysipp  einen  Dionysos  aus 
Erz,  den  Brunn,  Gesch.  d.  gr.  Künstl.  1,  370 
als  zarte  Jünglingsgestalt  denkt;  völlige  Nackt- 
heit darf  man  wohl  bezweifeln.  Auf  Lysipp 
oder  seine  Schule  ist  eine  Gruppe  von  Köpfen 
des  jugendlichen  Dionysos  mit  Stier- 
hörnchen zurückgeführt  worden:  zum  Kopf 
des  Lateran  merken  Benndorf- Schöne  nr.  236 
die  Verwandtschaft  mit  den  Zügen  des  Apo- 
xyomenos  an;  vergl.  ib.  nr.  489;  Villa  Albani 
nr.  107  Fea;  M.  P.  Clem.  6,  6.  1 (=  Müller- 
Wieseler  2,  376)  und  dazu  llobert,  Annali  1875 
p.  39.  Auf  Grund  solcher  Beobachtungen  darf 


... 


man  auch  die  Lysippische  Schule  von  einer 
weichlichen  Auffassung  des  Dionysos  freispre- 
chen. Der  leicht  nach  links  gewendete  vatik  ! 
Kopf  zeigt  zwar  etwas  Träumerisches,  aber  eint  I 
durchaus  männliche  (Müller,  Archäol.  § 383,  9 1 
„fast  satyrhafte“?)  Auffassung;  über  den  in 
alexandrinisclier  Zeit  wieder  auftauchenden  Ty- 
pus des  gehörnten  Dionysos  vgl.  unten  „Stier 
bakchos“  p.  1150.  Eine  bereits  im  4.  Jahrh, 
io  erscheinende  eigentümliche  Tracht  isthiei 
noch  zu  erwähnen,  bestehend  aus  kurzem  Chi 
ton , hohen  Stiefeln  (vergl.  den  Dionysos  de; 
Kalamis) , Nebris  oder  Pardalis,  Gürtel,  dazv 
meist  auch  noch  Chlamys.  Beispiele:  l)Tors<  I 
desGiard.  d.  pigna  (Vatik.),  nach  Skizze  unci  ij 
Notiz,  die  ich  Herrn  Prof.  Schreiber  verdanke j|: 
ein  attisches  Original  des  4.  Jahrh.  2)  Schoene 
gr.  Bel.  27,  110  (Athen),  angeblich  thebische: 
Herkunft,  vielleicht  aber  auch  attisch.  3 
20  Bronzerelief  aus  Theben  (in  Berlin,  Anti 
quarium  Inventar,  nr.  7457) : lebhaft  vorwärt: 
eilender  Dionysos,  Pan  und  Satyr.  4)  Terra 
cottaform  vom  Peiraieus,  Annali  187< 
tav.  J.  5)  Attisches  Vasenbild,  Compte 
Bendu  1872  tav.  1.  Letzteres  zeigt  den  Chito 
niskos  zudem  (wofür  die  plast.  Denkmäler  ver  j 
sagen)  reichgestickt,  wie  ihn  einige  Vasen 
bilder  (als  Überkleid)  auch  dem  bärtige: 
Dionysos  geben  (obenp.  1107).  Eine  Besonder 
30  heit  unserer  Vase  sind  die  langen  Ärmel 
Für  Initiative  der  attischen  Kunst  spreche: 
oben  nr.  1 , 4 u.  5 , für  fremdländische  Her 
kunft  der  Tracht  Thamyris  (Mon.  dell'  Inst.  1 
23),  Paris  (ibid.  25),  Anchises  (Mill.  g.  m.  44 
644),  Pelops  (Gerhard,  apul,  V.  6.  7),  Amazc ; ö 
nen  (Millin,  g.  in.  134,  447.  Archäol,  Ztg.  3 ( 
Tf.  21  etc.),  die  thrakischen  Mörderinnen  de 
Orpheus  (Knapp,  Arch.  Ztg.  36  p.  146).  Übei  ' 
tragen  wird  sie  auf  Artemis  (oben  s.  v.  § 21,  1 
40  Erinyen  (Dilthey,  Arch.  Ztg.  31  p.  81ff.),  Hei 
mes  (Mon.  dell'  Inst.  2,  59  u.  Gerhard,  akai 
Abhandl.  t.  21,  2 Komödienscene)  etc.,  abe  , 
auch  auf  eleusin.  Priester  (Müller-Wieseler  L| 
nr.  112).  SpeziellbakchischwirddieTracht  dura! 
Hinzufügung  der  Pardalis  oder  Nebris*);  wäb 
rend  sie  aber  beim  bärtigen  Dionysos  nur  ar 
Vasen  und  vorübergehend  erscheint,  wird  si 
beim  jugendlichen  Gott  zu  einem  geläufige 
Motiv,  das  in  der  Folgezeit  z.  B.  wiederkehrt 
50  am  Hyposkenion  des  athenischen  Theatei 
(Annali  1870,  p.  97  ff.  Mon.  dell'  Inst.  9,  16 
im  archaistischen  Relief  Albani  (Zeichnung  cf 
Cod.  Pigh.  Sächs.  Ber.  1868  t.  5,  mit  fälscht 
Restaur.  Winckelm.  m.  ined.  nr.  6 = Welche, 
a.  D.  2,  1.  1),  auf  einem  späteren  Vasenbil 
(C.-B,  1862  tav.  6),  ohne  Nebris  auf  der  Vaf 
von  Canossa  (Zocga,  Abh.  t.  1,  3,  wo  Welch 
die  Figur  unrichtig  als  Mainade  erklärt)  ur 
in  dem  pompeian.  Gemälde  Mus.  Borb.  8,  1 
60  Hclbig  nr.  568  (langärmel.  Chitoniskos  u.  H 
mation).  Auf  Münzen  scheint  der  Typus  nicl 
nachweisbar  (etwa  Annuaire  de  la  soc.  nwm. 
tav.  12,  42?).  Ein  sehr  ähnliches  Kostü: 
wird  dadurch  erzielt,  dafs  ein  längerer  Chito 


. 


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*)  Gilt  mit  gewisser  Einschränkung.  Die  Nehr: 
hat  oft  auch  Artemis,  einmal  Peleus  (Inghirami,  Mi 
Chius.  1 tav.  46)  und  selbst  die  Pardalis  erscheint  ei 
mal  bei  Artemis,  Röchelte,  mon.  ined.  p.  179  pl.  45. 


1133  Dionysos  (als  Jüngling) 

mit  Überschlag  bis  über  die  Knie  emporgeschürzt 
ist:  Relief  des  Louvre,  Arch.  Zeitg.  1881 
tav.  14  (lange  Ärmel,  Pardalis),  Dionysos 
vom  grofsen  und  kleinen  pergamen.  Altar- 
fries Ergehn.  1 p.  53  E und  Beschr.  d.  perg. 
Bildw.  1883  p.  10  Anm.  (Nebris) , Statue 
Hope,  Clar.  695,  1614  = nebenstell.  Abbil- 
dung 14  ; Kopf  aufgesetzt,  beide  Arme  ergänzt. 
Pardalis,  nach  Michaelis,  anc.  marh.  Deepdene 
3 Nebris?),  dazu  eine  Replik  in  der  Ermi- 
1 


Fig.  14. 


Dionysos  Hope  (Deepdene,  Clarac  695,  1614). 

tage,  Clar.  695,  1615  ( Katal . nr.  156  Parda- 
i i lis),  Berl.  Relieffrgm.  gr.  Cab.  nr.  687.  In  ei- 
nem späten  Relief  aus  dem  athenischen 
Theater,  einer  fragm.  Opferscene  mit  Frie- 
mderichs.,  Bausteine  nr.  631  die  ebenso  kostü- 
mierte Figur  rechts  für  Dionysos  zu  nehmen, 
:wozu  der  von  der  Rechten  vorgestreckte 
! Kantkaros  auffordert,  verbietet  sich  wegen  des 

Iim  linken  Arm  gehaltenen  Weingefäfses  und 
noch  mehr  wegen  der  durchaus  weiblichen 
Brust.  Es  wird  eine  Priesterin  oder  Mainade 
sein.  (Kurzer  Chiton  und  Stiefel  für  letztere 
nicht  ganz  ohne  Beispiel : Matz-Duhm  nr.  2269, 
|2339,  2340,  für  Vasen  Knapp,  Archäol.  Ztg.  36 
p.  145,  mit  Nebris  Bull.  Napol.  3,  tav.  2,  4; 
vergl.  auch  Bapp , Beziehungen  des  Dionysos- 
• kults  p.  25  und  über  erinysartige  Gestalten  des 
bakchischen  Kreises  Dilihey , Archäol.  Ztg.  31 


Dionysos  (als  Jüngling)  1134 

p.  81  ff.  Zu  letzteren  gehört  aber  schwerlich 
Anc.  marbl.  1,  7,  wo  die  Figur  in  Chitoniskos 
und  Pardalis  nach  dem  Herausg.  männlich  ist, 
was  der  Gipsabgufs  bestätigt. 

Der  Anteil  der  Malerei  an  der  Ausbildung 
des  jugendlichen  Typus  läfst  sich  nicht  be- 
stimmen; doch  werden  Aristides  ( Strabo 
p.  381)  und  Nikias  ( Blin . 35,  131)  nach  herr- 
schender Tendenz  den  Jüngling  Dionysos  dar- 
10  gestellt  haben.  Von  einem  A.  rsXsiog  (adul- 
tus),  welchem  Silen  den  Becher  darreichte,  be- 
richtet Polemon  fr.  60  (Müll.).  Auch  von  den 
Malern  des  4.  Jahrk.  läfst  sich  jedenfalls  an- 
nehmen, dafs  sie  weder  zu  völliger  Entkleidung 
noch  zu  weibischer  Ausstattung  des  Gottes- 
neigten; das  zeigen  die  Vasenbilder  dieser 
Zeit.  Aus  der  grofsen  Masse  einige  Beispiele: 
auf  dem  vorzüglichen  Vasenbild,  Gerhard,  apul. 
Vas.  15  sieht  man  auf  Panthergespann,  dem 
20  Euthymia  mit  Fackel  voraneilt,  Dionysos  in 
langem,  Unterkörper  und  linke  Schulter  be- 
deckendem Himation  dahersprengen.  Bemer- 
kenswert ist  auch  die  Kürze  des  mit  einfacher 
Binde  umschlungenen  Haares  (auf  anderen 
gleichzeitigen  Vasen  gewöhnlich  lange  Hänge- 
locken). Das  Himation  trägt  Dionysos  ferner 
Millin  peint.  d.  v.  1,5  (sitzend) ; 1 , 60  (auf 
Panther  reitend),  Hall.  Winckelmannspr.  1880 
(auf  Kline) , Mon.  delT  Inst.  6.  7 tav.  70  = 
30  Baumeister , Denlcmäl.  Fig.  491  (thronend  mit 
Scepter  in  der  erhobenen  Rechten,  besonders 
jugendlich;  an  ihn  schmiegt  sich  Ariadne). 
Nur  mit  der  Chlamys  um  Rücken  und  Arme 
erscheint  Dionysos  auf  einer  kyrenäischen  Vase 
leicht  hingeworfener,  lebendiger  Zeichnung, 
Mon.  gr.  1879  pl.  3,  im  kurzen  Haar  Epheu- 
kranz  und  breite  Stirnbinde.  In  der  symboli- 
schen Deutung  des  merkwürdigen  Dreigespanns 
(Stier,  Greif,  Panther)  verliert  sich  Heuzey 
40  a.  a.  O.  p.  57  wohl  zu  weit.  Den  leierspie- 
lenden Dionysos  zeigen  im  Himation  Mil- 
lin, peint  d.  v.  1,  53  und  Nouv.  Annal.  1 Mon. 
tav.  5 = Overbeck,  Gail.  her.  Bildw.  Taf.  4,  3, 
in  Chlamys  und  Stiefeln  eine  von  Stephani 
dem  3.  Jahrh.  zugeschriebene  Vase  C.-B.  1869 
tav.  6,  1 (vgl.  den  etrusk.  Spiegel  Arch.  Ztg. 
1859  tav.  131  und  die  Vase  Mon.  d.  Inst.  3, 
31).  Vollständige  Entblöfsung  des  Körpers  auf 
Vasenbildern  weifs  ich  nur  für  dem  Lysikrates- 
50  clenkmal  ähnliche  Situationen  zu  belegen,  wo 
das  Gewand  auf  den  Felsensitz  herabgesunken 
ist,  z.  B.  auf  einer  Vase  von  Kertsch,  C.- 
B.  1859  tav.  2 ( Gerhard , akad.  Abh.  Taf.  77), 
an  welcher  die  männlich  kräftigen  Formen  des 
Gottes  bemerkenswert  sind.  Den  gelagerten 
Gott  zeigen  mit  verhülltem  Unterkörper  auch 
spätere  Vasen  noch  häufig  genug,  z.  B.  Ger- 
hard, apul.  Vas.  tav.  1.  C.-B.  1862  tav.  5,  1. 

Über  die  chronologische  Einordnung  des 
60  Typus  eines  A.  oivwpsv og  wurde  schon  oben 
p.  1114f.  gebandelt.  Häufiger  erscheint  der 
jugendliche  Gott  in  solcher  Verfassung,  wobei 
die  leise  Andeutung  ( Xenoph . conviv.  9 , 2 : 
vnonsncoycog , Apollon.  Bh.  4,  423: 
oi'vcp  m.  vsy.za.Qi)  vorangegangen,  die  Darstel- 
lung wirklichen  Berauschtseins  erst  später  ge- 
wagt sein  wird.  Beispiele:  Die  Statue  des 
Louvre  Mus.  Kräng.  4,  part.  3,  7 = Clar.  274, 


1135 


Dionysos  (als  Jüngling) 


Dionysos  (als  Jüngling)  1136 


1609,  die  fragmentierte  Gruppe  in  Berlin 
Ganina,  Tuscul.  tav.  33.  Friederichs,  Bausteine 
nr.  624,  kleinere  Gruppe  ebendas.  Man.  dell' 
Inst.  4,  35 ; Bronzefigürcken  Annali  1846  tav. 
K.,  Thonform  des  Peiraieus,  Annali  1870  tav. 

1 ; Pariser  Relief,  Archäol.  Ztg.  1881  Taf.  14, 
neapler  Relief  M.  Borb.  3 , 40.  Friederichs 
nr.  632,  etrusk.  Bronzerelief,  Gerhard,  a.  B. 
Taf.  88,  8;  hercul.  Gemälde  31.  Borb.  10,  52. 
Nachweisungen  auf  Gemmen  bei  Müller,  Arch.  io 
§ 383,  6.  7. 

Dem  während  der  zweiten  Blüteperiode  aus- 
gebildeten Jünglingsideal  des  Dionysos  glaub- 
ten wir  noch  absprechen  zu  dürfen  1)  die  Ein- 
bürgerung des  vollkommen  nackten  Typus; 

2)  die  Einmischung  weichlicher  oder  gar  weib- 
licher Elemente,  in  der  Diadochenzeit  ist 
dann  neben  dem  mehr  oder  weniger  bekleide- 
ten offenbar  der  nackte  Typus  durchgedrun- 
gen; aber  erst  die  spätere  hellenistische  Zeit  20 
hat  der  Gestalt  des  Gottes  hin  und  wieder 
einen  weibischen  Beisatz  gegeben.  Nichts 
Weichliches  zeigen  auf  Münzen  z.  B.  die  Köpfe 
von  Herakleia  ( Gardner  13,  9),  Andros  ( Combe , 
n.  M.  Br.  8,  21),  Amisos  {ibid.  8,  26),  Knidos 
( Mionn . I).  3,  342.  233),  Rhodos  {Combe,  M. 
Hunt.  tav.  45,  9);  auf  den  ins  1.  Jahrh.  v.  Chr. 
gehörenden  Münzen  von  Maroneia  und  Thasos 
{Head,  synops.  pl.  64,  5 u.  6)  bilden  die  kräf- 
tigen Gesichtsformen  einen  Kontrast  zu  der  30 
weiberartigen  Frisur.  Nichts  Weichliches  oder 
gar  Weibisches,  sondern  eben  nur  die  zarten 
Formen  des  frühen  Jünglingsalters  (vergl.  die 
gleiche  Erscheinung  bei  Apoll)  zeigen  unter 
den  erhaltenen  Statuen : der  ganz  unbekleidete 
Dionysos  in  Neapel  M.  Borb.  11,  10  {3Iül- 
ler-Wieseler  2,  354  wo  die  Notiz  „aus  Salerno“ 
auf  Verwechselung  mit  der  ähnlichen  Statue 
31.  Borb.  14,  7 beruht),  zu  dem  zahlreiche 


nicht  mit  Friederichs,  Baust.  437  bereits  „das 
Hinüberspielen  ins  Weibliche“  zu  erkennen. 
Eher  zeigt  (nach  Photographie  zu  urteilen)  der 
Torso  des  Vatikan,  31.  Bio-Clem.  2,  29  : 
{Clar.  675,  1565)  ein  ins  Weibliche  spielen- 
des Überwuchern  der  Fettpolster.  Weniger 
hierdurch  als  durch  Weichlichkeit  der  Hal- 
tung fällt  auf  die  Madrider  Statue,  Clar. 
690  B.  1598  A.  Friederichs,  Baust,  nr.  625.  Bei 
dem  a u f A m p e 1 0 s (s.  d.)  gelehnten  Diony- 
sos, s.  ob.  S.  292.  Anc.  marbl.  3,  11  {Müller- 
Wieseler  2,  371.  Friederichs  nr.  762),  wirkt  die 


überein  die  treffliche  Wiener  Bronze  {Sachen 
Tf.  23.  24  und  danach  nebenst.  Abbildung  15), 
welche  der  Herausgeber  der  Diadochenzeit  zu- 
weist und  trotz  mangelnder  Attribute  mit 
Wahrscheinlichkeit  als  Dionysos  fafst.  Die 
Formen  sind  weich  aber  elastisch,  der  träu- 
merisch-sehnsuchtsvolle Ausdruck  zeigt  die 
Weiterentwickelung  einer  bereits  im  4.  Jahrh. 
aufgetretenen  Tendenz  (p.  1129).  Eine  zweite, 
durch  den  Epheukranz  gesicherte  Bronze  des  50 
Wiener  Kab.  a.  a.  0.  Taf.  25,  4 ist  ungemein 
schlank  und  schmalhüftig  (was  besonders  in 
Wandgemälden  wiederkehrt,  31.  Borb.  2,  52; 

8,  51  etc.),  aber  nicht  weichlich;  auf  jede  Schul- 
ter fällt  eine  lange  Locke,  der  leicht  geneigte 
Kopf  hat  einen  schwermütigen  Ausdruck. 
Während  in  solchen  und  anderen  Beispielen 
(vgl.  das  Thonrelief  Hall.  Winelcelmannsprogr. 
1882  Taf.  2,  1)  durchaus  die  natürlichen  Jüng- 
lingsformen vorliegen,  zeigt  die  völlige  Ent-  60 
blöfsung  den  neuen  Kunstgeschmack.  Der 
schöne  Torso  der  Berliner  Gruppe  {Friede- 
richs, Bausteine  624)  hat  fleischige,  Brust  aber 
durchaus  männliche  Formen.  Auch  im  berühm- 
ten farnes.  Torso,  M.  Borb.  11,  60  {Clar. 
683,  1599)  vermag  ich  wohl  mit  Winckelmann 
{Werke  5,  470  Eisei.)  „den  edlen  Verein  des 
Grofsen  mit  dem  Schönen  und  Weichen“,  aber 


40 

V.'jfl  t 

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Fig.  15. 

Dionysos,  Bronzefigur  in  Wien  (S.  1135,  41). 


ausgebogene  Hüfte  weichlich,  während  das  Feh 
len  aller  Muskulatur  als  künstlerischer  Mange 
(sehr  leblose  Behandlung  der  Oberfläche)  er 
scheint.  „Sehr  weiblich  geformt“  ist  dagegef 
nach  Müller,  Archäol.  § 383,  6 der  Vatikan 
Torso,  M.  Bio-Clem.  2,  28  (in  Doppelansicb 
bei  Müller-Wieseler  2,  nr.  351  a.  b.).  Im  all 
gemeinen  kommt  diese  Tendenz  weniger  ii 
der  Körperbildung  als  in  der  Behandlung  de: 
Kopfes  zum  Ausdruck.  Das  ausgesprochenste 
Beispiel  dieser  Art  liefert  der  Capitolin  ischt 
Kopf,  Winckelmann , m.  in.  55.  Bouillon  1 


I Ä:l 

I bi 


1137  Dionysos  (als  Jüngling) 

70,  2 (s.  nntenst.  Abbildung  10),  früher  für  Leu- 
kothea  und  Ariadne  genommen,  seit  dem  Hin- 
weis auf  die  keimenden  Stierhörner  {Meyer, 
Propyl.  2,  1.  63.  Weide  er , alcad.  Kunstmus. 
nr.  117  = Kekulc  nr.  216)  als  ein  Dionysos  in 
weibischer  Auffassung  anerkannt  (vgl.  Friede- 
ridis , Baust,  nr.  628).  Hier  ist  einmal  die 
Frisur  auffällig,  das  gescheitelte  Haar  über 
den  Ohren  zurückgestrichen  und  nach  Weiber- 
art am  Hinterkopf  in  eine  Schleife  (vergl.  io 
M.  Borb.  13,  10  und  Clar.  131,  711)  zusam- 
mengenonnnen,  eine  Binde  zweimal  um  das 
Haupt  geschlungen , die  einfache  Halslocke 
durch  eine  Menge  längerer  und  kürzerer  künst- 
licher Ringellocken  ersetzt  (vgl.  eine  ähnliche 
Umbildung  bei  Apoll  oben  p.  464:  Haarschleife 
über  der  Stirn).  Aber  auch  Wangen  und  Kinn 
haben  weibliche  Fülle  und  Rundung.  Der  Ge- 
sichtsausdruck, die  leichte  Neigung  des  Kop- 
fes, die  Bildung  der  A ugen,  welche  durch  Zu-  20 
sammenzielien  der  Lider  etwas  vom  vygbv 
des  Venusblickes  bekommen,  deuten  auf  Ge- 
danken erotischer 
Natur.  Die  Erfin- 
dung des  Werkes 
kann  nach  ange- 
deuteten Gründen 
erst  aus  der  späte- 
ren hellenistischen 
Zeit  stammen  (vgl.  30 
einen  verwandten, 
aber  we  niger  weich- 
lichen Kopf  in 
Wien,  Sacken  Taf. 
28,  4 „Ariadne“). 
Bei  männlichem 
Gesichtstypus  lie- 
fern Haarknauf 
im  Nacken  und 
zugleichHänge-  40 
locken  besonders 
Münztypen:  Head, 
synopsis  pl.  64,  5. 

6.  Gat.  of  gr.  c. 
Maced.  p.  11,  32; 
vergl.  109 , 85. 

Thessal.  pl.  24,  1. 

23, 16  (Haarnetz?) ; 
doch  auch  Reliefs , z.  B.  die  Sonnenuhr 
aus  Athen,  Berlin,  gr.  Cab.  nr.  460 A.  Die  50 
kürzlich  ausgegrabene  Statue  der  Villa  Ti- 
burtina  (s.  nebenst.  Abbild.  17  nach  Mon.delT 
Inst.  11,  51),  von  Michaelis  mit  einer  detail- 
lierten Analyse  begleitet,  Annali  1883,  136  fF., 
erinnert  in  Körperbau  und  Stellung  an  Poly- 
kletische  Typen,  liefert  aber  zugleich  ein  Bei- 
spiel dafür,  wie  die  griechische  Kunst  der 
römischen  Zeit  (nach  Michaelis’  Vermutung 
p.  150  eklektische  Richtung  der  Pasitelischen 
Schule)  an  dem  Einmischen  einzelner  weib-  60 
licher  Züge  Gefallen  fand,  deren  bemerklich- 
ster  übrigens  aus  einer  Aufserlichkeit  be- 
steht , der  Tracht  des  Haares , über  welche 
Michaelis  p.  145.  Einen  Dionysos  in  auffal- 
lend weibischer  Haltung  bietet  der  Kasseler 
Sarkophag,  Müller- Wicsder  2 nr.  965,  ein  spät 
römisches  Machwerk. 

Die  besprochene  Um-  oder  Verbildung  des 


Fig.  16. 

Kopf  im  Capitol.  Museum. 


Dionysos  (als  Jüngling)  1138 

Dionysostypus  auf  die  Einwirkung  orientalischer 
Vorstellungen  vom  Androgynismus  der  Natur- 
gottheiten zurückführen,  heifst  den  Grund  zu 
weit  suchen.  Den  ersten  Anstofs  hat  die  grie- 
chische Tragödie  mit  ihrem  jugendlichen 
Bühnengott  (obenp.  1130)  gegeben.  Dem  Ly- 
kurgos-  wie  dem  Pentheusmythus  ist  der  mit 
fremdländischem  Gefolge  aus  der  Fremde  (dem 
Orient)  kommende  junge  Gott  eigentümlich. 
Der  Erscheinung  dieses  Dionysos  etwas  Fremd- 
artiges, Orientalisches  zu  geben,  lag  nahe. 
Aischylos  scheint  sich  mit  einem  äufserlichen 
Mittel  begnügt  zu 
haben , indem  er 
in  den  Edonern 
Dionysos  mit  xgo- 
mcotÖs,  jtfMfjpqpalos, 
azQocpiov,  vielleicht 
auch  vsßQig  {Be- 
scher, Bhein.  Mus. 

1869  schlägt  für 
Ivqcc  Thesmopli. 

138  doQu  vor)  und 
einer  der  Män- 
nersitte widerspre- 
chenden Fufsbe- 
kleidung  auftreten 
liefs  (sollte 
leicht  der  oben 
p.ll32bespro- 
cheue  Typus 
hier  anknii- 
pfen?),  über- 
dies zur  Verstär- 
kung des  weichli- 
chen Eindrucks 
(yvvvig  Thesmoph. 

134)  einen  Spiegel 
hinzufügte.  Zum 
gleichen  Zwecke 
braucht  Euripides 
andere  Mittel,  die 
ans  eigene  Wesen 
des  Gottes  greifen. 

Eine  weibische 
Tracht  des  Diony- 
sos in  den  Bakchen 
{Lenormant  a.  a.  O. 
p.  628  b)  darf  man 
schwerlich  anneh- 
men , denn  eine 
solche  würde  Pen- 
theus  nicht  unge- 
rügt lassen.  Anstofs 
nimmt  er , abge- 
sehen vom  Thyrsos 
(495) , am  langen 
u.  weichen  Locken- 
haar (455.  493),  an 
der  weifsen  Hautfarbe  (457),  ov  nälrjg  vno 
sagt  Pentheus  spöttisch,  mufs  aber  zugleich  die 
Schönheit  des  Gegners  anerkennen  (453).  Die 
Eigenart  des  Eurijndeischen  Dionysos  beruht  also 
auf  dem  Fehlen  palästriscli er  Merkmale, 
wodurch  ihm  nach  hellenischer  Anschauung 
etwas  Verzärteltes  (mehr  will  auch  v.  353  &rr 
XvfiOQcpog  nicht  bedeuten)  gegeben  ist.  im 
übrigen  hat  Euripides  alles  getlian,  um  diesen 


Fig.  17. 

Dionysos  aus  Villa  Tiburtina 
(S.  1137,  51). 


; 


1139 


Dionysos  (als  Jüngling) 


Dionysos  (Bekleidung)  1140 


zarten  Jüngling  als  einen  gewaltigen  und 
furchtbaren  Gott  zu  charakterisieren.  Weiter 
zu  gehen  wagte  die  Komödie  und  fafste  den 
Gott  als  wirklichen  Weichling,  als  Schwelger 
und  Poltron  (vgl.  Aristophanes’  Frösche,  deren 
Dionysos  so  ungöttlich  ist,  dafs  Koch,  Jahns 
Jahrbb.  Suppl.  3,  101  ff.  in  ihm  den  verkapp- 
ten Demos  vermutet,  ferner  Phrynich.  Kronos 
fr.  5 Mein.  Hesycli.  s.  v.  diovvg.  Etym.  M. 
p.  277 , 3.  Heroclian.  n.  yovgQ.  As|.  p.  31).  io 
Aus  solchen  Keimen  hat  sich  jene  Auffas- 
sung des  Dionysos  entwickelt,  welche  als  eine 
hellenistische  (vgl.  oh.  p.  1119, 31)überliefert 
ist  durch  Eiodor  3,  64,  6 und  4,  4,  2 tat  ocäfiazz 
ZQveptQov  hui  navzsXcös  caz aXov)  und  welcher 
endlich  auch  die  bildende  Kunst  Rechnung 
getragen  hat.  Doch  gehen  hier  die  überkom- 
menen Beisjriele  nicht  so  weit  wie  die  spätere 
Litteratur  (Ov.  met.  4,  29.  Seneca  Oed.  420ff 
Priapeia  36 , 3.  Lucian  deor.  conc.  4.  deor.  20 
dial.  18.  Cornut.  30.  Aristid.  in  Bacch.  p.  29 
(■ Jebb ).  Arnob.  adv.  gentes  6,  12.  Firm.  Mat. 
p.  9.  Isid.  orig.  8,  1,  zu  geschweigen  der  neu- 
platon.  Spekulation  orphischer  Hymnen,  unter 
deren  Zwitterwesen  auch  Dionysos  erscheint. 
Nach  den  erhaltenen  Kunstwerken  kann  nur 
von  einem  Typus  die  Rede  sein,  welcher  die 
Energie  des  gymnastisch  ausgebildeten  Körpers 
vermissen  Iahst,  in  einer  sehr  weichen  Behand- 
lung des  Fleisches,  weichlicher  Haltung  oder  30 
weibischer  Ausstattung  sich  gefällt*).  Dafs  Dio- 
nysos jetzt  auch  in  geradezu  weiblicher  Tracht 
dargestellt  worden,  sollte  man  nach  der  schrift- 
lichen Überlieferung  vermuten  ( Seneca  a.  a.  0. 
Eustath.  zu  II.  p.  629,  40).  Aber  der  hierfür 
stets  citierte  „ Bacco  in  abito  feminile “ M.  Pio- 
Glem.  7,  2 ist  einmal  nicht  als  Dionysos  ge- 
sichert (der  epheubekränzte  Kopf  ist  nicht  zu- 
gehörig), legt  vielmehr  durch  die  ganze  Auffas- 
sung den  Gedanken  an  einen  Apollo  Kitharöd.  40 
näher  (ärmellosen  Chiton  trägt  letzterer  El. 
cer.  2,  24  und  C.-B.  für  1862  Taf.  6).  Jeden- 
falls hat  man  von  weiblichem  Gewände  zu 
sprechen  hier  nicht  mehr  Recht  als  bei  der 
Tracht  von  Kitharöden  oder  Priestern  (als 
weiblich  bekleideter  Dionysos  galt  früher  C.- 
B.  1862  Taf.  3 (—  Gerhard,  akad.  Abh.  Taf.  78), 
bis  Strube,  Bilderkreis  v.  Eleus.  S.  28  in  dieser 
Figur  den  eleusin.  Hierophanten  nachwies). 
Der  lange,  gegürtete  Chiton  ist  eben  auf  das  50 
weibliche  Geschlecht  nicht  beschränkt,  sondern 
auch  solenne  Männertracht.  Für  Dionysos  ist 
dieselbe  nachweisbar:  am  Thrasyllosmonument, 
auf  Münzen  v.  Knidos  {Kenner , St.  Flor.  4, 
15),  Andros_  { Müller- Wieseler  2 nr.  359  [beide 
Male  mit  Überschlag  oder  wahrscheinlicher 
mit  übergezogenem  Chitoniskos]) , Kibyra  {St. 
Flor.  6,  3),  Dionysopolis  {Neumann,  num.  vet. 

2 tav.  12).  Einige  Male  auch  auf  späten  Re- 
liefs: (mit  langen  Ärmeln)  Mon.  d.  Inst.  6,  60 
80.  1 = Bennd.- Schöne,  Lateran,  nr.  408.  Gail. 
Giust.  2,  122  = Matz-Buhn  nr.  2275  („mit 
völlig  weiblicher  Brust“?),  Rel,  Pamfili,  Matz- 


Buhn  nr.  2274,  Darstellungen  des  indischen 
Triumphes.  Auf  dem  pompeian.  Gemälde 
M.  Borb.  15,  32.  Zahn  3,  85  b sehen  Minervini  _ 
und  Stephani  {G.-B.  1867  p.  165)  in  der  Figur 
rechts  vom  Tropaion  einen  weiblich  kostümier- 
ten Dionysos,  0.  Jahn  (Text  zu  Zahn)  wahr- 
scheinlicher eine  Mainade. 

1 1 


III.  Übersieht  über  die  erhaltenen  Typen 
des  jugendlichen  Dionysos. 


1)  Die  Bekleidung-. 


1)  Solennes  Doppelgewand  (länger  ge- 
gürteter Chiton,  darüber  Himation  oder  Chla- 
mys)  vgl.  das  unmittelbar  Vorhergehende;  an 
der  Statue  desThrasyllosmonuments  (p.1131)  ist 
zum  Doppelgewand  auch  die  Pardalis  gefügt. 

2)  Gegürteter  Chitoniskos,  Stiefel, 
gewöhnlich  mit  Hinzufügung  der  Nebris  (Parda- 
lis)  und  der  Chlamys.  Vgl.  ob.  p.  1132  u.  1138. 

3)  Idealkostüm  des  einfachen  Hima- 
tion. Sehr  häufig:  Kyren.  Tempelstatue  {Smith- 
Porcher,  Cyr.  nr.  61),  Dionysos  Albani  {Mül- 
ler- Wieseler  2 , nr.  356)  etc. , Reliefs , geschn. 
Steine,  Vasen,  Wandgemälde,  Münzen  bis  zur 
späteren  Kaiserzeit  (Olbia  Cil.  unter  M.  Aurel, 
Kenner,  St.  Flor.  5,  11). 

4)  Nebris  und  Chlamys.  Da  beide  Ge- 
wandstücke  als  leichter  Umwurf  dienen,  so 
wirkt  ihre  Verbindung  nicht  erfreulich,  daher 
auch  die  Beispiele  selten:  Statue  Mus.  Capit. 
3,  30  {Clar.  682,  1596). 

5)  Nur  Chlamys.  Statuarisch  selten : 
Gruppe  Brocklesby  unten  (Abbildg.  p.  1142). 
Clar.  67SD,  1619  A {Michaelis,  Petworthll)  u. 
678 F,  1595 H {Matz-Buhn  399)  sind  nur  zu 
Dionysos  restauriert.  Häufiger  in  anderen 
Kunstgattungen , auf  Münzen  von  Maroneia 
{Müller- Wieseler  2,  357),  Bagae  ( Combe , num. 
31.  Br.  10,  24),  Seleucia  Pis.  {St.  Flor.  5,  3), 
Cohen,  med.  imp.  22,  333,  646  etc. 

6)  NurNeb ri s (Ziegenfell,  Pardalis).  Älte- 
stes Beispiel  die  Statue  des  Praxiteles  (oben 
p.  1127).  Unter  den  erhaltenen  Statuen  zahl- 
reiche Beispiele:  Clar.  275,  1574;  684,  1603A. 
{Michaelis  InceBl.  nr.  32),  Müller-  Wieseler  2, 
367,  oben  Abbild,  p.  1138;  Pardalis:  Mül- 
ler-  Wieseler  2,  371  und  Collect.  Greau , catal. 
d.  bronzesant.pl.  42;  Ziegenfell:  Clar.  688, 
1616  (Dresden,  Ilettner  nr.  110)  etc.  Auch  in 


8t 


Reliefs,  Clar.  161 C.  149  A.  hliillcr- Wieseler  2, 
443 f.  Vasen?  Wandgemälde?  Auf  Münzen, 


*)  Der  auf  einem  Sarkophag  Colonna  Matz-Duhn  2256 
(Auffindung  Ariadnes)  angeblich  zu  weiblichem  Porträt 
verwendete  Dionysos  kann  füglich  aus  dem  Spiele  gelas- 
sen werden.  (Spät,  sehr  zerstört). 


wie  es  scheint,  nur  spät  (Sept.  Sever.  Cohen  3, 
297,  500  Pardalis). 

7)  Der  Gott  völlig  nackt  (zuweilen  in 
Stiefeln).  Diesen  Typus,  der  oben  (p.  1135 f.) 
erst  der  Zeit  nach  Alexander  d.  Gr.  zugeschrie- 
ben wurde,  vertritt  die  Mehrzahl  der  erhalte- 
nen Statuen.  Beispiele  guter  Arbeit  oben 
p.  1135.  Die  grofse  Masse  stammt  aus  römi- 
scher Zeit.  Auf  Reliefs  seltener  {31 üller- Wie- 
seler 2,  441.  445).  Gemmen:  Gerhard , akad. 
Abhandl.  Taf.  52,  14.  Vasen  vergl.  oben  1134 
Wandgemälde?  Münzen  wohl  erst  in  römischer 
Zeit  (Nikaia  Kilb.  Combe,  num,  31.  Br.  10,  25. 
Pheneos  St.  Florian  3,  10.  Raphia  ib.  6,  17. 
Cohen,  med.  imp.  3,  297.  501). 


äeti 


MB 


I 


R8A. 


«tan 


1141  Dionysos  (stehend) 

2)  Die  Stellung. 

Stehender  Dionysos. 

Schema  I.  Der  Gott  steht  frei  auf  bei- 
den Füfsen. 

a)  Mit  rechtem  Stand-  und  linkem 
SjHelbein,  in  der  erhobenen  Linken  den 
T h y r s o s , in  der  gesenkten  Rechten  den 
Kantharos  (oder  ein  anderes  Attribut):  Nor- 
maltypus des  in  göttlicher  Würde  dargestell- 
ten Gottes.  Häufig  auf  Münzen  ( Müller - Wie- 
selet• 2,  359.  St.  Flor.  5,  11.  Iler,  der  sächs. 
Ges.  1851  Taf.  2C.  Combe  M.  Br.  10,  24  und 
25  etc.) ; so  auch  die  Erzstatue  des  Praxiteles 
zu  denken  ( Kallistr . st.  8 ciozi'jxtt  zgv  Xaiuv 
insQSLÖcov  tw  Q'vqg(o)  ; vgl.  Brunch,  anal,  2, 
446.  5.  Erhaltene  Beispiele:  oben  Abbildung 
p.  1136,  Clar.  688,  1616  (Gewand  6),  678,  1579 
(nackt),  682,  1596  (Gewand  4),  Fehule , Ter- 
racott.  2 Taf.  48,  3 (Gewand  3). 

b)  Mit  linkem  Standb ein  und  rechtem 
Spielbein,  in  der  erhobenen  Rechten 
den  Thyrsus,  den  linken  Arm  gesenkt. 

1 Beispiele  selten:  Clar.  681,  1593  (Gewand  6), 
ebenso  wohl  zu  ergänzen  Clar.  679,  1585; 
678 A.  1595B.  [Clar.  684,  1611  = Müller-  Wie- 
selet' 2,  353  hält  in  der  gesenkten  Linken  den 
Thyrsos,  und  hielt  in  der  hochgehobenen  Rech- 
ten ein  anderes  Attribut], 

c)  Beide  Arme  gesenkt,  wechselndes 
Standbein.  Beispiele  häufig:  die  schöne  Tem- 
pelstatue aus  Kyrene  (Gewand  3)  Smith- Por- 
cher  nr.  61.  Dionysos  aus  Villa  Tiburt.  oben 
Abbildg.  p.  1138,  Clar.  684,  1603  A.  ( Michael . 
Ince  Bl.  nr.  32),  Clar.  678  E.  1586  A etc. 

Schema  II.  Der  Gott  steht  nicht  mehr 
frei,  sondern  hat  den  einen  Arm  aufgestützt 
(auf  einen  Baumstamm  oder  eine  Figur  seines 
Kreises).  Hierdurch  tritt  an  Stelle  der  Würde 
des  in  sich  geschlossen  dastehenden  Götterbil- 
des der  Eindruck  zwangloser  Bequemlichkeit. 

Bist  dann  der  freie  Arm  noch  gehoben  (um  ein 
Attribut  zu  halten),  so  liegt  dann  wenigstens 
in  einem  Teil  des  Körpers  noch  eine  gewisse 
Spannung.  Auch  sie  verschwindet,  sobald  der 
freie  Arm  unbeschäftigt  abwärts  geht.  Den 
vollständigsten  Ausdruck  behaglichen  Aus- 
ruhens  bietet  endlich  das  mit  dem  Aufstützen 
des  Körpers  verbundene  Motiv  des  aufs  Haupt 
gelegten  rechten  Armes.  Je  stärker  die  Auf- 
stützung, um  so  stärker  ist  die  Ausbiegung 
der  entgegengesetzten  Hüfte.  Gerne  verbin- 
det sich  mit  diesen  Typen  des  ruhenden  Dio- 
nysos auch  das  zur  Seite  geneigte  Haupt  (Clar. 
678B.  1619C.  690B.  1600B). 

a )  Rechter  Arm  aufgestützt,  linkes 
Standbein,  Clar.  686,  1625A  (aus  Troas); 
die  Gruppe  Brocklesby  ( Michael . nr.  90  Clar. 
690,  1626  = beistehender  Abbildg.  18),  Clar. 
678  A.  1595  A ( Michael . Ince  Bl,  nr.  31). 

b)  Linker  Arm  aufgestützt,  rechtes 
Standbein  (sehr  häufig,  besonders  bei  den 
ganz  unbekleideten  Statuen):  Clar.  679,  1586 
(dem  erhobenen  rechten  Arm  hat  der  Restaur. 
eine  Traube  gegeben),  678  B.  161 9 C ( Michael . 

! Cast.  Howard  nr.  8)  272,  1609  (viel  ergänzt), 
Müller-  Wieseler  2,  367  (stützte  seinen  Arm  auf 
eine  verloren  gegangene  Figur;  den  Eindruck 


Dionysos  (stehend)  1142 

des  Ausruhens  vermehrt  die  gekreuzte  Stel- 
lung der  Beine)  Sachen,  Wien.  Br.  25,  4. 
Clar.  690  B.  1598  A (als  Stütze  dient  eine  bär- 
tige Dionysosherme,  Friederichs,  Baust.  625). 

c)  Linker  Arm  aufgestützt,  rechter 
Arm  auf  dem  Haupt  ruhend.  Die  häufige 
Wiederkehr  dieses  Schemas  in  verschiedenen 
Denkmälergattungen  läfst  auf  ein  berühmtes 
Original  schliefsen.  Auch  Apoll  ist  diese 
io  Haltung  eigentümlich  (vergl.  oben  Abbildung 
p.  460) , aber  wohl  seltener.  Es  wäre  zu 
untersuchen,  von  welchem  Gott  dieser  Typus 


p-q  Dionysos  und  Eros  (Gruppe  Brocklesby,  S.  1141,  59) 


auf  den  anderen  übergegangen;  bakchischem 
Sichgehenlassen  erscheint  er  besonders  ange- 
messen. Statuen:  in  Himation  Villa  Albani 
(Clar.  690  B.  1568  A,  Müller- Wieseler  2,  356), 
Dijon  (Bull,  de  c.  h.  1882  pl.  5 Apoll  ?),  Gruppe 
Fejervary  (Mon.  Annal.  Bxdlet.  1854  p.  81 
Taf.  13),  mit  Nebris  Clar.  275,  1574;  695, 
1568  ( Michael . Landsd.  nr.  31),  Laborde,  voy. 

60  pitt.  de  VEsp.  Taf.  59  (Friederichs , Bausteine 
nr.  627),  nackt  Clar.  227,  1571,  686,  1613  etc.; 
in  Gruppe  Clar.  694,  1633  u.  1635  (Dütschhe  5 
nr.  149)  etc.  Reliefs:  Fröhner,  M.  de  Fr.  pl. 
34,  4.  Müller- Wieseler  2,  152.  Arch.  Ztg.  34 
Taf.  10  nr.  15.  Millin , g.  m.  64 , 242  (Cip- 
pus).  Matz-Buhn  nr.  2302,  2343.  Gemmen: 
Gori , M.  Flor.  2,  88.  8.  Wandgemälde  Bar- 
toli,  rcc.  de  peint.  pl.  5 (Titusthermen).  Vasen? 


1143  Dionysos  (thronend,  liegend  etc.) 


Dionysos  (in  d.  Kunst;  Mythen) 


1144 


Münzen:  Smyrna  Streber,  num.  gr.  reg.  Bav. 
t.  4,  3. 


IV.  Darstellung  bestimmter  Mythen  und 
mythischer  Beziehungen. 


Thronender  (sitzender)  Dionysos. 

Beispiele  für  würdevolles  Thronen  liefern: 
wahrscheinlich  der  Parthenonfries  (siehe  oben 
p.  1127,  6),  Gardner  13,  4.  M.  Borb.  13,  10. 14, 
21  (=  Zahn  3,  92).  Müller-  Wieseler  2,  361. 
hi  gemessener  Haltung  sitzt  auf  Felsblock  die 
Statue  vom  Thrasyllosmonument  (vergl.  Ger- 
hard, a.  B.  82,  1.  Schöne,  gr.  Bel,  27,  110. 
Millin,  peint.  de  v.  1.  5 u.  53).  Doch  zeigt 
sich  auch  schon  auf  Münzen  des  4.  Jahrh.  das 
genrehafte  Motiv  des  auf  dem  Panther  sitzen- 
den Gottes,  Gardner  9,  6.  Genrehaft  ist  auch 
die  Auffassung  in  der  Statue  Clar.  686,  1611, 
wo-  der  Gott  unbekleidet  in  lässiger  Ruhe  auf 
einem  Block  sitzt,  neben  sich  seinen  Panther. 
In  einer  ähnlichen  Situation  mufs  der  Farne- 
sische  Torso  (Clar.  683,  1599.  Friederichs 
nr.  437)  gedacht  sein,  nur  mit  umgekehrter 
Verwendung  der  Seiten  und  erheblich  stärke- 
rer Drehung  nach  links.  Ein  spielendes  und 
nicht  erfreuliches  Bild  giebt  der  auf  einem 
Löwen  sitzende  Dionysos,  Clar.  685,  1610. 
( Matz-Duhn  nr.  358). 


A.  Zuriickführung  Hepliaists. 

Die  seit  alter  Zeit  (Fran^isvase)  beliebten  Dar- 
stellungen dieses  Mythus  kennen  nur  den  bärti- 
gen Dionysos,  selbst  da,  wo  neben  ihm  Hephaist 
jugendlich  gebildet  ist.  Vgl.  oben  pp.  1096. 
1108f.  1115.  und  die  Zusammenstellung  El.  cer. 

10  1 pl.  41 — 49;  über  den  amykläischen  Thron 
oben  p.  1101.  Ein  Gemälde  im  athenischen 
Heiligtum,  Baus.  1,  20,  3. 


B.  Tyrrhenische  Seeräuber. 

Selten  dargestellt,  in  andeutender  W eise  auf 
einer  schwarzfigur.  Vase  (bärtiger  Dion.),  in 
lebendiger  Ausführung  am  Lysikratesdenkmal. 
Oben  p.  1096  u.  1131.  Ein  Gemälde  bei  Plii- 
lostr.  imag.  1,  19. 


tte 


20 


Liegender  Dionysos. 

Für  den  auf  Maultier  gelagerten  Dionysos 
(vgl.  den  bärt.  Dionysos  p.  1103,  48)  giebt  das 
Vasenbild  Müller- Wieseler  2,  366  ein  sicheres 
Beispiel;  vergl.  auch  das  Mosaik  bei  Bartoli, 
sepolcri  t.  14.  Sehr  verschieden  ist  die  Auf- 
fassung bei  Clar.  696,  1610  A,  gewifs  nicht 
ein  „ Bacchus  ivreu,  sondern  ein  angeheiter- 
ter Satyr  (vgl.  Michael.  Marburg  Hall  nr.  11 
und  Mon.  Annal.  Bull.  1854  p.  119  tav.  40, 
p.  59  tav.  14).  Unter  den  Statuen,  welche  ehren 
auf  dem  Boden  gelagerten  Dionysos  darstellen, 
ist  Clar.  273,  1592  (Midier- Wieseler  2,  360) 
wohl  gar  nicht  hergehörig  (der  herankrie- 
chende Knabe  hat  mit  Dionysos  nichts  zu 
schaffen).  Ebenso  zweifelhaft  ist  Clar.  681, 
1594,  dagegen  wohl  anzuerkennen  683,  1604 
(Nebris  und  Panther  sind  alt)  als  ein  Dionysos 
in  später  dekorativer  Auffassung. 


C.  Einkehr  bei  einem  begnadeten  Sterblichen. 

Ein  früher  Stoff  der  bildenden  Kunst,  wie 
die  alten  Tlionbilder  bei  Paus.  1,2,6  (Am- 
phiktyon  bewirtet  Dionysos  u.  andere  Götter) 
beweisen.  Uber  die  zusammengehörige  Reihe 
der  am  ehesten  wohl  auf  den  Besuch  bei 
Ikarios  bezogenen  heilenist.  Reliefs  vergl. 
oben  p.  1115  f.  Der  Gott  ist  hier  stets  bärtig. 
Beispiel  für  die  Einkehr  eines  jugendli- 
30  che n Dionysos  (Gewand  2)  ist  ein  Pariser 
Relief  Arch,  Ztg.  1881  Taf.  14.  Der  Begna- 
dete hat  rasierten  Portraitkopf.  Der  Reliefstil 
folgt  der  vorhellenist.  Weise,  die  Erfindung 
hat  schwerlich  (wie  Denelcen  will , Arch.  Ztg. 
1881  p.  275)  vor  den  Ikariosreliefs  die  Priorität. 
Letztere  haben  mehr  innere  Einheit  der  Kom- 
position, das  Pariser  Relief  dagegen  kontami- 
niert das  sogen.  Totenmahl  und  die  Einkehr 
des  Dionysos  (letztere  unter  Entlehnung  eines 
40  vom  bärtigen  Dionysos  stammenden  Typus 
(vgl.  oben  1115,  20). 


Dionysos  ln  Gruppen. 

Das  beliebteste,  vom  bärtigen  Dionysos  (vgl. 
p.  1103,  48)  entlehnte  Motiv  ist  der  von 
einem  Begleiter  um  den  Leib  gefafste  und  ge- 
stützte Gott.  Vortrefflich  ist  die  Gruppe  Fejer- 
vari  (Mon.  Ann.  Bull.  1854  p.  81  tav.  13):  zu 
dem  in  stolzer  Ruhe  ausschauenden  Gott  blickt 
Silen  begeistert  .empor,  indem  er  seine  Hüften 
umfafst  hält.  Ähnlich  die  Kolossalgruppe  in 
Parma  (Bianchini , del  pal.  de'  Cesari  tav.  19. 
Hütschlce  5 nr.  956).  Vergl.  Clar.  274,  1569 
(Dionysos  u.  Papposilen).  Dionysos  auf  jugend- 
lichen Satyr  gestützt:  Clar.  694,  1633.  1635. 
691 , 1627  etc.  Dionysos  und  Eros  (oben 
p.  1142;  vgl.  Clar.  691,  1627).  Dionysos  und 
Ariadne  (Bakchantin) : Clar.  697,  1634  (Mi- 
chael. Marb.  Hall.  nr.  8).  Keimte,  Terracott. 
2,  48.  1.  Gruppen  zu  drei  Figuren  vgl.  oben 
p.  1135,  lff.  unter  A.  olv oipevog.  Uber  Diony- 
sos, Methe  u.  Satyr  von  Praxiteles  (Plin.  34, 
69)  vgl  Overbeck,  Schriftquellen  nr.  1203. 


D.  Gigantomachie. 

In  dieser  besonders  auf  Vasen  beliebten 
Darstellung  ist  vor  der  hellenistischen  Zeit  nur 
der  bärtige  Gott  üblich.  Vasen  oben  p.  1096, 
1099,  1106,  Delph.  Metope  1104.  Jugendlich 
gebildet  war  Dionysos  aller  Wahrscheinlich- 
keit nach  in  dem  von  Attalos  I.  nach  Athen 
50  gestifteten  Weihgeschenk  (Paus.  1,  25,  2.  Flut. 
Anton.  60).  Jugendlich  erscheint  er  am  per- 
gamen.  Altarfries  (Ergehn.  I p.  53  E,  Gewand 
2),  auf  der  Vase  v.  Miio  (Mon.  gr.  1875  pl.  1.  2 
= Hell.  Stud.  1882  p.  16  Gewand  5) ; hierher 
ziehe  ich  endlich  auch  das  oft  besprochene 
Vasenbild  Minervini,  mon.  ant.  ined.  1,  21. 
22,  wofür  die  Begründung  demnächst  an  einem 
andern  Ort.  — Litteratur:  Stephani,  C.-B. 
1867  p.  16811’.  p.  182  ff.  O.  Jahn,  Annali  1869, 
60  1 76ff.  Overbeck,  Zeus  p.  339ff.  Heydemann, 
Winclcelmannsprogr.  1881  p.  11  ff. 

In  den  Darstellungen  der  folgenden  Sagen- 
stoffe (E— H)  erscheint  der  Gott  ausschliefslich 
in  jugendlicher  Bildung  (vgl.  oben  1130 f.). 


E.  Lykurgos. 

Ein  Gemälde  im  athenischen  Heiligtum, 
Paus.  1 , 20,  3.  Unter  den  erhaltenen  Denk- 


1145  Dionysos  (in  d.  Kunst;  Mythen) 

malern  zeigen  den  Gott  thätig  eingreifend  oder 
als  beteiligten  Zuschauer  ein  neapler  Mosaik 
(Gerhard,  Neapels  ant.  Bildw.  p.  143),  ein  Re- 
lief in  Frascati  (Matz-Duhn  nr.  2269.  Müller- 
Wieseler  2 , 441).  Hierher  gehört  auch  die 
Vase  v.  Canosa  (Zoega,  Äbli.  1,3),  auf  wel- 
cher die  Figur  links  von  Lykurgos  nicht  eine 
Mainade  ( RWc/cer),  sondern  Dionysos  selbst  ist 
(Gewand  2).  Auf  der  Vase  Müller -Wiesel  er  2, 
442  bildet  er  mit  seinem  Thiasos  das  ruhige 
Gegenbild  der  Rückseite  zu  der  Raserei  des 
Lykurgos  auf  der  Vorderseite.  In  der  Mehr- 
zahl der  hergehörenden  Darstellungen  ( Wel- 
cher, a.  D.  2,  94—112.  Stephani,  C.-R.  1867 
p.  184.  Heydemann , Arch.  Ztg.  1872  p.  67) 
ist  der  Gott  gar  nicht  gegenwärtig.  Fremd 
ist  die  von  Lenormant  hielierbezogene  Gemme 
Müller-  Wieseler  2,  452. 

F.  Pentheus. 

Ein  Gemälde  im  athen.  Heiligtum  (Paus.  1, 
20,  3)  und  bei  Philostr.  1 , 18.  Iu  letzterem 
war  der  Gott  gegenwärtig  und  stachelte  die 

(Weiber  zur  Wut  an.  Gegenwärtig  war  er  wohl 
auch  in  dem  rechts  fragmentierten  Sarkophag 
Matz-Duhn  2266.  Müller-  Wieseler  2,  437.  Auf 
dem  Vasenbild  ibid.  nr.  436  bildet  er  das 
; ruhige  Gegenstück  der  Rückseite , Münch. 

I nr.  807  fehlt  er  ganz.  Vgl.  Welcher  zu  Phi- 
lostr. a a.  0.  0.  Jahn,  Penth.  u.  die  Maina- 
den  1841.  Stephani,  C.-R.  1867  p.  183f.  Dil- 
they  in  der  Arch.  Ztg.  31  p.  78  ff.  (bes.  p.  79, 
Anm.  5). 

G.  Proitiden. 

Darstellungen  dieser  Sage  selten,  Müller- 
Wieselcr  1 nr.  11  (Vase).  Chabouillet , cab. 
Foidd  nr.  394  (Gemme). 

H.  Besiegung  des  Orients.  Indischer  Triumph. 
Auf  Heereszügen  in  barbar.  G egen- 
i!  den  (vgl.  Eurip.  Bacch,  13ff.)  ist  der  jugend- 
i.  liehe  Gott  in  einigen  Reliefs  dargestellt,  ohne 
dafs  die  Gegner  speziell  als  Inder  charakteri- 
1 siert  wären,  z.  B.  Müller-Wieseler  2,  444  (Ge- 
wand 6).  [Der  ebendas,  nr.  447  angeblich  darge- 
i stellte  baktrische  Triumph  des  bärtigen  Dio 
> nysos  ist  oben  p.  1110,30  aus  dem  bakchischen 
Kreise  ganz  gestrichen  worden.]  Barbaren  u. 
i Amazonen  als  Gegner  des  Gottes:  Müller-  Wie- 
\ seler  2,  443.  Seit  den  Kriegszügen  Alexanders 
d.  Gr.  liebte  man  es  als  Prototyp  des  jugend- 
lichen Königs  den  jugendlichen  Gott  darzu- 
stellen im  Kampf  gegen  die  Inder  (Clar.  126, 
108?)  und  besonders  im  indischen  Triumph 
(vergl.  oben  p.  1119  und  Welcher,  Götterl.  2, 
624ff  Preller,  Griech.  Myth.  I3,  579f).  Dem 
Beispiel  der  hellenistischen  Herrscher  (über 
die  grofse  Prozession  des  Ptolem.  Philad.  zu 
Alexandria  Kallixen.  b.  Athen,  p.  200)  folgten 
; die  römischen  Feldherren  (Preller,  röm.  Myth, 
23  p.  368)  und  die  Kaiser.  Daher  die  auf  röm. 
Sarkophagen  bis  in  spätere  Zeit  so  beliebte 
Darstellung  dieses  Gegenstandes,  für  welche 
Stephani,  C.-R.  1867  p.  164  viele  Beispiele  bei- 
bringt. Charakteristikum  ist  die  Verwendung 
von  Elefanten  (Diod.  3,  65,  8;  vergl.  auch 
Athen,  a.  a.  0.),  für  den  Typus  des  Gottes 


Dionysos  (in  d.  Kunst;  Mythen)  1146 

aber  bringen  diese  Darstellungen  nichts  Neues; 
bald  erscheint  er  im  solennen  Chiton  poderes 
(vgl.  oben  p.  1139),  bald  im  blofsen  Himation 
(M.  Pio-Cl.  1, 33.  Clar.  144,  109),  bald  nur  mit 
der  Nebris,  Mülin,  g.  m.  61,  237.  Zoega,  Bas- 
siril.  1,  7. 

I.  Dionysos  u.  Semele. 

Am  Bathron  des  amykläischen  Thrones 
waren  Dionysos  und  Semele  stehend  und  neben 
letzterer  Ino  dargestellt,  Paus.  3,  19,  4.  Die 
Heraufholung  Semeles  aus  der  Unterwelt  ist 
auf  älteren  Bildwerken  nicht  nachzuweisen,  da 
die  Deutung  der  beiden  durch  Inschrift  als 
Dionysos  und  Semele  gesicherten  Köpfe  der 
schwarzfigur.  Vase  bei  Gerhard,  ah.  Abh.  Tf.  68 
auf  die  Anodos  von  Strube,  Bilderhr.  v.  Eleu- 
sis  p.  69  als  nicht  stichhaltig  erwiesen  wor- 
den. Jedenfalls  aber  weist  dies  Bild  den  ähn- 
lichen, von  Gerhard  auf  eine  Epiphanie  des 
Dionysos  u.  der  Kore  gedeuteten  Darstellun- 
gen (ah.  Abh,  Taf.  68,  3)  ihre  richtige  Stelle 
an.  Auf  der  archaischen  Hydria  Gerhard,  etr. 
u.  camp.  Vas.  4,  5 tritt  zu  dem  auf  Wagen 
stehenden  Dionysos  eine  Frau,  nach  der  undeut- 
lichen Inschrift  Semele.  An  die  Einführung  in 
den  Olymp  zu  denken  fehlt  der  Anhalt.  Im 
alexandrin.- römischen  Zeitalter  waren  die  Be- 
ziehungen des  ( j u g e n d 1 i c h gefafsten)  Dionysos 
zu  seiner  wiedergewonnenen  Mutter  ein  belieb- 
tes Thema  der  Kunst.  So  war  die  Herauf- 
führung dargestellt  unter  den  Säulenreliefs  am 
Tempel  der  Apollonis  zu  Kyzikos,  Anthol.  Pal. 
3,  1 (in  feierlicher  Prozession  Hermes,  Diony- 
sos, Semele  und  Thiasos).  Vielleicht  dasselbe 
meint  das  Vasenbild  Welcher,  a.  D.  3,  13 
(vgl.  Jahn,  Vasenbilder  p.  16  A.  12  u.  Münchener 
Vasenhatal.  Einleit.  p.  205).  Der  Gerhardsche 
Spiegel  (Etr.  Spiegel  1,  83  = Müller-Wiese- 
ler 2,  308)  zeigt  Mutter  und  Sohn  in  zärt- 
licher Umarmung  stehend;  Apolls  Anwesenheit 
deutet  auf  das  Delphische  Heroisfest  nach 
Müller , Arch.  § 384,  5.  Dieselbe  Darstellung 
hat  Wieseler  in  einer  Berliner  Pasta  erkannt, 
Müller-  Wieseler  2 , 430.  Eine  etwas  abwei- 
chende Ausdrucksform  derselben  Vorstellung 
giebt  die  Vase  Millin,  g.  m.  60,  233  (Se- 
mele sitzt,  im  Schofs  den  jugendlichen  Sohn). 
Iu  den  angeführten  Beispielen  ist  das  Verhält- 
nis von  Mutter  und  Sohn  in  der  kleineren, 
knabenhaften  Bildung  des  Dionysos  deutlich 
bezeichnet.  Dies  vermifst  man  bei  einem  im 
übrigen  dem  obigen  Vasenbild  verwandten 
Münztypus  von  Smyrna  (Streber,  num,  gr.  reg. 
Bav.  Taf.  4,  3),  doch  wird  man  hier  mit  dem 
Herausgeber  Dionysos  und  Semele  anerkennen 
dürfen.  Zweifelhaft  wird  aber  die  Sache  beim 
Cameo  Müller-  Wieseler  2,  431,  einer  allem  An- 
schein nach  erotischen  Scene.  Und  Semele 
unter  Umständen  nicht  als  Mutter,  sondern  als 
Geliebte  oder  Gattin  des  Dionysos  zu  fassen, 
wie  Gerhard,  ah.  Abh.  2,  208  A.  106  u.  an- 
dere nach  ihm  wollen,  liegt  durchaus  kein 
Anlafs  vor  (vgl.  Welcher,  Götterl.  2,  594,  65). 
Daher  ist  hier  wohl  die  Übertragung  eines 
für  Dionysos  und  Semele  erfundenen  Motivs 
auf  Dionysos  und  Ariadne  anzunehmen.  Semele 
als  teilnehmende  Zuschauerin  bei  einer  Liebes- 


1147  Dionysos  (i.  d.  Kunst;  Mythen) 


Dionysos  (i.  d.  Kunst;  Mythen) 


1148 


scene:  Archäol.  Ztg.  1859  Taf.  131 , und  wohl 
auch  als  vvgcpsvTQict  im  Hochzeitszug:  Müller - 
Wiesel  er  2,  422  u.  M.  Pio-Cl.  4,  24. 

K.  Ariadne. 

Abgesehen  von  einigen  unerklärten  Vasen- 
bildern, welche  Dionysos  als  Verfolger 
einer  Frau  (Jalm,  Beiträge  p.  33,  77.  C.-B. 
1881  Taf.  1 , 5)  zeigen , deren  Benennung  als 
Ariadne  fraglich  ist,  abgesehen  andererseits  von  io 
den  seltenen  Fällen,  wo  das  vom  Gott  ausge- 
zeichnete Weib  inschriftlich  anders  benannt 
ist  (wie  Müller- Wieseler  2,  584  in  sehr  klarer 
Allegorie  Eirene),  ist  die  Geliebte  und  Gattin 
des  Dionysos  A riacl ne.  Dieser  alten  Vorstel- 
lung ( Hesioä  Tlieog.  984)  folgt  die  Kunst  seit 
alter  Zeit.  Welcher s Vermutung  in  Bezug  auf 
den  Kypseloskasten  ( Götterl . 2,  594)  ist  zwar 
sehr  gewagt,  aber  nicht  zu  beanstandende  Bei- 
spiele liefern  die  Vasen  vom  schwarzfigurigen  20 
Stil  beginnend:  Benndorf,  griechische  u.  sicil. 
Vasen  53.  Mon.  dell'  Inst.  10,  '8.  Gerhard, 
a.  V.  4,  246,  2.  Etr.  u.  camp.  Vas.  6,  7 
(Theseus,  Athena,  Dionysos,  Ariadne),  Mül- 
ler-Wieseler  1,  210b.  Mon.  d.  Inst.  5,  35.  Pa- 
noflca , Dion.  u.  TTvyiad.  3,  12.  Müller-  Wiese- 
ler  2,  582.  Annali  1878  tav.  H. , endlich  der 
münchener  Sarkophag  (Brunn,  Glypt.  nr.  100. 
Müller- Wieseler  2,  422,  neu  abgebildet  Bau- 
meister, D.  Fig.  491),  mit  Hochzeitszug  und  nach  30 
Weise  der  älteren  dekorativen  Kunst  bärtig 
dargestelltem  Dionysos.  Ungleich  häufiger 
wird  in  der  späteren  Zeit  der  jugendliche 
Dionysos  mit  Ariadne  verbunden:  1)  die  Auf- 
findung der  schlafenden  Ariadne,  in 
zahllosen  Beispielen  variiert,  wird  wegen  der 
sinnlich  reizenden  und  sentimentalen  Motive 
von  Jahn,  Beitr.  p.  298  f.  erst  der  alexandrin. 
Zeit  zugewiesen,  Litteratur  oben  p.  545.  In 
einem  hübschen  Bronzerelief  bei  Sachen  Taf.  40 
48,  6 trägt  Dionysos  e.  schleierartig  über  den 
Hinterkopf  gezogene  Chlamys  u.  Fackel;  ge-’ 
nau  entspricht  der  Cameo  Müller- Wieseler  2, 
419.  Im  Gemälde  des  athen.  Heiligtums  (Paus. 

1,  20,  3)  ist  der  jugendl.  Gott  vorauszusetzen; 
der  bärtige  ist  für  diesen  Vorwurf  nur  ein 
einziges  Mal  benutzt,  in  einem  Vasenbilde 
etrusk.  Technik,  Mon.  d.  Inst.  10,  51.  2)  Der 

Hochzeitszug  des  Paares  ist  ein  fast  gleich- 
beliebter Stoff;  vergl.  unter  Ariadne  p.  546.  50 
Falsch  zieht  hierher  eine  Münze  des  Commo- 
dus  Cohen,  med.  imp.  22,  333,  646,  wo  die  Fi- 
gur neben  Dionysos  nicht  „Ariadne“,  son- 
dern ein  Satyr  ist.  In  dem  Relief  M.  Pio-Cl. 

4 , 24  erscheint  der  Gott  auffallend  knaben- 
haft im  Schofs  Ariadnes  und  das  Motiv  als 
eine  ungeschickte  Entlehnung.  3)  Liebe s- 
gruppe.  Diesen  so  recht  für  den  hellenisti- 
schen Geschmack  gemachten  Vorwurf  beuten 
die  erhaltenen  Denkmäler  mit  auffallender  Zu-  60 
riickhaltung  aus:  in  dem  Vasenbild  Müller- 
Wieseler  2,  424  deutet  nur  der  herbeifliegende 
Eros  auf  die  erotische  Beziehung  des  sitzen- 
den Paares.  Eine  stimmungsvolle  Gruppe  giebt 
die  schöne  Vase  Mon.  d.  Inst.  6 u.  7 Taf.  70 
(Baumeister,  Denlcm.  Fig.  491).  Das  Goldrelief 
Arch.  Zeitg.  1884  p.  93  zeigt  beide  behaglich 
nebeneinander  sitzend , ähnlich  Müller-  Wiese- 


ler 2,  426  u.  432  a ( Matz-Duhn  nr.  2344).  Die 
Frau  wird  hier  wegen  des  Tympanon  von  einigen 
für  Kybele  erklärt).  In  Umarmung  hinschrei- 
tend auf  der  Vase  M.  Borb.  13,  15  und  in  der 
statuar.  Gruppe  Clar.  694,  1634  (Michaelis, 
Marburg  Hall  nr.  8).  In  lebhaften  Farben  sinn- 
lichen Reizes  ist  die  Liebesgruppe  geschildert 
nach  einer  mimischen  Darstellung  bei  (Kenoph. 
conviv.  9 und  bei  Apollon.  Argon.  4,  423  [auf 
seinem  Purpurpeplos  ruht  Dionysos  weinselig 
(dnQOxcihä,  oi'vcg  xod  vsmoigi.)  und  schlingt  den 
Arm  um  den  Leib  der  schönen  Minostochter], 
zu  solcher  üppigen  Auffassung  scheinen  aber 
bildliche  Belege  zu  fehlen,  man  vergl.  allen- 
falls das  Relief  bei  Pistolesi,  Vat.  descr.  5,  39 
(Friederichs,  Bausteine  633),  das  übrigens  aus 
einer  Darstellung  des  Hochzeitszuges  zu  stam- 
men scheint,  und  Clar.  138,  155  (Dionysos  u. 
Ai’iadne  auf  Wagen  in  bakchischem  Zug). 

L.  Dionysos  und  Kora? 

Unter  allen  zu  Dionysos  in  Bezug  treten- 
den Figuren  ist  am  schemenhaftesten  Kore. 
Eine  Annäherung  des  Dionysos  an  die  cerea- 
lischen  Gottheiten  lag  freilich  nahe  genug  und 
sie  hat  stattgefunden , wie  der  eleusinische 
Knabe  Iakchos  und  der  orphische  Zagreus 
beweisen.  Von  hier  aus  kommt  man  aber  nur 
zu  einem  mütterlichen  Verhältnis  Kores 
oder  Demeters  zu  Dionysos.  Ein  bräutliches 
oder  eheliches  zu  Kore  aufzustellen  blieb  der 
neueren  Forschung,  besonders  Gerhard  Vor- 
behalten (über  die  Anthesterien ; Bilderlcreis 
von  Eleusis).  Das  Mifsliche  seiner  ganzen 
Hypothese  begann  Gerhard  selbst  im  Verlaufe  « 
seiner  Untersuchungen  zu  fühlen  (Akad.  Abh.  \ 
2,  183);  ihre  Unhaltbarkeit  ist  aus  den  Bild-  1 
werken  gut  erwiesen  von  Strube,  Bilderkreis  J 
von  Eleus.  p.  64  ff.  Die  an  den  Anthesterien  | 
dem  Dionysos  vermählte  ßaothvv a ist  nicht 
Stellvertreterin  Kores  (Böttiger,  0.  Müller,  j 
Gerhard ),  wohl  auch  nicht  Ariadnes  (Thier sch,  I 
Strube),  sondern  des  athenischen  Volkes  (Prel- 
ler, gr.  Mythol.  I3,  554.  Mommsen,  Ileortolog. 
359  A.  3),  die  auf  den  Denkmälern  mit  Dio- 
nysos verbundene  Frau  (abgesehen  von  Mai- 
naden  und  bakchischen  Personifikationen,  Mül- 
ler, Arch.  § 388,  5)  entweder  Semele  (oben  J) 
oder  Ariadne  (oben  K). 

In  dem  aus  Anfang  des  5.  Jahrh.  stammen- 
den röm.  Kulte  Cereris  Liberi  Liberaeque  wur- 
den allerdings  die  altitalischen  Vorstellungen 
von  Liber  und  Libera  den  griechischen  von  Dio- 
nysos und  Kore  gleichgesetzt,  aber  die  von 
den  Hellenen  dem  Gott  allgemein  gesellte  Ge- 
nossin war  doch  so  mächtig,  dafs  selbst  die 
röm.  Libera  von  Ovid  fast.  3,  512;  met.  8,  170 
für  Ariadne  genommen  wird,  was  bei  der  grie- 
chisch. Benennung  von  Doppelköpfen  wie  Mül- 
ler-Wieseler  2,  428  u.  Pistolesi,  Vat.  descr.  6, 
104  zu  berücksichtigen  ist. 

Auf  einem  Relief  des  eleusin.  Kreises  (Mül- 
ler-Wieseler  2,  117.  Overbeck,  Atl.  Taf.  16) 
sieht  man  an  die  Schulter  Demeters  gelehnt 
einen  Jüngling  von  Dionysischem  Habitus, 
doch  ist  hier  entweder  der  eleusin.  Iakchos 
unter  Benutzung  des  gewöhnlicken  Dionysos- 
typus dargestellt  oder  mit  Overbeck,  Demet. 


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1149  Dionysos  (Stierbakchos) 

u.  Kora  p.  550  und  572  zu  erklären.  Wo 
einmal  ein  echter  Dionysos  im  eleusinischen 
Bilderkreise  erscheint,  wie  (7.-2?.  1859  Taf.  2 
(Gerhard,  ah.  Abh.  Taf.  77),  spricht  die  Art, 
wie  er  abseits  von  der  Hauptgruppe  angebracht 
ist,  deutlich  genug. 

Eine  offenbar  cerealisch  gefafste  Frau  in 
enger  Verbindung  mit  Dionysos  zeigen  erst 
spätere  und  zudem  vereinzelte  Darstellungen, 
der  Cameo  Carpegna  Müller-  Wieseler  1 , 116,  i 
eine  Homonoienmiinze  von  Kyzikos  u.  Smyrna 
ibid.  nr.  115  u.  dergl. , worin  der  Bund  der 
guten  Gaben  Brod  u.  Wein  und  nicht  mehr  zu 
sehen  sein  wird. 

M.  Dionysos  als  Horenfiilirer 
ist  eine  alte  Vorstellung  (Framjoisvase;  vei’gl. 
auch  Pliilochor.  fr.  18  u.  das  archaist.  Relief  ob. 
p.  1120,  59),  Dionysos  unter  den  Genien 
der  4 Jahreszeiten  ein  beliebter  Gegenstand  2 
röm.  Sarkophage,  Müller-  Wieseler  2, 965.  Matz- 
Duhn  nr.  2355  etc.;  vgl.  auch  das  Mosaik  von 
Lambese,  Gas.  Arch.  1879  pl.  22. 

N.  Mystisches. 

Dafs  sich  an  Dionysos  ein  mystischer  Kult 
angeschlossen,  ist  ebenso  sicher,  wie  anderer- 
seits unwahrscheinlich , dafs  von  diesen  vor 
profanen  Blicken  gehüteten  ( Theocr . Id.  26,  14) 
Dingen  der  überkommene  Denkmälervorrat  viel  3 
verraten  werde.  Der  schrankenlosen  Mysterien- 
theorie früherer  Zeiten  ist  seit  0.  Jahns  (Ein- 
leitung zur  Vasens.  p.  137)  und  anderer  Ein- 
sprache eine  nüchternere  Betrachtungsweise 
gefolgt.  Wir  gehen  auf  dieses  Thema  nicht 
weiter  ein  und  bemerken  nur  soviel:  Eine 
kleine  Gruppe  von  Bildwerken  (bes.  Reliefs) 
stellt  offenbar  die  Einweihungsbräuche  eines 
mystischen  Kultes  dar,  wie  man  meinte,  der 
! bakchischen  Mysterien  (vgl.  Wieseler  im  Text  4 
«I  zu  den  Denhm.  2 nr.  606  f.).  Aber  eine  1879 
entdeckte  Marmorvase  und  die  Zusammenstel- 
lung aller  verwandten  Monumente  durch  Ersi- 
' ! lia  Lovatelli  im  Bull,  della  comrn.  arcli.  di 
<!  Roma  7 p.  5 ff.  beweist  schlagend,  dafs  diese 
' Darstellungen  dem  eleusinischen  Kult  ent- 
i|  stammen.  Baumeister , Denhm  s.  v.  Bacchus 
hat  dies  aufser  acht  gelassen. 

V.  Sonderbildungen  des  Dionysos.  5 

A.  „Stierbakchos". 

Nach  der  schriftlichen  Überlieferung  war 
einigen  Lokalkulten,  offenbar  als  Vermächtnis 
alter  Zeit,  die  Vorstellung  des  Dionysos  unter 
dem  Symbol  des  Stieres  eigentümlich;  doch  er- 
fährt man  nicht,  wie  weit  dieser  Vorstellung 
Ausdruck  gegeben  worden.  Zu  Argos  hiefs 
der  Gott  ßovysvrj g,  in  der  Anrufung  der  elei-  & 
j sehen  Frauen  ist  er  geradezu  als  Stier  gedacht 
' (Schömann,  gr.  Altertli.  23  p.  500),  ob  auch  in 
dem  Idol  zu  Kyzikos  Athen,  p.  476a,  ist  nicht 
| sicher,  wenn  auch  wahrscheinlich,  da  bei  Athe- 
naios  ravQÖgoQcpog  eine  Steigerung  zu  dem  vor- 
hergehenden KSQcczocpvri  zu  bilden  scheint.  [Dafs 
in  Campanien  d.  " Hßcov  (Macroh.  sat.  1, 18,  10) 
Istierleibig  dargestellt  worden,  ist  eine  unricli- 


Dionysos  (Stierbakchos)  1150 

tige  Annahme  auf  Grund  falsch  erklärter  Münz- 
typen]. Die  Dichter  geben  nur  für  die  Dar- 
stellung mit  Stierhörnern  Anhalt:  Soph. 
frgm.  871  Nauck:  6 ßovnsQ(og  "iccn^og,  Eurip. 
Bacch.  99:  ravQoyiSQcov  &sov  (ibid.  v.  1017  u. 
920  ff.  beruhen  auf  der  Vorstellung  des  d.  <xX- 
XoiogoQtpog),  vgl.  auch  den  Sophisten  Stesim- 
brotos  bei  Tsetzes  zu  Lyc.  209.  Es  ist  mög- 
lich, dafs  dieser  Vorstellungskreis  auf  altthra- 
0 kisehen  Einflufs  zurückgeht;  vgl.  Diod.  4,  4,  1 
u.  ob.  p.  1112,  lOff.  Jedenfalls  ist  er  in  den  bil- 
denden Künsten  früh  zurückgetreten,  da  aus 
älterer  Zeit  Beispiele  für  Stierbildung  oder 
auch  nur  für  Stierhörner  fehlen.  Die  alte 
Streitfrage,  ob  auf  den  Münzen  mehrerer  Städte 
der  Stier  mit  Menschenkopf  (bisweilen  auch 
Mensch  mit  Stierkopf  — Metapont)  auf  Diony- 
sos gedeutet  werden  dürfe  (die  Litteratur  bei 
Sachen,  ant.  Br.  des  Wien  Cab.  p.  59 ff. , der 
0 sich  bald  für  Dionysos,  bald  fiirFlufsgötter  (s.d.) 
entscheidet,  ähnlich  Gardner  the  types  of  gr. 
c.  p.  88 f.  und  Rapp,  Bez.  des  Dionysoskults 
p.  18  u.  23),  führt  zu  einem  negativen  Resul- 
tat. Anders  steht  es  mit  der  anthropomorphi- 
schen  Bildung  unter  Beigabe  von  Stierhörnern. 
Ist  dann  das  Tierische  auch  noch  durch  rohen 
Gesichtsausdruck  und  Stierohren  verstärkt 
(Retterin  rec.  de  med.  1,  13,  9 Thyreion,  ibid. 
nr.  16  u.  17  Oiniadai.  Sacken  a.  a.  0.  26,  6. 
0 29,  14.  Müller- Wieseler  1,  303.  2,  379),  so  ist 
die  Deutung  auf  Dionysos  gewifs  abzulehnen, 
hingegen  ein  Stierbakchos  anzuerkennen  bei 
idealer  Gesichtsbildung  (Stierohren  dann  mei- 
nes Wissens  auf  Doppelköpfe  des  Dionysos 
und  Ammon  beschränkt,  Pistolesi,  Vat.  elescr. 
6,  103.  Berliner  Heroensaal  nr.  13  u.  14)*)  und 
genügenden  Hinweisen  auf  den  bakchischen 
Kreis.  Nur  sind  derartige  Beispiele  verhältnis- 
mäfsig  späten  Datums.  Wieseler  bringt  zwar 
0 Denhm.  2,  378  nach  Peilerin  eine  oft  citierte 
theb.  Silbermünze  besten  Stils  bei,  aber  dieselbe 
zeigt  so  auffallende  Übereinstimmung  mit  der 
bekannten  Reihe  thebanischer  Münztypen  (oben 
p.  1105),  dafs  man  das  Horn  in  der  Abbildung 
Pellerins  nur  für  ein  verkanntes  (weil  schlecht 
erhaltenes)  Eplieublatt  (resp.  Ranke)  erklären 
kann.  Sicher  ist  aber  die  altertümliche  und 
verschollene  Bildung  des  Gottes  unter  den 
Diodochen  zu  neuem  Leben  erwacht.  Das 
0 bezeugen  zahlreiche  Münztypen , welche  die 
hellenistischen  Herrscher  (nach  Alexanders 
Vorgang)  unter  dem  Bilde  des  jugendlichen 
stierhörnigen  Gottes  verherrlichen,  z.  B.  Clar. 
1035,  3038  (Seleukos  I),  Gardner  12,  19  (De- 
metr.  Poliork.)  und  Text  p.  196.  Zu  diesem 
in  hellenistischer  Zeit  auftretenden  neuen  (er- 
neuerten) Bildungsprinzip  stimmt  aufs  beste 
die  von  Benndorf -Schöne  gemachte  Beobach- 
tung, dafs  der  gehörnte  Dionysoskopf  des 
» Lateran  (nr.  236)  den  Gesichtstypus  der  Ly- 
sippischen  Schule  zeige  (über  verwandte 
Köpfe  vergl.  oben  p.  1131).  Hieran  schliefst 
sich  der  noch  jüngere  Kopf  des  Capitols, 
s.  oben  p.  1137  Fig.  16.  Auch  in  dem  Ge- 

*)  Der  Kopf  mit  „Ziegenohren11  Coli.  Greau,  br.  ant. 
nr.  167  ist  schwerlich  Bakchos  ( Fröhner ).  Vergl.  Bar - 
toli,  sepolcri  tav.  24. 


1151  Dionysos  (mit  Widderhörnern?) 


Dionysos  (geflügelt  etc.)  1152 


mälde  hei  Philo.str.  1 , 15  (Überraschung  der 
schlafenden  Ariadne),  hat  der  Gott  nsQug  vitsv.- 
epvopsvov  r.  XQOTctcpcov  und  als  Streiter  gegen 
die  Inder  bei  Lucian  Bacch.  2 ist  er  KSQctacpoQog. 
In  die  Vasenbilder  ist  dieser  Typus  kaum  einge- 
drungen. Zwar  spricht  Gerhard,  a.  I).  zu  Taf.  59 
von  kleinen  Hörnern  hinter  der  Binde  des  Got- 
tes, doch  düifte  eine  Prüfung  des  Originals 
wohl  Epheublätter  ergeben  (die  angebliche 
Dionysosherme  mit  Hörnern  auf  dem  Vasenbild 
bei  Gerhard,  alc.  Ahh.  Taf.  67,  2 wurde  oben 
p.  1122,  46  als  ein  Hermes  mit  Petasos  erkannt). 
Die  von  dem  alexandr.  Zeitalter  gegebene  An- 
regung (vgl.  auch  Lykophr.  Kass.  209  u.  Pau- 
san.  10,  15,  2)  wirkt  in  römischer  Zeit  fort, 
wie  Tibull  2,  3.  Hör.  carm.  2,  19.  29.  Ov.  Met. 
4,  19  zeigen  u.  Flut,  de  Is.  et  0.  35  berichtet: 
rtxvQoyoQcpcc  (stierhörnige)  Aiovvoov  noiovai 
dycclpatcc  noXXol  zcöv  EXXrjviov.  Eine  andere 
Art  die  symbolische  Beziehung  des  Stiers  zu 
Dionysos  auszudrücken  liefert  eine  merkwür- 
dige Statuette , welche  den  Gott  mit  einer 
mächtigen  Stierhaut  bekleidet  vorführt,  Wel- 
cher, a.  I).  5,  2.  Annali  1857  p.  146.  Hierher 
gehört  auch  der  weinbekränzte  Kinderkopf  des 
Berk  Museums  (Arch.  Ztg.  1851  Taf.  33),  des- 
sen Hinterhaupt  in  einen  Kalbskopf  ausläuft. 


jugendlichen  Ammonideals  neben  dem  bärtigen 
nichts  Auffälligeres  als  in  der  Existenz  eines 
jugendlichen  Dionysosideals.  Stephani  sieht 
in  der  Vatikan.  Doppelherme  ( Pistolesi  6,  103) 
eine  Gegenüberstellung  des  allgemein  griechi- 
schen Stierbakchos  und  des  nordafrikanischen 
Widderdionysos  (jugendlich , mit  Anflug  von 
Bart) ; dafs  hier  indessen  als  Gegenstück  zu 
Dionysos  nur  Ammon  gedacht  sein  kann,  be- 
10  weisen  zwei  Berliner  Doppelbiisten  (Heroen  saal 
nr.  13  u.  14),  in  welchen  dem  jugendlichen 
Stierbakchos  der  gewöhnliche  Typus  des  voll- 
bärtigen Ammon  entgegengesetzt  ist. 


B.  Dionysos  mit  Widderhörnern? 

Der  Versuch  diesen  Typus  aufzustellen  ist 
nicht  neu,  vgl.  z.  B.  Sestini,  statere  ant.  p.  72, 
8 Münze  von  Abydos:  caput  Bacchi  imberbe 
cum  cornu  ariclis  u.  Cornbe , num.  m.  Br.  p.  153 
zur  Münze  von  Tenos.  Wieseler  im  Text  zu  den 
Denkmälern  2,  411  und  481  schwankt  zwischen 
Dionysos  und  Ammon  L.  Müller , num.  de 
Tune.  Afr.  1 p.  101  nimmt,  gestützt  auf  Dio- 
nysios  bei  Diod.  3,  73  u.  Leon  bei  Hyg.  poet. 
astr.  2,  20,  die  Widderhörner  entschieden  für 
den  libyschen  jugendlichen  Dionysos,  den 
Sohn  Ammons  in  Anspruch  und  denkt  diesen 
Typus  weit  über  seine  ursprüngliche  Heimat 
hinaus  wirksam.  Ihm  schliefst  sich  an  Ste- 
phani, C.-B.  1862  p.  76.  Dafs  der  bärtige 
Kopf  mit  Widderhörnern  überall  Ammon  dar- 
stellt, wird  schwerlich  bestritten  werden; 
dafs  cler  jugendliche  ein  Dionysos  sein  soll, 
erregt  doch  Bedenken.  Diodor  teilt  Ammon 
und  Dionysos  nur  öpoiuv  nqoGoxpiv  zu , bei 
Hygin  scheinen  allerdings  beiderseits  Widder- 
hörner gedacht  zu  sein,  doch  darf  man  auf 
diese  Stelle  kein  zu  grofses  Gewicht  legen. 
Allenfalls  liefse  sich  eine  lokale  kyrenäische 
Assimilation  des  Dionysos  an  Ammon  denken; 
aber  soll  man  eine  solche  auch  auf  Münzen 
von  Abydos,  Thasos,  Mytilene,  Tenos,  Meta- 
pont,  Nuceria  erblicken?  Wie  viel  einfacher 
ist  die  Anerkennung  eines  jugendlichen 
Ammon  in  allen  Fällen.  Dieser  Typus  scheint 
nicht  erst  durch  Darstellungen  Alexanders  mit 
ammonischen  Attributen  (z.  B.  auf  Münzen  des 
Lysimachos,  ob.  S.  290,  Gardner  2, 16)  ins  Leben 
gerufen,  sondern  schon  früher  in  der  Kyrenaike 
ausgebildet  worden  zu  sein,  da  L.  Müller  a.  a.  0. 
p 64  bemerkt,  dafs  der  widderhörnige  Jüng- 
lingskopf vereinzelt  bereits  in  der  voralexan- 
drin.  Epoche  auf  Münzen  von  Kyrene  erscheine, 
und  in  der  That  liegt  in  der  Ausbildung  eines 


C.  „Löwendionysos“? 

Die  Bereicherung  der  Kunstmythologie  durch 
diesen  Typus  verdankt  man  Panoflca  ( über 
Deimos  und  Phobos  Anm.  12),  welchem  sich 
Gerhard  (Text  zu  den  a.  B.  p.  104  Anm.  154) 
20  auschliefst.  Dazu  die  beiden  Bildwerke  Mül- 
ler-Wieseler  2,  384  und  385.  Die  Hypothese 
gründet  sich  auf  den  J.  im  Tempel 

des  Gottes  zu  Samos,  über  den  Eratosthenes , 
Eupliorion  und  vermutlich  auch  Polemon  (fr. 
71.  C.  Müller)  gehandelt  hatten,  Plinius  8,  58 
und  Aelian,  n.  a.  7,  48  kurz  berichten.  Bei 
letzterem  ist  die  betreffende  Stelle  sehr  ver- 
derbt, doch  scheint  sie  wenigstens  keinen 
„Dionysos  mit  Löwengesicht“  zu  meinen,  eher 
30  einen  mit  einem  Löwen  gruppierten  Dionysos, 
denn  bei  Aelian  soll  das  samische  Bild  eine 
Parallele  zu  der  vorher  erzählten  Geschichte 
von  Androklos  abgeben.  Freilich  bleibt  dabei 
unverständlich,  wie  der  Gott  selbst  w. exgvcog  ge- 
nannt werden  kann,  eine  Schwierigkeit,  mit 
welcher  sich  Welcher,  Götterl.  2,  626  zu  leicht 
abfindet.  Auch  bei  Kallim.  ep.  48  finde  ich 
keine  Lösung  des  Rätsels  (hier  Bakchosmaske ?) 


40  D.  Geflügelter  Dionysos  (mit  Flügeln  über 
den  Schläfen). 

Pausanias  berichtet  3,  19,  6,  dafs  in  Amy- 
klai  Dionysos  als  W Hai,  verehrt  werde,  ipiXa 
yccQ  ■kuXovgiv  oi  Acoqlsis  tu  7ct(qu.  Dafs  diese 
Lokalvorstellung  eine  weitere  Verbreitung  ge- 
funden, hat  aus  den  Denkmälern  nachzuweisen 
gesucht  E.  Braun,  Kunstvorstellungen  d.  ge  fl. 
D 1839.  Mehrere  der  daselbst  zusammenge- 
stellten Monumente  hat  dann  Panoflca,  Abh. 
co  der  Berl.  Akad.  1857  p.  171  — 76  für  Narkaios, 
den  Sohn  des  Dionysos  von  Physkoa  (Paus.  5, 
16,  5),  m Anspruch  genommen.  Doch  wird 
man  Dionysos  zuweisen  dürfen:  1)  Das  Flo- 
re nt  in.  Relief,  Braun  Taf.  1 = Müller-  Wie- 
scler  2,  388.  Das  hier  erscheinende  Schleuder- 
diadem ist  bei  Dionysos  wohl  ungewöhnlich, 
aber  doch  zu  belegen  durch  den  Kopf  vom 
Eurysakesmonument  (Stephani,  Ind.  Schul.  Dorp. 
1850  Taf.  5),  die  vatic.  Doppelbüste  Pistolesi 
oo  6,  104  und  das  archaisierende  Relief  Müller- 
Wieselcr  2,  549.  2)  Den  Kopf  von  Narni 

(in  Berlin)  bei  Braun  Tf.  2 — 4 (Müller- Wieseler 
2,  387),  Panoflca  a.  a.  O.  Taf.  2,  1.  Das 
schleierartige  Tuch,  welches  vom  Scheitel  nach 
beiden  Seiten  herabfällt,  ohne  den  Hinterkopf 
zu  verhüllen,  ist  ganz  singulär.  3)  Das  Vasen- 
bilcl  Braun  Taf.  4,  2.  Panoflca  2,  3:  In  den 
Händen  Thyrsos  und  Rosenzweig  (Braun),  statt 


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1153  Diopan 

dessen  Panofka  einen  Mohnstengel  erblickt. 
Fraglicher  ist  die  bärtige,  verschleierte  Büste 
Braun  Taf.  4,  4 = Müller-  Wieseler  2,  38  G, 
deren  Flügel  unter  dem  Schleier  versteckt  sind. 
Für  Verschleierung  bei  Dionysos  bietet 
ein  Beispiel  der  bärtige  Kopf  einer  Gemme, 
Müller -Wieseler  2,  343.  Was  Braun  sonst  her- 
anzieht ist  teils  noch  weniger  sicher,  teils 
ganz  fremd,  wie  die  bärtigen  Köpfe  mit  Schmet- 
terlingsflügeln (Taf.  4,  1.  3 u.  6 = Müller-  Wie- 
seler 2 , 389).  Dasselbe  gilt  für  den  von  Le- 
normant  angeführten  Kopf  mit  Weinrauken  - 
kranz  und  einem  aus  4 Bienenfliigeln  gebilde- 
ten Bart  ( pierres  gravees  d' Orleans  1,  59),  eine 
späte  Spielerei.  Auch  die  aus  Ranke  auf- 
wachsenden bärtigen  Figuren  mit  Schulterflü- 
geln an  den  Marmorsesseln  Matz-Buhn  nr.  3700 
u.  Berlin  nr.  1051  haben  schwerlich  etwas  mit 
Dionysos  zu  schaffen  (phantast.  Ornamental- 
figur). 

E.  Materialistisches. 

Den  Vegetationsgott  als  eine  Personifika- 
tion seiner  edelsten  Gabe  zu  fassen,  ist  schon 
die  alte  Kunst  geneigt.  Dahin  gehört  die  naive 
Auffassung  der  Franijoisvase,  welche  die  Schul- 
ter des  Gottes  mit  einem  grofsen  Weingefäfs 
ausstattet;  dahin  gehören  die  grofsen  Wein- 
ranken, welche  er  auf  älteren  Vasen  und  Mün- 
zen in  einer  oder  in  beiden  Händen  hält.  V on 
hier  aus  zur  Gleichsetzung  von  Gott  u.  Wein 
thut  den  ersten  Schritt  der-  vatikanische 
Kopf  bei  Müller- Wieseler  2,  344,  aus  dessen 
Haupt-  und  Barthaar  Trauben  hervorspriefsen. 
Vollendet  ist  die  Metamorphose  in  dem  pom- 
peianischen  Gemälde  Gaz.  arch.  1880  p.  10 
ol.  2:  im  Hintergründe  die  Rebengelände  des 
Vesuv,  im  Vordergründe  — wenn  man  noch 
jo  sagen  darf  — Dionysos,  d.  h.  eine  mächtige 
Weintraube,  aus  welcher  Kopf,  Arme  u.  Fiifse 
les  Gottes  vortreten.  [E.  Thraemer.] 

Dionysos  (etruskischer)  s.  unter  Pu  fl  un  s 
etruskisch).  [Deecke.] 

, Diopan  {Aionav)  — Pan  (s.  d.);  vgl.  C.  I. 
Ir.  4538.  Kaibel,  Epigr.  gr.  827.  [Roscher.] 
Diopatra  (AionürQci) , eine  Nymphe  am 
)thrys,  Anton.  Lih.  22;  s.  Terambos.  [Stoll.] 
Diopithes  (==  Deiopites?),  von  Philoktetes 
jetötet,  C.  I.  Gr.  6126  B.  [Roscher.] 
Diopletlies  (AiOTtXfj&rjg) , Sohn  des  Myrmi- 
|ion,  Vater  des  Perieres,  Grofsvater  des  Boros, 
Ichol.  II.  16,  177.  [Stoll.] 

Diores  (Aimgrig),  1)  Sohn  des  Amarynkeus, 
er  in  10  Schiffen  Epeier  gegen  Ilion  führte 
nd  dort  von  Peiroos  erlegt  wurde,  II.  2,  622. 

, 517.  Baus.  5,  3,  4.  Tzetz.  Homer.  42.  — 

) Vater  des  Automedon,  des  Waffengefährten 
es  Achilleus,  II.  17,  429.  — 3)  Sohn  des  Wind- 
lottes  Aiolos,  Partlien.  Erot.  2;  s.  Polymeie.  — 

) Sohn  des  Priamos,  Begleiter  des  Aineias, 
amt  seinem  Bruder  Amykos  von  Turnus  ge- 
ltet. Er  beteiligte  sich  bei  den  Leichenspielen 
es  Anchises  am  Wettlauf,  V erg.  Aen.  5,  297. 
24.  339.  345.  12,  509.  Hygin.  f.  273.  [Stoll.] 
Diorplios  (Hiopqpog),  ein  Sohn  des  Mithras, 
en  er  mit  einem  Felsen  (der  Petra  genetrix) 
zeugte.  Derselbe  forderte  den  Ares  zum  Zwei- 
ampfe  heraus,  wurde  von  diesem  getötet  und 

Koscher,  Lexikon  der  gr.  u.  röm.  Mythol. 


Dioskuren  (Bedeutg.  u.  Wesen)  1154 

dann  in  den  Berg  Diorphon  am  Araxes  in  Ar- 
menien verwandelt  (apokryphische  Sage  bei 
Pseudoplut.  de  fluv.  33,  4).  [Steuding.] 

Dios  (Aiog) , 1)  ein  unehelicher  Sohn  des 
Priamos,  II.  24,  251.  Pherelcydes  bei  Eustatli. 
u.  d.  Scliol.  z.  d.  hom.  Stelle,  Hygin.  f.  90.  — 
2)  Ein  Metapontier,  in  dessen  Hause  Melanippe 
den  Boiotos  gebar;  zu  Dios  und  nicht  zu  Me- 
tabos  (Metapontos)  soll  Melanippe  gebracht  wor- 
den sein  nach  Antioch.  Syrac.  u.  Asios  b.  Strabo 
6,  265.  — 3)  Sohn  des  Pandoros,  nach  welchem 
die  Stadt  Dion  in  Euboia  benannt  war,  Scliol. 
II.  2,  538.  — 4)  König  in  Elis  zur  Zeit,  wo 
der  Aitolier  Oxylos  mit  den  Doriern  in  den 
Peloponnes  einfiel.  Um  den  Besitz  von  Elis 
liefsen  sie  nicht  ihre  beiderseitigen  Heere,  son- 
dern nur  zwei  Krieger  kämpfen;  der  Aitoler 
siegte,  und  Oxylos  erhielt  die  Herrschaft;  er 
teilte  aber  dem  Dios  Ehrenrechte  zu,  und  sein 
Volk  bürgerte  sich  im  Lande  der  Epeier  ein. 
Paus.  5,  4,  2;  vergl.  5,  15,  7.  Müller,  Dorier 
1,  61  f.  — 5)  Sohn  des  Apollon,  Harp.  s.  v. 
MsHrrj.  — 6)  Sohn  des  Anthos,  Enkel  des 
Poseidon,  Vater  des  Anthedon,  Steph.  Byz.  s.  v. 
’Av&gdcov.  — 7)  Sohn  des  Apellis,  Vater  des 
Hesiod , Bruder  des  Maion , des  Vaters  von 
Homer;  Hellanilcos , Damastes  und  Pherelcydes 
führten  sein  Geschlecht  auf  Orpheus  zurück, 
Proklus  Vit.  Hom.  p.  25  in  Bioyg.  Westerm. 
S.  Müller  fr.  hist.  gr.  2 p.  66,  10.  [Stoll.] 

Dioskuren  (Aiookovqoi;  auf  Inschriften  der 
guten  Zeit  in  der  Regel  Aiogxoqoi,  z.  B.  in 
Erythrae  Revue  archeol.  vol.  34,  1877,  p.  107  ff'.; 
vgl.  Phryn.  p.  235;  dorisch  Aioghwqoi,  in 
Sparta  z.  B.  Inscr.  antigu.  ed.  Röhl  add.  62a; 
auch  zIiog>i6qco Jiog  novQoi  im  Hom.  hymn. 
33,  1). 

I.  Bedeutung  und  Wesen. 

Der  Name  Dioskuren  bedeutet  die  jungen 
Söhne  oder  Helden  des  Himmelsgottes  Zeus. 
Ihr  zweiter  Hauptname  Tvvdagidcei,  der  in  äl- 
terer Zeit  und  namentlich  an  dem  ursprüng- 
lichen Sitze  ihres  Kultus,  in  Lakonien,  der 
wichtigste  gewesen  zu  sein  scheint,  bezeichnet 
sie  als  Söhne  des  Tyndares,  des  Stofsenden 
(Cr.  Curtius,  Grundz.  d.  Etymol.  248  S.  226), 
was  wahrscheinlich  ursprünglich  eine  Benen- 
nung des  Himmelsgottes  war.  Sie  sind  ein 
Götterpaar,  wie  ja  auch  manche  andere  Gott 
heiten  als  Paar  auftreten;  ihr  göttlicher  Cha- 
rakter blieb  im  Kultus  immer  bestehen,  wenn 
auch  die  Sage  sie  zu  Heroen  machte.  Das 
Natursubstrat  ihres  Wesens  ist  im  allgemeinen 
ohne  Zweifel  das  Licht,  doch  nicht  in  seiner 
Ruhe,  sondern  in  seinem  Übergange  vom 
und  zum  Dunkel.  Daher  sind  viele  Züge  in 
ihrem  Wesen,  die  sie  trotz  ihrer  Lichtnatur  den 
Gottheiten  des  Erdendunkels  nahestellen.  Man 
hat  ihr  Natursubstrat  spezieller  als  Morgen- und 
Abendstern  bezeichnet  (vgl.  namentlich  Wel- 
cher, Götterlehre  1 , 606  ff.) ; es  mag  der  Ein- 
druck dieser  Naturerscheinung,  zu  der  vieles 
im  Wesen  der  Dioskuren  palst,  mit  zur  Bil- 
dung desselben  beigetragen  haben  allein  dar- 
aus entstanden  ist  es  schwerlich.  Ursprünglich 
verbunden  mit  den  Dioskuren  sind  ihre  Rosse, 

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1155  Dioskuren  (Bedeutg.  u.  Wesen) 

die  symbolischen  Tiere,  deren  Verbindung  mit 
den  Mächten  des  Dunkels  wie  auch  des  Lich- 
tes bekannt  ist.  Von  den  Namen  KccGzorg  und 
IJoXvdevAgg  wird  der  erstere  fast  allgemein 
von  der  das  Glänzende  bedeutenden  Wurzel 
Kctd  abgeleitet,  während  der  letztere  eine  be- 
friedigende Deutung  noch  nicht  gefunden  hat 
(vgl.  Pape-Benseler,  gr.  Eigennamen  S.  1223  f.; 
Welcher,  Götterl.  1,610;  Schömann,  gr.  Altert. 
2,  533,  9;  Preller,  gr.  Mythol.  23,  95,  2).  -Sie 
sind  von  Anfang  an  vereint  mit  ihrer  Schwe- 
ster Helena  (s.  d.),  ebenfalls  einer  Lichtgöttin, 
die  als  Morgenröte  oder  Mond  gedeutet  wird 
— Dafs  die  Dioskuren  mit  zum  ältesten  Be- 
sitze der  griechischen  Religion  gehören,  zeigt 
sich  darin , dafs  in  den  V eden  im  wesent- 
lichen dieselben  Gottheiten  Vorkommen,  als 
die  divo  napätä , was  gleich  dij- dg  xovgoi  ist, 
mit  ihrem  gewöhnlichen  Namen  die  Aijvina; 
agvin  bedeutet  „mit  Rossen  versehen“,  also 
gehört  auch  hier  das  Rofs  zu  ihrem  ursprüng- 
lichen Wesen.  Ausführliches  über  sie  und  ihr 
Verhältnis  zu  den  Dioskuren  s.  bei  Myriantheus, 
Agvms  oder  arische  Dioskuren,  München  1876; 
derselbe  deutet  sie  als  das  Zwielicht;  die  Zeit 
ihres  Erscheinens  ist  von  Mitternacht  bis  zur 
Morgenröte;  unmittelbar  vor  der  letzteren  wer- 
den sie  angerufen;  sie  entfernen  das  Dunkel; 
ihre  Gattin  ist  Süryä,  welche  die  Morgenröte  be- 
deuten soll.  Die  agpinä  (Dual)  im  Zend  scheinen 
dieselben  Figuren  zu  sein  (ib.  S.  43  f.).  Wie- 
derum dieselben  sind  offenbar  die  in  der  let- 
tischen Mythologie  erscheinenden  Gottessöhne 
dewa  deli , die  ebenfalls  Reiter  und  Werber 
des  Mondes  sind  (s.  Mannhardt  in  der  Ethnol. 
Zeitschr.  7,  1875,  S.  309  ff.). 

Parallelfiguren  zu  den  Dioskuren  sind  bei 
den  Griechen  die  Molioniden  (vgl.  namentlich 
Ibyhos  frg.  16,  Xevaltitiol,  aus  einem  silbernen 
Ei  geboren  etc.);  ferner  Amphion  und  Zethos 
in  Theben,  die  XevkoucoXco  { Eur . Here.  für.  29. 
Phoen.  609;  vgl.  Welcher,  Götterl.  1,  614.  My- 
riantheus  a.  a.  0.  48). 

Im  einzelnen  läfst  sich  das  Wesen  der 
Dioskuren  nach  folgenden  Gesichtspunkten 
betrachten : 

A.  Wechsel  von  Licht  zu  Dunkel,  von  Tod  zu 
Leben. 

Nach  der  alten  Vorstellung  in  Lakonien,  für 
die  Alhman  uns  Zeuge  ist,  walten  sie  im  Dun- 
kel unter  der  Erde,  doch  nicht  als  Tote,  son- 
dern lebendig  {Allem,  fr.  5 — Schot.  Eurip.  Tro. 
212  vno  rgv  ygv  zgg  ©egdnvgg  sivcu  Xsyorzcu 
'C,mrzsg)\  damit  stimmt  die  Nekyia  der  Odyssee 
(11  , 301)  rovg  apeput  £caov g HUT£%et,  epvaigoog 
a itx ; vgl.  II.  3,243  rovg  d’  rjäg  aclzeiev  cpvol- 
fcoo g a lec  tv  AaAEÖatpovi  av&i.  Bestimmter 
ausgebildet  ist  dann  die  Vorstellung,  dafs  sie 
Tag  um  Tag  wechseln,  beide  zusammen  ent- 
weder in  der  dunkeln  Unterwelt  oder  im  Lichte 
bei  Zeus  weilen;  die  in  der  Nekyia  an  die 
obigen  sich  anschliefsenden,  doch  offenbar  von 
einem  andern  Dichter  zugesetzten  Verse  drücken 
dies  aus:  dl  xcw  vsgQ’Ev  yrjg  ripyv  ngog  Zgvog 
£%ovx£g  aXXoze  p'sv  t,mova’  szegfipsgoL  aXXors 
<T  avTs  ztüvuGi.v ; sehr  deutlich  auch  Pindar: 
Nem.  10,  103  ff.  pszapseßopsvoi  ö’  svaXXaS, 


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Dioskuren  (m.  Rossen;  ritterlich)  1156 


upegav  rar  per  naga  i tazgl  rpi'Xco  Al  vspovzcu 
zav  d vno  aevQ'egl  yalag  tv  yvuXoig  ©sganvag- 
vgl.  ib.  164  f. ; Pyth.  11,  94  viol  &ecov,  zö  per 
nag’  ccpag  EÖgcuGi  ©eganvag  zo  Ö’  olniovrEg 
evö'ov  ’OXvpnov.  Daher  sind  sie  ucpQ'iroi  re 
r.al  cp&izol  {Lycoplir.  Al.  565),  zE&vÜGi  uov 
rsd-vccGi  {Eur.  Hel.  138).  Daher  verglich  Al- 
kibiades  sein  Leben  mit  dem  rcöv  AtoGAÖgoov, 
weil  er  bald  wie  bei  den  Göttern,  bald  wie 
bei  den  Toten  sei  {Ael.  var.  hist.  13,  38).  Erst 
späte  Zeugnisse  lassen  sie  einen  um  den  an- 
dern täglich  wechseln,  so  dafs  sie  immer  ge- 
trennt sind  (deutlich  Luc.  dial.  d.  26). 


- 


B.  Ihre  Verbindung  mit  Rossen. 

Diese  ist  alt  und  ursprünglich  allgemein, 
ohne  nähere  Ausbildung  der  Vorstellung;  in 
bestimmterem  Ausdruck  dachte  man  sie  dann 
die  Rosse  entweder  zähmend  oder  zum  Fahren 
und  Reiten  benutzend.  In  den  homer.  Hymnen 
sind  sie  zayti ov  imßrjzogsg  Vnncov  (17, 5;  33,18). 
Alhman  nennt  sie  (frg.  12)  ncöXcov  dpatggsg, 
imtorca  aoepoi;  Pindar  nennt  die  Tyndariden 
Evennoi  {Ol.  3,  69)  und  XsvAoncoXoi  {Pyth.  1, 
126)  mit  weifsen  Rossen;  den  Lichtglanz  hebt 
Euripides  hervor:  l'nnoiGL  paggaigovzs  {Iph. 
Aul.  1154);  nach  demselben  kommen  sie  zu 
Wagen  (mit  i'muov  agpa)  durch  die  Luft  {Hel. 
1495).  Ihren  Rossen  gab  die  Poesie  Namen, 
Xanthos  (ein  sehr  gewöhnlicher  Pferdename) 
und  Kyllaros  (auch  Name  von  Kentauren): 
diese  beiden  sollte  Hera  gegeben  haben,  die 
sie  von  Poseidon  hatte;  mehr  mythologisches 
Wesen  liegt  in  den  Namen  der  beiden  andern, 
die  sie  von  Hermes  haben  sollten,  Phlogeos 
und  Harpagos,  die  coaecc  zenva  nodagyag  {Ste- 
sich.  frg.  1),  der  Harpyie  (vgl.  Milchhöfer,  An- 
fänge d.  gr.  Kunst  S.  63.  155). 


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C.  Ritterliches  Wesen  (in  ethischem  Sinn). 

Aus  der  Grundvorstellung  der  lichten  Söhne 
des  Himmelsgottes  und  ihrer  Verbindung  mit 
dem  Rofs  ward,  wohl  erst  durch  die  Dorier, 
das  heldenhafte  Wesen  der  Dioskuren  ausge- 
bildet. Sie  besitzen  alle  Heldentugend,  zu- 
nächst natürlich  in  allem,  was  die  Rosse  an- 
geht, dann  aber  auch  in  athletischer  u.  krie- 
gerischer Beziehung.  Die  Poesie  mufste  sieb 
frühzeitig  gedrungen  fühlen,  das  in  Glauben 
und  Kultur  ganz  gleiche  Paar  in  der  einzelnen 
Person  zu  individualisieren.  Ein  alter  epischer 
Vers,  der  in  Ilias  (3,  237)  und  Odyssee  (11 
300)  vorkommt,  Käazoga  &’  innbSa.gov  %ui 
nvtg  aya&ov  noXvSsvAsa , verteilt  die  Haupt 
eigenschaften  auf  beide,  und  diese  Unterschei- 
dung blieb  in  der  Folgezeit  typisch.  Der  Vers 
erscheint  wenig  variiert  auch  in  den  homer. 
Hymnen  (33,  3 dpcbpgzov  TLoXvS.)  und  in  den 
Kyprien  (frg.  9,  6 deQ'Xocpbgov  Ilolvö.).  Kastor 
ist  den  Dichtern  nun  speziell  der  Wagenlenker 
oder  Reiter;  Pindar  singt  von  ihm  und  Iolaos 
{Isthm.  1,  21  ff.)  aelvoi  yag  ggccxov  SupggXdzai 
Aaxsdalpovi  Aal  ©gßca g ezeavw&ev  ngdriGroi ; 
sie  erwarben  sich  die  meisten  Siegespreise 
auch  in  den  gymnischen  Kämpfen;  Pyth.  5,10 
ist  der  %gvGugpaxog  Kaczcog  der  Wagensieg- 
spender. Er  galt  als  der  Erfinder  der  | vvcoglg 
{Schot,  Find.  Pyth,  5, 6).  Dagegen  ist  Polydeukes 


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1 157  Dioskuren  (Retter;  Epiphanieen) 

vor  allem  der  Faustkämpfer  ( Simonid . fr g.  8). 
Die  späteren  Dichter  sagen  dasselbe  oft:  Apol- 
lon. Rh.  Arg.  1,  146  ff.  HoXvS.  ist  ■/.QtxxEQog, 
aber  Kixctcoq  convnodcov  dsSargiEvog  inncov. 
Theoikr.  20,  2 (/Tot.)  cpoßegog  nvh,  eqeQi&lv  ; 

! 34  KÜgxcoq  d’  cdoloncolog  o t’  olvionog  TIol.  (als 

I Athlet).  Vgl.  Hör.  sat.  2,  1,  26;  ocl.  1,  12,25; 
Ovid.  Fast.  5,  700  (hie  eques  Ule  pugil).  Als 
Held  zu  Wagen  und  Rofs  ist  Kastor  auch 
hauptsächlich  der  Krieger;  hei  Find.  Nein.  10 , i 

I'  170  heifst  er  ^cdxofu'rpag;  bei  Theolcr.  20,  79 
v7in'QO%og  sv  hat  und  wird  136  xu%vnu>l£  öo - 
Qvoaos  ^alzso&coQri^  angeredet.  Vgl.  Apollod. 

* 3,  11,  2 (Kastor  als  Krieger).  Der  Angriffs- 
ij  marsch  der  Spartaner  liiefs  Kugxoqeiov  (Flut. 

Ide  mus.  26;  Lylc.  22;  Scliol.  Find.  Pyth.  5, 128; 
O.  Müller,  Dorier  2,  335).  Nicht  bezeugt  finde 
ich  indes,  dafs  Kastor  den  Herakles  das  Waf- 
I fenwesen  gelehrt  habe;  nach  Theolcr.  24  (19), 

II 25  ff  ist  dies  vielmehr  Aktor  der  Hippaside  2 
und  Apollod.  2,  4,  9,  1 ist  "Akxoqo g für  Kar, xo- 
Qog  zu  schreiben.  Ferner  ward  die  Erfindung 
des  kriegerischen  Waffentanzes  in  Sparta  den 
Dioskuren  beigelegt;  nach Epicharm  (hei  Athen. 

4 p.  184 e;  vgl.  Aristides  1 p.  24)  sollte  Athena 
i den  Dioskuren  auf  der  Flöte  xov  tvonhov  ge- 
blasen haben  (vgl.  Plato  de  leg.  7 p.  796  b; 
Schol.  Find.  Pyth.  5,128  nax’  evCov g haben  sie 
tvonlov  0Q%r]6Lv  erfunden;  (iQigoxrAol  ydq  xivsg 
• of  A.);  auch  den  hccqvccx igeiv  genannten  Tanz  3 
i haben  die  Dioskuren  _die  Lakedaimonier  ge- 
lehrt (Luc.  de  salt.  10).  Überhaupt  wurden  beide 
lj  Dioskuren  ohne  Unterschied  als  Beschützer 
! aller  gymnastischen  Tbätigkeit  gedacht  und  als 
solche  verehrt;  Pindar  (Nein  10,97)  nennt  sie 
1 die  evqv%oqov  xagtai  Endgxag  aycavcov.  In 
. den  von  Herakles  veranstalteten  olympischen 
Spielen  siegte  nach  dortiger  Tradition  Kastor 
l ÖQÖgcp,  Polydeukes  nvnxsvatv  (Paus.  5,  8,  4); 

I im  Stadion  von  Hermione  sollten  sie  gekämpft  4 
haben  (Paus.  2,  34,  10);  in  Sparta  wurden  sie 
I als  acpExrjQiot.  verehrt  (Paus.  3,  14,  7),  und  in 
Olympia  stand  ihr  Altar  am  Eingang  des 

f Hippodroms  (Paus.  5,  15,  5).  Weihgeschenk 
eines  gymnisclien  Siegers  an  die  Dioskuren 
J)  C.I.  G.  1421.  Ihre  Bilder  auf  Münzen  tragen 
häufig  Palmzweig  und  Siegeskranz.  — Endlich 
lj  wurden  beide  auch  als  Jäger  gedacht,  und  von 
<ii  Kastors  Zucht  sollten  die  KoiGxoQiSsg  genannten 
■ ! Hunde  abstammen  (Xenoph.  de  ven.  3,  1;  Poll,  o 
.‘i  on.  5,  39;  Oppian.  Kyn.  2,  14  ff).  — In  höherem 
i j ethischen  Sinne  ward  den  Dioskuren  besonde- 
; rer  Edelmut  zugeschrieben  (svGsßsici,  Siwuo- 
i Gvvy,  GXQtxxriyLa  und  dvSqsia.  an  ihnen  gerühmt 
’ f,  Diod.  4,  7).  Unter  einander  waren  sie  durch 
engste  Freundschaft  verbunden ; als  Beschützer 
der  F reundsebaft  ruft  sie  Theognis  (1087)  an; 

I Polydeukes  sollte  einen  Verleumder  des  Bru- 
ders mit  der  Faust  erschlagen  haben  (Phere- 
; leydes  bei  Hesych.  v.  Ei>Qvgag ; Plut.  de  frat.  c 
! am.  11);  Eratosth.  epit.  catast.  10  p.  86  (Robert): 

1 cpilccdsXcpicc  Se  vnEQr'ivEynav  nuvxag. 

D.  Retter  der  Menschen.  Epiphanieen. 

Das  Hilfe-  und  Heil  bringen  gehört  zum  ur- 
! sprünglichen  Wesen  der  Dioskuren.  (Auch  die 
| vedischen  Alwinen  retten  den  der  sie  anruft  in 
1 der  Schlacht,  bringen  Gedeihen  jeder  Art,  auch 


Dioskuren  (Mythus;  Geburt)  1158 

als  Ärzte,  Ehebeschützer  u.  a. ; s.  Myriantheus 
a.  a.  O.  S.  105  ff.  112  ff)  Es  ist  dies  ihnen 
ebensosehr  als  Lichtwesen  eigen  wie  als  im 
Schofse  der  dunkeln  Erde  weilenden  Mächten ; 
denn  bekanntlich  ward  gerade  letzteren  das 
Heraufsenden  von  Segen  und  das  Erscheinen 
in  der  Not  zugeschrieben.  Sie  heifsen  in  die- 
ser Eigenschaft  GioxijQEg , und  zwar  war  dies 
auch  Beiname  des  Kultus.  Schon  Terpander 
redete  sie  in  einem  Hymnos  als  mxXXlgxoi  oco- 
xrjQEgun  (frg.  4);  GGixfiqsg  eg&Iol  Kiiya&oi  nccqa- 
Gxdxca  lautete  ein  offenbar  volkstümlicher  V ers 
von  herzlichem  Ausdruck  (Ael.  var.  hist.  1,30). 
Vgl.  Strabo  5 p.  232.  Sie  sind  ayafroe  über- 
haupt (Aristoph.  Lys.  1301;  Für.  El.  994)  und 
werden  als  Schützer  gegen  alles  Üble  ange- 
rufen (Aristoph.  Eccl.  1089  mit  Herakles,  Pa- 
nen  und  Korybanten;  Luc.  Alex.  4.  66).  Als 
Krieger  helfen  sie  natürlich  vor  allem  in  der 
Not  der  Schlacht  (Theolcr.  20,  6 [sie  sind  gco- 
Tijpfg]  l'mtcov  ff’  ulyuxoEv xa  xccgaoGogEvcov  xaff’ 
ofuXov)  und  zwar  durch  eigene  Erscheinung 
auf  ihren  weifsen  Rossen,  von  denen  sie  mit- 
kämpfen. Diese  Epiphanieen,  die  berichtet 
werden  und  von  denen  die  berühmteste  die  in 
der  Schlacht  der  Lokrer  und  Krotoniaten  am 
Flusse  Sagra  war  (Cic.  nat.  d.  2,2,6.  3,5,13; 
lustin.  20,  3.  4;  Diod.  exc.  Vat.  7 — 10;  Suid. 
s.  v.  ccXyö1.  xcöv  e.  XccyQO'-,  vgl.  Meinehe,  com. 
gr.  p.  1232),  fielen,  wie  man  bemerkt  hat  (A. 
Mommsen  im  Philol.  11, 706  ff ; Jahrb.f.  Philol. 
3.  Suppl.  S.  355  ff.),  um  die  Zeit  des  längsten 
Tages,  in  welcher  in  der  Regel  die  Festfeier 
der  Dioskuren  begangen  wurde  (Preller,  gr. 
Myth.  23,99)  und  dieselben  also  dem  Menschen 
besonders  nahe  waren.  Den  Simonides  erret- 
teten sie  zum  Danke  für  sein  Loblied  aus  dem 
Saale  des  Aleuaden  Skopas,  indem  sie  ihn,  per- 
sönlich erscheinend,  herausriefen,  bevor  der  Saal 
zusammenstürzte  (Kallimachos  bei  Ael.  var.  hist. 
fr.  63;  Cic.  de  or.  2,  86).  — - Diese  rettende 
Natur  der  Dioskuren  begünstigte  indes  sehr 
eine  frühzeitige  Vermengung  derselben  mit  an- 
deren durch  ihre  Erscheinung  heilbringenden 
Dämonen.  Durch  eine  solche  scheinen  sie 
schon  frühzeitig  auch  zu  schützenden  Mächten 
auf  der  See  geworden  zu  sein,  eine  Eigenschaft, 
die  ihnen  ursprünglich  nicht  eigen  war,  die 
aber  späterhin  alle  übrigen  fast  verdunkelte. 
Wir  sprechen  in  einem  besonderen  Abschnitt 
davon. 

II.  Mythus. 

A.  Geburt. 

Schon  in  ihrem  Hauptnamen  Aiöguovqoi 
liegt,  dafs  sie  Söhne  des  Himmelsgottes  sind, 
und  dasselbe  sollte  ursprünglich  der  Name 
TwSctgidai  sagen.  Als  letzterer  Name  nicht 
mehr  verstanden  wurde  und  der  Mythus  die 
Götter  zu  vermenschlichen  suchte,  wurden  sie 
zu  Söhnen  eines  sterblichen  Helden  Tyndareos; 
doch  wagte  man  andrerseits  nicht  ihrer  Her- 
kunft von  Zeus  zu  widersprechen.  Die  home- 
rische Poesie,  die  überall  nach  Vermenschli- 
chung strebte,  läfst  sie  die  Söhne  des  Tynda- 
reos von  Leda  sein  (Od.  11,  298  ff  Leda  rj  q’ 
VJtÖ  TwdctQECp  KQOlXEQOCpQOVE  yEl’vKXO  TtCClÖE  ; 

37  * 


1159  Dioskuren  (Mythus;  Geburt) 

II.  3,  236  ff.  wird  nur  die  Mutter  Leda  ge- 
nannt offne  Yater).  In  den  homer.  Hymnen 
dagegen  stammen  sie  von  Zeus,  und  TvvScxql- 
dca  ist  nur  als  Beiname  gebraucht  (17,2  Tw- 
ö'cxQibai  oi  Z rjvbs  ’OlvyuLOV  slgsysvovzo;  vgl.  33; 
ebenso  Hesiod  beim  Schol.  ad  Pindar.  Nem. 
10,  150;  ferner  Hur.  Or.  1689;  Theokr.  xd.  20, 
1.  89;  Pind.  Pyth.  11,  94  allgemein  nur  vioi 
&twv).  Die  Mutter  ist  Leda,  und  zwar  sind  sie 
Zwillinge  derselben  ( Pind . Ol.  3,  61  gvv  ßa-  i 
Q’v^covov  Siävfivoig  tzcugI  Aydag;  Hur.  El.  1238 
ÖLTtzv/oL  etc. ;_  Apoll.  Bhod.  Arg.  1, 146  If. ; Ter- 
pander  fr.  4 cd  Zrjvog  -nal  AtjSag.  . .).  Sie  sind 
die  Brüder  der  Helena  von  derselben  Mutter 
Leda;  als  Tochter  des  Zeus  war  Helena  auch 
in  der  homerischen  Poesie  anerkannt  (II.  3,426; 
Od.  4,  184.  219),  während  Klytaimnestra  nur 
Tochter  des  Tyndareos  war  (Od.  29,  199).  He- 
lena (s.  d.)  war  geboren  aus  dem  Ei;  nach 
der  Tradition  in  Rhamnus  und  in  den  Kyprien  i 
war  es  Nemesis,  die  von  Zeus  befruchtet  das 
Ei  legte,  das  Leda  aufzog;  auf  attischen  Vasen 
des  5.  und  4.  Jahrh.  stehen  die  Dioskuren  neben 
Leda,  wie  sie  das  Helena  enthaltende  Ei  findet 
(s.  Kekule,  Hestschr.  d.  Bonner  Univ.  für  d. 
arch.  Instit.,  1879,  S.  7 ff.);  von  einer  Eigeburt 
der  Dioskuren  weifs  die  ältere  Tradition  nichts 
(. Kyprien ; Apollod.  3,  10,  7;  Paus.  1,  33,  8; 
Eratosth.  epit.  catast.  p.  142  Rob. ; Hygin.  astr. 
2,8);  erst  die  spätere  läfst  auch  sie  zusammen  3 
mit  Helena  aus  dem  Ei  entstehen,  das  Leda, 
von  Zeus  in  Gestalt  eines  Schwanes  befruch- 
tet, legte  oder  das,  von  Nemesis  gelegt,  von 
Leda  gewartet  ward  (Schol.  vet.  Lycophr.  88; 
Schol.  Gallim.  in  Dian.  232;  Schol.  Od.  11,298; 
Auson.  ep.  56);  die  spitzen  Hüte  wurden  in 
alexandrinischer  Zeit  aus  der  Eigeburt  erklärt 
(Lykophr. : 506  je  die  Hälfte  der  Eierschale 
deckt  und  schützt  ihr  Haupt;  vgl.  Schol.  dazu). 
— Zu  dem  Zuge  des  Mythos  von  der  Zeugung  4 
durch  den  in  einen  Schwan  verwandelten  Him- 
melsgott kann  der  vedische  Mythos  verglichen 
werden,  wonach  Vivasvat  („Himmel“)  als  Rofs 
mit  der  in  eine  Stute  verwandelten  Saranyü 
die  A^vins  zeugt.  Der  Schwan  ist  als  Symbol 
der  Sonne  bekannt.  — Aus  ihrem  zwischen  Dun- 
kel und  Licht  schwankendenWesen  entwickelte 
sich  der  Mythos  von  der  Unsterblichkeit  des 
einen  (des  Polydeukes)  und  der  Sterblichkeit 
des  andern  (des  Kastor);  schon  in  den  Kyprien  5 
heifst  es  Kcxgtcoq  ysv  &vrizog.  . .avzdg  o y’  a&a- 
voczog  IlolvSev-urjg  (fr.  5 Kink.);  hei  Pind.  Nem. 
10,  150  von  Kastor  gtcsqikx  ftvctzov;  er  ward 
dann  als  von  dem  sterblichen  Tyndareos  mit 
Leda  gezeugt  gedacht  wie  Klytaimnestra 
(Apollod.  3,  10,  7 ; Hyg.  fab.  77)  und  war  dann 
der  jüngere  von  den  Brüdern  (Theokr.  id.  20, 
176.  183);  wogegen  Polydeukes  von  Zeus  bei 
Pindar  (Nem.  10,  150)  eggl  yoi  vcog  angeredet 
wird  und  von  Zeus  mit  Leda  wie  Helena  gezeugt  ß( 
gilt  (Apollod.  3,  10,  7;  Hyg.  fab.  77).  — Die 
lokale  Tradition,  wie  sie  Alkman  verwertet  hatte, 
liefs  die  Dioskuren  auf  einer  Felseninsel  vor 
Pephnos  am  westl.  Abfall  des  Taygetos  unweit 
Thalamai  geboren  werden;  wie  den  kleinen 
Dionysos,  so  bringt  auch  sie  Hermes  vom  Ge- 
burtsort zur  Erziehungsstätte,  und  zwar  nach 
Pellana,  dem  Sitze  des  Tyndareos  (Alkm.  fr. 


Dioskuren  (Aphariden;  Leukippiden)  1160 

13  bei  Paus.  3,  26,  2);  am  Taygetos  lassen 
auch  die  homer.  Hymnen  sie  geboren  werden. 
Als  Heimat  ihres  Kultus  ist  Lakedaimon  über- 
haupt, Amyklai  und  Therapne  insbesondere, 
auch  in  der  allgemein  verbreiteten  Sage,  die 
Heimat  der  Dioskuren  (II.  3,239;  Theogn.  1087; 
Aristoph.  Lys.  1301;  Verg.  Georg.  3,  89  u.  a. 
vgl.  unten). 

, B.  Die  Aphariden  und  Leukippiden. 

Der  wichtigste,  mit  ihrem  Wesen  eng  zu- 
sammenhängende Mythos  der  Dioskuren  ist  ihr 
Streit  mit  den  Söhnen  des  Aphareus  Idas  und 
Lynkeus.  Die  Kyprien  (frg.  9 Kink.)  und  Pin- 
dar (Nem.  10,  112  ff.)  sind  die  beiden  alten 
Hauptquellen  dafür ; wohl  auf  die  Kyprien  geht 
auch  die  Erzählung  bei  Apollod.  3,  11,  3 ff. 
zurück.  Aus  Arkadien  treiben  beide  Brüder- 
paare gemeinsam  eine  Beute  von  Rindern; 
i Idas  teilt  und  erwirbt  sich  durch  seine  Gefrä- 
fsigkeit  (s.  Idas)  die  ganze  Herde,  die  er  mit 
dem  Bruder  nach  Messenien  treibt;  die  Diosku- 
ren ziehen  gegen  Messenien  zu  Felde  und  rau- 
ben die  Herde  und  anderes ; sie  legen  den  Apha- 
riden einen  Hinterhalt  und  verbergen  sich  in 
einer  hohlen  Eiche;  Lynkeus  ersteigt  den  Tay- 
getos und  erspäht  mit  seinem  alles  durch- 
schauenden Blicke  die  Beiden  in  dem  Baume; 
er  sticht  und  tötet  den  Kastor.  (Bei  Pindar 
a.  a.  0.  116  lasen  Aristarch  und  Apollodor 
rjfisvov,  wonach  also  nur  Kastor  im  Baume 
steckte.)  Polydeukes  rächt  den  Bruder,  ver- 
folgt die  Aphariden,  welche  das  äyccXy’  ’AiÖa 
(bei  dem  man  an  spartanische  Bildwerke,  wie 
Arch.  Ztg.  1881,  Tf.  17,  3,  erinnern  kann)  vom 
Grabe  des  Vaters  vergeblich  auf  ihn  schleu- 
dern; er  ersticht  den  Lynkeus;  den  Idas  tötet 
Zeus  mit  dem  Blitze  und  sie  verbrennen  beide 
zusammen.  Polydeukes  trifft  den  Bruder  ster- 
bend, fleht  zu  Zeus  und  lebt  mit  dem  erweck- 
ten Bruder  gemeinsam  abwechselnd  im  Olymp 
und  in  der  Unterwelt.  Wahrscheinlich  hat 
dieser  Mythos  eine  Naturbedeutung  und  die 
Aphariden  sind  mehr  als  blofse  Konkurrenz- 
figuren Messeniens,  deren  Unterliegen  dem 
Unterliegen  ihres  Vaterlandes  entspräche  (wie 
z.  B.  Preller  23,  97  meint);  der  Kult  der 
Dioskuren  scheint  dem  vordorischen  Messe- 
nien und  Lakonien  gemeinsam  gewesen  zu 
sein;  der  Mythos  ist  gewifs  älter  als  der 
feindliche  Gegensatz  jener  Landschaften.  Die 
Namen  Idas  und  Lynkeus  werden  gewöhn- 
lich als  die  Scharfsehenden  gedeutet  (s.  d.). 
Mannhardt  (Ethnol.  Ztschr.  1875,  7 S.  312) 
glaubt  in  ihnen  die  Zeit,  wo  man  wieder  an- 
fängt deutlich  zu  sehen,  personifiziert;  er  er- 
innert auch  an  den  Steinwurf  der  Sonne  ge- 
gen den  Mond  im  lettischen  Liede.  Zum 
hohlen  Baum,  der  wohl  den  Nachthimmel  be- 
deutet, vergl.  Kuhn,  Herabkunft  des  Feuers 
S.  25.  126;  die  Aiyvins  befreien  die  Sonne 
aus  dem  Baume  (Myriantlieus  a.  a.  0.  90).  — 
Die  spätere  Tradition  der  hellenistischen  Zeit, 
die  uns  durch  Theokrit  (id.  20,  137  ff.)  und  Ly- 
kophron  (Al.  535  ff.  mit  den  Scholien)  insbe- 
sondere erhalten  ist  (vgl.  auch  Ovid  fast.  5, 
699  ff. ; Hyg.  fab.  80),  verbindet  den  Streit  der 
Aphariden  mit  einer  andern  alten  Sage,  der 


im . 

lira  t 
fe I 
fein 
terto 
Spart; 
If ri 
lat«. 


I: 

I Tfri'ji. 

I r 

i A 

I: 

p ei,  n 
I ne  m 
I sie  de 
I fitste] 

I Ijm 

I au  da 
I ft  fall 
I liedtrj 
I M di 

I de»  L; 

I beschi 
I doch 
I gräbt. 
I diese 
ffflü 
I als  l;, 
stiehl 


1161  Dioskuren  (Aphidna) 

vom  Raube  der  Leukippos- Töchter  Hila- 
eira  und  Phoibe;  die  Namen  des  Vaters  wie 
der  Töchter  bezeichnen  deutlich  Lichtwesen, 
die  ursprünglich  wohl  nur  mit  den  Dioskuren 
verbunden  waren  und  mit  ihnen  zusammen  in 
Sparta  verehrt  wurden  (s.  unten).  Nach  den 
! Kypricn  war  der  Lichtgott  Apollon  selbst  ihr 
Vater.  Jene  spätere  Tradition  läfst  Leukippos 
Bruder  des  Aphareus  sein,  dessen  Söhne  mit 
den  Töchtern  jenes  verlobt  sind.  Die  Diosku-  1 
: ren  rauben  nun  die  Leukippiden;  die  Aphariden 
verfolgen  sie.  Der  Rinderraub  der  alten  Sage 
wird  damit  verbunden,  indem  sie  zugleich 
Rinder  und  Schätze  mitnehmen  (Theokr.)  oder 
indem  sie  von  den  Aphariden  beschimpft  wer- 
den, weil  sie  keine  Geschenke  gegeben,  worauf 
i sie  nun  die  Rinder  des  Aphareus  rauben  und 
sie  dem  Leukippos  geben,  woraus  der  Streit 
i entsteht  ( Schol . Lyk.  540).  Bei  Theokrit  hält 
j Lynkeus  eine  Versöhnungsrede  und  will,  dafs  2 
nur  das  jüngere  Paar-,  Kastor  und  er,  kämpfe; 
er  fällt  im  Zweikampfe  mit  Kastor;  Idas  wird 
niedergeblitzt,  und  beide  Dioskuren  kommen 
heil  davon.  Bei  Hygin.  fab.  80  tötet  Kastor 
den  Lynkeus,  Idas  begräbt  den  Bruder,  Kastor 
beschimpft  den  Toten,  Idas  tötet  nun  Kastor, 
i!  doch  Pollux  kommt,  besiegt  den  Idas  und  be- 
ii'  gräbt  den  Bruder.  Als  Ort  des  Kampfes  nennt 
Bl  diese  spätere  Tradition  zuweilen  Aphidna  ( Ov . 

I;  fast.  5,  699  ff. ; Steph.  Byz.  "Acpiä'ra,  wo  der  Ort  3 
l!  als  öggog  Azzcugg  aber  auch  Acnuovtnyg  be- 
zeichnet wird,  o&sv  fjGcey  at  AsvyunntSsg),  was 
wohl  nicht  echte  alte  Überlieferung,  sondern 
eine  Verwechselung  mit  dem  Kampfe  der  Dios- 
kuren in  Aphidna  in  Attika  ist. 

C.  Aphidna. 

Theseus  und  Peirithoos  hatten  Helena  ge- 
raubt und  in  der  Feste  Aphidna  oder  Aphi- 
dnai  in  Attika  geborgen;  ihre  Brüder,  die  4 
Dioskuren,  befreien  sie.  Nach  einer  Version, 
welche  auch  hiermit  den  Streit  der  Aphariden 
vermischte,  war  Helena  von  Idas  und  Lyn- 
keus geraubt  und  von  Theseus  nur  auf  bewahrt 
und  den  Dioskuren  verweigert  worden  (Plut. 

'( 1 Thes.  31).  Die  Dioskuren  verwüsten  Attika, 
erobern  Aphidnai  mit  der  Helena  und  nehmen 
Theseus’  Mutter  Aithra  gefangen,  da  Theseus 
abwesend  ist;  dies  die  schon  von  Alkman  ( frg . 
12;  Paus.  1,  41,  4)  und  Hellanikos  (fr.  74  Müll.)  5 
berichtete  Tradition.  Den  Aufenthalt  der  He- 
lena sollten  sie  in  Dekeleia  oder  in  Athen  von 
Akademos  erfahren  haben;  ein  Titakos  (Steph. 
Byz.  TizavJScct)  war  Verräter  der  Burg;  oder 
es  fand  offener  Kampf  statt,  in  dem  Kastor 
vom  Könige  Aphidnos  am  rechten  Schenkel 
verwundet  wurde  (Schol.  II.  3,  242);  die  spä- 
tere Tradition  sah  einen  Krieg  der  Lakedai- 
monier  und  Athener  überhaupt  darin;  nach 
einem  von  Hereas  angeführten  epischen  Ge-  6 
dichte  war  Theseus  beim  Kampfe  selbst  gegen- 
wärtig (Plut.  Thes.  32).  Wie  im  Aphariden- 
kampfe  liefs  man  Kastor  auch  hier  fallen  (Hyy. 
\p.  a.  2,22;  Avien.  v.  370  ff.;  Schol.  Germ.  Arat. 
p.  50) ; schon  Euripides  (Hel.  138  ff.)  deutet 
auf  einen  Xoyog,  wonach  die  Dioskuren  starben 
Gcpaytxig  ddsXqprjg  ovvsuct.  — Mit  der  Befreiung 
der  Helena  hat  man  die  indische  Sage  von  den 


Dioskuren  (Kämpfe;  Vergötterung)  1162 

Afvins  verglichen,  die  ihre  Schwester  Ushas 
befreien.  — Nach  dem  Siege  geben  die  Dios- 
kuren der  gewöhnlichen  Tradition  zufolge 
dem  Menestheus  die  Herrschaft  (Ad.  var.  hist. 
4,  5).  Das  Vorhandensein  der  Dioskuren  im 
attischen  Kultus  ward  von  den  Athenern  im 
Ansclilufs  an  diese  Sage  begründet,  indem 
man  den  Menestheus  den  Kult  einführen  und 
den  Aphidnos  sie  in  die  elensinischen  Mys- 
terien einweihen  liefs  (Ael.  a.  a.  0. ; Plut. 
Thes.  33). 

D.  Sonstige  heroische  Kämpfe. 

Die  lakonische  Sage  kannte  einen  Kampf 
der  Hippokoontiden  und  Dioskuren,  von 
dem  indes  nur  Spuren  in  der  Tradition  er- 
halten sind;  Alkman  hatte  von  ihm  gedichtet 
(frg.  16,  1;  vergl.  Preller,  gr.  Myth.  23,  91,  4); 
auch  in  der  Version,  dafs  Tyndareos  den  Hip- 
pokoontiden Enarsphoros  gefürchtet  habe,  dafs 
er  der  kleinen  Helena  Gewalt  anthue  und  sie 
deshalb  dem  Theseus  übergeben  habe  (Plut. 
Thes.  31),  offenbart  sich  der  Gegensatz  der 
beiden.  — Am  Zuge  der  Ar gonaute n sind  die 
Dioskuren  Hauptteilnehmer  (vgl.  z.  B.  Paus. 
3,  24,  7).  Ebenso  an  der  kalydonischen 
Eberjagd  (im  Verzeichnis  bei  Ovid  Met.  8,  300 
stehen  die  Tyndaridae  voran;  auch  die  Apha- 
riden und  Hippokoontiden  sind  dabei);  schon 
altattische  Vasenbilder  stellen  sie  dabei  thätig 
dar;  im  Giebel  von  Skopas  in  Tegea  waren 
sie  auf  die  beiden  Seiten  verteilt  (Paus.  8,45, 
6).  Als  That  des  Polydeukes  allein  war  be- 
sondersberühmt sein  Sieg  im  Faustkampf  über 
Amykos,  den  König  der  Bebryker,  es  ward 
diese  Sage  als  Episode  in  den  Argonautenzug 
eingeflochten  (s.  unter  Amykos  und  Argo- 
nauten). — Wohl  nur  dichterische  Erfindung 
ist  es,  wenn  die  Dioskuren  bei  Eur.  Iph.  Aul. 
1153  Agamemnon  bekriegen,  um  die  Schwester 
Klytaimnestra  zu  schützen,  da  jener  ihren  er- 
sten Gemahl  Tantalos  erschlagen.  Die  Dios- 
kuren kamen  überhaupt  in  der  Tragödie  öfter 
vor,  auch  als  Hauptpersonen  (vgl.  Naitck,  fr. 
tr.  gr.  p.  606.  645) : in  Tragödien  von  Patrokles 
und  Sophokles  dem  Jüngeren. 

E.  Vergötterung. 

Die  Sage,  welche  die  Dioskuren  als  Men- 
schen behandelte,  mufs  die  ihnen  im  Kulte 
anhaftende  Göttlichkeit  durch  eine  Vergötte- 
rung erklären;  es  ist  hier  nicht  von  dem  al- 
ten Mythos  ihres  Wechsellebens  und  -Todes 
die  Rede,  sondern  von  der  späteren  Sage  ihrer 
Vergötterung  und  Versetzung  unter  die  Sterne. 
Schon  Euripides  scheint  letztere  zu  kennen, 
wenn  er  als  einen  Xoyog  über  ihr  Ende  berich- 
tet UGZQOtg  GCp’  OflOLCO&SVZS  cpuß  tivctl  ffscii 

(Hel.  138 ff);  Polemon  wird  citiert  für  die  Ver- 
setzung unter  die  Sterne  Schol.  Eur.  Gr.  1637; 
im  Schol.  Pind.  Nein.  13  wird  gleich  nach 
einem  Citat  aus  Ibykos  und  vor  einem  von 
Polenion  gesagt,  dafs  Diomedes  mit  den  Dios- 
kuren vergöttert  worden  sei  und  mit  ihnen 
weile ; bei  Eratosth.  epit.  catast.  10  p.  86  (Bob.) 
heifst  es  von  Zeus,  dafs  er  sie  Atövyovg  ovo- 
ydoag  . . taziqGsv  sv  zotig  uazQOtg;  vergl.  Ovid 
Fast.  5,  692 ff.;  Serv.  zu  Verg.  Aen.  6,  121. 


1163  Dioskuren  (Retter  z.  See;  Kabiren) 


Dioskuren  (Kultus) 


1164  I 


i' 


Nach  einer  von  Pausanias  berichteten  Tradi- 
tion (3,  13,  1)  wurden  sie  im  40.  Jahre  nach 
dem  Streit  mit  den  Aphariden  für  Götter 


gehalten.  Das  Zwillingsgestirn  am  Himmel 


wurde  erst  relativ  spät  für  die  Dioskuren  er- 
klärt (vgl.  Preller,  gr.  Mytli.  23,  106,  3). 


III.  Retter  zur  See  und  Vermischung 
mit  den  Kabiren. 


Das  Erretten  aus  der  Not  war,  wie  oben 
gesagt,  eine  Hauptfunktion  der  Dioskuren; 
der  altpeloponnesische  und  von  da  ausgegan- 
gene Glaube  liefs  sie  besonders  im  Getümmel 
der  Schlacht  durch  ihr  Erscheinen  Hilfe  brin- 
gen. Schon  früh  ward  indes  ihre  Wirksam- 
keit auf  das  Meer  übertragen  und  wurden  mit 
ihnen,  wie  es  scheint,  andere  rettende  Dämonen 
der  gemischten  Bevölkerung  des  aigaiischen 
Meeres  identifiziert.  Zuerst  scheint  dies  bei 
den  seefahrenden  Ioniern  geschehen  zu  sein; 
im  homcr.  Hymnos  33  wird  sehr  schön  und 
poetisch  geschildert,  wie  im  Sturme  auf  der 
See  nach  einem  Gebete  und  einem  Opfer  von 
weifsen  Lämmern  die  Dioskuren  plötzlich  er- 
scheinen ^ov&jjaL  msgvySGGL  8t  ai&sgog  alt,av- 
rsg;  wahrscheinlich  ist  dies  ein  poetisches  Bild 
für  das  sog.  St.  Elms -Feuer,  das  man,  wie 
spätere  Zeugnisse  lehren,  den  Dioskuren  zu- 
schrieb und  mit  Sternen  verglich  (Luc.  navig. 
9;  Charid.  3;  demerc.  cond.  1;  Kallim.  lav.  Pall. 
24;  Horat.  Od.  1,  12,  27  ff.;  1,  3,  2).  Bei  Eurip. 
wird  öfter  geschildert,  wie  die  Dioskuren,  die 
den  Sternen  ähnlich  geworden  und  im  Äther 
unter  den  Sternen  wohnen,  nebst  Helena,  die 
Sterblichen  im  Sturme  auf  der  See  erretten 
(Hel.  140;  1495  ff ; El.  990  ff.  ..dl  cploysgäv 
cci&sq’  sv  ccGTQOig  vaCovoi ; 1241;  1348ff,  . . dux 
8’  alO'SQLccg  gtsl%ovts  TiXccuog  helfen  sie  nur 
den  Guten;  Or.  1636  Helena  mit  den  Diosk. ; 
vgl.  noch  die  Verse  bei  Plut.  de  def.  orac.  30 
und  non  posse  s.  vivi  s.  Epic.  23  snsQ%6gsvot 
ts  ycdaGGovreg  etc.).  — Als  Retter  auf  der 
See  hatten  die  samothrakischen  Götter,  die 
ffeol  [isycdoi,  grofsen  Ruf;  vgl.  Callim.  cp.  47 
( Wilam .);  Lobeclc,  Aglaoph.  p.  1218.  Ausdrück- 
liche Zeugnisse  der  Vermengung  und  Verbin- 
dung der  Dioskuren  und  Kabiren  finden  sich 
indes  erst  seit  hellenistischer  Zeit,  wo  die  sa- 
mothrakischen  Götter  überhaupt  mehr  hervor- 
treten. Auf  die  Vorstellungen  von  den  Dios- 
kuren haben  indes  jene  Gottheiten  oder  ihnen 
verwandte  wahrscheinlich  schon  in  alter  Zeit 
Einflufs  gehabt.  In  Brasiai  an  der  Ostküste 
Lakoniens  standen  auf  einer  av.qa  im  Meere 
drei  fufshohe  eherne  Bilder  mit  nilot  auf  dem 
Kopfe,  dazu  Athena;  Pausanias  konnte  nicht 
erfahren,  ob  man  sie  für  die  Dioskuren  (trotz 
der  Dreizahl)  oder  Korybanten  hielt  (P.  3,24, 5). 
Die  fufshohen  Bilder  bei  Pephnos  im  Meere 
waren  gewifs  gleicher  Art,  von  der  See  ge- 
kommene Dämonen,  ursprünglich  von  den 
Dioskuren  verschieden.  In  Amphissa  uyovav 
ts\s%r\v  ’Jvkktcov  Hcdovyevcov  naiScov,  für  wel- 
che Pausanias  drei  Erklärungen  verzeichnet, 
als  Dioskuren,  Kureten  oder  Kabiren  (P.  10, 
38,  7).  Der  allgemeine  Name  avunrsg  und 
f isyaloi  ffeot  und  die  jugendliche  Bildung 


scheint  diesen  Gottheiten  gemeinsam  gewesen 
zu  sein.  Aus  Herod.  3,  37  und  2,  43.  50 
schliefst  Lobeclc,  Aglaoph.  p.  1212  mit  Recht, 
dafs  Herodot  Dioskuren  und  Kabiren  noch 
scharf  schied.  Als  gegen  Zauber  helfende  Dä- 
monen werden  die  Dioskuren  neben  den  Ko- 
rybanten schon  bei  Aristophanes  (Eccles.  1089) 
angerufen.  Spätere  Zeugnisse  der  Vermischung 
mit  Kabiren : Diod.  4, 43 ; die  Argonauten  sind 
io  im  Sturm  an  der  troischen  Küste,  Orpheus 
betet  zu  den  samothrakischen  Gottheiten,  und 
Sterne  lassen  sich  auf  die  Dioskuren  nieder, 
und  der  Sturm  schweigt;  daher  beten  die 
Schiffer  zu  den  samothrakischen  Gottheiten, 
aber  die  Hilfe  schreiben  sie  den  Dioskuren 
durch  das  Erscheinen  der  aGTSQSg  zu.  Die 
Dioskurep.  galten  dann  auch  für  eingeweiht  in 
die  samothrakischen  Mysterien  (diese  sind  ge- 
meint Diod.  5,49).  Auf  Delos  befand  sich  ein 
20  gegen  Ende  des  2.  Jahrh.  v.  Chr.  gebautes 
Heiligtum  der  Dioskuren- Kabiren  (Pull,  de 
corr.  hell.  7 , 335  ff.)  mit  einem  Priester  ffeä iv 
gsyäXcov  Aioghovqwv  Kaßsigcav  (C.  I.  Gr.  2296; 
Bidl.  de  corr.  hell.  7,  339,  4.  340,  5)  oder  ff. 
gsy.  n ul  A.  %cä  Kaß.  (Ball.  corr.  hell.  7,  337,  3) 
oder  ff.  f isy.  Hapob'Qa-Kcov  Aiogy..  Kaß  (Bull. 
1.  c.  341).  In  der  Nähe  des  Heiligtums  waren 
andere  fremde,  namentlich  ägyptische  Kulte 
angesiedelt.  Ein  Tetradrachmon  von  Syros 
30  zeigt  die  Dioskuren  mit  Umschrift  Q-säv  Ka- 
ßsigcov  Evqliuv  (D.  a.  K.  2,  821;  Daremberg  et 
Saglio,  Dict.  1,  p.  773).  Sehr  ähnlich  ist  das 
Bild  auf  dem  Tetradrachmon  des  Eumenes  II 
(Brit.  Mus.  guide  pl.  48,  7 ; Imlioof- Blumer,  M. 
v.  Pergamon,  Abh.  Berl.  Alcad.  1884,  Tf.  3, 18. 
S.  13)  ohne  Umschrift.  Varro  setzte  die  römi- 
schen Penaten,  den  (isyaloi  ffsot  (magni  dii) 
gleich,  und  diese  seien  simulacra  duo  virilia 
Castoris  et  Pollucis  in  Samothrake  am  Hafen 
40  (Serv.  ad  Aen.  3,  12;  vgl.  Dion.  Hai.  1,  68  ff. 
die  Penaten  von  Troia  hergeleitet,  wie  die 
Dioskuren  als  zwei  Jünglinge  mit  Lanzen  be- 
schrieben; vgl.  Neuhäuser,  de  Cadmilo  p.  8 ff). 
Auch  im  orphischen  Hymnus  37  sind  Dioskuren 
und  samothrakische  Gottheiten  identifiziert. 


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IV.  Cultus. 


Der  Cultus  ist  eigentlich  zu  Hause  in  Lake- 
50  daimon  und  Messenien,  auch  Argos,  wo  er  der 
vordorischen , der  achaiischen  Bevölkerung 
eigen  war.  Die  Messenier  erhoben  noch  spä- 
terhin Anspruch,  die  Dioskuren  ursprünglich 
besessen  zu  haben  (Paus.  3,  26,  3.  4,  31,  9). 
Nicht  die  Kultstätten  am  Meere , obwohl  die 
von  Alkman  benutzte  Geburtssage  in  Pephnos 
lokalisiert  war  (wo  jedoch,  wie  in  Brasiai,  die 
Dioskuren  mit  rettenden  Seedämonen  ver- 
quickt waren,  s.  o.),  sondern  die  inmitten  des 
60  Landes  scheinen  die  ältesten;  namentlich  The- 
rapne,  das  Centrum  der  vordorischen  Kultur, 
und  Sparta  selbst;  bei  Therapne  weilen  sie 
unter  der  Erde  nach  Pindar  Nem.  10,  105;  den 
Kastor  nennt  derselbe  sv  ’Axcaotg  viphzsdov  0s- 
Qanvctg  olnscov  s8og  (Isthm.  1,42);  die  Dorer  in 
Amyklai  werden  ysuovsg  der  Dioskuren  genannt 
(Pytli.  1,  126).  Bei  Therapne  war  das  Plioi- 
baion  (vgl.  Herod.  6,61)  und  darin  der  Tempel 


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Dioskuren  (Kultus) 


1166 


Dioskuren  (Kultus) 

der  Dioskuren ; ihr  Kult  scheint  hier  mit  dem 
des  Ares  verbunden  gewesen  zu  sein,  da  die 
| Epheben  hier  dem  Enyalios  opferten  (Paus.  3, 

! 20,  2);  das  Bild  des  Ares  in  seinem  benach- 
barten Tempel  sollten  die  Dioskuren  von  Kol- 
: chis  geholt  haben  (Paus.  3,-  19,  7).  Kaoxogog 
yvryia  war  in  der  Stadt  Sparta  und  über  dem 
Grab  das  Heiligtum  (Paus.  3,13,1);  das  lsquv 
des  Polydeukes  mit  einer  nach  ihm  benannten 
i Quelle  war  zur  Rechten  des  Weges  nach  The-  i 

Ij  rapne.  Die  oiMa  der  Dioskuren  ward  in  Sparta 
; gezeigt  (Paus.  3,  16,  2);  hier  wurden  sie  auch 
; mit  den  Chariten  zusammen  in  einem  tsgov 
verehrt  (Paus.  3,14,6).  Auf  dem  Krammarkte 
| in  Sparta  waren  Altäre  von  Zeus,  Athene  und 

«den  Dioskuren  als  agßovhoi  (Paus.  3,  1 3,  6) ; 

am  Anfang  des  dgogog  standen  sie  als  dcpsxr'i- 
ii  qlol  (Paus.  3,  14,  7).  Ein  tgöncnov  erinnerte 
j an  den  Sieg  des  Polydeukes  über  Lynkeus. 

(Oft  werden  von  Dichtern  die  am  Eurotas  woh-  2 
nenden  Tyndariden  genannt  (Aristoph.  Lys. 
1301;  Theogn.  1087).  In  der  südlich  von  Gy- 
theion  belegenen  Bergfeste  Las  sollten  die 
Dioskuren,  von  Kolchis  zurückgekehrt,  den 

I Tempel  der  Athena  Asia  gebaut  haben  (Paus. 

i 3,  24,  7);  der  Beiname,  den  die  Dioskuren  in 
:t  { Sparta  führten,  Adnigcca  ward  im  Altertum, 
i doch  schwerlich  richtig,  von  einer  Zerstörung 
i der  Feste  durch  die  Dioskuren  erklärt  (vgl. 

! Preller,  gr.  Mytli.  23,  101).  — ln  Messenien  s 
li  wurde  bei  Neugründung  der  Stadt  Messene  in 
< [ erster  Linie  dem  Zeus  lthomatas  und  den  Di- 
> oskuren  als  obersten  Göttern  geopfert  (Paus. 

| 4,  27,  6).  Von  einem  Birnbaum  in  der  Ebene 
: bei  Stenyklaros  ging  die  alte  Sage,  die  Dios- 
kuren hätten  auf  ihm  gesessen,  weshalb  er 
ihnen  heilig  war,  ein  Rest  des  an  Bäume  an- 
kniipfenden  ältesten  Cultus  (Paus.  4,  14,  5). 
Ihr  Unglück  im  zweiten  messenischen  Kriege 
I ' schrieben  die  Messenier  dem  Zorne  der  Dios-  4 
kuren  zu,  den  sie  erst  bei  ihrer  Rückkehr 
i durch  Epaminondas  versöhnt  glaubten  (Paus. 

4,  26,  6;  27,  1 ff  ; vgl.  14,9).  In  der  Stadt 
1 Messene  waren  Bilder  der  Dioskuren  mit  den 
Leukippiden  im  Arme  (Paus.  4,  31,  91.  — Auf 
, Kythera  ein  Dioskuren -Relief  mit  Inschrift 
Ttfdapidat[e]  (Mitth.  d.  a.  I.  5,231).  — Auch 
in  Arkadien  wurden  sie  verehrt  (Tempel  in 
Mantinea  Paus.  8,  9,  2;  Kleitor  Paus.  8,  21,  4 
als  ysydlox  ffsot;  ein  Dioskuren-Relief  in  Tri-  5 
politza  Mitth.  d.  a.  I.  4, 144,  2).  — In  Achaia: 
bei  Pharai  ein  Lorbeerhain  der  Diosk.  (Paus. 
7,22,5);  Diosk. -Relief  in  Patras  (Mitth.  d.  a.  I. 
4,  126,  3).  — In  Argos  ist  der  Kult  altein- 
- heimisch:  mau  verehrte  hier  das  Grab  des 

Kastor,  der  MitgccQxaytxug  hiefs,  während  Po- 
lydeukes für  einen  der  Olympier  galt  (Plut. 

1 qu.  gr.  23).  In  der  Stadt  war  ein  Tempel  mit 
I alten  Bildern  von  Dipoinos  und  Skyllis,  die 
Dioskuren  nebst  Söhnen  und  Frauen  (den  61 
Leukippiden)  darstellend  (Paus.  2,  22,5);  auf 
dem  Wege  nach  Lerna  ein  Alogkovqwv  isqov 
’Avdnxav  (Paus.  2,  36,  7);  Basis  einer  männ- 
lichen Statuette  aus  Argos  mit  der  Inschrift 
I xwv  J-avccCfCov  (Arch.  Ztg.  1882,  S.  383);  ein 
Rad  ebendaher  mit  Inschrift  xol  J-dvanoi  (Roehl, 

; inscr.  antiquiss.  43  a p.  173;  Inscr.  of  the  Brit. 
Mus.  138);  ein  Sieger  in  Wettspielen  weiht 


ihnen  Bilder  (Boehl,  inscr.  ant.  37).  Ein  Ti- 
mokrates  in  Argos  rühmt  sich,  Nachkomme 
der  Dioskuren  zu  sein  (C.  I.  Gr.  1124).  Vgl. 
Sophocl.  frg.  869;  Schol.  Find.  Pyth.  1,  127. 
In  einem  Stadion  bei  Hermione  sollten  die 
Dioskuren  gekämpft  haben  (Paus.  2,  34,  10).  — 
Von  Lakonien  über  Thera  kam  der  Kult  nach 
Kyrene  (durch  Battos),  wo  er  in  hohem  An- 
sehen stand;  vgl.  Find.  Pyth.  5,  10  f.  nebst 
Schol.,  wo  Kastor  der  den  König  beglückende 
Hausgott  ist  (vgl.  Thrige  de  Cyren.  p.  290). 
Auf  den  Münzen  der  Cyrenaica  erscheinen  nur 
Symbole,  die  man  auf  die  Dioskuren  beziehen 
kann,  jedoch  nicht  mufs  (ein  oder  zwei  Sterne; 
Rofs  mit  Stern;  Rad).  In  Kerkyra  war  ein 
Isqov  der  Dioskuren  (Thuk.  3,  75;  vgl.  C.  I. 
Gr.  1874). 

In  Akragas  Verehrung  der  Tyndariden  mit 
Helena  (Find.  Ol.  3,  1);  in  Selinunt  s.  die  In- 
schrift höhl,  Inscr.  antiq.  515  (ebenfalls  „Tyn- 
dariden“); in  dem  von  Messemern  396  gegrün- 
deten Tyndaris  waren  sie  Stadtgottheiten,  vgl. 
v.  Buhn  in  v.  Sallets  Num.  Ztschr.  1876  S.  39.  — 
In  Attika  wurden  die  Diosk.  hauptsächlich  un- 
ter dem  Namen  "Avcoisg  verehrt  wie  in  Argos; 
so  heifsen  sie  in  den  Inschriften  des  5.  Jahrh. 
(C.  I.  A.  1,34.  206.  210);  in  ihrem  alten  Hei- 
ligtum waren  sie  mit  ihren  Söhnen  dargestellt 
wie  in  Argos  (Paus.  1, 18, 1;  Thuk.  8,  93);  die 
Einführung  ihres  Kultes  unter  dem  Namen  ”Av. 
und  ZW fjQsg  ward  in  späterer  Zeit  dem  Me- 
nestheus  zugeschrieben,  da  er  die  Herrschaft 
von  ihnen  erhalten  habe  (Ael.  var.  hist.  4,  5) ; 
oder  sie  seien  so  genannt  worden,  da  sie  At- 
tika verschont  und  nur  Aithra ‘geraubt  hätten 
(Schol.  Lyc.  Al.  504),  natürlich  auch  eine  späte 
historisierende  Deutung.  Ihr  Priester  in  der 
Inschrift  Athen.  6 p.  235  b;  C.  I.  A.  3,  290; 
ib.  195  Altar  Xcoxygoxv  Avd%oiv  xs  Aloghoqoiv. 
Ihr  Tempel  hiefs  ’Ardnexov , ihr  Fest  ’Avdusia. 
Auch  ’EysaxioL  sollen  die  Dioskuren  in  Athen 
geheifsen  haben  (Theodoret.  Therap.  8 p.  115 
Sylb. ; Schöll  im  Hermes  6, 18),  vielleicht  auch 
(poicrpöooi  (vgl.  Schöll  ebenda;  die  Inschriften 
C.  I.  A.  3,  10.  1041  u.  a.).  Sie  galten  als  in 
die  Mysterien  von  Eleusis  eingeweiht  (Xenoph. 
hell.  6,  3,  6;  Apollod.  2,  15,  12;  Diod.  4,  14.  25; 
die  Inschrift  C.  1.  Gr.  434  = C.  I.  A.  3,  900; 
über  die  Vasen  vgl.  Strube,  Eleusin.  Bilderkr. 
S.  46  ff.).  Im  Demos  Kephalai  waren  sie  die 
Hauptgötter  und  als  Msydloi  ffsoi  verehrt 
(Paus.  1,  31,  1).  — In  Erythrai  wird  ein  Prie- 
stertum der  Dioskuren  erwähnt  (Rev.  arch. 
1877,  34,  107  ff. ; Bittenberger,  Syll.  370).  Hei- 
ligtum bei  Torone  in  der  Chalkidike  Thuk.  4, 
110.  Priester  in  Tenedos  C.  I.  Gr.  2165.  Hei- 
ligtum in  den  akrokeraunischen  Bergen  Heu- 
zey,  Maced.  p.  407;  in  Epirus  an  einer  Fels- 
wand am  Strande  Inschriften  späterer  Zeit  an 
die  Dioskuren  (C.  I.  Gr.  1824 ff.).  — Die  Kult- 
beinamen der  Dioskuren  kamen  schon  vor. 
Was  ihre  Feste  betrifft,  so  wissen  wir, 
dafs  in  Sparta  Tanz  dabei  eine  besondere 
Rolle  spielte  (Plato  de  leg.  p.  796  b);  auch 
Agone  waren  dabei,  vgl.  C.  I.  Gr.  1444  (aus 
späterer  röm.  Zeit)  eine  Priesterin  und  dycovo- 
Q'txig  xcov  Gspvoxazcov  Aioghovqsl gjv-  ihre  Fest- 
feier im  Heer  Paus.  4,  27,  2.  Wie  noch  einige 


1167 


Dioskuren  (Kultus) 

andere  Gottheiten,  deren  Walten  vorwiegend 
in  der  Erde  gedacht  wurde,  so. feierte  man 
namentlich  die  Dioskuren  durch  Aufstellung 
eines  wirklichen  Speisetisches  und  einer  Kline, 
auf  die  man  die  Gefeierten  zu  Gaste  lud,  wes- 
halb diese  Art  der  Feier  £svia  genannt  zu 
werden  pflegte;  in  Familien,  die  den  Kult  der 
Dioskuren  besonders  pflegten,  scheint  meist 
die  Tradition  eines  einstigen  leibhaftigen  Be- 
suchs derselben  existiert  zu  haben;  Vereine 


Dioskuren  und  Helena  (nach  Annali  clell'  Inst.  33 
tav.  D Fig.  2). 


Dioskuren  (b.  d.  Römern)  1168  !] 

Gaste  gekommen  sein  sollten  und  dessen  Ge-  ,1 
schlecht  sie  als  Schutzgötter  verehrte  ( Pind . 
Nem.  10,  91  ff.).  Euphorion  aus  der  Azania  in 
Arkadien  hatte  die  Dioskuren  auch  einst  em- 
pfangen ( Herod . 6,  27).  Tn  Akragas  wurden 
die  Dioskuren  (mit  Helena)  vom  Geschlechte 
der  Emmeniden  £sviaig  TQansgcag  verehrt  ( Pind , 

Ol.  3,70).  Detailliert  ist  die  Angabe  aus  einem 
Komiker  über  den  Kult  in  Athen,  wo  man  im 
Prytaneion  den  Dioskuren  Inl  räv  xgans^mv 
Käse,  Gerstenteig,  Oliven  und  Lauch  vorsetzte 
{Athen,  p.  137  e;  vgl.  Schöll  im  Hermes  6,  17  f.) ; 
auch  rtctQCiGiTOi  waren  beim  Feste  in  Athen  im 
Anakeion  (Inschrift  bei  Athen,  p.  235  b;  vgl. 
Denelcen,  de  theoxen.  p.  23).  Eine  attische  Le- 
kythos  (aus  Kameiros)  giebt  ein  Bild,  wie  m^n 
die  Dioskuren  zu  ihren  %sviu  kommend  dachte 
{Froehner,  deux  peint.  de  vases  gr.  und  beist.  > 
Abbildung  S.  1169/70).  Aus  der  Geschichte  von 
Iason  von  Pherai  bei  Polyaen.  straf.  6,  1,3 
geht  hervor,  dafs  in  Thessalien  %hia  der 
Dioskuren  Brauch  waren,  zu  denen  man  kost- 
bare Gefäfse  benützte.  Ein  Relief  aus  La- 
rissa in  Thessalien  stellt  den  Apparat  der  T 
via,  Tisch  und  Kline,  dar  und  darüber  die 
schwebenden  Dioskuren,  unten  die  betenden 
Stifter  {Heuzey,  Maced.  pl.  25,  1).  Die  Lokrer 
bereiten  den  Dioskuren  eine  vJJvy  auf  dem 
Schiffe,  nachdem  sie  von  den  Spartanern  auf 
deren  Hilfe  hingewiesen  waren  (Hiod.  8,  32). 
Eine  Inschrift  lehrt  d-so^evia  der  Dioskuren  in 
Paros  kennen  (C.  I.  Gr.  add.  2374  e;  Opfer  und 
Schmaus,  deren  Besorgung  dem  Polemarchen 
obliegt).  Bakchylides  (frg.  28)  rief  in  einem 
Liede  die  Dioskuren  enl  £,svia.  Die  Dioskuren 
heifsen  t an 6 Im  bei  Aristophanes  {fr.  295). 


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zu  gemeinsamer  Opferfeier,  die  sich  an  solche 
Familien  allmählich  anschlossen,  stellten  in 
späterer  Zeit  zuweilen  Relieftafeln  zur  Erinne- 
rung an  die  Feier  auf;  solche  besitzen  wir  aus 
Sparta,  s.  Denelcen,  de  theoxeniis,  Berl.  1882, 
p.  75  ff.  und  obige  Abbildung;  sie  stellen  die 
Dioskuren  nebst  Helena  dar  (in  Gestalt  eines 
steifen  Bildes) , deren  Kult  hier  und  ander- 
wärts mit  dem  der  Dioskuren  verbunden  war 
(vergl.  Huhn  in  Sallets  Numism.  Zeitschrift 
1876,  S.  39);  auf  einem  Exemplar  ist  der 
Speisetisch  auch  deutlich;  darunter  die  In- 
schrift mit  dem  Verzeichnis  der  Teilneh- 
mer. In  Sparta  (wie  in  Argos,  s.  o.)  gab  es 
Priester,  die  sich  auf  die  Dioskuren  selbst  zu- 
rückführten {C.  I.  Gr.  1340.  1353.  1355).  Von 
dem  Glauben  an  die  Epiphanie  der  Dioskuren 
bei  ihrem  Feste  in  Sparta  sollen  alte  Kriegs- 
listen Gebrauch  gemacht  haben  {Paus.  4,  27, 
1 ff-;  Polyaen.  strat.  2,  31,  4).  Der  Spartaner 
Phormion,  ein  Wundermann  ähnlich  Epimeni- 
des,  ward  besonders  mit  Erscheinungen  und 
Wundern  der  Dioskuren  in  Verbindung  gesetzt; 
s.  über  denselben  Meinel&e,  com.  gr.  2 p.  1227  ff. ; 
es  geht  daraus  hervor,  dafs  auch  in  Kyrene 
und  Kroton  seit  alter  Zeit  die  Dioskuren  mit 
Uvia  gefeiert  wurden;  in  Kyrene  war  ihnen 
das  Silphion  heilig.  Dafs  Helena  in  Sparta 
mit  den  Dioskuren  durch  | tvia  geehrt  wurde, 
deutet  Eurip.  Hel.  1668  an.  ln  Argos  wissen 
wir  von  Pamphaes,  bei  dem  die  Dioskuren  zu 


V.  Bei  den  Römern. 

Vgl.  das  Buch  von  Maur.  Albert,  le  culte 
de  Castor  et  Pollux  en  Italie , 1883,  und  dessen 
Recension  von  Jordan,  Deutsche  Litteraturztg. 
1883,  S.  1503.  Von  den  eifrigen  Kultstätten 
der  Dioskuren  in  Unteritalien  scheint  sich 
frühzeitig  ihr  Kult  auch  in  die  Gegend  von 
Rom  verbreitet  zu  haben.  Tn  Latium  war 
Tusculum  ein  Ort  alter  Verehrung  derselben; 
vgl.  Cicero  de  dir.  1,  43,  98;  Münzen  der  gens 
Sulpicia  zeigen  die  Dioskuren  auf  der  einen, 
die  Burg  von  Tusculum  auf  der  andern  Seite. 
Sie  wurden  dort  durch  ein  jährliches  lectister- 
nium  mit  einem  stroppus  auf  dem  pulvinar 
gefeiert  {Festus  s.  v.  stroppus).  Sie  müssen 
den  Römern  bereits  bekannt  gewesen  sein,  als 
sie  in  der  Schlacht  am  See  Regillus  496  v.  C. 
auf  dem  Gebiete  von  Tusculum  glaubten,  die 
Dioskuren  erschienen  ihnen  gerade  wie  den 
Lokrern  in  der  Schlacht  an  der  Sagra  helfend 
zu  Rofs  {Cie.  nat.  deor.  2,  2,  6.  3,5,11;  Dion. 
Hai.  6,  13;  Flut.  Aem.  Paul.  25);  es  war  um 
die  Iden  des  Juli,  in  welche  Zeit  wahrschein- 
lich die  Festfeier  der  Dioskuren  fiel;  auch  die 
Schlacht  bei  Pydna  {Cic.  nat.  d.  3,5,11;  Val. 
Max.  1,  8,  1)  und  die  gegen  die  Cimbern  bei 
Verona  {Plut.  Mar.  26),  in  denen  beiden  man 
die  Dioskuren  erschienen  glaubte,  fanden  um 
diese  Zeit  statt.  Nach  dem  Siege  am  See  Re- 
gillus wurde  den  Dioskuren  em  Tempel  an 
der  Stelle  auf  dem  Forum  in  Rom  erbaut,  wo 


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1169  Dioskuren  (b.  d.  Römern) 


Dioskuren  (Symbole  n.  Attribute)  1170 


sie  nach  der  Schlacht  erschienen  sein  sollten; 
auch  das  Bassin  der  luturna,  wo  sie  ihre  Rosse 
gebadet  haben  sollten,  ward  ihnen  heilig;  vgl. 
Albert  a.  a.  0.  p.  35  ff.  Die  noch  stehenden  Säu- 
len des  Tempels  stammen  von  dem  Neubau 
des  Tiberius;  auf  zwei  Fragmenten  des  Stadt- 
plans aus  Septimius  Severus’  Zeit  erscheint 
dieser  Bau  ( Albert  a.  a.  0.  pl.  1).  Das  jährliche 
Fest  fiel  auf  die  Iden  des  Juli;  der  Glanzpunkt 
desselben  war  die  transvcctio  equitum,  deren 
bestimmte  Anordnung  um  304  v.  Chr.  getroffen 
wurde;  vgl.  Liv.  9,  46;  Dion.  Hai.  6,  13;  Val. 
Max.  2,  2,  9;  es  war  ein  Festzug  der  Ritter 
von  dem  Thore,  durch  welches  einst  der  Dik- 


hiefs  es  aedes  Castoris,  indem  man  diesen  für 
wichtiger  als  Pollux  gehalten  zu  haben  scheint. 
Man  schwor  bei  ihnen  oft  ( Edepol , Mecastor). 

VI.  Symbole  und  Attribute. 

a)  d b h a v u nach  Flut,  de  frat.  am.  1 das 
älteste  Kultsymbol,  onpidQvpa  bei  den  Lake- 
daimoniern,  bestehend  aus  zwei  vertikalen, 
durch  zwei  horizontale  verbundenen  Balken, 
io  Sie  sind  bildlich  bis  jetzt  noch  nicht  vorge- 
kommen. Viel  Wahrscheinlichkeit  hat  die  Ver- 
mutung von  E.  Cartius  [Peloponnesos  2 S.  316), 
dafs  es  ein  Symbol  der  heiligen  Grabesthüre 
bei  Thalamai  sei.  — b)  Zwei  Amphoren 


l 


Die  Dioskuren  zu  den  Xenia  eilend  (von  einer  attischen  Lekythos;  vgl.  S.  1168,  Z.  17 ff.). 


tator  mit  den  Rittern  von  der  Schlacht  am 
i ■ See  Regillus  eingezogen  war,  dann  aufs  Fo- 
rum, Capitol  und  herab  zum  Circus.  Sie  wur- 
den in  Rom  speziell  vom  Ritterstande  verehrt; 
damit  wurden  sie  auch  Schutzpatrone  der 
grofsen  Kaufmannschaft  und  des  Börsenge- 
schäfts,  und  so  waren  sie  ein  passender  Typus 
für  die  für  denVerkehr  nach  aufsen  geprägten 
ersten  Denare  Roms  (s.  Mommsen,  röm.  Münzw. 
S.  301).  — Aufserhalb  Roms  ist  ein  Tempel 
der  Dioskuren  erhalten  in  Cora  ( C . I.  L.  1, 
1150  aedem  Castoris  et  Pollucis) ; wir  haben 
| ferner  die  Inschrift  eines  Tempels  in  Capua 
vom  Jahre  648  d.  St.  ( C . I.  L.  1,  567)  und 
, eines  am  Tifata  vom  Jahre  655  d.  St.  (ib.  569). 
Der  Kultus  verbreitete  sich  übrigens  im  römi- 
schen Reiche  wenig  weiter  (s.  Jordan  bei 
Preller,  röm.  Myth.  2,  305,  1).  — Die  Namen 
der  Dioskuren  in  Rom  waren  Kastor  und  Pol- 
lux, älter  Polluces;  im  Plural  sagte  man  ge- 
wöhnlich Castores-,  aedes  Castormn  kommt  in- 
des erst  mit  dem  3.  Jahrh.  n.  Chr.  vor;  sonst 


mit  oder  ohne  Schlangen.  Dies  Symbol  ist 
in  Lakonien  sehr  häufig,  doch  aus  der  archa- 
ischen Zeit  bis  jetzt  nicht  bekannt.  Es  ist  ein 
50  häufiger  Typus  der  Erzmünzen  der  Lakedaimo- 
nier  (s.  Abbild.  S.  1171.) ; die  Schlangen  umwin- 
den die  Amphoren;  der  Avers  dieser  Münzen 
zeigt  die  Köpfe  der  Dioskuren;  auf  laked.  Silber- 
münzen kommen  die  Dioskurenhiite  mit  Ster- 
nen zu  den  Seiten  einer  Amphora  vor.  Auf 
Votivreliefs  aus  Sparta  mit  dem  Bilde  der 
Dioskuren  erscheinen  die  Amphoren  mit  und 
ohne  Schlange  ( Dressei  und  Milchliöfer  in  den 
Mittli.  d.  Ath.  Inst.  2 Nr.  209.  210).  Auf  einem 
co  Postamente  vor  den  Bildern  der  Dioskuren 
stehen  die  Amphoren  in  dem  Votivrelief  des 
Argenidas  in  Verona  ( Dütschke , Bildiv.  v.  Oberit. 
4 Nr.  538;  s.  Abbildg.  S.  1171),  das  vermut- 
lich aus  einer  lakonischen  Küstenstadt  stammt 
(wohl  aus  d.  2.  Jahrh.  v.  Chr.).  Wir  finden 
dasselbe  Symbol  endlich  als  Beizeichen  auf 
Münzen  des  von  Sparta  kolonisierten  Tarent 
(AG,  neben  Adler,  zwei  Amphoren  mit  Sternen 


11  71  Dioskuren  (Symbole  u.  Attribute) 


Dioskuren  (Symbole  u.  Attribute)  1172 


darüber;  AS  unter  dem  Rosse  des  Reiters; 
neben  dem  Taras  auf  dem  Delphin,  vgl.  Brit. 
Mus.  guide 2 pl.  33,  12).  Die  Form  der  Gefäfse 
ist  immer  schlank,  die  Henkel  meist  gewunden; 
gewöhnlich  mit  konischen  Deckeln  versehen ; die 
Form  stimmt  mit  den  auf  den  attischen  Grab- 
steinen besonders  der  hellenistischen  Zeit  so 
häufig  vorkommenden  überein.  Die  Bedeutung 
derselben  ist  schwer  zu  bestimmen;  agonistisch 


der  See  als  Retter  verehrten,  da  man  hier  der 
Erscheinung  der  ugtsqes  die  Rettung  zuschrieb. 
Schon  die  Aigineten  weihen  nach  der  Schlacht 
von  Salamis  nach  Delphi  drei  goldene  Sterne 
auf  einem  Mastbaum,  die  sich  wohl  auf  die 
Dioskuren  und  Helena  beziehen.  Von  archa- 
ischen Denkmälern  wüfste  ich  indes  keines, 
das  Sterne  mit  den  Dioskuren  zusammen- 
stellte; in  späterer  Zeit  jedoch  ist  es  ganz 


sind  sie  jedenfalls  nicht  zu  fassen,  denn  dann  io  allgemeiner  Brauch  und  ist  dies  Symbol  be 


miifste  man  statt  der  Schlange  einen  Palm- 
zweig dabei  erwarten.  Viel- 
leicht beziehen  sie  sich  auf 
einen  Kultgebrauch , wonach 
.man  den  Dioskuren,  wie  man 
I ihnen  Speisetische  hinstellte, 
so  etwa  auch  Weinamphoren 
vorsetzte ; sie  erscheinen  neben 
dem  Speisetisch  auf  einem  spar- 


sonders  auf  Münzen  häufig.  - — Die  Identifi- 
kation der  Dioskuren  mit  dem  Zwillingsge- 
stirn am  Himmel  ist  spät  (s.  o.).  — g)  Piloi. 
Das  konstanteste  Attribut  der  Dioskuren  in 
späterer  Zeit  ist  der  hohe  Hut,  der  niXoq.  Von 
Wichtigkeit  ist  indes,  dafs  er  den  Dioskuren 
in  älterer  Zeit  fremd  ist.  Wir  können  sein 


Aufkommen  namentlich  mit  Hilfe  der  Münzen 
und  Vasen  verfolgen.  Es  ist  mir  kein  Denk 


Lakedaimonische  tanischen  Relief;  auf  dem  Re-  20  mal  vorgekommen,  das  sicher  wesentlich  älter 
Erzmünze.  lief  des  Argen idas  (s.  u.)  ste-  als  das  3.  Jahrh.  v.  Chr.  wäre  und  die  niXoi 

hen  sie  auf  einem  Postament  als  Attribut  der  Dioskuren  zeigte.  Im  3.  Jahrh. 

neben  dem  Altar.  Die  Schlangen  sind  jeden-  jedoch  sind  sie  bereits  sehr  häufig  und  zwar 

falls  sepulkraler  Bedeutung;  da  die  Dioskuren  an  den  verschiedensten  Orten,  obwohl  auch 

in  Lakonien  besonders  als  Unterirdische  ver-  Dioskuren  ohne  Piloi  noch  oft  gebildet  werden, 

ehrt  wurden,  so  darf  dies  nicht  auffallen;  viel-  Häufig  ist  dann  auch  zu  sehen,  dafs  Sterne  über 

leicht  sind  die  Vasen  auch  nur  sepulkrale  den  Hüten  schweben;  auch  ist  der  Pilos  oft  von 

Lorbeer  bekränzt.  Eine 


dem  4.  Jahrh.  noch  zuzu- 
weisende Silbermünze  im 
Brit.  Mus.  zeigt  in  der 
Abbild.  (Catal.,  Itahj  p.  172) 
Piloi,  von  denen  die  Be- 
schreibung jedoch  nichts 
sagt , und  die  wohl  nur 


durch  die  Zeichner  herein- 


Votivrelief  des  Argenidas  in  Verona. 


Symbole.  — c)  Schlange.  Nicht  nur  mit 
den  Amphoren,  auch  allein  kommt  die  Schlange 
in  Lakonien  bei  den  Dioskuren  vor;  so  auf  50  Piloi. 


gekommen  sind;  am  Ber- 
liner Exemplar  der  Münze 
sind  die  Köpfe  leider  ab- 
gescheuert. — Die  Lake- 
daimonier  trugen  nüoi  in 
der  Schlacht  (Thule.  4, 3 ff.); 
doch  die  altspartanischen 
Dioskuren  entbehren  ge- 
rade der  Hüte.  Dagegen 
i trugen  die  wahrscheinlich 
alter  Zeit  angehörigen  drei 
mit  den  Dioskuren  identificierten  Dämonen 
auf  der  Klippe  bei  Brasiai  (Paus.  3,  24,  5) 


Wir  besitzen  aus  Griechenland  in  Ter- 


tackt, 
nd  Sl 


einem  spartanischen  Relief  (Dressei- Milclihöf er 
a.  0.  Nr.  220)  und  auf  dem  Veroneser  Relief 
(s.  0.).  — d)  Silphion.  Es  war  den  Dioskuren 
in  Kyrene  heilig.  Vgl.  Paus.  3,  16.  Suid.  s.  v. 
'Poq/ju'cov.  Münzen  von  Kyrene  (Silphion  und 
zwei  Sterne).  — e)  Hahn.  Im  Giebel  eines 
spartanischen  Reliefs  an  die  Dioskuren  zwei 
Hähne  (Dressei- Milclihöf  er  a.  0.  Nr.  209).  Auf 
Münzen  von  Tyndaris  (iE)  Hahn  und  Stern. 


racotta  zwerghafte  Dämonen  phoinikisieren- 
den  archaischen  Stiles  mit  Piloi.  Die  Piloi 
hängen  wohl  mit  der,  wie  wir  sahen,  besonders 
nach  Alexander  durchgeführten  Vermischung 
der  Dioskuren  mit  anderen  zur  See  rettenden 
Dämonen  zusammen.  — h)  Pferde.  Das  Rofs 
ist  das  älteste  und  mit  dem  Wesen  der  Dios- 
kuren innigst  verknüpfte  Symbol  und  Attribut 
derselben.  Das  Rofs  führend  oder  reitend  er- 


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Der  Hahn  konnte  den  Dioskuren  als  Licht-  60  scheinen  sie  seit  den  ältesten  Zeiten.  Ob  ein 


gottheit  gegeben  werden.  Der  Euainetos  je- 
doch, der  nach  einem  Epigramm  des  Kalli- 
maclios  (56)  einen  ehernen  Hahn  den  Tynda- 
riden  wegen  eines  Sieges  weihte,  dachte  wohl 
zunächst  an  ihre  streitbare  Natur.  — f)  Sterne. 
Sie  sind  eins  der  gewöhnlichsten  Symbole  der 
Dioskuren,  doch,  wie  es  scheint,  anfänglich 
nicht  der  altpeloponnesischen,  sondern  der  auf 


Rofs  allein  mit  einem  Stern  darüber,  eine  auf 
Münzen  der  die  Dioskuren  verehrenden  Orte 
häufige  Darstellung  (z.  B.  Kyrene,  Syrakus, 
Tyndaris  u.  a.),  sich  auf  die  Diosk.  beziehe,  ist 
wahrscheinlich,  doch  nicht  gewifs.  — i)  Kranz. 
Palmzweig.  Ihrer  Wirksamkeit  als  Siegver- 
leiher  entsprechend,  wird  den  Dioskuren  öfters 
ein  Kranz  gegeben;  so  halten  sie  auf  einemsehr 


I «net  Ot 


1173  Dioskuren  (in  d.  Kunst) 

alten  spartanischen  Relief  einen  Kranz  ( Mittli . 
d.  atli.  Inst.  8,  Taf.  18,  2);  der  Palmzweig,  an 
dem  sich  zuweilen  noch  ein  Kranz  befindet, 
kommt  in  den  Händen  der  Dioskuren  auf  Mün- 
zen des  4.  Jahrh.  in  Tarent  vor  (s.  Abbildung 
S.  1175),  auf  etwas  späteren  der  Brettier  u.  a. 


VII.  In  der  Kunst. 

a)  Die  Heimat  des  Kultes  der  Dioskuren,  io 
die  Peloponnes,  liefert  auch  die  einzigen  uns 
bekannten  alt  archaischen  Monumente.  Er- 
halten sind  aus  der  Umgegend  von  Sparta: 
Relief  Mittli.  d.  ath.  I.  8 S.  371  ff.  Tf.  18,  2,  beide 
gegenüber  stehend,  einen  Kranz  haltend,  mit 
Weihinschrift;  ib.  2 S.  313,  14  neben  ihren 
Rossen  stehend;  ib.  S.  316,  17  sich  gegenüber, 
ohne  Rosse;  sie  sind,  soweit  erhalten,  immer 


Dioskuren  (in  d.  Kunst)  1174 

legebl.  4,  9,  1;  s.  beist.  Abbildung  nach  Mon. 
d.  Inst.  2,  22);  verwandt  eine  Amphora  im 
Brit.  Mus.  Nr.  584. 

b)  In  den  Denkmälern  des  5.  Jahrh.  sind 
die  Dioskuren  selten.  Beistehend  wird  zum 
ersten  Male  eine  Gemme  des 
Berliner  Museums  ediert,  neuerer 
Erwerbung,  aus  Kleinasieu  an- 
geblich, doch  wohl  eher  pelo- 
ponnesisch,  die  in  noch  etwas 
gebundenem  Stile  der  2.  Hälfte 
des  5.  Jahrh.  die  Dioskuren  als  Berhn'  Gemme 
Knaben,  durch  Inschrift  bezeich-  (uuediert). 
net,  mit  dem  Knöchelspiel  beschäftigt  zeigt; 
sie  haben  beide  eben  einen  Astragal  ausgewor- 
fen. Die  Darstellung  ist  sehr  lebendig  und  hat 
doch  etwas  sehr  Strenges;  die  Figuren  haben 
besondere  Plinthen;  man  könnte  an  ein  statua- 


Dioskuren,  Leda  u.  Tyndareos  ( Monumenti  inedit.  d'Instit.  II  Taf.  22). 


nackt,  unbärtig  und  ohne  Attribute.  Dipoinos 
und  Skyllis  bildeten  sie  mit  ihren  Söhnen 
Anaxis  und  Mnasinus  und  deren  Müttern  in 
Argos  (Paus.  2,22,  5;  vgl.  Milchhöf  er,  Anfänge 
gr.  Kunst  S.  168.  180).  Auf  dem  Kypselos- 
kasten  standen  sie  zu  beiden  Seiten  der  He- 
lena, zu  deren  Füfsen  Aithra;  der  eine  war 
bärtig,  der  andere  nicht  (Paus.  5,  19,2);  die 
Gruppe  bezog  sich  nach  ihrem  Epigramm  auf 
die  Heimführung  der  Helena  aus  Attika.  Am 
amyklaiischen  Throne  waren  am  oberen  Ende 
die  Dioskuren  zu  Pferde  angebracht,  wenn  an- 
ders diese  Reiterfiguren  von  Pausanias  oder 
seiner  Quelle  mit  Recht  dafür  erklärt  wurden; 
an  einer  andern  Stelle  des  Throns  waren  Mna- 
sinus und  Anaxis  zu  Pferde  gebildet;  endlich 
auch  der  Raub  der  Leukippiden  (Paus.  3,  18, 
11).  Wohl  auf  ein  peloponnesisches  Vorbild 
zurück  geht  die  lebendige  Darstellung  der 
.Heimkehr  der  Dioskuren  zu  Leda  und  Tynda- 
reos auf  der  Vase  des  Exekias  ( Wiener  Vor- 


risches Vorbild  und  die  pueri  astragalizontes 
des  Polyklet  denken.  — Von  Hegias  sah  man 
die  Dioskuren  in  Rom  vor  dem  Tempel  des 
Juppiter  tonans  (Plin.  34,  78).  Die  alte  Hypo- 
these Viscontis , die  berühmten  Kolosse  vom 
Monte  Cavallo  seien  Nachbildungen  derselben, 
enthält  wohl  wenigstens  so  viel«,  Wahrheit, 
dafs  sie  auf  ein  Original  noch  des  fünften 
Jahrhunderts  zurückzugehen  scheinen  (die  Lit- 
teratur  über  dieselben  bei  Matz-Bulm,  zerstr. 
Bildwerke  in  Rom  l,260ff.);  die  Pferde  nament- 
lich haben  die  attische  Bildung  des  5.  Jahrh. 
— Im  Weihgeschenke  der  Lakedaimonier  nach 
Aigospotamoi  standen  die  Dioskuren  von  An- 
tiphanes  neben  den  höchsten  Gottheiten  (Paus. 
10,  9,  8).  — Ins  4.  Jahrh.  gehören  einige 
schöne  Münzen;  beistehend  nach  Luynes,  choix 
de  monn.  pl.  2,  6 die  schöne  Goldmünze  von 
Tarent,  wo  die  inschriftlich  bezeichneten  Dios- 
kuren ruhig  neben  einander  reiten,  mit  Palm- 
zweig und  Kranz.  Münzen  von  Tyndaris  mit 


1175 


Dioskuren  (in  d.  Kunst) 


Dioskuren  (in  d.  Kunst)  1176 


zwei  oder  einem  Heiter,  mit  Palmzweig  oder 
neben  den  Rossen  ruhig  ( Sallets  Num.  Ztschr. 
1876  S.  27  ff.).  — Auf  attischen  Vasen  des  5. 
und  4.  Jahrh.  kommen  die  Dioskuren  öfter 
vor,  meist  mit  Chlamys  oder  Chiton  und  zu 
Pferde;  besonders  schön  die  Talosvase  (Bull. 
Napol.  3,  2.  6;  4,  6;  Archäol.  Zeitg.  1846, 
44.  45),  wo  sie  den  Talos  auf  Kreta  einfan- 
gen, und  die  Meidiasvase  (Wiener  Vorlegebl. 

4,  6),  wo  sie  die  Leukippiden  rauben;  im  ro 
Argonautenkreise  neben  dem 
gebundenen  Arnykos  (Gerhard, 
auserles.  Vasen  Taf.  153.  154). 
Sie  tragen  auf  Vasen  öfter  den 
Petasos,  nicht  Pilos;  vergl. 
auch  0.  Jahn,  Ficoron.  Gista 
S.  16.  Der  Raub  der  Leukip- 
piden ward  oft  dargestellt; 
bedeutend  war  jedenfalls  das 
Bild  von  Polygnot  in  Athen  20 
In  Statuengruppen  in  Messene 


Goldmünze  von 
Tarent. 


im  Anakeion. 

(Paus.  4,31,9);  auf  den  Giebeln  des  sog.  Ne- 
reidenmonumentes von  Xanthos  (s.  Arch.  Ztg. 
1882,  S.  347). 

Erst  der  Zeit  vor  und  nach  Alexander  fällt 
die  Ausbildung  des  Typus  zu,  der  von  da  an 
immer  festgehalten 


wurde  und  durch  zahl- 
lose Denkmäler  be- 
kannt ist.  Auch  Au-  30 
toren  beschreiben  ihn 
gelegentlich  (Ael.  var. 
hist.  frg.  61  Statuen, 
vsavica  fisyaloi,  o- 
goioi  to  eidog,  Chla- 
mys, Schwert,  Lanze 
aufstützend;  danach 
Suid.  s.  v.  Aida*.; 
Luc.  d.  d.  26  xov  nov 
to  rgiirogov  [Pilos]  40 
x cd  ußzrjQ  vnsQixvco, 
ornörnov , ixtnog  lev- 
nog;  an  Polydeukes 
Narben  des  Faust- 
kampfs ; Flui.  Tib. 
Gracch.  2 , Unter- 
schiede beider  in  der 
Kunst:  g . . . . ogoioxiqg 
xtva  xov  nvr.xiY.ov 
[Polyd.]  ngog  rov  8qo - 50 
funov  [Kastor]  sni  xfjg 
poQcpris  duxyoQccv).  Sie 
tragen  jetzt  in  der 
Regel  den  Pilos  und 
meist  die  Chlamys ; 
der  Chiton  kommt 
jetzt  kaum  mehr  vor. 
Für  den  Kopf  wird 
ein  bestimmter  Typus 
festgestellt,  der  ge-  eo 
wisse  Züge  mit  dem 
späteren  aufgeregten  Zeusideale  gemein  hat;  die 
untere  Stirne  tritt  vor,  die  Haare  streben  über 
der  Stirn  empor  und  fallen  in  Locken  herab; 
die  Augen  sind  grofs  und  weit  geöffnet  wie 
bei  Helios,  der  Blick  in  der  Regel  in  die  Höhe 
und  etwas  seitwärts  gerichtet,  der  ganze  Kopf 
etwas  in  den  Nacken  geworfen,  was  dem  Gan- 


zen etwas  Pathetisches  giebt;  die  Wangen 
sind  voll,  das  Kinn  schmal.  Gute  Statuen  sind 
wenige  erhalten;  eine  der  besten  ist  die  Bronze 
aus  Paramytliia  im  Brit.  Mus.  (Specim.  of 
anc.  sculpt.  2,  22;  s.  die  beistehende  Abbil- 
dung). Kopf  mit  Pilos  in  Argos  : Mittheilungen 
d.  athen.  Instituts  4,  149.  Guter  überlebens- 
grofser  Terracottakopf  mit  bekränztem  Pilos 
aus  Capua  in  Berlin.  Bekannt,  doch  gering 
sind  die  beiden  die  Rosse  führenden  Statuen 
am  Aufgang  des  Capitols.  Öfter  ist  zur  Ab- 
kürzung unten  neben  einer  Dioskurenstatue 
ein  Pferdevorderteil  oder  -Kopf  angebracht 
(im  Louvre,  Froehner  Nr.  416;  in  Sparta:  Dres- 
sei und  Milchhöfer  Nr.  87.  88.  89;  vgl.  212). 
Auf  Münzen  sind  folgende  die  Haupttypen: 
sie  reiten  beide  neben  einander,  bald  ruhig 
(namentlich  in  älteren  Stücken),  bald  im  Ga- 
lopp, in  der  Regel  mit  flatternder  Chlamys 
und  die  Rechte  vorstreckend:  Tarent  Al;  Sy- 
racus  M von  215 — 212,  Num.  Ghron.  1874,  pl. 
13,  13;  Brit.  Mus.  catal.  p.  225:  von  da  kam 
der  Typus  zu  den  Brettiern,  Al,  Palmzweig 
in  der  L. ; Nuceria,  Hü,  aus  dem  3.  Jahrh.;  in 
diesen  Beispielen  sind  sie  meist  noch  ohne 
Piloi;  ferner  Paestum,  Caelium;  um  dieselbe 
Zeit,  in  welche  diese  Münzen  fallen,  um  die 
Mitte  des  3.  Jahrh.,  268  v.  Chr.,  prägte  Rom 
seine  ersten  Denare,  welche  deu  Typus  im 
Galopp,  mit  Piloi  und  Sternen  zeigen,  die  Lan- 
zen gefällt,  s.  d.  Abbildung  nach  einem  Berliner 
Original  und  vergl.  Mommsen,  römisch.  Münz- 
ivesen  S.  294;  ferner  erscheint  der  Typus  in 
Erzmünzen  des  Seleukos  II,  246 — 26,  s.  Im- 
hoof-Blum er , monn.  gr.  p.  427,  42  mit  Lan- 
zen, und  British  Mus.  catal.  Seleuc.  pl.  6,9 
mit  Palmzweigen;  Silberm.  des  Antiochos 
VI , mit  Lanzen ; baktrische 
Königsm.,  namentlich  des  Eu- 
kratides  aus  dem  2.  Jahrh.,  s. 
z.  B.  Brit.  Mus.  guide  pl.  52,  32 
mit  Palm  zweigen  und  Lanzen; 
im  griechischen  Osten  aus  dem 
1.  Jahrh.  und  der  Kaiserzeit  öf- 
ter in  Bronzem. ; in  Sparta 
tnl  EvqvhIsos;  Thessalonike, 

Brit.  Mus.  catal.  Maced.  p.  112; 

Tomi,  Brit.  Mus.  cat.  Thrace 


I 

■ r. 


MC 
' me: 


' DiO; 


Bronze  von  Paramythia 
(Brit.  Museum). 


54 ; Locri 

Opunt. , Brit.  Mus.  Centr.  Greece  p.  10.  — 
Eine  nicht  seltene  Abart  des  Typus  ist, 
dafs  sie  beide  auseinander  reiten  (z.  B.  Sam- 
nium,  Zeit  des  Sozialkrieges,  Ai).  — Weni- 
ger häufig  ist  der  stehende  Typus,  wo  sie 
die  Lanzen  aufstützen;  z.  B.  in  Sparta;  in 
Adada  Pisid.,  röm.  Zeit;  in  Sagalassos  stehen 
sie  auf  den  Ecken  einer  Aedicula,  deren  Giebel 
von  einem  Halbmond  bekrönt  ist.  — Häufig 
und  schön  sind  auf  Münzen  die  meist  etwas 
aufblickenden  Köpfe  oder  Brustbilder  der 
Dioskuren  mit  bekränzten  Piloi  nebeneinander: 
Seleukos  I,  Brit.  Mus.  cat.  pl.  2,  8,  bereits  mit 
Piloi  und  Sternen,  ist  wohl  das  älteste  sichere 
Beispiel  dafür;  der  eine  Kopf  blickt  zuweilen 
nach  aufsen  und  erscheint  fast  von  vorn,  so 
Seleukos  I,  ib.  pl.  2,  10.  11;  ebenso  unter  den 
Incerti  ZE  der  syrischen  Könige;  Seleukos  II, 
Brit.  Mus.  cat.  pl.  6,  11,  sogar  beide  Köpfe 
von  vorn;  Antiochos  I,  Imhoof ’-Blumer , choix 


Kais 


1177 


Diosphos 


Disciplina 


1178 


pl.  6,  204  = monn.  gr.  p.  425,  einer  von  vorn; 
Sparta  iE;  Thasos  iE;  dann  in  Unteritalien, 
vor  allem  die  At  der  Brettier  aus  dem 
3.  Jahrh.,  s.  Abbildung  nach  einem  Berl.  Ori- 
ginal; sehr  ähnlich  in  lihegion  M,  Locri  und 
Paestum;  in  Rom  Denare  der 
gens  Cordia.  Einen  merkwür- 
digen Typus  aus  Mantineia 
s.  b.  Imhoof-Blumer , monn.  gr. 


Schwestern  des  Phaethon  (s.  d.),  Hygin.  Praef. 
f.  154  ( Hesiod  fr.  104  Lehrs).  — 2)  Danaide, 
mit  dem  Aigyptiden  Aigyptos  vermählt,  Apol- 
lod.  2,  1,  5.  — 3)  Eine  Amazone,  Hygin.  f. 
163.  — 4)  Gemahlin  des  Agenor,  Mutter  des 
Sipylos,  Flut,  de  fluv.  9,  4.  — 5)  Ein  Hund 
des  Aktaion,  Hygin.  f.  181.  [Stoll.] 

Dioxippos  (Juogntnoq),  Gefährte  des  Aneas, 
von  Turnus  getötet,  V erg.  Aen.  9,  574.  [Stoll.] 


p.  199,  n.  238:  die  Dioskuren-  io  Dipsakos  (Aiipccuog),  Sohn  des  Flusses  Phyl- 


Dioskuren.  Münze 
der  Brettier 
(Berlin). 


büsten  über  einer  Art  von 
breitem  Alter  oder  xgunttfcc. 

— Ein  Dioskur  allein  kommt 
auch  vor,  z.  B.  in  Suessa,  Mit, 
Reiter  mit  zwei  Rossen,  Pi- 
los,  Palmzweig;  einzelner 
Dioskurenkopf  zwischen  zwei  Sternen : Imhoof- 
Blumer,  monn.  gr.  p.  466,  38,  wahrscheinlich 
einer  aiolischen Stadt  gehörig.  — Von  Votiv- 
reliefs der  späteren  Zeit  sind  die  in  Sparta  20 
die  wichtigsten,  die  schon  oben  genannt  wur- 
den: Dressei-  Milchhöf  er  Nr.  201.  202.203;  An- 
nali  de  I.  1861,  D,  1.  2 Helena  als  steife  Kult- 
figur zwischen  den  zwei  stehenden  Diosku- 
ren; Dressel-Milchh.  Nr.  204.  209.  210  die  Dios- 
kuren allein;  ein  Dioskur  allein  ib.  Nr.  218. 
Helena  zwischen  den  Dioskuren  erscheint 
auch  auf  Erzmünzen  römischer  Zeit  in  Ter- 
messos  Akalissos  (Lyc.)  und  Kodrula  (Pisid.), 
über  Helena  ein  Halbmond,  Sterne  über  den  30 
Dioskuren,  Imhoof-Blumer,  clioix  pl.  5,  172; 
monn.  gr.  p.  345).  Eine  ruhige  Frau,  wohl 
Helena,  zwischen  den  galoppierenden  Dios- 
kuren auf  einem  Relief  wohl  später  Zeit 
aus  Stobi  in  Macedonien  ( Heuzey , Maced. 
p.  337.  Bev.  arch.  1873,  2 p.  40;  vergl.  Heu- 
zey a.  a.  O.  p.  420).  — Auf  den  etruski-  / 
sehen  Spiegelzeichnungen  des  dritten 
und  zweiten  Jahrhunderts  sind  die  Dioskuren 
häufig  (sie  heifsen  meist  Castur  und  Pul- 
tuc),  oft  in  uns  bis  jetzt  unverständlicher 
Weise  vielleicht  mit  kabirischen  Gott- 
heitenvermengt; sehr  häufig  sind  drei 
Jünglinge  mit  Piloi  und  eine  Frau, 

Gerhard,  etrush.  Spiegel  264.  275 ff.), 


lis  in  Bithynien  und  einer  Nymphe,  der  mit 
seiner  Mutter  friedlich  an  den  Wassern  seines 
Vaters  wohnte  und  seine  Herden  weidete. 
Er  nahm  den  Phrixos  gastlich  auf,  als  er  auf 
seinem  Widder  nach  Kolchis  floh,  Ap.  Bhod. 
2,  652  ff.  mit  Schol.  Gerhard,  G riech.  Myth. 
2.  § 688,  1.  [Stoll.] 

Dirae  = Erinyes  und  Furiae  (s.  d.). 


wobei  man  sich  an  die  Statuen  bei 
Brasiai  (oben  S.  1163)  erinnert.  Die 
Dioskuren  halten  den  befreiten  Pro- 
metheus Gerh.  138;  sie  sind  mit  Me- 


leager  vereint  Gerhard  355;  Kampf 
mit  Amykos  Gerhard  58.  56(?).  Ein 
Dioskur  allein  mit  Rofs  Gerhard  254.  — Auf 
ömischen  Monumenten  erscheinen  die 
Dioskuren  zuweilen  in  der  Unterwelt;  so  auf 
inner  Lampe  (Venedig,  pal.  Giustiniani  dei 
/esc.)  zu  den  Seiten  des  Pluton  mit  dem 
lerberos;  auf  einer  Gemme  ( Cades  27,  13, 
|!27)  zu  den  Seiten  der  Hekate.  — Häufig 
ind  sie  auf  den  römischen  Sarkophagen. 


Dirkes  Bestrafung  (Gruppe  d.  ‘Toro  Farnese’;  vgl. 
oben  Art.  Amphion.  S.  309). 


Birke  {Aign y),  die  böse  Gemahlin  des  Ly- 
kos,  Königs  in  Theben.  Ihre  Geschichte  siehe 
unter  Amphion.  Zu  Theben  scheint  man  auch 
ein  Grab  von  ihr  gezeigt  und  an  demselben 


sühnende  Totenopfer  und  andere  abergläu- 
- Sarkophag  römischer  Zeit  aus  Kephissia  mit  go  bische  Gebräuche  begangen  zu  haben , Flut. 


).  und  Helena  s.  Arch.  Zeitg.  1868,  38. 

[A.  Furtwängler.] 

Diosphos  (Aids  epäg)  — Dionysos,  C.  I.  Gr. 
p.  XVIII.  [Roscher.] 

Biovis  s.  Iuppiter. 

Bioxippe  (Aiia^innr]),  1)  Tochter  des  Helios 
ad  der  Klymene,  oder  der  Merope  und  des 
lymenos , eines  Sohns  des  Helios , eine  der 


de  gen.  Socr.  5.  Preller,  Griecli.  Mythol.  2,  33. 
Betr.  d.  Bildwerke  s.  Amphion  u.  Antiope. 
Bis  s.  Dis  Pater.  [Stoll.] 

Disciplina,  die  Personifikation  der  Manns- 
zucht auf  Inschriften  aus  Altava  in  Mauret. 
Caes.  (Hadjar  er- Rum),  C.  I.  L.  8,  9832 : Dis.  \ 
ci.  pli.  | nae.  \ mi.  li.  \ ta.  ri.  und  aus  Bir  umm- 
Ali  bei  Theveste  8,  10657 : Disciplinae  \ mili- 


1179 


Discordia 


Dis  patei' 


tar,  sowie  aus  Cambeckfort  am  val  1.  Hadr.  7, 
896:  Discipu  \ linae  | Aug(ustorum  oder  usti ). 
Sonst  erscheint  Disciplina  Aug.  auf  Münzen 
des  Hadrianus  und  Anton.  Pius.  Ygl.  Hübner 
a.  a.  0.  und  Eckhel,  d.  n.  6,  503.  [Steuding.] 
Discordia,  1)  die  lateinische  Übersetzung  der 
griechischen  Eris  (s.  d.).  Nach  Vergil  (Aen.  6, 
280)  wohnt  sie  mit  den  Eumeniden,  dem  Kriege, 
Tod,  Schlafe,  Hunger  u.  s.  w.  im  Eingänge 
zum  Orcus  (vergl.  Claud.  in  Rufin.  1,  29  f.), 
führt  das  Epitheton  demens  (vgl.  Val.  Flacc. 
2,  204)  und  hat  Schlangenhaare,  welche  von 
blutigen  Binden  zusammengehalten  werden. 
Derselbe  Dichter  läfst  sie  (8,  702)  zusammen 
mit  Mars,  den  Diren  und  Bellona  im  Getüm- 
mel der  Schlacht  von  Actium  erscheinen,  an- 
gethan  mit  einem  zerrissenen  Mantel;  vergl. 
Petron.  124  v.  271  ff.  scisso  Discordia  crine  || 
extulit  ad  superos  Stygium  caput.  huius  in 
ore  ||  concretus  sanguis,  contusaque  lumina  fle- 
bant:  ||  stabant  irati  scabra  rubigine  dentes,  || 
tabo  lingua  fluens,  obsessa  draconibus  ora,  ||  at- 
que  inter  torto  laceratam  pectore  vestern  ||  san- 
guineam  tremula  quatiebat  lampada  dextra.  |j 
haec  ut  Cocyti  tenebras  et  Tartar a liquit.  . . . 
Vgl.  Wieseler,  Nachr.  d.  Gött.  G.  d.  Wiss.  1885 
S.  89  ff.  Nach  Claud.  a.  a.  0.  und  Hyg.  f. 
praef.  ist  sie  eine  Tochter  der  Nox  und  des 
Erebos.  Weiteres  unter  Eris.  [Roscher.] 

2)  Lateinische  Bezeichnung  einer  etruski- 
schen Göttin  in  der  dritten  Region  des  Him- 
melstemplums  des  Martianus  Capella,  neben 
der  Seditio.  Vgl.  Mart.  Cap.  Nupt.  Philolog. 
et  Mer  cur.  lib.  1 § 45  ff. ; dazu  Nissen , Tem- 
plum  p.  182  ff. ; t.  4.  Deecke,  Etrusk.  Forsch.  4, 
17  u.  43.  Siebe  auch  Eris  (griechisch-etrus- 
kisch). [Deecke.] 

Dis  pater.  Unter  dem  Namen  Dis  pater 
( Caper  de  verb.  dub.  p,  109  K. : Dis  pater,  non 
Ditis  pater.  Priscian.  7,  8,  136  p.  749  H.  und 
so  gewöhnlich)  oder  Ditis  pater  ( Petron . 120 
v.  76.  Quintü.  1,  6,  34.  Apulej.  inet.  6,  18. 
Tertull.  ad  nat.  1,  10.  Serv.  Aen,  6,  273:  di- 
cimus  autem  et  hic  Dis  et  hie  Ditis ; georg.  1, 
43.  Isidor,  or.  8,  11,  42.  Gloss.  Labb.  s.  vv. 
Ditis,  Ditis  pater),  d.  i.  der  reiche  Gott  {Cie. 
n.  d.  2,  26,  66.  Mythogr.  vatic.  III  6,  1 : Dis 
id  est  dives,  vgl.  Quintil.  a.  a.  0.:  Ditis,  quia 
minime  dives-,  unter  den  Neueren  hat  Vanicek, 
Etym.  Wörterb.  d.  lat.  Spr ,2  S.  124  den  Namen 
Dis  vom  Stamme  div  [in  divus,  divinus,  Dia- 
lis  etc.]  abgeleitet),  wurde  in  Italien  ein  Unter- 
weltsgott verehrt,  der  in  Wahrheit  nichts  an- 
deres ist , als  wofür  ihn  die  Alten  ansahen, 
der  italisierte  Pluto  (ausdrückliche  Gleichstel- 
lung von  Dis  pater  und  Pluto  bei  Ennius 
Euhem.  Lactant.  I.  D.  1,  14  = fr.  3 S.  170V. 
Cic.  a.  a.  0.  Augustin.  C.  D.  7 , 28.  Interpp. 
Verg.  Aen.  7,  327.  Mythogr.  Vat.  III,  Gloss. 
Labb.  a.  aa.  00.;  vgl.  Welcher,  Gr.  Götterl.  1 
S.  392.  Mommsen,  R.  G.  I7  S.  179),  wobei  einhei- 
mische Vorstellungen  mitgewirkt  haben  mögen. 

Dis  pater  ist  der  Sohn  des  Saturn  und 
der  Ops,  Bruder  des  Iuppiter  und  Neptun 
(Ennius  Euhem.  a.  a.  0.  Tertull.  apol.  15  und 
a.  a.  0.  Augustin.  C.  D.  7,  23.  Mythogr.  vat. 
III  a.  a.  0.;  vergl.  Auson.  teclmopaegn.  7 [de 
dis]  3) ; als  die  drei  Brüder  um  den  Besitz 


i 


m 


Feie: 
terei 
in  di' 


| 

1180 

der  Welt  stritten,  erlöste  Dis  pater  die  Unter- 
welt (Serv.  Aen.  1,  139.  Augustin.  C.  D.  7,  28 ; 
vergl.  Ovid.  f.  4,  584.  Senec.  Here.  für.  832  f. 

609  f.).  In  der  römischen  Poesie  ist  oft  von 
Dis  pater  als  dem  erbarmungslosen  Fürsten 
der  Unterwelt,  von  seinem  Reiche  und  seinem 
Palaste  im  Sinne  der  griechischen  Vorstellung 
die  Rede  (so  z.  B.  bei  Vergil,  Ovid,  Lucan, 
Silius  Italiens,  Statins , besonders  Senec.  tra- 
io  goed. , u.  a. , auch  in  metrischen  Inschriften, 
vgl.  C.  I.  L.  7,  250.  8,  9018.  6,  6319.  6986. 

10,  7569.  1,  1009  = 6,  10  096.  Bullet,  comm. 

1,  1872  S.  172  f. ; Dis  pater  wird  z.  B.  rector 
Erebi,  rector  Stygius,  tenebrarum  potens,  Sty- 
gis  mortisque  dominus , rector  umbrarum,  rex 
noctis,  rextremendus  genannt;  seine  Epitheta 
sind  inmitis , saevus,  durus,  horridus,  ferus, 
severus,  avarus,  implacabilis  etc.;  sein  Palast: 
domus  Ditis  vacuae,  Ditis  aeterna  domus,  atria 
20  Ditis  etc.,  vgl.  C.  I.  L 6,  10971  in  lare  Ditis 
— in  domo  Ditis).  Nach  griechischem  Muster 
wird  mit  Dis  pater  Proserpina  als  seine  Ge- 
mahlin und  Unterweltsfürstin  verbunden  (Cic., 
Augustin,  a.  aa.  00.;  Vergil,  Valer.  Flaccus, 
Apulejus , Claudian  de  rapt.  Pros.  u.  a. ; auch 
in  Inschriften  wird  Proserpina  öfter  mit  Dis 
pater  genannt,  vergl.  Brambach,  C.  I.  Rhen. 

404.  2025.  Ephem.  epigr.  2,  372;  s.  Proserpina). 
Wie  Pluto  die  Persephone,  so  sollte  Dis  pater 
so  die  Proserpina  oder  Libera  = Proserpina  ge- 
raubt haben  (Cic.  Verr.  4,  48,  106f.  50,  111. 
Ovid.  inet.  5,  385ff.  fast.  4,  417ff.  Sil.  Ital. 

7,  688  ff.  14,  238 ff.  Claudian.  de  raptu  Pro- 
serp.  Solin.  5,  14f.  Arnob.  5,  32.  35.  40.  43. 
Serv.,  Schol.  Bernens.  und  Schol.  cod.  Bernens. 

105  S.  988  Hag.  zu  Verg.  ecl.  3,  105.  Serv. 
Aen.  4,  609.  Lactant.  fab.  5,  6.  Mythogr.  vat. 

II  94;  s.  Proserpina);  es  ist  der  sicilische  Per- 
sephone-Mythus, der  jedenfalls  mit  dem  De- 
40  rneter-  und  Persephone-Kult  von  Unteritalien 
aus  nach  Rom  gekommen  ist  (vgl.  Preller,  R. 
Myth.3  2 S.  40.  Förster,  Raub  der  Persephone 
S.  9.  23  f.  88);  gewöhnlich  schliefsen  sich  die 
römischen  Erzählungen  an  die  Sage  von  Henna 
an  (Cic.,  Ovid,  Sil.  Ital.,  Claudian,  Solin,  Lac- 
tant. fab.),  aber  daneben  wurden  auch  diejeni- 
gen sicilischen  Lokalsagen,  _ welche  den  Raub 
der  Persephone  an  den  Ätna  oder  an  den 
Halesusflufs  und  die  Niederfahrt  zur  Unter- 
50  weit  in  die  Gegend  von  Syracus  versetzen, 
von  den  römischen  Schriftstellern  aufgenom- 
men und  auf  Dis  und  Proserpina  übertragen 
(vgl.  über  die  am  Ätna  lokalisierte  Sage  Phil- 
argyr.  Verg.  ecl.  3,  105,  über  den  Halesus 
Columella  10,  268ff. , über  Syracus  Cic.  Verr. 
a.  a.  0.  107  und  Ovid.  met.  a.  a.  0.  412  f. ; im 
allgemeinen  s.  Förster  S.  14 ff.  und  das.  S.  68  ff- 
75  ff.  84ff.  über  die  Behandlung  des  Pluto- 
Persephone-Mythus  durch  die  römischen  Dick- 
oo  ter);  ganz  abweichend  folgt  Proper z (4[3],  22, 

1 ff.)  einer  kyzikenischen  Lokalsage  (vergl. 
Förster  S.  14). 

Mit  Proserpina  erscheint  Dis  pater  auch 
im  Kultus  gleich  bei  seinem  ersten  Auftreten 
verbunden.  Eine  wahrscheinlich  auf  Vale- 
rius Antias  zurückgehende  und  von  diesem 
aus  Familienüberlieferungen  der  gens  Valeria 
genommene  Tradition  berichtet,  dafs  einst 


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1181 


1182 


Dis  pater 

(jedenfalls  in  der  Königszeit)  ein  Sabiner  Vale- 
sius  durch  Wasser,  das  er  an  der  Stelle  eines 
unterirdischen  Altars  des  Dis  nnd  der  Proser- 
pina  auf  dem  Terentum  (oder  Tarentum)  ge- 
wärmt, seine  fieberkranken  Kinder  geheilt  und 
zum  Danke  hierfür  die  terentinischen  (oder 
tarentinischen)  Spiele  zu  Ehren  des  Dis  und 
der  Proserpina  gegründet  habe,  und  dafs  der 
erste  römische  Konsul  P.  Valerius  Poplicola 
(wie  Plutarch  erzählt , auf  Befehl  der  sibylli  - 
nischen  Bücher,  als  die  römischen  Frauen  nur 
Mifsgeburten  zur  Welt  brachten  und  zuletzt 
gar  keine  Geburten  stattfande'n)  und  später 
M.  Valerius  Coryus  (cos.  zum  ersten  Male 
406/348)  dieselben  wiederholt  hätten  ( Valer . 
Maxim.  2,  4,  5.  Censorin.  de  d.  n.  17,  10  nach 
'veterum  annales’.  Plutarch,  Popl.  21.  Zosi- 
mus  2,  lff. ; Näheres  s.  v.  Terentum).  In  die- 
ser Tradition  erscheint,  nach  Mommsen , das 
Fest  des  Dis  und  der  Proserpina  auf  dem 
Marsfelde  als  ein  uraltes , gentilicisches  der 
Valerier,  veranlafst  durch  eine  in  diesem  Hause 
in  fernster  Zeit  erfolgte  wunderbare  Heilung, 
und  auch,  nachdem  es  eine  Gemeindefeier  ge- 
worden war,  an  das  valerische  Geschlecht  ge- 
knüpft ( Mommsen , Rom.  Chron.'2  S.  180ff.).  Im 
Jahre  505/249  fand  die  unzweifelhaft  erste 
Feier  sowie  überhaupt  die  Einrichtung  dieser 
terentinischen  Spiele  als  Säkularspiele  statt; 
in  diesem  Jahre  wurden  wegen  ungewöhnlicher 
Wunderzeichen  die  sibyllinischen  Bücher  be- 
fragt und  diese  ordneten  an,  dafs  dem  Dis 
und  der  Proserpina  terentinische  Spiele  auf 
dem  Marsfelde  in  drei  Nächten  gefeiert,  dafs 
schwarze  Opfertiere  dargebracht  und  die  Spiele 
jedes  hunderte  Jahr  wiederholt  werden  sollten 
( Varro  de  scaenicis  originibus  1 bei  Censorin 
17,  8.  Verrius  Flaccus  beim  Schol.  Crvq.  zu 
Hör.  carm.  saec.  Antias  und  Livius  bei  Cen- 
sorin a.  a.  0.  10.  Liv.  epit.  49.  Augustin.  C. 
I).  3,  18.  Zosim.  2,  4;  vgl.  besonders  Momm- 
sen a.  a.  0.,  Marquardt,  Staatsvenv.  3 S.  370ff. 
Preller,  R.  MJ  2 S.  82 ff.  und  s.  vv.  saecu- 
lum,  Terentum).  Bemerkenswert  ist,  dafs  die 
Einrichtung  dieser  Spiele  (wie  die  Feier  des 
Valerius  Poplicola)  an  die  sibyllinischen  Bücher, 
die  Quelle  und  Grundlage  des  griechischen 
Elements  im  römischen  Kultus,  geknüpft  ist 
{Marquardt  a.  a.  0.  S.  350ff.  führt  Dis  pater 
unter  den  Gottheiten  auf,  die  durch  die  sibyl- 
linischen Bücher  eingeführt  sind,  und  bezieht 
sich  dabei  auf  die  angeführte  Angabe  des 
Plutarch;  Preller  a.  a.  0.  S.  88  vermutet, 
dafs  gelegentlich  der  Befragung  der  sibyllini- 
schen Bücher  i.  J.  505/249  vielleicht  'zuerst 
die  griechischen  Namen  anstatt  der  älteren 
einheimischen’  genannt  wurden). 

In  nahen  Zusammenhang  tritt  Dis  pater 
zu  Saturn  und  dessen  Heiligtum  am  fufse 
des  Capitols.  Dort  befand  sich  eine  uralte 
ara  Satumi  und  dabei  eine  Kapelle  des  Dis 
{Macrob.  sat.  1 , 11,  48 : sacellum  Ditis  arae 
Satumi  cohaerens;  vgl.  Becher,  Topogr.  S.  313. 
Jordan,  Topogr.  d.  Stadt  Rom  1 Abt.  2 S.  360 
Anm.  68;  zu  der  Verbindung  von  Saturn,  der 
nach  Preller  a.  a.  0.  S.  16  hier  als  ’ Segen - 
Spender  aus  der  Tiefe’  erscheint,  und  Dis  vgl. 
Dressei  in  Annal.  d.  inst.  52,  1880  S.  187);  von 


Dis  pater 

der  Gründung  beider  erzählte  Varro  (bei  Ma- 
crob. sat.  1,  7,  28  ff.,  dazu  11,  48  f. ; darauf  be- 
zieht sich  Arnob.  2 , 68)  folgende  Legende : 
Als  die  Pelasger  aus  ihren  Sitzen  vertrieben 
nach  verschiedenen  Ländern  auszogen,  ström- 
ten die  meisten  in  Dodona  zusammen,  wo  sie, 
unschlüssig  wo  sie  sich  niederlassen  sollten, 
den  Orakelspruch  erhielten,  dafs  sie  das  satur- 
nische  Land  der  Sikuler  und  Kotyle  im  Lande 
io  der  Aboriginer  (nach  Dionys.  Halic.  1,  19,  der 
von  der  Niederlassung  der  Pelasger  in  Italien 
erzählt,  war  Kotylia  eine  Stadt  der  Aborigi- 
ner), wo  eine  Insel  sich  bewegte,  aufsuchen, 
dort  mit  den  Bewohnern  sich  vereinigen  und 
dem  Phöbus  den  Zehnten  senden  sollten; 
aufserdem  aber  schrieb  das  Orakel  vor : «cd 
HecpaXas  "Aiby  {Kgorühj  bei  Dionysios-,  über  die 
Stelle  des  Dionysios  s.  unt.)  neei  xm  natgl  nsp- 
nsxs  cpüza  (nach  Dionysios  gab  Asvxio?  MtxXXiog 
20  [nach  Sylburgs  Verbesserung,  überliefert  ist 
Mdiuog]  an,  dafs  er  den  Orakelspruch  auf 
einem  Dreifufse  im  Tempel  des  Zeus  mit  alter- 
tümlichen Buchstaben  eingegraben  selbst  ge- 
sehen habe).  Als  nach  Irrfahrten  der  gröfste 
Teil  in  Latium  gelandet  war , fanden  sie  auf 
dem  cutilischen  See  eine  Insel,  die  von  den 
Fluten  hin-  und  hergetrieben  wurde;  aus  die- 
sem Wunder  (und  als  sie,  nach  Dionysios,  von 
den  Gefangenen  den  Namen  der  Bewohner  er- 
30  fahren  hatten)  erkannten  sie , dafs  hier  die 
ihnen  vorausgesagten  Wohnsitze  seien;  nach 
Vernichtung  der  sikulisclien  Einwohner  nah- 
men sie  die  Gegend  in  Besitz,  weihten  den 
Zehnten  der  Beute  dem  Apollo  und  errichte- 
ten dem  Dis  ein  sacellum  und  dem  Saturn 
eine  ara.  Nachdem  sie  lange  Zeit  gemäfs 
ihrer  Auslegung  des  Orakels  dem  Dis  Men- 
schenhäupter und  dem  Saturn  Menschen  ge- 
opfert, kam,  wie  man  erzählt,  Hercules  mit 
40  den  Bindern  des  Geryon  nach  Italien  und  riet 
den  Nachkommen  der  pelasgischen  Ansiedler, 
die  ’infausta  saerificia’  mit  ’fausta’  zu  ver- 
tauschen , indem  sie  fortan  dem  Dis  nicht 
Menschenhäupter,  sondern  menschenähnliche 
oscilla,  und  dem  Saturn  nicht  Menschen,  son- 
dern angezündete  Lichter  darbringen  sollten. 
Offenbar  ist  dies  eine  ätiologische  Legende, 
erfunden,  um  die  im  Kulte  des  Dis  pater  ver- 
wendeten oscilla  und  die  Sitte,  an  den  Satur- 
50  nalien  Lichter  anzuzünden , zu  erklären  (über 
den  Oscillenritus  im  allgemeinen  vgl.  Leist, 
Gräco-italische  Rechts  geschickte , Jena  1884  S. 
271  ff.).  Möglicherweise  sind  die  oscilla  an 
Stelle  ursprünglicher  Menschenopfer,  die  man 
dem  Unterweltsgotte  darbrachte  , getreten. 
Verwandt  ist  der  Kultusbrauch  , der  Mania 
und  den  Laren  an  den  Compifalien  Puppen, 
maniae,  und  pilae  sowie  Mohnköpfe,  die  für 
die  Familienmitglieder  gelten  sollten,  darzu- 
oo  bringen  {Paul.  p.  121  laneae  effgies,  p.  239 
pilae.  Macrob.  sat.  1,7,  34  f.  Varro  Sesculixe 
bei  Non.  p.  538  stroplxium  und  p.  542  reticu- 
lam);  der  gemeinsame  zu  Grunde  liegende  Ge- 
danke ist  der,  dafs  der  Mensch  die  liostia  der 
Unterweltsgottheiten  ist  (vgl.  die  gleich  anzu- 
führende Imprecation  C.  I.  L.  1,  819  und  die 
unten  besprochene  lex  Komuli);  nach  dem  auch 
sonst  im  römischen  Sakralrechte  geltenden 


1183 


1184 


Dis  pater 


Dis  pater 


Satze  fin  sacris  simulata  pro  veris  accipi’ 
(Serv.  Aen.  2,  116.  4,  512;  vgl.  z.  B.  Paul. 
p.  57  cervaria  ovis.  Fest.  p.  360  tauri  verbe- 
naeque,  p.  238  porcam  auream  und  die  Legende 
von  Numa  und  Juppiter  Elicius  Preller,  B. 
M.3  1 S.  191)  läfst  man  bei  Ceremonien,  bei 
denen  die  ursprün gliche  Anschauung  Menschen- 
opfer verlangt,  Bilder  von  Menschen  eintreten 
(vergl.  die  Bestimmung  des  Sakralrechts  bei 
IAv.  8,  10,  12,  dafs,  wenn  ein  Devo vierter  nicht 
umkommt,  ein  Bild  desselben  in  der  Erde  ver- 
graben werden  müsse,  und  das  Opfer  der  Bin- 
senmänner am  Argeerfest,  das  auf  ursprüng- 
liche Menschenopfer  hinzudeuten  scheint,  (siehe 
Argei);  über  italische  Menschenopfer  vgl.  Plin. 
n.  h.  SO,  12.  Böper,  Lucubrationes  pontificales 
S.  39  f.  Schwegler,  Böm.  Gesell.  1 S.  381  und 
gegen  die  Annahme  solcher  Mommsen,  Böm. 
Gesch.  VS.  172 £).  Manilius  (bei  Fest.  p.  334 
sexagenarios ; die  Stelle  ist  lückenhaft,  aber 
der  Name  Mani[lius]  sowie  der  Teil  der  Stelle, 
der  hier  in  Betracht  kommt,  nach  Ausweis  der 
Reste  von  Scaliger  und  Ursinus  in  der  Haupt- 
sache richtig  ergänzt)  erzählte,  dafs  die  frü- 
hesten Bewohner  Roms  (also  die  Aboriginer 
oder  Pelasger)  dem  Dis  pater  jährlich  einen 
Greis  von  60  Jahren  (sexagenarius)  opferten; 
Hercules  schaffte  bei  seiner  Ankunft  dieses 
Opfer  ab  und  setzte  dafür  das  Opfer  von  Bin- 
senmännern ein.  Hierdurch  wird  Dis  mit  dem 
Argeeropfer  in  Verbindung  gebracht.  Diesen 
Bericht  aber  des  Manilius,  wie  gewöhnlich  ge- 
schieht ( Mommsen  im  N.  Bh.  Mus.  16,  1861 
S.  284 f.  Marquardt  in  Bechers  Handb.  d.  röm. 
Altert.  4 S.  202  und  Staatsverw.  3 S.  187. 
Jordan,  Topogr.  2 S.  282.  284f.  Steuding  oben 
S.  496  d s.  v.  Argei) , mit  der  oben  angeführ- 
ten, von  Varro  erzählten  Legende  zu  verbin- 
den und  in  jener  ebenfalls  ein  Zeugnis  für  die 
Ansicht  der  Alten,  dafs  das  Argeeropfer  dem 
Dis  gelte,  zu  finden,  ist  deshalb  unstatthaft, 
weil  in  jener  varronischen  Legende  von  dem 
Ai’geeropfer  gar  nicht  die  Rede  ist;  denn  so- 
wohl die  oscilla,  die  nach  Varros  ausdrück- 
lichen Worten  dem  Dis  an  Stelle  von  Men- 
schenhäuptern dargebracht  wurden,  als  auch 
die  dem  Saturn  angezündeten  Lichter  haben 
mit  den  Argeern  nichts  zu  thun  (vgl.  Macrob. 
1,  11,  48:  . . Pelasgos  . . coepisse  Saturno  ce- 
reos  potius  accendere  et  in  sacellum  Ditis 
arae  Saturni  cohaerens  oscilla  quae- 
dam  pro  suis  c apitibus  ferre.  ex  illo  tra- 
ditum,  ut  . . sigilla  arte  fictili  fngerentur  ac 
venalia  pararentur  quae  ho  min  es  pro  se  at- 
que  suis  piaculum  pro  Dite  Saturno  fa- 
cerent ).  Allerdings  hatte  Varro  (bei  Lactant. 
I.  D.  1,  21)  auch  das  Argeeropfer  mit  jenem 
Orakelspruche  in  Zusammenhang  gebracht,  in- 
dem er  erzählte,  dafs  dem  Saturn  wegen  der 
Zweideutigkeit  des  letzten  Verses  des  Orakels 
et  fax  et  homo  iaci  solet,  und  dafs  Hercules 
das  Menschenopfer  abgeschafft  und  das  Hin- 
abstürzen von  Binsenpuppen  in  den  Tiber  ein- 
gesetzt habe;  dabei  hatte  Varro  den  Vers  in 
der  Form  gegeben , in  der  er  bei  Dionysios 
(a.  a.  0. , dazu  s.  1 , 38)  auf  Mälhog  (d.  i. 
nach  gewöhnlicher  Annahme  L.  Manlius  oder 
Manilius,  zur  Zeit  Sullas,  s.  Teuffel,  Böm.  Bit.* 


§ 158,  1)  zurückgeführt  wird  (aal  nscpaXcig 
Kgoviörj  etc.).  Da  nicht  anzunehmen  ist, 
dafs  Dionysios  die  Erzählung  aus  Manlius  selbst 
genommen  habe,  so  hat  er  jedenfalls  dessen 
Namen  bei  seinem  Gewährsmann  Varro  gefun- 
den (dafs  Dionys.  1 , 19  aus  Varro  stammt, 
nimmt  auch  Mommsen  a.  a.  0.  an),  und  die- 
ser hatte  also  in  der  Herleitung  des  Argeer- 
opfers  von  dem  dodonäischen  Orakel  und  Her- 
10  cules  sich  an  Manlius  angeschlossen,  wie  er 
ihn  öfter  als  seine  Quelle  nennt  (vgl.  I.  I.  5, 
31.  7,16,28).  Ist  nun  der  Manilius  bei  Festus 
wirklich  derselbe , wie  der  MdXXiog  bei  Dio- 
nysios, so  giebt  uns  doch  nichts  darüber  Auf- 
schlufs,  ob  und  in  welcher  Weise  Manilius  hei 
der  Angabe , dafs  dem  Dis  jährlich  ein  sexa- 
genarius  geopfert  wurde,  an  jenes  Orakel  an- 
knüpfte (mit  der  Scheidung  der  Berichte  des 
Varro  bei  Macrob.  und  des  Manilius  bei  Fest. 
20  fällt  die  Ansicht  Jordans  Topogr.  2 S.  284f., 
dafs  die  Beziehung  des  Argeeropfers  auf  Dis 
pater  durch  ''Interpolation’  enstanden  sei). 
Ob  das  Opfer  des  Curtius  und  der  von  den 
Schriftstellern  mehrmals  erwähnte  Brauch,  An- 
gehörige fremder  Nationen  lebendig  zu  ver- 
graben, zu  Dis  pater  in  irgend  einer  Bezie- 
hung stand,  wie  Marquardt  (a.  a.  0.  S.  351  f.) 
vermutet , läfst  sich  nicht  entscheiden  (das 
Opfer  des  Curtius  ist  nach  Varro  l.  I.  5,  148 
30  eine  Forderung  der  di  Manes,  die  andere  Cere- 
monie  nennt  Livius  22,  57  sacrificia  extraordi- 
naria  ex  fatalibus  libris  facta  und  minime  Bo- 
manum  sacrum,  Plutarch  q.  r.  83  spricht  da- 
bei von  dXXbv.oxo(  xivtg  daigoveg  v.ed  £svoi). 

Aufser  der  erwähnten  Kapelle  des  Dis  wird 
ein  Heiligtum  desselben  in  der  elften  Region- 
beim  Circus  maximus  erwähnt  ( Notit . urb. 
S.  19  Pr.  559  Jord. : circus  maximus  . . conti- 
net  . . aedem  Ditis  patris) ; über  den  Altar 
40  des  Dis  pater  und  der  Proserpina,  den  nach 
der  Sage  (s.  oben)  Valesius  auf  dem  Marsfelde 
zwanzig  Fuss  tief  unter  der  Erde  gefunden 
haben  sollte,  und  über  die  von  Zosimus  (2,  3) 
erzählte  Legende  von  dem  Ursprünge  dieses 
Altars  vergl.  s.  v.  Terentum.  Ferner  ist  der 
mundus  in  Rom  dem  Dis  und  der  Proserpina 
heilig,  und  in  der  Zeit,  wo  er  geöffnet  war, 
stand  gleichsam  der  Eingang  zur  Unterwelt 
(deorum  tristium  atque  inferum  ianua,  faux 
50  Plutonis ) offen  ( Macrob . 1,  16,  16ff.  und  Varro 
das.,  der  von  dem  mundus  der  palatinischen 
Stadt  spricht;  von  dem  mundus,  der  nach 
Plut.  B.om.  11  sich  in  der  Gegend  des  Comi- 
tiums  befand  und  wohl  als  mundus  der  er- 
weiterten Stadt  anzusehen  ist,  wird  dies  nicht 
ausdrücklich  überliefert;  vergl.  mundus).  In 
Italien  wurden  als  ianuae  oder  spiracula  Ditis 
(vgl.  Acheruntis  ostium  Plant.  Trin.  525,  Orci 
ianua  Bacch.  368)  Stätten  bezeichnet,  an  denen 
eo  ein  giftiger  Hauch  dem  Boden  entströmte;  so 
vor  allem  der  Averner-See  bei  Kumä  (ianua 
Ditis:  Verg.  Aen.  6,  126 f.  Valer.  Flacc.  6, 
112 f.  Arnob.  5,  28;  ostia  Ditis:  Verg.  Aen. 
8,  667;  vgl.  5,  731ff.;  Petron.  120  v.  67  ff.;  s. 
Avernus;  nach  römischer  Auffassung  ist  auch 
das  Plutonium  am  Vorgebirge  Taenarum  ein 
spiraculum  Ditis,  vgl.  z.  B.  Verg.  georg.  4,  467. 
Apulej.  met.  6,  18),  ferner  das  von  düsteren 


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1185 


1186 


Dis  pater 

Wäldern  eingeschlossene  Thal  des  schwefligen 
Ampsanctus  Sees  mit  einer  Höhle,  auf  der 
Grenze  von  Campanien  und  Apulien,  wo  ein 
eigentümlicher  Kult  der  Unterirdischen  be- 
stand, indem  die  Opfertiere  nicht  geschlachtet, 
sondern  durch  die  Ausdünstungen  getötet 
wurden  (der  Ort  hiefs  umbilicus  Italiae,  die 
Höhle  spiraculum  Ditis:  Verg.  Aen.  7 , 563  ff. 

■ Serv.  zu  v.  563;  über  eine  ähnliche  Örtlich- 
keit am  Soracte  s.  unten);  eine  waldreiche 

i Gebirgsgegend  mit  einer  tiefen  Höhle  war 
auch  bei  Henna  die  Stätte,  wo  Dis  die  Libera- 
Proserpina  gei’aubt  haben  sollte  (umbilicus  Si- 
ciliae,  Cic.  Verr.  4,48,  106.  Sil.  Ital.  14,  239  f. ; 
vergl.  die  inferi  Ditis  specus  [plur. , d.  i.  die 
Unterwelt]  C.  I.  L.  3,  2197).  • Als  Unterwelts- 
gott erhält  Dis  pater  schwarze  Opfertiere,  fur- 
vae  hostiae  (s.  oben;  Serv.  georg.  2,  380;  vgl. 
Paul.  p.  93  furvurn  bovern.  Verg.  Aen.  6,  153  f. 
243 ff.),  wie  ihm  die  düstere  Cypresse  heilig  2i 
ist  ( Plin . n.  h.  16,  139.  Petron.  a.  a.  0.  v.  75); 
gelang  bei  einem  Opfer  an  ihn  die  litatio,  so 
galt  dies  als  unglückverheifsendes  Zeichen 

■ ( Sueton . Otho  8);  die  Weihe  ist  der  heilige 
I Vogel  des  raubenden  Gottes  ( Dracont . carm. 

I min.  8,  464 ff.  4760'.).  Mit  Veiovis  und  den 

i Manen  wird  Dis  pater  angerufen  in  einer  prie- 
Isterlichen  Devotionsformel  ( Macrob . 3,  9,  10; 
j dagegen  ist  Dis  nicht  genannt  in  dem  älteren 
iDevotionscarmen  des  P.  Decius  bei  Liv.  8,  9,  3 

16 ff. ; mit  den  Manen  ist  Dis  auch  in  den  metri- 
schen Grabinschriften  C.  I.  L.  6,  6986  [Manes 
Ditis  avari ] und  7579  verbunden;  s.  manalis 
lapis ; an  ihn  werden  Imprecationen  gerichtet 
I (C.  I.  L.  1,  818  = 6,  140,  worin  es  heifst: 
Dite  pater,  BJiodine(m)  tibi  commendo,  uti  sem- 
per  odio  sit  M.  Licinio  Fausto;  vgl.  C.  I.  L. 

1,  819  = 6,  141  Danae  ancilla  noicia  Capito - 
nis  lianc  ostiam  acceptam  habeas  et  consumas 
Danaene.  liabes  Eutychiam  Soterichi  uxorem,  4 
|wo  der  angeredete  Unterweltsgott  nach  Momm- 
: mctjs  Vermutung  [z.  d.  Inschr.]  Dis  pater  ist). 
Ganz  vereinzelt  ist  die  Vereinigung  von  Dis 
und  Hercules  (auf  dem  Altar  C.  I.  L.  6,  139) 
md  von  Dis  und  Iuppiter  Hammon  ( C . I.  L. 

I b,  9018).. 

An  die  Stelle  der  Proserpina  tritt  in  In- 
schriften zuweilen  eine  Göttin  Aerecura  oder 
j lera  Cura  (C.  I.  L.  5,  725.  Brambach,  C.  I. 
Rhen.  1679,  vgl.  C.  I.  L.  3,  4395;  5,  8970  a:  5 
Uiti  patri  sacr.  und  Erae  sacr.;  s.  Aerecura 
md  Denzen  zu  Orelli  6042.  Corssen,  Kritische 
Vachtr.  z.  lat.  Formen l.  S.  256.  J.  Becher  in 
rahrbb.  d.  V er.  v.  Alt.-Fr.  im  Bhlde.  42,  1867 
1.  111  ff.  und  50/51,  1871  S.  175ff).  Mit  der- 
elben  erscheint  Dis  als  Unterweltsfürst  thro- 
nend auf  einem  spätheidnischen,  von  christ- 
ichen  Vorstellungen  beeinflufsten  Grabgemälde 
|ei  Rom  ( C . I.  L.  6,  142;  abgeb.  bei  Perret , 
i 'atacombes  de  Borne  1 pl.  72.  73;  vgl.  Förster,  6 
I taub  etc.  S.  231  ff.,  wo  weitere  Litteratur  an- 
egeben  ist);  er  ist  bärtig,  mit  dem  modius, 
de  es  scheint,  auf  dem  Haupte  dargestellt 
'Dis  pater  Aerecura’’ ; rechts  von  Dis  und 
lerecura  stehen  drei  verhüllte  Personen,  c Fata 
\mna\  von  der  Linken  führt  ’ Mercurius  nun- 
jws’  zwei  Frauen,  ’Vibia  Alcestis\  herbei); 
if  einem  anderen  Teile  des  Gemäldes  ent- 

Roscher,  Lexikon  der  gr.  u.  röm.  Mythol. 


Dis  pater 

führt  er,  wie  Pluto  auf  einer  quadriga  fahrend, 
ein  Weib  (r abreptio  Vibies  et  discensio ’;  die 
Entführung  derVibia  ist  hier  unter  dem  Bilde 
des  Persephone- Raubes  dargestellt,  Preller, 
B.  AI.3  2 S.  65  Anm.  2.  Förster  S.  231;  in 
ähnlichem  Sinne  wird  in  der  metrischen  Grab- 
inschrift C.  I.  L.  6,  6319  der  Verstorbene 
Ditis  focda  rapina  feri  genannt,  vgl.  das.  1, 
1220.  6,  6986;  über  die  Darstellung  des  Unter- 
welts-Einganges auf  dem  Gemälde  als  fafs- 
ähnliche  Öffnung  s.  Förster  S.  233  und  s.  v. 
mundus).  Zur  Zeit  Tertullians  erschien  Dis 
unter  den  Masken  in  den  Zwischenspielen  der 
ludi  wie  der  etruskische  Charun  mit  dem  Ham- 
mer in  dem  Leichenzuge  der  gefallenen  Gla- 
diatoren ( Tertull . ad  nat.  1,  10.  apol.  15;  vgl. 
die  späte  Gleichstellung  von  Dis  und  Charon 
bei  Apulej.  u.  Isidor,  a.  aa.  00.  Gloss.  Labb. 
s.  vv.  Xüqwv,  Ditis;  vgl.  Müller -Deecke,  Etru- 
sker 2 S.  102f.);  den  anderen  Todesgott  der 
Etrusker,  Mantus,  fafste  man  geradezu  als  den 
etruskischen  Dis  pater  auf  ( Caecina  in  den 
Schol.  Veron.  z.  Verg.  Aen.  10,  200.  Serv.  Aen. 
10,  198;  vgl.  ALüller- Deecke  a.  a.  0.  u.  S.  68). 
Die  Gallier  leiteten  nach  druidischer  Tradition 
ihren  Ursprung  von  einem  Gotte  ab,  den  Cä- 
sar Dis  pater  nennt  (b.  g.  6,  18,  1);  auch  in 
orientalischen  Gottheiten  glaubte  man  den  Dis 
zu  erkennen  (Tao.  hist.  4,  83 f.  und  dazu  Jor- 
dan in  Prellers  B.  AI.3  2 S.  65 f.  Aum.  3; 
Martian.  Cap.  2,  191). 

Wie  Pluto  bei  den  Griechen  Zsvg  %&6viog 
oder  ■Äccvax&oviog  genannt  wird  ( Preller , Gr. 
AI.  I3  S.  655 f.),  so  sagt  Varro  (l.  I.  5,  66)  von 
Dis  pater:  idem  hic  (d.  i.  Iuppiter)  Dispater 
(so  Müller,  dies  pater  cod.  Flor.)  dicitur , infi- 
mus  qua  est  coniunctus  terrae,  ubi  omnia  ut 
oriuntur  ita  aboriuntur  (so  Müller,  omnia  oriun- 
tur  ui  aboriuntur  cod.  Flor.;  vgl.  Cic.  n.  d.  2, 
26,  66.  Firmic.  Matern.  17),  in  welcher  Be- 
zeichnung Iuppiter  denselben  allgemeinen  Sinn 
zu  haben  scheint  wie  in  der  Verbindung  Iup- 
piter Liber  etc.  (vgl.  Reifferscheid,  Sülle  ima- 
gini  del  dio  Silrano  e del  dio  Fauno,  in  Ann. 
d.  inst.  38,  1866  S.  216).  Auf  einer  Inschrift 
(C.  I.  L.  1,  188  = 6,  136)  scheint  mit  Recht 
Di]ti  Diove,  worin  Alommsen  (z  d.  Inschr.) 
eine  Stütze  für  Diiovis  finden  wollte , herge- 
stellt worden  zu  sein.  In  dem  von  Dionys. 
Halic.  (2,  10)  mitgeteilten  Gesetze  des  Königs 
Romulus  gegen  Mifsbrauch  der  dem  Patronus 
über  seinen  Klienten  zustehenden  Gewalt,  das 
uns  in  lateinischer  Sprache  nicht  vorliegt,  ist 
in  der  Strafbestimmung  tbv  de  cdovztx  zg>  ßov- 
loyivcp  v-tsivsiv  oc iov  rjv  a>e  Q'vycc  rov  »at a- 
X&ovlov  Aiog  der  Zsvg  jtarajjffönog  wahrschein- 
lich eine  Umschreibung  für  den  römischen  Dis 
pater  (vgl.  Lange,  Röm.  Altert.  I3  S 241;  die 
Annahme  AI.  Voigts , Über  die  Leges  regiae  1 
S.  574  f. , dafs  darunter  Tellumo  zu  verstehen 
sei,  läfst  sich  durch  nichts  rechtfertigen),  ähn- 
lich wie  bei  Dichtern  Iuppiter  Stygius,  I.  Tar- 
tareus,  I.  infernus,  I.  tremendus,  I.  niger  (z.  B. 
Verg.  Aen.  4,  638 : Iovi  Stygio,  Serv.  z.  d.  St. : 
hoc  est  Pl-utoni.  Ooid.fast.  5,448.  Sil.  Ital.  1,386. 
2,  674.  Valer.  Flacc.  1,  730  vgl.  828.  3,  384 f. 
Seneca,  Here.  für.  47.  Here.  Oet.  1705;  vgl.  Au- 
son.  technopaegn.  13  \grammaticomast.]  16)  ohne 

38 


1187 


Dis  pater 


Dithyrambos 


1188 


Zweifel  Pluto  oder  Dis  pater  bezeichnet  (vgl. 
Purgold , Archäol.  Bemerk,  zu  Glaudian  und 
Sidon.,  Gotha  1878  S.  91.  JDressel  in  Annal. 
d.  Inst.  a.  a.  0.  S.  188  f.  Breal  in  Revue  ar- 
cheol.  n.  s.  44,  1882  S.  87);  in  diesem  Sinne 
giebt  Silius  Ital.  (13,  601)  dem  Unterwelts- 
gotte eine  Iuno  Averna  (d.  i.  Proserpina;  auch 
Ovid  met.  14,  114  nennt  dieselbe;  vergl.  die 
Iuno  inferna  Verg.  Aen.  6,  138.  Serv.  z.  d.  St. 


die  Wölfe  nach  ahmten,  d.  h.  vom  Raube  leb- 
ten; dies  thaten  sie  und  wurden  deshalb  Hir- 
pini  Sorani  genannt:  nam  lupi  Sabinorum  lin- 
gua  hirpi  vocantur , Sorani  vero  a Dite,  nam 
Bis  pater  Soranus  vocatur , quasi  lupi  Bitis 
patris  (Hirpini  wohnen  auch  bei  dem  Amp- 
sanctus-See,  Cic.  de  div.  1,  36,  79.  Plin.  n.  h. 
2,  208.  Serv.  Aen.  7,  563;  vgl.  Müller- Beecke, 
Etrusker  2 S.  67f.).  Ferner  wurde  Dis  mit 


und  zu  1,  734.  C.  I.  L.  10,  7576,  u.  die  Iuno  io  Februus  identificiert  (Serv.  georg.  1,  43.  Lyd. 


Stygia  Stat.  Theb.  4,  526  f ; s.  Proserpina)  zur 
Gemahlin.  Dafs  'bei  den  altitalischen  Stäm- 
men der  Gott  der  Unterwelt  von  dem  Herrn 
des  Himmels  nicht  verschieden  gewesen  sei, 
gerade  so  wie  bei  den  Griechen’,  schlofs  Bergk 
(Zwei  Zauberformeln  bei  Cato,  im  Philol.  21, 
1864  S.  592  f.  = Kl.  philol.  Schriften  1 S.  563  f.) 
aufser  aus  den  angeführten  Worten  Varros  aus 
Paul.  p.  115  lapidem  silicem , wo  nach  der 


de  mens.  4,  20).  Bei  Martianus  Capella  (2,  166) 
und  dem  Mythcgraphus  vaticanus  III  (6,  1) 
wird  Dis  einem  sonst  nur  noch  aus  einer 
Glosse  des  Papias  bekannten  Gotte  Vedius, 
der  auch  Veiovis  genannt  worden  sei  ( Mar - 
tian.  nennt  ihn  auch  2,  142;  vgl.  über  densel- 
ben Preller,  Ii  M. 3 l S.  263  Anm.  1.  Beecke, 
Etr.  Forsch.  4 S.  69 ff.),  vom  Mythogr.  über- 
dies noch  ausdrücklich  dem  Veiovis  gleichge- 


handschriftlichen  Überlieferung  indem  Schwur  20  stellt  (.  . Vedius  . .,  quem  etiam  Bitem  Veio- 


bei  Iuppiter  Lapis  nicht  Diespiter,  sondern 
Dispiter  d.  i.  Dispater  angefleht  wird  (si  sciens 
fallo,  tum  me  Bispiter  [so  'boni  codd.’  Bies- 
piter  'vg.’]  salva  urbe  arceque  bonis  eiciat , uti 
ego  hunc  lapidem;  in  der  griechischen  Trans- 
scription der  Formel  bei  Polyb.  3,  26  ist  kein 
Gott  genannt;  an  'Iuppiter  infernus’  dachte 
auch  Müller  z.  d.  St.  unter  Hinweis  auf  die 
Varro-Stelle,  wogegen  Preller,  R.  MS  1 S.  248 


vemque  dixere  Martian. ; inde  est  quod  idem 
deus  [d.  i.  Dis]  Vedius,  id  est  malus  deus , et 
Veiovis,  id  est  malus  Iovis,  sed  et  Orcus  appel- 
latur  Mythogr.;  vgl.  Preller,  R.  MS  1 S.  267). 
Ebenso  wurde  in  der  späteren  Zeit  Summanus 
als  summus  Manium  dem  Dis  gleichgestellt 
(Arnob.  6,  3.  Mart.  Cap.  2,  161;  Arnob.  5,  37 
läfst  sogar  den  Summanus  die  Proserpina  rau- 
ben). Mit  gröfserem  Rechte  wird  Dis  mit  Or- 


Anm.  1 den  Gedanken  an  denselben  zurück-  30  cus  identificiert  (Ennius  Euliem.  a.  a.  0.  Ar- 


weist)  und  aus  den  Schlufsworten  des  von  ihm 
hergestellten  Zauberspruches  bei  Cato  de  agric. 
160  (dissunapiter , nach  Bergk  = Bis  suna 
piter  = Diespiter  sana),  indem  er  der  Ansicht 
ist,  dafs  Diespiter  und  Dispiter,  obwohl  for- 
mell zu  sondern,  denselben  Gott  bezeichnen 
(als  einen  nur  besonders  charakterisierten  Iup- 
piter hatte  übrigens  auch  Huschke , Rom.  Jahr 
S.  249  Anm.  127  S.  303 f.  Anm.  208  den  'Dis- 


nob.  5,  32.  Augustin.  C.  B.  7,  16.  23.  Isidor. 
a.  a.  0.),  der  ebenfalls  als  reicher  Unterwelts- 
gott aufgefafst  wird  (vergl.  z.  B.  Tibull.  3,  3, 
39);  s.  Orcus.  [R.  Peter.] 

Dis  pater  (etruskischer  Unterweltsgott)  s. 
unter  Vetis  (etruskisch- lat.  Vedius).  [Deecke.] 
Dithyrambos  (Ji&vQixyßog),  1)  Beiname  des 
Dionysos,  dem  zu  Ehren  der  Dithyrambos  ge- 
sungen wurde  (Eurip.  Bacch.  526.  Athen. 


pater  Veiovis’  aufgefafst).  Aber  aus  der  Cato-  40  1,  30b.  11,  465a),  nach  der  Ansicht  der  Gram- 


Stelle  läfst  sich  dies  nicht  entnehmen,  da  die 
Herstellung  derselben  durchaus  unsicher  ist 
(vgl.  auch  den  kritischen  Apparat  Keils  z.  d. 
St.),  und  bei  der  Schwurformel  läfst  sich  das 
Bedenken,  dafs  ein  Schreibfehler  vorliegt  und 
Diespiter  gelesen  werden  mufs,  kaum  abwei- 
sen. Umgekehrt  verhält  es  sich  mit  der  Stelle 
Isidors  (or.  8,  11,  42):  Pluton  Graece,  Latine 
Biespiter  vel  Bitis  pater , wo  sicher  Dispiter 


matiker  wegen  seiner  Doppelgeburt  durch  Se- 
mele  und  durch  Zeus,  indem  er  durch  zwei 
Thüren  ans  Licht  trat,  oder  weil  er  in  Nysa 
in  einer  Höhle  mit  zwei  Thüren  erzogen  ward, 
Et.  M.  s.  v.  Schol.  Pind.  Ol.  13,  26.  Schol. 
Apoll.  Rhod.  4,  1131.  Tzetz.  Lyc.  Prolegg.  1 
p.  252  ed.  Müller.  Procl,  Chrestom.  p.  382 
Gaisf.  Schol.  Fiat.  p.  158.  Welcher,  Griech. 
Götterl.  2,  579  ff.  Nachtr.  z.  Tril.  S.  191.  Prel- 


zu  lesen  ist,  eine  Namensform,  die  durch  Mars-  50  ler,  Gr.  Myth.  1,  547.  Vgl.  Schwenck,  Andeut. 


piter  neben  Mars  pater  hinreichend  gestützt 
wird  (vergl.  noch  Gloss.  Labb.  s.  v.  Xccqcov: 
Orcus,  Bespiter , wo  Mancher  zu  Hygin.  fab. 
41  Dispiter  emendiert). 

Vollständig  identificiert  wird,  wie  es  scheint, 
b.  Serv.  (Aen.  11,  785)  Dis  pater  mit  dem  Gotte 
des  Berges  Soracte,  der  auch  Apollo  So- 
ranus genannt  wird  (Preller,  R.  MS  1 S.  268 ff.); 
Servius  erzählt,  dafs,  als  einst  am  Berge  So- 


S.  146  u.  ob.  S.  1075  ff.  — 2)  Aus  dem  Beinamen 
des  Gottes  schuf  man  eine  besondere  Person, 
einen  Begleiter  des  Dionysos,  eine  Figur  des 
Thiasos  (Satyr),  Athen.  1,  30  b,  wo  neben  Dithy- 
rambos die  ähnlich  entstandene  Person  Thriam- 
bos  genannt  wird.  Aeschyl.  (fr.  317  Herrn.) 
bei  Flut,  de  Ei  delph.  c.  9 : yi'^oßoav  ngsnii 
AiQ'vQayßov  bgagrsiv  ovyncogov  Aiovvacg,  Prel- 
ler, Gr.  Myth.  1,  593.  Gerhard,  Gr.  Myth.  1 


m 

ki 

Tat 


racte  dem  Dis  ein  Opfer  gebracht  wurde  — 60  § 466, 2.  Bildlich  dargestellt  auf  einem  Vasen  - 


nam  diis  Manibus  consecratus  est  — plötzlich 
Wölfe  erschienen  und  die  exta  aus  dem  Feuer 
raubten;  die  Hirten  verfolgten  sie  und  gelang- 
ten dabei  an  eine  Höhle,  der  ein  die  dabei 
Stehenden  tötender  Dunst  entstieg;  hierauf 
entstand  eine  Pest,  weil  sie  den  Wölfen  ge- 
folgt waren,  und  ein  Orakel  gab  an,  dafs  sie 
sich  von  derselben  befreien  könnten,  wenn  sie 


fragment  im  Museum  Thorwaldsens  (Mus.  Thor- 
tvald.  1 p.  71  n.  97.  Heydemann,  Satyr-  und 
Bahchennarnen  S.  21  und  36)  und  einer  Lam- 
bergischen  Vase  (Gerhard,  Amt.  Bildw.  1 T.  17), 
Welcher,  a.  Benhn.  3,  125 ff.  Tf.  10,  2.  Auf 
d’er  ersteren  Vase  ist  der  bekränzten , die 
Kithara  spielenden  Satyrgestalt  beigeschrieben 
Ai&vQccycpos,  eine  Form,  die  sich  zu  Ai&vQccy- 


o®cl 

hol/ 


1189  Dithyrambos 

ßog  verhält  wie  triumphus  zu  Q'outußog.  Wel- 
cher, a.  Denkm.  3,  132f.  0.  Jahn,  Vasenbilder 
S.  21.  C.  I.  Gr.  n.  7464.  [Stoll.] 

Dithyramplios  = Dithyrambos  (s.  d.). 

Ditis  s.  Dis  Pater. 

Dius  Fiilins.  Unter  der  unbeschränkten 
Zahl  von  Genii,  welche  nach  italischer  Reli- 
gionsvorstellung als  die  Vermittler  zwischen 
Göttern  und  Menschen  thätig  sind,  ist  der  her- 
vorragendste der  Genius  Iouis  oder  auch  Ge- 
nius schlechtweg  genannt.  Wie  nun  Iuppiter 
selbst  als  Himmelsgott  in  hervorragendem  Mafse 
auch  ein  Gott  des  Rechtes  und  der  Treue  ist, 
so  ist  es  auch  sein  Genius  und  dieser  führt 
daher  in  Rom  den  Namen  Dius  Fidius,  von 
den  Griechen  ungenau,  aber  doch  in  richtiger 
Erkenntnis  seines  Gesamtcharakters,  als  Zsvg 
Ih'oziog  übersetzt.  Dieser  Dius  Fidius  ent- 
sprach nach  den  übereinstimmenden  Aussagen 
der  alten  Grammatiker  (Fest.  p.  238.  Ovid. 
fast.  6,  213  ff.  Cato  bei  Dion.  Hai.  2,  49.  4,  58) 
dem  sabinischen  Gotte  oder  vielmehr  Heros 
(Dion.  2,  49;  vgl.  Sil.  Ital.  8,  421  ff.  Aug  c. 
D.  18,  19.  Lact.  inst.  div.  1,  15,  8)  Semo  San- 
cus , mit  dem  er  durch  Verschmelzung  der 
Namen  als  Semo  Sancus  Dius  Fidius  verbun- 
den und  identificiert  wurde.  Dafs  wir  in  Dius 
Fidius  wie  in  Semo  Sancus  den  Genius  Iovis 
zu  erkennen  haben , wird  für  den  ersteren 
durch  die  falsche  Etymologie  des  Aelius  Stilo 
'Diouis  filius ’ (Varro  de  l.  1.  5,  66.  Paul. 
p.  147.  Placid.  p.  32,  10;  vergl.  auch  Paul. 
p.  74  'Dius  heroum  aliquis  ab  Ioue  genus  du- 
cens’’),  für  Semo  Sancus  durch  seinen  Namen, 
der  ebenso  mit  serere  zusammenhängt,  wie 
Genius  mit  gignere,  für  beide  durch  ihre  Iden- 
tifikation mit  Hercules  (Varro  l.  I.  5,  66.  Fest. 
p.  229.  Paul.  p.  147.  Prop.  5,  9,  71  ff.  Ter- 
tull.  ulol.  20;  vgl.  Schwegler,  Böm.  Gesch.  1, 
364  ff.)  bewiesen,  da  der  italische  Hercules  mit 
dem  Genius  identisch  ist,  wie  dies  als  siche- 
res Resultat  der  Untersuchungen  Reifferscheids 
feststeht,  dem  auch  die  Erkenntnis  der  Iden- 
tität von  Dius  Fidius  und  Semo  Sancus  mit 
dem  Genius  Iouis  verdankt  wird;  vgl.  Hercu- 
les. Nach  der  übereinstimmenden  Tradition 
des  Altertums  wurde  der  Kult  des  Semo  San- 
cus von  dem  sabinischen  Teile  der  Bevölke- 
rung in  Rom  eingeführt  (vgl.  Ambrosch,  Stu- 
dien und  Andeutungen  S.  170f.),  und  Titus 
Tatius  galt  als  der  Stifter  des  auf  dem  Quiri- 
nal  gelegnen  Hauptheiligtums  des  Semo  San- 
cus Dius  Fidius  (Tert.  ad  nat.  2 , 9.  Becker , 
Topogr.  S.  575ff.),  welches,  wie  dort  gefundene 
| Inschriften  (C.  I.  L.  6,  568.  Bullet,  d.  inst. 
1881,  38)  beweisen,  noch  in  der  Kaiserzeit  be- 
stand. Der  Festtag  des  Gottes  war  der  5.  Juni 
(Ovid  fast.  6,  213 ft'.  Fast.  Venusi),  nämlich  der 
Tag,  an  welchem  das  quirinalisclie  Heiligtum 
! durch  Sp.  Postumius  im  Jahre  288  u.  c.  ein- 
geweiht worden  war  (Dion.  9,  60 ; vgl.  Merkel, 
j Prolegg.  p.  CXXXVI).  Ein  zweites  Heiligtum 
des  Gottes  befand  sich  auf  der  Tiberinsel  (Iu- 
, stin.  Mart.  apol.  1 , 26  und  bei  Euseb.  hist, 
eccl.  2,  13;  vgl.  Becker,  Topogr.  S.  652.  C.  I. 
L.  6,  567),  und  eine  dort  befindliche  Weihin 
| schrift  gab  den  christlichen  Apologeten  grofses 
; Ärgernis , da  sie  dieselbe  mifsverständlich 


Dmasagoras  1 190 

an  Simon  Magus  gerichtet  glaubten  (lustin. 

a.  aa.  00.  Tertull.  apol.  13;  Zweifel  daran  bei 
De  Bossi,  Bull.  delV  Inst.  1881,  65).  Jedoch 
war  der  Kult  des  Gottes  keineswegs  auf  Rom 
beschränkt:  auf  den  iguvinischen  Tafeln  findet 
sich  ein  Fise  Sansie  = Fidius  Sancus  (Aufrecht- 
Kirchhoff , Umbr.  Sprachdenkm.  2,  186 ft'.),  ein 
Tempel  des  Sancus  ist  uns  für  Velitrae  (Liv. 
32,  1),  ein  sacellum  für  die  Gegend  von  Marino 
(Orelli-Henzen  6999)  bezeugt.  — Das  Wesen  des 
Dius  Fidius  als  eines  Recht  und  Treue  schützen- 
den Gottes  tritt  sowohl  in  der  Schwurformel 
me  Dius  Fidius  (vgl.  Paul.  p.  147)  als  in  der 
Thatsache  hervor,  dafs  man  Staats-Verträge 
in  seinem  Heiligtume  aufbewahrte,  wie  z,  B. 
den  Vertrag  des  Tarquinius  Superbus  mit 
Gabii  (Dion.  4,  58).  Eine  Erinnerung  an  sein 
nahes  Verhältnis  zum  Himmelsgotte  hat  sich 
noch  in  dem  Brauche  erhalten,  bei  ihm  nur 
unter  freiem  Himmel  zu  schwören,  weshalb, 
wer  dies  zu  Hause  thun  wollte,  in  das  Com- 
pluvium  trat  (Varro  1.  I.  5,  66  und  bei  Nonius 
p.  494),  ebendahin  weisen  wohl  auch  die  kreis- 
runden Scheiben  von  Erz , welche  aus  dem 
konfiszierten  Vermögen  des  Vitrubius  329 
n.  Chr.  im  Heiligtume  des  Sancus  auf  dem 
Quirinal  gestiftet  wurden  (Liv.  8,  20,  8;  vgl. 
Preller,  röm.  Myth.3  2,273,3}.  Wenn  in  dem- 
selben Tempel  sich  auch  eine  eherne  Statue 
der  Gaia  Oaecilia  oder  Tanaquil,  sowie  ihre 
Spindel  und  ihre  Sandalen  befanden  (Varro 

b.  Plin.  n.  h.  8,  194.  Fest,  p 238.  Plut.  Q.  B. 
30),  so  liegt  der  Zusammenhang  nach  Reiffer- 
scheid darin,  dafs  Gaia  Caecilia,  die  römische 
materfamilias  im  vorbildlichen  Sinne,  neben 
Dius  Fidius  tritt,  wie  luno  neben  Genius  und 
Hercules.  Vergl.  Hercules.  Sehliefslich  mufs 
noch  der  vor  kurzem  (angeblich)  auf  dem  Qui- 
rinal gefundenen,  durch  die  Inschrift  'Semoni 
Sanco  sancto  Deo  Fidio ’ u.  s.  w.  beglaubig- 
ten Statue  des  Gottes  gedacht  werden,  deren 
Hieherbeziehung  aber  dadurch  in  Frage  ge- 
stellt ist,  dafs  man  die  Zugehörigkeit  der 
Inschriftbasis  zur  Statue,  wie  es  scheint,  mit 
Grund  in  Zweifel  gezogen  hat  (Abbildung  bei 
C.  L.  Visconti  in  den  Studj  e Documenti  di 
Storia  e Diritto  2,  105  ff.).  Gehörte  sie  zu, 
so  hätten  wir  einen  neuen  Beweis  für  die  Art 
und  Weise,  wie  die  Römer  griechische  Göt- 
tertypen auf  die  Gestalten  ihres  Kultus  über- 
trugen: die  dargestellte  Gottheit  ist  nämlich 
ohne  Frage  ein  archaischer  griechischer  Apollo- 
typus : es  konnte  das  Bewufstsein , dafs  auch 
Dius  Fidius  in  nahem  Verhältnis  zum  Licht- 
gotte stand,  Einflufs  darauf  haben,  dafs  man 
gerade  ein  Bild  des  Apollo  für  seine  Darstel- 
lung wählte.  [Wissowa.] 

Diuvis  s.  Iuppiter. 

Diva  s.  Angerona. 

Divöna,  keltischer  Name  einer  Quelle  bei 
Burdigala,  welche  wohl  göttliche  Ehren  ge- 
nofs,  Auson.  clar.  urb.  14,  32.  Derselben  Gott- 
heit verdankt  jedenfalls  die  nahe  gelegene  Stadt 
Dibona  (oder  Divona)  Cadurcorum  (Tab.  Peu- 
ting.)  ihren  Namen.  Zur  Bildung  des  Wortes 
vgl.  Dirona,  Epona  u.  Dervonnae,  sowie  Zeufs, 
gr.  C.  S.  20.  [Steuding.] 

Dmasagoras  (JjuxnayÖQag),  Vater  des  Homer, 
38* 


1191  Dmeteira 

nach  Kallikles  in  Rom.  et  Hesiod.  Certam.  1 
(p.  34  in  Western.  Bioygcecp.).  [Stoll.] 
Dmeteira  (Ayyzsiga)  dcxydGZQLcc,  rj  ArjfiyzrjQ. 
Etym.  31.  281,  9;  vergl.  255,  48.  609,  13  und 
Hesych.  s.  v. , der  sie  noch  aufserdem  durch 
yy  yswyzgia  erklärt.  Der  Name  ist  entweder 
= Ayyyzyg  oder  = Sccydrsigcc,  d.  i.  die  Bän- 
digerin. Hom.  II.  14,  259  wird  die  Nacht 
dyrjzsiQu  Q'säv  ncd  dcvd'Qcöv  genannt.  [Steuding.] 
Dlllia  (zfyua?)  ’Slnsavov  Q'vydzyg  Kal  Arjyy- 
zgog.  Ilesycli.  — Loheck,  Aglaopli.  1 S.  154  be- 
zieht es  auf  dasiQu,  während  M.  Schmidt  dafür 
' Alice  ’Qkikvov  {IvytxzyQ  und  ’Aycdcc'  Ayyyzyg 
konjiciert.  [Steuding.] 

Dodon  (Acodav),  Sohn  des  Zeus  und  der 
Obeanide  Europe , nach  welchem  das  dodo- 
näische  Orakel  benannt  sein  sollte,  Steph.  Byz. 
s.  v.  A codcövy.  Vgl.  Schot.  II.  16,  233,  wo  er 
Dodonos  heilst.  Bergk  in  Fleckeisens  Jahrbb. 
81.  Band  (1860)  S.  317.  [Stoll.] 

Dodone  (Aeoäcovy),  eine  Okeanide,  nach  wel- 
cher Dodona  in  Epirus  benannt  sein  sollte, 
Steph.  Byz.  s.  v.  Acoäcövy.  Schot.  II.  16,  233. 
Et.  M.  s.  v.  AooScovociog.  [Stoll.] 

Doias  (Aolccg) , nach  welchem  Aoiavzog  ns- 
Siov  am  Thermodon  bei  den  Wohnsitzen  der 
Amazonen  genannt  war.  Er  war  ein  Bruder 
des  Akmon,  von  dem  der  benachbarte  Hain 
dclcog  ’AKyoviov  seinen  Namen  hatte;  aber  der 
Vater  von  beiden  war  nicht  bekannt  nach 
Pherekydes  b.  Schot.  Ap.  Bli.  2,  373.  Steph.  Byz. 
Aoiavzog  nsdiov.  S.  Akmon  5.  [Stoll.] 
Dolicliaon,  Vater  des  in  der  Schlacht  von 
Mezentius  getöteten  Hebrus,  V erg.  Aen.  10, 
696.  [Stoll.] 

Dolichenus.  In  der  Stadt  Doliche  (jetzt 
Doluk)  in  Kommagene,  die  zwischen  dem  ge- 
wöhnlichen Euphratübergang  bei  Zeugma  und 
dem  Amanus  liegt,  verehrte  man  einen  Gott, 
der  von  den  Einheimischen  zweifellos  Ba‘al 
genannt  wurde.  Man  stellte  ihn  dar  als  einen 
kräftigen,  auf  einem  starken  Stiere  stehenden 
Mann.  Diese  Manier,  die  Macht,  Stärke  oder 
Schnelligkeit  der  Götter  dadurch  zum  Ausdruck 
zu  bringen , dafs  man  sie  auf  Tiere  stellt, 
stammt  aus  Babylon  (sie  ündet  sich  bekannt- 
lich in  der  indischen  Kunst)  und  ist  von  hier 
nach  Syrien  gedrungen , speziell  zu  den  Che- 
titern,  welche  in  Nordsyrien  und  auch  in  Kom- 
magene die  älteste  Bevölkerung  bildeten.  In 
ganz  Syrien  (Hierapolis-Bambyke,  Ba‘albekk 
Qadesch  u.  a.  [vgl.  S.  653])  ist  sie  bei  männ- 
lichen und  weiblichen  Gottheiten  ganz  gewöhn- 
lich , und  von  hier  aus  auch  nach  Kleinasien 
gedrungen,  wo  sie  sich  namentlich  in  Kilikien 
findet  (auf  Münzen) ; auch  die  gewöhnliche 
Darstellung  der  Göttermutter , die  auf  Löwen 
thront,  geht  darauf  zurück. 

Doliche  war  nie  ein  bedeutender  Ort;  vor 
Ptol.  V.  15,  10  und  Münzen  des  M.  Aurelius 
wird  es  nie  erwähnt.  Es  war  der  Kreuzungs- 
punkt verschiedener  zum  Euphrat  führender 
Strafsen  und  nach  der  Tab.  Peuting.  Badeort, 
hat  aber  nie  gröfsere  politische  oder  kommer- 
zielle Bedeutung  besessen.  Indessen  ist  in  der 
Mitte  des  zweiten  Jahrhunderts,  in  der  ja  so 
zahlreiche  syrische  Götter,  wie  die  von  Emesa, 
Heliopolis , Bambyke  , sich  weit  in  der  römi- 


Doliclienus  1192 

sehen  Welt  verbreiten  und  begeisterte  Ver- 
ehrer finden , auch  der  Gott  von  Doliche  in 
die  römische  Welt  eingedrungen.  Es  sind 
vor  allem  die  syrischen  Sklaven  und  Händler, 
durch  die  der  Kult  in  Rom  und  in  anderen 
italischen  Städten  verbreitet  wird.  In  Rom 
hatte  der  Gott  in  der  späteren  Kaiserzeit  einen 
Tempel  auf  dem  Aventin,  zu  dem  eine  grofse 
religiöse  Genossenschaft  gehörte  ( 0 . I.  L.  6, 
406);  der  Uber  de  regionibus  erwähnt  ihn 
unter  dem  Namen  Dolocenum.  Eine  andere 
Kultstätte  befand  sich  auf  dem  Esquilin  ( C . I. 
L.  6,  414;  vergl.  Visconti  in  bullet,  municip. 
1875  , 204).  Die  meisten  seiner  Verehrer  tra- 
gen ausländische,  griechisch-syrische  Namen. 
Des  weiteren  finden  wir  den  Gott  in  allen 
europäischen  Grenzprovinzen  des  Reichs,  Da- 
cien  , Pannonien  , Germanien , Britannien.  In 
erster  Linie  sind  es  Soldaten,  die  ihm  anhän- 
gen , wie  denn  die  aus  der  Bevölkerung  der 
verschiedensten  Länder  zusammengewürfelten 
Heere  Hauptträger  der  Religionsmengerei  sind 
und  auf  sie  auch  zahlreiche  Denkmäler  anderer 
syrischer  Götter  in  den  genannten  Provinzen 
zurückgehen.  Daneben  sind  es  Kaufleute  und 
Ansiedler  aus  Syrien,  welche  seinen  Kult  pfle- 
gen. So  errichten  ihm  zu  Apulum  in  Dacien, 
wo  er  einen  Tempel  hatte,  zwei  Suri  negotia- 
tores  eine  Säule  ( Ephem . epigr.  2,  401),  und  in 
Ampelum  in  Dacien  scheint  es  eine  komma- 
genische  Ansiedlung  gegeben  zu  haben,  da  der 
Gott  hier  Iuppiter  Optimus  Maximus  Doliche- 
nus Deus  Aeternus  Commagenorum  (u.  var. ; C. 
I.  L.  3,  1201  a.b.  Ephem.  epigr.  2 , 422)  ge- 
nannt wird.  In  Salona  in  Dalmatien  finden 
wir  einen  Priester  des  Dolichenus,  der  den 
syrischen  Namen  Barlaha  („Sohn  Gottes“)  führt, 
Ephem.  2,  529.  In  den  übrigen  Provinzen  fin- 
det sich  der  Gott  nur  ganz  vereinzelt  (zu  er- 
wähnen sind  drei  von  Soldaten  verfafste  In- 
schriften aus  Lambese  in  Numidien  (O.  I.  L. 
8,  2623  tt'.).  Im  ganzen  sind  etwa  90  auf  sei- 
nen Kult  bezügliche  Denkmäler  erhalten.  Es 
ist  wiederholt  bemerkt  worden , dafs  sich  in 
denselben  als  Name  der  Priester  auffallend  oft 
der  Name  Marinus  findet:  Marinus  Mar  iani  sac., 
Aurelius  Marini  sac.,  sub  sacer.  Antioco  et 
Marino,  Ar  das  Marinus  sacerdos,  Belticus,  Ma- 
rini f.  sacerdos  u.  a.  ( Heitner , de  Iove  Dolicheno 
p.  9).  Wir  werden  wohl  nicht  fehlgehen,  wenn 
wir  hierin  eine  Latinisierung  des  syrischen 
Wortes  ma.rina  „unser  Herr“  und  somit  einen 
ursprünglichen  Titel  des  Priesters  erkennen 
(vergl.  ähnliche  Namen  in  altägyptischen  In- 
schriften, Z.  D.  M.  31,  726).  Griechische  In- 
schriften zu  seinen  Ehren  sind  meines  Wissens 
nicht  gefunden  (C.  I.  Gr.  593  in  Rom  ist  wahr- 
scheinlich gefälscht,  s.  Hettner  29),  ebenso- 
wenig kommt  er  auf  Münzen  vor,  auch  nicht 
in  seiner  Heimat.  Von  Schriftstellern  erwähnt 
ihn  nur  Steph.  Byz.  s.  v.  Aoh’xy  . . . nohg  zyg 
Koyfiayyvrjg  ■ s&vikov  AoXi%u£og  [so  auch  auf 
den  Münzen  bei  Mionnet  5 p.  111 ; Suppl.  8 p.  84: 
Joh.%cua)v],  (cög  Ao\i%aio g,  eingeschoben  von 
Wolff,  de  noviss.  orac.  aetate  25)  Ztvg-  ol  S 
IniywgLOi.  AoXixyvol  Xiyovzui  ( XiyovGLV ? Mei- 
neke).  Es  sind  eben  nur  unbedeutende  Men- 
schen , welche  das  Streben  nach  irgend  wel- 


10 

20 

30 

40 

50 

60 


1193 


Dolicheuus 


Dolichos 


1194 


chem  religiösen  Halte  in  die  Arme  dieses 
Dämons  geführt,  hat. 

Die  gewöhnliche  Darstellung  des  Gottes  auf 
den  Bildw  erken  ist  durchaus  von  der  grie- 
chisch-römischen Kunst  der  spätem  Zeit  ab- 
hängig. Er  ist  meist  bärtig,  trägt  eine  römische 
Rüstung  und  auf  dem  Haupte  die  phrygische 
Mütze.  In  der  Rechten  hat  er  eine  Doppelaxt, 
wie  der  karische  Zeus  Stratios  von  Labraynda, 


9,  948;  aeternus  (s.  o.);  in  einer  grofsen  römi- 
schen Inschrift  heifst  es  ex  praecepto  I.  0. 
M.  H.  aeterni  conservatori  totius  poli  et  nu- 
viini  praestantissimo  exibitori  invicto  (näm- 
lich dem  Gotte  selbst)  I.  Tettius  Hermes  eq. 
r(om.).  cet.  Verbunden  mit  ihm  erscheinen  in 
einzelnen  Inschriften  Iuno  (d.  i.  die  vorhin  er- 
wähnte Göttin),  Sol,  Aesculap,  Hygia;  ferner 
I.  O.  M.  üulccno  Heliopolitano,  C.  I.  L.  3,  3462; 


in  der  Linken  gewöhnlich  ein  Bündel  Blitze,  io  beide  neben  einander  ib.  3908.  Wiederholt 
Der  Stier,  auf  dem  er  steht,  schreitet  nach  erteilt  er  den  Befehl,  dafs  ihm  oder  einer 


rechts  vor.  Sehr  häufig  ist 
ihm  ein  Adler  beigegeben, 
einmal  auch  ein  Stern , 
mehrfach  tritt  die 
gesgöttin  mit  Kranz  i 
Palme  an  ihn  heran.  G 
legentlich  findet  sic 
neben  ihm  eine  weih 
liehe  Gottheit , die  auf 
einem  Steinbock  (ei- 
ner sehr  gewöhnlichen 
Figur  der  syrischen 
Kunst;  auf  einem 
Denkmal  aus  Kä.rn 
ten  bei  Hettner 
No.  27  soll  sich 
statt  dessen  eine 
Ziege  finden) 
steht,  wie  ähn- 
lich in  Bam- 
byke  Zeus  auf 
Stieren , die 
Hera  (d.  i.  die 
dea  Svria) 
auf  Bären 
thront(ÜM- 
cian , de 
dea  Syria 
15).  Wie 
weit  die 
Einzel 
heiten 
dieser 
bildli 
chen 
Dar- 
stel- 
lung auf  das  alteinheimische  Götterbild  in  die  nie  mehr  als  eine  ephemere  und  auf  einzelne 
Doliche  zurückgehen,  wird  sich  nicht  entscliei-  50  Kreise  beschränkte  Bedeutung  gehabt  hat. 


der  mit  ihm  verbundenen 
Gottheiten  eine  Statue  oder 
ein  Weihgeschenk  gewid- 
met werde.  Ob  ausge- 
bildete mythische  An- 
schauungen sich  an  sei- 
nenKult  geknüpft  haben, 
wissen  wir  nicht;  der 
Hauptsache  nach  ist 
er  jedenfalls  , wie  je- 
der andere  syrische 
Gott , der  höchste 
allgebietende  Herr, 
u.  trägt  speziell  ei- 
nen kriegerischen 
Wv\  Charakter. 

Von  der  Mitte 
des  zweiten  bis 
zum  Ende  des 
dritten  Jhdts. 
läfst  sich  der 
IvultdesDoli- 
chenusnach- 
weisen;  mit 
demZusam- 
menbruch 
des  Hei- 
dentums 
ver- 


Iuppiter  Dolichenus,  Relief  von  Kömlöd  (nach  Seidl,  Dolichenuskult  Taf.  III,  1). 


den  lassen.  Vielleicht  zeigt  die  zweite  Tafel 
der  seinem  Dienste  geweihten  Bronzepyramide 
von  Kömlöd  in  Ungarn  neben  der  gewöhn- 
lichen hier  reproducierten  Darstellung  eine 
ältere  (bei  Seidl  Taf.  3,  2 unten)  in  einem  zwei- 
imal  wiederholten  Bilde,  wo  der  Gott,  in  der 
jeinen  Hand  den  Blitz,  in  der  andern  eine 
Rosette  (resp.  dieselbe  frei  zum  Himmel  empor- 
streckend) von  den  Knieen  an  aus  zwei  hal- 


Zusammenstellung  und  Besprechung  des 
Materials  von  Braun,  Iup.  Hol.  1852,  Seidl, 
über  den  Hol ichenus- Kult,  in  Her.  Wien.  Ale., 
phil.-hist.  CI,  12,  4 ff.  13,  233  ff.  1854  und 
Hettner,  de  Iove  Holiclieno,  Bonn  1877  Diss. 
Vergl.  auch  die  Indices  zum  C.  I.  I. 

[Ed.  Meyer.] 

Rolichios  oder  Dulichios  (AoU%iog,  Jovli- 
;t;ioe),  Sohn  des  Triptolemos,  nach  welchem  die 


jben  Stieren  hervorragt,  die  mit  den  Leibern  eo  Insel  Dulichion,  die  auch  Dolicha  hiefs,  be- 


in  einander  verwachsen  und  durch  eine  Rosette 
verbunden  sind. 

Identificiert  wird  der  Gott  mit  Iuppiter  und 
Ifieifst  in  der  Regel  I.  0.  M.  Dolichenus  (var. 
Oolicenus,  Dolocenus,  Dolchenus  u.  a. , abge- 
kürzt D. ; einmal  einfach  Deo  Dol.).  Wie  es 
Ich  gehört , wird  er  mit  überschwenglichen 
Attributen  gefeiert:  exuperantissimus  C.  I.  L. 


nannt  sein  sollte,  Eustatli.  II.  2,  625.  Steph. 
Byz.  s.  v.  BovM%i°v.  [Stoll.j 
Doliclios  (AoXixog,  Aoli%o g),  1)  einer  der 
Fürsten  von  Eleusis  zu  der  Zeit,  wo  Demeter 
dorthin  kam,  Hom.  h.  in  Cer.  155.  — 2)  Sohn 
des  Aigyptos,  vermählt  mit  der  Danaide  Peirene, 
Hygin.  f.  170.  Bei  Apollod.  2,  1,  5 erhält  Pei- 
rene den  Agaptolemos  zum  Gemahl.  [Stoll.] 


Dolion 


1195 


Domiduca  1196 


Dolion  {AoUmv  von  dolcov  Etym.  M. , vgl. 
AoXCatvog  Suid.),  der  Sohn  des  Seilenos  und  der 
Melie,  welcher  am  See  Askanie  in  Bitliynien 
wohnte  {Alex.  Aet.  fr.  4 aus  Strab.  14,  681). 

[Steuding.] 

Dolios  (dolio?),  ein  alter  treuer  Sklave  der 
Penelope,  den  ihr  Vater  ihr  mitgab,  als  sie 
sich  mit  Odysseus  vermählte,  und  der  ihr  den 
Garten  besorgte,  Od.  4,  735.  Er  wohnte  mit 
sechs  Söhnen  auf  dem  Gute,  auf  welches  Laer- 
tes  sich  zurückgezogen  hatte.  Hier  bewill- 
kommnete  er  mit  seinen  Söhnen  den  heimge- 
kehrten Odysseus  und  wappnete  sich  mit  ihm 
und  Laertes  gegen  die  Verwandten  der  er- 
schlagenen Freier,  welche  kamen,  um  Blut- 
rache an  Odysseus  zu  nehmen,  Od.  24,  222. 
358.  387.  397 ff.  Er  ist  der  Vater  der  Me- 
lantho,  Od.  18,  321,  und  des  Geishirten  Me- 
lanthios  oder  Melantheus,  Od.  17,  212.  22,  159. 

[Stoll.] 

Dolon  {AöXcov,  abgeleitet  von  dolos),  a ) epi- 
sche Figur  in  Ilias  K {Aolcovua),  Sohn  des 
reichen  Herold  Eumedes  {Evyydyg , von  sv 
yydoyca),  von  übler  Gestalt,  aber  schnellfüfsig, 
unter  fünf  Schwestern  aufgewachsen  (vgl.  Schal. 
v.  315.  317);  gegen  das  Versprechen,  dafs  Hek- 
tor  ihm  das  Gespann  des  Achilleus  geben  werde, 
erbietet  er  sich,  als  Späher  in  das  Griechen- 
lager zu  gehen,  kleidet  sich  in  ein  Wolfsfell 
(v.  334)  und  trifft  mit  Odysseus  und  Dio- 
medes  zusammen,  die  ihn  fangen  und  ausfra- 
gen.  Diomedes  tötet  ihn  (v.  455,  so  auch  Hy- 
gin. f.  113).  Nach  Eur.  Blies.  591  (vgl.  Jahn , 


io 


20 


30 


108.  Bei  Hygin.  f.  90  heifst  ein  Sohn  des 
Priamos  Dolon.  [v.  Sybel.] 

Dolonkos  {Aoloynog),  nach  welchem  die  thra- 
kischen  Dolonker  benannt  sein  sollten,  Bruder 
des  Bithynos,  Steph.  Byz.  Aoloyv.01.  Bi&vvici. 
@QUKrj.  Sohn  des  Kronos  und  der  Thrake, 
Tzetz.  Lyk.  532.  Er  hatte  viele  Kinder  von 
vielen  Frauen;  denn  dieser  König  hatte  bei 
den  Thrakern  die  Polygamie  eingeführt,  Arrian. 
b.  Eustath.  ad  Dion.  322  {Müller,  fr.  hist.  gr.  3 
p.  593,  37).  [Stoll.] 

Dolopion  {AoXonioov),  1)  Troer,  Priester  des 
Skamandros,  Vater  des  Hypsenor,  II.  5,  77; 
vgl.  Tzetz.  Homer.  60.  — 2)  Vater  des  Iphi- 
machos  , eines  Hirten  des  Königs  Aktor  auf 
Lemnos,  der  den  dort  ausgesetzten  Pbiloktetes 
ernährte,  Ilygin.  f.  102.  [Stoll.] 

Dolops  {Aoloip),  1)  Sohn  des  Lampos,  Enkel 
des  troischen  Königs  Laomedon ; fiel  im  Kampfe 
mit  Meges  und  Menelaos,  II.  15,  5 2 5 ff '.  — 2) 
Ein  Grieche  vor  Troja,  Sohn  des  Klytios,  II. 
11,  302.  — 8)  Sohn  des  Hermes,  der  in  der 
Stadt  Magnesia  (Thessalien)  umkam  und  dort 
am  Meeresufer  ein  weithin  sichtbares  Grab 
hatte,  Ap.  Bh.  1,  585  u.  Schol.  587.  Orph.  Arg. 
459.  — i)  Heros  Eponymos  der  Doloper,  Steph. 
Byz.  Aolonsg.  — 5)  Sohn  des  Saturnus  (Kro- 
nos) und  der  Philyra,  Bruder  des  Cheiron,  Hy- 
gin. praef.  p.  30,  3 Bunte.  [ Stoll.] 

Dolor,  der  Schmerz,  Sohn  des  Äther  und 
der  Erde,  Hygin.  praef.  p.  1.  Vergl.  Hesiod 
Th.  226ff.  Alyta  dcrugvoevzo:.  [Stoll.] 

Dolus,  der  Betrug,  Sohn  des  Äther  und  der  - 


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Bilderchron.  104)  soll  er  von  beiden,  nach  spä- 
teren von  Odysseus,  umgebracht  worden  sein, 
vgl.  z.  B.  Overb.  Gail.  Taf.  16,  19.  Die  Scene 
öfter  auf  Vasenbildern,  Gemmen  und  Miniaturen, 
Overb.  Gail.  412  ff.  Schreiber,  il  mito  di  Dolone 
Annali  1875,  299.  Bobert,  Arch.  Ztg.  1882,  47. 

- b)  auf  schwarzfigurigen  Vasenbildern  bei 
Aineias’  und  'Aias’  Monomachie,  C.  I.  Gr.  4 
p.  XVIII.  Annali  1862  B.  Bobert,  Annali  1874, 


öo  Erde,  Hygin.  praef.  p.  1.  Vgl.  Hesiod  Theog. 
224  AnJzr,.  [Stoll.] 

Domeaousuemecus  (?),  eine  celtische  Gott- 
heit auf  einer  Inschrift  aus  Em  Burgaes  im 
Convent.  Bracaraug.  C.  I.  L.  2,  2375:  Dcod  \ 
omca  | ous  \ uem  | ecoe  \ votox  | auf  der  Seite: 
Seve  | rus  e \ osue  \ f.  Hübner  im  Index  liest: 
Deus  Domeacusuemecus.  [Steuding.] 
Domiduca  s.  Indigitamenta. 


1197 


Domiducus 


Dorminus 


1198 


Domiducus  s.  Indigitamenta. 

Domina.  Nach  Varro  hei  dem  Interpol. 
Serv.  Aen.  3,  113  (vergl.  Serv.  zu  Verg.  438) 
war  Domina  vorzugsweise  ein  Namen  der  Göt- 
termutter (Domina  — Kybele  z.  B.  bei  Verg. 
Aen.  3,  113.  Valer.  FJacc.  3,  23).  Servius 
selbst  sagt  a.  a.  0.  Dominos  (leas  dicunt , und 
in  der  That  werden  nicht  nur  bei  Schriftstel- 
lern, sondern  auch  in  Inschriften  einzelne  Göt- 
tinnen Domina  genannt,  ähnlich  wie  bei  den 
Griechen  verschiedene  Göttinnen  Asonoiv  <x 
heifsen;  so  Venus  (Domina  Venus:  Ovid.  a.  a. 

1,  148.  Properz  4,  2,  31.  Petron.  85.  C.  I. 
L.  2,  1638.  1639),  Iuno  (Domina  luno:  Verg. 
Aen.  3 , 438  und  Serv.  z.  d.  St.  Properz 

2,  5,  17),  Diana  (Domina  Diana:  Martial 
12,  18,  3),  Proserpina  (Verg.  Aen.  6,  397: 
Dominam  Ditis  thalarno  deducere  — Pro- 
serpinam,  vergl.  Interpol.  Serv.  a.  a.  0.),  Isis 
(Domina  = Isis:  Iuvenal  6,  530.  Apulej.  Met. 
11,  21.  Isis  Domina:  C.  I.  L.  2,  33.  981), 
Bona  Dea  (C.  I.  L.  6,  68  : Felix  publicus  Asi- 
nianus  pontific(um ) Bonae  Deae  agresti  felic  . . . 
v. . Votum  solvit  iunicem  alba(rn)  libens  animo 
ob  luminibus  restitutis , derelietus  a medicis, 
post  menses  decem  bineficio  Dominaes  medicinis 
sanatus  etc.).  Aufserdem  werden  in  Inschriften 
ohne  jeden  Zusatz  eines  Namens  Göttinnen 
als  Dominae  bezeichnet:  C.  I.  L.  3,  1004: 
Dominae  et  d.  pro  salut(e)  imp.  Nerval  e)  Irai- 

i ani  etc.  (107/117  n.  Chr.);  5,  3307,  worin  es 
nach  mutmafslicher  Ergänzung  Mommsens 
j heifst  [ eum  diem  collegiatos  volo  celebrajre  ad 
Dominam  felices  et  totum  populum;  9,  5652 
Lucretia  31.  f.  Sabina  ad  aquam  perducend(am ) 

\ Dominae  fistulas  s.  p.  /'. ; 10,  607  6 Alexande[r\ 
ex  viso  Domna[e ] libes  [ a]nimo  fecit;  Orelli 
1525:  Thiasus  Acili  Glabrion.  inpetratu  aram 
fecit  Dominae ; 1526  ex  imperio  Dominae  so 
crutn  etc.  Bei  den  Dominae  der  Inschriften  C. 
I.  L.  3 , 1005  (aus  Alba  Iulia)  Mestrius  31ar- 
[t]inus  pictor  constituit  pro  salute  sua  et  suo- 
rum  fanum  Dominarium ) und  5,  774  (aus  Aqui- 
leja)  Domnab(us ) sacrum  etc.  ist  vielleicht  an 
die  meist  in  der  Dreizahl  auftretenden  germa- 
nisch-keltischen Matronen  zu  denken,  s.  Ma- 
tronae.  In  der  Inschrift  C.  I.  L.  2,  605  wird 
die  spanische  Dea  Ataeciua  Turibrigensis  Do- 
mina genannt  ( Dominae  [ T\uribri\g](ensi ) Ad - 
aeginae\e]  maritum  ....);  die  das.  1164  ge- 
nannten Dominae  Nymphae  (I.  0.  31.  Conser- 
vatori  e\f\  Domini[s ] Nymphabus  etc)  scheinen 
i ebenfalls  spanische  Lokalgottheiten  zu  sein. 
C.  I.L.  6,  77 : T.  Annius  Hedypnus  | (2  Ohren)  | 
Dominae  Caelesti  \ donum  dedit  ius  \ sus  a nu- 
minae  \ eins  bezieht  sich  möglicherweise  auf 
die  häufig  unter  dem  Namen  Caelestis  ver- 
ehrte Göttin  von  Karthago.  In  der  metrischen 
Inschrift  C.  I.  L.  8,  9018  wird  in  V.  1 eine 
Pan\-thea  cornigeri  sacris  cidiuncta  Tonantis 
genannt;  auf  dieselbe  scheint  sich  der  letzte 
1 Vers  . . . facie  renovam  Dominamque  bif ar- 
mem zu  beziehen.  Unsicher  ist  die  Auflösung 
der  Inschrift  C.  I.  L.  5,  8246:  Dom.  tr.  \ 
Cervia  \ Musa  \ v.  s.  I.  rn.  in  Dominabus  Tri- 
viis  (z.  d.  Inschr.)  oder  Dominabus  tribus  (im 
Index).  [R.  Peter.] 

Domitius  s.  Indigitamenta. 


Domnus  Fidus , Name  einer  Gottheit  auf 
einer  Inschrift  aus  der  Gegend  von  Zalatna, 
C.  I.  L.  3,  1289:  Domno.  Fido  \ 31.  Naevi- 
rius  | Felix,  pro.  pro  \ se.  et.  suos.  v.  s.  I.  rn. 

*[Steuding.J 

Douakinos  (Aorcrx ivog,  von  8ovu'£,  = Angel- 
rute), nach  Tzetzes  z.  Lycophr.  107  u.  229  ein 
Fischer,  der  mit  seinem  Bruder  Amphimachos 
den  Leichnam  der  Ino-Lenkothea  (s.  d.)  nach 
Korinth  brachte.  [Crusius.] 

Douaktas  (Aovar izav),  zov  ’AnoXXcovcc.  Gto- 
nognog  Uesych.  Nach  31.  Schmidt  zu  der 
Stelle  ist  der  Name  von  dem  dorischen  öo- 
väco  = dovsco  (dovdfcco)  schütteln  abzuleiten(?). 

[Steuding.] 

Dori  patri  cultores  auf  einer  Inschrift  aus 
Caesarea,  C.  I.  L.  8,  9409,  wofür  aber  wohl 
mit  Wilmanns  Liberi  patris  zu  lesen  ist. 

[Steuding.] 

Doridas  (Augida g),  Sohn  des  Propodas,  Bru- 
der des  Hyanthidas.  Er  und  sein  Bruder  waren 
in  Korinth  die  letzten  Könige  aus  dem  Stamm 
des  Sisyphos.  Sie  übergaben  dem  Dorier  Ale- 
tes  (s.  d.)  die  Herrschaft  und  blieben  im  Lande, 
Paus.  2,  4,  3.  Müller,  Dorier  1,  86  f.  Gerhard , 
Gr.  Myth.  2 p.  237.  [Stoll.] 

Dorieus  (Awgisvg),  Sohn  des  Neoptolemos 
UDd  der  Leonassa,  Proxen.  u.  Nicom.  bei  Ly- 
sim.  in  den  Schol.  Venet.  Eurip.  Androm.  24 
u.  Cineas  (?)  ebenda  33,  bei  Müller , fr.  h.  gr. 
3 , 338  f.  [Steuding.] 

Doriön  (Aoigiov),  Tochter  des  Danaos,  ver- 
mählt mit  Kerkestes,  Apollod.  2,  1,  5.  [Stoll.] 
Doriöu  (Jcogiav),  Sohn  des  Orpheus,  Vater 
des  Eukles,  Ilellan.  b.  Prolcl.  Vit.  Hom.  p.  25 
in  Westermann  Bioyg.  [Stoll.] 

Dorippe  (Aaginng),  1)  Mutter  des  Melam- 
pus,  Dieuchidasb.  Schol.  Ap.  Ilhod.  1,  121.  — 
2)  siehe  Anios.  [Stoll.] 

Doris,  idis  (Acogtg,  idog,  f.)  1)  Tochter  des 
Okeanos  und  der  Tethys,  Gemahlin  des  Ne- 
reus, Mutter  der  Nereiden,  lies.  Theoq.  240 — 
264.  Apd,  1,  2,  2 u.  7.  Ov.  Met.  2,  269.  13, 
741.  [ Kaibel , epigr.  gr.  1028,  66  R.]  Bei  Verg. 
Ekl.  10,  5 u.  a.  metonymisch  für  das  Meer. 
— 2)  Tochter  des  Nereus  und  der  Doris  II. 
18,  45.  Hes.  Theog.  250.  [Weizsäcker.] 
Dorkeus  (Aognsvg),  1)  Sohn  des  Hippokoon 
(s.  d.);  er  hatte  wie  sein  Bruder  Sebros  zu 
Sparta  ein  Heroon.  Beide  lagen  nahe  an  ein- 
ander auf  einem  Platze,  der  Sebrion  hiefs.  In 
der  Nähe  war  ein  Brunnen  Dorkeia,  Paus.  3, 
15,  2.  Curtius,  Peloponn.  2,  235.  Bei  Apollod. 
3,  10,  5 werden  unter  den  Söhnen  des  Hippo- 
koon genannt  Dorykleus  u.  Tebros;  beide  sind 
wahrscheinlich  dieselben  mit  Dorkeus  und  Se- 
bros. I.  Beider  schreibt  bei  Apoll odor  Aog- 
y.svg.  — 2)  Ein  Hund  des  Aktaion , Hygin.  f. 
181.  Ov.  3Iet.  3,  210.  [Stoll.] 

Dorkis  (Aogtug) , Name  eines  Satyrs  auf 
Vasen:  C.  I.  Gr.  7459  u.  7460,  wo  auch  die 
übrige  Litteratur  angegeben  ist.  Vgl.  Ileyde- 
munn , Satyr-  u.  Bakchennamen  S.  26.  28.  36. 

[Roscher.] 

Dorminus , ein  celtischer  (?)  Gott  auf  einer 
Inschrift  aus  Aquae  Statiellae  (Acqui),  C.  I.  L. 
5,  7504:  P.  Vimivinus.  L.  f.  Glarus  \ Dormino. 


1199 


Doro 


Drakaulos 


1200 


et.  Suetai  \ v.  s.  I.  m.,  doch  scheint  die  Lesart 
nicht  ganz  sicher.  [Steuding.] 

Doro  (Acoqco),  Name  einer  Mainade  auf  einer 
ehemals  Durand’schen,  jetzt  im  Leidener  Mu- 
seum befindlichen  Vase:  G.  I.  Gr.  7460.  Vgl. 
Heydemann , Satyr-  und  Bakchennamen  S.  28 
u.  39.  [Roscher.] 

Dorodoclie  (Acogodoxy),  Tochter  des  Ortilo- 
chos  (Orsilochos),  Gemahlin  des  Ilcarios,  Sohnes 
des  Oibalos , Mutter  der  Penelope , Scliol.  Od.  l 
15,  16.  [Stoll.] 

Doros  ( Aägog ),  1)  Sohn  des  Hellen  ( Herod . 1, 
56.  Diod.  4,37.  58-60;  5,  80.  Apoltod.  1,7,  3. 
Strab.  p.  333.  370.  383),  Vater  des  Tektamos, 
Diod.  a.  a.  O,,  Eponymos  der  Dorier.  Von  ihm 
sagt  Strabo  p.  383 : „zov g negl  nagvccoGov  Aa- 
gisag  GvvoiHiGug  xcizshnsv  sncovvyovg  tavzovu, 
und  Her.  1,  56  nennt  das  dorische  Geschlecht 
viel  umherirrend,  nolvnhxvrjTog:  unter  Deuka- 
lion  habe  es  das  Land  Phthiotis  bewohnt,  unter  2' 
seinem  Enkel  Doros  das  Land  unter  dem  Ossa 
und  Olymp,  genannt  Hestiaiotis,  von  hier  von 
den  Kadmeiern  vertrieben,  siedelte  es  sich  am 
Pindus  an , und  wurde  das  makednische  ge- 
nannt, von  hier  ging  es  hinüber  in  die  Dryo- 
pis,  am  Oita  und  nachdem  es  von  hier  in  den 
Peloponnes  gekommen,  ward  es  das  dorische 
genannt,  vgl.  8,  43.  Strabo  (a.  a.  0.)  nennt  Do 
rier  nur  den  unter  Doros  am  Parnafs  wohnen- 
den Stamm,  während  Herodot  erst  eine  spä-  3 
tere  Generation  dorthin  kommen  läfst. 

Der  Doros,  Sohn  des  Apoll  und  der  Phthia, 
Bruder  des  Laodokos  und  Polypoites,  den  Apol- 
lodor (1,  7,  4,  6)  mit  seinen  Brüdern  von  Ai- 
tolos,  Endymions  Sohn,  in  ihrem  eigenen  nach- 
her Aitolia  genannten  Lande  getötet  werden 
läfst,  ist  zweifelsohne  mit  dem  ersteren  Doros 
identisch  (vergl.  Hellen  als  Sohn  des  Phthios), 
darauf  weist  schon  der  Name  der  Mutter,  Phthia 
hin;  denn  aus  Phthia  stammt  das  dorische,  4 
wie  das  ganze  hellenische  Geschlecht.  Auch 
Apollon  als  Vater  des  Doros  neben  Hellen  zu 
begegnen,  ist  nicht  nur  nicht  befremdlich,  son- 
dern bei  dem  spezifisch  dorischen  Kultus  des 
Apollon  sehr  erklärlich.  Die  Sage  von  der 
weiten  Ausdehnung  der  dorischen  Wanderzüge 
ist  der  unzweideutige  Ausdruck  für  die  weite 
Verzweigung  des  dorischen  Stammes  über  ganz 
Griechenland , die  Tötung  des  apollinischen 
Doros  und  die  Usurpation  seines  Landes  durch  5 
den  aiolischen  Aitolos  der  Ausdruck  der  alten 
Feindschaft  der  Aitoler  gegen  die  Dorier,  spe- 
ziell gegen  den  Dienst  des  delphischen  Gottes, 
Müller,  Dorier  1,31  ff.  214f.  — 2)  Doros,  Sohn 
des  Poseidon,  Gründer  von  Dora  in  Phönikien, 
Steph.  Byz.  s.  v.  Aägog , Vater  der  Nymphen, 
Leon.  ep.  9,  329,  wenn  dort  nicht  mit  Meineke 
Aäzov  st.  Aägov  zu  lesen  ist.  Vgl.  Serv.  Verg. 
Aen.  2,  27.  — 3)  Doros,  Sohn  des  Epaphos, 
Steph.  Byz.  s.  v.  Ilvynctioi,.  [Weizsäcker.]  6 

Do(r)saneS)  Ao(g)acivt] g'  ö 'Hpax/lijg , nag’ 
’lvd'oig.  Hesych.  Gerhard,  Mythologie  915,  2. 

[Steuding.] 

Dorykleus  s.  Dorkeus. 

Doryklos  (Aogvnlog) , 1)  unehelicher  Sohn 
des  Priamos,  von  dem  Telamonier  Aias  ge- 
tötet, II.  11,  489.  Apollod.  3,  12,  5.  Hygin. 
f.  90.  — 2)  Sohn  des  Phoinix  und  der  Kassie- 


peia , Bruder  des  Phineus  und  Kilix , Schot. 

Ap.  Rh.  2, 187.  — 3)  Gemahl  der  Beroe  (s.  d.),  js 
Verg.  Aen.  5,  620,  wo  er  das  Epitheton  Tma- 
rius  hat.  — 4)  Sohn  des  Odysseus  und  der 
Thesprotierin  Euippe;  andre  nannten  ihn  Leon- 
tophron,  Lysimachos  bei  Eustath.  Od.  p.  1796, 

51.  — 5)  Führer  der  Uatokoitai,  Nonn.  Dion. 

26,  97.  29,  263.  [Stoll.] 

Dorylas,  1)  ein  Nasamonier  (in  Libyen,  west-  ] 
lieh  von  Kyrenaika),  der  reichste  seines  Vol- 
kes,  der  auf  der  Hochzeit  des  Perseus  für  die- 
sen kämpft  und  von  dem  Baktrier  Halkyoneus 
getötet  wird,  Ovid.  Met.  5,  129 ff.  — 2)  Ein 
Kentaur,  von  Peleus  auf  der  Hochzeit  des  Pei- 
rithoos  erlegt,  Ovid.  Met.  12,  380.  [Stoll.] 

Dotadas  (Aazudag),  Sohn  des  Istbmios  und  ; 
Vater  des  Sybotas , König  von  Messene.  Er 
legte  in  Mothone  (=  Methone)  einen  Hafen  an  I 
Paus.  4,  3,  10.  [Steuding.] 

Dotia  (Äcoz(a),  Tochter  des  Elatos  (s.  d.),  | * 
nach  der  die  thessalische  Stadt  Dotion  benannt  t 
worden  sein  soll:  Steph.  Byz.  s.  v.  Aäziov. 

Vgl.  auch  Dotis  und  Dotos.  [Roscher.] 

Dotis  (Aäzig),  Sohn  des  Asterios  und  der  ■ n: 
Amphiktyone,  nach  welchem  das  dotische  Gefild  l 
in  Thessalien  benannt  war,  Steph.  Byz.  s.  v. 
Aäziov.  [Stoll.] 

Dotis  (Aa> zig),  Thessalierin,  von  Ares  Mutter 
des  Phlegyas,  Apollod.  3,  5,  5.  Von  Jalysos 
Mutter  der  Syme,  welche  Glaukos,  der  Sohn 
des  Anthedon,  raubte  und  nach  der  karischen  I 6, 
Insel  Syme  brachte,  die  er  nach  ihr  benannte,  tt  d; 
Athen.  7 p.  296  b.  Steph.  Byz.  s.  v.  Bvgr\.  1 (g. 
Müller,  Orchom.  192.  195.  [Stoll.] 

Doto  ( Acozco ),  eine  der  Nereiden  (s.  d.),  welche  < « 
nach  Paus.  2 , 1 , 8 zu  Gabala  in  Syrien  ein  fa 
Heiligtum  hatte,  wo  der  Peplos  der  Eriphyle  13 
oder  Harmonia  (s.  d.)  aufbewahrt  wurde.  Siehe  I -20 
auch  C.  1.  Gr.  add.  6784.  [Roscher.] 

Dotos  (Aäzog),  Sohn  des  Pelasgos  oder  Sohn  j E 
des  Neonos,  Enkel  des  Hellen,  nach  welchem  I ]j( 
das  dotische  Gefild  benannt  war,  Steph.  Byz.  1 Di 
s.  v.  Aäziov.  Müller,  Orchom.  192.  [Stoll.] 
Draco,  Hund  des  Aktaion,  Hygin.  f.  181. 

[Steuding.]  ; en 

Di  aeoues,  auf  einer  Inschrift  aus  Rom,  C.  I ft; 
I.  L.  6,  143:  Carpus.  Aug.  lib  \ Pallantianus  | i \ 
sanctis  | Draconibus  | d.  d.  Nach  Orelli  zu  1797  j» 
vermutete  Lupi,  dafs  die  Drachen  gemeint  seien,  )0 
die  den  Nero  als  Kind  bewacht  haben  sollen,  1 J(] 
vgl.  Tacit.  ann.  11,  11 ; [vielleicht  dürfte  aber  , ;e] 
hier  vielmehr  an  die  Bedeutung  der  Schlangen  B! 
als  genii  locorum  zu  denken  sein;  vergl.  dar-  [ Jn 
über  J.  Maehly,  Die  Schlange  im  Mythus  und 


Gultus  etc.  Basel  1867  S.  20  f.  E.  Gerhard , tiki 
Ges.  akad.  Abliandl.  2,  42,  sowie  die  Artikel 
Daimon  und  Genius.  Roscher.]  Zu  vergleichen  j j , 
ist  auch  der  deus  Manus  Draconis  auf  einer  j 
Inschrift  aus  Scherschel  (Caesarea) , G.  I.  L.  | jS! 
8,  9326 , sowie  die  Dracconi  und  Draccenae  j i,e, 
geweihte  Inschrift  aus  Scupi,  Epliem.  epigr.  3 
p.  331  n.  493.  [Steuding.] 

Drakaulos  (Agccnctvlog),  Beiname  der  Athene 
in  Sophokles’  Tympaoisten  (fr.  569  Dindf.),  j a 
Etym.  AI.  p.  287,  14  ( Hesych . Sind.),  angeb- 
lich ensl  rj  ’A&yva  doxst  nag'  ccvz(xig(?)  ayU- 
oca  zov  dgccuovra  zaig  Ksngonog  O’vycczQaGiv. 
Vielleicht  bezieht  sich  aber  der  zweite  Teil 


1201 


Drakios 


1202 


des  Wortes  vielmehr  auf  den  mit  dem  Schlan- 
gensymbol meist  verbundenen  Höhlenkult:  vgl. 
den  Asklepios  Aulonios  Paus.  4 , 36 , 7 oder 
die  Aulis  (=  Erinys;  Tümpel,  Fleckeis.  Jahrbb. 
Suppl.  11p.  686)  bei  Suidas  s.  v.  ngaQd inoci; 
s.  Crusius,  Fleckeis.  Jahrbb.  123  (1881)  S.  293. 

[Crusius.] 

Drakios  (AgaMog),  nebst  Meges  und  Am- 
phion  Führer  der  Epeier  vor  Troja,  II.  13, 
692.  [Stoll.] 

Drakon  (Agäscov),  1)  Name  eines  der  Ge- 
lahrten des  Odysseus.  Ihm  zu  Ehren  war  in 
der  Nähe  von  Laos  in  Lukanien  ein  Heroon 
(AgccKovxog  riQcoov)  errichtet,  welches  in  einem 
Orakelspruch  erwähnt  wird:  ' Aeuov  dgcpl  Agct- 
xovux  n olvv  7 tozs  \abv  olEiöftcxi.’  Strab.  253. 
— 2)  Bezeichnung  verschiedener  mythischer 
Drachen,  welche  die  spätere  euhemeristische 
Auffassung  vielfach  zu  Menschen  Namens  Agd 
tkov  umstempelte.  Hierher  gehören  a ) der 
thebanische  Drache,  Wächter  der  Quelle 
Dirke  zu  Theben,  von  Kadmos  (s.  d.)  getötet, 
für  welchen  Mord  dieser  ähnlich  wie  Apollon 
nach  der  Erlegung  des  delphischen  Drachen 
büfsen  mufste  (vergl.  J.  Maehly,  die  Schlange 
im  Mythus  u.  Cultus.  Basel  1867  S.  16f). 
Nach  der  euhemeristisehen  Auffassung  der 
späteren  Zeit  war  dieser  Drache  eigentlich  ein 
König  von  Theben  Namens  Drakon,  Sohn  des 
Ares,  Vater  der  Harmonia  ( Palaeph . de  incred. 
6.  7.  Derkylos  b.  Schol.  Für.  Phoen.  7).  b) 
der  Drache  im  Mythus  von  den  Hesperiden 
(s.  d.),  nach  Palaiph.  a.  a.  0.  19  eigentlich  ein 
milesischer  Schafhirt,  den  Herakles  samt  sei- 
nen Schafen  entführte  (vgl.  die  ähnlichen  Auf- 
fassungen des  Agroitas  (b.  Schol.  Ap.  Eh.  4, 
1396),  des  Diodor  (4,  26),  Herakht  de  incred. 

120.  c)  der  Drache,  den  Apollon  zu  Delphi  er- 
legte (vgl.  Apollon,  Python,  Delphyne),  nach 
Eplioros  b.  Strab.  422  eigentlich  ein  gefähr- 
licher Mann  Namens  Python  mit  dem  Beinamen 
Drakon.  Vgl.  A.  Mommsen,  Delpliika  170  ff. 
206 f.  2941'.,  der  auch  Plut.  de  def.  or.  15.  Q. 
Gr.  12.  Paus.  10,  6,  6f.  als  Zeugnisse  für  diese 
euhemeristische  Version  der  Pythienfabel  an- 
führt.  d)  die  Schlange  im  Mythus  des  Glau- 
k os  und  Polyidos  (s.  d.)  sollte  nach  Palaeph. 
de  incred.  27  eigentlich  ein  Arzt  Namens  Dra- 
kon gewesen  sein.  Vergl.  über  die  Heilkraft 
der  Schlangen  Maehly  a.  a.  0.  S.  12  f.  e)  der 
Schlangenschwanz  der  Chimaira  (s.  d.) , war 
nach  Heraklit  de  incred.  15  eigentlich  der  eine 
Bruder  einer  bösen  Fürstin  Namens  Chimaira. 
— 3)  Über  Aq  ■naiv  als  Sternbild  vgl.  den  Ar- 
tikel Sternbilder.  — 4)  Vgl.  Dracones  und  die 
dsselbst  angegebene  Litteratur.  — 5)  Vgl.  C. 
I.  Gr.  7153(?).  [Roscher.] 

Drances,  ein  Latiner,  feindseliger  Gegner 
des  Turnus , „reich  an  Habe  und  der  Zunge 
Gewalt;  doch  weniger  feurig  kämpfte  der  Arm.“ 
Er  sprach  für  den  Frieden  und  warf  dem  Tur- 
nus die  Schuld  an  allem  Unheil  des  Krieges 
vor,  Verg.  Aen.  11,  122.  220.  336  und  Heyne 
j zu  336.  [Stoll.] 

Dres  (Agyg),  Sohn  des  Orpheus,  Vater  des 
Eukles,  Vorfahre  des  Homer.  Gharax  b.  Suid. 
s.  v.  r,OyrjQog.  S.  Müller,  fr.  hist.  gr.  3 p.  641, 
i 20.  [Stoll.] 


Dryas 

Dresaios  (Aggaaiog),  ein  Kämpfer  vor  Ilion 
auf  troischer  Seite  , von  Neaira  und  Theioda- 
mas  am  Sipylos  gezeugt.  Er  ward  erschlagen 
von  Polypoites,  Quint.  Sm.  1,  291  ff  [Stoll.] 

Dresos  (AgyGog),  ein  Troer,  vor  Ilion  von 
Euryalos  getötet,  11.  6,  20.  Tzetz.  Homer. 
114  [Stoll.] 

Drimakos  (Agipu-Hag).  Die  Chier  sollen  die 
ersten  gewesen  sein,  die  sich  Sklaven  kauften. 
Dafür  strafte  sie  die  Gottheit.  Viele  Sklaven 
entliefen  auf  die  Gebirge  und  verheerten  von 
da  die  Ländereien  ihrer  früheren  Herrn  unter 
ihrem  tapferen  Führer  Drimakos.  Nach  län- 
geren vergeblichen  Kämpfen  mit  ihnen  einig- 
ten sich  die  Chier  mit  Drimakos,  dafs  er  ge- 
gen regelmäfsige  Kontributionen  an  Lebens- 
mitteln seine  Räubereien  einstellte.  Gleichwohl 
setzten  sie  später  einen  hohen  Preis  auf  sei- 
nen Kopf.  Da  überredete  Drimakos,  der  des 
Lebens  satt  war,  einen  geliebten  Jüngling,  ihm 
den  Kopf  abzuhauen  und  sich  dafür  in  der 
Stadt  den  Preis  zahlen  zu  lassen.  Nach  dem 
Tode  des  Alten  begannen  die  Verheerungen 
der  Sklaven  aufs  neue.  Darum  bauten  ihm 
jetzt  die  Chier,  sein  Andenken  ehrend,  an  der 
Stelle , wo  er  begraben  lag , ein  Heroon  und 
nannten  es  das  Heroon  des  wohlwollenden 
Heros,  ygwog  svgtvovg.  Die  Sklaven  opferten 
ihm  die  Erstlinge  ihrer  Beate;  der  Heros  aber 
erschien  denen,  welchen  Unheil  von  Sklaven 
bevorstand , warnend  im  Traume , und  wem 
er  erschienen  war,  der  opferte  ihm  an  seinem 
Heroon.  Nymphodoros  b.  Athen.  6 p.  265  b — 
266  d.  [Stoll.] 

DiTino  (Agiyco) , 1)  eine  Nereide , Hygin. 
praef.  p.  29  (Bunte)-,  bei  Vergib  Ge.  4,  336, 
woraus  Hygin  eine  gröfsere  Zahl  von  Namen 
genommen,  heilst  sie  Drymo.  — 2)  Eine  der 
Töchter  des  Giganten  Alkyoneus,  der  Alkyo- 
niden  (s.  d.),  Eustath.  II.  9,  558  p.  776.  Bek- 
ker.  Anecd.  p.  377,  25.  (Müller,  fr.  hist.  gr.  4 
p.  422.  46).  Suid.  s.  v.  Alv-vovidsg  ryiEQOu. 
Arsen,  p.  40.  Apostol.  2,  21.  Eueloc.  p.  35. 
Bachmann.  Anecd.  1 p.  68.  [Stoll. j 

Dromas  (Agogdg  = Läufer),  eine  Hündin 
desAktaion;  Ovid.  met.  3,  217.  Hygin.  f.  181; 
vgl.  ebenda  Dromius.  [Steuding.] 

Drosera  (AgoGigd,  -y  tauig,  feucht),  eine 
Quellnymphe,  Hesych.  Nonn.  40,  365,  544ff. 

[Steuding.] 

Dryades  s.  Nymphai. 

Dryainos  (Agvaivog) , Gründer  der  Stadt 
Dryaina  in  Kilikien,  Steph.  Byz.  s.  v.  Agv- 
cavcc.  [Stoll.] 

Dryalos  (Agvctlog),  ein  Kentaur,  Sohn  des 
Peukeus,  Bruder  des  Perimedes,  Hes.  Scut. 
187.  [Stoll.] 

Dryas  (Agva g),  1)  ein  Sohn  des  Ares,  aus 
Kalydon,  kalydonischer  Jäger,  Apollod.  1,  8,  2. 
Ovid.  Met.  8,  307.  Hygin.  f.  159.  Bei  Ilygin. 
f.  173  in  einer  korruptem  Stelle  heifst  er  Dryas 
lapeti.  — 2)  Sohn  des  Ares , Thraker,  Bruder 
des  Tereus.  Als  Tereus  das  Orakel  erhalten 
hatte,  dafs  seinem  Sohne  Itys  von  verwandter 
Hand  der  Tod  bevorstehe  (was  sich  auf  den 
Tod  des  Itys  durch  Prokne,  die  Gemahlin  des 
Tereus , bezog),  tötete  er  seinen  unschuldigen 
Bruder  Dryas,  im  Glauben,  dieser  trachte  sei- 


1203 


Drymo 


Dryops 


1204 


nem  Sohne  nach  clem  Lehen,  Hygin.  f.  45.  — 3) 
Ein  Fürst  der  Lapithen,  der  mit  den  Kentauren 
kämpfte,  II.  1,  263.  Hes.  Scut.  179,  und  zwar 
auf  der  Hochzeit  des  Peirithoos,  seines  Freun- 
des, Ov.  Met.  12,  290.  297  ff.  — 4)  Vater  des 
Lykurgos,  des  Königs  der  thrakischen  Edoner 
am  Strymon , des  feindlichen  Verfolgers  des 
Dionysos,  II.  6,  130  u.  Schol.  Apollod.  3,  5,  1. 
Soph.  Antig.  955.  Hygin.  f.  132.  242.  Tzetz. 
Lyk.  273.  Serv.  Aen.  3 , 14.  — 5)  Sohn  des  io 
vorgenannten.  Lykurgos , von  dem  rasenden 
Vater  getötet,  der  ihn  für  eine  Kebe  hielt, 
Apollod.  3,  5,  1.  — 6)  Sohn  des  Aigyptos,  nach 
Hygin.  f.  170  mit  der  Danaide  Hekabe,  nach 
Apollod.  2,  1,  5 mit  Eurydike  vermählt.  — 7) 
s.  Pallene.  — 8)  Vater  des  Amphilochos  3 
(s.  d.)  — 9)  Ein  Grieche  vor  Troja,  von  De'i- 
phobos  getötet,  Quint.  Sm.  11,  86.  [Stoll.] 
Drymo  {Agvpü),  eine  Nereide:  Verg.  G.  4, 
336  (wo  Bibbeck  Drumo  liest),  Hyg.  f.  p.  29,  3 20 
ed.  Bunte,  der  Drimo  (s.  d.)  liest.  [Roscher.] 
Dryope  {Agvong),  1)  Einzige  Tochter  des 
Dryoperkönigs  Dryops,  hütete  am  Oita  die 
Herden  ihres  Vaters,  und  wurde  von  den  Hama- 
dryaden,  die  sie  sehr  liebten,  als  Gespielin  an- 
genommen. Von  ihnen  lernte  sie  Hymnen  auf 
die  Götter  und  Reigentänze.  Als  einst  Apoll 
sie  tanzen  sah,  wurde  er  von  Liebe  zu  ihr  er- 
griffen, und  verwandelte  sich,  um  sich  ihr  zu 
nähern,  in  eine  Schildkröte;  mit  dieser  spiel-  30 
ten  die  Nymphen;  als  aber  Dryope  sie  auf  den 
Schofs  nahm,  verwandelte  sich  Apoll  plötz- 
lich in  eine  Schlange.  Die  Nymphen  flohen, 
und  Apollon  war  am  Ziele  seiner  Wünsche. 
Bald  darauf  wurde  Dryope  mit  Andraimon, 
des  Oxylos  Sohn,  verheiratet  und  gebar  von 
Apollon  den  Ampliissos,  welcher  später  die 
Stadt  Oita  am  Oita  gründete  und  über  die 
Gegend  herrschte.  Auch  erbaute  er  dem  Apol- 
lon einen  Tempel  in  Dryopis.  Aus  diesem  40 
Tempel  wurde  einst  seine  Mutter  Dryope  von 
den  Hamadryaden  aus  alter  Anhänglichkeit 
entführt  und  selbst  in  eine  Nymphe  verwan- 
delt, an  ihrer  Stelle  aber  wuchs  eine  Schwarz- 
pappel aus  der  Erde,  und  daneben  entsprang 
eine  Quelle.  Amphissos  erbaute  den  Nymphen 
aus  Dankbarkeit  einen  Tempel,  und  stiftete 
Spiele  dazu,  denen  aber  nie  eine  Frau  an- 
wohnen durfte,  weil  zwei  Jungfrauen  die  Ent- 
führung der  Dryope  durch  die  Nymphen  aus-  50 
geplaudert  hatten.  Zur  Strafe  waren  diese  in 
Fichten  verwandelt  worden , Anton.  Lib.  32. 
Steph.  Byz.  s.  v.  Auch  Ovid.  Met.  9,  331  ff.  be- 
schreibt die  Verwandlung  der  Dryope,  aber  er 
läfst  sie  zur  Strafe  in  einen  Baum  verwandelt 
werden,  weil  sie  für  ihren  Säugling  Amphis- 
sos eine  Blüte  der  Lotosblume  abgebrochen 
und  dadurch  die  Nymphe  Lotis  beleidigt  hatte. 
Ihr  Verhältnis  zu  Apollon,  ihre  Ehe  mit  An- 
draimon und  die  Geburt  des  Amphissos  wird  60 
wie  bei  Anton.  Lib.  erzählt.  Ihren  Vater  da- 
gegen nennt  Ovid  Eurytos  (vgl.  Steph.  Byz.  s.  v. 
Agvomq  u.  Ol%uMa)  und  giebt  ihr  die  lole  zur 
Halbschwester.  Die  Scene  des  Vorgangs  ist  dann 
Oichalia  (vgl.  Paus.  4,  2,  2),  und  zwar  wahr- 
scheinlich das  thessalische,  vgl.  Müller,  Dorier 
1,  416  u.  417.  Die  Sage  von  Dryope  scheint 
späten  Ursprungs  zu  sein;  ihre  Freundschaft 


mit  den  Dryaden  ist  wohl  erst  aus  der  Ver- 
wandtschaft der  Namen  abgeleitet.  In  der 
Verbindung  der  Dryope  mit  Apollon  aber  scheint 
die  spätere  Versöhnung  der  ursprünglich  sich 
befeindenden  Dryoper  und  Dorier  angedeutet 
zu  sein,  Müller,  Dorier  1,  42.  — 2)  Dryope, 
eine  Nymphe,  Geliebte  des  „silvicola“  Faunus 
und  Mutter  des  Rutulers  Tarquitus,  Verg.  Aen. 
10,  550ff.  Da  die  Tochter  des  arkadischen 
Dryops  nach  Hom.  Hymn.  in  Pan.  von  Her- 
mes Mutter  des  Pan  ist,  und  bei  Vergil  Dryope 
Geliebte  des  Faunus,  des  italischen  Pan,  heilst, 
so  liegt  es  bei  den  nahen  Beziehungen , die 
zwischen  Arkadien  und  Italien  durch  Euander 
hergestellt  sind , nahe , beide  für  identisch  zu 
halten,  indem  die  Verwechslung  ihres  Ver- 
hältnisses zu  Pan  nichts  Befremdliches  hat. 

[Weizsäcker.] 

Dryops  {Agvoip)  = „Baum“,  d.  i.  wie  ein 
Baum  aussehend,  oder  nach  Curtius  „Baum- 
hauer“ (on  = lat.  op-us,  sskrt.  ap-as ),  1)  Sohn 
des  Flufsgottes  Spercheios  und  der  Danaide 
Polydora,  Anton.  Lib.  32.  Plierekyd.  b.  Schol. 
Apoll.  Bhod.  1, 1213.  (Wenn  in  letzterer  Stelle 
als  Vater  der  Flufsgott  Peneios  genannt  wird, 
so  scheint  dies  nur  ein  Versehen,  da  es  dann 
weiter  heifst:  Agvoip,  cccp’  ov  Agvones  xcclovv- 
tcu  ' oixovai  de  enl  xm  noxaycg).  Er  war 

Vater  der  Dryope,  des  Kragaleos  {Anton.  Lib. 
c.  4)  und  des  Theiodamas  {Schol.  Apoll.  Bhod.  1, 
131),  Eponymosder  Dryoper,  eines  pelasgischen 
Stammes,  der  in  vorhellenischer  Zeit  manche 
unfreiwilligen  Wanderungen  vollzog.  Von  der 
Spercheiosgegend  leitet  auch  Aristoteles  die 
später  in  Asine  in  Argolis,  und  dann  in  Mes- 
senien angesiedelten  Dryoper  her  (bei  Strabo  8 
p.  373),  und  Strabo  läfst  es  dabei  unentschie- 
den, ob  der  Arkadier  Dryops  es  war,  der 
die  dorther  zugewanderten  hier  ansiedelte, 
und  ihnen  seinen  Namen  liefs,  oder  ob  sie 
diesen  Namen  schon  vom  Parnafs  her  mit- 
brachten. Nach  andern  Quellen  heifst  Dryops 
Sohn  des  (arkadischen)  Lykaon  und  der  Dia, 
Schol.  Ap.  Bhod.  1,  1218,  oder  Sohn  des  Apol- 
lon und  der  Dia,  einer  Tochter  des  Lykaon, 
die  den  neugeborenen  Knaben  in  einer  Eiche 
{Sqv g)  verbarg,  Schol.  Ap.  Bh.  1,  1283.  Tzetz. 
Lykoplir.  480.  Etym.  M.  p.  288.  Auf  den  am 
Parnafs  wohnenden  Dryops  führt  auch  Pausa- 
nias  den  später  in  der  Peloponnes  angesiedel- 
ten Dryoperstamm  zurück  , 4 , 34 , 6.  Seinen 
ursprünglichen  Sitz  hatte  dieser  Stamm  nach 
übereinstimmenden  Nachrichten  zu  beiden  Sei- 
ten des  Oita  und  bis  zum  Parnafs,  wurde  aber 
zur  Zeit  seines  Königs  Phylas,  in  der  dritten 
Generation  {Paus.),  von  Herakles  und  den  Ma- 
liern in  die  Peloponnes  getrieben  und  zuerst 
in  (Hermione  und)  Asine  in  Argolis,  später, 
von  den  Argeiern  wieder  verdrängt,  in  dem 
messenischen  Asine  angesiedelt,  wo  sie  den 
Dryops  in  einem  jährlichen  Feste  mit  einem 
Geheimgottesdienst  als  Sohn  des  Apollon  ver- 
ehrten und  ein  Heroon  desselben  (mit  seinem 
uralten  Bilde,  zur  Erinnerung  an  das  einst  auf 
dem  Parnafs  aufgestellte)  erbauten,  Nonn.  Dion. 
35,  91.  Paus.  a.  a.  0.  Ein  anderer  Zweig  der 
Dryoper  liefs  sich  auf  Euboia  (Styra,  Ivarystos), 
der  Insel  Kythuos,  in  Ionien  (um  Abydos)  und 


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1205 


Ducavavius 


Dusares 


1206 


auf  Kypros  nieder,  Herod.  1,  14G.  8,  43  — 47. 
Thule.  7,  57.  Diod.  S.  4,  37.  Apollod.  2,  7,  7. 
Straho  7 p.  321.  8 p.  373.  9,  434.  13,  58G. 
Paus.  a.  a.  0.  und  4,  8,  3.  5,1,2.  Schöl.Ap.Mh. 
a.  a.  0.,  Steph.  Byz.  Müller,  Dorier  1,  42 ff. 
Bursian,  Geogr.  v.  Griechen!.  1,  153  u.  a. 

Dryops  erscheint  als  Eponymos  der  Dryo- 
per  sowohl  in  ihren  ursprünglichen  Sitzen  (als 
Sohn  des  Spercheios  oder  Apollon)  als  auch 
in  ihren  späteren  in  der  Peloponnes  (als  Sohn  i 
des  Lykaon  oder  Arkas);  daraus  ergab  sich 
mit  der  Zeit  eine  Unklarheit  über  diesen  Heros 
und  die  Auffassung  von  zwei  Männern  dieses 
Namens;  und  wenn  diese  selbst  auch  nicht  aus- 
einandergehalten wurden  (wie  denn  auch  offen- 
bar beide  ursprünglich  identisch  sind),  so  er- 
scheint doch  für  die  Nachkommenschaft  die 
Trennung  unausweichlich : Der  oitäische  Dry- 
ops hat  einen  Sohn  Kragaleos,  der  nachher 
in  Dryopis  im  väterlichen  Reiche  herrscht  2 
(Anton.  Dih.  4.  Müller,  Dorier  a.  a.  0.),  und 
eine  einzige  Tochter  Dryope,  von  Apollon  Mut- 
ter des  Amphissos,  s.  Dryope;  der  arkadische 
Dryops  dagegen  hat  eine  ungenannte  Tochter, 
von  Hermes  Mutter  des  Pan  ( Hymn . Hom.  in 
Pan. , vielleicht  auch  Dryope  geheifsen ; vgl. 
Verg.  Aen.  10,  550  u.  Dryope  2),  während  wir 
sonst  über  dessen  Nachkommen  keine  Nach- 
richt haben.  Also  mit  den  Dryopern  wanderte 
auch  die  Sage  von  ihrem  Stammheros  nach  3 
der  Peloponnes,  er  wurde  aber  dort  allmäh- 
lich in  die  peloponnesische  Genealogie  einge- 
reiht, und  dadurch  der  arkadische  Dryops 
scheinbar  zu  einer  besonderen  Persönlichkeit. 
— 2)  Dryops,  Sohn  des  Priamos,  von  Achill 
getötet  (II.  20,  455)  oder  von  Idomeneus,  Dict. 
4,  7.  Apollod.  3,  12,  5.  — 3)  Gefährte  des 
Aineias,  von  Clausus  getötet,  Verg.  Aen.  10, 
345  f.  [Weizsäcker.] 

Ducavavius?,  ein  wohl  celtischer  Gott  auf  4 
einer  Inschrift  zu  Romeno  (val  di  Non),  G.  I. 
L.  5,  5057:  D.  DVCAVAV  | IO  C ■ C ■ EX  \ 
VO.  P.  h l\3I  |.  Mommsen  a.  a.  0.  liest  D(eo) 

1 Ducavavio,  doch  scheint  ihm  die  Inschrift  viel- 

Jmehr  DN  in  Ligatur  zu  bieten.  [Stending.] 
Duellona  = Delloua  (s.  d.),  Varro  d.  1.  I. 

7,  49.  Duelona  auf  den  Inschriften  C.  I.  L.  1, 
196,  2.  = Senat,  cons.  d.  Baccli.  Z.  2.  10,  104. 

[Steuding.] 

Dulicliios  siehe  Dolichios.  5 

Dulis  (Aovligl),  von  Ixion  Mutter  der  Ken- 
! tauren  (s.  d.),  Sclwl.  II.  1,  266.  [Stoll.] 

Dul(l)ovi(s,  -ius),  ein  celtischer  Gott  auf  einer 
I Inschrift  aus  Vaison,  Orelli  1990:  Dullovi  | M. 
Licinius  Goas  ] v.  s.  I.  m.,  dagegen  liest  Mu- 
rat.  1986,  4 u.  5:  Didovio.  Vgl.  dul  elemen- 
tum,  dulevi  creator,  induil  creatura  ( Zeufs , gr. 

C.  p.  25,  249)  und  den  gallischen  Namen  Dul- 
I lius  bei  Mommsen,  inscript.  Neapel.  5330. 

[Steuding.]  c 

D lipon  (Jovnwv)  ein  Kentaur,  den  Herakles 
tötete , wohl  gleichbedeutend  mit  Erigdupos 
j (s.  d.):  Diod.  4,  12.  [Roscher.] 

Durius  (Duris?)  der  Gott  des  gleichnami- 
gen Flusses  auf  einer  Inschrift  aus  Oporto,  C. 

1 I.  L.  2 , 2370:  Duri  | G.  lulius  \ Pylades. 

| Mommsen  meint,  dafs  die  Nominativform  Du- 
ris in  einer  so  barbarischen  Gegend  nicht  un- 


möglich sei.  Oder  ist  statt  des  auf  Duri 
folgenden  G ein  0 zu  lesen?  [Steuding.] 
Dusares  (Jovodgris) , Stammgott  der  Naba- 
täer,  eines  arabischen  Volksstammes,  der  sich 
seit  der  Perserzeit  in  dem  Gebiete  südlich 
und  östlich  vom  Toten  Meere  festgesetzt  hat 
und  in  der  hellenistischen  Zeit  allmählich  höhere 
Kultur  annahm;  zur  Kaiserzeit  bildete  er  be- 
kanntlich einen  gröfseren  Staat  mit  der  Haupt- 
stadt Petra.  In  den  nabatäischen  Inschriften 
erscheint  der  Name  des  Gottes  als  jOUTiü  Dü- 
scharä,  in  der  arabischen  Litteratur  mit  Arti- 
kel dhü-lscharä.  Durch  seinen  Namen  wird 
der  Gott  als  „Herr  (dhü  = nordsemitisch  ba‘al) 
von  scharä“  bezeichnet.  Ob  letzteres  ursprüng- 
lich eine  Örtlichkeit  (resp.  das  Kultusobjekt 
selbst)  bezeichnet,  wie  so  häufig  ( Levy , Z.  D. 
M.  14,  465  denkt  an  das  arabische  Küsten- 
gebirge Scherä;  vergl.  Steph.  Byz.  s.  v.  Aov- 
ouQr'f),  oder  sich  auf  eine  Eigenschaft  des  Got- 
tes bezieht  (so  Krehl),  wissen  wir  nicht;  erwähnt 
werden  mag  immerhin,  worauf  ein  Freund  mich 
aufmerksam  gemacht  hat,  dafs  es  formell  genau 
dem  gleichfalls  etymologisch  unerklärten  Namen 
Sarai  (Gemahlin  Abrahams)  entspricht,  die  ur- 
sprünglich ein  mythologisches  Wesen  gewesen 
sein  rnufs,  das  in  Hebron  zu  Hause  war  und 
jedenfalls  nicht  der  israelitischen  Religion, 
sondern  der  des  hier  ansässigen  Stammes  Ka- 
leb  angehörte. 

In  Petra  hatte  Dusares  seinen  Wohnsitz  in 
einem  vier  Fufs  hohen,  zwei  Fufs  breiten  Stein- 
block (Suid.  s.  v.  &(vGtxQrjs , wo  der  Name  durch 
eine  absurde  Etymologie  als  Gso?  "Aggs  erklärt 
wird);  Steinkultus  ist  bekanntlich  bei  allen 
Semiten  ganz  gewöhnlich.  Um  diesen  Stein 
erhob  sich  der  Tempel , und  Epiphanios  (in 
einem  1860  neu  aufgefundenen,  von  Oehler  u. 
Mordtmann,  Z.  D.  31.  29,  99  ff.  edierten  Ab- 
schnitt) erzählt,  man  habe  hier  am  25.  Dez. 
mit  einer  Prozession  das  Geburtsfest  des  Got- 
tes gefeiert.  Er  sei  der  Sohn  einer  Jungfrau 
Xaaßov,  zovzsgziv  Kogg  r'/yovv  Ttag&svog,  und 
sein  Name  bedeute  govoysvg s zov  Stanozov. 
Letzteres  ist  fälsch  und  kann  nur  ein  Beiname 
des  Dusares  sein;  dagegen  bedeutet  Ka‘abü 
allerdings  eine  blühende  Jungfrau;  dabei  ist, 
wie  immer  in  solchen  Fällen,  der  Nachdruck 
nicht  auf  die  Jungfräulichkeit,  sondern  auf  die 
strotzende  Fülle  zu  legen.  Ob  diese  Mutter 
des  Dusares  mit  dem  in  Mekka  verehrten  Stein- 
klotze , der  Ka‘aba , an  die  sich  bekanntlich 
auch  die  Verehrung  mehrerer  Göttinnen,  der 
A llät , der  fUzza  und  der  Manät,  anschlofs 
(Qoran  53,  19  ff),  identisch  oder  nahe  verwandt 
ist,  mufs  bei  dem  gänzlichen  Mangel  genauer 
Nachrichten  dahingestellt  bleiben.  Aus  der 
Angabe  über  das  Geburtsfest  geht  hervor,  dafs 
Dusares,  wie  die  höchsten  Götter  semitischer 
Stämme  so  häufig  (s.  Art.  Ba‘al)  zum  Sonnen- 
gott geworden  ist,  und  dementsprechend  sagt 
Straho  16,  4,  26  die  Nabatäer  ijhov  xzpäGLv 
inl  zov  Scöfiazog  idgvGciysvoi.  ßcogov,  gtisvöov- 
xsg  sv  avzeg  xaff  rgisgav  xcd  Xißavwzi^ovzsg. 
So  heifst  es  auch  in  einer  Inschrift  aus  Sueda 
Ao^vGagsog  0s[ov  . . . .]  uviugxov  ( Wadding- 
ton in  Lebas , voy.  arcli.,  Syrie  n.  2312). 
Dagegen  bezeichnet  Isidoros  von  Cliarax  bei# 


1207  Dyalos 


Dysaules 


1208 


Hesych.  s.  v.  AovaixQgv  den  Gott  als  Dionysos, 
und  das  ist  korrekter.  Denn  Dusares  ist  offen- 
bar in  erster  Linie  der  Gott  des  Naturlebens, 
der  im  Winter  neu  geboren  wird  und  sich 
speziell  in  der  Sonne  manifestiert. 

Daher  werden  die  Symbole  desDionysos 
auf  ihn  übertragen:  Kaisermünzen  von  Adraa 
(in  Batanaia)  und  Bosra  (im  Haurän),  die  beide 
zum  Gebiet  der  Nabatäer  gehören,  tragen  die 
Aufschrift  Aovcagiu  oder  Av.xict  Aovoccqicc  ( Eck- 
liel , Doct.  numm.  3,  178.  499.  Mionnet  5 p.  578. 
585),  die  sich  auf  ein  Fest  des  Gottes  be- 
zieht, und  das  Bild  einer  Weinkelter  (eine 
andere  zeigt  ein  sacellum  in  quo , ut  videtur, 
lapis  rudis);  und  Waddington  bemerkt  (in 
Lebas,  voy.  archeol. , Syrie  zu  n.  2C23) , dafs 
sich  in  den  Tempeln  des  Haurän  kaum  ein 
anderes  architektonisches  Ornament  als  Wein- 
laub finde. 

In  nabatäischen  Inschriften  in  aramäischer 
wie  in  griechischer  Sprache  findet  sich  Dusa- 
res einige  Male  (de  Vogue,  inscr.  semit.,  Naba - 
taea  n.  7 a.  9 ; Waddington  a.  a.  0.  n.  2023.  2312), 
ferner  auf  einer  Inschrift  aus  der  Gegend  von 
Puteoli,  die  ein  nabatäischer  Händler  errichtet 
hat  (Gildemeister  in  Z.  B.  M.  23,  150).  Auch 
eine  lateinische  Weihinschrift:  Dusari  sacrum 
hat  sich  hier  gefunden  (C.  I.  L.  10, 1556).  Den 
Namen  Dusarius  trägt  ein  Philosoph  aus  Petra 
(Bernays,  Rhein.  Mus . 17,  304)  und  ein  Arzt 
in  Macrobius , Saturnalien  1 , 7 , 1 ; noch  ein 
Christ  in  Bostra  trägt  ihn  (Waddington  a.  a.  O. 
1916).  Irgend  welche  Verbreitung  in  der  grie- 
chisch-römischen Welt  hat  Dusares  nie  er- 
langt. 

Alles  Material  über  Dusares  in  dem  Aufsatz 
von  J.  H.  Mordtmann,  Busares  b.  Epiphanius, 
Z.  B.  M.  29,  99 ff.;  die  völlig  wertlosen  An- 
gaben der  arabischen  Schriftsteller  bei  Krehl, 
Religion  der  vorisl.  Araber  S.  49 — 5 1.  Vergl. 
auch  v.  Baudissin , Stud.  z.  semit.  Religion  2, 
250 f.  [Ed.  Meyer.] 

Dyalos  (Avalog)  6 Atovvoog,  nagd  naicoGiv. 
Hesych.  Gerhard,  Gr.  Myth.  1,  488  vermutet 
dafür  Agvalog , M.  Schmidt  verweist  dagegen 
auf  Hesych.  s.  v.  Avalo g'  o Aiövvcog,  wofür 
vielleicht  auch  Avalog  zu  lesen  sein  dürfte  (vgl. 
ebenda  vdlixog  ncogg  • Aiovvoiog).  [Steuding.] 

Dymas  (Avgag),  1)  König  in  Phrygien  am 
Flusse  Sangarios , Vater  des  Asios  und  der 
Hekabe,  der  Gemahlin  des  Priamos,  Hom.  II. 
16,  717.  Apollod.  3,  12,  5.  Ooid.  Met.  11,  761. 
Hygin.  f.  91.  111.  243.  249.  Preller , G riech. 
Mytliol.  2,  375.  s.  Hekabe.  Nach  Pherehgdcs 
war  des  Dymas  Vater  Eioneus,  und  die  Nymphe 
Eunoe  gebar  ihm  die  Tochter  Hekabe , Tzetz. 
Exeg.  in  II.  p.  38,  11.  Schol.  II.  16,  718.  Der 
Phrygier  Otreus  (II.  3,  189),  welchem  Priamos 
gegen  die  Amazonen,  die  einen  Beutezug  an 
den  Sangarios  machten,  zu  Hilfe  zog,  war  ein 
Sohn  des  Dymas,  Schol.  II.  3,  189;  ebenso 
Meges,  der  goldreiche  Phrygier,  dessen  Zwil- 
lingssöhne Keltos  und  Eubios , am  Sangarios 
von  Periboia  geboren , vor  Troja  kämpften 
und  fielen,  Quint.  Smyrn.  7,  606 ff.  — 2)  Ein 
segelkundiger  Phaiake , dessen  Tochter  die 
Freundin  der  Nausikaa  war,  Od.  6,  22.  — 8) 
,Ein  Troer,  der  bei  der  Eroberung  von  Troja 


in  der  Nacht  sich  dem  Aineias  zum  Kampfe 
gegen  den  Feind  anschlofs  und  fiel,  Verg.  Aen. 
2,  340.  428.  — 4)  Sohn  des  Dorierfürsten  Ai- 
gimios,  Bruder  des  Pamphylos  und  des  adop- 
tierten Hyllos.  Nach  diesen  drei  Brüdern  soll- 
ten die  drei  Stämme  der  Dorier,  Hylleer,  Dyma- 
nen und  Pamphylen,  benamit  sein.  Dymas 
und  Pamphylos  lebten  bis  zur  Einwanderung 
der  Dorier  in  die  Peloponnes  und  fielen  in 
io  der  Schlacht  gegen  Tisamenos  Apollod.  2,  8,  3. 
Paus.  7,  17,  3.  Tzetz.  Lylc.  1388.  Eust.  Hom. 
p.  1644,  20.  Schol.  Pind.  Pyth.  5,  92.  Pyth. 
1,  121,  wo  der  dritte  Bruder  Doros  heifst.  Bei 
Steph.  Byz.  s.  v.  Avyccv  heifst  er  Dyman,  Mül- 
ler, Borier  1,  58.  2,  75  f.  [Stoll.  ] 

Dyme  (Avgg) , eine  Heroine , von  welcher 
die  Stadt  Dyme  in  Achaia  ihren  Namen  haben 
soll,  Etym.  M.  291,  15.  [Steuding.] 

Dyn  arnene  (Avvagevg),  eine  Nereide:  II, 
20  18,  43.  Apollod.  1,  2,  7.  Hyg.  f.  p.  28,  12 
Bunte.  [Roscher.] 

Dynaste  (Avvdaxrj),  eine  Tochter  des  Thes- 
pios,  welche  dem  Herakles  den  Eratos  gebar, 
Apollod.  2,  7,  8,  wenn  die  Lesart  Avvdcxgg 
"Egaxog  richtig  ist.  Wenn  gelesen  wird  Av- 
vaoxgg  Ega xovg,  so  ist  Dynastes  ein  Sohn 
der  Erato.  [Stoll.] 

Dynastes  (?)  s.  Dynaste. 

Dyrrliacliios  (Avggäxtog  u.  Avggaxo g),  Sohn 
30  des  Poseidon  und  der  Melissa , einer  Tochter 
des  Epidamnos.  Nach  ihm  wurde  die  illyrische 
Stadt,  die  früher  Epidamnos  geheifsen,  Dyrrha- 
chion  benannt,  Steph.  Byz.  s.  v.  Avggdxiov. 
Constant.  Porphyr ogennet.  de  them.  2,  9.  Appian. 
b.  civ.  2,  39.  Vgl.  Paus.  6,  10,  2.  [Stoll.] 
Dysaules  (Avaavlgg),  ein  Heros  des  Acker- 
baus , dessen  Name  ursprünglich  Aiauvlyg, 
„der  zweimal  Furchende“  lautete  (vom  zweima- 
ligen Pflügen  des  Ackers  im  Jahr),  wie  Trisaules 
40  in  Pheneos  (Paus.  8,  15,  1)  und  Triptolemos, 
der  Eleusinier,  sich  auf  das  dreimalige  Pflügen 
im  Jahr  beziehen  und  die  dreimal  Ackernden  be- 
deuten, s,  Schwenclc,  Etym.-myth.  Andeut.  113f. 
Schneidewin , Philol.  1 , 429  ff.  Preller  ebend.  7,  48. 
(Früher  hatte  Preller  in  Bemeter  u.  Pers.  135 
den  Namen  Dysaules  auf  das  Unwirtliche  der 
Lebensart  vor  dem  Erscheinen  der  Demeter 
und  der  Einführung  des  Ackerbaues  bezogen). 
Nach  orphischer  Sage,  die  in  Eleusis  Eingang 
50  gefunden,  war  Dysaules  Vater  des  Triptole- 
mos und  Eubuleus,  während  die  Argiver  den 
nach  Eleusis  geflüchteten  Argiver  Trochilos 
als  Vater  dieser  beiden  ansahen,  Paus.  1, 
14,  2.  Nach  Aslclcpiadcs  aus  Tragilos  bei 
Harpolcrat.  s.  v.  Avaavlgg  war  Dysaules  (siehe 
Diaulos)  eleusinischer  Autoclithon  und  zeugte 
mit  Baubo  die  Protonoe  und  Misa  (so  zu  schrei- 
ben für  Nisa,  s.  Müller,  fr.  hist.  gr.  2 p.  339, 
3);  er  und  Baubo  nahmen  in  Eleusis  die  ihre 
eo  Tochter  suchende  Demeter  auf  nach  Palai- 
phatos  aus  Abydos  (Harpolcrat.  a a.  O.),  der  wie 
Asklepiades  in  der  eleusinischen  Mythologie 
dem  Orpheus  folgte,  dein.  Alex.  Cohort.  p.  13 
ed.  Sylb.  nennt  als  Erdgeborne  in  Eleusis  zur 
Zeit  der  Ankunft  der  Demeter  Baubo , Dysau- 
les und  Triptolemos.  Vgl.  Arnob.  adv.  gent.  5 
p.  175.  Orph.  hymn.  40  Hermann.  Der  ältere, 
vom  Homeridenhymnus  vertretene  Mythus  von 


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1209  Dysis 

Eleusis  kennt  unter  den  Fürsten  von  Eleusis, 
welche  von  Demeter  die  Mysterien  empfingen, 
keinen  Dysaules  (vgl.  Paus.  2,  14,  2).  Nach 
Phlius,  wo  schon  vorher  von  Aras  (dem  Pflü- 
ger) der  Ackerbau  eingeführt  worden  war,  soll 
der  von  Eleusis  kommende  Dysaules  die  Myste- 
rien der  Demeter  gebracht  haben , und  zwar 
in  den  von  der  Stadt  etwa  5 Stadien  entfern- 
ten Ort  Keleai , welchem  Dysaules  diesen 
Namen  gab  nach  seinem  Bruder  Keleos.  Dort 
war  auch  das  Grab  des  Dysaules  neben  dem 
des  Aras,  Paus.  2,  14,  2.  Preller,  Demeter  u. 
Pers.  134  f.  138.  Gr.  Mythol.  1,  G34,  3.  Cur- 
tius,  Pelop.  2,  471.  475.  Welcher,  Gr.  Götterl. 
2,  471.  473.  Gerhard,  Griecli.  Myth.  § 410,  0. 
432,  2.  Panoflca,  Arclt.  Ztg.  1849  n.  17.  [Stoll.] 
Dysis,  eine  Höre,  Hygin.  f.  183.  Hygin  sagt, 
manche  sprächen  von  10  Horen  (es  sind  die 
10  Stunden  des  Tages),  nennt  aber  dann  statt 
10  Namen  11;  darunter:  Anatole  (Sonnenauf- 
gang) , Mesembria  (Mittag)  und  am  Schlufs 
Dysis  (Sonnenuntergang),  Preller,  Gr.  Mythol. 
1,  392,  2.  Vor  und  nach  Mesembria  stehen 
je  5 Namen,  so  dafs  diese  als  Mittelpunkt 
des  Tages  vielleicht  nicht  mitgezählt  werden 
soll.  [Stoll.] 

Dysmaiuai  ( JvGycuvca ),  Name  der  Bakchan- 
tinnen  (Mcavctdsg)  bei  den  Spartanern.  Hesych. 
u.  Philargyr.  z.  Verg.  Georg.  2,  487.  Das  Wort 
ist  aus  övg  u.  yai'vouca  gebildet.  [Steudiug.] 
Dysnomia  {Avavoyca),  Gesetzwidrigkeit,  eine 
von  den  Ausgeburten  der  Eris , Des.  Theog. 
230.  Braun,  Griech.  Götterl.  § 260.  261.  268. 
Gerhard,  Gr.  Myth.  § 602.  [Stoll.] 

IDysponteus  oder  Dyspontos  {Avanovrivg, 
Avanovrog) , Gründer  der  Stadt  Dyspontion  in 
Pisatis,  nach  Paus.  6,  22,  2 Sohn  des  Oino- 
maos,  nach  Steph.  Byz.  s.  v.  Avanovuov  Sohn 
des  Pelops.  Vgl.  Strabo  8 p.  356  f.  Curtius, 
Peloponn.  2,  73.  114.  Bursian,  Geograph,  von 

«Griechen!  2,  288.  [Stoll.] 

Dyspontos  s.  Dysponteus. 


Eaecus , ein  celtischer  Gott  auf  zwei  In- 

1 Schriften  aus  Brozas  (Tongobriga  in  Lusita- 
nia),  C.  I.  L.  2,  741 : Cilius  Caenonis  f.  Apu- 
lus  Eaeco  v.  s.  I.  m.,  742:  Qu  . . . e . . . vito 
I (=  Iovi  Solutori?  Mommsen)  [E]aeco  | Auf. 
Celer.  et  ( Cornelia  | Flaviana.  s \ ag{=  d)erdo- 
f es  etc.  (219  n.  Chr.)  und  einer  solchen  aus 
Coria  (Caurium  in  Lusitania)  2,  763:  D.  Eaeco 
Claranus.  Caenici.  v.  s.  I.  m.  [Steuding.] 
Easun  (easun),  etruskische  Form  des  Na- 
: mens  lason  ([s.  d.;  vgl.  auch  ’Eaacov  C.  I.  Gr. 
7751.  Roscher.]) , auf  einer  Gemme  von  Kar- 
1 leol  in  Scarabäusform , unbekannter  Herkunft. 
Oer  Held  steht  vor  dem  Schiffe  Argo,  das 
3allium  über  dem  Arm,  einen  Hammer  ge- 
?en  die  Schulter  gestützt,  s.  Micali  Storia 
.u  tav.  CXVI , nr.  2;  Fahr.  C.  I.  I.  2520; 
av.  XLIV.  Ebenso  erscheint  der  Name  auf  ei- 
lem  andern  Scarabäus  etruskischen  Ursprungs, 
n der  Sammlung  Vannutelli,  später  bei  Castel- 
ani  in  Rom;  s.  Bullet.  1869,  55;  Fahr.  Pmo. 
iuppl.  464  Eine  Nebenform  Eiasun  (eiasun) 
eigt  ein  Spiegel  von  Bolsena,  im  Florentiner 
Itr.  Museum,  wo  er  mit  Fufluns  (fufluns), 


Eckelos  1210 

d.  i.  Dionysos,  Aratlia  (araffa),  d.  i.  Ariadne, 
Castur  (castur),  d.  i.  Kastor,  und  Amintli 
(aminff),  d.  i.  Amor-,  "Epcos,  gruppiert  erscheint; 
s.  Gamurr.  Bullet.  1870,  152  ff. ; Fahr.  Pmo. 
Supp!  374.  Endlich  begegnet  er  unter  der 
Namensform  H eiasun  (heiasun),  im  Kampfe 
mit  dem  Drachen,  noch  auf  einem  Spiegel  von 
Vulci,  einst  bei  Basseggio  in  Rom,  jetzt  im 
Berliner  Museum,  dessen  obere  Hälfte  Klytai- 
mnestra , Orestes  und  eine  Furie  darstellt; 
s.  Braun,  Oreste  1841.  Genarelli,  la  moneta 
primit.  147 ; tav.  VII.  Gerhard,  Etrusk.  Spiegel 
3,  221 ; tav.  CCXXXV1H.  Cavedoni  Bullet.  1842, 
47  ff.  Fahr.  C.  I.  I.  2156;  vgl.  Bezzenbergcr, 
Beitr.  2,  166,  nr.  43.  [Deecke.] 

Ebidas  (’Eßtdäg),  Bruder  des  Epkas,  Opkren 
(=  Aphren  Eus  ),  Anochos  und  Eldas , Sohn 
des  Madianes,  Enkel  des  Abraham,  die  auf 
des  letzteren  Veranlassung  Kolonieen  nach  den 
Küsten  des  Roten  Meeres  geführt  haben  sollen. 
Alex.  Polyh.  7 bei  Joseph.  Ant.  Jud.  1,  15  und 
Euseb.  pr.  cv.  9,  20;  vergl.  Müller  fr.  h.  gr. 
3,  214.  [Steuding.] 

Ebrietas,  die  Personifikation  der  Trunken- 
heit = Me&r]  (s.  d.)  in  e.  Gruppe  des  Praxi- 
teles, Plin.  N.  II.  34,  69.  [Roscher.] 

Ebrius , Name  eines  Silens  auf  einer  prae- 
nestiniscken  Cista:  Heydemann,  Satyr-  u.  Bak- 
chennamen  34  u.  36.  Mon.  delV  Inst.  9,  22. 
23.  [Roscher.] 

Eburuicae  matres,  celtische  Gottheiten,  die 
nach  einer  Ortschaft,  Eburnum  oder  Eburni- 
cum,  dem  heutigen  Yvours  bei  Lyon  genannt 
sind,  wo  sich  eine  Inschrift  mit  ihrem  Namen 
gefunden  hat  (vgl.  Eburobriga  in  derselben  Ge- 
gend). Or.-Henzen  5935:  Matris  Aug.  Ebur- 

nici(s)  L.  Iul.  Sanim  ..  et [Steuding.] 

Ecapa  (ecapa),  etruskische  Form  des  Na- 
mens Hekabe  fExccßg,  s.  d . ) , neben  Priumne 
(priumne),  d.  i.  Priamos  ( Ilpi'ccgog ),  auf  einem 
etruskischen  Spiegel  (Brief  von  Ad.  Klüg- 
mann  an  mich);  vergl.  Gott.  gel.  Anz.  1880, 
1444.  [Deecke.] 

Ecliedemos  s.  Eckemos. 

Ecliedorides  CExsScogidsg)  , Nymphen  des 
makedonischen  Flusses  Echedoros , Des.  s.  v. 

[Schultz.] 

Echekles  (E%£Y.\r\s),  Sohn  des  Aktor,  Ge- 
mahl der  Polymeie,  die  dem  Hermes  den  Eu- 
doros  geboren  hatte,  Dom.  II.  16, 189.  [Schultz.] 
Echeklos  ("E^fwlog),  1)  Sohn  des  Agenor, 
von  Achilleus  getötet,  D.  20,  474.  Paus.  10, 
27  , 2.  — 2)  ein  Trojaner  von  Patroklos  ge- 
tötet, II.  16,  693.  — 3)  ein  Dolione,  von  An- 
caeus  getötet,  Val.  Flacc.  3,  138.  — [4)  Ken- 
taur bei  Ovid  {Met.  12,  450,  wo  gewöhnlich 
Echetlos  gelesen  wird);  vgl.  Roscher  in  Fleck- 
eisens Jahrb.  1872  S.  427  f.  R.]  [Schultz.] 
Eclielaos  (Eieluos),  1)  ein  Kyprier,  Nonn. 
32,  199.  211.  — 2)  Anführer  der  Pentliiliden 
bei  der  Gründung  von  Lesbos,  Plut.  sept.  sa- 
pient.  conv.  20;  vgl.  ’E^fGag.  [Schultz.] 
Eclielas  (’E^s'lofg),  Sohn  des  Penthilos,  Vater 
des  Gras,  Paus.  3,  2, 1.  S.  Echelaos.  [Schultz.] 
Echelos  (’E^fAog),  ein  attischer  Heros,  nach 
welchem  der  Demos  Echelidai  benannt  war, 
Steph.  Byz.  s.  v.  ’EisUdcu-,  Etym.  M.  s.  v. 
’EvsxshcSco.  [Schultz.] 


io 

20 

30 

40 

50 

60 


1211 


Echemmon 


Eehidna 


Echem[m]on  (’E%£(icov,  'Exigymv),  Sohn  des 
Priamos,  von  Diomedes  getötet,  II.  5,  160. 
Apollod.  3,  12,  5.  Darauf  bezog  Campanari 
ein  Vasenbild,  Ann.  delT  Inst.  1843  p.  68  sq. 

[Schultz.] 

Echemos  (’Ei'cuoq) , Sohn  des  Aeropos  aus 
Tegea , Enkel  des  Kepheus  oder  Phegeus 
( Herod .),  Gemahl  der  Timandra,  der  Tochter 
des  Tyndareos  und  der  Leda,  nach  Lykurgos 
König  von  Arkadien.  Als  die  Herakliden  in 
den  Peloponnes  einzudringen  versuchten,  ging 
Echemos  mit  Hyllos  einen  Zweikampf  auf 
dem  Isthmus  von  Korinth  unter  der  Bedin- 
gung ein , dafs  die  Herakliden  im  Falle  der 
Niederlage  50  oder  100  (Herod.)  Jahre  lang 
den  Einfall  nicht  erneuerten.  Hyllos  fiel  im 
Kampfe,  und  die  Herakliden  zogen  sich  zurück. 
Die  Tegeaten  aber  erhielten  die  Auszeichnung 
immer  auf  dem  einen  Flügel  des  peloponnesi- 
schen  Heeres  zu  stehen,  Paus.  8,  5,  1.  45,  2. 
Diod.  4,  58.  Herod.  9,  26.  lies.  Fragm.  105 
p.  318  (Mariisch.).  Schot.  Find.  Ol.  10,  79. 
Bei  der  Einrichtung  der  olympischen  Spiele 
soll  Echemos  im  Faustkampf  gesiegt  haben, 
Find.  a.  a.  O.  Sein  Grab  wurde  neben  dem 
des  Hyllos  in  Megara  gezeigt,  Paus.  1,  41,  2; 
die  Stelle  des  Kampfes  auf  der  Grenze  zwi- 
schen Megara  und  Korinth,  Paus.  1,  44,  10. 
In  Tegea  zeigte  man  ebenfalls  ein  Grabmal 
des  Echemos,  sowie  eine  Säule  mit  einer  Dar- 
stellung des  Kampfes , Paus.  8,  53,  10.  Nach 
Steph.  Byz.  s.  v.  ’Eitciäryiog  begleitete  Echemos 
die  Tyndariden  auf  ihrem  Zuge  nach  Attika, 
während  Flut.  Thes.  32  statt  dessen  Echede- 
mos  und  Marathon  nennt.  [Schultz.] 

Eclienais  (’Exsvcc'l'g),  eine  Nymphe,  Timaios 
bei  Parthen.  Erot.  29,  6.  [Schultz.] 

Eclieneos  (’Exsvriog) , der  älteste  unter  den 
Phaiaken  des  Alkinoos,  Od.  7,  155.  11,  342. 

[Schultz.] 

Ecliephrou  (’E%scpQav) , 1)  Sohn  des  Hera- 
kles und  der  Psophis,  der  Tochter  des  Eryx, 
welcher  im  Hause  des  Lykortas  mit  seinem 
Bruder  Promachos  aufwuchs  und  die  Stadt 
Psophis,  welche  früher  Phegia  hiefs,  nach  sei- 
ner Mutter  benannte,  Paus.  8,  24,  1;  in  Pso- 
phis hatte  er  ein  Heroon,  Paus.  a.  a.  0.  — 2) 
Sohn  des  Nestor  und  der  Eurydike,  Od.  3,413, 
oder  der  Anaxibia,  Apollod.  1,  9,  9.  — 8)  Sohn 
des  Priamos,  Apollod.  3,  12,  5.  [Schultz.] 
Ecliepolis  s.  Ischepolis. 

Ecliepolos  (’E%sncoios),  1)  ein  Trojaner,  Sohn 
des  Thalysios,  von  Antilochos  getötet,  II.  4, 
458.  — 2)  Sohn  des  Anchises  aus  Sikyon,  Ur- 
enkel des  Pelops,  der  dem  Agamemnon  die 
Stute  Aithe  gab,  um  nicht  gegen  Troja  ziehen 
zu  müssen,  11.  23,  296  mit  Schot.  [Schultz.] 
Echestratos  (’ExsoTQcczog) , Sohn  des  Agis, 
Vater  des  Labotas  (Leobotes),  König  der  Spar- 
taner, Paus.  3,  2,  2.  Diod.  7,  8.  [Schultz.] 
Ecüetimos  (’E%& tigog),  ein  Sikyonier,  Vater 
des  Agasikles.  Seine  Frau  soll  den  Asklepios 
auf  einem  Maultiergespann  in  Gestalt  einer 
Schlange  nach  Sikyon  geführt  haben,  Paus.  2, 
10 , 3.  [Schultz.] 

Echetlaios  s.  Echetlos. 

Echetlos  ("Ehrlos).  1)  Nach  Paus.  1,  32,  4 


1212 

soll  in  der  Schlacht  bei  Marathon  ein  Mann 
in  bäurischer  Tracht  erschienen  sein,  der  viele 
Perser  erschlug  und  dann  wieder  verschwand. 
Infolge  eines  Orakelspruches  verehrten  ihn  die 
Athener  als  Heros  Echetlaios.  Er  war  darge- 
stellt in  dem  Gemälde  der  Schlacht  bei  Mara- 
thon von  Panainos  in  der  Stoa  Poikile,  Paus. 

1 , 15,  3.  Zoega  glaubte  ihn  zu  erkennen  auf 
einer  etruskischen  Urne,  Zoega,  bassir.  Tf.  40; 
i vgl.  Ann.  delV  Inst.  arch.  1835  p.  104;  1837,  2 
p.  256.  264.  Bull.  delV  Inst.  arch.  1839  p.  74. 
1849  p.  9.  1859  p.  182;  doch  gehört  diese 
Figur  vielmehr  in  den  Kreis  etruskischer  Reli- 
gionsanschauungen. — [2)  Vergl.  Echeklos 
4.  R.]  [Schultz.] 

Echetos  ('Ext tos),  König  von  Epirus,  Sohn 
des  Euchenor  (Suid.  AvxgrcoQ)  und  der  Phlo- 
gea  (Suid.  T>loy Ca),  oder  Sohn  des  Buchetos 
und  König  der  Sikeler  (Mnaseas  in  Schol.  Od. 

> 18,  86),  der  Schrecken  der  sterblichen  Men- 
schen , zu  welchem  Antinoos , der  Freier  der 
Penelope,  den  Bettler  Iros  schicken  wollte,  da- 
mit er  ihn  verstümmle,  Od.  18,  85  mit  Schol., 
116.  21,  308.  Seine  Tochter  Metope  oderAm- 
phissa  blendet  er,  weil  sie  sich  ihrem  Gelieb- 
ten Aichmodikos  (s.  d.)  preisgegeben  hatte,  und 
verstümmelte  diesen.  Darauf  gab  er  jener  eherne 
Gerstenkörner  zu  mahlen  unter  der  Versiehe-: 
rung,  dafs,  wenn  sie  Graupen  daraus  mache,, 
sie  ihr  Gesicht  wieder  erhalten  werde,  Eust. I 
z.  Hont.  p.  1839.  Apollon.  Bhod.  4,  1091  mit 
Schol.  lies.  Suid.  s.  v.  Suid.  s.  v.  (hrjorog. 

[Schultz.]  , 

Eehidna,  ’Exibva,  rjg  f.  (i'xiävcc  = Schlange), 
oberhalb  Weib,  unterhalb  Schlange  a)  haust 
im  Land  der  Arimer  in  unterirdischer  Höhle, 
unsterblich,  Hes.  Th.  295  ff.,  wo  undeutlich  ist 
welche  Eltern  gedacht  sind,  eher  Phorkys; 
und  Keto  als  Chrysaor  und  die  Okeanidei 
Kallirrhoe.  Eehidna  ist  Tochter  der  Okea- 
nide  Styx  von  Peiras  nach  Epimenides  vor 
Kreta  bei  Paus.  8,  18,  2;  der  Ge,  von  Tar- 
taros, und  beraubt  die  Vorbeikommenden, 
bis  Argos  Panoptes  sie  im  Schlafe  um- 
bringt nach  Apollod.  2, 1,  2,  also  zwei  pelopon- 
nesische  Lokalisierungen.  Nach  Hes.  Th.  306ff 
ist  sie  von  Typhaon  (vergl.  Typhoeus'  Lager 
bei  den  Arimern,  II.  2,  782)  Mutter  der  mythi 
sehen  Tiere:  des  Orthos  oder  Orthros  (auch 
bei  Apollod.  2,  5,  10,  3),  des  Kerberos  (auch 
bei  Soph.  Tracli.  1099),  der  lernäischen  Hydra 
der  Chimaira  (auch  bei  Apollod.  2,  3,  1,  4) 
und  vom  Orthos  Mutter  der  Phix  (Sphinx; 
E.  Mutter  der  Sphinx  auch  Für.  Pliön.  1020)  und 
des  nemeischen  Löwen.  Nach  Hygin.  fab.  pr. 
und  fab.  151  stammen  von  Typhon  und  Eehidna 
Gorgon,  Kerberos,  der  kolchische  Drache. 
Skylla,  Chimaira,  Sphinx  (so  auch  Apollod 
3,  5,  8),  Hydra,  der  hesperische  Drache 
(so  auch  Apollod.  2,  5,  11);  nach  Apollod.  2,  5, 

1 1 auch  Prometheus’  Adler.  Eehidna  hundert- 
köpfiges Ungeheuer  der  Unterwelt,  Aristoph 
Ban.  473.  Eehidna  und  Typhös,  als  Pendants 
Tritonen,  am  amykläischen  Thron,  Paus.  3, 18, 
10.  Archäol.  Ztg.  1881,  17,  11.  Joh.  Diaconus 
p.  565  deutet  Eehidna  auf  Wirbelwind,  andre 
auf  Vulkanismus.  Ursprung  in  Lykien  ver- 
mutet Müchhöfer , Mitteil.  4,  52.  Arch.  Zeitg- 


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1213 


Echinades 


Echse 


1214 


1881 , 285.  Ygl.  überhaupt  Flach,  Hes.  Kos- 
mogonie  84  f.  b)  im  skythischen  Land  Hylaia 
ist  Echidna  von  Herakles  Mutter  des  Aga- 
thyrsos,  Gelonos  und  Skythes,  Herodot. 
4,  8 — 10;  oder  sie  ist  Tochter  des  Agathyr- 
sos  I,  dann  von  Herakles  Mutter  des  Agathyr- 
sos  II  und  des  Skythes,  0.  Jahn,  Bilder  Chroniken 
72  ( Michaelis  verm.  als  Vater  Araxes);  oder, 
erdgeboren,  gebiert  sie  von  Zeus  den  Sky- 


nificiert,  vgl.  Lucret.  4,  580),  a)  Nymphe,  oder 
auch  Sterbliche,  als  zur  blofsen  nachhallenden 
Stimme  vergangen  gedacht,  überall  gegenwär- 
tig, wo  Wiederhall  ertönt.  Grotten  und  Schluch- 
ten der  Echo , Colum.  de  r.  r.  9 , 5.  Hallen 
der  Echo , zu  Olympia  (siebenfaches  Echo), 
auch  Poikile  genannt,  Paus.  5,  21,  17.  Arch. 
Zeit.  1879,  41;  zu  Hermione  (dreifaches  Echo), 
Paus.  2,  35,  6.  Heiligtum  zu  Athen,  C.  I. 


thes,  dessen  Söhne  Palos  und  Napes  die  io  A.  2,1,  470.  — ln  Euripides'  Plelcabe  (110) 


Heroen  skythischer  Stämme  werden,  Diod.  2, 
43,  3.  [v.  Sybel.] 

Echinades  s.  Acheloos. 

Echinos  (’E^tkog),  bei  Steph.  Byz.  u.  Et.  M. 
s.  v.,  statt  Echion  (s.  d.)  als  einer  der  Sparten 
und  Gründer  der  Stadt  Echinos  in  Akarna- 
nien  (Steph.  Byz.)  oder  Thessalien  (Et.  M.) 
genannt.  [Schultz.] 

Echion  (’E%fcov).  1)  ein  Gigant  bei  Clau- 


dian,  Gigantomachie  v.  104. 


und  Andromeda,  s.  Robert,  Archäologische  Zei- 
tung 1878,  18.  In  der  Tragödie  Adonis  des 
Ptolem.  Philopator.  Echo  hiefs  eilte  Komö- 
die des  Eubulos.  Bilder:  Anthol.  Plan.  4, 
153 — 156.  Anthol.  Pal.  9,  27.  Philostr.  im. 
2,  33.  Der  hallfrohe  Pan  liebt  Echo  ohne 
Erwiederung,  Echo  liebt  ebenso  den  Satyr, 
Moschos  idyll.  6.  Pan  und  Echo  oft  in  der 
Litteratur.  Pan  verfolgt  sie  vergebens,  da 


2)  einer  der  20  macht  er  die  Hirten  rasend,  dafs  sie  Echo 


am  Leben  gebliebenen  Sparten  des  Kad 
mos  (von  f'^ig),  Apollod,  3,  4,  1.  Hygin. 
fab.  178.  Ov.  Met.  3,  126,  Genosse  des 
Kadmos  beim  Bau  von  Theben,  Ov. 

Met.  3,  130,  errichtete  da- 
selbst einen  Tempel  der  Ky- 
bele,  Ov.  Met.  10,  686, 
heiratet  des  Kadmos 
Tochter  Agaue  und 
wird  Vater  des  Pen- 
theus,  Apoll.  3,  4, 

2.5,2.  Ov.  Met. 

3,  513.  Vergl. 

Echionius  = 

Thebanus  bei 
Verg.  Ovid.  u. 
a.  — 3)  Sohn 
des  Hermes  u. 
derAntianeira, 
der  Tochter 
des  Menetos, 

Zwillingsbru- 
der des  Erytos, 
beteiligte  sich 
mit  ihm  am 
Argonautenzug 
nach  Pindar 
Pyth.  4,  179,  der 
ihn  am  Pangaion 
wohnen  läfst,  während 
Apollon.  Rhod.  1 , 52 
ihn  nach  Alope  versetzt, 
ebenso  Hyg.  fab.  14.  Va 
lerius  Flaccus,  der  ihn  zum  Boten 
und  Kundschafter  der  Argonauten 
macht,  nennt  ihn  als  Hermessohn  einen 
Arkader  1,  440.  4,  134.  734.  7,  543.  _ 

Orph.  Arg.  137  f.  giebt  als  Mutter  Lao-  paiTumT  Echo  Echoiax  (’E/otag),  einer  von  den  Leu- 
thoe,  die  Tochter  des  Meretos  (Mene-  (nach Baumeister,  ten  des  Menelaos  auf  dem  Polygnoti- 
tos?),  an.  Unter  den  kalydonisclien  Denkmäler  isagg.  schon  Gemälde  in  Delphi,  Paus.  10,  25, 
Jägern  als  „unbesiegbar  im  Lauf“  von  Nr-  5U).  2.  [Schultz.] 

Ov.  Met,  8,  311  genannt.  [Seeliger.]  Eclion  (”E%b)v,  ’Hxäv?),  Satyr  auf  einer 

Ecliios  (’Ejjfog),  1)  ein  Grieche  vor  Troja,  Trinkschale  des  Brygos  (Brit.  Museum),  abgeb. 


im  Singen  zerreifsen  und  ihre  Glieder  zer- 
struen , welche  im  Wiederhall  forttönen, 
Longus  3,  23.  Vgl.  Kallistr.  stat.  1.  Echo- 
statuen im  Paneum  zu  Cäsarea  Phi- 
lippi,  C.  I.  Gr.  nr.  4538.  4539, 
Furtwängler , Annali  1877, 
187.  Echo,  Mutter 
der  Iynx  (s.  d.),  von 
Pan,  Tzetzes  Lyk. 310; 
von  Pan  Mutter 
der  Iambe  (s.  d.). 
— Pans  uner- 
widerte Liebe 
zu  Echo , von 
Aphrodite  ihm 
zur  Strafe  auf- 
erlegt , Ptol 
Heph.  6.  Echo 
vergeht  zur 
blofsen  Stirn 
me, verschmäht 
von  N a r k is 
sos,  Ov.  met 
3,  356  —401 
Auson.  Epigr 
99.  Wieseler 
NarkissoslSbß 
Ilelbig , W andge- 
mälde  nr.  1358  ff. 
dazu  Trendelenburg, 
Archäolog.  Zeitg.1816, 
11.  Preller -Plew  1,  597. 
612.  b)  Früherer  Name 
der  Helena,  weil  sie  cpcovoyiyog  war, 
Ptol.  Heph.  4.  Eust.  Od.  4,  279. 
Reiches  Material  bei  Wieseler,  Echo 
1854.  [v.  Sybel], 


von  Polites  getötet,  Vater  des  Mekistheus, 
Horn..  II.  8,  333.  13,  422.  15,  339.  — 2)  ein 
Lykier,  von  Patroklos  getötet,  Horn.  II.  16, 
316.  [Schultz.] 

Echo,  ’Hxeo,  ovg  f.  (fix w Wiederhall,  perso- 


Mon.  d.  Inst.  9,  46.  Vgl.  Heydcmann,  Satyr- 
u.  Bakchennavnen  15.  [Roscher.] 

Echse  (e^se),  etruskischer  Name  eines  Göt- 
terjünglings auf  einem  Spiegel  im  Florentiner 
Museum,  neben  einem  andern  Jüngling  Um aile 


1215  Echtur 

(umaile),  noch  ungedeutet;  doch  s.  Elchsntre; 
s.  schon  Demister.,  Etr.  Reg.  tav.  XXXVIII. 
Lcmzi  Saggio  2,  233  = 185;  tav.  XII,  no.  5. 
Gerhard,  Etrusk.  Spiegel  3,  197  tav.  CCVII,  2. 
Gonestabile  Insc.  etr.  192  tav.  LVIII,  204.  Fahr. 
C.  I.  I.  110,  und  sonst.  [Deecke.] 

Eclitur  s.  Ectur. 

Ectur  (ectur),  etruskische  Form  des  Na- 
mens Hektor  (” Exzcog  , s.  d.) , neben  seinem 
Gegner  Aivas  (aivas)  d.  i.  Al'fag,  Aiax,  auf 
einem  Spiegel  von  Vulci  im  Brittischen  Mu- 
seum, s.  Bullet.  1847,  139.  Gerhard,  Etrusk. 
Spiegel  4,  40;  tav.  CCCXCII.  Fahr.  C.  I.  I. 
2148  bis.  Die  aspirierte  Form  Echtur  (e^tur) 
zeigt  ein  Spiegel  von  Bolsena,  gleichfalls  im 
Brittischen  Museum,  wo  er  dem  Zweikampfe 
zwischen  Achle  (ajjde)  d.  i.  Achilles,  ’A%iX- 
Itvg , und  Evas  (evas)  d.  i.  Memnon,  als  Sohn 
der  Eos,  zuschaut.  Hinter  ihm  steht  die  Todes- 
göttin Vanth  (vanff)  und  über  dem  im  Hin- 
tergründe befindlichen  Skäischen  Thore  Truial 
(truial)  d.  i.  Troia,  Tgota,  s.  Gorssen,  Spr.  d. 
Etr.  1,  1007.  Fahr.  Tzo.  Suppl.  315.  Bezzen- 
berger,  Beitr.  2,  166,  nr.  45.  [Deecke.] 
Eddanos  (’Edduvos) , Heros  eponymos  der 
phönicischen  Stadt  "Eädava  am  Euphrat,  Steph. 
Byz.  s.  v.  ’Eddtxvcc.  [Steuding.] 

Edonis  (’Hdcovig),  eine  Edonierin  (von  dem 
thrakischen  Volke  der  Edonen),  überhaupt  eine 
Thrakerin  und  insbesondere  eine  thrakische 
Mainade,  Propert.  1,  3,  5.  Ov.  Met.  11,  69. 
Sil.  4,  775.  Lucan.  1,  675.  Die  Thraker  und 
besonders  die  Edonen  galten  als  enthusiastische 
Bakekosverehrer , Blut.  Alex.  2.  Horat.  Carm. 
2,  7,  26.  Uv.  Trist.  4,  1,  42.  Lobeck,  Agl.  1 
p.  289  f.  Bakchos  selbst  heifst  Edonus , Ov. 
Remed.  593.  Vgl.  Dionysos.  [Stoll.] 

Edonos  (HScovo g),  Sohn  des  Ares,  Bruder 
des  Mydon,  Stammvater  der  Edoner  in  Thra- 
kien, die  besonders  den  Dionysoskult  pflegten, 
Steph.  Byz.  s.  v.  ’Hda volu.  Biazovia.  [Schultz.] 
Edovius , ein  celtischer  Gott  auf  einer  In- 
schrift aus  Caldas  de  Reyes  (in  der  Gegend 
von  Iria  Flavia) , C.  I.  L.  2 , 2543 : Edovio 
Adalus  Cloutai  v.  s.  I.  m.  Vgl.  Endovellicu?, 

[Steuding.] 

Edusa  s.  Indigitamenta. 

Eerihoia  (’HiQißoia),  1)  Gemahlin  des  Alo- 
eus,  Stiefmutter  der  Aloaden,  welche,  als  diese 
den  Ares  gefesselt  hatten,  dessen  Aufenthalt 
dem  Hermes  verriet,  Hom.  II.  5,  385 fF. ; s.  Alo- 
aden. — 2)  = Periboia  (s.  d.)  Schol.  II.  16, 
14.  [Schultz.] 

Eerie  (’Hsglg),  Tochter  des  Tektaphos,  des 
Feldherrn  des  indischen  Stammes  der  Bolin- 
gen, Nonn.  Dion.  30,  163.  184.  Während  ihr 
Vater  von  Deriades  gefangen  gehalten  wurde, 
nährte  sie  ihn  mit  der  Milch  ihrer  Brust.  Eben- 
da 26,  104,  1 35 ff.  — 2)  Mutter  des  Aigyptos 
und  alter  Name  des  Landes  Ägypten  selbst, 
Etym.  M.  421 , 14.  Schol.  Apoll.  Rhod.  1, 
580;  vgl.  Aeria.  [Steuding.  ] 

Eetion  (’Hszrcov),  1)  König  der  Kilikier  in 
Thebe  am  Plakos , Vater  der  Andromache, 
Apoll.  3,  12,  6;  mit  sieben  Söhnen  wird  er 
von  Achill  getötet,  als  dieser  Thebe  eroberte. 
Doch  achtete  ihn  Achill  so  hoch,  dafs  er  ihn 


Egeria  1216 

nicht  der  Waffen  beraubte,  sondern  mit  die- 
sen verbrannte,  und  ihm  ein  Denkmal  errich- 
tete, auf  das  Bergnymphen  Ulmen  pflanzten. 
Seine  Gemahlin  wird  gegen  Lösegeld  freige- 
geben, aber  von  den  Pfeilen  der  Artemis  ge- 
tötet, II.  6,  415  ff.  Unter  der  in  Theben  ge- 
machten Beute  wird  besonders  hervorgehoben 
eine  grofse  eiserne  Wurfscheibe,  die  Achill 
später  bei  den  Leichenspielen  des  Patroklos 
aussetzt,  II.  23,  826 ff. , ein  Rofs  Pedasos,  II. 
16,  153,  und  eine  Phorminx  mit  silbernem 
Stege,  II.  9,  186 ff. ; vergl.  Strabo  13,  585ff. 
Quint.  Smyrn.  1 , 98  u.  ö.  Steph.  Byz.  s.  v. 
"Aduvu.  — 2)  Sohn  des  Ieson,  ein  Gastfreund 
des  Priamossohnes  Lykaon,  den  Achill  gefan- 
gen und  nach  Lemnos  verkauft  hatte,  von  wo 
ihn  Eetion  loskaufte  und  nach  Arisbe  sandte, 
II.  2 1,40  ff.  — 3)  Sohn  der  Elektra,  Enkel  des 
Atlas,  auch  lasion  genannt,  der  vom  Blitze  er- 
schlagen wurde,  weil  er  gegen  eine  Bildsäule  der 
Demeter  frevelte,  Hellan.u.Idom.  in  Schol.  Apoll. 
Rh.  1,  916.  — 4)  ein  Trojaner,  Vater  des  Podes, 
II.  17,575.  — 5)  ein  Grieche  vor  Troja,  Quint. 
Smyrn.  6,  639.  — 6)  Sohn  des  Briseus,  Königs 
von  Pedasos  und  Lyrnessos,  Mnas.  in  Schol. 
II.  19,  291.  — 7)  Sohn  des  Echekrates,  Vater 
des  Kypselos,  Her.  1,  14.  5,  92.  Paus.  2,  4,  4. 
Et.  M.  — 8)  ein  athenischer  Heros,  nach  wel- 
chem Eetioneia  benannt  sein  sollte,  Steph.  Byz. 
s.  v.  ’Heucoveiu.  Philoch,  bei  Harp.  s.  v.  ’Hs- 
zzmvia.  Suid.  s.  v.  [Schultz.] 

Eetione  (’Hszuövrj),  Tochter  des  Eetion,  d.  i. 
Andromache,  Quint.  Smyrn.  1,  115.  13,  268. 

[Schultz.] 

Egeria.  Unter  den  in  Italien  verehrten 
Gottheiten  von  Quellen  und  Flüssen  nimmt 
eine  hervorragende  Stellung  Egeria  ein,  deren 
Kult  uns  für  zwei  verschiedene  Örtlichkeiten 
bezeugt  ist.  Einmal  nämlich  galt  sie  für  die 
Nymphe  des  den  Hain  der  Diana  Nemorensis 
zu  Aricia  durchfliefsenden  Bächleins  (Ov.  fast. 
3,  273ff.  Strabo  5,  3,  12.  Verg.  Aen.  7,  763  f. 
774f.  u.  a.) ; sodann  aber  hatte  sie  in  der  un- 
mittelbaren Nähe  von  Rom  eine  berühmte 
Stätte  der  Verehrung.  Ihre  Hauptbedeutung 
erhielt  die  Göttin  durch  ihre  enge  Verbindung 
mit  dem  Priesterkönig  Numa,  von  der  die  Sage 
zu  erzählen  wnfste : sie  galt  als  seine  Geliebte 
oder  Gattin , vor  allem  aber  als  seine  stete 
Beraterin  bei  den  Neugründungen  und  Ver- 
änderungen, die  er  auf  dem  Gebiete  des  Sa- 
kralwesens vornahm  (Ovid.  fast.  3,  273 ff  Plut. 
Num.  4.  8.  13.  15.  Dion.  Hai.  2,  60.  61),  eine 
Sage,  welche  die  späteren  Historiker  auf  ver- 
schiedene Weise  natürlich  zu  erklären  such- 
ten. Varro  bei  Auqust.  c.  D.  7 , 35  fand  in 
ihr  Hinweisung  auf  Hydromantie,  welche  Numa 
getrieben  hätte ; iiberwiegeird  aber  war  die 
Deutung,  Numa  selbst  habe  die  Gerüchte  über 
seinen  Verkehr  mit  der  Göttin  ausgesprengt, 
um  seinen  Neuerungen  leichteren  Eingang  zu 
verschaffen,  Liv.  1,  19,  5.  Val.  Max.  1,  2,  1 
Dion.  2,  61.  Diese  Sagen  vom  Verkehr  mit 
Numa  knüpfen  sowohl  ah  die  Göttin  von 
Aricia,  als  an  die  römische  an:  die  nächtli- 
chen Zusammenkünfte  des  Königs  mit  seiner 
Beraterin  werden  bald  in  den  Wald  von  Ari- 
cia verlegt  (Lact.  1,  22,  1.  Serv.  Aen.  8,  763. 


io 

20 

30 

40 

50 

60 


1217 


Egerius 


Eidothea 


1218 


Schot.  Iuv.  S,  17),  bald  in  das  vor  der  Porta 
Capena  gelegene  Thal,  wo  Numa,  angeblich 
an  der  Stelle  wo  das  ancile  vom  Himmel  ge- 
fallen war,  den  mit  Egeria  eng  verbundenen 
Camenen  einen  Hain  geweiht  hatte  ('Liv.  1, 
21,  3.  Plut.  Numa  13.  luven.  3,  11  ff. ; über 
die  Lage  dieses  Hains,  den  man  bis  in  die 
neueste  Zeit  fälschlich  im  Thale  von  Caffarella 
suchte,  vgl.  Becker,  Topogr.  p.  513 ff.).  Ovid. 
Metam.  15,  482  ff.  hat  den  Versuch  gemacht, 
beide  Versionen  zu  vereinigen,  indem  er  Egeria 
nach  dem  Tode  des  Numa  trostlos  in  den 
Hain  von  Aricia  kommen  und,  da  sie  mit 
Weinen  nicht  aufhört  und  die  heiligen  Bräuche 
der  Diana  stört,  in  eine  Quelle  aufgelöst  wer- 
den läfst.  Doch  ist  das  ohne  Frage  nur  eine 
hübsche  poetische  Fiktion,  während  der  wirk- 
liche Hergang  der  umgekehrte  war,  indem 
die  aricinische  Egeria  nach  Rom  übertragen 
wurde;  in  Aricia  wufste  man  auch  von  einem 
Manius  Egerius  zu  erzählen , der  den  Hain 
der  Diana  geweiht  haben  sollte  (Fest.  p.  145), 
während  dieser  ursprünglich  wahrscheinlich 
ein  später  verschollenes  männliches  Gegen- 
bild der  Egeria  war.  Die  Sage  von  dem 
Umgänge  mit  Numa  aber  hat  wahrscheinlich 
den  umgekehrten  Weg  gemacht:  denn  es  ist 
natürlicher  anzunehmen,  dafs  die  Erzählung 
von  den  Zusammenkünften  des  Königs  mit  der 
Nymphe  sich  zunächst  an  die  nahe  bei  Rom 
gelegene  Örtlichkeit  knüpfte  und  erst  nachher 
auf  das  15  Miglien  von  Rom  entfernte  Aricia 
übertragen  wurde.  — Was  die  eigentliche  Na- 
tur der  Egeria  anlangt,  so  kann  über  dieselbe 
nach  den  vorliegenden  Nachrichten  kein  Zwei- 
fel bestehen.  Sie  heifst  allgemein  Nymphe 
und  wird  überall  als  Quellgöttin  aufgefafst 
(z.  B.  Martial.  6,  47.  Ovid.  met.  15,  482  u.  a. 
vvficpcov  (ilcc  ÖQvddcov  bei  Blut,  de  fort. 
Rom.  9) ; wenn  Dion.  Hai.  2 , 60  berichtet, 
einige  erklärten  sie  nicht  für  eine  Nymphe, 
sondern  für  eine  Muse,  so  geht  das  auf  den 
engen  Zusammenhang,  in  dem  Egeria  mit  den 
Camenae , ebenfalls  Quellgottheiten  — 'wahr- 
scheinlich von  kleineren  Quellen  in  der  Nähe 
der  gröfseren  Egeria’,  Breiter,  Rom.  Mythol.3 
2,  129,  4 — steht  (vergl.  z.  B.  Liv.  1,  21,  3. 
Sulpic.  sat.  67  f.  u.  a.).  Wichtig  ist  endlich 

Idie  Notiz  des  Baulus  p.  77,  der  Nymphe  Ege- 
ria hätten  die  Schwangeren  geopfert,  quod  eam 
putabant  facile  conceptam  aluum  egerere , eine 
Nachricht,  die  Bott,  Kuhns  Zeitschr.  8,  96 
nicht  hätte  in  Zweifel  ziehen  sollen,  da  sie 
einmal  durch  die  von  ihm  selbst  erwähnte 
Verbindung  der  Egeria  mit  der  Diana  Nerno- 
irensis,  die  ja  ebenfalls  eine  Geburtsgöttin  ist, 
(bestätigt  wird,  sodann  dadurch,  dafs  uns  diese 
Vereinigung  von  Quellen-,  Weissagungs-  und 
Geburtsgöttinnen  auch  sonst  wiederholentlich 
begegnet,  wie  bei  den  Camenae,  der  Carmenta 
u.  a.  Ob  der  Name  Egeria  in  der  von  Bau- 
lus angegebenen  Weise  oder  mit  Bott  a.  a.  0. 
ab  aqua  quae  egeritur  ex  terra  abzuleiten  ist, 
mag  dahingestellt  bleiben.  [Wissowa.] 
Egerius  s.  Egeria. 

Egertios  (’Eyfprtog),  Gründer  von  Chios, 
'itrabo  14,  633.  [Steudirjg.] 

Egestas , Personifikation  der  Armut , von 

Roscher,  Lexikon  der  gr.  u,  röm.  Mythol. 


Vcrg.  Aen.  6,276  (vgl.  Sil.  1t.  13,  585)  an  den 
Eingang  des  Orcus  versetzt.  Vergl.  Penia. 

[Roscher.] 

Egestes  s,  Aigestes. 

Egremos  fEyigsgog) , Sohn  des  Eurynomos, 
Schot.  II.  18,  483.  [Schultz.] 

Eia  Augusta,  eine  Göttin  auf  einer  Inschrift 
aus  Pola  in  Istrien,  C.  I.  L.  5,  8:  Eiae  Aug. 
Ant.  Sevenna  v.  s.  [Steuding.] 

Eiasun  s.  Easun. 

Eidomeiie  (EiSoysvrj,  Steph.  Byz.  Elöoysvfj), 
Tochter  des  Pheres,  oder  Abas,  Apollod.  2,  2, 
2,  Gemahlin  des  Amythaon  in  Pylos,  Mutter 
des  Bias  und  Melampus,  Apollod.  1,  9,  11. 

[Schultz.] 

Eidothea  (Eldo&ta),  „die  wissende  oder 
sehende  Göttin“  oder  „die  Göttlichgestaltete“ 
(Benseler),  1)  Tochter  des  Okeanos,  Hyg. 
fab.  182 , ohne  Zweifel  identisch  mit  der 
Okeanostochter  ’ldvicc,  Hes.  Theog.  960  = Ei- 
ävia  Soph.  fr  gm.  501  Nauck;  vgl.  F.  v.  Duhn, 
die  Würzburger  Bhineussclu.de,  Festschrift  zur 
XXXVI.  (Karlsruher)  Philol.-Vers.  S.  122.  — 
2)  Tochter  des  Proteus,  des  kundigen  Meer- 
greises, die  zu  Pharos  oder  Antipharos  ihren 
Sitz  und  ihr  Grab  hatte , Dion.  Per.  259 ; sie 
wird  auch  Theonoe  genannt,  d.  h.  göttliche 
Einsicht,  also  etwa  gleichbedeutend  mit  Eido- 
thea. Sie  giebt  dem  ratlosen  Menelaos  auf 
der  Insel  Pharos  Anleitung,  ihrem  Vater  die 
Kunde  über  Menelaos’  weitere  Schicksale  ab- 
zuzwingen, Hom.  Od.  4,  365—440.  Nonn.  1, 
37.  43,  102.  Anth.  9,  474.  S.  Emp.  dogm.  3,  5. 
Die  Hilfe,  die  der  Vater  wohl  geben  könnte, 
verschafft  sie,  die  wissende,  von  Mitleid  getrie- 
ben, dem  Bedrängten,  wie  auch  andere  Meernym- 
phen, im  Gegensatz  zu  nahestehenden  Meerdä- 
monen, die  ihr  Wissen  nur  gezwungen  preisge- 
ben, den  Menschen  mit  ihrem  Wissen  mehr  ent- 
gegenkommend sind,  z.  B.  Leukothea,  Kalypso, 
vgl.  v.  Duhn  a.  a.  0.  Die  Deutung  des  Namens 
Eldo&iu  = nolvyoQcpog,  Breiter,  Griech.  Myth. 
I3  S.  500  Anm.  2,  ist  nicht  nur  nicht  ver- 
ständlich, da  die  Vielheit  der  Gestalt  nicht 
ausgedrückt  ist,  sondern  auch  gegenüber  der 
viel  näher  liegenden  Etymologie  vom  Stamm 
lö  = sehen,  wissen  angesichts  der  Nebenform 
slSvicc  nicht  wahrscheinlich.  Unter  dem  Namen 
Theonoe  giebt  ihr  Euripides  das  bezeichnende 
Epitheton  ftscTiicodos,  Eur.  Hel.  145.  859;  vgl. 
auch  Arist.  Thesm.  897.  — 3)  Tochter  des  Eu- 
rytos,  Königs  der  Karer,  Gemahlin  des  Mi- 
letos,  Gründers  von  Milet,  Mutter  des  Kaunos 
imd  der  Byblis,  Antonin.  Lib.  30,  nach  Nikan- 
der.  Eurytos  ist  ein  nicht  seltener  Name,  der 
auf  das  Wasser  hinweist,  Breiter , Gr.  Mythol. 
23,  135  fafst  ihn  daher  als  Beinamen  des  Mäan- 
der auf;  vielleicht  darf  man  ihn  als  Vater  der 
Eidothea  mit  Okeanos  oder  Proteus  in  Ver- 
bindung bringen,  vgl.  v.  Duhn  a.  a.  0.  — 4) 
Gemahlin  des  blinden  Sehers  Phineus  in 
zweiter  Ehe , Schwester  des  Kadmos , Scliol. 
Soph,  Antig.  972;  dieselbe  wird  auch  Eurytia 
genannt,  also  Tochter  des  Eurytos,  bez.  über- 
haupt die  Meerentsprossene,  Schot.  Hom.  Od. 
12,  70,  oder  Idaia,  Tochter  des  Skythen- 
königs Dardanos,  Schot.  Apoll.  Rhod.  2,  178. 
Diod.  4,  43.  Apollod.  3,  15,  3,  also  nicht  vom 

39 


1219  Eidyia 

troischen  Ida  benannt,  sondern  durch  diesen 
Namen,  wie  durch  Eidothea,  als  Besitzerin  ei- 
nes tieferen  Wissens  bezeichnet.  Wenn  sie 
eine  Schwester  des  Kadmos  war,  so  wäre  sie, 
da  Kadmos  und  Phineus  Brüder  (beide  Söhne 
des  Phönikiers  Agenor)  waren,  die  Schwester 
ihres  Gemahls  gewesen.  Bekannt  ist  diese 
Eidothea  durch  die  gegen  ihre  Stiefsöhne  er- 
hobene Beschuldigung,  dieselben  hätten  ihr 
Gewalt  anthun  wollen,  worauf  Phineus  die- 
selben blendete  und  sonst  grausam  behandelte, 
Diod.  a.  a.  0.  [Weizsäcker.] 

Eidyia  (Eidviu) , 1)  Gemahlin  des  Aiakos, 
Lykophr.  1024.  - — 2)  Tochter  desOkeanos,  Apoll. 
Bhod.  3,  243;  s.  Eidothea  u.  Idyia.  [Schultz.] 
Eileithyia,  ElXstöviu  (ElXfi&vict,  ’EXsv&via, 
’IXsC&vlu,  EiXvQ'sia,  ’EXsv&co,  EfXiovia,  'iXsi&va, 
Kaibel,  Annali  1873,  111.  Wörner  in  d.  Fest- 
schrift d.  grammat.  Gesellschaft  von  G.  Cur- 
tius  Leipz.  1874  S.  122  ff.  Öfter  von  sem.  Iole- 
deth  oder  Alilat  abgeleitet , innerhalb  des 
Griech.  zu  siXsio&cu  oder  sXsv&io  gestellt), 
plur.  ElXsi&viai , II.  11  , 271.  19,  119.  C.  I. 
Gr.  nr.  5974.;  Vasenbilder;  megarischer  Kult. 
Die  Geburtswehe,  die  Geburt,  plur.  die  We- 
hen ( coSivsg ) II.  11 , 270 — 272,  Hesycli.  EiXsi- 
ftviccg;  in  Rom  Iuno  Lucina  ('Hg a cpcoGcpögog 
Dionys.  Hai.  4,  15).  Teils  selbständig,  teils 
als  Prädikat  der  Hera  (so  in  Argos[?],  auch  in 
Attika)  oder  der  Artemis  (so  in  Boiotien;  vgl. 
Pint.  mor.  659  a).  Töchter  der  Hera  Ilias  11, 
271;  Tochter  des  Zeus  und  der  Hera,  Schwester 
der  Hebe,  lies.  Theog.  922.  Find.  Nein.  7,  2. 
Apollod.  1,  3,  1.  Hyg.  fab.  pr.  (Libertas  für 
Lucina,  sXevQ'sgiu  für  tlsv&of  Schmidt , Bhein. 
3 Ins.  20,  460);  Diod.  5,  72.  uoyoGxoyiog  II. 
11,  272.  16,  187.  19,  102.  noXvaxovog  Kaibel, 
Epigr.  nr.  241a;  ihr  ßsXog  11.  11,  270.  Theolcr. 
17,  27;  vgl.  C.  I.  Alt.  3,  2,  1320,  4.  ngavyr}- 
x ig  Find.  Ol.  6 , 42.  (laxgonoXog  ib.  Pyth.  3,  9. 
svXivog  und  Eros’  Mutter,  Olens  del.  Hymn., 
XvGpav os  Theolcr.  17,  60.  ’EmXvGccgsvri  — ncd 
ixlu  xcöv  EiXsifhuäv  Des.  s.  v.  Eileith yia  mit 
den  Moiren  verbunden,  Pincl.  Nem.  7,  1.  Ol. 
6,  42,  bei  Tod  im  Kindbett,  Kaibel,  Epigr. 
nr.  238.  Ellsi&viqg  isgov  gsXo g Kallim,  hymn. 
Del.  257  (die  oXoXvyiq  bei  einer  Geburt,  vgl. 
Hymn.  Hom.  Ap.  Del.  119).  Wird  von  Hera  ge- 
hemmt bei  Alkmene s Kreifsen,  II.  19,  119; 
die  Hemmung  zerstört  durch  Galinthias’  oder 
Galantliis’  List,  Anton.  Lib.  29.  Ov.  rnet.  9, 
285ff.  Orph.  E.  13.  [ Welcher,  Kleine  Schrif- 

ten 3, 190  ff.  Roscher],  Ähnlich  bei  L e t o s Krei- 
fsen Eileithyia  durch  Hera  auf  dem  Olymp  zu- 
rückgehalten, aber  durch  Iris  gegen  Verspre- 
chen eines  Schmucks  nach  Delos  geführt  Hom. 
hymn.  Ap.  Del.  98  ff.  Sonst  noch  bei  Ap.  Bhod. 
Arg.  1,  288.  Kallim.  hymn.  Iov.  12  u.  a.  — 
Lokalkulte:  Kreta.  Amnisos  bei  Knosos, 
Grotte  der  Eileithyia,  Od.  19,  188.  Heiligtum, 
Strabo  10,  476.  Diod.  5,  72.  Eileithyia  unter 
anderen  Zeuskindern  im  5.  Abschnitt  über 
Kreta.  Dort  Eileithyia  von  Hera  geboren, 
Paus.  1,  18,  5.  Von  hier  der  Kult  nach  De- 
los in  Attika  verbreitet,  Müller,  Dorier  1,  312. 
243.  EiXsi&via  Eivaxeg  zu  Eivaxog,  Steph. 
Byz.  Ei'vaxog.  — Delos.  Eileithyia  bei  Le- 
tos  Wehen,  durch  Iris  vom  Olymp  geholt, 


Eileithyia  1220 

Hom.  hymn.  Ap.  Del,  97,  115.  Vgl.  Preller  1, 

192.  Opfer  an  Eileithyia  für  leichte  Geburt, 
mythisch  dargebracht  von  den  hyperboreischen 
Heroinen  Hy  peroche  und  Laodike,  Herodot 

4,  35.  Opfer,  dazu  Hymnus  des  Lykiers  Oien, 
darin  Eileithyia  svXivog  (als  identisch  mit  der 
Pepromene,  so  deutet  Paus.)  und  Mutter  des 
Eros  genannt,  Paus.  8,  21,  3.  9,  27,  2.  Ei- 
leithyia zu  Letos  Wehen  von  den  Hyperboreern 
gekommen ; von  Delos  aus  ihr  Kult  verbreitet, 
Paus.  1,  18,  5.  Par os.  C.  I.  Gr.  nr.  2389. 
Teos.  C.  1.  Gr.  nr.  3058.  Athen.  Tempel 
zwischen  Sarapieion  und  Olympieion , darin 
drei  bis  auf  die  Fufsspitzen  verhüllte  Schnitz- 
bilder — so  nur  in  Athen,  das  älteste  sei  von 
Erysichthon  aus  Delos  gebracht,  zwei  aus 
Kreta  habePhaidra  geweiht,  Paus.  1,  18,  5, 
Eileithyia  sv  ’ ’Aygaig , C.  I.  Att.  3,  1,  319.  Te- 
menos  der  Hera  Eileithyia  in  Attika,  Keil, 
Philol.  23,  620.  Votive  an  Eileithyia,  C.  I. 

Att.  3,  1,  836a.  925.  926.  Mitt.  cl.  d.  arch. 

Inst.  3,  197.  5,  528,  1.  Boiotien.  Artemis 
Eileithyia,  Örchomenos  (Mitt.  7,  357),  Chai- 
roneia,  (hier  aufserdem  auch  Artemis  Soodina 
mit  Apollon  Daphnaphorios,  C.  I.  Gr.  nr.  1595 
bis  1598),  Tanagra  ’A&rivcaov  4,  294,  Thespiai, 

Mitt.  5,  129.  Vgl.  Plut.  symp.  3 a.  E.  Me- 
gara.  Heiligtum  der  Eileithyien,  Paus.  1,44, 

3.  Argos.  Eileithyia-Heiligtum,  Anathem  der 
Helena,  nachdem  sie  dort  (von  Theseus)  die 
Iphigeneia  geboren,  argivische  Sage,  auch 
Stesichoros,  Euphorion  Chalk.,  Alexander  Pleu- 
ron.  bei  Paus.  2,  22,  6.  Eileithyia-Heiligtum 
am  gleichnamigen  Thor,  ib.  2,  18,  3.  Eilei- 
thyia Here,  Hesych.  Eile i'dviag  — 6 noiyxrig 
svn ttag,  "Hga  sv  Agysi  mifsverständlich.  Vgl. 
noch  ElXiovia  als  argivische  Geburtsgöttin,  A 
Sokrates  bei  Plut.  qu.  Born.  52.  Hermione. 
Heiligtum  innerhalb  des  Thors , Bild  nur 
den  Priesterinnen  sichtbar , Paus.  2 , 35  a.  E. 
Achaia.  Aigion.  Bild  von  Damophon  aus  ji  fr 
Messene,  mit  Fackel,  eingehüllt,  Paus.  7,  23,  i k 

5.  Münzbild  s.  u.  — Bura.  Tempel  mit  Bild 

von  Eukleides  aus  Athen,  Paus.  7,  25,  9.  Ort 
unbekannt,  C.  I.  Gr.  nr.  1554.  Arkadien.  A 
T e g e a.  Am  Markt  Tempel  und  Bild,  knieend,  Kt 
genannt  Avyy  sv  ybvaoiv , Paus.  8,  48,  7;  s. 
Auge.  Kleitor.  Heiligtum.  Paus.  8,  21,  2.  = 

Olympia.  Als  Olympische  Eileithyia  und 

als  Pflegerin  des  Daimon  Sosipolis  im  Vorraum 
von  dessen  Tempel  verehrt , Paus.  6 , 20 , 2.  h 
Sparta.  Heiligtum  nahe  der  Orthia,  Kult  ijj 
und  Tempel  gegründet  auf  ein  pyth.  Orakel  | am 
hin,  Paus.  3,  17,  1.  Heiligtum  am  Dromos,  % 
gemeinsam  mit  Apollon  Karneios  und  Ar- 
temis Hegemone,  ib.  3,  14,  6.  Inschrift  im  j 
’EXsvgi’oc,  Bofs , Aufs.  2,  667,  ’EXsvd'ia,  Mitt.  j Bi]<| 
1,  162.  Messene.  Tempel  mit  Bild,  Paus. 

4,  31,  9.  In  Pyrgoi,  Hafen  von  Cäre,  ein  dem 
Heiligtum,  angeblich  Gründung  der  Pelasger, 
Strabo  5,  226.  Die  ägyptischen  Herakleo- 
politen  verehren  den  Ichneumon,  der  Leto 

und  Eileithyia  geweiht,  Aelian.  Hist.  an.  10, 

47.  Ägyptische  Stadt  Eileithyia  mit  Heilig- 
tum der  Göttin,  Strabo  17,  817.  Diod.  1,  12. 

Steph.  Byz.  EIXsi&viag.  Wilkinson-Birch,  Man- 
ners  2,194.  — Bilder.  Auf  Vasenbildern  der  < 
Atlienageburt,  Löschcke,  Arch.  Ztg.  1876,  208 ff. ; 


io 

20 

30 

40 

50 

60 


1221 


Eilionia 


Eirene 


1222 


sie  stehen  bekleidet,  die  geöffneten  Hände  vor- 
haltend, die  Handfläche  von  sich  abgewandt, 
vgl.  Ov.  inet.  9,  299.  Plin.  28,  59.  Mit  Fackel, 
zu  Aigion,  s.  die  Münzen  des  Orts;  Paus.  7, 
23,  6 deutet  sie  auf  den  brennenden  Schmerz 
der  Wehen,  oder  als  Symbol  des  ans  Licht 
Bringens.  Vgl.  Kekule , Annali  1864,  108 
tav.  Gr.  Die  weibliche  Figur  der  Gruppe  zu 
Ildefonso  und  äbnl.  deutet  Stephani,  Compt.-B. 
1873,  15  auf  Eileithyia;  vergl.  Furtwängler,  io 
Bull.  1877,  155.  Diktamon  zum  Kranz,  Zeno- 
dot  und  Euphorion  bei  Schol.  Arat.  33;  vgl. 

K.  Koch,  Bäume  Altgriechenlands  96.  103. 

[v.  Sybel.] 

Eilionia  s.  Eileithyia. 

Einalia  ( Elvcdla ),  Beiname  der  Aphrodite, 
Mnaseas  in  Anthol.  9,  333.  [Schultz.] 

Eione  (' ’H'Covrj ),  eine  der  Nereiden  (s.  d.), 
Hes.  Theog.  255.  Apollod.  1,  2,  7.  [Schultz.] 

Eioneus  ( ’H'iovsvg ),  1)  ein  Grieche,  vor  Troja  20 
von  Hektor  getötet,  Hom.  II.  7,  11.  — 2)  ein 
Thraker,  Vater  des  Rhesos,  II.  10,  435.  Et. 
AL.  s.  v.;  dargestellt  als  Toter  von  Polygnot 
in  der  Lesche  zu  Delphi,  Paus.  10,  27,  1.  — 

3)  Sohn  des  Aioliden  Magnes,  ein  Freier  der 
Hippodameia,  von  Oinomaos  getötet,  Paus.  6, 
21,  7.  Schol.  Eur.  Phon.  1748.  — 4)  Vater 
der  Dia  (=  Dei'oneus),  Diocl.  4,  69.  Pherek. 
in  Schol.  Apoll.  3,  62.  — 5)  Vater  des  Dymas, 
Grofsvater  der  Hekabe,  Pherek.  in  Tzetz.  Ex.  30 
II.  38,  11.  [Schultz.] 

Eirene  (fElQgvg,  gg  f . ; slggvg  Frieden),  1) 
die  Friedensgöttin  a ) als  eine  der  Horen  im 
Verein  mit  Eunomia  und  Dike,  Tochter  der 
Themis  von  Zeus,  Hesiod  Theog.  902.  Pind. 

Ol.  13  , 6 ( xctylca  nlovxov).  Diodor  5,  72  (im 
Abschnitt  über  Kreta).  Apollod.  1,3,1.  Orph. 
hymn.  42,  2.  b)  einzeln,  Bakcliyl.  frg.  13  Bergk. 
Eurip.  Or.  1683.  Suppl.  481.  Bakcli.  411.  Kresph. 
fragm.  462  Nauck;  kopiert  Aristoph.  Georg.  40 
fr  gm.  8 [Com.  2,  987  AI.).  Aristoph.  Pax-,  Phi- 
lemon  Pyrrh.  Menander  frgm.  95;  vgl.  Stob, 
flor.  55  ttsqI  Elggvgg  (2,  331  Mein.).  Schilde- 
rungen ihrer  Segnungen  als  novQOTQOcpog  ßa&v- 
nlovxog  olßioöoxsLQcc  nolvokßog  u.  ä.  Vergl. 
Kallim.  hymn.  Cer.  138.  Inschr.  aus  Thespiai, 
Mitt.  d.  ath.  Inst.  5,  121.  C.  I.  Att.  3,  1,  370 
= Sybel  Katalog  nr.  362  Zeus  txccxsq  ElQgvgg 
ßa&vndQnov.  In  Athen  unblutiges  Opfer  für 
Eirene  am  Fest  der  Synoikesien,  Schol.  Ar.  50 
Pac.  1020.  C.  I.  Gr.  157.  Herrn.  G.  A.  2, 
§54,9.  Der  Altar  gegründet  nach  dem  Sieg 
am  Eurymedon,  Plut.  Kimon  13;  nach  dem 
Sieg  bei  Leukas,  Isokrates  nsgl  txvxid.  § 109 
— 110.  Com.  Nep.  Timotli.  2.  Elfenbeinbild 
im  athenischen  Inventar,  C.  I.  Gr.  150  § 47. 
Bild  im  Prytaneion,  Paus.  1,  18,  3.  Erzbild 
über  der  Agora,  Eirene  das  Kind  Plutos  auf 
dem  Arm,  von  Kephisodotos,  Paus.  1,  8,  3. 

9,  16,  1.  Wahrscheinliche  Nachbildungen  auf  60 
Münzen  von  Athen  und  Kyzikos  und  aus  Mar- 
mor in  München  u.  a. , Brunn , Glyptothek 
nr.  96.  Overbeck,  Plastik 3 2 , 6.  TJ.  Köhler, 
Mitteil.  6,  364.  Statuenbasis  aus  Syrien,  aus 
M.  Aurels  Zeit , C.  I.  Gr.  4545.  Otacilia  als 
Eirene,  C.  I.  Gr.  3886  add.  c)  in  bakchischen 
Scenen.  In  Reliefs  am  Proscenium  des  athe- 
nischen Theaters,  mit  Scepter  und  Füllhorn, 


nach  Alatz,  Annali  1870,  97.  Sybel,  Katalog 
nr.  4991.  Auf  rotfig.  Vasenbildern,  mit  Scepter 
oder  Fackel  und  Rhyton,  Krotalen,  C.  I.  Gr. 


8380.  8381.  8439.  Antiqu.  Bospli.  Cimm.  2,  94, 
A.  70,  1.  2.  Preller  1,  393f.  Vgl.  Ekecheiria 
und  Pax.  — 2)  Tochter  des 
Poseidon  und  der  Melan- 
thea  (Alpheios’  Tochter); 
nach  ihr  habe  die  Insel 
Kalauria  früher  Eirene  ge- 
lieifsen.  Antikleides  b.  Har- 
polcr.,  Stepli.  Byz.  und  Pho- 
tius  s.  v.  KalavQLa.  Plut. 

Qu.  Gr.  19.  [ — 3)  Bakchan- 
tin  auf  zwei  Vasen,  be-  Münze  (aus  Overbeck, 
schrieben  von  Heydemann,  FlasUk 3 2>  9-  Fls-  96)- 
Satyr-  und  Bakchennamen 
19  f. ; vergl.  ib.  39.  S.  auch  Nonn.  Dion.  14, 
223,  wo  nach  Heydemann  a.  a.  O.  wohl  El- 
Qgvg  zu  lesen  ist.  Roscher.]  [v.  Sybel  ] 

39* 


1223 


Eisera 


El 


1224 


Eisera  s.  Aisera  (Nachtr.) 

Eisirios  (Elaigiog),  ein  phönikischer  Priester, 
Bruder  des  Chnas,  wird  als  Erfinder  von  drei 
Buchstaben  genannt  (v.  1.  "Igiql g).  Phil.  Bybl. 
2,  27  bei  Müller,  fr.  h.  gr.  3,  569.  [Steuding.] 
Eita  s.  Aita  (Nachtr.) 

Eivas  s.  Aivas  (Nachtr.). 

Ekbasos  ("ExßaGog) , Sohn  des  argivischen 
Königs  Argos  und  der  Euadne,  einer  Tochter 
des  Strymon  und  der  Neaira,  Vater  des  Age- 
nor  (s.  o.  S.  103,  44).  Apollod.  bibl.  2,1,2 
hei  Müller,  fr.  h.  gr.  1,  125.  Hygin.  f.  145. 
Charax  bei  Steph.  Byz.  s.  v.  naggaGicc  (vgl. 
Müller  a.  a.  0.  3 , 642 , 25)  nennt  statt  des 
Agenor  den  Arestor  als  seinen  Sohn.  [Steuding.] 
Ekecheiria  (’Ersxsiglx) , die  Waffenruhe, 
eine  Personifikation  des  olympischen  Gottes- 
friedens. Am  Eingänge  des  olympischen  Zeus- 
tempels war  sie  den  Iphitos  bekränzend  dar- 
gestellt, Paus.  5,  10,  3.  26,  2.  [Schultz.] 
Ekphas  (’Ercpug),  Yater  der  Eurykleia,  Epi- 
men.  in  Schol.  Bur.  Phon.  13.  [Schultz.] 

El  ist  die  kanaanäische  Form  eines  in  allen 
semitischen  Sprachen  [mit  Ausnahme  des  Äthio- 
pischen] vorkommenden  Wortes,  dessen  Grund- 
form il  ist  [vergl.  über  Namensform  und  Be- 
deutung vor  allem  Nöldeke , Berichte  d.  Berl. 
ATcad.  1880,  760ff.  1882,  1175ff.  gegen  de 
Lagarde,  Abh.  d.  Gott.  Ges.  d.  Wiss.  26,  1880. 
Gott.  Nachr.  1882,  173;  die  Grundform  el  mit 
langem  Vokal,  die  Nöldeke  ansetzt,  erscheint 
mir  recht  problematisch]  und  das  teils  eine 
bestimmte  Gottheit , teils  das  Appellativum 
„Gott“  bezeichnet.  Neben  ihm  steht  in  den 
meisten  semitischen  Sprachen  als  Appellativum 
„Gott“  eine  Weiterbildung  derselben  Wurzel, 
nämlich  iläh  (arabisch  iläh,  mit  Artikel  alläh, 
hebräisch  elöh , aramäisch  eläh) ; im  Phöniki- 
schen  erscheint  statt  dessen  alon,  was  gleich- 
falls als  Weiterbildung  derselben  Wurzel  zu 
betrachten  ist. 

Bei  den  Assyrern  und  Babyloniern  ist 
ilu  (sumerisch  dingir)  reines  Appellativum  (da- 
her auch  z.  B.  die  Städtenamen  Bab-ilu  Baby- 
lon „Gottespforte“  und  Arba-ilu  Arbela  „Vier- 
götter [stadt J“);  die  Existenz  eines  höchsten 
babylonischen  Gottes  Ilu  ist  zwar  sehr  oft  be- 
hauptet (so  auch  Delitzsch,  Paradies  S.  164. 
Schräder,  Keilinschriften  und  Altes  Testament , 
2.  Au  fl.  S.  11),  doch  sind  mir  stichhaltige  Be- 
lege dafür  nicht  bekannt. 

In  Arabien  ist  II  demjenigen  Teil  der  Be- 
völkerung, dessen  Sprache  durch  den  Qorän 
zur  Schriftsprache  wurde,  d.  h.  den  Bewohnern 
des  Hidschäz,  unbekannt,  und  die  muhamme- 
danischen  Gelehrten  bezeichnen  daher  II  als 
hebräisches  Lehnwort;  aber  mit  Unrecht.  Denn 
sowohl  in  den  sabäischen  Inschriften  aus 
Jemen,  wie  in  den  griechischen  und  aramäi- 
schen Inschriften,  welche  von  den  arabischen 
Stämmen  der  syrischen  Grenzlande,  nament- 
lich den  Nabatäern,  herrühren,  begegnet  uns 
der  Gott  II  zahllose  Male,  besonders  in  Perso- 
nennamen (s.  u.).  Neben  ihm  steht  eine  Göt- 
tin llät,  mit  Artikel  al-ilät  ( Herod . 1,  131.  3, 
8 ’AXilccr) , zusammengezogen  Allät , die  von 
den  Griechen  der  Kriegsgöttin  und  Stadther- 
rin Athene  gleichgesetzt  wird  (vgl.  oben  S.  651 ; 


aus  ildhat  kann  der  Name  nicht  entstanden 
sein,  da  sich  diese  Form  in  der  Bedeutung 
„Göttin“  neben  dem  Eigennamen  findet).  Sie 
ist  auch  bei  den  Hidschäzenern  verehrt  wor- 
den, so  in  Mekka  ( Qorän  53,  19)',  und  hat 
sich  neuerdings  auch  aufserhalb  Arabiens  auf 
einer  phönikischen  Inschrift  aus  Sulci  in  Sar- 
dinien gefunden  ( Dillmann , Berichte  der  Berl. 
Akad.  1881,  429).  Als  Appellativum  ist  il,  so- 
weit ich  sehe , dem  arabischen  Sprachgebiet 
fremd;  doch  ist  es  sehr  charakteristisch,  dafs 
im  Sabäischen  das  Compositum  il-ilät  als  Ge- 
samtbezeichnung der  Götter  („Pantheon“)  ver- 
wertet wird.  Il  vertritt  hier  die  männlichen, 
ilät  die  weiblichen  Gottheiten,  ähnlich  wie  im 
Assyrischen  der  Name  der  Göttin  Ischtar  im 
Plural  die  allgemeine  Bedeutung  „Göttinnen“ 
hat  (vgl.  oben  S.  648). 

In  Sy  rien  (bei  Hebräern,  Phönikern,  Syrern 
u.  s.  w.)  begegnet  uns  der  Gott  El  weit  selte- 
ner. Den  arabischen  Eigennamen  mit  11  ent- 
sprechen hier  die  zahllosen  Composita  mit 
Ba‘al,  und  überhaupt  scheint  bei  den  Nord- 
semiten Ba‘al  an  die  Stelle  zu  rücken,  die  bei 
den  Arabern  11  einnimmt.  Doch  sind  bei  den 
Hebräern  Namen  mit  El  ziemlich  häufig  ( Sa- 
muel „Name  Eis“,  Elchanan  „El  ist  gnädig“ 
u.  a.).  Besonders  oft  findet  er  sich  aber  in 
Stammes-  und  Geschlechtsnamen  bei  den  He- 
bräern und  ihren  Nachbarstämmen,  so  zunächst 
Israel  „El  streitet“!?),  ferner  Ismael  „El  er- 
hört“ [findet  sich  als  Personenname  auch  bei 
den  Sabäern] , Jerachmeel  „El  erbarmt  sich“, 
lOtniel  „Löwe  Eis“  u.  a.  Bei  den  Hebräern 
wird  El  dann  völlig  mit  dem  Nationalgott 
Jahwe  identificiert;  beide  Namen  werden  Syno- 
nyma. Aus  welchem  Grunde  der  König  Elja- 
kim  seinen  Namen  auf  Befehl  des  ägyptischen 
Königs  in  Jehojakim  umändern  mufs , wissen 
wir  nicht  (Beg.  2,  23,  34;  ähnlich  nennen  die 
Assyrer  einen  König  von  Hamat  bald  llu-bi‘d, 
bald  lahubhd,  s.  Schräder,  Keilinschriften  u. 
Altes  Testament  23).  Abgesehen  von  hebräischen 
Eigennamen  kann  ich  den  Gott  El  nur  in  dem 
auf  Münzen  vorkommenden  König  ‘Ainel  „Auge 
Eis“  von  Byblos  (Arrian  2 , 20  ’EvvXog;  in 
der  Form  LEniel  nach  assyrischen  Angaben 
König  von  Hamat)  und  in  einigen  wenigen 
phönikischen  und  aramäischen  Personennamen, 
die  sich  auf  Gemmen  finden,  nach  weisen  (de 
Vogüe,  nielanges  d’archeologie  orientale  S.  Hilf. 
123).  Auf  den  zahlreichen  phönikischen  In- 
schriften aus  den  Kolouieen  ist  mir  dagegen 
kein  Eigenname  bekannt,  in  dem  El  vorkäme. 

Dagegen  erscheint  El  im  Phönikischen 
und  Hebräischen  sehr  häufig  [neben  elöh 
resp.  alon\  als  reines  Appellativum,  sowohl 
im  Alten  Testament  wie  in  phönikischen  In- 
schriften ( Ummel  aw.  2.  Athen.  4.  Massil.  13); 
der  Plural  elim  findet  sich  aufserdem  in  Eigen- 
namen wie  Kalbelim  „Götterhund“  Abdelim 
„Götterknecht“  (Griech.  ’JßdrjUyog)  Mattän- 
elim  „Göttergabe“.  Ebenso  oft  dient  El  dazu 
einen  bestimmten,  aber  unbekannten  Gott  zu 
bezeichnen.  So  heifst  jeder  Stein  (Fetisch),  in 
dem  ein  göttliches  Wesen  haust,  Bet-el  „Haus 
Eis“  (Griech.  ßctüvlog  oder  ßaizvliov) ; die 
Gottheit,  die  in  ihm  wohnt,  bleibt  dabei  ganz 


1225 


El 


El 


1226 


unbestimmt;  daher  noch  Damasc.vita  Tsid.  203 
zwv  ö's  ßairvXcov  äXXov  ccXXcp  avccKtiG&cu  fff®, 
Kqovg j,  All,  ’HXi'co , roigdXXoig.  Denselben  Namen 
ßeth-el  fuhrt  bekanntlich  auch  das  alte  Jahwe- 
heiligtum  des  Stammes  Ephraim,  bei  dem  eine 
Leiter  Himmel  und  Erde  verbindet  und  ein 
heiliger  Stein,  den  der  Stammheros  Jakob  er- 
richtet haben  soll,  die  Wohnung  der  Gottheit 
bezeichnet.  Ebenso  heifst  eine  heilige  Stätte 
jenseits  des  Jordan  Pnuel  „Antlitz  Eis“,  und 

I denselben  Namen  wird  in  der  einheimischen 
Sprache  das  Vorgebirge  @sov  ngoGanov  an 
der  phönikischen  Küste  geführt  haben.  [Eben- 
so trägt,  wie  Ilalevy  erkannt  hat,  die  Kultus- 
stätte der  karthagischen  Göttin  Tnt  (Aussprache 

I unbekannt)  den  Namen  Pneba‘al  „Antlitz  Ba- 
‘als;  im  übrigen  vgl.  promunturium  quod  Sa- 
iurni  vocatur  bei  Neukarthago  Plin.  3,19;  das 
wäre  phönikisch  Bösch-el],  Der  Name  der 
heiligen  Bäume,  in  denen  die  Gottheit  wohnt 

!(in  Sichern,  Hebron  u.  a.),  ist  im  Hebräischen 
ela  oder  elon , worin  Stade,  Geschichte  des  FoZ- 
Jces  Israel  S.  455  mit  Recht  eine  Ableitung 
von  El  erkannt  hat. 

I Die  zuletzt  behandelte  Funktion  des  Wor- 

Ites  el  läfst  uns  die  zu  Grunde  liegende  Be- 
deutung am  sichersten  erkennen.  El  resp.  das 
ursemitische  il  ist  sowohl  ein  göttliches  Wesen 
als  auch  das  göttliche  Wesen  kki’  stgoxyv. 

IEs  bezeichnet  zunächst  immer  ein  individuel- 
les, konkretes  Verehrungsobjekt,  einen  bestimm- 
ten 8cci(i(av,  aber  ist  kein  eigentlicher  Eigen- 
name. Jedes  der  unzähligen  namenlosen  aber 

1 mächtigen  Wesen,  die  der  Semit  in  Steinen 
und  Bäumen,  auf  Hügeln  und  Berghöhen  wir- 
kend denkt  und  verehrt,  ist  il  [oder  wenn 
es  weiblich  gedacht  wird,  Hat].  Dasselbe 
Wesen  ist,  wenn  es  konkreter  bezeichnet 
werden  soll,  der  „Herr“  der  betreffenden  Ört- 
lichkeit (nordsem.  balal,  südsem.  dhü,  s.  Arti- 
kel Ba‘al  in  d.  Naclitr.),  und  insofern  decken 
sich  elivi  und  ba^alim.  Aber  das  letztere  in- 
volviert schon  sprachlich  immer  eine  bestimmte 
Beziehung,  während  el  allgemein  gedacht  ist. 
Daher  kann  el  zum  völligen  Appellativum  wer- 
den oder  dasselbe  durch  eine  Ableitung  aus 
sich  entwickeln. 

Wie  nun  neben  und  über  den  einzelnen 
ba‘alim  ein  höchster  Ba‘al  steht,  der  „Herr“ 

! an  sich , so  kennen  die  Semiten  auch  einen 
j Gott  II,  den  „Gott“  an  sich.  Er  steht  über 
den  einzelnen  Dämonen ; aber  eben  deshalb 
I steht  er  auch  dem  Menschen  ferner,  dieser 
kann  ihn  nicht  beeinflussen  und  nicht  in  direkte 
Verbindung  mit  ihm  treten;  er  wird  anerkannt, 
i , aber  wenig  verehrt.  Einen  eigentlichen  Kult  des 
Il  finden  wir  auch  auf  arabischem  Gebiete  nur 
bei  den  Sabäern,  wo  er  neben  den  übrigen 
■„  Gottheiten  genannt  und  angerufen  wird.  Da- 
gegen bei  den  Nabatäern  und  den  syrischen 
Arabern  begegnet  uns  ein  Tempel  des  II,  eine 
Anrufung  desselben , ein  ihm  dargebrachtes 
Opfer  niemals:  er  ist  ohne  Kult.  Und  doch 
beweisen  die  zahlreichen  Eigennamen  wie 
, Channel  „Gnade  Eis“,  ‘•Aliel  „El  ist  erhaben“, 
‘ Azarel  „El  ist  mächtig“,  Habbel  „El  ist  Herr“, 
i Waddel  „Liebe  Eis“,  Wahbel  „Gabe  Eis“,  Taini- 
\ el  „Diener  Eis“,  dafs  der  Gott  anerkannt 


wurde.  Genau  dieselbe  Stellung  nimmt  in 
Mittelarabien  schon  vor  Mohammed  Allah  ein, 
der  uns  auch  in  zahlreichen  Eigennamen  be- 
gegnet und  als  höchster  Gott,  als  Oberherr 
der  Dämonen , welche  im  Mittelpunkt  des 
Stammkultus  stehn,  anerkannt,  aber  nicht 
eigentlich  verehrt  wird.  Es  ist  auch  zu  be- 
achten, dafs  uns  in  den  Inschriften  Nordara- 
biens neben  den  eben  angeführten  Namen  auch 
io  solche  begegnen,  die  mit  iläli  „Gott“  zusam- 
mengesetzt sind,  wie  Wahbiläh  und  Zabdiläh 
„Gabe  Gottes“  u.  s.  w.  Bei  dieser  Stellung 
des  El  halte  ich  es  auch  für  wahrscheinlich, 
dafs  der  ungenannte  Gott,  der  in  zahlreichen 
palmyrenischen  Altarinschriften  als  der  höchste 
angerufen  wird  (die  gewöhnliche  Formel  ist 
aramäisch : „dem,  dessen  Name  gesegnet  ist  in 
Ewigkeit,  dem  Gnädigen  und  Barmherzigen“, 
griechisch  Au  vipLOza  uai  snrinoco) , sich  aus 
20  dem  El  entwickelt  hat. 

Was  wir  über  El  bei  den  Phönikern  wis- 
sen, entspricht  genau  dem  bisher  gewonnenen 
Bilde.  Er  erscheint  in  Eigennamen,  man  bil- 
det ihn  nach  Philo  (fr.  2 , 26  Müller ) mit  4 
Augen,  von  denen  zwei  geschlossen  sind,  mit 
4 Flügeln,  von  dem  zwei  ausgespannt,  zwei 
gesenkt  sind,  um  zu  zeigen,  dafs  er  auch 
im  Schlafe  wache  und  im  Ruhen  fliege ; auf 
dem  Haupt  trug  er  zwei  Federn,  ein  den 
30  Ägyptern  entlehntes  Symbol.  [Trotz  man- 
cher Abweichungen  hat  de  Vogiie 
a.  a.  0.  109  vielleicht  recht,  wenn 
er  das  Bild  des  El  in  der  bei- 
gefügten, auf  Gemmen  einige  Male 
vorkommenden  Figur  wiederfin- 
det.] Aber  zu  den  Gottheiten, 
welche  in  den  Inschriften  genannt 
werden,  gehört  El  nicht;  er  wird 
nie  angerufen,  kein  Tempel  von 
40  ihm  wird  erwähnt. 

Und  doch  hat  El  bei  den 
Phönikern  noch  eine  weitere  hoch- 
wichtige Rolle  gespielt.  In  der 
mythischen  Genealogie , welche 
Philo  von  Byblos  (130  n.  Chr.) 
in  seiner  angeblich  aus  dem 
Werke  eines  alten  Weisen  Sanchünjathön 
übersetzten,  aber  ganz  euhemeristisch  gestal- 
teten phönikischen  Geschichte  giebt,  ist  El  der 
50  Sohn  des  Himmels  (Ba‘alsehamem?)  und  Vater 
des  Zsvg  BijXog,  cl.  i.  des  Ba‘al,  des  eigentlich 
höchsten  Gottes.  Daher  wird  er  mit  dem  Kro- 
nos identificiert.  Die  Gleichsetzung  von  El 
und  Kronos  begegnet  uns  auch  bei  Diodor  2, 
30,  wo  behauptet  wird,  der  Stern  Saturn  (Kqo- 
vog),  dem  die  Chaldäer  den  mächtigsten  Ein- 
flufs  zuschreiben,  werde  von  ihnen  Stern  des 
Helios  genannt.  In  Helios  steckt  gewifs  El, 
nur  gehört  dieser  nicht  den  Chaldäern,  bei  denen 
60  der  Planet  Saturn  dem  Ninep  geweiht  ist,  son- 
dern den  westlichen  Semiten  an.  [Ob  der  Name 
El  bei  Servius  1 , 642  omnes  in  Ulis  partibus 
Solem  colunt , qui  ipsorum  lingua  El  ( al . Hel) 
dicitur  wirklich  gemeint  ist,  mufs  dahingestellt 
bleiben.]  In  andern  Fällen  wird  unter  Kronos 
allerdings  Ba‘al  verstanden,  so  Serv.  ad  Aen. 
1 , 729:  Saturnus  . . . lingua  punica  Bai  de-us 
dicitur,  apud  Assyrius  autem  Belus  dicitur  et 


Plioinikische 
Gemme  mit  ei- 
nem Götterbild 
(vielleicht  El). 
[Die  Inschrift 
bezeichnet  die 
Gemme  als  Sie- 
gel des  ‘Uzza’.] 


1227 


El 


El 


1228 


Satu/rnus  et  Sol;  vgl.  Damasc.  vita  Isidori  115 
ozi  (ßoivntig  Mal  2vqol  zov  Kqovov  HX  nal 
Bi]X  Mal  GoXd&yv  (?)  £novoyut,ov6iv,  JEupole- 
mos  bei  Euseb.  praep.  ev.  9,  17:  BccßvXcovi'ovg 
yäp  Xsysiv  tiqzüzov  ysvsaQ'a i ByXov , ov  slvai 
Kqovov  u.  a.  Aber  in  der  Regel  wird  Ba‘al 
dem  griechischen  Zeus  gleichgesetzt,  und  wo 
die  Schriftsteller  von  einem  phönikischen 
Kronos  reden,  wird  zunächst  immer  an  El  zu 
denken  sein.  Andererseits  kann  es  wohl  nicht 
zweifelhaft  sein,  dafs  unter  dem  Saturnus,  der 
in  den  Inschriften  des  punischen  Nordafrikas 
so  unzählige  Male  als  Hauptgott  verehrt  wird 
— Iuppiter  findet  sich  nur  verhältnismäfsig 
selten  und  ist  meist  der  römische , nicht  der 
einheimische  Gott  — ■ Ba‘al  zu  verstehen  ist 
und  nicht  El,  schon  aus  dem  Grunde,  dafs  in 
den  punischen  Inschriften  Ba‘al  durchweg,  aber 
El  nie  angerufen  wird  (vgl.  Art.  Ba‘al  in  den 
Nachträgen). 

Was  Philo  von  der  Geschichte  des  El- Kro- 
nos erzählt,  würde  von  grofser  Bedeutung  sein, 
wenn  die  Schrift  nicht,  von  ihrem  albernen 
Euhemerismus  ganz  abgesehen,  durchweg  von 
dem  Streben  beherrscht  wäre,  die  griechische 
Göttergeschichte  als  ein  Plagiat  der  phö- 
nikischen darzustellen.  So  wird  erzählt,  wie 
Uranos  mit  seiner  Gemahlin  Ge  zerfallt  und 
auch  seinen  Kindern  nachstellt,  aber  Kronos 
(El),  als  er  erwachsen  ist,  ihm  entgegentritt, 
vom  Hermes  Trismegistos  (Thoth)  unterstützt. 
Er  verfertigt  mit  seiner  und  Athenes  (‘Anat?) 
Hilfe  eine  eiserne  Sichel  und  einen  Speer, 
stürzt  den  Vater  aus  seiner  Herrschaft,  lockt 
ihn  schliefslich  im  32sten  Jahr  seiner  eigenen 
Regierung  in  einen  Hinterhalt  und  schneidet 
ihm  die  Schamteile  ab.  Das  Blut  des  Uranos 
tröpfelt  in  die  Quellen  und  Flüsse , und  der 
Ort  der  That  wird  noch  gezeigt.  Dann  ver- 
teilt Kronos  die  Erde  unter  seine  Genossen 
und  Kinder  [unter  denen  auch  ein  zweiter 
Kronos  erscheint].  Es  ist  gänzlich  unsicher, 
wie  viel  von  diesen  Erzählungen  einheimisch- 
phönikisch,  wie  viel  Entlehnung  aus  dem  Grie- 
chischen ist:  zu  sagengeschichtlichen  Folge- 
rungen sind  sie  nicht  zu  verwerten.  [Auch  die 
Angabe  oi  ds  ov(ipcc%oi  "HXov  zov  Kqovov  ’EXo- 
slfi  sn£Y.Xr\Q'r]Oixv , a>g  äv  Kqovloi  kzX.  ist  sehr 
verdächtig,  da  das  Wort  Elohim  „Götter“ 
im  Phönikischen  nicht  nachgewiesen  ist,  und 
hier  leicht  ein  jüdischer  Einflufs  gewirkt  haben 
kann.] 

Um  so  wichtiger  ist  die  Angabe,  dafs  Kro- 
nos seinen  Sohn  Sadidos(?)  und  eine  Tochter 
getötet  habe,  dafs  er,  alseine  Hungersnot  und 
Pest  ausbrach,  seinen „eingebornen  Sohn“  ( novo - 
yevrj  vl'ov)  seinem  Vater  Uranos  als  Brandopfer 
dargebracht  und  sich  beschnitten,  auch  seine 
Anhänger  gezwungen  habe , das  gleiche  zu 
thun,  Philo  fr.  '2,  18.  24;.  fr.  4.  5 Müller.  Die 
Beschneidung  ist  wie  in  Ägypten,  so  auch  bei 
allen  kana‘anäischen  Stämmen  gebräuchlich 
und  jedenfalls  ihrem  Ursprung  nach  ein  den 
Dämonen  gebrachtes  Opfer  vom  eignen  Blut; 
ebenso  ist  es  Sitte,  nicht  nur  Feinde,  sondern 
in  Fällen  der  Not  die  eignen  Kinder  deu  Göt- 
tern zu  opfern,  allgemein  kana'anäisch.  „Die 
phönikische  Geschichte  des  Sanchunjathon  ist 


voll  von  solchen  Opfern  an  den  Kronos,“  sagt 
Porphyrius  de  abst.  2,  56.  Beide  Sitten  werden 
an  der  angeführten  Stelle  auf  El  zurückge- 
führt:  wie  immer  in  solchen  Fällen  gilt  eine 
Handlung  des  Gottes  als  Vorbild  des  religiösen 
Brauchs. 

Nach  diesen  Angaben  kann  es  nicht  zwei- 
felhaft sein , dafs  das  Kindesopfer  bei  den 
Phönikern  dem  El  dargebracht  wurde , und 
alle  griechischen  Schriftsteller , die  dasselbe 
erwähnen  (namentlich  als  karthagischenBrauch), 
nennen  denn  auch  den  Kronos  als  den  betref- 
fenden Gott:  Plato,  Minos  315.  Eiodor  13,  86. 
20,  14.  Iustin.  18,  6.  Pint,  de  superstit.  13. 
Schot.  Od.  v 302  = Suidas  Suq8ccvios  yiXwg 
u.  a.  Die  Neueren  haben  in  diesem  Falle 
den  Kronos  in  der  Regel  dem  Moloch  [oder 
Ba‘al]  gleichgesetzt,  weil  die  ‘Ammoniter  ihrem 
Gotte  Milkom  oder  Moloch  das  gleiche  Opfer 
brachten  und  die  Hebräer,  wenn  sie  dem  Jahwe 
ihre  Kinder  darbrachten,  ihn  als  Melek  „König“ 
oder  Ba‘al  „Herr“  bezeichnet  zu  haben  schei- 
nen — falls  hier  nicht  lediglich  die  Tendenz 
unserer  Berichte,  solche  Handlungen  als  dem 
Wesen  Jahwes  völlig  widersprechend  darzu- 
stellen, dazu  geführt  hat,  diese  Namen  einzu- 
setzen; vgl.  Meyer,  Gesell,  d.  Altert.  I § 364. 
Aber  dafs  die  Phöniker  ihrem  Ba‘al  oder  dem 
in  den  Monumenten  gleichfalls  sehr  oft  vor- 
kommenden Moloch  (richtiger  wohl  Malik  zu 
sprechen)  das  Sohnesopfer  dargebracht  hätten, 
ist  nirgends  gesagt.  Unsere  Quellen  weisen 
hier  vielmehr  ausschliefslich  auf  El  hin.  Eher 
liefse  sich  noch  annehmen,  dafs  man  überall 
dem  Hauptgott  des  Stammes  das  Opfer  brachte 
[wem  König  Mescha1  von  Moab  seinen  Sohn 
opferte,  Reg.  2,  3,  27,  wissen  wir  nicht;  viel- 
leicht dem  Nationalgotte  Kamosch],  Doch  ist 
der  Hauptgott  Karthagos  offenbar  Ba‘al  cham- 
män , der  dem  Kronos  schwerlich  entsprechen 
kann. 

Demnach  hat  El  bei  den  Phönikern  (und 
Karthagern)  doch  eine  bedeutendere  Rolle 
gespielt,  als  es  nach  den  Monumenten  schien, 
ln  Fällen  dringender  Not,  in  Krankheit,  Hun- 
gersnot oder  Feindesgefahr  appelliert  man 
direkt  an  den  höchsten  Gott  und  sucht  seinen 
Zorn  durch  das  ihm  freiwillig  dargebrachte 
Opfer  des  Liebsten  zu  besänftigen.  — Haupt- 
sitze des  Elkults  im  Mutterlande  scheinen  By- 
blos  und  Berytos  gewesen  zu  sein,  da  ihre 
Gründung  auf  Kronos  zurückgeführt  wird,  Philo 
und  Steph.  Byz.  s.  v. 

Dafs  der  besprochene  phönikische  Kult  auf 
die  hellenischen  Anschauungen  vonEin- 
flufs  gewesen  ist,  ist  vielfach  vermutet:  schon 
Diodor  20,  14  (Timaios?)  ist  geneigt,  die  Sage, 
dafs  Kronos  seine  eigenen  Kinder  verschlungen 
habe,  von  den  karthagischen  Opfern  herzuleiten. 
Und  sehr  denkbar  ist  es  gewifs,  auch  wenn 
man  über  die  Authenticität  der  phiionischen 
Erzählung  sehr  skeptisch  denkt,  dafs  die  Kro- 
nossage , die  ja  in  Kreta  ihre  Heimat  hat, 
unter  phönikischem  Einflufs  sich  entwickelt 
hat.  Sicherer  scheint,  dafs  manche  der  aut 
griechischem  Boden  vorkommenden  Menschen- 
opfer phönikischen  Ursprungs  sind,  so  wenn 
auf  Rhodos  am  6.  Metageitnion  dem  Kronos 


Elachsantre 


1229 

einMensch  geopfert  wird,  Porphyr,  de  abst.  2,  54. 
Doch  ist  eine  Ausdehnung  dieser  Annahme 
auf  alle  in  Griechenland  vorkommenden  Men- 
schenopfer völlig  unzulässig.  [Ed.  Meyer.] 

Elachsantre  (ela^santre,  ela^santre),  s.  Elch- 
sntre.  [Deecke.] 

Elagabal  ist  der  Name  des  Lokalgottes  der 
syrischen  Stadt  Heins  (Emesa  und  hei  Plin.  5, 
81.  89  richtiger  Hemesa)  am  Orontes.  Seinen 
Wohnsitz  hatte  der  Gott  nach  syrischer  Art 
in  einem  grofsen  schwarzen  Steinkegel , der, 
wie  solche  Steine  durchweg,  für  vom  Himmel 
gefallen  {dionstrig)  galt.  Die  beigegehenen 
Abbildungen  von  Münzen  des  Elagabal  und 
Uranius  (nach  Colien,  monnaies  de  l'empire  3 
tab.  15,  127.  4 tab.  3,  1)  zeigen  den  in  Tüchern 
eingehüllten  reichgeschmückten  Stein , teils 
allein,  teils  in  Procession  von  einem  Vierge- 
spann gezogen  und  mit  einem  Adler  geschmückt. 
Als  Attribut  seiner  Herrschermacht  als  Son- 
nengott sind  ihm  Sonnenschirme  beigegehen. 
Auch  sein  hochgelegener,  prächtiger  Tempel  (vgl. 
Avienus , descr.  terrar.  1054 ff.)  wird  auf  Mün- 
zen abgebildet.  Processionen,  Feste  mit  Musik 


Münzen  mit  dem  Elagabalidol. 

und  Tanz,  bei  denen  der  Oberpriester  in  rauschen- 
den Gewändern  die  Festlichkeit  leitet,  ebenso 
Orakel  gehören  zu  seinem  Kult  ( Herodian  5,  3. 
5.  6.  Dio.  78,  31  u.  a.  Die  Griechen  und  Römer 
bezeichnen  den  Gott  als  Iuppiter  ( Lamprid . 
Helogabal.  1.  17)  und  gewöhnlicher  als  Sol, 
Helios  ( Herodian  5,  3.  Bio.  78,  31.  Epit.  de 
Caes.  23  u.  a.);  daher  die  gewöhnliche  Verdre- 
hung des  Namens  zu  Heliogabalus  (daneben 
’EXcaayccßaXog , ’EXsyeßcdog).  Die  urkundliche 
Form  auf  Münzen  ist  Elagabalus;  der  erste 
Teil  des  Wortes  ist  jedenfalls  das  syrische 
eläh  „Gott“,  der  zweite  wahrscheinlich  gabal 
„Berg“,  also  „Berggott“.  Der  Gott  ist  natür- 
lich ein  Lokalfetisch  (Ba‘al),  aber  in  seinem 
Bereiche  der  höchste  Gott  (Iuppiter)  und  als  i 
solcher  ein  Sonnengott.  Eine  Soldateninschrift 
aus  Pannonien,  C.  I.  L.  3,  4300:  Deo  Soli  Ala- 
gaba[lo]  Ammudati  identifieiert  den  Elagabal 
mit  Ammudates{s.A.).  ‘ ammüdat  heifst  im  Arabi- 
schen die  Standsäule  (<jti;1i)  hebr.  ‘ ammüd ),  ist 
also  ein  Name  des  kegelförmigen  Göttersteins. 
Von  einer  vergoldeten  Statue  des  Gottes  Am- 
mudates,  die  Orakel  erteilte  und  in  hohem  An- 
sehen stand,  bis  der  Kaiser  das  Gold  wegnahm 
und  das  Holz  des  Götzenbildes  ins  Feuer  wan-  e 
derte  (vgl.  Bedslob,  Z.  D.  M.  32,  733),  erzählt 
der  christliche  Dichter  Commodianus  aus  Gaza 
instr.  1,  18  (um  240  n.  Chr.).  Ob  damit  direkt 
ein  (von  dem  Steinklotz  verschiedenes)  Götter- 
bild des  Elagabal  von  Hems  gemeint  ist  oder 
ein  ähnlicher  Kult  in  einer  unbekannten  aber 
jedenfalls  benachbarten  Gegend,  ist  nicht  zu 
entscheiden  und  auch  sehr  unwesentlich,  da 


Elagabal  1230 

es  in  Syrien  zahlreiche  ähnliche  Kulte  gab. 
Auch  von  dem  Gott  von  Hems  wissen  wir  ja 
nur  durch  einen  Zufall  Genaueres. 

Der  Ort  Hemesa  begegnet  uns  zuerst  in 
den  Zeiten  des  völligen  Verfalls  des  Seleuci- 
denreichs  kurz  vor  Pompejus,  wo  ein  arabisches 
Fürstengeschlecht  sich  hier  festgesetzt  hat; 
vgl.  Strabo  16,  2,  10:  Zicxpipi-ntgafiog  v.al  ’ldp- 
ßh%og  . . cpvhxQxot.  xov  ’Euioriväv  e&vovg.  Da- 
) nach  ist  jedenfalls  ein  Teil  der  Bevölkerung 
des  Ortes  und  vielleicht  auch  der  Kult  des 
Elagabal  arabischen  Ursprungs;  doch  läfst  sich 
letzteres  nicht  entscheiden.  Das  Haus  des 
Samsigeramos  regiert  in  Hems  bis  auf  Vespa- 
sian;  dann  wird  der  Ort  römische  Provinz. 
Zu  Ende  des  zweiten  Jahrhunderts  sehen  wir 
dann  den  Kult  von  Emesa  in  hohem  Ansehen 
stehn  (wie  die  ähnlichen  Dienste  der  Götter 
von  Heliopolis  und  Doliche,  der  syrischen  Göt- 
i tin  u.  s.  w.);  aus  allen  Nachbarländern  sollen 
ihm  jedes  Jahr  Geschenke  gesandt  sein,  He- 
rodian 5,  3,  4.  Die  Tochter  seines  Oberprie- 
sters Bassianus  {epit.  de  Caes.  23),  Julia  Domna, 
war  mit  Septimius  Severus  vermält , und  ge- 
langte so  auf  den  römischen  Kaiserthron.  Als 
dann  ihr  Sohn  Caracalla  durch  Macrinus  er- 
mordet worden  war,  gelang  es  Julia  Domnas 
Schwester  Julia  Maesa,  ihren  jungen  Enkel 
Varius  Avitus,  den  Sohn  des  Soaimias,  der  da- 
i mals  das  Priestertum  des  Elagabal  bekleidete, 
für  einen  Sohn  Caracallas  auszugeben.  Im 
Jahre  218  wurde  Macrinus  gestürzt,  und  Varius 
bestieg  als  M.  Aurelius  Antoninus , mit  dem 
Spitznamen  Heliogabalus , den  römischen 
Thron.  Mit  dem  Kaiser  kam  sein  Gott,  des- 
sen Oberpriester  er  auch  in  seiner  Tracht 
blieb,  nach  Rom;  durch  ein  Edikt  wurde  er 
allen  andern  Göttern  übergeordnet.  In  Rom 
baute  der  Kaiser  ihm  einen  Tempel  und  feierte 
i seine  Feste  mit  verschwenderischer  Pracht. 
Auf  das  wahnsinnige  Treiben  des  syrischen 
Priesters  weiter  einzugehen , ist  überflüssig. 
Von  Interesse  ist  nur,  dafs  er  auch  andere 
Steingötter  in  den  Tempel  seines  Gottes 
schleppte  {Lamprid.  vit.  Heliog.  3.  7)  und  ihn 
mit  dem  römischen  Palladium,  sowie  mit  dem 
Steinklotz  vermählte , der  in  Karthago  als 
Astarte  verehrt  wurde;  letzteres  fafste  er,  der 
Theologie  seiner  Zeit  entsprechend , als  eine 
Vermählung  der  Sonne  mit  dem  Monde  auf, 
Dio  79,  12.  Herodian  5,  6.  Von  geheimnis- 
vollen Gebräuchen,  Knabenopfern  u.  a.  erzählt 
Dio,  der  auch  daran  Anstofs  nimmt,  dafs  der 
Kaiser  beschnitten  war  und  kein  Schweine- 
fleisch afs  (79,  11). 

Vier  Jahre  lang  ist  so  der  Fetisch  von  Emesa 
der  höchste  Gott  der  abendländischen  Kultur- 
welt gewesen,  und  Münzen  wie  Inschriften  be- 
zeugen seine  Verehrung.  Mit  dem  Sturze  sei- 
nes Priesters  (222  n.  Chr.)  verschwand  auch  er 
wieder;  nur  in  seiner  Heimat  blieb  er  nach 
wie  vor  angesehen;  sein  Bild  erscheint  auf  den 
Münzen  des  ephemeren  Prätendenten  Uranius, 
der  sich  unter  Alexander  Severus  in  Emesa  er- 
hob, und  noch  im  Jahre  272  hat  Aurelian  sei- 
nem Tempel  seine  Verehrung  dargebracht,  Vo- 
pisc.  Aurelian.  25. 

Alles  Material,  das  fast  ausschliefslich  den 


1231 


Elaia 


Elchsntre 


1232 


Urkunden  und  Schriftstellern  über  Heliogabals 
Regierung  entstammt,  s.  bei  J.  D.  Mordtmann, 
Z.  D.  M.  Cr.  31,  91  ff.  [Ed.  Meyer.] 

Elaia.  (’EXai'a),  eine  Amazone,  nach  der  der 
Ort  Elaia  hei  Nikomedien  seinen  Namen  hatte, 
Arr.  Nie.  bei  Eustath.  zu  Dionys.  Per.  828. 

[Schultz.] 

Eiais  (’EXoä s),  eine  der  Töchter  des  Anios 
(Oinotropoi);  s.  diese  Artikel:  Schol.  z.  Ly  kopier . 
570  u.  580.  [Roscher.]  l 

Elaius  ( ’EXca'ovg ),  Beiname  des  Zeus  bei  den 
Kypriern,  Hes.  s.  v.  [Schultz.] 

Elakatos  (’HXd-Auzog) , ein  Liebling  des  He- 
rakles , zu  dessen  Ehren  in  Lakedämon  ein 
aycov,  die  ’HXcrxdmcc , gefeiert  wurde,  Sosib. 
bei  Desych.  0.  Müller.  Dorier  1,  451,  4.  Der 
Name  geht  vielleicht  auf  fjXa-näzr]  Spinn- 
rocken zurück,  der  ja  auch  im  Mythus  von 
Herakles  und  Omphale  eine  Rolle  spielt.  Ygl. 
auch  Zeus  ’HXa.v.azcitog  bei  Steph.  Byz.  s.  v.  2 
'HIcchcczcclov.  [Steuding.] 

Elara  (’Elapa) , Tochter  des  Orchomenos 
( Apollod .)  oder  Minyas,  die  von  Zeus  den  Rie- 
sen Tityos  gebar.  Aus  Furcht  vor  Hera  ver- 
barg sie  Zeus  unter  der  Erde;  sie  starb  bei 
der  Geburt  wegen  der  Gröfse  des  Kindes,  Plie- 
relcyd.  bei  Schol.  Apollon.  JRhod.  1,  761.  Apol- 
lod. 1,  4,  1.  Eustath.  zu  Dom.  p.  1583,  55 
(1.  Mivvov  st.  Mivaog);  Et.  M.  s.  v.  ’AXsqcc 
nal  "EIccqu;  Schol.  Od.  7,  324.  In  Euboia  3 
wurde  eine  nach  ihr  benannte  Höhle  gezeigt, 
Strabo  9,  423.  [Schultz.] 

Elasioi  ( ’EXugioi ) , Dämonen  , welche  die 
Epilepsie  vertreiben  sollten,  Nachkommen  der 
Alexida,  der  Tochter  des  Amphiaraos:  Plut. 
Qu.  Gr.  23.  [Roscher.] 

Elasippos  fEXdomnog),  1)  mythischer  König 
von  Atlantis,  Plato  Kritias  114c.  — 2)  ein 
Grieche,  den  Penthesileia  tötet,  Quint.  Smyrn. 

1 , 229.  [Schultz.]  4 

Elasos  ('Ehxcog),  1)  ein  Trojaner,  von  Patro- 
klos  getötet,  II.  16,  696.  — 2)  ein  von  Neo- 
ptolemos  getöteter  Trojaner,  von  Polygnot  in 
der  Lesche  zu  Delphi  dargestellt,  Paus.  10, 
26,  1.  [Schultz.] 

Elate  (’EXäzri),  Schwester  der  Aloaden,  glich 
ihnen  an  Gröfse.  Als  diese  getötet  wurden, 
weinte  sie  so  lange,  bis  sie  in  eine  Fichte 
verwandelt  wurde,  Liban.  narr.  34  p.  1110. 

[Schultz.]  £ 

Elatos  f'EXazog),  1)  ein  Kentaur,  von  Hera- 
kles getötet,  Apollod.  2,  5,  4.  ■ — 2)  Sohn  des 
Arkas  und  der  Leaneira , der  Tochter  des 
Amyklas,  oder  der  Metaneira,  der  Tochter  des 
Krokon,  oder  (nach  Eumelos ) der  Nymphe 
Chrysopeleia,  oder  der  Dryade  Erato;  Gemahl 
der  Laodike,  Vater  des  Stymphalos,  Pereus, 
Aigyptos,  Kylien,  Ischys.  Er  nimmt  das  Kyl- 
lenegebirge  in  Besitz  und  wandert  von  da 
später  nach  Phokis,  hilft  den  Phokiern  im  ( 
Kriege  gegen  die  Phlegyer  und  gründet  Ela- 
tea,  Paus.  8,  4,  2.  3.  Apollod.  3,  9,  1.  Auf 
dem  Markte  zu  Elatea  befand  sich  sein  Stand- 
bild, Paus.  10,  34,  3;  desgl.  zu  Tegea,  Paus.  8, 
48,  6.  — 3)  ein  Lapithenfiirst  zu  Larissa  in 
Thessalien,  Gemahl  der  Hippeia,  der  Tochter 
des  Antippos,  Vater  der  Argonauten  Kaineus 
und  Polyphemos,  Dyg.  f.  14.  Schol.  Apoll. 


Bhod.  1,  40.  Ov.  Metam.  12,  497;  und  des 
Ischys,  Pincl.  Pyth.  3,  31(55)  mit  Schol.-,  und 
der  Dotia,  Stepjh.  Byz.  s.  v.  Acoziov , oder  der 
Dotis,  Apollod.  3,  5,  5.  — 4)  Sohn  des  Ika- 
rios,  Gemahl  der  Erymede,  der  Tochter  des 
Damasiklos,  Vater  des  Tainaros,  Schol.  Apoll. 
Bli.  1,  102.  — 5)  ein  Bundesgenosse  der  Tro- 
janer aus  Pedasos  am  Satnioeis,  von  Agamem- 
non vor  Ilion  getötet , Dom.  II.  6 , 33.  — 6) 
ein  Freier  der  Penelope,  von  Eumaios  getötet, 
Dom.  Od.  22,  268.  — 7)  ein  Wagenlenker  des 
Amphiaraos  (sonst  Baton  gen.),  Apollod.  3, 
6,  8.  Vgl.  Elattonos.  u.  Jahrb.  f.  cl.  Pliilol. 
1882.  S.  345  ff.  [Schultz.] 

Elatreus  (’EXazgsvg) , 1)  ein  vornehmer 

Phaiake,  Dom.  Od.  8,  111,  welcher  sich  im 
Diskoswurf  vor  allen  auszeichnet  (ebenda  129). 
Der  Name  ist  wie  die  fast  aller  Phaiaken  vom 
Meer  und  der  Schiffahrt  entlehnt;  vgl.  sXcczy. 
Eustath.  z.  Dom.  1588,  41  — 2)  ein  Kyklope 
vongewaltigerGröfse,  welcher  bis  in  die  Wolken 
emporragte  und  bei  dem  Kampfe  des  Bakchos 
in  Indien  eine  gröfse  Fichte  als  Waffe  gebrauchte, 
Nonn.  Dion.  14,  59.  28,  240.  [Steuding.] 

Elattonos  ( ’EXuzzcovog) , Wagenlenker  des 
Amphiaraos , mit  welchem  er  von  der  Erde 
verschlungen  wurde,  Apollod.  bibl.  3,  6,  8,  6 
bei  Müller,  fr.  h.  gr.  1,  161.  Derselbe  wird 
auch  Baton  (s.  d.)  genannt.  Vergl.  Elatos  7. 

[Steuding.] 

Elclisntre  (el^sntre) , etruskische  Form  des 
Namens  ’AXe^cxvö'qo?  d.  i.  Paris  (Hdptg),  auf 
einem  reich  geschmückten  Spiegel  unbekannter 
Herkunft,  früher  im  Museum  Durand,  jetzt  in 
der  Pariser  Nationalbibliothek,  ln  der  oberen 
Hälfte  zeigt  Herde  (hercle)  dem  thronenden 
Tinia  (tinia)  d.  i.  Iuppiter  den  geflügelten 
Knaben  Epeur  (epeur,  etwa  Hebe-Sohn),  wäh- 
rend in  den  Ecken  sich  Turan  (turan)  d.  i. 
Venus,  und  Thal  na  (Haina)  befinden;  in  der 
unteren  Hälfte  steht  Elchsntre  neben  Eli- 
nai  (elinai)  d.  i.  Helena,  in  Gegenwart  der 
beiden  Atriden  (menle,  a^memrun),  des  Aias 
oder  Memnon  (aevas)  und  einiger  dienenden 
Göttinnen  (mean,  lasa  ffimrae,  lasa  racuneta); 
s.  De  Witte,  Catal.  Durand  nr.  1972  p.  420  ff. ; 
derselbe,  Orioli  u.  Cavedoni,  Ann.  1834,  183 ff.; 
1840,  268 ff.  Monum.  Vol.  2,  tav.  VI.  Gerhard, 
Etr.  Spiegel  3,  174ff.  tav.  CLXXXI;  Fabr.  Gl. 
It.  col.  379.  C.  I.  I.  2500.  Dieselbe  Namens- 
form zeigt  ein  Spiegel  im  Museum  zu  Bologna, 
wo  aufser  El  in  ei  gleichfalls  die  beiden  Atriden 
zugegen  zu  sein  scheinen  (menle,  a^mem  . . .);  s. 
Lanzi  Saggio  2,  221  = 175,  nr.  17.  Fahr.  C. 
I.  I.  44.  S.  Bugge,  Beitr.  1 (Etr.  Forsch,  u. 
Stud.  4),  21  ff. , der  statt  ajjmem  . . . vielmehr 
a^sies  liest,  gedöutet  als  ’Ayxiasiog  d.  i.  Ai- 
neias.  Mit  Elision  begegnet  Elsntre  (elsntre) 
auf  einem  Spiegel  unbekannter  Herkunft,  gleich- 
falls einst  im  Museum  Durand,  jetzt  in  der 
Pariser  Nationalbibliothek.  Hier  steht  Turan 
(turan),  d.  i.  Venus  zwischen  ihm  und  Elina 
(elina);  s.  De  Witte,  Catal.  Durand  nr.  1968 
p.  418.  Gerhard,  Etrusk.  Spiegel  3,  192;  tav. 
CXCVIII.  Fabr.  C.  I.  I.  2495.  Eine  durch 
Einschub  von  «erweiterte  Form  Elachsantre 
(ela;usantre)  zeigt  ein  palästriner  Spiegel  der 
Sammlung  ßarberini,  auf  dem  aufser  Elina 


1233 


Elcste 


Elektra 


1234 


und  Turan  noch  Ermania,  d.  i.  Hermione 
gegenwärtig  ist;  s.  Garrucci  Bull.  1859,  26.  88. 
Gerhard,  Etr.  Spiegel  4,  26 ff.  tav.  CCCLXX1X. 
Fahr.  C.  I.  I.  2726.  Eine  geringe  Variante 

Iist  ela^santre,  auf  einem  Spiegel  aus  Orbe- 
tello,  im  Besitze  des  Hrn.  Itiblais  in  Florenz. 
Neben  El  in  ei  und  Turan  zeigt  er  noch  La- 
ran  (laran)  d.  i.  Mars,  ”A  irrig ; s.  Gamurr.  Bul- 
let. 1873,  144.  Fahr.  Sdo  Suppl.  93.  Mit  er- 
haltenem ursprünglichen  Anlaut  findet  sich  l 
endlich  Alaclrsntre  (ala^sntre)  neben  Turan, 
Uni,  d.  i.  luno,  und  Menrva  auf  einem  das 
Urteil  des  Paris  darstellenden  Spiegel  von  Cor- 

Ineto,  den  Gamurrini  bei  einem  römischen  Händ- 
ler fand;  s.  Gamurr.  App.  772.  Stark  synko- 
piert ist  die  Form  Elcste  (elcste)  auf  einem 
Bronzespiegel  von  Chiusi,  der  Paris  dem  Ai- 
neas  (eina)  gegenüberstehend  zeigt,  zwischen 
beiden  Klytaimnestra  (clutmsta)  und  Men- 
rva; s.  Helhig , Bullet.  1882  p.  133.  So  ge-  2 
hört  denn  auch  vielleicht  sogar  Echse  (e^se) 
hierher,  Name  eines  Jünglings  auf  einem  Spie- 
gel in  Florenz  neben  einem  anderen  Umaiie 
(das  U ist  unsicher);  s.  schon  Dempst.  Etr. 
Beg.  t.  XXX VIII;  Lanzi  Saggio  2,  233  = 185 
t.  XII,  nr.  5;  dann  Gerhard,  Etr.  Spiegel  3,  197 
tav.  CCVII,  2;  Conestabile  Insc.  Etr.  p.  192 

1t.  LVI1I,  204;.  Fahr.,  C.  I.  I.  110.  Halbla- 
teinisch sind  die  Formen:  Alixsantre,  neben 
Menele  und  Elina  auf  einem  Spiegel  der  3 
Luynes’schen  Sammlung,  unbekannter  Herkunft; 

is.  Bullet.  1848  p.  36;  Gerhard,  Etr.  Spiegel  5, 
23;  tav.  CCCLXXVII;  Fahr.,  C.  I.  I.  2523; 
Alixentros  neben  Mirqurios  auf  einem  jetzt 
im  Berliner  Museum  befindlichen  Spiegel  von 
Orbetello;  s.  Gerhard,  Etr.  Spiegel  3,  181;  tav. 
ELXXXII;  Fahr.,  C.  I.  I.  2491,  tav.  XLIV; 
Alixentros  neben  der  ihn  kränzenden  Vic- 
toria auf  einem  Spiegel  von  Palestrina;  s. 
Garrucci  Syll.  535;  Gamurr.  App.  925;  ver-  4 
stiimmelt  Alixent  . . . neben  Velena,  Venns 
und  einer  Reihe  anderer  Figuren  auf  einer  Cista 
von  Palestrina,  s.  Garrucci  Ciste  Pren.  t.  LV ; 

I Fahr.  C.  I.  I.  2726terd,  t.  XL VI;  vergl.  Bezz. 
Beitr.  2,  166  nr.  46.  [Deecke.] 

Elcste  (elcste),  s.  Elchsntre. 

Ehlas  (’EXSüg)  siehe  Ebidas. 

Eleatas  (’EXsdrag),  Sohn  des  Lykaon,  Paus. 
8,  3,  1.  ^Schultz.] 

Elege  fEXeyg),  Tochter  des  Proitos,  Ael.  v.  j 
h.  3,  42,  siehe  Proitides;  vergl.  Elege'is. 

[Steuding.] 

Eie  gei's  ( ’EXsygtg  oder  ’EXsysug,  Etym.  AI. 
327,  11),  eine  Tochter  des  Neleus,  Enkelin 
des  Kodros,  welche  ursprünglich  77eipei  (vgl. 
IlriQco)  hiefs,  dann  aber  infolge  ihres  unsitt- 
lichen Lebenswandels  (iXsysivsiv  = avoXuGTcd- 
vsiv;  vgl.  tXsyalvtiv)  obigen  Namen  erhielt, 
Etym.  Magn.  327,  5 ff.  Vgl.  sXeQ-aivofiivrj  = 
dvoXaozai'vovaa  bei  Hesych.,  wo  Loheck , Ehern,  t 
1 S.  237  sXsycavogsvg  vermutet.  Sie  galt  als 
Erfinderin  der  Unzucht,  Etym.  ALagn.  152,  50. 

[Steuding.] 

Eleios  (’HXsiog),  1)  Sohn  des  Poseidon  und 
1 der  Eurykyda , der  Tochter  des  Endymion, 
Vater  des  Augeias,  Paus.  5,  1,  6 u.  7.  — 2) 
Sohn  des  Amphimachos,  König  von  Elis , zur 
Zeit  des  Einfalls  der  Dorier , Paus.  5 , 3,  4. 


4,  1 (1.  ’HXsiog  st.  diog).  — 3)  Sohn  des  Tan- 
talos,  nach  welchem  Elis  benannt  sein  sollte, 
Stcph.  Byz . s.  v.  ’HXig.  — 4)  Beiname  des  Zeus, 
Steph.  Byz.  s.  v.  ’HXig.  [Schultz.] 

Elektra  (’HXsvTQce , ion.  ’HXsvtQg,  d.  h.  die 
Strahlende),  1)  ein  in  die  älteste  Dämonologie 
verflochtenes  Wesen;  bei  Hes.  Theog.  266  ist 
sie  Tochter  des  Okeanos  und  wird  Gattin  des 
Thaumas,  von  dem  sie  die  Iris  und  die  Har- 
pyien gebiert  (wiederholt  bei  Apollod.  bibl.  1, 
26).  Theog.  349  wird  sie  in  dem  Verzeichnis  der 
vielen  Töchter  des  Okeanos  und  der  Tethys 
aufgezählt;  unter  ihren  Schwestern  ragt  be- 
sonders hervor  die  Styx,  Theog.  361,  dann  die 
Eurynome,  Tyche,  Kalypso  u.  a.  (danach  Apol- 
lod. 1,  2,  2).  Im  homerischen  Hymnus  auf 
Demeter  (418)  erscheint  sie  unter  den  Gespie- 
linnen der  Persej)hone  auf  der  blumigen  Wiese, 
als  diese  geraubt  ward;  die  Namen  derselben 
stimmen  meist  mit  denen  der  Töchter  des 
Okeanos  und  der  Tethys  bei  Hes.  Theog.  349  ff. 
überein ; vgl.  Paus  4,  30,  4.  Bei  Nonn.  Dion. 
26,  360  zeugt  sie  mit  Thaumas  die  Iris  und 
den  Flufs  Hydaspes.  — 2)  Tochter  des  Atlas, 
mit  alter  Gestirnverehrung  und  den  Alter- 
tümern von  Samothrake  zusammenhängend, 
eine  der  sieben  Pleiaden,  nach  Apollod.  3,  10,  1 
nebst  ihren  sechs  Schwestern  auf  der  Kyllene 
in  Arkadien  als  Tochter  der  Pleione  und  des 
Atlas  geboren  (in  Arkadien  auch  bei  Dion. 
Hai,  ant.  1,  61).  Verzeichnis  der  Atlastöchter 
bei  Diodor  3,  60,  4.  Als  ihr  eigentlicher  Sitz 
erscheint  in  der  Sage  regelmäfsig  Samothrake, 
welche  Insel  selbst  vrjoog  ’HXevTQgg  ’AtXavxi- 
äog  genannt  werden  konnte,  Apollon.  Eh.  1, 
916.  Zeus  verband  sich  mit  ihr  und  sie  ge- 
bar ihm  Kinder.  Ihr  wichtigster  Sohn  ist  Dar- 
danos  (s.  d.),  der  von  Samothrake  aus  nachTroas 
ging  und  drüben  das  Land  für  sich  gewann 
und  Stifter  der  Dynastie  ward.  Hellanikos  fr. 
56.  Apollod.  3,  12,  1.  Verg.  Aen.  8,  135.  Co - 
non.  narr.  21.  Eratosth.  catast.  23.  Eine  ge- 
wisse Version  schob  Arkadien  als  ursprüng- 
liche Herkunft  vor  Samothrake,  Dion.  Hai. 
ant.  1,  61.  Serv.  Aen.  3,  167.  2,  325.  Der 
zweite  Sohn  heifst  bei  Hellanikos  Eetion  ov 
’laaCcova  bvoucigovai , Frgm,  129.  Schol.  Ap. 
Eliod.  1,916,  sonst  gewöhnlich  Iasion,  der  mit 
Demeter  eng  verbunden  ist,  worauf  schon  die 
Odyssee  5,  125  anspielt.  Interessant  ist,  dafs 
Hellanikos,  der  doch  den  Sitz  der  Elektra  in 
Samothrake  annahm,  den  Iasion  als  Kreter  be- 
zeichnete,  Frgm.  5S.  Schol,  Od.  5,  125,  sodafs 
auch  hier  Kreta  hereinspielt.  Bei  Dion.  Hui. 
1 , 61  heifst  er  lasos.  Nach  Athenion  beim 
Scliol,  Apollon.  1,  913  waren  Dardanos  und 
Iasion  dieKabiren;  doch  vgl.  Lobeck,  Aglaoph, 
p.  1220.  Nonnos  kennt  einen  Sohn  Emathion, 
der  auf  Samothrake  herrscht,  3,  186 ff.  Die 
Sagenbildung,  die  Italien  zur  ursprünglichen 
Heimat  der  Trojaner  machte,  liefs  Elektra  als 
Gattin  eines  Korythos  (s.  d.)  in  Italien  den 
Iasion  und  Dardanos  (oder  nur  ersteren  und 
letzteren  von  Zeus)  gebären  ( Verg.  Aen.  3, 167  ff. 
und  Servius  dazu;  Sero.  Aen.  7,  207.  3,  104). 
Gewöhnlich  galt  als  drittes  Kind  des  Zeus  und 
der  Elektra  auf  Samothrake  die  Harmonia,  so 
Hellanikos  Frgm.  129.  Diod.  3 , 48.  49 ; bei 


1235 


Elektra 


Elektra 


1236 


Ephor os  Frgm.  12.  Schol.  Eur.  Phoen.  7 ist 
Harmonia  die  Tochter  der  Elektra  und  des 
Atlas;  Nonnos  läfst  sie  Tochter  des.  Ares  und 
der  Aphrodite  sein,  aber  von  Elektra  aufgezo- 
gen werden  (3,  3 7 6 fF. ) . Die  Entführung  der 
Harmonia  durch  Kadmos  war  Lokalsage  auf 
Samothrake , und  das  Suchen  nach  ihr  ward 
mimisch  in  den  Festen  dargestellt,  Ephoros 
a.  a.  0.  Nach  LHod.  5 , 49  brachte  Elektra 
als  Gabe  bei  der  Hochzeit  des  Paares  die  lsqü 
der  Göttermutter  mit  ihren  Cymbeln  und  Tym- 
panen,  was  eine  enge  Beziehung  der  Elektra 
zu  diesem  Kulte  andeutet  (wohl  als  Mutter  der 
mit  Kybele  identifi  eierten  Demeter) ; nach  Scliol. 
Eur.  Phoen.  1136  brachte  Elektra  das  Palladion 
selbst  nach  Ilion  für  ihren  Sohn  Dardanos.  Ihre 
Bedeutung  als  Gestirn  ward  später  als  Verwand- 
lung aufgefafst;  bei  Trojas  Untergang  erbleicht 
ihr  Glanz,  Serv.  Verg.  Georg.  1,  138.  Egg. 
fab.  192,  oder  sie  wird  bei  diesem  Anlafs  in 
einen  Kometen  verwandelt,  Serv.  Verg.  Aen.  10, 
272.  Nach  ihr  soll  (nach  Hellanilcos  Frgm. 
129  u.  a.;  andere  Versionen  beim  Schol.  in 
Eurip.  Phoen.  1129)  das  Thor  MIshzqu  in  The- 
ben benannt  sein  (nur  eine  Ungenauigkeit  ist 
es,  wenn  Paus.  9,  8,  3 die  Elektra  Schwester 
des  Kadmos  nennt).  Uber  die  Bedeutung  des 
Thornamens  s.  Brandis,  Hermes  2,  278.  Ob 
der  Flufs  ’HXshzqcc  in  Messenien  zwischen  An- 
dania  und  Kyparissia  nach  dieser  Elektra  be- 
nannt war,  ist  ungewifs , Paus.  4,  33,  6.  Ein 
Flufs  Elektra  auch  in  Kreta,  Hoch,  Kreta  1, 
393.  Diese  Elektra  hiefs  nach  Hellanilcos  Frgm. 
129  indes  auf  Samothrake  auch  Xxgcizyyis\ 
auch  ’HlsKtQvcovri  sollte  nach  demselben  (a.  a.  0.) 
dieselbe  sein.  Gewifs  waren  es  ursprünglich 
dieselben  Wesen.  Elektryone  (s.  d.)  ward  auf 
Rhodos  als  Tochter  des  Helios  und  der  Rho- 
dos angesehen  und  ihr  Kult  ist  durch  eine  In- 
schrift von  Ialysos  uns  deutlich  geworden, 
Transact.  of  the  r.  soc.  11 , 442.  Inscr.  of  the 
Brit.  Mus.  349.  - 3)  Auch  unter  den  50  Töch- 
tern des  Danaos  kommt  eine  Elektra  vor; 
bei  Apollod.  2, 1,  5 war  ihre  Mutter  die  Naiade 
Polyxo;  durchs  Los  erhält  sie  einen  Sohn  des 
Aigyptos  und  der  Nymphe  Kaliande;  vgl.  Hyg. 
f.  168.  — 4)  Tochter  des  Agamemnon  und 
der  Kly taimnestra.  Sie  ist  im  Epos  noch 
unbekannt  und  tritt  zuerst  bei  den  Lyrikern 
auf.  Nach  Xanthos , der  ein  Vorgänger  des 
Stesichoros  gewesen  sein  soll,  was  jedoch  neuer- 
dings in  Zweifel  gezogen  worden  ist,  indem 
man  statt  Xanthos  Stesichoros  einsetzte  (Bo- 
bert,  Bild  und  Lied  S.  173  ff.),  ist  Elektra  die- 
selbe Tochter,  die  bei  Homer  Laodike  heifst; 
sie  erhielt  den  Namen  Elektra  (’Alsv.zqci)  wegen 
ihrer  langen  Ehelosigkeit  (Aelian  v.  h.  4,  26; 
vergl.  Schol.  Eur.  Or.  71 — 80).  Schon  in  der 
Orestie  des  Stesichoros  scheint  sie  eine  be- 
deutende Rolle  gespielt  zu  haben  (vgl.  hierüber 
besonders  Robert , Bild  und  Lied  S.  167 ff.); 
eine  Lieblingsfigur  ward  sie  in  der  Tragödie. 
Beim  Tode  Agamemnons  hat  sie  den  kleinen 
Orest  aus  Klytaimnestras  Händen  gerettet, 
Sopli.  El.  296  ff. ; nach  1348  ff.  hat  sie  ihn  dem 
alten  Pädagogen  gegeben;  bei  Seneca,  Agam. 
987ff.  empfängt  der  gerade  als  olympischer 
Sieger  anwesende  Strophios  den  Orest  aus 


Elektras  Hand;  bei  Stesichoros  war  jedoch 
wahrscheinlich  die  Amme  die  Retterin  des 
Orest,  vgl.  frgm.  41;  bei  Pind.  Pyth.  11,  25 
ist  es  die  Amme  Arsinoe,  bei  Eurip.  El.  16. 
416  endlich  ist  es  der  alte  Pädagog  selbst,  der 
ihn  rettet.  Nach  Aesch.  Clio.  444  ward  Elektra 
beim  Tode  des  Agamemnon  eingeschlossen  wie 
ein  Hund;  nach  Eur.  El.  25 ff.  wollte  Aigisth 
sie  töten,  doch  rettete  sie  Kly  taimnestra;  bei 
Seneca  Agam.  1055  wird  Elektra  vom  Altäre, 
wohin  sie  sich  mit  Kassandra  geflüchtet,  in 
einen  fernen  Höhlenkerker  abgeführt  auf  Ai- 
gisths  Befehl;  vgl.  Soph.  El.  380,  wo  ihr  das- 
selbe angedroht  wird.  Sie  führt  nun  ein  elen- 
des eheloses  Leben;  denn  da  sie  dem  Anden- 
ken des  Vaters  treu  ist,  wird  sie  aufs  schlech- 
teste behandelt;  ergreifend  schildert  es  Soph. 
El.  86  ff. ; sie  klagt  Tag  und  Nacht  allein,  hat 
schlechte  Kleider  (191)  und  hungert,  sie  ist 
im  Hause  eingeschlossen  (911.  516  ff.  312)  und 
thut  Sklavendienste  (1192).  Nach  Euripüles 
war  Elektra  einst  dem  Kastor  verlobt  gewesen, 
bevor  dieser  zu  den  Göttern  ging,  El.  311; 
nach  der  tragischen  Fabel  bei  Hyg.  f.  108  ward 
Elektra  als  Gattin  dem  Polymestor  verspro- 
chen , wenn  dieser  den  Polydoros  töte.  Bei 
Euripides  hat  Aigisth  sie  nach  Agamemnons 
Tode  an  einen  Mykenischen  Landmann  verhei- 
ratet, damit  sie  keinen  edeln  Rächer  gebären 
könne;  dieser  läfst  sie  jedoch  Jungfrau  bleiben, 
Eurip.  El.  43;  ihr  Haus  ist  fern  von  der  Stadt 
am  Felsenhang,  ib.  246.  251.  211.489.  Elektra 
harrt,  da.fs  Orest  als  Rächer  komme,  sie  steht 
durch  Boten  mit  ihm  in  Beziehung  und  for- 
dert ihn  auf,  Soph,  El.  319ff.  Eur.  Or.  616. 
Endlich  kommt  Orest.  Bei  Äschylos  erken- 
nen sich  die  Geschwister  dadurch,  dafs  Elektra 
die  von  Orest  auf  dem  Grabe  Agamemnons 
gelassene  Locke  (Clio.  168;  vergl.  die  Anspie- 
lung darauf  bei  Aristopli.  nub.  5340.)  und  die 
Fufstritte  (Clio.  205)  erkennt  und  Orestes  ihr 
ein  von  ihr  selbst  gefertigtes  Gewebe  zeigt 
(231).  Elektra  ist  von  Kly  taimnestra,  die  durch 
einen  Traum  geschreckt  ist,  zum  Grabe  mit 
der  Spende  geschickt  worden  (523 ff.);  dasselbe 
Motiv  hatte  wahrscheinlich  schon  Stesichoros. 
Bei  Äschylos  betet  nun  das  Geschwisterpaar, 
dann  wartet  Elektra  im  Hause  (553.  579)  und 
wird  nicht  mehr  erwähnt,  während  Orest  die 
That  begeht.  Bei  den  folgenden  Tragikern 
wird  Elektra  ein  gröfserer  Anteil  gegeben. 
Sophokles , dessen  Elektra  gemeinhin  für  älter 
als  die  Euripideische  gilt,  während  v.  Wilamo- 
ivitz  neuerdings  ( Hermes  1883  S.  223)  sie  für 
später  als  jene  erklärt,  vertiefte  den  strengen, 
harten  Charakter  Elektras  bedeutend;  nicht  sie, 
sondern  Chrysothemis,  die  fügsame  Schwester 
ist  es , die  bei  ihm  die  Spende  der  Klytai- 
mnestra  auf  Agamemnons  Grab  trägt.  Durch 
die  falsche  Nachricht,  die  Orest  von  sich  giebt, 
dafs  er  gestorben  sei,  wird  Elektra  aufs  tiefste 
erschüttert,  aber  ihr  Mut  ist  so  grofs,  dafs  sie 
nun  allein  den  Mord  auf  sich  nehmen  will 
(954  ff'.).  Die  Erkennung  der  Geschwister  fin- 
det statt,  indem  sich  Orest  selbst  zu  erkennen 
giebt  und  durch  ein  väterliches  Siegel  dies 
bekräftigt  (1220ff.).  Bei  der  Tötung  der  Mut- 
ter ist  Elektra  ohne  eine  Regung  von  Mitleid 


io 

20 

30 

40 

50 

60 


1237 


Elektra 


Elektra 


1238 


und  fordert  vielmehr  auf  zuzuschlagen  (1415), 
den  Aigisth  will  sie  sogar  unbegraben  las- 

Isen  (1488f.).  Bei  Euripides  findet  die  Er- 
kennung der  Geschwister  (so  wie  wahrschein- 
lich schon  bei  Stesichoros)  durch  den  alten 
Pädagogen  statt , der  Orest  einst  gerettet 
hatte;  Elektra  schickt  nach  ihm  und  er  führt 

!die  Erkennung  herbei , Enr.  El.  558  ff.  Der 
Greis  rät,  Aigisth  auf  dem  Felde  zu  töten,  was 
geschieht;  Elektra  macht  den  Plan  des  Mut- 
| termords;  sie  will  Klytaimnestra  durch  die 
fälsche  Nachricht  ihrer  Niederkunft  zu  sich 
locken,  indem  sie  auf  eine  gewisse  Gutmütig- 
keit derselben  haut;  den  schwankenden  Orest 


vor,  erst  noch  Helena  zu  töten;  Elektra  rät, 
sich  der  Hermione  als  Geifsel  zu  bemächtigen, 
die  von  Klytaimnestra  im  Hause  auferzogen 
war;  dies  geschieht,  und  Pylades  und  Elektra 
sind  sogar  im  Begriffe  den  Palast  anzustecken, 
als  Apoll  erscheint.  In  der  Tragödie  Aktes 
von  Sophokles , mit  der  wahrscheinlich  des 
Accius  Agamemnonidae  und  Erigona  überein- 
stimmten  und  deren  Skizze  bei  Hyg.  fab.  122 
io  erhalten  scheint,  spielte  Elektra  ebenfalls  eine 
Hauptrolle,  vgl.  Welcher,  cjr.  Trag.  S.  215 ff. ; 
Ribbeclc,  röm.  Trag.  S.  469  ff.  Orest  ist  in  der 
Ferne.  Ein  falscher  Bote,  wahrscheinlich  von 
dem  intriguanten  Aletes,  dem  Sohne  des  Ai- 


(AfAEE 


Trauernde  Elektra,  hinter  ihr  die  Amme,  vor  ihr  Talthybios,  Orestes  u.  Pylades,  Relief  ira  Louvre 
(Monum.  clell'  Inst.  VI.  VII,  tav.  57 ; vgl.  S.  1239  Z.  2). 


befestigt  sie  (970ff);  die  Klytaimnestra  lockt 
sie  listig  und  grausam  in  das  Haus,  wo  der 
Mord  geschieht  und  Elektra  den  Orest  ermun- 
tert (1224.  1205;  vgl.  Eur.  Or.  1236);  ja  sie 
sagt  von  sich  ’gCqjov g ecprjipapav  dpa  El.  1225. 
Den  Leichnam  des  Aigisth  hatte  Orest  der 
Schwester  überlassen,  um  ihn  den  Hunden  zu 
geben,  doch  sie  scheut  sich  davor  (902).  In- 
dem Euripides  den  Aigisth  und  die  Klytaimne- 
stra als  sehr  weich  und  gut  schildert  vor  ihrem 
Tode,  wird  die  That  um  so  schrecklicher,  die 
zum  gröfsten  Teil  auf  Elektra  lastet.  Orest 
wird  nun  von  den  Eumeniden  verfolgt.  Die 
Tragödie  Orestes  von  Euripides  schildert,  wie 
Elektra  den  kranken  Bruder  pflegt  und  seiner 
wartet.  Das  Volk  ist  ergrimmt  und  wird  von 
Tyndareos  noch  mehr  angereizt,  von  Menelaos 
nicht  beschwichtigt.  Orest  und  Elektra  wer- 
den vom  Volke  zum  Tode  verurteilt  und  zwar 
dürfen  sie  sich  selbst  töten.  Pylades  schlägt 


gisth,  gesandt,  bringt  die  Todesnachricht  von 
Orest  an  Elektra , worauf  Aletes  Herrscher 
wird;  Elektra  aber  geht  nach  Delphi,  wo  ihr 
derselbe  Bote  die  soeben  daselbst  angekom- 
mene Iphigeneia  als  die  Mörderin  des  Bruders 
zeigt.  Elektra  will  Iphigeneia  mit  einem 
Feuerbrande  des  Altares  blenden;  da  kommt 
Orest  dazwischen  und  man  erkennt  sich.  Ale- 
tes wird  nun  von  Orest  getötet,  doch  Erigone, 
die  Tochter  der  Klytaimnestra  und  des  Aigisth, 
wird  nach  Attika  entrückt.  Orestes  herrscht, 
Elektra  aber  heiratet  dessen  Freund,  den  Py- 
lades und  folgt  ihm  in  seine  phokische  Hei- 
mat. Diese  letztere  Version  ist  eine  alte  und 
allgemeine;  auch  des  Euripides  Elektra  wie 
der  Orest  schlossen  mit  der  Anordnung  jener 
Heirat.  Schon  Hella, nilcos  führte  ( fvgvn . 43  = 
Pc ms.  2,  16,  7;  vergl.  Schol.  Eur.  Or.  1654. 
Paus.  3,  1,  6.  9,  40,  12)  als  Söhne  der  Ver- 
bindung von  Elektra  und  Pylades  den  Medon 


1239 


Eleuther 


Elektrjon 

uncl  Strophios  an.  Unter  den  Kunst  denk- 
mälern  ist  das  älteste  und  bedeutendste  das 
Relief  von  Melos  im  Louvre  ( Mon . d.  Inst.  6, 57, 1), 
das  hier  wiederholt  ist,  und  von  dem  neuer- 
dings Repliken  im  Peiraieus  gefunden  sind  (. Froh - 
ner,  Catal.  de  la  coli.  Lecuyer  nr.  310,  pl.  30). 
Elektra  (die  Inschriften  des  Reliefs  sind  wahr- 
scheinlich gefälscht)  sitzt  trauernd  vor  dem 
Grabe  des  Vaters,  hinter  ihr  die  alte  Amme; 
der  alte  Talthybios  kommt  und  spricht  zu  ihr 
(zuerst  richtig  gedeutet  von  G.  Robert,  Bild 
und  Lied  S.  168),  Orest  und  Pylades  folgen; 
jener  wird  die  Erkennung  herbeiführen.  Das 
Relief  gehört  dem  Stile  nach  in  die  Mitte  des 
5.  Jahrh.  Zweifelhaft  ist  die  Deutung  eines 
anderen  wenig  späteren  Reliefs  in  Berlin 
(Mon.  d.  Inst.  6,  57,  2;  vgl.  Conze  und  Brunn 
in  den  Annali  1861,  340ff.  Robert,  Bild  und 
Lied  S.  169  Anm.  17),  indem  man  die  weib- 
liche Figur  sowohl  Iphigeneia  als  Elektra  ge- 
nannt hat;  sicher  ist  das  Motiv,  dafs  der  Jüng- 
ling mit  dem  Schwerte  auf  das  Mädchen  los- 
gegangen ist  und  von  ihr  zurückgestofsen  wird ; 
die  Scene  geht  am  Grabe  vor;  vielleicht  also 
eine  in  unsern  litterarischen  Quellen  nicht  er- 
haltene Version,  ein  Mifsverständnis'des  Orest, 
das  zur  Erkennung  führt.  Beim  Tode  Aigisths 
erscheint  Elektra  auf  einer  Berliner  Vase 
( Gerhard , etr.-camp.  Vasenbild.  24;  vgl.  Robert, 
Bild  und  Lied  S.  149 ff.');  ihre  Rolle  in  der 
auf  ein  bedeutendes  Urbild  zurückgehenden 
Komposition  scheint  die  zu  sein,  Orest  durch 
Zuruf  vor  dem  Beilhiebe  der  von  hinten  sich 
nahenden  Klytaimnestra  zu  warnen.  In  der 
späteren  Vasenmalerei  wurde  die  Scene  am 
Grabe  öfter  wiederholt  z.  B.  Overbeck,  Gail, 
her.  Bildw.  Tf.  28,  5,  7.  Eine  Marmorgruppe 
in  Neapel,  in  römischer  Zeit  mit  Benutzung 
älterer  Typen  entstanden,  wird  für  Elektra 
und  Orest  erklärt,  Kekule,  Gruppe  d.  Künstl. 
Menelaos  S.  25,  nr.  5.  Overbeck,  Gesch.  d. 
Plastik3  2,  414.  [Furtwängler.] 

Elektryon  (’HXsktqvcov),  1)  Sohn  des  Per- 
seus und  der  Andromeda,  König  von  Myken 
oder  vonMidea  in  Argolis,  Gemahl  der  Anaxo, 
der  Tochter  des  Alkaios,  Vater  der  Alkmene, 
des  Stratobates,  Gorgophonos,  Philonomos,  Ke- 
laineus,  Amphimachos,  Lysinomos,  Cheirima- 
chos,  Anaktor,  Archelaos  und  des  von  einer  phry- 
gischen  Frau  Mideia  geborenen  Likymnios, 
Paus.  2,  25,  8.  Apollod.  2,  4,  5 ; s.  Amphitryon. 
[Schultz.]  — [2)  Sohn  desltonos,  Enkel  des  Boio- 
tos,  Vater  des  Leitos,  Diod.  4,  67.  Roscher.] 

Elektryone  (’HXsv.zQvwvri),  1)  Tochter  des 
Elektryon  (d.h.  Alkmene),  Hes.  sc.  Here.  16.  86. 
— 2)  Tochter  des  Helios  und  der  Rhodos, 
Diod.  5,  56.  Schol.  Find.  Ol.  7,  24;  vgl.  oben 
S.  1235,  37.  — 3)  Tochter  des  Atlas  (=  Elektra; 
s.  d.) ; Hellanikos  bei  Schol.  Apollod.  Rhod. 
1,  916.  [Schultz.] 

Eleleis  = Bakchantin:  Ov.  Her.  4,  47. 

Bielens  = Dionysos  (s.  d.) 

Elenclios  C'EXeyxog),  personificierte  Gottheit 
der  Überführung , die  in  einem  Stücke  des 
Menander  als  Prolog  auftrat,  Luc.  pseudolog. 
4;  pisc.  17.  [Schultz.] 

Eleon  (’EXemv),  Sohn  des  Eteonos,  ein  Nach- 
komme des  Boiotos  (Schol.  Horn.  11.  2,  497), 


1240 


Heros  eponymos  des  Städtchens  Eleon  am 
Skamandros  in  Boiotien  (ebenda  500.  Lust.  \ 
Hom.  265,  35),  Vater  des  Deimachos,  welcher 
mit  Herakles  gegen  Troia  zog,  Flut.  Quaest. 
Graec.  41.  [Steuding.] 

Eieos  (' EXsog) , Personifikation  des  Mitlei- 
dens. Ihm  war  in  Athen  auf  dem  Markte  ein 
Altar  (die  einzige  Kultstätte  in  Griechenland, 
Sext.  Emp.  9,  187  p.  592)  geweiht,  Paus.  1, 
io  17, 1 ; zu  diesem  flüchteten  Adrast,  Apollöd.  3, 
7,1,  und  die  Herakliden , Apollod.  2,  8,  1. 
Luc.  Tim.  42.  Dem.  57.  Zen.  1,  30.  2,  61. 
Schol.  Aesch.  2,  15.  Schol.  Demosth.  2,  6.  Schol. 
Soph.  O.  C.  258.  Suid.  s.  v.  ’EXeov  ßcoyög. 
[Vergl.  auch  Kaibel,  epigr.  gr.  792.  Roscher.] 

[Schultz.] 

Elephantis  (’EXtcpavzig),  Gemahlin  des  Da- 
naos  und  Mutter  der  Gorgophone  und  Hyper- 
mnestra,  Apollod.  bibl.  2,  l , 5,  4 (==  Müller, 
ao  fr.  h.  gr.  1,  127).  Tzetz.  hist.  7,  375.  [Steuding.] 
Elephenor  (’EXscpfjvcoQ),  Sohn  des  Chalko- 
don  und  der  Imenarete  (Hyg.  f.  97)  oder  Me- 
lanippe  (Tzetz.),  König  der  Abanten  auf  Eu- 
boia.  Den  Poimandros  von  Tanagra  sühnte 
er  vom  Morde,  Flut.  Quaest.  Graec.  37.  Als 
er  seinen  Grofsvater  Abas  unabsichtlich  er- 
schlagen, mufste  er  nach  Euboia  flüchten.  Er 
erscheint  unter  den  Freiern  der  Helena,  Apol- 
lod. 3,  10,  8,  und  führt  die  Abanten  in  40 
30  (Hyg.)  od.  30  (Dict.  1,  17)  Schiffen  nach  Troia. 
Da  er  nach  Euboia  selbst  nicht  kommen  durfte, 
so  begab  er  sich  nach  einem  Felsen  in  der 
Nähe  von  Euboia  und  versammelte  dort  die 
Abanten , Tzetz.  Lyk.  1029.  Auf  diesen  Zug 
nahm  er  auch  die  Söhne  des  Theseus  mit, 
Plut.  Dies.  35.  Paus.  1,  17,  6.  Vor  Troia 
wird  er  durch  Agenor  getötet,  II.  2,  540.  4, 
463.  Nach  Tzetz.  Lyk.  dagegen  ging  er  nach 
der  Einnahme  Trojas  nach  Othronos,  einer  In- 
40  sei  bei  Sicilien,  und  liefs  sich  dort  nieder.  Als 
er  von  hier  durch  einen  Drachen  vertrieben 
wurde,  wanderte  er  nach  Amantia  in  lllyrien, 
Tzetz.  a.  a.  O.  [Schultz.] 

Elete(?),  verderbter  Name  einer  der  Horen 
(s.  d.)  bei  Hyg.  f.  183  ed.  Bunte.  [Roscher.] 
Eleus  ( ’HXsvg ) — Eleios  (s.  di),  Leandr.  im 
Et.  31.  426,  12.  [Roscher.] 

Eleusiuos  ( ’EXsvoDog ) ==  Eleusis  (s.  d.).  Bei 
Myth.  Vat.  2,  97  heifst  er  Eleusius.  Vgl.  De- 
50  mophon.  [Steuding.] 

Eleusis  ( ’EXevoig ),  oder  Eleusinos  (’EXsval 
vog,  Suid.  s.  v.  ’EXtvoivia , Hygin , Etym.  M. 
Harpokr.),  Sohn  des  Hermes  und  der  Daeira, 
der  Tochter  des  Okeanos,  oder  Sohn  des  Ogy- 


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gos  (Paus.  1,  38,  7),  Eponym  von  Eleusis  in 
Attika.  Seine  Gemahlin  Kothonea  (S erv.  Verg. 
Georg.  1, 19)  gebiert  ihm  den  Triptolemos,  Hy- 
gin. f.  147.  Er  wird  von  Ceres  getötet,  weil 
er  sie  durch  sein  Geschrei  störte,  als  sie  bei 
Nacht  den  Triptolemos  ins  Feuer  hielt,  um 
ihn  unsterblich  zu  machen,  Serv.  a.  a.  O. 

[Schultz.] 

Eleuther  ( ’EXsvQ-gQ ),  1)  Gründer  von  Eleu- 
therai  in  Boiotien , Steph.  Byz.  EXsvQ'sqcI; 
Sohn  des  Apollo  und  der  Aitliusa , der  Toch- 
ter des  Poseidon,  Vater  des  Iasios,  Urgrofs- 
vater  des  Poimandros,  der  Tanagra  gründete, 
Paus.  9,  20,  2.  Er  errichtete  die  erste  Bild- 


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1241  Eleuthera 


Emathios  1242 


sänle  des  Dionysos  (s.  d.)  und  lehrte  seine  Ver- 
ehrung, Hyg.  fab.  225.  — 2)  Sohn  des  Lykaon 
der  mit  seinem  Bruder  Lebeados  allein  von 
dem  Verbrechen  gegen  Zeus  sich  frei  hielt, 
Gründer  von  Eleuthera  , Flut.  Quaest.  Graec. 
39.  — 3)  Einer  der  Kureten  , nach  dem  eine 
Stadt  in  Kreta  (Eleuthera,  Eleutherai,  Eleu- 
therna)  benannt  sein  sollte , Stepli.  Byz.  s.  v. 
’Acogog,  ’EX ev&egai,  ’EXev&egva.  [Schultz.] 
Eleuthera  (’EXsv&sgci),  eine  Nymphe,  nach  l 
welcher  die  Stadt  Eleutherai  in  Lykien  be- 
nannt sein  soll,  Stepli.  Byz.  s.  v.  ’Egevdrgg ; 
vgl.  s.  v.  ’EXev&sgai'.  An  ersterer  Stelle  wird 
sie  mit  ’Egeva  identificiert.  [Steuding.] 

Eleutheria  {’EXsv&egiaf  Dio  Cass.  38,  17, 

C.  43,  44,  1.  58,  12,  5.  Übersetzung  der  ita- 
lischen Göttin  Libertas  (s.  d.).  [C.  I.  Gr.  add. 

4303hl  (vgl.  die  Anm.  hierzu)  heifst  sie  agyp- 
yit ig  u.  smcpavfig.  Bildwerke  der  E.  b.  Mül- 
ler, Handb.  406.  Ein  rsgsvog  der  E.  (zu  Sar-  2< 
des?)  erwähnt  bei  Kaibel,  epigr.  gr.  903.  R.J 
Eleutho  s.  Eileithyia.  [Steuding.] 

Eleuthya  (’EXev&vcc,  C.  I.  Gr.  3058)  = Ei- 
leithyia (s.  d.).  [Roscher.] 

Elicius  s.  Iuppiter.  [Schultz.] 

Elieus  s.  Eunostos,  Flut.  Quaest.  Graec.  40. 
Elina,  Elinai,  Elmei,  s.  Velena. 

Elissa  s.  Dido. 

Elimi  {’EXiovv)  mit  dem  Beinamen  ” Tipiazo g, 
ein  phönicischer  Gott  oder  Heros  , der  in  der  3 
Gegend  von  Byblos  gewohnt  haben  sollte.  Er 
erzeugte  mit  der  Beruth  den  Epigeios  oder 
Autochthon , welcher  dann  Uranos  genannt 
wurde,  und  kam  später  im  Kampfe  mit  wil- 
den Tieren  um,  Fliil.  Bybl.  2,  12  f.  bei  Müller, 
fr.  h.  gr.  3,  567.  Vergl.  hebr.  hx  = Gott  S. 
auch  d.  Artikel  E 1.  [Steuding.] 

Ellerophontes  s.  Bellerophontes. 

Ellops  ("EXXoip),  Sohn  des  Ion  (Strab.  p.  445; 
Stepli.  Byz.  s.  v.  ’EXXom'cc)  od.  des  Tithonos  4 
(Eustath.  zu  Hom.  p.  280,  32),  Bruder  des  Ai- 
klos  und  Kothos,  nach  welchem  Ellopia  auf 
Euboia  benannt  sein  sollte.  [Schultz.] 

Eloeim  {’EXoei'g,  vgl.  ’EXogg  C.  I.  Gr.  9094), 
die  avfi[ici%(H  des  phönicischen  El  (s.  d.)  oder 
Kronos,  Phil.  Bybl,  2,  18  bei  Euseb.  pr.  ev.  l, 
10  ( Müller , fr.  li.  gr.  3,  568).  Vgl.  Delitzsch 
in  Herzogs  R.-E.  4,  187  und  den  Artikel  El 
ob.  S.  1227.  [Steuding.] 

Elpenor  {’EXngvmg) , einer  der  Gefährten  5 
des  Odysseus,  die  von  Kirke  in  Schweine  und 
dann  wieder  in  Menschen  verwandelt  wurden. 
Als  man  sich  zum  Aufbruche  sammelte,  schlief 
ir  weintrunken  auf  dem  Dache  des  Baiastes, 
oeim  Erwachen  taumelte  er  an  den  Rand  des 
Daches,  stürzte  herab  und  fand  so  seinen  Tod, 
Od.  10,  550ff.  in  der  Unterwelt  traf  Odysseus 
später  seinen  Schatten,  der  ihn  anflehte,  den 
.jeichnam  zu  verbrennen  und  ihm  ein  Denk- 
nal  zu  errichten,  Od.  11,  57ff.  Odysseus  er-  G 
rillte  die  Bitte  bei  der  Rückkehr  aus  der 
Unterwelt  auf  der  Insel  der  Kirke,  Od.  12, 
...Off.;  vergl.  Iuv.  Sat.  15,  22.  Ov.  lb.  487. 
■lach  Serv.  Verg.  Aen.  6,  107  hatte  Odysseus 
hn  behufs  der  Nekromantie  getötet.  Sein  Grab 
eigte  man  im  Gebiet  der  Latiner,  Slcyl,  8. 

(•  Theophr.  li.  pl.  5 , 8 , 3.  In  der  Lesche  zu 
lelphi  hatte  Polygnot  ihn  dargestellt,  Paus. 


10,  29,  4.  [Vgl.  auch  O.  I.  Gr.  add.  6130  b. 

R.  | [Schultz.] 

Elpis  ( ’EXnig-,  vgl.  auch  Spes),  die  Göttin  der 
Hoffnung,  zuerst  erwähnt  von  Hesiodos,  Op. 
96  ff. , der  sie  allein  im  Fasse  der  Pandora  Zu- 
rückbleiben läfst;  vgl.  Babrios  58  und  Gött- 
ling  zu  Hes.  Op.  94.  Soph.  Oed.R.  157  nennt  sie 
XQvaea  und  Mutter  der  (fraget  (vergl.  G.  Her- 
mann z.  d.  St.).  Nach  Theogn.  1146  soll  ihr 
zuerst  und  zuletzt  geopfert  werden,  da  sie 
allein  von  den  Göttern  noch  unter  den  Men- 
schen weilt;  vgl.  1135.  Anth.  Gr.  9,  146  wird 
Altar  und  Statue  der  Elpis  (und  Nemesis)  er- 
wähnt. Vgl.  auch  ib.  172;  9,  49  u.  134  {’EXnig 
-/t ai  Tv%y).  Weiteres  s.  unter  Spes.  Auch  der 
Plural  ’EXnidig  kommt  vor:  Anth,  Gr.  10,  70 
( ’E . Tvyyg  txaigca)  und  7,  420  (’E.  sXacpgcä 
&sai,  novcpÖTaxai  Saiyovsg  cx&avdzcov).  Bild- 
lich dargestellt  neben  'Nemesis’  auf  einer  Mar- 
morvase in  Born  (sie  hält  in  der  Linken  einen 
Zweig,  mit  Daumen  und  Zeigefinger  der  Rechten 
eine  Granatblüte;  vgl.  Matz-Duhn,  Ant.  Bildw. 
in  Rom  nr.  3687,  wo  auch  die  sonstige  Litte- 
ratur  angegeben  ist)  und  auf  einer  Ara  in  Flo- 
renz (O.  Jahn,  Ar cli.  Beitr.  150).  Vergl.  auch 
die  Allegorie  bei  Luc.  de  merc.  cond.  42  und 
Hägelsbach , Nachh.  Theol.  382  ff.  [Roscher.] 

Elsutre  s.  Elchsntre. 

Elymos  ('EXvyog),  1)  Eponymos  und  Stamm- 
vater der  sicilischen  Elymer,  welche  sich  troia- 
nischer  Herkunft  rühmten  {Dion.  H.  1,  47. 
52.  53),  unehelicher  Sohn  des  Anchises,  welcher 
mit  Aigestes  (Acestes)  noch  vor  Aineias  nach 
Sicilien  kam  und  sich  am  Flusse  Krimisos 
niederliefs  (Lyk.  965  ff.  u.  Schol.  u.  Dion.  H. 
a.  a.  O.).  Aineias  traf  beide  Landsleute  in 
Sicilien  an  irnd  baute  ihnen  die  Städte  Aigesta 
und  Elyma  {Dion.  H.  1,  52).  Strabon  608  be- 
richtet dagegen,  Aineias  sei  mit  ihm  nach  Aigesta 
gekommen  und  habe  Eryx  und  Lilybaion  be- 
setzt. Auch  Vergil  gedenkt  seiner  {A.  5,  73. 
300)  und  läfst  ihn  im  Wettlauf  siegen  (er- 
nennt ihn  Helymus).  Serv.  z.  Verg.  5,  73  nennt 
ihn  Gründer  dreier  Städte  (Asca,  Entella, 
Egesta)  und  Bruder  des  Eryx.  Vgl.  auch  Et, 

AI.  unter  ’EXvyaiot . — 2)  Heros  Eponymos  von 
Elimia  oder  Elimeia  in  Makedonien  und  Vater 
des  Aianos,  König  der  Tyrsener,  welche  nach 
Makedonien  übersiedelten , Stepli,  Byz.  unter 
Alavfj  und  ’EXigsia.  [Roscher.] 

Elysiou  {’HXvoiov),  das  elysische  Gefilde, 
Hom.  Od.  4,  563;  s.  Hades.  [Schultz.] 

Ematliion  (’Hyu&Lcov),  1)  Sohn  des  Tithonos 
und  der  Eos  (s.  d.),  Bruder  des  Memnon,  König 
in  Arabien  oder  Äthiopien,  von  Herakles  getötet, 
Hes.  Tlieog.  984  u.  Schol,  Apollod.  2,  5,  11. 
3,  12,  4.  Diod.  4,  27.  Et.  AI. ; Gemahl  der 
Pedasis,  Vater  des  Atymnios,  Quint.  Smyrn.  3, 
300.  Vergl.  auch  C.  I.  Gr.  5984  c.  — 2)  ein 
Kepbener,  auf  der  Hochzeit  des  Perseus  von 
Chromis  getötet,  Ov.  Alet.  5,  105.  — 3)  ein  Ge- 
fährte des  Aineias,  von  Liger  getötet,  Verg. 
Aen.  9,  571.  — 4)  Vater  des  Rhomos,  Dion.  H. 
1,  72.  Flut.  Rom.  2.  — 5)  Sohn  der  Elektra, 
Nonn.  3,  186  u.  ö.  [Schultz.] 

Euiatliios  (’Hga&iog) , ein  Heros  in  Make- 
donien, Vater  des  Brusos  und  Galadros,  Stepli. 
Byz.  s.  v.  Bgovaig  und  raXadgcu.  [Schultz.] 


1243  Emathis 

Ematliis  (dluaEig)  und  Emathides,  1)  He- 
roine , nach  der  die  Stadt  Emathia  in  Make- 
donien den  Namen  erhalten  haben  sollte,  Sky- 
mnos  658.  — 2)  Bakchantin,  Nonn.  48,  77.  — 
3)  Plur.,  die  Emathiden,  die  Töchter  des  Pie- 
ros,  des  Königs  von  Makedonien,  Ov.  Met.  5, 
669.  [Schultz.] 

Ematlios  ("HyaQ-og),  Sohn  des  Makedon,  Bru- 
der des  Pieros , nach  welchem  Emathia  be- 
nannt sein  sollte , Eustath.  zu  Iiom.  p.  980, 
32.  [Schultz.] 

Emblo  (?EyßX(6),7CS7ilccotca  nagu  xo  sgßXsnsiv 
d>g  y <da>Qcb  nal  As£cö,  Hesych.  Ist  die  Lesart 
£(ißlinsiv  richtig,  so  wäre  etwa  an  das  Scheel- 
sehen = Invidia  zu  denken,  welches  von  einem 
Komiker  (Kratin?  vergl.  Js^co)  personificiert 
wurde.  Vielleicht  ist  daher  mit  Soping.  u. 
Hergk,  Com.  Att.  rel.  p.  69  ’Egßlsncö  zu  schrei- 
ben. Lobeck, path.  serm.  gr.pr.  1,  36,  36  denkt 
dagegen  an  sgßdUco.  [Steuding.] 

Empanda  (Paul.  p.  76),  s.  Indigitamenta  u. 
Panda.  [Roscher.] 

Empedo  ('EynsSut),  Name  einer  Frau  auf 
einer  schwarzfigur.  Vase,  welche  die  Erlegung 
des  Minotauros  darstellt.  0.  Jahn  erinnert 
daran,  dals  so  ursprünglich  die  später  Klep- 
sydra  genannte  Quelle  auf  der  Akropolis  hiefs 
(Schol.  Ar.  vesp.  857.  Lys.  913.  Hesych. KlrrpvSQa, 
vgl.  auch  ib.  s.  v.  Jledco,  d.  li.  wohl  ’Eynsdcö), 
von  Lobeck  ( Rhemat . p.  323)  erklärt:  eaperenni- 
tate  dictus .’  0.  Jahn , Beschreib  der  Vasens.  in 

München  nr.  333.  C.  I.  Gr.  8139.  [Roscher.] 

Empusa  (Eynovacc),  Aristoph.  ran.  204.  Ek- 
kles.  1056.  Dem.  pr.  cor.  p.  270 Tbn.  Philostr. 
v.  Apollon.  Tyan.  2,  4.  4,  25  p.  165.  8,  7,  9 
p.  341.  Etym.  M.  s.  v.  ’'Egnov6a.  Suid.  s.  v. 
Schol.  Apollon.  Rhod.  3,  862.  Lobeck , Aglaoph. 
S.  121.  Becker,  Charikl,  1,  35.  Preller,  Griech. 
Myth.  I3,  260.  Ein  Gespenst  aus  der  unheim- 
lichen spukhaften  Umgebung  der  Hekate,  das 
von  dieser  geschickt  wird,  die  Menschen  zu 
schrecken,  und  das  verschiedene  Gestalten  an- 
nehmen konnte.  Bei  Libanius  im  Leben  des 
Aischines  wird  von  dessen  Mutter  gesagt,  man 
habe  sie  Empusa  genannt,  weil  sie  Ik  gkoxei- 
väv  t.otuüv  x oug  naialv  Kal  xakg  yvvcu^lv  coq- 
gäxo,  wie  jenes  Gespenst;  vgl.  Dem.  a.  a.  0. 
Ähnlich  heilst  es  im  Et.  M.,  dafs  die  Empusa 
von  finstern  Orten  her  denen  erschienen  sei, 
die  in  die  Mysterien  eingeweiht  wurden. 
Wenn  man  einer  solchen  Erscheinung  Schmäh- 
worte zurief,  verschwand  sie  mit  einem  schril- 
lenden (zwitschernden)  Laut  (xsxQiyvia)  wie  die 
Schatten  der  Toten,  Philostr.  Ap.  Tyan.  2,  4. 
Nach  Aristoph.  a.  a.  0.  stellte  man  sich  die- 
selbe mit  einem  Fufse  von  Erz,  und  einem 
von  Eselsmist  vor,  daher  der  Name  ’OvokcoIt] 
(Et.  M.  ’Ovonolr])  oder  ovoGKshg  (Schol.  z.  d. 
St.  d.  Ar  ist.) • in  der  zweiten  Stelle  läfst  4h- 
stophanes  die  Empusa  in  eine  blutgeschwollene 
Blase  eingehüllt  sein.  Andre  sagen,  sie  sei 
ein  Gespenst  der  Hekate,  das  den  Unglück- 
lichen erscheine. 

Nach  Philostratos , v.  Apoll.  Tyan.  4,  25 
gehört  die  Empusa  zu  den  Lamien  und  Mor- 
molykeien,  welche  zwar  nicht  den  Liebesge- 
nufs , wohl  aber  Menschenfleisch  lieben,  und 
ihre  Opfer  durch  Liebreiz  an  sich  locken,  in- 


Endovellicus  1 244 

dem  sie  ihnen  als  schöne  liebreizende  Frauen 
erscheinen;  und  ist  wie  jene  die  Ausgeburt 
einer  abergläubisch  erregten  Phantasie,  die 
das  Unheimliche  und  Unbestimmte , Geister- 
hafte der  Mondnacht  mit  abenteuerlichem  Spuk 
ausstattete. 

Die  Etymologie  des  Namens  ist  unsicher, 
nach  Etym.  M.  entweder  von  lgnoöit,m  — die 
Hemmende,  oder  dno  xov  etsqov  noSa  i<xl- 
kovv  £%£iv  = die  Einfüfsige;  nach  Döderlein 
von  synevco  — sich  volltrinken,  einschlürfen, 
weil  sie  den  Opfern  ihr  Blut  aussaugt.  Vergl. 
den  Vampyrglauben  [Tylor,  Anf.  d.  Cultur  2, 
192  ff.  R.].  [Weizsäcker.] 

Enaesimus,  Sohn  des  Hippokoon , von  dem 
kalydonischen  Eber  getötet,  Ov.  Met.  8,  362. 

[Schultz.] 

Enalos  (Evalog).  DenPenthiliden,  den  ersten 
Anbauern  von  Lesbos , war  vom  Orakel  be- 
fohlen worden,  wenn  sie  an  den  Felsen  Meso- 
geion  kämen,  dem  Poseidon  einen  Stier,  der 
Amphitrite  und  den  Nereiden  eine  Jungfrau 
zu  opfern.  Von  den  acht  Anführern  hatten 
sieben  Töchter;  diese  liefsen  sie  losen  und 
das  Los  traf  die  Tochter  des  Smintheus  oder 
Phineus , Plut.  de  soll.  an.  36.  Als  sie  ins 
Meer  gestürzt  werden  sollte , umschlang  sie 
ihr  Geliebter  Enalos  und  sprang  mit  ihr  hin- 
ab. Später  soll  sich  Enalos  in  Lesbos  gezeigt 
und  erklärt  haben,  sie  seien  von  Delphinen 
unverletzt  ans  Land  getragen  worden.  Als 
einst  sich  hohe  Wogen  um  Lesbos  emportürm- 
ten , stieg  Enalos  aus  dem  Meer  empor  und 
Polypen  folgten  ihm  zum  Tempel  des  Poseidon; 
der  gröfste  trug  einen  Stein,  welchen  Enalos 
ihm  abnahm  und  dem  Poseidon  unter  dem 
Namen  Enalos  reichte,  Plut.  sept.  sap.  conv.  20. 
de  soll.  an.  36.  Athen.  11,  466,  c.  d.  [Schultz] 
Enarete  (’EvaQsxg),  Tochter  des  Deimackos, 
Gemahlin  des  Aiolos,  Apollod.  1,  7,  3;  s.  Aio- 
los.  [Schultz.] 

Enaroplioros  (auch  Evagaigpogog,  od.  ’Evagc- 
cpoQog),  Sohn  des  Hippokoon,  Apollod.  3,  10,  5. 
Als  er  sich  der  jungen  Helena  mit  Gewalt  be- 
mächtigen wollte,  übergab  Tyndareos  diese  dem 
Theseus,  Plut.  Thes.  31.  Zu  Sparta  hatte  er 
ein  Heroon,  Paus.  3,  15,  2.  [Schultz.] 
Enarsplxoros  s.  Enaroplioros. 

Eucheios  (Ey%Eiog),  Name  der  Aphrodite 
bei  den  Kypriern,  Hes.  s.  v.  [Schultz.] 
Encheleus  (’EyxAsvg  uud  ’Eyiihqg) , Sohn 
des  Illyrios,  Stammvater  der  Encheleis,  App. 
Illyr.  2.  Stepli.  Byz.  s.  v.  ’Eyxelelg.  [Schultz.] 
Euchesimargos  (’EyxsßtpuQyog),  Name  einer 
Amazone,  Tzetz.  posth.  180.  [Schultz.] 

Enclio  (’Ey^tö),  Name  der  Semele , Hes. 
s.  v.  [Schultz.] 

Endeis  (’EvSrjtg) , Tochter  des  Skeiron,  Ge- 
mahlin des  Aiakos  (s.  d.) , Mutter  des  Peleus 
und  Telamon,  der  zu  Liebe  diese  ihren  Stief- 
bruder Phokos  töteten,  Apoll.  3,  12,  6.  Paus. 
2,  29,  7.  [Schultz.] 

Eudovelliciis , ein  keltischer  Gott  auf  In- 
schriften aus  der  Gegend  von  Villaviijosa  (öst- 
lich von  Lissabon),  wo  derselbe  beim  Dorfe 
Terena  ein  Heiligtum  gehabt  zu  haben  scheint. 
Abgesehen  von  den  Weihformeln  und  Namen 
der  Dedikatoren  bieten  C.  1.  L.  2,  127  f., 


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Endovellicus 


1245 


Endymion  1246 


134f. , 138  (verlängertes  L — 11),  141  nur 
Endovellico ; 132  Endovelico ; 1291'.,  133,  136, 
140  Deo  (oder  D.)  Endovellico-,  139  Deo  En- 
dovolico;  137  Deo  sancto  Endovellico-,  131  Deo 


2 p.  17  führt  eine  Anzahl  älterer  Schriften 
über  denselben  auf,  von  denen  jedoch  keine 
weiteren  Aufschlufs  bietet.  Vgl.  Edovius. 

[Steuding.] 


Endymion,  Relief  des  capitolin.  Museums  in  Rom  (nach  Braun,  12  antike  Basreliefs  Taf.  9). 


I Endovellico  praesentissimi  ac  praestantissimi 
numinis-,  142  Enobolico?  — Eine  in  der  Hist, 
de  l'academie  des  inscr.  etc.  de  Paris  6,  178  ver- 
öffentlichte Inschrift:  Herculi  Patr(i)  Endo- 
vellico Tolet(um ) urbs  victrix  Osca  deis  tutelar 
\(ibus)  etc.  scheint  ihn  dem  Hercules  gleichzu- 
setzen ( De-Vit  On.  s.  v.).  Mommsen,  G.  I.  L. 


Endymion  ( ’EvSv/u'cov , i covog  m.).  Lokalisiert 
a)  in  Elis  ( Hesiodos , Peisandros , Akusilaos, 
Pherekydes , Nikandros  Aet.  II  und  Theopom- 
pos  d.  Epiker  bei  Schol.  Ap.  Rh.  4,  57);  sein 
Grab  in  Olympia  am  Stadion,  Paus.  5,  1,  4. 
6,  20,  6;  Bild  im  Thesauros  der  Metapontiner 
daselbst,  Paus.  6,  19,  8.  Sohn  desAethlios 


1 247  Endymion 

(Zeus’  oder  Aiolos’  Sohn,  Paus.  5,  8,  1)  und 
der  Kalyke,  Hes.  etc.  Apoll.  1,  7,  5.  Hyg. 
f.  271.  Paus.  5,  1,  2;  nach  einigen  Sohn  des 
Zeus,  Apollod.  Endymion  führte  die  Äoler 
aus  Thessalien  nach  Elis,  Apollod. ; war  König 
daselbst,  Ibykos  Frg.  43  Bergk.;  nachdem  er- 
den Klymenos  abgesetzt,  Paus.  5,  8,  1.  Als 
schöner  Jüngling  von  Selene  geliebt,  Apollod., 
Hygin. , Paus.;  hatte  von  ihr  fünfzig  Töchter 
(die  50  Monde  des  olympischen  Festcyklus  nach 
Boechh,  Explic.  Find.  138),  Paus.  5,  1,  2;  auf 
seinen  Wunsch  gewährte  ihm  Zeus  ewigen 
Schlaf  mit  Unsterblichkeit  und  Jugend,  Apollod. 
Vermählt  mit  einer  Najade  (oder  mit  Iphia- 
nassa),  Vater  des  Aitolos,  Apollod.  1,  7,  6; 
vergl.  Ephoros  bei  Strabo  10,  463.  Oder  ver- 
mählt mit  Aster odia,  oder  mit  Itonos’  Toch- 
ter Chromia,  oder  mit  Arkas’  Tochter  Hy- 
perippe, Vater  des  Paion,  Epeios,  Aito- 
los und  der  Eurykyda,  läfst  die  Söhne  um 
die  Herrschaft  Wettlaufen,  Epeios  siegt,  Paus. 
5,  1,  3.  Arkader  keifst  er  Plutarch  Numa  4, 
Spartiat  bei  einem  Ungenannten,  Schol.  Ap. 
Bhod.  p.  487,  9 Merkel,  b)  in  Karien,  bei 
Heraklea  (nahe  Milet)  in  einer  Grotte  am 
Latmos  zeigte  man  sein  Grab,  Strabo  14,636. 
Aristophanes  bei  Hesych.  EvÖvaiwva  Kana; 
dort  war  sein  Adyton , Paus.  5 , 1 , 5.  Die 
Liebe  Selenes  zu  Endymion  wird,  seit  Sapphos 
erster  Behandlung,  an  die  latmische  Grotte  ge- 
knüpft, nur  vereinzelt  wird  sie  in  die  elischeSage 
verwebt.  Die  Herakleoten  suchten  die  elische 
Sage  mit  der  ihrigen  zu  vereinigen  durch  die 
Wendung , Endymion  sei  von  Elis  nach  dem 
Latmos  gegangen,  Paus.  5,  1,  5.  In  der  Ge- 
gend von  Milet  war  noch  ein  „Fichtenberg“ 
(J>Qslq(vv  oqos),  dessen  Eponymos  Phtheir 
Endymions  Sohn  gewesen  wäre,  Schol.  II.  2, 
868.  Belker,  Anecd.  1200.  Preller  1,  363,  4 
(Fichte  deutet  auf  Trauer).  — Endymion,  der 
ewige  Schläfer,  zugleich  der  im  Todesschlaf 
Befangene  ( Preller  erinnert  an  die  Grabkam- 
mern in  den  klemasiatiscken  Felswänden),  mit 
mannigfaltiger  Ätiologie.  Von  Zeus  in  den 
Hades  gestürzt,  weil  er,  in  den  Himmel  auf- 
genommen, Hera  begehrt  hatte  (grosse  Eöen, 
lies.  Frg.  160  Kinkel);  aus  gleicher  Ursache 
zu  ewigem  Schlaf  verdammt , Epimenides  bei 
Schol.  Ap.  Bhod.  4,  57.  Schol.  Theokr.  3,  49; 
Vb.  Jatta  bezogen  auf  Endymions  Verstofsung 
Annali  1878,  41  G.  Zeus  hatte  ihm  gewährt, 
die  Zeit  seines  Todes  selbst  bestimmen  zu 
dürfen,  IV  airm  Aavarov  rcqiigg,  Hesiod,  Pei- 
sandros  etc.  (s.  o.).  Zu  den  Göttern  erhoben, 
erbat  er  von  Zeus  ewigen  Schlaf,  Autor  bei 
Schol.  Apoll.  Bh.  p.  487 , 7 M.  Auf  Selenens 
Fürsprache  gab  ihm  Zeus  einen  Wunsch  frei, 
er  wählte  ewigen  Schlaf  mit  Unsterblichkeit 
und  Jugend,  Zenob.  3,  76.  Apollod.  1,  7,  5.  — 
Selene  (s.  d.  und  vgl.  Luna)  liebt  den  schö- 
nen Schläfer  und  beschleicht  ihn  im  Schlaf, 
Sappho  Frg.  134  Bergk.  Theokr.  3,  49.  20, 
37.  Apollon.  Bh.  4,  57.  Nie.  Aet.  I bei  Schol. 
Apollon.  Bh.  p.  487 , 2 Merkel.  Catull  66,  5. 
Prop.  El.  3,  15  Ov.  epist.  her.  18,  63.  De 
art.  am.  3,  83.  Trist.  2,  299.  Am.  1,  13,  43. 
Seneca  Hippolyt,  act.  1.  Lucian.  dial.  deor.  11. 
Quint.  Smyrn.  10,  128.  455.  Nonn.  Dionys. 


Eneugamos  1248 

7,  238.  13,  554.  48,  668.  Selene  verleiht  ihm 
Schlaf,  um  ihn  verstohlen  küssen  zu  können, 
Cic.  Tusc.  1,  92.  Bei  Endymion  schwört  Em- 
pedokles  als  Mondbewohner  in  Luc.  Ikarom. 
13.  ln  Umkehrung  des  ursprünglichen  Ver- 
hältnisses liebt  Endymion  die  Selene , wird 
anfangs  verschmäht;  da  er  aber  die  weifsesten 
Schafe  trieb,  so  wendete  sie  sich  ihm  zu,  Serv. 
Georg.  3,  391  und  die  lat.  Mythographen  s.  u. 
— Die  Bildwerke  (Endymion  von  Selene  be- 
lauscht) gehen  auf  Gemälde  zurück,  Bobert, 
Bull.  1875,  72.  Es  sind  Wandgemälde,  Re- 
liefs (wie  das  schöne  S.  1245/6  abgebildete) 
und  speciell  Sarkophagreliefs,  O.  Jahn,  Ar- 
chäol.  Beitr.  51  ff.  Helbig , Wandgem.  p.  187. 
457.  Arch.  Zeit.  1862,267.  1874,68.  1875, 
79.  1878,  54.  1880,  148.  Annali  1849,  409. 

1860,364.  1869,30.  1881,93.  Bull.  1858,  146. 
1867,  238.  1868,  103.  1873,  238.  — Hypnos 
liebt  den  Endymion , läfst  ihn  mit  offenen 
Augen  schlafen,  um  sie  zu  sehen,  Likymnios 
v.  Chios  ( Bergk  P.  L.  G.  3,  1250)  bei  Ath.  13, 
564  c.  Diogenian  4,  60.  Nonn.  Dion.  48,  637. 
Helbig,  Wandgem.  nr.  957.  960  u.  a.  Bobert , 
Bild  und  Lied  p.  50.  Der  ewige  Schlaf  des 
Endymion  war  sprichwörtlich,  vergl.  Platon 
Phaed.  72  c.  Aristot.  eth.  Nicorn.  10,  8.  Schol. 
Apoll.  Bhod.  p.  487,  21  Merkel.  Zenob.  3,  76. 
Diogenian  4 , 60.  Suidas  s.  v.  ’EvSvyiavog 
vnvov  Kcc&svdsig.  Endymion  als  einer  der 
Götterlieblinge,  welche  die  menschliche  Ge- 
sellschaft verliefsen,  Plut.  Numa  4.  Endymion 
meist  als  Jäger,  Schol.  Theocr.  3,  49.  Lucian. 
Her acl.  de  incred.  38;  die  meisten  Monumente; 
als  Hirt,  Theokr.  20,  37.  Serv.  Georg.  3,  391. 
Quint.  Smyrn.  Nonn.  Lat.  Mythographen  (s.  u.). 
Annali  1877,214.  — Rationalistische  u.  a.  Deu- 
tungen. a ) Die  Liehe  der  Mondgöttin  zum 
Hirten  bedeute  die  Förderung  des  Wachstums 
der  Kräuter  durch  den  von  den  Monddünsten 
erzeugten  Nachttau.  b)  Endymion  war  Jagd- 
liebhaber, jagte  nachts  mit  Selene  (bei  Mond- 
schein) , schlief  tags , ward  daher  für  immer 
schlafend  gehalten,  c)  Endymion  war  erster 
Meteorolog  und  studierte  nachts  die  Verän- 
derungen des  Mondes,  darum  heilst  es,  er 
habe  Selene  geliebt  (er  habe  30  Jahre  mit 
ihr  geschlafen,  nach  der  Dauer  seiner  Studien). 
Mnaseas  Europa  I ( Müller , Frg.  1;  auch  bei 
Schol.  Apollon.  Bhod,  p.  487 , 2 einzusetzen?). 
Germanicus  Arat.  Phaen.  p.  196  cd,  Basil. 
Fulgentius  Myth.  2,  19.  Bodes  Mythogr.  1, 
229  nebst  p.  198.  Bl  in.  2,  43.  Schol,  Apollon. 
Bliod.  p.  487,  10  ff.  Wegen  Endymions  Mond- 
studien wurden  die  Arkader  ngoaslgvoi  ge- 
nannt, ib.  zu  4,  264.  Vgl.  aoepbg  ’Evd.  Nonn. 
41,  379.  [v.  Syhel.J 

Eueubulos  (’Evsvßovko g) , eines  der  vier 
doppelnaturigen  Wesen,  welche  zur  Zeit  de3 
Chaldäerkönigs  Daos  aus  dem  Meere  (als  Vor- 
boten der  Sintflut?)  emporstiegen.  Abyden.  bei 
Sync.  p.  38 d in  Müller,  fr.  h.  gr.  4,  280  und 
bei  Euseb.  Arm.  p.  22  ebenda  (Enebulus). 
Scaliger  schlägt  vor  ’Evdßovlog  zu  lesen.  Die 
drei  übrigen  .werden  von  Abyden.  a.  a.  O. 
Evsdcoxog  (Iotagus  Euseb.  a.  a.  0.),  ’Evsvya- 
f log  und  ’Avrgisvrog  genannt.  [Steuding.] 

Eueugainos  (’Evevyayog),  s.  Eneubulos. 


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1249  Engyeus 

Engyens  (Eyyvev g),  einer  der  Heerführer 
des  Rhadamanthys,  dem  dieser  die  Insel  Kyr- 
nos  übergab,  Diod.  5,  79.  [Schultz.] 

Enhydria  (’EvvSqicc)  , C.  I.  Gr.  5968,  ’Ew- 
Sqi'cc  II.  IlaniQiog  . . . dvi&rjv.tv : nach  Böcleh 
Personifikation  der  bibundantia  aquarum’  (man 
würde  dann  eher  Evvöqlcc  erwarten);  nach 
E.  Curtius,  'griech.  Quell-  und  Brunneninschrif- 
ten ’ in  den  Abli.  der  Göttinger  Ges.  der  Wis- 
senschaften 8 S.  179  als  Name  der  Quellnymphe 
zu  betrachten,  vgl.  Soph.  Phil.  1454:  Nvgqxxi 
t’  tvvdQOi  IsiyatvidSsg.  [Crusius.] 

Eniantos  (’Eviav zog),  die  Personifikation  des 
Jahres,  Orph.  hymn.  prooem.  18.  Nach  Athen. 
198  a wurde  dasselbe  als  grofser  Mann  mit 
dem  Horn  der  Amaltheia  dargestellt.  [Yergl. 
Annus  b.  Ov.  Met.  2,  25.  Müller,  Handb.  d. 
Arcli.  399,  3.  R.'J  [Steuding.] 

Enie  (enie),  wahrscheinlich  etruskisierte 
Namensform  der  Göttin  Enyo  ( ’Evvco ),  dar- 
gestellt als  eine  der  Gorgoniden,  neben  Pem- 
phetru  (pemqpetru)  d.  i.  ns(g)q>Qr]dc6  und 
Pherse  (qperse)  d.  i.  Perseus,  beschützt  von 
Menarva  (menarva)  , auf  einem  palästriner 
Spiegel  im  Besitze  des  Hm.  Martinetti;  siehe 
Helbig,  Bullet.  1873,  8.  Kekule,  Annal.  1873, 
126  ff.  Mon.  vol.  8,  tav.  LVI,  n.  2.  Fabr.  Tzo. 
Suppl.  393.  Unsicher  ist  die  Lesung  Enie 
auf  dem  Spiegel  Gerhard,  tav.  CCX1II,  wo  der 
Name  eine  schmückende  Göttin  bezeichnet 
(andre  lesen  Epie,  s.  d.).  [Deecke.] 

Eniopeus  (’Hvionsvg) , Sohn  des  Thebaios, 
Wagenlenker  desHektor,  vonDiomedes  getötet, 
Hom.  II.  8,  120.  Hes.  s.  v.  [Schultz.] 

Euipeus  (’Evntsvg),  Flufsgott  in  Thessalien, 
zu  dem  Tyro,  die  Tochter  des  Salmoneus  und 
der  Alkidike  Liebe  fafste.  Poseidon  nahm  die 
Gestalt  des  Enipeus  an  und  zeugte  mit  Tyro 
die  Zwillinge  Pelias  und  Neleus,  Od.  11,  238. 
Apollod.  1,9,  8.  Nonn.  1,  124  ö.  Luk.  d.  mar. 
13.  Bei  Ov.  Met.  6,  116  zeugt  Poseidon  in 
Enipeus’  Gestalt  mit  Iphimedeia  den  Otos  und 
Epliialtes.  — 2)  Flufsgott  in  Elis,  wo  ebenfalls 
die  Sage  von  Tyro  lokalisiert  war,  Strab.  356. 
[Betreffs  der  Etymologie  s.  Boscher  im  Progr. 
v.  Meifsen  1879  S.  54.  R.].  [Schultz.] 

Enkelados  s.  Giganten. 

Ennomos  (Evvogog) , 1)  ein  Troianer , von 
Odysseus  erlegt,  Hom.  Od.  11,  422  (=  Euno- 
mos,  Schot.  Lyk.  50.  Tzetz.  Hist.  2,  456).  — 
2)  ein  mysischer  Vogelschauer,  Bundesgenosse 
der  Troianer,  von  Achill  erlegt,  Hom.  II.  2, 
858.  17,  218.  [Schultz.] 

I Ennosidas  s.  Poseidon. 

Ennosigaios  s.  Poseidon. 

Euodia  s.  Artemis  u.  Hekate. 

iEuops  QHvoxp),  ein  Rinderhirt,  der  mit  einer 
Nymphe  den  Satnios  am  Satnioeis  zeugte, 

■ Hom.  II.  14,  445.  [Schultz.] 

Enorches  (’EvoQxgg) , 1)  Sohn  des  Thyestes 
und  seiner  Schwester  Daito,  aus  einem  Ei  ge- 
boren. Er  erbaute  dem  Dionysos  einen  Tem- 
pel, daher  der  Gott  auch  nach  ihm  benannt 
wurde,  Tzetz.  Lyk.  212.  Auf  seine  Geburt  be- 
■j  zog  Braun  ein  Vasengemälde,  Annali  d.  Inst. 
1850  p.  214ff. ; vergl.  Bull.  1851  p.  94.  — 2) 
i Beiname  des  Dionysos  in  Samos,  Hes.  s.  v.; 
angeblich  nach  den  Tänzen  bei  seinen  Myste- 

4 Roscher,  Lexikon  der  gr.  u.  röm.  Mythol. 


Enyalios  1250 

rien  so  benannt,  Tzetz.  a.  a.  0.;  wahrschein- 
lich ist  der  Beiname  vielmehr  szil  zgg  rjßqg 
zu  erklären.  Welcher,  Griech.  Mythol.  2,  p.  622. 
Enosiehthon  s.  Poseidon.  [Schultz.  | 

Entelides  (’Evz tlidgg),  Sohn  des  Herakles 
und  der  Thespiade  Menippis,  Apollod.  2,  7,  8. 

[Schultz.] 

Entellus,  ein  Troer  (nach  Hygin.  bei  Sero.) 
oder  sicilischer  Heros,  nach  dem  die  Stadt 
Entella  in  Sicilien  benannt  war,  Verg.  Aen.  5, 
389  mit  Serv.  z.  d.  St. , nach  Tzetz.  Lyk.  953 
war  jedoch  die  Stadt  nach  der  Gemahlin  des 
Aigestes  Entella  benannt.  [Schultz.] 

Enthenis  (’Hv&yvig),  wird  Apollod.  3,  15,  8 
statt  Antheis  (s.  d.)  unter  den  Töchtern  des 
Hyakinthos  (Antheis,  Aigleis,  Lusia,  Orthaia) 
genannt,  welche  zu  Athen  für  das  Vaterland 
geopfert  wurden.  Aber  der  Name  ist  zu  strei- 
chen; er  ist  durch  Korruption  des  Namens 
Antheis  in  den  Text  gekommen.  [Stoll.] 
Entoria  (’Evzcogia),  die  Tochter  eines  Land- 
manns , der  den  Kronos  bei  sich  bewirtete. 
Mit  ihr  zeugte  dieser  den  Ianus,  Hymnos, 
Faustus  und  Felix  und  lehrte  ihren  Vater  den 
Anbau  und  die  Bereitung  des  Weines  mit  dem 
Aufträge,  auch  die  Nachbarn  damit  zu  bewir- 
ten. Da  diese  infolge  dessen  in  ungewöhnlich 
tiefen  Schlaf  verfielen,  hielten  sie  sich  für  ver- 
giftet und  steinigten  den  Landmann  (im  Texte 
steht  Ikarios);  aus  Betrübnis  darüber  erhingen 
sich  seine  Enkel.  Als  später  bei  den  Römern 
eine  Seuche  ausbrach,  verhiefs  das  Delphische 
Orakel , dafs  diese  aufhören  werde , wenn 
man  den  Zorn  des  Kronos  sühne.  Daher 
gründete  Lutatius  Catulus  das  Heiligtum  des 
Saturnus  in  der  Nähe  des  tarpejischen  Felsens, 
sowie  einen  Altar  mit  vier  Gesichtern  und  be- 
nannte den  Monat  Januar  nach  Ianus.  Kronos 
aber  versetzte  alle  unter  die  Gestirne  unter 
dem  Namen  nQozQvygzrjgsg,  Plut.  parall.  Gr. 
et  B.  h.  9.  Vgl.  Arat.  137.  [Schultz.] 

Enudos  (’ Evovöog ),  Sohn  des  Ankaios  und 
der  Samia,  der  Tochter  des  Maiandros,  Paus. 
7,  4,  2.  [Schultz.] 

Enyalios  (’Ewahog,  abgeleitet  v.  ’Ewcö), 
der  Kriegerische,  der  von  Enyo  beseelte.  1) 
In  der  Ilias  (in  der  Odyssee  kommt  das  Wort 
nicht  vor)  entweder  einfach  als  Name  des 
Ares  gebraucht,  II.  2,  651.  13,  519.  18,  309, 
oder  als  Beiwort  desselben,  II.  17,  211.  So 
auch  bei  den  folgenden  Dichtern,  Hes.  Scut. 
371.  Apoll.  Bh.  3,  322.  560.  1366.  Find.  Ol. 
13,  106.  Nem.  9,  37.  Meleagr.  Epigr.  115. 
Leonid.  Ep.  47.  Ebenso  im  Kultus  und  sonst, 
Paus.  3,  14,9.  3,15,  5.  5,18,  1.  Plut.  Quaest. 
Gr.  111.  Solon.  9.  Thule.  4,  67.  S.  Ares.  Im 
attischen  Ephebeneid  bei  Poll.  8,  106  ist  zu 
lesen:  "Aygavlog,  ’Evvdhog  'Ag-gg,  7,svg  u.  s.  w. 
Ein  Priester  des  Ares  Enyalios  in  e.  attischen  In- 
schrift bei  Bofs,  Archäol.  Zeitg.  1844  S.  247. 
Vergl.  die  Inschrift  von  Hermione  C.  I.  1221. 
Die  Stellen  Soph.  Ai.  179  u.  Arist.  Pac.  457 
beweisen  nichts  für  die  Differenz  von  Ares 
und  Enyalios , obgleich  die  Scholien  sie  an- 
nehmen. In  später  Zeit  wurde  Enyalios  als 
besondere  Person  hingestellt  und  zum  Sohne 
des  Ares  und  der  Enyo,  oder  des  Kronos  und 
der  Rhea  gemacht,  Schot.  Aristoph.  Pac.  457. 

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1251  Enyeus 

Schol.  II.  17,  211.  j Eustath.  Horn.  p.  944,  55. 
Dionys.  Hai.  3,  48.  Hesych.  s.  y.  Von  AlJeman 
heilst  es,  dafs  er  beide  bald  getrennt,  bald  als 
gleich  angenommen  habe,  Schol.  Arist.  a.  a.  0. 
Ein  Mythus  leitet  den  Namen  von  einem  Thra- 
ker Enyalios  her,  der  nur  die  bei  sich  auf- 
nahm, welche  ihn  im  Kampfe  besiegten,  und 
von  Ares  erschlagen  ward,  Eustath.  p.  673,  50. 
Preller,  Gr.  Mythol.  1.  S.  265.  Laiier,  System 
der  griecli.  Mythol.  S.  246.  Gerhard,  Griech. 
Mythol.  § 347,  1—3.  Lobeck  u.  Sclmeidewin 
zu  Soph.  Ai.  179.  Schneidewin,  Phil.  4,  455. 
G.  Wolff  b.  Gerhard,  Denkm.  u.  Forsch.  1857 
S.  104.  Keil,  Pliilol.  23,  219.  — 2)  Beiname 
des  Dionysos,  Macroh.  Sat.  1,  19,  des  Zeus, 
Joseph.  1,4;  ’Evvulirj,  Epitheton  der  Amazone 
Penthesileia , der  Tochter  des  Ares , Quint. 
Smyrn.  1,  402.  — 3)  Sohn  des  Poseidon  und 
der  Libye,  Bruder  des  Agenor  und  Belos,  Io- 
ann.  Antioch.  fr.  6,  15  bei  Müller,  fr.  hist.  gr. 
4 p.  544.  fStoll.] 

Enyeus  ( ’Evvsvg ),  1)  Sohn  des  Dionysos  und 
der  Ariadne,  König  auf  Skyros,  das  Achill  er- 
oberte, Horn.  II.  9,  668  mit  Schol.-,  Unterfeld- 
herr des  Rhadamanthys , Diod.  5,  79.  — 2) 
ein  Troianer,  Qu.  Smyrn.  1,  530.  — 3)  Vater 
der  Homoloia,  Suid.  s.  v.  bgolco'Cog.  [Schultz.] 

Enyo  ( ’Evvco ),  1)  die  mordende,  städtever- 
wüstende Kriegsgöttin,  II.  5,  592,  gewöhnlich 
in  der  Umgebung  des  Ares  (s.  d.),  dessen  Mut- 
ter (Schol.  II.  5,  333)  oder  Tochter  oder  Amme 
sie  von  Jüngeren  genannt  wird,  Cornut.  21. 
Bei  Quint.  Smyrn.  8,  425  heilst  sie  Schwester 
des  Kriegs  (nolsyog).  Als  Walterin  des  Kriegs 
wird  sie  II.  5,  333  neben  Athene  genannt,  wo- 
rauf Paus.  4,  30,  3 zurückgeht.  Ygl.  Quint. 
Smyrn.  2,  525.  Von  den  Dichtern  wird  ihr 
Name  oft  wie  der  des  Ares  einfach  zur  Be- 
zeichnung des  Krieges  verwendet.  Sie  freut 
sich  der  mit  Blut  auf  dem  Schlachtfeld  ge- 
tränkten Erde  ( Philostr . Im.  2,  29);  mit  Dei- 
mos  und  Phobos  und  andern  schrecklichen 
Wesen  des  Streits  und  des  Unheils  treibt  sie 
sich  schweifsbedeckt,  triefend  von  Blut,  unter 
den  Kämpfenden  umher,  Quint.  Smyrn.  5,  29. 
8,  286.  In  Athen  hatten  die  Söhne  des  Praxi- 
teles ihre  Statue  gemacht  für  dep  Tempel  des 
Ares,  Paus.  1,  8,  5.  In  einer  attischen  In- 
schrift (Bofs,  Archäol.  Zeitg.  1844  S.  247)  wird 
ein  Archon  Titus  Coponius  Maximus  Priester 
des  Ares  Enyalios  und  der  Enyo  und  des  Zeus 
Geleon  genannt.  Der  Göttin  von  Komana 
(Anai'tis  oder  Ma)  wird  von  den  Griechen  der 
Name  Enyo  erteilt,  Strah.  12,  535.  Bei  den 
Römernist  die  der  Enyo  -entsprechende  Göttin 
Bellona  (s.  d.),  welche  asiatischen  Einflufs  ver- 
rät. Darstellungen  der  Enyo  oder  Bellona 
auf  Münzen  der  Bruttier  und  Mamertiner,  Mül- 
ler , Handb.  d.  Archäol.  § 406,  2.  Panofka, 
Archäol.  Zeitg.  6 S.  100*.  Der  Name  Enyo, 
griech.  Ursprungs,  wird  von  den  alten  Gram- 
matikern hergeleitet  von  svavco  (Geschrei  der 
Kämpfenden),  oder  von  sviryu  (&vp6v  jtai  kI- 
v.f\v ),  oder  s'vco  ==  cpovsvco,  oder  svvco  — sg- 
cpovtvco.  Et.  M.  p.  345,  51.  Et.  Gud.  p.  66, 
54.  Cramer,  Anecd.  T.  II  p.  434.  Cornut.  21. 
loann.  Diac.  p.  462.  Schol.  II.  5,  333.  Suid. 
s.  v.  Ewa.  Nach  Buttmann,  Lexilog.  1,  271  von 


Eos  (Allgemeines)  1252 

i'vco,  ivucö  (wovon  tvoatg).  Pott,  Etym.  Forsch. 
schwankt  zwischen  avco  und  avvco.  Vgl.  auch 
Welcher,  Gr.  Gotterl.  1 S.  706,  der  die  von 
0.  Müller,  Orchom.  S.  233  eruierte  Enyo  der 
Homoloi'en  zu  Theben  und  Orchomenos,  die 
Enyo  Homoloia  oder  Homolois  zurückweist; 
doch  siehe  Tümpel,  Ares  u.  Aphrodite  S.  705. 
Gerhard,  Griech.  Myth.  § 604.  Tiesler,  de  Bel- 
lona Berl.  1842.  — 2)  Eine  der  Graien  (s.  d.), 
lies.  Theog.  273.  Apollod.  2,  4,  2.  Preller,  Gr. 
Myth.  2 S.  63.  Schümann,  Opusc.  Ac.  2 p.  211 
leitet  den  Namen  von  vor  ab  und  übersetzt 
Inundona.  [Stoll.] 

Eone  ( ’Hcovr; ),  Tochter  des  Thespios  (s.  d.). 

[Schultz.] 

Eordos  (’Eoqöö g) , Eponym  von  Eordeia, 
Steph.  Byz.  s.  v.  [Schultz.] 

Eos  (’Hä g).  Eos,  ryoig,  äol.  avoog,  att.  folg, 
die  Morgenröte , ist  sprachlich  und  sachlich 
identisch  mit  der  indischen  ushäs  und  der 
lateinischen  aurora,  von  der  Wurzel  us  bren- 
nen, leuchten,  indem  eine  gräko-italische  Form 
ausos  vorauszusetzen  ist,  aus  der  die  griechi- 
schen Formen  durch  Ausstofsung,  die  latei- 
nische durch  Rhotacismus  des  s entstanden 
sind,  s.  G.  Curtius,  Etym.6  S.  400. 

Übersicht.  Wie  die  Inder  sie  in  den  vedi- 
schen  Liedern  mit  tiefer  poetischer  Kraft  und 
in  den  zartesten  Bildern  besangen  (vgl.  Schrä- 
der, die  älteste  Zeiteinteilung  des  indogermani- 
schen Volks  1878  S.  47),  da  sie  in  dem  täg- 
lichen Erscheinen  der  Morgenröte  die  Quelle 
und  das  Symbol  alles  Lebens  erblickten  (vgl. 
M.  Müller,  Sprachiviss.  Vorles.  v.  Böttger 2 530), 
so  nahm  sie  sicher  auch  im  ältesten  Glauben 
der  Griechen  eine  sehr  bedeutende  Stellung 
ein.  Denn  für  ein  mehr  im  Freien  und  mit 
der  Natur  lebendes  Volk  ist  die  Morgenröte 
mit  den  daran  sich  knüpfenden  Erscheinungen 
von  tief  einschneidender  Bedeutung,  insbeson- 
dere aber  macht  sie  auch  am  südlichen  Him- 
mel durch  die  Pracht  und  weite  Verbreitung 
ihrer  Erscheinung  einen  nachhaltigeren  Ein- 
druck auf  den  Menschen,  als  in  nördlichen 
Ländern;  vgl.  Welcher,  Griech.  Götterl.  1,  682. 
So  erklärt  es  sich,  dafs  noch  in  der  Hesiodi- 
sehen  Theogonie  Eos  als  Schwester  den  grofsen 
Lichtern  des  Tages  und  der  Nacht,  Helios  und 
Selene,  an  die  Seite  gestellt  ist.  Ein  Abglanz 
der  dankbaren  Verehrung,  mit  der  die  frühe- 
ren Menschengeschlechter  zu  dem  täglich  neuen 
Wunder  emporblickten , das  die  Bedingung 
alles  Daseins  zu  enthalten  schien , tritt  uns 
noch  bei  Homer  entgegen,  wenn  er  bei  jedem 
neuen  Tag  der  goldthronenden,  rosenfingrigen 
Göttin  gedenkt,  wie  sie  mit  prächtigem  Ge- 
spann am  Himmel  emporsteigt,  Göttern  und 
Menschen  das  Licht  zu  bringen.  Wohl  kennt 
er  schon  die  Mythen  von  ihrem  Gemahl 
Tithonos  und  ihrem  Sohn  Memnon,  von  ihren 
Lieblingen  Orion  und  Kleitos,  aber  er  berührt 
sie  nur  und  viel  mehr  fesselt  ihn  ihre  liebliche 
und  grofsartige  Ercheinung,  die  in  Beiwörtern 
und  bezeichnenden  Wendungen  (mehr  als  hun- 
dertmal) zu  feiern  er  nicht  müde  wird.  Nach- 
dem jedoch  von  Hesiod,  in  den  homerischen 
Hymnen  und  von  den  Tragikern  die  auf  Eos 
bezüglichen  Mythen  weiter  ausgebildet  worden 


1253  Eos  (als  Naturerscheinung) 

waren,  tritt  das  Interesse  für  die  Göttin  in 
den  Hintergrund,  was  damit  zusammenhängt, 
dafs  sich  von  einem  Kultus  bei  ihr  fast  keine 
Spur  findet,  Ovid.  Met.  13,  588  rarissima  tem- 
piaper orbem.  Nur  in  den  Sela  dien  z.  Soph.  Oed. 
C.  100  wird  sie  unter  den  Gottheiten  aufge- 
führt, welchen  in  Athen  vycpccXioc , Trankopfer 
ohne  Wein,  dargebracht  wurden.  Nirgends 
aber  wird  eine  Anrufung  der  Eos  erwähnt. 
Die  gelehrte  Dichtung  der  Alexandriner,  wel- 
cher die  römischen  Dichter  folgen , und  die 
späten  Nachahmer  Homers,  wie  Quintus  Smyr- 
näus,  greifen  neben  gelegentlichen  Anspielun- 
gen auf  das  Mythologische  wohl  mit  Vorliebe 
auf  die  homerischen  Wendungen  zur  Bezeich- 
nung des  Tagesanbruchs  zurück  und  schmücken 
diese  weiter  aus,  ohne  sich  jedoch  über  leere 
Formeln  zu  erheben.  Dem  entsprechend  zeigt 
auch  die  Kunst  der  Blütezeit  eine  häufige  und 
selbständige  Behandlung  der  Eos,  sowohl  ihrer 
Einzelgestalt  als  ihrer  Mythen,  während  sie 
in  der  späteren  Zeit  zurücktritt  oder  nur  zur 
Dekoration  dient.  Im  ganzen  aber  werden, 
einzelne  Weiterbildungen  in  den  Mythen  und 
die  Ausdehnung  der  Eos  auf  den  ganzen  Tag 
abgerechnet,  die  homerischen  Anschauungen 
auch  in  der  späteren  Zeit  beibehalten.  Die 
Vorstellungen  von  der  griechischen  Eos  sind 
sodann  von  den  lateinischen  Dichtern  ganz  auf 
die  römische  Aurora  übertragen  worden,  welche 
bei  den  Römern  keine  Gottheit  war.  Deshalb 
können  die  Nachrichten  der  Griechen  und 
Römer  über  die  Anschauungen  von  Eos  zu- 
sammengenommen werden. 

I.  Eos  als  Naturerscheinung. 

Nicht  blofs  in  den  Mythen,  wenn  sie  sich 
vom  Lager  des  Tithonos  erhebt  oder  den  schö- 
nen Keplialos  raubt,  war  sie  dem  Griechen  die 
persönliche  Göttin,  sondern  ursprünglich 
auch  in  der  täglichen  Naturerscheinung;  denn 
sie  bringt  nicht  blofs  die  Morgenröte,  sondern 
sie  offenbart  in  derselben  ihr  Wesen  und  ist 
sie  selbst.  Dadurch  aber , dafs  der  Grieche 
für  die  Göttin  und  für  die  Naturerscheinung 
des  Tagesanbruchs  immer  nur  dasselbe  Wort 
hatte,  ist  durch  den  Gebrauch  des  täglichen 
Lebens  das  farbenprächtige  Bild,  das  im  Worte 
pcog  liegt,  abgeblafst  und  zur  blofsen  Zeitbe- 
zeichnung geworden.  Zwischen  diesen  beiden 
Endpunkten  der  vollständig  durchgeführten 
und  der  scheinbar  ganz  aufgegebenen  Personi- 
fikation bewegen  sich,  oft  nach  beiden  Seiten 
hin  schillernd  und  deshalb  schwer  greifbar, 
die  homerischen  Wendungen.  Vülclcer  hat  in 
seiner  Homerischen  Geographie  S.  27 — 32  den 
Versuch  gemacht,  dieselben  in  mehrere  Kate- 
gorieen  zu  zerlegen , indem  er  z.  B.  an  den 
Stellen,  wo  ihr  Aufgang  durch  cpaivsc&ca  aus- 
gedrückt ist,  dem  Wort  ywg  die  Bedeutung 
der  Morgenröte,  nicht  der  Göttin,  beilegt. 
Wenn  aber  dann  noch  Epitheta  hinzukommen, 

die  unzweifelhaft  die  Göttin  bezeichnen,  wie 
in  dem  Vers:  rgiog  ö’  r)giyiveLcc  cpdvrj  goSoSav- 
xvXog  ’Hug,  so  läfst  sich  jene  Bedeutung  nicht 

mehr  festhalten.  Aber  auch  den  Stellen,  wo 

ein  solches  Epitheton  zufällig  fehlt,  wie  & 12 


Eos  (als  Naturerscheinung)  1254 

(ovdi  (uv  rjcog  epeavogivg  Xyd-scvev  vne'tg  aXa 
x’  rfiovctg  x ?),  wird  man  darum  nicht  weniger 
einen  persönlichen  Sinn  beilegen  wollen.  Das 
Durcheinanderspielen  der  homerischen  Bezeich- 
nungen zeigt  sich  z.  B.  in  Wendungen  wie 
T 1 ’Hcag  yiv  xgovönenXog  ivCSvccxo  näaav 
in’  oclocv.  was  hier  der  Eos  durch  vgovonenXog 
an  persönlicher  Bestimmtheit  gegeben  wird, 
wird  ihr  durch  ivid'vctxo,  das  nur  der  Natur- 
erscheinung zukommt,  wieder  genommen;  oder 
wenn  Homer,  wo  es  sich  blofs  um  eine  Zeit- 
bestimmung handelt,  statt  „den  Morgen  er- 
warten“ sagt:  ipeivafisv  ’Hco  Sfocv , iv&govov 
’Hä  diccv,  so  wird  daraus  wiederum  die  Per- 
sonifikation. So  dürfen  wir  also  in  der  er- 
scheinenden Morgenröte  überall  zugleich  die 
Göttin  selbst  sehen. 

Die  Zeit  ihrer  Erscheinung  ist  die 
Morgenfrühe,  weshalb  sie  bei  Homer  r\gi- 
yivsi.ee  heilst  (an  26  Stellen,  s.  Völclcer  a.  0. 
S.  32),  schon  % 197  ip  347  ohne  ’Hoig,  und  von 
Hesiod.  Theog.  381  als  ihr  Eigenname  gebraucht, 
die  Frühgeborene,  nach  Curtius,  Htym .I. * * * 5  400 
vom  gleichen  Stamm  gog , wie  rycog  selbst. 
Auch  die  homerischen  Hymnen  gebrauchen  es 
(3,  184;  4,  226),  dann  erst  wieder  Quint.  Sm. 
2,  186.  592;  und  immer  nur  von  Eos.  Apoll. 
Arg.  3,  1223  sagt  ggiysvgg.  A.  P.  5 , 228 
’HgmoXg.  Mit  bestimmterer  Personifikation, 
als  in  icpuvg  liegt,  sagt  Homer  agvvxo,  sie  er- 
hebt sich,  um  Göttern  und  Menschen  das  Licht 
zu  bringen  (T  2;  s 2),  so  auch  Hes.  Theog. 
372;  Hymn.  Horn.  3,  184;  daher  cpccsaigßgoxog 
(Sl  785)  und  cpwGqiogog  (. Eur . Ion  1157).  In- 
dem sie  am  Himmel  emporsteigt,  ovgavov  sio- 
ocvceßaivsi  ( Mimnerm . fr  gm.  12.  Quint.  Smyrn. 
7,  253,  wofür  dieser  auch  ovgavov  avyisv, 
ngoGsßg,  SLGavögovGS  2,  189;  6,  1;  14,  2 sagt), 
wirft  sie  ihre  ersten  Strahlen  auf  den  Olymp, 
um  den  Göttern  das  Licht  anzusagen  (B  48), 
wonach  Apollon.  Arg.  4,  385  ocv.gov  sßaXXsv 
ovgavov.  Rasch  verbreitet  sich,  besonders  am 
südlichen  Himmel  (s.  Welcher,  Griech.  Götterl. 
1,  682)  die  Morgenröte  über  Meer  und  Land 
( iviSvaxo  näoav  in ’ aiav  & 1,  vntlg  aXa  W 226; 
darnach  Quint.  Smyrn.  6,  2 navx.y) , wie  in 
den  vedischen  Liedern:  „sie  dehnt  sich  aus 
weit  und  breit;  dem  All  zugewandt,  weit  aus- 
gedehnt erstrahlt  sie“  ( Rigveda  übers,  v.  Lud- 
wig 7,  5;  17,  2;  8,  4;  13,  3).  Daher  kommt 
die  sprichwörtliche  Redensart  ogov  x’  inividvcc- 
xai  yag  ( H 451)  und  bei  Theokrit.  16,  6 o- 
noaoi  vcclovglv  vn’  ’Hä,  sowie  das  Beiwort 
ivyßolog  bei  Tryphiodoros  210.  Deshalb  sieht 
sie  auch  alles  wie  Helios,  Callim.  hymn.  Dian. 
249.  So  bringt  sie  den  Tag  zu  stände  ryuxg 
xiXsGS  s 390.  i 76.  Erst  Quint.  Smyrn.  sagt 
von  ihr:  sie  erwachte,  i'ygsxo,  als  ihre  Stunde 
gekommen  war  4,  75.  9,  1.  Die  Späteren  las- 
sen sie  auch  auf  der  Grenze  zwischen  Tag  und 
Nacht  Wache  halten  (Ovid.  Met.  7,  706.  13, 
592)  und  dann  die  Nacht  vertreiben  und  in 
die  Unterwelt  schicken,  Orph.  hymn.  77,  5; 
Ovid.  Her.  17,  111.  Quint.  Smyrn.  12,  117. 
Von  den  Naturerscheinungen,  die  siö 
begleiten,  ist  zuerst  zu  nennen  der  Morgen- 
stern, der  ihr  vorausgeht,  der  ’Ecogcpogog  „nach 
welchem  sich  Eos  über  das  Meer  verbreitet“ 

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1255  Eos  (als  Naturerscheinung) 

W 226;  Ovid.  Her.  17,  112  praevius  Aurorae 
Lucifer.  Dieser  ruft  sie  Met.  11,  296.  Weil 
sie  selbst  dem  Helios  vorangeht,  wird  sie  im 
Orph.  hymn.  77,  3 „die  Botin  Titans“  genannt 
und  von  ihr  gesagt,  dafs  sie  den  Sonnenwagen 
herbeirufe,  Ovid.  Met.  4,  630.  Homer  dagegen 
spricht  sich  über  das  Verhältnis  der  Eos  zu 
Helios  gar  nicht  aus , obwohl  er  öfter  beide 
zusammen  nennt  und  ihnen  den  gleichen  Auf- 
gangsort zuschreibt.  Eine  ziemliche  Spanne  io 
Zeit  ist  zwischen  dem  Erscheinen  der  Eos 
H 381  und  dem  Aufgang  des  Helios  v.  421  zu 
denken,  da  eine  Reihe  von  Ereignissen  zwi- 
schen beiden  liegen.  Ebenso  zwischen  hymn. 
in  Cer  er.  51  und  v.  88.  Ja  nach  einer  home- 
rischen Stelle  scheint  es,  als  ob  Eos  den  gan- 
zen Morgen  bis  Mittag  bedeute,  wie  auch  die 
Scholien  z.  d.  St.  bemerken,  0 66  ’öcpga  yhv 
fjcog  pv  ncd  ccs^aro  isqov  gyag,  verglichen  mit 
v.  68:  ryiog  d’  fphog  f leoov  ovgavov  ayquße-  20 
ßyxei.  Aber  erst  die  Späteren  lassen  Eos  eben- 
so wie  Helios  die  Himmelsbahn  bis  über  die 
Mitte  (Verg.  Aen.  6,  555),  oder  ganz  zurück- 
legen ( Asklepiades  Schol.  II.  Z 155.  Val.  Fl. 
Arg.  1,  283)  und  am  Abendhimmel  untergehen 
{Musaeus  110:  xcczrj'Csv  sg  dvaiv  ’Hcög ; Try- 
phiod.  210),  weshalb  sie  bei  Quint.  Sm.  5,  593 
bis  zum  Einbruch  der  Nacht  beschäftigt  ist 
und  dann  im  Okeanos  untertaucht  (ib.  1,  826. 

4,  62).  Hieraus  erklärt  es  sich,  dafs  Eos  auch  30 
für  den  Tag  genommen  wurde  (JBion  6,  18. 
Quint.  Sm.  1,  119.  Schol.  II.  0 66),  nicht  aber 
von  Homer;  vgl.  Völcker  S.  28 f.  Zuerst  Euri- 
pides  ( Troad.  847),  dann  Tansanias  1,  3,  1 und 
die  Scholien  z.  Pindar  Ol.  2,  148.  Nem.  6,  85. 
Schol.  II.  r 151  nennen  sie  auch  in  ihrer  mytho- 
logischen Beziehung  zu  Tithonos  u.  Kephalos 
geradezu  Hemera,  während  XsvuöncoXog  fpisga 
Aesch.  Pers.  386.  Soph.  Ai.  672,  wo  vom 
Tagesanbruch  die  Rede  ist,  als  dichterische  40 
Vertauschung  für  Eos  gelten  kann.  Zu  den 
Naturerscheinungen,  welche  das  Eintreten  der 
Morgenröte  begleiten,  gehören  sodann  auch 
die  frischen  Morgenwinde,  welche  die 
Nahende  zu  begrüfsen  scheinen.  Schon  die 
Alten  haben  im  Sonnenaufgang  die  Ursache 
ihres  Entstehens  erkannt,  Aristot.  Meteor.  2,  5. 
Theophr.  de  vent.  15.  Wenn  sie  auch  erst  von 
Apollonias  Arg.  1,  519.  4,  885  als  poetisches 
Motiv  bei  der  Beschreibung  des  Erscheinens  so 
der  Morgenröte  verwendet  wurden,  so  liegt  doch 
jener  Kausalzusammenhang  schon  in  der  hesio- 
dischen  Genealogie  Theog.  378  ausgesprochen, 
nach  welcher  Eos  mit  Astraios,  dem  gestirn- 
ten Nachthimmel,  den  Zephyros,  Boreas  und 
Notos  erzeugte;  vgl.  Apollod.  1,  2,  4.  Hyg. 
ed.  Bunte  p.  30.  Quint.  Smyrn.  2,  549.  Nach 
Hesiod  und  Apollodor  a.  a.  0.  gebar  sie  dem 
Astraios  nach  den  Winden  auch  den  Morgen- 
stern und  die  Gestirne,  die  auch  auf  Bildwer-  60 
ken  den  Aufgang  des  Helios  und  der  Eos  be- 
gleiten (s.  unt.  S.  1277  und  die  Vase  Blacas 
unter  Helios).  Endlich  ist  es  der  beim  Er- 
scheinen der  Morgenröte  frisch  erglänzende 
Tau , der  deshalb  als  ihre  Gabe  angesehen 
wurde.  Es  lachen  die  Wiesen,  singt  Meleagros 
A.  P.  9,  363:  nivovtsg  ds^Lcpvzov  dgocov  ’Hovg. 
Auf  einem  Vasenbild  der  besten  Zeit  schwebt 


Eos  (als  Naturerscheinung)  1256 

die  beflügelte  Eos  ( AOS ) mit  sternenbesätem 
Gewand  durch  die  Luft,  in  beiden  Händen 
grofse  Krüge  (mit  Tau)  tragend,  von  welchen 
sie  einen  ausgiefst,  Millingen , TJned.  mon.  pl.  6 
(s.  d.  Abbildg.  S.  1257/8).  Ebenfalls  aus  der 
griechischen  Kunst  stammt  die  anmutige  Gruppe 
der  von  der  Taugöttin  getragenen  Morgenröte, 
wodurch  der  von  der  ersteren  ausgegossene 
Tau  als  Gabe  der  Eos  .erscheint,  auf  dem  Pan- 
zer des  Augustus  von  Porta  Prima  {Mon.  d. 
Inst.  6.  7.  T.  84.  0.  Jahn,  Popul.  Aufs.  288), 
und  in  mannigfacher  Variation  auf  römischen 
und  campanischen  Wandgemälden.  Deshalb 
heifst  Aurora  bei  lateinischen  Dichtem  roscida 
{Sil.  Ital.  1,  576.  Ps-Ovid.  Cons.  ad  Liv.  292), 
und  Ovid  {Met.  13,  621)  führt  mit  poetischer 
Wendung  den  Morgentau  der  Erde  auf  die 
Thränen  zurück,  die  Eos  um  ihren  Sohn  Mem- 
non  weint. 

D er  Ort,  von  dem  aus  die  frühgeborene  Eos 
sich  jeden  Morgen  erhebt,  ist  nach  dem  home- 
rischen Glauben  der  Okeanos,  vgl.  T 1:  ’Hwg 
ysv  v.QO%onsnXog  an  Jlnsavoüo  qoixcov  ojqvvtO', 
am  Okeanos  hält  Athene  die  Eos  zurück,  um 
den  Anbruch  des  Tages  zu  verzögern  244. 
Ebenso  hymn.  Hom.  3,  185.  4,  227,  wo  nag’ 
Pnsavoio  gorjg  erklärt  wird  durch  snl  nsigad 
yaege,  die  Grenzen  der  Erde,  vgl.  Apollon.  Arg. 

I,  1281.  Quint.  Sm.  9,  2.  Denn  dies  ist  in 
jenem  Ausdruck  mit  Okeanos  gemeint:  die 
äufserste  Ferne,  worunter  der  äufserste  Osten 
zu  verstehen  ist,  in  welchem  sich  auch  Helios 
erhebt,  weshalb  goig  auch  den  Osten  als  Him- 
melsgegend bedeutet,  s.  Völcker  S.  42.  Vom 
Okeanos  erhebt  sich  Eos  auch  bei  Mimnerm. 
fr.  12  und  bei  den  Späteren,  Theoikr.  2,  148. 
Verg.  Aen.  4,  129.  Quint.  Smyrn.  5,  395.  6,  1. 

II,  330,  sowie  auf  Vasenbildern,  Gerhard,  Lichtg. 
3,  1;  ders.  Auserl.  Vas.  2,  80.  Denselben  Sinn 
wie  der  Okeanos  hat  es,  wenn  das  Land  der 
Äthiopen  als  der  Aufenthalt  der  Eos  genannt 
wird,  Eurip.  fr.  771.  Scrv.  ad  Aen.  1,  489; 
denn  auch  sie  wohnen  im  äufsersten  Osten, 
Völcker  a.  a.  0.  87.  Viele  Schwierigkeit  für 
die  Erklärung  macht  dagegen  Odyss.  y 1 f., 
nach  welcher  Stelle  Odysseus  auf  der  Rückkehr 
vom  Hades  im  äufsersten  Westen  an  die  Insel 
Aiaia  gelangt,  „wo  der  frühgeborenen  Eos 
Wohnung  und  Tanzplätze  sind  und  der  Auf- 
gang des  Helios“.  Die  Erklärung  von  Schwenck, 
Philol.  15,  577,  Homer  nehme  eine  Insel  fern 
am  Ende  der  Welt  an,  wo  Helios  und  Eos, 
nachdem  sie  den  Himmel  durchwandert,  nachts 
ruhen,  ist  allerdings  nicht  zulässig,  da  Eos, 
wie  wir  gesehen , bei  Homer  noch  nicht  die 
ganze  Himmelsbahn  durchläuft.  Dagegen  ist 
wohl  an  die  Neigung  der  Griechen  zu  erin- 
ern,  die  Dinge  im  Osten  und  Westen  sich  ent- 
sprechend zu  denken,  hier  wie  dort,  wo  die 
Sonne  am  nächsten  zu  sein  scheint,  ein  Sonnen- 
land mit  Äthiopen  u.  s.  w.  anzunehmen ; vgl.  Völ- 
cker 92.  130  u.  oben  S.  108.  Hierzu  forderte  in 
Beziehung  auf  Eos  gerade  diejenige  Erscheinung 
am  westlichen  Abendhimmel  auf,  welche  ja 
dem  Morgenrot  am  östlichen  genau  entspricht, 
das  Abendrot,  welches  mit  Unrecht  dem  süd- 
lichen Himmel  abgesprochen  worden  ist;  vgl. 
Welcher,  Gr.  Götterl.  1,  684.  Bei  Nonnos  18, 


1257  Eos  (als  Naturerscheinung) 

155  wenigstens  findet  sich  noch  Eos  als  Göt- 
tin des  Abendrots,  wie  auch  zuweilen  Ushas, 
Sonne,  Kuhns  Zeitschr.  10,  365.  Wenn  aber 
auch  Eos  zuweilen  mit  ihren  Gespielinnen  sich 
auf  Aiaia  am  Tanze  erfreut  (wie  Ushas,  Sonne 
a.  a 0.  359.  360),  so  ist  doch  ihr  bleibender 
Aufenthalt  am  östlichen  Okeanos  zu  den- 
ken , wo  sie  mit  ihrem  Gemahl  Tithonos 
zusammen  wohnt.  Vereinzelt  endlich  ist, 
auch  von  ihrem  Aufgang  über  dem 
Kaukasos  (Apollon.  Arg  3, 1223)  oder 
über  dem  Phlegion  in  Kleinasien  ( Ly - 
Icophr.  16)  die  Rede. 

Von  ihrer  Erscheinung  ist  es 
besonders  die  Farbenpracht, 
welche  die  Dichter  besingen 
(Rigveda  9,  2 Ludwig:  die 
farbenreiche ; 12, 4 die  bunte; 

15,3  die  farbenreichen  Strah- 
len der  Ushas),  meist  in 


der  Form  eines 
Epithetons,  das 
wenigstens  bei 
den  griechi- 
chen  Dichtern 
m individuell 
mschaulicher 
Weise  dieFarbe 
hren  Händen, 

\rrnen  und  Flü- 
geln, ihrem  Ge- 
vand  und  ihren 
tossen , nicht 
hr  selbst  bei- 
egt (auch  Rig- 
eda  7,  77,  2 
schimmerndes 
lewand  tra- 
end,  wuchs  sie 
n Pracht“  bei 
I.  Müller,  Ks- 
igs  1,37).  Da- 
in gehört  vor 
llem  das  horne- 
sche  Qododdx.- 
üog,  das  sehr 
31-schieden  er- 

lärtwird.  Wel-  60 

:er , Griech.  Götterlehre  1,  683  versteht  dar- 
iter  die  rötlich  unterlaufenen  Fingerspitzen 
2i-  zarten  weiblichen  Jugend,  während  man 
merdings  meist  die  der  Morgenröte  am  süd- 
:hen  Himmel  vorhergehende  Erscheinung 
senfarbiger  Strahlen,  die  den  Fingern  einer 
and  gleichen,  zur  Erklärung  des  Wortes  zur 
ilfe  nimmt,  Preller  l2,  343.  — Jordan,  Jahrb. 


Eos  (als  Naturerscheinung)  1258 

f.  Philol.  1873  S.  80  nimmt  es  als  die  „Rosen- 
fasserin“ von  dccKtvlos  Nehmer,  Fässer,  also: 
„die  rosenstreuende  Frühe“;  ähnlich  J.  Grimm 
nach  neugriechischen  und  altdeutschen  Vor- 
stellungen „die  rosenlachende“  ( Mytli . 1054). 
Im  Grunde  ist  es  ein  einfaches  Bild,  das  kei- 
ner weiteren 
Erklärung  be- 
darf, die  von 
einer  Lichtgott- 
heit ausgehen- 
den Strahlen 
ihre  Hände  oder 
Finger  zu  nen- 
nen, wie  schon 
im  Veda  der 
Sonnengott  Sa- 
vitar  „Gold- 
hand“, „goldhändig“ 
heifst  (Rigv.  1,  22,  5. 
35,  9 bei  M.  Müller, 
Vorles.  2, 410  Böttger)-, 
derselbe  wird  auch 
„ schönfingrig  “ ge- 
nannt (Rigv.  134,  4 
Ludiv.),  und  137,  1.  5 
ebendas,  heifst  es  von 
ihm:  „Emporgestreckt 
hat  Savitar  der  Gott 
seine  goldenen  Arme“ 
und  139,  2 „die  gold- 
nen,  reichen  Arme  em- 
por bis  an  des  Hirn- 


Eos  den  Morgentau  ausgiefsend 
(nach  Millingen , Anc.  uned.  mon. 
pl.  6;  vgl.  S.  1256,  lff.). 


mels  Enden“.  Auch  aufser  Homer 
(an  27  Stellen)  gebrauchen  es  die 
Früheren  nur  von  Eos,  lies.  Op.  610;  Anacr. 
55,  16.  Mimnerm.  fr.  12.  Die  Rosenarmige, 
godomri^vg,  heifst  sie  Hymn.  Hom.  31,  6.  Pfheohr. 
2,  147.  Im  übrigen  findet  sich  zur  Bezeich- 
nung der  roten  Farbe  bei  den  griechischen 
Dichtern  nur  noch  SQv&aivogsvg,  Orph.  hymn. 
77,  2;  die  römischen  legen  dieselbe  (aufser 
Ovid.  Met.  3,  184  purpurea  aurora)  in  der 
Regel  ihren  Rossen  und  ihrem  Wagen  bei, 
roseis  quadrigis  Verg.  Aen.  6,  535.  roseis  bigis 
7,  25.  Val.  Flacc.  2,  261;  puniceis  invecta  ro- 
tis  Aurora  rubebit , Verg.  Aen.  12,  77.  Die 
gelbe  Farbe,  die  besonders  vor  Sonnenaufgang 
eintritt,  schreibt  Homer  ihrem  safranfarbigen 
Gewände  zu  (-/.Qo-nonsnlog  T 1 © 1);  darnach 
bei  den  römischen  Dichtem  lutea  (Verg.  Aen. 
7,  25.  Ovid.  Met.  7,  702)  und  croceis  equis,  Ps.- 
Ovid.  Cons.  Liv.  292.  Das  strahlende  Weifs, 
das  oft  neben  dem  Rot  und  Gelb  erscheint, 
bezieht  Euripides  auf  ihre  weifsen  Flügel  (Isu- 
uömsQog  Troad.  847),  doch  auch  Electr.  730 
auf  ihr  Ange3icht(lsuKÖj'7r9döco7ror  uovg) ; Aesch. 
Pers.  386  u.  Soph.  Ai.  673  IsvAonmXog  auf  ihre 


1259  Eos  (als  Naturerscheinung) 

weifsen  Rosse,  ebenso  Theokr.  13,  11  Xsvv.ni- 
nog.  Verg.  Georg.  1,  447  pallida.  Auch  die 
verschiedenen  Farben  neben  einander  zur  An- 
schauung zu  bringen,  haben  die  römischen 
Dichter  versucht  ( Tibull . 1,  3,  94  roseis  Can- 
dida equis ; Verg.  Aen.  7,  25  roseis  fulgebat 
lutea  bigis) , wie  in  den  Veden  „die  lichten, 
roten  Rosse  die  Strahlengöttin  Frührot  her- 
führen“ ( Schräder  a.  a.  0.  48).  Während  die 
angeführten  Stellen  das  farbenprächtige  Bild 
der  eben  den  Tag  heraufführenden  Göttin  zu 
veranschaulichen  suchen , ist  es  wohl  nicht 
Zufall,  dafs  ebenso  regelmäfsig  da,  wo  die  Göt- 
tin nicht  unmittelbar  in  dieser  ihrer  Thätig- 
keit,  sondern  in  rein  mythologischer  Beziehung, 
z.  B.  als  Mutter  des  Memnon  oder  zur  blofsen 
Zeitbezeichnung  genannt  wird,  ihr  nur  solche 
Epitheta  gegeben  werden,  welche  sie  allge- 
mein und  bleibend  als  clie  „glänzende“  be- 
zeichnen, so  rpuBLvq  bei  Homer  8 188;  cpcxsv- 
väg  vlqv  ’Aoog  Pind.  Nem.  6,  59;  cpcuvoXcg 
Sapph.  fr.  95 ; Hymn.  Horn.  5,  51;  launnocpa/'g 
Orph.  hymn.  77,  2;  cpcuäga  Schol.  Pind.  Nem. 
6,  85;  xaLLcpsyyr/g  Eurip.  Hipp.  455;  ylavnfi 
Theokr.  16,  5;  aiylrjsoacc  Quint.  Sin.  1,  826; 
cpaeoqpogog  ib.  2 , 186.  656.  Eigentümlich  ist 
das  Beiwort  %iovoßXicp<xQog  mit  schneeweifsen 
Augenlidern  ( Dionysius  hymn.  2,  7),  welches 
von  Bellermann  z.  d.  St.  auf  den  weifsen  Glanz- 
schimmer bezogen  wird,  der  zuweilen  vor  Auf- 
gang der  Sonne  am  Himmel  zu  sehen  sei.  Es 
scheint , dafs  hierbei  an  die  schlafende  Eos 
gedacht  wird,  wie  in  den  angeführten  Stellen 
bei  Quintus  Smyrnaeus.  Dieselbe  Farbenpracht 
kommt  ihrer  Wohnung  und  ihrer  ganzen  Um- 
gebung zu:  Ovid.  Met.  2,  112:  rutilo  patefecit 
ab  ortu  purpureas  Aurora  fores  et  plena  rosa- 
rum  atria.  Das  Offnen  der  Himmelsthore,  das 
ihr  aufserdem  nur  noch  bei  Quint.  Sni.  2,  665 
zugeschrieben  wird,  beruht  auf  alter  Anschau- 
ung und  wird  auch  der  Ushas  beigelegt,  Rigv. 
2,  15  Ludiv. 

Nur  ein  Ausdruck  der  Naturerscheinung  ist. 
ihre  eigene  Gestalt  und  persönliche  Erschei- 
nung, die  als  überaus  herrlich  und  glänzend 
geschildert  wird;  Homer  nennt  sie  oft  die 
„goldthronende“  xqvgo&qovos  o 250 , zuweilen 
auch  iv&Qovog  z 342  (wie  auch  die  deutsche 
Mythologie  der  Sonne  einen  Thron  giebt 
(If.  Müller,  Essays  2,  69);  ebenso  xQVGoQoovog 
Hymn.  Hom.  4,  226.  Quint.  Sm.  2,  592.  14,  1. 
Den  Goldglanz  der  ganzen  Erscheinung  will 
wohl  auch  Sappho  fr.  18  durch  igvoonidilog, 
Quint.  Sm.  5,  395  durch  xQvafjvcog  ausdrücken; 
vgl.  Rigv.  8,  2.  17,  2 „die  goldfarbige“.  Des- 
halb ist  sie  schön  von  Angesicht:  wie  Eos 
beim  Aufgang  ihr  schönes  Antlitz  zeigt , so 
strahlt  der  Helena  Schönheit,  singt  Theokr.  8, 
26,  noch  ganz  ähnlich  wie  Rigv.  4,  6.  6,  11. 
17,  2.  Homer  nennt  sie  ivnXonccgog  ( s 390), 
Ovid.  Met.  7,  705:  roseo  ore,  namentlich  aber 
leuchtet  ihr  heller  Glanz  aus  den  Augen:  cd- 
ylfpGGcc  cp asivocg  bugacc,  Apollon.  Arg.  1,519; 
%aQOTtf]  ib.  1,  1280;  auch  ßoämig , Quint.  Sm. 
2,  643.  Die  Kunst  suchte  durch  reichen  Schmuck 
das  Glänzende  ihrer  Erscheinung  auszudrücken, 
sie  gab  ihr  eine  Strahlenkrone,  Gerhard , Lichtg. 
Tf.  3,  1.  Stephani,  Nimbus  u.  Strahlenkranz 


Eos  (als  Naturerscheinung)  1260 

S.  61,  und  reichverzierte  Gewänder,  Gerhard, 
A.  Vas.  79.  80;  vgl.  0.  Jahn,  Arch.  Beitr.  94 
u.  unt.  S.  1276.  Namentlich  aber  dienen  die 
grofsen  Schulterflügel,  die  ihr  fast  immer  ge- 
geben werden,  nicht  blofs  die  Raschheit  des 
Erscheinens  und  der  Ausbreitung  der  Morgen- 
röte zu  charakterisieren,  sondern  auch  ihre 
Gestalt  über  das  Gewöhnliche  herauszuheben 
(s.  unten  die  Bildwerke).  Erst  auf  späteren 
Darstellungen,  Gemmen,  Reliefs,  Münzen,  fehlen 
dieselben  zuweilen,  vgl.  Gerhard,  A.  V.  S.  6. 
So  vereinigen  sich  alle  diese  Züge  zu  einem 
Bild  hoher,  göttlicher  Schönheit,  und  beson- 
ders um  ihrer  Schönheit  willen  (ncdri  I 707) 
kommt  ihr  das  Prädikat  einer  Göttin  zu , da 
sie  ja  fast  keinen  auf  die  Menschen  sich  er- 
streckenden Wirkungskreis  und  keinen  Kultus 
hat.  Homer  nennt  sie  oft  Sicc  (z  342),  einmal 
fff«  ( B 48,  ebenso  Hes.  Theog.  380);  ihre  Er- 
20  liabenheit  wird  {Hymn.  Hom.  4,  223)  durch 
nozvia  ausgedrückt  und  {Orph.  hymn.  77,  8) 
ihr  erhabener  Anblick  hervorgehoben;  bei 
Quint.  Smyrn.  1,  48  f.  überragt  sie  die  beglei- 
tenden Horen  alle  an  Schönheit. 

Am  meisten  aber  findet  die  Majestät  ihrer 
Erscheinung  in  dem  mit  Rossen  bespann- 
ten Wagen  Ausdruck,  der  sie  bei  Dichtern 
wie  auf  Bildwerken  am  Himmel  emporträgt. 
Derselbe  ist  nicht  etwa  blofs  dem  Helioswagen 
30  nachgebildet , sondern  gehört  offenbar  zum 
ältesten  Gemeingut  der  Jndogennanen:  auch 
in  den  Veden  ist  sie  reich  an  Kossen,  Rigv. 
2,  2 Ludiv. ; sie  besteigt  den  schöngestaltigen 
(3,  2)  flammenden  (6,  17)  Wagen;  es  naht  die 
schöne  auf  allgeschmücktem  Wagen  (15,  6); 
und  nicht  blofs  als  von  Rossen  gezogen  wird 
sie  daselbst  dargestellt,  sondern  — was  wohl 
die  allerälteste  Vorstellung  repräsentiert  — 
selbst  mit  einem  Rofs  verglichen  (JA  Müller, 
ro  Sprachw.  Vorl.  p.  518.  521).  Wenn  auch  die 
Erwähnung  des  Eoswagens  erst  den  späteren 
Gesängen  Homers  {ip  243)  angehört,  so  giebt 
doch  dieselbe  ein  schon  sehr  ausgeführtes  Bild, 
während  der  Helioswagen  bei  Homer  noch 
ganz  fehlt.  Nach  der  Wiedervereinigung  des 
Odysseus  mit  Penelope  verlängert  Athena  die 
Nacht:  „die  goldthronende  Eos  aber  hielt  sie 
am  Okeanos  zurück,  und  liefs  sie  nicht  ihre 
schnellfüfsigen  Rosse  anschirren,  welche  den 
so  Menschen  das  Licht  bringen,  Lampos  und  Pha8- 
thon,  die  in  Jugendkraft  die  Eos  herführen.“ 
Phaethon,  der  Strahlende,  ist  auch  Beiname  des 
Helios,  Phaethusa  und  Lampetie , die  Leuch- 
tende, werden  g 132  dessen  Töchter  genannt. 
Noch  dem  Ewripides  dient  der  Eoswagen  zu 
schönen  poetischen  Bildern;  Troad.  855  nennt 
er  ihn  ccgzsqcov  zsfrQtnTiog  jjjgticfog  6%og  und 
fr.  771  bezeichnet  er  Äthiopien  als  "Eco  epasv- 
veeg  HXtov  ■9’’  irnioGzccGeig'.  dort  stehen  ihre 
eo  Rosse  an  glänzenden  Krippen,  ehe  sie  ausfährt. 
Bei  den  Späteren  blafst  auch  diese  Vorstel- 
lung ab  und  dient  blofs  zur  Dekoration  {Theokr. 
2,  147;  vgl.  13,  11).  Hierher  gehören  die  an- 
geführten Stellen  der  römischen  Dichter,  welche 
Aurora  auf  roseis  bigis  oder  quadrigis  hinan- 
fahren lassen  (wozu  noch  Stat.  Silv.  1,  2,  45 
Tithonia  biga  und  Quint.  Smyrn.  11,  331  hin- 
zuzufügen). Vereinzelt  steht  die  Vorstellung 


1261  Eos  (Mythen;  Tithonos) 

einer  Eos  mit  einem  Rosse  yovönwloq  Eur. 
Orest.  1005,  also  reitend;  auch  scheint  dieselbe 
in  der  Kunst  nicht  vorzukommen,  s.  Furtwäng- 
ler,  Samml.  Saburoff  zu  Taf.  03.  Vielmehr 
fährt  sie  auch  auf  den  bildlichen  Denkmälern 
(s.  unten)  mit  einem  Zwei-  oder  Viergespann, 
das  in  früherer  Zeit  öfter  beflügelt  ist,  was 
das  Aufserordentliche  der  Erscheinung  erhöht. 
Aus  diesen  Flügelrössen  ist  ohne  Zweifel  die 
Deutung  auf  den  Pegasos  zu  erklären,  den  Eos 
sich  nach  dem  Sturze  Bellerophons  von  Zeus 
erbeten  haben  soll  zur  Unterstützung  bei  ihrer 
täglichen  Fahrt  nach  Asklepiades , Schol.  11. 
Z 155;  vgl.  Lykophr.  17  u.  Tzetz.  z.  d.  St.  So 
unterliefs  die  Phantasie  nichts,  dem  Wunder 
der  Morgenröte  in  der  Gestalt  und  Erscheinung 
der  Göttin  Ausdruck  zu  geben. 

II.  Die  Mythen  der  Eos  und  ihre 
Deutung. 

In  ihrer  Genealogie  bei  Hes.  Theog.  371, 
wo  Eos , Helios  und  Selene  die  Kinder  des 
Hyperion  und  der  Theia  genannt  sind,  ist  für 
uns , da  Hyperion  ursprünglich  keine  selbst- 
ständige Gottheit  gewesen  ist,  nur  die  Gleich- 
stellung mit  den  grofsen  Lichtern  des  Him- 
mels bemerkenswert,  da  hierin,  wie  oben  be- 
merkt, ihre  höhere  Bedeutung  in  früherer  Zeit 
sich  ausspricht.  Dieselbe  Ableitung  hat  auch 
Apollodor  1 , 2 , 2 und  Hygin.  p.  30  Bunte. 
Statt  Theia  nennt  Hymn.  Horn.  31,  4 Eury- 
pliaessa  als  Gattin  Hyperions  und  Mutter  der 
drei  Lichtgottheiten.  Die  Orphischen  Hymnen 
7,  4 nennen  dagegen  statt  ftyperion  den  ur- 
sprünglich mit  ihm  identischen  Helios  Vater 
der  Eos.  Erst  bei  Quint.  Smyrn.  2 , 025  er- 
scheint die  ambrosische  Nacht  als  ihre  Mutter. 
Beide  aus  dem  Wesen  der  Eos  von  selbst  sich 
ergebenden  Vorstellungen  verbinden  die  Veden, 
wo  Ushas  Tochter  des  Himmels  (17,  6.  21,  3 
Ludiv.)  und  Schwester  der  Nacht  heifst  {Bv.  7, 
7,  1 bei  Müller,  Essays  2,  124).  Vereinzelt 
steht  bei  Ovid  Met.  9,  421  die  Benennung 
Pallantias,  Tochter  des  Giganten  Pallas. 

Um  so  eigenartiger  aber  ist  der  Mythos 
von  Tithonos.  Schon  Homer  kennt  ihn  als 
Gemahl  der  Eos  in  den  gleichlautenden  Ver- 
sen A 1.  s 1:  ,,Eos  erhob  sich  von  ihrem  Lager, 
von  der  Seite  des  erlauchten  Tithonos , um 
Göttern  und  Menschen  das  Licht  zu  bringen“, 
was  erst  spätere  Dichter  nachgebildet  haben 
(Verg.  Georg.  4,  447  und  Quint.  Smyrn.  6,  1, 
welcher  gewifs  im  Sinn  Homers  das  Lager  des 
Tithonos  am  Okeanos  sich  denkt).  Im  übrigen 
wird  nur  noch  seine  Abstammung  erwähnt, 
indem  die  Genealogie  des  troischen  Königs- 
hauses Y 237  Laomedon  seinen  Vater,  Pria- 
mos  seinen  Bruder  nennt.  Hieran  haben  auch 
die  meisten  Späteren  festgehalten,  Apollod.  3, 
12,4.  Schol.  Find.  Ol.  2, 148.  Schol.  II.  F151. 
A 5,  wo  er  der  Sohn  des  Laomedon  und  der 
Skamandrostochter  Strymo  heilst,  weshalb  er 
Lykophr.  16  (nebst  Schol.  Tzetz.)  als  Stiefbru- 
der des  Priamos  bezeichnet  wird.  Servius  da- 
gegen zu  Georg.  1,  447.  Aen.  1,  489  nennt  ihn 
Laomedons  Bruder.  Eine  nähere  Veranlassung, 
den  Tithonos  dem  troischen  Königshaus  zuzu- 


Eos  (Mythen;  Tithonos)  1262 

teilen,  als  das  allgemeine  Streben,  ihm  seine 
Heimat  im  Osten  anzuweisen  läfst  sich  nicht 
erkennen;  man  müfste  denn  nur  eine  Moti- 
vierung der  Teilnahme  des  Memnon  am  troi- 
schen Krieg  (s.  unten)  darin  sehen  wollen  und 
die  Memnonsage  für  älter  halten  als  jene  aller- 
dings späte  Genealogie.  Gewifs  im  Sinn  der 
homerischen  Auffassung  von  Tithonos  war  es 
auch,  wenn  ihn  die  Späteren  im  Unterschied 
von  Eos’  sonstigen  Geliebten  als  ihren  Gemahl 
bezeichnen,  Eur.  Troad.  854  nöoig-,  Ov.  Met. 
9,  421.  Serv.  Georg.  3,  328,  und  sie  als  Titho- 
nia  coniunx,  Verg.  Aen.  8,  384.  Ovid.  Iler.  17, 
111.  Sil.  Ital.  1,  576.  Erst  nach  Homer,  je- 
doch allgemein  und  einstimmig  wird  berichtet, 
dafs  Eos  den  Tithonos  wegen  seiner  Schön- 
heit geraubt  und  so  zu  ihrem  Gemahl  gemacht 
habe  {Hymn.  Horn.  4,  218:  ggnaasv  — snisC- 
ntkov  ä.&avuxoLGL),  von  Liebe  zu  ihm  ergriffen 
( Apollod . 3,  12,  4.  Schol.  II.  F151.  4 5.  Athen. 
13,  566D.;  Schol.  Apollon.  Arg.  3,158.  Eustath. 
ad  Horn.  p.  825,  51),  denn  seine  Schönheit  war 
so  grofs,  dafs  sie  sprichwörtlich  wurde,  Tyrt. 
fr.  12,  5.  Auf  ihrem  goldenen  Wagen  ent- 
führte sie  ihn  in  die  Lüfte,  Eur.  Troad.  855; 
vergl.  Ilorat.  Carrn.  1,  28,  8.  Serv.  Verg. 
Georg.  3,  48  proeliantern  rapuit.  Aen.  4,  585. 
Stat.  Silv.  1,  2,  44.  Nach  einigen  brachte  sie 
ihn  nach  Äthiopien  {Apollod.  3,  12,  4.  Schol. 
II.  A 5) , nach  dem  Land  des  fernen  Ostens 
am  Okeanos,  von  dem  sie  täglich  ausfährt. 
Diodor  4 , 75  läfst  ihn  (euhemeristisch)  als 
Laomedonssohn  von  Troia  einen  Feldzug  nach 
Äthiopien  machen  und  dort  mit  Eos  den  Mem- 
non erzeugen;  er  macht  ihn  sogar  2,  22  zu 
einem  assyrischen  Statthalter,  wohl  auch  mit 
Bezug  auf  das  Memnonion  in  Susa;  vgl.  Ja- 
cobs, Verm.  Schriften  4,  4.  Kunstdarstellungeu 
mit  dem  Raub  des  Tithonos  sind  nicht  sicher ; 
vgl.  gegen  Stephani,  C.  B.  1872  S.  187f.  die 
Bemerkungen  Furtwänglers,  Arch.  Ztg.  40,  350. 
Von  den  Schicksalen  des  Tithonos  in  der  Ehe 
mit  Eos  giebt  der  homerische  Hymn.  in  Ven. 
4,  220  eine  zusammenhängende,  farbenreiche 
Erzählung:  Nachdem  Eos  ihn  geraubt,  ging 
sie  zu  Zeus  und  bat  ihn  für  den  Geliebten  um 
ein  unsterbliches  Leben,  und  Zeus  gewährte 
es;  aber  um  ewige  Jugend  zu  bitten,  hatte  sie 
vergessen.  So  lange  er  nun  in  lieblicher 
Jugend  strahlte,  wohnte  er,  der  Liebe  der  gold- 
thronenden Eos  sich  freuend,  bei  ihr  am  Okea- 
nos; als  ihm  aber  grau  die  Haare  vom  schönen 
Haupt  und  am  edlen  Bart  herabfielen,  seitdem 
enthielt  sie  sich  seines  Lagers ; doch  pflegte 
sie  ihn  im  Palaste  mit  ambrosischer  Speise 
(vergl.  oben  S.  280,  65)  und  gab  ihm  schöne 
Gewänder.  Aber  als  er  ganz  alt  gewor- 
den und  seine  Glieder  nicht  mehr  rühren 
konnte,  da  hielt  sie  ihn  im  Schlafgemach 
hinter  verschlossenen  Thriren,  und  so  tönt 
nun  seine  Stimme  unaufhörlich  aber  ohne 
Kraft.  Sonst  finden  sich  nur  Anspielungen  auf 
diesen  Mythus , die  ihn  als  bekannt  voraus- 
setzen und  nur  in  Nebendingen  abweichen. 
Das  ewige  Alter  des  Tithonos  erwähnt  Mirn- 
nerni.  fr.  4.  Dafs  Tzetz.  Lykophr.  16  die  Ver- 
leihung der  Unsterblichkeit  der  Eos  selbst  zu- 
schreibt statt  dem  Zeus,  ist  wohl  nur  Kürze 


io 

20 

30 

40 

50 

60 


1263  Eos  (Mythen;  Memnon) 

des  Ausdrucks.  Dagegen  läfst  das  Schol.  II.  A 5 
den  Tithonos  die  Eos  um  Unsterblichkeit  bit- 
ten und  die  ewige  Jugend  vergessen.  Yon 
dem  Zusammensein  mit  Tithonos  gebraucht 
Eurip.  Troad.  852  die  Worte:  zsxvonoiov 
t'xovaa  Tiooiv  iv  &<xXdyois.  Öfter  wird  sein 
Dahinschwinden  im  hohen  Alter  erwähnt,  von 
Horcd.  Carm.  2,  16,  30,  Ovid  Met.  9,  421,  Pro- 
pert.  3,  18,  der,  entgegen  dem  homerischen 
Hymnus,  Eos  auch  des  greisen  Tithonos  Lager  io 
mit  unverminderter  Zärtlichkeit  teilen  läfst. 
Die  Pflege , welche  die  jugendliche  Eos  dem 
altersschwachen , auf  kostbarem  Lager  ausge- 
streckten Tithonos  angedeihen  läfst,  ist  dar- 
gestellt auf  dem  Relief  eines  volcentischen 
Goldschmucks,  Gerhard,  Lichtg.  Tf.  4,  4.  Die 
kurze,  muldenförmige  Gestalt  des  Lagers,  in 
welchem  der  kleine,  schwächliche  Tithonos  in 
gekrümmter  Stellung  liegt,  macht  es  wahr- 
scheinlich, dafs  diese  seltsame  Darstellung  nach  20 
Tzetz.  Lykophr.  16  zu  erklären  ist:  „er  wurde 
so  alt,  dafs  er  wie  ein  kleines  Kind  in  einem 
Korbe  oder  Wiege  ( IGvco ) schlief;  endlich  ver- 
wandelte sie  ihn  in  eine  Cikade.“  Dieser  letzte 
und  späte  Ausläufer  der  Sage,  die  Verwand- 
lung des  Tithonos  in  eine  Cikade,  ist  wohl 
eher  aus  dem  Schlufs  der  angeführten  Erzäh- 
lung des  Hom.  Hymnus  zu  erklären  v.  237 : 
TOV  8’  i\toi  cpcovt]  Q£L  uanszog  ovds  XL  HLHVQ 

(Spannkraft)  toxi,  als  nach  Welcher,  Griech.  30 
Götterl.  1,  686  aus  der  Vergleichung  der  Greise 
mit  Grillen,  II.  F 150.  Am  vollständigsten 
berichtet  hierüber  Schol.  II.  Ah:  da  Tithonos 
das  Leben  nicht  mehr  geniefsen  konnte  , .bat 
er  Eos  ihn  vom  Leben  zu  erlösen;  da  verwan- 
delte sie  ihn  in  eine  Cikade , um  sich  fort- 
während an  seiner  Stimme  zu  erfreuen.  Die 
Verwandlung  in  die  Cikade  erwähnen  auch 
Schol.  II.  F 151.  Sero.  Verg.  Georg.  1,  447. 

3,  328.  Aen.  4,  585.  40 

Aus  des  Tithonos  Verbindung  mit  Eos  ging 
der  berühmte  Memnon  hervor.  Die  Sage  von 
Memnons  Teilnahme  am  troischen  Krieg  ist 
jünger  als  die  Ilias  und  erst  auf  Grundlage  der 
letzteren  gedichtet  ( Bohert , Bild  u.  Lied  114. 
119),  dagegen  der  Odyssee  bekannt  (8  188), 
welche  ihn  auch  schon  den  „herrlichen  Sohn 
der  glänzenden  Eos“  und  den  schönsten  der 
Männer  nennt  (t  522);  und  in  der  Aithiopis 
bildete  dieselbe  einen  der  Hauptgegenstände.  50 
Vollständiger  berichtet  die  liesiodisclie  Theogo- 
nie  v.  984 : „Dem  Tithonos  gebar  Eos  den  erz- 
gerüsteten Memnon,  den  König  der  Athiopen, 
und  den  Herrscher  Emathion“;  ebenso  nennt 
Pindar  Ol.  2 , 83.  Nein.  6,  59  Memnon , „den 
Eossohn,  den  Äthiopen.“  Apollodor  3,  12,  4 
folgt  dem  Hesiod,  ebenso  die  Scholien  zu  den 
genannten  Pindarstellen  und  die  ohen  ange- 
führten Scholien  zu  Homer  und  Lykophron,  die 
immer  auch  den  Emathion  als  seinen  Bruder  60 
anführen.  Von  den  Schicksalen  Memnons  ist 
hier  nur  zu  erwähnen,  was  auf  Eos  Bezug  hat; 
eine  zusammenhängende  Erzählung  bietet  nach 
dem  Verlust  der  Aithiopis  nur  noch  Quint.  Sm. 

I.  2 , dagegen  ist  die  Auffassung  des  alten 
Epos  durch  eine  Reihe  von  Denkmälern  ver- 
treten, welche  den  im  Altertum  hochberühm- 
ten Zweikampf  zwischen  Achilleus  und  Mem- 


Eos  (Mythen;  Deutung)  1264 

non  in  Anwesenheit  ihrer  Mütter  darstellen 
(s.  unten  Eos  in  d.  Kunst  Abschn.  1).  Aischylos 
liefs  in  seiner  Wv%ootccglcc  die  beiden  Göttinnen 
mit  der  Bitte  um  das  Leben  ihrer  Söhne  zu 
Zeus  treten,  der  in  einer  Wage  das  Los  der 
Kämpfenden  abwägt  [Flut,  de  aud.  poet.  2. 
Aristonikos  in  Schol.  II.  © 10).  Dem  entsprach 
die  Gruppe  des  Lykios,  Myrons  Sohn,  zu  Olym- 
pia {Paus.  5,  22,  2),  während  auf  den  Vasen- 
bildern b.  Overbeck,  hier.  Bildtv.  p.  526  n.  64.  65 
( Mon . d.  Inst.  6,  5a?)  Hermes  statt  Zeus  die 
Wägung  vornimmt  (vielleicht  nach  der  Aithio- 
pis; vgl.  Bohert  a.  a.  0.  143).  Aber  Memnons 
Schale  sinkt  und  Eos  sieht  den  geliebten  Sohn 
fallen.  Nun  ergreift  sie  nach  der  Aithiopis 
(wie  nach  Aischylos)  seine  Leiche  und  trägt 
sie  durch  die  Lüfte  ins  Athiopenland  (vergl. 
Aelian.  Hist.  an.  5,  1).  Darnach  sehen  wir 
auf  den  Vasenbildern  des  5.  Jahrh.  die  geflü- 
gelte Göttin  mit  Memnon,  dessen  Glieder  schlaff 
herabhängen,  durch  die  Lüfte  enteilen,  Millin- 
gen, anc.  mon.  1,  5 schwarzfig. ; sodann  Over- 
beck n.  73,  nicht  auch  75;  vergi.  Bohert,  Tha- 
natos  S.  llf. ; oder  aber  am  Ziel  angekommen 
den  Leichnam  niederlegen,  indem  sie  sich  liebe- 
voll zu  dem  Sohn  niederbeugt,  wie  auf  der 
Durisvase  Fröhner , choix  de  vases  grecs  pl.  2 
(s.  d.  Abbild.  S.  1265/6  nach  den  Wiener  Vorlege- 
blättern)  und  auf  einer  späteren  Vase  im  Bar- 
bakeion, abgebildet  bei  Bohert,  Thanatos  S.  17. 
Nach  der  späteren  Dichtung  des  Quint.  Sm. 
2,  550  läfst  Eos  seine  Leiche  durch  ihre  Söhne, 
die  Winde,  ans  Ufer  des  Aisepos  tragen.  Dann 
bittet  sie  nach  der  Aithiopis  den  Zeus  für  Mem- 
non um  Unsterblichkeit;  ebenso  nach  Ovid,  Met. 
13,  581  f.,  wo  sie  sich  so  der  Trauer  überläfst, 
dafs  die  Morgenröte  erbleicht  und  ihre  Thrä- 
nen  die  Erde  mit  Tau  benetzen.  Ihre  Trauer 
auch  bei  Philostr.  im.  1,  7.  Try phiodor.  v.  30, 
weiter  ausgemalt  bei  Quint.  Sm.  2,  549.  Hier 
hüllt  sie  sich  vor  Schmerz  in  W olken,  so  dafs 
sich  die  Erde  verdunkelt;  sie  will  in  die  Unter- 
welt gehen,  um  fortan  nur  dieser  zu  leuchten 
(v.  600);  sie  klagt  die  ganze  Nacht  und  küm- 
mert sich  nicht  um  den  Sonnenaufgang,  bis 
Zeus  durch  seinen  Donner  sie  mahnt  v.  634. 
Die  Totenklage  der  Eos  b.  Overheck  n.  77.  Vom 
zweiten  Sohn  Emathion  wird  nur  berichtet,  dafs 
er  durch  Herakles  seinen  Tod  fand,  da  er  ihn 
die  Hesperidenäpfel  nicht  pflücken  lassen  wollte, 
Schol.  II.  A 5.  Schol.  Pind.  Ol.  2,  148.  Auch 
eine  Schwester  Memnons  wird  genannt,  Hemera 
oder  Himera,  Dictys  Cret.  6,  10. 

Die  Deutung  des  Tithonosmy thos  ist 
in  verschiedenem  Sinn  versucht  worden.  Prel- 
ler, Myth.  I2,  300  erklärte  Tithonos  für  „eine 
Allegorie  des  Tages  in  seinem  sich  ewig  wie- 
derholenden Verlaufe , früh  morgens  frisch 
und  schön,  dann  von  der  Hitze  des  Tages 
gleichsam  aufgezehrt,  verdorrt  und  veraltet.“ 
Schwenck,  Myth.  d.  Gr.  196  u.  Philol.  15,  578: 
Tithonos  ist  darum  ein  grauer  Greis,  weil  die 
Morgenröte  an  dem  grau  dämmernden  Morgen- 
himmel im  Osten  erscheint,  den  man  zu  ihrem. 
Gatten  machte  und  welchen  sie,  von  seinem 
Lager  kommend,  verläfst,  wann  sie  am  Him- 
mel erscheint.  Welcher,  Gr.  Götterl.  685 : „Die 
grauen  Locken  bedeuten  das  Grauen  des  Tages 


1265 


Eos  (Mythen;  Deutung) 


Eos  (Mythen;  Deutung) 


1266 


nach  der  Erscheinung  der  Morgenröte , die 
schönen  Gewänder  die  bunten  Farben,  die  bei 
zunehmendem  Tag  aus  dem  tiefen  Rot  her- 
vorgehen und  sich  weit  verbreiten,  die  Ein- 
sperrung in  das  Schlafgemach  das  gänz- 
liche Verschwinden  des  Morgenrots“ ; also 
Tithonos  den  ganzen  Ver- 
lauf des  Tagesanbruchs. 

Max  Müller , Es- 
says 2*,  77:  Titho- 
nos drücke 
ursprünglich 
die  Idee 
der  Sonne 


Wintersonne  beziehen.  Gerade  die  merkwür- 
digste Vorstellung  aber,  dafs  Eos  den  kraft- 
losen Tithonos  im  Schlafgemach  eingeschlos- 
sen hält,  wo  er  wie  ein  Kind  in  einem  kleinen 
Bette  schläft , kehrt  unter  den  griechischen 
Sonnenmythen  wieder:  Bei  Mimnermos  fr.  12 
Berglc  wird  Helios,  nachdem 
er  seinen  Tageslauf  voll- 
bracht, in  einem  von 
Hephaistos’  Händen 
\ verfertigten, 

M N.  hohlen  Bett 

JS  O \ schlafend 
'l  \ auf  dem 


i 


in  Bezug 
auf  ihren 
Tages  - und 
Jahreslauf  aus, 
oder  kurz  (1 , 345) 
„die  untergehende 
Sonne“.  Müller  tritt 
mit  der  Ableitung 


da 
von 

Sonne  ( Zeitsclir . für  veryl. 

Sprachf.  10,  178)  bei:  Tt- 
ftcovog  = riftscovo  = di- 
dhyäna  der  Leuchtende , also  ein  Sonnen- 
heros. In  der  That  sprechen  die  Hauptzüge 
der  Tithonossage  für  einen  Sonnenmythus. 
Das  Eigentümlichste  an  derselben  ist  das  Alt- 
und  Schwachwerden.  Dies  ist  ein  im  Alter- 


Eos mit  der  Leiche  Memnons 
(nach  Wiener  V orlegeblätter  Taf.  VII). 
vgl.  S.  1264,  24). 


Okeanos 
zu  seinem 
östlichen  Auf- 
gangsort bei  den 
Äthiopen  getragen. 
Der  Okeanos  aber, 
welchem  dieses  Bett 
schwimmt,  ist  ursprüng- 
lich der  Wolkenhimmel 
(s.  Berylc , Jalirb.  f.  Philol. 
1860  p.  389).  Das  schla- 
fende Sonnenwesen,  eine  Vorstellung,  die  sich 
auch  bei  andern  Völkern  findet  (s.  Schwartz  a.  0. 
24.  M.  Müller,  Essays  2,  77),  bedeutet  eben  die 
Abnahme  der  Kräfte.  Allerdings  müfste  Tithonos 
mit  der  erstarkenden  Frühlingssonne  wieder  auf- 


tum geläufiges  Bild  für  die  Abnahme  von  Licht  eo  leben;  statt  dessen  fand  die  Sage,  der  ursprüng- 


und  Wärme  bei  den  Himmelskörpern,  beson- 
ders Sonne  und  Mond;  vgl.  ' HXiov  epQ-Lvccopctru 
( Aesch . Pers.  232) , sol  languidus  ( Lucret . 5, 
756),  luna  senescens  und  die  bei  Griechen  und 
Römern  wie  auch  bei  den  germanischen  Völ- 
kern daran  sich  knüpfenden  Anschauungen, 
'Schivartz,  Poet.  Naturanscli.  1,  175.  225  f.,  die 
sich  besonders  auf  die  verminderte  Kraft  der 


liehen  Bedeutung  desselben  uneingedenk,  an 
der  Ausmalung  seiner  Schwächlichkeit  Gefal- 
len. Auch  die  anderen  Züge  des  Tithonos- 
mythus  zeigen  durchgehende  Übereinstim- 
mung mit  Helios : auch  dieser  hält  täglich 
Rast  bei  den  Äthiopen  am  Okeanos , wo  er 
seinen  Palast,  seine  Frau  oder  Geliebte  hat; 
auch  Helios  ist,  wie  Tithonos,  durch  Schönheit 


1267  Eos  (Mythen;  Orion) 

ausgezeichnet,  auch  bei  ihm  werden  die  schö- 
nen Gewänder  hervorgehoben  (s.  d.  Art.  Helios). 
So  ist  es  erklärlich , dafs  Tithonos  nicht  nur 
nach  Troia,  sondern  in  den  äufsersten  Osten 
versetzt  und  das  gemeinsame  Lager  des  Titho- 
nos und  der  Eos  bei  den  Äthiopen  am  Okea- 
nos  gedacht  wurde,  Eos  aber  sich  zuerst  vom 
Lager  erhebt,  weil  sie  ihm  vorangehen  mufs. 
Auch  im  Veda  ist  Ushas  die  Gattin  des  Son- 
nengottes ( Schräder  a.  a.  0.  48.  Bigv.  128,  2 
Ludw .).  Dafs  Eos  den  Tithonos  raubt,  bedeutet 
nur  die  Erwählung  zum  Geliebten  und  ist  den 
andern  Mythen  von  den  Eoslieblingen  nach- 
gedichtet. Wie  palst  aber  zu  solchen  Eltern, 
einem  Sonnenhelden  und  der  Morgenröte,  als 
Sohn  der  dunkle  Memnon?  Vgl.  nigri  Mem- 
nonis , Verg.  Aen.  1 , 489.  Ovid  am.  1 , 8,  3. 
ex  Ponto  3,  3,  96  und  das  Gemälde  bei  Phi- 
lostratos  Imag.  1,  7.  2,  7,  wo  er  schwarz  dar- 
gestellt war.  Vor  Tagesgrauen,  auf  der  Grenze 
von  Licht  und  Dunkel,  ist  Eos  mit  Tithonos 
vereinigt,  bei  den  Äthiopen,  die  im  äufsersten 
Osten  und  Westen  wohnen,  in  der  Gegend, 
wo  die  Sonne  aus  dem  Dunkel  hervortritt  und 
wieder  in  dasselbe  eintritt.  Deshalb  sind  auch 
die  Äthiopen  die  dunkeln  Menschen,  nicht  weil 
sie  durch  die  Sonnennähe  bei  ihrem  Auf-  und 
Untergang  verbrannt  sind,  wie  Völcher  a.  0.  87 
ohne  alte  Gewähr  annimmt,  während  er  im 
übrigen  klar  beweist,  dafs  die  mythologischen 
Äthiopen  bei  Homer  mit  den  geschichtlichen 
gar  nichts  zu  thun  haben  und  jene  erst  bei 
der  Erweiterung  der  geographischen  Kennt- 
nisse, als  man  die  dunklen  Menschen  in  Afrika 
kennen  lernte,  in  das  südliche  Äthiopien  ver- 
legt wurden.  Und  als  Äthiope  ist  auch  Mem- 
non der  dunkle.  Ganz  in  unserem  Sinn  erklärt 
auch  Servius  das  Vergilische  nigri  Memnonis : 
nigri  autem  dixit , Aethiopis:  unde  prima  con- 
surgit  Aurora,  d.  h.  weil  bei  den  Äthiopen 
Aurora  aus  dem  Dunkel  hervorgeht.  Memnons 
Bruder  aber  ist  Emathion  (von  ggag),  also 
stellen  die  beiden  Brüder  Tag  und  Nacht  vor, 
weil  sie  auf  der  Grenzscheide  von  Tag  und 
Nacht  geboren  sind.  Doch  kommt  die  Licht- 
natur der  Eltern  auch  bei  Memnon  allein  zum 
Vorschein:  wie  AlfHoip  (von  cä'&o'tp)  ein  leuch- 
tendes Dunkel  bezeichnet  (ai'&oip  r.  152  vom 
Rauch  im  Schein  des  Feuers , auch  sonst  von 
dunklem  Glanz),  so  war  auch  Memnon  auf  dem 
philostratischen  Gemälde  (1,7)  trotz  seiner 
dunklen  Farbe  so  dargestellt,  dafs  „ein  gewis- 
ser Jugendglanz  in  der  Schwärze  sichtbar  war.“ 
Denn  auch  Memnon  ist  wie  sein  Vater  xdJ- 
hßTog. 

Anderer  Natur  sind  die  weiteren  Lieblinge 
der  Eos.  Die  Sage  von  Orion  findet  sich 
schon,  wenn  auch  in  kurzen  Zügen,  erwähnt 
bei  Homer  s 121:  unter  den  Sterblichen,  welche 
sich  der  Liebe  von  Göttinnen  erfreuten,  wird 
von  Kalypso  Orion  genannt,  den  die  rosen- 
fingrige  Eos  sich  erwählt.  Denn  er  war  der 
schönste  der  Sterblichen  l 310.  Orion  ist  der 
Riese  des  nächtlichen  Himmels,  der  beim  Er- 
scheinen der  Morgenröte  verschwindet.  Der 
Mythus  aber,  der  überall  persönliche  Hand- 
lung sieht,  macht  Eos  zur  Verfolgerin,  wie  auf 
dem  kunstvoll  gewobenen  Teppich  bei  Eurip. 


Eos  (Mythen;  Keplialos)  1268 

Ion  1158:  r\  cpcoaepogog  "Ecog  SuSxovg’  ccGrga, 
wo  unter  den  Sternen,  die  sie  vor  sich  her- 
scheuclit,  auch  6 ^icprjQrj g ’Pqlcov  genannt  ist. 
Artemis  aber  tötete  ihn  s 123  in  Ortygia  mit 
ihrem  Pfeil,  ohne  Zweifel  aus  Eifersucht,  da 
auch  sie  den  schönen  Jäger  geliebt  hatte. 
Diese  Eigenschaft  als  Jäger,  der  vor  Tages- 
anbruch das  Wild  aufsucht,  trug  vielleicht  von 
anderer  Seite  dazu  bei,  ihn  mit  Eos  in  Ver- 
bindungzubringen. Apollodor  1,  4,  4 erzählt: 
Eos  liebte  den  Orion,  raubte  ihn  und  brachte 
ihn  nach  Delos.  Bildliche  Darstellungen  von 
der  Entführung  des  Orion  durch  Eos  scheinen 
nicht  vorhanden , da  das  von  Jt.  0.  Müller, 
Handb.  § 400,  1 darauf  bezogene  Vasenbild, 
Mus.  Blacas  17  vielmehr  auf  Kephalos  zu  be- 
ziehen ist,  Welcher , a.  I).  3,  61.  Jahn,  Arch. 
Beitr.  96.  Noch  kürzer  spricht  die  Odyssee 
o 250  von  Kleitos,  dem  Sohn  des  Mantios 
aus  dem  Geschlecht  des  Sehers  Melampus: 
„ihn  raubte  die  goldthronende  Eos  wegen  sei- 
ner Schönheit,  damit  er  unter  den  Unsterb- 
lichen wäre;  verg-1.  Athen.  13,  566 D.  Hierauf 
führt  Welcher,  Gr.  Götterl.  1,  687  mit  Recht 
den  Glauben  zurück,  von  dem  Herahleides  c.  68 
berichtet,  dafs  man  von  edelgebornen,  schönen 
Jünglingen,  die  in  der  Blüte  der  Jugend  star- 
ben, sagte,  Eos  habe  sie  geraubt,  d.  h.  in  ein 
besseres  Dasein  versetzt. 

Nicht  homerisch,  aber  schon  von  Hesiocl, 
Theog.  986  erwähnt  ist  die  Verbindung  der 
Eos  mit  Kephalos:  „dem  Kephalos  gebar 
sie  einen  herrlichen  Sohn,  den  Phaethon,  den 
in  zarter  Jugend  Aphrodite  entführte  und  zum 
nächtlichen  Aufseher  ihres  Tempels  machte.“ 
Dafs  Eos  den  Kephalos  wegen  seiner  Schön- 
heit aus  Liebe  raubte,  setzt  Pausanias  1,  3,  1 
bei  der  Erklärung  der  Gruppe  auf  der  Stoa 
Basileios  zu  jener  Stelle  Hesiods  hinzu,  die  er, 
wie  längst  erkannt  ist  ( Welcher , a.  D.  3,  58 
Anm.  8),  vor  Augen  hatte.  Die  Sage  wird  als 
bekannt  erwähnt,  die  stehende  Bezeichnung 
für  die  Entführung  ist  agnccfeiv,  und  meist 
wird  auch  eine  längere  Dauer  der  V erbindung 
angedeutet  (so  gleich  nachher  eig  &sovg),  vgl. 
Eurip.  Ilippol.  454:  aus  alten  Geschichten  weifs 
man  u>g  ccvrjQTtcxosv  nozs  rj  y.alhcpsyygg  Ksepa- 
lov  slg  Q'sovg  "Eag  SQWTog  ovvshcc.  So  auch 
Xenoph.  Gyn.  1 , 6.  Paus.  3 , 18,  12.  Anton. 
Lib.  41  ( enoiriGuxo  avvomov).  Athen.  13  p.  566 d. 
Manches  Eigentümliche  zeigt  die  attische  Form 
der  Sage,  welcher  Apollodor  3,  14,  3 zu  folgen 
scheint,  indem  er  erzählt:  „Eos  raubte  aus 
Liebe  den  Kephalos,  der  Kekropstochter  Herse 
und  des  Hermes  Sohn,  verband  sich  mit  ihm 
in  Syrien  und  gebar  ihm  den  Tithonos,  dessen 
Sohn  dann  Phaethon  wurde“ , während  eben- 
derselbe, wo  er  andern  Quellen  folgt,  den 
Kephalos,  wie  sonst  üblich,  als  Deions  Sohn 
und  Tithonos  als  Gemahl  der  Eos  bezeichnet, 
Bobert,  Apollod.  p.  9.  54.  Enger  als  an  Eos 
ist  Kephalos  in  der  paralischen  Lokalsage  an 
Prokris,  des  Erechtheus  Tochter,  und  an  deren 
wechselvolles  Geschick  gefesselt.  Nachdem 
dieser  Mythus  mannigfache  Umbildung  und 
Erweiterung  erfahren,  wurde  schliefslicli  auch 
die  Sage  von  der  Entführung  des  Kephalos 
durch  Eos  mit  demselben  verschmolzen.  Hier 


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1269  Eos  (Mythen;  Kephälos) 

kommt  es  gar  nicht  zu  einer  wirklichen  Ver- 
bindung des  Kephälos  mit  Eos:  in  glücklicher 
Ehe  mit  Prokris  verbunden  widersteht  Kepha- 
los  aus  Treue  gegen  die  Gattin  dem  Liebes- 
werben  der  Eos  und  diese  hilft  ihm  zur  Durch- 
führung seines  Plans,  die  Treife  der  Prokris 
auf  die  Probe  zu  stellen  (s.  Kephälos).  Wann 
diese  Verschmelzung,  die  sich  für  uns  zuerst 
bei  Ovid  findet,  vor  sich  gegangen  ist,  wissen 
wir  nicht.  Wenn  wir  aber  auf  den  Bildwerken 
neben  dem  Typus,  der  in  geschlossener  Gruppe 
den  Raub  des  Kephälos  und  das  bevorstehende 
Liebesglück  der  Eos  darstellt  (s.  unten  Ab- 
schnitt III,  2),  in  der  attischen  Kunst  gegen 
das  Ende  des  5.  Jahrh.  die  Form  der  blofsen 
Verfolgung  aufkommen  sehen,  bei  welcher 
Kephälos  sich  nicht  nur  der  Verfolgerin  zu  ent- 
ziehen sucht,  sondern  ihr  auch  zuweilen  offenen 
Widerstand  entgegensetzt  (s.  unten  Abschnitt 
III,  3),  so  wird  man  darin  eine  jene  Verschmel- 
zung vorbereitende  Rücksicht  auf  den  Prokris- 
mythus finden  dürfen,  zumal  da  man  in  jener 
Zeit  in  Attika  anfing  die  Landessagen  zu  ver- 
gleichen und  zusammenzustellen.  Die  Abnei- 
gung, welche  Kephälos  gegen  Eos  zur  Schau 
trägt,  setzt  offenbar  die  Liebe  desselben  zu 
Prokris  voraus. 

Kephälos  erscheint  in  seiner  Verbindung 
mit  Eos  ebenso  wie  im  Prokrismythus  als 
Jäger.  Dem  einfachen  Mythus  von  Eos  und 
Kephälos  mag  angehören,  was  Ovid.  Met.  7, 
090  und  Hygin.  f.  189  über  ihre  Begegnung 
erzählen:  Als  eifriger  Jäger  ging  Kephälos  vor 
Tagesanbruch,  wie  man  in  Attika  pflegte  ( Eur . 
Phaeth.  fr.  775),  auf  die  Höhe  des  Hymettos, 
um  zu  jagen;  da  sah  Eos  den  schönen  Jüng- 
ling, entbrannte  von  Liebe  und  entführte  ihn. 
Auch  auf  den  Bildwerken  erscheint  er  fast 
immer  als  Jäger.  Aber  er  ist  kein  gewöhn- 
licher Jäger;  er  besitzt  wie  der  ebenfalls  von 
Eos  geraubte  Orion  den  unsterblichen  Hund, 
der  als  Sternbild  am  Himmel  glänzt;  wie  je- 
ner verschwindet  er  beim  Erscheinen  der  Mor- 
genröte. Und  statt  der  abgeblafsten  Reflexion, 
dafs  der  gestirnte  Nachthimmel,  Astraios,  mit 
Eos  den  Morgenstern  erzeugte,  liefs  der  lebens- 
volle Mythus  aus  der  Liebe  der  Eos  zu  Kepha- 
los  den  strahlenden  Phaethon  als  Sohn  ent- 
springen. Wie  dieser  den  Morgenstern  be- 
deutet (s.  Phaethon),  so  entspricht  Kephälos  dem 
Astraios  und  dem  Orion.  Er  ist  also  der 
Jäger  am  nächtlichen  Himmel  (s.  Kephälos). 
So  gehören  also  die  Geliebten  der  Eos  teils 
dem  Licht,  teils  dem  Dunkel  an.  Der  natür- 
liche Vorgang,  dafs  die  den  Nachthimmel  be- 
herrschenden, schönheitstrahlenden  Wesen  beim 
Aufgang  der  Eos  verschwinden,  wird  in  der 
lebendigen  Sprache  der  Mythologie  zu  einem 
Raub.  Rasch  naht  die  beflügelte  Göttin,  mit 
dem  Wehen  der  Morgenwinde,  die  ihr  wesens- 
verwandt sind  und  die  ja  auch  die  Menschen 
entführen  (s.  oben  Boreas  S.  811).  Aus  welchem 
anderen  Motiv  aber  sollte  die  liebliche,  mor- 
genfrische Göttin  schöne  Jünglinge  entführen, 
als  aus  Liebe?  Die  auffallende  Zahl  von  Lie- 
besverhältnissen suchten  sich  die  alten  Mytho- 
logen  aus  einer  Strafe  der  Aphrodite  dafür  zu 
erklären,  dafs  Eös  mit  Ares  Umgang  gepflogen 


Eos  (in  d.  Kunst)  1270 

(Apolloä.  1,  4,  4:  ezioiei  ctvzyv  ’AcpQodCzg  avvs- 
X<ng  egäv,  ozi  "Aqsi  gvvsvvixg&ti).  Ob  ihr  liebe- 
bedürftiges Herz  wirklich  aus  einer  Wesens- 
verwandtschaft mit  Aphrodite  zu  erklären  ist, 
scheint  durch  die  Ausführungen  von  Sonne, 
M.  Müller  u.  Kuhn , Ztsclir.  10  p.  167  f.  noch 
nicht  hinreichend  begründet.  Überhaupt  findet 
sich,  so  zart  das  Wesen  der  Eos,  namentlich 
in  der  Kunst,  aufgefafst  ist,  kaum  ein  Ansatz 
zu  einer  Weiterbildung  ihres  Charakters  in 
ethischer  Richtung.  Nur  in  dem  auf  sie  ge- 
dichteten Orphischen  Hymnus  77  wird  sie  (wie 
Ushas,  Kuhns  Zeitsclir.  10,  362)  als  Führerin 
und  Vorsteherin  der  menschlichen  Arbeiten 
und  Verleiherin  eines  thätigen  Lebens  gefeiert, 
als  die  Freude  des  Menschen , wenn  sie  den 
Schlaf  von  seinen  Augenlidern  geschüttelt,  als 
die  Wonne  aller  Kreatur,  jedoch  mit  der  mysti- 
schen Schlufswendung: 

ftdld  ydxttiQU , ccyvt],  yvGzcag  liqov  cpdog 
civigoig. 

Auch  Quint.  Smyrn.  6 , 3 drückt  die  Freude 
der  Scliöpfungaus  bei  ihrem  Aufgang:  yehxGGe 
de  yuCa  xai  cd&rjQ.  Wenn  sie  dagegen  bei 
Tibull  1 , 3 , 93  glückbringend  genannt  wird, 
so  ist  unter  Aurora  nur  der  Tag  mit  dem,  was 
er  bringt,  zu  verstehen,  nicht  die  Göttin;  vgl. 
auch  Quint.  Smyrn.  8,  473:  alloze  yüg  zi  qp ilr\ 
nelei  ? ]cbg  alloze  d’  ex&Qrj.  Nirgends  wird  sie 
wie  Ushas  ( Pigv . 2,  13.  5,  7.  11,  3.  17,  5 u. 
s.  w.)  als  Spenderin  aller  Glücksgüter  ange- 
fleht; denn  es  fehlt  ihr  der  Kultus. 

HI.  Eos  in  der  Kunst. 

1.  Zu  den  ältesten  Darstellungen  der  grie- 
chischen Kunst  gehört  der  dem  alten  Epos 
(s.  o.)  entnommene  Zweikampf  des  Achil- 
leus und  Memnon  in  Gegenwart  ihrer  Müt- 
ter Thetis  und  Eos.  Wie  derselbe  schon  auf 
der  Lade  des  Kypselos  abgebildet  war  (Paus. 
5,  19,  1),  so  findet  er  sich  ganz  entsprechend 
der  Ausdrucksweise  des  Pausanias  a.  a.  0. 

Ist  Jtai  MefivovL  ya%oyevoig  7tuQSGzf\Y.cxGiv 
ai  ggzegeg  auf  Denkmälern  der  ältesten  Gat- 
tungen dargestellt,  auf  melischen  Vasen,  Conze, 
Mel.  Tliongef.  Taf.  3,  korinthischen  mit  Tier- 
streifen, Mus.  Gregor.  2,  28,  1,  und  chalkidi- 
schen,  Florent.  Mus.  n.  1784;  vgl.  Körte , An- 
nali  1881,  170.  Die  Mitte  nehmen  die  beiden 
Kämpfenden  ein,  zu  beiden  Seiten  stehen  sich 
Eos  und  Thetis  symmetrisch  gegenüber,  in 
gleicher  oder  wenig  variierter  Kleidung,  Chi- 
ton und  Mantel,  beide  regungslos  oder  beide 
mit  ähnlichen  Gebärden  der  Angst.  Die  direkte 
Fortsetzung  dieser  Darstellungsweise  bilden  die 
schwarzfigurigen  Vasen,  aufgezählt  bei  Over- 
beck, her.  Bildw.  p.  517  n.  40 — 59,  vgl.  Körte 
a.  a.  0.  Auf  manchen  derselben  sind  die  bei- 
den Göttinnen  nicht  zu  unterscheiden;  auf  an- 
deren dagegen  ist  Eos  durch  die  stärkeren  Ge- 
bärden der  Angst  oder  des  Schmerzes  (wie 
vielleicht  schon  auf  dem  melischen  Thonge- 
fäfs)  oder  durch  ihre  Aufstellung  hinter  dem 
unterliegenden  Kämpfer  näher  bezeichnet.  Die 
lebendigste  Auffassung  zeigt  Gerhard,  a.  V. 
3,211.  So  behielt  nun  auch  die  Vasenmalerei 
des  5.  Jahrh.  in  roten  Figuren  diesen  Typus 


Zweikampf  des  Achilleus  und  Memnon  in  Anwesenheit  von  Eos  und  Thetis  (nach  Overbeck,  Gallerte  Tafel  22;  vgl.  S.  1272,  3). 


1271  Eos  (in  cl.  Kunst) 


Eos  (in  d.  Kunst)  1272 

noch  eine  Zeit  lang  bei;  so  Mon.  d.  Inst.  11,  33 
die  beiden  Göttinnen  mit  ganz  gleichen  Ge- 
bärden. Auf  dem  attischen  Yasenbild  b.  Ger- 
hard, a.  V.  3,  204  (bei  Overbeck  n.  60 ; s.  die 
Abbild.  S.  1271)  zeigt  dagegen  Eos,  durch  be- 
sterntes Gewaifd  ausgezeichnet,  die  tiefste  Trauer 
über  den  Ausgang  des  Kampfes,  indem  sie  die 
Hand  an  das  Hinterhaupt  führt.  Nun  erhält 
Eos  auch  Flügel  (vom  Typus  2 entnommen), 
aber  der  Symmetrie  zu  lieb  ebenso  Thetis 
( Gerhard , Trinksch.  u.  Gef.  I).).  In  ähnlicher 
Gegenüberstellung  mit  Thetis  behandelte  die 
attische  Vasenmalerei  des  strengen  Stils  noch 
die  Bitte  der  beiden  Göttinnen  um  das  Leben 
ihrer  Söhne  an  Zeus  (Overbeck  n.  66),  verliefs 
aber  dann  diesen  Gegenstand.  Über  die  Gruppe 
des  Lykios,  das  einzige  Skulpturwerk,  s.  oben. 

2.  Anschaulicher  tritt  die  Naturseite  der 
Göttin  vor  Augen  in  demjenigen  Typus,  der, 
an  den  Mythus  von  der  Entführung  schöner 
Jünglinge  durch  Eos  anknüpfend , sie  als  ein 
geflügeltes , rasch  durch  die  Lüfte  eilendes 
Wesen  darstellt.  Hierfür  hatte  die  älteste 
Kunst  das  bekannte  Motiv  der  mit  niederge- 
beugtem Knie,  den  Unterkörper  im  Profil,  den 
Oberkörper  en  face,  dahineilenden  Figur.  So 
wurde  Eos  auch  in  der  archaischen  Kunst 
Südetruriens  dargestellt,  auf  dem  Thonakrote- 
rion von  Cäre,  Arch.  Ztg.  40  Taf.  15  (s.  d.  Ab- 
bildg.  S.  1273),  am  Rücken  und  an  den  Füfsen 
beflügelt,  in  langem  (aufgemaltem)  Chiton  und 
Mantel,  mit  Locken  und  Diadem  geschmückt, 
wie  sie  mit  einem  Knaben  über  das  Wasser 
dahineilt.  Damit  stimmen  die  etruskischen 
Spiegel  überein,  besonders  Mon.  d.  Inst.  3, 
23,  3,  wo  das  altertümliche  Motiv  des  nieder- 
gebeugten Knies  noch  mehr  hervortritt.  Diese 
noch  archaische,  aber  feine  und  zarte  Kompo- 
sition, auf  welcher  Eos  (im  Strahlenkranz)  den 
entführten  Jüngling  zärtlich  anblickt,  erinnert 
an  das  Liebesglück,  das  seiner  wartet;  vergl. 
auch  die  jugendlich  liebliche  Gestalt  der 
Bronzegruppe  ebendas,  n.  2.  Die  etruskische 
Kunst  folgt  hierin  der  altgriechischen  und 
zwar  wahrscheinlich  (vgl.  Furtwängler , Arch. 
Ztg.  40  S.  349  f.)  der  ionischen  Kunst.  Dieser 
gehört  von  erhaltenen  Denkmälern  dieses  Ge- 
genstands (s.  Furtwängler  a.  a.  0.)  vornehm- 
lich eine  Gruppe  (Stirnziegel)  von  archaischem 
Stil  mit  schon  entwickelten  Formen  an  (ab- 
geb. ebendas.  S.  354) : die  beflügelte  Eos  hält 
sorgsam  den  Knaben  in  den  Armen,  der  den 
rechten  Arm  ihr  vertraulich  um  den  Nacken 
schlingt  und  sich  mit  der  Linken  an  ihrem 
Arm  hält.  Dann  aber  auch  die  Gruppe  am 
Amykläischen  Thron  von  Bathykles  aus  Magne- 
sia, Paus.  3,  8,  12.  Auch  diesen  Typus  über- 
nahm nun  die  attische  Kunst  des  5.  Jahrh.  und 
bildete  ihn  weiter  aus.  Ein  noch  etwas  alter- 
tümliches attisches  Thonrelief  etwa  aus  der 
Kimonischen  Zeit  ( Curtius , Archäol.  Zeitg.  33 
Taf.  15,  1,  abgeb.  unter  Kephalos)  zeigt  Eos 
als  anmutige,  jugendliche  Gestalt,  mit  zurück- 
flatterndem Gewand,  was  hier  anstatt  der  Flü- 
gel die  rasche  Bewegung  durch  die  Luft  ver- 
anschaulicht, wie  sie  einen  völlig  erwachsenen 
Jüngling  in  der  bekannten  Weise  haltend  da- 
hinträgt , während  er  den  rechten  Arm  um 


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1273 


Eos  (in  d.  Kunst) 


Eos  (in  d.  Kunst) 


1274 


ihren  Nacken  schlingt  und  mit  seinem  Blick 
dem  ihrigen  begegnet.  Der  monumentale  Cha- 
rakter der  Gruppe  läfst  auch  hier  auf  eine 
architektonische  Verwendung  schliefsen,  wie 
in  der  That  auf  dem  Dach  der  Stoa  Basileios 
in  Athen  der  Raub  des  Kephalos  durch  Eos 
als  Gruppe  angebracht  war,  Paus.  1,  3,  1. 
War  es  geraten,  bei  den  nichtattischen  Bildwer- 
ken mit  Rücksicht  auf  die  andern  griechischen 


für  das  runde  Innenbild  verwendet.  Es  sind 
zwei  rotfigurige  Vasen  des  freien,  zum  Teil 
noch  etwas  strengen  Stils,  Compte-rendu  1872 
Taf.  4,  1 und  Mon.  d.  Inst.  3,  23,  1 (über  die 
Leyer  s.  Kephalos),  auf  welchen  die  beflügelte 
Göttin,  in  der  bekannten  Weise  den  Jüngling 
haltend,  doch  das  Gesicht  rückwärts  von  ihm 
abwendend , dahin  eilt.  Dafs  dieser  Typus 
noch  bis  ins  4.  Jahrh.  hinein  beibehalten  wurde, 


Stämmen  angehörigen  Parallelsagen  vom  Raub  io  zeigt  die  attische  Vase  des  edelsten  Stils  Mon. 

d.  Inst.  10,  39,  3 (s.  d.  Abbild.  S.  1275/6  nach 
Wiener  Vorlegeblätter  Tf.  12):  Eos  (HESli.)  in 
jungfräulicher  Gestalt,  mit  mächtigen  Schwin- 
gen, eilt  kaum  den  Boden  berührend  mit  Ke- 
phalos dahin,  der  ganz  erwachsen  gebildet  ist. 
Den  Abschlufs  der  architektonischen  Verwen- 
dung dieses  plastischen  Typus  bildet  für  uns  die 
von  Furtioängler , Arch. 
Ztg.  40,  338  (s.  d.  Abbild. 
S.  1277)  aus  den  gefun- 
denen Statuenfragmenten 
rekonstruierte  Akroterien- 
gruppe  von  Delos,  ein 
kühnes  Werk  des  freien 
Stils,  das  Furtivängler 
der  ionischen  Kunst  zu- 
schreibt. Die  Stellung 
der  Göttin  im  ganzen  und 
ihr  kühnes  Ausschreiten 
erinnert  noch  an  die 
ältere  Darstellungsweise; 
aber  statt  den  Knaben 
in  beiden  Armen  zu  tra- 
gen hält  sie  ihn  mit  einem 
Arm  hoch  und  kühn  em- 
por. Der  Hund  deutet 
aufKephalos,  die 
enteilenden  Mäd- 
chen (hier  Wald- 
nymphen?) auf 
eineEntfiih  rungs  - 
scene. 

Diesen  Entfüh- 
rungstypus, der 
...  die  dahinraffen- 
de  Gewalt  der 
Eos  veranschau- 
licht, hat  die  äl- 
tere attische  Va- 
senmalerei des  5. 
Jahrh.  auch  für 
die  Memnons- 
sage  benützt,  in- 
dem sie  dieselbe  mit  dem  toten  Memnon  ganz 
ebenso  dahineilen  läfst,  wie  mit  Kephalos 
(schwarzfig.  Vase  s.  oben  Abschnitt  II,  Mem- 
non). Daraus  hat  dann  Duris  auf  seiner  rot- 
figur.  Vase  die  weitere  Scene  entwickelt,  wie 
die  besorgte  Mutter  die  Leiche  niederlegt. 
Deshalb  wird  er  auch  in  der  attischen  Kunst  60  Eos  ist  hier,  wie  auch  sonst  öfter,  mit  Haube 


Eos  einen  Knaben  raubend,  Tlionakroterion  von  Caere  (nach  Arch.  Ztg.  1882  (40)  Taf.  15 

vgl.  S.  1272,  28). 

des  Tithonos , Orion,  Kleitos  den  geraubten 
Knaben  unbenannt  zu  lassen,  so  sind  wir  nun 
auf  dem  Boden  Attikas,  in  einer  Zeit,  wo  die 
attischen  Landessagen  die  Kunst  zu  beherr- 
schen beginnen  ( Robert , Bild  u.  Lied  S.  32), 
berechtigt,  den  Jüngling  Kephalos  zu  nennen. 


erwachsen  gebildet,  weil  es  die  Kephalossage 
so  verlangt.  So  auch  auf  attischen  Vasen. 
Denn  auch  in  die  Vasenmalerei  ist  in  der 
zweiten  Hälfte  des  5.  Jahrh.  dieser  Typus  über- 
gegangen, obgleich  er  für  die  Plastik,  und 
zwar  besonders  für  architektonische  Verwen- 
dung erdacht  war.  Daher  wird  auch  hier  die 
geschlossene  Gruppe  ganz  besonders  passend 


und  mit  grofsen  Doppelflügeln  dargestellt  (s.  d. 
Abbild.  S.  1265/6). 

3.  Da  die  geschlossene  Gruppe  in  der  Dar- 
stellung der  Entführungsscene  wesentlich  der 
Plastik  angehörte  und  sich  für  breitere  Flä- 
chen wenig  eignete,  so  wandte  die  attische 
Vasenmalerei  des  freien,  schönen  Stils  gegen 
Ende  des  5.  Jahrh.  viel  häufiger  den  auch 


1275 


Eos  (in  d.  Kunst) 


Eos  (in  d.  Kunst) 


1270 


sonst  bei  solchen  Scenen  damals  üblichen  Ty- 
pus der  Verfolgung  auf  Eos  und  Kepha- 
los an.  Die  Bildwerke  sind  besprochen  von 
0.  Jahn,  Arcli.  Beitr.  93  f.  und  Stephani,  Compte 
rendu  1872  S.  180,  der  48  Vasen  mit  roten 
Figuren  und  nur  eine  in  nachgeahmt-altertüm- 
licliem  Stil  {Mein.  delV  Inst.  2 Tf.  15)  aufzählt. 
Eos  fast  durchgängig  mit  grofsen  Schulterflü- 
geln , sonst  in  der  ge- 
wöhnlichen Frauentracht  ß Jfü  $ 

jenes  Stils , ver- 
folgt mit  raschen 
Schritten, 
häufig  beide 


4.  Als  Lichtgottheit  wurde  Eos  in  der 
älteren  Kunst  noch  nicht  dargestellt;  die  natür- 
liche Erscheinung  der  Morgenröte  liefs  sich 
nicht  so  leicht  gestalten,  oder,  wie  bei  Helios, 
zu  der  persönlichen  Erscheinung  hinzufügen. 
So  wurde  für  Eos,  als  die  Kunst  des  5.  Jahrh. 
die  Typen  der  Lichtgottheiten  schuf,  die  schon 
früher  bei  mythologischen  Scenen  verwendete 
Gestalt  der  beflügelten 
Jungfrau  herübergenom- 
men. Noch  der  Ma- 
ler der  Vase  Bla- 
cas  nahm  mit- 
ten unter  die 


Hände  aus- 
streckend , 
den  Kephalos , der, 
immer  jugendlich, 
meist  in  Jägertracht,  mit 
Chlamys,  Petasos  und  ei- 
nen oder  zwei  Speere  in 
der  Hand , sich  ihr  ent- 
zieht, indem  er  sich  zu- 
weilen unwillig  nach  ihr 
umwendet  (vgl.  Millin,  vas.  2,  35  abgeb.  unter 
Kephalos),  oder  ihr  gar  Widerstand  zu  leisten 
sucht  {Mus.  Blae.  18,  abgebild.  unter  Helios; 
C.-R.  1872  Tf.  4,  3.  Mon.  d.  Inst.  3,  30);  ein- 


Erscheinun- 
gen  des  Son- 
nenaufgangs die 
ganze  Scene  der 
Verfolgung  des  Kephalos  in 
der  hiefiir  üblichen  Darstel- 
lungsweise herüber.  Auch 
die  Hervorhebung  ihrer 
glänzenden  Erscheinung 
durch  reichverzierte  (be- 
sternte) Gewänder,  kostbaren  Kopfschmuck 
(das  goldne  Diadem  Samml.  Saburoff  63)  und 
zuweilen  die  Strahlenkrone  (s.  oben)  gehört 
schon  dem  älteren  Typus  an  (vgl.  das  Diadem 
mal  weist  er  ihre  Tänie  zurück  {Gerhard,  a.  V.  co  der  Akroterienfigur  von  Cäre).  Dagegen  wird 


Eos  den  Kephalos  raubend 
(nach  Wiener  Vorlegeblätter  Taf.  XII 
vgl.  S.  1274,  10). 


160),  wohl  mit  Rücksicht  auf  den  Prokrismythus 
(s.  oben  II,  Verbindung  mit  Kephalos).  Auch 
im  4.  Jahrh.  ist  diese  Darstellungsweise  noch 
häufig,  vergl.  Stephani  a.  a.  O.  Tf.  4,  3.  5,  1 
u.  3.  Kephalos  erscheint  aber  auch  mit  den 
Attributen  des  attischen  Jünglings,  Leyer  und 
Diptychon,  vgl.  Robert,  Bild  u.  Lied  32.  Furt- 
wängler,  Archäol,  Zeitg.  40,  350. 


ihr  nun  der  Wagen  mit  dem  feurigen  Rosse- 
gespann verliehen,  in  der  Vasenmalerei  viel- 
leicht unter  dem  Einflufs  des  hier  schon  län- 
ger üblichen  Helioswagens  (vgl.  dagegen  oben  I, 
Wagen).  Denn  allerdings  geschieht  dies  häu- 
fig auf  Vasenbildern  des  schönen  Stils  noch 
aus  dem  5.  Jahrh.,  auf  welchen  Helios  mit 
dem  Rossegespann  aus  dem  Okeanos  aufsteigt, 


1277 


Eos  (in  d.  Kunst) 


Epeios 


1278 


ihm  voran  die  geflügelte  Eos  mit  dem  Zwei- 
odhr  Viergespann,  während  die  reitende  Selene 
(vor  oder  nach  Eos)  abzieht  und  die  Sterne 


gezeichneten  Vasenbildern  allein  zu  Wagen 
dargestellt,  wie  sie  mit  geflügeltem  Vierge- 
spann aus  dem  Okeanos  auftaucht,  auf  dem 
Innern  der  Gigantenschale  streugen  Stils,  Ger- 
hard, Ges.  Abli.  Taf.  8,  3 (s.  d.  Abbildg.  S.  1277), 
oder  wie  sie  mit  Peitsche  und  Zügel  kräftig 
die  feurigen  Pferde  lenkt,  Mus.  Greg.  2,  18,  2. 
Gerhard,  a.  V.  2,  79.  80;  so  auch  aut'  Spiegeln, 
Münzen  und  Gemmen  , vgl.  Gerhard,  Liclitg.  380. 

ÜberEos  alsTaugöttin  s.  ob. 
Abschnitt  I.  In  einer  an- 
dern, aber  auch  schon  seit 
Pheidias  üblichen  Darstel- 
lungsweise der  Lichtgott- 
heiten , in  welcher  diesel- 
ben anderen  Vorgängen 
zur  Umrahmung  dienten, 
wurde  dem  Helios  Selene 
gegenübergestellt , welche 
nun  Eos  mehr  und  mehr 
verdrängte,  auch  ip  der  rö- 
mischen Kunst;  vgl.  Ger- 
hard, Lichtgotth.  S.  384  f. 

[Rapp.] 


~ 1 


Eos  den  Kephalos  raubend,  Akroteriengruppe  von  Delos  ( Arc/i . Zig.  40,  338) 
Vergl.  S.  1274,  18. 

(als  Knaben)  ins  Meer  tauchen  (vergl.  Samml. 

Saburoff  G3,  abgeb.  unter  Helios,  und  die  an- 
dern von  Furtwängler  dazu  angeführten  Vasen). 

Auch  die  Rosse  der  Eos  sind  zuweilen,  früher 


Eos  mit  dem  Viergespann  auftaucliend 
(vgl.  S.  1278,  lff.). 

häufiger,  beflügelt.  Auch  noch  auf  späteren, 
unteritalischen  Vasen  ist  diese  Vereinigung 
der  Lichtgottheiten  beliebt  (vgl.  Gerhard,  Ges. 
Abh.  Taf.  6.  7),  und  zwar  schwebt  hier  dem 
Wagen  der  Eos  eine  beflügelte  Erotengestalt 
(Phosphoros?)  voraus.  Dagegen  wurde  Eos 
auch  schon  im  5.  Jahrh.  auf  besonders  sorgfältig 


nengottes,  Uv.  Met.  2,  153. 

[Schultz.] 

E palte  s (’Encolrijs),  ein 
Troianer,  von  Patroklos  ge- 
30  tötet,  Hom.  II.  16,  415.  [Schultz.] 

Epaphos  (’Enacpog),  1)  Sohn  des  Zeus  und 
der  Io,  den  diese  nach  langem  Umherirren  am 
Nil  gebar.  Die  Kureten  verbargen  ihn  auf 
Verlangen  der  Hera,  wurden  aber  von  Zeus 
getötet.  Nach  langem  Suchen  findet  Io  den 
Epaphos  in-  Syrien  wieder.  Er  wird  darauf 
König  in  Ägypten  und  vermählt  sich  mit  der 
Memphis,  der  Tochter  des  Nil,  oder  mit  der 
Kassiopeia  ( Hyg . f.  149),  und  baute  Memphis. 
40  Von  seiner  Tochter  Libya  wurde  Libyen  be- 
nannt, Apollod.  2,  1,  3.  4.  Andere  Töchter 
sind  Lysianassa  und  Thebe,  Apollod.  2,  5,  11. 
Scliol.  II.  9,  383.  Vergl.  Aesch.  Prom.  846  ff. 
Suppt.  47,  536 ff.  Eur.  Phoen.  678 ff.  m.  Schot,, 
Pind.  Pyth.  4,  25.  Ncm.  10,  9.  — Steph.  Byz. 
s.  v.  Ilvyyciiog  nennt  Doros  als  Sohn  u.  Pyg- 
maios  als  Enkel  des  Epaphos.  Nach  Strab. 
10,  445  hatte  Io  den  Epaphos  in  einer  Grotte 
auf  Euboia  geboren,  Herodot  (2,  153.  3,  27,  28) 
50  erklärte  den  Namen  Epaphos  = Apis.  Vgl. 
O.  Müller,  Prot,  p.  183.  II.  D.  Müller,  Myth. 
d.  griech.  Stämme  1 p.  56  ff. ; 2 p.  291.  — 2) 
Sohn  des  Erebos  und  der  Nacht,  Hygin.  u.  a. 

[Schultz.] 

Epeigeus  (’Ensiyevs) , Sohn  des  Agakles, 
Herrscher  in  Budeion , der , weil  er  seinen 
Vetter  getötet,  fliehen  mufste  und  bei  Peleus 
Schutz  fand.  Später  wurde  er  von  diesem  mit 
Achill  gegen  Ilion  gesendet  und  dort  von  Hek- 
oo  tor  erlegt,  Hom.  II.  16,  570  ff.  [Schultz.] 

Epeios  (’Eneiög),  1)  Sohn  des  Endymion, 
siegt  in  dem  Wettlauf,  den  Endymion  seine 
Söhne  Paion,  Epeios  und  Aitolos  um  die  Herr- 
schaft in  Elis  anstellen  liefs,  und  erhält  das 
Königtum;  seine  Unterthanen  wurden  nach 
ihm  Epeier,  erst  später  nach  Eleios,  einem 
Sohn  seiner  Schwester  und  des  Poseidon,  Eieier 
genannt,  Paus.  5,  1,  3 u.  8.  — 2)  Sohn  des 


1279 


1280 


Epeios 


Epeur 


Panopeus,  Od.  8,  492.  Paus.  2,  29,  4.  Fiat. 
Ion  p.  533  A,  nahm  mit  30  Schiffen  am  troia- 
nischen  Krieg  teil,  T)ict.  1,  17.  In  der  Ilias 
23,  665  ff.  erscheint  er  bei  den  Leichenspielen 
des  Patroklos  als  Sieger  im  Faustkampf  über 
Euryalos  (Kampfpreis  ein  Maultier)  beteiligt ; 
ib.  v.  835 ff.  besteht  er  beim  Werfen  der 
eisernen  Kugel  des  Eetion  mit  schlechtem  Er- 
folg und  wird  von  den  andern  ausgelacht. 
Athenaios  10  p.  456  F erwähnt  eine  Sage, 
wornach  Epeios  der  Wasserträger  der  Atrei- 
den  gewesen  sei:  dieselbe  findet  sich  auch  bei 
Stesichoros,  der  davon  sagt:  ov/.xhq:-  yctrj  ccv- 
t.ov  | väcog  asl  cpOQiovtcc  Aibg  hovqcc  ßaoi- 
Irvßtv;  in  dieser  Eigenschaft  sei  Epeios  auch 
im  Apollontempel  zu  Karthaia  dargestellt  ge- 
wesen; den  Esel,  der  dort  Wasser  herbei- 
tragen mufste,  habe  man  deswegen  auch  Epeios 
genannt. 

Am  berühmtesten  ist  Epeios  als  der  Künst- 
ler, der  das  hölzerne  Pferd  erbaute , mit  des- 


durch  Hammer  in  der  R. , Meifsel  in  der  L., 
und  durch  die  um  den  Leib  kurz  aufgegürtete 
Exomis.  Hinter  ihm  steht  Athene,  seine  Be- 
raterin, und  weist  einen  in  einen  Mantel  ge- 
kleideten Bärtigen,  einen  Repräsentanten  des 
griechischen  Heeres  auf  das  fertige  Pferd  hin, 
das  wie  auch  in  anderen  Darstellungen,  nicht 
besonders  grofs  und  nicht  gerade  als  ein 
künstliches  bezeichnet  ist;  vor  Epeios  und 
dem  Pferd  (r.)  sitzt  unter  einem  Baume  reich 
bekleidet  und  bärtig  Agamemnon,  durch  Thron 
und  Scepter  als  König  charakterisiert,  dem 
der  Künstler  das  fertige  Werk  übergiebt. 

Spätere  Sagen  lassen  Epeios  nachmals  Pisae 
in  Italien  gründen,  Serv.  Verg.  Aen.  10,  179, 
andere  Metapont , wo  sogar  im  Tempel  der 
Athene  die  Werkzeuge  gezeigt  wurden , mit 
denen  er  das  Rofs  verfertigt  haben  sollte,  Iust. 
20,  2.  [Weizsäcker.] 

Epeiros  (’' HneiQog ),  1)  Tochter  des  Echion, 
die  mit  Kadmos  und  Harmonia  (s.  d.),  cpsQO- 


Epeios  zwischen  Atliena  und  Agamemnon  (Vasenbild  nach  Overbeck , Gail.  Taf.  25,  3;  vgl.  S.  1279,  G5  ff.). 


sen  Hilfe  Troia  erobert  wurde,  Od.  8,  493. 
11, 523.  Verg.  Aen.  2,  264.  Ein  anderes  Kunst- 
werk von  ihm,  ein  Schnitzbild  des  Hermes  in 
Argos,  erwähnt  Paus.  2 , 19  , 6 , eine  eherne 
Nachbildung  des  hölzernen  Pferdes  auf  der 
Akropolis  zu  Athen  von  Strongylion  Paus.  1, 
23,  8,  eine  andere  in  Delphi  von  Antiphanes 
Paus.  10,  9,  6. 

In  der  bildenden  Kunst  wurde  Epeios 
verschiedentlich  dargellt : z.  B.  von  Polygnot  auf 
seinem  grofsen  Gemälde  in  der  Lesche  zu  Del- 
phi, Paus.  10,  26,  1,  nackt,  die  Mauer  der 
Troer  niederwerfend,  über  der  nur  der  Kopf 
des  hölzernen  Pferdes  sichtbar  wird.  Die  Dar- 
stellung im  Apollontempel  zu  Karthaia  s.  o., 
weitere  bildliche  Darstellungen  bei  Overbeck, 
die  Bildwerke  des  tlieb.  u.  troischen  Sagenkrei- 
ses S.  607—617,  nr.  83—94  (vergl.  auch  das 
Bild  oben  S.  97).  Unsere  Abbildung,  einer 
rotfigurigen  Kylix  aus  Vulci,  jetzt  in  Mün- 
chen, entnommen  ( Overbeck , Gail,  heroisch.  Bild- 
werke Tf.  25,  3),  macht  den  Künstler  kenntlich 


fisvrj  tcc  IlevQ'scos  Xshpava,  nach  dem  Nord- 
westen auswanderte , in  einem  Haine , wo  die 
chaonische  Anthippe-Sage  (oben  S.  369)  spielt, 
beerdigt  ward  und  der  Landschaft  den  Namen 
gab:  nur  bei  Parthen.  narr.  amat.  32  (p.  334 
in  Meinekes  Analecta  Alexandrina).  Sie  ist, 
wie  viele  geographische  Eponymoi,  eine  Schö- 
pfung der  spätesten  gelehrten  Mythenbildung. 
Le  Grands  Korrektur  ’HnnQcö  ist  unnötig: 
Lobeck,  path.  prol.  23.  Vgl.  Unger,  Thebana 
parad.  p.  51.  — 2)  Vater  des  Libys:  Scholl. 
II.  9,  383  p.  258  Bekk.  = Porphyr,  quacst. 
Hom.  rell.  ed.  Schräder  p.  138  (sonst  unbe- 
kannt). [Crusius.] 

Eperitos  CEuriQizog) , Sohn  des  Apheidas 
aus  Alybas,  für  welchen  sich  Odysseus  aus- 
gab , als  er  nach  Ermordung  der  Freier  zu 
seinem  Vater  Laertes  kam,  Hom.  Od.  24,  305. 

Epeur  (epeur),  etruskischer  Name  eines 
kräftigen , nackten , geflügelten  Knaben , den 
Hercle  auf  einem  reichgeschmückten  Spie- 
gel unbekannter  Herkunft,  früher  im  Museum 


1281  Ephesos 

Durand,  jetzt  in  der  Pariser  Nationalbiblio- 
thek, dem  thronenden  Tinia,  d.  i.  Iuppiter, 
hinhält,  während  an  den  Seiten  Turan,  d.  i. 
Venus,  und  Thal  na  (ffalna),  sitzen;  s.  über 
die  übrige  Darstellung  d.  Art.  Elchsntre.  De 
Witte,  Catdl.  Durand  n.  1972,  p.  420ff.;  id., 
Orioli  u.  Cavedoni , Ann.  1834,  183  ff. ; 1840, 
268  ff.  Monum.  vol.  II,  tav.  VI.  Gerhard , Etr. 
Spiegel  3,  174  ff. , tav.  CLXXX1.  Fahr.  Gl.  It. 
col.  379ff.  C.  I.  I.  2500.  Unter  der  Variante 
Epiur  (epiur)  erscheint  derselbe  Knabe  mit 
llercle  allein  auf  einem volcentischen  Spiegel 
des  Berliner  Museums;  s.  Brunn,  Bullet.  1862, 
110.  Gerhard,  Etr.  Sp.  4,  79,  tav.  CCCXXXV, 
nr.  2.  Fahr.  C.  1.  I.  2146bls.  Der  Knabe 
ist  wohl  sicher  als  Sohn  des  Herakles  und  der 
Hebe  zu  denken,  und  der  etruskisierte  Name 
der  letzteren  steckt  wohl  im  Anfang  seines 
Namens.  Schwerlich  ist  mit  Cavedoni  a.  a.  0. 
und  Gerhard  an  sniovQog  zu  denken,  s.  Schwende, 
Bhein.  Mus.  N.  F.  3,  138.  [Deecke.] 

Ephesos  ("Etpsaog),  die  Eponyme  der  Stadt 
wird  Amazone  und  Priesterin  der  Artemis  ge- 
nannt, Heracl.  Pont.  fr.  34.  Steph.  Bgz.  und 
Etym.  31.  s.  v.  "Ecpscog.  Nach  anderen  war 
die  Priesterin  Ephesos  Mutter  der  ’Aycxgco,  von 
welcher  die  Amazonen  abstammen  sollten,  vgl. 
Steph.  Byz.  a.  a.  0.  Hesych.  s.  v.  ’Ayu^co. 
Cramer , Anecd.  Oxon.  1 p.  80.  Eustath.  ad 
Dionys.  Perieg.  828.  Oder  6 "Eepsaog  hiefs 
Sohn  des  Flusses  Kaystros  und  Enkel  derPen- 
thesileia.  [Klügmann.] 

Epliialtes  (’Egudlzrjg),  1)  einer  der  Gigan- 
ten, dem  im  Kampfe  mit  den  Göttern  von 
Apollon  das  linke , von  Herakles  das  rechte 
Auge  ausgeschossen  wurde , Apollod.  1 , 6 , 2. 
Gegner  des  Poseidon  ist  er  auf  einem  Vasen- 
bilde, Overheek,  Griech.  Kunstmyth.  Bes.  Teil, 
2.  Bd.  2.  T.  3.  Buch  p.  331.  Atlas  Taf.  13, 
nr.  1.  — 2)  einer  der  Aloaden  (s.  d.).  — 3) 
ein  Spukgeist  nach  Art  des  Incubus  und  der 
deutschen  Alpe ; er  wird  als  Dämon  bezeichnet 
und  mit  Pan  identificiert,  Artem.  2,  34.  37. 
Er  heifst  auch  ’Enidlzyg,  ’Enicilyg,  ’Ecpslrjg, 
’Enojqjflgg  u.  s.  w. ; Ticpvg,  Evönav,  Baßovzgt.- 
r-doiog.  Böckh , expl.  Pind.  p.  271.  Straho  1, 
19.  Schot.  Arist.  Wesp.  1033.  Hes.  s.  v.  smü- 
hqg,  sepialog,  cocpslgg.  Welcher , Götterlehre  3 
p.  214.  Preller,  Griech.  Myth.  I3  p.  617  A.  4. 
Mannhardt , Antike  Wald-  und  Feldkulte  2, 
132.  178.  Wehrmann  in  Jahns  Archiv  18  p.  26. 
A.  16.  [Schultz.] 

Ephipnos  ('Egnnvog),  Beiname  des  Zeus  bei 
den  Chiern,  Hes.  s.  v.  [Schultz.] 

Epliippos  ("Ecpinnog),  Sohn  des  Poimandros, 
Vater  der  Akestor  aus  Tanagra  in  Böotien, 
der  für  seinen  Vater  um  die  Hilfe  des  Achill, 
Tlepolemos  und  Peneleos  im  Kampf  gegen 
die  Achäer  warb,  Flut.  Qu.  Gr.  37.  [Schultz.] 
Ephyre  ( ’Ecpvgri ),  Tochter  des  Epimetheus, 
giebt  der  Stadt  Ephyre,  dem  späteren  Korinth, 
den  Nameh,  Schol.  Apoll.  Rhod.  4,  1212.  Eust. 
zu  II.  2,  570.  Bei  Eumelos  (Paus.  2,  1,  1. 
Schol.  a.  a.  0.,  wo  aber  die  pariser  Handschr. 
Eiyaviörig  anstatt  Eypylog  hat;  vgl.  Marclc- 
scheffel  Hes.  etc.  fragm.  401)  ist  sie  die  Toch- 
ter von  Okeanos  und  Tethys  und  Gattin  des 
Epimetheus  und  bewohnt  zuerst  die  Land- 
Roscher,  Lexikon  der  gr.  u.  rüm.  Mytkol. 


Epidotes  1282 

scliaft  Korinthia,  Ilygin.  f.  275.  Denselben 
Gemahl,  aber  Myrmex  als  Vater,  nennt  Steph. 
Byz.  s.  v.  KoQivdog.  Epimenides  giebt  ihr 
den  Aietes  zum  Sohn,  Schol.  Apoll.  Rh.  3,  242. 
Eudoc.  31,  7 — 9).  Neben  zwei  Okeaniden  kommt 
Ephyre  auch  bei  Verg.  georg.  4,  343  als  Ge- 
nossin der  Flufsnymphe  Cyrene  vor,  unter  den 
Nereiden  bei  Hygin  in  den  Vorbemerkungen, 
Hygin  10,  20  (Schmidt).  Sie  fehlt  im  Verzeich- 
nis der  Okeanostöchter  bei  Hesiod.  Theog.  350. 

[ Wilisch.] 

Ephy  ros  ("EcpvQog) , Sohn  des  Ambrax,  He- 
ros eponymos  von  Ephyra  in  Epirus,  Steph. 
Byz.  s.  v.  ’EcpvQa.  [Steuding.]  [altes. 

Epiales  und  Epialtes  (’Emdlzrig) , s.  Ephi- 

Epidamnios  (’Emödyviog) , Vater  der  He- 
lene , einer  Dienerin  der  Aphrodite , die  von 
den  Epidamniern  verehrt  wurde  als  eine  Göt- 
tin, die  den  Hungrigen  Güter  verleihe,  ver- 
dächtige Sage  bei  Ptol.  Heph.  4;  vergl.  Phot. 
Bihl.  149,  17.  [Schultz.] 

Epidamnos  (’Enidagvog),  König  der  Barha- 
ren in  der  Gegend  der  von  ihm  gegründeten 
Stadt  Epidamnos,  Appian.  hell.  civ.  2,  39. 
Philo  Byhl.  bei  Steph.  Byz.  s.  v.  dvQQÜ%io v. 

[Steuding.] 

Epidauros  (’EniSavQog) , Sohn  des  Argos 
und  der  Euadne  nach  den  grofsen  Eoien  und 
argivischer,  des  Pelops  nach  eleischer,  des 
Apollon  nach  epidaurischer  Sage,  Apollod.  2, 
1,  2.  Paus.  2,  26,  3.  [Schultz.] 

Epidins.  C.  Epidius  aus  Nuceria  soll  nach 
der  bei  Sueton.  de  gramm.  et  rhet.  28  p.  124  Rff. 
erhaltenen  Sage  vor  Zeiten  in  die  Quelle  des 
Flusses  Sarnus  gestürzt  und  wieder  mit  Stier- 
hörnern zum  Vorschein  gekommen  sein,  worauf 
er  verschwand  und  als  Gott  angesehen  wurde; 
von  ihm  leitete  der  Rhetor  Eyhdius,  der  Leh- 
rer des  Vergil,  M.  Antonius  und  Augustus  sein 
Geschlecht  ab:  hic  Epidius  (d.  i.  der  Rhetor) 
ortum  se  a C.  Epidio  Nucerino  praedicahat, 
quem  ferunt  olim  praecipitatum  in  fontem  flu- 
minis  Sarni  paulo  post  cum  cornihus  taureis 
(so  0.  Jahn-,  wie  sich  aus  dem  kritischen  Appa- 
rat Reifferscheids  und  dessen  Quaestiones  Sue- 
tonianae  S.  417  ergiebt,  ist  aureis  überlie- 
fert; in  den  Ausgaben  vor  Reifferscheid  fehlt 
das  Epitheton)  extitisse  ac  statim  non  compa- 
ruisse  in  numeroque  deorum  liabitum. 

[R.  Peter.] 

Epidotes  (EzaScozyg,  Dor.  ’EmStazag , Plu- 
tarcli.  ’EniSozgg,  der  Geber,  der  Verleiher),  1) 
Beiname  des  Zeus  in  Lakedaimon,  Hesych.  s.  v. 
’Enidwzag.  Zu  Mantinea  hatte  er  unter  die- 
sem Namen  sein  Heiligtum  neben  dem  des 
Zeus  Soter,  Paus.  8,  9,  1 (stuölSovcu  yäp  dry 
ayaffa  avzov  ccv&Qconoig).  Vergl.  Plut.  adv. 
Epicur.  c.  22.  In  einer  Inschrift  von  Termes- 
sos  hat  er  den  Beinamen  zUo zrjg,  Ann.  d.  Inst, 
dreh.  24,  177.  Welcher,  Gr.  Götterl.  2,  183. 
Preller,  Gr.  Myth.  1,  121,  2.  Gerhard,  Griech. 
Mythol.  1 § 199,  11.  — 2)  Zu  Sparta  wurde 
ein  Daimon  Epidotes  verehrt , welcher  den 
Zorn  des  Zeus  Hikesios  wegen  einer  blutigen 
Schuld  des  Pausanias  abwendete , Paus.  3, 
17,  8.  Welcher  a.  a.  0.  — 3)  Beiname  des 
Hypnos,  dessen  Statue,  einen  Löwen  einschlä- 
fernd, neben  der  des  Oneiros  sich  in  dem  hei- 

41 


io 

20 

30 

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50 

60 


1283 


1284 


Epidjkos 

ligen  Bezirk  des  Asklepios  bei  Sikyon  befand, 
Paus.  2,  10,  2.  Das  Bild  hatte  Bezug  auf  die 
in  den  Asklepieen  übliche  Schlafwahrsagung, 
s.  oben  Asklepios  S.  626.  — 4)  Osol  ’EniSäxca, 
dem  Asklepios  nahestehende,  bei  der  Heilung 
wohlthätige  Daimonen  zu  Epidauros.  Antoni- 
nus  Pius  hatte  ihnen  dort  ein  Heiligtum  und 
dem  Asklepios  ein  Bad  erbaut,  Paus.  2,  27,  7. 
Welcher  a.  a.  0.  [Stoll.] 

Epidykos  ( ’EnCdvAog  oder  ’EnClvv.og  ?),  Sohn 
des  Da'iklos  und  Vater  des  Akestor,  einer  der 
von  Aiakos  abstammenden  Vorfahren  des  Mil- 
tiacles  und  Thukydides,  Pherehyd.  bei  Marcell. 
vit.  Time.  3.  [Steuding.] 

Epie  (epie),  unsichere  Lesung  des  Namens 
einer  schmückenden  etruskischen  Göttin  auf 
dem  Spiegel  bei  Gerh.  tav.  CCXIII,  mit  griech. 
’HnCri  kombiniert;  s.  Enie.  [Deeeke.] 

Epieikeia  (’EmsUsici),  die  römische  Clemen- 
tia  (s.  ch),  Plut.  Caes.  57,  2.  Appian.  bell.  civ.  2 
2,  106.  [Steuding.] 

Epigeios  (’EnCysiog)  s.  Eliun. 

Epigonoi  (’Eniyovoi)  siehe  Alkmaion,  Am- 
philochos,  Actrastos,  Aigialeus,  Diomedes,  Pro- 
machos, Sthenelos,  Thersandros,  Euryalos. 

[Steuding.] 

Epikaste  (’EniY.u.Gvr\),  1)  Tochter  des  Kaly- 
don,  Gemahlin  des  Agenor,  Apollocl.  1,  7,  7.  — 
2)  Tochter  des  Angeias , Geliebte  des  Hera- 
kles, Mutter  des  Thessalos,  Apottod.  2,  7,  8. 
— 3)  Mutter  und  Gattin  des  Oidipus  (=  Io- 
kaste),  Hom.  Od.  11,  271.  Paus.  9,  5, 5.  Apollod. 
8,  5,  7.  Nie.  Damasc.  frg.  15.  Plut.  cur.  2. 
Res.  s.  v.  Kcelrjv.  — 4)  Gemahlin  des  Agame- 
des  in  Arkadien,  Mutter  des  Trophonios  und 
Kevkyon , Schol.  Arist.  Nub.  508.  — • 5)  Ge- 
mahlin des  Klymenos  in  Argos , Mutter  der 
Harpalyke,  des  Idas  und  Theragros,  Partlien. 
Er.  13.  [Schultz.] 

Epikles  (’Eniy,lris) , ein  lykischer  Bundes- 
genosse der  Troianer,  von  Aias  dem  Telarno- 
nier  vor  Ilion  erlegt,  Rom.  R.  12,  378. 

[Schultz.] 

Epiklibanios  (’Emy.hßdv tos),  Sext.  Empir. 
adv.  math.  9 , 185 : Beiname  der  Artemis  als 
Patronin  des  Brotbackens.  Vgl.  unten  Epimy- 
lios.  [Crusius.] 

Epikurioi  (’Eniy.ovQioi  fteoi);  C.  I.  Gr.  139. 
158.  213.  2953  b,  auch  Beiname  des  Asklepios, 
der  Hygieia  u.  s.  w.  [Roscher.] 

Epilais  (’Enilcds) , Tochter  des  Thespios 
(s.  d.).  [Schultz.]  i 

Epilaos-  (’Enil aog,  ’EmUcav,  nach  Ashl,  in 
Schol.  Apoll.  Phod.  1,  156,  wo  der  cod.  Par. 
’E7U[isv7]s  hat),  Sohn  des  Neleus  und  der  Chlo- 
ris,  Apollod.  1,  9,  9.  [Schultz.] 

Epilysamene  (’Enilvaayivri) , 1)  eine  der 
Eileithyien,  Hesycli.  — 2)  Beiname  der  De- 
meter bei  den  Tarentinern  und  Syrakusanern, 
Resych.  [Steuding.] 

Epiinedes  (’Emfirjd'rjs),  1)  einer  der  idäischen 
Daktylen  oder  Kureten  (s.  d.).  Er  hatte  zu 
Olympia  einen  Altar,  wie  auch  seine  Brüder, 
Paus.  5,  7,  4.  5,  14,  5.  — 2)  Ein  Sänger  des 
Priamos,  Schol.  II.  24,  720.  [Stoll] 

Epiinelia,  die  personifizierte  Sorgfalt,  er- 
scheint als  Dienerin  der  Philologia  bei  Mart. 
Cap.  2,  145.  [Steuding.] 


Epimylios 

Epimelides  (’EnipiqliSsg) , Schafherden  be- 
schützende Nymphen  (s.  d.),  Phryn.  bei  Beklcer, 
An.  p.  17,  7.  Schol.  II.  20,  8.  Long.  Fast. 
2,  39(27).  Alläphr.  3,  11.  Schol.  Apoll.  Phod. 
4, 1322.  Suid.  Von  den  Messapiern  wurde  er- 
zählt, dafs  diese  Nymphen  an  den  sogenann- 
ten heiligen  Felsen  sich  mit  jungen  Hirten, 
die  sich  gerühmt  besser  zu  tanzen  als  sie,  in 
einen  Wettkampf  eingelassen  und  diese  be- 
siegt hätten.  Zur  Strafe  seien  die  Hirten  dann 
von  ihnen  in  Bäume  verwandelt  worden,  deren 
Klagelaute  man  noch  später  nachts  gehört 
habe,  Nilcandr.  bei  Anton.  Lib.  31  in  Wester- 
mann, Mythogr.  Vgl.  ’ETUfiyhdSsg  bei  Paus. 
8,  4,  2.  [Steuding.] 

Epimetheus  (’Eniyrfösvg)  5 einer  der  vier 
Söhne  des  Iapetos  (s.  Prometheus  , Pandora), 
Res.  Tlieog.  511  f.  Op.  et  D.  83  ff.  Apollod.  1, 
2,  3.  7,  2.  Eine  Figur,  die  im  augenschein- 
lichen Gegensatz  zu  dem  vorausdenkenden 
Bruder  Prometheus  erdacht  ist  als  Vertreter 
des  unüberlegten  Handelns,  des  zu  späten  Be- 
denkens der  Handlungen.  Als  solcher  erweist 
sich  Epimetheus  in  den  (wenigen)  Fällen,  wo 
überhaupt  von  ihm  die  Rede  ist;  darum  heifst 
er  auch  ayoiQTivoog,  Res.  Theog.  511;  oipCvoog, 
Find.  Pyth.  5,  35.  Nachdem  Prometheus  in 
Mekone  den  Zeus  beim  Opfer  betrogen  (Schol. 
Find.  N.  9,  123)  und  den  Feuerraub  vollbracht 
hatte , warnte  er  den  Epimetheus  von  Zeus 
irgend  eine  Gabe  anzunehmen.  Dennoch  nimmt 
Epimetheus  die  von  Zeus  durch  Hermes  zuge- 
sandte Pandora  auf  und  bringt  dadurch  alles 
Unheil  über  die  Menschen,  entweder  sofern 
nach  der  Anschauung  der  Theogonie  a.  0.  und 
v.  570  ff.  alles  Unheil  von  den  Weibern  stammt, 
oder  sofern  Pandora  aus  ihrem  Fafs  alle  Lei- 
den über  die  Erde  sich  ergiefsen  läfst,  Res. 
Op.  et  Dies  v.  60  ff.  Nach  Philodem.  n.  svasf 3. 
130  soll  Epimetheus  selbst  das  Fafs  der  Pan- 
dora geöffnet  haben.  Mit  Pandora  erzeugte 
Epimetheus  die  Pyrrha,  Gemahlin  des  Deuka- 
lion  (s.  d.),  Hygin.  f.  142.  Apollod.  1,  7,  2. 
Pindar  nennt  seine  Tochter  Prophasis,  „die 
Ausrede“  (Pyth.  5,  36),  eine  Personifikation  der 
Folge  unbedachten  Handelns. 

Darstellungen  desEpimetheus  inder  bild. 
Kunst  sind  selten.  Welcher,  Jahrb.  d.  Vereins 
f.  A.-F.  im  Pheinlande  Heft  28,  S.  54—62, 
T.  18  veröffentlicht  ein  in  einem  römischen 
Grab  in  Köln  gefundenes  Glasgefäfs  mit  der 
Darstellung  der  Anthropogonia.  Hier  tritt  dem 
einen  Menschen  bildenden  Prometheus,  aus  einer 
Hütte  herauskonnnend,  Epimetheus  gegenüber 
(inschriftl. : ' Tnofirj&svg ),  einen  kugelförmigen 
Gegenstand,  vielleicht  eben  das  Fafs  der  Pan- 
dora in  den  Händen  tragend.  Darstellung  roh 
und  spät;  Ausführlicheres  über-  dieselbe  s.  v. 
Prometheus.  . . 1 

In  der  Litteratur  wird  der  charakteristische 
Gegensatz  der  beiden  ungleichen  Brüder  in 
verschiedenen  freien  Wendungen  ausgeführt, 
z.  B.  Plat.  Protag.  p.  320;  auch  spricht  sich 
derselbe  in  mehreren  Sprichwörtern  aus. 

[Weizsäcker.] 

Epimylios  (’Enigvhog) , Sext.  Empir.  adv. 
math,  9*,  185.  Etym.  M.  p.  394,  4:  Beiname 
von  Gottheiten  als  Patronen  der  Mühlen,  ins- 


1285 


1286 


Epiodoros 

besondere  der  Artemis  in  ihrer  Eigenschaft  als 
agrarische  Gottheit  (oben  Sp.  563) : Welcher, 
Kl.  Schriften  5,  37  f.  Vgl.  Epiklibanios,  Eu- 
nostos,  Himalis,  Mylanteioi.  [Crusius.] 

Epiodoros  ( ’HjaodcoQOs ) , 1)  Beiname  des 
Asklepios  (s.  d.),  Orpli.  Hymn.  67,  3.  — 2)  Ein 
Beiname  der  Kypris,  Stesich.  in  Schol.  Eur. 
Or.  249.  — 3)  Ein  Beiname  der  Musen , Opp. 
hol.  4 , 7.  [Schultz,] 

Epione  {Hniovrf),  1)  Gemahlin  des  Askle-  l 
pios  (s.  oben  S.  621  u.  638  f.).  — 2)  Tochter 
des  Merops,  Schol.  II.  4,  195  (=  Hesione). 

[Schultz.] 

Epiplirades  (’EnupQcidrig) , Sohn  des  Chari- 
phemos;  einer  der  Vorfahren  Homers  in  der 
bis  auf  Orpheus  zurückführenden  Reihe,  Ilel- 

Ilan.,  Damast,  u.  Phereh.  bei  Prokl.  v.  Ilom.  in 
Müller  fr.  h.  gr.  2,  66,  10.  Chor,  bei  Suid. 
s.  v.  "OggQog  ( Müller  a.  a.  0.  3,  641  , 20)  und 
cert.  lief,  et  Hom.  2 nennen  denselben  ’Em-  2 
cpQadrjs,  Sohn  des  Euphemos.  Vergl.  Lobeck, 
Agl.  323ff.  und  Welcher , Ep.  Cycl.'1  S.  138. 

[Steuding.] 

Epiphron,  Sohn  des  Erebos  und  der  Nacht, 
Hyg.  f.  a.  A.  [Schultz.] 

Epipole  (’Enmölrf) , eine  Karystierin,  Toch- 
ter des  Trachion.  Sie  zog  in  männlicher  Klei- 

Idung  mit  gegen  Troia,  wurde  aber  von  Pala- 
medes  verraten  und  gesteinigt : verdächtige 
Sage  bei  Ptolem.  Heph.  5.  [Roscher.]  3 

Episteiue  {’EiuGzfgirf),  personifiziert  b.  Cebcs 
20.  Arcli.  Ztg.  1884,  124.  [Steuding.] 

Epistor  (’Etilgtcoq),  ein  Troianer,  vonPatro- 
klos  getötet,  Hom.  II.  16,  695.  [Schultz.] 
Epistrophos  ( ’EzriazQoepog ) , 1)  Sohn  des 
Iphitos,  Enkel  des  Naubolos,  der  mit  seinem 
Bruder  Schedios  die  Pliokeer  in  vierzig  Schif- 
fen gegen  Ilion  führte,  Ilom.  II.  2,  516.  Apol- 
lod.  3,  10,  8.  Diod.  16,  23.  — 2)  Führer  der 
Halizonen  aus  Alybe,  Bundesgenosse  der  Troia-  4 
ner,  II.  2,  856;  nach  Palaiph.  bei  Strabo  12, 
551  führte  er  die  Alazonen  aus  Alope , dem 
späteren  Zeleia.  — 3)  Sohn  des  Euenos,  Enkel 
j des  Selepios,  Bruder  des  Mynes,  von  Achill  auf 
dem  Zuge  gegen  Lyrnessos  in  Theben  getötet, 
II.  2,  692  mit  Schol. ; Strabo  13,  612.  [Schultz.] 
Epitegios  (fEmzsyiog  r'iQmg),  erwähnt  auf  einer 
att.  Inschrift  (C.  I.  A.  3,  290):  iSQtvg  ’Avdncov 
zai  r'iQCüog  ’Enizsyiov.  Vischer  hält  ihn  für  Ado- 
nis (?  vergl.  Ar.  Lys.  388).  [Roscher. J 5 

Epithymia  {’Erti&vyiu) , die  personificierte 
Begierde,  welche  der  Aphrodite  gleichgesetzt 
wird,  Tzetz.  Antehom.  63;  vergl.  Sophohl.  bei 
Athen.  15,  35  c.  S.  687.  [Steuding.] 

Epiur  s.  Epeur. 

Epn  (epn),  nicht  ganz  sichere  Lesung  des 
Namens  eines  besiegten  Kriegers  auf  einem 

hi  etruskischen  Spiegel  unbekannten  Fundorts 
im  Britt.  Museum?;  s.  Gerhard,  Etr.  Spiegel 
\ 4,  39;  tav.  CCCXCI,  nr.  2;  Fahr.  C.  I.  I.  2534  6 
| (andere  Lesung  Etn).  [Deecke.] 

Epoclios  (". Enoxos ) , 1)  Sohn  des  Lykurgos 
i in  Arkadien,  Apollod.  3,  9,  2.  Schol.  Apollod. 
Bhod.  1,  164;  dargestellt  im  Giebel  des  Tem- 
pels der  Athena  zu  Tegea,  Paus.  8,  45,  4.  — 
l 2)  Bruder  der  Oinoe , Paus.  1 , 33 , 7,  darge- 
! stellt  auf  den  Bathron  der  rhamnusischen  Ne- 
mesis. [Schultz.] 


Epona 

Epona,  Namen  einer  von  den  Römern  ver- 
ehrten Göttin  der  Pferde,  Esel  und  Maultiere 
( luvenal  8,  154  ff.  und  Schol.  z.  d.  St.  Minuc. 
Felix  Oct.  28,  7.  TertuXl.  Apol.  16,  ad  nat.  1, 
11.  Prudent.  Apoth.  197  f.),  die  von  vielen  für 
eine  echt  italische  oder  römische  Göttin  der 
Indigitamenta-wie  Bubona,  Orbona  etc.  gehal- 
ten wird.  Müller,  Etrusker  1 S.  17  Anm.  21 
= l2  S.  8 Anm.  21.  Pott,  Etymol.  Forsch.  1 
S.  127  = 2 Abt.  2ä  S.  533.  Hartung,  Pelig.  d. 
Römer  2 S.  154.  Düntzer  in  Jahrbücher  des 
Vereins  von  Altertums-Freunden  im  Rheinlande 
(=  Bonner  Jahrb.)  1,  1842  S.  89.  Ambrosch, 
Über  die  Religionsbücher  d.  Römer  S.  22.  Walz 
im  Kunstblatt  1845  St.  25  und  in  Bonner  Jahrb. 
8,  1846  S 133  ff'.  De  Wal , Mythologiae  sep- 
tentrionalis  monum.  epigraphica  latina  S.  77  zu 
nr.  109.  K.  Fr.  Hermann  in  Gott.  gel.  Anz. 
1848  S.  593.  J.  Becher  in  Bonner  Jahrb.  17, 
1851  S.  167.  Preller,  R.  M.  S.  594  = 23  S.  227. 
Diefenbach , Origines  europaeae  S.  336.  Ger- 
hard, Gr.  Myth.  § 984,  6.  Corssen,  Ausspr.  ls 
S.  116.  578.  Krit.  Nachtr.  z.  lat.  Formenlehre 
S.  29.  71.  76 f.  181.  Fabretti,  Glossar,  ital. 
S.  382.  Corssen , Beitr.  z.  ital.  Sprachkunde 
S.  83.  126ff.  Marquardt,  Staatsverw.  3 S.  17. 
Curtius , EtymJ  S.  462.  Sie  ist  aber  sicher 
eine  fremde,  höchst  wahrscheinlich  eine  cel- 
tische  Gottheit  (Epona  vom  celtischen  epo, 
' Pferd’ ; Diefenbach , Celtica  1 S.  28.  Lersch 
in  Bonner  Jahrb.  2,  1843  S.  120  und  8,  1846 
S.  136.  W.  Chassot  von  Florencourt  das.  3, 
1843  S.  51.  F.  Deycks  das.  11,  1847  S.  29. 
Zeufs,  Gramm.  Celt.2  S.  66.  A.  Rietet  in  Re- 
vue archeol.  N.  S.  10,  1864  S.  310ff.  Schlei- 
cher, Compend. 2 S.  240  Anm.  4.  Jordan  in 
Annali  d.  inst.  44,  1872  S.  47  ff.  Kr.  Beitr.  z. 
Gesch.  d.  lat.  Spr.  S.  121.  161  und  in  Prellers 

R.  M.3  2 S.  227f.  Anm.  3.  Fick,  Sprachein- 
heit  der  Indogermanen  S.  9.  129.  Vergleich. 
Wörterb.  I3  S.  5.  Marucchi  in  Annali  d.  inst. 
53,  1881  S.  239ff).  Denn  da  der  Name  ö 
hat  {luvenal : | solam  Eponam  et  facies  olida  ad 
praesepia  pictas ; Prudentius : nemo  Cloacinae 
aut  Eponae  super  astra  deabus  dat  solium ; der 
von  Corssen,  Beitr.  z.  ital.  Spr.-K.  S.  127 f. 
versuchte  Nachweis,  dafs  die  Kürze  des  o an 
diesen  Stellen  eine  dichterische  Willkür  sei, 
gründet  sich  auf  eine  für  Corssen  von  vornherein 
feststehende  ursprüngliche  Länge  des  o und  ist 
daher  verfehlt;  vgl.  Jordan  in  Annali  a.  a.  0. 

S.  49  f.  und  in  Krit.  Beitr.  S.  121)  und  Epona 
bei  Tertullian  nicht  in  den  Reihen  der  Indi- 
geten  erscheint  (denn  Corssens  Annahme  a.  a.  0. 
S.  130 , dafs  die  zweimalige  Erwähnung  der 
Epona  bei  Tertullian  zu  den  Angaben  über 
unterordnete  römische  Gottheiten,  die  Tertul- 
lian aus  Varros  Antiq.  rer.  div.  genommen 
habe , gehöre , ist  an  sich  unwahrscheinlich ; 
natürlich  ist  auch  Corssens  Zurückführung  der 
Stelle  des  Fulgentms  p.  561  s.  v.  semones,  in 
der  Epona  mit  Priapus  und  Vertumnus  als  se- 
mones erklärt  und  dabei  Varro  in  mystagogo- 
rum  libro  citiert  wird , auf  eine  wirkliche  Be- 
nutzung Varros,  grundlos,  vgl.  über  die  Stelle 
des  Fulgentius  Lersch  in  der  Ausg.  des  Folg. 
S.  40f.),  auch  bei  Augustiu  in  den  Auszügen  aus 
Varro  nicht  vorkommt  und  ihr  Kult  von  Iu- 

41  * 


1287 


Epona 

venal  in  verächtlicherWeise  dem  alten  numa- 
nisclien  Gottesdienste  entgegengesetzt  wird 
(gänzlich  verkennen  dies  Walz  in  Bonner  Jahrb. 
a.  a.  0.  S.  132.  Corssen  a.  a.  0.  S.  131;  rich- 
tig aufgefafst  von  Jordan  in  Annali  a.  a.  0. 
S.  50),  so  ist  an  eine  Indigitamenten-Gottheit, 
überhaupt  _an  eine  altitalische  Göttin  nicht  zu 
denken.  Überdies  ist  die  früheste  Erwähnung 
der  Epona  eben  die  bei  Iuvenal.  Bersch  {Bon- 
ner Jahrb.  8 S.  136)  verglich  zuerst  die  cel- 
tische  Göttin  Divöna  (bei  Ausonius,  ordo  ur- 
bium  nobil.  v.  160);  Bietet  (a.  a.  0.)  stellte 
eine  Anzahl  gallischer  Namen,  die  ebenfalls  von 
epo  gebildet  sind,  zusammen  (vergl.  Marucchi 
a.  a.  0.  S.  241).  Die  meisten  Inschriften  und 
Bilder  der  Epona  sind  in  Gallien,  Germanien  und 


Epona 


1288 


S.  79 f.  wurden  die  cel tisch-germanischen  Ma- 
tres  und  Matronae  als  Vorsteherinnen  der  Flu- 
ren Campestres  genannt;  s.  Campestres  und 
Matronae),  mit  Genius  Leucorum  {Uenzen  5239. 
Robert,  Epigraphie  gallo-romaine  de  la  Moselle, 
Paris  1873  S.  15 ff.  Taf.  1 Fig.  5.  6.  7).  Von 
römischen  Göttern  werden  neben  ihr  genannt: 
Iuppiter  (C.  I.  L.  3,  5192),  Hercules  {C.  I.  L. 
3,  4784;  6,  293,  wo  Jordan  in  Annali  a.  a.  0. 
io  S.  48  Anm.  2 ganz  willkürlich  Herculi  Epo- 
nae  S[ilvano ] etc.  ergänzt;  C.  I.  L.  7,  1114d) 
und  Mars,  Minerva,  Victoria  ( C . I.  L.  7, 1114d). 
Öfter  erhält  Epona  den  Beinamen  Augusta 
( G . I.  L.  3,  3420.  4776.  4784.  5312)  und  wird 
für  das  Wohl  des  Kaisers  und  des  Kaiserhau- 
ses angerufen  {Brambach , C.  I.  Rhen.  864 f. 


Epona  thronend  u.  Maulesel  (Füllen?)  fütternd  (Wandgemälde  aus  einem  Circus  nach  Bianconi , Descr.  dei 

Circhi  tao.  XVI;  vgl.  S.  12S9,  33  ff.). 


denDonauländern  gefunden  worden  (Inschriften 
in  Lothringen,  den  Rheinlanden,  in  der  Schweiz, 
in  Vorarlberg,  Nassau,  Württemberg,  Krain, 
Kärnthen , Steiermark , Ungarn ; Brambach , G. 
I.  Rhen.  683.  864.  865.  C.  I.  L.  3,  788.  3420. 
4776f.  4784.  5176.  5192.  5312.  5910.  6332a. 
Ephem.  epigr.  2 n 394.  Uenzen  5239.  Momm- 
senj  Inscr.  Uelvet.  219;  aus  England  sind  G.  I. 
L.  7,  747.  1114,  aus  Spanien  ist  Ephem.  epigr. 
4 nr.  26,  aus  Italien  nur  G.  I.  L.  6,  293;  über 
die  Bilder  s.  unten).  Die  Göttin  erscheint  in 
den  Inschriften  einigemal  mit  barbarischen 
Gottheiten  zusammen:  mit  Celeia  Sancta  {C.  I. 
L.  3,  5192),  mit  Campestres  (das.  5910,  7,  1114; 
Walz  in  Bonner  Jahrb.  8 S.  133  f.  erklärt  die 
Campestres  falsch  als  identisch  mit  den  bei 
Serv.  georg.  1,  21.  August,  c.  D.  4,  8 u.  a. 
erwähnten  römischen  Indigeten  des  Landbaues ; 
nach  J.  Becker  in  Bonner  Jahrb.  26,  1858 


50  G.  I.  L.  4777.  4784);  einmal  heifst  sie  Epona 
Regina  Sancta  {Ephem.  epigr.  2 nr.  394);  unsi- 
cher ist  die  Annahme  einer  Epona  Mater  auf 
der  Inschrift  Mommsen,  Inscr.  Uelvet.  nr.  219 
Deae  Eponae  ma  . . . \ Opilius  etc.  Gröfsten- 
teils  gehen  die  Widmungen  von  römischen 
Soldaten  aus.  In  den  Ställen  brachte  man  an 
dem  Hauptbalken,  der  die  Decke  trug,  eine 
aedicula  mit  dem  Bilde  der  Göttin  an,  das 
bei  festlichem  Anlafs  reichlich  mit  Blumen 
60  bekränzt  wurde,  vgl.  Apuleius  Met.  3,  27  {Epo- 
nac  deae  simulacrum  residens  aediculae;  auch 
Minuc.  Felix  und  Tertullian  setzen  solche  Hei- 
ligtümer der  Epona  in  den  Ställen  voraus; 
auf  gemalte  Bilder  deuten  die  Worte  Iuvenals 
iurat  | solam  Eponam  et  fades  olida  ad  prae- 
sepia  pictas).  Das  einzige  durch  Inschrift 
gesicherte  Bild  der  Epona  zeigt  der  in  den 
Ruinen  von  Nasium  bei  Toul  gefundene,  deae 


1289 


Epona 


Epona  1290 


Epona[e]  et  Genio  Leuc{orum ) gewidmete  Al- 
tar (s.  oben):  auf  der  einen  Seite  desselben 
steht  Epona  zwischen  zwei  Füllen  oder  Maul- 
tieren, deren  eines  sie  mit  der  Hand  zu  lieb- 
kosen scheint , während  das  andere  zu  der 
Göttin  emporblickt  (aufser  Robert  a.  a.  0.  vgl. 

J.  Arneth,  Die  neuesten  archäologischen  Funcle 
in  Cilli,  in  Sitz.- Ber.  der  Wiener  AJcad.  phil.- 
hist.  CI.  32,  1859  S.  582  nr.  14.  Chassot  von 
Florencourt  in  Bonner  Jahrb.  3 S.  49  f.).  Un-  io 
zweifelhaft  richtig  hat  also  Reifferscheid  ( An - 
nali  cl.  inst.  35,  1863  S.  127  f.)  das  für  Epona 
Darstellungen  charakteristische  Merkmal  darin 
erkannt,  dafs  die  Göttin  inmitten  zweier  oder 
mehrerer  Pferde,  Esel  oder  Maultiere  abgebil- 
det wird,  an  die  sie  meist  schützend  oder 
liebkosend  ihre  Hände  legt  oder  denen  sie 
Futter  reicht  (vgl.  J.  Becker  in  Bonn.  Jahrb. 

26  S.  100.  55/56,  1875  S.  203  f.  und  F.  Hett- 
ner  im  Katalog  des  Kgl.  Rhein.  Mus.  Vaterland  20 
Altertümer  bei  der  Universität  Bonn 
S.  79  zu  nr.  215);  das  scheinen  auch 
die  Worte  des  Minuc.  Felix  und  Ter- 
tullian  anzudeuten:  nisi  quod  vos  et 
totos  asinos  in  stabulis  cum  vestra  vel 
sua  Epona  consecratis  und  vos  tarnen 
■non  negabitis  et  iumenta  omnia  et  to- 
tos cantherios  (resp.  totos  asinos ) cum 
sua  Epona  coli  a vobis.  Aufser  jenem 
durch  Inschrift  gesicherten  Bilde  sind 
daher  mit  Recht  folgende  Denkmäler 
auf  Epona  bezogen  worden : 

1)  Epona,  auf  einem  Thronsessel 
zwischen  vier  (2  -f-  2)  Mauleseln  oder 
Füllen  sitzend,  reicht  denselben  auf 
ihrem  Schofse  Futter ; Gemälde  aus 
dem  sog.  Romulus-Circus : G.  L.Bian- 
coni,  Descrizione  dei  Circhi  etc.  publ. 
da  C.  Fea,  Roma  1789  Taf.  16,  da- 
nach Abbildung  p.  1287/88;  Cattaneo, 

Equejade,  monumento  antico  di  bronzo 
del  Museo  Naz.  Ungherese,  considerato 
ne ’ suoi  rapporti  colV  antichitä  figu- 
rata,  Milano  1819  Taf.  3 und  Taf.  4 
nr.  1 nach  einer  späteren,  von  cder 
Bianconis  in  Details  des  Kopfes  der 
Göttin  abweichenden  Zeichnung;  bei 
Bianconi  S.  105  f.  als  Siegerin  in  den 
circensischen  Spielen  oder  Herrin  einer 
siegreichen  Truppe  mit  ihrem  sieg- 
reichen Viergespann  aufgefafst. 

2)  Epona  mit  einer  patera  in  der  Rechten 
und  einem  Scepter  in  der  Linken  sitzt  zwi- 
schen zwei  Füllen  auf  einem  Thronsessel;  ge- 
schnittener Stein  des  Museums  Bocchi  in  Adria, 
von  Reifferscheid  publiciert  in  Annali  d.  inst. 

38,  1866  Taf.  K nr.  3,  auf  Epona  bezogen  das. 

35  S.  127 ; nebenstehende  Abbildung ; von  Brunn 
im  Bull.  dell.  inst.  1863  S.  35  irrtümlich  als 
Vesta  erklärt. 

3)  Epona  zwischen  zwei  Füllen  oder  Maul- 
tieren sitzend  und  an  dieselben  die  Hände 
legend^  Marmorstatuette  in  Rom:  Marucchi, 
Una  rarissima  statua  della  dea  Epona,  in  An- 
nali a.  a.  0.  Tf.  S,  p.  239  ff. , s.  d.  Abbildung. 

4)  Unterer  Teil  einer  ähnlichen  Marmor- 
Statuette  wie  nr.  3,  die  Haltung  der  Arme  des 
trümmerhaften  Zustandes  wegen  nicht  erkenn- 


bar; gefunden  am  Monte  Testaccio  in  Rom: 
Marucchi  a.  a.  0.  S.  248  Anm.  1. 

5)  Epona  in  einer  Nische  zwischen  zwei 
Pferden,  auf  die  sie  die  Hände  legt,  auf  einem 
Thronsessel  sitzend;  Bronzetlifelchen,  gefunden 
1845  bei  Ofen:  Arneth  nr.  20,  der  eine  Abbil- 
dung davon  bei  Häufler,  Histor .-topogr . Skiz- 
zen von  Ofen  und  Pest  anführt;  gute  Zeichnung 
im  Nachlasse  J.  Beckers. 


Epona,  Marmorstatuette  in  Rom  nach  Annali  dell ’ Inst.  1881: 
Bd.  53.  T.  S.  (vgl.  S.  1289,  61  ff.) 


6)  Epona  zwischen  zwei  Pferden  stehend; 
Bronzegruppe  der  ehemaligen  Sammlung  Feger- 
vary  de  Pulsky,  angeführt 
von  Robert  a.  a.  0 S.  17. 

7)  Epona  zwischen  zwei 
einander  die  Köpfe  zukeh- 
renden Pferden  sitzend ; Re- 
co lief  von  Ohringen,  jetzt  in 

Stuttgart : Mommsen  im 
Arcll.  AnZ.  1861  S.  229  *.  Epona  (gesclm.  Stein 

8)  Epona  zwischen  zwei  nach  Annali  dell'  Inst. 
Pferden,  die  hinter  der  Göt-  186o  Tao.  K nr.  3). 
tin  hervorkommend  nach 

aufsen  gehen,  an  dieselben  angelehnt  stehend 
oder  halb  sitzend,  im  linken  Arm  ein  Füllhorn 
nach  Art  der  Fortuna,  in  der  auf  das  eine  Pferd, 


1291 


1292 


Epona 

das  den  Kopf  zu  der  Göttin  zurückwendet,  ge- 
stützten Rechten  einen  undeutlichen  Gegen- 
stand haltend;  Relief  aus  Heddernheim:  An- 
nalen des  Vereins  f.  nassauische  Altertumskunde 
und  Geschichtsforschung  1 , 1830  Taf.  4 nr.  6, 
danach  W eigener,  Bandbuch  der  vorzüglichsten 
in  Deutschland  entdeckten  Altertümer  aus  heid- 
nischer Zeit  (Weimar  1842)  Taf.  61  Fig.  526 
und  Bergmann  a.  a.  0.  Taf.  1 A (bessere 
Zeichnung  in  Beckers  Nachlafs);  Arneth  nr.  24.  i 
J.  Becker,  Die  Heddenheimer  Votivhand,  Frank- 
furt a.  M.  1861  S.  6,  21  f. ; als  Epona  zuerst 
von  Bergmann  S.  18  erklärt. 

9)  Epona,  mit  der  emporgehobenen  Linken 
das  den  Hinterkopf  verhüllende  Gewand,  in 
der  gesenkten  Rechten  eine  Schale  ( llleyde - 
mann)  oder  ebenfalls  das  Gewand  (. Dütschke ) 
haltend,  steht  zwischen  zwei  hinter  der  Göt- 
tin hervorkommenden,  nach  aufsen  schreiten- 
den Füllen,  die  ihre  Köpfe  zur  Göttin  um-  und  2 
emporwenden;  das  Ganze  in  nischenartig  ver- 
tieftem Felde;  schlecht  erhaltenes  Relief  im 
Museo  archeologico  der  Brera  in  Mailand: 
H.  Heydemann,  Mitteilungen  aus  den  Antiken- 
sammlungen in  Ober-  und  Mittel- Italien,  drit- 
tes Hall.  Winckelmannsprogr.  1879  S.  32  nr.  9. 
Dütschke,  Ant.  Bildwerke  in  Oberital.  5 nr.  1001 ; 
am  oberen  Rande  Spuren  einer  Inschrift. 

10) -  Epona  unter  einem  Bogen  (vielleicht 
Andeutung  einer  Nische)  zwischen  sieben  3 
(rechts  3,  links  4)  Pferden,  eine  Kugel  (?  'eine 
Art  runden,  flachen  Schiisselchens,  welches  auf 
dem  Stuttgarter  Denkmal  wie  eine  Kugel  aus- 
sieht’, J.  Becker  in  Bonner  Jahrb.  26  S.  100) 
mit  beiden  Händen  im  Schofse  haltend;  auf 
dem  unteren,  von  dem  oberen  getrennten  Teile 
des  Bildes  fährt  auf  einem  vierräderigen  (zwei- 
räderigen?),  mit  drei  Pferden  bespannten  Wa- 
gen ein  Mann,  der  einen  unkenntlichen  Ge- 
genstand in  den  Händen  hält,  nach  rechts  auf  4 
eine  kleine  Ara  zu,  an  der  ein  Mann,  den  Kopf 
in  kapuzenartiger  Verhüllung,  mit  einer  patera 
in  der  Rechten  steht;  ihm  zur  Seite  führt  ein 
anderer  Mann  ein  Schwein , das  er  mit  der 
Rechten  an  den  Rückenborsten,  mit  der  Lin- 
ken an  einem  Hinterbeine  hält,  herbei;  zwi- 
schen beiden  im  Hintergründe  auf  einem  tisch- 
artigen Gestell  ein  grofser,  doppelhenkeliger 
Krug.  Relief  aus  Beichingen,  jetzt  in  Stutt- 
gart: Sattler,  Allgemeine  Geschichte  Wärtern-  5 
bergs  1 (1764)  Taf.  23  nr.  1,  S.  229  f.  (schlechte 
Zeichnung),  danach  Wagener,  Handb.  etc.  Taf. 
14  nr.  131,  S.  129  s.  v.  Binningen;  Arneth 
nr.  19;  vor  Becker  und  Arneth  als  Wettrenn- 
Scene  ( Sattler ; Stälin,  Wirtemberg.  Gesell.  1 
S.  43  nr.  122)  oder  Opfer  an  Ceres  ( Sattler , 
Wagener)  gedeutet. 

11)  ’Epona  sedente  di  fronte  con  in  mano 
una  verga  o frusta(?):  di  qua  e di  lä  sono  figu- 
rati  due  cavalli’;  geschnittener  Stein:  II.  Gar-  6 
rucci,  Notizia  di  alcuni  uggetti  antichi  di  pri- 
vata  collezione,  im  Bull.  d.  inst.  1866  S.  27. 

12)  Eine  Epona  wird  man  auch  erkennen 
müssen  auf  einem  geschnittenen  Steine  des 
Kgl.  Museums  zu  Berlin:  eine  Frau  mit  ver- 
schleiertem Haupte,  in  der  Rechten  eine  pa- 
tera, in  der  Linken  eine  aufgerichtete  bren- 
nende Fackel  haltend,  sitzt  nach  links  gewen- 


Epona 

det  zwischen  zwei  jungen  Pferden,  oder,  da 
das  Tier  hinter  der  Göttin  wahrscheinlicher 
ein  Maultier  ist , zwischen  einem  Pferd  und 
Maultier,  von  denen  das  Pferd  aus  einem  vor 
der  Göttin  stehenden  modius  mit  Ähren  zu 
fressen  scheint;  also  Epona  der  Ceres  ähnlich, 
Tölken,  Erklär.  Verz.  der  ant.  Steine  S.  114 
nr.  236;  abgebildet  bei  Banofka,  Über  ver- 
legene Mythen,  in  Abh.  d.  Berlin.  Akad.  v.  J. 

1839  phil.-histor.  Abteil.  Taf.  1 nr.  2,  Wiese- 
ler,  Denkm.  d.  alt.  Kunst  23  Taf.  8 nr.  91b  und 
Overbeck,  Gr.  Kunstmythol.  3 Gemmentafel  4 
nr.  10 ; von  Winckelmann  (Descript.  d.  pierr. 
grav.  du  Baron  de  Stosch  CI.  2 n.  235) , Töl- 
ken, Banofka  a.  a.  0.  S.  22  ff.  Jahn  ( Die 
Cista  mystica,  im  Hermes  3,  1869  S.  330  Anm. 

3) , Wieseler  (a.  a.  0.  Text  S.  60)  und  Over- 
beck (a.  a,  0.  S.  508)  als  Ceres  oder  Demeter 
erklärt. 

Nach  Kühnes  Zeitschr.  f.  Münz-,  Siegel-  u.  I 
Wappenkunde  1,  1841  S.  316  giebt  J.  Lelewel, 
Etudes  numismatiques  et  archeologiques  1 vol. 
Type  Gaulois  ou  Celtique,  Bruxelles  1841  an,  ] 
dafs  Epona  auf  altgallischen  Münzen  sich  dar- 
gestellt finde.  Jedenfalls  nicht  hierher  ge- 
hörig ist  das  Relief  eines  kleinen  Terracotta- 
Altars  im  Museo  Borbonico  zu  Neapel,  welches  ? 
in  Vorderansicht  eine  auf  der  Achse  zweier 
Räder  (als  Andeutung  des  Wagens)  zwischen 
einem  Viergespann,  von  denen  die  zwei  inne- 
ren Pferde  die  Köpfe  nach  innen  (der  Figur 
zu?),  die  übrigen  zwei  nach  aufsen  wenden, 
stehende  (die  Pferde  lenkende?)  Frau  darstellt 
(Bullet,  archeolog.  Napolitano  N.  S.  2,  1854 
Taf.  2 nr.  3;  Arneth  nr.  26  ist  geneigt,.  Epona 
zu  erkennen;  Minervini  im  Bull.  Nap.  a.  a.  0. 

S.  105  nennt  die  Figur  Pallas).  Fälschlich 
hat  man  Bilder  reitender  Frauen  auf  Denkmä- 
lern gallischen  und  germanischen  Fundorts 
auf  Epona  bezogen  (so  z.-B.  Chassot  von  Flo- 
rencourt in  Bonner  Jahrb.  3 S.  50.  Arneth 
nr.  15.  16.  Bobert  a.  a.  0.  S.  14);  dieselben 
sind  vielmehr  wahrscheinlich  Darstellungen 
celtiscli-germanischer  Matronen,  vgl.  J.  Becker  ‘ 
in  Bonner  Jahrbücher  26  S.  91  ff.  55/56  S.  203  f. 
Hettner  a.  a.  0.;  siehe  Matronae.  In  den  Kreis 
solcher  Bilder  gehört  jedenfalls  auch  ein  Bre- 
genzer Relief,  das  eine  weibliche  Figur  nach 
Frauenart  auf  einem  langsam  schreitenden 
Pferde  sitzend,  in  jeder  Hand  eine  Schale  hal- 
tend und  einem  von  vier  (2  -f-  2)  sie  um-  I t 
gebenden  Pferden  Nahrung  reichend  darstellt: 
Bergmann  in  Sitz.-Ber.  der  Wiener  Acad.  phil - n 

hist.  CI.  9,  1852  Taf.  lB,  S.  14 ff.;  als  Epona 
erklärt  von  Bergmann,  J.  Becker  in  Bonner  v S 
Jahrb.  21,  1854  S.  182 f.  Arneth  nr.  25;  früher  a! 
als  Ehrguta,  die  mythische  Retterin  von  Bre- 
genz, aufgefafst;  vergl.  über  das  Relief  s.  v. 
Matronae.  Ebenso  ist  eine  von  Brizio  (im 
Giornale  degli  scavi  N.  S.  2,  1870  S.  99,  vgl. 
dazu  Corssen  a.  a.  0.  S.  129),  Jordan  (in  An- 
nali  a.  a.  0.  S.  47  ff.  und  in  Brellers  B.  M.  be 

a.  a.  0.)  und  Marucchi  (a.  a.  0.  S.  2.44)  als 
Epona  novQozQoepo?  aufgefafste,  zwischen  zwei 
Laren  in  einer  Nische  mit  einem  Kinde  im 
Arm  auf  einem  Esel  reitende  Frau  eines  pom- 
pejanischen  Gemäldes  (Bull.  d.  inst.  1871  S.  180. 
Fiorelli,  Scavi  d.  Bomp.  S.  108  n.  40,  Descr.  | : 


1293 


1294 


Epona 

Pomp.  S.  388.  Sogliano , Le  pitture  murali 
Campane  etc.,  in  Pompei  e la  regione  sotterata 
etc.,  in  Pompei  e la  regione  sotterata  etc.  Na- 
poli 1879  parte  seconda  S.  93  f.  nr.  31;  abgeb. 
zu  Jordans  Abhandlung  in  Annali  a.  a.  0. 
Tat.  D)  sicher  nicht  Epona.  Denn  zu  einer 
solchen  ganz  in  der  Luft  schwebenden  An- 
nahme einer  Epona  novQOTQoepog  zwingt  weder 
der  Fundort,  ein  zum  Stalle  gehöriger  Raum, 
noch  ein  unterhalb  dieses  Bildes  gemalter 
Sklave,  der  zwei  Esel  herantreibt,  noch  die 
Nische  ( Jordan  S.  48);  ferner  kann  doch  un- 
möglich das  Kind  im  Arme  der  Frau  (wie 
Jordan  S.  53  will)  die  Fürsorge  der  Göttin 
für  ihre  Tiere  (die  in  den  sicheren  Epona-Bil- 
dern  ihren  sprechenden  Ausdruck  findet)  sym- 
bolisieren; andere  ( Trendelenburg  im  Bull.  d. 
inst.  1871  S.  180,  Preuner  in  Bursians  Jahres- 
ber.  7,  1876  S.  144 u.  und  Sogliano  a.  a.  0.) 
haben  an  eine  eigenartige  Darstellung  der 
Vesta  gedacht  (Vesta  mit  Zeus  hatte  ursprüng- 
lich Brizio  S.  46  f.  angenommen;  Fiorelli 
a.  a.  0.:  'Epona  o Vesta’).  Die  Frage,  wen 
jene  reitende  Frau  darstellt,  ist  einstweilen 
am  besten  mit  B.  Engelmann  (in  Lützows 
Zeitschrift  f.  bild.  Kunst  7,  1872  S.  254)  un- 
entschieden zu  lassen  (an  Epona  glaubt  auch 
Corssen  a.  a.  0.  S.  129  f.  nicht).  Den  wei- 
teren, an  und  für  sich  unwahrscheinlichen 
Annahmen  Jordans,  der  (S.  52 ff.)  das  pompe- 
janische  Gemälde  mit  den  erwähnten  reiten- 
den Frauen  in  Verbindung  bringt  und  ver- 
mutet, dafs  der  italische  Typus  einer  reitenden 
Epona  uovQOTQocpos  vielleicht  auf  gallische 
Epona-Bilder  zurückgehe  , die  etwa  um  die 
Zeit  des  hannibalischen  Krieges  in  Italien 
Eingang  gefunden  hätten  (S.  54  f.),  wird  da- 
durch, dafs  die  Frau  des  pompejanischen  Bil- 
des sich  als  Epona  nicht  erweisen  läfst,  aller 
Boden  entzogen.  Gar  nicht  hierher  gehörig 
ist,  wie  Arneth  (a.  a.  0.  S.  585  f.;  vgl.  Gerhard, 
Gr.  Myth.  a.  a.  0.)  richtig  ausführt,  der  weib- 
liche Bronzekopf,  der  die  angeführte  Schrift 
Cattaneos  veranlafst  hat. 

Eine  Spur  einer  an  Epona  anknüpfenden 
Legende  könnte  man  erkennen  bei  Pseudo- Plu- 
tarch,  Par  all.  29  (wo  als  Gewährsmann  an- 
geführt wird  ’Ayr\6ileiog  Iv  tqitco  ’lraXiiunv) : 
Fulvius  Stellus,  ein  Weiberfeind,  verband  sich 
mit  einer  Stute , die  eine  schöne  Tochter, 
welche  er  Epona  nannte,  gebar,  wenn  der 
Autor  irgendwie  zuverlässig  wäre  (mit  Un- 
recht also  legt  Corssen  a.  a.  0.  S.  131  f.  die- 
ser Erzählung,  die  er  als  eine  '‘einheimische 
Sage’  betrachtet,  Wert  bei  und  verwendet  sie 
als  Beweis  für  den  angenommenen  italischen 
Ursprung  der  Göttin).  [R.  Peter.] 

Epopeus  (’Enonsvg),  1)  bei  Homer  und  He- 
siod  nicht  bezeugt;  aber  von  den  nachhome- 
rischen Epikern  mannigfach  behandelt.  Er 
ist  Sohn  des  Aloeus,  Enkel  des  Helios  und 
beherrscht  als  Erbe  seines  Vaters  Asopia  (Si- 
kyon);  nach  dem  Tode  des  Bunos  erhält  er 
auch  Ephyraia  (Korinthia),  so  dafs  er  den 
grofsväterlichen  Besitz  wieder  in  seiner  Hand 
vereinigt.  Seinen  Sohn  Marathon  behandelt 
er  so  gewaltthätig , dafs  dieser  nach  Attika 
flieht  und  erst  nach  des  Vaters  Tode  zurück- 


Epopeus 

kehrt,  Eurnelos  bei  Paus.  2,  1,  1.  Nach  den 
Ky prien  fand  Epopeus  seinen  Untergang  bei 
der  Zerstörung  Sikyons , weil  er  die  Tochter 
des  Lykurg  verführt  hatte.  So  erzählte  Nestor 
dem  Menelaos  in  einer  Episode  ( Prolclos  bei 
Photios).  Welcher,  ep.  Cycl.  2,  98.  Asios  giebt 
dem  Epopeus  die  Asopostochter  Antiope  (s.  d.) 
zur  Frau,  die  von  Zeus  den  Amphion  (s.  d.),  von 
ihrem  Gatten  den  Zethos  gebar,  Paus.  2,  6,  4. 
io  Bei  Apollod.  1,  7,  4.  3,  5,  5 ist  Epopeus  Sohn 
des  Poseidon  und  der  Kanake  und  Bruder  des 
Aloeus.  Zu  ihm  flieht,  von  Zeus  schwanger, 
die  thebauische  Antiope,  die  Tochter  des  Nyk- 
teus , und  vermählt  sich  mit  ihm.  Da  tötet 
sich  im  Unmut  ihr  Vater  Nykteus  und  trägt 
seinem  Sohne  Lykos  auf  den  Epopeus  und  die 
Antiope  zu  strafen.  Lykos  erobert  Sikyon, 
tötet  den  Epopeus  und  führt  die  Antiope  ge- 
fangen weg,  wobei  sie  unterwegs  den  Zethos 
io  und  Amphion  gebiert,  Schol.  Apoll.  Bhod.  Arg. 
4,  1090.  Ganz  dasselbe  erzählt  Hygin.  f.  8, 
nur  nennt  er  statt  Epopeus  den  Sikyonier 
Epaphus.  Bei  Pausanias  endlich  (2,  6,  l ; vgl. 
Eudoc.  viol.  15  b)  ist  Epopeus  kein  einheimi- 
scher Herrscher,  sondern  wandert  aus  Thessa- 
lien ein  und  erhält  nach  dem  Tode  des  kin- 
derlosen Korax  die  Herrschaft  von  Sikyon.  Er 
raubt  die  schöne  Antiope,  des  Nykteus  Toch- 
ter, die  von  Asopos  stammen  sollte.  In  der 
>o  Schlacht  gegen  die  heranziehenden  Thebaner 
wird  Nykteus,  aber  auch  der  siegreiche  Epo- 
peus verwundet.  Sterbend  trägt  Nykteus  dem 
Lykos  aufscr  der  Vormundschaft  für  den  un- 
mündigen Labdakos  Rache  an  Epopeus  und 
Antiope  auf.  Epopeus  opferte  unterdessen 
Siegesopfer  und  baute  der  Athene  einen  Tem- 
pel ; auf  seine  Frage,  ob  das  Gebäude  ihr  an- 
genehm sei,  liefs  die  Göttin  01  aus  dem  Boden 
quellen.  Später  starb  Epopeus  an  der  ver- 
o nachlässigten  Wunde;  sein  Nachfolger  Lame- 
don  lieferte  die  Antiope  aus  und  sie  gebar 
unterwegs.  Epopeus  erbaute  in  Sikyon  nicht 
weit  vom  heiligen  Thore  einen  Athenetempel 
von  ungewöhnlicher  Pracht  und  Gröfse,  der 
durch  Blitzstrahl  zerstört  wurde.  Nur  der 
Altar  daraus  erhielt  sich,  und  vor  ihm  befindet 
sich  das  Grabmal  des  Epopeus.  Auch  die 
Gründung  eines  Heiligtums  der  Artemis  und 
des  Apollon  wurde  auf  ihn  zurückführt,  Paus. 
.0  2,  11,  1.  Gerade  umgekehrt  berichtet  Diodor 
fragm.  I.  6 , dafs  Epopeus  die  Götter  zum 
Kampfe  aufforderte  und  ihre  Tempel  und  Al- 
täre zerstörte. 

Epopeus  wird  von  Preller  und  Gerhard 
übereinstimmend  als  eine  Lichtgottheit  erklärt, 
eine  andere  Form  des  Helios,  der  auf  der 
Höhe  ( sncoTtfi ) thront,  wobei  daran  zu  erin- 
nern ist,  dafs  ’Enmmq  nach  Steph.  Byz.  ein 
Name  für  Akrokorinth  war  (vgl.  ’Ecpvgg) ; als 
o abgeleitet  führt  Steph.  noch  besonders  snw- 
nsvg  und  snamGrig  an.  ’Enam'g  „die  Göttin 
auf  der  Warte“  war  bei  den  Sikyoniern  ein 
Beiname  der  Demeter  ( Hesych .).  Zu  dem  so- 
larischen  Wesen  des  Epopeus  pafst  seine  Eigen- 
schaft als  Diener  der  Athene,  derjenigen  näm- 
lich, die  in  dem  benachbarten  und  verwandten 
Korinth  durch  Fackellauf  verehrt  wurde.  Als 
Frühlingsheros  erklärt  den  Epopeus  B.  Schrö- 


1295 


Erechtheus 


1296 


Epops 

der  de  Sphinge  11.  — 2)  König  von  Lesbos, 
der  seine  eigene  Tochter,  die  schöne  Nykti- 
mene,  entehrte;  sie  floh  deshalb  voll  Scham 
in  die  Wälder  und  wurde  von  Athene  aus 
Mitleid  in  eine  Nachteule  verwandelt,  Hygin. 
f.  204.  253.  — 3)  einer  der  Tyrrhener,  welche 
Bakchos  wegen  versuchter  Gewaltthat  gegen 
ihn  in  Delphine  verwandelte,  Hygin.  f.  134. 
Ov.  inet.  3,  619.  Vgl.  Acoetes.  [Wilisch.] 
Epops  tötete  den  Narkissos,  den  Sohn  des 
Amarynthos  (s.  d.),  Akusil.  bei  Prob,  zu  Verg. 
Buc.  2,  48  in  Müller  fr.  h.  gr.  1,  102,  21a. 
Vgl.  oben  84,  54  u.  85,  9.  42 ff.  [Steuding.] 
Epytides  (’Hnvxldg g),  Sohn  des  Epytos  (Pe- 
riphas),  der  Begleiter  des  Iulus,  Verg.  Aen.  5, 
547;  579.  Ilom.  II.  17,  323ff.  Suid.  (Schultz.] 
EpytuSj  ein  Trojaner,  der  sich  bei  der  Flucht 
aus  Troja  dem  Aneas  anschlofs,  Verg.  Aen. 

2,  340.  [Schultz.] 

Era  auf  einer  Inschrift  aus  Aquileia,  C.  I. 
L.  5,  8970  a = Aeracura  (s.  d.).  [Steuding.] 
Eranno  ("Egavvco),  Nymphe,  C.  I.  Gr.  6854  e. 

[Koscher.] 

Eraos  ("Egaog)  , einer  von  den  Söhnen  des 
Neoptolemos  und  der  Leonassa  (s.  d.).  Proxen. 
und  NiJcorn.  Akanth.  nach  Lysimach.  in  den 
Schol.  Ven.  Eurip.  Androm.  24  bei  Müller  fr. 
h.  gr.  3,  338,  13.  [Steuding.] 

Erasia  (’Egcxola),  Tochter  des  Pliineus  (s.  d.), 
Palaiph.  1,  24.  [Schultz.] 

Erasinos  (’EgciGivog),  ein  Argiver,  zu  dessen 
Töchtern  Britomartis  (s.  d.)  kam.  Anton. 
Lib.  40.  [Schultz.] 

Erasippos  (Hgaamnog),  Sohn  des  Herakles 
und  der  Thespiade  Lysippe,  Apollod.  2,  7,  8. 

[Stoll.] 

Erate  (?) , eine  von  den  Töchtern  des  Da- 
naos,  welche  den  Eud(a)emon  tötete,  Hygin. 
f.  170.  [Steuding.] 

Erato  (’Eqccxcq  , die  Liebliche),  1)  eine  der 
neun  Musen  (s.  d.),  Tochter  des  Zeus  und 
der  Mnemosyne,  lies.  Theog.  78.  Apollod.  1, 

3,  1.  Orph.  Hymn.  75,  9.  C.  I.  Gr.  5866. 
8185.  Sie  war  die  Muse  heiteren  anmuti- 
gen Scherzes,  an  dem  die  Liebe  den  vor- 
züglichsten Anteil  hat,  die  Göttin  der  Liebes- 
poesie  und  des  Tanzes;  sie  erfand  yagmci 
•Aal  oqxpgiv,  Tzetz.  Hes.  Opp.  p.  23 f.  Gaisf. 
Schol.  Apoll.  Bhod.  3,  1.  Diod.  4,  7.  Plut. 
Quaest.  sympos.  9,  14,  7.  Athen.  13,  555  b. 
Plat.  Phaedr.  p.  259 d.  Braun,  Gr.  Götterl. 
§ 396.  Daher  ruft  Apoll.  Bhod.  3,  1 sie  an, 
wo  er  die  Liebe  der  Medeia,  Vergil  (Aen.  7.  37), 
wo  er  von  Lavinia,  Turnus  und  Aneas  singen 
will;  daher  sind  ihre  Bildwerke  oft  mit  Saiten- 
instrumenten versehen , Anth.  Pal.  9 , 505. 
Von  Aethlios,  dem  Sohne  des  Endymion,  oder 
von  Philammon  war  sie  Mutter  des  Thamyris, 
Tzetz.  Hes.  Op.  p.  25.  28.  Schol.  11.  10 , 435. 
Bildliche  Darstellungen  in  Mus.  Pio-Clem. 
t.  1 pl.  22.  23  und  bei  Hirt  Taf.  28,  1.  29,  9, 
herculanisches  Gemälde.  — 2)  Eine  Nereide, 
Tochter  des  Nereus  und  der  Doris,  Hes.  Theog. 
247.  Apollod.  1,  2,  7.  Schoemann  Op.  Ac.  2, 
169  (Amata).  Braun,  Gr.  Götterl.  §78.  Lehrs, 
Populäre  Aufsätze  S.  120.  Dargestellt  bei  dem 
Raub  der  Thetis  durch  Peleus  auf  einer  Kylix 
der  Sammlung  des  Fürsten  von  Canino,  jetzt 


in  München,  J.  de  Witte,  Cat.  ctr.  nr.  135; 
s.  C.  I.  Gr.  n.  7398.  — 3)  Eine  der  nysischen 
Najaden,  welche  den  Dionysos  aufzogen,  Hyg. 
f.  182.  — 4)  Mainade , auf  einer  Vase  der 
Lambertin.  Sammlung,  O.  Jahn,  Vasenbilder 
p.  11  f.  taf.  2.  C.  I.  Gr.  n.  8439  [ Heydemann , 
Satyr-  u.  Bakchennamen  19.  R.].  — 5)  Eine 
von  den  in  Vögel  verwandelten  Schwestern 
des  Meleagros,  Cramer,  An.  Par.  1,  285,  31. 
io  Anonym,  de  midier,  in  W estermann  Farad,  p.  219. 
Mythogr.  345,  13.  — 6)  Arkadische  Nymphe 
(Dryade),  welche  dem  Arkas  den  Azan,  Aphei- 
das  und  Elatos  gebar,  Paus.  8,  4,  2.  10,  9,  3. 
Sie  war  Prophetin  des  weissagenden  Pan, 
Paus.  8,  37,  9.  Plat.  Phaedr.  263  d.  Preller, 
Griech.  Myth.  1,  613.  — 7)  Eine  Tochter  des 
Thespios,  von  Herakles  Mutter  des  Dynastes, 
Apollod.  2 , 7 , 8 , wo  Avväaxgg  ’Egtxxovg  statt 
A.  "Egaxog  zu  lesen  sein  wird.  [Stoll.] 

•io  Eraton  (’Egdxcov),  Satyr,  Heydemann,  Satyr- 
u.  Bakchennamen  29.  [Roscher.]  » 

Eratos  (?)  s.  Erato  7. 

Erebos  (* Egsßog , sog,  n.  G.  Curtius,  Grund- 
züge 480).  Die  unterirdische  Finsternis , oft 
für  die  Unterwelt  selbst  gesagt.  Aus  dem 
Erebos  holt  Herakles  den  Kerberos,  Ilias 
8,  368,  erhört  Erinys  die  Althaia,  7,  571,  holt 
Zeus  die  Hekatoncheiren,  Hesiod.  Theog. 
669;  dorthin  gelangen  die  Verstorbenen,  Ilias 
30  1 6 , 3 2 7.  Od.  11,  37.  564;  20,  356.  Hes.  Th. 
515.  Kaibel,  Epigramm,  nr.  35  a (ath.  Grab- 
stein). Ov.  met.  10,  76:  deos  Erebi  crudeles. 
Val.  Flacc.  2,  120  u.  ö.  Odysseus  opfert  am 
Hadesthor  slg  "Egsßog  axgsipag  Od.  10,  528;  der 
Skylla  Grotte  liegt  rtgog  goyov  slg  "Egsßog 
xsxQccyysvov  12,  81  (nach  Abend).  — - Erebos 
genealogisiert:  aus  dem  Chaos  kamen  Ere- 
bos und  Nyx,  aus  diesen  beiden  Aither  und 
Hemer a,  Hes.  Th.  123.  Akusilaos , Schoem. 
4o  op.  2,  78.  Dazu  Antagoras  bei  THog.  L.  4,  26. 
Vgl.  Ar  ist.  Av.  691.  1193  (Erebos  zeugte  den 
Aer).  Aus  Chaos  und  Caligo  kamen  Nox, 
Dies,  Erebus,  Aether,  aus  Nox  und  Erebus 
viele,  Fatum  etc.  Hyg.  fab.  pr.-,  diese  Reihe 
der  Kinder  etwas  anders  bei  Cic.  d.  D.  n.  3, 
17.  — Aus  dem  Erebos  kommt  die  Nacht, 
Eurip.  Or.  172.  Vgl.  Nox  Erebus , Verg.  Cul. 
202  Ilpt.  Paul.  Erebum.  Bei  Erebos  wuchs 
Isis  auf  Kaibel,  Epigr.  nr.  1029.  Erebus,  Teil 
50  der  Unterwelt,  für  die  Guten,  Sero.  Aen.  6, 
404.  Erebos  bei  dem  Orphikern , s.  Preller- 
Plew  1,  36.  [v.  Sybel.] 

Erechtheus  (’Egsj&svg).  Ursprünglich  iden- 
tisch mit  Erichthonios  [vergl.  EgiyAivg  C. 
I.  Gr.  2374.  Roscher.],  Sohn  der  Erde,  von 
Athena  in  ihrem  Tempel  aufgezogen , vergl. 
Hom.  B 547 : drjfiov  ’EpfytHjos  fisyalgxoQog,  ov 
nox’  ’AQ'fivr]  ftgsips  At'og  d'vycixgQ  — reue  ös 
£eido)Qog  uqovqk  — wad  d’  sv  ’AQ'rivi] g etosv 
GO  seg  svl  nlovi  vgeö.  Hom.  g 81.  Er  heifst  ygys- 
vgg  bei  Herod.  8,  55.  Dionys.  Hol.  14,  2. 
Eustath.  ad  Hom.  283,  12,  Sohn  des  Hephaistos 
und  der  Ge  bei  Plutarch.  orat.  vit.  8,  37. 
Steph.  Byz.  ethn.  ed.  Mein.  438.  Schol.  Aristid. 
Panath.  ed.  Dind.  3,  62.  Nonn.  Dionys.  13, 
172;  vgl.  Een.  mein.  3,  5,  10.  Nach  der  nicht 
erst,  wie  gewöhnlich  angenommen  wird  ( Mül- 
ler, Orchomenos 2 117),  von  Plato  Kritias  llOA 


1297 


Erechtheus 


Erechtheus 


1298 


eingeführten  Trennung  der  beiden  Namen 
(schon  Pindcir  und  der  Dichter  der  Danais 
nannten  den  Erichthonios,  vgl.  Harpokrat.  s.  v. 
uvxoxd'ovis;  vor  allen  trennt  sie  Eurip.  Ion 
267)  wird  Erechtheus  Sohn  des  Erichthonios 
genannt  ( JEurip . Ion  267  v.  1007),  oder  des 
Pandion  und  der  Zeuxippe;  sein  Bruder  ist 
Butes,  zugleich  der  Gatte  seiner  Tochter  Chtho- 
nia,  Apollod.  3,  14,  8.  Hygin.  f.  48.  Schol. 
Demosth.  705,  19;  nach  andern  ist  Pandion  l 
sein  Sohn  und  Nachfolger,  Schol.  Eurip.  Phoen. 
854.  Herold.  Pont,  de  reb.  publ.  1 , 1.  Steph. 
Byz.  s.  v.;  auch  wird  er  Sohn  der  Nemesis  ge- 
nannt bei  Photius  482,  15.  Um  die  verschie- 
denen Nachrichten  unter  einander  in  Einklang 
zu  bringen,  nehmen  die  Alten  auch  zwei  Erech- 
theus an  (Schol.  Eurip.  Phoen.  854.  Nonnos 
Dionys.  13,  17 1).  _ Nach  Diod.  Sic.  1,  29,  1 
stammt  er  aus  Ägypten;  gelegentlich  einer 
Hungersnot  habe  er  Getreide  nach  Athen  ge-  2 
bracht  und  sei  dafür  zum  König  ernannt  wor- 
den; er  habe  die  Mysterien  in  Eleusis  einge- 
führt. Er  errichtet  seiner  Mutter  Nemesis  ein 
Heiligtum , Photius  482 , 14.  Nach  Xenoph. 
conv.  8,  40  nimmt  er  teil  am  Zuge  des  Dio- 
nysos gegen  die  Barbaren,  vergl.  Nonn.  Dion. 
13,  171.  Unter  seiner  Herrschaft  erhalten  die 
Athener,  früher  Ksyigonidui  genannt,  zuerst 
den  Namen  ’A&gvcdoi,  Herod.  8,  44.  Er  rich- 
tet die  Panathenäen  ein  und  fährt  zuerst  mit  3 
7iaQctßcczrig  oder  ccnoßÜTrjg , ja  er  wird  über- 
haupt als  der  erste  Wagenlenker,  vermöge  der 
Gabe  der  Athena,  bezeichnet,  Eratosth.  catast. 
13.  Aristid.  Panatli.  107;  vgl.  Schol.  ed.  Dind. 
3,  62.  Themist.  orat.  27,  337  a.  Seine  Gattin 
heifst  Praxithea,  Tochter  des  Kephisos,  Ly- 
curg.  c.  Leotr.  98.  Porphyr,  de  abstin.  2,  56. 
Stobaei  flor.  39,  33.  Plutarch.  parall.  20,  oder 
des  Phrasimos  und  der  Diogeneia,  Tochter  des 
Kephisos  ( Apollod . 3,  15,  1);  als  Söhne  gelten,  4 
abgesehen  von  Pandion  f s.  o.)  Kekrops  der  jün- 
gere , welcher  nach  Euboia  übersiedelt  und 
dem  von  Xuthos  später  die  Herrschaft  zuge- 
sprochen wird  (Paus.  1,  5,  3.  7,  1,  2;  vergl. 
dagegen  Apollod.  3, 15,  5),  Alkon  (Schol.  Apoll. 
Rh.  Arg.  1,  97),  ferner  Orneus  (Paus.  2,  25,  5. 
Plutarch.  Thes.  32),  Thespios  (Paus.  9,  26,  6. 
Diod.  Sic.  4,  29,  3),  Eupalamos  (Diod.  Sic.  4, 
76,  1),  Pandoros  (Apollod.  3,  15,  1),  Metion 
(Paus.  2,  6,  5.  Schol.  Sopli.  Oed.  Col.  463),  5 
Sikyon  (Paus.  2,  6,  5);  seine  Töchter  sind  Me- 
rope  (Mutter  des  Daidalos)  bei  Plutarch.  Thes. 
19,  Kreusa  (Eurip.  Ion  10.  260.  Paus.  1,  28,  4. 
Schol.  Arist.  nub.  1468),  Oreithyia  (Schol.  Hom. 

£ 533.  Diod.  Sic.  4 , 43 , 3.  Schol.  Apoll.  Rh. 
Arg.  1,  211.  Ovid.  met.  6,  676),  Prokris  (Schol. 
Hom.  I 320);  nach  Suidas  s.  v.  naQ&evot,, 
Photius  397,  7.  Mich.  Apost.  14,  7 hat  er  6 
Töchter,  Protogeneia,  Pandora,  Prokris,  Kreusa, 
Oreithyia  und  Chthonia , nach  Eurip.  Er  ach-  e 
theus  (Lycurg.  c.  Leocr.  a.  a.  O.)  nur  drei,  das 
’Qtvyog  TQinaQ&svov  (Eurip.  fr.  357),  zu  denen 
nach  Ion  280  noch  Kqsovgcc  hinzukommt.  Sein 
Sohn  Alkon  flieht  nach  Schol.  Apoll.  Rh.  Arg. 

1,  97  mit  seiner  Tochter  Chalkiope  aus  Attika 
nach  Euboia,  die  Bewohner  von  Chalkis  wei- 
gern sich  ihn  auszuliefern ; wahrscheinlich  in- 
folge hiervon  kommt  es  zu  dem  von  Eurip. 


Ion  294  erwähnten,  durch  Hilfe  des  Xuthos 
entschiedenen  Kriege ; auch  Kekrops  soll  nach 
Euboia  ausgewandert  sein  (s.  o).  Unter  des 
Erechtheus  Regierung  findet  ein  Nachspiel  zu 
dem  Kampfe  der  Athena  und  des  Poseidon 
um  den  Besitz  des  Landes  statt;  entweder  um 
die  im  Kampf  mit  Athen  befindlichen  Eleusi- 
nier  zu  unterstützen,  oder  um  einfach  den 
Erechtheus  der  Macht  zu  berauben,  kam  Eu- 
molpos,  Sohn  des  Poseidon  und  der  Chione 
(der  Tochter  des  Boreas  und  der  Oreithyia), 
König  von  Thrakien,  mit  Thrakern  nach  Athen, 
unter  dem  Vorwände,  dafs  seinem  Vater  Posei- 
don die  Herrschaft  gebühre  (Isolcr.  Panatli.  193 
rjgcpiGßyrriaev  ’Egsx&ei  rgg  woUfag,  qiKGxcov  Ho - 
GSidä  nQOTfQOv’A&rjväg  xat txhxßeiv  avTiqv.  Vgl. 
Scliol.  Eur.  Phoen.  854).  Erechtheus  wandte  sich 
nach  Delphi  an  Apollon,  um  zu  erfahren,  in  wel- 
cherWeise  er  den  Angriff  der  Feinde  absclilagen 
könnte;  er  erhält  das  Orakel,  er  werde  siegen, 
wenn  er  vor  dem  Kampfe  eine  seiner  Töchter 
opfere;  nach  Rücksprache  mit  der  Praxithea 
thut  er  dies  (und  zwar  opferte  er  nach  Stob, 
flor.  39,  33  die  älteste,  nach  andern  die  jüngste, 
Chthonia;  nach  Paradox,  ed.  Westerm.  219 
wird  Prokris  geopfert  und  Kreusa  und  Chtho- 
nia sind  die  sich  selbst  tötenden;  nach  Suidas 
u.  Photius  s.  v.  n cxQ&tvoi  bieten  sich  Protoge- 
neia und  Pandora  selbst  zum  Ofer  dar).  Da- 
durch erlangt  er  zwar  den  Sieg,  verliert  aber 
auch  die  andern  Töchter , da  diese  mit  der 
Getöteten  sich  das  gegenseitige  Versprechen 
gegeben  hatten , dafs  keine  die  andern  über- 
leben sollte.  Infolge  davon  heifst  es  später, 
Erechtheus  habe  seine  Töchter  geopfert, 
oder,  sie  seien  freiwillig  für  das  Vaterland  in 
den  Tod  gegangen.  Sie  werden  verehrt  als 
naQ&evoi,  £evyog  TQLncxQ&evov , ’Tüösg  (Harpo- 
crat.  ed.  Dind.  2,  441.  Schol.  Arat.  172)  oder, 
nach  dem  Lokal,  wo  sie  geopfert  wurden,  'Ta- 
Kiv&idsg  (Demosth.  epitaph.  27.  Diod.  Sic.  17, 
15,  2.  Suid.  s.  v.  nciQ&evoi.  Photius  397,  7. 
Aristid.  Panatli.  119).  Nach  Eurip.  Phoen. 
851  erscheint  Teiresias,  nach  Paus.  1,  36,  4 
der  dodonäische  Seher  Skiros,  der  nach  Phot. 
385  aus  Eleusis  stammt,  in  Athen,  um  durch 
seinen  Beistand  den  Athenern  zum  Sieg  zu  ver- 
helfen, vgl.  Tliulc.  2,  15.  Eurip.  Ion  277.  Lyc. 
c.  Leocr.  98  (Eur.  Erechtheus).  Plutarch.  parall. 

20.  Porphyr,  de  abstin.  2,  56.  Clem.  Alex,  pro- 
trept.  3,  12.  Luc.  Dem.  enc.  46.  Paus.  1,  5,  2. 
38,  3.  Isolcr.  33,  35.  177,  7.  Aristid.  Panath. 
119.  Cic.  pro  Sest.  21,  48.  de  fin.  5,  22,  62. 
Tusc.  1,  48,  116.  Schol.  Bob.  in  Cic.  pro  Sest. 

21.  Nach  Schol.  Dem.  438,  17  ist  es  eine  der 
drei  Kekropiden,  Agraulos,  welche  sich,  um  der 
Stadt  den  Sieg  zu  verschaffen,  von  der  Mauer 
stürzt:  zum  Dank  dafür  wurde  ihr  nach  Be- 
endigung des  Krieges  neben  deit  Propyläen 
ein  Heiligtum  errichtet,  in  welchem  die  Jüng- 
linge beim  Eintritt  unter  die  Epheben  ihren 
Eid  ablegen  mufsten.  Ebenso  bei  Schol.  Arist. 
Panath.  119,  wo  noch  gesagt  wird,  dafs  Herse 
und  Pandrosos  sich  infolgedessen  gleichfalls 
den  Tod  gaben.  Hyperides  läfst  den  Erech- 
theus nicht  von  Eumolpos,  sondern  von  Phor- 
bas,  dem  Könige  der  Kureten,  bekriegt  wer- 
den, gleichfalls  einem  Sohne  des  Poseidon; 


1299 


Erechtheus 


Ereua 


1300 


nach  ihm  ist  das  ihogßavzsiov  benannt , s. 
Harpocrat.  s.  v.  <!>onß.  Phot.  654 , 3.  Etym. 

M.  798,  25,  während  nach  Pluxnod.  fr.  7 das 
Opfer  der  beiden  Töchter  im  Kriege  gegen  die 
Boioter  nötig  wurde.  (Nach  Eustath.  ad  Hom. 
1156,  52  wird  Athen  zu  gleicher  Zeit  von  zwei 
Heeren,  dem  des  Eumolpos  und  dem  des  Phor- 
bas,  Königs  der  Akarnanen,  belagert.)  Eumolpos 
selbst,  oder  sein  Sohn  Immarados  fällt  in  der 
Schlacht  durch  die  Hand  des  Erechtheus,  der  io 
gleichfalls  seinen  Tod  findet,  Paus.  1,  27,  4; 
durch  Verschmelzung  der  oben  erwähnten 
Phorbassage  läfst  der  Schol.  zu  Eurip.  Phoen. 
854  den  Eumolpos  samt  seinen  Söhnen  Phor- 
bas  und  Immarados  von  der  Hand  des  atti- 
schen Königs  fallen.  Nach  Eurip.  Erechth.  fr. 
364  wird  Erechtheus  schwer  verwundet  heim- 
gebracht, nach  Eurip.  Ion  281  von  Poseidon 
durch  Schläge  mit  dem  Dreizack  in  der  Erde 
(unter  dem  Poliastempel)  verborgen;  er  hat  20 
also  ein  gleiches  Schicksal  wie  Kekrops,  vgl. 

0.  Jahn,  arc.  Ath.  descr } 29,  12.  Nach  Hy- 
gin  f.  46  erfolgt  das  Opfer  der  Chthonia  erst 
nach  Beendigung  des  Krieges;  Erechtheus  hat 
im  Kampf  den  Eumolpos  getötet,  da  verlangt 
Neptun  als  Sühne,  dafs  er  ihm  die  Chthonia 
als  Opfer  darbringe;  dies  geschieht,  aber  nach 
ihrem  Tode  töten  sich  auch  die  anderen  drei 
Töchter.  Ipse  Erechtheus  ah  Iove  Neptuni  ro- 
gatu  fulmine  est  ictus.  Vgl.  dagegen  f.  238:  30 
Erechtheus  Glithoniam  ex  sortibus  pro  Athenien- 
sibus  ( occidit ).  Nach  Alcidam.  Odyss.  5 ( Orat . 
att.  2,  200)  ist  Menestheus  derjenige,  welcher 
dem  xlngriffe  des  Eumolpos  entgegentritt. 
Nach  Philochoros  (HarpoJcrat.  s.  v.  Borjdgöyux) 
und  Strabo  8,  7,  1 wird  der  Krieg  erst  durch 
die  eilige  Hilfe  des  Ion,  Sohn  des  Xuthos  und 
der  Kreusa,  zu  gunsten  der  Athener  entschie- 
den; dem  Ion  wird  infolge  dessen  die  Königs- 
würde übertragen;  bei  Paus.  7,  1,  5 dagegen  40 
wird  ein  zweiter  Krieg  der  Athener  gegen 
Eleusis  erwähnt,  bei  welchem  Ion  zur  Hilfe 
herbeieilt  und  die  Führung  übernimmt.  In  ge- 
nauer Kopierung  des  ersten  Kampfes  fällt  Ion 
in  der  Schlacht,  vgl.  2,  14,  2,  wo  erzählt  wird, 
dafs  Dysaules,  Bruder  des  Keleos,  aus  Eleusis 
von  Ion  vertrieben  sei.  Vgl.  Lobeck,  Aglao- 
pliam.  207. 

Nachdem  der  Sieg  für  die  Athener  ent- 
schieden war,  wird  Frieden  geschlossen  unter  50 
der  Bedingung,  dafs  die  Eleusinier  sich  den 
Athenern  unterwerfen;  sie  erhalten  aber  das 
Recht  für  sich  die  Mysterien  abzuhalten,  Paus. 

1,  38,  3. 

Erechtheus  wurde  als  Heros  Eponymos  viel- 
fach gefeiert,  vgl.  Schol.  Demostli.  485,  17.  702, 

12.  705,  19,  und  durch  Standbilder  geehrt,  so 
in  Athen  auf  dem  Markte  {Paus.  1,  5,  2;  ist 
dies  vielleicht  das  als  vorzüglich  gepriesene 
Werk  des  Myron,  Paus.  9,  30,  1?)  und  in  Del-  60 
phi,  ein  Werk  des  Pheidias,  unter  dem  Zehnten 
der  marathonischen  Beute;  die  Gruppe  zweier 
kämpfenden  Männer,  aus  Bronze,  beim  Polias- 
tempel, wurde  auf  den  Kampf  des  Erechtheus 
mit  Eumolpos  oder  Immarados  gedeutet,  Paus. 

1 , 27 , 4.  Ein  Gemälde  (?)  wird  vom  Schol. 
Aristid.  Panath.  ed.  Lind.  3,  62  erwähnt  tv 
tfi  angonoXei  om'oco  avzrjg  {zgg  ’Ad’rjvccg)  ys- 


y ganzen  agga  sXcevvcov,  tag  ngeozog  zovzo  zrjg 
ftsov  dsigagsvog,  snsiSy  zgonov  zivcc  viog  av- 
zrjg  sdönei,  vgl.  Michaelis  der  Parthenon  184,1. 
Im  Erechtheion  wurde  ihm  auf  dem  Altar  des 
Poseidon  geopfert  {Paus.  1,  26,  5);  den  Epi- 
dauriern  wurde  von  den  Athenern  nur  unter 
der  Bedingung  Olivenholz  zu  Statuen  bewilligt, 
dafs  sie  jährlich  der  Athena  Polias  und  dem 
Erechtheus  Opfer  darbrächten,  Herocl.  5,  82. 
Vgl.  Cic.  de  nat.  d.  3,  13,  49  u.  50.  Aristid. 
Panath.  119. 

Nach  Euripides  ist  der  Mythus  des  Erech- 
theus auch  von  Ennius  behandelt  worden  (3 
Frgm.);  auch  in  Pantomimen  scheint  er  ver- 
wandt zu  sein,  vgl.  Luc.  de  salt.  40.  Wie  sehr 
der  Mythus  desselben  besonders  in  Athen  volks- 
tümlich war,  läfst  auch  Plato  erkennen,  Menex. 
239  B novrjzai  avzcov  r]Sr\  ixavcög  zrjv  dgszyv 
vgvyGavzsg  sg  netvzug  fisyyvvHcnu ; ferner  sei 
angeführt,  dafs  Hygin  f.  253  quae  contra  fas 
concubuerunt,  auch  erwähnt  wird  Procris  cum 
Erechtheo  patre , ex  quo  natus  est  Aglaurus. 
Harpocrat.  s.  v.  insvsy-Asiv  d 'tgv  berichtet  nach 
Istros , dafs  Erechtheus  auf  dem  Grabe  der 
Prokris  einen  Speer  aufgerichtet  habe , zum 
Zeichen  der  zu  nehmenden  Rache. 

Darstellungen  des  Erechtheus  wurden  von 
Welcher,  Braun  u.  a.  in  der  Ostseite  des  Par- 
thenonfrieses gesucht,  mit  Unrecht,  vgl.  Nuove 
Mem.  delV  Inst.  183.  Michaelis , der  Parthenon 
261.  Er  ist,  samt  Aigeus  und  Pallas,  mit 
Hintansetzung  jeder  Chronologie , auf  einem 
Cäretaner  Vasenbild  bei  der  Geburt  des  Erich- 
thonios  gegenwärtig,  vgl.  Ann.  delV  Inst.  1877, 
432.  Auf  den  Kampf  des  Erechtheus  gegen 
Eumolpos  bezieht  Lölling,  Gott.  Nachr.  1874 
No.  2 den  Ostfries  des  Theseion,  meiner  Mei- 
nung nach  mit  Recht ; doch  vergl.  Overbeck, 
Gesch.  d.  PI.  3,  1,  353.  Wohl  mit  Unrecht 
wird  auf  Erechtheus  ein  kürzlich  auf  der 
Akropolis  gefundenes  archaisches  Relief,  ei- 
nen Wagenlenker  mit  zurückgewandtem  Kopfe 
darstellend , bezogen  im  IJagvccGGÖg  1883, 
281 , 2.  Vergl.  noch  Erichthonios,  Eumolpos, 
Chthonia,  Hyades,  Hyakinthides , Phorbas.  — 
2)  Beiname  des  Poseidon  {Plutarch.  nior.  ed. 
Dübn.  1027,  37)  oder  des  Zeus  {Schol.  Lyk. 
Alex.  158).  Vgl.  Preller , gr.  MI  1,  167,  1. 

[Engelmann.] 

Erepha  {’Egecpcc),  Amme  des  Dionysos,  Etym. 
Magn.  372,  1.  Siehe  Eripha  und  Eriphia. 

[Steuding.] 

Eresos  C'EgsGog),  1)  ein  Krieger  auf  dem 
Gemälde  des  Polygnot  in  der  Lesche  zu  Del- 
phi, Paus.  10,  27,  1.  — 2)  Sohn  des  Makar, 
nach  welchem  die  Stadt  Eresos  auf  Lesbos 
benannt  sein  sollte.  [Schultz.] 

Eretmeus  {’Egszgsvg),  einer  der  phaiakischen 
Jünglinge,  die  vor  Odysseus  Wettkämpfe  ver- 
anstalteten, Ilom.  Od.  8,  112.  [Schultz.] 

Eretrieus  ( ’Egszgisvg ),  Sohn  des  Phaethon, 
der  von  Makistos  in  Triphylien  aus  Eretria 
auf  Euboia  gegründet  haben  soll , Strabo 
10,  447.  Schol.  II.  2,  537.  Steph.  Byz.  s.  v. 

[Schultz.] 

Ereua  {’Egsvcc),  eine  Nymphe,  nach  welcher 
die  lykische  Stadt  Ereuates  ihren  Namen  er- 
halten haben  soll,  Steph.  Byz.  s.  v.  ’Egevdzyg. 


1301 


Ereuthalion 


1302 


Derselbe  identificiert  sie,  wenn  die  Lesart  rich- 
tig ist,  mit  ’EXsv&sgd.  [Steuding.] 

Ereuthalion  (’Egev&aXIcov),  Sohn  des  Hippo- 
medon  oder  Xanthippos , ein  Arkadier,  der  in 
der  Rüstung  des  Areithoos,  die  ihm  Lykurgos 
geschenkt,  gegen  die  Pylier  kämpfte  und  von 
Nestor  erlegt  wurde,  Horn.  II.  4,  319.  7,  134  ft'. 
Nach  Schol.  Apoll.  Bhod.  1 , 164  wurde  Ereu- 
thalion von  Lykurgos  getötet  und  zum  Anden- 
ken daran  das  Fest  der  Moleia  gefeiert.  — 2) 
ein  Kilikier,  Vater  des  Oineus , Nonn.  43,  55. 
— 3)  Sohn  des  Kriasos,  Enkel  des  Argos, 
Gründer  von  Ereuthalia,  Schol.  Eur.  Plioen. 
1123.  [Schultz.] 

Ereutho  (’Egiv&cö),  Amme  und  Begleiterin 
des  Dionysos:  Nonnus  14,  223.  [Roscher.] 

Ergane  s.  Athene  oben  S.  681  u.  vgl.  Kai- 
hel,  Epigr.  gr.  776. 

Ergens,  Vater  der  Kelaino  (s.  d.),  Hyg.  f. 
157.  (Schultz.] 

Ergiaios  (’Egyiaio g),  einer  der  Nachkommen 
des  Dioraedes  (s.  d.),  der,  von  Temenos  über- 
redet, in  Gemeinschaft  mit  Learchos  das  Pal- 
ladion aus  Argos  entführte,  Plut.  Quaest.  cgraec. 
48.  [Schultz.] 

Erginos  (’Egytvog),  1)  Sohn  des  Klymenos  und 
der  Buzyge,  Schol.  Apollon.  Bhod.  Arg.  1,  185, 
oder  der  Budeia,  Eustath.  ad  Hom.  1076,  26, 
König  von  Orchomenos  in  Boiotien.  Als  sein 
Vater  bei  dem  Fest  des  Poseidon  in  Onchestos 
durch  einen  Steinwurf  des  Thebaners  Perieres, 
Wagenlenkers  des  Menoikeus,  getötet  war, 
sammelte  er  mit  seinen  Brüdern  ein  Heer,  zog 
gegen  Theben,  besiegte  die  Thebaner  vorzüg- 
lich durch  die  Reiterei  ( Pind . Ol.  14,  2 und 
Schol.  Tzetz.  Lyh.  874.  Polyaen.  1,  3,  5.  Paus. 
9,  38,  4)  und  zwang  sie  zur  Unterwerfung,  in- 
dem er  ihnen  auf  20  Jahre  einen  Tribut  von 
jährlich  100  Rindern  auferlegte.  Auf  die  Boten 
des  Erginos,  die  den  Tribnt  einfordern  woll- 
ten, stiefs  Herakles  (noch  in  jugendlichem 
Alter,  vgl.  IHoä.  Sic.  4,  10.  Aristid.  Herafcl. 
31.  Mann.  Alb.  0.  Jahn,  Bilderchron.  69)  bei 
seiner  Rückkehr  vom  Kithairon;  er  schnitt 
ihnen  Ohren  und  Nase  ab,  band  ihnen  die 
Hände  auf  den  Rücken  und  schickte  sie  so 
dem  Erginos  zurück.  Als  der  König  von  Or- 
chomenos nun  wieder  mit  grofser  Heeresmacht 
herauszog,  trat  ihm  Herakles,  von  Athena  mit 
Waffen  ausgerüstet  ( Apollod . 2,  4,  11.  Mod. 
Sic.  4,  10)  entweder  allein  (Eur.  Here.  für.  220 
og  slg  Mivvaioi.  näci  öia  yü%rig  yoloav)  oder 
an  der  Spitze  eines  Heeres  (noXsyagxcöv  bei 
Apollodor ) entgegen,  schlug  und  tötete  ihn  und 
zwang  die  Orchomenier  den  doppelten  Tribut 
an  Theben  abzuliefern.  (Die  Feindschaft  der 
beiden  Städte  Theben  und  Orchomenos  dauert 
bis  in  die  historische  Zeit  hinein.)  Zum  Dank 
für  die  Befreiung  des  Landes  erhielt  Herakles 
von  dem  König  Kreon  dessen  Tochter  Megara 
zur  Frau,  Apollod.  2,4,11.  Eustath.  ad  Hom. 
272,  31.  Isolcr.  Plat.  10.  Mod.  15,  79.  Strabo 
9,  2 (414).  Schol.  Theolcr.  16,  105.  Paus.  9,  9. 
Zum  Andenken  an  den  Sieg  wurden  dem  He- 
rakles Statuen  und  Heiligtümer  errichtet  (Paus. 
9,  24,  4:  ’PivonoXovazrjg , weil  er  den  Boten 
die  Nasen  abachnitt,  9,  26,  1 ' Inn  ödst  qg,  weil 
er  den  Orchomeniern  durch  Fesselung  ihrer 


Erginos 

Pferde  die  Reiterei  unbrauchbar  machte,  vgl. 
Hesych.  s.  v.  iTtnoöszqg.  Nach  Polyaen.  1, 
3,  5 lenkte  er,  um  die  Reiterei  der  Feinde  zu 
hindern,  den  Flufs  in  die  Ebene,  vgl.  Marm. 
Alb.  n ul  zuv  h'yvav  snl  zov  nsdiov  ta%qatv 
avzoig  änocpgci^ug  nozuyov).  Nach  Euripid. 
Here.  f.  49  hat  Herakles  selbst  zum  Andenken 
an  seinen  Sieg  einen  Altar  des  Zeus  Ecnzqg, 
nach  Paus.  9,  17  einen  Löwen  vor  dem  Tem- 
pel der  Artemis  Eukleia  aufgestellt.  Neben 
andern  soll  Amphitryon  tapfer  kämpfend  in 
der  Schlacht  gegen  die  Minyer  gefallen  sein, 
s.  Amphitryon.  Nach  der  Schlacht  wurde  He- 
rakles von  Hera  in  Raserei  versetzt,  Apollod. 
2 , 4 , 12.  Als  Erginos  die  Auslieferung  des 
Herakles  forderte,  war  nach  Mod.  Sic.  4,  10 
der  König  Kreon  schon  bereit  zu  gehorchen; 
da  überredete  Herakles  seine  Altersgenossen, 
mit  ihm  das  Vaterland  zu  befreien;  er  ent- 
nimmt aus  den  Tempeln  die  Waffen  und  zieht 
so  gegen  Erginos.  Nach  Paus.  9,  17, 1 mufste 
erst,  um  den  Sieg  den  Thebanern  zu  sichern, 
ein  Menschenopfer  dargebracht  werden;  die 
zwei  Töchter  des  Antipoinos,  Androkleia  und 
Alkis,  opferten  sich  freiwillig  für  die  Stadt. 

Unter  den  von  Erginos  beim  ersten  Über- 
fall getöteten  Thebanern  werden  von  Schol. 
Eurip.  Phoen.  53  die  Söhne  des  Oidipus  und 
der  Iokaste,  Phrastor  und  Laonytos  angeführt. 
Nach  Paus.  9,  37,  2 wird  Erginos  nicht  ge- 
tötet, sondern  schliefst  Frieden  mit  Herakles; 
da  sein  Land  durch  den  Krieg  stark  mitge- 
nommen ist,  legt  er  sich,  ohne  an  Nachkom- 
menschaft zu  denken,  nur  aufs  Sparen;  end- 
lich, nachdem  es  ihm  gelungen  ist,  wieder 
Reichtümer  zu  sammeln,  wünscht  er  auch  Kin- 
der zu  haben;  auf  Anweisung  des  delphischen 
Orakels  nimmt  er  eine  junge  Frau  und  zeugt 
mit  ihr  den  Trophonios  und  Agamedes,  die 
jedoch  von  andern  für  Söhne  des  Apollon  ge- 
halten werden,  vgl.  Schol.  Aristoph.  nub.  508. 
Nach  Eustath.  ad  Hom.  272 , 31  heifst  sein 
Sohn  Azeus. 

Der  Kampf  zwischen  Erginos  und  Herakles 
wird  von  Welcher,  ep.  Cyhl.  1,  253  und  2,  422 
als  Inhalt  des  Epos  Mevvüg  angenommen;  da- 
gegen wendet  sich  v.  Wilamowitz,  phil.  Unters. 
7 , 222  , wie  mir  scheint , mit  zweifelhaftem 
Recht. 

Über  Darstellungen  des  Kampfes  zwischen 
Erginos  und  Herakles  s.  Arch.  Ztg.  1875,  20; 
1879,  186  (B.  Engelmann),  vgl.  dagegen  Ann. 
delV  Inst.  1880,  93  (II.  Heydemann).  Ich  halte 
die  Deutung  der  dort  besprochenen  Monumente 
aufrecht.  — 2)  Teilnehmer  am  Argonauten- 
zuge; er  wird  als  Sohn  des  Poseidon  (Schol. 
Pind.  Pyth.  4,  61.  Apoll.  Bhod.  Arg.  1,  185. 
2,  896.  Hygin.  f.  14.  Val.  Fl.  Arg.  1,  415. 
Orpheus  Arg.  150)  aus  Milet  bezeichnet,  von 
Pindar  dagegen  (Ol.  4,  19)  Sohn  des  Klyme- 
nos genannt  (und  der  Buzyge,  Schol.  Ap.  Bh. 
Arg.  1,  185),  also  mit  1)  identificiert;  darauf 
weist  auch,  Hygin  f.  4 hin : quidam  Periclymeni 
dicunt , Orchomenius.  Vielleicht  zeigt  Hygin 
f.  157,  wo  unter  Neptuns  Söhnen  auch  solche 
ex  Celaeno , Ergei  (Ergini,  cj.  Bursian)  filia 
erwähnt  werden,  in  welcher  Weise  die  ver- 
schiedene Vatersbezeichnung  entstanden  ist. 


1303  Ergiskos 

Nach  dem  Tode  des  Tiphys  wünscht  er  das 
Steuerruder  zu  übernehmen,  nach  Schol.  Apoll. 
Rliod.  Arg.  2,  895.  Val.  Flacc.  Arg.  5,  65. 
8,  177  hat  er  es  wirklich  geführt.  An  den  in 
Lemnos  stattfindenden  Kampfspielen  nimmt  er 
teil,  wird  aber  von  den  lemnischen  Frauen 
wegen  seiner  weifsen  Haare  verspottet;  als  er 
im  Wettlauf  siegt,  sagt  er  deshalb  zu  Hypsi- 
pyle  ovzog  sya>  ra^vtau,  %siQEg  ds  vcd  rjzoQ 
i'aov,  Find.  Ol.  4,  19  u.  Schol.  Vgl.  auch  Li- 
tern. ep.  303  ov%  OTt  goi  x 6 xov  ’Egylvov  ovg- 
ßsßgvsv,  sv  vsozgze  noliä.  Kallimach.  fr.  197 
cd.  JBentl.  Böckh  expl.  Find.  145.  Staatshausli. 
2,  368.  Müller  Orchom.  77.  129.  179.  202.  257. 
Burmann  Catal.  Arg.  — B)  Flufs  Thrakiens, 
Apoll.  Rhod.  Arg.  1,  218.  Plin.  n.  h.  4,  47. 

[Engelmann.] 

Ergiskos  ('EgyiGvog),  Ilarpokrat.  p.  85  s.  v. 
Egylavy  = Et.  M.  p.  369,  54  Sohn  des  Posei- 
don und  der  Nymphe  Aba  (s.  d.),  Eponymos 
der  thrakischen  Stadt  Ergiske.  [Urusius.] 

Eriboia  (’Egißota),  1)  Tochter  des  Alkathoos, 
Gemahlin  des  Telamon  (=  Periboia),  Pindar 
Isthm.  6,  42  (65).  frgvi.  45.  Soph.  Ai.  562. 
[ C . I.  Gr.  8185b.  Jahn,  Arch.  Beitr.  453,  wo 
eine  Verbesserung  von  Serv.  Verg.  Aen.  6,  21 
gegeben  ist.  K.]  — 2)  eine  Amazone , von 
Herakles  besiegt,  Diod.  4,  16.  [Schultz.] 

Eribotes  (’Egißcözrjg),  Sohn  des  Teleon,  Ar- 
gonaut, Ap.  Rh.  1,  71  mit  Schol.:  ' Hgodcogog 
sv  x otg  Agyovuvxivotg  xovzov  Evgvßäz rjv  vcdsi. 
Hyg.  f.  14.  Val.  Flacc.  1,  402.  Leistete  dem  Oi- 
leus  ärztliche  Dienste,  Ap.  Rh.  2,  1039;  starb 
auf  der  Rückkehr  Hyg.  /’.  14  a.  E.  (Eurybates, 
des  Teleon  Sohn).  Auf  der  Kypseloslade  war 
als  Teilnehmer  an  den  Leichenspielen  des 
Pelias  auch  ein  Eurybotes  mit  dem  Diskos 
dargestellt,  Paus.  5,  17,  10.  [Seeliger.] 

Ericliaetes  oder  Ericetes,  ein  Lykaonier, 
welcher  von  Messapus  getötet  wurde,  Verg. 
Aen.  10,  749.  Ribbeck  z.  d.  St.  erklärt  ihn  als 
egi-Xahyg.  [Steuding.]  [=  Erechtheus. 

Erichtheus  (’Egix&svg,  C.  1.  Gr.  2374,  24) 

Erichthonios  (’Egix&oviog) , Sohn  des  He- 
phaistos und  der  Atthis,  Tochter  des  Kranaos, 
oder  der  Athena  bez.  Ge  [Apollod.  3,  14,  6), 
deshalb  ygysvfig  genannt,  Eurip.  Ion  20.  Vgl. 
Luc.  philops.  3.  Censor.  de  die  n.  4,  12.  Har- 
pocrat.  s.  v.  avxöx&ovsg.  Als  Athena  den  He- 
phaistos aufsuchte,  um  sich  Waffen  zu  ver- 
schaffen, entbrennt  der  Gott  in  Liebe  zu  ihr; 
oder  Hephaistos  versucht  sich  ihrer  zu  be- 
mächtigen im  Vertrauen  auf  das  Versprechen 
des  Zeus,  dafs  Athena  seine  Gemahlin  wer- 
den sollte;  die  jungfräuliche  Göttin  vertei- 
digt sich,  so  dafs  dem  Hephaistos  sein  Vor- 
haben nicht  ganz  gelingt:  o de  dnsGTiSQggvsv 
sig  ro  Gvslog  xpg  &säg,  svsivr]  ds  /ivGax^siGa 
sglcp  dnofid^ccGcc  xov  yovov  sig  yrjv  cgguips 
(mit  etymologischer  Spielerei),  vergl.  Apollod. 
a.  a.  O.  Myth.  gr.  360.  Schol.  Hom.  B 547. 
Fragm.  tab.  Borg.  C.  I.  Gr.  6129  B.  (Kin- 
kel fr.  ep.  gr.  4).  Nach  Eratosth.  catast. 
13.  Hygin.  astr.  2,  13  schlägt  Athena  den 
Hephaistos  mit  der  Lanze.  Das  von  der  Erde 
erzeugte  Kind  empfängt  Athena  und  zieht  es 
ohne  Wissen  der  Götter  auf;  sie  verbirgt  den 
Knaben  in  einem  geflochtnen  Korbe,  Ovid  met. 


Erichthonios  1304 

2,  254)  mit  einer  ( Apollod . 3 , 14  s.  o.) , oder 
zwei  Schlangen,  Eurip.  Ion  21.  Antig.  hist, 
mir.  12,  zur  Bewachung,  und  übergiebt  ihn 
den  Töchtern  des  Kekrops  Aglauros,  Herse  und 
Pandrosos  (Eurip.  Ion  22.  Paus.  1,  18,2)  oder 
der  Pandrosos  allein  ( Apollod . s.  o.)  mit  dem 
Befehle  die  Ciste  nicht  zu  öffnen  (nach  Hygin. 
astr.  2,  13  wird  der  junge  Erichthonios  den 
Töchtern  des  Erechtheus  übergeben).  Die 
Schwestern  der  Pandrosos,  oder  alle  drei  Ke- 
kropiden  (bei  Antig.  hist.  mir.  12  ist  Herse 
ausgenommen)  öffnen  trotz  dem  Verbote  die 
Ciste,  sehen  das  Kind  entweder  in  der  Gestalt 
der  Schlange  oder  von  einer  Schlange  umwun- 
den und  werden  entweder  von  der  Schlange 
sogleich  getötet,  oder  sie  stürzen  sich  in  Raserei 
von  dem  Felsen  der  Akropolis  (Apollod.  s.  o. 
Eurip.  Ion  265.  Paus.  a.  a.  O.)  oder  ins  Meer 
(Hygin.  f.  166).  Athena  erfährt  den  Frevel 
der  Kekropiden  durch  die  Krähe,  gerade  als 
sie  den  Lykabettos  zur  gröfseren  Sicherung 
ihrer  Burg  herbeibringt;  vor  Schreck  läfst  sie 
den  Berg  fallen  und  verbietet  der  Krähe  den 
Aufenthalt  auf  der  Burg,  Antig.  hist.  mir.  12. 
Hygin.  f.  166.  Erichthonios  wird  dann  im 
Heiligtum  der  Athena  aufgezogen,  oder  er 
schlüpft  als  Schlange  unter  den  Schild  der 
Athena  (Hygin.  astr.  2,  13:  anguis  autem  ad 
Minervae  clipeum  confugit  et  ab  ea  est  educa- 
tus,  vgl.  Paus.  1,  24,  7 : si'g  b’  av  ’Eqix&ovio g 
ovzog  b dguvcov).  Nach  andern  (Hygin.  f.  166. 
astr.  2,  13.  Myth.gr.  360)  ist  Erichthonius  nur 
im  untern  Teil  als  Schlange  gestaltet.  Nach- 
dem er  herangewachsen,  übergiebt  ihm  der 
kinderlose  Kekrops  die  Herrschaft  über  Attika 
(Isokr.  Pan.  126),  oder  er  gelangt  durch  Ver- 
treibung des  Amphiktyon  zur  Königswürde 
(Paus.  1,  2,  6.  Apollod.  a.  a.  0.).  Seine  Frau  ist 
Praxithea  (Apoll,  a.  a.  0.,  vgl.  Erechtheus),  sein 
Sohn  Pandion  (Apollod.  Harpocrat.  u.  Photius 
s.  v.  ILavSiovlg.  Paus.  1 , 5 , 3) , nach  Eurip. 
Ion  267  u.  1007  dagegen  Erechtheus.  Er  er- 
hält von  der  Athena  zwei  Tropfen  vom  Blut 
der  Gorgo,  deren  einer  belebt,  der  andere  tötet, 
Eurip.  Ion  1001.  Erichthonios  ist  der  Erfin- 
der des  Viergespannes  und  des  TLagccßcczyg 
(dafür  wird  er  als  r]vlo%og  unter  die  Sternbil- 
der versetzt),  errichtet  der  Athena  Standbilder 
und  setzt  die  Panathenäen  ein  (Apollod.  a.  a.  0. 
Harpocrat.  Suid.  Phot.  s.  v.  Tlavairivcua.  Marm. 
Par.  10,  18  (C.  I.  Gr.  2374,  18).  Eratosth. 
catast.  13.  Aelian.  var.  hist.  3,  38.  Plin.  n.  h. 
7,  202.  Hygin.  astr.  2,  13.  Verg.  Georg.  3, 
113),  s.  auch  Erechtheus.  Nach  Schol.  Aristoph. 
vesp.  544  hat  er  die  Sitte  eingeführt,  dafs  die 
Greise  an  den  Panathenäen  frcdlocpoQovGi. 
Auch  das  Amt  der  Kanephoren  wird  unter  ihm 
eingesetzt,  Harpocr.  s.  v.  vavgcpogoi.  Der 
Fcticc  vovQOXQoepog  bringt  er  Opfer  dar  (Suid. 
s.  v.  novQozQocpog).  Er  ist  der  Erfinder  des 
Geldes  (Plin.  n.  h.  7,  197)  oder  er  bat  wenig- 
stens das  Silber  zuerst  nach  Attika  gebracht 
(Hygin.  f.  274).  Im  Heiligtum  der  Athena  Po- 
lias  wurde  er  begraben,  Apollod.  3,  14,  7. 
dem.  Alex,  protr.  3,  45.  [ C . I.  Gr.  6280  A 

30  u.  Böckh  z.  d.  St.]  V on  Schol.  Isocr.  Euag. 
wird  er  als  Zeitgenosse  des  Inachos  und  Eu- 
molpos  bezeichnet. 


io 

20 

30 

io 

50 

60 


1305 


Erichthonios 


Erichthonios 


1306 


Der  Mythus  von  der  Geburt  des  Erichtho- 
nios wurde  auch  in  Pantomimen  dargestellt, 
vergl.  Luc.  de  salt.  39.  Ein  Gemälde  glei- 
chen Inhalts  erwähnt  Luc.  de  dom.  27.  Die 
Geburt  des  Knaben,  vor  allem  seine  Über- 
nahme durch  Athena  findet  sich  mehrfach  auf 
Vasen  und  in  Terrakotten,  vgl.  Flasch,  Ann. 
dell'  Trist.  1877  S.  418,  wo  die  verschie- 
denen Denkmäler  zusammengestellt  sind. 

Eine  ausführliche 
Darstellung 
findet  sich 
auf  einer 
Cornetaner  Vase 
( Mon . delV  Inst. 
10  , 39) , deren 
Hauptbild  hier  im 
Holzschnitt  wieder- 
holt ist.  Auf  einer  jeden- 
falls aus  Attika  stammen- 
den, in  Kameiros  gefun- 
denen Vase  des  British 
Museum  (vergl.  den  Holz- 
schnitt pp.  1307/8)  ist,  viel- 
leicht in  Anlehnung  an  die 
Version  des  Euripides,  die 
Öffnung  des  geflochtenen, 
mit  zwei  Schlangen  ver- 
sehenen Korbes  durch  die 
Kekropiden  dargestellt,  deren 
zwei  nach  rechts  entfliehen. 
Vgl.  Ann.  d.  Inst.  1879,  62 
(R.  Engelmann)-,  ebend.  112 
(II.  Heydeniann),tav.d' agg.  F. 
Auf  allen  diesen  Denkmälern 
ist  Erichthonios  als  Knabe 
in  rein  menschlicher  Form 
dargestellt.  Von  einer  gro- 
fsen  Schlange  werden  die 
zwei  Kekropiden,  ohne  dal’s 
ein  Knabe  sonst  sichtbar  ist, 
auf  einer  Schale  des  Brygos 
verfolgt,  Robert,  Bild  und 
Lied  88.  Über  weitere  Dar- 
stellungen des  Erichthonios 
s.  B.  Stark,  Nuove  Mein, 
dell'  Inst.  243.  Annal.  dell' 
Inst.  1872.  216  ( J . Roulez). 
Über  seine  Bedeutung  siehe 
Preller,  Myth.3  164,  1,  2.  — 
2)  Beiname  des  Poseidon, 
Apoll.  3,  15,  1.  S.  o.  Erecli- 
theus.  — 3)  Vater  des  Au- 
tolykos,  Schol.  Soph.  Oed. 
Col.  378:  in  yev’RiQiiQ'oviov 
noTigccGTiov  tax  s&e 

kovqov  Avxolvxov  tto- 
Iscov  xTkdvco v gCviv'Aq- 
ys'C  xoilcg  , wohl 
ein  Fragment  aus 
dem  kykli- 
schen  Ge- 
dicht ’EnL 

__  yovoi , vergl. 

Nauclc,  frg.  tr.  Soph.  222.  — 4)  Sohn  des 
Dardanos  und  der  Bateia , der  reichste 
der  Sterblichen  (Hom.  T 219.  Eustath.  ad  Horn.  351,  29.  Iliod.  Sic.  4,  75,  2.  Quint. 
Smyrn.  2,  141).  Er  erzeugt  mit  der  Astyoche,  der  Tochter  des  Simoeis,  oder  der  Kallirrhoe, 


■ 


1307 


Erichthonios 


Eridanos 


1308 


8 

8 


,S 


?3 

S 

£ 

< 


Tochter  des  Skamandros  ( Dionys . 
Hai.  1,  62),  denTros  ( Hom . T230. 
Apolloä.  3,12,  2),  nach  Ov.  fast. 

4,  33.  Serv.  Verg.  Aen.  8,  130 
dagegen  den  Assarakos.  Nach 
Scliol.  Eurip.  Hec.  3 ist  Hippo- 
thoe , die  Mutter  der  Hekabe, 
seine  Tochter.  Strabo  13, 1 (604) 
vergleicht  den  troischen  Erich- 
thonios mit  dem  athenischen,  um 
alte  Beziehungen  zwischen  beiden 
Völkern  nachzu weisen. 

[Engelmann.] 
Eridanos  (’HqiSuvos),  1)  Bach 
bei  Athen,  personificiert  Vater 
der  Zeuxippe  (von  Teleon 
Mutter  des  Argonauten  Butes), 
Hyg.  f.  14;  vgl.  Paus.  1,  19,  6. 
— 2)  einer  der  Hauptströme,  Sohn 
des  Okeanos  und  der  Tethys, 
Hesiod , Theog.  338;  doch  wohl 
hier  schon  der  Strom  des  Abend- 
landes; zunächst  mageine  Kunde 
vom  Po  zu  gründe  liegen.  Als  ein 
gegen  Norden  in  das  äufsere  Meer 
fliefsender  Strom  Europas,  von 
welchem  der  Bernstein  komme 
und  vor  dessen  Mündung  die  Kas- 
siteriden  (Zinninseln)  lägen  , bei 
Herodot  3,  115.  — Phereh/des 
frgm.  33  Müll,  setzt  an  den  Eri- 
danos Nymphen,  die  dem  Hera- 
kles raten,  über  die  Heimat  der 
goldnen  Äpfel  den  Nereus  zu  fra- 
gen; ders.  {fr.  33  c)  identificierte 
den  Eridanos  mit  dem  Pados; 
so  auch  Aischylos  (Heliaden ; s.  d. 
u.  Phaethon),  der  ihn  nach 
Iberien  setzt  und  zugleich  mit 
dem  Rhodanos  identificiert  (bei 
Plin.  37,  32),  während  Euripide | 
(bei  Plin.)  und  Apollod.  Pli.  4, 
627  nebst  Scliol.  den  Rhodanos 
mit  dem  Eridanos -Pados  sich 
vereinigend  dachten,  sodafs  die 
Argonauten  (s.  d.)  durch  den 
Eridanos  in  den  Rhodanos  und 
weiter  gelangen  können.  Mit 
dem  Po  identificiert  von  Eurip. 
Hipp.  732.  Aristot.  mir.  ausc.  81 
Slcylax  p.  6.  Timaios  bei  Polyb. 
2,  16.  I)iod.  5,23.  Skymnos  395. 
Herodian  p.  179,  3 Lentz.  Hy- 
gin  f.  152.  154.  Ad.  hist.  an.  14, 
8.29.  Verg.  Georg.  1,  482.  Aen. 
6,659.  Prop.  1,12,4.  Martial.3, 
67,  2 (cf.  Cluverius).  Plin.  3,117. 
37,  44.  Zosimus  5,  37.  In  den 
äufsersten  Westen,  in  das  Kelten- 
land setzt  ihn  Paus.  1,4,  1 ; 19,5. 

5,  12,  7;  14,  3;  8,  25,  13.  Auf 
den  Nil  als  den  einzig  nordwärts 
fliefsenden  Strom  gedeutet  bei 
Erat,  catast.  c.  37,  Scliol.  Arat. 
Phaen.  359.  Scliol.  Germanici 
366;  auf  den  Okeanos  bei  Hyg. 
p.  astr.  2,  32.  Unbestimmt  lassen 
ihn  Batrachom.  20.  Ov.  met.  2, 


1309  Erigdnpus 

258—324.  Luc.  dial.  deor.  25.  Fraglich  sind 
Pliiloxenus,  Nicander , Satyrus  b.  Plin.  37,  31. 
Herodot  3,  115  bestreitet  des  Eridanos  Realität, 
vgl.  Strabo  5,  215.  Polyb.  2,  16.  Plin.  37,  31. 
Christ,  Jahrb.  1871,  708  meint,  Eridanos  sei  der 
Name  Rhodanos  gräcisiert.  Nach  Preller  1,  358 
gehörte  der  Eridanos  ursprünglich  wohl  dem 
Nordland  der  Hyperboreer  am  Okeanos  an. 
Phaethon  gab  dem  Strom  seineüNamen,  Serv. 
Aen.  6,  659.  Eridanos  Strom  im  Hades,  in 
welchem  Tantalos  steht,  ib.  603.  Eridanos 
als  Sternbild,  Erat.  cat.  c.  37.  Arat.  phaen. 
359.  Hippolcrates  1,  18.  Hyg.  p.  astr.  2,  32. 
Cic.  Arat.  389.  Mart.  Cap.  8,  838.  [Vergl. 
Pt.  Broivn,  Eridanus:  river  and  constellation. 
London  1883.  R.].  [v.  Sybel.] 

Erigdupus  ( ’EgiySovnog ),  ein  Kentaur:  Ov. 
Met.  12,  453.  Über  den  Namen  handelt  Lö- 
scher in  Fleclceisens  Jalirbb.  1872  S.  424.  Ygl. 
Dupon  u.  Kentauren.  [Roscher.] 

Erig'one  (fHQiyövrf),  1)  Tochter  des  Ikarios, 
Geliebte  des  Dionysos , der  sie  durch  eine 
Traube  verführt,  Ov.  Met.  6,  25,  und  dem  sie 
den  Staphylos  gebiert,  Hyg.  f.  130;  s.  Ikarios 
u.  vgl.  E.  Maass,  Analecta  Eratosth.  ( Philol . 
Unters,  h.  v.  Wilamowitz  u.  Kiessling  6 c.  2 
Cie  Eratosth.  Erigona’).  — 2)  Tochter  des  Ai- 
gisthos  und  der  Klytaimnestra,  die  dem  Orest 
den  Penthilos  gebiert,  Paus.  2,  18,  5.  Marin. 
Par.  25.  Etym.  M.  42,  4.  Nach  Hyg.  f.  122 
wollte  Orest  sie  töten,  aber  Artemis  entrückte 
sie  nach  Attika  und  machte  sie  zur  Prieste- 
rin;  nach  Dict.  6,  4 tötete  sie  sich  selbst,  als 
sie  hörte,  dafs  Orest  vom  Areopag  frei  gespro- 
chen sei.  — 3)  Tochter  der  Themis,  Personi- 
fikation der  Gerechtigkeit  und  daher  von  Ver- 
gil  Jungfrau  genannt,  Serv.  zu  Verg.  Ecl.  4,  6 
(s.  Sternbilder).  [Schultz.] 

Erikapaios  s.  Erikepaios. 

Erike  (’Egi'nr]  — sysixg  Heidekraut),  nach 
Hesych.  Tochter  des  Flusses  Anauros  (in  Thes- 
salien), d.  h.  eines  bei  trocknem  Wetter  ver- 
siegenden Giefsbaches,  da  für  solche  dieser 
Name  bei  späteren  Dichtern  geradezu  appel- 
lativ  gebraucht  wurde.  Vergl.  Benseler-Pape , 
Lex.  s.  v.  [Steuding.] 

Erikepaios  (fHgiY.encx.iog  oder  ’HgiYancxiog), 
ein  Wesen  der  orphischen  Theogonie,  aus  dem 
Weltei  entstanden  und  auch  Eros,  Metis,  Pha- 
nes  genannt,  Orpli.  II.  5,  4.  fr.  8.  Vgl.  auch 
Göttling  de  Ericapaeo  Orphicorum  numine, 
Progr.  Jen.  1862  ( Opusc . acad.  p.  206 — 214). 
Lobeck,  Aglaoph.  1,  478  ff.  Preller,  Gr.  Myth. 
1,  36.  Gerhard,  Gr.  Myth.  1 § 517,  3.  [Stoll.] 
Erilus  s.  Erulus. 

Erimede  (’Egiyydrj  oder  ’Egvgfjö'ri'),  Tochter 
des  Damasiklos , Gemahlin  des  Elatos , eines 
Sohns  des  Ikarios,  Mutter  des  Tainaros,  nach 
welchem  Stadt  und  Vorgebirg  benannt  waren, 
Pherekyd.  b.  Schol.  Ap.  Bli.  1,  102.  [Stoll.] 
Eriuona(v.  1.  Erittoma,  vielleicht  Erinoma?), 
Tochter  des  Celes  (=  Kshqgl  vgl.  Plat.  bei  Athen. 
10,  442  a),  auf  Cypern,  welche  wegen  ihrer 
Keuschheit  von  Minerva  und  Diana  geliebt  wurde. 
Aus  demselben  Grunde  halste  sie  Venus  und 
entflammte  deshalb  luppiter  in  Liebe  für  sie. 
Um  diese  zu  hindern,  veranlafste  Iuno  die  Ve- 
nus durch  Adonis  die  Erinona  schänden  zu 


Erinys  (Naturbedeutung)  1310 

lassen,  vgl.  o.  S.  74,  65 ff.  Zur  Strafe  tötete 
luppiter  den  Adonis  durch  einen  Blitz  in  seinem 
Heiligtum  am  Berge  Cassius,  in  welches  der- 
selbe geflüchtet  war,  doch  wurde  auf  Bitten 
der  Venus  sein  Schattenbild  durch  Mercur  auf 
die  Oberwelt  zurückgeführt.  Die  Erinona  aber 
verwandelte  Diana  nach  ihrer  Schändung  in 
einen  Pfau,  gab  ihr  jedoch  später  ihre  mensch- 
liche Gestalt  wieder  und  iiberliefs  sie  dann 
dem  wiedergekehrten  Adonis,  welcher  mit  ihr 
den  Taleus  zeugte,  Serv.  Verg.  Ecl.  10,  18. 
Über  Artemis  als  Feindin  des  Adonis  vergl. 

0.  S.  71,  48.  [Steuding.] 

Erin(is)  pater,  ein  zur  Vesuna  in  naher  Be- 
ziehung stehender  Gott  auf  einer  alten  In- 
schrift aus  dem  Marsergebiet  bei  Milionia, 
C.  I.  L.  1,  182  und  Mommsen  I.  N.  5483 : V. 
Atiecliu{s)  | Ve(s)une  | Erinie.  et  | Erine  | pa- 
tre  | dono.  mere  | libs.  Vielleicht  dürfte  der 
Name  auf  denselben  Stamm  wie  sgivsog  zu- 
rückzuführen sein,  da  ja  Vesuna  auch  sonst 
mit  Göttern  der  ländlichen  Fruchtbarkeit  wie 
Puemunus  (?)  und  Phuphluns  (Bacchus)  zusam- 
mengestellt wird.  Vgl.  Preller , Rom.  Myth.3 

1,  454,  1.  Bugge,  Rhein.  Mus.  1885,  474 
verbindet  ihn  dagegen  mit  etrusk.  Etrus,  das 
er  italischem  aisu-s,  esu-s  Gott  gleichsetzt. 

[Steuding.] 

Erinys  {’Egivv g).  Die  Erinys  reicht  in  die 
Anfänge  der  griechischen  Religionsgeschichte 
zurück;  Aischylos  hebt  mit  Nachdruck  ihr 
höheres  Alter  gegenüber  der  jüngeren  Götter- 
ordnung hervor  ( Eum . 150.  162.  394.  731),  und 
schon  bei  Homer  überwiegt  die  ethische  Auf- 
fassung ihres  Wesens  ihre  übrigens  noch  deut- 
lich erkennbare  Naturbedeutung.  Erinys  und 
Erinyen,  Einzahl  und  Mehrzahl,  gebrauchen 
Homer  und  die  folgenden  ohne  Unterschied  der 
Bedeutung.  Die  Dreizahl  erscheint  zuerst  bei 
Euripides  Or.  408.  1650;  Tro.  457.  wiewohl  auch 
er  Iph.  T.  968  eine  gröfsere  Zahl  annimmt 
(vgl.  unt.  Abschn.  IV).  Ihre  Namen  werden 
erst  spät  genannt:  Alekto,  Tisiphone,  Megaira, 
Verg.  Aen.  6,  571.  7,  324.  12,  846.  Apollod. 
1,1,4.  Orph.  Hymn.  68,2.  Arg.  971;  über  deren 
Etymologie  siehe  Pott,  Kuhns  Zeitschr.  5,  265. 

Litte r atu r:  Böttiger,  die  Furienmaslce  im 
Trauerspiel  1801.  Kampe , Erinnyes  (Berliner 
Dissertation  1831).  K.  O.  Müller,  Aischylos ' 
Eumeniden,  mit  erläuternden  Abhandlungen  1833. 
Prusinowski,  De  Erinyum  religione,  Berl.  Dis- 
sert.  1844.  Schömann,  Aischylos’  Eumeniden, 
deutsch  mit  Einleitung  1845.  Ders.,  Opuscula  2, 
141.  Kuhn,  Zeitschr.  für  vergl.  Sprachfor- 
schung 1 S.  439 — 470,  1852.  Asclienbacli,  die 
Erinyen  bei  Homer,  Hildesheimer  Progr.  1859. 
Max  Müller , Vorlesungen  über  Sprachwissen- 
schaft  v.  Böttger 2 1870.  2,  494  ff.  Gladstone, 
Iuventus  Mundi,  London  1870  S.  348  fF.  Dil- 
they,  Archäol.  Zeilg.  31,  78  ff.  Körte,  die  Per- 
sonifikationen psychologischer  Affekte  in  der 
späteren  Vasenmalerei  1874.  Rosenberg , die 
Erinyen,  Berl.  1874. 

I.  Naturbedeutung  der  Erinys. 

Die  Naturseite  der  Erinys  ist  in  dem 
homerischen  Beiwort  ysgocpolzig  ausgesprochen 
(J  571;  T 87)  „die  im  Nebel,  in  dunklem 


1311  Erinys  (Naturbedeutung) 

Gewölk  schreitende“,  woran  sich  als  gleich- 
bedeutend das  äschyleische  ysXuveayCg  ( Sept . 
699)  und  ijsgiai  „die  in  Morgennebel  gehüll- 
ten“ ( Orph . Hyrnn.  68 , 9)  anschliefst.  Ihr 
Wesen  ist  den  Harpyien  verwandt,  mit  wel- 
chen sie  die  delphische  Priesterin  Aesch.  Eum. 
50  vergleicht:  Die  Erinyen  raffen  den,  welchen 
sie  verfolgen,  durch  die  Lüfte  fort  (^vvagna- 
t,ovai  Soph.  Ai.  840) , als  dfiaiganszat.  -nogar 
„heftig  rasende“  (Soph.  0.  C.  127),  so  dafs  er  l 
verschwindet,  Flut,  de  sera  num.  vind.  22; 
ygnacav  ogycd  Evgsvidcov  Nonn.  Dion.  10,  32. 
Verg.  Aen.  3,  252  nennt  die  Harpyie  Kelaino 
geradezu  Furiarum  maxima.  Deshalb  heifsen 
sie  die  „Schnellen“  (raxeica  Soph.  Ai.  843) 
und  die  „Läuferinnen“  dgoyäösg  (Für.  Or.  317. 
837).  So  ist  es  also  das  Bild  der  ungestüm 
daherfahrenden  dunklen  Wetterwolke, 
welches  der  Gestalt  der  Erinys  zu  Grunde 
liegt.  Hieraus  erklärt  sich  auch  die  ihr  von  2 
späteren  Dichtern  zugeschriebene  Eigenschaft, 
oft  und  rasch  ihre  Gestalt  zu  wechseln  (Verg. 
Aen.  7,  238:  tot  sese  vertit  in  ora );  in  dem  or- 
phischen  Hymnus  68  heifsen  sie  uioXogogqiot. 
und  noXvgogcpoi  und  bei  Nonn.  Dion.  32,  100 
noiuiXogogcpoi,  Ausdrücke,  die  offenbar  an  ältere 
Vorstellungen  anknüpfen.  Aus  der  Schnellig- 
keit der  Bewegung  der  Wolken  bildete  sich 
die  Vorstellung  von  Wolkenfrauen,  die  „weit- 
ausschreitend“ (zavynoösg  Soph.  Ai.  837)  sich  3 
durch  den  hohen  Äther  schwingen  (Eur.  Or. 
322),  um  über  Land  und  Meer  den  Frevler  zu 
verfolgen,  schneller  als  das  Schiff  (Aesch.  Eum. 
250) , und  von  oben  herabspringend  sich  auf 
ihn  zu  werfen , Eum.  369.  Eur.  Or.  257. 
Apollon.  Rhod.  2,  220  in’  6cp&aXyoiGt.v  ’Egivvg 
XaS,  STcißg  von  Phineus,  der  dadurch  geblendet 
wird,  Verg.  Aen.  12,  855  celeri  ad  terram  tur- 
hine  fertur.  Da  sie  in  dunkler  Wolke  dahin- 
fahren, sind  sie  schwarz  (ysXazvaz  sg  zu  nav  4 
Aescli.  Eum.  52),  sowohl  an  Hautfarbe  (gsXay- 
Xgäzsg  Eur.  Or.  321;  %qü>zu  ■Kslcuval  Eur.  El. 
1345;  vgl.  Orph.  Hyrnn.  69,  6 und  unten:  Erinys 
in  der  Kunst)  als  an  Gewändern  (cpaioxGcovsg 
Aesch.  Clio.  1050),  daher  das  stehende  Beiwort 
uilaiva,  Aesch.  Sept.  977  , atra  Ovid  Her.  11, 
103;  zugleich  aber  auch  wie  die  Wolken  selbst 
und  andere  Wolkengottheiten  (vergl.  Roscher, 
Gorgonen  S.  89.  98)  beflügelt,  was  Vergil 
Aen.  7,  408  in  schönem  Bilde  vereinigt,  wenn  5 
er  von  der  Erinys  sagt:  fuscis  tollitur  alis, 
wie  auch  aus  seinem  Ausdruck  ventosas  alas 
(12,  848)  die  Naturbedeutung  hervorleuchtet. 
Aischylos  zwar , der  sie  in  seinen  „Eume- 
niden“  nicht  mit  Flügeln  auf  die  Bühne 
brachte,  nennt  sie  anzsgor  (Eum.  51.  250), 
Euripides  dagegen,  bei  dem  sie  nicht  selbst 
auf  der  Bühne  auftraten,  nzegocpögor  (Or. 
317.  Iph.  T.  289);  so  auch  in  der  Kirnst 
(s.  unten),  besonders  auf  den  Vasenbildern.  6 
Aber  noch  ein  anderer  Zug  ihrer  Naturseite 
scheint  hierher  zu  gehören.  Aischylos  schreibt 
ihnen  einen  unnahbaren  giftigen  Hauch  (ov 
nXazoiGi  qrvGiciycxGi  Eum.  53)  und  einen  gifti- 
gen Geifer  zu,  den  sie  auf  das  Land  träufeln 
lassen  und  woraus  Flechten , Mifswachs  und 
Krankheit  entsteht  (Eum.  782 ff.),  der  die  Keime 
der  Saat  abfrifst  (ib.  802).  Daher  gilt  auch 


Erinys  (Naturbedeutung)  1312 

bei  Späteren  die  Erinys  für  die  Urheberin  von 
Krankheit  und  Sterben  der  Völker,  Verg.  Aen. 
12,  851;  7,  455.  Stat.Theh.  1,108;  denn,  sagt 
der  letztere  (1,  106)  von  ihr:  „sie  gleifst  von 
Gift  und  Geifer“;  (vgl.  Verg.  Aen.  7,  341  j-); 
und  Ovid  Met.  4,  504  läfst  Tisiphone  in  einem 
Hexenkessel  Gift  kochen.  Mifswachs  und  Seu- 
chen entstehen  nach  häufig  vorkommender  An- 
sicht der  Alten  aus  böser  Luft,  die  sich  z.  B. 
nach  der  Vorstellung  des  Lucretius  6,  1119 
nebel-  und  wolkenartig  (ut  nebula  ac  nubes ) 
über  das  Land  verbreitet.  In  der  deutschen 
Mythologie  ist  es  vielfach  beglaubigt,  dafs  in 
manchen  Gegenden  aus  schädlicher  Ausdün- 
stung die  Sage  vom  giftigen  Pestdrachen  ent- 
standen ist , der  in  Nebelgestalt  (auch  als 
schwarzer  Nebel)  erscheint,  Menschen  und  Tiere 
vergiftet  und  den  Pflanzenwuchs  vernichtet; 
vgl.  Laistner,  Nebelsagen  S.  80—86.  266.  Die 
slavische  Sage  enthält  sogar  (ebendas.  S.  86) 
ganz  dieselbe  Vorstellung  vom  giftigen  Hauch 
einer  Seuchen  und  Mifswachs  bringenden  weib- 
lichen Nebel-  und  Wolkengottheit. 

Vornehmlich  ist  es  aber  die  in  Blitz  und 
Donner  sich  entladende  Gewitterwolke, 
von  welcher  die  Gestalt  der  Erinys  ihre  her- 
vorragendsten Züge  erhalten  hat , die  sie  zu 
jener  furchtbaren,  schreckenerregenden  Gott- 
heit machten.  Deshalb  werden  sie  in  Aischy- 
los’  Eumeniden  zur  Veranschaulichung  ihrer 
äufseren  Erscheinung  von  der  delphischen 
Priesterin  nicht  blofs  mit  den  Harpyien , son- 
dern auch  mit  den  Gorgonen  verglichen  (Eum. 
48.  Cho.  1048),  welche,  wie  Roscher  a.  0.  er- 
wiesen hat,  Gewittergottheiten  waren.  Als 
solche  zeigen  sie  sich  auch  im  einzelnen.  Bei 
Aischylos  (Eum.  139)  fordert  Klytaimnestras 
Schatten  die  Erinyen  auf  Orestes  zu  verzehren 
mit  dem  feurigen  Hauch,  der  aus  ihrem  Innern 
hervorbricht.  Es  sind  also  feuerschnaubende 
Gottheiten,  wie  sie  auch  Quint.  Smyrn.  5,  33 
nennt:  0X0010  nvgbg  nvsiovGca  dvzygv,  vergl. 
Stat.  Theb.  1,  107  igneus  atro  ore  vapor,  und 
denselben  Sinn  hat  es,  wenn  bei  Quint.  Smyrn. 
8,  242  Erinys  von  Boreas  die  feuerschnauben- 
den Rosse  Aithon  und  Phlogios  gebiert.  Aber 
auch  aus  ihren  Gewändern  sprüht  Feuer  (h 
Xiz covoov  nvg  Ti viovoa  Eur.  Iph.  T.  288),  aus 
ihren  Haaren  (ignem  flammeae  spargant  comae 
Sen.  Here.  f.  87,  daher  ist  sie  flammifera  ib.  987). 
Dafs  mit  dem  Feuer,  das  ihnen  aus  dem  Munde, 
den  Haaren  und  Gewändern  sprüht,  der  aus 
der  dunklen  Wetterwolke  hervorbrechende  Blitz 
gemeint  ist,  liegt  auf  der  Hand.  Dafs  aber 
auch  der  furchtbare  Gorgonenblick,  den  ihnen 
Eurip.  Or.  261  (yogyänsg)  zuschreibt,  auf  den 
Blitz  zu  beziehen  ist,  liefse  sich  schon  aus 
eben  derselben  Bedeutung  des  Flammenblicks 
bei  den  Gorgonen  und  andern  Gewittergott- 
heiten schliefsen  (Roscher,  Gorg.  71  ff.),  wird 
aber  überdies  noch  durch  einen  unzweideuti- 
gen und  gewifs  altertümlichen  Ausdruck  des 
orphischen  Hymnus  an  die  Eumeniden  (69,  (5) 
bestätigt:  cmuGZQcmrovGcn  an  oggcov  diivrjv 
avzavyrj  cpueog  Gctgxocpd'ogov  ai'yXrjv , worin 
besonders  uGzgänzsiv  „blitzen“  zu  beachten 
ist;  vgl.  Roscher,  Gorg.  64.  Auch  ßXocvgänig 
wird  von  der  Erinys  (Quint.  Smyrn.  8,  243) 


1313  Erinys  (Naturbedeutung) 

und  von  der  Gorgo  gebraucht  ( Roscher , Gorg. 

S.  58)  und  hat  dieselbe  Bedeutung  des  Flam- 
menblicks, wie  auch  Verg.  Aen.  7,  448  der 
Erinys  flammea  lumina  beilegt.  Denselben 
Sinn  wird  demnach  der  von  den  Erinyen  ge- 
brauchte Ausdruck  d'sivüit fg  ( Soph . Oed.  C.  84) 
haben,  jedoch  so,  dafs  in  der  Furchtbarkeit 
des  Blicks  zugleich  auch  die  Schärfe  desselben 
enthalten  ist  und  d'sivcäneg  zugleich  in  dem 
pindarischen  Ausdruck  ö£?t’  ’Egtvvg  {Olymp,  l 
2,  41)  und  im  sophokleischen  Tcav&’  cqügcu 
(Ö.  C.  42;  Ai.  836)  seine  Erklärung  findet.  So 
besteht  die  Furchtbarkeit  der  Erinys  nicht 
zum  wenigsten  in  ihrem  flammenden,  scharfen, 
alles  sehenden  Blick. 

Eine  Verstärkung  und  Vervielfältigung  die- 
ses schreckenden  Blicks  und  ein  Bild  der 
allenthalben  aus  der  Wetterwolke  hervorzün- 
gelnden und  herauszischenden  Blitze  ist  das 
Schlangenhaar  der  Erinys.  Diese  Bedeu-  2 
tung  der  Schlange  ist  aufser  Zweifel , vergl. 
Schwartz,  Ursprung  d.  Mythologie  S.  36.  45 ff. 
Laistner,  Nebelsagen  S.  74.  Roscher,  Gorgonen 
S.  64,  woselbst  (S.  74 ff.)  auch  das  Attribut 
der  Schlange  bei  andern  Gewittergottheiten 
nachgewiesen  wird.  Dies  ist  jedenfalls  eine 
sehr  alte  Vorstellung  und  die  Behauptung  des 
Rausanias  1,28,6,  dafs  Aischylos  den  Erinyen 
zuerst  Schlangen  in  die  Haare  gegeben  habe, 
nur  so  zu  verstehen,  dafs  er  sie  zuerst  so  auf  3 
die  Bühne  brachte,  weil  der  Volksglaube  sich 
dieselben  so  vorstellte.  Aufser  Aischylos  { Cho . 
1049  nsTiXsKTKvrgisvccL  nwxvoig  ägätiovo i)  er- 
wähnt sie  von  den  älteren  Dichtern  Euripides 
Iph.  T.  287.  Or.  256;  viel  häufiger  aber  die- 
nen sie  den  römischen  Dichtern  zur  Ausmalung 
der  Schreckensgestalt  der  Furien,  welche  bei 
ihnen  die  Schlangen  nicht  blofs  in  die  Haare 
{Hör.  carm.  2,  13,  35),  sondern  auch  um  Leib 
und  Arme  geschlungen  haben,  Ovid  Met.  4,  4 
483.  491  (vgl.  S.  1315,  10;  weiteres  s.  unter 
Furiae).  Auch  iu  der  Kunst  bildet  die  Schlange 
zu  allen  Zeiten  das  stehende  Attribut  (s.  unt. 

S.  1331  ff.). 

Ein  weiteres  Attribut  der  Erinys  ist  die 
Fackel.  Wenn  auch  bei  Aischylos,  Sopho- 
kles und  Euripides  dieselbe  nicht  erwähnt 
wird,  so  ist  sie  doch  für  Euripides  mit  Wahr- 
scheinlichkeit zu  erschliefsen  aus  Ennius  Alcu- 
maeo  fr.  3 Ribb. , und  aus  einer  Stelle  in  5' 
Aristophanes'  Plutos  (v.  423)  geht  gerade  für 
die  Tragödie  die  Anwendung  derselben  bei  den 
Erinyen  wenigstens  vom  vierten  Jahrh.  an  mit 
Sicherheit  hervor  (vgl.  auch  das  Scliolion  da- 
zu); ebenso  aus  einer  (von  Cicero  pro  Rose. 
24,  66  nachgeahmten)  Stelle  bei  Aischines  in 
Timarch.  § 190:  „Glaubet  nicht,  ihr  Athener, 
dafs  die  Erinyen  wie  in  den  Tragödien  die 
Verbrecher  mit  brennenden  Fackeln  verfolgen“; 
wie  sie  auch  in  den  Tragödien  Senecas  häufig  g 
vorkommt  (s.  Furiae).  Die  Fackel  kann  in 
diesem  Zusammenhang  nur  wiederum  ein  Sym- 
bol des  Blitzes  sein,  wie  schon  Kuhn , Ztschr. 

1 S.  455  ausgesprochen  hat;  vgl.  auch  Schwartz, 
Urspr.  S.  37.  [Vgl.  auch  die  Xccynddsg  v.sguv- 
vlol  des  Euripides.  R.]  Eine  Andeutung  der 
ursprünglichen  Naturbedeutung  enthalten  die 
Worte  bei  Verg.  Aen.  7,  457,  wo  Allekto  die 

Roscher,  Lexikon  der  gr.  u.  röm.  Mythol. 


Erinys  (Naturbedeutung)  1314 

Fackel  auf  Turnus  wirft:  atro  lumine  fumantis 
fixit  sub  pectore  taedas,  indem  die  au3  dunk- 
lem Qualm  leuchtende  Fackel  an  den  aus 
dunkler  Wolke  brechenden  Blitz  erinnert;  ähn- 
lich Orph.  Arg.  972.  Auch  sonst  wird  von 
den  römischen  Dichtern  die  Fackel  zur  Aus- 
schmückung der  Erinyengestalt  verwendet, 
Ovid  Her.  11, 103;  Met.  4,  48  (s,  Furiae);  eben- 
so in  der  Kunst  (s.  unten). 

Auf  mehrere  Seiten  des  Wesens  und  der 
Thätigkeit  der  Erinys  zugleich  bezieht  sich 
die  Peitsche  in  ihrer  Hand.  Unter  den  Stra- 
fen, die  ihm  von  den  Erinyen  drohen,  wenn 
er  den  Vater  nicht  räche,  nennt  Orestes  bei 
Aischylos  Cho.  290  mit  erzgetriebener  Peitsche 
{lul-*r\Xd.T(ü  nXccGziyyC)  zerfleischt  zu  werden. 
Häufiger  erwähnen  dieselbe  die  späteren  Dich- 
ter. Die  rasche  Bewegung  der  von  der  Erinys 
geschwungenen  Peitsche  {Tagzagigv  SXeXi&v 
s%i8vrj£GGccv  iyuG&Xtjv , Nonn.  Dion.  44,  261) 
ist  ein  Bild  des  sich  schlängelnden  Blitzes, 
wie  auch  Homer  {B  782)  sagt:  Zeus  peitscht 
{iyccGGei)  die  Erde  mit  seinen  Blitzen;  und 
wenn  Vergil  {Aen.  7,  337)  die  Erinys  die  Woh- 
nungen der  Menschen  mit  ihren  Geifselschlä- 
gen  treffen  läfst,  um  sie  zu  zerstören,  so  kann 
damit  auch  nichts  anderes  als  der  Blitz  gemeint 
sein.  Auch  in  der  indischen  und  deutschen 
Mythologie  bedeutet  die  Peitsche  den  Blitz; 
vgl.  Mannhardt,  German.  Mythen  120.  Grimm, 
Mythol .2  162.  Laistner,  Nebelsagen  S.  160.  In 
einer  Alpensage  erscheint  im  Gewitter  eine 
feurige  Frau  mit  einer  Peitsche  in  der  Hand 
(ebendas.  S.  45),  ganz  wie  bei  Seneca,  Hercul. 
987 : flammifera  Erinys  verbere  excusso  sonat. 
Auch  das  Beiwort  xal^riXazog  zu  nluGziyi,  hat 
seine  Bedeutung.  Roscher,  Gorgonen  S.  68  hat 
einleuchtend  dargethan,  dafs  das  Erz  in  mehr- 
facher Beziehung,  vornehmlich  wegen  seines 
Leuchtens  und  seines  dröhnenden  Schalls,  ein 
Symbol  des  Blitzes  und  Donners  ist,  sowie  auch 
(S.  78 ff.),  dafs  die  Gewittergottheiten  eherne 
Waffen  führen.  Vielleicht  dürfte  hierauf  auch 
die  Benennung  xcdnonovg  ’Egivvg  {Soph.  El.  492) 
zurückzuführen  sein , die  auch  sonst  von  Ge- 
witterwesen vorkommt,  Schwartz,  Urspr.  166. 
Noch  viel  mehr  aber  ist  es  der  Peitschenknall, 
dem  der  auf  den  Blitz  folgende  Donner  ent- 
spricht, wodurch  die  Peitsche  zum  Symbol  des 
Blitzes  wird.  So  finden  wir  auch  bei  den 
Späteren , welche  die  Peitsche  oft  erwähnen 
{Verg.  Aen.  6,  570.  Lucan.  6,  730.  Nonn.  Dion. 
21,  106.  44,  225.  Heliod.  Aeth.  2,  11)  den 
Schall  der  Erinyspeitsche  besonders  betont: 
Verg.  Aen.  7,  451 : Allecto  verbera  insonuit,  liefs 
die  Peitsche  knallen;  Nonn.  Dion.  32,  103: 
kzvtiov  icyDcgdyriGS  \ GsiGccyevr]  ßagvdov7iov  sjjji- 
dvrjsGGav  iyuG&liqv.  Diese  von  Nonnos  öfter 
(10,  38;  44,  261)  genannte  sxi8vf\£GGa  LfKXG&lrj, 
eine  aus  Nattern  gewundene  Peitsche,  ist  wohl 
eine  Ausgeburt  der  Phantasie  der  späteren 
Dichter,  vergl.  Seneca,  Here.  f.  88:  Eumeni- 
des  viperea  verbera  ineuiiant ; Flaccus  Arg.  8, 
20:  torto  furiarum  flagello.  Erinys  mit  der 
Peitsche  auf  der  unten  abgebildeten  Unter- 
weltsvase  und  dem  Sarkophag  bei  MüUef-Wie- 
seler  2,  37,  441.  \, 

Eine  eigentümliche  Wirkung  der  Erinys- 
42 


1315  Erinys  (Naturbedeutung) 

peitsche  ist  aber  die,  dafs  sie  den  Getroffenen 
in  W ahnsinn  versetzt.  Nonn.  Dion.  21, 106 
berichtet,  die  Frauen  von  Nysa  hätten,  von 
Megaira  mit  Geifselhieben  geschlagen,  wie 
Stiere  gebrüllt  und  dann  im  Wahnsinn  ihre 
eigenen  Kinder  getötet;  durch  dieselbe  (32, 
100)  versetzt  die  Erinys  den  Dionysos  in  bak- 
chischen  Wahnsinn.  Dieselbe  Wirkung  wird 
der  Schlange  der  Erinys  zugeschrieben.  Bei 
Verg.  Aen.  7,  346 ff.  versetzt  Alekto  die  Amata 
dadurch , dafs  sie  ihr  eine  ihrer  Schlangen  in 
den  Busen  schleudert,  in  Wut  und  Wahnsinn. 
Dasselbe  erzählt  Ovicl  Met.  4,  491  von  Tisi- 
phone.  Dieselbe  Wirkung  hat  auch  der  Sta- 
chelstab, das  y.svzqov  , welches  die  Erinys 
als  dacnXr^ig  „die  Harttreffende“  (bei  Homer 
o 234)  ebenso  wie  die  aufs  engste  mit  ihr 
verwandte  Lyssa  führt,  vgl.  Stephani , Nimbus 
und  Strahlenkranz  S.  69.  Es  ist,  um  Diltlieys 
Wort  zu  gebrauchen  ( Arch . Ztg.  31,  86),  „je- 
nes uralte,  oft  mit  wundervoller  Gewalt  ver- 
wendete Bild  für  die  Verwirrung  des  Gemüts, 
welche  die  Götter  im  feurigen  Strahl  aus  der 
Höhe  senden“.  Gewifs  mit  Recht  fafst  Dilthey 
die  Geschosse  in  der  Hand  der  Erinys  eben- 
so auf.  Dieselben  werden  in  der  Litteratur 
wenig  erwähnt,  vgl.  Eurip.  Or.  274  und  Orpli. 
Arg.  872  Pfeile,  und  Mosch.  4,  14  ’Eqlvv og  aiva 
ßslsyva.  In  der  bildenden  Kunst  kommen  sie 
öfter  vor:  Lanzen,  Schwerter,  auf  römischen 
Sarkophagen  auch  Doppeläxte,  vgl.  Bosenberg, 
die  Erinyen  Berl.  1874  S.  85.  Ob  die  speer- 
artige Waffe  im  einzelnen  Fall  Lanze  oder 
■AtvtQov  zu  nennen  ist,  worüber  bei  einer  Reihe 
von  Vasenbildern  die  Ansichten  auseinander- 
gehen [vgl.  Bosenberg  S.  66—68  (Lanze)  mit 
Körte,  Personifikationen  S.  23  — 29  und  Dilthey 
a.  a.  0.  S.  88  (Kentron)],  macht  somit  keinen 
Unterschied  in  der  Bedeutung  aus.  Schwerlich 
haben  jedoch  die  Künstler  noch  jenen  ursprüng- 
lichen Sinn  damit  verbunden;  sie  wollten  wohl 
nur  die  Tod  und  Verderben  bringende  Göttin 
damit  bezeichnen. 

Aber  noch  auf  andre  Weise  läfst  der  Mythos 
die  Erinys  als  donnernde  Gewittergottheit  er- 
kennen. Wenn  Nonn.  Dion.  21,  106  erzählt, 
dafs  die  Frauen  von  der  Peitsche  der  Erinys 
getroffen  wie  Stiere  brüllten  (syvnfjßavTo), 
so  ahmten  sie  damit  nach  einer  in  der  Mytho- 
logie häufigen  Übertragung  nur  das  eigene  i 
Thun  der  Erinyen  nach.  In  Euripid.  Iph.  T. 
glaubt  Orestes  die  Erinyen,  die  er  nicht  sieht, 
im  Brüllen  der  Rinder  und  im  'Bellen  der 
Hunde  zu  vernehmen,  weil  man  den  Erinyen 
solche  Laute  zuschrieb  (v.  294).  Dafs  Rinder- 
gebrüll ein  häufiges  Bild  für  den  Donner  ist 
und  besonders  dafür  gvnäo&ca  gebraucht  wird, 
hat  Boscher , Gorg.  S.  85  nachgewiesen,  eben- 
so (S.  961,  dafs  das  Brüllen  auch  andern  Ge- 
wittergottheiten nicht  blofs  in  der  griechischen  i 
Mythologie  zugeschrieben  wird.  Somit  bedeu- 
tet die  igißgoyog  ’E.  in  den  orphischen  Hym- 
nen (68,  1),  nach  Analogie  von  Z svg  vzpißQS- 
gsxrig,  die  laut  Donnernde. 

Auf  einen  andern  Zusammenhang  führt  das 
Hundegebell.  Im  Eingang  von  Aischylos' 
Eumeniden  bellen  die  Erinyen  im  Schlaf  wie 
Hunde,  so  dafs  Klytaimnestra  (v.  131)  zu  ihnen 


Erinys  (Naturbedeutung)  131G 

sagt:  ovag  ötionsig  Q-figu,  xXayyüvstg  d’  aneg 
kvcov,  wie  überhaupt  in  dem  ganzen  Stück  die 
Verfolgung  des  Orestes  durch  die  Erinyen  unter 
dem  grofsartigen  Bild  einer  Jagd  aufgefafst 
ist.  Der  Verfolgte  ist  das  Wild:  oiySTai  6 
&fjg  und  aygav  öileaa  rufen  (v.  147.  148) 
die  Erinyen  klagend  aus;  auch  bei  Eurip. 
Or.  836  heifst  Orestes  Evgeviaiv  &riguya.  So- 
mit ist  das  Amt  der  Erinyen  das  e-nKvvy- 
1 y erste  ( Aesch . Eum.  231),  das  Aufspüren  und 
Jagen;  wie  der  Hund  der  Fährte  des  Rehs, 
so  gehen  sie  der  blutigen  Spur  des  Flüchtigen 
nach  (v.  246);  sie  suchen  ihn  mit  Netzen  zu 
fangen  v.  112.  146.  Als  Jägerin  heifst  die 
Erinys  bei  Nonn.  Dion.  32,  100  ev  ovgeoi  qioi- 
rdg.  Dem  entspricht  auch  die  Darstellung  der 
Erinys  in  der  Kunst  (s.  unten). 

Aber  nicht  blofs  zur  Vergleichung  mit  den 
Erinyen  werden  die  Hunde  beigezogen,  son- 
) dern  mit  kühner  Metapher  werden  die  Eri- 
nyen selbst  Hunde  genannt.  Aischylos 
nennt  sie,  sofern  sie  die  Mutter  an  dem  Sohn 
zu  rächen  haben  „der  Mutter  grimmige  Hunde“ 
( Cho . 924.  1054);  ebenso  925  nargog-,  Soph. 
El.  1387  „die  dem  Frevel  nachspürenden,  un- 
entrinnbaren Hunde“;  Euripides  El.  1342  und 
auch  Aristophanes  nach  einem  Tragiker  „des 
Kokytos  spürende  Hunde“  Ban.  472.  Aischy- 
los führt  dieses  Bild  weiter  aus  zur  Veran- 
i schaulichung  der  unbarmherzigen  Verfolgung 
der  grimmigen  Göttinnen:  sie  schlürfen  als 
Hunde  das  Blut  des  gehetzten  Wildes  (Eum. 
183),  und  zwar  aus  den  (gliedern  des  noch 
Lebenden  (ib.  264.  Ag.  1189).  ’Oagrj  ßgoreicov 
aiyarcov  ge  ngocyeXä  ruft  blutdürstig  die 
Erinys  aus,  Eum.  254.  Diese  Auffassung  der 
Erinys  ist  den  älteren  Tragikern  eigentümlich 
und  von  den  Späteren  (aufser  Lucan.  Bltars. 
6,  733  Stygiae  canes)  nicht  nachgeahmt. 

* Da  die  Erinyen  Wolkenfrauen  sind,  so  ist 
unter  der  Jagd,  in  der  sie  als  Jägerinnen  oder 
als  Hunde  auftreten,  die  Jagd  der  dahin- 
stürmenden Wolken  zu  verstehen.  Dafs 
der  Gestalt  der  Erinys  die  Vorstellung  der 
wilden  Jagd , des  wütenden  Heers  zugrunde 
liegt,  geht  aus  dem  Bisherigen  deutlich  genug 
hervor  und  ist  auch  schon  mehrfach , wenn 
auch  ohne  Beweis,  ausgesprochen  worden,  vgl. 
Schwartz , Poetische  Natur anschauungen  2,  7. 
154  und  Dilthey,  Arch.  Ztg.  31  S.  91,  welcher 
auch  ( Bhein . Mus.  1870  p.  331  ff.)  nachgewie- 
sen hat,  dafs  dem  klassischen  Altertum  die  Vor- 
stellung der  „wilden  Jagd“  keineswegs  fremd 
war.  Auch  die  Gestalten  der  wilden  Jagd  sind 
aus  den  vom  Sturm  gejagten,  dunklen  Wet- 
terwolken hervorgegangen  (Grimm,  Myth. 2 899), 
auch  hier  erscheinen  die  wilden  Frauen  in 
Nebelgestalt  ( Laistner , Nebelsagcn  285).  Mit 
denselben  Zügen,  oft  mit  denselben  Ausdrücken 
wird  das  Treiben  und  Jagen  dieser  Gestalten 
„über  Wasser,  über  Land“,  „hoch  in  der  Luft“ 
(Grimm  877.  897.  Mannhardt,  Germ.  Myth. 
262) , ihr  Herabstürzen  auf  die  Schuldigen 
(Grimm  873f.  Laistner  260.  Mannhardt  276), 
ihre  schwarze  Farbe,  die  mancherlei  Feuerer- 
scheinungen, besonders  auch  an  Hunden  und 
Rossen  (mit  Beziehung  auf  den  Blitz,  Mann- 
hardt 302.  721)  hervorgehoben.  Den  Erinyen, 


1317  Eriuys  (Naturbedeutung)  Erinys  (Naturbedeutung)  1318 


die  als  Hunde  gedacht  werden,  entsprechen 
insbesondere  die  Jägerinnen  der  wilden  Jagd, 
die  in  Hündinnen  verwandelt  werden  ( Grimm 
877),  wie  auch  Holda  und  der  wilde  Jäger  selbst 
als  Hunde  den  Zug  anführen  und  die  Kinder 
des  letzteren  in  Hundegestalt  erscheinen,  Mann- 
hardt, Germ.  Myth . 96.  300.  711.  Dies  alles 
weist  auf  uralte  Verwandtschaft  der  Anschau- 
ungen. 

Anders,  aus  einer  nur  durch  die  Laute  der  io 
Sprache  erzeugten  Übertragung  erklärt  Dilihey 
(a.  a.  0.  S.  83)  diese  Identificierung,  indem 
der  Hund  vermöge  der  radikalen  Metapher 
zum  Sinnbild  des  Lichtes  geworden  und  in 
nvcov  eine  Wurzel  dieser  Bedeutung  enthalten 
sei,  weshalb  die  Erinyen  wegen  ihrer  feurigen 
Natur  Hunde  genannt  würden. 

Die  griechische  ’Egivvg  ist  nach  Kuhn, 
Ztsch.  f.  vergl.  Spr.  1,  439 ff.  sprachlich  iden- 
tisch mit  Saranyü,  der  indischen  Göttin,  20 
welche  nach  Kuhn  und  Roth,  Zeitschr.  d.  d. 
morgenländ.  Gesellseh.  4,  417  ff.  die  stürmische 
Wetterwolke  bedeutet,  somit  auch  im  Wesen 
ihr  entspricht.  ’Egivvg  — saranyü  heifse  die 
„eilende“,  sgivvsiv,  wovon  Raus.  8,  25,  4 das 
Wort  ableitet,  „eilen,  stürmen,  zürnen“.  Kuhn 
sucht  dazu  noch  eine  Übereinstimmung  in  den 
Mythen  der  indischen  und  griechischen  Göttin 
nachzuweisen,  welche  sich  jedoch  mehr  auf  die 
Demeter-Erinys  bezieht.  Max  Müller,  Sprach-  30 
ivissenschaftl.  Vorles.  v.  Böttger 2 2,  516  ist  mit 
der,  auch  von  Curtius , Griech.  Etym ,4  S.  346 
angenommenen , Namensidentität  ’Egivvg  = 
Saranyü  einverstanden,  möchte  aber  der  Sara- 
nyü (und  Erinys)  die  Bedeutung  der  Morgen- 
röte verleihen  (vgl.  auch  Essays  herausg.  v. 
Francke  22 , 138).  Die  sprachliche  Identität 
ist  ziemlich  allgemein  zugegeben , auch  von 
Mannhardt , der  die  sachliche  Übereinstim- 
mung bestreitet  ( Mytholog . Forschungen , in  40 
Quellen  u.  Forschungen,  Heft  51,  1884  S.  244  f.). 
Beachtenswert  dagegen  ist,  dafs  Saramä  die 
Götterhündin,  welche  Kuhn  ( Haupts  Ztschr.  6, 
116  ff.)  der  Hündin  der  wilden  Jagd  gleichstellt, 
sprachlich  mit  Saranyü  aufs  engste  verwandt 
ist.  „Die  Wurzel  beider,  sagt  Kuhn  S.  131, 
ist  sr  ire,  adire;  Saramä  heifst  die  wandelnde, 
während  Saranyüs  die  das  Wandeln  liebende 
ist.“  Folglich  steht  die  Götterhündin  Saramä 
ebenso  in  nächster  Beziehung  zur  Wetterwolke  50 
Saranyü,  wie  die  griechische  ’Egivvg  geradezu 
in  Hundegestalt  gedacht  wurde,  ein  Umstand, 
der  Kuhn  entgangen  zu  sein  scheint.  [Inbe- 
treff  der  Demeter  Erinys  s.  Persephone  und 
vergl.  Mannhardt,  Myth.  Forschungen  1884. 
244  ff.  Roscher.] 

Wenn  aber  auch  die  Thätigkeit  der  Erinys 
ursprünglich  in  die  Luftregion  fällt,  so  weist 
ihr  der  Mythos  doch  die  Unterwelt  als 
Aufenthalt  und  Heimat  an.  So  hört  sie  co 
•schon  bei  Homer  vom  Erebos  aus  ( I 572 
’Egsßsocpiv) , wenn  man  sie  anruft,  und  auch 
nach  T 259  ist  ihr  Aufenthalt  vno  ycciav. 
Ebenso  bei  Aischylos , welcher  geflissentlich 
die  Dunkelheit  des  Aufenthalts  hervorhebt, 
Eum.  72:  anozov  vsyovzai  Tagzagov  ff’  vno 
X&ovog-,  ib.  395.  Deshalb  heifsen  sie  die  unter- 
irdischen Göttinnen  «ktk  ^ffo7'ög  ffsat  ib.  115. 


Soph.  0.  C.  1568  x&ovlcu,  C.  I.  Gr.  916 ; bei 
Eurip.  Iph.  T.  286:  "Aidov  ägunaivcc.  Dieselbe 
Bedeutung  hat  wohl  der  Ausdruck  dsivoig 
■nQVTczofitva  Xöxoig  (Soph.  El.  490),  doch  könnte  * 
man  es  auch  in  dem  von  Dilthey , Archäol. 
Ztg.  30,  93  nachgewiesenen  Sinn  von  yv%OL  = 
Wolkenhöhle  nehmen,  da  sie  im  orphischen 
Hymnus  68,  3 gvxica  beifsen  und  in  der  Tiefe 
in  Nebelhöhlen  wohnen:  vvnz tgica,  fivxica,  vno 

XSV&SGIV  Oll/ll  iX°V6UL  \ UVZgip  SV  TjSQOSVZl , 

naget  Ezvyog  isgov  väag.  Von  den  römischen 
Dichtern  werden  sie  mit  Vorliebe  unter  den 
Schrecknissen  der  Unterwelt  aufgeführt,  dort 
in  den  infernae  tenehrae  ( Verg.  Aen.  7 , 324), 
sind  die  ferrei  Eumenidum  thalami  ib.  6,  280. 
Stat,  Theb.  1 , 597. 

Die  Beziehungen  der  Erinyen  zur 
Unterwelt  sind  mehrfacher  Art.  Einmal  lei- 
tet die  Vorstellung  der  dunklen  Gewitterwolke 
unmittelbar  durch  den  Begriff  der  Finsternis 
auf  die  Unterwelt,  wie  bei  der  Gorgo  (Roscher, 
Gorg.  S.  28).  Namentlich  aber  vollzieht  sich 
diese  Verbindung  von  Vorstellungen  durch  das 
Dazwischentreten  des  Begriffs  des  Todes  und 
Todbringenden.  Wie  sich  aus  der  schwarzen 
Gewitterwolke,  welche  die  Menschen  dahinrafft 
oder  sich  jäh  auf  sie  herabstürzt,  das  Bild  von 
tocl-  und  verderbenbringenden  Gottheiten  ent- 
wickelt, haben  wir  oben  an  der  Erinys  wahr- 
genommen. Derselbe  Zusammenhang  von  Vor- 
stellungen wiederholt  sich , wie  Mannliardt, 
Germ.  Mythen  S.  577  ff.  einleuchtend  dargethan, 
in  der  Mythologie  anderer  Völker:  „der  Glaube 
an  die  tötenden  Wolkenfrauen  dürfte  schon  in 
die  gemeinsame  indogermanische  Urzeit  hinauf- 
reichen“ (S.  584).  Dafs  aber  Todesgöttinnen 
der  Unterwelt  angehören , versteht  sich  für 
die  griechische  Anschauung  von  selbst.  Auch 
mag  hier  kurz  darauf  hingewiesen  werden, 
dafs  die  den  Erinyen  entsprechenden  Hunde 
der  wilden  Jagd  ebenfalls  (Kuhn,  Haupts 
Zeitschr.  6,  132.  Mannhardt  a.  a.  0.  301)  auf 
das  Totenreich  zurückführen,  da  sie  Seelen 
Verstorbener  darstellen,  die  im  Wind  als  Hunde 
dahinfahren,  und  dafs  die  Vorstellung  der  im 
wilden  Heer  dahinjagenden  Seelen  der  Abge- 
schiedenen auch  für  das  klassische  Altertum 
nachgewiesen  ist,  s.  Dilthey,  Rhein.  31us.  1870 
S.  332.  Endlich  kommt  die  Versetzung  der 
Erinyen  in  die  Unterwelt  auch  von  der  Be- 
ziehung dieser  Nebel-  und  Wolkengottheiten 
zur  Erde.  Schon  im  Altertum  findet  sich  die 
Ansicht,  dafs  die  Wetterwolken  aus  der  Erde 
emporsteigen  (Roscher,  Gorg.  S.  22-),  und  die 
deutsche  Mythologie  lehrt , dafs  gerade  die 
aus  der  dampfenden  Erde  emporsteigenden 
Nebel  am  meisten  zur  Bildung  mythischer  Ge- 
stalten Veranlassung  geben  (Laistner  a.  a.  0. 
101.  119.  140  164),  weshalb  man  sich  auch 
leicht  solche  Nebelfrauen  als  unter  der  Erde 
wohnend  dachte  (ebendas.  S.  139).  Deshalb 
heifsen  die  Erinyen  auch  die  Töchter  der  Erde. 
Schwartz  spricht  in  seinen  Schriften  nicht  mit 
Unrecht  von  einer  Unterwelt  am  Himmel  und 
meint  (Poet.  Naturansch.  2,  113),  die  chthoni- 
schen  Gottheiten  der  Griechen,  wie  Hekate, 
Erinyen,  Hades  u.  a.  seien  nichts  anderes  als 
am  Himmel  heraufziehende  Gewitterwesen. 

42* 


1319  Erinys  (Naturbedeutung;  Geneal.)  Erinys  (Hüterin  d.  Familienrecbts)  1320 


Deshalb  verschwinden  auch  am  Schlufs  von 
Aischylos’  Eumeniden  die  Erinyen  in  dem  Fels- 
spalt in  der  Nähe  ihres  Heiligtums,  welcher 
im  Volksglauben  für  einen  Weg  zur  Unterwelt 
hinab  angesehen  wurde  (ebenso  Allekto  bei 
Vergil  Am.  7 , 570).  Dies  scheint  auch  die 
Bedeutung  der  Erinys  Tilphossa  bei  Schol. 
Soph.  Ant.  126  zu  sein,  vgl.  Tümpel,  Ares  und 
Aphrodite,  Jahrb.  f.  Phil.  Suppl.  11,  S.  692  ff. 

[S.  auch  Ma nnhardt,  M.  Forsch.  1884  S.253f.  R.j 
Auch  im  heiligen  Bezirk  der  Erinyen  bei  Kolo- 
nos war  ein  solcher  Erdschlund,  auf  dem  %al- 
-/t ovg  odög,  ein  Ausdruck,  der  an  und  für  sich 
schon  die  Beziehung  zur  Unterwelt  (vgl.  Ilias 
©15)  und  nach  Schivar tz,  ZJrspr.  69  zum  Ge- 
witter enthält.  So  fliegt  die  feurige  Frauen- 
gestalt, die  wir  oben  mit  den  Erinyen  vergli- 
chen ( Laistner  45)  „als  Höllenfürstin  in  brau- 
sendem Zug  einer  Felswand  zu,  nach  dem 
furchtbaren  Schlunde,  worein  die  feurige  Rie- 
sin voraus , die  Herde  ihr  nach  versinkt“. 
Auch  in  Tiroler  Sagen  wohnen  Wolkenfrauen 
in  unterirdischen  Gewölben,  zu  welchen  eine 
Felskluft  den  Eingang  bildet,  Bechstein , Mythen 
und  Sagen  Tirols  S.  21.  31. 

Aus  diesen  Vorstellungen  sind  die  verschie- 
denen genealogischen  Ableitungen, 
welche  den  Erinyen  im  Altertum  zu  teil  ge- 
worden sind,  von  der  Nacht,  der  Finsternis, 
den  Unterweltsgöttern  und  von  der  Erde  un-  30 
mittelbar  verständlich.  Eigentümlich  ist  die 
Angabe  in  Hesiods  Theogonie  185,  der  auch 
Apollodor  1,1,4  folgt ; vgl.  Tzetz.  Lyc.  406. 
Nach  dieser  sollten  sie  nach  der  Entmannung 
des  Uranos  durch  seinen  Sohn  Kronos  aus  den 
dabei  auf  die  Erde  fallenden  Blutstropfen  ent- 
standen sein,  welche  Gaia  aufgenommen  und 
von  welchen  sie  die  Erinyen  und  Giganten 
geboren  habe.  Schömann,  opusc.  2,  141  tf.  und 
mit  ihm  die  meisten  Neueren  finden  darin  den 
Gedanken,  dafs  gleich  dem  ältesten  Frevel  des 
Sohnes  gegen  deü  Vater  die  Rachegeister  des 
vergossenen  Bluts  folgten.  Damit  aber,  fährt 
Schömann  a.  0.  fort,  setze  sich  die  Ableitung 
der  Erinyen  in  Widerspruch.  Da  nämlich  die 
Entmannung  des  Uranos  ursprünglich  gar  nicht 
den  Sinn  einer  strafbaren,  sondern  einer  für 
die  Welt  notwendigen  und  wolilthätigen  Hand- 
lung gehabt  habe,  so  passe  dazu  nicht  die 
Entstehung  der  Erinyen  aus  den  Blutstropfen 
des  Uranos.  Es  sei  dies  ein  aus  mangelndem 
Verständnis  für  den  wahren  Sinn  des  Mythos 
hervorgegangener  späterer  Zusatz.  Richtiger 
wird  man  wohl  aus  diesem  Widerspruch  den 
Schlufs  ziehen,  dafs  die  Sage  von  der  Abstam- 
mung der  Erinyen  aus  den  Blutstropfen  des 
Uranos  überhaupt  nicht  ethisch,  sondern  aus 
der  Naturbedeutung  der  Erinyen  zu  erklären 
ist.  So  sieht  Schwartz,  Urspr.  138  in  den 
Blutstropfen  des  von  Kronos  angegriffenen 
Uranos  die  beim  Gewitterkampf  herniederfah- 
renden  Blitze  und  stützt  diese  Ansicht  durch 
mannigfache  Analogieen  aus  der  griechischen 
und  deutschen  Sage.  Hierdurch  würde  sich 
diese  Ableitung  von  Blitz  und  Gewitter  zu  den 
übrigen  auf  die  Naturseite  der  Erinyen  bezüg- 
lichen stellen.  [Vgl.  auch  die  Blutstropfen  der 
Gorgo  (s.  d.)  R.]  Aischylos  erklärt  sie  für 


Töchter  der  Nacht:  Nv> trog  alavrjg  rsv.va.Fum. 
416.  322.  745.  792.  Sophokles  dagegen  nennt 
sie  Töchter  des  Skotos  und  der  Erde,  Oed.  C. 
40.  106.  Die  römischen  Dichter  folgen  wieder 
Aischylos,  Verg.  Aen.  12,  846:.  Nox  intempesta ; 
Ovid  Met.  4 , 452.  Nach  Epimenides  (bei 
Tzetzes  ad  Lycophr.  406.  Schol.  Oed.  0.  42) 
sind  sie  Töchter  des  Kronos  und  der  Euonyme 
(Eyovvfiy),  nach  Istros  (Schol.  Oed.  C.  42)  der 
10  Evcovvgy , r\v  vof. u'gso&ai  yrjv,  was  sich  somit 
wiederum  der  sophokleischen  Version  nähern 
würde.  In  den  orphischen  Hymnen  heifsen 
sie  Töchter  des  Hades  (68,  8),  der  Persephone 
(29,  6),  beider  zusammen  Aiog  iftovioio  I>iqG£- 
qiovr/g  ts  (69,  2),  was  nach  dem  oben  gesag- 
ten ebenso  wohl  berechtigt  ist,  wie  wenn  sie 
bei  Hygin  (p.  1 Bunte)  Töchter  des  Aethers 
und  der  Erde  heifsen.  Allein  steht  dagegen 
Euphorion , der  sie  (frgm.  52)  Töchter  des 
20  Phorkys  nennt.  Dafs  der  Meergreis  Phorkys, 
der  sonst  als  Vater  der  Gorgonen,  Graien  und 
anderer  Meerungeheuer  genannt  wird,  auch 
den  Erinyen  zum  Vater  gegeben  wird,  beruht 
wohl  auf  einer  willkürlichen  Übertragung,  da 
sich  sonst  keine  Spur  einer  Herleitung  der  Eri- 
nyen vom  Meere  findet. 

II.  Ethische  Wirksamkeit. 

In  den  bisher  ausgeführten  Zügen,  welche 
die  Naturbedeutung  der  Erinys  klar  erkennen 
lassen,  sind  auch  schon  die  Anknüpfungspunkte 
für  ihre  ethische  Bedeutung  gegeben.  Schon 
bei  Homer  ist  ihre  Wirksamkeit  in  der  mora- 
lischen Welt  aufs  bestimmteste  und  mannig- 
faltigste ausgeprägt.  Wenn  die  stürmische 
Hast,  mit  der  die  Wolkengottheiten  sich  durch 
den  Äther  schwingen,  die  Vorstellung  einer 
Verfolgung  erweckt,  so  führt  dies  von  selbst 
40  auf  die  Frage:  wer  ist  der  Verfolgte?"  Wenn 
die  dunkle  Wetterwolke  zornig  drohend  am 
Himmel  aufsteigt,  wem  gilt  dieses  Drohen  der 
Göttinnen,  welche  den  Namen  der  „Zürnenden“ 
führen?  Sodann  der  feurige  Schein,  mit  dem 
sie  sich  umgeben , der  Flammenblick  und  der 
brüllende  Donner,  oder  aber  die  jähe  Wucht, 
mit  der  die  Wolkengöttin  sich  auf  ihr  Opfer 
wirft  — solches  Verderben  kann  sich  nur  auf 
den  entladen,  der  es  verdient  hat  durch  die 
50  schwerste  Versündigung.  So  verbindet  auch 
Euripidcs  diese  beiden  Vorstellungen:  die  Eri- 
nyen schwingen  sich  durch  den  hohen  Äther 
uvvpsvca  q vovov , um  den  Mond  zu  rächen 
(Or.  323).  Dazu  verlangt  die  Anschauung  der 
Erinyen  unter  dem  Bild  von  Jägerinnen,  die 
mit  spähendem  Blick  ihr  Opfer  verfolgen,  oder 
von  Hunden,  die  lechzend  dem  Blut  des  Wil- 
des nachspüren,  von  selbst  die  Vervollständi- 
gung des  Bildes  durch  einen  Verfolgten.  End- 
co  lieh  führte  die  enge  Verbindung  der  Erinyen 
mit  der  Unterwelt  leicht  dazu,  sich  dieselben' 
nicht  blofs  als  Strafgöttinnen,  sondern  auch  als 
Schicksals-  und  Todesgöttinnen  zu  denken. 

1.  Die  Erinyen  als  Hüterinnen  der 
Familienrechte. 

Da  zwischen  der  natürlichen  und  ethischen 
Bedeutung  der  Erinyen  kein  materieller  Zu- 


1321  Erinys  (Hüterin  d.  Familienrechts) 

sammenhang  besteht,  so  ist  auch  die  Gattung 
der  Verbrechen,  welche  sie  bestrafen,  an  sich 
nicht  bestimmt:  es  sind  die  schrecklichsten, 
strafwürdigsten,  welchen  so  furchtbare  Rache 
und  Verfolgung  droht.  Dem  hohen  Altertum 
dieser  Gottheiten  entsprechend  bezieht  sich 
ihre  Wirksamkeit  auf  die  einfachsten  sittlichen 
Verhältnisse,  welche  von  der  Natur  gegeben 
sind,  auf  die  Pflichten  gegen  die  Eltern 
und  nächsten  Blutsverwandten  und  weiterhin 
auf  die  Heilighaltung  der  Ordnungen,  welche 
die  Grundlagen  des  menschlichen  Zusammen- 
seins bilden.  Nach  den  zwölf  homerischen 
Stellen  zu  schliefsen,  an  welchen  die  Thätig- 
keit  der  Erinyen  erwähnt  wird,  erstreckte  sich 
dieselbe  ursprünglich  nicht  sowohl  auf  Ver- 
brechen, welche  durch  die  Staatsgesetze  be- 
straft werden,  als  auf  Verletzungen  der  Pie- 
tätspflichten (in  acht  Fällen)  und  Überschrei- 
tung der  dem  Menschen  gesetzten  Schranken  2 
(in  den  vier  übrigen  T 418;  v 78;  0 234;  T 87), 
und  erscheinen  die  Erinyen  nicht  sowohl  als 
Rächerinnen  denn  als  Hüterinnen  der  die  Fami- 
lie und  die  menschliche  Gesellschaft  begrün- 
denden Ordnungen.  Erst  durch  die  Tragödie 
tritt  Mord  und  Blutschuld  in  den  Vordergrund. 
Unter  den  sechs  homerischen  Stellen,  welche 
ein  Einschreiten  der  Erinyen  wegen  Verletzung 
der  schuldigen  Achtung  gegen  Familienange- 
hörige enthalten,  betreffen  vier  Fälle  die  Mut- 
ter, nur  einer  den  Vater:  Ares  hat  wegen  sei- 
ner Hilfeleistung  für  die  Troer  gegen  den 
Willen  der  Hera  die  Strafe  der  Erinyen  {ug- 
zgog  ’Egivvag)  zu  fürchten  412;  Telemachos 
ebenso,  wenn  er  die  Mutter  aus  dem  Hause 
weisen  würde  ß 135;  Althaias  Fluch  gegen 
ihren  Sohn  Meleagros  wegen  ihres  von  diesem 
erschlagenen  Bruders  wird  von  der  Erinys  er- 
hört I 571;  Oidipus’  Leiden  rühren  von  den 
Erinyen  seiner  Mutter  {/. irjzQO g ’Eqivvis)  her 
X 280.  Diese  Hervorhebung  der  Rechte  der 
Mutter  hat  entweder  darin  ihren  Grund,  dafs 
sie  für  noch  heiliger  galten  als  die  des  Vaters, 
oder  aber  erschien  die  Mutter  der  Mifsachtung 
erwachsener  Söhne  gegenüber  als  des  Schutzes 
der  Gottheit  bedürftiger.  Die  Erinyen  können 
von  der  Mutter  angerufen  werden  {yrjzrjQ  ozv- 
ysga g agyasz’  ’Eqivv g ß 135),  sie  erhören  {zrjg 
8’  skXvsv  E.  I 571)  und  erfüllen  {snzsXsovai 
l 280)  ihre  Bitte.  Dem  entsprechend  ist  auch 
in  der  Tragödie  der  Muttermord  das  schreck- 
lichste Verbrechen.  Während  aber  die  Eri- 
nyen bei  Homer  nur  gelegentlich  erwähnt 
werden,  sind  sie  in  der  Tragödie,  die  auf  dem 
Gedanken  der  Schuld  und  Strafe  beruht,  die 
treibende  Macht  geworden.  So  vor  allem  in 
den  tragischen  Hauptstoffen  der  Orestie  und 
Oidipodie.  Agamemnon  fällt  den  Erinyen  des 
Atridenhauses,  nach  der  Behauptung  der  Kly- 
taimnestra  den  Erinyen  der  Iphigeneia  zum 
Opfer;  den  Orestes  treiben  die  Erinyen  des 
Vaters  zum  Muttermord,  und  nachdem  dieser 
geschehen,  verfolgen  ihn  die  Erinyen  der  Mut- 
ter. Gleichwohl  konzentriert  sich  das  tragische 
Interesse  ganz  auf  den  Muttermord , auf  die 
Erinyen,  welche  Klytaimnestra  dem  Orestes 
sendet  {sniosiez  Eur.  Or.  255)  und,  nach  ihrem 
Amt  befragt,  erwidern  die  Erinyen:  die  Mut- 


Erinys  (Hüterin  d.  Familienrechts)  1322 

termörder  treiben  wir  von  Haus  und  Hof, 
Aescli.  Eum.  210  (ähnlich  das  Schicksal  des 
Alkmaion , Apollod.  3 , 7 , 5).  Stesichoros  in 
seiner  Oresteia  scheint  in  dieser  Verwendung 
der  Erinyen  der  Tragödie  vorangegangen  zu 
sein  ( Scliol . Eurip.  Or.  40,  vgl.  Robert,  Bild 
u.  Lied  175)  und  diese  bildete  dann  die  Be- 
deutung der  Erinyen  als  Bluträcherinnen  im- 
mer weiter  aus. 

Die  eine  Stelle  bei  Homer,  an  welcher  die 
Erinys  für  die  väterlichen  Rechte  eintritt, 
ist  die  Erzählung  von  Phoinix  I 454,  wie  sein 
von  ihm  gekränkter  Vater  ihm  geflucht  und 
die  Erinyen  um  Kinderlosigkeit  des  Sohnes 
gebeten  habe,  was  auch  in  Erfüllung  gegangen 
sei  (d'sol  8’  ezsXsiov  snugug).  Ebenso  erfüllt 
in  der  Tragödie  die  vom  Vater  herbeigerufene 
Erinys  {nazgog  ivxzaiav  ’E.)  die  zornigen  Flüche 
des  Oidipus  gegen  seine  Söhne  {zsXsaai.  zag 
nsgiQ'vyovg  nazagag  Ol8m68a  Aesch.  Sept.  722 
— 25.  791.  887)  weshalb  Aischylos  geradezu 
von  einer  ’Aga  ’Egivvg  nuzg'og  (ib.  70)  spricht. 
Auch  bei  Sophokles  flucht  Oidipus  dem  Poly- 
neikes  und  wünscht  ihm,  dafs  er  von  Bruder- 
hand falle , weil  er  ihn  ins  Elend  gestofsen, 
und  ruft  den  Tartaros,  die  Erinyen  und  Ares 
zur  Erfüllung  des  Fluches  an,  Oed.  C.  1389. 
Diese  grofsartige  Auffassung  der  Erinyen  fin- 
det sich  bei  späteren  Dichtern  (vgl.  z.  ß.  Stat. 
Tlteb.  1,  59)  nicht,  mit  Ausnahme  derer,  die 
sich  eng  an  Homer  anschliefsen  wie  Orph. 
Hymn.  frgm.  11,  5.  Nonn.  Lion.  31,  262;  33, 
46.  Sodann  wacht  die  Erinys  über  dem  Recht 
des  älteren  Bruders,  vom  jüngeren  Gehor- 
sam zu  fordern.  Iris  bringt  (O  204)  den  Posei- 
don durch  die  Erinnerung,  dafs  die  Erinyen 
dem  älteren  Bruder  zur  Seite  stehen,  zur  Nach- 
giebigkeit gegen  Zeus.  Erst  späte  Schriftstel- 
ler schliefsen  sich  daran  an,  indem  sie  Bruder- 
und  Schwestermord  durch  die  Erinys  rächen 
lassen  (welche  Flacc.  Arg.  4,  617  deshalb 
fraterna  Erinys  nennt),  nämlich  an  Medeia  {Orph. 
Arg.  1167)  und  Penthesileia  {Quint.  Smyrn. 
1,  27).  Erinyen  der  Kinder  kommen  bei  Homer 
nicht  vor,  dagegen  bei  Ilesiod  Theog.  472  von 
Kronos,  weil  er  seine  Kinder  verschlang.  Bei 
Aischylos  {Ag.  1433)  behauptet  Klytaimnestra, 
den  Agamemnon  den  Rachegöttinnen  Ate  und 
Erinys  wegen  der  getöteten  Tochter  geschlach- 
tet zu  haben,  und  bei  Euripides  {Med.  1389) 
ruft  Iason  die  Erinyen  der  Kinder  gegen  die 
Mutter  an:  as  ’Egivvg  zsxvcov  oXsgsis.  Von 
Späteren  Nonn.  Lion.  10,  97.  Über  den  Schutz 
der  Gatten  rechte  durch  die  Erinyen  sind 
die  Tragiker  verschiedener  Meinung.  Bei  Ai- 
schylos {Eum.  212.  605)  erklären  die  Erinyen 
ausdrücklich , dafs  sie  den  Mord  des  Gatten 
an  Klytaimnestra  nicht  verfolgen,  weil  er 
nicht  blutsverwandt  ist;  ebenso  Eurip.  Or. 
584  toj  8’  ov  TiixQsiGi.  Bei  Sophokles  da- 
gegen wird  nicht  nur  gegen  die  Gattin, 
welche  den  Tod  des  Gemahls  verschuldet 
hat,  die  Erinys  angerufen,  gegen  Deianeira 
{Trach.  809.  895)  und  Klytaimnestra  {El.  112), 
sondern  auch  die  Bestrafung  der  ehelichen 
Untreue  durch  die  Erinyen  angenommen,  El. 
276  und  114  ogäzs  zovg  svvag  vnonlsnzo- 
f isvovg. 


1323  Erinys  (Schützerin  d.  Ordnung) 

2.  als  Beschützerinnen  der  Ordnungen  in 
Natur  und  Menschenwelt. 

Auch  über  die  Familienrechte  hinaus  er- 
streckt sich  bei  Homer  die  Thätigkeit  der 
Erinyen,  und  zwar  auch  hier  wiederum  auf 
diejenigen  Glieder  der  menschlichen  Gesell- 
schaft, die  am  meisten  des  Schutzes  bedürfen 
und  deren  Mifshandlung  das  menschliche  Ge- 
fühl am  tiefsten  verletzt:  die  Fremden  und 
Bettler,  welchen  die  ’Eqivve g nzmxäv  (q  475) 
zur  Seite  stehen.  Auch  nach  Aischylos  (Eum. 
270)  bestrafen  sie  jeden  Frevel  gegen  Götter, 
Fremdlinge  und  die  Eltern.  Sie  wachen  über 
der  Heilighaltung  des  Eides  als  einer 
Hauptstütze  der  menschlichen  Gesellschaft. 
Bei  Homer  (T  259)  werden  sie  mit  Zeus,  Ge 
und  Helios  zusammen  beim  Eidschwur  ange- 
rufen, weil  sie  vnö  yatav  av&gdnovg  zlvvvzcu, 
oozig  y sntoQYOv  oyooorj.  So  erscheinen  sie 
auch  bei  Hesiod  Op.  803  als  Rächerinnen  des 
Meineids  und  Orph.  Arg.  354  als  Schützerin- 
nen beschworener  Verträge.  Sie  stellen  über- 
haupt die  verletzte  sittliche  Ordnung  in  der 
menschlichen  Gesellschaft  wieder  her,  indem 
sie  dem  Ungerechten,  der  im  Glück  schwelgt, 
zuletzt  den  verdienten  Sturz  bereiten  ( Aesch . Ag. 
462)  und  insbesondere  den  Übermut  hassen 
und  strafen.  Deshalbsenden  sie  zusammenmit 
Zeus  und  Moira  dem  Agamemnon  die  Ate,  als 
Strafe  für  die  (T  87),  und  ebenso  wer- 

den auch  in  der  für  das  Verständnis  etwas 
allzu  kurz  gehaltenen  Erzählung  von  Melampus 
die  Worte  eitrig,  zr\v  oi  snl  cpQsal  ffij ns  d'sa  äce- 
GnXrjzig’E.  (o  234)  aufzufassen  sein.  Die  als  Strafe 
gesandte  Ate  erzeugt  neuen  Frevel,  Aesch.  Oho. 
403.  Ovid  Met.  1,241.  Deshalb  heifsen  die  Eri- 
nyen auf  einer  Grabschrift  die  „Bethörenden“ 
bei  Kumanudis  ’Azzinrjg  smyguepai  sntxvpßiot, 
S.  312  nr.  2583  \Kaibd,  epigr.  1136  R.]  ’Eql- 
vvgzv  rjh.fhcövo'tg.  Sie  wachen  sodann  über 
die  dem  Menschen  gesteckten  Ordnun- 
gen, damit  er  nicht  das  ihm  bestimmte  Mafs 
überschreite.  Wie  das  Rofs  Xanthos  dem 
Achilleus  seinen  nahen  Tod  prophezeit,  dafs 
er  „einem  Gotte  und  einem  Mann“  erliegen 
werde,  ohne  die  Namen  zu  nennen,  „hielten 
die  Erinyen  seine  Stimme  an“,  damit  Achil- 
leus nicht  zu  viel  von  seinem  Schicksal  er- 
fahre T 418.  Als  die  Götter  die  Töchter  des 
Pandareos  mit  Glücksgütern  überhäuften  und 
durch  ihre  übermäfsige  Fürsorge  über  das  dem 
Menschen  gesteckte  Mafs  von  Glückseligkeit 
hinausheben  wollten,  schritten  die  Erinyen  ge- 
gen sie  ein  (v  78  vergl.  Gladstone,  Iuventus 
Mundi 2 352).  Selbst  in  der  Natur  schützen 
sie  das  Recht  und  strafen  den  Unmenschen, 
der  den  Vögeln  ihre  Jungen  raubt  (Aesch.  Ag. 
58),  vgl.  das  sprichwörtliche  siel  sal  Yvväv 
’Egivvsg  (u.  a.  bei  Rosenberg  S.  2);  sie  wachen 
über  den  ewigen  Ordnungen  der  Welt:  Hera- 
kleitos  sagt  bei  Plutarcli  de  ex.  11:  wenn  die 
Sonne  über  die  ihr  vorgeschriebene  Bahn  hin- 
ausschweifen wollte,  so  würden  die  Erinyen 
als  Helferinnen  der  Dike  sie  ausfindig  machen 
(mit  Dike  verbindet  sie  auch  Sophokles  Trach. 
808.  Ai.  1389).  Endlich  bestrafen  sie  auch 
die  Verletzung  der  Götter  der  Ober-  und  Unter- 


Erinys  (Rache-  u.  Strafamt)  1324 

weit,  Aesch.  Eum.  270.  Sophokl.  Antig.  1074. 
[. Kaibel , epigr.  1046,  98  — C.  I.  Gr.  6280  R.]. 

3.  Ihr  Rache-  und  Strafamt. 

Aus  Hüterinnen  der  heiligen  Ordnungen  bei 
Homer  werden  die  Erinyen  in  der  Tragödie 
durch  die  Eigentümlichkeit  der  tragischen 
Stoffe,  wie  schon  gezeigt,  vorzugsweise  Rache- 
und  Strafgöttinnen  für  geschehene  Frevel,  ins- 
10  besondere  für  den  Mord;  ßoü  ycig  Xoeyog  ’Eql- 
vvv , der  Mord  ruft  die  Erinyen , Aesch.  Clio. 
402.  Elektra  ruft  in  ihrem  Gebet  um  Rache 
für  den  Vater  die  Erinyen  an,  di  zovg  adUcog 
tivriGHovtag  oqixte  (Soph.  El.  113),  ebenso  Aias 
und  Teukros  gegen  die  Atriden  und  das  ganze 
Heer  für  seinen  ungerechten  Tod,  Ai.  837. 
843.  1389.  Denn  die  Erinyen  sind  verbündet 
mit  dem  Getöteten,  seine  Gvggaxoi,  ( Eur . Or. 
583)  und  rächen  auch  längst  vergangene  Blut- 
20  schuld,  Aesch.  Se.pt.  650.  Um  die  Göttinnen 
für  dieses  Strafamt  mit  allen  Schrecknissen 
auszustatten,  dazu  dienten  jene  Züge  und  At- 
tribute, welche  aus  ihrer  ursprünglichen  Natur- 
bedeutung hervorgegangen  sind.  Hier  möge 
noch  hervorgehoben  werden,  was  in  der  Aus- 
übung ihres  Strafamts  mit  ihrer  ethischen  Be- 
deutung in  Verbindung  steht.  Schrecklich  sind 
sie  vor  allem  durch  die  unerbittliche  Sicher- 
heit, mit  der  sie  erbarmungslos  ( vglsönoivoi 
30  Hes.  Theog.  220)  auch  spät  noch  strafen,  als 
vGTsqonoivoi  Aesch.  Ag.  58,  vGzsQoep&oQoe  Soph. 
Ant.  1074  (vczEQijjiovg  Orph.  Arg.  1167;  vergl. 
auch  gvrgjiovss  Aesch.  Prom.  516  u.  ßvGoocpQcov 
Sept.  651.  Val.  Flacc.  5,  146  segnisE.);  durch 
die  rücksichtslose  Geltung  ihres  Strafamts,  das 
sich  auch  auf  die  ohne  Bewufstsein  der  Schuld 
verübte  That,  wie  bei  Oidipus,  erstreckt,  und 
auf  Götter  ebenso  gut  wie  auf  Menschen  (Hes. 
Theog.  220  di  dvögcov  z s &säv  zs  nciQoußciGÜxg 
40  scpsnovGiv).  Der  Frevler  ist  ihnen  verfallen 
und  geweiht  (Aesch.  Eum.  302.  304) ; sie  setzen 
sich  in  seinem  Hause  fest,  um  nicht  mehr  dar- 
aus zu  weichen  (Ag.  1186 — 91),  bis  sie  es  von 
Grund  aus  zerstört  als  coXegi'oiyoi  und  cpd'eqGi.- 
ysveilg,  Sept.  720.  1054.  Ihn  selbst  aber  trei- 
ben sie  hinaus  (Aesch.  Eum.  210),  folgen  ihm 
auf  der  Ferse  (Soph.  El.  1387),  den  Fufs  auf 
ihn  setzend,  dafs  er  niederstürzt,  bis  an  das 
Grab,  Aesch.  Eum.  334  ff.  369.  Dabei  umtönt 
50  den  Verfolgten  das  sinnbethörende,  markver- 
zehrende Lied,  der  vfivog  ’Eqivvcov,  dscgiog 
cpQEväv  (Eum.  331),  das  Lied  vom  uranfäng- 
lichen  Frevel  Ag.  1192.  Der  bethörende 
Gesang  führt  wieder  auf  die  Naturbe- 
deutung der  Erinyen  zurück,  weil  er  auch 
den  Nebel-  und  Wolkenfrauen  der  deutschen 
Sage  eigen  ist.  Die  seligen  Fräulein  der  Tiro- 
ler Sage , welche  schneeweifse  Gewänder  zum 
Trocknen  an  den  Sonnenstrahlen  aufhängen 
Go  und  sich  dadurch  unzweideutig  als  Nebelfräu- 
lein kundgeben  (Mannhardt  S.  651.  Laistner 
145.  259),  bethören  durch  ihren  Gesang  (Beck- 
stein, Mythen  Tirols  S.  21);  wer  diesen  ver- 
nahm, stand  wie  festgebannt,  und  ein  Fischer, 
der  ihnen  die  ganze  Nacht  zuhörte , lag  am 
andern  Morgen  tot' in  seinem  Kahn:  sie  hatten 
ihn  totgesungen  (ebendas.  S.  30).  Es  ist  das 
Lied,  mit  welchem  die  Wolken  dahinbrausen, 


Erinys  (Rache-  u.  Sträfamfc)  1326 


1325  Erinys  (Rache-  u.  Strafamt) 

das  Sturmlied  ( Mannhardt  709).  Daher  ist 
die  Art,  wie  Nonn.  Dion.  10,  32  die  Erinyen 
den  Wahnsinn  hervorbringen  liifst,  indem  sie 
die  früheren  Gedanken  gewaltsam  fortraffen 
(ngotsgag  ßiozoio  geXydovag  rjgnacav  bggal 
Evgsviäcov)  sehr  annehmbar.  Der  Wahnsinn 
wird  ja  auch  sonst  als  Strafe  der  Erinyen  an- 
gesehen. Während  die  späteren  Schriftsteller 
ihrer  äufserlichen  Auffassung  gemäfs  diese 
Wirkung  an  die  Attribute  knüpfen  (Peitsche, 
Schlange,  Kentron),  wird  dieselbe  besonders  bei 
Euripides  als  eine  unmittelbare  Einwirkung 
auf  den  Geist  gedacht.  Bei  Orestes  tritt  der 
Wahnsinn  wie  eine  Krankheit  auf  ( voaog  pcc- 
vzccg),  mit  heftigen,  Geist  und  Körper  zugleich 
erschütternden  Anfällen,  in  welchen  ihm  die 
Erinyen  in  ihrer  ganzen  Furchtbarkeit  erschei- 
nen ( Orest . 43.  400.  791.  835  und  Iph.  T.  281  ff. 
1456  oiazgotg  ’Egivvcov).  Ähnliches  deutet  Ai- 
schylos  (Clio.  283  ff.)  wenigstens  an.  Doch 
wäre  es  einseitig,  darin  nur  ein  „physisches 
Leiden , das  Behaftetsein  mit  der  fällenden 
Sucht“  zu  sehen,  wie  Hartung,  Bel.  u.  Myth. 
d.  Gr.  3,  68.  Die  Lokalsagen  von  Orestes  (Paus. 
8,  24,  1.  7,  25,  4)  nehmen  es  als  ein  geistiges 
Leiden:  „wenn  das  Eumenidenheiligtum  zu 

Keryneia  ein  Blutbefleckter  oder  Frevler  be- 
tritt, so  wird  er,  sagt  man,  infolge  des  Schreckens 
wahnsinnig.“  Dafs  aber  auch  die  Bewirkung 
des  Wahnsinns  mit  der  Naturbedeutung  der 
Erinyen  zusammenhängt,  beweist  die  deutsche 
Sage  von  den  Fackeljungfrauen  bei  Schwatz 
(Beckstein  a.  a.  0.  423),  die  als  Nebelfräulein 
mit  Fackeln  beschrieben  werden  und  eine 
Höhle  bewohnen;  sie  sind  begleitet  von  fuchs- 
artigen Bestien,  und  wenn  ein  Frevler  ihren 
Zug,  die  „todanzeigende  Fuchshetze“  sieht,  geht 
er  dem  Wahnsinn  und  Verderben  entgegen. 
Die  Fuchshetze  ist  die  wilde  Jagd,  der  Fuchs 
ein  Nebeltier  (s.  Laistner  S.  20).  In  jenem 
andern  lokalen  Kultus  (Paus.  8,  24,  1)  bei 
Megalopolis  hiefsen  die  Erinyen  selbst  Mcivica; 
somit  wurde  ihnen  also  das  Rasen,  das  sie 
bewirken , selbst  auch  zugeschrieben.  Bei 
Aesch.  Eum.  499  nennen  sie  sich  selbst  ßgo- 
zoGnonoL  gcavuSsg,  bei  Eurip.  Hec.  1076  heifsen 
sie  " 'AiSov  und  wird  ihnen  ein  &i<xaog 

iv  yo'otg  zugeschrieben  (Or.  319),  eine  merk- 
würdige Verwandtschaft  mit  dem  bakchischen 
Kreis,  welche  Dilthey  a.  a.  O.  90  ff.  weiter  ver- 
folgt hat. 

Das  Strafamt  der  Erinyen  erstreckt  sich 
aber  auch  über  die  Unterwelt,  da  sie  den 
Toten  und  Lebenden  zur  Sühne  geboren  sind 
(Aesch.  Eum.  322) , gewissermafsen  eine  Fort- 
setzung ihrer  Thätigkeit  in  dem  Aufenthalt, 
der  ihnen  erst  infolge  ihrer  Natur  angedichtet 
wurde.  Schon  bei  Homer  strafen  sie  den 
Menschen  vno  yaiav  (T  259);  jeder  Frevler 
erhält  dort  die  seinem  Verbrechen  angemessene 
Strafe,  Aesch.  Eum.  271.  Der  direkte  Anschlufs 
an  ihre  Thätigkeit  auf  der  Oberwelt  ergiebt 
sich  aus  eben  dieser  Stelle,  nach  welcher  sie 
(v.  267)  den  durch  ihre  Verfolgung  mattge- 
hetzten Verbrecher  lebend  in  die  Unterwelt 
zur  Bestrafung  hinschleppen.  Vergil  führt  Aen. 
6,  570  dieses  Bild  weiter  aus : mit  ihren  Schlan- 
gen drohend  und  mit  der  Peitsche  treiben  die 


1327  Erinys  (Schicksals-  u.  Todesgöttin) 

Erinyen  die  von  dem  Totenrichter  Verurteilten 
in  das  Innere  des  Tartarus,  ganz  so  wie  sie 
auf  unteritalischen  Unterweits vasen  dargestellt 
werden,  vgl.  die  obige  Abbildung  der  Vase  v. 
Canosa,  Millin,  tornbeaux  de  Canosa  Tf.  3,  Ivo 
von  den  Erinyen  in  Jägerinnentracht  die  eine 
den  Sisyphos  geifselt,  die  andere  den  Herakles, 
der  (mit  Hermes)  den  Kerberos  entführt,  mit 
Fackeln  schreckt;  rechts  Tantalos  (über  die 
Tracht  s.  unt.  Absclin.  IV).  Aber  auch  insofern 
straft  die  Erinys  über  das  Grab  hinaus,  als  sie 
das  Geschlecht  des  Frevlers  auch  nach  seinem 
Tod  verfolgt  ( Aescli . Eum.  934),  wie  die  Söhne 
des  Oidipus  {Soph.  Oed.  G.  1299.  1434),  deren 
Fluch  man  sogar  noch  im  Geschlechte  der 
Aigiden  in  Sparta  fortwirkend  glaubte , He- 
rod.  4 , 149.  Ebenso  im  Atridenhaus  Aesch. 
Clio.  403. 

4.  Die  Erinyen  als  Schicksals-  und  Todes- 
göttinnen. 

Wenn  auch  der  homerische  Begriff  von 
Hüterinnen  der  Ordnungen  in  der  Menschen- 
welt durch  die  Tragödie  auf  Rache  und  Ver- 
folgung des  Frevels  eingeschränkt  scheint,  so 
ist  doch  auch  von  den  Tragikern  jene  wei- 
tere Auffassung  nicht  aufser  acht  gelassen, 
vielmehr  in  bedeutsamer  Weise  noch  weiter 
entwickelt.  Bei  Aischylos  sind  die  Erinyen 
geradezu  Schicksalsgöttinnen.  Auf  die 
Frage  der  Okeaniden  im  Prometheus  515:  Wer 
ist  es,  der  des  Schicksals  Steuerruder  lenkt? 
antwortet  Prometheus:  Mocgca  xgigogcpoc  yvrp 
yoveg  z’  ’Egivvs g.  Sie  lenken  alles  Menschen- 
geschick: ndvxa  tu.  nur’  dvQ'gcoitovg  £hx%ov 
ddneiv  Eum.  930.  Wie  sie  an  jener  Stelle 
mit  den  Moiren  verbunden  erscheinen , so 
werden  diese  auch  {Eum.  961)  ihre  Schwestern 
{pyxgoxacuyvrjxcu)  genannt.  Andrerseits  wer- 
den sie  als  Schicksalsgöttinnen  mit  den  Keren 
identificiert,  so  dafs  sie  {Sept.  1054)  geradezu 
Kggsg  ’Egcvvsg  heifsen,  was  verschieden  auf- 
gefafst  wird;  vgl.  Eilthey  a.  a.  0.  84.  Schü- 
mann, Eum.  S.  62.  Welcher , Gr.  Götterl.  3, 
84.  Auch  Hesiod,  Theog.  217  und  Eurip.  El. 
1252  legen  den  Keren  mit  denselben  Ausdrücken 
wie  sonst  den  Erinyen  die  Verfolgung  der 
Frevler  bei.  Als  mächtige  Schicksalsgöttin- 
nen, die  bei  den  oberen  und  unteren  Göttern 
viel  vermögen,  können  sie  den  Menschen  bei- 
des bringen,  Glück  oder  Unglück,  sagt  Aischy- 
los Eum.  954.  Segenbringend  sind  sie  dann, 
wenn  sie  versöhnt  sind,  und  die  Versöhnung 
der  sonst  so  unerbittlichen  Göttinnen,  die  Ver- 
wandlung aus  Erinyen  in  Eumeniden  zu  er- 
klären, ist  die  Tendenz  des  Mythos  von  dem 
Gericht  über  Orestes  und  der  Hauptinhalt  von 
Aischylos’  Eumeniden.  Als  „Wohlgesinnte“ 
halten  sie  eben  das  Unglück  fern,  welches  sie 
als  „Zürnende“  über  das  Land  zu  bringen 
drohten  {Eum.  1009),  verhindern  schädliche 
Winde,  versengende  Sonnenglut  und  Krank- 
heit (v.  938 — 948) , und  verleihen  Fruchtbar- 
keit des  Landes  und  der  Herden,  Kindersegen 
und  Glück  im  Ehestand  {Eum.  v.  835.  895.  904), 
weshalb  sie  besonders  auch  von  den  Frauen 
verehrt  wurden,  vgl.  die  Eumenidenreliefs  von 


Erinys  (mythol.  Parallelen)  1328 

Argos  (S.  1330) , Mitteil.  d.  Inst,  in  Athen  4 
S.  176.  Diese  segensreiche  Seite,  wornach 
sie  Fruchtbarkeit  und  Wachstum  verleihen, 
steht  nicht,  wie  man  geglaubt  hat,  im  Wider- 
spruch zu  ihrem  Wesen,  sondern  ist  aus  ihrer 
Natur  als  Wolkengöttinnen  leicht  verständlich. 
Nach  Eiodor  13, 102  betete  man  auch  zu  ihnen 
neben  Zeus  und  Apollon  um  Sieg,  und  bei  Eiog. 
Laert.  8,  32  wird  ihnen  ein  Richter-  undStrafamt 
im  Jenseits  zugeschrieben.  Wie  bei  den  Moi- 
ren ist  auch  ihr  Verhältnis  zu  den  andern 
Göttern  ein  schwankendes:  bei  Homer  ist  ihre 
Strafgewalt  in  der  Unterwelt  noch  nicht  be- 
stimmt von  derjenigen  des  Hades  und  der 
Persephone  geschieden.  Die  von  Phoinix  {1 454) 
an  die  Erinyen  gerichtete  Bitte  wird  von  Ha- 
des und  Persephone  erfüllt,  während  (I  571) 
Althaia  Hades  und  Persephone  anruft  und  von 
der  Erinys  erhört  wird.  Doch  tritt  späterhin 
eine  Unterordnung  unter  höher  gestellte  Göt- 
ter ein:  bei  Aischylos  {Ag.  58)  schickt  Apol- 
lon, Pan  oder  Zeus  die  Erinys  und  bei  Sopho- 
kles {Ant.  1075)  heifsen  sie  Aidov  ucd  ffscöv 
’Egtvvs g,  weil  sie  beiden  dienstbar  sind.  So 
auch  die  Späteren:  Iovis  ad  solium  apparent 
Verg.  Aen.  12,  849;  respiciens  legem  Iovis 
Flacc.  Arg.  4,  74;  Furiae  famulae  Eitis  Senec. 
Here.  f.  100  und  Acurjg  InGovgoi  Flut,  de  ex. 
11.  Wie  endlich  die  mit  ihnen  verwandten 
Schicksalsgöttinnen,  die  Moiren  und  Keren,  so 
werden  auch  die  Erinyen  als  T o de sgött in- 
nen gedacht  (vergl.  C.  I.  Gr.  2415.  Kaibel, 
epigr.  218),  eine  Vorstellung,  die  aufserdem 
auch  in  ihrer  verderblichen  Wirksamkeit 
{ologsvav  ’Egivvv  Eur.  Phoen.  1029)  und  in 
ihrer  Beziehung  zur  Unterwelt  begründet 
ist.  Eine  schlimme  Botschaft  von  Tod  und 
Untergang  heifst  {Aesch.  Ag.  645)  ncaccv 
’Egivvcov ; des  Aias  Schwert  ist  von  der  Eri- 
nys geschmiedet,  Soph.  Ai.  1034;  des  He- 
rakles vergiftetes  Gewand  ein  ’Egivvcov  äpcpl 
ßlrjozgov  Trach.  1051;  weshalb  auch  die  ver- 
derblichen Frauen  wie  Helena,  Klytaimnestra, 
Medeia  von  den  Tragikern  Erinyen  genannt 
werden.  Deshalb  trug  sie  auch  Polyneikes  als 
Schreckbild  auf  seinem  Schild,  Eur.  Phoen. 
1123;  vgl.  JRoscher,  Bitschl.  Act.  soc.  Lips.  1, 
97.  So  namentlich  auch  die  Späteren,  die  sie 
nach  Euripides'  Phoen.  252  Vorgang  zu  Göt- 
tinnen des  mit  Tod  und  Verderben  endigenden 
Streits  machen,  Verg.  Aen.  7,  325.  12,  851. 
Ovid  Met.  4,  500;  woraus  sich  wohl  auch  die 
Verbindung  der  Erinys  mit  Ares  erklärt,  Schol. 
Soph.  Ant.  126. 

5,  Entwickelung  der  Wolkenfrauen  zu  Schick- 

salsgöttinnen;  mythologische  Parallelen. 

Werfen  wir  noch  einen  Blick  der  Verglei- 
chung auf  die  deutsche  Mythologie.  Die  Ge- 
stalten der  wilden  Jagd,  welche  wir  der  Natur- 
seite der  Erinyen  entsprechend  gefunden  haben, 
zeigen,  als  mehr  nur  dem  niederen  Volksglau- 
ben angehörig,  wenig  Fähigkeit  zur  Erhebung 
ins  ethische  Gebiet,  wenn  es  auch  an  Spuren 
nicht  fehlt  (z.  B.  Grimm  898).  Den  Rache-  und 
Schicksalsgöttinnen  eines  Aiscltylos  können 
nur  wiederum  Gestalten  einer  grofsartigen 


1329  Erinys  (mythol.  Parallelen) 


Erinys  (Kultus) 


1330 


sehen  Wesen  so  vollständig,  dafs  alle  Stufen 
und  Übergänge  der  Entwickelung  uns  klar  vor 
Augen  liegen. 


Wie 


III.  Kultus  der  Erinyen. 

viele  andere  Gottheiten  nach  einer 


Mythenpoesie  entsprechen.  Dies  sind  die  Val- 
kyren  und  Nornen  der  nordischen  Mythologie. 

Auch  sie  sind  ursprünglich  Wolkengöttinnen; 
auch  die  Yalkyren  gehören  ursprünglich  dem 
wilden  Heer  an,  fahren  durch  die  Lüfte  und 
über  das  Meer  mit  züngelnden  Blitzen  und 
männermordendem  Unwetter,  und  wurden  daun 

Personifikationen  des  Kriegs  (s.  Mannhardt,  durch  das  ganze  Altertum  sich  hindurchziehen- 
Germ.  Myth.  564 — 66).  Beide,  Valkyren  und  den  Grundanschauung,  vereinigen  auch  die 
Nornen,  wurden  aus  Wolkenfrauen  Schicksals-  io  Erinyen  eine  furchtbare  und  eine  wohlthätige 
göttinnen  und  besonders  durch  das  Bild  Seite.  Durch  ehrfurchtsvolle  Verehrung  Wer- 
der schwarzen  Gewitterwolke  Todesgöttinnen  den  die  schrecklichen  Rachegöttinnen  zu  segens- 

(a.  a.  0.  S.  576).  Auch  die  Nor-  _ 


nen  stehen,  wie  die  Erinyen,  in 
Beziehung  zur  schwarzen  Nacht  und 
steigen  zur  Erde  nieder,  um  Mord 
und  Tod  zu  veranlassen  (S.  586). 

Andererseits  aber  sind  sie  hilfreich 
bei  der  Geburt  des  Menschen,  wie  j 
die  Erinyen  um  Kindersegen  an-  1 
gerufen  werden,  und  bestimmen, 
wie  jene,  als  Schicksalsgöttinnen 
sein  Lebensgeschick  (S.  588);  auch 
teilen  sie  sich  in  gute  und  böse 
(S.  593) , wie  Erinyen  und  Eume- 
niden,  und  sind  Urteilerinnen  beim 
Göttergericht,  wie  die  Erinyen  Rich- 
terinnen in  der  Unterwelt.  Aber 
auch  in  der  süddeutschen  Volks- 
sage finden  sich,  wie  Mannhardt 
a.  a.  0.  S.  637  ff.  nachgewiesen 
hat,  Gestalten,  welche  sich  aus 
der  gleichen  Naturbedeutung  auf 
die  gleiche  Weise  wie  im  nordi- 
schen Mythus,  nur  nicht  so  grofs- 
artig,  entwickelt  haben.  Es  sind 
die  in  Bayern  so  zahlreichen  Sagen 
von  den  drei  Jungfrauen,  die  sich 
durch  ihr  Spinnen  und  Aufhängen 
von  Wäsche  in  der  Luft  als  Wol- 
kenfrauen kund  geben.  Sie  erschei- 
nen Glück  oder  Unheil  spendend 
bei  der  Geburt,  bei  der  Heirat 
und  dem  Tod  des  Menschen  sowie 
bei  allen  grofsen  Ereignissen.  Sie 
verleihen  unfruchtbaren  Eheleuten 
erwünschte  und  gesunde  Kinder, 
wie  die  Erinyen  Kindersegen  und  jjl 
Glück  in  der  Ehe,  und  schützen  • 
wie  jene  vor  Pest,  weshalb  man 
zu  Pestzeiten  Fackelprozessionen  ' 
zur  Nachtzeit  für  sie  anstellte.  Durch  die  Ge- 
walt ihrer  Zauberlieder,  die  an  den  v/ivog  dsa- 
fitog  erinnern,  erfolgt  die  Schicksalswirkung, 

Mannhardt  634.  644.  Von  den  dreien  ist 
eine  freundlich  und  mild,  eine  andere  erregt 
Schrecken  und  Krieg,  entsprechend  den  Eume- 
niden  und  Erinyen.  Wie  sich  von  der  Natur- 
grundlage der  Wasserfrauen  aus  in  der  deut- 
schen Mythologie  eine  gröfsere  Zahl  teils  phy-  «o  Zeit  besonders  zu  Sikyon  heimisch,  Paus.  2, 


EumenideDrelief  von  Argos  (nach  Mitteil.  d.  Inst,  in  Athen  4 
Taf.  9 (vgl.  S.  1333,  7 ff.). 


reichen  Gottheiten,  aus  Erinyen  zu  Eumeniden, 
und  werden  deshalb  um  Abwendung  des  Un- 
heils und  Verleihung  von  Segen  angefleht  (siehe 
oben  Abschn.  II,  4).  Diese  letztere  Seite  tritt 
im  Kultus  besonders  hervor  und  eine  eigene 
Gattung  von  Kultmythen,  besonders  die  Orestes- 
sage, diente  zur  Motivierung  dieser  Verwand- 
lung. Der  Name  Eumeniden  war  seit  alter 


sischer,  teils  ethischer  Wesen  differenzieren, 
so  haben  auch  in  der  griechischen  die  Erinyen 
an  den  Harpyien,  Gorgonen,  Graien  und  Moiren 
Schwestern,  die  von  gleicher  Naturbedeutung 
aus  sich  nach  der  einen  oder  andern  Seite 
entwickelt  haben.  Aber  nur  die  Erinys  zeigt 
die  Entwickelung  aus  der  Naturerscheinung  zu 
einer  Naturgottheit  und  von  da  zu  einem  ethi- 


11,  4.  In  einem  Hain  von  Steineichen  stand 
ihr  Tempel  und  an  ihrem  jährlichen  Feste  wur- 
den ihnen  trächtige  Schafe,  ein  Honigtrank 
und  Blumen  (vgl.  die  Reliefs  von  Argos)  darge- 
bracht. Ein  ähnlicher  offener  Hain  der  „Eume- 
niden“ bestand  bei  Argos,  wie  die  neuerdings 
daselbst  entdeckten  Votivreliefs  (s.  unten)  be- 
weisen (Mitteil.  d.  Inst,  in  Athen  4,  176).  In 


1331  Erinys  (Kultus) 


Erinys  (Kultus)  1332 


der  Nähe  von  Megalopolis  waren  mehrere 
Heiligtümer  der  „Eumeniden“  in  einem  aus- 
gedehnten heiligen  Bezirk  vereinigt,  deren 
Namen  und  Bedeutung  dem  Tansanias  8,  34, 

1 — 3 ans  der  daran  sich  heftenden  Sage  vom 
Wahnsinn  und  der  Heilung  des  Orestes  erklärt 
wurden.  In  einem  der  Tempel  wurden  sie 
unter  dem  Namen  Mctvica  verehrt;  in  einem 
andern  bestand  ein  Doppelkult  der  zürnenden 
und  gnädigen  Göttinnen , d.  h.  der  Erinyen  io 
und  Eumeniden,  wie  die  Erzählung  beweist, 
dafs  sie  dem  Orestes  zuerst  schwarz , dann 
nach  seiner  Heilung  weifs  erschienen  seien, 
und  dafs  er  jenen  das  bei  unterirdischen  Gott- 
heiten übliche  Opfer,  diesen  ein  solches  für 
obere  dargebracht  habe.  Auch  zu  Keryneia 
in  Achaia  kannte  man  die  doppelte  Seite  der 
Göttinnen  und  führte  die  Verwandlung  der  Eri- 


ijGv%ictg  zcc  [fgck  öqwgi  , Schol.  Oed.  C.  489), 
die  an  dem  Hauptfest  den  feierlichen  Zug  er- 
öffneten  (vgl.  Schümann , Griecli.  Altert.  2,  505. 
Hermann,  gottesd.  Altert.  62,  37.  [ Mommsen , 
Heortologie  171.  Roscher.])  Über  den  Inhalt 
der  Anrufungen  s.  oben.  Zu  Kolonos  scheint 
eine  ähnliche  Lokalität  wie  am  Areopag,  ein 
l&ovo g xulv-onovs  68og  { Soph . Oed.  C.  57. 
1590  f.)  eine  Kultstätte  der  in  der  Unterwelt 
wohnenden  Göttinnen  (Sophokles  nennt  sie 
Eumeniden)  hervorgerufen  zu  haben.  An  beide 
Örtlichkeiten  heftete  sich  die  Oidipussage. 
Es  war  auch  hier  ein  Hain  mit  Altären 
{Oed.  C.  127),  auch  hier  die  weinlose,  honig- 
gemischte Spende  (ib.  v.  100  c.  Schol.-,  v.  481) 
und  die  feierliche  svcprjgiK  (v.  131).  Die  Oed. 
C.  469  f.  beschriebenen  Cerimonien  sind  ein 
Reinigungsopfer  für  den  besonderen  Fall  des 


Orestes  von  den  Erinyen  verfolgt,  Yasenbild  nach  R.  Röchelte , Mon.  Ined.  36. 


nyen  in  Eumeniden  auf  Orestes,  den  mythi- 
schen Gründer  des  Heiligtums  der  „Eumeni- 
den“ zurück,  Paus.  7,  25,  7.  Schol.  Oed.  C.  42.  50 
In  Athen  scheint  der  Name  Eumeniden  erst 
durch  Aischylos’  gleichnamige  Dichtung  sich 
eingebürgert  zu  haben.  Sie  hiefsen  daselbst 
asfival  freue  oder  Hsgvae  und  hatten  ihr  Hei- 
ligtum an  der  Ostseite  des  Areopags  {Thule. 

1,  126.  Aristoph.  Eg.  1312.  Thesm.  224.  Flut. 
Sol.  12.  Paus.  1,  28,  6.  7,  25,  2);  vor  einer 
Felsplatte,  die  für  den  Eingang  zur  Unterwelt 
galt,  standen  ihre  Altäre  {Aesch.  Eum.  805. 
1007.  Eur.  El.  1271;  vgl.  O.  Müller , Eum.  co 
S.  179),  an  welchen  ihnen  nächtliche  Schlacht- 
opfer, hauptsächlich  aber  honiggemischte  Trank- 
opfer ohne  Wein  (die  vrjcpäXicc),  Kuchen  und 
Milch  dargebracht  wurden,  Aesch.  Eum.  107. 
Schol.  ad  Aescliin.  § 188  PHnd.  Die  Opfer 
wurden  von  den  vom  Areopag  bestellten  Hie- 
ropoioi  und  von  Priesterinnen  aus  dem  Ge- 
schlecht der  Hesychiden  besorgt  (pezee  yfip 


Oidipus.  Endlich  standen  in  einem  heiligen 
Bezirk  in  dem  attischen  Demos  Phlya  unter 
anderen  Gottheiten  des  Erdsegens  auch  Altäre 
Esfiväv  6vogcc£o(isvc0v  ■d'swv  {Paus.  1,  31,  4). 
Die  Erzählungen  bei  Ps.-Plut.  de  fluv.  2.  5. 
19.  23  sind  als  reine  Erfindungen  anzusehen. 
Vergl.  den  Abschnitt  Kultus  bei  Posenberg 
S.  34 — 45.  [Über  einen  mutmafslichen  Kult 
in  Delphi  s.  A.  Mommsen,  Delphika  22  ff.  R.]. 

IV.  Erinys  in  der  Kunst. 

1.  Dem  zwiefachen  Wesen  der  Erinys,  ihrer 
besonders  im  Kultus  hervortretenden  segens- 
reichen, und  andrerseits  in  ihrem  Eingreifen 
in  den  Mythen  furchtbaren  Wirksamkeit  ent- 
sprechen zwei  Typen  in  der  Kunst.  Der  ältere 
giebt  in  Übereinstimmung  mit  den  Kultvor- 
stellungen die  Erinyen  als  ehrwürdige  lang- 
bekleidete Frauen  von  ernstem,  selbst  mil- 
dem Charakter  (als  Esgval  u.  EvgsviSsg),  in 
der  gewöhnlichen  Frauentracht  und  ohne  An- 


1333 


1334 


Erinys  in  d.  Kunst  Erinys  in  d.  Kunst 

deutung  des  Furchtbaren,  ganz  entsprechend  fallende  Haar,  mild  und  voll  hohen  Ernstes, 

der  Bemerkung  des  Pausanias  1,  28,  6,  die  Ähnlich  erscheinen  sie  in  gewöhnlicher  Frauen- 

gewifs  auf  die  Kultbilder  nicht  blofs  des  kleidung  auf  den  Vasenbildern  Inghirami,  Gal. 

Kalamis,  sondern  auch  des  Skopas  in  Athen  Om.  3,  11  und  Mus.  Iatta  Cat.  1494,  abgebil- 

( Pülemon  fr.  p.  14  Preller.  Schol.  ad  Aeschin.  det  bei  Posenberg  S.  87.  Vorzugsweise  aber 

§ 188  Dind.  Clem.  Alex.  Protr.  4)  zu  bezie-  hat  sich  die  Plastik  den  Typus  der  langbe- 

hen  ist.  So  erscheinen  sie  auf  den  drei  alter-  kleideten  Erinys  angeeignet,  so  in  der  schönen 

tiimlichen  Votivreliefs  aus  dem  Eumenidenhain  Gruppe  der  drei  am  Grabhügel  Agamemnons 

bei  Argos  ( Mitteil . d.  Inst,  in  Athen  4 Taf.  9.  schlafenden  Erinyen  auf  den  Orestessarkopha- 

10,  1.  2)  als  drei  langbekleidete  Frauen  in  logen,  Mus.  P.  Clem.  5,  22;  vgl.  Robert,  Bild 
steifer,  unterschiedsloser  Haltung,  welche,  wie  u.  Lied  S.  177;  und  besonders  P.  Pochette, 

die  Abbildung  von  Taf.  9 (siehe  das  Bild  M.  7.25,  2;  ferner  die  Erinys  im  Chiton  no8r\- 

auf  Seite  1330)  mit  der  Inschrift  EvfxtvCoiv  pr/g,  Mon.  d.  Inst.  8,  15.  Annal.  1869  tav.  A. 

fvxüv  zeigt,  in  der  Rechten  eine  Schlange,  B2,  und  auf  dem  corsinischen  Silbergefäfs. 

in  der  Linken  eine  Blume  haltend,  die  An-  [Die  sog.  f Schlangentopfwerferin’  von  Perga- 


Erinys  in  Jägertracht  den  Orestes  verfolgend,  Vasenbild  nach  Millingen , vas.  Cogh.  29,  1. 


betung  ihrer  Verehrer  gnädig  entgegen  neh- 
men. Eine  einzelne  Erinys  in  gewöhnlicher 
Frauenkleidung,  mit  feingefaltetem  Chiton  und 
Mantel,  welche  mit  ausgestreckten  Armen  zwei 
grofse  Schlangen  hält,  zeigt  ein  Neapler  Ge- 
fäfs  von  eigentümlicher  Technik,  Heydemann 
n.  2463  (abgebildet  bei  Posenberg , Erinyen , 
als  Titelvignette),  das  dem  strengen  Stil  der 
rotfigurigen  Vasen  zuzuweiscn  ist,  also  der 
ersten  Hälfte  des  fünften  Jahrb.  angehört  (die 
nach  Posenberg  S.  51  älteste  Erinyendarstel- 
lung  Mon.  d.  Inst.  5,  56  ist  auszuscheiden,  vgl. 
Robert,  Bild  u.  Lied  S.  152).  Derselbe  Typus 
ist  auch  auf  einem  Vasenbild  des  schönen 
Stils  mit  der  Verfolgung  des  Orestes  durch 
die  Erinyen,  P.  Pochette,  Mon.  Ined.  pl.  36 
(s.  die  Abbild.  1331/2)  beibehalten.  Obgleich 
sie  hier  durch  züngelnde  Schlangen  (und  das 
Bild  der  Klytaimnestra?)  den  Orestes  schrecken, 
ist  doch  ihr  Ausdruck,  besonders  durch  das 
(wie  auf  dem  Eumenidenrelief)  schlicht  herab- 


mon  dürfte  entweder  eine  Erinys  oder  e.  Hygieia 
sein.  Beil.  z.  Allg.  Ztg.  1880  nr.  311.  Roscher.] 
2.  Der  zweite  Typus,  der  die  Erinyen  als 
die  furchtbaren  Göttinnen  kennzeichnet, 
ist  aus  der  eigentümlichen  Darstellungsweise 
rasch  dahineilender  Dämonen  in  der  älteren 
Kunst , wie  der  mit  ihnen  verwandten  Gor- 
gonen u.  Harpyien  (s.  oben),  entsprungen.  Die 
Bezeichnung  der  Erinys  als  Koynpinovg  ( Aesch . 
Sept.  772  nebst  Schol. : g xeythysvovs  i'xovoa 
nödctg  TCQog  ro  TK%£cog  nuQayiveG&cu)  erwähnt 
gerade  das  Eigentümliche  dieser  Figur,  das 
im  Dahineilen  tief  niedergebeugte  Knie.  Eben 
diese  Stellung  zeigen  die  altertümlichen,  mit 
grofsen  Schulterflügeln  versehenen  Figuren  in 
kurzem  Chiton  mit  darübergeschlagenem  Fell 
und  mit  hohen  Flügelstiefeln  b.  Gerhard,  Ges. 
Abh.  Tf.  10,  2.  3.  4,  welche  wegen  der  Schlange, 
die  einer  derselben  beigegeben  ist,  wohl  ge- 
radezu als  Erinyen  bezeichnet  werden  dürfen. 
Somit  scheint  die  Tragödie,  indem  sie  derVer- 


1336 


1335  Erinys  in  d.  Kunst 


Eriphyle 


folgung  der  Erinyen  das  Bild  der  Jagd  zu 
gründe  legte  (s.  oben),  den  von  ihr  ausgebil- 
deten Typus  der  Jägerin  einer  schon  vor- 
handenen Vorstellung  entlehnt  zu  haben.  In  der 
Vasenmalerei  vom  vierten  Jahrhundert  an,  be- 
sonders auf  den  unter  italischen  Vasen  (vgl.  d. 

ob.  Abbild.  Mil- 
lingen, vas.  Coghill 
29  , 1 , Erinys  in 
Jägertracht)  und 
auf  römischen 
Sarkophagen  er- 
scheint die  Erinys 
in  Jägertracht,  wie 
Artemis,  mit  kur- 
zem , gegürtetem 
Leibrock,  welcher 
die  Kniee  frei 
läfst , mit  Jagd- 
stiefeln und  Waf- 
fen ( Lanze  und 
Schwert),  auf  Dar- 
stellungen der 
auch  der  Tragö- 
die angehörigen 
Mythen  von  Ore- 
stes, Oidipus,  Me- 
deia,  Lykurgos  u.  a. 
vgl.  die  Aufzählung 
der  Denkmäler  bei 
Bosenberg  S.  45 — 76). 
Dazu  kommen  die  mit 
dem  Verfall  der 
Kunst  sich  immer 
mehr  häufenden  At- 
tribute : die  züngeln- 
den Schlangen , die 
ihnen  nun  (nach  Ai- 
schylos  s.  oben  Ab- 
schnitt I)  auch  ins 
Haar  geflochten  wer- 
den, die  Flügel  (nach 
Euripides , ebendas.), 
Fackeln,  Geifseln  (vgl. 
die  Zusammenstel- 
lung bei  Bosenberg 
S.  85).  Auf  einigen 
späten  unteritalischen 
Vasenbildern  sind  sie 
mit  schwarzer  Körper- 
farbe ( Bosenberg  S.  53 
A.  2)  und  möglichst 
häfslich  dargestellt 
{Müller- Wieseler  2, 
862.  957.  Compte- 
rendu  1863  Taf.  6,  5; 
über  die  gekrümmte 
Nase  0.  Jahn.  Arch. 
Beitr.  424),  offenbar  in 
dem  Bestreben,  sich 
möglichst  genau  an  das  in  der  Tragödie  ge- 
gebene Bild  anzuschliefsen.  Selbst  betimmte 
Scenen  der  Tragödie  finden  sich  nachgebildet 
z.  B.  von  Aischylos'  Eumeniden  v.  94 — 125 
in  Mon.  d.  Inst.  4,  48,  wo  zwei  Erinyen  in 
malerischer  Gruppe  schlummern  und  infolge 
der  Mahnung  der  Klytaimnestra  eine  dritte 
aus  dem  Boden  auftaucht  [vgl.  auch  ob.  S.  299. 


Erinys  in  der  Tragödie, 
nach.  Mi llin,  M.  I.  1,  20. 


Roscher];  wie  Apollon  die  Erinyen  verjagt, 
0.  Jahn,  Vasenbilder  Taf.  1 ; wie  er  ihnen  an- 
kündigt, dafs  er  Orestes  schützen  werde,  ( Eum . 
v.  187—223)  in  Millin,  Mon.  Ined.  1,  29.  Dieser 
letzteren  Darstellung  gehört  die  trotzig  sich 
entfernende  Erinys  an  (s.  d.  Abbildung) , mit 
grofsen  Schulterflügeln,  reichgesticktem , kur- 
zem Chiton  und  Jagdstiefeln,  einem  Kostüm, 
das  offenbar  einer  glänzenden  Theatergarderobe 
io  entstammt  (vergl.  Jahn , Einl.  in  d.  Vasens. 
227).  Selbst  der  Einmischung  bakchischer 
Züge  bei  den  Tragikern  (s.  oben  II,  3)  folgt 
die  Kunst;  zuweilen  trägt  die  Erinys  ein 
Pantherfell  (als  Nebris)  'um  den  Hals  gekno- 
tet oder  über  den  Arm  geschlagen  (vgl.  die 
ob.  Abbildung  der  Unterweltsvase  von  Canosa  ; 
Bosenberg  n.  40.  54 f.)  oder  ist  sie  von  einem 
Panther  begleitet  ( Archäol . Zeitg.  42  Taf.  18. 
Müller -Wieseler  2,  441).  Wie,  hierin,  so  haben 
20  wir  auch  in  dem  Auftauchen  der  Erinys  aus 
dem  Erdboden  (ob.  S.  299),  sowie  andrerseits  in 
ihrem  Herabkommen  von  oben  ( Müller - Wieseler 
2,  957.  148.  Overbeck  Taf.  29,  8)  Äufserungen 
ihres  Wesens  zu  erkennen  (vgl.  oben  Abschn.  I). 
Auch  die  Verbindung  der  Erinys  mit  dem  Hund 
erscheint  auf  einem  Vasenbild  Arch.  Ztg.  35 
Tf.  4,  1 S.  137.  Im  Jägerinnenkostüm  erschei- 
nen die  Erinyen  auch  auf  den  Unterweltsvasen, 
vgl.  oben  die  Abbildung  der  Vase  von  Canosa 
30  und  Arch.  Ztg.  42  Tf.  18.  -Dafs  auch  hier  die 
den  Herakles  schreckende  nicht  Hekate  (vgl. 
ebend.  S.  260),  sondern  Erinys  zu  nennen  ist, 
beweist  Mon.  d.  Inst.  8,  9,  wo  dieselben  Figu- 
ren mit  Speer  und  Pantherfell  als  Tloivcd  be- 
zeichnet sind.  Auf  den  römischen  Sarkopha- 
gen sind  beide  Typen  gebräuchlich;  statt  der 
Schulterflügel  erscheinen  hier  [wie  bei  der 
Gorgo  R.]  zuweilen  kleine  Flügel  an  den  Schlä- 
fen ( Seneca  Here.  Oet.  1008)  vergl.  Bosenberg 
40  S.  85.  Auf  etruskischen  Denkmälern  [s  z.  B. 
oben  S.  299  R.]  ist  die  Furie  durch  die  Jäger- 
tracht mit  Kreuzbändern  der  Erinys  der  unter- 
italischen Vasen  sehr  ähnlich  gebildet,  aber 
teilweise  mit  andern  Attributen  versehen;  sie 
hat  hier  die  allgemeine  Beäeutung  einer  Schick- 
salsgöttin; vgl.  Bosenberg  S.  77.  [Rapp.] 
Eriope  (’Egicong),  Mutter  des  lokrischen  Aias; 
s.  oben  S.  236, 14  ff.  Vgl.  Eriopis  3.  [Steuding.] 
Eriopis  ( ’Egicöni g u.  ’Egicong) , 1)  Tochter 
50  des  Apollon  und  der  Arsinoe,  Schwester  des 
Asklepios,  Schol.  Bind.  Pytli.  3,  14.  — 2)  Ge- 
mahlin des  Anchises,  Schot.  11.  13,  429.  Hesych. 
s.  v.  — 3)  Tochter  des  Pheres,  Gemahlin  des  Lo- 
krers  Oileus,  Mutter  des  Aias,  Stiefmutter  des 
Medon,  II.  13,  697.  Schol.  II.  13,  697.  15,  333. 
336;  s.  Alkimache.  — 4)  Tochter  des  Iason  und 
der  Medeia,  Kinaithon  b.  Paus.  2,  3,  7.  [Stoll.] 
Eriplia  (’Egicpa  oder  -tj),  Amme  des  Diony- 
sos: Etym.  Magn.  372,  lff.  (Erepha?).  Bonn. 
go  21,  81.  Vgl.  Erepha  u.  Eriphia.  [Roscher.] 
Eriphia,  eine  Tochter  des  Okeanos,  die  als 
eine  der  nymphae  Dodonides  oder  der  Naja- 
den  bezeichnet  wird,  Hyg.  f.  182;  vgl.  Hyaden. 
Der  Name  ist  jedenfalls  von  igüpg  junge  Ziege 
abzuleiten.  S.  Eripha.  [Steuding.] 

Eriphyle  (’EpnpiU»)),l)  Tochter  desTalaos  von 
Argos  und  der  Lysimache,  Schwester  des  Adra- 
stos,  Gemahlin  des  Amphiaraos  (s.  d.),  Apullod. 


L337 


Eris 


Eris 


1338 


1,9,13.  Tzetz.Lyk.  439.  Bei  Schol.  Od.  11,  326 
reifst  sie  Tochter  des  Iphis  (der  nach  Apol- 
’od.  3,  6,  2 dem  Polyneikes  riet,  die  Eriphyle 
nit  dem  Halsband  zu  bestechen).  I B re  und 
les  Amphiaraos  Kinder  sind  Alkinaion  und 
Amphilochos,  Eurydike  und  Demonassa,  wozu 
Asios  noch  Alkmene  fügt,  Od.  15,  248.  Paus. 
i,  17,  4.  Als  Adjastos  den  ersten  Zug  gegen 
Pheben  veranstaltete  und  Amphiaraos  die  Teil- 
nahme verweigerte,  da  zwang  Eriphyle,  von  io 
Polyneikes  mit  dem  Halsband  der  Harmonia 
bestochen,  obgleich  sie  wufste,  dafs  alle  Füh- 
:er  des  Zuges  zu  Grunde  gehen  würden,  ihren 
Hatten,  in  den  Krieg  und  den  Tod  zu  ziehen; 
lenn  sie  hatte  die  Entscheidung  hierüber,  da 
Adrastos  und  Amphiaraos , als  sie  sich  ver- 
söhnten und  Amphiaraos  die  Eriphyle  heiratete, 
len  Vertrag  geschlossen  hatten,  dafs  bei  et- 
waigen Streitigkeiten  Eriphyle  in  Zukunft 
üchiedsrichterin  zwischen  ihnen  sein  sollte.  20 
deswegen  trug  jetzt  Amphiaraos  hei  seinem 
Auszug  seinen  Söhnen  auf,  wenn  sie  erwach- 
sen wären,  seinen  Tod  an  %der  Mutter  zu  ra- 
ffen, Od.  11  , 326  u.  Scliol.  Find.  Neun.  9,  16 
1.  Schol.  9,  30.  Apollod.  3 , 6,  2.  Hyg.  f.  73. 
Diod.  4 , 65.  Serv.  Verg.  Aen.  6 , 445.  Auf 
lern  Kasten  des  Kypselos  der  Abschied  des 
\mphiaraos,  Paus.  6,  17,  4.  0.  Jahn,  Archäol. 
Aufsätze  S.  152 ff.  Overbeck , Gail.  her.  Pildiv. 

I S.  91  ff.  C.  I.  Gr.  7711.  Überreichung  des  30 
Halsbands  an  Eriphyle  (?)  Vasenbild  Ann.  d. 
Inst.  1863  tav.  H.  s.  Adrastos  u.  Amphia- 
■aos  (s.  oben  S.  295  f.).  Später  mordete  Alk- 
naion , entweder  allein  oder  in  Gemeinschaft 
nit  dem  Bruder  Amphilochos , die  frevel- 
lafte  Mutter,  nachdem  er  erfahren,  dafs  sie, 
im  auch  ihn  zur  Teilnahme  am  Epigonenkrieg 
su  bewegen,  von  Thersandros,  dem  Sohne 
les  Polyneikes,  den  Peplos  der  Harmonia  als 
jeschenk  erhalten,  Apollod.  3,  7,  5.  Schol.  Od.  40 
LI,  326.  Diod.  4,  66.  liyg.  f.  73;  s.  Alkmaion 
ind  Amphilochos.  — Das  verhängnisvolle  Hals- 
band wurde  von  Alkmaion  oder  von  den  Söh- 
len des  Phegeus  dem  Apollon  in  Delphi  ge- 
weiht, später  aber  zur  Zeit  Philipps  von  Make- 
lonien  von  den  Machthabern  der  Phoker  aus 
lern  Heiligtum  geraubt  und  von  ihren  Frauen 
getragen , und  auch  hier  wieder  stiftete  es 
Jnheil,  Diod.  16,  64.  Ephoros  b.  Athen.  6,  232  f. 
Parthen.  25.  Das  Grabmal  der  Eriphyle  war  50 
su  Argos  in  der  Nähe  von  dem  Heiligtum  des 
Amphiaraos,  Paus.  2,  23,  2.  Ihr  Bild  befand 
sich  auf  dem  Polygnotischen  Gemälde  der 
Unterwelt  in  der  Lesche  zu  Delphi,  Paus.  10, 

29,  3.  In  der  Unterwelt  sah  sie  Odysseus,  Od. 

1.  a.  0.,  sah  sie  Aneas  mit  der  vom  Sohne 
geschlagenen  Wunde  in  der  Brust,  Verg.  Aen. 

3,  445.  Die  Sage  von  Eriphyle  hatte  Stesi- 
dioros  überarbeitet,  Berglc  fr.  15—17  p.  744 2. 
Eine  Tragödie  Eriphyle  (oder  Epigonen)  gab  60 
38  von  Sophokles,  Welcher,  Griech.  Trag.  1, 
269  ff.  Nauck,  trag.  gr.  fr.  p.  139;  von  Niko- 
machos,  Suicl.  s.  v.  Über  die  Tragödie  Epi- 
goni  v.  Attius  s.  Welcher  a.  a.  0.  Ribbeck, 
'.rag.  lat.  fr.  p.  314 ff.  Preller,  Griech.  Myth. 

2,  351  ff.  366fl'.  — 2)  C.  I.  Gr.  8487.  Ger- 
hard, Ges.  ah.  Abh.  1,  179.  [Stoll.] 

Eris  ( Egig,  -do?  f-  sVs  Streit),  1)  die  Streit- 


göttin, Ares1  Schwester  und  Gefährtin,  die  zu- 
erst klein  ist,  dann  aber  ihr  Haupt  in  den 
Himmel  erhebt  und  auf  der  Erde  schrei- 
tet, in  der  Schlacht  thätig,  an  Schilden,  ver- 
bunden mit  Ares,  Alke  und  Ioke,  Kydoimos 
und  Ker,  cegorov  ysyavia,  UQCiTSQri,  Xccoaooog, 
nolvazovos , Dias  4,  440.  5,  518.  740.  11,  3. 
73.  18,  535.  20,  48.  Ilesiod  scut.  148.  156. 
Eur.  Plioen.  798.  Pliilostr.  iun.  imcig.  10.  Bei 
Hesiod  theog.'22bfi'.  Tochter  der  Nyx,  Mutter 
von  allerlei  Übeln,  Ponos,  Lethe,  Limos  u.  a., 
auch  der  Ate  und  des  Horkos;  vgl.  Hyg.  fab. 
z.  A.,  Discordia  unter  den  Kindern  der  Nox 
und  des  Erebos.  lies.  op.  11  ff.  unterscheidet 
zweierlei  Eris,  bösen  Streit  und  guten  Wett- 
eifer. Eris  als  häfslicher  Dämon  im  Zweikampf 
des  Hektor  und  Aias  am  Kypseloskasten,  eben- 
so in  der  Epinausimachie , Wandgemälde  des 
Kalliphon  im  ephes.  Artemision,  Paus.  5,  19,  2. 
Zwischen  zwei  Quadrigen,  schwarzfig.  Hydria, 
Gerhard,  a.  Vasenb.  1,  20.  21;  G.  I.  Gr.  7419. 
Vasenb.  Gerhard,  Flügelgestalten  198  Tf.  2,  5 
(. Abhandl . 1,  162  Taf.  10,  5) ; C.  I.  Gr.  7551 . Auf 


Eris,  Vasenbild  nach  Gerhard , Ges.  akad.  Abhandl. 
Atlas  Taf.  X Fig.  5. 


der  schwarzfig.  Vase  Lamberg  (Zug  der  Göttinnen 
zu  Paris)  eine  ”Eqis  genannt,  C.  I.  Gr.  7645. 
Ungeflügelt  beim  Parisurteil,  Ruveser  Vase  in 
Karlsruhe,  Overbeck,  Gail.  233.  C.  I.  Gr.  8400. 
Die  Erzählung  vom  Apfel  der  Eris  mit  der 
Aufschrift:  „Der  Schönsten“  (welchen  sie,  zu 
der  Hochzeit  des  Peleus  und  der  Thetis  allein 
unter  den  Göttern  nicht  geladen , unter  die 
Gäste  warf,  Hyg.  fab.  92.  Serv.  Aen.  1 , 27. 
Schol.  Eur.  Andr.  276.  Lucian  dial.  mar.  5 
sympos.  35.  Apul.  met.  10.  Coluth.  67.  Tzetz. 
Byk.  93;  s.  Paris)  scheint  frühestens  alexan- 
drinischen  Ursprungs,  Preller  2,  411.  Frankel. 
Arch.  Ztg.  31  (1873),  38.  Robert,  Bild  u.  Lied  9. 
Inschrift  in  Florenz,  C.  I.  Gr.  6840.  Vgl.  Dis- 
cordia. [Mehr  bei  Wieseler,  Nachr.  d.  Gott. 
Ges.  d.  Wissensch.  1885  S.  87  ff  R.]  [v.  Sybel.]  — 
2)  Göttin  des  edlen  Wettstreits,  auf  einem  etru- 
skischen Spiegel  der  Sammlung  Gherardesca  zu 
Florenz,  der  Hercla,  d.  i.  Herakles,  am  Scheide- 
wege darstellt,  gegenübergestellt  der  Ethis, 
d.  i.  Voluptas  (s.  d.).  Eris  selbst  ist  begleitet 
vonMenrva;  vgl.  Dempster , Etr.  Reg.  tav.  II; 


1339 


Eritlielas 


Lanzi , Saggio  2,  209  = 165;  tav.  XI,  nr.  3; 
Gerhard,  Etrusk.  Spiegel  3,  153;  tav.  CLXIY; 
Fahr.  G.  C.  I.  106.  Auf  einem  andern  Spie- 
gel aus  Bomarzo  im  Vaticanischen  Museum 
steht  Eris  zwischen  der  Muse  Euturpa  (s.  d.), 
und  dem  Sänger  Phamu  (<pamu)  d.  i.  Tharny- 
ris  (@ccgvQis),  hinter  dem  die  (den  Siegeskranz 
spendende)  Göttin  Alpnu  steht  und  ein  grei- 
ser Mann  Ar chaze,  wahrscheinlich  als  Zu- 
hörer die  Örtlichkeit  andeutend,  = ’Aqxus,  ’Aq- 
xachog;  s.  Bunsen,  Ann.  1836,  282  ff. ; Monum. 
vol.  2,  tav.  XXVII 1;  Mus.  Etr.  Vatic.  1,  tav. 
XXV;  Gerhard,  Etrusk.  Spiegel  4,  58  ff. ; tav. 
CCCXXIII;  Fahr.  C.  I.  I.  2412;  Gl.  col.  390; 
vgl.  noch  Corssen,  Spr.  d.  Etrusk.  1,  257  ff. ; 
Bezzenberger,  Beitr.  2,  164,  nr.  11.  [Deecke.] 
Eritlielas  (’EQi&glag) , Sohn  des  Astakos, 
Bruder  des  Lohes:  Schol.  II.  6,  396.  [Roscher.] 
Erithos  ('Eqi&os),  Sohn  des  Aktor,  von  Per 
seus  getötet:  Ov.  Met.  5,  80.  [Roscher.] 
Eriunios  s.  Hermes. 

Erkle  s.  Herkle. 

Ermania  (ermania),  etruskisierte  Namens- 
form fürHermione  (Egyiovij),  s.  d.,  auf  einem 
Spiegel  aus  Palästrina  in  der  Sammlung  Bar- 
berini  neben  Elachsantre,  d.  i.  Alexandros- 
Paris,  Elina,  d.  i.  Helena,  und  Turan,  d.  i. 
Venus,  s.  unter  Elchsntre.  Garrucci,  Bullet. 
1859,  26;  88;  Gerhard,  Etr.  Spiegel  4,  26 ff. ; 
tav.  CCCLXXIX;  Fabretti,  C.  1.  1.  2726;  vgl. 
Bezzenberger,  Beitr.  2,  166,  nr.  47.  [Deecke.] 
Erodios  (Epcodtos),  Sohn  des  Autonoos,  von 
Zeus  und  Apollon  in  einen  Reiher  verwandelt, 
weil  er  sich  den  Tod  des  Bruders  Anthos  (s.  d.) 
zu  sehr  zu  Herzen  nahm,  Ant.  Lib.  7.  [Bernhard.] 
Eropliyllis,  Mainade,  C.  I.  Gr.  8227.  Heyde- 
inann,  Satyr-  u.  Bakchenn.  27.  [Roscher.] 
Eros  ('Egcog,  äol.  "Epos),  Liebe  und  der 
Gott  der  Liebe.  Synonym  sind  "'Iysgog  und 
HdVog,  die  ebenfalls  als  Personen  Vorkommen; 
doch  machte  die  gute  griechische  Zeit  be- 
stimmte Unterschiede  zwischen  den  drei  Wor- 
ten. Himeros  ist  der  unwiderstehliche  Zug  zu 
einem  vor  Augen  befindl.  Objekte,  Pothos  das  auf- 
geregte Verlangen,  die  Sehnsucht  nach  einem 
entfernten  Gegenstände;  Eros  ist  das  Liebes- 
verlangen  überhaupt,  das  jene  beiden  Differen- 
zierungen einschliefst  (bei  Plat.  symp.  p.  197  d 
wird  Eros  der  Chariten,  des  Himeros  und  Pothos 
Vater  genannt).  Vgl.  über  die  Unterscheidung 
Plat.  Grat.  p.  419  e.  Schol.  ad  Hes.  Theog.  201. 
Plat.  Phaedr.  p.  251c.  Poll.  on.  2,  63.  Cha- 
rakteristische Stellen  für  den  Gebrauch  von 
nö&og:  II.  A 240;  P 439;  Hymn.  Ilom.  19,  33. 
Archiloch.  fr.  84.  Sappho  fr.  90.  Tyrtaeus  fr. 
12,  28.  Anakr.  fr.  113.  Find.  Pyth.  4,  184. 
Aesch.  Pers.  62.  1 32  u.  a.  Soph.  Phil.  601. 
O.  C.  333.  O.  B.  518.  969.  Trach.  107.  631. 
Für.  Alk.  1087.  Phoen.  330;  fr.  318.  Hel.  1306, 
danach  Karkin.  fr.  5,  4 ( Nauck  p.  621).  Plato 
resp.  1 p.  329.  Menander  4,  158,  1 Mein.  Für 
i'ysQog  vgl.  II.  r 446.  Sappho  frg.  21.  Solon 
fr.  25.  Find.  ol.  3,  33;  ol.  1,  41.  Aesch.  Prom. 
685.  Suppl.  1005.  Ant.  795.  Eur.  Med.  556 
u.  a.  Die  alexandrinische  und  spätere  Poesie 
gebraucht  die  Worte  zwar  sehr  viel,  aber  fast 
unterschiedslos  ohne  alle  feinere  Nuancierung. 
Bei  den  Römern  ist  Amor  die  allgemeine  Be- 


Eros  (Allgemeines;  Kult)  1340 

Zeichnung  wie  Eros;  Cupido  (s.  d.)  ward  in  der 
älteren  Sprache  als  heftige  sinnliche  Neigung 
unterschieden  und  entsprach  so  ungefähr  Hi- 
meros; vergl.  Sero,  ad  Verg.  Aen.  4,  194,  wo 
Stellen  des  Plautus  und  Afranius  citiert  sind; 
die  spätere  Sprache  braucht  beide  unterschieds- 
los. Die  Römer  kennen  Amor  und  Cupido  nur 
durch  die  griechische  Poesie(und  Kunst;  einen 
Kult  derselben  gab  es  nie  bei  ihnen.  Der  bei 
den  Griechen  verehrte  Gott  liiefs  Eros,  doch 
scheint  vereinzelt  auch  Pothos  als  Kultname 
vorgekommen  zu  sein. 

Eros  ist  zwar  ein  sehr  alter  griechischer 
Gott  mit  altem  Kultus,  doch  hat  sich  letzte- 
rer nur  wenig  verbreitet  und  indem  die  Per- 
sonifikation des  Begriffes  des  Eros  durch  Poe- 
sie und  Kunst  immer  mehr  hervortrat  und  im- 
mer reicher  ausgebildet  wurde,  so  überwucherte 
sie  fast  ganz  den  Gott  des  Kultus,  der  nur 
auf  wenige  Orte  beschränkt  blieb  und  dessen 
eigentliche  Mythen  uns  kaum  mehr  in  Spuren 
erhalten  sind,  vielleicht  weil  der  Stamm,  wel- 
cher der  ursprüngliche  Träger  des  Eroskultus 
war,  zurückgedrängt  worden  war. 

Die  Frage,  ob  Eros  indogermanisches  Be- 
sitztum sei,  dürfte  schwer  zu  entscheiden  sein; 
der  Begriff  der  Liebe,  ihre  Personifikation 
und  die  allgemeinen  Eigenschaften  derselben 
sind  offenbar  derart,  dafs  sie  sich  überall  ähn- 
lich sehen  werden,  auch  wo  sie  ganz  ohne 
gegenseitigen  Einflufs  entstanden.  So  ist  der 
deutsche  Liebesgott,  der  „Wunsch“,  den  Ja- 
cob Grimm  rekonstruierte  ( deutsche  Mythologie 
S.  126 ff.;  über  den  Liebesgott,  Abhandl.  d. 
Berl.  Akad.  1851.  S.  141ff.),  wohl  eine.ganz 
unabhängige  Schöpfung.  Eine  nähere  Über- 
einstimmung mit  griechischen  Vorstellungen 
findet  man  indes  in  der  Stelle  des  Bigveda 
10,  129  (955),  wo  von  dem  Chaos  die  Rede 
ist,  aus  dem  die  Liebe  (Kama)  sich  erhob  und 
das  Chaos  in  oben  und  unten  teilte;  „da  zu- 
erst die  Liebe  sich  regte,  war  sie  des  Geistes 
erster  Same;  die  Weisen  einsichtsvoll  fanden 
im  Geiste  schauend  des  Daseins  Band  im 
Nichtsein.“  Also  eine  philosophische  Verwen- 
dung des  Liebesbegriffs  wie  bei  den  Griechen, 
beide  aber  wohl  unabhängig  von  einander; 
denn  dafs  das  ungetrennte  Urvolk  solch  aus- 
gebildete philosophische  Gedanken  besessen, 
wird  man  nicht  behaupten  wollen.  Der  Liebes- 
gott spielt  übrigens  sonst  in  der  altindischen 
Litteratur  keine  Rolle.  Die  buddhistischen 
(Mära  der  Vernichter,  Herrscher  der  Kama- 
welten, in  Buddhagaya  als  Jüngling  mit  Blu- 
menbogen dargestellt)  und  später  die  brah- 
manischen  Vorstellungen,  in  welch  letzteren 
namentlich  Kama  eine  sehr  wichtige  Person 
ist*),  können  von  dem  griechischen  Eros  be- 
einflufst  sein  und  dürfen  für  unsere  Frage 
nicht  angezogen  werden. 

1.  Kult. 

Unter  den  wenigen  alten  Kultstätten  des 
Eros  steht  voran  Thespiai,  wo  Eros  die  Haupt- 
gottheit von  alters  her  (l£  dgxh g Paus.  9,  27, 

*)  Die  Angaben  über  Indisches  verdanke  icli  der 
freundlichen  Mitteilung  von  Herrn  Dr.  Grüuwedel  in 
Berlin. 


1341  Eros  (Kult  zu  Thespiai) 

1)  war;  er  ward  hier  verehrt  unter  einem 
sehr  altertümlichen  Symbole,  einem  rohen 
Steine  (dpyög  L'-ffog);  im  4.  Jahrh.  erhielt  er 
von  Praxiteles  und  Lysippos  je  eine  Statue 
die  beide  berühmt  wurden,  die  aber  das  alte 
Kultsymbol  nicht  ersetzten,  vielmehr  dem  Gotte 
nur  als  Weihgeschenke  dargebracht  waren, 
wie  vermutlich  noch  manche  andere,  auch  frü- 
here, von  denen  uns  nichts  überliefert  ist.  Ob- 
wohl die  Verehrung  der  Steine  besonders  den 
semitischen  Stämmen  eigen  ist,  besitzen  wir 
bekanntlich  doch  Zeugnisse  genug,  die  einen 
alteinheimischen  griechischen  Kult  von  Stei- 
nen als  Göttersymbolen  kennen  lehren ; und 
gerade  in  Boiotien  scheint  er  sich  besonders 
gehalten  zu  haben  (vgl.  die  ctqyo i Xi&oi  der 
drei  Chariten  in  Orchomenos  und  des  Herakles 
in  Hyettos;  man  erinnere  sich  ferner  der  weit- 
verbreiteten Verehrung  von  Apoll  und  Arte- 
mis und  von  Hermes  in  der  Gestalt  aufrechter 
länglicher  Steine).  Vermutlich  war  der  Eros 
von  Thespiai  ein  dem  Hermes  verwandter  Gott 
der  Zeugungskraft.  Seinen  Mythos,  den  (sgog 
Xöyog  des  Thespischen  Kultes,  der  doch  exi- 
stieren mufste,  kennen  wir  nicht  mehr.  Kos- 
mogonisches  enthielt  er  indes  schwerlich.  Da- 
gegen stammt  aus  Thespiai  oder  den  gleich 
zu  nennenden  verwandten  Kulten  der  bei  Cicero 
de  nat.  deor.  23,  60  angedeutete  Mythos,  wo- 
nach Eros  Sohn  des  Hermes  (des  ithyphalli- 
schen  mit  Persephone  in  Verhältnis  gedachten) 
und  der  chthonischen  Artemis  ist,  offenbar  als 
Gott  der  zeugenden  Erdkraft.  Sehr  wahr- 
scheinlich gehörte  der  thespische  Kult  schon 
der  voräolischen  Bevölkerung  an.  Auf  die 
Thraker  des  Oita,  Helikon  und  Kithairon,  die 
Träger  auch  des  eleusinischen  Kultes  hat 
v.  Wilamowitz  ( Kydathen  S.  131)  hingewiesen. 
Aber  auch  zu  den  nördlichen  thrakisch-pelas- 
gischen  Kulten  führen  verbindende  Fäden. 
Jener  von  uns  als  Vater  des  thespischen  Eros 
vermutete  Hermes  ist  der  auf  den  thrakischen 
Inseln  heimische,  der  auch  zu  den  samothra- 
kischen  Göttern  gehört.  Der  Name  des  ithy- 
phallischen  Hermes-Imbramos  auf  Imbros  hängt 
mit  l'fisQog  zusammen.  Dagegen  hat  der  über- 
lieferte Kultname  einer  der  samothrakisclien 
Gottheiten , Axieros  — wohl  eigentlich  Axi- 
ieros  = die  Hochheilige,  die  Hauptgöttin  — 
sicher  nichts  mit  Eros  zu  tliun.  Doch  scheint 
Eros  selbst  unter  dem  Namen  Pothos  neben 
Aphrodite  auf  Samothrake  hoch  verehrt  wor- 
den zu  sein  — doch  getrennt  von  den  grofsen 
Mysteriengottheiten  — ; denn  Plin.  nat.  hist. 
36,  25  ist  Pothon  als  Lesart  des  besten  Codex 
durchaus  nicht  zu  bezweifeln;  Skopas  machte 
eine  Gruppe  von  Aphrodite  und  Pothos  für  diesen 
Kult.  [Vgl.  Fleclceis.  Jahrbb.  143,  29829  u.  d. 
Art.  Kabeiroi.]  Was  nun  Thespiai  angeht,  so 
darf  man  in  diesem  Zusammenhänge  daran 
erinnern,  dafs  in  unmittelbarer  Nähe  von  Thes- 
piai ein  Kult  der  kabirischen  Demeter  und 
Persephone  existierte  (Paus.  9,  25,  5.  26,  4). 
Auf  der  sogen.  Chablais-Herme  ( Gerhard , ant. 
Bildw.  Taf.  41.  Clarac  613,  1367),  welche  die 
samothrakischen  Gottheiten  in  der  That  dar- 
zustellen scheint,  steht  Eros  zu  Füfsen  des 
Hermes  (Kadmilos).  — Von  dem  Kult  in  Thes- 


Eros  (Kult  zu  Parion  etc.)  1342 

piai  haben  wir  nur  wenige  und  aus  später 
Zeit  stammende  Notizen.  Auf  dem  Helikon, 
da  wo  auch  die  Musen  verehrt  wurden,  feier- 
ten die  Thespier  dem  Eros  jedes  fünfte  Jahr 
ein  glänzendes  Fest  mit  gymnischen  und  musi- 
schen Agonen,  Paus.  9,  31,  3.  Plut.  amat.  1, 
2.  Athen.  13,  12  p.  561  e.  Inschriften  römi- 
scher Zeit  aus  Sparta  ( C . I.  Gr.  1429.  1430) 
geben  von  Siegern  in  den  ’EqwzCösldi  Kunde, 
unter  denen  höchst  wahrscheinlich  die  Spiele 
von  Thespiai  zu  verstehen  sind.  Auch  private 
Opfer  der  Thespienser  an  Eros  findet  man 
erwähnt  (bei  Conon  narr.  24). 

Nicht  weniger  hoch  als  in  Thespiai  war 
Eros  in  Parion  am  Hellespont  geehrt  (Paus. 
9,  27,  1);  der  Kult  war  gewifs  älter  als  die 
ionische  Kolonisation  des  Ortes,  da  wir  Eros 
als  Gott  bei  den  Ioniern  kaum  finden;  er  ge- 
hörte also  der  alten  sog.  pelasgischen  Bevöl- 
keiung  an  („tyrrhenische  Pelasger“  werden  in 
Parion  erwähnt),  auf  deren  Wesen  die  Genea- 
logie ihres  Stifters  ein  Licht  wirft,  der  von 
Iasion  stammte,  dem  Liebling  der  Demeter  und 
ihrem  Propheten  in  Kreta  und  Samothrake. 
Von  dem  Kulte  in  Parion  wissen  wir  nichts 
Näheres;  das  alte  Idol  scheint  hermenförmig 
gewesen  zu  sein  (vgl.  unten);  der  Tempel  war 
gewifs  reich  und  angesehen,  da  Praxiteles  eine 
Erosstatue  für  diesen  arbeitete.  Die  Stellung, 
die  Eros  bei  den  Orphikern  (s.  unt.)  einnimmt, 
hängt  jedenfalls  mit  seiner  ursprünglichen  Gel- 
tung in  dem  pelasgischen  und  thrakischen  Göt- 
terkreise zusammen.  Es  schliefst  sich  hier  der 
Eros  an,  der  in  den  derA  Orpheus  und  Pam- 
phos  zugeschriebenen  Hymnen  gefeiert  ward, 
welche  die  Lykomiden  bei  ihren  Weihen  sangen 
(Paus.  9,  27,  3),  für  deren  Privatkult  in  Phlya 
sie  wohl  bestimmt  waren  (. Schoemann , opusc. 
2,  87);  wenn  auch  diese  Hymnen  relativ  später 
Zeit  angehört  haben  sollten,  der  Eros,  der  in 
dem  cerealisch-chtlionischen  Götterkreise  der 
Lykomiden  erscheint,  mufs  jener  alte  sein,  der 
in  den  genannten  Kulten  vorliegt;  Eros  wird 
mit  dem  thrakischen  Demeterkult  zu  den  kau- 
konischen Lykomiden  gekommen  sein.  Dafs 
die  Verbindung  des  Eros  mit  dem  cerealischen 
Kreise  in  Attika  indes  tief  in  die  volkstüm- 
liche Vorstellung  eingedrungen  war,  dafür  sind 
einige  merkwürdige  Vasenbilder  Zeuge,  deren 
Gegenstand  aus  gänzlichem  Mangel  Literarischer 
Andeutungen  freilich  noch  nicht  völlig  hat  er- 
klärt werden  können.  Sie  werden  wohl  mit  Recht 
(s.  zuletzt  Fröhner  in  den  Annali  d.  Inst.  1884, 
205  ff.)  im  allgemeinen  als  auf  die  Anodos  der 
Kora  bezüglich  gedeutet.  Auf  einem  besonders 
ausführlichen  Bilde  ( Fröhner , mus.  de  France 
pl.  21)  schweben  zwei  Eroten  hinter  dem  aus 
der  Erde  emportauchenden  Kopfe  der  Göttin 
hervor;  daraus  abgekürzt  scheint  das  mehrmals 
vorkommende  Schalen-Innenbild  ( Mon . d.  Inst. 
4,  39;  München  nr.  558;  Neapel  S.  A.  287), 
wo  ein  Eros  dem  grofsen  Kopfe  entschwebt. 
Mit  Kora  kehrt  also  auch  Eros  wieder.  Ein 
grofsgriechisclies  Relief,  wo  Eros  als  Diener 
einer  Persephone  oder  Aphrodite -Persephone 
erscheint,  werden  wir  unten  noch  besprechen. 
Wahrscheinlich  gehört  auch  das  Votivrelief 
aus  Gytliion  (Arch.  Ztg.  1883,  Taf.  13)  hierher, 


io 

20 

30 

40 

50 

60 


1343  Eros  (Kult  in  d.  Gymnasien  etc.) 

wo  neben  der  von  dem  Kerberos  begleiteten 
Demeter  und  Kora  der  Eros  schwebt.  — Yon 
Kulten  nennen  wir  endlich  noch  den  Tem- 
pel und  Hain  des  Eros  in  L e u k t r a (Leuk- 
tron)  an  der  Westküste  Lakoniens  (Paus.  3, 
26,  5) , wohin  der  Kult  mit  den  Boiotern,  die 
die  Stadt  gegründet  haben  sollen,  gekommen 
sein  wird.  Die  Sage,  dafs  die  Blätter  in  dem 
heiligen  Haine  trotz  des  durchüiefsenden  Was- 
sers im  Frühjahre  nicht  weggeschwemmt  wür-  l 
den,  deutet  wohl  auf  die  Vorstellung  von  er- 
haltender Kraft  des  Eros  in  der  Natur. 

Die  übrigen  Kulte  des  Eros,  die  wir  kennen, 
tragen  einen  durchaus  verschiedenen,  späteren, 
rein  hellenischen  Charakter.  Es  ist  der  Eros  der 
Männerliebe,  welche  die  Bürger  verbindet  und 
zu  edlem  Thun  entflammt,  die  nirgends  schöner 
sich  zeigt,  als  in  der  Schlachtordnung  und  die 
ihren  Lieblingssitz  in  Palästra  und  Gymnasion 
hat.  So  ward  er  in  Kreta  und  in  Sparta  ver-  2 
ehrt.  Die  Kreter  opferten  (nach  des  Sosikra- 
tes  KQriTLv.cH  bei  Athen.  13,  p.  561  e)  dem  Eros, 
nachdem  sie  die  schönsten  der  Bürger  in  der 
Schlachtordnung  aufgestellt,  und  ebenso  opfer- 
ten die  Spartaner  dem  Eros  nq'o  xmv  ticcqutol- 
E,ecov.  Vielleicht  entstanden  indes  diese  Kulte 
aus  einer  Umsetzung  älterer  vordorischer  Ele- 
mente. Hieran  schliefst  sich  der  Kult  des  Eros 
in  den  Gymnasien,  der  einst  ziemlich  ver- 
breitet gewesen  zu  sein  scheint  (vgl.  Athen.  13,  3 
p.  561  d,  mit  Hermes  und  Herakles  zusammen). 
In  Samos  (nach  Erxias  sv  KolocpcovLuv.ois  Athen. 
p.  561  f.)  war  das  Gymnasion  dem  Eros  ge- 
weiht und  ward  ihm  ein  Fest  ’Elsvfi'tQia  ge- 
feiert. Im  alten  Gymnasion  zu  Elis  waren 
Altäre  des  Eros  und  Anteros  und  in  einer 
Palästra  daselbst  war  in  Relief  dargestellt,  wie 
Eros  und  Anteros  sich  um  den  Palmzweig 
streiten  (Paus.  6,  23,  3.  5);  die  Differenzierung 
des  Eros  zu  Eros  und  Anteros  ist  jedenfalls  i 
im  Kreise  des  Gymnasienkultus  entstanden: 
Erast  und  Eromenos  sollten  ihren  Vertreter 
haben.  In  Athen  stand  sv  nölsi  ein  Altar  des 
Anteros,  von  Metoiken  geweiht,  wozu  eine 
Legende  von  der  unglücklichen  Liebe  eines 
Metoiken  zu  einem  Bürgersohne  erzählt  ward 
(Paus.  1,  30,  1).  Eine  ältere  Kultstätte  des 
Eros  in  Athen  war  indes  wohl  der  Altar,  den 
Charmos  weihte,  der  Verwandte  des  Hippias, 
des  Sohnes  des  Peisistratos  (das  Liebesver-  5 
hältnis,  das  beide  gehabt  haben  sollen,  ist 
wohl  erst  aus  der  Thatsache  der  Weihe  des 
Altars  deduciert) ; er  war  dem  Eros  der  Männer- 
liebe und  der  Gymnasien  bestimmt  und  stand 
vor  dem  Eingang  des  alten  Gymnasions  der 
Akademie;  die  Weihinschrift  lautete:  kolklIo- 
[iri%ccv ’ "Eqcos,  gol  rovcS’  lSqvgccto  ßcogov  | Xccq- 
aog  snl  cvi  enoeg  ztQuoiGL  yviivaaiov  (Kleidemos 
bei  Athen.  13,  p.  609  d;  Paus.  1,  30,  1);  die 
benachbarten  Altäre  der  Musen,  des  Hermes  6 
und  des  Herakles  gehören  in  denselben  Kreis 
der  im  Gymnasion  verehrten  Gottheiten.  Nicht 
vom  Altar  des  Eros,  sondern  von  dem  des 
Prometheus  ging  der  Fackelweltlauf  bei  den 
Lampadedromieen  aus.  Auch  ist  es  wohl  nur 
ein  Mifsverständnis  des  Plutarch  oder  seiner 
Quelle,  wenn  er  den  Peisistratos  den  Charmos 
lieben  und  ein  ayedpa  des  Eros  in  der  Akade- 


Eros  (bei  d.  ält.  Schriftstellern)  1344 

mie  aufstellen  läfst  (Sol.  1).  Der  Altar  des  Char- 
mos fand  indes  keine  Nachfolge  in  Athen  und 
mag  bald  vergessen  worden  sein ; bei  Eurip. 
Hipp.  536  und  Plato  symp.  c.  14,  p.  189  c 
wird  so  geredet,  als  ob  Kulte  des  Eros  über- 
haupt nicht,  existierten.  Indes  eine  spätere  athe- 
nische Münze  zeigt  den  palästrischen  Eros  mit 
Palmzweig  (Beule  p.  222). 

Mehrfach  scheint  Eros  mit  nächstverwand- 
ten Gottheiten  wie  Aphrodite  (so  in  Megara, 
Paus.  1,  43,  6)  und  den  Chariten  (in  Elis;  sein 
Bild  stand  auf  demselben  Bathron  mit  den 
Kultstatuen  der  Chariten  Paus.  6,  24,  6)  zu- 
sammen Kult  genossen  zu  haben. 

2.  Die  älteren  Dichter  und  Philosophen 
über  Eros. 

Die  homerische  Poesie  kennt  Eros  als  Gott 
nicht;  nur  einmal  findet  sich  eine  für  einen 
augenblicklichen  Zweck  gemachte  Art  von 
dichterischer  Personifikation,  zwar  nicht  von 
sQcog,  sondern  von  ipsgog,  II.  14,  216,  wo  der 
Kestos  der  Aphrodite  beschrieben  wird  als 
cpilorgg,  i'ysQog  und  naQcpccGcg  enthaltend,  und 
zwar  der  Ausdrucksweise  nach  als  Bildwerk; 
es  ist  das  eine  Fiktion,  wie  die  in  der  Be- 
schreibung der  Aigis  II.  5,  740,  wo  Alke,  loke 
u.  a.  auch  wie  personifiziert  erscheinen,  ohne 
dafs  die  Spur  einer  wirklichen  sinnlichen  Vor- 
stellung damit  verbunden  wäre  (vgl.  Furt- 
wängler,  Bronzefunde , Ahh.  der  Berl.  Akad. 
1879.  S.  59,  was  ich  aufrecht  erhalte  gegen 
die  Einwendungen  von  Helbig,  d.  homer.  Epos 
S.  187).  Bei  Hesiod  ( Theog . 120.  201.  64) 
jedoch  ist  Eros  volle  göttliche  Person,  doch 
mit  einem  ihr  anhaftenden  begrifflichen  Cha- 
rakter; er  ist  xcH/Uotos  unter  den  Göttern, 
IvGLpslris,  bezwingt  den  Sinn  von  Göttern  und 
Menschen,  folgt  der  Aphrodite  und  hat  bereits 
einen  seinem  begrifflichen  Wesen  zur  Seite  ge- 
stellten Bruder,  den  Himeros,  der  doch  nur 
eine  dichterische  Personifikation  ist  und  nicht 
dem  Kulte  entstammt  wie  Eros.  — Die  Ver- 
wendung, die  Hesiod  von  Eros  macht  bei  der 
Geschichte  der  Weltbildung,  besprechen  wir 
in  dem  Abschnitte: 

a ) Der  kosmogonische  Eros. 

In  der  hesiodischen  Theogonie  (116  ff.)  ist 
das  Chaos  das  erste;  dann  folgen  Gaia  (und 
Tartaros),  dann  Eros,  diese  alle  ohne  Eltern; 
dann  beginnen  die  Weiterzeugungen;  Eros  wird 
gar  nicht  weiter  verwendet,  ja  statt  dafs  seine 
Schaffenskraft  in  der  werdenden  Natur  hervor- 
gehoben würde,  weifs  der  Dichter  von  ihm  nur 
zu  sagen,  dafs  er  die  noch  gar  nicht  gewor- 
denen Menschen  und  Götter  bezwinge;  er  be- 
nutzt also  eine  ihm  vorliegende  kosmogonische 
Tradition,  ohne  sie  zu  verstehen  (vgl.  Bergk, 
gr.  Bitter aturgesch.  1,  964).  Diese  aber  hatte 
ihren  Ursprung  offenbar  in  der  Theologie  der 
Orphiker,  die  schon  Hesiod  bekannt  gewesen 
sein  mufs,  obwohl  sie  uns  nur  in  später  Ge- 
stalt überliefert  ist.  Ihre  Grundanschauung 
über  die  Weltentstehung  war  die,  dafs  aus  der 
Finsternis  und  der  ungeheuren  Leere  sich  das 
silberglänzende  Weltei  (cosov  ägyvcpsov)  zu- 
sammenballt und  aus  diesem  die  zeugende 
bildende  Kraft,  Eros,  hervorspringe.  Dieser 


1345  Eros  (kosmogonisch) 

Kern  ward  verschieden  ausgestaltet  von  den 
Orphikern  selbst;  die  dem  Weltei  vorangehen- 
den Elemente  werden  verschieden  benannt; 
ebenso  bekam  Eros  verschiedene  mystische 
Namen  und  phantastische  Ausgestaltung  als 
Phanes  und  Erikepaios  (s.  diese);  und  damit 
auch  Verstand  dabei  sei,  ward  Metis  als  moco- 
rog  ysvszcog  dem  Eros  als  bildende  Macht  zur 
Seite  gestellt,  auch  der  <i(3pos  "Epcos  selbst 
nolvpyzig  und  Mgrig  genannt.  Vgl.  Lobeck, 
Aglaoph.  p.  408  ff.  Nach  dem,  was  wir  oben 
über  den  ursprünglich  thrakischen  Eroskult  von 
Thespiai  und  Parion  bemerkt,  wird  man  nicht 
zweifeln,  dafs  die  Bedeutung  des  Eros  in  der 
thrakisch-orphischen  Theologie  mit  seiner  Gel- 
tung im  thrakischen  Kultus  Zusammenhänge, 
doch  so  natürlich,  dafs  der  Kultus  das  ältere 
ist,  an  den  die  kosmogonische  Spekulation  nur 
anknüpft,  ohne  auf  denselben  und  die  mit  ihm 
verbundenen  volkstümlichen  Vorstellungen 
irgend  wesentlichen  Einüufs  zu  gewinnen.  Da- 
gegen stand  die  ganze  theologische  und  phi- 
losophische Dichtung  unter  der  Einwirkung 
der  orphischen  Kosmogonie.  Voran,  wie  schon 
bemerkt,  Hesiod;  er  läfst  das  Weltei,  das 
gewifs  zu  dem  ältesten  Kern  der  Vorstellung 
gehörte,  weg,  und  weifs  den  Eros  nicht  zu 
handhaben,  ln  Epimenides’  Theogonie  (fr.  8, 
Kinkel ) spielte  dann  wieder  das  Weltei  seine 
Rolle.  Bei  Pherekydes  von  Syros  verwandelte 
sich  Zeus  in  Eros,  um  als  dryuovgyög  aufzu- 
treten ( Procl . in  Fiat.  Tim.  p.  368  Schn.)  Von 
Parmenides  dem  Eleaten  kennen  wir  den  Vers 

71QCQZI.GZOV  ytv  "EgCOZCi  ’d'lcöv  figtCGaZO  TtdvTCüV 

(. Aristot . Metaph.  1,  4),  dessen  Subjekt  unsere 
Gewährsmänner  verschieden  angeben,  als  Ge- 
nesis ( Plato  symp.  6),  als  Daimon,  Dike,  An- 
anke u.  a.  (Stob.  ecl.  I,  p.  482;  Simplic.  pliys. 
fol.  9 a),  ja  als  Aphrodite  (Plutarch  amat.  12). 
Akusüaos  schlofs  sich  nach  Platon  (symp.  6) 
dem  Hesiod  an,  wohl  mit  geringer  Variante, 
da  er  nach  Schol.  Theocr.  arg.  id.  13  den  Eros 
Sohn  der  Nacht  und  des  Äthers  sein  liefs, 
und  wieder  nach  anderer  Nachricht  (Dama- 
scius,  s.  Schümann  opusc.  II,  78f.)  aus  Chaos, 
Erebos  und  Nyx  Aither,  Eros  und  Metis  ent- 
standen. Empedokles  trug  im  wesentlichen 
die  alten  Gedanken,  doch  in  neuerer,  abstrak- 
terer und  ausgebildeterer  Gestalt  vor;  vsixog 
und  cpiXozrjg  (auch  Aphrodite  genannt ; von 
Plut.  amat.  12  als  Eros  erklärt)  sind  die  strei- 
tenden Elemente ; aus  der  cptlozrjg  entsteht  das 
kugelförmige  Urwesen,  der  ccpcczgog , dem  orphi- 
schen Weltei  entsprechend.  Die  orphischen  Vor- 
stellungen selbst  müssen  zu  Aristopha.nes’  Zeit 
in  Athen  hinlänglich  bekannt  gewesen  sein, 
da  sie  dieser  Komiker  bekanntlich  in  den 
Vögeln  (695 ff.)  verwertet;  die  kosmogonische 
Wirksamkeit  des  Eros  ist  hier  trotz  des  paro- 
dischen  Tones  sehr  deutlich  geschildert.  Auch 
der  Komiker  Antiphanes  brachte  irgendwo  die 
orphische  Kosmogonie  vor,  Nacht,  Chaos,  dann 
Eros,  dann  das  Licht  und  die  Götter  (s.  Schü- 
mann opusc.  11,76).  Dem  eigenartigen  platoni- 
schen Mythos  von  Eros  als  Sohn  des  Poros 
und  der  Penia  ward  erst  spät  ein  kosmogoni- 
scher  Sinn  untergeschoben  (Schümann  a.  a.  0. 
80  f. ; Zeller , gr.  Philos.  2,  167  ff.).  — Noch  ist 
Roscher,  Lexikon  der  gr.  u.  röm.  Mythol. 


Eros  (bei  d.  ält.  Lyrikern)  1346 

eine  Überlieferung  zu  nennen,  die  Eros  in  der 
alten  hieratischen  Poesie  auftreten  läfst;  ein 
alter  unter  Olens  Namen  gehender  Hymnos 
in  Delos  liefs  Eros  den  Sohn  der  Eileithyia 
sein,  welcher  der  Hymnus  galt  und  die  darin 
als  f vXivog  und  als  älter  denn  Kronos  gefeiert 
wurde  (Paus.  9,  27,  1.  8,  21,  2);  es  ist  aber 
falsch  in  ihr  eine  kosmogonische  Potenz  zu 
vermuten;  die  Eileithyia  dieses  Hymnos  war 
eine  wirkliche  Göttin,  wahrscheinlich  gleich 
der  auf  Delos  in  alter  Zeit  so  hoch  verehrten 
Artemis,  und  Eros  als  ihr  Sohn  wird  nicht  auf 
Spekulation,  sondern  auf  echte  mythische  Vor- 
stellung eines  Kultus  zurückgehen;  wir  werden 
an  die  schon  oben  verwendete  Genealogie  des 
Eros  von  Hermes  und  Artemis  bei  Cicero  er- 
innert. 

Es  versteht  sich,  dafs  die  kosmogonische 
Bedeutung  des  Eros  auch  in  der  Litteratur  der 
Spätzeit  nicht  selten  hervorgehoben  wird;  er 
wird  dann  als  der  a.g%u.Log  (Luc.  salt.  7),  der  ißyv- 
yzcov  nazgg  %g6v(nv  (Luc.  am.  37)  von  dem 
gewöhnlichen,  dem  vscozazog  Q'smv  und  Sohn 
der  Aphrodite  (Paus.  9,  27,  2),  unterschieden; 
jenen  redet  z.  B.  Lucian  am.  31,  p.  432  an  als 
isgocpavzu  fivGzrjgLav , der  das  Chaos  in  den 
Tartaros  verbannte  und  Xufingcö  cpcozl  die  Nacht 
erhellend  dryuovQyog  wird.  Vgl.  ferner  Anthol. 
Pal.  15,  24;  Nonn.  Dionys.  7,  lff.  u.  a. 

h)  Eros  bei  den  älteren  nichtatti- 
schen Dichtern. 

Die  von  Platon  Phaedr.  p.  252  BC  ange- 
führten zwei  Verse  aus  Epen  der  Homeriden, 
die  sich  auf  die  Beflügelung  des  Eros  beziehen 
und  sagen,  bei  den  Göttern  heifse  er  deshalb 
TTzsgcog , sind  wahrscheinlich  nur  eine  Erfin- 
dung von  Platon  selbst  (vgl.  Schümann , op.  2, 
p.  86,  50).  Die  spärlichen  Trümmer,  die  wir 
von  der  antiken  Lyrik  besitzen,  lassen  uns  nur 
erraten,  welch  bedeutende  Stellung  Eros  in  der 
Poesie  einnahm,  die  das  subjektive  Empfinden 
befreite  und  zum  Ausdruck  brachte.  Zwar  der 
Ionier  Archilochos  gebraucht  noch  die  ho- 
merische Wendung  cpzXozrjzog  egcog,  wo  wir  den 
persönlichen  Gott  erwarteten  (fr.  103);  der 
XvGifislrig  nö&og  von  fr.  85  braucht  nicht  per- 
sönlich gefafst  zu  werden;  XvGLgiXrjg  war  Eros 
bei  Hesiod,  doch  schon  im  homerischen  Epos 
löst  Liebe  die  Glieder  (c  212).  Dagegen  er- 
scheint Eros  in  der  aiolischen  und  aiolisch- 
dorischen  Poesie  bereits  im  7.  Jahrhdt.  als 
volle  Persönlichkeit,  wie  wir  denn  bei  jenen 
Stämmen  auch  seinen  Kultus  angesessen  fan- 
den. Alkman , der  als  Erfinder  des  Liebes- 
liedes galt  und  sich  darin  an  Volkstümliches 
angeschlossen  zu  haben  scheint,  läfst  fr.  38 
den  ytxgyog  (ein  auch  in  der  Spätzeit  beliebtes 
Beiwort  des  Eros,  z.  B.  Apoll.  Bh.  3,  119; 
Nonn.  Dion.  33 , 180)  "Egcog  oicc  itaig  über 
Blumen  hinschreiten  (xaßau'voiv,  nicht  fliegen); 
vgl.  ferner  fr.  36;  in  dem  ägyptischen  Frag- 
mente des  Alkman  (frgm.  16)  vermutete  man 
früher  fälschlich  Eros  als  Poros  Sohn;  s.  den 
Text  bei  Blafs  im  Hermes  Bd.  13,  S.  26.  Alkaios 
kennt  ihn,  den  ösivozuzov  ftsuv,  Sohn  der  Iris 
, und  des  Zephyros  (fr.  13),  wodurch  sein  stürmi- 
sches Wesen  charakterisiert  wird;  die  Verbin- 
dung von  Zephyros  'mit  der  Schwester  der  Har- 

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1347  Eros  (b.  d.  ält.  Lyrikern) 

pyien,  mit  denen  er  sieb  auch  selbst  vereinigt, 
beruht  bekanntlich  auf  uralter  Vorstellung 
(vgl.  Milchhöfer,  Anf.  d.  gr.  Kunst  S.  69); 
doch  Eros  als  sein  Sohn  ist  gewifs  freie  dich- 
terische Erfindung  (nachgeahmt  von  Nonnos 
47,  341,  wo  nur  Pothos  statt  Eros  gesetzt  ist). 
Sappho  hatte  nach  Paus.  9,  27,  3 nolld  ned 
ov%  bgoXoyovvrcc  ctXXfjXoig  über  Eros  gesungen, 
womit  wohl  ihre  verschiedenen  Genealogieen 
gemeint  sind,  deren  zwei  wir  noch  kennen, 
die  beide  auf  die  kosmogonische  Vorstellung 
zurückgehen:  Eros,  Sohn  der  Ge  und  des  Uranos, 
sowie  der  Aphrodite  und  des  Uranos  ( Schol . 
Apoll.  3,  26;  arg.  TheoJcr.  13);  fr.  117  scheint 
er  Aphrodites  na  ig  zu  sein.  In  den  erhaltenen 
Fragmenten  schildert  Sappho  des  Eros  herz- 
erschütternde Macht,  vergleicht  ihn  dem  Sturme, 
was  an  Alkaios’  Genealogie  erinnert,  läfst  ihn 
vom  Himmel  kommen  (also  fliegend  gedacht), 
mit  purpurner  Chlamys  angethan,  und  giebt 
ihn  der  Aphrodite  als  ftsgunaiv  bei;  er  ist 
XvGiysXrjg , yXvnvnfngog,  aXysaCScogog  und  gv&o- 
nXonog  (fr.  40.  42.  64.  74.  125.  132).  Die 
feurigste  Verherrlichung  fand  Eros  indes  im 
6.  Jahrhdt.  durch  die  am  Fürstenhofe  von  Sa- 
mos weilenden  Dichter  IbyJcos  und  Analer  eon ; 
mit  düsterer  Glut  malt  ihn  jener;  auch  er  ver- 
gleicht ihn  dem  Sturmwind,  dem  thrakischen 
Boreas,  er  stürmt  vor  Aphrodite  her  sgsyvog, 
d&agßrjg  (frg.  1);  durch  die  zauberhafte  Ge- 
walt seines  Blickes  unter  den  dunkeln  Brauen 
wirft  er  den  Dichter,  der  vor  ihm  zittert,  in 
die  Netze  der  Aphrodite  (fr.  2).  In  der  Ge- 
nealogie des  Eros  schlofs  sich  Ibykos  an  die 
kosmogonische  Auffassung  an  und  liefs  ihn, 
Hesiod  folgend,  aus  dem  Chaos  entstehen  (fr. 
31).  Auch  Anakreon  konnte  die  Gewalt  des 
Gottes  in  kräftigen  Bildern  schildern;  fr.  48: 
Eros  schlägt  auf  ihn  mit  mächtigem  Hammer 
wie  ein  Schmied  und  badet  ihn  in  kaltem 
Giefsbach  (wie  der  Schmied  es  auch  mit  dem 
glühenden  Eisen  thut  um  es  zu  härten);  ge- 
wöhnlich sind  seine  Bilder  jedoch  anmutig 
und  lieblich;  Eros  wirft  ihm  den  Ball  zu 
(fr.  14);  die  Astragalen  des  Eros  sind  yccvicu 
te  nai  Kvdoiyot.  (fr.  47);  der  Dichter  will  mit 
ihm  ringen  (fr.  63);  Eros  spielt  nebst  Nymphen 
und  Aphrodite  mit  Dionysos  (fr gm.  2),  dessen 
Kreise  Eros  in  der  Folgezeit  häufig  beigesellt 
ward  (s.  ob.  S.  1065);  er  ist  dagäXrjg,  xyvooxogys, 
nag&eviog , und  hat  xqvcogiciEvvovg  nxEgvyccg 
fr.  25.  — Simonides  redet  fr.  43  Eros  als 
g%st1is  nai  an,  und  giebt  ihm  Aphrodite 
und  Ares  zu  Eltern.  Bei  Theogn.  1231  G%tzlC 
’Egmg,  ycivlcu  g su.Q'rjvfiGavTO  (vgl.  Anahr.  fr. 
47);  in  der  unter  Theognis  Namen  gehenden 
Sammlung  aus  den  älteren  Elegikern  stehen 
auch  die  schönen,  die  Wirksamkeit  des  Eros 
auch  in  der  Natur  andeutenden  Verse  (1275ff.), 
die  ihn  mit  dem  Frühling  zusammen  erschei- 
nen lassen;  dann  kommt  er  von  Kypros  (wo 
er  bei  Aphrodite  geweilt)  und  bringt  Samen 
über  die  Erde.  — Bei  Pindar  dagegen,  der 
doch  den  thespischen  Kult  kennen  mufste, 
spielt  dar  persönliche  Eros  gar  keine  Bolle; 
die  Liebe  ist  bei  ihm  nur  Begriff;  er  gebraucht 
meist  den  Plural  Egons g,  den  er,  da  er  zu- 
gleich allgemeines  Streben  bedeutet  (vgl.  Nein. 


Eros  (b.  d.  ält.  att.  Dichtern)  1348 

11,  48;  3,  29;  fr.  90,  1 Böclch)  durch  depgo- 
ö ig io l näher  bestimmt;  vgl.  fr.  88,  1;  90,  1; 
doch  Nein.  8,  5,  wo  die  tgoixsg  als  noLysvsg 
Kvngiug  ödigcov  das  Beilager  des  Zeus  und  der 
Aigina  dgcpS7t6Xr]Gav  und  fr.  87,  3,  wo  die 
Aphrodite  ovgavtu  von  Korinth  gdxgg  eqgitiov 
lieifst,  sind  diese  wohl  persönlich  gedacht. 
Aber  eben  aus  der  begrifflichen  Fassung,  nicht 
aus  der  persönlichen,  mufste  die  Vervielfachung 
des  Eros  hervorgehen,  die  in  Poesie  und  Kunst 
von  dieser  Zeit  an  gewöhnlich  ist. 

c)  Bei  den  attischen  Dichtern  bis  zu 
Ende  des  4.  Jahrhunderts. 

Bei  Phrynichos  fr.  8 cpcög  i’gonog  (auf  Troilos’ 
Wangen)  ist  Eros  unpersönlich  gefafst.  Auch 
bei  Aischylos  tritt  wie  bei  Pindar  die  Person  des 
Eros  nicht  hervor;  sgcog  ist  Begriff;  nur  der  Plu- 
ral erscheint  auch  hier  mit  Pindar  personifiziert 
( Suppl . 1042).  Die  Stelle  des  Eros  als  Sohn 
der  Aphrodite  und  nächster  Begleiter  nebst 
Peitho  nimmt  bei  Aischylos  der  personifizierte 
Jloffog  (Suppl.  1039)  ein.  Auch  l'gsgog  er- 
scheint halb  personifiziert,  so  Proin.  649  tysgov 
ßsXsi  Tt&ctlmou,  ein  poetisches  Bild,  das  später 
zum  Attribut  des  Bogens  führen  sollte.  Bei 
Sophokles  ist  Eros  wieder  persönlicher  Gott 
( Trach . 354;  441,  wozu  vgl.  Analer,  fr.  63), 
dessen  Macht  in  dem  Chorlied  Antig.  781  ff. 
in  der  Natur  wie  unter  den  Menschen  als  un- 
besiegbar geschildert  wird,  wobei  indes  die 
Person  hinter  den  Begriff  doch  ganz  zurück- 
tritt; vgl.  frg.  856,  wo  Kvpris  statt  Eros.  Eine 
weit  bedeutendere  Rolle  spielt  Eros  bei Euripides ; 
als  dndvxoiv  dcayovcov  vnsgxaxog  (frg.  271);  als 
xvgtxvvog  &ecöv  xe  ndv&goöitaiv  (frg.  132),  aus- 
gestattet mit  Gewalt  über  die  Götter  (fr.  434) 
wie  über  die  ganze  Natur  (Hipp.  1269  ff'.)  wird 
er  vielfach  von  ihm  gefeiert;  ja  er  nennt  ihn 
Sohn  des  Zeus  (IHpp.  534);  doch  von  einem 
Kultus  des  Eros  weifs  Kur.  nichts  und  tadelt 
diesen  Mangel  (Hipp.  541),  ganz  wie  dies 
später  bei  Plato  geschieht  (symp.  c.  14). 
Meist  erscheint  Eros  als  Begleiter  der  Aphro- 
dite und  als  ihr  helfender  Dämon;  er  ist  xäg 
’Acpgodixag  qiiXxdziov  &aXd[icov  nXpdovxog  (Hipp. 
539;  vgl.  1269;  fr.  781,  16).  Er  ist  nonuXo- 
nxEgog  (Hipp.  1270),  xgvGocpafjg  (Hipp.  1275), 
Xgvaoxöyixg  (Ipli.  Aul.  549);  er  ist  trag,  qnlei 
ndxonxga  nai  nofirjg  ^ccvQ'ioga.xci  (frgm.  324). 
"Egoixeg  im  Plural  sind  ebenfalls  persönlich 
(Med.  627.  844.  330;  &EX&cpgovEg  *. Egeoxeg 
Bacch.  403).  Euripides  eigentümlich  ist  die 
Scheidung  im  Wirken  des  Eros,  der  bald  als 
gute  und  mäfsige  Liebe  zu  Tugend,  Weis- 
heit und  Glück,  bald  als  schlimme,  unmäfsige 
zum  Elend  führt  (Iph.  Aul.  544 ff. ; frgm.  889; 
551.  671.  342;  Med.  627;  Trag.  frgm.  adesp. 
151,  wahrscheinlich  von  Euripides );  jene  sgto- 
x sg  sendet  Aphrodite  über  Attika  als  xii  oo- 
cpia  nagsdgovg  und  navxoiag  dgszüg  £ vvsgyovg , 
Med.  844.  Bei  Euripides  zuerst  finden  wir 
dem  Eros  den  Bogen  beigelegt,  doch  ist  dieser 
noch  sichtlich  mehr  nur  poetisches  Bild  als 
bestimmtes  Attribut;  die  verwundenden  (Hipp. 
392  sxgeoGEv)  Wirkungen  der  Liebe  werden, 
wie  die  Strahlen  der  Sonne  (x o£a  yXiov  Eur. 
Here.  für.  1090)  mit  Geschossen  verglichen,  die 
stärker  sind  als  die  Geschosse  von  Feuer  und 


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1349 


Eros  (in  d.  arch.  Kunst) 


Eros  (in  d.  arch.  Kunst) 


1350 


Sternen  {Hipp.  530)  und  die  Aphrodite  ebenso 
wie  Eros  entsendet  (Aphrodite  bogenschiefsend 
Med.  632,  Eros  das  (Silos  der  Aphrodite  ent- 
sendend Hipp.  532;  Eros’  Bogen  Med.  530; 
Iph.  Aul.  546  Siö'vpa  ro|a).  — Fothos  erscheint 
bei  Hur.  Bacch.  412  neben  den  Chariten;  mit 
Chariten,  Sophia  und  Hesychia  zusammen  bei 
Aristoph.  Av.  1320.  Eros  in  populärer  Vor- 
stellung, Liebespaare  zusammenführend,  Schön- 
heit verleihend  bei  Aristoph.  Eccl.  958.  966; 
Lys.  551  (ylirsv&vgog  ’jE.)  ; Ach.  991,  wo  auf  den 
rosenbekränzten  E.  des  Zeuxis  Bezug  genom- 
men wird;  Av.  1737  lenkt  der  dgcpiQ'alrjg’'EQCüg 
Xgvoonztgog  als  nagoyog  den  Hochzeitswagen 
des  Zeus  und  der  Hera;  der  Bogen  als  Attri- 
but kommt  nicht  vor  bei  Aristoph.  — Vom 
Ende  des  5.  Jalirh.  an  wird  die  Gestalt  des 
Eros  immer  populärer  und  beliebter  in  Athen; 
doch  hat  das  4.  Jahrk.  keine  von  den  bei 
Euripides  u.  Aristophanes  geschilderten  wesent- 
lich verschiedenen  Vorstellungen  hervorge- 
bracht, soweit  uns  die  geringen  Reste  der 
Poesie  dieser  Zeit  zu  urteilen  verstatten;  vgl. 
von  Tragikern  Aristarch  frg.  2;  DiJcaiogenes 
frg.  1;  von  Lyrikern  Melanippides  frg.  7;  Phi- 
loxenos  scheint  ein  eignes  Melos  auf  Eros  ge- 
dichtet zu  haben;  Timotheos  ( Meineke  com.  3, 
589  = Berglc  lyr.  p.  1273)  sagt  6 nzigoozog 
itgog  oyyazcov  "Egcog,  o Kvngidog  uvvayog;  bei 
den  Komikern  mancherlei  Räsonnements  über 
das  Wesen  des  Eros  ( Eubulos , Meineke.  3, 
226,  3;  Alexis  3,  495.  392,  1.  411);  Menanders 
Aussagen  scliliefsen  sich  an  die  des  Euripi- 
des an  (Mein.  4,  203,  4.  128,  1;  131,  1).  — 
Noch  ist  der  Verwendung  zu  gedenken,  die 
Platon  von  Eros  macht;  er  ist  ihm  ein  wich- 
tiges Prinzip,  nicht  zur  Erklärung  der  Welt- 
entstehung wie  bei  den  früheren  Philosophen, 
sondern  als  Wurzel  der  wahren  Philosophie, 
als  Personifikation  des  Drängens  und  Strebens, 
das  den  Menschen  stufenweise  vom  Sinnlichen 
bis  zum  Anschauen  der  Idee  des  Guten  und 
Schönen  führt  (Phaedr.  p.  243  ff. ; Symp.  p.  201  ff.). 
Im  Symposion  erfindet  er  eine  neue  Genealogie 
für  Eros  als  Sohn  von  Poros  und  Penia.  Die 
Reden  des  Symposions  aufser  der  des  Sokrates 
geben  übrigens  auch  ein  gutes  Bild  von  den 
in  Athen  zu  Anfang  des  4.  Jahrh.  populären  Vor- 
stellungen von  Eros,  d.  h.  von  der  Liebe,  denn 
eigentlich  Persönliches  von  Eros  bieten  sie 
wenig,  am  meisten  noch  die  poetische  Rede  des 
Agathon  c.  18,  Eros  als  svdcapoviGzcczog,  rccl- 
hozog , vscozazog,  analog,  vygbg  zo  sidog;  er  hat 
XQÖug  v.dllog  wegen  der  Mar’  dvQ'iq  dtaira; 
denn  er  ist  überall,  wo  ein  zonog  svuv&gg  und 
zvcodrig  ist;  ein  anderer  Redner  unterscheidet 
ähnlich  wie  Euripides  einen  guten  Eros  (und 
zwar  als  Sohn  der  Urania)  von  dem  schlechten, 
Sohn  der  Pandemos;  ein  anderer  setzt  statt 
letzterer  Polyhymnia. 

3.  Eros  in  der  Kunst  bis  zu  Ende  des 
4.  Jahrhunderts. 
a)  Archaisch. 

Eros  ist  bis  jetzt  nicht  nachzuweisen  in 
Denkmälern  der  hochaltertümlichen  Kunst,  da- 
gegen tritt  er  in  solchen  vom  Anfang  des 


5.  Jahrh.  nicht  ganz  selten  auf;  einiges  mag 
auch  in  das  Ende  des  6.  Jahrhdts.  heraufgehen. 
Von  Anfang  an  erscheint  Eros  als  Knabe  oder 
Mellephebe  gebildet  und  mit  Flügeln  airsge- 
rüstet. Wann  und  wo  diese  erste  und  wich- 
tigste Schöpfung  geschah,  können  wir  nicht 
bestimmen.  Der  Kultus,  der  sich  mit  dem 
Symbol  begnügte,  hat  sie  schwerlich  gezeitigt; 
doch  war  Eros  ja,  wie  die  Poesie  zeigt,  im 
io  7.  Jahrh.  vom  Kultus  unabhängig  bereits 
populär  genug,  um  künstlerische  Darstellung 
zu  verlangen.  Die  zarte  Jugend  war  schon 
durch  die  Grundvorstellung  des  zarten,  schönen 
Liebesgottes,  des  Sohnes  und  Dieners  der  Aph- 
rodite, gegeben;  die  Befliigelung  erhielt  er 
wohl,  wie  andere  Flügelwesen,  wegen  des  dä- 
monischen Charakters  seines  Wesens,  das  den 
Menschen  näher  ist  als  die  grofsen  Götter  und 
jene  gleichsam  umschwebt  (vgl.  Platon  symp. 
20  c.  23  über  Eros  als  d'aigcov  und  das  Saigoviov 


30 


Archaischer  Eros  von  einem  Spiegel  (vgl.  S.  1351 , 11). 

überhaupt).  Im  Schol.  Aristoph.  Av.  574,  wo- 
nach es  eine  Neuerung  gewesen  wäre,  Eros 
geflügelt  darzustellen,  ist  Mai  zov  "Egcoza  offen- 
barer späterer  Zusatz , und  die  Notiz  bezieht 
sich  nur  auf  Nike  (falsche  Beurteilung  der 
Stelle  bei  Stephani  compte-r.  1874,  S.  159).  Als 
50  Attribute  erscheinen  in  der  älteren  Kunst 
namentlich  Blüte  und  Leier,  die  er  zuweilen 
beide  in  Händen  hält;  die  Blüte,  die  ja  auch 
Aphrodites  Attribut  ist,  erklärt  sich  leicht, 
und  mit  Blüten  brachte  ihn  auch  die  Poesie 
frühzeitig  in  Verbindung.  Eine  Gemme,  nicht 
archaischen,  aber  doch  noch  älteren  Stiles 
läfst  ihn  sogar  aus  einer  Blüte  emporsteigen, 
mit  Zweigen  der  Granate  in  den  Händen,  als 
echten  Frühlingsgott  ( Cades  13,  B,  18;  Gerhard , 
co  alcad.  Abh.  Taf.  52,  15).  Die  Leier  dagegen 
scheint  die  Kunst  ohne  Vorgang  der  Poesie 
dem  Eros  verliehen  zu  haben;  sie  ist  der  Aus- 
druck seines  ekstatischen  und  darum  auch 
musischen  Charakters  und  Symbol  der  Har- 
monie die  er  erschafft.  Sonst  sind  Kranz  und 
Tänie  seine  Hauptattribute : es  sind  die  Dinge, 
welche  der  Liebende  dem  Geliebten  zu  bringen 
pflegte.  — Die  wichtigsten  Denkmäler  des 

43* 


Eros  (in  d.  arch.  Kunst)  1352 


1351  Eros  (in  d.  arcli.  Kunst) 


älteren  Stiles  sind  folgende:  Bei  einem  sehr 

altertümlichen  kyzikenischen  Goldstater  (Berl.), 
der  einen  stehenden  Jüngling  mit  aufgehogenen 
Flügeln  zeigt,  darf  man,  des  Kultes  von  Parion 
gedenkend,  wohl  fragen,  ob  nicht  Eros  ge- 
meint sei.  Archaische  Skarabäen  aus  Sardinien 
zeigen  Eros  mit  aufgebogenen  Flügeln  im  alten 
Laufschema  mit  Leier  und  Kranz  ( Marmor a in 
mem.  dell’  acad.  di  Torino  1854,  14,  tav.  B, 
103.  104;  auch  Annalid.I.  1883,  tav.  H,  65  ist 
altgriechisch).  Laufend  mit  Blume  und  Leier 
in  dem  S.  1350  abgebildeten  gewifs  altgriechi- 
schen (vgl.  Friederichs,  Id.  Kunst  u.  Industrie 
S.  20;  Bull,  de  corr.  hell.  1,  109)  Spiegel  (Ger- 


deutlich  noch  das  alte  archaische  Laufschema 
zu  Grunde  liegt,  das  hier  zu  mildern  versucht 
wird.  Der  Eros  in  Berlin  Friederichs  2171, 
der  von  einer  gröfseren  strengeren  Gruppe 
dieser  Art  stammt,  zeigt  noch  das  volle  alte 
Laufschema;  der  Fabrikationsort  dieser  Spie- 
gel scheint  Korinth  gewesen  zu  sein.  Aphro- 
dite mit  zwei  Eroten  die  im  Laufschema  mit 
aufgebogenen  Flügeln  und  kranzhaltend  ge. 
bildet  sind,  auf  einer  archaischen  Vase  etru- 
skischer oder  campanischer  Fabrik  Arcli.  Ztg. 
1883,  S.  307.  Bereits  fliegend,  mit  geschlos- 
senen Beinen,  in  der  Mehrzahl,  Kranz  und  Zweig 
haltend,  auf  einer  Schale  im  Louvre  von  der 


hard.  etr.  Sp.  1,  120),  wo  die  Fufsflügel  aus  50  Gattung  der  Arkesilasschale , die  jedoch  nicht 
der  Vorliebe  archaischer  Kunst  für  reichliche  vor  470 — 460  fallen  wird  {Arcli.  Ztg.  1881, 

Beflügelung  zu  erklären  sind;  wahrscheinlich  S.  218,  10 C);  die  Eroten  schweben  hier  mit 

stellt  sogar  die  schöne,  sicher  altgriechische  Sirenen  abwechselnd  über  Männern  beim  Sym- 

Bronze  in  Berlin  nr.  2172  ( Panofka , cah.  Tour - posion  und  mögen  den  Inhalt  ihrer  Lieder  an- 

tales  pl.  40)  mit  vier  Rücken-  und  zwei  Fufs-  deuten.  — Ein  Terrakottarelief  aus  Aigina 

Hügeln  Eros  dar.  Mit  Aphrodite  vereint  er-  der  Gattung  der  sog.  melischen  ( Mon . d.  Inst. 

scheinen  Eroten  in  der  Mehrzahl,  die  ja  schon  1,  18;  Denlcm.  a.  K.  1,  53)  zeigt  Aphrodite  — 

Pindar  kennt,  in  dem  Typus  eines  Spiegel-  denn  dafs  die  Göttin  so  zu  benennen,  ist  wohl 

Ständers  von  dem  wir  zahlreiche  Repliken  be-  kaum  zu  bezweifeln  — als  Herrin  über  die 

sitzen  (mehrere  genannt  in  der  Arcli.  Ztg.  1879,  60  Tierwelt  wie  Artemis,  mit  einem  Rehkalb  auf  ? 
S.  99.  204;  Abbild,  ebd.  Taf.  12;  Auctions-  dem  Arme  und  auf  einem  Wagen  mit  Greifen- 

Icatalog  Gastellani  1884,  pl.  6;  Greau  1885,  gespann,  das  Eros  lenkt,  der  hier  ein  kurzes 

pl.  12),  die  meist  auf  die  Zeit  um  die  Mitte  Röckchen  trägt.  Ein  Terrakottarelief  aus  Unter- 
des 5.  Jahrh.  liinweisen;  doch  ist  mir  auch  italien,  wohl  der  Zeit  um  450 — 440  angehörig, 

ein  Exemplar  von  noch  älterem,  strengerem  vorstehend  abgebildet  nach  Annali  dell'  Inst. 

Stile  bekannt:  Aphrodite  steht  mit  Blume,  1867,  D,  zeigt  Hermes  und  Aphrodite  sich 

Apfel,  Taube  oder  Spiegel  und  wird  von  zwei  gegenüber  in  feierlicher  Haltung  wie  Götter- 
fliegenden Eroten  umgeben,  deren  Haltung  bilder,  auf  dem  Arme  der  letzteren  Eros  mit 


1353  Eros  (in  d.  arcli.  Kunst) 


Eros  (in  d.  arch.  Kunst) 


1354 


die  Leier  spielt,  begünstigt  auch  das  musische 
Treiben  der  Jünglinge  (vgl.  über  die  Vereini- 
gung des  Musischen  und  Erotischen  bei  der 
Jugend  Plato  rep.  3,  p.  403).  Häufig  vertritt 
er  den  Liebenden,  bringt  Geschenke,  ja  er  ver- 
folgt den  Jüngling;  bei  letzterer  Handlung 
kommt  es  gar  vor,  dafs  er  eine  Peitsche 
schwingt  (Panofka,  Eigennamen  mit  ncdo g Taf. 
4,  9;  Brit.  Mus.  C.  S.  622),  ein  Symbol  für 
Kraft  der  Liebe  das  an  Anakreons  Bild 
vom  Schmied  und  seinen  Schlägen  er- 
innert. — Von  kleinen  Statuetten  des 
strengen  Stiles  ist  zu  nennen : eine 
Bronze  in  Berlin  ( Friederichs 
715d),  wahrscheinlich  Krönung 


der  Leier;  es  ist  offenbar  ein  Votiv-Pinax  (mit 
Löchern  zum  Aufhängen),  der  sich  auf  einen 
Kult  bezieht,  in  dem  mit  Hermes  und  Aphro- 
dite zusammen  auch  Eros  verehrt  ward;  die 
Stellung,  in  der  hier  Eros  gebildet  ist,  ent- 
sprach gewifs  der  des  Kultbildes;  zu  der  Weise, 
wie  hier  der  begleitende  Dämon  auf  dem  Arme 
der  Hauptgottheit  steht,  vergleiche  man  den 
Apollon  von  Kaulonia  (oben  S.  453).  Das  Ge- 
rät vor  Aphrodite  ist  ein  Tliymiaterion,  das  io  die 
in  ihrem  Kulte  ja  besonders  üblich  war.  — 

Auf  den  attischen  Vasen  erscheint  Eros  erst 
in  dem  letzten  Stadium  der  schwarzfigurigen 
Malerei,  die  der  ältesten  rotfigurigen  gleich- 
zeitig ist,  also  c.  470 — 460;  von  Bedeutung 
unter  den  schwarzfigurigen  ist  nur  AnnalidelV 
Inst.  1876,  A,  wo  Zeus,  von  Eros  mit  einem 
Stabe  ( %ivxqov ) angetrieben,  den  Ganymed 
raubt;  Eros  trägt, 
wie  auf  dem  Relief 
aus  Aigina,  einen 
kurzen  Rock ; er 
hat  Stiefel , die, 
wenn  es  auch  der 
Ausführende  nicht 
ganz  deutlich  ge- 
macht hat,  doch  in 


seinem  älteren  Originale  jedenfalls  Flügel- 
stiefel waren,  die  wir  an  Eros  schon  ander- 
wärts bemerkt  haben ; dieselben  Stiefel 
trägt  er  auch  in  dem  schönen  beistehend 
egebenen  rotfigurigen  attischen  Bilde 
(nach  Benndorf , griech.  u.  sicil.  Vasenb. 

Taf.  48,  2),  wo  er  die  Leier  spielt;  sein 
Schweben  ist  noch  sehr  ungeschickt.  Sonst 
ist  im  streng-rotfigurigen  Stile  von  beson- 
derer Bedeutung  Mon.  dell'  Inst.  1 , 8,  wo 
als  Gegenseite  zu  Odysseus  mit  den  Sire- 
nen, deren  eine  Himeropa  heifst,  drei 
Eroten  über  das  Meer  fliegend,  von  denen 
einem  "ipsQog  beigeschrieben  ist,  was  das 
Sehnen  des  Odysseus  schärfer  bezeichnet  als 
Eros;  den  Eros  der  anderen  Pothos  zu  nennen, 
haben  wir  durchaus  kein  Recht;  der  Maler 
schrieb  beiden  nur  nodos  bei,  da  "Epcos  bei- 
zuschreiben nicht  nötig  war;  sie  tragen  Tänie, 

Zweig  und  Kranz.  Auf  der  Aufsenseite  einer 
Schale,  die  innen  Europe  auf  dem  Stiere  zeigt, 
chwebt  Eros  mit  Leier  und  Schale,  Jahn, 

Entführ,  d.  Eur.  Tf.  7.  Die  vier  Eroten,  die  50 
Aphrodite  in  dem  Parisurteil  des  Hieron  urn- 
schweben  ( Wiener  V orlegeblätter  Ser.  A,  5;  Over- 
beck, Gallerie  Tf.  10,  4),  gehen  auf  ein  älteres 
Vorbild  zurück,  auf  das  wir  durch  die  oben 
genannte  etruskische  Vase  schliefsen  können. 

Die  bei  weitem  häufigste  Verwendung  innerhalb 
ler  streng  rotfigurigen  attischen  Vasen  findet 
ber  Eros  in  den  Scenen  des  Umgangs  der  Eplie- 
>en  und  Männer  (vgl.  Gerhard,  auserl.  Vasenb. 

’f.  287 — 289 ; mehr  Nachweise  bei  Furtwängler,  60  strengem  Stile:  kurze  Haare;  rechtes  Stand 
Uros  in  d.  Vasenmalerei  S.  16);  es  ist  der  ncu8i-  bein,  die  Linke  gesenkt,  die  Rechte  mit  einem 


Eros,  von  einer  attischen  Vase  ( Benndorf , griech. 
Vasenbilder  48,  2;  vgl.  S.  1353,  30fi.). 


eines  etruskischen 
Arm  eingestützt , 
rechtes  Standbein; 


Kandelabers : der  rechte 
die  Linke  vorgestreckt, 
die  Flügel  etwas  aufge- 


bogen. Ferner  eine  0,245  hohe  Terrakotta 
aus  Griechenland  in  Berlin  (nr.  6308)  von 


dstpcog,  der  damals  in  Athen  das  gesellige  Leben 
eherrschte.  Mit  Frauen  macht  sich  Eros  in 
ieser  Periode  noch  gar  nichts  zu  schaffen. 
Inter  Jünglingen  und  Männern  verweilt  er  gern; 
och  niemals  findet  man  ihn  bei  eigentlich 
äderastischen  Scenen ; immer  vertritt  er  die 
die  Seite  des  Erastenwesens.  Er,  der  selbst 


Alabastron , das  er  auch  auf  Vasen  häufig 
trägt,  vorgestreckt.  Von  grofser  statuarischer 
Kunst  ist  wenigstens  ein  Werk  strengen  Stiles 
aus  der  Mitte  des  5.  Jahrh.  in  Kopieen  nach- 
zuweisen, einem  Torso  aus  Sparta  (Arcli.  Ztg. 
1878,  Tf.  16,  2)  mit  Flügeleinsatzlöchern  und 
einer  Statue  in  Petersburg  (beistehend  nach 


Eros  (in  d.  Kunst  d.  5.  Jahrh.)  1356 


1355  Eros  (in  d.  Kunst  d.  5.  Jahrli.) 


Gonze,  Beiträge  Tf.  9, 1),  an  der  freilich  letztere 
fehlen;  doch  ist  das  spartanische  Exemplar  als 
das  weit  bessere  hierin  mafsgebend;  auch  palst 
der  Kopf  mit  langem  lockigem  Haare  sehr  gut 
zu  Eros.  Vermutlich  stand  auch  das  ursprüng- 
liche Original  in  Sparta,  wo  Eros  ja  verehrt 
ward;  wahrscheinlich  war  es  neben  einer 
grofsen  Aphroditefigur  geweiht,  zu  welcher 
Eros’  Blick  emporgerichtet  war. 


Statue  in  Petersburg  ( Conze , Beitr.  9,  1;  vgl.  S.  1354,  63  ff.). 

b)  Zweite  Hälfte  des  fünften  Jahr- 
hunderts. 

Am  Parthenon  erscheint  Eros  auf  einer 
Metope , von  Aphrodite  gesandt  auf  Menelaos 
zuschwebend  ( Michaelis  Parthenon  Tf.  4,  24. 
25);  ganz  ebenso  auf  der  Vase  Mus.  Greg.  2, 
5,  5a;  Overbeclc,  Gallerie  26,  12;  wahrschein- 
lich gehen  Vase  und  Metope  auf  ein  Wand- 
gemälde zurück.  Im  Parthenonfriese  steht  Eros 
als  Mellephebe  gebildet  neben  Aphrodite  und 
hält  einen  Sonnenschirm  als  weichlicher  zarter 
Gott,  doch  hat  er  kurze  Haare  ( Michaelis  Tf. 
14,  42);  den  Eros  den  man  früher  im  West- 


giebel des  Parthenon  sah,  hat  Löschcke,  Bor- 
pater Programm  1884  beseitigt.  Ähnlich  wie 
am  Parthenon  steht  er  zwischen  Aphrodite 
und  Peitho  am  Friese  des  Athena-Niketempels 
(Ross-Schaubert  Tf.  11,  A).  An  der  Basis  des 
Zeusbildes  in  Olympia  von  Pheidias  befand  sich 
Eros  sk  d'ahxGarjg  AcpQodiTrjv  dviovaav  vno- 
Ss%6gsvog  Paus.  5,  11,  8);  ein  kleines  vergol- 
detes Silbermedaillon  aus  Galaxidi  im  Louvre 
40  (beistehend  nach  Gaz.  arch.  1879,  pl.  19,  2), 
das  offenbar  noch  aus  dem  Ende  des  5.  Jahrh. 
stammt,  entspricht  dieser  Beschreibung  so  ge- 
nau und  zeigt  eine  so  überaus  schöne  und 
originelle  Komposition,  dafs  es  nicht  unwahr- 
scheinlich ist,  sie  auf  Pheidias  zurückzuführen; 
die  Göttin  ist  durch  die  linksläufige  Inschrift 
TIBOPfiA  bezeichnet;  Eros  hat  das  Haar  wie 
ein  Mädchen  auf  dem  Scheitel  zusammengebun- 
den. — Alkibiades  trug  als  Wappen  in  seinem 
20  Schilde  einen  Eros  der  den  Blitz  hielt  ( Flut . 
Ale.  16;  Athen.  12,  p.  534  e),  ein  neuer  und 
kühner  Einfall  des  Alkibiades,  der  übrigens 
an  Euripides  erinnert,  der  Eros  Zeus’  Sohn  sein 
liefs  ; in  Rom  gab 
es  in  curia  Oc- 
taviae  ( Plin . n. 
hist.  36,  28)  einen 
Eros  mit  dem 
Blitze,  der  eigent- 
30  lieh  Alkibiades 
sein  sollte,  ver- 
mutlich einst  für 
Alkibiades  gear- 
beitet und  von 
ihm  geweiht  war. 

Einen  rosenbe- 
kränzten Eros, 
dei’im Aphrodite-  Eros  u.  Aphrodite,  Silbermedaillon 
tempel  ZU  Athen  im  Louvre;  vgl.  S.  1356,  8). 

40  geweiht  war, 

malte  Zeuxis  ( Scliol . Aristo.  Ach.  992).  — Eine 
Gemme  im  Brit.  Museum , die  dem  Stile  nach 
gegen  das  Ende  des  5.  Jahrhdts.  gehört  (hat 
noch  sog.  etruskischen 
Rand;  Abdrücke  681), 
zeigt  Eros  wie  sonst 
Apollo,  als  Jüngling  mit 
der  Schale  über  einem 
Altar  spendend,  in  der 
50  Linken  einen  langen 
stabförmigen  Zweig  hal- 
tend. Ferner  gehört  auch 
die  beistehend  (leider 
auch  nicht  ganz  genü- 
gend ; namentlich  ist  der  Kopf  nicht  genau)  ab- 
gebildete Gemme  des  Phrygillos  ans  Ende  des 
5.  Jahrh. ; ich  habe  anderwärts  (in  der  Festschrift 
für  Leemans  in  Leiden)  nachgewiesen,  dafs  man 
(s.  Brunn , Gesell,  d.  gr.  Künstler  2,  S.  422.  626) 
60  mit  Unrecht  den  Stein  dem  von  svrakusani- 
schen  Münzen  bekannten  Phrygillos  (vgl.  Weil, 
Künstlerinschr.  d.  sicil.  Münzen  S.  8)  abge- 
sprochen hat,  und  dafs  vielmehr  der  Stil  ge- 
rade des  Kopfes,  der  mit  den  Münzen  ver- 
glichen werden  kann , durchaus  mit  diesen 
übereinstimmt  und  die  Inschrift  genau  die- 
selben Züge  hat  wie  dort.  Eros  hockt  als 
kleiner  Knabe  am  Boden;  den  runden  Formen 


Eros  von  Pbrygillos 
(vergl.  S.  1356,  52). 


1357  Eros  (in  d.  Kunst  d.  5.  Jahrh.) 

• 

und  der  Haltung  nach  scheint  der  Künstler 
ein  Kind  haben  darstellen  wollen,  was  ihm 
aber,  wie  denn  zu  seiner  Zeit  die  Kinderbil- 
dung in  der  Kunst  noch  ganz  unentwickelt  war, 
nicht  gelungen  ist;  der  Kopf  ist  durchaus 
nicht  kindlich  und  zeigt  auch  am  meisten 
strenge  Stilelemente  (die  Haaranordnung , das 
noch  nicht  ganz  ins  Profil  gestellte  Auge); 
hinter  ihm  ist  eine  offene  Muschel  gebildet; 
obwohl  sie  im  Verhältnis  zu  klein  ist  (als 
blofses  Beiwerk  wäre  sie  aber  zu  grofs),  scheint 
der  Künstler  den  Eros  eben  aus  der  Muschel 
hervorgegangen  zu  denken.  Eine  attische 
Bleimarke  wohl  des  4.  Jahrh.  (Bull,  de  corr. 
hell.  1884,  pl.  5,  164)  zeigt  deutlich  den  Eros 
aus  einer  sich  öffnenden  Kammmuschel  empor- 
kommen; der  Cameo  Wieseler  JDenkm.  a.  K. 
2,  642,  den  man  gewöhnlich  so  erklärt,  stellt 
dagegen  ein  Kind  in  einer  Muschel  dar.  Ver- 
mutlich wurde  die  Muschelgeburt  des  Eros 
nach  der  der  Aphrodite  von  den  Künstlern  er- 
funden; auch  ward  Eros,  oder  wurden  Eroten 
der  aus  der  Muschel  steigenden  Göttin  so  bei- 
gegeben, dafs  sie  mit  aus  derselben  geboren 
zu  werden  schienen  (Stephani  compte  r.  1870/71, 
S.  64.  133).  Hier  sei  auch  gleich  die  verein- 
zelte und  späterer  Zeit  angehörige  Gemme 
genannt,  die  Eros  aus  einem  Ei  hervorgehen 
läfst,  im  Anschlufs  an  die  orphischen  Vor- 
stellungen (Wieseler,  Denkm.  a.  K.  2,  628). — 
Noch  ins  5.  Jahrh.  wegen  des  etwas  strengen 
Stiles  geht  endlich  ein  Votivrelief  von  Terra- 
kotta zurück,  das  in  Italien  gefunden  ward 
(Gerhard,  ant.  Bildw.  75;  ges.  akad.  Abh.  Tf. 
56,  2,  jetzt  im  Louvre  aus  der  Sammlung  Cam- 
pana  nr.  349);  es  zeigt  Eros  mit  einer  Kanue 
in  der  Rechten  und  einer  Tänie  (nicht  Fackel !) 
in  der  Linken;  er  steht  neben  einem  heiligen 
Tisch,  auf  dem  ein  weibliches  Idol  mit  Mohn 
und  Fackel  steht;  unten  ein  Hahn,  daneben 
Frucht-  und  Ährenkorb;  also  Eros  als  Diener 
einer  chthonischen  Göttin  mit  den  Attributen 
der  Persephone;  wir  erinnern  uns  des  Eros  in 
den  Hymnen  der  Lykomiden;  es  wird  hier  in- 
des wohl  die  chthonische  Aphrodite  gemeint 
sein  (Venus  Libitina  der  Römer),  deren  Kult  ja  in 
Italien  besonders  verbreitet  war;  das  Relief,  das 
als  Votiv  dem  Kultus  angehört,  ist  das  älteste 
Zeugnis  für  die  Beziehung  des  Eros  zu  Todes- 
gottheiten, und  zeigt  uns,  aus  welchem  Keime 
der  später  so  gewöhnliche  sepulkrale  Eros  ent- 
stehen konnte.  — ■ Die  attischen  Vasen  des 
älteren  schönen  Stiles  des  5.  Jahrh.  zeigen  Eros 
häufiger  in  Scenen  der  Sage;  z.  B.  Man.  d. 
Inst.  1,  10,  11  bei  Erichthonios1  Geburt;  Ger- 
hard ant.  Bildw.  34  schmückt  er  Helenas  Fufs; 
Laborde  vases  Lamb.  1,  25  bei  Amymones 
Verfolgung;  Overbeck , Atlas  z.  Kunstmyth.  7, 19 
bei  der  des  Ganymed;  Luynes  descr.  des  vases 
29,  bei  Dionysos,  der  Äriadne  (?)  verfolgt;  vgl. 
Mus.  Blacaspl.  21.  Auf  dem  herrlichen  Krater 
von  S.Martino,  jetzt  in  Palermo,  der  gegen  400 
zu  setzen  ist  (Gerhard  ant.  Bildiv.  59)  und  wo 
es  sich  um  die  Vereinigung  von  Dionysos  und 
Äriadne  zu  handeln  scheint,  lenkt  er  einen 
von  Rehen  gezogenen  Wagen  (der  Ariadne? 
vgl.  meinen  Eros  in  der  Vasenm.  S.  36),  wäh- 
rend ein  zweiter  Eros  sich  die  Stiefel  schnürt. 


Eros  (in  d.  Kunst  d.  4.  Jahrh.)  1358 

Um  diese  Zeit  beginnt  auch  das  Einflechten 
des  Eros  in  den  bakchischen  Kreis.  In  den 
Scenen  des  menschlichen  Lebens  treten  an 
Stelle  des  Jünglings  mit  Eros  die  Frauen  und 
Eros,  der  ihnen  Schönheit  verleiht,  mit  ihnen 
spielt,  den  Liebenden  vertritt  und  sie  verfolgt, 
sie  bekränzt  u.  s.  w. ; selbst  in  die  feierlichen 
Hochzeitsscenen  der  Grabvasen  mischt  er  sich 
(Arch.  Ztg.  1882,  Tf.  5).  — Eros  bei  Aphro- 
dite auf  Münzen  von  Eryx  vom  Ende  des 
5.  Jahrh.  s.  Sallets  Numismat.  Ztschr.  8,  Tf. 
1,  1.  3. 

c)  Das  vierte  Jahrhundert  hat  eine 
Fülle  der  schönsten  Darstellungen  des  Eros 
geschaffen , besonders  in  seiner  ersten  Hälfte. 
Die  neue  Richtung  der  Kunst  auf  den  Aus- 
druck des  Inneren,  des  Seelenlebens  liefs  ein 
Wesen  wie  Eros,  den  Repräsentanten  eines 
Gefühls,  in  den  Vordergrund  des  künstlerischen 
Interesses  treten.  Dazu  kam  die  zunehmende 
Verehrung  weicher  Frauenliebe  und  Schönheit, 
deren  Vertreter  wiederum  Eros  war.  Eros 
wurde  Lieblingsgegenstand  der  gröfsten  Künst- 
ler; Am  berühmtesten  waren  die  Statuen  des 
Praxiteles,  von  denen  wir  indes  sehr  wenig 
Sicheres  wissen*).  Wir  kennen  nur  das  Motiv 
der  Statue  in  Parion  (Plin.  nat.  hist.  36,  23; 
das  Epigramm  Anthol.  Plan.  4,  207  hat  gar 
keinen  Bezug  auf  diese  Statue ; wenn  über- 
haupt eine  wirkliche  Statue  ihm  zu  gründe  liegt, 
so  war  es  ein  spätes  pantheistisches  Werk  in 
der  Art,  wie  Wieseler,  I).  a.  K.  2,  644),  und 
zwar  durch  die  Münzen  Parions  in  römischer 
Zeit;  gute  Abbildungen  derselben  bei  Percy 
Gardner  im  Journal  ofhell.  stad.  1883,  p.  270;  ein 
Exemplar  (des  Severus  Alexander)  beistehend; 
der  Typus  ist  von  Bursian,  der  zuerst  auf 
die  Münzen  hinwies,  und  auch 
noch  von  Gardner  mifsverstan-  /GA  V?-\ 
den  worden;  wie  eine  genaue  M'  3* 
Betrachtung  zeigt,  lehnt  sich  /<y-  JA  «dl 
nämlich  Eros  hier  mit  dem  (<g)  • ll  I YÄ/J 
linken  Arme  auf  einen  Pfeiler  .JM/J 

(der  fälschlich  für  eine  Chla- 
mys  angesehen  wurde;  er  ist 
in  der  That  nudus  wie  Pli-  Münze  von  Parion. 
nius  sagt;  neben  dem  Pfeiler 
erscheint  das  untere  Ende  des  Flügels);  die 
rechte  Hand  scheint  leer;  der  Pfeil,  den  Imhoof - 
Blumer,  monn.  gr.  256,  139  auf  einem  Exemplar 
in  der  Rechten  zu  sehen  glaubt,  ist  unsicher; 
das  rechte  Bein  ist  Standbein;  der  Blick  geht 
nach  seiner  Linken , wobei  auf  den  Münzen 
wahrscheinlich  aus  einer  halben  Wendung 
eine  ganze  geworden  ist;  unten  steht  eine 
kleine  Herme,  die  vielleicht  ein  altes  Idol  des 
Eros  ist  (vgL  aber  Gardner  p.  270,  1).  Das 
Motiv  mit  aufgestütztem  linken  Arme  war 
bekanntlich  ein  in  der  Praxitelischen  Kunst 
besonders  beliebtes.  Die  von  Percy  Gardner 

*)  Während  der  Korrektur  erhalte  ich  das  zweite 
Heft  der  Arch.  Ztg.  1885,  wo  S.  81  ff.  P.  Wolters  die  Eros- 
statuen des  Praxiteles  bespricht.  Den  Münztypus  von 
Parion  beschreibt  er  zwar  richtiger  als  seine  Vorgänger, 
erkennt  jedoch  die  Hauptsache,  den  Pfeiler  nicht.  Unsere 
Abbildung  ist  seinem  Aufsatze  entlehnt,  der  im  übrigen 
nichts  bringt,  was  mich  an  dem.  oben  Gesagten  zu  ändern 
veranlafste. 


10 

20 

30 

40 

50 

60 


1359  Eros  (in  d.  Kunst  d.  4.  Jahrh.) 


Eros  (in  d.  Kunst  d.  4.  Jalirh.)  1360 


a.  a.  0.  auf  diese  Statue  zurückgeführten  zwei 
kleinasiatischen  Terrakotten,  von  denen  die 
mit  dem  Fruchtschurz,  Fröhner,  terres  c.  d’Asie 
min.  pl.  32  das  ursprüngliche  Motiv  giebt, 
haben  natürlich  nichts  mit  Praxiteles’  Werk 
zu  tliun.  Dagegen  zeigt  ein  griechisches  Spiegel- 
deckelrelief  (Gas.  archeot.  1880,  pl.  9 , 2)  aus 


Apfelzweig  mit  geknoteten  Binden  daran.  — 
Das  Motiv  des  Eros  des  Praxiteles  den  Pliryne 
im  Tempel  zu  Tliespiai  weihte , und  der  des 
gröfsteu  Ruhmes  genofs,  kennen  wir  leider  gar 
nicht.  Ein  Epigramm  das  man  gewöhnlich 
auf  ihn  bezieht,  stand  vielmehr  aut  der  Basis 
einer  Erosstatue  im  Theater  von  Athen  (Athen. 
13  p.  591a);  wie  das  Epigramm  nicht  von 
Praxiteles  sein  kann,  so  wird  auch  die  Statue 
io  eine  Kopie  gewesen  sein,  ob  aber  wirklich  des 
thespischen  Eros,  ist  ungewifs;  für  das  Motiv 
läfst  sich  nichts  aus  demselben  entnehmen 
[vgl.  die  Erklärung  des  Epigramms  von  Wolters, 
Arch.  Ztg.  1885,  S.  88].  — Eine  Beschreibung 
von  Kallistratos  incpQ.  3 läfst  uns  trotz  allen 


Bros  in  Neapel  (nach  Photographie;  vgl.  S.  1361,  57). 


Erostorso  vom  Palatin  (nach  Photographie ; 
vgl.  S.  1361,  22). 


Korinth  den  Eros  dem  von  Parion  sehr  ähn- 
lich; er  stützt  den  linken  Arm  auf  eine  Säule, 
der  Kopf  ist  nach  seiner  Linken  gewandt,  die 
Rechte  leer.  Ferner  ist  eine  Gemme  den  Mün- 
zen von  Parion  sehr  ähnlich  (Cades,  Am.  55)  : 
Eros  steht  genau  ebenso  da,  auf  einen  Pfeiler 
gelehnt;  nur  geht  die  Richtung  des  Kopfes 
geradeaus  und  die  rechte  Hand  trägt  einen 


rhetorischen  Schwulstes  das  Motiv  einer  Eros- 
statue des  Praxiteles  deutlich  erkennen,  das 
ebenso  eigentümlich  ist  als  es  zu  Praxiteles 
passend  erscheint  [ Wolters  S.  93  ff.  spricht  der 
Beschreibung  allen  Wert  ab].  Michaelis  hat 
einen  Torso  nachgewiesen,  welcher  jener  Be- 
schreibung entspricht  und  auch  in  den  Körper- 
formen Praxitelischer  Art  zu  sein  scheint  (Arch. 


1361  Eros  (in  d.  Kunst  d.  4.  Jahrh.) 


Eros  (in  d.  Kunst  d.  4.  Jalirh.)  1362 


Ztg.  1879,  Taf.  14,  6;  S.  175);  auf  dem  rechten 
Beine  stehend  (der  Rhetor  giebt  irrtümlich 
den  Schwerpunkt  auf  der  linken  Seite  an; 
verbessert  man  aber  diesen  einen  so  leicht 
zu  machenden  Fehler , so  ist  alles  in  Ord- 
nung), hatte  er  die  rechte  Hand  ruhend  über 
den  Kopf  gelegt;  also  genau  dasselbe  Motiv, 
das  wir  oben  (S.  460  f.)  an  einem  Praxitelischen 
Apollo  gefunden  haben;  wie  bei  letzterem  war 
der  Blick  etwas  zu  seiner  Linken  und  auf- 
wärts gerichtet;  mit  dem  linken  Arm  aber 
hob  er  hoch  in  die  Luft  den  Bogen.  Es  ist 
von  Interesse  hier  den  Bogen  für  Praxiteles, 
freilich  nicht  mit  wünschenswerter  Sicherheit, 
bezeugt  zu  sehen,  da  derselbe  als  Attribut  des 
Eros  erst  seit  Anfang  des  4.  Jahrh.  in  der 
Kunst  erscheint  und  zwar  zunächst  nur  ver- 
einzelt. — Wenn  wir  im  gesamten  Vorräte 
des  Erhaltenen  nach  Statuen  suchen,  die  auf 
die  Erosbildungen  des  Praxiteles  zurückgehen 
könnten,  so  steht  meiner  Ansicht  nach  ein 
Torso  vom  Palatin  in  erster  Linie;  er  befindet 
sich  jetzt,  stark  und  schlecht  (von  Steinhäuser) 
ergänzt,  imLouvre  ( Fröhner , not.  p.311  nr.325); 
eine  Skizze  der  antiken  Teile  nach  einer 
Photographie  S.  1360;  eine  auf  meine  Ver- 
anlassung hergestellte  gute  Abbildung  soll 
demnächst  in  den  Publikationen  des  archäol. 
Institutes  erscheinen.  Ganz  erhalten  mufs  die 
Figur  von  einziger  Schönheit  gewesen  sein. 
Sofort  fällt  die  grofse  Ähnlichkeit  mit  dem  in 
zahlreichen  Repliken  erhaltenen  und  als  Praxi- 
telisch  kaum  zu  bezweifelnden  eingiefsenden 
Satyr  auf;  ihn  jedoch  ebenfalls  eingiefsend  zu 
denken  (Eros  mit  Schale  und  Kanne  ist  sehr 
häufig  gerade  in  Werken  des  4.  u.  3.  Jalirh.; 
vgl.  Stephani,  compte-rendu  1873,  146 ff.)  ver- 
bietet vor  allem  die  Richtung  des  Kopfes,  die 
etwas  nach  seiner  Rechten  geht;  auch  auf  den 
Kopf  gelegt  war  der  rechte  Arm  schwerlich; 
der  linke  Unterarmansatz  zeigt , dafs  die 
innere  Handfläche  nach  oben  sah,  also  hielt 
sie  keine  Fackel;  es  bleibt  wohl  nur  übrig 
über  der  linken  Hand  eine  herabfallende  Tänie, 
und  in  der  erhobenen  Rechten  einen  Kranz  zu 
denken,  die  beiden  Hauptattribute  des  Eros 
noch  zu  Praxiteles’  Zeit;  Bogen  und  Köcher 
am  Stamm  mögen  Zuthat  des  Kopisten  sein. 
Der  Kopf  war  kurz  gelockt.  Die  Formen  sind 
von  köstlicher  Zartheit  und  Schönheit;  eine 
weiche  fettige  Epidermis  umhüllt  das  Ganze. 
— Der  berühmte  Torso  von  Centocelle  ( D . a. 
K.  1,  144)  hat  indes  nichts  mit  Praxiteles 
zu  thun;  über  seine  Repliken  und  die  Art, 
wie  er  zu  ergänzen  sei , siehe  meine  Ausfüh- 
rungen im  Bull,  dell’  Inst.  1877,  p.  151  ff. ; 
S.  1359  eine  Abbildung  (nach  Photographie) 
der  besten  Wiederholung,  der  in  Neapel  (be- 
sonders im  Kopfe  besser  als  der  Vatikanische 
Torso);  die  Linke  hielt  den  Bogen,  die  Rechte 
senkte  eine  kurze  Fackel.  Die  Replik,  die 
einen  Altar  unter  die  Fackel  stellt,  giebt  dem 
Eros  sepulkrale  Bedeutung,  indem  er  so  zum 
Tode  weiht.  Dies  ist  eine  römische  Umgestal- 
tung, die  wir  bei  den  besseren  Hauptexemplaren 
nicht  vorauszusetzen  haben , bei  denen  die 
Fackel  nur  Attribut  des  Eros  ist;  auf  einer 
Münze  von  Aphrodisias  (römischer  Zeit;  Av. 


Eros  auf  e.  Medaillon  v.  Perga- 
mon; vgl.  S.  1362,  17. 


mit  Kopf  der  f squ  ßovbj)  erscheint  er  ähnlich 
mit  Bogen  in  der  Linken  und  gezückter  Fackel 
in  der  Rechten.  Das  schöne  griechische  Ori- 
ginal, das  den  Sta- 
tuen zu  Grunde  liegt, 
gehört  übrigens  mei- 
ner Ansicht  nach 
nicht  der  attischen, 
sondern  der  pelo- 
10  ponnesischen  Schule 
des  4.  Jahrhdts.  an. 

— Ein  Motiv  von 
Praxitelischem  Cha- 
rakter zeigt  dagegen 
der  gewifs  einer  Sta- 
tue nachgebildete 
Eros  eines  Medail- 
lons des  Commodus 
von  Pergamon  ( Sal - 

20  lets  numisrn.  Zeitschi'.  8,  Taf.  1 , 17  und  bei- 
stehend) ; der  rechte  Arm  ruht  auf  dem 
Kopfe,  der  linke  ist  aufgestützt.  Auch  das 
eine  Statue  nachbildende  Stuckrelief  von  Pom- 
peji Mus.  Borbon.  2 , 53  geht  gewifs  auf 
ein  Original  des  des  4.  Jahrh.  zurück:  Eros 
steht  ruhig,  die  Linke  auf  den  grofsen  Bogen 
gestützt,  in  der  gesenkten  Rechten  den  Pfeil. 
Das  Gleiche  gilt  von  einer  in  einem  pompeja- 
nischen  Gemälde  nachgebildeten  Statue  ( Zahn 
30  1 , 99  oben) , die  mit  der  Rechten  die  Chla- 
mys  hinten  emporzieht,  in  der  Linken  den 
Bogen  hält. 

Eine  bedeutende  Komposition,  die  uns  in 
mehreren  Repliken  erhalten  ist,  ist  der  Bogen- 
spanner (umstehend  das  Berliner  Exemplar) : 
Eros,  als  Knabe,  steht  auf  dem  linken  Bein, 
doch  so  dafs  ein  Teil  der  Last  auch  auf  dem 
rechten  Fufsballen  ruht,  und  sucht  das  Ende 
der  Sehne  an  das  obere  Bogenende  zu  be- 
4.0  festigen  (das  untere  Bogenende  war  am  Ori- 
ginal hinten  am  Schenkel  eingestemmt);  die 
Bewegung  ist  von  schönem  Rhythmus;  das 
schwankende  Stehen  auf  beiden  Fiifsen  erin- 
nert sehr  an  den  Apoxyomenos  des  Lysipp ; 
die  Formen  besonders  der  Brust  erscheinen 
ebenfalls  Lysipp  verwandt.  Der  Kopf  neigt 
zum  Ausdruck  des  Kindlich-knabenhaften  und 
zeigt  übrigens  in  keiner  mir  bekannten  Replik 
etwas  von  tieferem  geistigem  Leben.  Der 
50  Praxitelischen  Richtung  ist  die  Statue  jeden- 
falls fremd;  dagegen  könnte  sie  sehr  wohl 
auf  Lysippos,  von  dem  ein  Erzbild  des  Eros 
in  Thespiai  geweiht  war  {Paus.  9,  27,  3),  zu- 
rückgehen , wie  schon  Visconti  vermutete. 
Ganz  verfehlt  ist  die  Idee  von  Friederichs 
( Amor  mit  dem  Bogen  des  Herkules  1867 ; ihm 
folgt  Wolters,  Berliner  Gipsabgüsse  15821,  der 
meint,  Eros  versuche  hier  den  Bogen  des  Hera- 
kles zu  spannen,  während  der  Bogen  doch  durch - 
oo  aus  im  richtigen  Verhältnis  zu  Eros  steht  und 
die  Statue  in  Gemmen  kopiert  erscheint  (z.  B. 
Cades  13  B,  30),  wo  kein  Zweifel  darüber  sein 
kann;  wenn  einige  Kopisten  das  Löwenfell  auf 
den  Stamm  zur  Seite  legen,  so  weifs  jeder,  der 
Kopistenbrauch  kennt,  wie  wenig  das  zu  be- 
deuten hat ; übrigens  hat  auch  der  Kopist,  der 
das  Fell  beigab,  keineswegs  an  den  Bogen  des 
Herakles  gedacht;  ein  Attribut  des  Herakles, 


1363  Eros  (in  d.  Kunst  d.  4.  Jahrh.) 

dem  Eros  als  seinem  Überwinder  beigegeben, 
war  in  der  Spätzeit  etwas  sehr  beliebtes. 

Aus  der  grofsen  Menge  sonstiger  Denkmäler 
des  4.  Jahrh.  sei  nur  weniges  hervorgehoben. 
Zunächst  ist  zu  konstatieren,  dals,  wie  schon 
bemerkt,  der  Bogen  im  4.  Jahrh.  als  Attribut 
aufkommt,  jedoch  zunächst  noch  ziemlich  selten 
ist.  Die  attischen  Vasen,  auf  denen  Eros  jetzt 
eine  Hauptfigur  ist,  zeigen  ihn  doch  so  gut  wie 
nie;  nur  im  Gigantenkampfe  schiefst  Eros  mit 


dem  Bogen  von  den  Rossen  des  Wagens  der 
Aphrodite  und  des  Ares  auf  der  schönen  atti- 
schen Vase  Man.  grecs  pour  Vencour.  1875,  2. 
Sonst  sind  es  nur  unteritalische  Vasen  vom 
Ende  des  4.  und  dem  3.  Jahrh.,  die  Eros  mit 
dem  Bogen  zeigen  (vgl.  meinen  Eros  in  der 
Vasenm.  S.  71).  Dagegen  gehört  ins  4.  Jahrh. 
das  vorzügliche  griechische  Bronzerelief  Mon. 
dell’  Inst.  6,  47,  6:  Eros  neben  Aphrodite 
den  Bogen  abschiefsend ; wohl  auch  das 
’Aqx-  scpgy.  1884,  p.  79,  3 erwähnte  Spiegel- 
relief und  die  kleinen  Bleimarken  ebda.  mv. 


Eros  (in  d.  Kunst  d.  4.  Jahrh.)  1364 

1 , 35.  36.  Bruttische  Münze  aus  dem  Ende 
des  4.  Jahrh.  mit  bogenschiefsendem  Eros 
s.  Brit.  Mus. , catal.  Italy  p.  319.  Aus  dem 
4.  Jahrh.  stammen  dem  Stile  nach  auch  die 
zwei  Gemmen  bei  Codes  13 , B , 23  (bogen- 
schiefsend) und  29  (sitzend , den  Bogen  span- 
nend). Pausias  malte  Eros  mit  der  Leier; 
ßsXri  v.ul  rö^ov  äcpsmcog  ist  wohl  der  Zusatz 
des  Pausanias  (2,  27,  3),  dem  das  Fehlen  der 
gewöhnlichen  Attribute  auffiel.  Mit  der  Leier 
auf  einer  Blüte  sitzend  zeigt  ihn  eine  vor- 
zügliche Terrakotta  des  4.  Jahrh.  in  Berlin 
(nr.  7606).  Mehrere  Terrakotten  dieser  Periode 
aus  Cypern  in  Berlin  zeigen  Eros  mit  dem 
Zauberrädchen,  (über  welches  s.  Jalm,  Berichte 
d.  sächs.  Ges.  1854,  256),  ebenso  wie  eine 
Gemme  vom  Anfang  des  4.  Jahrh.  Compte- 
rendu  1865,  pl.  3,  25,  und  Vasen,  z.  B.  ebda. 
1862,  1,  1 attisch;  1863,  5,  2 apulisch.  Eine 
prachtvolle  Terrakottagruppe  aus  Kyrene  im 
Louvre  ( Heuzey  fig.  au  Louvre  pl.  41,  1)  giebt 
dem  neben  Aphrodite  stehenden  Erosjüngling 
den  Kalathos  auf  den  Kopf,  den  sonst  Aphro- 
dite selbst  trägt  wie  in  der  cyprischen  Statue 
vom  Anfang  des  4.  Jahrh.  bei  Cesnola,  Cypr. 
ant.  1,  107,  wo  sie  den  kleinen  Eros  auf  dem 
linken  Arme  trägt.  So  schwankt  die  Bildung 
des  Eros  neben  Aphrodite  zwischen  dem  gleich- 
berechtigten Gott  und  dem  kleinen  Sohne.  — 
Ein  Hauptattribut  des  späteren  Eros,  die 
Fackel,  läfst  sich  im  4.  Jahrh.  noch  kaum 
nachweisen  (auf  einer  Vase  strengen  Stils  in 
Neapelträgt  Eros  nicht,  wie  Heydemann.,  Bacc. 
Cum.  164  angiebt,  die  Fackel,  sondern  die 
zweifellos  deutliche  Doppelflöte) ; wohl  als 
Hochzeitsfackeln  trägt  er  sie  über  Paris  und 
Helena  auf  der  attischen  Vase  Compte-rendu 
1861,  pl.  5,  2;  sonst  lassen  sich  nur  unter- 
italische Vasen  des  3.  und  2.  Jahrh.  nennen, 
wo  die  Fackel  meist  dem  Eros  in  bakchischem 
Kreise  gegeben  wird  (s.  meinen  Eros  in  der 
Vasenm.  S.  71).  Das  Motiv  eines  Münzbildes 
römischer  Zeit  von  Aphrodisias,  wo  der  Jüng- 
ling Eros  mit  beiden  Händen  die  Fackel  trägt, 
wie  an  der  Chablaisherme  ( Gerhard , antike 
Bildw.  41),  scheint  indes  auf  gute  Zeit  zurück- 
zugehen. — Mit  Dionysos  und  seinem  Kreise 
ward  Eros  im  4.  Jahrh.  sehr  eng  verbunden;  von 
Thymilos  gab  es  in  einem  Tempel  nahe  der 
Tripodenstrafse  zu  Athen  die  Gruppe  von  Eros 
und  Dionysos  (Paus.  1,  20,  2).  Auf  Vasen  ist 
Eros  überaus  häufig  als  Begleiter  und  Diener 
des  Dionysos,  ja  auch  als  Aufreger  bakchischer 
Lust  (s.  meinen  Eros  in  d.  Vasenm.  S.  39  ff.).  — 
Über  einige  andere  voralexandrinische  Reliefs 
vergl.  meinen  Eros  S.  86  f.  — Skopas  bildete 
Eros  Himeros  und  Potlios  für  den  Aphrodite- 
tempel zu  Megara  (Paus.  1,  43,  6);  er  wird 
wohl , dem  oben  angegebenen  Bedeutungs- 
unterschiede folgend,  eine  Charakteristik  von 
innen  versucht  haben,  eine  lohnende  Aufgabe 
für  einen  Künstler  wie  Skopas.  Typische  Be- 
deutung scheint  seine  Schöpfung  aber  nie  er- 
reicht zu  haben.  Die  Vasen  schreiben  ihren 
Eroten  zuweilen  jene  drei  Namen  bei  und  t 
charakterisieren  sie  auch  zuweilen  durch  die 
Art  ihrer  Handlung , s.  meinen  Eros  in  der 
Vasenm.  S.  22  f. 


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1365  Eros  (heilenist.  u.  röm.  Kunst  u.  Poesie) 

4.  Eros  in  der  Poesie  und  Kunst  der  helle- 
nistischen und  römischen  Periode. 

Ein  grofser  Umschwung  geht  mit  Eros  in 
der  hellenistischen  Periode  vor  sich.  Während 
bisher  das  begriffliche  Wesen  des  Eros  bei 
weitem  das  vorherrschende  war,  alle  ihm  zu- 
geschriebenen Handlungen  direkt  aus  seinem 
Begriffe  als  Liebesgott  abgeleitet  waren  und, 
um  sein  Wesen  und  Wirken  auszudrücken, 
Poesie  wie  Kunst  sich  ihre  eigenen  Symbole 
geschaffen  hatten,  so  steht  jetzt  das  persön- 
liche Wesen  im  Vordergrund  und  hat  sich  von 
dem  begrifflichen  fast  ganz  unabhängig  ge- 
macht; an  Stelle  der  symbolischen  treten  per- 
sönliche, menschliche  Handlungen  jeder  Art. 
Diese  neue  Persönlichkeit  ist  aber  nicht  die 
eines  edeln  Jünglings  wie  vordem,  sondern  die 
des  losen  Knaben,  ja  des  mutwilligen  Kindes. 
Seine  ständigen  Attribute  sind  nunmehr  der 
Bogen  und  die  Fackel  in  Poesie  wie  Kunst. 
Aus  der  Poesie  sei  einiges  Bezeichnende  an- 
geführt. Bei  Apollon.  Rhod.  3,  111  ff.  wird 
Eros  mit  Ganymed  in  Zeus’  Garten  spielend 
gefunden;  die  Scene  wird  dann  ganz  mensch- 
lich ausgemalt,  er  wirft  das  Spielzeug  weg, 
die  Mutter  kiifst  ihn,  er  waffnet  sich  u.  s.  f., 
alles  lebendige  äufserliche  Handlung,  wie  sie 
kein  früherer  Dichter  bei  Eros  geschildert  hatte. 
Vgl.  die  Scene  bei  Nonn.  Dion.  33,  55ff.;  auch 
Callimachus  hatte  Ähnliches  gedichtet  ( Diltliey , 
de  Callim.  Cydippa  p.  44).  Vgl.  noch  Apollon. 
4,  445  (darnach  Verg.  Aen.  4,  412);  3,  972. 
1017.  1077.  Bei  Theokrit  vgl.  7,  117:  «a  gdloi- 
glv  ’Eptorss  SQSvQ'oysvoLGt.v  o/uotot;  15,  120  die 
*ca qoi  "Epcorsg  flattern  wie  junge  Nachtigallen 
in  den  Lauben  bei  der  Adonisfeier;  ferner  3, 
15  (wozu  Verg.  ecl.  8,  43);  23,  4;  10,  20;  13, 
1;  1,  97;  1,  125  wozu  Callim.  ep.  41.  Bion 
schildert  das  Treiben  der  gerührten  und  eifrig 
helfenden  Eroten  um  den  verwundeten  Adonis 
(1,  80  ff.).,  ganz  wie  die  Pompejanischen  Wand- 
bilder ; Übereinstimmung  von  Poesie  und  Kunst 
war  jetzt  natürlich  leichter  möglich  als  ehe- 
dem, wo  jede  ihre  eigene  Symbolik  ausprägte. 
Bei  Moschos  id.  2 fordert  Aphrodite  auf,  den 
entlaufenen  ungezogenen  Buben  Eros  wieder 
einzufangen , der  dann  so  beschrieben  wird 
dafs  die  rein  persönlich-menschliche  Auffassung 
recht  deutlich  wird.  Zahlreiche  Zeugnisse 
dieser  Auffassung  enthält  die  Anthologie,  wo 
Eros,  das  ffoatn;  ncudccgiov,  als  mächtiger  denn 
Aphrodite  gilt;  er  lacht  über  Schmähungen; 
er  spielt  Würfel;  der  Nichtsnutzige  soll  ver- 
kauft werden  u.  s.  f.  (alles  dies  bei  Meleager). 
Vielfach  schliefsen  sich  die  Epigramme  auch 
an  die  so  mannigfaltigen  Erfindungen  der 
Kunst  an.  — Bei  den  lateinischen  Dichtern  fin- 
den wir  dieselbe  Auffassung  des  Eros  wie  bei 
den  Alexandrinern.  Schon  bei  Naevius  (com. 
pall.  55  Ribb.)  ist  Cupido  pusillus ; bei  Varro 
(sat.  menipp.  yvcofft  asavtov)  der  parvulus  Amor 
mit  der  Fackel.  Zwar  die  älteren  Dichter,  auch 
Catull  wissen  den  persönlichen  Amor  noch 
nicht  recht  zu  handhaben;  um  so  besser  versteht 
es  Ovid,  der  den  Alexandrinern  hierin  offenbar 
sehr  nahesteht;  so  z.  B.  giebt  eine  persön- 
liche Beleidigung  des  .Cupido  durch  Apoll,  der 


Eros  (heilenist.  u.  röm.  Kunst  u.  Poesie)  1366 

über  sein  Bogenspannen  spottet,  das  Motiv  zu 
der  Liebe  zwischen  Apoll  und  Daphne,  indem 
der  erzürnte  Gott  einen  liebeerregenden  Pfeil 
auf  Apoll,  einen  liebevertreibenden  (also  auch 
solche  hat  der  Liebesgott!)  auf  Daphne 
schiefst  (Met.  1,  452 ff.);  vgl.  ferner  Met.  5, 
363ff.,  wo  Venus  Cupido  umarmt  und  schmei- 
chelnd bittet,  worauf  er  den  schärfsten  Pfeil 
nimmt;  Am.  1,  2,  23ff.  Triumphzug  des  Cu- 
pido. Horaz  od.  2,  8,  14  Cupido  Pfeile  auf 
blutigem  Wetzstein  schärfend.  — Diese  Art  der 
Auffassung  bleibt  nun  aber  durch  die  ganze 
spätere  Litteratur  des  Altertums  die  herr- 
schende; besonders  geschickt  verflicht  oft 
Nonnos,  der  hellenistischen  Originalen  bekannt- 
lich so  vielfach  folgt,  den  Eros  in  die  Hand- 
lung (z.  B.  16,  1 ff-.;  42,  1 ff. ; 7,  110;  48,  472 f. ; 
15,  382;  33,  57  ist  Apollonios  nachgeahmt). 

Reicher  und  mannigfaltiger  noch  als  in  der 
Poesie  ist  die  Ausbildung  des  Eros  in  der  Kunst 
nach  Alexander.  In  die  handwerkliche 
Kleinkunst,  um  mit  dieser  zu  beginnen,  dringt 
die  neue  Auffassung  freilich  nur  langsam  und 
spät  ein;  besonders  konservativ  verhielt  sich 
die  Vasenmalerei;  auch  die  Vasen  des  Ver- 
fallstiles in  Unteritalien,  die  vorwiegend  dem 
3.  Jahrh.  angehören,  befolgen  im  wesent- 
lichen noch  durchaus  die  alte  Tradition;  wes- 
halb es  sehr  verfehlt  war  von  Helbig  (Unters, 
über  d.  camp.  Wandmal.),  die  Vasen  in  gleicher- 
weise wie  die  Pompejanischen  Bilder  zur  Re- 
konstruktion hellenistischer  Werke  zu  benutzen 
(vgl.  den  Nachweis  in  meinem  Eros  in  der 
Vasenm.,  besonders  S.  81  ff.).  Erst  die  ins 
Ende  des  3.  Jahrh.  gehörige  letzte  Gattung 
unteritalischer  Vasen,  welche  die  Figuren  weifs, 
gelb  und  rot  aufmalt,  sowie  die  gleichzeitigen 
Reliefgefäfse  zeigen  den  eigentlich  hellenisti- 
schen Eros,  der  sich  schon  äufserlich  als 
Kind  mit  kleinen  Flügeln  sofort  kundgiebt. 
Auch  die  zumeist  dem  3.  Jahrh.  angehörigen 
etruskischen  Spiegel  zeigen  gewöhnlich  noch 
den  älteren  Eros;  nur  in  einer  geringen  Zahl 
läfst  sich  die  neue  Auffassung  bereits  be- 
merken (die  Nachweise  habe  ich  in  den  Ann. 
d.  Inst.  1877,  p.  192ff.  gegeben).  In  Griechen- 
land selbst  sind  bereits  die  Terrakotten  des 
freien  Stiles  aus  Tanagra,  die  meist  ins  3.  Jahrh. 
gehören , von  der  neuen  Auffassung  beein- 
flufst ; besonders  reizend  sind  die  kleinen  flie- 
genden Eroten  von  dort  (Furtwcingler,  Samml. 
Sabouroff  Tf.  124  und  die  im  Text  genannten), 
die  allerlei  Dinge,  Spielzeug  der  Jugend,  wie 
bakchisches  Gerät  tragen,  jedoch  noch  nicht 
etwa  in  alltäglicher  Beschäftigung  Erwachsener 
gedacht  sind , wie  dies  späterhin  geschah. 
Besonders  reiches  Material  für  die  spätere 
hellenistische  Kunst  geben  die  Pompejanischen 
Wandbilder;  die  älteren  Bilder,  die  des  sog. 
„dritten“  Stiles,  die  auch  auf  relativ  ältere  Ori- 
ginale zurückgehen,  behandeln  Eros  im  Sinne 
der  besten  hellenistischen  Kunst;  dahin  gehören 
die  anmutigen  Bilder  des  Erotenverkaufs  (Hel- 
bjg  824),  der  Strafe  des  Eros  (825),  des  Hera- 
kles dem  Eroten  die  Waffen  rauben  (1137), 
Eroten,  die  Waffen  des  Ares  tragend  (744)  u.  a. 
Ferner  gehört  der  bogenschiefsende  Eros  in 
Pompeji  immer  dem  3.  oder  2.  Stile  an  (über 


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1367  Eros  (heilenist.  u.  röxn.  Kunst  u.  Poesie) 

den  bogensch.  Eros  in  hellenistischer  Poesie 
vgl.  Bolide , gr.  Boman  S.  150).  Dagegen  die 
grofse  Masse  der  späteren  Bilder  verwendet 
Eros  ganz  willkürlich;  er  füttert  den  Stier 
der  Europa  (nr.  122),  trägt  den  Wollkord 
der  Leda  fort  (149),  weint  mit  Ariadne 
(1223ff.),  deckt  die  Gewänder  der  Liebeshel- 
dinnen  auf  u.  s.  f.  Besonders  frei  schaltet  die 
Phantasie  mit  den  unter  sich  allein  spielenden 
Eroten;  nur  ein  Teil  dieser  Erfindungen  — 
und  diese  werden  die  älteren  sein  — schliefst 
sich  an  mythologische  Tradition  insofern  an, 
als  Eros  z.  B.  mit  speziell  aphrodosischen  oder 
bakchischen  Tieren  zusammengestellt  wird 
(Hase,  Schwan,  Bock,  Panther  u.  a.),  sie  jagend, 
mit  ihnen  spielend,  auf  ihnen  reitend  oder, 
indem  er  vor  Aphrodite  oder  Priapos  Kultus- 
handlungen verrichtet  ( Helbig  770  gehört  noch 
zum  älteren  „dritten“  Stil);  sehr  viele  dieser 
Bilder  aber  behandeln  die  Eroten  kaum  mehr 
als  mythologische  Figuren  und  lassen  sie  jede 
Art  von  Kinderspiel  treiben;  ja  man  läfst  die 
Eroten  auch  allerlei  Handlungen  der  Erwach- 
senen ausführen,  Handwerk  aller  Art,  Gladia- 
torenkämpfe u.  a.;  durch  die  Übertragung  auf 
eine  Erotenwelt  giebt  man  diesen  gewöhnlichen 
Handlungen  einen  ganz  ungewohnten  Reiz. 
Diese  letztere  Art  von  Bildern  erscheint  jedoch 
nur  im  letzten  Stile  von  Pompeji  und  dann 
auch  auf  römischen  Sarkophagen , wo  auch 
Götter  und  Heroen  in  Erotengestalt  auftreten 
(vgl.  Stephani,  ausruh.  Herakles  S.  95);  diese 
Gattung  ist  indes  nicht  älter  als  die  Kaiser- 
zeit. Eine  überaus  grofse  Fülle  von  Darstel- 
lungen des  Eros  allein,  oder  der  Eroten  unter 
sich,  geben  auch  die  geschnittenen  Steine  der 
hellenistischen  u.  römischen  Zeit  (vgl.  die  grofse 
Abdrucksammlung  von  Cades  Bd.  13 — 15). 
Der  Kreis  von  Tieren,  mit  denen  Eros  sich 
abgiebt  und  auf  ihnen  reitet,  der  schon  in  der 
Vasenmalerei  ein  grofser  ist  (auf  Vasen:  Pferd, 
Reh,  Hirsch,  Delphin,  Schwan,  Ziege,  Hase; 
vgl.  meinen  Eros  in  der  Vasenm.  65),  wird 
hier  sehr  vergröfsert;  er  reitet  und  fährt  mit 
Hähnen,  spielt  mit  Bären,  reitet  auf  Kamel; 
besonders  beliebt  war  Eros  als  Bezwinger  des 
mächtigsten  Tieres,  auf  dem  Löwen  reitend 
(dazu  Leier  spielend  in  dem  berühmten 
Stein  des  Protarchos,  Wieseler,  I).  a.  K.  2, 
638).  Er  spielt  mit  Masken,  besonders  bak- 
chischen; ein  Eros  schreckt  den  andern  mit 
einer  Maske  (auch  in  Reliefs);  Eros  liest  in 
Rollen;  er  spielt  Astragalen  (schöne  Gruppe 
Cades  218);  sie  musizieren;  Eroten  fahren  zu 
Schiff;  er  rüstet  sich  mit  Waffen;  als  Sieger 
trägt  er  ein  Tropäon  (ebenso  in  einer  Statue  im 
Vatikan,  gall.  dei  candelabri  174) ; Wettrennen 
und  Wettfahren  der  Eroten  ist  nicht  selten  und 
namentlich  auch  auf  römischen  Reliefs  häufig 
(Sarkophage  z.  B . Annäli  dell'  Inst.  1839,  0,  1; 
Mus.  Borb.  8,  28;  Mus.  Bio  Clcm.  5,  38 — 41); 
Eros  opfert  vor  Aphroditetempelchen  oder  vor 
Priaposherme.  Anmutig  ist  die  Erfindung  des 
Eros  als  Bittflehenden,  der  mit  dem  Zweige 
auf  dem  Altar  sitzt  ( Cades  a.  0.  53).  — Eine 
bedeutende  statuarische  Komposition  hat 
diese  ganze  Periode  nicht  mehr  geschaffen,  so 
überaus  rege  die  Produktion  auch  in  dieser 


Jl.  S.  1368,  13). 
terres  c.  d'Asie  min. 


Eros  (bes.  Bildungen  u.  Gruppen)  1368 

Hinsicht  war.  Die  Motive  des  4.  Jahrh. 
wurden  verschieden  modifiziert,  so  namentlich“ 
das  besonders  beliebte  des  Bogenspanners  (z.  B. 
Mus.  Chiaram.  653;  auch  in  Terrakotten  von 
Myrina , eine  in  Berlin , eine  Bull,  de  corr. 
hell.  1883,  pl.  8).  Wie  man  das  Motiv  des 
ruhigen  Anlehnens  auch 
sonst  (z.  B.  bei  Satyrn;  s. 

Furtivängler , Samml.  Sa- 
10  bouroff  zu  Taf.  77)  durch 
das  Kreuzen  der  Beine 
modifizierte,  so  auch  liier; 
die  beistehende  Münze  von 
Prusa  ad  01.  (der  Crispina) 
giebt  offenbar  eine  Statue 
wieder  ( Sallets  num.  Ztsch.  Eros  i>rusa > 

8,  Tf.  1,  19);  vgl.  ferner 
die  Terrakotte  bei  Fröhner , 
pl.  29.  Ein  malerisches  Motiv,  Eros  in  der  Wein- 
20  laube,  s.  Arch.  Ztg.  1879,  Tf.  13.  Eros  mit  Del- 
phin gruppiert  ist  nicht  selten.  Manche  Motive 
von  Kinderstatuen  (Spiel  mit  Vögeln)  werden 
auch  auf  Eros  übertragen;  namentlich  erschei- 
nen oft  in  Terrakotten  dieselben  Figuren  bald 
geflügelt,  bald  nicht.  Ein  interessantes  Motiv 
ist,  dafs  Eros  als  Überwinder  des  kräftigsten 
Mannes  auch  mit  den  Attributen  des  Herakles 
Löwenfell  und  Keule,  dargestellt  wird  (Lateran, 
Benndorf  u.  Schöne  409;  vgl.  Helbig , Wandb. 
30  6 0 7);  ja  auch  das  Füllhorn  wird  dazu  gesellt; 
nicht  zu  verwechseln  sind  übrigens  die  häufi- 
gen Darstellungen  des  Herakles  als  Knaben, 
über  welche  s.  Bull,  dell'  Inst.  1877,  124 f.  — 
Das  Füllhorn  kommt  übrigens  bei  Eros  auch 
allein  vor  in  Bildern  die  auf  ältere  Tradition 
zurückzugehen  scheinen;  so  trägt  es  der  auf 
der  Schulter  einer  archaistischen  Aphrodite  mit 
der  Taube  sitzende  Eros  in  einer  kleinasiat.  Terra- 
kotte iuBerlin  nr.  7676;  Bronze  der  Samml.  Trau 
40  in  Wien,  mit  Füllhorn  ausschreitend.  Münze  von 
Corduba,  Sollet,  num.  Ztschr.  8,  Taf.  1,  20. 

5.  Einige  besondere  Bildungen  und 
Gruppierungen. 

1)  Eros  von  seiner  Mutter  gesäugt 
erscheint  auf  einem  geschnittenen  Steine,  der 
noch  ans  Ende  des  5.  Jahrh.  gehört  ( Compte - 
rendu  1864,  pl.  6,  1;  p.  84;  die  bei  Wieseler 

50  D.  a.  K.  2,  296  abgeb.  Darstellung  ist  modern). 

2)  Die  aus  dem  Kult  in  der  Palästra  hervor- 
gegangene Figur  des  Anteros  haben  wir  oben 
schon  kennen  gelernt.  Die  von  Paus.  6,  23,  5 in 
Elis  gesehene  Darstellung  beider,  wie  sie  um 
den  Palmzweig  sich  streiten,  ist  uns  in  einem 
römischen  Relief  erhalten  (Braun,  ant.  Mar- 
morreliefs 2,  5b;  Mus.  Borb.  14,  34),  das 
Nymphen  geweiht  ist,  wobei  man  erinnern 
kaun,  dafs  nach  Eunap.  vit.  philos.  p.  26  ed. 

60  Steph.  zwei  warme  Quellen  bei  Gadara  Eros 
und  Anteros  hiefsen.  Die  Flügel  des  einen 
sind  zum  Unterschied  etwas  aufgebogen;  das 
letztere  ist  auch  an  dem  Relief  Braun  a.  a.  0. 
2,  5 a der  Fall,  wo  in  einer  durch  eine  Herme 
angedeuteten  Palästra  zwei  Flügelknaben,  die 
wir  Eros  und  Anteros  nennen  dürfen,  den 
Fackelwettlauf  ausführen;  das  Relief  von  guter 
frischer  Arbeit  (im  Pal.  .Colonua)  mag*  auf  ein 


1369  Eros  (bes.  Bildungen  u.  Gruppen) 

attisches  Original  guter  Zeit  zurückgehen. 
Vielleicht  dachte  man  auch  bei  der  Darstel- 
lung zweier  ringenden  Eroten,  die  schon  im 
4.  Jahrh.  vorkommt  (Compte-rendu  1809,  pl. 

1,  29;  Belief  aus  Metapont  Gaz.  arch.  1883, 
p.  68)  ursprünglich  an  Eros  und  Anteros. 

3)  Ein  seit  hellenistischer  Zeit  beliebter  Vor- 
wurf ist  der  Ringkampf  von  Eros  und  Pan; 
das  älteste  Monument  ist  die  Reliefschale  des 
3.  Jahrh.  in  Berlin  ( Vasencatal . Furtw.  2900),  i 
wo  Pan  menschliche  Beine  hat;  später  ist  es 
regelmäfsig  der  bocksbeinige  Pan;  der  Sinn 
ist  natürlich  der  Kampf  der  niederen  Triebe 
und  der  edleren  Liebe.  Die  Komposition 
scheint  von  der  Kunst  frei  erfunden  zu  sein. 

4)  Ungeflügelte  Bildung  des  Eros  ist  nir- 
gends als  beabsichtigt,  sondern  nur  aus  Nach- 
lässigkeit entstanden  und  zwar  namentlich  in 
spätrömischer  Zeit  zu  konstatieren,  wo  man 
die  Flügel  bei  bekannten  Typen  zuweilen  2 
auch  an  Statiren  aus  Bequemlichkeit  weg- 
liefs.  — Hermaphroditische  Bildung  hat  man 
früher  mit  Unrecht  bei  Eros  zuweilen  voraus- 
gesetzt. 

5)  Eine  eigentümliche  Modifikation  hat 
der  Erosbegriff  erhalten  in  gewissen  für  die 
Gräber  bestimmten  Bildwerken. : a ) Auf 
den  unteritalischen,  speziell  den  apulischen 
(tarentinischen)  Gräbervasen  sind  sehr  häufig 
Scenen  dargestellt,  die  offenbar  das  Treiben  3 
und  den  Zustand  der  Seligen  nach  dem  Tode 
bedeuten;  dabei  spielt  Eros,  mit  allerlei  aphro- 
disischen und  bakchischen  Attributen  ausge- 
stattet, eine  grofse  Rolle  (s.  meinen  Eros  in  d. 
Vasenm.  S.  61  ff.)  und  scheint  in  der  allge- 
meineren Bedeutung  eines  beseligenden  Dä- 
mons verwendet.  — Das  letztere  scheint  auch 
der  Fall  mit  einer  gewissen  Gattung  schweben- 
der , immer  jünglingshafter  Eroten  in  Terra- 
kotta, besonders  aus  Megara  und  aus  Myrina,  4 
zumeist  mit  Attributen  bakchischen  Genusses. 
— b)  Wenn  die  ältere  griechische  Kunst  in 
Grabmälern  zuweilen  durch  einen  kleinen 
kauernden  und  schlafenden  Sklaven  auf  den 
Todesschlaf  des  Verstorbenen  anspielte,  so  be- 
nutzte die  spätgriechische  und  römische  Kunst 
die  Figur  des  Eros  dazu.  Ein  Haupttypus  ist 
der  des  matten  Eros,  der  sich  auf  die  unter 
seine  Achsel  gestemmte  umgekehrte  Fackel 
stützt,  die  Beine  kreuzt  und  den  Kopf  wie  5 
schlafend  auf  die  Schulter  fällen  läfst;  oft 
wird  ihm  noch  ein  Symposionkranz  in  die 
Hand  gegeben,  um  auf  den  gehabten  Genufs 
zu  deuten  {Bull,  dell’  Inst.  1877,  127);  vgl.  das 
Goldplättchen  aus  der  Krim  Ant.  du  Bosph. 

12  a,  15;  Münzen  römischer  Zeit  von  Ajohro- 
disias;  Terrakotten  (von  Myrina  s.  Bull,  de 
corr.  hell.  6,  577),  Statuen,  wie  Chirac  650  B, 
1504a;  762,  1861;  sehr  häufig  an  römischen 
Grabmälern.  — c)  Verwandt  ist  der  sclila-  Ci 
fende  Eros,  der  zwar  auch  ohne  allen  sepul- 
kralen  Bezug,  als  Brunnendekoration  z.  B.  ge- 
bildet wurde,  der  aber,  für  Gräber  verwendet, 
den  seligen  Schlaf  des  Verstorbenen  andeuten 
sollte.  Er  wurde  dann  zuweilen  mit  Hyp- 
nos identifiziert  und  bekam  kleine  Flügel  an 
den  Kopf,  in  die  Hände  Mohn;  durch  einen 
Symposionkranz  ward  auch  hier  der  bak- 


Evos  (bes.  Bildungen  u.  Gruppen)  1370 

chische  Genufs  angedeutet;  ferner  wurden 
häufig  Löwenfell  und  Keule  des  Herakles  bei- 
gegeben, die  Eros  ja  sonst  als  Überwinder 
dieses  mächtigsten  Heros  nicht  selten  trägt; 
wahrscheinlich  tritt  indes  hier  noch  hinzu  die 
in  römischer  Zeit  so  beliebte  Identifikation 
des  Verstorbenen  mit  Herakles.  Vgl.  über 
diesen  Typus  und  seine  Wandlungen  Bull,  dell’ 
Inst.  1877,  121  ff.  — d)  Auf  römischen  sepul- 
kralen  Reliefs  erscheint  Eros  häufig  in  einem 
ursprünglich  für  Dionysos  bestimmten  Schema, 
trunken,  von  zwei  Genossen  gehalten  (z.  B. 
Mus.  Pio-Clem.  5,  13);  Eros  vertritt  hier  den 
Verstorbenen  und  bezeichnet  den  Tod  als  einen 
seligen;  zuweilen  wird  auch  hier  die  Iden- 
tifikation mit  Herakles  eingeführt  {Benndorf- 
Schöne,  Lateran  nr.  82;  vgl.  Stephani,  ausruh. 
Herakles  S.  199;  Bull,  dell’  Inst.  1877,  126).  — 
e)  Auch  bei  der  altherkömmlichen  Darstellung 
des  Verstorbenen  auf  der  Kline  wird  Eros 
verwendet  (schon  in  Terrakotten  von  Myrina, 
Bull,  de  corr.  hell.  6,  578),  zuweilen  schlafend 
{Mus.  Pio-Clem.  4,  15);  vgl.  Clarac,  mus.  de 
sc.  pl.  762.  762  A.  B.  Ja  Eros  vertritt  selbst 
den  heroisirten  Verstorbenen,  indem  er  be- 
kränzt und  mit  der  Schale  wie  jener  auf  der 
Kline  liegt  (so  in  spätgriechischen  Terrakotten, 
z.  B.  Heuzey  fig.  ant.  du  Louvre  pl.  52.  3).  - — 
Auch  noch  in  mannigfacher  anderer  Art  er- 
scheinen Eros  und  Eroten  in  sepulkralen  Wer- 
ken römischer  Zeit  verwandt,  zuweilen  deut- 
lich als  beseligende  Dämonen,  wie  Arch.  Ztg. 
1850,  20,  1.  — Die  an  Grabdenkmälern  römi- 
scher Zeit  so  häufigen  Darstellungen  des  glück- 
lichen Treibens  der  Eroten  unter  sich  sollten 
auf  den  im  Jenseits  erhofften  Zustand  an- 
spielen. 

6)  Endlich  ist  die  Verbindung  von  Eros  und 
Psyche  (s.  d.)  zu  besprechen.  Es  ist  meines 
Erachtens  nicht  zu  bezweifeln,  dafs  sie  auf  die 
von  Platon  in  seinen  früheren  und  mehr  poe- 
tischen Dialogen,  namentlich  dem  Phaidros 
ausgebildeten  Vorstellungen  zurückzuführen 
ist.  Diese  wurden  rasch  populär,  zum  wenig- 
sten in  den  gebildeteren  Kreisen;  sie  mufsten 
die  Kunst  zur  Darstellung  reizen;  freilich  nicht 
das  niedere  Handwerk  der  damals  schon  ver- 
fallenden Vasenmalerei,  wohl  aber  die  feineren 
Künste  Die  von  Eros  beherrschte  Psyche 
ward  natürlich  am  besten  als  Genossin  des 
Eros  ihm  ähnlich  gebildet;  geflügelt  ward  sie 
ohnedies  gedacht,  wenigstens  schon  bei  Platon. 
So  zeigt  denn  ein  Bronzerelief  (wahrschein- 
lich von  einem  Spiegel  korinthischen  Fabri- 
kats, dessen  Entstehung  man  kaum  später  als 
gegen  das  Ende  des  4.  Jahrh.  setzen  kann 
Arcliäol.  Zeitg.  1884,  Taf.  1),  Psyche  mit 
Vogelflügeln  gleich  Eros,  züchtig  bekleidet, 
und  Eros  neben  ihr,  der  mit  zärtlicher  Hand 
ihr  Kinn  zu  fassen  sucht  das  sie  ihm  entzieht; 
die  Gruppe  enthält  bereits  gewisse  Grundzüge 
die  auch  später  immer  fest  gehalten  wurden, 
wie  dafs  beide  auf  den  äufseren  Beinen  stehen. 
Auch  das  ganz  bekleidete  Mädchen  mit  Vogel- 
Hügeln,  das,  ein  Vögelchen  in  der  Hand,  ruhig 
Eros  gegenüber  sitzt  auf  einem  korinthischen 
Spiegelrelief  des  4.  Jahrh.  {Bull,  de  corr.  hell. 
1884  pl.  15),  wird  man  nun  Psyche  nennen  dürfen. 


1371  Eros  (u.  Psyche) 

Später  bildete  man  Psyclie  mit  nacktem  Ober- 
körper und  liefs  sie  selbst  Eros  umschlingen; 
das  Motiv  der  das  Kinn  der  sich  etwas  sträu- 
benden Psyche  fassenden  Hand  des  Eros  und 
die  Vogelflügel  beider  bleiben;  so  in  der  wohl 
dem  2.  oder  1.  Jahrh.  vor  Chr.  angehörigen 
kleinasiatischen  Terrakotta  Sammlung  Sabou- 
roff  Tf.  135.  Noch  päter  veränderte  man  die 
Gruppe  dahin  dafs  man,  alles  übrige  möglichst 
belassend,  die  beiden  sich  küssen  liefs ; diese 
Steigerung  gefiel  der  Spätzeit  überaus  und 
ward  sehr  häufig  wiederholt  in  Reliefs  und, 
so  unplastisch  das  Motiv  war,  auch  in  statua- 
rischen Gruppen  (Clarac  pl . 652.  653.  Stephani, 
C.-B.  1877,  160ff);  aber  alle  diese  Denkmäler 
gehören  der  späteren  Kaiserzeit  an  und  nament- 
lich die  Statuen  sind  alle  von  schlechter 
später  Arbeit;  die  unbequemen  Flügel  liefsen 
diese  späten  Kopisten  meist  weg,  wie  dies 
auch  sonst  in  dieser  Zeit  mit  statuarischen 
Eroten  geschah  (s.  o.);  natürlich  kann  daraus 
für  das  Original  nichts  geschlossen  werden.  — 
Hatte  man  in  dieser  Gruppe  die  ruhige  Ver- 
einigung der  Psyche  mit  Eros  ausgedrückt, 
so  drängten  auch  die  anderen  Beziehungen 
beider  zum  Ausdruck;  ein  gefälliges  Mittel 
dazu  war  die  Benutzung  des  Schmetterlings, 
der  ipv%ri  hiefs,  als  Symbol  der  Psyche.  Schon 
ein  Ohrgehänge  vom  Ende  des  4.  Jahrh. 
( Ant.  du  Bosph.  pl.  7,  8 ; vgl.  S.  Sabouroff  zu 
Tf.  135,  S.  2,  7)  und  eine  Gemme  des  3.  Jahrh. 
{Stephani,  C.-B.  1880,  Tf.  3,  9)  zeigen  Eros 
mit  einem  Schmetterlinge,  ihn  gefafst  haltend 
oder  haschend.  Aber  auch  Psyche  als  Mäd- 
chen mit  Schmetterlingsflügeln  besitzen  wir 
schon  in  Denkmälern  des  3.  oder  2.  Jahrh.,  näm- 
lich in  etlichen  Terrakotten  aus  Myrina,  Bull, 
de  corr.  hell.  1885,  pl.  4;  ja  wir  finden  Eros 
selbst  zuweilen  mit  Schmetterlingsflügeln,  auf 
den  man  sie  von  Psyche  übertrug;  so  auf 
einer  Cista  des  3.  oder  2.  Jahrh.  ( Mon . delV 
Inst.  10,  45;  Annoli  1877,  189)  und  in  klein- 
asiatischen Terrakotten  derselben  Zeit  ( Fröhner , 
Auctionscalalog  Lecuyer  1883,  nr.  116).  Die 
ältere  Gattung  der  Wandbilder  von  Pompeji 
(sog.  dritter  Stil),  die  auf  ältere  hellenistische 
Vorbilder  zurückgeht,  und  wohl  als  Zeugnis  für 
die  Kunst  des  3.  Jahrh.  benutzt  werden 
darf,  zeigt  Psyche  öfter;  namentlich  gehört 
das  schöne  Bild,  wo  Psyche  auf  alle  Weise 
von  Eroten  gequält  wird,  Ilelbig  nr.  854,  ferner 
828.  833.  844  hierher;  Eros  mit  Schmetter- 
lingsflügeln kommt  ebenfalls  in  dieser  Bil- 
dergattung vor.  Meleagers  Epigramme  (be- 
sonders Antliol.  Pal.  12 , 132) , aus  denen 
allein  man  freilich  nicht  mit  Notwendigkeit 
auf  die  hier  vorliegende  Bildung  der  Psyche 
schliefsen  kann,  stehen  jedoch  bereits  offen- 
bar unter  dem  Einflüsse  ähnlicher  Kunstdar- 
stellungen. Von  den  zahlreichen  Gemmen, 
die  den  Gegenstand  behandeln,  mögen  manche 
noch  den  letzten  vorchristl.  Jahrhunderten  an- 
gehören. Auf  verschiedenste  Art  wird  ausge- 
drückt, wie  Psyche,  sei  es  als  Schmetterling 
oder  als  schmetterlingsbeflügeltes  Mädchen 
gebildet,  von  Eros  gefangen  und  gequält  wird 
(er  sengt  den  Schmetterling  an  der  Fackel, 
er  reifst  Psyche  an  den  Haaren,  er  fesselt  sie). 


Erymanthischer  Eber  1372 

Doch  bildete  man  auch  Psyche  als  Überwin- 
derin und  Eros  als  den  gefesselten  (0.  Jahn, 
in  d.  Ber.  d.  sächs.  Ges.  1851,  153);  und  mit 
dem  gefesselten  hat  Psyche  dann  wieder  Mit- 
leid, wie  in  der  Marmorgruppe  Arch.  Ztg.  1884, 
S.  20,  etwa  aus  der  Zeit  um  Chr.  Geburt.  — 
Erst  auf  den  Pompejanischen  Bildern  des  letz- 
ten Stiles  erscheinen  Eroten  mit  Psychen  in 
allerlei  Spielen,  auch  musizierend,  Blumen 
flechtend  u.  s.  f. , auf  späteren  römischen  Re- 
liefs als  Vertreter  in  Handlungen  der  Wirk- 
lichkeit und  der  Sage  (vgl.  z.  B.  Clarac  pl. 
190,  429);  auch  in  den  bakchischen  Kreis  tritt 
hier  Psyche  ein,  die  nun  eben  als  Genossin 
alles  mitmacht  was  Eros  thut.  — An  den 
römischen  Sarkophagen  werden  Eros  und 
Psyche  in  sepulkralem  Sinne  viel  verwandt, 
indem  man  Psyche  als  die  Seele  nach  dem 
Tode  fafste.  — Die  Fabel  des  Apulejus,  die 
Elemente  eines  echten  sog.  Milesischen  Mär- 
chens auf  die  Gestalten  von  Eros  und  Psyche 
übertragend,  hat  auf  die  antike  Kunst  keinerlei 
Einflufs  mehr  geübt.  — Vgl.  über  Eros  und 
Psyche  besonders  0.  Jahn,  archäol.  Beitr. 
S.  121  ff. ; Stephani,  C.-B  1877,  5 3 ff.,  rezen- 
siert Dtsche.  Bitter atur ztg.  1881,  S.  212;  Furt - 
wängler,  Samml.  Sabour.  zu  Tf.  135;  wenig 
Förderndes  bringt  Wolters,  Arch.  Zeitg.  1884, 
S.  1 ff. ; nicht  brauchbar  ist  Collignon,  essai 
sur  les  monum.  relatifs  au  mythe  de  Psyche. 

[A.  Furtwängler.] 

Erredi(ci?)  Lares  auf  einer  Inschrift  aus  S. 
Pedro  de  Agostem  bei  Chaves  (Aquae  Flaviae 
in  Hisp.  Tarrac.),  C.  I.  L.  2,  2470:  La{r)ibus. 
Erredi{ci ) \ s (oder  S = Sextusl)  Bufus  e | x 
voto.  Vergl.  den  Gentilnamen  Erredius  auf 
einer  Inschrift  aus  Dacien,  C.  I.  L.  3,  D.  34 
p.  877.  [Steuding.] 

Error,  Personifikation  des  Irrtums,  der  Ver- 
blendung. In  den  Vorhöfen  der  Behausung 
der  Fama  (s.  d.)  finden  sich  die  Credulitas  der 
temerarius  Error,  die  vana  Laetitia,  consternati 
Timores,  Seditio  repens,  Susurri,  Ov.  Met.  12, 
59  ff.  [Stoll.] 

Erros,  ’Eggos'  o Zsvs,  Hesych.  [Steuding.] 

Erulus.  Erulus  (auf  diese  Schreibart  weisen 
sowohl  die  besten  Handschriften  des  Vergil, 
als  des  Lydus  Schreibung  "EqvXo g hin)  oder 
Herilus  war  der  Sage  nach  ein  König  von 
Präneste,  Sohn  der  Göttin  Feronia,  welche 
ihn  mit  dreifachem  Leben  ausgestattet  hatte: 
als  Euander  nach  Latium  kam,  wollte  er  ihn, 
so  hiefs  es , an  der  Ansiedlung  verhindern, 
wurde  aber  in  einer  Schlacht  besiegt  und 
selbst,  trotz  seines  dreifachen  Lebens,  von  ihm 
getötet  (Vcrg.  Aen.  8,  561  ff.  Serv.  Aen.  8,  562. 
Lyd.  de  mens.  1,8;  vgl.  die  verwandte  Sage 
von  dem  italischen  Kentauren  Magg g bei  Ae- 
lian  v.  h.  9,  16.  [Wissowa.] 

Erycina  s.  Aphrodite  u.  Eryx. 

Erylaos  (Bgvlaog),  ein  Trojaner,  von  Patro- 
klos  getötet,  Horn.  II.  16,  411.  Quint.  Smyrn. 
8,  121.  [Schultz.] 

Erymantlie  {Egvyäv&g),  von  Berosos  Mut- 
ter der  hebräischen  oder  babylonischen  oder 
ägyptischen  Sibylle  Sabbe,  Paus.  10,  12,  5. 

Erymanthischer  Eher  s.  Herakles. 


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1373  Erymanthos 

Erymanthos  {’EQVfiav&og),  1)  Flufsgott  (s.  d. 
Artikel  Flufsgötter),  nach  Ael.  v.  li.  2,  33  von 
den  Psophidiern  in  Gestalt  eines  Mannes  {sv 
ii'dei  uvägäv)  verehrt.  Seine  Statue  {uycdya) 
stand  in  einem  Tempel , welchen  die  Psophi- 
dier  am  Flusse  Erymanthos  errichtet  hatten, 
Paus.  8,  24,  12.  — 2)  Sohn  des  Aristas  aus 
dem  Geschlechte  des  Nyktimos,  Vater  des 
Arrhon,  Grofsvater  des  Psophis,  des  Gründers 
der  Stadt  Psophis  in  Arkadien,  oder  Sohn  des 
Arkas  (Vater  des  Xanthos,  welcher  Vater  der 
Psophis  war),  wohl  identisch  mit  Erymanthos 
1;  Paus.  8,  24,  1.  — 3)  Sohn  des  Apollon. 
Er  wurde  geblendet,  weil  er  Aphrodite  nach 
ihrer  Vereinigung  mit  Adonis  (s.  d.)  hatte  baden 
sehen , worauf  Apollon  zürnend  sich  in  den 
Eber  verwandelte,  der  den  Adonis  tötete,  apo- 
kryph. Mythus  bei  Ptol.  Heph.  1.  [Roscher.] 

Erymas  {’EQvgug) , 1)  Trojaner,  von  Ido- 
meneus  erlegt  II.  16,  345,  nach  dem  Scliol.  V. 
z.  d.  St.  lasen  einige  Orymas.  — 2)  Lykier, 
von  Patroklos  erlegt,  II.  16,  415.  — 3)  Troja- 
ner, von  Aias  dem  Telamonier  erlegt,  Quint. 
Smyrn.  3,  231.  — 4)  Trojaner,  Gefährte  des 
Aineias,  von  Turnus  getötet,  Verg.  Aen.  9, 
702.  [Roscher.] 

Erymede  s.  Erimede. 

Erymos  ('EQvyog),  1)  Beiname  des  Zeus, 
Hes.  Tlicogn.  2,  64,  31.  — 2)  Argonaut,  Val. 
Flacc.  3,  194.  [Schultz.] 

Erysiche  CEgvoiirf),  Tochter  des  Acheloos, 
Heroine  der  gleichnamigen  akarnanischen  Stadt: 
Steph.  Byz.  s.  v.  p.  281  Alice.  [Crusius.] 

Erysichthon  ( ’Eqvgi'x&cov ).  — Litteratur: 
Spanheim,  observationes  in  Callimachi  hymnum 
in  Cererem,  Callim.  Vol.  2.  p.  67  sqq.  90  sq. 
Ern.  0.  Müller,  Prolegomena  zu  einer  ivissen- 
schaftlichen  Mythologie  S.  161  ff  (vgl.  Dorier  1 
S.  400 fl’.).  Preller,  Demeter  und  Persephone 
S.  329 ff.  (vgl.  gr.  Myth.  I3  S.  638.  2 S.  1381). 
Welcher,  gr.  Götterlehre  3,  107.  II.  D.  Müller, 
Mythologie  der  gr.  Stämme  1,  14,  34  ff.  Mann- 
liardt,  ant.  Wald-  u.  Feldkulte  S.  8 ff. ; Myth. 
Forschungen  hrsg.  von  Patzig  (1885)  S.  230. 
Clüoros  im  Forstwissenschaftlichen  Central- 
blatt 7 (1885)  S.  15 ff.  — 1)  Thessalien,  Sohn 
des  Myrmidon  (Zeugnisse  unter  A I)  oder  des 
Triopas  (Zeugnisse  unter  Al\.  III.  und  Steph. 
Byz.  s.  v.  Tqiotilov). 

A.  Die  Überlieferung. 

Die  Notiz  der  Scholl,  zu  Lykophron  1393, 
wonach  Aithon-Erysichthon  bei  Hesiod  erwähnt 
wurde,  beruht  auf  einem  längst  erkannten  Irr- 
tume  (vgl.  die  Paraphrase  bei  Scheer  p.  111  = 
op.  et  d.  363).  Das  älteste  Zeugnis  für  die 
Existenz  des  Mythos  ist  also  1)  Hellanikos  bei 
Athenaeus  10  p.  416  A = fr.  17  FHG  1 p.  48: 
'E7.luviy.og  sv  -itQcozco  AsvnaXmvsi'ag’EQvGi'xd'ovö: 
g>r]Gi  zbv  Mvgyiöovog , ort  yv  unkyazog  ßogüg, 
Ai&covu  yXy&yvui  (wiederholt  in  dem  Kataloge 
der  uSSyepäyoi  bei  Aelian.  var.  hist.  1,  27,  wo- 
zu vgl.  Klearch.  FHG  2,  307,  12.  Nicol.  Dam.  ib. 
3,  372,  28.  415,  77).  Der  Mythos  ist  hier  be- 
reits in  Thessalien  lokalisiert.  Dieselben  Ele- 
mente finden  wir  in  dem  nach  v.  Urlichs'  frühe- 
rer Ansicht  auf  Erysichthon  bezogenen  Ai'&cov 
des  Achaios  wieder  ( Trag . Graec.  fr.  p.  580 


Erysichthon  (Überlieferung)  1374 

Nch.),  wo  eine  Schmauserei  in  der  Unterwelt 
geschildert  wird.  Doch  hat  v.  Urlichs  später 
{Philol.  1,  559)  den  Titel  auf  Odysseus  bezogen, 
da  „Erysiclithoni  . . cum  Cliaronte  nihil  un- 
quam  fuisse  negotii.“  Dem  gegenüber  sei  her- 
vorgehoben, dafs  Komödienhelden  wiederholt 
in  die  Unterwelt  steigen,  lediglich  wegen  der 
dort  gebotenen  Gelegenheit,  billig  zu  schmau- 
sen (vergl.  Graf , ad  aureae  aetatis  fab.  symb. 
p.  71  sq. ; adde  Callim.  frgm.  85  p.  249  Schn. 
[von  der  attischen  Komödie  beeinflufst]) : ein 
Motiv,  welches  sich  für  den  verzweifelnden 
Erysichthon  trefflich  eignen  würde.  Doch 
bleibt  die  Sache  mindestens  zweifelhaft,  zu- 
mal sich  in  der  klassischen  Zeit  kein  poetisches 
Zeugnis  nachweisen  läfst.  — Es  folgen  die  helle- 
nistischen Dichter,  zunächst  II)  Kallimachos 
im  sechsten  Hymnos  slg  Ayyiqzgu.  Das  Ge- 
dicht ist  für  ein  von  Ptolemaios  Philadelphos 
eingesetztes  Demeterfest  bestimmt  {Scliol,  v.  1) 
und  nomisch  gegliedert.  Nachdem  in  der 
Katatropa  und  Metakatatropa  (v.  17 — 24)  die 
beiden*)  wichtigsten  Demetermythen  berührt 
sind,  wird  im  Omphalos  (v.  24 — 118)  in  brei- 
tester Ausführung  die  entlegene  Erysichtbon- 
sage  gegeben.  Der  Dichter  wird  dazu  veran- 
lafst  sein  durch  das  Pietätsverhältnis , wel- 
ches seinen  in  Kos  geborenen  königlichen 
Auftraggeber  mit  dem  triopischen  Hei- 
ligtume  verband  (vgl.  Theokr.  17,  68  mit 
Scholl.)-,  und  danach  wird  man  in  dem  Hym- 
nus des  Kallimachos  eine  durchaus  glaubhafte, 
vielleicht  auch  die  älteste  poetische  D ar- 
stellung  des  triopischen  Mythus  erblicken 
dürfen.  ,,In  Dotion  hatten  die  Pelasger  (vgl. 
Iasos  und  Pelasgos  als  Sohn  des  Triopas  bei 
Paus.  2,  22,  2.  FLellan.  scliol.  r 75  fr.  37  AI. : 
O.  Müller,  Prolegg.  S.  162)  der  Demeter  einen 
schönen  Hain  geweiht,  den  die  Göttin  liebte, 
wie  sie  Eleusis,  Triopion**)  oder  Enna  liebt. 
Aber  Erysichthon , der  Triopide , fafste  , vom 
Schutzgeist  des  Hauses  verlassen,  den  Ent- 
schlufs,  den  Hain  zu  fällen.  Mit  zwanzig  Skla- 
ven zieht  er  aus;  eine  gewaltige  Schwarz- 
pappel {ui'ysigog),  bei  der  die  Nymphen  um 
die  Mittagszeit  spielten  und  tanzten,  ward  zu- 
erst umgehauen  und  sang  den  andern  Bäumen 
ein  unheilvolles  Lied***).  Als  nun  Demeter 
merkt,  ozi  of  tyvXov  isqov  aXysi,  nimmt  sie  zu- 
erst die  Gestalt  ihrer  Priesterin  Nikippe  an 
und  warnt  den  Frevler.  Der  aber  droht  ihr 
mit  der  Axt  und  ruft  trotzig:  zuvzu  ö’  sgov 
Q-yGSi  ozsyuvbv  öoyov,  q>  svi  ä uiz ug  alsv  syoig 
szugoioiv  udyv  &vyaQsag  a|co  (54  f.).  Nemesis 
schreibt  die  argen  Worte  auf  (vgl.  Zenob.  4, 
11  Gott.  [trag,  adesp.  369  .ZV.],  Bahr.  130  Ebh.); 
Demeter  aber  offenbart  sich  in  ihrer  ganzen 

*)  Weder  die  von  Käsebier  (de  Callim.  nom.  poeta 
p.  8 sq.)  noch  die  von  Lübbert  (de  Pindari  nomorum  imitat. 
p.  22)  versuchte  Einteilung  befriedigt.  Man  wird  im 
Anschlufs  an  Bergk  (gr.  Litteratur  gesell.  2,  213)  1 f.  = 3 — G ; 
7 — iß  = 17 — 23  gliedern  müssen. 

**)  Gegen  v.  Wilamowitz’  zlguoita  Hiller,  Deutsche  Litte- 
ratur-Zeitung  1880,  14.  Sp.  482  f. 

***)  Meineke  hat  4,  79— 85  hierher  gerückt,  was  Mann- 
hardt S.  8 billigt.  O.  Schneider  p.  274  und  v.  Wilamowitz 
verschmähen  diese  Umstellung,  gegen  welche  auch  die 
Nachahmung  der  Stelle  hei  Ooid  Met.  8,  7 42  ff.  spricht. 


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1375  Ery  sich  thon  (Überlieferung) 

göttlichen  Majestät  (vgl.  llom.  hymn.  4 , 189, 
281).  Die  Sklaven,  halbtot  vor  Schrecken,  ent- 
fliehen. Die  Göttin  schont  der  irre  Geleiteten; 
dem  Herren  aber  ruft  sie  zu:  bau  Dir  ein  Haus, 
cp  evi  da  trag  ||  noiyGEig'  frupival  yug  eg  vgxs- 
qov  elhxnCvca  xoi  (v.  64).  Und  alsbald  sendet 
sie  über  ihn  furchtbaren  Heifshunger  — uygiov 
. . . Lpdv  ||  al'd'cova  hqcctbqov  — , den  nichts 
zu  stillen  vermag.  Lange  suchen  die  Eltern 
das  Elend  ihres  Sohnes  zu  verbergen;  immer 
neue  Vorwände  ersinnen  sie,  wenn  Einladungen 
von  Freunden  und  Verwandten  an  ihn  ergehen. 
Er  aber  nccvapegov  eiluxiivccGtug  ||  yo&ie  pvgioc 
nuvxu  . . . Dabei  schwindet  er  dahin,  dafs 
nur  noch  Sehnen  und  Knochen  von  ihm  über- 
bleiben. Die  ganze  Familie  ist  in  tiefer  Trauer; 
Triopas  selbst  fleht  in  ratloser  Verzweiflung 
zu  seinem  Vater  Poseidon  (v.  98)  • — aber  es 
giebt  keine  Hilfe.  Schliefslich  hat  Erysichthon 
alle  Schätze  des  Hauses  aufgezehrt,  und  nun 
sitzt  der  Königssohn  an  den  Dreiwegen  und 
bettelt  um  die  eußolu  Ivgccxu  daixog.“  Mit 
einem  in  nomischen  Kompositionen  häufig  an 
der  Stelle  der  ocpgayig  stehenden  Wunsche  des 
Dichters  (vgl.  Hom.  hymn.  1,  167.  Theokr.  26, 
26  [ Catnil  63,  97])  und  den  am  Anfang  und 
Scblufs  üblichen  Hinweisen  auf  die  rituellen 
Handlungen  (vgl.  6,  136ff. ; verwandt  Tibull. 
2, 1)  klingt  das  kunstvolle  Gedicht  befriedigend 
aus.  — Den  Kern  der  durch  reiches  genre- 
artiges Detail  belebten  Kallimachischen  Dar- 
stellung giebt  wieder  Suiclas  (d.  i.  ein  alter 
Lexikograph;  vgl.  Eustath.  II.  A p.  862,  7)  s.  v. 
cd'&cov ' o ßiaiog  lipog,  und  Ai'&oivog  HXiov  xi- 
vog*),  6g  x 6 Aypyxgog  ulcog  y.uxev.o'ipe  v.txi  xi- 
pcogtuv  vneGzy  atgiccv  v.ccl  dt cc  xovxo  sltytoxxev 
ulst.  — III)  Einen  neuen  Zug  bietet  Lykophron 
1393.  Hier  heifst  Erysichthon  der  Vater  xyg 
nuvzopogcpov  ßuGGugug  lupnovqidog  (rFüch- 
sin’,  wegen  ihrer  Schlauheit)  ||  . . . yx’  ul- 
cp  cc  lg  t zaig  ■naQ'  ypegctv  ||  ß ov n e lv  uv  cWat- 
vegksv  cenputuv  nuxgog,  b&veiu  yuzopovv- 
zog  (Umschreibung  von  Erysichthon)  At&wvog 
TtxEQcp  (so  Scheer;  vulg.  nxsgu,  doch  ccqÖtqco  in 
der  Paraphrase).  Weniger  orakelhaft  spricht 
Nikander  bei  Anton.  Lib.  17  ( Nieandrea  ed. 
Schn.  p.  54),  wo  Galatea  ihre  Bitte  um  Ver- 
wandlung ihrer  Tochter  motiviert  mit  einem 
Hinweis  auf  eine  Anzahl  gleicher  Fälle:  new 
'Tn e q py  g t qccv  (über  die  Namensform  vergl. 
Koch  zu  Anton.  Lib.  p.  197  und  den  Artikel 
Mnestra)  nLngaGxopevyv  inl  ywcavl  per  degu- 
g&ccl  xtfiov  (eine  poetische,  wohl  aus  Nikander 
entlehnte  Wendung),  uvdga  de  ysvopevyv  Ai- 
&covl  xQocpyv  unocpegeiv  xeo  naxQt.  In  beiden 
Zeugnissen  wird  die  Mnestra-Sage  bereits  als 
bekannt  vorausgesetzt.  Als  Summe  der  ihrem 
Hauptbestande  nach  aus  hellenistischen  Dich- 
tern gezogenen  Gelehrsamkeit  der  späteren 

*)  So  ist  richtig  überliefert : Erysichthon  gehört  nach 
etlichen  Zeugnissen  durch  seinen  Vater  Triopas  (mög- 
lich: <rou  rTf)i(j7ta'>  'HXlov)  in  die  Sippe  des  Helios:  vgl. 
BlocL  Sic.  5,  Gl.  Unbegreiflich  ist  es,  dafs  Bokker  Toup’s 
Konjektur  'HZeiov  in  den  Text  setzte:  von  der  Erysich- 
thonsage  findet  sich  in  Elis  keine  Spur.  Die  Vorschläge 
IfMou  in  (i)ftTct?.ou  (Reinesius , var.  lect.  3,  370)  oder  — 
'Equol/S ovo ; ( Preller  a.  a.  0.  S.  333 ll)  zu  ändern,  sind 
ebenso  unnütz  wie  willkürlich. 


Erysichthon  (Überlieferung)  1376 

Mythographen  darf  der  (von  H.  7).  Müller 
a.  a.  0.  sehr  mit  Unrecht  als  Grundlage  be- 
nutzte) Bericht  der  Scholl,  zu  Lykophr.  1393 
gelten.  ’Eqvgl%&cov  zig,  vibg  Tgidna,  s^exepe 
xd  ulaog  xyg  Aypyxgog ' y de  ogyiGsteicu  enoi- 
rjGSV  ccvxcp  eyicpvyvui  hpov  peyuv  . . . £t%s  de 
ovzog  'd'vyuzegu  Mvycxguv  ( Myoxgccg  die  Para- 
phrase bei  Scheer  p.  111)  epagperx  idu,  yzig 
elg  nccv  sidog  'Qcoov  pszeßccllexo  • xul  xuvzyv 
eile  ps&odov  z ov  hpov  o ncczyg"  sningucxs 
yug  uvxyv  xu&’  sxuGxyv  ypsguv  xui  sh  xov- 
xeov  szgscpszo'  y de  nocltv  dpSLßovGa  xo  sidog 
cpsvyovGa  ng dg  xov  xtccxsgu  yg%ezo ' d de  ’Egv- 
glx&cov  Al'&cov  sxalsito diu  xov  hpov. 

Mit  diesem  Bericht  deckt  sich  im  wesent- 
lichen Palaiphatos  incred.  24  ( Mythogr . p.  287 
Westerm.),  ausgeschrieben  und  zu  einem  künst- 
lichen „Sprichwort“  (falsch  Preller  334 1B)  ver- 
arbeitet von  Apostolios  11,  21  p.  520  ed.  Gott. 
Myazgu , die  Tochter  des  Eqigl'x&cov,  (so  sind 
die  Namen  überliefert),  habe  der  Sage  nach 
die  Gabe  besessen,  sich  nach  Belieben  zu  ver- 
wandeln. To  ddy&tg  sei  folgendes.  Erysich- 
thon, ein  Thessalier,  habe  sein  Geld  durch- 
gebraebt  und  sei  verarmt.  Er  habe  jedoch 
eine  schöne  Tochter  besessen,  in  die  sich  ein 
jeder,  der  sie  sah,  verliebte;  ügyvgicp  per  ovv 
ot  xozs  av&gumoi  ovx  s pvy  gx  s v ovx  o,  sdido- 
gccv  de  ol  per  innovg,  oi  de  ßovg  . . . Da 
hätte  man  denn  gesagt:  y Myoxgu  eyevexo 
ccv t cp  noevzu.  Aus  dieser  thörichten  Erklärung 
wird  man  als  einen  gut  hellenistischen , wohl 
auch  bei  Nikander  vorauszusetzenden  Zug  ent- 
nehmen dürfen,  dafs  es  die  tdvu  waren,  welche 
die  Tochter  ihrem  Vater  einbrachte.  Der  bei 
jenem  ältesten  Zeugen  'Tnegpryatqu  lautende 
Name  wird  gerade  mit  Rücksicht  darauf  er- 
funden sein  (vgl.  Fick,  griecli.  Personennamen 
S.  127*).  An  das  Ende  dieser  Zeugnissamm- 
lung möge  als  Abschlufs  der  Entwickelung 
des  Mythos  in  der  Poesie,  die  prächtige  Er- 
zählung Ovids  (metam.  8,  738  — 878)  treten,  der 
sicher  auch  hier  die  Darstellung  der  letzten 
Hellenisten  in  breiterer  Ausführung  uns  ver- 
mittelt. Achelous  erzählt  dem  Tlieseus,  um  die 
Wunderkraft  der  Götter  zu  beweisen,  wie  sie 
die  Fähigkeit,  in  plures  transire  figuras,  selbst 
besitzen  und  andern  mitteilen  könnten.  Als 
Beispiel  gilt  ihm  unter  andern  „Autolyci  con- 
iunx,  Erysichthone  natau  (vgl.  oben  Sp.  735  d. 
Artikel  Äutolykos,  wo  aber  diese  durch  die 
Wesensverwandtschaft  beider  Gestalten  hervor- 
gerufene Verbindung  übersehen  ist.)  Ihr  Vater 
ist  ein  Verächter  der  Götter;  er  bringt  keine 
Opfer  dar,  ja,  er  soll  sogar  cereale  nemus  J 
violasse  securi.  Zuerst  befiehlt  er  seinen  Die-  i 
nern,  die  Zierde  des  Haines  zu  fällen,  eine  ur-  | 
alte,  gewaltige  Eiche,  unter  der  die  Dryaden 
ihre  Reigentänze  aufzuführen  pflegten.  Als  sie 
zaudern , thut  er  selbst  den  ersten  Schlag. 
Contremuit  gemitumque  dedit  Deoia  (der  De-  ■ 
meter  gehörig)  quercus  ( Kallim . 40);  Laub  und 
Rinde  werden  fahl  und  Blut  fliefst  aus  dem 
Spalt.  Bei  diesem  Wunderzeichen  erstarren 

*)  Tzetz.  Chil.  2,  665  hist.  47  verschmilzt  lediglich  den 
in  den  Scholien  gegebenen  Bericht  mit  der  Erklärung  des 
Palaiphatos, 


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1377  Erysichthon  (Überlieferung) 

alle;  doch  einer  fafst  sich  ein  Herz  und  fällt  dem 
Erysichthon  in  den  Arm.  Der  Wütende  aber 
streckt  ihn  nieder  und  trifft  dann  Schlag  auf 
Schlag  den  Baum,  bis  die  Stimme  der  Nymphe 
aus  ihm  erklingt:  nympha  sub  hoc  ego  sum 
Ccrcri  gratissima  ligvo  ||  quac  tibi  fadorum 
poenas  instar e tuorum  ||  vaticinor  moriens  . . .*) 
Aber  er  steht  nicht  ab,  bis  die  Eiche  scliliefs- 
1 ich  zur  Erde  sinkt,  die  entgegenstehenden 
Bäume  mit  niederschmetternd.  Da  legen  alle 
Dryaden  Trauerkleider  an,  ziehen  zur  Ceres 
und  verlangen  die  Strafe  des  Verbrechers. 
Die  Göttin  beschliefst,  ihn  von  der  pestifera 
Farnes  (784)  zerreifsen  zu  lassen.  Da  sie  selbst 
mit  dem  Dämon  nicht  Zusammenkommen  darf, 
mufs  eine  Oreade  auf  zauberischem  Drachen- 
wagen zu  ihm  in  die  skythische  Wüste  eilen 
und  die  Botschaft  ausrichten.  Noch  in  der- 
selben Nacht  läfst  sich  der  Unhold  vom  Winde 
zu  Erysichthon  tragen , der  in  tiefem  Schlafe 
ahnungslos  daliegt,  scque  viro  inspirat  fauccs- 
que  et  pectus  et  ora  ||  adflat,  und  kehrt  dann 
heim.  Schon  im  Traum  fafst  Erysichthon 
wilde  Gier;  und  bald  hat  die  flamma  gulac 
all  sein  Hab  und  Gut  verzehrt  (die  Ausfüh- 
rung im  einzelnen  im  Anschlufs  an  Kallim. 
67  f.  89  f.,  in  breiteren  Strichen).  Schliefslich 
ist  nur  seine  Tochter  noch  übrig  (ihr  Name 
wird  bei  Ovid  nicht  genannt);  auch  sie  wird 
verkauft.  In  dieser  Not  fleht  das  Mädchen  zu 
Neptun,  qui  rapta  praemia  virginitatis  habe- 
bat, er  möge  sie  befreien.  Der  Gott  erhört 
sie  und  verleiht  ihr  die  Gestalt  eines  Fischers; 
aber  erst  als  ihr  Käufer  sie  nach  der  ver- 
meintlich entlaufenen  Sklavin  fragt,  wird  sie 
sich  der  Verwandlung  bewufst.  Sie  kehrt  zu 
ihrem  Vater  zurück,  und  nachdem  dieser  ihre 
Wundergabe  erprobt  hat,  verkauft  er  sie  wie- 
der und  wieder,  sie  aber  entflieht  bald  als  Stute, 
bald  als  Kuh  oder  Hirsch.  Doch  schliefslich,  / 
wie  das  Leiden  (876  = Kallim.  103)  immer 
mehr  wächst,  zerfleischt  er  sich  die  eigenen 
Glieder  — minuendo  corpus  alebat. 

Angeschlossen  sei  endlich  noch  Schol.  Vict. 
II.  Z.  191,  p.  175  Bkk.,  wo  Bellerophon  Sohn 
des  Poseidon  und  prjZQog  zrjg  ’Eqvgl%&ovos 
heifst.  Nach  der  Anleitung  Odds  hat  man 
hier  mit  grofser  Wahrscheinlichkeit  MrjGZQceg 
korrigiert  ( Preller  S.  33415).  Ohne  Belang  ist 
das  späteste  poetische  Zeugnis  Agathias  Anth. 
Pal.  11,  379:  si  ydq  aei  ßovßqcoGziv  £%sig  ’Eqv- 
gi'x&ovos  uvzov  ||  nod  zd%u  daqSäipsig  nal  qu7ov 
ov  KuhssLs:  denn  ein  Analogon  für  den  letzten 
Zug  wird  man  in  der  Sage  nicht  voraussetzen 
dürfen. 

B.  Kritik. 

Die  nur  bei  Ovid  erscheinende  Sendung  der 
Oreade  in  das  Reich  der  Farnes  ist  sicher 
ein  junges  Ornament  (vgl.  den  Wohnsitz  der 
Invidia  2,  766),  welches  jedoch  schon  von 
einem  Hellenisten  vorgebildet  sein  mag,  wie 
Kallimachos  Hymn.  2,  113  (falsch  erklärt  von 
Couat,  la  poesie  Alexandrine  S.  506)  einen 
Wohnsitz  des  Momos  und  Phthonos  (vgl.  Babr. 

*)  Für  diesen  Zug  vgl.  Sers,  ad  Verg.  Bucol.  10,  02  = 
'Scholl.  Bern.  p.  837  Ilagen. 

Roscher,  Lexikon  der  gr.  u rom,  Mythol. 


Ei-ysichthon  (Kritik)  1378 

59,  6)  kennt  und  Nonnos  8,  117  die  Apate  bei 
den  Kretern,  Babrios  128  Ebh.  die  Wahrheit 
in  der  Wüste  wohnen  läfst  (vgl.  auch  Simon. 
fr.  58,  p.  415,  Bgk.*).  Im  übrigen  enthält  auch 
diese  Partie  der  Ovidianischen  Darstellung 
wertvolle  volkstümliche  Züge,  wie  wenn  Farnes 
sich  bei  Nacht  ihrem  Opfer  „einhaucht.“  In 
den  offenen  Mund  des  tief  Schlafenden  dringt 
der  Dämon,  wie  man  nach  griechischem  Aber- 
glauben durch  Gähnen  zum  Werwolf  wird  (vgl. 
Aesop.  196  H.  nXinzyg  hccI  nctvdoxsvg , erklärt 
durch  das  Material  bei  F.  Liebrecht,  z.  Volks- 
kunde S.  320).  Doch  finden  sich  verwandte 
Anschauungen  auch  bei  den  Römern  (vgl.  oben 
Sp.  850  r Candelifera’)  und  so  könnte  Ovid, 
der  treffliche  Kenner  italischen  Volksglaubens, 
diesen  Zug  recht  wohl  neu  angefügt  haben. 

Nur  bei  Ovid  und  vielleicht  in  den  Ilias- 
Scholien  ist  ferner  das  Verhältnis  der  Tochter 
des  Erysichthon  zu  Poseidon  überliefert.  Da 
nun  ihr  Gebet  an  Neptun  just  an  derselben 
Stelle  der  Erzählung  steht,  wo  bei  dem  auch 
sonst  vielfach  benutzten  Kallimachos  Triopas 
seinen  Vater  Poseidon  anfleht,  so  wird  man 
hier  eine  durch  jenen  zufälligen  Umstand  an- 
geregte Erdichtung  anzunehmen  haben,  der 
(wegen  des  Zeugnisses  des  Scholien -Mytho- 
graphen)  vermutlich  einem  hellenistischen  Vor- 
gänger des  Römers  zuzuschreiben  ist;  doch 
vgl.  auch  die  Buhlschaft  der  Triopide  Iplii- 
medeia  mit  Poseidon.  — Dabei  fällt  auf,  dafs 
V.  850  f.  nur  von  einer  Metamorphose  der 
Mestra,  nirgends  von  der  Mitteilung  der  Gabe, 
sich  zu  verwandeln,  die  Rede  ist;  auch  wird 
nicht  recht  motiviert,  warum  Erysichthon  trotz 
seiner  unversieglichen  Erwerbsquelle  zu  jenem 
verzweifelten  Ende  getrieben  wurde.  Hier 
scheinen  zwei  Fassungen  kontaminiert.  Bei 
Nilcander  war,  wenn  man  die  knappe  Andeu- 
tung bei  Antoninus  Liberalis  beim  Worte 
nehmen  darf,  von  einer  einmaligen  Verwand- 
lung die  Rede;  daran  fügt  sich  der  Schlufs 
bei  Ovid.  V.  875  f.  gut  an.  Bei  Lykophron 
besitzt  Mestra  überhaupt  die  Verwandlungs- 
gabe, vermutlich  als  Zauberin,  wie  das  Scholion 
(wohl  aus  Konjektur)  gut  bemerkt;  dieselbe 
Auffassung  setzt  der  Bericht  des  Palaiphatos 
voraus,  und  sie  wird  die  ältere  gewesen  sein. 

Die  märchenhafte  Mestra-Episode  ist  nur 
den  Zeugnissen  der  dritten  Gruppe  eigen;  bei 
Kallimachos  darf  mau  sie  nicht  einmal  ward 
to  GLConcöysvov  voraussetzen , da  der  junge 
Königssohn  nicht  bereits  eine  erwachsene  Toch- 
ter gehabt  haben  kann.  Nichtsdestoweniger 
ist  für  die  Ursprünglichkeit  des  Zuges  H.  D. 
Müller  S.  36  eingetreten,  während  bereits 
Preller  S.  331  und  neuerdings  Mannhardt 
S.  61 1 darin  eine  ganz  junge  und  zufällige 
Ausschmückung  der  Sage  erblickt  haben.  Die 
diplomatische  Kritik  erweckt  ein  günstiges 
Präjudiz  für  die  letztere  Ansicht,  die  aber 
auch  durch  sachliche  Gründe  unterstützt  wer- 
den kann.  Der  zwischen  den  Formen  ’Tpsg- 
pvrjGZQa  und  AIvgGzqa  ( MqGZQcc ) schwankende 
Name  („die  Vielumworbene“:  Fick  a.  a.  0.) 
scheint  einfach  aus  ihrer  oben  erschlossenen 
Auffassung  entwickelt.  Das  Motiv  selbst,  zu- 
mal in  der  Fassung  des  Lykophron  ( Tzetzes ), 

44 


1379 


Erysichthon  (Kritik) 

kehrt  ganz  ähnlich  wieder  in  der  alexandrini- 
schen  Sage  von  Pases  dem  Magier,  der  neben 
mancherlei  Wundergaben  auch  ein  Hemiobo- 
lion  besafs , welches  immer  wieder  zu  ihm 
zurück  kam  ( Suidas  s.  v.  Udmjg , excerpiert 
aus  Plutarchs  proverbia  Alexandrina , indirekt 
aus  Apion  tzbq'l  yuyov:  FHG  3,  p.  515,  vgl. 
Crusius , analecta  ad  paroemiogr.  p.  1264).  Er- 
zählungen von  Zauberinnen,  die  sich  und  andere 
in  beliebige  Tiere  zu  verwandeln  vermögen, 
finden  sich,  aus  gleichen  Kreisen  und  gleicher 
Zeit  stammend,  bei  Lucian  und  Apuleius.  Für 
die  ergötzliche  Erfindung,  dafs  der  hungrige 
Vater  seine  Tochter  verkauft  — wohl  auch  in 
Tiergestalten,  obwohl  das  in  den  Zeugnissen 
nicht  klar  ausgesprochen  ist  — könnte  man  ge- 
radezu die  attische  Komödie  ( Aristoph . Acharn. 
136  ff.)  verantwortlich  machen,  deren  Einwir- 
kung die  Mythopöie  der  Hellenisten  auch 
sonst  verspüren  läfst  (vgl.  oben  A,  .1).  Diesen 
Erwägungen  gegenüber  verschlägt  die  Bemer- 
kung II.  D.  Müllers  doch  wenig,  dafs  die 
Mestra-Episode  nicht  losgelöst  werden  könne, 
da  sie,  für  sich  betrachtet,  sinnlos  sei:  in  sol- 
chen Wundergeschichten  darf  kein  Sinn  ge- 
sucht werden.  Wir  haben  demnach  dies  „Mär- 
chen“ als  jungen  Auswuchs  auszuscheiden  und 
bei  der  Deutung  bei  Seite  zu  lassen. 

Die  Elemente,  welche  die  zweite  und  dritte 
Zeugnis -Gruppe  gemeinsam  haben,  sind  ein 
Frevel  des  Erysichthon  am  Haine  der 
Demeter  und  seine  Bestrafung  durch  Heifs- 
hunger:  und  sie  hat  man  fast  allgemein  als 
einheitliches  Ganzes  aufgefafst  und  zu  deuten 
versucht.  Nun  legt  Diodor  5,  57  nach  einer 
gelehrten,  reiche  Lokaltraditionen  enthaltenden 
Quelle  (ähnlich  [ Hygin .]  astr.  2,  14)  den  Hain- 
frevel vielmehr  dem  Triopas,  Erysichthons 
Vater,  bei:  ivzavQ’a  (im  dotischen  Gefilde)  Ss 
vlrj  xb  zsgsvog  xi]g  Argiiqzgog  SKKOtpavza  zfj  ylv 
KuxcexQrioaGd'cxL  ngog  ßaGilslcov  nar  ccGKSvrjV 
(vgl.  Kallim.  54 f.),  dz  r\v  alz  luv  vno  zoöv 
gy%coQicov  [UGrjO'Bvza  cpvyszv  bk  OszzuXlag  Kai 
kuzcmIbvgou  . . . elg  rrjv  Kvtälav.  Eine  ganz 
ähnliche  Sage,  gleichfalls  in  Kleinasien  lokali- 
siert, findet  sich  bei  Apollonios  Ehodios  2, 
475  ff. ; vgl.  Mannhardt  S.  9.  Der  Vater  des 
Paraibios  vernachlässigt  im  Jugendübermut 
die  Bitte  einer  Hamadryade  um  Schonung 
ihres  fLebensbaumes’,  den  er  zu  fällen  beab- 
sichtigt. Die  Nymphe  aber  straft  ihn  und 
seine  Kinder  mit  Verlust  ihrer  Habe,  bis 
Paraibios  einen  Altar  errichtet  und  Opfer  dar- 
bringt. Hier  erscheint  also  der  Baumfrevel, 
von  Demeter  und  Erysichthon  losgelöst,  als 
einfaches  Nymphen-Märchen.  Auf  die 
gleiche  Fährte  leitet  uns  die  ausführlichste 
Darstellung  des  Mythos,  die  bei  Ovid.  Hier 
ist  die  Nymphe,  die  mit  dem  ihr  geheiligten 
Baume  blutet  (keine  Erfindung  von  Ovids 
‘'Scharfsinn’  [ Lehrs ’ pop.  Aufs.'1,  S.  116],  aber 
möglicherweise  aus  italischem  Volksglauben 
entnommen,  vgl.  die  Parallelen  b.  Mannhardt 
S.  23  ff.),  die  verletzte,  welche  zur  Göttin  um 
Rache  schreit:  ein  volkstümlicher,  sagenechter 
Zug,  den  bereits  Mannhardt  S.  11  auf  eine, 
„wenn  micht  der  Abfassungszeit,  so  doch  dem 
Stoffe  nach  vorkallimaclieische  Dichtung“ 


Erysichthon  (Deutung)  1380 

glaubte  zurückführen  zu  müssen.  Demnach 
ist  es  vielleicht  kein  blofser  Zufall,  dafs  in 
ältesten  Zeugnissen  (Gruppe  I)  dies  'Nym- 
plien-Märclien’  ganz  . wegfällt  und  nur  der 
Heifshunger  des  Erysichthon  erzählt  wird, 
ein  Motiv,  welches  allen  drei  Gruppen  gemein- 
sam ist  und  daher  sicher  zum  Stamm  des  My- 
thos gehört.  Jedesfalls  wird  man  der  Ver- 
mutung Böttichers  ( Baumkultus  der  Hell.  S.  50, 
' vgl.  Overbeck,  Kunstmythol.  3,  409),  dafs  ur- 
sprünglich wohl  Demeter  selbst  in  der  Gestalt 
des  Baumes  verehrt  gedacht  sei,  mit  Mifs- 
trauen  entgegen  treten.  Doch  können  hier 
nur  innere  Gründe  entscheiden. 

C.  Deutung. 

0.  Müller  meint,  die  Sage  sei  sehr  leicht 
zu  deuten,  wenn  man  wisse,  „dafs  Erysichthon 
auch  Ai&cov,  Brand,  hiefs , und  Igvoißij  durch 
Sonnenbrand  auf  Tau  hervorgebrachter  Mehl- 
tau ist,  ein  arger  Feind  der  Demeter,  die 
ihn  auch  sonst  als  ’Egvaißta  abwehrte.“  — 
Preller  wirft  ein,  dafs  doch  egvolßri  mit  ’Eqv- 
gI%Qcov  nicht  identisch  sei  und  auch  im  ein- 
zelnen die  Anwendung  nicht  passen  würde. 
Er  bezieht,  wie  Hellanikos  (oben  A I),  den  Bei- 
namen Ai&av  auf  den  Heifshunger  und  meint, 
dafs  der  Name  ’Envar/ßoiv,  „der  Erdaufreifser,“ 
ursprünglich  ein  Appellativ  als  Epithet  des 
Triopas  gewesen  sei,  der  auch  geradezu  „für 
Erysichthon  genannt  werde“  (vgl.  B,  Sp.  1379). 
Im  übrigen  warne  die  Legende  davor,  die 
Gaben  der  „Urheberin  aller  Nahrung“  im 
Dienste  blofser  Völlerei  zu  mißbrauchen;  sonst 
verwandle  die  Göttin  ihre  Segnungen  in  Fluch : 
der  Prasser  werde  mit  nie  zu  stillendem 
Hunger  geschlagen  — ein  Zug,  für  den  pas- 
send die  Wundergeschichte  im  Anfang  der 
Rede  des  [Lysias'j  gegen  Andolcides  (6  : Blass, 
att.  Beredsamk.  1,  S.  566)  herangezogen  wird. 
Diese  echt  rationalistische  Erklärung  entspricht 
ganz  der  Auffassung  des  vorigen  Jahrhunderts 
und  ist  in  der  Hauptsache  von  Spanheim  zu 
Kallimachos  V.  64  p.  790  Ern.  vorwegge- 
nommen. Es  ist  dabei  aber  ein  Motiv,  wel- 
ches nur  bei  Kallimachos  sich  findet  (V.  54, 
oben  A 2)  und  in  seiner  tendenziösen  Ab- 
sichtlichkeit entschieden  den  Eindruck  des 
willkürlich  Erfundenen  macht,  zum  Ausgangs- 
punkt der  Erklärung  genommen;  eine  so  platte 
Moral  wird  schwerlich  der  Keimpunkt  dieser 
reich  entwickelten  Sage  gewesen  sein.  — Das- 
selbe gilt  gegen  Welckers  Erklärung,  „es 
scheine  der  ins  Vornehme  umgebildeten  Sage 
eine  ländliche  Parabel  zu  Grunde  zu  liegen, 
die  den  Ackersmann  von  dem  Freveln  an  dem 
heiligen  Holz  abschrecken  sollte.“  — Eine  tie- 
fer greifende  Deutung  versuchte  II.  D.  Müller. 
Erysichthon,  der  Pflüger,  sei  der  Typus  des 
Ackermanns;  seine  Tochter  MrjGzga  deren  Name 
(falsch  hergeleitet  von  ggSogaz,  „die  Kluge“ 
[wie  Preller  Myth.  1,  6383])  nichts  zur  Deu- 
tung beitrage,  könne  nichts  anders  sein,  als 
das  „Produkt  seiner  Arbeit,“  die  Saat  (vgl. 
gtzslqslv  und  agovv  = zeugen).  Der  Haupt- 
sinn des  Mythos  sei  also:  „der  Ackerbau  ver- 
zehrt das  Produkt  seines  Arbeit,  das  ihm  aber 
immer  von  neuem  freiwillig  wiederkommt,  in- 


1381  Erysichtlion  (Deutung) 

dem  die  alljährlich  sich  erneuernde  (verwan- 
delnde) Saat  ihm  stets  neuen  Ertrag  liefert.“ 
Bei  dieser  Deutung,  welche  den  Mythos  gleich- 
falls zu  einer  dürren  Parabel  macht,  bleibt 
unerklärt,  warum  der  Vertreter  des  .Ackerbaus 
als  Frevler  an  der  Demeter  hingestellt  wird. 
Zudem  ist  ihr  der  wichtigste  Stützpunkt , das 
Mestra-Märchen , durch  unsere  obigen  Ausein- 
andersetzungen wohl  entzogen.  Diese  Beden- 
ken lassen  sich  nicht  geltend  machen  gegen 
die  neuerdings  von  Chloros,  einem  griechischen 
Forstmanne,  versuchte  Deutung:  „Erysich- 

thon  hat  den  Wald  devastiert,  Ceres  rächt 
sich  durch  Hungersnot  — d.  h.  nach  der 
Entwaldung  kann  die  Landwirtschaft  nicht  be- 
stehen.“ Aber  der  ''gemeine  Mann’  mufste  über 
derartige  Fragen  doch  wohl  handgreiflicher 
belehrt  werden,  als  durch  solche  'mystische 
Erzählungen.’  Man  sieht  an  diesem  warnen- 
dem Beispiele  wieder,  wie  leicht  der  Mythos 
jeder  mitgebrachten  Vorstellungsmasse  sich 
assimilieren  läfst.  — Weitaus  das  Förderndste 
sind  die  Ausführungen  Mannhardts.  Die  Erzäh- 
lung sei  keine  Demetermythe,  sondern  ein  altes 
Naturmärchen;  „Erysichtlion  wird  von  dem  ihn 
aufzehrenden  Hunger  befallen  in  notwendiger 
Folge  seines  an  der  Nymphe  verübten  Frevels  . . . 
Da  der  Baum  fortan  verkümmert,  ergreift  auch 
ihn  Abzehrung  . . . Ein  Erzähler,  der  das  nicht 
mehr  verstand,  fafste  diesen  Mangel  positiv 
als  nicht  zu  befriedigende  Efslust  auf  . . . 
Später  reflektierte  man,  dafs  unstillbarer  Hun- 
ger eine  Strafe  der  speisegebenden  Demeter 
sein  müsse  und  machte  nun  den  geschändeten 
Hain  zu  ihrem  Eigentume  . . .“  Die  Ausschä- 
lung des  Nymphenmärchens  ist  schon  nach 
dem  unter  B Gegebenen  annehmbar;  zu  wei- 
terer Bestätigung  kann  die  von  Mannliardt 
übersehene  Thatsache  dienen,  dafs  noch  in 
hellenistischer  Zeit  das  triopische  Fest  in 
erster  Linie  den  Nymphen  galt:  vgl. 
Aristeides  tisqI  Kviöov  scholl.  Theocr.  17,  69  = 
FHG  4,  p.  324  . . . ayszca  de  HOivrj  vnh  zcov 
Awqlscov  aycov  kv  Tqiohlw  Nvycpais  Tlo- 
osiöcövi  ’JnoHcovi.  Die  Sage  vom  Baumfrevel 
wird  also  am  Triopion  im  Schwange  gewesen 
und  ursprünglich  (vgl.  das  Zeugniss  Eiodors) 
an  Triopas  angeheftet  sein.  Bedenklicher  er- 
| scheint  Mannhardts  Hypothese,  der  Baum  der 
Nymphe  sei  als  Erysichthons  'Lebensbaum’ 
gedacht.  Von  dieser  Auffassung  findet  sich 
in  der  ganzen  Tradition  keine  Andeutung, 
während  sie  in  den  Sagen  von  den  Morien, 
von  Phylakos,  Meleager,  Oxylos  ( M.  Mayer, 
de  Euripidis  mythopocia  p.  56),  dem  Baume 
Vergils  und  der  Flavier  klar  am  Tage  liegt. 
Aufserdem  läfst  Mannhardt  einen  Vorteil  ganz 
aus  den  Augen,  den  Preller  und  Müller  mit 
Recht  auszunutzen  suchen : den  besonders  durch- 
sichtigen Namen  des  Helden.  - — Der  Unter- 
zeichnete möchte  annehmen,  dafs  jenes  klein- 
asiatische Nymphenipärchen  wie  viele  ähnliche 
Elemente  (Pohde,  der  gr.  Roman  S.  109)  erst  in 
hellenistischer  Zeit  ans  Licht  gezogen  und  mit 
einer  andern  Sage  verbunden  ist,  deren  Kern 
uns  von  dem  ältesten  Zeugen,  Hcllanikos, 
überliefert  wird.  Als  Schlüssel  dient  die 
Bedeutung  des  Namens:  der  'Erdaufreifser’ 


Ery  sich  ihon  (Deutung)  1382 

(Beiname  des  Pflugstiers  bei  Strato  Athen. 
9,  p.  382,  vgl.  Loheck,  Aglaoph.  856  dd; 
Roscher,  Fleckeisens  Jahrbb.  123,  S.  671).  Der 
Held  der  Sage  ist  danach  ursprünglich  nur  der 
heroisierte  Ackerbauer.  Durch  seine  Poly- 
phagie wird  eine  solche  Auffassung  bestätigt. 
Wir  finden  diesen  Zug  wieder  bei  Lityerses, 
welcher  schon  von  Aelians  peripatetischer 
Quelle  deshalb  mit  Erysichtlion  zusammenge- 
stellt wurde.  Lityerses  wird  aber  als  Erfin- 
der des  Ackerbaues  gedacht  und  ist  nach 
Mannhardt  ( Myth . Forsch.  S.  17)  nichts  als 
die  Projektion  eines  Schnitters;  seine  Gefräfsig- 
keit  bildet  nur  die  „Efslust  ab,  die  in  allen 
Zeiten  und  Zonen  die  unausbleibliche  Folge 
kraftverzehrender  Erntearbeit  gewesen  ist“ 
(a.  a.  0.  S.  18).  Parallelen  aus  nordeuropä- 
ischem Volksbrauche  ( Mannliardt  S.  28,  71 
u.  s.  f.)  erheben  diese  Erklärung  trotz  des 
Einspruches  von  Rüdiger  (D.  L-Z.  1885,  930) 
über  jeden  Zweifel.  Freilich  steigert  sich 
bei  Erysiclithon  der  Hunger  zur  Bulimie  und 
wird  als  Strafe  der  erzürnten  Göttin  auf- 
gefafst.  Der  Unterz,  vermag  darin  nur  eine 
mifsverständliche  Weiterbildung  jener  alten 
Anschauung  zu  erkennen.  Doch  kann  sie 
immerhin  schon  vor  dem  Hinzutreten  des  Nym- 
phenmärchens vorgenommen  sein , ja  dem 
Namen  selbst  zu  Grunde  liegen.  Gerade  das 
Aufreifsen  der  Erde  wird  als  die  Schuld 
gedacht  sein,  welche  Hunger  und  Elend  über 
den  Helden  bringt.  So  wäre  die  Sage  ethisch 
umgedeutet  und  unter  den  Einflufs  der  weit- 
verbreiteten Anschauung  getreten,  dafs  der 
Mensch  durch  die  Annahme  einer  künstlichen 
Kultur  mit  einem  alten,  seligen  Zustande 
bricht.  Die  Erde  spendet  im  goldnen  Zeit- 
alter, „als  Kronos  König  war,“  alles  von 
selbst  ( Hes . op.  et.  d.  111;  Cratin.  p.  62,  64  JU ; 
Telecl.  p.  209  7V;  Philem.  p.  86  M. ; Ruhr.  1, 
12;  abweichend  nur  Arat:  Graf,  ad  aareae 
aetatis  fab.  syrrib.  p.  50,  55).  Da  kommt  ein 
schlimmeres  Menschengeschlecht  und  sucht 
sie  zu  zwingen  ( Ovid . met.  1,  103),  sucht  ihr 
mit  dem  Pfluge,  wie  mit  einer  Waffe  (Ovid. 
1,  102  saucia,  vgl.  124,  138)  ihre  Gaben  abzu- 
trotzen (vgl.  Verg.  ecl.  4,  40),  und  später:  itum 
est  in  viscera  terrae  . . . effodiuntur  opes,  in- 
ritamenta  malorum  (vgl.  Graf  S.  58).  Aber 
mit  der  gesteigerten  Erwerbsthätigkeit  kommt 
der  amor  sceleratus  habendi,  die  auri  sacra 
fames  in  die  Welt.  Solche  auch  in  deut- 
schen Sagen  vielfach  ausgesprochenen  Lehren 
griechischer  Volksweisheit  wird  man  auch  in 
die  Sage  vom  'Erdaufreifser,’  der  mit  unstill- 
barem Hunger  behaftet  ist,  hineingelegt  haben. 
Auffällig  ist  nur  die  Rolle,  welche  jetzt  De- 
meter spielt,  da  ihr  die  gewöhnliche  Überlie- 
ferung gerade  die  Erfindung  des  Ackerbaues 
zuschreibt.  Konsequent  wäre  es  gewesen,  wenn 
man  für  sie  die  wahlverwandte  Gaia,  die  Mut- 
ter des  Kronos,  eingesetzt  hätte,  deren  Ele- 
ment durch  Erysichtlion  verletzt  wird.  — Die 
bildende  Kunst  liefert  keine  Darstellung  des 
Mythos:  eine  weitere  Bestätigung  dafür,  dafs 
er,  wenigstens  in  seiner  jüngeren,  sehr  wohl 
darstellbaren  Fassung,  nicht  zu  dem  alten  Ele- 
mente der  Demeterreligion  gehört  (0.  Müller, 

44* 


io 

20 

30 

40 

50 

60 


1384 


1383  Erysichthon  (Deutung) 

Preller) , sondern  verhältnismäfsig  spät  aus 
jenem  bescheidenen  Keime  herausgebildet  und 
vielleicht  erst  von  den  hellenistischen  Dich- 
tern in  die  Sphäre  der  Poesie  eingeführt  ist.  — 

2)  Athener,  Sohn  des  Kekrops  und  der  Agrau- 
los  ( Apollod . bibl.  3,  14,  1.  2).  Zuerst  erwähnt 
hei  Plato  Critias  p.  110  a,  der  ihn  nach  Erech- 
theus  und  Erichthonios  nennt,  sonst  aber  nichts 
von  ihm  zu  berichten  weifs  (to:  zäv  ntxlcuwv 
övöycxzcc  avsv  zcbv  sgycov  öraatGcozca,).  Doch 
erzählt  der  Atthidograph  Phanodemos  bei 
Athen.  9,  11  p.  392  D = FEG  1,  p.  366  von 
einer  Fahrt  dieses  Erysichthon  nach  Delos. 
Damit  ist  zu  kombinieren  Plut.  fr.  10  bei 
Fuseb.  praep.  ev.  3,  8 p.  88  (aus  gleicher  oder 
verwandter  Quelle),  wonach  das  älteste  Holz- 
agalma zu  Delos  von  ihm  tni  zcöv  cogichv 
gestiftet  wurde.  Von  Delos  sollte  er  dann 
das  älteste  Xoanon  der  Eileithyien  nach  Athen 
gebracht  haben  {Paus.  1,  18,  5);  doch  sei  er 
auf  der  Rückreise  gestorben  und  in  Prasiai 
begraben,  wo  man  sein  Grabmal  zeigte  {Paus. 
1,  51,  2 t'czi  äs  (ivrjfMx  ini  ngaaiaig  ’Eqvgl- 
X&ovog,  rng  snofii'^szo  oniaco  pszcc  zrjv  atscogiav 
£x  ArjXov,  yevogsvgg  ol  uazä  zov  nXovv  zgg 
zsXivzyg).  Zur  Regierung  soll  er  nicht  ge- 
kommen sein,  da  er  bei  Lebzeiten  seines  Va- 
ters kinderlos  starb.  {Paus.  1,  3,  6). 

Die  Sage  trägt  wesentlich  historischen  Cha- 
rakter. Vor  allem  erklärt  sie  in  der  Weise 
der  „prototypischen“  Legende  spätere  sakrale 
Gebräuche , so  die  Theorie  von  Athen  über 
Prasiai  nach  Delos  {Preller  2,  S.  138 x).  Frag- 
lich ist  es,  wo  dieser  Heros  ursprünglich  zu 
Hause  war.  Welcher  3,  107  betrachtet  ihn 
als  alten  Bestandteil  der  agrarischen  Athene- 
Religion;  ebenso  Preller  Myth.  1,  169,  welcher 
Butes,  den  „Ochsentreiber,“  den  mythischen 
Ahnherrn  der  Butaden,  vergleicht.  0.  Müller 
Dor.  I1,  243  nennt  den  Heros  „delisch-attisch,“ 
ohne  sich  über  dies  Zwitterverhältnis  weiter 
auszulassen.  Preller  vermutet  dann  an  einer 
andern  Stelle  (2,  138,  vgl.  Dem.  und  Pers. 
S.  33 11)  nicht  ohne  Inkonsequenz,  er  scheine 
mehr  der  Sage  von  Delos  und  Prasiai,  als 
der  von  Athen  anzugehören.  Sein  Grabmal 
in  Prasiai  sowie  seine  engen  Beziehungen  zu 
Delos,  vor  allem  aber  der  Umstand,  dafs  er 
nach  attischer  Überlieferung  kinderlos  stirbt, 
bezeugen  in  der  That  zur  Genüge,  dafs  er  ein 
fremdes  Element  war,  welches  erst  nachträg- 
lich in  die  Königsliste  eingefügt  wurde.  Die 
Thatsache , dafs  die  delischen  Heiligtümer 
während  der  Zeit  der  athenischen  Hegemonie 
durchaus  unter  attischem  Einflufs  standen, 
sollte  damit  wohl  historisch  begründet , „sub- 
struiert“  werden.  Wie  man  damals  das  alte 
delische  Frühlingsfest  und  seine  Bräuche  um- 
deutete zu  Erinnerungen  an  Erlebnisse  des 
Theseus  (Mannhardt  a.  a.  0.  S.  238),  so 
könnte  man  einen  Heros  von  Delos  (oder  dem 
mit  Delos  in  uralter  Beziehung  stehenden 
Prasiai)  in  gleicher  Absicht  an  Kekrops  an- 
gekindet  haben.  Die  Figur  eines  „Pflügers“ 
fügt  sich  aufs  beste  in  den  Kreis  des  von 
Mannhardt  (S.  232  ff)  meisterhaft  analysier- 
ten, ursprünglich  durchaus  agrarischen  Delien- 
Festes.  Auch  vergleicht  Preller  {Dem.  S.  331 7, 


Erytos 

32530)  passend  die  delische  Zntgyut,  die  Toch-  fl 
ter  des  Apollopriesters  Anios  (s.  oben  Sp.  ’ 
523  f.). 

Das  Verhältnis  des  attisch- delischen  Ery-  1 
sichthon  zum  thessalisch-kleinasiatischen  bleibt  1 
unbestimmbar,  da  der  Mythus  keine  Vergleichs-  ] 
punkte  bietet;  Welcher  (3,  107)  hält  beide  1 
für  ursprünglich  identisch.  Ebenso  wird  es  I 
sich  bei  dem  Mangel  an  lokaler  Tradition  kaum  ■ 
entscheiden  lassen,  ob  der  Triopide  wirklich 
nach  Thessalien  gehört  {Hellanihos) , oder  ob 
er,  wie  sein  Vater,  am  Triopischen  Vorgebirge 
zu  Haus  war  und  erst  nachträglich  durch  eine 
Cmythische  Prolepsis’  in  die  Urheimat  der 
dort  sefshaften  Stämme  hinüberdatiert  wurde 
{H.  D.  Müller  1,  27,  40). 

3)  Ein  Gigant,  auf  dem  pergamenischen 
Altarfriese  inschriftlich  beglaubigt,  vgl.  Conze, 
die  Ergebnisse  der  Ausgrabungen  von  Perqa- 
mon,  vorläufiger  Bericht  1 (1880)  S.  64.  Der 
Name  charakterisiert  den  wilden,  Steine  und 
Felsblöcke  schleudernden  Kämpfer. 

4)  Ein  vierter  Erysichthon  wird  aus  den 
Scholl.  II.  Z,  191  angeführt  als  Grofsvater  des 
Bellerophon  {Pape  - Benseler , Wörterbuch  der 
griech.  Eigennamen  1,  S.  392);  doch  fällt  er  nach 
der  oben  (1  A,  Sp.  1377)  ausgesprochenen  Vermu- 
tung mit  dem  Triopiden  zusammen.  [0.  Crusius.] 

Erytheia  (’EpviDta),  1)  eine  der  Hesperiden 
(s.  d.),  Apollod.  2,  5,  11.  Ilyg.  praef.  in.  Nach 
ihr  soll  die  Insel  des  Geryones  genannt  sein, 
Schol.  Ap.  Rh.  4.  1399.  Bei  Ap.  Rh.  4,  1427 
lieifst  sie  ’Egv&rjLg.  — 2)  Tochter  des  Geryones, 
nach  welcher  die  Insel  Erytheia  benannt  war, 
von  Hermes  Mutter  des  Norax,  die  mit  Iberern 
Nora,  die  erste  Stadt  in  Sardinien,  gegründet 
haben  soll,  Steph.  Byz.  s.  v.  Paus.  10,  17,  4. 
Von  Ares  war  sie  Mutter  des  Eurytion,  Hel- 
lanihos b.  Schol.  Hes.  Theog.  293.  [Stoll.] 
Erytkeis  s.  Erytheia. 

Erytlira  {’Eqv&qu),  Tochter  des  Porphyrion, 
Schol.  Hom.  II.  2,  489.  [F.  A.  Voigt.] 

Erythras  (’Egv&gag),  1)  Solm  des  Leukon, 
Enkel  des  Atliamas , nach  dem  Erythrai  in 
Boiotien  benannt  ist,  Paus.  6,  21,  11.  (Vgl. 
den  Namen  Erythrios,  eines  Sohnes  des  Atha- 
mas.)  — [2)  Sohn  des  Herakles,  Apollod.  2, 

7,  8.  R.]  — [3)  Eponymos  des  erythräischen 
Meeres,  Gurt.  8,  9.  Voigt.]  [Seeliger.] 
Erythrios  (EgvO-giog) , Sohn  des  Athamas 
und  der  Themisto:  Apollod.  1,  9,  2.  Herodor 
b.  Schol.  Ap.  Rh.  2,  1144.  [Roscher]. 

Erythros  ('Eqv&qo g) , Sohn  des  Rhadaman- 
thys,  der  an  der  Spitze  einer  kretischen  Kolo- 
nie Erythrai  gründet,  Diod.  5,  79,  Paus.  7,  3, 

4;  vgl.  Hoch,  Kreta  2 S.  232.  [F.  A.  Voigt.] 
Erytos  oder  Eurytos  ('Egrzog,  Evgvzog),  ' ' 
Sohn  des  Hermes  und  der  Antianeira,  der 
Tochter  des  Menetos,  Zwillingsbruder  des  i 
Ecliion,  beteiligte  sich  am  Argonautenznge;  vgl. 
Find.  Pyth.  4,  179,  der  ihn  am  Pangaion 
wohnen  läfst,  Ap.  Rh.  1„,  52,  der  ihn  nach 
Alope  entsetzt.  Orph.  Arg.  137  f.  heifst  die 
Mutter  Laothoe,  Tochter  des  Meretos  (Me- 
netos?). Bei  Apollod.  1,  9,  16  im  Argonau- 
ten vei'zeichnis:  Evqvzog  Eogov.  Eurytus  wird 
von  Val.  Elacc.  1,  439.  3,  99,  471.  6,  569 
unter  den  tapfersten  Argonauten  erwähnt. 


1385 


Esus 


1386 


Eryx 

Auch  Hyg.  /'.  14.  160  nennt  ihn  Eurytus 
/’.  273  als  Sieger  bei  des  Pelias’  Leichenspielen. 

[Seeliger.j 

Eryx  (”E(w|),  1)  Eponymos  des  sicilischen 
Gebirges  mit  dem  berühmten  Heiligtume  der 
Aphrodite  ( A . ’E gvyiCvrf),  Sohn  der  Aphrodite 
und  des  Poseidon  oder  Butes,  Diod.  4,  83. 
Steph.  Byz.  s.  v.  Er  forderte  die  ankommen- 
den  Fremden  zum  Faustkampfe  auf  und  wurde 
nach  einem  solchen  (nach  Apoll.  2,  5,  10,  9 
nach  einein  Ringkampfe)  von  Herakles  erschla- 
gen und  auf  dem  gleichnamigen  Berge  be- 
graben, vergl.  Verg.  Acn.  5,  392  ff.  Serv.  ad 
Acn.  1,  570.  5,  24.  Hyg.  f.  260.  Myth.  Vat. 
1,  53.  94.  2,  156.  — 2)  Ov.  Met.  5,  196. 

[F.  A.  Voigt.] 

Esia  (esia) , etruskischer  Name  einer  der 
grieck.  Ariadne  (s.  d.)  zunächst  verwandten 
Göttin,  die  auf  einem  pränestinischen  Spiegel 
der  Sammlung  des  Barons  Meester  de  Rave- 
stein neben  Fuflunus  d.  i.  Dionysos  er- 
scheint, dem  sie  von  Artemas  d.  i.  Artemis 
geraubt  wird,  während  auf  der  andern  Seite 
Menerva  zuschaut.  Die  Änderung  in  Evia  = 
Ev icc  scheint  mir  verfehlt;  s.  Schmidt,  Ann. 
1859,  258  ff. ; tav.  agg.  L;  Gerli.  Etr.  Spg.  4, 
36 ff'.;  tav.  CCCV;  Eabr.  G.  I.  I.  2726  ter  a; 
Deecke,  Etr.  Forsch.  4,  48.  — Dieselbe  Dar- 
stellung mit  fast  identischen  Namen:  Esia, 
Fuflunu,  Artam,  Menarvfa]  zeigt  ein  Spie- 
gel im  Museum  von  Bologna;  s.  Gerli.  Etr. 
Spg.  tav.  LXXXVII;  Fahr.  C.  I.  I.  43,  dessen 
Echtheit  mir  allerdings  nicht  ganz  sicher  zu 
sein  scheint.  [Deecke.] 

Esnnm  ('Eogovvog),  phönikisch  “am  Esch- 
mün, ist  einer  der  angesehensten  Götter  Phoi- 
nikiens,  der  uns  in  den  Inschriften  des  Mutter- 
landes wie  der  Kolonieen  zahllose  Male  be- 
gegnet, namentlich  in  Personennamen  (der 
Name  Eschmünschillein  „Eschmün  giebt  Frie- 
den“ wird  in  der  Bilinguis  Athen.  4 durch 
SvgGilrgiog  wiedergegeben;  dagegen  lautet 
der  Name  „Abdeschmün  ('Knecht  des  E.’)  auf 
einer  Inschrift  von  Sidon  bei  Lebas-  Wadding- 
ton 1866  c AßSvfcyowog).  Die  Griechen  setzten 
diesen  Gott  dem  Asklepios  gleich:  die  be- 
rühmte dreisprachige  Inschrift  eines  auf  Sar- 
dinien gefundenen  bronzenen  Altarfufses  ( Ritschl 
und  Gildemeister,  Rhein.  Mus.  20,  1 u.  a.)  ist 
dem  Eschmun  mit  dem  unerklärten  Beinamen 
fnxa  (me-arrech?,  etwa  der  „Wegweiser“??) 
geweiht,  der  griechisch  durch  AGnlgmog  Myggy, 
lat.  Aescolapius  Merre  wiedergegeben  wird. 
Auffallend  ist,  dafs  in  den  Inschriften  Nord- 
afrikas Aesculapius  nur  sehr  selten  vorkommt; 
in  der  Regel  ist  dabei  wohl  überdies  der  grie- 
chisch-römische Gott  gemeint.  Einen  Tempel 
hat  er  in  Chisiduo  ( flamen  templi  domini  Aescu- 
lapii,  C.  I.  L.  8,  1267)  und  in  Caesarea  Mau- 
retan.  (ib.  9320).  Auch  in  Phoinikien  begegnet 
er  uns  auf  Inschriften  der  griechischen  Zeit 
nur  sehr  selten.  Ein  iegsvg  fff  ov  ’AanXgm'ov  fin- 
det sich  z.  B.  in  Duma  bei  Byblos  (Renan, 
mission  en  Phenicie  255).  Welche  Funktionen 
der  Gott  im  Pantheon  der  Phoiniker  hatte, 
darüber  wissen  wir  urkundlich  gar  nichts. 
Nach  der  Kosmogonie  des  Phiionischen  San- 
chunjathon  ist  der  phoinikisclie  Asklepios  der 


Sohn  des  Sydyk  (xovzeaxiv  dwuiog,  d.  i.  Sadiq 
„der  Gerechte“),  eines  kosmogonischen  Wesens, 
von  dem  auch  die  Ji6g-/.ovqol  r)  Kcißtigoi  »j 
Kngvßavxsg  i)  Hayo&gocK sg  abstammen,  die  zu- 
erst das  Schiff  erfinden  (Philo  fr.  2,  11.  20 
Müller).  Diesen  Kabiren,  sieben  an  der  Zahl, 
und  ihrem  Bruder  Asklepios  (ned  o i'diog  av- 
rcöv  dSelcpbg  ’AGuhqniog , wofür  vielleicht  mit 
Recht  xod  bySoog  vermutet  ist,  s.  n.),  heifst 
es  dann  weiter  (§  27),  habe  Taaut  den  Her- 
gang der  Kosmogonie  mitgeteilt  und  sie  hät- 
ten ihn  weiter  überliefert.  Zu  diesen  Angaben 
stimmt  eine  Notiz  in  dem  Excerpt  des  Pliotios 
aus  Damascius,  vita  Isidori  § 302,  wonach  der 
Asklepios  von  Berytos  weder  griechischen  noch 
ägyptischen  Ursprungs  sei,  sondern  ein  ein- 
heimischer phoinikischer  Gott  Namens  Esmunos, 
der  Sohn  des  Sadykos  und  achte  Bruder  der 
Kabeiren.  Sein  Name  war  von  einigen  als 
„der  achte“  erklärt  (eine  sprachlich  denkbare 
Etymologie  von  schmöne  [ursprünglich  scha- 
mäne]  „acht“  (mit  vorgeschlagenem  Vokal; 
allerdings  entspräche  dann  der  Name  der 
Cardinal-  nicht  der  Ordinalzahl);  nach  andern 
hiefse  er  so  tnl  xrj  dsgyy  xg s £cogg  (von 
esch  „Feuer“?).  Des  weiteren  wird  hier  die 
Sage  von  Adonis  oder  Tammuz  auf  ihn  über- 
tragen: er  sei  sehr  schön  gewesen,  so  dafs 
Astronoe  (d.  i.  Astarte)  die  Göttermutter  sich 
in  ihn  verliebte.  Um  ihren  Nachstellungen 
zu  entgehen,  entmannte  er  sich  mit  einem  Beil, 
die  Göttin  aber  liefs  ihn  durch  Paion  wieder 
erwärmen  und  machte  ihn  zum  Gott.  — Lei- 
der stammen  alle  diese  Angaben  aus  ganz 
späten  und  unzuverlässigen  Quellen,  die  von 
Euhemerismus  und  Synkretismus  vollkommen 
durchsetzt  sind,  so  dafs  damit  wenig  anzufan- 
gen ist.  Auch  ob  der  Name  Eschmün  den 
Gott  wirklich  ursprünglich  als  den  „achten“ 
Bruder  der  Kabiren  bezeichnete,  läfet  sich 
nicht  entscheiden;  wissen  wir  doch  gar  nichts 
weiter  über  die  Kabiren  bei  den  Phoinikern, 
als  dafs  der  Name  (kabir  „grofs“)  allerdings 
sicher  phoinikisch  ist.  So  mufe  auch  dahin- 
gestellt bleiben,  weshalb  der  Gott  mit  dem 
griech.  Asklepios  identificiert  wurde. 

[Eduard  Meyer.] 

Esus,  Hesus,  Aesus,  ein  keltischer  Gott, 
welchem  wie  den  mit  ihm  verbundenen  Göt- 
tern Teutates  und  Taranus  Menschenopfer  dar- 
gebracht wurden  ( Lucan . Phars.  1 , 444  ff. ; 
Lactant.  1,  21 ; vgl.  Caes.  b.  G.  6,  16,  2f.).  Auf 
dem  Relief  eines  von  den  nautae  Parisiaci  zur 
Zeit  des  Tiberius  geweihten  Altares  (nr.  3 des 
musee  de  Cluny  zu  Paris,  Orelli  1993,  Murat. 
1066,  5)  ist  er  nach  H.  D’Arbois  de  Jubain- 
ville,  le  cycle  mythol.  Irland,  p.  380  dargestellt, 
wie  er  FIolz  abschneidet.  Letzterer  bezieht 
dies  auf  die  Herrichtung  eines  Scheiterhaufens. 
Die  Form  Aesus  erscheint  auf  einer  britanni- 
schen Münze,  A.  de  Barthelemy  in  der  Revue 
celtique  1,  293,  1.  Mit  Esus  gebildete  Zusam- 
mensetzungen sind  Esunertus,  Esuggius  (oder 
Esuccius),  Esubii  (oder  Esuvii),  Atesui.  Fiele, 
gr.  Personenn.  S.  72.  S.  Bugge,  Rhein.  Mus. 
1885,  475  stellt  Esus  mit  dem  italischen  aisu-s, 
esu-s  Gott  und  etrusk.  Erus  zusammen.  Vgl. 
Teutates  und  Cernunnos.  [Steuding.] 


1387  Eteokles 

Eteoldes  (’Ezeoxlfjs),  1)  Sohn  des  Oidipus  (s.  d.) 
und  der  Iokaste  oder  der  Euryganeia  nach  der 
Oidipodie  des  Kinaitlion  (Paus.  9,  5,  5)  und 
nach  Pherekydes  (bei  scliol.  Eur.  Phoen.  63) 
Bruder  des  Polyneikes  (s.  d .);  der  Streit  um  die 
Herrschaft  über  Theben  wird  die  Ursache  des 
Zuges  der  Sieben,  wobei  Eteokles  als  Verteidiger 
seiner  Vaterstadt  von  Polyneikes’  Hand  fällt 
und  zugleich  den  Bruder  ermordet.  Aus  der 
diesen  Krieg  behandelnden  Jcyklischen  Thebais 
sind  als  tiefere  Gründe  dieses  Bruderkampfes 
zwei  Flüche  des  alten  Oidipus  überliefert  (frg. 
2.  3 Kinkel ):  als  ihm  Polyneikes  den  Tisch 
des  Kadmos  und  den  Becher  seines  Vaters  vor- 
setzt, wünscht  er  den  Söhnen  Streit  und  Krieg 
um  das  väterliche  Erbe  und  als  sie  ihm  nicht 
die  gewohnte  Ehrengabe  vom  Opfer  senden, 
bricht  bei  diesem  an  sich  geringfügigen  An- 
lasse der  Zorn  des  verbitterten  Alten  in  den 
Fluch  aus,  dafs  sie,  einer  durch  des  andern 
Hand,  den  Tod  erleiden  möchten.  Um  diesen 
Ausgang  zu  vermeiden,  kommen  sie  überein, 
dafs  alljährlich  einer  den  andern  in  der  Herr- 
schaft ablöse.  Nach  Sophokles  (Oed.  Gol.  1295) 
verjagte  Eteokles,  obwohl  er  der  jüngere  war, 
den  Bruder  aus  der  Heimat,  während  nach 
Euripides  (Plioen.  69  ff.)  Polyneikes  als  der 
jüngere  zuerst  das  Land  freiwillig  mied,  dar- 
nach aber  von  Eteokles  die  Herrschaft  nicht 
zurückerlangen  konnte.  Manche  berichteten 
auch  ein  früheres  Regiment  des  Polyneikes, 
das  dieser  dem  Vertrage  gemäfs  abgetreten 
habe,  Apollocl.  3,  6,  1;  vgl.  Stat.  Theb.  1,  137, 
Hygin.  f.  68.  Auch  eine  nochmalige  Auf- 
forderung an  Eteokles,  die  Herrschaft  nieder- 
zulegen, die  Tydeus  als  Abgesandter  über- 
bringt, weist  dieser  zurück  (Stat.  Theb.  2, 
384  ff.),  wobei  Statius  auch  seinen  Anteil  an 
dem  heimtückischen  Überfalle  des  Tydeus  durch 
fünfzig  Thebaner  hervorhebt,  so  dafs  auf  ihn 
der  Fluch  des  allein  verschonten  Maion  fällt 
(3 , 58  ff.).  Als  Lokal  des  Zweikampfes  galt 
in  Theben  selber  der  Platz  vor  den  N eistischen 
Thoren,  durch  das  Mal  eines  Pfeilers  mit  darauf- 
liegendem steinernen  Schilde  bezeichnet;  dort 
war  auch  das  Grab  der  beiden  Oidipussöhne, 
da  Antigone  den  Leichnam  des  Polyneikes  auf 
den  Scheiterhaufen  des  Eteokles  schleppte, 
Paus.  9,  25,  2.  In  Bezug  auf  die  Lokalität 
sind  Aiscliylos  und  Euripides  der  thebanischen 
Tradition  nicht  gefolgt;  dagegen  verdient  be- 
merkt zu  werden,  dafs  Statius  (VIII  353)  beim 
ersten  Aufmarsch  der  sieben  thebanischen  Heer- 
haufen dem  Eteokles  dies  Thor  zuerteilt.  — Bei 
Aiscliylos  (Sept.  adv.  Theb.)  erscheint  Eteokles 
als  besonnener  und  entschlossener  Herrscher, 
in  dem  sich  das  hohe  Ethos  der  Vaterlands- 
verteidigung, des  Kampfes  für  Herd  und  Altar 
in  würdigster  Weise  verkörpert.  Auch  wenn 
er  die  Gebete  der  thebanischen  Jungfrauen 
schroff  zurückweist,  ist  dies  nur  Rauhheit  des 
Kriegers  (vs.  182 ff),  nicht  Verachtung  des  gött- 
lichen Beistandes,  den  er  vielmehr  in  der  Haupt- 
scene des  Stückes,  da  er  den  sechs  die  Thore 
berennenden  Argiverfiirsten  die  einheimischen 
Verteidiger  entgegenstellt,  als  Lohn  des  from- 
men Eintretens  für  die  Muttererde  erhofft  und 
erbittet  (vgl.  v.  230.  230  ff.).  Am  siebenten 


Eteokles  1388 

Thore  tritt  er,  trotz  des  Abratens  des  Chores, 
selber  dem  Bruder  Polyneikes  entgegen,  „der 
Herrscher  dem  Herrscher,  der  Bruder  dem 
Bruder,  dem  Feinde  der  Feind“  (v.  674);  er 
findet  darin  die  unabwendbar  notwendige  Er- 
füllung der  Flüche  des  Oidipus.  Vom  Boten 
(v.  721  ff.)  wird  zugleich  der  Sieg  der  Thebaner 
und  der  wechselseitige  Mord  der  Brüder  ge- 
meldet, sodafs  also  hier  während  der  allgemeinen 
Entscheidungsschlacht  der  Bruderzweikampf  als 
ein  Teil  derselben  vorgeht.  Zum  Scfllufs  wird 
durch  einen  Herold  (v.  1005  ff.)  verkündet,  dafs 
der  Rat  der  Stadt  — Kreon  wird  hier  noch  nicht 
genannt  — dem  Eteokles,  der  für  die  väter- 
lichen Heiligtümer  gefallen,  eine  ehrenvolle  Be- 
stattung, dem  Polyneikes  aber  Verweigerung 
de3  Begräbnisses  beschlossen  habe,  welchen 
Zug  bekanntlich  die  Sage  von  Antigone  weiter 
ausführt.  Euripides  stellt  in  den  Phoenissen 
sowohl  den  Charakter  des  Eteokles  wie  den 
Hergang  des  Bruderkampfes  stark  abweichend 
dar.  Im  ersten  wird  besonders  der  Zug  der 
Herrschsucht,  welche  ihn  die  Herrschaft  um 
jeden  Preis  festhalten  läfst,  betont  (v.  499  ff); 
hierher  gehört  auch  das  vielcitierte  (v.  524): 
sinSQ  ddonsih  %Qy,  zvQavvidog  tisqi  Hcilhazov 
aSiusiv,  zallcc  svGsßsiv  iQiav.  Daher  schliefst 
die  von  Iokaste  veranstaltete  Zusammenkunft 
der  Brüder  statt  mit  der  Versöhnung  mit 
deren  wechselseitiger  Bedrohung  (v.  622  ff), 
sodafs,  im  Zusammenhang  mit  dem  Zurück- 
treten des  altreligiösen  Zusammenhanges , der 
Gewalt  des  Vaterfluches,  eine  psychologische 
Motivierung  des  Bruderzwistes  versucht  wird. 
Nachdem  vor  den  Thoren  die  Führer  der  Ar- 
giver  gefallen  sind,  bringt  Eteokles  (1220  ff ) 
den  Kampf  der  Heere  zum  Stehen,  indem  er 
den  Bruder  zum  entscheidenden  Zweikampfe 
aufruft,  in  welchem  beide  fallen  (v.  1356  ff); 
hiernach  greifen  nochmals  die  Thebaner  an 
und  treiben  die  Gegner  vollends  in  die  Flucht. 
Diese  Gestalt  der  Sage  von  dem  Bruderkampfe 
als  einer  govoyciiici  ist  (vielleicht  mit  durch 
Euripides’  grofsen  Einflufs)  vor  der  Aeschy- 
leischen  Version  kanonisch  geworden.  (Parodie 
des  Aristophanes  in  einem  dem  Euripideischen 
gleichnamigen  Stücke,  frg.  558  Kock.)  In  dem 
Berichte  Apollodors  (3,  6,  8)  folgt  auf  den 
Bruderkampf  die  Vernichtung  der  argivischen 
Führer.  Dagegen  schliefst  sich  Statius  in  seiner 
Thebais  dadurch  dem  Euripides  an,  dafs  der 
Zweikampf  als  entscheidender  Abschlufs  des 
Kampfes  nach  dem  Tode  des  Tydeus,  Ka- 
paneus  u.  s.  w.  stattfindet.  Die  Herausforderung 
geht  von  Polyneikes  aus  (l.  9,  137  ff)  und  ge- 
langt an  Eteokles,  während  dieser  gerade  dem 
Zeus  für  die  rächende  Niederschmetterung  des 
Kapaneus  opfert.  Iokaste  sucht  den  Eteokles 
durch  ihr  Flehen  zurückzuhalten,  während  ihn 
Kreon,  dessen  Sohn  sich  für  Theben  geopfert, 
aufstachelt.  Der  wechselseitige  Brudermord, 
der  Gipfelpunkt  des  Epos  (l.  11)  und  das  Prunk- 
stück der  düsteren,  im  Gräfslichen  schwelgen- 
den Rhetorik,  vollzieht  sich  unter  dem  Bei- 
stände der  Furien,  welche  auch  die  vom  Olymp 
herabgestiegene  Pietas  verscheuchen.  — Als 
Sohndes  Eteokles  wirdLaodamas  (s.d.)  genannt, 
der  im  Kriege  der  Epigonen,  wie  sein  Vater, 


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1389 


Eteoklos 


Ethnestes 


1390 


Theben  verteidigt  (Paus.  9,  5,  G.  10,  3).  [Zu- 
sammenstellung der  Bildwerke  s.  b.  Overbeck, 
Bildtv.  z.  theb.  u,  troian.  Heldenlcr.  S.  135 ff. 
(r Bruderkampf  ’).  Vgl.  auch  Etevukle.  R.]  — 
2)  Sohn  des  Andreus  und  der  Euippe,  oder  des 
Kepliisos,  König  von  Orchomenos.  Der  Name 
war  von  dem  einer  Phyle  entlehnt.  Er  galt 
als  Stifter  des  Charitenkultes  von  Orchomenos. 
Paus.  9,  34,  5.  35,  1.  [E.  A.  Voigt.] 

Eteoklos  (’EzeonXog) , Sohn  des  Iphis  aus 
Argos,  einer  der  Sieben  gegen  Theben,  der 
indes  nicht  in  allen  Darstellungen  mit  auf- 
gezählt wird.  Bei  Aischylos  (Septem  vs.  456  ff.) 
kämpft  er  an  den  Neistischen  Thoren  gegen 
den  Thebaner  Megareus , den  Sohn  Kreons, 
während  Euripüles  in  den  Phoinissen,  da  er 
Adrastos  mit  zu  den  Sieben  rechnet,  für  ihn 
keinen  Platz  hat;  dagegen  wird  bei  Eurip. 
Suppl.  871  ff.  bei  der  Aufzählung  der  Gefalle- 
nen von  Adrastos  seiner  gedacht;  vgl.  Apoll. 
3,  6,  3,  2.  ib.  8,2  von  Leades  getötet;  im 
Weihgeschenk  der  Argiver  zu  Delphi  gebildet, 
Paus.  10,  10,  2.  [F.  A.  Voigt.] 

Eteoklymene  (Ezeozlvjisvg) , Tochter  des 
Minyas.  Stesich.  in  den  Scliol.  zu  Apoll.  Bliod. 

I,  230  bei  Bergk,  poet.  lyr.1  S.  647,  51.  Sonst 
wird  sie  Klymene  genannt.  [Steuding], 

Eteoneus  (’Ezscovevg),  Sohn  des  Boethoos, 
Diener  des  Menelaos,  Plom.  8 23.  31,  o 95. 

[F.  A.  Voigt  ] 

Eteonos  (’Ezscovög),  Sohn  oder  Nachkomme 
des  Boiotos,  Vater  des  Eleon,  Are'ilykos  u.  s. 
w.  Heros  eponymos  der  boiotisclien  Stadt  Eteo- 
nos: Scliol.  z.  II.  2,  494  u.  497.  Eustatli.  z. 

II.  265,  35.  Müller,  Orchom.1  489.  Vgl.  Ito- 
nos.  [Roscher.] 

Etephila,  eine  vermeintliche  Göttin  in  Myti- 
lene:  C.  I.  Gr.  2192  b vol.  2 p.  1027:  äyaffi) 
zv%y  ||  KoQvgXiccg  y.al  ||  Xiazrjg  isqsi  ||  ag  ftsäg 
ETH  ||  d IAA  E.  'Haec  clea  mihi  ignota ’ Böckh; 
ähnlich  Welcher,  gr.  Götterl.  3 S.  215.  Nach 
der  Ansicht  des  Unterz,  ist  der  wahrschein- 
lich verderbte  Schlufs  anders  zu  lesen  (izrj- 
aiu g?  ähnliche  Bestimmungen  G.  I.  Gr.  2189. 
2194)  und  der  auch  von  Pape-Benseler  S.  397 
anerkannte  Name,  der  sich  aus  den  Mitteln  der 
griechischen  Sprache  (vgl.  jedoch  den  Eigen- 
namen ’Ezeocpdog)  nicht  deuten  läfst,  zu  strei- 
chen. Die  anonyme  freu  wird  die  mystische 
Demeter  der  Mytilenäer  sein  (vgl.  C.  I.  Gr. 
2175.  2177),  wenn  nicht  vielmehr  der  herkömm- 
liche Plural  (2177)  einzusetzen  ist.  [Crusius.] 

Etevukle  (etevucle),  in  der  ersten  Hälfte 
unsicher  überlieferte  etruskisierte  Na.mensform 
des  thebanischen  Königs  Eteokles  (’EzeJ-oxXr/g) 
s.  d.,  in  einer  Darstellung  seines  Zweikampfes 
mit  dem  Bruder  Pulunice  (pulunice)  d.  i. 
Polynices  (UoXvvs ingg),  auf  einem  Wandge- 
mälde des  Grabes  Framjois  in  Vulci,  jetzt  im 
Museo  Italico  in  Rom;  s.  Noel  des  Vergers 
L’Etrurie  et  les  Etrusques  3,  pl.  XXIV;  Gar- 
rucci  Tav.  fotograf.  delle  pitt.  vulc.  tav.  VII; 
Brunn,  Ann.  1859,  352 — 67;  Monum.  vol. 
6—7;  tav.  XXXIff;  Fahr.  G.  I.  I.  2168;  vgl. 
Bezzenbergers  Beitr.  2,  166,  nr.  44.  Garrucci 
las  marffucle.  [Deecke.] 

Eth  (eff),  abgekürzter  etruskischer  Götter- 
name im  Genitiv,  auf  der  Bronzeleber  von 


Piacenza,  Randregion  5,  s.  Deecke,  Etr. 
Forsch.  4,  45  ff.  u.  vgl.  Ethis  und  Etliausva. 

[Deecke], 

Ethalides  handschriftliche  Lesart  für  Aitha- 
lides  bei  Hygin.  fab.  14  (p.  44,  23  Schm.)  und 
134  (p.  114,  20),  s.  Aithalides  1 und  3 oben 
S.  198.  [Crusius.] 

Etlialion,  Hygin.  fab.  155  handschriftliche 
Lesart  für  das  von  Schmidt  p.  13,  6 hergestellte 
Aethlios  (s.  oben  S.  89);  die  gegen  Ende  des 
Kapitels  (Z.  10)  folgende  Parallelnotiz,  worin 
dieselbe  Person  Etolus  heifst,  ist  von  Bursian 
mit  Recht  als  Dittographie  (zur  Korrektur  ?) 
ansgemerzt.  [Crusius.] 

Etliausva  (effausva),  erscheint  als  Ent- 
bindungsgöttin neben  Thanr  (ffanr)  bei  der 
Geburt  derMenerva  (menerva)  aus  dem  Haupte 
des  Tinia  (tinia)  d.  i.  Jupiter,  Zevg,  auf  einem 
Spiegel  von  Palästrina  der  Sammlung  Tysz- 
kiewicz,  s.  Kelcule,  Ann.  1874,  129  und  Monum. 
vol.  8,  tav.  LVI,  nr.  3;  Corssen,  Spr.  d.  Etr. 

1,  372  fF. ; Fahr.  Tzo  Sppl.  394.  Die  Göttin 
scheint  identisch  mit  der  von  Strabo  5,  226 
Eileithyia  (s.  d.)  genannten,  die  im  etruski- 
schen Seehafen  Pyrgoi  bei  Caere  einen  reichen, 
angeblich  pelasgischen  Tempel  besafs,  den 
Olymp.  99,  1 eine  Flotte  des  syrakusanisclren 
Tyrannen  Dionys  I plünderte.  Sie  wird  sonst 
auch  Leukothea  genannt  und  scheint  der 
Mater  Matuta  verwandt  gewesen  zu  sein; 
s.  d.  und  vgl.  0.  Müller  EtruskI  1,  189 ff. ; 

2,  54ff.  — Corssen  deutete  den  Namen  als 
*Edauctiva  (a.  a.  0.),  während  Sopli.  Bugge, 
Beitr.  1 (Etr.  Forsch,  u.  Stud.  4),  8,  Anm. 
geneigt  ist,  darin  nur  eine  durch  Volksetymo- 
logie beeinflufste  Änderung  von  ElXsibvia, 
*EX£v&vci  zu  sehen.  [Deecke.] 

Ethemea  (Echemea?) , Gattin  des  Merops 
(s.  d.),  Königs  von  Kos,  aus  dem  Geschleckte 
der  Nymphen.  Als  sie  den  Kult  der  Diana 
vernachlässigte,  verwundete  diese  Göttin  sie 
mit  ihren  Pfeilen;  zuletzt  wurde  sie  von  der 
Proserpina  lebend  in  die  Unterwelt  entrafft. 
Als  Merops  aus  Sehnsucht  nach  seiner  Gattin 
Hand  an  sich  legte,  verwandelte  ihn  luno  aus 
Erbarmen  in  einen  Adler  und  versetzte  ihn 
unter  die  Sterne,  „ne  si  hominis  effigie  eum  con- 
stitueret,  hominis  memoriam  tenens  coniugis  desi- 
derio  moveretur “,  Hyg.  P.Astr.  2,  16.  [Roscher.] 

Ethemon,  Gegner  des  Perseus,  Ov.  Met.  5, 
163.  [F.  A.  Voigt.] 

Etliis  (effis),  etruskischer  Name  einer  Göt- 
tin, die  auf  einem  zu  Florenz  in  der  Sammlung 
Gherardescä  befindlichen  Spiegel,  der  Hercla 
d.  i.  Herakles  am  Scheidewege  darstellt,  der 
von  Menrva  begleiteten  Eris  (s.  d.)  gegen- 
iibersteht,  also  wohl  der  Voluptas  (’Hdovg) 
entspricht,  doch  schwerlich  aus  einem  griech. 
*'H8lg  entlehnt  ist;  s.  Dempster,  Etr.  Reg. 
tav.  II;  Lanzi,  Saggio  2,  209  = 165;  tav.  XI, 
nr.  3;  Gerh.  Etr.  Spg.  3,  153;  tav.  CLXIV ; 
Fabr.  C.  I.  I.  106;  auch  Gori  Mas.  Etr.  1, 
XXVII  und  401;  3,  XIII;  Welcher,  Alte  Denk- 
mäler 3,  329.  [Deecke.] 

Ethnestes  (’EQ'veazgg),  Sohn  des  Neoptole- 
mos,  nach  dem  die  Ethnesten  in  Thessalien 
benannt  sein  sollten,  Rhian.  bei  Steph.  Byz.  s.  v. 

[Schultz.] 


1391  Ethodaia 

Etliodu'ia  (’EQ-oSaia) , eine  Tochter  der 
Niobe  und  des  Amphion,  bei  andern  Neaira 
genannt,  Apollod.  3,  5,  6.  [Stoib] 

Etias  (’ ’Hzuxg ),  Tochter  des  Aineias,  nach 
welcher  die  Stadt  Etis  nicht  weit  von  Boiai 
benannt  worden  sein  soll.  Etis  nämlich  gilt 
ebenso  wie  Aphrodisias  für  eine  Gründung  des 
auf  der  Fahrt  nach  Italien  durch  Winde  hier- 
her verschlagenen  Aineias  (s.  o.  S.  168):  Paus. 
3,  22,  11.  [Roscher.] 

Etraienae  oder  Ett(e?)ralienae  matronae, 
keltische  Göttinnen,  die  wohl  nach  einer  Ört- 
lichkeit genannt  sind,  auf  Inschriften  aus  Betten- 
hofen bei  Roeclingen  (Jülich),  Brambach  G.  I. 
Bhen.  616:  Etraienis  | et.  Gesaienis.  \ Bassia- 
na.  Ma  \ terna.  et.  Bass(i)  | ana.  Paterna.  | ex 
imp(i)ps  l m;  und  617:  Matronis  \ Ett{e?)ra  | 
he-nis  \ e-t  \ Ge-sa  \ he-nis  | M.  Iul.  Aman(d)us. 
Auf  der  Mitte  der  Schriftfläche  sind  in  einer 
Nische  drei  Matronen  (s.  d.)  dargestellt.  Ein 
zugehöriges  Relief  enthält  eine  Opferscene; 
unter  den  Opfernden  ist  eine  Matrone  mit  auf- 
fälligem Wulst  auf  dem  Kopfe  (vgl.  Gesaienae) 
bemerkenswert  ( Steiner , inscr.  Dan.  et  Bhen. 
2,  1219).  Vgl.  auch  eine  Inschrift  aus  Emb- 
ken bei  Düren,  Bramb.  577:  Et enis  \ 

F.  Iulius  Suieti  | us.  pro.  ( se  e)t.  suis. 

[Steuding.] 

Etuie  (etule),  etruskischer  Name  eines  den 
Hammer  schwingenden,  mit  der  Handwerks- 
kappe bedeckten  Gehilfen  des  Sethlans  (seff- 
lans)  d.  i.  Vulcanus  bei  der  Fesselung  des 
Pegasos  (etrusk.  pecse)  neben  einer  Quelle 
(etr.  huins)  ?,  auf  einem  Spiegel  unbekannten 
Fundortes  im  Pariser  Museum.  Die  Deutung 
Gorssens,  Spr.  d.  Etr.  1,  613  ff. , nr.  29  als 
AUcoloq  d.  i.  ’Ensiog  beruht  auf  der  irrtüm- 
lichen Auffassung  der  Darstellung  als  Zimme- 
rung des  trojanischen  Rosses;  s.  noch  Lcmzi, 
Saggio  2,  223  = 177;  tav.  XII,  nr.  3;  Micali 
Storia  tav.  XL VIII;  Gerh.  Etr.  Spg.  3,  219; 
tav.  CCXXXV,  nr.  2;  Fahr.  GL  It.  col.  1343, 

G.  I.  I.  2492;  vgl.  Mülin,  Gal.  myth.  pl. 
CXXXVII  bis;  Baoul-Bochette , Journ.  d.  Sav. 
1834,290;  711;  1843,680;  Monum.ined.  83;  1s. 
Taylor,  Etr.  Besearches  367ff.  [Deecke.] 

Eua(?)  falsch  gelesener  Name  einer  Bak- 
chantin  ( G . I.  Gr.  8380)  = Eudia  (s.  d.).  Vgl. 
Heydemann , Satyr-  und  Bakchennamen  S.  6. 
40  Anna.  213f.  u.  d.  Art,  Euan.  [Roscher.] 

Euadne  ( EvüSvri ),  1)  Tochter  des  Poseidon 
und  der  Pitane,  „iottIomos“  veilchengelockt, 
heimlich  geboren  und  zu  Aipytos,  des  Elatos 
Sohn,  König  von  Phaisana  in  Arkadien,  ge- 
schickt, wo  sie  von  Apollon  unter  Beistand 
der  nQDivpyttg  Eileithyia  und  der  Moiren  den 
Iamos  gebiert,  und  so  Stammmutter  des  Weis- 
sagergeschlechts der  Iamiden  in  Olympia  wird, 
Bind.  Ol.  6,  30  ff;  Müller,  Dor.  1,  253,  namentl. 
Böckh,  Explic.  ad  Find.  Ol.  6;  Dygin.  fab. 
157;  Preller,  Gr.  Myth.  22,  477.  [vgl.  Tatian  c. 
Graec.  55  p.  120  Worth , wo  nach  Brunn,  K. 
G.  1 , 536  Euadne  statt  Euanthe  zu  lesen 
ist.  R.]  — 2)  Tochter  des  Strymon  und  der 
Neaira,  Gemahlin  des  ArgQs,  Mutter  des  Ek- 
basos,  Peiras  (Peiranthos)  Epidauros  und  Kriasos 
Apollod.  2,  1,  2,  oder  nach  Paus.  2,  16,  1;  17,  5 
des  Peirasos  und  Phorbas.  — 3)  Tochter  des 


Euamerion  1392 

Iphis,  daher  Iphias,  Gemahlin  des  Kapaneus, 
stürzt  sich  bei  dessen  Leichenfeier  in  die  Flam- 
men des  brennenden  Scheiterhaufens,  Apollod. 
3,  7,  1.  Hygin.  fab.  243.  256.  Philostr.  Imag. 
2,  30.  Ov.  Ä.  A.  3,  21  f.  Ex  Ponto  3,  1,  111. 
Eurip.  Suppt.  985  f.  bez.  1012  f.  Preller  2 2 
365.  — 4)  Tochter  des  Pelias,  nach  Diod.  4, 
53  von  Iason  an  Kanes,  des  Kephalos’  Sohn, 
König  der  Phylaker  vermählt.  — 5)  Tochter 
des  Asopus,  Geliebte  des  Flufsgottes  Nilus,  Ov. 
Am.  3,  6,  41,  wo  jedoch  nach  Biese  Euanthe 
zu  lesen  ist.  [Weizsäcker.] 

Euagoras  (Evayogug),  1)  Sohn  des  Neleus, 
nach  Apoll.  1,8,9  von  Chloris,  nach  Schot. 
Ap.  Bh.  1 , 152  von  einer  andern  Frau.  — 2) 
Sohn  des  Priamos,  Ap  3,  12,  5,  8.  [F.  A.  Voigt.] 
Euagore  (Evayogg  oder  -a),  eine  der  Töchter 
des  Nereus  und  der  Doris,  Hes.  Theog.  257. 
Apollod,  bibl.  1 , 2,  7;  von  Dymas  Mutter  der 
Hekabe.  Pherelc.  in  d.  Schot.  Venet.  zu  Eur. 
Hel;,  1 bei  Müller  fr.  hist.  gr.  4,  639.  Siehe 
Eunoe.  [Steuding.] 

Euagros  (Evaygog) , ein  Lapithe,  auf  der 
Hochzeit  des  Peirithoos  von  dem  Kentauren 
Rhoitos  getötet,  Ov.  Met.  12,  290  ff.  [Stoll.] 
Euaichme  ( Eveu'xyg ),  1)  Tochter  des  Hyllos, 
Gattin  des  Polykaon.  Paus.  4,  2,  1.  — 2)  Toch- 
ter des  Megareus,  Gemahlin  des  Alkathoos; 
s.  d.  [Bernhard.] 

Euaimon  (Evca'gcav,  zu  homer.  ccl'gcov  'kun- 
dig’ nach  Fick,  die  griechisch.  Personennamen 

5.  99)  1)  Sohn  des  Lykaon  (s.  d.)  im  Kataloge 
bei  Apolloclor  3,  8,  1,  vermutlich  fingiert  von 
dem  ausgeschriebenen  Genealogen  (Akusilaos? 
vergl.  Allg.  Encykl.  von  Ersch  u.  Gruber,  2. 
Sekt.  Bd.  35  S.  23  s.  v.  Kaution).  — 2)  König 
der  Ormenier,  Vater  des  Eurypylos  II,  B 136; 
A 575  ( Ps.-Aristot . pepl.  22  [35];  Paus.  7,  19, 
10;  10,  27,  2),  Sohn  des  Ormenos  nach  Demc- 
trios  von  Skepsis,  Strabo  9 p.  438  (vgl.  d.  Art. 
Amyntor  p.  328).  — 3)  Einer  von  den  10  Söhnen, 
welche  Kleito  dem  Poseidon  auf  der  Insel  At- 
lantis gebiert  nach  Plato,  Kritias  7 p.  114 B. 

[Crusius.] 

Euaios  (Evaiog),  ein  Sohn  des  Chanaan 
( Joseph . arch.  1,  6,  2),  wohl  Heros  eponymos 
des  Stammes  der  Evcclol  im  Lande  Kanaan. 

[Steuding.] 

Euamerion  (Evagsgicov),  1)  ein  Dämon  aus 
dem  Kreise  des  Asklepios,  in  Titane  im  Ge- 
biet von  Sikyon,  wo  ein  angesehenes  Heilig- 
tum des  Asklepios  war,  als  Gott  verehrt;  auch 
befand  sich  dort  sein  Bildnis.  Paus.  2,  11,  7, 
der  dies  berichtet,  sagt:  „wenn  ich  recht  ver- 
mute, so  nenut  man  diesen  Euamerion  in  Per- 
gamon Telesplioros,  in  Epidauros  Akesis“.  Es 
war  der  Genius  der  Genesung,  und  er  wurde 
bald  allein,  bald  in  Verbindung  mit  Asklepios 
und  Hygieia  als  knabenhafte  Figur  dargestellt, 
die  mit  Mantel  und  Kapuze  sorgfältig  gegen 
den  Einflufs  der  Witterung  geschützt  war. 
I Veldcer , gr.  Götterl.  2,  739  f.  Lauer,  System 
283  f.  Curtius  Peloponnesos  2,  501  f.  Preller,  gr. 
Myth.  1,  431.  Gerh  , Gr.  Myth.  1.  § 485,  5. 
Müller,  Handb.  d.  Arch.  § 394,  3.  Denhn.  d. 
a.  K.  1.  Taf.  48,  nr.  219b.;  2.  Taf.  61,  nr. 
787—792.  Panofka,  Asklepios  Tf.  1,  19.  2,  10. 

6,  1.  2.  O.  Jahn,  die  Heilgötter  in  Annal.  d. 


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1393  Euan 

Vereins  f.  Nass.  Alterthumskunde  (Wiesbaden) 
1859.  Bd.  6.  p.  5 ff.  [Stoll.] 

Euan  ( Evciv , Evag,  Evan,  Euhan,  vgl.  Etym. 
M.  391, 15.  553,  47  und  Hesych.),  Name  des  Dio- 
nysos, nach  dem  bei  seinen  Festen  üblichen 
Jubelrufe  tvav  ( Eur . Tr.  325)  gebildet,  welches 
aber  schwerlich,  wie  Hesych.  behauptet,  ein 
indischer  Name  des  Epheu  sein  dürfte.  Lucrct. 
5,  741  (Euhius  Euan);  Evan:  Ovid.  M 4,  15. 
Stat.  Silv.  1,  2,  17,  133.  1,  5,  3.  2,  7,  7.  4,  2, 
49.  4,  3,  155.  5,  3,  6.  Theb.  2,  616.  5,  94,  496, 
675,  712.  Semeleius  Evan:  Stat.  Silv.  1,  2, 
220.  Inschr.  aus  Puteoli  C.  I.  L.  10,  1948 
(superbus  Euhan).  [Steuding.] 

Enandre  ( EvdvÖQrj ),  Amazone,  Gefährtin  der 
Penthesileia,  Quint.  Smyrn.  1,  42.  254. 

[Klügmann.] 

Euandros  (Evccvögog),  1)  Sohn  des  Sarpe- 
don  I,  König  in  Lykien,  Gemahl  der  De'ida- 
meia,  der  Tochter  des  Bellerophontes,  und 
Vater  des  jüngeren  Sarpedon , der  als 
Bundesgenosse  der  Troer  am  trojanischen 
Kripg  teilnahm  Diod.  5,  79.  — 2)  Sohn  des 
Priamos,  Apollod.  3,  12,  5,  9.  Dict.  3,  14.  — 
3)  Angeblich  ein  Arkadier,  der  eine  pelas- 
gische  Kolonie  von  Pallantion  in  Arkadien 
nach  Italien  führte  und  die  erste  ausländische 
Ansiedelung  an  der  Stelle  des  nachmaligen 
Rom  auf  dem  Palatin  gegründet  haben  soll. 
Stellen  über  diese  Niederlassung:  Dionys. 

Hai.  1,  31  — 33.  40.  Liv.  1,5.  7.  Iustin.  43, 
1,  6.  Dio  Cass.  frg.  3 ( Mai  Spicil.  Bom.  5, 
p.  464).  Varro  L.  L.  5,  21,  53.  Strab.  5,  3, 
p.  230.  Paus.  8,  43,  lff.  44.  Ov.  Fast.  1, 
471  ff.  Verg.  Aen.  8,  51  ff.  und  Serv.  z.  d.  St. 
Solin.  1,  14.  Eustath.  in  Dionys,  v.  347. 
Mythogr.  Vat.  1.  fab.  70.  2.  fab.  153.  Hygin. 
fab.  277.  Als  Vater  des  Euandros  wird  ge- 
wöhnlich Hermes  angegeben,  als  Mutter  eine 
arkadische  Nymphe,  der  Weissagung  mächtig, 
Tochter  des  Ladon,  deren  Name  zwischen 
Carmenta,  Themis,  Nikostrate  und  Tyburtis 
schwankt,  Paus.  a.  a.  0.  Plut.  Quacst.  Bom. 
56.  Serv.  Verg.  Aen.  8,  336.  Dion.  Hai.  a. 
a.  0.  — Servius  z.  Verg.  Aen.  8,  130  nennt  ihn 
einen  Sohn  des  Echemos  von  Tegea  und  der 
Timandra,  Tochter  des  Tyndareos  u.  der  Leda. 
Wie  über  seine  Abkunft  schwanken  somit  die 
Angaben  über  seine  Heimat  zwischen  Pallan- 
tion und  Tegea,  sowie  über  die  Veranlassung 
seiner  Auswanderung.  Diese  erfolgt  entweder 
freiwillig,  d.  h.  infolge  eines  Volksaufstandes, 
nach  dessen  unglücklichem  Ausgang  Euandros 
die  Auswanderung  vorzog  ( Dionys .),  oder  weil 
er  auf  Anstiften  seiner  Mutter  seinen  Vater 
ermordet  hatte  (Serv.  z.  Verg.  A.  8,  51).  Auch 
seine  Mutter  soll  er  ermordet  haben.  Nach 
Dionysius  erfolgte  die  Auswanderung  ungefähr 
sechzig  Jahre  vor  dem  trojanischen  Kriege. 
Bald  erscheint  dieselbe  nur  als  solche  von 
zwei  Schiffen  ( Iustin . 43,  1 : cum  mediocri  turba 
popularium ),  bald  als  förmliche  Flottenexpedi- 
tion unter  Führung  des  Catillus  (Solin.  2,  8: 
„ conditum  est  Tibur,  sicut  Cato  facit  testimonium, 
a Catillo  Arcade,  praefecto  classis  Evandri'1). 
Dem  entspricht  auch  die  verschiedene  Auf- 
nahme, welche  die  Kolonie  findet.  Euandros 
landet  am  linken  Tiberufer  an  der  Stelle  des 


Euandros  1394 

nachmaligen  Rom  und  wird  nun  entweder  von 
Faunus,  dem  König  der  Aboriginer,  freundlich 
aufgenommen  (Dion.),  oder  er  mufs  sich  den 
Platz  zur  Ansiedelung  von  Herilus  (od.  Erulus; 
s.  d.);  dem  König  von  Präneste  erkämpfen,  Verg. 
Aen.  8,  562  und  Serv.  z.  d.  St.  Der  Hügel 
aber,  auf  dem  er  sich  ansiedelte,  soll  von  der 
arkadischen  Heimat  Pallantion  den  Namen 
Palatium  erhalten  haben,  Paus.  a.  a.  0.  Über 
die  verschiedenen  Ableitungen  des  Namens 
Palatium  s.  A.  Bormann,  Kritik  der  Sage  vom 
Könige  Euandros,  Halle  1853,  S.  2f. 

Die  Sage  macht  den  Euandros  zum  Stifter 
besserer  Gesittung  in  diesen  Gegenden:  er- 
brachte die  Kenntnis  der  Buchstabenschrift 
mit,  oder  erlernte  sie  selbst  erst  von  Herakles 
bei  dessen  Ankunft  in  der  Gegend  (Plut. 
Quaest.  Bom,  56.  Dionys.  1 , 33.  Liv.  1 , 7. 
Tac.  Amt.  11,  14.  Hyg.  fab.  277)  und  lehrte 
die  Bewohner  den  Gebrauch  musikalischer  In- 
strumente (I/yra,  Triangel,  Flöte),  sowie  nütz- 
liche Gewirbe.  Insbesondere  wird  ihm  auch 
die  Einführung  mehrerer  arkadischer  Kulte  zu- 
geschrieben, der  Demeter,  des  Poseidon  (Nep- 
tunus  Equester,  dem  zu  Ehren  die  Consualien 
gefeiert  wurden,  Dionys.  2,  31.  Liv.  1,  9,  der 
Nike-Victoria,  Tochter  des  Pallas,  lies.  Theog. 
383ff.),  des  Herakles  und  des  Lykäischen 
Pan.  Die  Stiftung  eines  Kults  des  Herakles 
wird  von  einigen  diesem  selbst  zugeschrieben: 
aus  Veranlassung  seines  Sieges  über  Cacus, 
den  Unhold,  welcher  die  Tibergegend  unsicher 
machte,  soll  Herakles  dem  Zeus  auf  der  Stelle 
des  Forum  boarium  einen  Stier  geopfert,  den 
Euandros  und  die  Umwohner  dazu  geladen 
und  auf  die  Weissagung  der  Carmenta  von 
seiner  nahe  bevorstehenden  Apotheose  sich 
selbst  die  ara  maxima  errichtet  haben,  Ov. 
Fast.  a.  a.  0.  Den  Opferdienst  an  diesem  Altar 
habe  Euandros  den  beiden  hervorragendsten 
Geschlechtern  der  Potitier  und  Pinarier  über- 
tragen. Dem  Lykäischen  Pan  = Lupercus 
weihte  Euandros  das  Lupercal  (lustin.  a.  a.  0.) 
am  Fufse  des  Palatin  ( Verg.  Aen.  8,  344  und 
Serv.  z.  d.  St.),  errichtete  ihm  daselbst  einen 
Altar  und  stiftete  ihm  zu  Ehren  das  Fest  der 
Lykäen  - Lupercalia,  Liv.  a.  a.  0.,  das  am 
15.  Februar  stattfand. 

Später,  als  Äneas  (s.  d.)  nach  Italien  kam,  be- 
gegnete ihm  Euandros  freundlich  und  verband 
sich  mit  ihm  gegen  die  Latiner  (Verg.  Aen. 
8),  sein  Sohn  Pallas  fällt  in  diesem  Krieg, 
wird  aber  von  Aneas  gerächt.  Als  Töchter 
des  Euandros  werden  genannt  Rhome  und 
Dyne  (Aen.  8,  575.  Serv.  z.  Verg.  Aen.  1,  277. 
Dionys,  a.  a.  0.;  doch  ist  wohl  Avva  identisch 
mit  Accvva  Dion.  1,  43  und  so  zu  korrigieren; 
s.  Bormann  S.  6,  Anm.  7). 

Endlich  erhielt  Euandros  selbst  göttliche 
Verehrung  in  Rom  am  Aventin  bei  der  Porta 
Trigemina  nach  Dionys.  1,  32,  und  obwohl  dies 
die  einzige  Nachricht  hierüber  ist,  liegt  doch 
kein  Grund  vor,  an  der  Richtigkeit  dieser  An- 
gabe zu  zweifeln.  Auch  in  Pallantion  in 
Arkadien  genofs  er  mit  seinem  Sohne  Pallas  in 
einem  Tempel  göttliche  Verehrung,  in  wel- 
chem beider  Bildsäulen  von  Marmor  aufgestellt 
waren,  Paus.  8,  44,  5. 


io 

20 

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60 


1395 


Euangelus 

Es  giebt  nicht  leicht  eine  Sage,  an  welcher 
das  Gemachte,  sozusagen  Erzwungene,  so 
augenfällig  heraustritt,  und  welche  die  Kritik 
so  laut  herausfordert,  wie  die  vorliegende. 
Einen  historischen  Kern  wird  man  vergeblich 
in  derselben  suchen,  um  so  leichter  dagegen 
den  Zweck  aufzeigen  können,  dem  sie  ihre 
Konstruktion  verdankt.  Niebuhr  hat  in  Eu- 
andros  nur  eine  Gestalt  des  Latinus  erkennen 
wollen,  Bormann  sieht  in  ihm  das  durch  eine  1 
falsche  Ableitung  des  Cacus  von  hccao g sich 
nahelegende  Gegenbild  des  „guten“  Mannes  und 
bemüht  sich  in  anerkennenswerter  Weise  die 
Zeit  und  Art  der  Entstehung  dieser  Sage  auf- 
zuzeigen; Schwegler,  Böm.  Gesch.  1,  354—383 
hat  dieselbe  wohl  am  schärfsten  zergliedert  und 
kommt  zu  dem  Resultat,  dafs  Euandros  kein 
anderer  als  Faunus  (s.  d.)  Lupercus  selbst  ist. 
Abgesehen  davon,  führt  er  aus,  dafs  die  Zeu- 
gen um  ein  Jahrtausend  jünger  seien,  sprechen  2 
gegen  die  arkadische  Kolonie  auch  sachliche 
Gründe,  namentlich  sei  eine  überseeische  Aus- 
wanderung eines  so  völlig  im  Binnenland 
wohnenden  Volkes,  wie  der  Arkadier,  ganz 
undenkbar.  Die  kulturhistorischen  Berührungs- 
punkte zwischen  Arkadien  und  dem  ältesten 
Latium  erklären  sich  nicht  aus  einer  Kolonie, 
sondern  aus  der  ursprünglichen  Stamm- 
verwandtschaft der  betr.  Bevölkerungen.  Der 
Mythos  von  der  arkadischen  Einwanderung  3 
verdankt  seine  Entstehung  dem  Bedürfnis  der 
Römer,  alles  Gemeinsame,  was  ihnen  bei  Ver- 
gleichung hellenischer  und  latinischer  Ge- 
bräuche aufstiefs,  für  ein  von  den  Fremden 
Überkommenes  und  Entlehntes  anzusehen. 
Identisch  sind  nun  die  latinischen  Luperealien 
mit  den  griechischen  Lykäen.  Das  Heiligtum 
des  Faunus  Lupercus  haftet  am  Palatin,  folg- 
lich läfst  die  Sage  den  Euandros  gerade  am 
Palatin  sich  ansiedeln.  Euandros  aber  wird  4 
der  Ansiedler  genannt,  weil  Euandros  die 
griechische  Übersetzung  von  Faunus  = Favinus 
„der  wohlwollende“,  der  „gute  Gott“  ist,  wie 
Fauna  auch  Bona  Dea  heifst.  Dem  Faunus 
aber  entspricht  auch  der  griechische  Pan,  der 
gleichfalls  den  Namen  des  „guten  Gottes“  ge- 
führt zu  haben  scheint.  Eine  Reihe  bestätigen- 
der Momente  läfst  sich  aufzählen.  Faunus 
wird  ein  Sohn  des  Hermes  genannt  (Blut. 
Parall.  38),  wie  Euandros  und  Pan.  Der  gast-  5 
liehe  Wirt  des  Hercules  ist  bald  Faunus  ( Blut . 
a.  0.),  bald  Euandros.  Die  Jungfrau,  die  von 
Hercules  einen  Sohn  gebiert,  heifst  bald  Toch- 
ter des  Faunus  ( Iust . a.  0.),  bald  des  Euandros 
{Dionys.  1,  32).  Aus  alledem  ergiebt  sich,  dafs 
jener  Euandros,  der  den  Kult  des  Faunus  Lu- 
percus stiftet,  eben  Faunus  selber  ist;  und  dies 
ist  nicht  befremdlich;  auch  Herakles  stiftet  ja 
seinen  Kultus  samt  der  Ara  Maxima  selber. 
Dies  die  Kritik  und  Erklärung  Schweglers,  gegen  c 
die  sich  wohl  wenig  wird  einwenden  lassen. 
Zu  erwähnen  ist  noch  Bonlez,  Faune,  fonda- 
teur  du  culte  religieux,  explication  de  deux 
basreliefs,  Melanges  fase.  5,  1846. 

[Weizsäcker.] 

Euangelus  {EvayysXog?),  ein  Hirt,  der  unter 
diesem  Namen  zu  Ephesos  heroische  Verehrung 
genofs , weil  er  beim  Baue  des  Artemision 


Eubule  1396 

einen  Bruch  ausgezeichneten  Marmors  entdeckt 
hatte,  Vitruv.  10,  7.,  [F.  A.  Voigt.] 

Euantke  (Evdv&g),  1)  Name  einer  Beglei- 
terin des  Theseus  beim  Erlegen  des  Minotau- 
ros:  C.  I.  Gr.  8139.  Jahn,  Beschr.  d.  Vusen- 
sammlung  in  München  333.  — 2)  s.  Euadne  1 
u 5.  [Roscher.] 

Euanthes  (Evav&gg) , Vater  des  Apollon- 
priesters Maron  von  Ismaros,  Ilom.  i 197. 
Schon  die  alten  Erklärer  fanden  in  dem  Fehlen 
einer  Erwähnung  des  Dionysos  eine  Abwei- 
chung der  homerischen  Sage  von  der  späteren, 
vgl.  d.  Scliol.  dazu;  später  galt  Euanthes  als 
der  Sohn  des  Dionysos  und  der  Ariadne,  Ion 
b.  Baus.  7,  4,  6,  korrigiert  von  Osann,  Bhein. 
Mus.  3 S.  242  aus  Schol.  Ap.  Bhod.  3,  997. 
Theon  ad  Aval.  Phaen.  638.  Barthen.  er.  20. 

[F.  A.  Voigt.] 

Euarete  (Evagszg),  Tochter  des  Akrisios, 
Gattin  des  Oinomaos,  Hyg.  fab.  134. 

[F.  A.  Voigt.] 

Euarne  {Eldgvrf),  eine  Nereide,  lies.  Theog. 
259,  ähnlich  der  Okeanine  Melobosis.  Schü- 
mann Opusc.  Ac.  2,  169  (Agnipasca).  Braun, 
Gr.  Götterl.  § 88.  Preller,  Gr.  Myth.  1,  456. 

[Stoll], 

Eubios  (Evßio g),  1)  Sohn  des  Dymas  und  der 
Periboia,  Brudes  des  Keltos,  wird  von  Neopto- 
lemos  im  Kampfe  vor  Troja  getötet,  Quint. 
Smyrn.  7,  611  ff.  — 2)  ein  Nachkomme  des 
Aialros,  Sohn  des  Pielos,  Vater  des  Nessos, 
welcher  unter  den  Ahnen  Alexanders  d.  Gr. 
aufgeführt  wird,  Jul.  Valer.  res  gestae  Alex. 
Mac.  1,  58.  [Steuding.] 

Enboia  (Evßota),  1)  Tochter  des  Asterion 
(s.  d.) , Schwester  der  Akraia  und  Prosymna 
(s.  d.) ; vergl.  nr.  5.  — 2)  Tochter  des  Aso- 
pos,  von  welcher  die  Insel  Euboia  den  Namen 
haben  soll;  Geliebte  des  Poseidon,  Nonn.  42, 
411.  Eust.  278,  30.  Steph.  Byz.  s.  v.  ’Jßavzig 
und  Evßota.  Scymn.  570.  Strabo  445.  Etym. 
Magn.  Evßota  (Mutter  des  Tychios?  Hesych.). 
— 3)  Tochter  des  Thespios,  Mutter  des 
Olympos,  Apollod.  2,  7,  8.  — 4)  Tochter  des 
Larymnos,  die  mit  Polybos,  Hermes’  Sohne, 
den  Glaukos  zeugte,  Athen.  7,  296  b.  — 5)  Amme 
der  Hera,  wohl  identisch  mit.no.  1.  Etym.  M. 
388,  56.  Blut.  qu.  conv.  3,  9,  2.  — 6)  Mai- 
nade  auf  e.  Trinkschale,  beschr.  von  Longperier 
Bevue  arch.  N.  S.  17  p.  350.  Vgl.  Heydemann, 
Sat.-  u.  Bakchennamen  S.  32.  [Roscher.] 

Eilbote  ( Evßcozt ]),  Tochter  des  Thespios,  die 
dem  Herakles  den  Eurypylos  gebar,  Apollod. 
2,  7,  8.  [Stoll.] 

Eubule  (EvßovXy),  1)  eine  Tochter  des  alten 
attischen  Königs  Leos,  welche  von  dem  Vater 
mit  ihren  beiden  Schwestern  Praxithea  (oder 
Phasithea)  und  Theope  zur  Rettung  des  Vater- 
landes geopfert  ward.  Diese  Leoiden  hatten 
ein  Denkmal,  Leokorion,  zu  Athen  am  nörd- 
lichen Markt,  Suid.  und  Ilarpokr.  s.  v.  ylsco- 
’hoqiov.  Aelian.  V.  H.  12,  28.  Demosth.  in 
Conon.  p.  1258.  Epitaph,  p.  1398.  Diod.  17,  15. 
Paus.  1,  5,  2.  Cic.  N.  D.  3,  17.  Bursian 
Geogr.  1,  287.  — 2)  Tochter  des  Danaos,  ver- 
mählt. mit  dem  Aigyptiden  Demarchos,  Hyg. 
f.  170.  [Stoll.]  , 


1307 


Eubuleus 


Euedoreschos 


1398 


Eubuleus  (Evßovltvg),  1)  nach  argivischer 
Sage  Sohn  des  aus  Argos  nach  Attika  ge- 
flüchteten Demeterpriesters  Trochilos,  der  in 
Eleusis  aufser  dem  Eubuleus  den  Triptolemos 
zeugte.  Nach  einem  orphischen  Gedichte  aber 
waren  beide  Brüder  Söhne  des  Dysaules,  Paus. 

1,  14,  2.  — 2)  Ein  Schweinehirt.  Als  Hades 
die  Persephone  in  die  Unterwelt  entführt#, 
weidete  er  an  dieser  Stelle  seine  Herde,  von 
der  ein  Teil  mit  von  dem  Schlund  verschlungen 
wurde.  Darauf  führte  man  den  Brauch  bei 
der  Eeier  der  Thesmophorien  zurück,  dafs 
man  dem  Eubuleus  zu  Ehren  eine  Anzahl 
Schweiuchen  in  unterirdische  Räume  (giyaga) 
hineinliefs;  Schol.  Lukian.  dial.  meretr.  2,  1 
(mitgeteilt  von  E.  Rohde  im  Rhein.  Mus.  25, 
548  ff.).  Clemens  Protr.  p.  25.  Lobeck  Aglaoph. 

2,  827  ff  Preller,  Gr.  Myth.  1,  639,  1;  vgl. 
Paus.  9,  8,  1.  — 3)  Einer  der  Tritopatores : 
Zagreus,  Eubuleus,  Dionysos,  Cic.  de  N.  D. 

3,  21.  — 4)  Evßovlevg  (und  Evßovlog) , der 
Wohlwollende,  der  Wohlratende,  Beiname  des 
Hades,  besonders  in  den  eleusinischen  und 
orphischen  Traditionen,  Schol.  Nikand.  Al.  14. 
Gornut.  35.  Hesych.  s.  v.  Preller,  Myth.  1, 
659;  \Kaibel,  epigr.  272,  v.  9 = C.  I.  Gr.  add. 
2347".  Lebas  4,1899.  S.  Eukles.  Roscher];  des 
Bakchos,  Orph.H.  28,8.  51,4.  Plut.  Symp. 
7,  9,  7.  Macrob.  Sat.  1,  18;  er  heifst  auch 
Sohn  des  Eubuleus,  Orph.  H.  41,  2.  Gerhard, 
Gr.  Myth.  1.  § 457,  5.  Preller,  Myth.  1,  584,  6; 
auch  Beiname  des  Zeus,  besonders  zu  Kyrene, 
Diod.  5,  72.  Hesych.  s.  v.  [Stoll.] 

Eubulos  (. EvßovXog ),  1)  Beiname  des  Hades, 
(vgl.  Eubuleus)  Orph.  h.  17,  12;  29,  6;  55,  3. 
— 2)  nach  Diod.  5 , 67  Sohn  der  Demeter, 
nach  Paus.  2,  30,  3 des  Sühnpriesters  Karma- 
nor  auf  Kreta,  Yater  der  Karme,  die  von  Zeus 
die  Britomartis  gebiert.  [F.  A.  Voigt.] 

Euchaites  (Ev%ahrjg) , selbständiger  Name 
des  Pluton  oder  Hades  in  der  Inschrift  hei 
Kaibel,  epigr.  1034  v.  23.  [Roscher.] 

Euciienor  (Ev%r/ vag),  1)  Sohn  des  Sehers 
Polyeidos,  ein  reicher  und  edler  Mann  aus 
Korinth,  dem  sein  Vater  verkündigt  hatte,  er 
würde,  wenn  er  nicht  den  Tod  durch  Krank- 
heit in  seinem  Hause  erwarte,  vor  Troja  fallen. 
Trotzdem  zog  er  aus  Ehrgefühl  im  Gefolge 
des  Agamemnon  (Paus.  2,  4,  2)  mit,  obwohl 
er  sich  durch  eine  Bufse  hätte  loskaufen 
können,  und  kam  durch  einen  Pfeil  des  Paris 
um,  Horn.  II.  13,  663ff  Find.  Ol.  13,  78.  82 
mit  Schol.  Simon,  fr.  60.  Cic.  de  divin.  1,  40. 
Nach  dem  Schol.  Vict.  z.  II.  a.  a.  O.  liefs  Phere- 
kydes  ihn  samt  seinem  Bruder  Kleitos  am  Zuge 
der  Epigonen  gegen  Theben  teilnehmen;  seine 
Mutter  heifst  dort  Eurydameia  aus  dem  Stamme 
des  elischen  Augeias  ( Müller , FUG.  4,  638). 
Durch  Polyeidos,  Ivoiranos,  Abas,  Melampus 
und  Amythaon  stammte  er  von  Kretheus,  dem 
Bruder  des  Sisyphos,  ab,  woraus  sich  seine 
Zugehörigkeit  zu  Korinth  erklärt.  Eine  andere 
Sage  nennt  Koiranos  als  Vater,  Polyeidos  als 
Grofsvater  des  Euchenor  und  läfst  diesen  in 
Megara  das  Bild  des  Dionysos  Dasyllios  stiften 
(Paus.  1,  43,  5).  Eustathios  endlich,  der  auch 
auf  den  Unterschied  zwischen  Achills  und 
Euchenors  Bestimmung  hinweist,  giebt  folgende 


Reihe:  Polyeidos,  Koiranos,  Kleitos,  Mantios, 
Melampus.  — 2)  Sohn  des  Aigyptos  und  einer 
arabischen  Frau,  der  Danaide  Ipbimedusa  als 
Gatte  bestimmt  (Apoll.  2,  1,  5).  — 3)  Vater 
des  grausamen  Königs  Echetos  (Schol.  Hom. 
Od.  18,  85).  | Wilisch.J 

Eucliir  (=  Ev%slq,  Personifikation  der  Kunst- 
fertigkeit), 1)  ein  Verwandter  des  Daidalos 
(s.  d.) , der  Begründer  der  Malerei  in  Grie- 
chenland, Aristot.  bei  Plin.  n.  h.  7,  56,  205. 
— 2)  ein  Bildhauer,  welcher  ebenso  wie 
Diopus  und  Eugrammus  mit  Damaratus  aus 
Korinth  nach  Etrurien  floh  und  mit  ersteren 
zusammen  in  Italien  die  Bildhauerkunst  ein- 
führte,  Plin.  n.  h.  35,  12,  152.  Vgl.  Soph.  O. 

C.  472.  Brunn,  Künstler gesch.  1,  529.  2,  5.  302. 

[Steuding.] 

Eudaimon  (Evdca'ycov),  Sohn  des  Aigyptos, 
vermählt  mit  der  Danaide  Erate  (?),  Hyg.  f. 
170.  [Stoll.] 

Eudaimonia  (Evdcayovi'a),  1)  Personifikation 
göttlichen  Segens,  Begleiterin  der  Aphrodite 
und  des  Eros,  Früchte  pflückend  und  bringend 
dargestellt  auf  einer  Vase  bei  Müller-  Wieseler, 
Denkm.  a.  K.  2,  296  d.  C.  I.  Gr.  8361;  vgl. 
ib.  8444.  Vergl.  Eutychia.  — 2)  Mainade, 
Heydemann,  Satyr-  u.  Bakchennamen  S.  7 u.  17 ; 
vgl.  C.  I.  Gr.  8380,  wo  falsch  Eudaimos  ge- 
lesen wird.  [Roscher.] 

Eudaimos  (?);  s.  Eudaimonia. 

Eudia  ( EvSid ),  1)  Nere'ide  auf  einer  Kylix 
in  Neapel:  C.  I.  Gr.  8406.  — 2)  Mainade  auf 
einer  Vase:  C.  I.  Gr.  7462.  Müller- Wieseler, 

D.  a.  K.  2,  487.  Heydemann , Satyr-  u.  Bak- 
chennamen S.  22.  Vgl.  Eua.  [Roscher.] 

Eudanemos  (Evddvigog)  siehe  Ileudanemos. 

Eudore  ( EväcoQrj , die  Gabenfrohe,  Benefica), 
1)  Okeanide,  lies.  Theog.  360.  Schümann,  Op. 
Ac.  2,  148.  Braun,  Götterl.  § 161.  — 2)  Ne- 
reide, lies.  Tlieog.  244.  Apollod.  1,  2,  7.  Schü- 
mann 2,  166.  Braun  § 77.  — 3)  Eine  Hyade, 
Tochter  des  Atlas  und  der  Pleione,  Hesiod.  b. 
Schol.  Arat.  Phaen.  172.  Pherekydes  b.  Schol. 
II.  18,  486  ( Müller , fr.  hist.  gr.  1,  84,  46.  3, 
304,  19).  Hyg.  P.  A.  2,  21.  fab.  192.  Eustath. 
Hom.  p.  1156,  62.  Vülcker,  Iapct.  Geschl.  88. 
249.  [Stoll.] 

Eudoros  (Eväcogog) , 1)  Sohn  des  Hermes 
und  der  Polymeie,  von  seinem  Grofsvater 
Phylas  erzogen,  einer  der  fünf  Führer  der 
Myrmidonen  unter  Achilleus,  ein  tapferer  sclinell- 
füfsiger  Krieger,  II.  16, 179  ff  Achilleus  gab  ihn 
während  der  Zeit  seines  Zornes  dem  Patroklos  in 
den  Kampf  mit,  damit  er  ihn  abhalte,  zu  weit  vor- 
zudringen; er  ward  von  Pyraichmes  getötet, 
Eustath.  Hom.  p.  1697,  56.  — 2)  Sohn  der 
Niobe,  Plierekyd.  b.  Schol.  Eur.  Phoen.  159. 
Stark,  Niobe  96.  — [3)  Teilnehmer  an  einer 
(mythischen?)  Eberjagd  auf  einem  Krater:  C. 
I.  Gr.  7373.  Roscher.]  [Stoll.] 

Euedokos  (Evedeoxog)  s.  Eneubulos. 

Euedoreschos  (EvsdcoQtaxog),  ein  König  der 
Chaldäer  aus  Pantibibla  vor  der  Sündflut, 
Abyden.  b.  Sync.  38  b in  Müller,  fr.  h.  gr.  4, 
280.  Denselben  nennt  Beros.  fr.  6 b.  Sync. 
39  b a.  a.  O.  2,  500  Evsd'cögaxog  und  fr.  5 b. 
Euseb.  chron.  5 a.  a.  O.  2,  499  Edoranchus. 

[Steuding.] 


1399 


Euenia 


Eukolos 


1400 


Euenia  (Evgvia),  Tochter  des  Aietes,  Ge- 
mahlin des  Phrixos,  Plierek.  in  d.  Schöl.  z.  Apoll. 
Bh.  2,  1149.  Sonst  wird  dieselbe  Chalkiope 
(s.  d.)  oder  auch  Iophossa  genannt.  [Steuding.] 

Buenos  (Evgvog  oder  Evgvog-,  vgl.  Gramer, 
Anecd.  2,  p.  67,  34),  1)  Sohn  des  Okeanos  u. 
der  Tethys,  Stromgott  in  Ätolien,  Hes.  Theog. 
345.  Braun,  Götterl.  _§  139.  — 2)  Sohn  des 
Ares  und  der  Demonike,  König  in  Ätolien, 
Bruder  des  Molos,  Pylos,  Thestios,  Vater  der 
Marpessa.  Als  Idas  die  Marpessa  geraubt 
hatte,  verfolgte  er  den  Räuber,  und  da  er  ihn 
nicht  erreichte,  stürzte  er  sich  in  den  Flufs 
Lykormas,  der  von  ihm  den  Namen  erhielt. 
II.  9,  557  u.  Schöl.  Apollod.  1,  7,  7.  8.  Tzetz. 
Lyk.  561.  Blut,  de  fluv.  8,  1.  Bei  Blut.  Par. 
c.  40  ist  er  Sohn  des  Ares  und  der  Sterope 
und  zeugt  mit  Alkippe,  der  Tochter  des  Oino- 
maos,  die  Marpessa;  als  er  sich  in  den  Flufs 
gestürzt,  wird  er  unsterblich.  Hyg.  f.  242 
(vgl.  f.  162)  nennt  ihn  Sohn  des  Herakles  und 
sagt,  der  Lykormas,  in  welchen  er  sich  ge- 
stürzt, heifse  jetzt  Chrysorrhoas.  — 8)  Sohn 
des  Selepios,  König  von  Lyrnessos,  Vater  des 
Mynes  (des  Gemahls  der  Briseis,  Scliöl.  II.)  u. 
Epistrophos,  welche  von  Achilleus  bei  der 
Eroberung  von  Lyrnessos  getötet  wurden,  II. 

2,  693.  [Stoll.] 

Euepes  {Evsng g),  Sohn  des  Mnesigenes  (Me- 
lesigenes  Bernhard y),  Vater  der  Eumetis,  der 
Mutter  des  Homer,  Gliarax  bei  Suid.  s,  "Oyggog 
in  Müller,  fr.  h.  gr.  3,  641,  20.  [Steuding.] 

Eueres  (Evyqgg),  1)  Sohn  des  Herakles  u. 
der  Parthenope,  einer  Tochter  des  Stymphalos, 
Apollod.  2,  7,8.  — 2)  Sohn  des  Pterelaos, 
Königs  der  Taphier.  Er  zog  mit  seinen  Brü- 
dern in  den  Krieg  gegen  Elektryon  und  seine 
Söhne  und  blieb  in  dem  Kampfe  von  den 
Brüdern  allein  übrig,  Apollod.  2,  4,  5.  6;  s. 
Amphitryon.  — 3)  Vater  des  Teiresias,  aus 
dem  Geschlechte  des  Sparten  Udaios,  Apollod. 

3,  6,  7.  Hyg.  f.  68.  75.  [Stoll.] 

Eueteria  ( EvszgQi'a ) = Abundantia?  (s.  d.), 
C.  I.  Gr.  1104  ( vciog  E-cxg).  [Roscher.] 

Euguotos  (Evyvazog),  ein  Thebaner,  dessen 
Sohn  Eumelos,  ein  eifriger  Diener  des  Apollon, 
seinen  Sohn  Botres  im  Zorne  beim  Opfer  er- 
schlug, worauf  dieser  durch  die  Gnade  des 
Apollon  in  einen  Vogel  verwandelt  wurde, 
Ant.Lih.  18.  S. Eumelos  und  Botres.  [Stoll.] 

Euios  = Dionysos  (s.  d.). 

Euippe  {EvCn  ng),  1)  zwei  Töchter  des 
Danaos  von  verschiedenen  Müttern,  die  eine 
mit  dem  Aigyptiden  Argios,  die  andere  mit 
linbros  vermählt,  Apollod.  2,  1,  5,  5 u.  7. 
Bei  Hyg.  f.  170  ist  die  Danaide  Euippe  mit 
dem  Aigyptiden  Agenor  vermählt.  — 2)  Toch- 
ter des  Leukon  zu  Orchomenos,  Enkelin  des 
Athamas,  Gemahlin  des  Andreus,  von  dem 
(oder  von  Kephissos)  sie.  den  Eteokles  gebar, 
Paus.  9,  34,  5.  Gerhard,  Gr.  Myth.  2.  Stammtf. 
p.  224.  226.  — 3)  Tochter  des  Daunos,  ge- 
liebt von  Alainos,  einem  Stiefbruder  des  Dio- 
medes,  Tzetz.  L.  603.  — 4)  Tochter  des  Ty- 
rimmas,  mit  welcher  Odysseus,  als  er  nach 
Ermordung  der  Freier  wegen  gewisser  Orakel 
nach  Epeiros  gereist  und  von  Tyrimmas  gast- 
lich aufgenommen  worden  war,  den  Euryalos 


zeugte.  Als  dieser,  erwachsen,  von  der  Mutter 
nach  Ithaka  geschickt  worden  war,  wurde  er 
von  Odysseus,  ohne  dafs  dieser  ihn  erkannte, 
getötet,  Parthen.  3 nach  der  Tragödie  Euryalos 
von  Sophokles,  Nauck,  trag.  gr.  fr.  p.  141. 
Welcher,  gr.  Trag.  1,  248.  Nach  Lysimachos 
b.  Eustatli.  Horn.  p.  1796,  51  hiefs  ihr  und  des 
Qdysseus  Sohn  Leontophron,  nach  andern 
Doryklos,  Eudoc.  p.  74.  394.  — 5)  Gemahlin 
des  Pieros,  Mutter  der  Pieriden,  Ovid.  Met.  5, 
303.  [Stoll.] 

Euippos  {Evimtog) , 1)  Sohn  des  Thestios 
(s.  d.  u.  vgl.  d.  Art.  Meleagros).  — 2)  Ein 
Lykier,  den  Patroklos  vor  Troja  tötet,  II.  16, 
417.  — 3)  Sohn  des  Megareus,  von  dem 
kithaironischen  Löwen  getötet,  s.  Alkathoos. 

[Bernhard.] 

Eukleia  {EvhXsiö),  1)  Beiname  der  Artemis 
(s.  d.)  — 2)  Beiname  der  Aphrodite  ? C.  I.  Gr. 
5954.  — 3)  Göttin  des  Ruhmes  (=  rdea  Glo- 
ria’), in  Athen  verehrt  G.  I.  Att.  3,  277.  623. 
624.  733.  738  (iSQSvg  Evxhsiag  xal  EvvogCag). 
Nach  Paus.  1,  14,  5 befand  sich  in  Athen  ein 
Tempel  der  Eukleia,  dvdögyct  xai  zovzo  ano 
Mfjöcov , oi'  zgg  Muquöü>vl  s6%ov.  Viel- 

leicht ist  diese  Eukleia  ursprünglich  mit  Arte- 
mis Eukleia  identisch  gewesen,  wie  A.  Mömm- 
sen,  Heortölogie  410  vermutet.  Vgl.  jedoch  die 
Kylix  C.  I.  Gr.  8362b,  wo  Aphrodite  begleitet 
von  Eukleia,  Eunomia,  Klymene,  Harmonia  u. 
Pannychis  dargestellt  ist,  und  die  Vase  C.  I. 
Gr.  8364  (Peitho  u.  Eukleia).  [Roscher.] 

Eukles  {Evxlgg,  ep.  Evxlsgg)  euphemisti- 
scher Beiname  des  Hades,  nach  Hesych.  2, 
p.  224  Schm.:  Evxlgg • o cjcdgg  xcxl  ovogaazbg 
xal  svsidyg  (wo  die  Konjekturen  von  Musurus 
und  Schmidt  unnötig  sind),  vgl.  Hades  Ivly- 
menos.  Zu  einer  selbständigen  Person  hypo- 
stasiert  erscheint  der  Name  auf  einer  sybari- 
tischen  Grabinschrift  in  den  Notizie  degli  scavi 
1880,  p.  155,  tab.  VI,  (vgl.  Journal  of  Hellen, 
stud.  3,  2,  p.  111):  SQXogcu  sh  xuö’uqgöv  xa- 
&aga,  %&ovicov  ßaailsia,  Evxlgg  Evßovlsvg  zs 
xal  dQ'd.va.xoi  &soi  cilloi.  Die  oskische  Form 
Evklox  auf  der  Tafel  von  Agnone  (Vezkei 
Evkloi  Kern:  s.  oben  den  Art.  Ceres,  S.  860) 
läfst  auf  ein  unteritalisches  Evxkog  schliefsen. 
Vgl.  Mommsen,  unter  italische  Dialekte  13; 
Bücheier,  Bliein.  Mus.  36.  332  f.  [Crusius.] 

Euknamos  ( Evxvuyog ),  ein  Held  aus  Am- 
phissa,  welcher  von  den  Phokern  als  Heros 
verehrt  wurde.  Plut.  amat.  17, 16.  [Steuding.] 

Eukoline  {EvHoUvg),  Beiname  der  Hekate 
hei  Kallimachos  nach  Etym.  M.  p.  392,  27: 
Evxolivr]  g -'Excixg  liysxai  txciqcc  Kalh.ga%ip 
hux’  civzi'cpQaoiv , rj  gl]  ovGa  svnokog.  Es  ist 
also  eine  euphemistische  Bezeichnung  der 
chthonischen  Hekate;  sehr  mit  Unrecht  sub- 
stituierte Bentley  ’Exukg,  vergl.  Schneider  Cal- 
lim.  2 p.  208.  356.  [Crusius.] 

Etikolos  (Evnolog)  . . . ’Egggg  nagcc  Mszu- 
novzloig,  Hes.  2,  p.  224  Schm.  Der  Beiname 
gilt  vermutlich  dem  Gotte  als  Totengeleiter. 
Hierher  gehört  wohl  auch  das  Archäol.  Zeitg. 
1874  S.  148  besprochene  Sepulkralrelief  mit 
der  Inschrift:  Ildvlog  avsögnsv  EvxoXog-,  vgl. 
Journ.  of  Hellen,  studies  5 (1885)  S.  117. 

[Crusius.] 


1401 


Eukrante 


1402 


Eumolpos 


Eukrante  ( EvxQocvzr /),  Nereide,  lies.  Theog. 
243.  Vgl.  Eukrate.  [F.  A.  Voigt.] 

Enkrate  (Evv.gdz rj),  eine  der  Nereiden  (s. 
d.),  Hes.  Tlieog.  243,  wo  manche  EvY.Qu.vzri 
schreiben,  Apollod.  1,  2,  7.  Schoemann,  Op. 
Ac.  2,  169  (Temperia,  quae  aestivos  calor es 
amoeno  f rigor c temperat;  Schol.  Hes.  Sicc  z 6 
evkqktovs  SlSovcu  zovg  k EQag).  Braun , Gr. 
Götterl.  § 76.  (Eukrante,  die  lieblich  herr- 
schende Woge).  [Stoll.]  io 

Eukrates  (EvYQuzg g),  Satyr  auf  einer  Trink- 
schale in  Würzburg:  Heydemann,  Satyr-  und  . 
BaJcchennamen  S.  26.  [Roscher.] 

Eulabeia  (Evlußsia),  von  Eteokles  bei  Eu- 
ripides  ( Phoen . 782  f.)  als  xpriGigcozcczr]  ttfwr 
bezeichnet  und  als  Retterin  Thebens  angerufen, 
nach  dem  Schol.  z.  d.  Stelle,  l'vcc  uvzoi  cccpo- 
ßcog  E7iel&cooLV  rj  l'vcc  zoig  nolEpioig  cpößov  tg- 
ßccly ; vgl.  Deimos  u.  Pliobos.  [Roscher.] 

Eulimene  (Evhgsvrf),  1)  eine  der  Nereiden  20 
(s.  d.),  Hes.  Theog.  246.  Apollod.  1,  2,  7.  Schoe- 
mann Op.  Ac.  2,  166  (Fortuna,  quae  commodas 
navibus  stationes  praebet ; vergl.  Schol.  Hes.). 
Braun,  Gr.  Götterl.  § 78.  Preller,  Gr.  Myth.  1, 
455.  — 2)  Tochter  des  Kydon,  Königs  in  Kreta, 
welche,  vom  Vater  dem  Apteros  (Apteras?)  zur 
Ehe  versprochen,  mit  Lykastos  heimlichen  Um- 
gang pflog.  Deshalb  befahl  das  Orakel  in  einer 
Kriegsnot  sie  den  einheimischen  Heroen  zu 
opfern.  Dies  geschah  trotz  dem  Widerspruch  30 
des  Lykastos,  der  sein  Verhältnis  mit  Eulimene 
offenbarte.  Apteros  tötete  den  Lykastos  und 
flüchtete  darauf  zu  Xanthos  nach  Termera. 
Asldepiad.  Myrl.  bei  Parthen.  35.  Müller  fr. 
hist.  gr.  3,  300,  1.  [Stoll.] 

Eumache  (Evgccxg),  Amazone  auf  einer  rot- 
figurigen Vase:  de  Witte,  Cat.  Beugnot  nr.  41. 

[Klügmann.] 

Euinaios  (Evga 10g),  1)  der  treue  Sauhirt  des 
Odysseus  (s.  d.),  Sohn  des  Ktesios,  Königs  von  40 
Syros,  in  seiner  Kindheit  von  einer  phönikischen 
Sklavin  mit  auf  das  Schiff  ihrer  Landsleute 
genommen  und  an  Laertes  verkauft  (Odyss. 

0 403—484).  Auf  den  Rat  der  Athena  (v  404) 
begiebt  sich  Odysseus  nach  seiner  Ankunft  auf' 
lt.haka  zuerst  zu  diesem  treuergebenen  Diener, 
der  ihn  gastlich  aufnimmt,  die  Bedrängnis  des 
Herrenhauses  durch  die  Freier  erzählt  und  ihm 
ein  Nachtlager  bei  sich  bereitet  (Buch  £). 
Seine  Mitteilungen  ergänzt  er  am  nächsten  50 
Tage,  besonders  durch  Nachricht  vom  Leben 
des  alten  Laertes  (0  301  ff.).  Er  empfangt 
freudig  den  zurückkehrenden  Telemachos 
(tc  11 — 158)  und  begiebt  sich  auf  dessen  Be- 
fehl zu  Penelope,  um  dieser  die  Ankunft  des 
Telemachos  zu  melden.  Er  führt  den  Odysseus 
als  Bettler  in  die  Stadt  und  sein  Haus  (q  182  ff.) 
und  vor  Penelope  (q  507  ff).  Ihm  und  dem 
treuen  Rinderhirten  Philoitios  giebt  sich 
Odysseus  zu  erkennen  (cp  188  ff),  worauf  sie  co 
ihm  bei  den  Vorbereitungen  zum  Freiermorde 
und  bei  diesem  selber  behilflich  sind;  ins- 
besondere fesseln  sie  den  verräterischen  Mel- 
anthios , der  den  Freiern  Waffen  bringen  will 
(l  162 — 200).  [Nach  Arist.  b.  Flut.  Q.  Gr.  17  war 
Eumaios  Stammvater  des  Koliadengeschlechts 
auf  Ithaka.  Die  bildlichen Darstcdlungen  des  Eu- 
maios 3.  b.  Overbecic,  Bildiv.  z.  (heb.  u.  troian. 


Heldenkr.  S.  801  ff.  Atlas  Taf.  33  nr.  3 u.  5.  — 
2)  Trojaner,  Q.  Sm.  8,  96.  R.]  [F.  A.  Voigt.] 

Eumedes  (Evggögg),  1)  Herold,  Vater  des 
Kundschafters  Dolon,  II.  10,  314sq.  — 2)  Nach 
der  Alhmaionis  einer  der  Söhne  des  Melas, 
welche  dem  Oineus  nachstellten  und  darum 
von  Tydeus  erschlagen  wurden,  Apoll.  1,  8,  5, 
3.  — 3)  Sohn  des  Hippokoon,  Paus.  3,  14,  6. 

[F.  A.  Voigt.] 

Eumedon  (EvgiSmv),  Sohn  des  Dionysos 
und  der  Ariadne,  Argonaut  nach  Hyg.  f.  14. 

[Seeliger.] 

Eumeides  (Evgslörjg),  Sohn  des  Herakles  von 
einer  Thespiade,  Apollod.  2,  8,  1.  [F.  A.  Voigt.] 
Eumelos  (EvgrjXog),  1)  Sohn  des  Admetos 
und  der  Alkestis,  ,, Herdenreich“  genannt  nach 
dem  seinen  Vater  charakterisierenden  Reich- 
tum, den  dieser  dem  Knechtsdienste  Apollons 
verdankte.  Er  führt  vor  Ilion  die  besten  Rosse, 
die  Apollon  geweidet  (Hom.  B 711.  765)  und 
gewinnt  mit  ihnen  einen  Preis  bei  den  Lei- 
chenspielen des  Patroklos  (W  375).  Gemahl 
der  Iphthime  (d  797).  — 2)  erster  König  von 
Patrai,  Vater  des  Antheus,  bei  dem  Triptole- 
mos  einkehrt,  Paus.  7,  18,  2.  — 3)  Sohn  des 
Urkönigs  Merops  auf  Kos;  wegen  übermütiger 
Gottlosigkeit  werden  er  und  seine 'drei  Kin- 
der in  Vögel  (Bvacu-ßvaou , Mtgonzg-yluv^, 
’. 'AyQu>v-%ccQciÖQi6g ) , er  selber  in  den  ominösen 
Nachtraben  verwandelt  (Ant.  Lib.  15).  — 4) 
Sohn  des  Eugnotos  in  Theben,  frommer  Ver- 
ehrer Apollons,  der  ihm  den  im  Zorn  erschla- 
genen Sohn  Botres  in  einen  Vogel  verwandelt 
(ib.  17);  beide  auf  volkstümlichen  Augurien 
ruhende  Legenden  sind  der  Ornithogonie  des 
Boios  entnommen.  — [5)  Ein  zu  Neapolis  ver- 
ehrter Gott  oder  Heros:  C.  I.  Gr.  5786:  Ev- 
gglov  &sbv  tcuzqwov  cpQr’izoQOLv  Evggl.si.do0v  T. 
d?l(xv'Cog  niog  uvE&rjKSv  k.  z.  X.  [R.]  [F.A.  Voigt.] 
Eumenides  s.  Erinys. 

Eumetes  (Evgf]zr\g),  Sohn  des  Lykaon,  Ap. 
3,  8,  3.  [F.  A.  Voigt.] 

Euinetis  (Evggzfg),  Tochter  des  Euepes, 
von  Maion  oder  Metios  (?)  Mutter  des  Homer, 
Cliarax  bei  Suid.  s.  v.  OggQog  in  Müller , fr. 
h.  gr.  3,  641,  20.  [Steuding.] 

Eumolpe  (Evgolng),  Nereide,  Apollod.  1,  2, 
7.  [F.  A.  Voigt.] 

Eumolpos  (EvyolTtog) , Sohn  des  Poseidon 
und  der  Chione,  Tochter  des  Boreas  und  der 
Oreithyia.  Er  wird  von  seiner  Mutter  aus 
Furcht  vor  ihrem  Vater  ins  Meer  geworfen, 
von  Poseidon  aber  nach  Äthiopien  zu  seiner 
Tochter  Benthesikyme  gerettet.  Dort  wird  er 
aufgezogen  und  erhält  die  Tochter  der  Ben- 
thesikyme zur  Frau.  Als  er  auch  die  Schwe- 
ster seiner  Gattin  begehrt  (vgl.  den  Thraker 
Tereus),  wird  er  vertrieben  und  kommt  mit 
seinem  Sohne  Ismaros  zu  Tegyrios,  dem  König 
der  Thraker,  welcher  seine  Tochter  mit  dem 
Ismaros  vermählt.  Infolge  der  Nachstellungen, 
die  er  dem  Tegyrios  bereitet,  aus  Thrakien 
vertrieben,  geht  er  nach  Eleusis.  Nach  dem 
Tode  seines  Sohnes  wird  er  nach  Thrakien 
zurückgeholt,  übernimmt  nach  dem  Tode  des 
Tegyrios  dessen  Herrschaft,  und  kommt  von 
dort  aus  den  Eleusiniern  auf  ihren  Wunsch 
im  Kampf  gegen  die  Athener  zu  Hilfe.  Dort 


1403 


Eumon 


fällt  er  ( Apollod . 3,  14,  4.  Steph.  Byz.  s.  y. 
Al&iorp.  Hygin.  f.  157).  Bei  Clem.  Alex,  protr. 

2,  20  wird  er  als  ygytvgg  bezeichnet,  der  zur 
Zeit  der  Ankunft  der  Demeter  in  Eleusis  als 
noiyriv  wohnte.  Nach  TheoJcr.  19,  110  ist  er 
ein  Sohn  des  Philammon.  Oder  er  ist  der 
Sohn  (oder  Schüler)  des  Musaios,  dessen 
Gedichte  er  bekannt  machte  ( Marm . Par.  27. 
Diog.  Laert.  prooem.  3.  Schol.  Aesch.  in  Ctes.  18), 
von  der  Selene  (schol.  Arist.  ran.  1033) ; anderer-  l 
seits  wird  Musaios  als  sein  Sohn  bezeichnet. 
Um  die  verschiedenen  Mythen  unter  einander 
zu  vereinigen,  nimmt  man  drei  verschiedene 
Personen  desselben  Namens  an:  1)  Eumolpos 
den  Thraker,  Vater  des  Keryx,  2)  Sohn  des 
Keryx,  Vater  des  Antiphemos,  3)  Sohn  des 
Musaios.  Dieser  letzte  Eumolpos  gilt  als  Be- 
gründer der  Mysterien;  der  zweite  heifst  auch 
Sohn  des  Apollon  und  der  Astykome;  dem 
dritten  wird  Deiope,  Tochter  des  Triptolemos,  2 
zur  Mutter  gegeben  (Schol.  Soph.  Oed.  Gol. 
1053.  Alcidam.  Odyss.  5.  Photius  s.  v.  Evuol- 
nCSca).  Er  ist  Stifter  der  Mysterien  (Plut.  de 
exil.  17.  Luc.  Demon.  34;  nach  Schol.  Eurip. 
Phoen.  854  dagegen  bestanden  diese  schon 
vorher,  und  er  ist  der  erste,  welcher  als  (gsvog 
geweiht  wird).  Nach  Horn.  h.  in  Cer.  476 
unterrichtet  ihn  die  Göttin  selbst  in  den  Ge- 
heimlehren, vgl.  Paus.  2,  14,  3.  Er  reinigt 
den  Herakles  vom  Mord  der  Kentauren  und  3 
weiht  ihn  in  die  Mysterien  ein  (Apollod.  2,  5, 
12.  Mythogr.  gr.  353,  11)  oder  unterrichtet 
ihn  im  Saitenspiel  (Theolcr.  19,  110).  Auch 
den  Midas  unterrichtet  er,  gemeinsam  mit 
Orpheus,  Ovid.  Met.  11,  93.  Auf  ihn  wird  die 
Kultur  des  Weinstocks  und  die  Baumzucht 
zurückgeführt,  Plin.  n.  h.  7,  199.  Er  erfindet 
die  Vokalbegleitung  zum  Flötenspiel  (Hygin. 
f.  273).  Über  den  Krieg  gegen  Erechtheus,  König 
der  Athener,  s.  d.  Artikel  Erechtheus,  vgl.  noch  4 
Alcidam.  Odyss.  5.  Plato  Menex.  239  B.  Strabo, 

7,  7 (nach  8,  7 wird  er  von  Ion,  dem  Sohne  des 
Xuthos,  besiegt).  JDemosth.  ’epit.  8.  Plut.  parall. 
31.  Luc.  Demon.  34.  Anach.  34.  Theon  pro- 
gymn.  4 (Bhet.  ed.  Walz  1,  201).  Giern.  Alex. 
Strom.  21,  103.  Sein  Grab  wurde  in  Athen 
und  in  Eleusis  gezeigt  (Paus.  1,  38,  2);  nach 
Giern.  Alex,  protr.  3,  45  war  dagegen  sein 
und  der  Daeira  Sohn  Immaros  (Immarados  bei 
Paus.  1,5,2.  27,  4.  38,  3)  in  ^.then  begra-  5 
ben.  Nach  dem  Tode  des  Eumolpos  tritt  in 
Eleusis  sein  Sohn  Kr\QV%,  der  Stammvater  der 
KriQvy.Es,  an  seine  Stelle,  der  jedoch  nach  der 
Aussage  der  Kr'iQvyig  ein  Sohn  des  Hermes 
und  der  Aglauros  ist  (Paus.  1,  38,  2).  Vgl. 
Lobeck,  Aglaoph.  207.  239.  311. 

Eine  Statue  des  Eumolpos,  oder  nach  andern 
seines  Sohnes  Immarados,  stand  in  Athen  auf 
der  Akropolis,  Paus.  1,  27,  4.  Auf  einem 
Vasenbild  ist  er  bei  der  Aussendung  des  Tri-  e 
ptolemos  zugegen.  Arm.  deW  Inst.  1872,  228. 
Mon.  delV  Inst.  9,  43.  Über  Darstellungen 
des  Kampfes  mit  Erechtheus  (s.  d.) 

[Engelmann.] 

Eumon  ( Evpcov ?),  Sohn  des  Lykaon,  Apol- 
lod. 3,  7,  8,  1.  [Roscher.] 

Eunaeus  oder  Euneus,  Sohn  des  Clytius, 
im  Kampf  gegen  Turnus  auf  seiten  des  Aneas ; 


Eunomia  1404 

er  war  der  erste,  der  von  Camilla  getötet  ward, 
Verg.  Aen.  11,  666.  [Stoll.] 

Euneike  (Evvetr irj  lies.  Et.  M.  393,  31  ff.  276, 
2 ; sonst  EvvCyg),  1)  eine  der  Töchter  des  Nereus 
und  der  Doris.  lies.  Theog.  246.  Apoll,  bibl. 

1,  2,  7 bei  Müller  fr.  h.  gr.  1,  105,  Et.  M. 
Hygin.  fab.  praef.  — 2)  Euneika,  eine  der  drei 
Quellnymphen,  welche  den  Hylas  raubten,  im 
Lande  der  Kianoi  an  der  Propontis,  Theolcr. 
13,  45.  [Steuding.] 

Euneos (Evvrqog ; Evveoj g G.  1.  Gr.  8432 .Strabo, 
. Hesych.,  Evvsog  Nie.  Dam.,  Evvsvg  Etym.  3t., 
Evvoog  Anthol.  Pal.,  Philostr.),  Sohn  des  Iason 
und  der  Hypsipyle , der  Tochter  des  Königs 
Thoas  von  Lemnos.  Er  liefert  den  Griechen  vor 
Troja  Wein  (Horn.  II.  7,  468  und  Asläep.  Trag. 
in  den  Schol.  Ven.  z.  d.  St.,  Apollod.  bibl.  1. 
9,  17,  2.  Hesych.,  Nie.  Darnasc.  frgm.  18  bei 
Müller  fr.  h.  gr.  3,  368.  Etym.  M.  393,  35; 
o vergl.  165,  47  u.  Suid.,  Mythogr.  Vat.  1,  133. 

2 , 141)  und  kauft  den  Sohn  des  Priamos  Ly- 
kaon, den  Achilleus  gefangen,  durch  Vermitt- 
lung des  Patroklos  für  einen  phoinikischen 
Mischkrug  wieder  los  (II.  23,  747  vgl.  21,  41. 
Quint.  Srnyrn.  4,  383.  Strabo  1,  2,  33  S.  41). 
Achilleus  gilt  als  sein  Verwandter,  Dernetr. 
Skeps.  bei  Athen.  1,  2,  38  u.  40  S.  45 f.  Mit 
seinem  Bruder  Thoas  befreit  Euneos  seine 
Mutter  aus  der  Sklaverei  des  Lykurgos  und 

o der  Eurydike  und  führt  sie  nach  Lemnos  zu- 
rück, nachdem  die  Brüder  von  ihr  an  einem 
goldnen  Weinstock,  dem  Zeichen  ihrer  Ab- 
stammung (vgl.  die  elfenbeinerne  Schulter  der 
Pelopiden)  erkannt  worden  waren  ([ C . I.  Gr. 
8432.  Gerhard,  Ges.  alc.  Abhdl.  1,  9.  ft.]  Anthol. 
Pal.  3,  10  u.  Dübner  dazu  S.  47).  Als  Philokte- 
tes  sich  auf  Lemnos  aufhielt,  unternahm  Euneos 
mit  ihm  Streifzüge  auf  die  in  der  Nähe  liegen- 
den Inseln  (Philostr.  heroic.  5,  2 S.  703).  Myth. 
o Vat.  1 , 199  leitet  wohl  richtig  den  Namen 
von  ev  und  vgvg  = bene  navigans  ab.  Mül- 
ler, Orchorn.  304  u.  Welcher , Aesch.  Tril.  592 
fassen  denselben  als  ursprüngliches  Beiwort 
des  Iason  auf.  Über  die  Argonauten  auf  Lem- 
nos s.  o.  S.  519,  66ff. , Preller,  Gr.  3Iyth.1  2, 
221  f.  — 2)  Evvsarg,  ein  athenischer  Jüngling, 
Begleiter  des  Theseus  auf  seinem  Zug  gegen 
die  Amazonen,  der  jedoch  mit  dem  vorigen 
vielleicht  identisch  sein  dürfte,  da  einer  seiner 
o beiden  Brüder  ebenfalls  Thoas  heifst,  Menecr. 
Nys.  bei  Plut.  Thes.  26,  5.  Auch  leiteten  die 
athenischen  Evveiöca  ihr  Geschlecht  von  Ev- 
vsvg,  dem  Sohne  des  Iason,  ab,  Etym.  3Iagn. 
393,  35  [Steuding.] 

Eunike  (EvvUg),  1)  = Euneike  (s.  d.)  — 2) 
Begleiterin  des  Theseus  bei  des  Minotauros 
Erlegung:  C.  I.  Gr.  8139.  [Roscher.] 

Eunoe  (Evvorf),  eine  Nymphe,  von  Dymas 
Mutter  des  Asios,  des  Bruders  der  Hekabe. 
o Pherekyd.  in  d.  Schol.  Victor,  zu  Horn.  II.  16, 
718  bei  Müller  fr.  h.  gr.  4,  345,  2;  vgl.  Schol. 
Venet.  z.  Eurip.  Hccub.  1 bei  3 Heller  a.  a.  0. 
4,  639  zu  pag.  95  fr.  99,  wo  Hekabe  als  Toch- 
ter des  Dymas  yai  NyiSog  vvpcpgg  Evctyogct g 
(s.  Euagore)  bezeichnet  wird.  [Steuding.] 
Eunomia  (EvvogCcc,  -Crf),  1)  eine  der  Horen 
(s.  d.).  = 2)  Personifikation  der  Gesetzlichkeit 
(svvogree),  wohl  eigentlich  mit  nr.  1 identisch. 


Eunomos 


1405 

Ihr  Kopf  erscheint  auf  Münzen  von  Gela  {Ev- 
vofu'a  FeXcomv)  ähnlich  der  Demeter:  Mißlin- 
gen, Anc.  Coins  2,  10.  Ann.  d.  Inst.  2 p.  313. 
Müller,  Händb.  d.  Arcli.  406,  2.  Vergl.  den 
Titel  Evvoyi'cc  eines  Gedichts  des  Tyrtaios 
{Bergk,  Poet.  Lyr.  fr.  1).  [Roscher.] 

Eunomos  ( Evvoyog ).  Als  Herakles  nach 
seiner  Vermählung  mit  Deianeira  längere  Zeit 
bei  dem  Schwiegervater  Oineus  in  Kalydon 
verweilte,  traf  ihn  das  Unglück,  dafs  er  bei  i 
einem  Gastmahl  (nach  Tzetzes  hei  dem  Hoch- 
zeitsmahl) den  Knaben  Eunomos , Sohn  des 
Architeles,  einen  Verwandten  des  Oineus,  tötete. 
Als  nämlich  der  Knabe  ihm  beim  Aufwarten 
Waschwasser,  das  für  die  Füfse  bestimmt  war, 
auf  die  Hände  gofs,  wollte  er  ihm  für  das 
Versehen  durch  eine  Maulschelle  eine  kleine 
Zurechtweisung  geben;  aber  die  wuchtige  Hand 
traf  so  schwer,  dafs  er  wider  Willen  den  Kna- 
ben totschlug.  Obgleich  der  Vater  des  Knaben  2 
dem  Herakles  den  unfreiwilligen  Mord  verzieh, 
so  legte  dieser  sich  doch  die  gesetzliche  Strafe, 
die  Verbannung,  auf  und  zog  mit  seinem  Weibe 
und  seinem  Söhnchen  Hyllos  nach  Trachis. 
Apollod.  2,  7,  6.  Vgl.  Schol.  Ap.  Bh.  1,  1212. 
Diod.  4,  36.  Preller,  Gr.  Myth.  2,  245,  3. 
Braun,  Gr.  Götterl.  § 645.  Eunomos  nennt 
den  Knaben  aufser  Apollodor  auch  Herodor 
bei  Athen.  9,  4l0f.,  Ennomos  heifst  er  bei 
Tzetz.  Lyk.  50  und  Chil.  2,  455,  Eurynomos  3 
bei  Diod.  a.  a.  0.  Hellanikos  nannte  ihn 
Archias  und  anderswo  Cherias  {Athen,  a.  a.  0.); 
bei  Eustath.  1900,  24  heifst  er  Chairias,  bei 
Schol.  Ap.  Bh.  a.  a.  0.  Kyathos,  Weinschenk 
des  Oineus.  Nikandros  (Athen,  a.  a.  0.)  er- 
zählte in  seinen  Oitai'ka,  dafs  Herakles  den 
Kyathos,  Sohn  des  Pyles,  Bruder  des  Anti- 
machos, unversehens  erschlug,  als  er  ihm 
Wein  einschenkte,  und  ihm  dann  zu  Proscliion, 
einer  Stadt  in  Atolien,  einen  Hain  weihte,  der  4 
bis  jetzt  r 6 Oivoioov  heifse.  Nach  der  Er- 
zählung der  Phliasier  bei  Paus.  2,  13,  8 ge- 
schah der  Mord  des  Kyathos,  des  Mundschenks 
des  Oineus,  in  Phlius,  wo  Oineus  den  eine 
zeitlang  dort  weilenden  Herakles  besuchte,  bei 
einem  Gastmahl,  indem  Herakles  den  Knaben 
mit  einem  Finger  auf  den  Kopf  schlug,  weil 
er  mit  dem  gereichten  Trunk  nicht  zufrieden 
war.  Die  Phliasier  zeigten  noch  spät  das 
Haus,  wo  dies  geschehen,  neben  einem  Heilig-  5 
tum  des  Apollon,  und  eine  Gruppe  aus  Stein: 
Kyathos  dem  Herakles  einen  Becher  reichend. 
Eunoos  ( Evvoog ) siehe  Euneos.  [Stoll.] 
Eunoste  {Evvoazg),  eine  Nymphe,  die  den 
tanagräischen  Heros  Eunostos  (s.  d.),  Sohn  des 
Elieus,  aufzog,  woher  dieser  auch  seinen  Namen 
erhielt,  Plut.  Quaest.  Gr.  c.  40.  [Stoll.] 
Eunostos  (Evvocrog),  1)  nach  Hesych.  s.  v. 
p.227 Schm.-,  ayccXydzLOv  svzsXlg  tvzoig  yvXcoaiv , 
o Sonst  scpoQcev  to  stu'(istqov  rcäv  dXsvqcov,  otzsq  g 
Xsyszoa  voazog ; nach  Etym.  M.  394,  4 ( Eustath . 
p.  214,^18  und  1383,  42),  &sog  imyvXLog  rj  So- 
novaa  stpoQciv  to  ysTQOV  ziav  dXsvQcov:  also  wohl 
Beiname,  wahrscheinlich  der  Artemis,  vgl. 
Epimylios.  Über  die  Bedeutung  von  svvoazog 
(„Gutkomm,“  „Gutertrag“)  s.  Curtius,  Leip- 
ziger Studien  1,  151;  Breal,  rivista  di  philo- 
logia  1874,  453.  — 2)  Sohn  des  Elieus  und 


Eupalamos  1 406 

der  Skias  (hei  Plut.  guaest.  Gr.  40),  Heros  in 
Tanagra,  aufgezogen  von  der  Nymphe  Eunosta. 
Keusch  und  fromm  verschmäht  er  die  Liebe 
der  Oehna,  der  Tochter  des  Kolonos,  welche 
ihn  nun  wegen  angeblicher  Vergewaltigung 
bei  ihren  Brüdern  Echemos,  Leon  und  Bukolos 
verleumdete:  das  weitere  oben  S.  832  unter 
Bukolos.  — Das  Heiligtum  des  Eunostos  durfte 
kein  Weib  betreten;  geschah  es  aber  doch, 
so  glaubte  man,  dafs  Erdbeben  und  Dürre  als 
Strafe  folgten;  auch  wollte  man  den  Heros 
gesehen  haben,  wie  er  ans  Meer  ging,  um  sich 
von  solcher  Befleckung  zu  reinigen.  — Die 
Notiz  des  Plutarch  ist  aus  dem  Werke  n sgl 
riQüixov  des  (Peparethiers?)  Diolcles  {FHG.  3, 
p.  786)  geschöpft,  welcher  die  böotische  Lokal- 
dichterin Myrtis  von  Anthedon  (poet.  lyr.  Gr. 
34,  p.  542)  ausschrieb.  Es  ist  also  eine  alte, 
trefflich  bezeugte  Sage,  die  aber  wohl  in  der 
Deutung  jenes  ui'ziov  aufgeht,  so  dafs  man  in 
den  novellenartigen  Einzelheiten  keinen  tie- 
feren Sinn  suchen  darf.  Das  Wesen  jenes 

Heros  war  offenbar  schon  frühzeitig  verdun- 
kelt; doch  scheint  er  in  den  Kreis  der  in 
Tanagra  eifrig  verehrten  Artemis  {Paus.  9,  22) 
zu  gehören,  der  wir  auch  den  Beinamen  Ev- 
voazog  vermutungsweise  zugeschrieben  haben. 
Vgl.  Welcher,  kl.  Schriften  1,  203.  S.  auch 
V.  Puntoni,  studi  di  mitologia  I {sulla  forma- 
zione  del  mito  di  Ippolito  e Fedra)  p.  107,  wo 
verwandte  Mythen  und  Legenden  nachgewie- 
sen werden.  [Crusius.] 

Euodos  ( EvoSog ),  Name  eines  Heros  oder 
Beiname  des  Pan  auf  einer  Inschrift  aus  Apol- 
linopolis  magna  bei  Kaibel,  epigr.  825  (=  C. 
I.  Gr.  4838  b).  Vergl.  ib.  826  (=  C.  I.  Gr. 
4838).  [Roscher.] 

Euoia  {Evolcc)  , Mainade  auf  einer  Vase: 
C.  I.  Gr.  8379.  Heydemann,  Satyr-  nnd  Bak- 
chennamen  S.  21  u.  40.  [Roscher.] 

Eiionyme  {Evcovvyg) , von  Ettozog  Mutter 
der  Erinyen  (s.  d.),  wird  mit  Fg  identifi- 

ciert.  Istros  in  d.  Schol.  Soph.  Oed.  Col.  42 
bei  Müller  fr.  h gr.  1,  419,  9.  Schol.  Aeschin. 
1 , 188.  Nach  Epimenid.  bei  Tzetz.  zu  Lyk. 
406  ist  sie  von  Kronos  Mutter  der  Aphrodite, 
der  Moiren  und  der  Erinyen.  Vgl.  Preller, 
Gr.  Myth. 1 1,  520.  [Steuding.  ] 

Euonymos  (Evdvvyog),  Sohn  der  Ge  und' 
des  Uranos  oder  des  Kephissos,  nach  welchem 
der  attische  Demos  Euonymos  benannt  war, 
Steph.  Byz.  s.  v.  Evcavvyia.  Euonymos,  der 
Sohn  des  Kephissos,  heifst  Vater  der  Aulis, 
von  welcher  die  Stadt  Aulis  ihren  Namen 
hatte,  Steph.  Byz.  s.  v.  AvXCg.  Schol.  II.  2, 
496.  [Stoll.] 

Euope  (Evong  oder  Evangl),  Amazone  auf 
einer  rotfigurigen  Schale,  Brit.  Mus.  n.  820. 

[Klügmann.  ] 

Euöpe  {Evcöng),  Bakchantin  auf  einer  Trink- 
schale: C.  I.  Gr.  7468.  Heydemann,  Satyr- 
u.  Bahchennamen  S.  29.  [Roscher.] 

Euopis  {Evänig),  Tochter  des  Heros  Troizen, 
die  sich  um  verbrecherischer  Liebe  willen  er- 
hängte, Parthen.  31.  Curtius  Peloponnesos  2, 
432.  [Stoll.] 

Eupalamos  {EvTzdXayog,  vgl.  riaXaggSg g — 
HeiXayoyr]8gg,  auch  E vysig),  Sohn  des  Erech- 


1407  Eupeithes 

theus,  Vater  des  Metion,  Grofsvater  ( Diod . 4, 
76),  gewöhnlich  Vater  des  Daidalos  {Apoll. 
3,  15,  8.  6.  Hyg.  fab.  39)  und  der  Metiadusa 
(Ap.  3,  15,  5).  [F.  A.  Voigt.'J 

Eupeithes  (Evnsi'&rjg),  Vater  des  Antinoos 
( Hom . q 477).  vor  den  Taphiern  flüchtig  nach 
Ithaka  gekommen  und  dort  von  Odysseus  be- 
schützt, q 424 — 430;  als  er  den  Tod  seines 
Sohnes  rächen  will,  wird  er  von  diesem  er- 
schlagen w 469.  523.  [F.  A.  Voigt.] 

Eupetale  ( Evnezdhq ),  eine  Bakchantin, 
Amme  des  Dionysos  ( Nonn . Dion.  14,  221. 
20,  30),  nimmt  am  Kampfe  des  Bakchos  gegen 
die  Inder  teil  (14,  398.  29,  234),  wird  dabei 
verwundet,  aber  von  Bakchos  selbst  wieder 
geheilt  (29,  268).  Der  Name  ist  von  svnszalog 
schönblättrig,  welches  besonders  in  Bezug  auf 
den  Epheu  gebraucht  wird  ( Aristoph . Thesm. 
1000),  abgeleitet.  [Steuding.] 

Eupheme  (Evcprgiiq),  die  Amme  der  Musen, 
von  Pan  Mutter  des  Krotos  (s.  d ).  Ihre  Sta- 
tue befand  sich  am  Wege  zum  Musenhain  am 
Helikon,  Paus.  9,  29,  5.  Sosithcos  b.  Hyg.  P. 
Astr.  2,  27.  Fab.  224.  Erat.  Kat.  28.  Schol, 
Germ.  Arat.  291.  [Roscher.] 

Euplieinos  (Evcprgiog,  ov,  m.),  1)  zu  Hyrie 
gebar  ihn  Mekionike  (Orions  Tochter  bei 
Tzetz.  Chil.)  von  Poseidon,  Hesiod  b.  Schol. 
Find.  Pyth.  4,  35  = Erg.  79  Götti.  Bei  den 
Leichenspielen  des  Pelias  Sieger  mit  dem  Zwei- 
gespann, am  Kypseloskasten,  Paus.  5,  17,  4; 
ebenso  mit  dem  Viergespann,  schwarzfig. 
Vasenb.  in  Berlin,  Mon.  10,  4.  5.  Ann.  1874, 
92.  95  Pobert.  Hatte  vom  Vater  Poseidon  die 
Gabe  auf  dem  Meere  zu  wandeln,  Ap.  Pli.  1, 
182.  Asklep.  b.  Schol.  Find.  Pyth.  4,  61.  Hyg. 
f.  14.  Tzetz.  Chil.  2,  618.  Sohn  der  Europe, 
Tityos’  Tochter,  am  hoiot.  Kephissos  ge- 
boren Find.,  Ap.  Phod.,  Hyg.  f.  157,  Phle- 
gyer  aus  Panopeus. 

Verflochten  in  die  Gründungssage  von(Ky- 
rene  (Battos  Euphemide),  theräische  Sage 
bei  Ilerodot  4,  150;  einEuphemos,  Euphemide, 
mit  Battos  Gründer  von  Kyrene,  Didymos  b. 
Schol.  Pind.  Pyth.  4,  455.  Der  Heros  Euphe- 
mos  war  einer  der  Argonauten  (s.  d.),  ngcg- 
qsv g der  Argo;  nimmt  die  vom  libyschen  Tri- 
ton (s.  auch  Eurypylos  6)  den  Argonauten 
gebotene  Erdscholle  an,  von  welcher  aus,  wie 
Medeia  weissagt , Euphemos’  Nachkommen  ; 
Libyen  bevölkern  würden  im  17.  Glied;  im 
4.  Glied  hätten  sie  es  gethan,  wenn  er  die 
Scholle  in  den  Hadeseingang  zu  Tainaron 
geworfen  hätte  (Euphemos  Tainarier,  Pindar, 
Ap.  Phod.  1,  179.  Hygin.  fab.  14;  Sohn  der 
Doris  [Oris  cod.],  Eurotas’  Tochter  b.  Tzetz. 
Chil.  u.  Lylc.);  Euphemos  vermählt  mit  Hera- 
kles’ Schwester  Laonome,  Schol.  Pind.  Pyth. 
4,  76);  aber  bei  Thera  ging  die  Scholle  ver- 
loren (nach  Ap.  Phod.  warf  Euphemos  sie  ins  < 
Meer,  worauf  die  Insel  erst  auftauchte;  von 
Thera  aus  erfolgte  die  Gründung  Kyrenes. 
Find.  Pyth.  4,  1 — 56.  Apoll.  Phod.  4,  1755. 
Theochrestos  Libyc.  1 {Müll.  frg.  hist.  2,  87)  u. 
Alexandros  Kyren.  1 bei  Schol.  Ap.  Phod.  4, 
1750.  Aslclepiadcs  Tragodum.  b.  Schol.  Find. 
Euphemos  von  der  Lemnierin  Malache 
(Lamache  cod.  Gott.)  Vater  des  Leukopha- 


Euphrosyne  1408 

nes,  Ahn  des  Battos,  Aristoteles,  Schol,  Pind. 
Pyth.  4,  455.  Tzetz.  Lijk,  886.  — Tzetz.  Chil.  2 
613 ff.  O.  Müller,  Orch.  Register.  Vor  den 
Symplegaden  läfst  Euphemos  die  Taube  fliegen, 
Ap.  Phod.  2,  536 — 562.  — Euphemos  kaly- 
donischer  Jäger,  Hyg.  f.  173.  — 2)  Beiname 
des  Zeus  auf  Lesbos,  Hes.  s.  v.  — 3)  Sohn 
des  Troizenos,  Führer  der  Kikonen,  Verbün- 
deter der  Troer,  11.  2,  846.  — 4)  Vater  des 
) Eurybatos,  der  die  Sybaris  (Lamia)  za 
Delphi  tötete,  Nilcandros  b.  Anton.  Lib.  8. 
Ulrichs,  Peisen  1,  27,  44.  — 5)  Als  Vater  des 
Daedalus,  f.  L.  bei  Hygin.  f.  39  für  Eupala- 
mus. — <>)  Sohn  des  Philote rpes,  Vater  des 
Epiphrades,  in  der  Genealogie  Hesiods, 
Certanien  p.  315,  1 Göttling.  [v.  Sybel.] 

Euplieno  (Evcprjvcc?) , eine  der  Danaiden 
(s.  d.),  Hyg.  f.  170.  [Roscher.] 

Euphorbos  (Evcpogßog,  ov,  m.),  1)  Sohn  des 
i Panthoos,  Dardaner;  schlägt  dem  Patro- 
klos  die  erste  Wunde,  Ilias  16,  806,  wird  von 
Menelaos  getötet,  17,  1 — 60.  82;  im  argiv. 
Heraion  glaubte  man  seinen  von  Menelaos 
dorthin  geweihten  Schild  zu  besitzen , Paus. 
2,  17,  3.  — Pythagoras  sagte,  er  sei  einst 
Euphorbos  gewesen,  Schol,  Ap.  Phod.  1,  645. 
Herakl.  Pont,  bei  JJiog.  Laert.  8,  1,  4.  Klearch. 
und  Dikaiarch  bei  Gell.  4,  11,  14  u.  a. ; siehe 
Zeller,  Gesch.  d.  Philos.  d.  Grd  1,  282.  — 2) 
( Evcpogßog ) , den  Knaben  Oidipus  (Oidmodcig) 
tragend:  rotfig.  Amphora  aus  Vulci,  de  Witte, 
Catal,  Beugnot  nr.  38.  Mon.  2,  14.  O.  Jahn, 
Arch.  Beitr.  113.  Overbeck,  Gail,  11.  Taf.  1,  3. 
C.  I.  Gr.  7704.  Vgl.  den  Hirt  Phorbas  in 
Senecas  Oedipus.  [v.  Sybel.] 

Euphorion  ( Evcpogi'cov ),  Sohn  des  Achilleus 
und  der  Helena,  geboren  auf  den  Inseln  der 
Seeligen.  Er  war  geflügelt  (nzsQcozög)  und 
hatte  seinen  Namen  von  der  Fruchtbarkeit 
seines  Geburtslandes.  Zeus  liebte  ihn , aber 
wurde  von  ihm  verschmäht.  Als  Euphorion 
vor  ihm  floh,  erreichte  Zeus  ihn  auf  der  Insel 
Melos,  wo  er  ihn  mit  den  Blitzstrahle  tötete. 
Die  Nymphen,  welche  ihn  bestatteten,  wurden 
von  Zeus  in  Frösche  verwandelt.  Apokryph. 
Mythus  bei  Ptolem.  Heph.  4.  Vgl.  ob.  S.  66. 

[Roscher.] 

Euphrates  (Evcpgclzyg),  Sohn  einer  Priesterin 
der  Aphrodite  und  Bruder  des  Tigris  und  der 
Mesopotamia,  Iamblich.  dram.  8,  oder  Sohn 
des  AgavSasog  (wofür  (kagcivSasog  vermutet 
wird).  Dieser  soll  seinen  Sohn  A^ovgzccg,  den 
er  neben  der  Mutter  ruhend  fand,  in  der  Mei- 
nung, es  sei  ein  fremder  Mann,  getötet  uud 
sich  dann,  nach  Erkenntnis  seines  Irrtums,  in 
den  Flufs  Medos  gestürzt  haben , welcher 
nach  ihm  Euphrates  genannt  worden  sei.  Apo- 
krypher Mythus  b.  Pscudoplut.  de  fluv.  20. 

[Steuding.] 

Euphrone.  Bekanntlich  ist  svcpgövri  euphe- 
mistische Bezeichnung  der  Nacht;  bei  Flut, 
conviv.  7,  guaest.  9,  7 setzt  Dübner.  (durch  die 
Schreibung  Evcpgovy)  eine  Personifikation  an 
— kaum  mit  Recht;  eher  liegt  eine  solche  in 
dem  Patronymikon  Evcpgoviäyg,  Anthol.  Pal. 
app.  nr.  281,  6 loig,  ?}v  zss.iv  Ovgavbg  Evcpgovi- 
drjg  szl.  \Kaibel,  epigr.  1029  R.]  [F.  A.  Voigt.] 

Euplirosyne  (EvcpgoGvvy),  eine  der  Chariten 


1409  Eupolemeia 

(s.  d.)  — Bei  Hyg.  praef.  in.  ist  Euphrosyne 
mit  vielen  verschiedenartigen  Geschwistern  ein 
Kind  der  Nacht  und  des  Erebos,  ebenso  wie 
Gratia  bei  Cic.  de  N.  D.  3,  17,  44.  — - Orph. 
Hymn.  2,8  ist  svcpgoavvri  ein  Beiname  der 
Nacht.  [Stoll.] 

Eupolemeia  {Einolsysiu),  Tochter  des  Myr- 
midon  aus  Phthia,  welche  dem  Hermes  am 
Flusse  Amphrysos  den  Aithalides,  den  Herold 
der  Argonauten,  gebar,  Apoll.  Bhod.  1,  55. 

[Stoll.'J 

Eupompe  ( Evnoynri ),  eine  derNereiden(s.d-), 
lies.  Tlieog.  261.  Scliömann,  Op.  Ac.  2,  166  (De- 
duca).  Braun,  Gr.  Gotterl.  § 89.  Bei  Apollod. 
1,  2,  7 in  dein  Verzeichnis  der  Nereiden  fehlt 
Eupompe,  dagegen  hat  er  Eumolpe,  das  viel- 
leicht in  Eupompe  zu  ändern  ist.  [Stoll.] 
Euporia  {Evtioqiu).  Ein  vyvrjTrjg  EvTcogiag 
ftsü g Belrjlcxg  wird  erwähnt  auf  e.  Inschrift 
des  3.Jahrh.  nach  Chr.  aus  dem  Peiraieus:  C. 

I.  A.  3,  1280  a.  [Roscher.] 

Euporie  {Evnogig),  1)  eine  der  Horen  (s.  d.), 
Hyg.  f.  183.  — 2)  Beiname  der  Artemis  auf 
Rhodos,  Hesych.  u.  Phavorin.  s.  v.  Heffter,  Göt- 
ter dienste  auf  Bhodos  3,  50.  Preller,  Griech. 
Mythöl.  1,  243,  1;  vgl.  Euporia.  [Stoll.] 
Euripides  {Evgi-niSgg) , ein  Sohn  des  Apol- 
lon und  der  Kleobule,  Hyg.  f.  161.  [Stoll.] 
Eurises  inschriftlich  auf  einem  Altar  aus 
Paris,  Orelli  1993  (vgl.  Esus  u.  Cernunnos)  als 
Überschrift  über  einem  Relief,  welches  mehrere 
Krieger  (Menschen  oder  Götter?)  darstellt. 

[Steuding.] 

Euroinos  (Evgcofiog) , Sohn  des  Kariers 
Idrieus,  nach  welchem  die  karische  Stadt  Euro- 
mos  benannt  war,  Steph.  Byz.  s.  v.  [Stoll.] 
Europa  {Evgcong,  rj g,  f.) , 1)  Beiname  der 
Demeter  als  Amme  des  Trophonios  zu  Leba- 
deia.  Paus.  9,  39,  4.  5.  0.  Müller,  Orehom. 

p.  154f.  Gerhard,  Gr.  Mythol.  § 154.  211,  3 c. 
408,  3b.  [//.  1).  Müller,  Mythol.  der  griech. 

Stämme  1,  234.  2,  263.  Crusius],  Nach  0.  Müller 
a.  a.  0.  p.  263  = 2)  Europa,  Tochter  des  Tityos, 
Mutter  des  Euphemos  (s.  d.)  von  Poseidon, 
Pind.  Pyth.  4,  46.  Schol.  z.  Apoll.  Bhod.  Arg. 

I,  181.  4,  1562.  Hygin.  f.  14.  Gerhard  § 242, 
2e.  3 c.  — 3)  Tochter  des  Okeanos  und  der 
Tethys,  Hes.  Tlieog.  357.  Eustath.  z.  Dion. 
Perieg.  270  n.  Schol.,  oder  der  Parthenope, 
Andron  im  Schol.  Aesch.  Pers.  185  = Exeg. 

II.  135,  13  = Mich.  Apost.  16,  19  = Tzetz. 
z.  Lylcophr.  894.  1283  = Eudoc.  Viol.  p.  439 
nr.  1018.  — 4)  Okeanide,  nach  welcher  der 
eine  Teil  der  Erde  benannt  worden,  Apion 
tisql  sncovvymv  und  Aristot.  Tlieog.  im  Schol. 
Eurip.  Blies.  28.  — 5)  Eine  Thrakierin,  von 
welcher  der  nördliche  Teil  der  Erde  den  Namen 
erhielt , Hegesipp  Palleniaca  im  Schol.  Eur. 
Bhes.  28.  — 6)  Gemahlin  des  Phoroneus  und 
Mutter  der  Niobe,  mit  welcher  Zeus  den  Argos 
und  Pelasgos  zeugte,  Schol.  Eur.  Orest.  932.  — 
7)  Tochter  des  Neilos,  Gemahlin  des  Danaos, 
Apoll.  2,  1,  5.  Tzetz.  hist.  7,  371,  doch  heilst 
bei  Phleg.  Troll,  frg.  59.  60  ( Müller , Fragm. 
Hist.  Gr.  3 , 623.  4 , 432)  die  Gemahlin  des 
Danaos  (und  Aigyptos)  Euryope.  — 8)  Name 
der  von  Thyestes  verführten  Gemahlin  des 
Atreus,  Lact.  Plac.  z.  Stat.  Theb.  3,  306.  — 

Roscher,  Lexikon  der  gr.  u.  rom.  Mythol. 


Europa  1410 

[9)  Bakchantin  auf  einem  Relief  in  Villa  Al- 
bani  (abgebildet  bei  Zoega,  Bas.sir.  70),  der 
sogen.  Apotheose  des  Herakles:  Heydemann, 
Satyr-  und  Bakchennamen  S.  34,  wo  auch  die 
sonstige  Litteratur  angegeben  ist.  Roscher.] 
10)  Die  Geliebtedes  Zeus,  Tochter desPhoi- 
nix  ( liom . II.  14,  321.  Ilesiod  u.  Bakchyl.  im 
Schol.  II.  12,  292  [397].  Hellan.  im  Schol.  II. 

2,  494.  Apollod.  3,  l,  1.  Antimach.  bei  Steph. 
Byz.  s.  v.  Tsvpgooog  u.  Evgcong.  Conon  Narr. 
32.  37.  Palaeph.  16)  und  der  Perimede  {Paus. 
7,  4,  1),  oder  der  Kassiepeia  ( Eust . z.  II.  14,  321 
p.  989),  oder  der  Telephas  sa  {Mosch.  Id.  2,  7. 
42)  oder  der  Telephe  {Schol.  Eur.  Phoen.  5 
vergl.  auch  Steph.  Byz.  s.  v.  Gäcog),  oder 
Tochter  des  Agenor  {Herod.  4,  147.  Eurip. 
Phoen.  281.  291  nebst  Argum.  u.  Schol.  z.  V. 
5 u.  217.  Apoll.  Bhod,  3,  1179.  1186  u.  Schol. 
Diod.  Sic.  5,  78.  Luc.  Dial.  Mar.  15,  1 de  den 
Syr.  4.  Schol.  II.  14,  321.  Steph.  Byz.  s.  v. 
EvQcöng.  Nonn.  Ilion.  8,  183 ff.  40,  356ff.  47, 
697.  Eudoc.  Viol.  p.  162  nr.  363.  Varro  L. 
L.  5,  31.  Ov.  Met.  2,  858.  Hyg.  f.  155.  178. 
Festus  s.  v.  Europam)  und  der  Telephassa 
[Apollod.  3, 1, 1)  oder  der  Telephae  {Schol.  Eur. 
Bhes.  28.  Steph.  Byz.  s.  v.  AagSavog),  oder  der 
Argiope  {Hyg.  f.  178.  Schol.  Apoll.  Bhod. 

3,  1186;  Kadmos  nach  Pherekydes  Sohn  der 
Argiope),  oder  der  Tyro  {Ioann.  Antioch.  fr. 
6,  15;  vgl.  Müller,  Fragm.  Hist.  Gr.  4,  544). 

Zeus  erblickt  die  schöne  Königstochter,  als 
sie  mit  ihren  Gespielinnen  am  Gestade  von 
Sidon  oder  Tyrus  (vgl.  Müller,  Orehom.  p.  114) 
Blumen  pflückt,  entbrennt  von  heftiger  Liebe 
und  verwandelt  sich  in  einen  Stier.  Schmei- 
chelnd naht  das  bräunlich-blonde  (oder  glän- 
zend weifse)  Tier  mit  den  schönen,  halbmond- 
förmig gebogenen  Hörnern  dem  Mädchen,  lagert 
sich  zu  ihren  Füfsen  und  blickt  so  sanft  aus 
freundlich  lachenden  Augen,  dafs  Europa,  die 
schönste  und  übermütigste  von  allen,  es  so- 
gar wagt,  sich  auf  den  Rücken  des  reizenden 
Tieres  zu  setzen,  indem  sie  ihre  Gespielinnen' 
ein  Gleiches  zu  thun  auffordert.  Aber  kaum 
sitzt  sie,  als  der  Stier  sich  erhebt,  zum  Meere 
eilt  und  mit  seiner  schönen  Last  in  die  Wogen 
springt , die  Poseidon  dem  Bruder  ebnet, 
während  Tritonen  und  Nereiden,  ja  selbst 
Aphrodite  dem  Dahinziehenden  das  Geleit 
geben.  Die  erschrockene,  bebende  Jungfrau 
aber  bricht  in  laute  Klagen  aus  und  hält 
ängstlich  mit  der  einen  Hand  sich  am  Horne 
des  Stieres  fest,  mit  der  andern  sucht  sie  das 
im  Winde  flatternde  Gewand  zusammenzuhalten 
und  vor  Benetzung  durch  die  Fluten  zu  be- 
wahren. Doch  der  Gott  tröstet  die  Klagende 
und  trägt  sie  nach  Kreta,  wo  er  ihr  am  lenäi- 
schen  Flufs  oder  einer  Quelle  bei  Gortys  unter 
der  Platane  beiwohnt,  die  zum  Gedächtnis 
dessen  mit  immergrünen  Blättern  {Theoplirast. 
Ilist.  pl.  1,  15.  Plin.  N.  II.  12  § 5.  Solin. 
11,  9)  begabt  ist,  oder  wo  in  der  diktäischen 
Höhle  die  Horen  das  bräutliche  Lager  bereitet 
haben,  Ilesiod  im  Schol.  ll.  12,  292  (397). 
Mosch.  Id.  2.  Anakreontea  35  (52).  Luc.  Dial. 
Mar.  15.  Apollod.  3,  1,  1.  Nonn.  Dion.  1, 
46  ff.  321  ff.  Batr.  79.  Meleager  Antliol,  Pal, 
1,  33  nr.  116.  Hör.  Od.  3,  27,  25ff.  Ov.  Met. 

45 


io 

20 

30 

40 

50 

60 


1411  Europa 

2,  850  ff.  Fast.  5,  605 ff.  German.  Arat.  Phaen. 
531  ff  Apul.  Metam.  -6,  39.  Ael.  Aristid.  3,  38 
(J  p.  34  ed.  Pindorf). 

Sie  gebiert  vom  Zeus  den  Minos  und  Rha- 
damanthys  (11.  14,  322.  Plato  Min.  318.  Für. 
Cr  et.  fr.  475  ed.  Nauck  (bei  Porphyr,  de  abs- 
tin.  4,  19).  Eust.  z.  II.  14,  321  p.  989.  Ael. 
Arist.  7,  75),  oder  den  Minos  und  Sarpedon, 
Herodot  1,  173.  Für.  Bhesus  29  (doch  ist 
letzterer  erst  m der  nachhomerischen  Dich- 
tung ihr  Sohn;  vergl.  Hock,  Kreta  2,  341), 
oder  die  drei  Genannten,  Hesiocl  Fragm.  39 
= Schot.  II.  12,  292  (397);  Apollod.  3,  1,  1. 
Piod.  Sic.  4,  60.  5,  78.  Lykophr.  im  Etym. 
Magn.  s.  v.  Europa  und  Etym.  Magn.  p.  343, 
34.  588,  25.  Schot,  min.  u.  Paraphr.  z.  Lyko- 
phron  1283  ff.  (p.  261.  334  ed.  Baclimann). 
Tzetzes  ibid.  Eust.  z.  Pion.  Perieg.  270.  Ilyg. 
f.  155.  178.  Lact.  Plac.  z.  Stat.  Theb.  4,  530. 
Nach  Praxilla  bei  Paus.  3,  13,  5 od.  Schot. 
Theökr.  5,  83  = Eudoc.  Viol.  p.  251  nr.  519. 
Hes.  s.  v.  KccQvszog  war  sie  vom  Zeus  auch 
Mutter  des  Karnos,  den  Apollo  liebte,  vergl. 
Preller  1,  205.  Gerhard  § 323,  4d.  733.  34. 
Mit  dieser  Sage  von  der  Abstammung  des 
boiotisch-lakonischen  Stammheros  hängt  wohl 
die  von  der  allgemeinen  Überlieferung  ab- 
weichende Darstellung  in  der  Thebais  des  An- 
timachos ( Steph . Byz.  s.  v.  TsvgyGGog , Et.  M. 
s.  v.  TsvgfjGcczo,  Paus.  9,  19,  1)  zusammen,  dafs 
Zeus  die  Europa  nach  glücklich  vollbrachtem 
Raube  in  einer  Grotte  zu  Teumessos  verborgen 
habe.  Geht  vielleicht  ebendarauf  das  in  dem 
homerischen  Hymnus  auf  Apollo  Y.  224  ge- 
brauchte Beiwort  von  Teumessos  IsxsnoCyg  zu- 
rück? Endlich  bezeichnet  noch  Stepli.  Byz. 
s.  v.  rd£ a = Eudoc.  Viol.  p.  194  nr.  414 
den  Aiakos,  König  von  Kreta , und  s.  v.  Aco- 
Scovy  (nach  Akestocloros ) den  Dodon  als  Söhne 
des  Zeus  und  der  Europa  [vgl.  im  allg.  Unger, 
Tlieb.  Par  ad.  .p.  399ff.  Crusius.]. 

.Nach  dem  Beilager  schenkte  ihr  Zeus 
den  Erzmann  Talos  (Apoll.  Rhod.  4,  1643),  den 
Hund,  dem  keine  Beute  entging,  nebst  dem 
nie  sein  Ziel  fehlenden  Jagdspiefs  (Erat.  Kat. 
33.  Poll.  5,  38.  Hyg.  Poet.  Astr.  2,  35  Schot. 
Germ.  p.  94.  167.)  und  gab  sie  dem  König  Aste- 
rios  oder  Asterion  von  Kreta  zum  Weibe,  der, 
selbst  kinderlos,  ihre  Söhne  Minos,  Rhadaman- 
thys  und  Sarpedon  adoptierte,  He&icd  im  Schot. 
II.  12,  292.  Apollod.  3,  1,  2.  Piod.  Sic.  4,  60. 
Lykoplir.  1298ff.  Nonn.  Pion.  1,  352 ff.  2, 
693  ff.  Et.  M.  588,  24.  Tzetz.  Aniehom.  v.  101. 
Chil.  1,  473.  Exeg.  II.  p.  14,  22 ff.;  vgl.  Hock, 
Kreta,  2,  38.  48 — 50.  Der  phoinikische  König 
Agenor  aber  sandte  vergeblich  seine  Söhne 
Kadmos,  Kilix,  Phoinix  und  Thasos  aus,  die 
verschwundene  Tochter  zu  suchen,  Herod.  4, 
147.  Apollod.  3,  1,  1.  Conon  Narr.  32.  37. 
Ilyg.  f.  178.  Ov.  Met.  3,  3.  Paus.  5,  25,  12. 
Nonn.  Pion.  1,  138  u.  ö.  Lact.  Plac.  z.  Stat. 
Theb.  1,  5.  181.  7,  187.  Eur.  Phoen.  Argum. 
u.  Schot,  z.  v.  7 u.  a. 

Nach  ihrem  Tode  genofs  Europa  göttlicher 
Ehre  und  wurde  unter  dem  Beinamen  Hellotia 
(s.  d.)  oder  Hellotis  an  einem  nach  ihr  Hellotia 
genannten  Feste  gefeiert,  bei  dem  ein  Umzug 
mit  einem  zwanzig  Ellen  messenden  Kranze, 


Europa  1412 

der  gleichfalls  den  Namen  Hellotia  führte  und 
die  Gebeine  der  Heroine  umschlofs,  veranstaltet 
wurde,  Seleuc.b.  Athen.  15,  22  p.  678  b.  Steph. 
Byz.  s.  v.  Poqzvv,  Hesych.,  Et.  AI.  s.  v.  Ein 
Fest  gleichen  Namens  fand  in  Korinth  zu  Ehren 
der  Athene  Hellotia  statt,  Et.  M.  s.  v.  Schol. 
Find.  Ol.  13,  56.  Vielleicht  waren  diese  Hel- 
lotia das  jährliche  Auferstehungsfest  der  zur 
Gottheit  gewordenen  Europa,  dem  Fest  und 
io  Umzug  des  Osiris  oder  der  deutschen  Nerthus 
auf  Rügen  vergleichbar,  s.  Fr.  Franz,  Mytliol. 
Stud.  im  Gymn.-Progr.  v.  Villach  1880  S.  30. 
— Einen  Tempel  der  Europa- Astarte  in  Sidon 
erwähnt  Lucian  dea  Syr.  4 mit  dem  Zusatz, 
dafs  die  Phoiniker  die  verschwundene  Königs- 
tochter göttlich  verehrten  und  die  Sidonier 
ihre  Münzen  mit  dem  Bilde  der  auf  dem  Stier 
(Zeus)  sitzenden  Jungfrau  schmückten ; nach 
Paus.  9,  34,  4 war  im  Hain  des  Trophonios 
20  zu  Lebadeia  ein  Heiligtum  AryiyzQog  snUlyGiv 
Ergoyriyg  (vergl.  nr.  1),  und  Ioann.  Matal. 
Chron.  1 p.  34  berichtet,  dafs  die  Tyrier  noch 
zu  seiner  Zeit  die  Entführung  der  Europa  unter 
der  Bezeichnung  kocht]  oipivy,  „böser  Abend“, 
feierten. 

Eine  spätere  Nebenform  des  Namens,  Ev- 
qco7zsi.cc,  findet  sich  Mosch.  Id.  2.  C.  I.  Gr.  4 
nr.  7747.  Choerob  in  Cramers  An.  Gr.  Oxon.  2 
p.  205,  15 — 19.  Schot.  Eur.  Phoen.  5.  Et.  AI. 
30  s.  v.;  vgl.  auch  Hes.  Evqcotilu  • f]  r'Hooc;  auch 
gab  es  unter  diesem  Namen  Dichtungen  auf 
oder  über  Europa  von  Eumelos,  Schol.  z.  II. 
6,  131,  vielleicht  die  sny  tig  Evqcötct tv,  Paus. 
9,  5,  8,  Nikander,  Athen.  7 p.  296 F.  Steph. 
Byz.  s.  v.  Aftcog  (denselben  meint  wohl  Cle- 
mens Alex.  Str.  1,  24,  164:  6 zrjv  Evocottlccv 
7cocfiGccg);  Stesichoros,  Schol.  Eur.  Phoen.  670; 
den  Aischylos  nennt  als  Verfasser  eines  Dra- 
mas Kägsg  y EvQcSny , Steph.  Byz.  s.  v.  Mv- 
40  luea ; vergl.  Weil,  (Revue  de  Philol.  4,  145. 
Blafs,  Rhein.  Mus.  35  S.  85.  94.  248. 

Der  Stier,  welcher  die  Jungfrau  raubte,  ist 
nach  gemeiner  Überlieferung  der  verwandelte 
Zeus  selbst;  einige  aber  meinten,  dafs  es  ein 
wirklicher,  von  Zeus  gesendeter  Stier,  der 
sogen,  kretische,  gewesen  sei  (so  Akusilaos  b. 
Apollod.  2,  5,  7.  Eur.  im  Phrix.  fr.  817  ed. 
Nauck  — Eratosth.  Cat.  14  — Hyg.  Poet.  Astr. 
2,  21.  German.  Arat.  Phaen.  530),  oder  dafs 
50  Poseidon  seinem  Bruder  einen  Stier  mit  mensch- 
lichem Verstand  geschenkt  habe,  den  dieser 
nach  Sidon  sandte,  um  die  Europa  zu  rauben 
(Nigid.  im  Schol,  Arat.  Phaen.  173);  des  himm- 
lischen Stiers  der  Europa  gedenkt  Nonn.  Pion. 
33,  287. 

Mit  besonderer  V orliebe  wandte  sich  die  bil- 
dende Kunst  dem  Mythus  zu  und  fafste  ihn 
in  seine  drei  charakteristischsten  Momente  zu- 
sammen: I)  Europa  mit  dem  Stier  am  Gestade, 
go  II)  Europa  auf  dem  Stier  reitend,  III)  Europa  auf 
Kreta.  Am  häufigsten  begegnen  uns  Darstel- 
lungen des  zweiten  Moments  in  den  mannig- 
faltigsten Formen : einige  zeigen  den  Stier  mit 
seiner  schönen  Bürde  noch  in  der  Nähe  des 
Gestades,  an  dem  man  die  klagenden  Gespie- 
linnen der  Jungfrau  erblickt,  so  das  Gemälde 
im  Grabmal  der  Nasonier  und  ein  schönes 
Mosaik  aus  Palestrina,  jetzt  im  Palazzo  Bar- 


1413  Europa 


Europa  1414 


berini,  welches  Jahn , die  Entführung  der  Eur. 
in  cl.  DenJcschr.  d.  Wien.  Akad.  1870.  Phil.- 
hist.  Kl.  19,  1 — 54,  Taf.  II  wiedergiebt.  Der 
weifse,  bräunlich  schattierte  Stier  eilt,  dem 
Ufer  noch  ganz  nahe,  in  mächtigen  Sprüngen 
davon;  auf  seinem  Rücken  ruht  hingestreckt 
Europa,  dem  Beschauer  den  Rücken  zukehrend. 
Ihr  Oberkörper  ist  völlig  nackt,  die  Beine  da- 


den  Kadmos.  Im  Vordergründe  rechts  schauen 
zwei  Nymphen,  als  Vertreterinnen  der  Lokal- 
gottheiten, erstaunt  und  neugierig  dem  wunder- 
baren Ereignis  zu.  Ein  ähnliches  Gemälde 
beschreibt  Ach.  Tat.  de  Leuc.  et  Clit.  am.  1,  1. 
Die  weitaus  meisten  Darstellungen  jedoch 
bieten  Stier  und  Europa  allein  auf  hoher  See. 
Die  Jungfrau  erscheint  teils  völlig  bekleidet, 


Europas  Entführung,  Mosaik  aus  Paläatrina  (nach  0.  Jahn,  Wien.  Äk.  Phil.-hist.  Kl.  1870  Taf.  II). 


gegen  sind  in  ein  safrangelbes  Gewand  ge- 
hüllt, dessen  Zipfel  sie  mit  der  Rechten  hält, 
während  die  Linke  ein  Horn  des  Stiers  ge- 
fafst  hat.  Ihre  Gefährtinnen  fliehen  entsetzt 
und  wehklagend  auf  einen  Mann  in  rotem 
Mantel,  mit  langem,  gelbem  Stabe  zu,  der 
hinter  den  das  Ufer  eng  begrenzenden  Felsen 
hervorblickt.  Jahn  a.  a.  0.  S.  8 vermutet  in 
ihm  den  Agenor  oder,  in  Rücksicht  auf  ein 
ähnliches  Gemälde  des  Antiphilus  in  der  Por- 
tikus des  Pompeius  ( Plin . N.  H.  35,  10,  114. 
Mart.  Ef.gr.  2,  14,  3.  3,  20,  12.  11,  1,  11) 


teils  ist  der  Oberkörper,  teils  die  eine  Brust 
entblöfst,  zuweilen  auch  die  ganze  Gestalt 
nackt,  letzteres  allerdings  namentlich  in  spä- 
teren Kunstwerken;  gewöhnlich  sitzt  sie  ritt- 
lings auf  dem  Stier  und  hat  mit  der  einen 
Hand  ein  Horn  desselben  gefafst,  während  die 
andre  Hand  auf  den  Rücken  des  Stiers  gestützt 
ist  oder  einen  Zipfel  des  Gewands  hält;  einige 
Gemälde,  Skulpturen  und  Münzen  stellen  sie 
auch  in  einer  mehr  schwebenden  Haltung  an 
der  Seite  des  Stieres , auf  dessen  Kopf  die 
eine  Hand  ruht,  dar.  Eigentümlich  sind  vie- 

45* 


1415 


Europa 


Europa 


1416 


len  Darstellungen  die  bogenförmig  über  dem 
Haupte  schwebenden,  manchmal  von  der  einen 
Hand  gehaltenen  Gewand-  oder  Schleierteile, 
wie  sie  sonst  namentlich  bei  Luft-  und  See- 
gottheiten angewandt  werden.  Ein  Bild  älte- 
ren Stils  tritt  uns  auf  einer  leider  sehr  be- 
schädigten, polychromen  Schale  der  Münchner 
Sammlung  entgegen,  Jahn  a.  a.  0.  Taf.  "VII, 
S.  44.  „Der  mächtige,  schwarzgefärbte  Stier, 
dessen  Augen  durch  gelbe  Farbe  ausgezeichnet 
sind , schreitet  nach  rechts  hin  kräftig  aus, 
ohne  dafs  Wellen  angedeutet  wären  . . . Auf 
seinem  Rücken  sitzt  rittlings,  den  Kopf  nach 
links  gewandt,  Europa,  mit  der  Linken  hat 


Europa  auf  dem  Stier,  Vasenbild  nach  0.  Jahn  a.  a.  O. 

Taf.  VII. 

sie  das  vergoldete  kurze  Horn  gefafst,  in  der 
erhobenen  Rechten  hält  sie  mit  zierlicher 
Bewegung  eine  goldene  Blumenranke.“  Der 
Körper  der  Jungfrau  ist  bis  zu  den  Füfsen 
hinab  von  einem  faltenreichen , roten , gold- 
gestickten und  geränderten  Chiton  bedeckt. 

Eine  auffallende,  von  allen  andern  ab- 
weichende Stellung,  so  dafs  wir  mehr  an  eine 
stierbändigende  Artemis  oder  Nike  erinnert 
werden,  zeigt  eine  kleine  Marmorgruppe  des 
Vatikans,  Jahn  a.  a.  0.  Taf.  III,  S.  10  ff. 
Auf  dem  schwimmenden  Stier  kniet  eine  mit 
Chiton  und  Obergewand  bekleidete  weibliche 
Figur.  Der  Oberkörper  fehlt  im  Original  vom 
Gürtel  ab,  ist  jedoch  in  wahrscheinlicher  Weise 
ergänzt.  Wir  haben  hier,  wie  Jahn  wohl  mit 


Recht  bemerkt,  vielleicht  einen  Versuch  vor 
uns , die  Europa  als  Stierbändigerin  darzu- 
stellen. 

Besonders  zahlreich  3ind  auf  Münzen  die 
Darstellungen  der  auf  Kreta  weilenden  Europa. 
Teils  bekleidet,  teils  mit  nacktem  Oberkör- 
per , die  Beine  von  den  Hüften  an  durch 
einen  Überwurf  verdeckt,  sitzt  Europa  in  den 
Zweigen  einer  Platane.  Die  rechte  Hand 
io  stützt  sich  auf  den  Baum,  der  linke  Ellbogen 
ruht  auf  dem  linken  Schenkel,  während  die 
Hand  das  Kinn  stützt.  Das  Haupt  ist  stark  nach 
vorn  geneigt  und  der  Blick  traurig  sinnend 
gesenkt.  Jahn  a.  a.  0.  S.  28  erblickt  in  Dar- 
stellungen dieser  Art  eine  Andeutung 
des  isqÖs  yd fiog,  so  dafs  die  auf 
der  Platane  trauernde  Europa  als 
die  dort  versteckte,  zurückgezogene 
Geliebte  des  Zeus  zu  denken  sei. 
Häufig  findet  sich  auf  Münzen  neben 
Europa  auch  ein  Adler  oder  der 
Kopf  eines  Stiers , auf  dem  Revers 
der  Stier  in  voller  Gestalt.  Eine 
Zusammenstellung  der  erhaltenen 
zahlreichen  Eurojiadarstellungen  auf 
Vasen  und  Wandgemälden,  in  Mosai- 
ken und  plastischen  Monumenten, 
auf  Münzen  und  Gemmen  bieten  Hoch, 
Kreta  1,  94  ff  Jahn  a.  a.  0.  S.  1 
—54.  Stephani,  Comptes  rendus  de 
la  comm.  archeolog.  pour  Vannee  1866 
S.  79  — 127.  148  — 154,  pour  les  an. 
1870/1  S.  181 — 183,  und  namentlich 
erschöpfend  Overbeclc,  Griech.  Kuvst- 
mythol.  2.  Bd.  1.  T.  (Zeus)  S.  420 — 
465  Ein  treffliches  Erzbild  der  stier- 
reitenden Europa  fertigte  Pythagoras 
aus  Rhegion,  das  zu  Tarent  in  grofsen 
Ehren  gehalten  wurde , Varr.  L.  X. 
5 § 31.  Cie.  Verr.  4,  60,  auf  eine 
gleiche  Gruppe  bezieht  sich  ein  klei- 
nes Gedicht  Anakreons,  35  (52  Bergk) ; 
auch  ein  altes  Kultbild  der  Astarte 
im  Tempel  zu  Sidon  bezeichnete 
ein  Priester  dem  Lucian  ( dea  Syr.  4)  als 
eine  Europa. 

Endlich  erhielt  auch  von  dieser  Europa 
(vgl.  nr.  4 u.  5)  ein  Teil  der  Erde  den  Namen, 
Herod.  4,  45.  Mosch.  Id.  2,  8 ff.  Kallim.  u. 
Zenodot  im  Schot.  Eur.  Blies.  28.  Varro  a.  a.  0. 
Festus  s.  v.  Europam.  Hör.  Od.  3,  27,  75.  Ov. 
Fast.  5,  618.  Stepli.  Byz.  s.  v.  Lykophr.  im 
Et.  M.  s.  v.;  vgl.  Tzetz.  z.  Lylcoplir.  1283. 
[Ein  Erklärungsversuch  bei  H.  I).  Müller, 
Mythol.  d.  gr.  Stämme  3 p.  390  ff.]. 

Schon  in  früher  Zeit  versuchte  man  Deu- 
tungen und  Erklärungen  des  Mythos;  so 
sagt  Herod.  1,  2,  .die  Hellenen  (Kreter)  hätten, 
nach  persischer  Überlieferung  zur  Vergeltung 
go  für  den  von  Phoinikern  verübten  Raub  der  Io 
die  phoinikische  Königstochter  Europa  aus 
Tyros  geraubt,  vgl.  Lykophr.  1291  ff.  und  die 
allerdings  verkehrte  Auffassung  der  Stelle  in 
den  Scliol.  min.  u.  d.  Paraplir.  Andrerseits  macht 
Palaeph.  16  den  Tauros  zu  einem  kretischen 
König,  der  die  tyrischen  Lande  eroberte  und 
die  Königstochter  Europa  als  Kriegsbeute  mit 
anderem  fortführte,  und  ähnliche  euheme- 


1417 


Europa 


Euros  1418 


ristische  Darstellungen  bieten  Ioann.  Mal. 
Ghronogr.  1 , 34.  Ioann.  Ant.  6 , 15  ( Müller 
4,  544).  Eustath.  z.  Dion.  Per.  270.  Tzetz. 
z.  Lykophr.  1299,  nach  welchem  aber  der 
Feldherr  des  kretischen  Königs  Asterios  oder 
Minotauros  den  Namen  Tauros  führte,  und 
Eud.  Viol.  p.  162  nr.  363 , während  ebenda 
p.  194  nr.  414  der  kretische  König,  der  die 
Europa  entführte,  Zeus  genannt  wird. 
Wieder  andere  nehmen  an,  dafs,  wie 
viele  Schiffe  nach  ihrem  nagdagpov  ge- 
nannt worden  seien,  so  auch  das  Schilf, 
welches  die  Europa  entführte,  nach  dem 
seinen  den  Namen  tuvqos  gehabt  habe, 

Poll.  Onom.  1,  83.  Festus  s.  v.  Europam. 
Lactant.  Epit.  inst.  div. 

1 c.  11.  Eulgent.  My- 
thol.  1,  25.  Derselben 
Ansicht  ist  Schläger, 

Gemma  antiqua  sistens 
Europae  raptum, 

Hamb.  1734  p.  41, 
dessen  ganze 
Darstellung  je- 
doch auf  einem 
Irrtum  fufst,  da 
die  von  ihm 
besprochene 
Gemme  ohne 
Zweifel  nicht 
eine  Europa, 
sondern  eine 


im  Iihcin.  Mus.  1868  B.  23  S.  340.  354.  Henry- 
clioivsky , De  Iove  Crctico.  Progr.  d.  Gymn. 
v.  Inoivrazlaw  1879  p.  7.  Baudissin,  Studien  z. 
semit.  Bel.-Gesch.  2 S.  201.  273  (Europa  Hel- 
lotis = phön.  nbx  Göttin,  woraus  griech.  Bcc- 
alziq  und  'Ellom'g).  Sieclce,  Beiträge  zur  ge- 
naueren Erkenntnis  der  Mondgottheit  bei  den 
Griechen.  Progr.  des  städt.  Progymn.  Berlin 
1885  p.  6.  Baumeister, 
Denkmäler  des  kl.  Altert. 
1,  517  ff.  Auf  Europa 
als  Mondgöttin  scheint 
auch  ihre  oben  erwähnte 
Vermählung  mit  Asterios 
zu  deuten , vgl.  d.  Art. 
Aphrodite  p.  396 , eben- 
so ihre  Beziehung  zum 
Wasser  oder  zum  Meere, 
vergl.  ebendas,  p.  402. 
Als  Erdgottheit , welche 
der  zeugungskräftige  Gott 
des  Himmels  im  Frühling 
umfängt,  fassen  sie  Jahn 
a.  a.  0.  S.  31  und  Overbeck 
a.  a.  O.  S.  445.  590  Anm. 
173,  ersterer  jedoch  unter 
Annahme  einer 
Verschmelzung 
von  Mond-  und 
Erdgottheit. 
[Damit  stimmt 
im  wesentli- 
chen die  scharf 
sinnige  Hypo- 


Europa als  Stierbändigerin  (?) , Marmorgruppe  d.  Vatikans  (nach  0.  Jahn , a.  a.  O.  Taf.  III). 


Aphrodite  Pandemos  oder  Apaturos  wieder- 
giebt,  vergl.  die  ähnlichen  Vasenbilder  bei 
Stephani,  Comptes-rendus  1870/1  S.  184  und 
Ant.  du  Bospli.  Cimm.  PI.  71,  4.  Über  die 
Erklärungsversuche  der 
späteren  Zeit  s.  Meur- 
sius,  Creta  4 c.  14. 

Von  Neueren , die 
ausführlich  über  den 
Mythus  handeln , wird 
Europa  fast  allgemein 
als  Mondgöttin  = Diana 
= Astarte  genommen 
und  ihr  Name  als  der 
der  Dunklen,  Verdun- 
kelten (lies.  s.  v.)  er- 
klärt; vgl.  Höclc,  Kreta 
1,  83  ff.  Böttiger,  Ideen 
z.  Kunstmyth.  1,  309  f. 
316ff.  Welcher,  Kret. 
Kol.  S.  16.  Götterlehre 
1,  556.  Herzog,  Bealenc.  für  protest.  Theol.  1, 
||  563/4.  Bichjpr  in  Er  sch  u.  Grubers  Encylcl . 1,  39 
I S.  169.  Gerhard,  Gr.  Mythol.  § 4812.  210,  1. 
1:  627 \ 728.  734.  Preller,  Griech.  Mytli.  1,  278. 
1}  2,  1 1 6 ff.  Schömann,  Gr.  Altert.  2,  79.  Usener 


these  H.  D.  Müllers  Mytli.  d.  gr  Stämme 

1,  235  f.  2,  3 1 7 ff".  390f.,  dafs  Europa,  wie  Io, 
eine  Demeterheroine  sei , und  dafs  Demeter 
zum  Mond  wie  zur  Erde  in  Beziehung  stehe 
(2,  284  ff.  357).  Weiteres  unter  dem  Art.  Kad- 
mos.  Crusius.] 

Eine  Erklärung  des  Beinamens  Hellotia  aus 
dem  Griechischen  versuchten  Mor.  Schmidt  ed. 
Hes.  s.  v.  (von  sv.  u.  ImtiQuv) , Th.  Bergk  z. 
Pind.  Ol.  13,  56  (von  dem  Verehrtwerden  tv 
len rw)  und  E.  Mucke,  Progr.  d.  Gymnasiums 
zu  Bautzen  1883.  p.  24f.  (sllani g = corona 
aus  pflpomg  von  Wurz.  Tel  winden),  aus  dem 
Phoinikischen  auch  Stephanus  im  Et.  M.  ed. 
Gaisf.  s.  v.  (von  xrpbp  = y.oqcigiov).  [Helbig.] 
Europos  (Eupomog’  über  den  Accent  siehe 
Dindorf  im  Thes.  Steph.  s.  v.),  Eponymos  der 
Stadt  Europos  in  Makedonien,  Sohn  des  Make- 
don,  Steph.  Byz.  Eupwwog.  [F.  A.  Voigt.] 
Europs  (Eüpco'i/4 , 1)  Sohn  des  Aigialeus, 
Vater  des  Teichin,  König  von  Sikyon,  Paus. 

2,  5,  6.  — 2)  Sohn  des  Phoroneus,  Vater  des 

Hermion,  des  Eponymos  der  Stadt  Hermione 
ib.  34,  4.  [F.  A.  Voigt.] 

Euros  (Evpog,  Eurus),  der  Südostwind  ( Ovid . 
M.  1,  61;  vgl.  Aristot.  de  mundo  4,  meteorol. 


Münze  von  Myrina  oder 
Ciortys  ( Overbeck , Kunst- 
myth.  ( Zeus ) Taf.  VI  Fig.  i. 
Jahn , Entführung  der  Eu- 
ropa Taf.  IX  g). 


1419  Eurotas 

2,  7),  ebenso  wie  Eos  vom  Stamm  aus  — vas 
auf  leuchten,  abzuleiten  (Fiele,  vergl,  W. 3 1,  512), 
tritt  in  der  Mythologie  hinter  Zephyros,  Boreas 
und  Notos  zurück.  Bei  Homer  [vgl.  V.  Pfann- 
sclimidt,  de  ventor.  ap.  Hom.  signif.  Diss.  Lips. 
1880  p.  20  ff.  Völclcer,  Horn.  Geogr.  82  f.  R.] 
wird  nur  hervorgehoben,  dafs  er  stürmisch  ist 
(II.  2,  145),  mit  Notos  wetteifert  (II.  16,  765), 
dem  Zephyros  entgegen  weht  (Od.  5,  332)  und 
dafs  der  Schnee  schmilzt,  wenn  er  sich  er- 
hebt (Od.  19,  206);  Hesiod  (Theog.  378 ff.)  nennt 
ihn  nicht  unter  den  Kindern  des  Astraios  und 
der  Eos;  dies  geschieht  vielmehr  erst  bei 
Nonnos  Dion.  6,  30  u.  40.  37,  72  u.  77;  vgl. 
Verg.  A.  1,  131  f.  140  u.  Serv .;  dagegen  rechnet 
ihn  Hesiod  Tlieog.  869  vielleicht  unter  die 
feuchtwehenden  Winde,  welche  er  als  Abkom- 
men des  Typhoeus  bezeichnet.  Wie  alle  Wind- 
götter wird  er  geflügelt  gedacht  (Nonn.  Dion. 

1,  203.  25,  216.  34,  349.  3,  55.  18,  327.  21, 
323)  und  so  auch  an  dem  Turm  der  Winde 
zu  Athen  dargestellt  (Müller,  Handb.  160,  5. 
401).  Vgl.  Windgötter.  [Steuding.] 

Eurotas  (Evgcozag),  1)  König  von  Lakonike 
(C.  I.  Gr.  2374),  Sohn  des  Myles  und  der  Tele- 
dike  (oder  der  Teygeta,  Steph.  Byz.  s.  v.  Tav- 
yszov),  Bruder  der  Kepedia(?),  nach  welchem 
der  Flufs  Eurotas  benannt  war.  Er  heiratete 
die  Kleta  und  zeugte  mit  dieser  eine  Tochter 
Sparte,  die  Gemahlin  des  Lakedaimon,  Schol. 
Für.  Or.  626.  Paus.  3,  1,  1.  Nach  Apollod. 

3 , 10 , 3 war  Eurotas  ein  Sohn  (oder  Nach- 
komme) des  Lelex  und  der  Naiade  Kleocha- 
reia.  Nach  Sosilcles  b.  Schol.  Find.  Ol.  6,  46 

u.  Schol.  Find.  Pytli.  4,  15  waren  auch  Pitane 
und  Mekionike  Töchter  des  Eurotas  (nach 
Tzetz.  z.  Lylcophr.  838  u.  886  Eurydike  und 
Mekionike  oder  Doris).  — 2)  Flufsgott  (siehe 
Flufsgötter).  [Roscher.] 

Euroto  (Evqcotco),  Tochter  des  Danaos,  ver- 
mählt mit  dem  Aigyptiden  Bromios,  Apollod. 

2,  1,  5.  [Stoll.] 

Euryades  (EvQvddg g),  ein  Freier  der  Pene- 
lope, von  Telemaclios  erlegt,  Od.  22,  267  (nur 
hier  genannt).  [Stoll.] 

Euryale  (EvqvccIi],  -cc)  1)  eine  der  Gorgonen 
(s.  d.).  — 2)  von  Poseidon  Mutter  des  Orion, 
Tochter  des  Minos  (vgl.  Hesiod  b.  Hygin.  P. 
Astr.  2,  34.  Schol.  Arat.  322,  wo  statt  BqvI- 
hq g zfjs  MCvcoog  jt cd  noasiöcovog  gewifs  Ev- 
QvciXyg  etc.  zu  schreiben  ist,  Schol.  Germ.  Arat. 

v.  331.  Fratosth.  Kat.  32;  s.  auch  Pherekydes 
b.  Apollod.  1,  4,  3).  O.  Müller , Orchom.1  100 
glaubt,  dafs  hier  Minos  und  Minyas  verwechselt 
seien;  vergl.  jedoch  Völclcer,  Mythol.  d.  Iapet. 
Geschl.  111.  — 3)  Amazone,  Val.  Flacc.  5, 
612.  6,  370.  [Roscher.] 

Euryaleia  (Evgvdlsta'l),  Tochter  des  Adra- 
stos , Gemahlin  des  Diomedes , Tydeus’  Sohn 
(sonst  Aigialeia  [s.  d.]  genannt) : Schol.  II.  23, 
681.  [Roscher.] 

Euryalos  (EvgvaXos),  1)  Sohn  des  Mekisteus 
aus  Argos,  unter  den  Argonauten  bei  Apollod. 
1,  9,  16  genannt,  unter  den  Epigonen  gegen 
Theben  bei  Apollod.  3,  7,  2.  Paus.  2,  20,  4; 
zog  mit  Diomedes  gegen  Ilios,  Hom.  B 565. 
Z 20.  W 677  und  Schol.  Apollod.  1,  9,  13. 
Paus.  2,  30,  10  Aristot.  epitaph.  35  p.  1576  b, 


Eurydamas  1420 

21  Berol.  Quint.  Srnyrn.  4 , 487  u.  ö.  In 
Polygnots  Darstellung  der  Eroberung  Troias 
in  der  Lesche  zu  Delphi  war  Euryalos  ver- 
wundet dargestellt,  Paus.  10,  25,  6;  von  ihm 
als  Epigonen  befand  sich  auch  eine  Statue  in 
Delphi,  Paus.  10,  10,  4.  — 2)  Ein  Freier  der 
Hippodameia,  Hes.  fr.  158  Kink,  bei  Paus.  6, 
21,  10.  Schol.  Find.  Ol.  1, 127.  — 3)  Sohn  des 
Melas  in  Kalydon,  der  mit  seinen  Brüdern  sei- 
nem Oheim  Oineus  nachstellte  und  deswegen 
von  seinem  Vetter  Tydeus  getötet  wurde,  Apol- 
lod. 1,  8,  5.  — 4)  Ein  phaiakischer  Held;  siegt 
in  den  Wettspielen,  streitet  und  versöhnt  sich 
mit  Odysseus,  Hom.  ft  115.  127.  158 ff.  396ff. 

— 5)  Sohn  des  Odysseus  und  der  Euippe, 
Held  einer  sophokleischen  Tragödie,  Parthen. 
Erot.  3.  Eustath.  ad  Hom.  p.  1796,  52  (Nauck 
fr.  tr.  p.  141).  — 6)  Sohn  des  Opheltes,  Be- 
gleiter des  Aineias,  Freund  des  Nisus,  aus- 
gezeichnet durch  Schönheit , Verg.  Aen.  9, 
1 7 9 ff'. ; sein  Tod  v.  433.  — 7)  ein  Kyklope, 
Nonn.  14,  59  u.  ö.  [Seeliger.] 

Euryanassa  (EvQvd.va.Goa) , 1)  Tochter  des 
Paktolos,  Gemahlin  des  Tantalos,  dem  sie  den 
Pelops,  Broteas  und  die  Niobe  gebar,  Schol. 
Eur.  Or.  5.  Tzetz.  L.  52.  Plut.  Parall.  c.  33. 
Bei  Schol.  Eur.  Or.  1 1 heifst  sie  Eurythemiste 
oder  Eurysthanassa,  Tochter  des  Xanthos;  bei 
Apostol.  Cent.  17,  3 Euryto  dvaGGa-,  ib.‘  18,  7 
Euryprytane,  Namen  derselben  Bedeutung  zur 
Bezeichnung  der  grofsen  Landesherrschaft. 
Stark,  Niobe  94.  426.  — 2)  Tochter  des  Hy- 
perphas,  welche  dem  Minyas  die  Klymene  ge- 
bar, die  Gemahlin  des  Phylakos,  Mutter  des 
Iphiklos,  Schol.  Od.  11,  326.  — 3)  Name  der 
Hebe,  Hesych.  s.  v.  [Stoll.] 

Eurybates  (EvQvßazrjs),  1)  Argonaut  s.  Eri- 
botes.  — 2)  Herold  des  Odysseus,  häfslich  von 
Gestalt,  aber  klug  und  fügsam,  von  seinem 
Herrn  besonders  geehrt,  war  ihm  nach  Ilios 
gefolgt,  Hom.  z 247.  B 184.  I 170.  — 3)  He- 
rold des  Agamemnon,  Hom.  A 320.  [Seeliger.] 

Eurybatos  (Evgvßazo?) , Sohn  des  Euphe- 
mos,  Anton.  Dib.  8 (vgl.  oben  Alkyoneus  2, 
S.  252).  [Roscher.] 

Eurybia  (Evgvßi a) , 1)  ein  Urwesen  der 
Theogonie,  Tochter  des  Pontos  (Hes.  Theog. 
239),  vom  Titanen  Kreios  Mutter  des  Astraios, 
Pallas  und  Perses  (ib.  375.  Apollod.  1,  2,  6). 

— 2)  Amazone,  mit  Kelaino  und  Phoibe  Jagd- 

genossin der  Artemis,  von  Herakles  getötet 
(Dioclor  4,  16).  — 3)  Tochter  des  ThespioS, 
Apollod.  2,  7,  8,  2.  [F.  A.  Voigt.] 

Eurybios  (Evgvßiog),  1)  Sohn  des  Neleus, 
Apoll.  1,  8,  9.  Schol.  Apoll.  1,  152.  — 2)  Sohn 
des  Eurystheus.  — [3)  Führer  der  Kentauren, 
Nonn.  14,  188.  R.]  [F.  A.  Voigt.] 

Euryclms  (?),  im  Verzeichnis  der  vor  Troja 
gezogenen  Griechenfürsten  Ilyg.  fab.  97  Sohn 
des  Pallas  und  der  Diomede  aus  Argos;  der 
Name  ist  sicher  korrupt.  [F.  A.  Voigt.] 

Eurydamas  (Evgvödya g),  1)  Sohn  des  Ai- 
gyptos,  mit  der  Danaide  Pharte  verlobt  und 
von  ihr  ermordet,  Apollod.  2,  1,  5.  — 2)  Argo- 
naut, nach  Ap.  B.  1,  67,  Sohn  des  Ktimenos 
aus  der  Doloperstadt  Ktimene  nach  Hyg.  /. 
14,  Sohn  des  Iros  und  der  Demonassa,  Bru- 
der des  Eurytion;  aufserdem  bei  Orpli.  Arg. 


io 

20 

30 

40 

50 

60 


1421  Eurydameia  Eurydike  1422 

v.  167.  — 3)  Troer,  Traumausleger,  Vater  des  Paus.  9,  30,  3.  Con.  c.  45.  Verg.  Georg.  4,  457  ff. 

Abas  und  Polyidos,  Horn.  E 148.  Q.  Smyrn.  Cul.  267 ff.  Ov.  Met.  10,  8ff.  11.  63.  Seneca 

13,  178.  — 4)  Freier  der  Penelope,  von  Odys-  Ilerc.  f.  569ff.  Here.  Oet.  1030ff.  Serv.  Verg. 

seus  getötet,  Horn,  a 297,  % 283.  — 5)  Ein  Georg.  4,  317.  C.  I.  Gr.  6854d.  Preller,  Gr. 

Grieche  im  trojanischen  Pferd,  Sohn  des  Pelias,  Myth.  2,  486.  Hermesianax  b.  Athen.  13,  p. 

Tryphiodor  v.  177.  — 6)  Sohn  des  Meidias,  597bnenntsie  Agriope, Loheck Aglaoph.  l,p.373. 

der  den  Thessaler  Thrasyllos  getötet  und  von  — 2)  Tochter  des  Danaos,  vermählt  mit  Dryas, 

dessen  Bruder  Simon  ermordet  und  um  jenes  Apollod.  2,  1,  5;  hei  Hyg.  170  mit  Kan- 

Grab  geschleift  wurde,  Kallimachos  bei  Schol.  thos.  — 3)  Tochter  des  Lakedaimon  und  der 

11.  X,  397.  Ov.  75.  v.  329  mit  Schol.  io  Sparte,  Schwester  des  Amyklas,  Gemahlin  des 

[Seeliger.]  Akrisios,  Mutter  der  Danae,  Apollod.  2,  2,  2. 

Eurydameia  (EvQvddyeioc),  Tochter  des  Phy-  3,  10,  3.  Paus.  3,  13,  6.  Pherekyd.  b.  Schol. 

leus,  Gattin  des  Sehers  Polyidos  oder  Polyei-  Ap.  Bhod.  4,  1091.  Schol.  II.  14,  319.  Tochter 

dos  (s.  d.)  aus  Korinth,  welchem  sie  den  Eu-  des  Eurotas  (s.  d.)  heifst  sie  b.  Tzetz.  Lyc.  838. 

chenor  (s.  d.)  und  Kleitos  gebar.  Plierelc.  in  d.  Sie  stiftete  einen  Tempel  der  argiv.  Hera, 

Schol.  zu  Horn.  H.  13,  663  bei  Müller  fr.  h.  Paus.  3,  13,  6.  [vergl.  C.  1.  Gr.  6126.  R.] 

gr.  4,  638  fr.  24a.  [Steuding.]  — 4)  Gemahlin  des  Lykurgos,  Königs  zu 

Eurydike  (fEvQvdrnrf) , 1)  Gattin  des  Or-  Nemea,  Mutter  des  Archemoros  (s.  d.  u.  vgl. 

pheus,  (s.  d.),  die  von  einer  Schlange  gebissen  Amphiaraos  S.  297),  Apollod.  1,  9,  14.  3,  6,  4. 

frühzeitig  starb.  Orpheus  stieg  in  die  Unter-  20  Hyg.  f.  273.  Anth.  Pal.  3,  10.  Schol.  Pind. 

weit  hinab  und  bewog  durch  seinen  Gesang  Ol.  ed.  B.  p.  424.  [0.  7.  Gr.  8432.  R.]  — 5) 

die  chthonischen  Götter,  ihm  die 
Abgeschiedene  zurückzugeben.  Als 
er  aber  das  Verbot,  sich  nach  der 
ihm  folgenden  nicht  umzuschauen, 
übertrat,  verschwand  sie  unwieder- 
bringlich. Ausgeführte  poetische 
Schilderungen  geben  Ovid  Met.  10, 

1 — 64.  Vergil  Georg.  4,  454ff.  Letz- 
terer läfst  den  Tod  der  Eurydike 
auf  der  Flucht  vor  dem  in  Liebe 
entbrannten  Aristaios  eintreten;  so 
auch  Hyg.  fair.  164.  Fulg.  Mythol. 

3,  10.  Mytli.  Vat.  3,  8,  20;  vergl. 

Apollod.  1,  3,  2.  Moschos  id.  3,  124 
( EvQvdGeia ) JDiod.  4,  25.  Con.  45. 

Schol.  Stat.  Theb.  8,  59.  Was  die 
Bedeutung  des  Mythus  anlangt,  so 
fällt  zuerst  ins  Auge  , dafs  das 
Geschick  des  Orpheus  nach  dem 
Mythus  des  Gottes,  dessen  Mysta- 
gog  er  ist,  des  Dionysos , sich  ge- 
staltet. Seine  Zerreifsung  durch  die 
Mainaden  ist  ein  Abbild  vom  Ende 
des  Zagreus,  die  versuchte  Empor- 
lührung der  verstorbenen  Gattin 
eine  Parallele  zur  Emporführung  der 
Semele,  nur  dafs  dem  Sterblichen 
mifslingt,  was  der  Gott  vollendet. 

Das  Verbot  des  Umschauens  kehrt 
bei  chthonischen  Opfern  (für  die  Eu- 
meniden  Soph.  Oed.  Col.  489 , für 
HeSate  Apoll.  Bhod.  3, 1036  ff.)  wie  im 
neueren  Volksglauben  sehr  häufig  bei  Geister-  Tochter  des  Pelops,  von  Elektryon  Mutter  der 

x beschwörungen,  Schatzheben  und  dergleichen  Alkmene,  Hiod.  4,  9.  — 6)  Tochter  des  Am- 

aus  Seelenkultvorstellungen  erwachsenen  Zau-  phiaraos  und  der  Eriphyle,  Schwester  der  De- 

beriibungen  wieder.  Wenn  z.  B.  in  einer  deut-  monassa,  des  Allcmaion  u.  Amphiloehos,  Paus. 

sehen  Sage  der  Schatz  vor  dem,  der  ihn  hätte  5,  17,  4.  — 7)  Gemahlin  des  Kreon,  Königs 

gewinnen  können,  versinkt,  weil  dieser  sich  in  Theben,  Person  in  Soph.  Antigone ; sie 
umgedreht  (Scharnbach- Müller , Niedersächs.  60  giebt  sich  den  Tod,  nachdem  sie  den  Tod 

Sagen  S.  112,  136),  ähnlich  wie  so  häufig  ein  ihres  Sohnes  Haimon  erfahren,  v.  1180 ff.  — 

laut  gesprochenes  Wort  den  schon  fast  gelio-  8)  Tochter  des  Adrastos,  Gemahlin  des  Uos, 

benen  Schatz  sinken  macht,  so  entspricht  dies  Mutter  des  Laomedon,  Apollod.  3,  12,  3.  Schol. 

genau  der  antiken  Sage,  da  es  sich  in  beiden  II.  20,  236.  — 0)  Gemahlin  des  Aineias, 

Fällen  darum  handelt,  das  in  der  Gewalt  der  Lesches  b.  Paus.  10,  26,  1.  - 10)  Tochter  des 

unterirdischen  Mächte  Befindliche  der  Oberwelt  Klymenos,  Gemahlin  des  Nestor,  Od.  3,  452. 

zu  gewinnen.  [F.  A.  Voigt.] — Weiteres  s.  unter  Hyg.  f.  97.  — 11)  Tochter  des  Aktor,  von 

Orpheus.  Vgl.  aufser  den  obigen  Stellen  noch  Peleus  Mutter  der  Polydora,  Staphyl.  b.  Schol. 


1423  Euvygane 

11.  16,  175.  — 12)  Eine  Nereide,  Hyg.  Präef. 
jj.  29  Bunte.  [Stoll.] 

Eurygane  ( Evgvytxvri ) , Gemahlin  des  0 i d i - 
pus,  welche  dieser  nach  dem  Tode  der  lolraste 
heiratete  und  mit  welcher  er  4 Kinder  zeugte: 
Beisandros  b.  Schol.  Eur.  PI  wen.  1760  und 
13.  Ygl.  Euryganeia.  [Koscher.] 

Euryganeia  {Evgvyavsice),  Gemahlin  des  Oi- 
dipus  (s.  d.),  Tochter  des  Hyperphas,  nach  der 
älteren  epischen  Tradition  ( Oidipodia ),  nach 
welcher  dessen  Mutter  Epikaste  zwar  seine 
Gemahlin , aber  nicht  Mutter  seiner  Kinder 
ist , Pherelcydes  bei  Schol.  Eurip.  Phoen.  63. 
Apollod.  3,  5,  8,  8.  Paus.  9,  5,  5;  auf  Onatas’ 
Gemälde  beim  Zweikampf  ihrer  Kinder  zugegen, 
Paus,  ä a.  0.  S.  Eurygaue.  [F.  A.  Voigt. J 
Eurygyes  {EvQvyvije) , Beiname  des  Andro- 
geos  (s.  d.),  Sohnes  .des  Minos,  unter  welchem 
dieser  in  Athen  einen  Altar  und  Leichenspiele 
im  Kerameikos  erhalten  hatte,  Hesiod  und  Me- 
iesagoras bei  Ilesych.  ’En’  EvQvyvy  aychv,  vgl. 
Paus.  1,  1,  4.  [F.  A.  Voigt.] 

Eurykapys  {Evqvxccizvs),  Sohn  des  Herakles 
und  einer  Thespiade  Klytippe,  Apoll.  2,  7, 
8,  2.  [F.  A.  Voigt.] 

Euryke  (Evgvyir]?),  verderbter  Name  einer 
Thespiade,  Mutter  des  Teleutagoras  von  Hera- 
kles, Apoll.  2,  7,  8,  4.  [F.  A.  Voigt.] 

Eurykleia  ( EvgvnXeux ),  1)  Tochter  des  Ek- 
phas,  erste  Gemahlin  des  Laios  und  Mutter 
des  Oidipus,  der  hernach  die  zweite  Gemahlin 
des  Laios  Epikaste  heiratet,  Schol.  Eur.  Phoen. 
13.  Schneidewin,  Sage  v.  Oidipus  p.  9.  — 2) 
Tochter  des  Ops,  Amme  des  Odysseus,  Od.  1, 


Eurykleia  und  Odysseus,  Relief  (vgl.  Ooerbeck Gail, 
her.  Bilclw.  Taf.  33  nr.  4). 


429.  19,  401.  Hyg.  f.  125.  Ihre  Statue  von 
Thrason  Strab.  14,  641.  [Brunn,  K.  G.  1, 
422.  Erhaltene  Bildwerke  bei  Overbeck,  Gail, 
her.  Bilclw.  S.  804 ff.  Taf.  XXXIII,  4,  5.  R.] 
— 3)  Tochter  des  Athamas  und  der  Themisto, 
Gemahlin  des  Melas,  MeneTcr.  b.  Zon.  4,  38. 
Pherelcyd.  in  Schol.  Find.  Pyth.  4,  221.  [Stoll.] 


Eurymedon  1424 

Eurykyde  ( Evgvnvdrj ) , Tochter  des  Endy- 
mion,  von  Poseidon  Mutter  des  Eleios,  Paus. 
5,  1,  6.  Strab.  8 p.  346,  [F.  A.  Voigt.] 

Euryleon  {EvqvXscov) , nach  Dion.  Hai.  1, 
70  ursprünglicher  Name  des  Askanios. 

[F.  A.  Voigt.] 

Eurylochos  {EvqvIoxos),  1)  Gefährte  und 
Verwandter  des  Odysseus,  der  in  der  Odyssee 
5i—  fi  hervortritt.  Anführer  der  Genossen  bei 
io  der  Umschau  auf  der  Insel  Aiaie,  wo  sie 
das  Haus  der  Kirke  antreffen  (x  205 ff.);  er 
betritt  dasselbe  nicht  mit  den  übrigen  ( ib . 
429 ff),  belauscht  deren  Verwandlung,  die  er 
dem  Odysseus  meldet.  Seine  Teilnahme  am 
Opfer  der  Nekyia  hatte  Polygnot  auf  seinem 
Gemälde  derselben  dargestellt  {Paus.  10,  29, 
1).  Er  giebt  den  verderblichen  Rat  auf  der 
Insel  des  Helios  anzuhalten  (p  278)  und  dar- 
nach die  heiligen  Rinder  des  Helios  anzugrei- 
20  fen  {ib.  339 ff).  — 2)  Sohn  des  Aigyptos,  Ap. 
2,  1,  5,  7.  [F.  A.  Voigt.] 

Euryloplie  {EvgvXocprj),  Amazone,  Gefährtin 
Penthesileias,  Tzetz.  Postli.  181.  [Klügmann.] 
Eurylyte  {EvgvXvzy) , Gemahlin  des  Aietes, 
die  ihm  den  Apsyrtos  gebar,  Naupaktika  bei 
Schol.  Ap.  Rh.  3,  242.  4,  59,  86.  [Stoll.] 
Eurymachos  {Evgvgaxog),  1)  Sohn  des  Po- 
lybos,  mit  Antinoos  der  hervorragendste  Freier 
der  Penelope,  Sprecher  in  der  Volksversamm- 
30  lung  auf  Ithaka  ( ß 177);  verhöhnt  den  als 
Bettler  verkleideten  Odysseus  und  wirft  einen 
Schemel  nach  ihm  (a  350ff).  Die  gleiche 
Rolle  spielte  er  auch  in  Aischylos’  ’OozoXoyoi 
(frgm.  178.  179.  Dind.).  Der  die  Katastrophe 
weissagende  Seher  dünkt  ihm  rasend  {v  359 ff.). 
Er  vermag  zu  seiner  Beschämung  und  Betrüb- 
nis {cp  245  ff.)  den  Bogen  des  Odysseus  nicht 
zu  spannen.  Als  dieser  nach  Erschielsung  des 
Antinoos  sich  zu  erkennen  giebt,  versucht  er 
40  vergeblich  eine  Aussöhnung  (#  45 ff),  wird  von 
Odysseus , als  er  ihn  mit  dem  Schwerte  an- 
greifen will,  erschossen.  — 2)  König  der  Phle- 
gyer , welche  Theben  bekriegten  und  gegen 
welche  Amphion  und  Zethos  die  Mauern  er- 
richteten, Pherekycl.  ap.  Schol.  Hom.  I 264, 
ib.  262.  Eustath.  p.  933,  14.  — 3)  Sohn  des 
Antenor  auf  Polygnots  Iliupersis , Paus.  10, 
.27,  2.  — 4)  Freier  der  Hippodameia,  von  Oi- 
nomaos  getötet,  Paus.  6,  21,  10.  Hesiod  und 
50  Epimenides  nach  Schol.  Find.  Ol.  1,  127.  ib. 
114.  [F.  A.  Voigt.] 

Eurymas  s.  Eurymos. 

Eurymede  , 1) ' {Evgvfisdg) , Gemahlin  '‘des 
Glaukos,  Mutter  des  Bellerophontes,  Apollod. 
1,  9,  3.  — 2)  {Evgvyridri),  Tochter  des  Oineus 
und  der  Althaia,  Schwester  des  Meleagros. 

[F.  A.  Voigt.] 

Eurymedon  {Evgvfisdcov) , 1)  nach  Odyss. 
g 58  König  der  Giganten,  der  mit  samt  sei- 
00  nem  Volke  zu  Grunde  ging  (v.  60  coleas  Xaov 
(xztxod'cd.o v,  coXszo  aurog).  Da  Homer  die  Gi- 
ganten einfach  als  ein  Urvolk  an  den  Enden 
der  Erde  fafst , kann  auch  die  Tochter  des 
Gigantenkönigs  Periboia  von  Poseidon  die  Ahn- 
mutter des  Königshauses  der  Phaiaken  wer- 
den. Nach  Euphorion  bei  Schol.  Hom.  3 295, 
der  „mit  Vorliebe  die  verschollenen  Mythen 
aus  ihrem  Versteck  hervorzog“  {Bernhardy, 


1425  Eurymedusa 

Gr.  Litt.  2,  23  S.  733),  in  diesem  Falle  wohl 
sich  eine  willkürliche  Neuerung  erlaubte,  wurde 
Hera,  als  sie  in  ihrer  Jugend  bei  ihren  Eltern 
aufwuchs , von  Eurymedon  überwältigt  und 
gebar  den  Prometheus;  aus  diesem  Grunde 
liefs  Zeus  Prometheus  fesseln  und  — dürfen  wir 
wohl  die  Überlieferung  ergänzen  — vernich- 
tete aus  gleicher  Eifersucht  den  Giganten- 
könig. — 2)  Kabir,  Sohn  des  Hephaistos  und 
der  Kabeiro,  Bruder  des  Alkon , Norm.  Dion. 
25,  14  ft’.,  nimmt  mit  seinem  Bruder  von  Lern 
nos  aus  auf  brechend  am  indischen  Feldzuge 
teil,  kämpft  von  Bruder  und  Vater  beschützt, 
mit  dem  • Inderkönige  Morrheus,  id.  30,  44 ff. 
— 8)  der  ursprüngliche,  von  der  Mutter  ge- 
schöpfte Name  des  Perseus,  Apollod.  JRhod.  4, 
1514.  — 4)  Sohn  des  Minos  von  einer  Nymphe 
Pareia,  der  mit  seinen  Brüdern  Nephalion, 
Chryses,  Philolaos  die  Insel  Paros  bewohnte, 
Apoll.  3,  1,  2,  5.  2,  5,  9,  3.  Mit  ihm  geriet 
Herakles  bei  seiner  Landung  auf  Paros  in 
Streit,  der  dadurch  entschieden  wird,  dafs 
zwei  Enkel  des  Minos , Söhne  des  Androgeos, 
mit  Herakles  ziehen  und  auf  Thasos  angesie- 
delt werden.  Die  durch  die  Minossöhne  an- 
gedeutete Verbindung  mit  Kreta  spricht  sich 
auch  in  dem  alten  Namen  der  Insel  Minoa 
(Steph.  Byz.  Mivcaa;  vgl.  Plin.  N.  H.  2,  22) 
aus,  vgl.  Apoll.  3,  15,  7,  4:  Qpfer  des  Minos 
auf  Paros.  — 5)  Wagenlenker  Agamemnons, 
Rom.  A 228,  in  Mykenai  zeigte  man  sein  Grab- 
mal , da  er  nach  der  Heimkehr  von  Aigisthos 
mit  seinem  Herrn  getötet  und  begraben  wor- 
den sei,  Paus.  2,  16,  5.  — 6)  Diener  Nestors, 
© 114,  A 620.  — 7)  Heros  auf  einer  Weihin- 
schrift aus  dem  Peiraieus  stammend,  AQ-gvcnov 
8 p.  403.  — 8)  Beiname  des  Hermes,  Hesych. 
s.  v.  [F.  A.  Voigt.] 

Eurymedusa  (EvgvpsäovGtx),  Amme  der  Nau- 
sikaa,  Od.  r\  8.  [F.  A.  Voigt.] 

Eurymeues  ( Evgvpsvyg ) , Sohn  des  Neleus 
und  der  Chloris,  Bruder  des  Nestor  u.  a. 
Apoll.  1,  8,  9.  [F.  A.  Voigt.] 

Euryniides  (Evgvpiär\g),  Sohn  des  Eurymos, 
Patronymikon  des  Sehers  Telemos , der  dem 
Kyklopen  die  Blendung  durch  Odysseus  weis- 
sagt, Horn.  i 509.  Theolcr.  6,  23.  Ov.  Met.  13, 
770.  [F.  A.  Voigt.] 

Eurymnos  s.  Eurymos. 

Eurymos  (Evgvpog,  wohl  Koseform  für  Ev- 
Qvpuxog  [vgl.  den  Namen  des  Sohnes  von 
Eur.  1 TgXspog  = TyXspaxo g],  wie  schon  das 
Schol.  Theolcr.  6,23  Ahrens  anzudeuten  scheint: 
Fick,  yr.  Personennamen  S.  32;  daher  die 
unten  zu  erwähnende  Nebenform  Evgvpag: 
Fick  S.  37),  1)  Kyklop,  Vater  des  Sehers  Te- 
lemos, des  Eurymiden:  Hygin.  fab.  75,  p.  106, 
17.  128,  p.  112,  6 Schm.-/  Etym.  M.  397,  6; 
vgl.  Od.  v 509  u.  Thcocr.  6 , 23  mit  Schol.  — 
2)  Eurymos  (E vgvpvog  Ps.-Plut.  prov.  1 , 74, 
p.  332  Gott.  = Zenob.  cod.  L.  Vind.-,  Evgip- 
vog  im  Athous  3,  105  in  Millers  nielanges ; 
die  .^erklärliche  Namensform  ist  jedesfalls 
zu  korrigieren)  oder  Eurymas  (Evgvpag  Phere- 
kydes fr.  92  bei  Res.  s.  v.  = FRG.  1,  p.  93), 
ein  Olenier  ('SlXeviog  xo  ysvo g,  äiccß oXog  äs 
Pherek.),  der  den  Kastor  bei  Pollux  (Zenob. 
= Ps.-Plut. ; Flut.  frat.  am.  11,  p.  483  C.) 


Eurynome  1426 

verleumdete.  Pollux  strafte  ihn,  indem  er  ihn 
mit  einem  Faustschlage  tötete  (o&sv  dvygs&g 
vno  noXväsvuovg  Pherelc. ; 6 noXväsvugg  xbv 
Hccxcapi&vgi£ovxci  x ov  aäsXcpov  ng'o g avxbv  nov- 
ävXm  Tcca'aag  anixxsivtv  Plut.).  S.  ob.  S.  1157. 
Diese  wohl  auch  bei  Plierelcydes  vorauszusetzende 
Fassung  der  wenig  bekannten  Sage  ist  offen 
bar  ursprünglicher  als  die  das  Verhältnis  um- 
kehrende des  Libanios  ep.  389  . . . äxsßaXs  xä> 

10  Kdoxogi  xbv  aäsXcpov  dXX’  ovx  b Kaoxcog  sgi- 
yrjGsv  aXX’  o per  scpgctGsv , b äs  noXväsv-ugg 
dytt&bg  tysvtxo  nvuxrjg.  Es  ist  wirksamer, 
wenn  Pollux  für  seinen  Bruder  eintritt  und 
den  Verleumder  sn’  avxocpcogoo  bestraft,  als 
wenn  er  auf  die  Anzeige  des  Kastor  hin  sich 
selbst  rächt. 

Zweifelhaft  kann  es  sein,  welches  Olenos 
Pherekydes  gemeint  hat.  Für  das  ätolische 
spricht  der  Umstand,  dafs  Leda  Tochter  des 

20  ätolischen  Königs  Thestios  sein  soll  und  dafs 
Pherekydes  selbst  (bei  Schol.  Apoll.  Bh.  1,  146 
— fr.  29,  p.  28  M.)  diese  Abstammung  an- 
deutet. So  werden  die  Dioskuren  auch  unter 
den  Jägern  des  kalydonischen  Ebers  genannt 
(Ryg.  fab.  173.)  [Crusius.] 

Eurynome  (Evgwoprj,  rjg  f.),  die  Weithin- 
waltende. 1)  Tochter  des  Okeanos  noXvrjgcc- 
xov  siäog  s'xovGct,  Res.  Theog.  358.  907,  von 
Zeus  Mutter  der  drei  Chariten  Aglaia,  Eu- 

30  phrosyne  u.  Thalia,  Res.  a.  a.  O.,  nach  einigen 
auch  des  Flufsgottes  Asöpos , Apollod.  3,  12, 
6,  4.  Als  Hera  den  Hephaistos  aus  dem  Olymp 
verstofsen  hatte,  nahmen  sie  und  Thetis  ihn 
in  ihrem  Schofse  auf  (in xtäsigaxo  KoXncp,  Rom. 

R.  18,  398  ff.).  In  einer  früheren  Zeit  hatte 
Eurynome  mit  dem  Titanen  Ophion  die  Herr- 
schaft auf  dem  „schneereichen“  Olympos  inne, 
aber  sie  mufsten  dem  Kronos  und  der  lihea 
weichen  und  stürzten  hinab  in  die  Wellen  des 

40  Okeanos,  resp.  in  den  Tartaros;  jene  aber  ge- 
boten nunmehr  den  Titanen,  bis  auch  sie  die 
Herrschaft  dem  Zeus  lassen  mufsten:  so  singt 
Orpheus  bei  Apoll.  JRhod.  Arg.  1,  503;  vgl.  Tsetz. 
Lykophr.  1192.  — Schivenck,  Etym.-myth.  And. 

S.  181  leitet  Eurynome  von  gsco  ab  im  Hin- 
blick auf  ihre  Bedeutung  als  Wassergottheit, 
(Tochter  des  Okeanos),  richtiger  Etym.  M. : 
nugcc  xo  svgscog  Kcd  peyceXcog  vspsiv  uvxr\v  ncä 
äiäövai.  In  Hinsicht  auf  ihre  ursprüngliche 

50  Stellung  als  Herrin  des  Olymp  heifst  sie  mit 
Recht  die  Weithinwaltende.  Dafs  die  Okeanos- 
tocliter  an  Ophions  Seite  in  solcher  Stellung 
erscheint,  beruht  auf  der  orphischen  Vorstel- 
lung einer  die  ganze  Welt  einst  bedeckenden 
Flut;  der  Name  ihres  Gatten  weist  vielleicht 
ebenfalls  darauf  hin,  dafs  das  nasse  Element 
für  das  ursprünglich  auf  Erden  herrschende 
gehalten  wurde.  Nachkommen  dieses  Bundes 
werden  keine  genannt;  es  ist  die  Periode  der 

GO  Unfruchtbarkeit  (clxgvysxog  novzog)  der  Erde, 
so  lange  das  Wasser  dieselbe  bedeckte.  Aus 
dem  Bunde  der  Eurynome  mit  Zeus  dagegen 
entstehen  die  Chariten  (s.  d.) ; wie  Aphrodite 
selbst,  die  Göttin  der  Schönheit  und  Liebe, 
den  Wellen  entstiegen  ist,  so  werden  auch 
ihre  Begleiterinnen,  die  Holden,  als  Töchter 
einer  Meergöttin  betrachtet,  bezeichnend  ge- 
nug für  das  mit  dem  Meer  aufs  engste  ver- 


1427  Eurynomos 

wachsene  Griechenvolk.  — In  der  Nähe  von 
Phigaleia  befand  sieh  ein  altheiliger  aber  schwer 
zugänglicher  Tempel  der  Eurynome.  Die  Ein- 
wohner hielten  nach  Pausanias  (8,  41,  4f.) 
Eurynome  für  einen  Beinamen  der  Artemis, 
die  Altertumskundigen  aber  wufsten,  sagt  er, 
dafs  Eurynome  eine  Tochter  des  Okeanos  sei. 
Der  ganz  mit  Cypressen  umwachsene  Tempel 
sei  alljährlich  nur  einmal  an  demselben  Tage 
geöffnet  und  ihr  geopfert  worden.  Das  darin 
aufgestellte  Bild  sei  mit  goldenen  Ketten  zu- 
sammengehalten gewesen,  und  habe  bis  zu  den 
Hüften  die  Gestalt  einer  Frau,  von  da  ab  die 
eines  Fisches  gehabt.  All  dies  spricht  aller- 
dings eher  für  eine  Eurynome  als  für  eine  Ar- 
temis, hinwiederum  eher  für  die  alte  Ophions- 
gattin,  als  für  die  Mutter  der  Huldinnen;  dies 
wurde  sie  erst,  als  ihre  ursprüngliche  Bedeutung 
mit  dem  Herrschendwerden  der  Zeusreligion  zu- 
rücktrat, vgl.  Preller  l3,  394  f.  Müller , Dorier  1, 
376  ff,  bes.  380.  [Gerhard,  Abh.  1,303.344].— 
2)  Tochter  des  Asöpos , von  Zeus  Mutter  der 
Ogygias,  Giern,  recogn.  10,  23.  — 3)  Tochter 
des  Nysos,  von  Poseidon  Mutter  des  Phoinikers 
Agenor  und  des  Bellerophon,  Hyg.  f.  157. 
Bei  Apollod.  1,  9,  3 heifst  die  Mutter  des 
Bellerophontes  Eurymede.  — 4)  Gemahlin  des 
Lykurgos,  Königs  von  Arkadien,  Mutter  des 
Ankaios,  Epochos,  Amphidamas  u.  lasos.  Apd, 
3,9,2, 1.  — 5)  Schaffnerin  im  Hause  des  Odys- 
seus, Od.  18, 163  u.  f.  — 6)  Gemahlin  des  Talaos, 
Mutter  des  Adrastos,  Hyg.  f.  69.  — 7)  Eury- 
nome bei  Ovid,  Met.  4,  210.  219,  Gemahlin 
des  von  Belos  stammenden  Orchamos,  Mutter 
der  Leukothoe,  der  Geliebten  des  Apollon;  s. 
Leukothoe.  [Weizsäcker.] 

Eurynomos  (Evqvvo gog) , 1)  chthonischer 
Dämon,  den  Polygnot  auf  seinem  Gemälde  der 
Unterwelt  in  der  Lesche  zu  Delphi  angebracht 
hatte,  Paus.  10,  28,  4.  Der  gelehrte  Gewährs- 
mann des  Pausanias  wufste  keine  litterarische 
Überlieferung  von  demselben  anzugeben.  Ein 
Dämon,  der  das  Fleisch  der  Beerdigten  ver- 
zehrt und  nur  die  Knochen  zurückläfst,  — also 
die  personifizierte  Verwesung.  Polygnot  hatte 
ihn  als  solchen  andeutend  charakterisiert,  in- 
dem er  ihn  die  Zähne  blecken  und  auf  einem 
Aasgeierbalge  (wie  Aktaion  und  seine  Mutter 
auf  einem  Hirschfelle  zur  Andeutung  der  Ver- 
wandlung) sitzen  liefs  und  ihm  die  blau- 
schwarze Farbe  der  Verwesung  gab.  Der 
Glaube  an  einen  solchen  Dämon,  der  euphe- 
mistisch als  der  „Weitwaltende“  bezeichnet 
wird,  ist  in  einer  Zeit  und  einem  Volke  er- 
wachsen, da  Beerdigung  die  überwiegende  Be- 
stattungsform war,  welche  allezeit  im  Gegen- 
sätze zur  reinlich  rationalistischen  Verbren- 
nung dem  Gespensterglauben  Nahrung  bot.  — 
2)  Kentaur,  Ov.  Met.  12,  310.  [F.  A.  Voigt.] 
Euryodeia  (EvQvodEioc) , von  Zeus  Mutter 
des  Arkeisios,  Eustath.  p.  1796, 34.  Schol.  Rom. 
n 115.  [F.  A.  Voigt.] 

Euryope  (Ev^vöjrtj?),  1)  Tochter  des  The- 
spios,  von  Herakles  Mutter  des  Terpsikrates, 
Apollod.  2,  7,  8,  6.  Vgl.  Euryops.  — 2)  S.  Eu- 
ropa 7.  [F.  A.  Voigt.] 

Euryops  oder  -opes  ( Evgvoip , Evgvmip  -o- 
ngs'l),  Sohn  des  Herakles  von  der  Terpsikrate, 


Eurypylos  1428 

der  Tochter  des  Thespios  ( Apollod . 2,  7,  8,  wo 
die  Hss.  TsQipiy.gd.xqg  Evgvonqg  bieten).  Vgl. 
Euryope.  [Roscher.] 

Eurypliaessa  (EvgvcpäsGßcc),  Mutter  des  He- 
lios von  Hyperion,  Hom.  Hymn.  in  Sol.  11,  4. 

[F.  A.  Voigt.] 

Eurypon  ( Evgvnüv ),  Heraklide,  Vater  des 
Prytanis,  Ahnherr  des  spartanischen  Königs- 
geschlechtes der  Eurypontiden,  Paus.  3,  7,  1. 

[F.  A.  Voigt.] 

Eurypyle  ( Evgvnvlq ),  Anführerin  der  Ama- 
zonen auf  einem  sonst  unbekannten  Zuge 
gegen  die  Assyrer  am  Euphrat,  Arrian  bei 
Eustath.  ad  Dion.  773.  [Kliigmann.] 

Eurypylos  (Evgvnvlog),  1)  Euaimonide,  führt 
die  Thessaler  von  Ormenion,  der  Quelle  Hy- 
pereia , Asterion  und  dem  Titauosgebirge  vor 
Troja,  tötet  Hypsenor,  Melanthios  und  Apisaon, 
Ilias  2,  734.  5,  76.  6,  36.  11,  575.  Ilygin.  f. 
114.  Ovid.  inet.  13,  357.  Dictys  1,  13  17.  War 
ein  Freier  der  Helena,  Apollod.  3,10,8.  Hyg. 
f.  81.  Seine  Eltern  sind  Euaimon  und  Ops, 
Hyg.  f.  97.  Euaimon  und  Amyntor  (Phoinix’ 
Vater),  Söhne  des  Ormenos,  so  Demetrios 
Skepsios  bei  Strabo  9,  438;  Euryplos  Sohn  des 
Hyperochos  nnd  Vater  des  Ormenos,  so 
Achaios  (?)  bei  Schol.  Pind.  Ol.  7,  47;  s.  Müller, 
frg.  hist.  4,  286.  Bei  Verg.  Aen.  2,  114  ver- 
wendet in  der  Erzählung  des  Sinon.  (Siehe  noch 
C.  I.  Gr.  6125  u.  nr.  3).  — 2)  Sohn  des  Dexa- 
menos  im  ach.  01  enos,  mit  Herakles  gegen 
Troja  gezogen,  Paus.  7,  19,  9;  vgl.  18, 1.  (Siehe 
noch  3).  — 3)  Im  ach.  Patrai  als  Heros  ver- 
ehrt; aut  der  Akropolis  zwischen  Tempel  und 
Altar  der  Artemis  Laphria  sein  Grabmal, 
mit  jährlichem  Totenopfer  beim  Dionysosfest, 
Paus.  7,  19,  1.  10;  an  der  Strafse  vom  Markt 
zum  Meer  in  einem  Heiligtum  eine  Lade,  He- 
phaistoswerk , von  Eurypylos  nach  Patrai  ge- 
bracht, nur  in  einer  Nacht  des  Festes  vorge- 
zeigt, darin  das  Bild  des  Aisymnetes 
Dionysos,  ib.  21,  8;  etwas  unterhalb  ein 
Heiligtum  der  Soteria  mit  Bild,  gestiftet  von 
Eurypylos  nach  seiner  Heilung,  ib.  21,7;  beim 
Fest  gehen  ährenbekränzte  Knaben  zum  Flufs 
Meilichos,  legen  die  Kränze  beider  Triklaria 
Artemis  nieder,  baden  im  Flufs,  bekränzen 
sich  mit  Epheu  und  gehen  zum  Heiligtum  des 
Aisymnetes,  ib.  20.  Legende:  Der  Triklaria 
wurden  früher  jährlich  das  schönste  Mädchen 
und  der  schönste  Knabe  geopfert,  um  einen 
im  Tempel  von  der  Priesterin  Komaitho  mit 
Melanippos  begangenen  Frevel  zu  sühnen. 
Eurypylos  hatte  aus  troischer  Beute  eine  Lade 
gewonnen  und  war,  nachdem  er  sie  geöffnet, 
wahnsinnig  geworden.  Die  Pythia  verhiefs 
ihm  Heilung,  wenn  er  ein  „fremdes  Opfer“ 
(%Evrjv  tivaiav)  anträfe,  und  dort  solle  er 
bleiben;  den  Patreern  verhiefs  sie  Ende  je- 
ner Opferpflicht,  wenn  ein  „fremder  König 
komme  und  einen  fremden  Gott  bringe.“ 
[Siehe  oben  S.  1061].  Nach  der  Heimkehr 
von  Troja  wird  Eurypylos  nach  Aroe  (Pa- 
trai) verschlagen , und  beide  Orakel  werden 
als  erfüllt  erkannt.  Nach  Pausanias  7,  19, 
6 — 9 identifizierten  die  Patreer  selbst  ihren 
Eurypylos  mit  nr.  1,  dagegen  gewisse  Autoren 
mit  nr.  2.  — 4)  König  der  Meroper  auf  Kos; 


io 

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50 

60 


1429  Eurypylos 

Sohn  der  Astypalaia  von  Poseidon;  Vater 
der  Chalkiope;  von  dieser  verraten,  wird  er 
mit  seinen  Söhnen  von  Herakles,  dem  er 
die  'Landung  wehren  wollte,  erschlagen,  II. 
2,  677.  Pherek.  b.  Schol.  TI.  14,  255.  Pind. 
Nein  4,  25.  Schol.  40.  Apolloä.  2,  7,  1.  8. 
Eust.  318,  34.  0.  Jahn,  Bilder  Chroniken  70. 

Chalkiope  wollte  ihren  Vater  nach  Verlust 
des  Reiches  nicht  verlassen,  vgl.  Hyg.  f.  254. 
Abweichend  über  Herakles  in  Kos  Plut.  qu. 
graec.  58.  — 5)  Mysischer  Heros,  des  Hera- 
kliden  Telephos’  Sohn,  der  schönste  nach 
Nireus;  Führer  der  Keleier,  Bundesgenossen  der 
Trojaner;  seine  Mutter  Astyoche,  Priamos’ 
Schwester  (nach  Schol.  luv.  Sat.  6,  654  war 
es  vielmehr  Eurypylos’  Frau ; s.  auch  Eust.  zur 
Od.  1697;  nach  Ptol.  Hepli.  p.  37.  130  Roulez 
Priamos  selbst),  liefs  sich  durch  den  einst  von 
Zeus  für  Ganymedes  gegebenen  goldenen  Wein- 
stock (unter  Verletzung  des  von  Telephos  nach 
seiner  Heilung  für  sich  und  seine  Nachkommen 
gegebenen  Versprechens  nicht  gegen  die  Grie- 
chen zu  kämpfen,  Schol.  Iuv.  Sat.  6,  654)  be- 
stechen, den  Sohn  nach  Troja  zu  senden,  wo 
er  durch  Neoptolemos  fällt,  Od.  11,  519. 
Ilias  mikra.  Akusilaos  fr.  27  Müller  bei  Schol. 
Od.  Tragödie  Eurypylos  bei  Aristot.  poet. 
1459  b Bekker.  Strabo  13,  584.  Qu.  Sm.  8, 
200.  Ilyg.  f.  112.  Philostr.  iun.  imag.  10.  Er 
selbst  hat  den  Nireus  getötet,  Hyg.  fab.  113. 
Qu.  Sm.  6,  372;  auch  den  Asklepiaden  Ma- 
chaon,  Qu.  Sm.  6,  408,  daher  im  Tempel 
und  Kult  des  pergamenischen  Asklepios  sein 
Name  nicht  genannt,  Paus.  3,  26,  7.  Vater 
des  Grynos,  Serv.  Ecl.  6,  72.  Vgl.  Preller 
1,  412.  2,  442.  — 6)  Poseidons  Sohn;  in 
seiner  Gestalt  erscheint  der  libysche  Triton 
den  Argonauten  und  giebt  dem  Euphemos 
die  Erdscholle,  Pind.  Pyth.  4,  33.  Eurypylos 
ist  der  libysche  Triton  selbst,  Apoll.  Rh.  4, 1551. 
Nach  Akesandros  ns  gl  Kvgfjvgg  ( Müller , frg. 
Hist.  Gr.  4,  285)  ist  Eurypylos  König  von 
Kyrene,  Tritons  Bruder,  Sohn  des  Poseidon 
u.  der  Atlantide  Kel aino,  seine  Gattin  Helios’ 
Tochter  Sterope,  seine  Söhne  Lvkaon  und 
Leukippos  (Schol.  Pind.  Pyth.  4,  57.  Tzetz. 
Lyk.  886);  unter  ihm  bringt  Apollon  die 
Kyrene  ins  Land,  welche  den  das  Land  ver- 
heerenden Löwen  tötete  (auch  bei  Kallim. 
Hy.  Ap.  92),  wofür  sie  als  den  von  Eurypylos 
ausgesetzten  Preis  die  Herrschaft  erhält  (Schol. 
Ap.  Rh.  2,  498.  4,  1661).  Phylarchos  beim 
Schol.  Ap.  Rh.  4,  1561  hat  dafür  Eurytos  mit 
einem  Bruder  Lykaon,  vgl.  0.  Müller,  Orclio- 
menos  343.  Tzetz.  Lyk.  902.  Heydemann,  Annali 
1871,  113.  — 7)  Sohn  des  Herakles  und  der 
Eilbote,  Thespios’  Tochter,  Apd.  2,  7,  8.  — 
8)  Sohn  des  Herakliden  Temenos,  Bruder 
des  Agelaos  und  Kallias  und  der  Hyrnetho. 
Weil  Temenos  vor  seinen  Söhnen  die  Tochter 
und  ihren  Gatten  Dei'phontes  bevorzugt,  so 
stiften  jene  die  Titanen  an,  den  Vater  zu 
töten,  Apd.  2,  8,  5 — 9)  Einer  der  Söhne 
des  Thestios  und  der  Eurythemis;  Bruder 
der  Althaia;  nach  der  kalydonischen  Jagd 
von  Meleagros  erschlagen,  Apd.  1,  7,  10. 
8,  3.  — 10)  Sohn  des  Telestor  und  Vater 
der  Asterodia,  der  Gemahlin  des  Ikarios, 


Eurysakes  1430 

Pherek.  frgm.  90  Müller  b.  Schol.  Od.  15,  16. 
— 11)  Ein  Eurypylos  von  seinem  Schwieger- 
vater erschlagen,  korrupte  Stelle  Hyg.  f.  245. 

[v.  Sybel.] 

Euryrrlioe  (Evgvggörj),  Tochter  des  Neilos, 
gebar  dem  Aigyptos  fünfzig  Söhne,  Hippostr. 
bei  Tzetz.  hist.  7,  368  und  bei  Plüeg.  Mir.  fr. 
59,  wo  das  erste  Evgvöngg  in  Evqvqqo  gg,  das 
zweite  in  Evguingg  zu  ändern  ist;  vgl.  Müller, 
fr.  h,  gr.  4,  432,  1.  [Steuding.] 

Eurysakes  (Evgvcdngg,  d.  i.  Breitschild, 
nach  dem  berühmten  grofsen  Schilde  des 
Vaters,  Soph.  Ai.  575),  Sohn  des  salaminischen 
Aias,  den  ihm  Tekmessa,  die  gefangene  Toch- 
ter des  phrygischen  Königs  Teleutas,  im  Lager 
vor  Troja  geboren,  Soph.  Ai.  530.  575.  Eustath. 
Hom.  p.  857,  56.  Serv.  Verg.  Aen.  1,  619. 
Philostr.  Her.  11,  2.  Tzetz.  Lyk.  53.  Quint. 
Sm.  5,  521.  Bevor  Aias  sich  mordete,  tiber- 
liefs  er  die  Sorge  für  Eurysakes  seinem  Bruder 
Teukros,  und  der  übernahm  sie  mit  treuem 
Eifer,  Soph.  Ai.  563.  972 ff.  Nach  der  Er- 
oberung von  Troja  kam  Eurysakes  auf  einem 
andern  Schiffe  als  Teukros  nach  Salamis  (Serv. 

а.  a.  0.),  und  Telamon,  sein  Grofsvater,  zürnte 
dem  Teukros,  weil  er  ihn  nicht  mitgebracht. 
Teukros,  von  seinem  Vater  Telamon  aus  dem 
Lande  gewiesen,  gründete  sich  auf  Kypros  eine 
Herrschaft;  auf  die  Kunde  aber  von  des  Vaters 
Tod  kehrte  er  später  nach  Salamis  zurück, 
wurde  jedoch  von  Eurysakes,  der  von  Telamon 
die  Herrschaft  der  Insel  erhalten  hatte,  abge- 
wiesen und  ging  nach  Hispanien,  wo  er  sich 
in  Galläcia  niederliefs,  lustin.  44,  3.  Ein 
Bruder  des  Eurysakes,  Sohn  des  Aias  und  der 
Lysidika,  Tochter  des  Koronos,  war  Philaios 
(Philaias  Markellin.),  Tzetz.  Lyk.  53.  Herodot. 

б,  35.  Plut.  Sol.  10.  Alläbiad.  1.  Ein  Sohn 
des  Eurysakes  heifst  Philaios  bei  Paus.  1,  35, 2. 
Nach  Plut.  Sol.  10  traten  die  beiden  Söhne 
des  Aias  den  Athenern  die  Insel  Salamis  ab 
und  erhielten  dafür  das  attische  Bürgerrecht; 
Philaios  liefs  sich  zu  Brauron  nieder  ( Bursian , 
Geogr.  v.  Gr.  1 , 348) , Eurysakes  zu  Melite, 
einem  städtischen  Demos  Athens,  westlich  von 
der  Agora.  Nach  Paus.  a.  a.  0.  übergab 
Philaios,  der  Sohn  des  Eurysakes,  den  Athenern 
Salamis  u.  wurde  attischer  Bürger;  Aias  aber 
und  Eurysakes,  seine  Vorfahren,  wurden  von 
den  Athenern  als  Heroen  verehrt.  Es  war  in 
Athen  ein  Altar  des  Eurysakes.  Dieses  Heilig- 
tum, das  Eurysakeion,  lag  am  Markthügel 
(noXcovog  ayogaiog)  und  gehörte  wohl  zum 
Demos  Melite,  wo  sich  einst  Eurysakes  nieder- 
gelassen, Harpokrat.  v.  KoXcovca’vag  u.  Evqv- 
adnsiov.  Hypothesis  Soph.  Oed.  Col.  2 in  Schol. 
Soph.  cd.  LHndorf  2,  p.  16.  Bursian,  Geogr.  1, 
287  Niebuhr  im  Rhein.  Mus.  3,  26.  Mommscn, 
Heortol.  355.  Von  den  Söhnen  des  Aias  lei- 
teten sich  in  Athen  (und  Salamis)  vornehme 
Geschlechter  und  berühmte  Männer  her:  Mil- 
tiades,  Kimon,  Alkibiades,  der  Geschicht- 
schreiber Thukydides,  Phcrekyd.  b.  Markellin. 
Vit.  Thucyd.  2.  Plut.  Alkib.  1.  LHdymos  b. 
Schol.  Pind.  Nein.  2,  19.  Paus.  2,  29,  4.  Eine 
Tragödie  Eurysakes  schrieben  Sophokles  (Wel- 
cher, Gr.  Trag.  1,  197.  Nagele,  trag.  gr.  fr. 
p.  141)  und  Attius,  wahrscheinlich  nach  dem 


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1431  Eurysthenes 

Stück  des  Sophokles,  Ribbeck,  trag.  gr.  rell. 
p.  151.  [Rom.  Trag.  p.  419  R.]  — Preller, 
gr.  Myth.  2,  403.  404.  463.  464.  [Stoll.] 
Eurysthenes  (Evqvg&s vgg) , 1)  Sohn  des 
Aigyptos,  vermählt  mit  der  Danaide  Mnestra, 
Hygin.  f.  170;  vgl.  Apollod.  2, 1,  5,  wo  Mnestra 
mit  Aigios  verbunden  ist.  — 2)  Sohn  des 
dorischen  Herakliden  Aristodemos  und  der 
Argeia,  Tochter  des  Autesion,  der  zugleich 
mit  seinem  jüngeren  Zwillingsbruder  Prokies 
nach  dem  Tode  des  Aristodemos  die  Herrschaft 
in  Lakedaimon  erhielt,  s.  Aristodemos  nr.  2. 
Herodot.  6,  52.  Apollod.  2,  8,  2.  4.  Paus.  3, 
1,  6.  Eplioros  b.  Strabo  8,  364.  389.  Beide 
waren  die  Stammväter  der  zwei  spartanischen 
Königshäuser,  doch  wurden  die  beiderseitigen 
Geschlechter  gewöhnlich  nicht  Eurystheniden 
und  Prokliden  genannt,  sondern  das  eine  nach 
Agis,  dem  Sohne  des  Eurysthenes,  Ägiden  oder 
Agiaden,  das  andre  Eurypontiden  nach  Eurypon, 
dem  Enkel  des  Prokies,  Paus.  3,  2,  1.  3,  7,  1. 
Strabo  8,  366.  Die  beiden  Brüder  hatten  in 
grofser  Zwietracht  unter  einander  gelebt,  und 
so  auch  in  der  Folge  die  von  ihnen  stammen- 
den Königsfamilien,  Herodot.  6,  53.  Paus.  3, 
1,  7.  — Müller , Dorier  1,  90.  96.  131.  Preller, 
Gr.  Myth.  2,  282.  — [3)  Begleiter  des  The- 
seus  bei  seiner  Rückkehr  von  Kreta  auf  der 
Francois- Vase:  C.  I.  Gr.  8185b.  R.]  [Stoll.] 
Eurystheus  (Evqvg&svs),  König  über  Mykene, 
Tiryns  und  Midea  in  Argolis,  aus  dem  Stamm 
des  Perseus,  ein  naher  Verwandter  des  Hera- 
kles. Er  war  Sohn  des  Sthenelos,  Enkel  des 
Perseus;  Sthenelos  aber  war  Bruder  des  Alkaios, 
dessen  Sohn  Amphitryon  (Enkel  des  Perseus) 
Alkmene,  die  Mutter  des  Herakles,  welche 
ebenfalls  eine  Enkelin  des  Perseus  war,  zur 
Gemahlin  hatte,  s.  Herakles.  Die  Mutter  des 
Eurystheus  war  Nikippe,  Tochter  des  Pelops, 
Apollod.  2,  4,  5;  Pherelcydes  nannte  sie  Am- 
phibia, Tochter  des  Pelops,  Hesiod  Artibia 
(Antibia),  Tochter  des  Amphidamas  (oder  nach 
anderer  Angabe  Nikippe,  Tochter  des  Pelops), 
andere:  Leukippe,  Menippe,  Archippe,  Asty- 
dameia,  Schol.  II.  19,  116.  Schol.  Thule.  1,  9. 
Tzetz.  Chil."  2,  36;  vgl.  Heyne  zu  Apollod. 

a.  a.  0.  Ältere  Schwestern  des  Eurystheus 
waren  Alkinoe  und  Medusa,  Apollod.  a.  a.  0. 
Ein  Bruder  Iphis  war  Argonaut  und  wurde  im 
Kampfe  von  Aietes  getödtet,  Dionys.  Mytilen. 

b.  Schol.  Ap.  Rh.  4,  223.  Diod.  4,  48,  der  ihn 
fälschlich  Iphitos  nennt,  Valer.  Flacc.  1,  441. 
Die  Gemahlin  des  Eurystheus  war  Antimache, 
Tochter  des  Amphidamas,  Apollod.  3,  9,  2. 
Seine  Söhne  heifsen  Alexandros,  Iphimedon, 
Mentor,  Eurybios,  Perimedes,  Apollod.  2,  8,  1. 
AntiJcleides  b.  Athen.  4,  157  f.  nennt  aufser  den 
zwei  letzten  noch  den  Eurypylos.  Seine  Tochter 
Admete  (s.  d.  u.  vgl.  Apoll.  2,  5,  9.  Tzetz.  Lyk. 
1327)  galt  gewöhnlich  als  eine  Priesterin  der 
argivischen  Hera,  SynJcell.  Chronogr.  p.  172 
ed.  Par.-,  vgl.  Athen.  15,  672a.  Zeus  hatte 
den  Herakles,  seinen  Sohn,  zum  Herrscher  des 
argivischen  Reiches  bestimmt;  aber  durch  die 
List  und  die  Veranstaltungen  der  dem  Hera- 
kles feindseligen  Hera  geschah  es,  dafs  statt 
seiner  durch  das  Recht  der  Erstgeburt  Eu- 
rystheus das  Reich  und  die  Herrschaft  über 


Eurystheus  1432 

die  Perseiden  erhielt  und  Herakles  dessen 
Dienstmann  ward,  s.  Herakles.  Der  gewaltige 
Zeussohn  ward  unterthan  dem  schwächlichen, 
feigen  Eurystheus,  dem  Siebenmonatskinde, 
II.  19,  1 1 7 f . und  Schol.  (fjluöyrjvo?),  Od.  11, 
620.  Apollod.  2,  4,  5.  Bei  Ilesiod.  Scut.  91 
vielleicht  cchTryisyog  (=  fiXuöggvog,  Hesycli. 
s.  v.  yXiTÖfigvos),  obgleich  die  Handschriften 
das  von  Buttm.,  Gramm.  2,  p.  72  geschützte 
ähtr'ifisvog  haben,  welches  gottlos  und  frevel- 
haft heifst,  wie  dzdad'cdos  ( Evq .)  bei  Ap.  Rh. 
1,  1317;  durus  nennt  ihn  Verg.  Ge.  3,  4.  Er 
trug  dem  Herakles  nach  dem  Vertrag  des 
Zeus  und  der  Hera  (s.  Herakles)  zwölf  schwere, 
gefahrvolle  Arbeiten  auf  und  zeigte  sich  über- 
haupt gegen  ihn  und  sein  ganzes  Geschlecht 
höchst  feindselig.  Als  Grund  wird  hauptsäch- 
lich hervorgehoben  seine  Feigheit  und  die 
Furcht,  dafs  der  starke  Held  ihm  die  Herr- 
schaft nehmen  möchte.  Er  gestattete  dem 
Herakles,  der  in  Tiryns  als  sein  Dienstmann 
safs,  nicht,  Mykene  zu  betreten  und  vor  ihm 
zu  erscheinen,  sondern  schickte  ihm  seine  Auf- 
träge durch  seinen  Herold  Kopreus  („der  Bote 
durch  Dick  u.  Dünn“,  Preller,  Gr.  Myth.  2,  185) 
und  befahl  ihm,  die  Beweise  seiner  Siege  vor 
den  Thoren  der  Stadt  zu  zeigen,  II.  15,  639 
u.  Schol.  Vgl.  Apollod.  2,  5,  1.  Diod.  4,  12. 
Nicol.  Damasc.  fr • 30  b.  Müller,  fr.  hist.  gr.  3, 
p.  369.  Derselbe  giebt  an,  dafs  dem  Iphikles, 
Bruder  des  Herakles , und  dem  Likymnios, 
Stiefbruder  der  Alkmene , welche  dem  in  den 
Dienst  des  Eurystheus  sich  begebenden  Hera- 
kles gefolgt  waren,  Eurystheus  sogleich  Freund 
geworden  sei  (vgl.  Hesiod.  Scut.  89  ff.).  Manche 
sagten,  Eurystheus  sei  ein  Geliebter  (ncuthnix) 
des  Herakles  gewesen , und  dieser  habe  aus 
Liebe  und  Neigung  zu  ihm  sich  die  Arbeiten 
auferlegen  lassen,  Schol.  II.  15,  639.  Diotimos 
b.  Athen.  13,  603  d.  Als  Eurystheus  nach  Voll- 
endung der  12  Arbeiten  des  Herakles  ein  Opfer 
veranstaltete  und  auch  den  Herakles  zuzog, 
gaben  die  Söhne  des  Eurystheus,  welche  jedem 
das  Fleisch  zuteilten,  dem  Helden  ein  kleineres 
Stück;  der  sah  dies  als  eine  Verachtung  an 
und  erschlug  drei  Söhne  des  Eurystheus,  An- 
tikleides b.  Athen.  4,  157  f.  Als  Herakles,  von 
der  Knechtschaft  des  Eurystheus  befreit,  sich 
mit  den  Seinen  in  Tiryns  niederlassen  wollte, 
wurde  er  von  Eurystheus  ausgewiesen,  weil  er 
nach  der  Herrschaft  strebe,  Diod.  4,  33.  Die 
Dry oper,  von  Herakles  aus  der  Gegend  des 
Parnafs  vertrieben,  suchten  bei  Eurystheus,  als 
dem  Feind  des  Herakles,  Zuflucht  und  erhielten 
von  ihm  als  Wohnsitz  Asine  in  Argolis,  auch 
Hermione  und  Eion,  Paus.  4,  34,  6.  Diod.  4, 
37.  Nach  dem  Tode  des  Herakles  verfolgte 
Eurystheus  auch  dessen  Nachkommen,  die 
Herakliden.  Zuletzt  fanden  sie  Aufnahme  und 
Schutz  in  Attika  bei  Theseus  oder  dessen  Sohn 
Demophon.  Als  Eurystheus  deshalb  mit  Heeres- 
macht in  Attika  einfiel , wurde  er  in  einer 
Schlacht  von  den  Herakliden  und  Athenern 
besiegt  und  fand  seinen  Tod  mit  allen  sei- 
nen Söhnen,  Eurip.  Herakliden.  Find.  Pyth. 
9,  79  (=  137)  u.  Schol,  Diod.  4,  57.  Apol- 
lod, 2,  8,  1.  Strabo  8,  377.  Paus.  1,  32,  5. 
Schol.  II.  17,  40.  Herodot.  9,  27.  Pherekyd. 


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Euryte 

bei  Anton.  Lib.  33,  s.  Alkmene.  Eurystheus 
wurde  auf  der  Fluclit  von  Hyllos  oder  von 
Iolaos  getötet  und  sein  Kopf  der  Alkmene, 
welche  mit  den  Herakliden  nach  Attika  ge- 
kommen war,  überbracht;  die  grub  ihm  aus 
Rache  die  Augen  mit  ihren  Haarnadeln  aus. 
Nach  Euripides  Herakliden  (928  ff.)  wurde  Eu- 
rystheus  als  Gefangener  lebend  zu  Alkmene 
geführt,  und  diese  Üefs  ihn  töten.  Das  Grab 
des  Eurystheus  befand  sich  im  Megarischen  Ge- 
biet unweit  des  skironischen  Felsen,  wo  er  ge- 
tötet worden  war,  Paus.  1,  44,  4.  Nach  Strabo 
8,  377  lag  sein  Leib  begraben  in  Gargettos,  am 
Abhang  des  Brilessos,  nicht  weit  von  Pallene, 
sein  Kopf  aber  bei  Trikorythos,  unfern  der 
marathonischen  Ebene,  bei  der  Quelle  Maka- 
ria;  der  Ort  hiefs  Evgvö&scog  nsqxxXy,  Bursian, 
Geogr.  v.  Griechen l.  1,  340.  Bildwerke  (vgl. 
Herakles):  C.  I.  Gr.  7570 u.  f.  7657.  8206  u.  An- 
nali  1859  tav.  GH  etc.  — Vergl.  Steph.  Byz. 
u.  Hesycli.  s.  v.  ragygzzög.  Eurip.  Herakliden 
1030.  Euripides  schrieb  ein  Satyrdrama  Eu- 
rystheus, Nauck,  Tragic.  gr.  frgm.  p.  376.  — 
Buttmann,  Mythologus  1,  156.  Müller,  Dorier 

1,  54.  436.  450.  Curtius,  Peloponnesos  2,  345. 
Braun,  Gr.  Götterl.  § 542—544.  559.  Preller, 
Gr.  Mythol  2,  159.  178.  185.  280.  Gerhard, 
Gr.  Mythol.  2 § 800.  [Stoll.] 

Euryte  (Evgvzrf),  1)  Nymphe,  Mutter  des  Halir- 
rliothios  (s.  d.).  — 2)  Tochter  des  Hippodamas, 
Gemahlin  des  ätolischen  Königs  Porthaon,  Mut- 
ter des  Oineus  u.  a.  Apollod.  1,  7,  10.  [Stoll.] 

Eurytele  (EvgvzsXrf),  Tochter  des  Thespios, 
von  Herakles  Mutter  des  Leukippos,  Apollod. 

2,  7,  8.  [Stoll.] 

Eurythemis  (EvgvQ’sfug) , 1)  Tochter  der 
Kleoboia,  Gemahlin  des  Thestios,  Apollod.  1, 
7,  10.  — 2)  Tochter  des  Akastos,  Gemahlin 
des  Aktor,  Tzetz.  L.  488.  — 8)  Tochter  des 
Timandreus,  mit  ihrer  Schwester  Kotto  (Kotytto) 
von  den  Herakliden  verehrt,  weil  sie  dieselben 
bei  ihrem  Einfall  in  den  Peloponnes  unterstützt 
hatten.  Hippostratos  bei  Schol.  Tlieokrit.  6,  40. 
Vgl.  Lobeck,  Aglaoph.  p.  1038.  [Stoll  ] 

Eurytheiniste  (Evgv&spiazg).  Boiotos , der 
Sohn  des  Poseidon,  wünschte  von  zwei  aus- 
gezeichneten Frauen  die  bessere  zu  heiraten. 
Während  er  auf  der  Höhe  eines  Berges  in 
der  Nacht  beide  erwartete,  fiel  plötzlich  ein 
Stern  vom  Himmel  auf  die  Schultern  der  Eury- 
themiste  und  verschwand.  Boiotos  heiratete 
die  Jungfrau  und  nannte  das  Gebirge  Asterion. 
Später  erhielt  es  den  Namen  Kithairon.  Apo- 
kryph. Sage  b.  Flut,  de  fluv.  2,  2.  [Stoll.] 

Eurythoe  (Evgv&orj) , Tochter  des  Danaos, 
Gemahlin  des  Oinomaos,  Mutter  der  Hippo- 
dameia,  Schol.  Ap.  Rhod.  1,  752.  Tzetz.  Lyk. 
156.  Hyg.f.  84  nennt  die  Gemahlin  des  Oino- 
maos Euarete,  Tochter  des  Akrisios.  [Stoll.] 

Eurytia  (Evgvzia),  die  zweite  Gemahlin  des 
Phineus  (s.  d.),  Schol.  Od.  12,  69.  Preller,  Gr. 
Myth.  2,  331,  1.  [Stoll.] 

Eurytion  ( Evqvxlcov ),  1)  der  Rinderhirt  des 
Geryones,  von  Herakles  erschlagen,  Hesiod.  Th. 
293.  Apollod.  2,  5,  10.  Quint.  Sm.  6,  255. 
Sohn  des  Ares  und  der  Erytheia,  Hellanik. 
bei  Schol.  Hes.  Th.  293,  vgl.  Serv.  Aen.  8,  300. 
S.  Geryones  und  Herakles.  [Bildwerke:  Ces- 


E ury tos 

nola- Stern,  Cypern  Tf.  24.  Arch.  Ztg.  1866, 257  f. 
0.  I.  Gr.  7582.  8155.  8233.  Preller,  G.  My  2,202], 
Uber  die  Ableitung  des  Namens  von  sv  und  gv- 
rog;  vgl.  gvza  vSazu  (Schol.  Hes.  a.  a.  O.  dicc  zgv 
svgtxgr/  gvoiv  zcov  vddzcov)  s.  Preller,  Gr.  M.  2, 
202  f.  Vgl.  Schoemann,  Opusc.  Ac.  2,  202.  N. 
Jahrbb.  1873.  201.  Jacobs,  Verm.  Schriften  6, 
145  ff.  Auch  den  Kentauren  Eurytion  leiten  von 
sv  und  gv zog  ab  C.  E.  Hermann,  Gott.  Anz. 
io  1845  p.  262.  Gerhard,  Auserl.  Vasenb.  2,  p.  71, 
not.  25.  Roscher,  N.  Jahrbb.  1872  S.  422.  — 

2)  Einer  der  Kentauren  (s.  d.)  des  Pelion,  der 
nach  Hom.  Od.  21 , 295  ff , ohne  die  andern 
Kentauren  zur  Hochzeit  des  Lapithen  Peirithoos 
geladen,  weinberauscht  an  der  Braut  sich  ver- 
griff; aber  die  Lapithen  schneiden  ihm  Nase 
und  Ohren  ab  und  schleifen  ihn  zur  Thür 
hinaus , worauf  erst  der  eigentliche  Kampf 
zwischen  Lapithen  und  Kentauren  erfolgt. 

20  Die  spätere  und  gewöhnliche  Sage  läfst  den 
Kampf  der  beiden  Parteien  gleich  beim  Hoch- 
zeitsmahle beginnen , wobei  dann  der  wilde 
Eurytion  (auch  Eurytos  genannt)  als  Räuber 
der  Braut  eine  Hauptrolle  spielt.  Paus.  5, 
10,  2.  Ov.  Met.  12,  219.  Schol.  Od.  21,  295. 
Preller,  Gr.  Myth.  2,  18 f.  S.  Kentauren.  — 

3)  Dieselbe  Figur  kommt  unter  den  Kentauren 
des  Pholoegebirges  (zwischen  Arkadien  und 
Elis)  vor.  Auch  hier  ist  er  ein  Brauträuber. 

30  Als  Herakles  die  Kentauren  im  Pholoegebirge 
zerstreute , blieb  er  in  demselben  Gebirge, 
Apollod.  2,  5,  4.  Von  da  aus  erschien  er  zu 
Olenos  im  Hause  des  Dexamenos  (s.  d.)  und 
wurde  von  Herakles  erschlagen,  s.  Dei'aneira 
nr.  3 u.  Kentauren.  Hygin.  f.  31,  33.  Diod. 
4,  33.  Apollod.  2,  5,  5.  Bakchylid.  bei  Schol. 
Od.  21,  295.  Eustath.  Od.  1909,  61.  Paus. 
7,  18,  1.  — 4-)  Sohn  des  Lykaon,  Bruder  des 
Pandaros,  Begleiter  des  Aineias,  wie  sein 
40  Bruder  ein  guter  Bogenschütze  (daher  der 
Name),  der  als  solcher  bei  den  Leichenspielen 
des  Anchises  auftrat,  Vtrg.  Aen.  5,  495.  514. 
541.  [Stoll.]  — 5)  Name  eines  Satyrs  auf  einer 
Amphora:  O.  I.  Gr.  8439.  Heydemann,  Satyr- 
u.  Bakchennamen  S.  19.  [Roscher.]  — 6)  Sohn  des 
Aktor  aus  Phthia,  ein  kalydonischer  Jäger,  der 
Peleus  von  dem  Morde  des  Phokos  reinigt, 
ihm  seine  Tochter  Antigone  zur  Gemahlin 
giebt  und  von  ihm  unabsichtlich  getötet  wird, 
so  Pherekydes  b.  Tzetz.  Lyk.  175;  vgl.  Schol.  II. 
n 175  (fr.  16  Müller).  Apollod.  1,  8,  2.  3, 
13,  1.  Aristid.  2 p.  168,  schol,  Aristul.  3,  463. 
Ddf.  Anton.  Lib.  38.  Ov.  Met.  8,  311;  vgl. 
H.  D.  Müller,  Mythol,  der  griech.  Stämme  1, 
221  f.  — 7)  Sohn  des  Iros,  des  Sohnes  des 
Aktor,  Argonaut,  Ap.  Rh.  1,  71.  Sohn  des 
Iros  und  der  Demonassa,  Hyg.  f.  14,  aus  Opus, 
Orph.  Arg.  s.  v.  180  (Konjektur),  ohne  Zu- 
satz genannt  von  Val,  Fl,  1,  378.  Bei  Tzetz. 
go  ad  Lykophr.  175  a.  E.  ist  des  Iros  Sohn  mit 
dem  vorigen  verwechselt.  [Seeliger.] 

Eurytios  ( Evgvziog ),  Sohn  des  Sparton,  Vater 
der  Galateia  (s.  d.)  Anton.  Lib.  17.  [Stoll.] 
Eurytos  (Evgvzog),  1)  einer  der  Giganten  (s.  d.), 
in  der  Gigantenschlacht  von  Dionysos  mit  dem 
Thyrsos  getötet,  Apoll,  1,  6,  2;  vgl .Hyg.praef. 
p.  27  Bunte.  Bei  Horat.  Od.  2,  19,  23  heifst 
der  Gegner  des  Dionysos  lthoitos,  und  diesen 


1435  Eurytos 

Namen  möchte  Preller  (Gr.  Myth.  1,  60,  5) 
auch  bei  Apollodor  herstellen.  Eine  Aufzählung- 
aller  bei  Schriftstellern  und  auf  Vasenbildern 
vorkommenden  Gigantennamen  giebt  0.  Jahn, 
Ann.  dell'  Inst.  35,  S.  250  ff.  — 2)  König  in 
dem  „hochgetürmten“  ( Soph . Trach.  354) 
Oichalia.  Es  gab  verschiedene  Städte  dieses 
Namens ; besonders  werden  genannt  das  in 
Thessalien  am  oberen  Peneios,  in  der  Gegend 
von  Trikka  und  Ithome,  der  Heimat  der  As- 
klepiaden,  dann  das  in  Messenien  an  der 
Grenze  von  Arkadien  in  der  Gegend,  wo  spä- 
ter Andania  lag,  ferner  das  in  Euboia,  im 
Gebiet  von  Eretria  (das  nach  des  Eurytos 
Vater  früher  Melanei's  geheifsen  haben  soll, 
Steph.  Byz.  s.  v.  ’Eqstqlu.  Strab.  10,  448). 
Steph.  Byz.  s.  v.  Ol%alici.  Strab.  8,  339.  350. 
360.  9,  438.  10,  448.  Paus.  4,  2,  2.  Müller, 
Dorier  1,  23.  412.  Orchom.  368,  3.  Prolegg. 
21.  Welcher , Ep.  Gycl.  1,  230.  Nitzscli,  Beitr. 
z.  ep.  Poesie  153,  31.  Curtius,  Pelop.  2,  133. 
189.  Preller,  Gr.  Mytlx.  2,  224.  Jede  dieser 
drei  Städte  wurde  von  den  Umwohnern  als 
die  sagenberühmte  Feste  des  „grofsen“  ( Od . 
8,  226.  21,  32.)  Eurytos  gepriesen.  „Immer 
liegt  Oichalia  in  Gegenden,  wo  der  apollinische 
Kult  zu  Hause  ist,  und  zwar  in  der  Bedeutung 
des  zürnenden  Gottes  mit  dem  gespannten 
Bogen,  dessen  ernste  Macht  in  diesen  tragi- 
schen Verwickelungen,  die  sich  an  Oichalia 
knüpfen,  oft  hindurchblickt,“  Preller,  Gr.  Myth. 
2,  225.  Das  thessalische  Oichalia  wird  als  die 
Stadt  des  Eurytos  genannt  II.  2,  730,  vgl. 
Schol.  und  Eustath.  z.  d.  St,  und  Paus.  4,  2,  2 
sagt,  dafs , wo  das  thessalische  Oichalia  ge- 
standen, zu  seiner  Zeit  ein  verödeter  Platz 
gewesen  sei,  ro  Evqvziov  genannt.  Hier,  in 
der  Nähe  der  alten  Wohnsitze  der  Dorier, 
scheinen  ursprünglich  die  Sagen  von  Eurytos 
und  seinen  Kämpfen  mit  Herakles  gehaftet  zu 
haben,  Müller,  Dorier  1,  413.  Von  da  wur- 
den sie  dann  nach  dem  messenischen  Oichalia 
übertragen,  das  mit  dem  thessalischen  verwandt 
war.  Auf  das  messenische  Oichalia  weisen 
hin  II.  2,  596.  Od.  21,  14 ff,  Stellen,  denen 
Pherekydes  folgte  nach  Schol.  Soph.  Trach.  354. 
Dagegen  verlegte  das  jüngere  Epos  des  Kreo- 
phylos  von  der  Eroberung  Oichalias  (Inhalt 
im  allgemeinen  Kallim.  Ep.  6)  die  Handlung 
nach  Euboia , ebenso  Hekataios  von  Milet 
(Paus.  4,  2,  2),  Sophokles  in  den  Trachinie- 
rinnen  und  die  jüngeren  Schriftsteller  über- 
haupt, Schol.  Ap.  Bh.  1,  87.  Schol.  II.  2,  596. 
730.  Diese  setzten  wahrscheinlich  alle  die 
Zerstörung  Oichalias  unmittelbar  vor  den  Tod 
des  Herakles  auf  dem  nahen  Oita.  — Eurytos 
war  der  Sohn  des  Melaneus,  der,  ein  treff- 
licher Bogenschütze  und  deswegen  für  einen 
Sohn  des  Apollon  gehalten,  nach  messenischer 
Landessage  zur  Zeit  des  Königs  Perieres  nach 
Messenien  kam  und  von  diesem  mit  einem 
Distrikt  Landes  belehnt  ward,  auf  welchem  er 
die  Stadt  Oichalia  erbaute.  Er  benannte  sie 
nach  seinem  Weibe  Oichalia.  Paus.  4,  2,  2. 
33,  5.  Pherekyd.  bei  Schol.  Soph.  Trach,  354 
(Müller,  fr.  hist.  gr.  1,  p.  80,  34),  wo  Melaneus 
(schreibe  Mefoxvscog  für  MsXavog)  Sohn  des 
Arkesilaos  heifst.  Die  Gemahlin  des  Melaneus 


Eurytos  1436 

und  Mutter  des  Eurytos  wird  Stratonike  ge- 
nannt von  Hesiod.  (fr.  45  Lehrs ) bei  Schol. 
Soph.  Trach.  266.  Eurytos  aber  war  vermählt 
mit  Antioche  (oder  Antiope,  Schol.  Ap.  Bh. 
1,  87.  Dygin.  f.  14,  p.  40  Bunte),  der  Toch- 
ter des  Nauboliden  Pylon,  und  war  Vater  des 
Dei'on,  Klytios,  Toxeus,  Ipliitos  und  der  Iole 
(Ioleia),  die  jünger  war  als  die  Brüder,  Hesiod. 
a.  a.  0.  Vgl.  ein  Vasenbild  aus  Cäre  mit 
diesen  Namen,  Welcher,  A.  D.  5.  T.  15.  S.  261  ff. 
Die  drei  ersten  nennt  als  Söhne  des  Eurytos 
Aristokrates ; Kreophylos  sprach  von  zwei  Söh- 
nen (Schol.  Soph.  Trach.  266);  Diod.  4,  37 
nennt  Toxeus,  Molion  und  Pytios  (Klytios?); 
bei  Ap.  Bh.  1,  86,  2,  114.  Hygin.  a.  a.  0. 
sind  Klytios  und  Ipliitos  unter  den  Argonau- 
ten. Plut.  Thes.  8 nennt  einen  Sohn  des  Eury- 
tos von  Oichalia  Deioneus.  Ovid.  Met.  9,  325 
giebt  der  Iole  noch  eine  Stiefschwester  Dry- 
ope.  — Eurytos  war  wie  sein  Vater  ein  aus- 
gezeichneter Bogenschütze  (=  ’Eqvzos , Butt- 
mann, Lexil.  1,  146.  Welcher,  ep.  Cycl.  1,  229; 
vgl.  jedoch  N.  Jahrbb.  f.  Philol,  1873,  199); 
Apollon  hattfe  ihm  den  Bogen  gegeben  und 
ihn  die  Kunst  des  Bogens  gelehrt,  Schol.  II. 
5,  392.  Ap.  Bh,  1,  88.  Aber  Eurytos  wagte 
auch  den  Gott  zum  Wettkampf  im  Bogen- 
schiefsen  herauszufordern  (vgl.  Hygin.  f.  14, 
p.  40  Bunte),  und  das  brachte  ihm  bald  den 
Tod ; er  starb  durch  den  Zorn  des  Apollon  in 
seinem  Hause,  bevor  er  das  Greisenalter  er- 
reichte, und  binterliefs  seinen  Bogen  dem 
Sohne  Iphitos.  Mit  demselben  Bogen  tötete 
Odysseus  am  Festtage  des  Apollon  die  Freier; 
denn  Iphitos  hatte  ihm  denselben  als  Gast- 
geschenk gegeben,  Od.  8,  224ff.  21,  14ff.  Den 
Herakles  hatte  Eurytos  im  Bogenschiefsen 
unterrichtet,  Apollod.  2,  4,  9.  11.  Theokrit. 
Id.  24  (19  Ahrens),  105.  Eustath,  299,  13. 
Tzetz.  Dyk.  50.  458.  Die  gewöhnliche  Sage 
von  Eurytos  dreht  sich  um  die  Feindschaft 
und  den  Kampf  mit  Herakles,  der  ursprüng- 
lich auf  Gründen  historischer  Art  beruht,  auf 
der  Feindschaft  der  Dorier  mit  den  Oichaliern 
(Müller,  Dorier  1,  294),  und  sie  erzählt  in  der 
neueren,  seit  Kreophylos  herrschenden  Form, 
wie  Eurytos  die  Hand  seiner  Tochter  Iole  dem 
verspricht,  der  ihn  im  Bogenschiefsen  über- 
treffe, wie  Herakles  ihn  besiegt,  aber,  als  er 
die  Iole  verlangt , von  Eurytos  und  seinen 
Söhnen  mit  Hohn  abgewiesen  und  aus  dem 
Hause  geworfen  wird.  Deswegeir  unternimmt 
Herakles  einen  Rachezug  gegen  Oichalia  (in 
Euboia),  zerstört  die  Stadt,  tötet  den  Eurytos 
und  seine  Söhne  und  führt  die  Iole  als  Kriegs- 
gefangene mit  sich  fort  (Braun,  Gr.  Götterl. 
§ 650.  651).  An  diesen  Sieg  knüpft  sich  dann 
unmittelbar  der  Tod  des  Herakles,  und  Iole 
wird  die  Gemahlin  des  Hyllos,  des  ältesten 
Sohnes  des  Herakles  und  der  Deianeira.  Das 
Nähere  siehe  unter  Herakles  und  Iphitos, 
dessen  Ermordung  durch  Herakles  auch  mit 
diesem  Streite  zusammenhängt.  Gewöhnlich 
heifst  es,  Herakles  habe  bei  der  Eroberung 
von  Oichalia  den  Eurytos  und  seine  Söhne 
getötet  (Apollod.  2,  6,  1.  3.  2,  7,  7);  Diod. 
4,  37  sagt,  Herakles  sei  gegen  die  Söhne  des 
Eurytos  nach  Oichalia  gezogen  und  habe  sie 


io 

20 

30 

40 

50 

60 


Eusebia 


1437 

getötet.  Nach  Pherekydes  ( Schol . Soph.  Tr  ach. 
354),  der  den  Eurytos  in  dem  messenischen 
Oichalia  wohnen  läl'st,  hatte  Herakles  die  Iole 
für  seinen  Sohn  Hyllos  gefordert  und  erschlug 
später  nach  Eroberung  der  Stadt  die  Söhne 
des  Eurytos,  während  dieser  selbst  nach  Euboia 
entfloh  (wo  er  ein  neues  Oichalia  erbaut  haben 
wird).  Es  ist  nämlich  an  dieser  Stelle  statt 
des  fliehenden  Iphitos  Eurytos  zu  setzen,  wie 
man  aus  Herodor  bei  Schol.  Eurip.  Hippol. 
545  ersieht.  Vgl.  Müller,  Dorier  2,  469.  Nach 
Skythinos  aus  Teos  bei  Athen.  11,  461  f.  tötet 
Herakles  den  Eurytos  und  seinen  Sohn  (Iphi- 
tos), weil  sie  Tribut  von  den  Euböern  einge- 
trieben, und  Lysimachos  Alex,  bei  Schol.  Eurip. 
Hippol.  545  gab  als  Grund  des  Kriegszuges 
gegen  Oichalia  an,  dafs  die  Oichalier  30  Ta- 
lente Silbers  als  Preis  für  den  erschlagenen 
Iphitos  gefordert.  — Die  Gebeine  des  Eurytos 
wurden  bei  Andania  (d.  i.  Oichalia)  im  kar- 
nasischen  Cypressenhain  aulbewahrt,  wo  ihm 
jährlich  vor  dem  mystischen  Feste  der  grofsen 
Göttinnen  Totenopfer  dargebracht  wurden. 
Paus.  4,  2,  2.  4,  3,  5.  4,  33,  5.  Müller,  Dorier 

1,  100.  Curtius  Pelop.  2,  134.  — Auf  einer  in 
Lamia  gefundenen  lateinischen  Inschrift,  wo- 
rin die  Grenzlinie  des  Gebietes  der  Lamier 
und  der  Hypatäer  festgesetzt  ist,  C.  I.  L.  3,  1 
nr.  586,  wird  ein  Monumentum  Euryti  erwähnt; 
dies  wird  sich  in  einer  Gegend  befunden  haben, 
wo  man  das  von  Strabo  10 , 448  erwähnte 
trachinische  Oichalia  annahm.  Auch  in  Aito- 
lien  gab  es  ein  Oichalia,  in  der  Gegend,  wo 
die  nach  Eurytos  benannten  ( Aristot . bei  Tzetz. 
Lylc.  799)  Eurytanen  wohnten,  Strabo  10,  448. 
Nach  Anton.  Lib.  4 eroberte  Melaneus,  Sohn 
des  Apollon,  König  der  Dryoper,  ganz  Epeiros 
und  zeugte  Eurytos  und  Ambrakia,  nach  wel- 
cher die  Stadt  Ambrakia  genannt  war.  — 3) 
Sohn  des  Aktor  in  Elis  (oder  des  Poseidon) 
und  der  Molione,  Bruder  des  Kteatos,  Apollocl. 

2,  7,  2.  Paus.  2,  15,  1.  5,  2,  1.  Diod.  4,  33, 
der  ihn  fälschlich  Sohn  des  Augeias  (seines 
Oheims)  nennt.  Er  zeugte  mit  Theraiphone, 
Tochter  des  Dexamenos  aus  Olenos,  den  Thal- 
pios,  Paus.  5,  3,  4.  Apollod.  3,  10,  8.  II.  2, 
620.  Bei  Eurip.  Ipli.  Aul.  282  heifst  Eurytos 
Anführer  der  Epeer  vor  Troja.  S.  Aktorion. 
— 4)  Sohn  des  Hippokoon,  Königs  in  Sparta, 
von  Herakles  mit  Vater  und  Brüdern  erschla- 
gen, Apollod.  3,  10,  5;  s.  Hippokoon.  — 5) 
Ein  griechischer  Kämpfer  vor  Troja,  Freund 
und  Genosse  des  Elephenor,  von  Eurypylos 
getötet,  Quint.  Smyrn.  8,  111.  — 6)  Phylar- 
chos  bei  Schol.  Ap.  Rh.  4,  1561  nennt  den 
Eurypylos,  Sohn  des  Poseidon  und  der  Atlan- 
tide  Kelaino,  den  König  in  Kyrene  zur  Zeit 
der  Argonauten,  Eurytos  und  seinen  Bruder 
Lykaon.  Dieser  Lykaon  ist  nach  Akesandros 
Sohn  des  Eurypylos  und  der  Heliade  Sterope, 
Bruder  des  Leukippos.  Schol.  Find.  Pyth.  4, 
57.  Tzetz.  Lyk.  886.  — 7)  Kentaur  (=  Eury- 
tion  nr.  2),  Ovid.  Met.  12,  219.  — 8)  s.  Ery- 
tos.  [Stoll.] 

Ensebeia  oder  Eusebie  (Evo sßeia  -iy),  1) 
die  personifizierte  Frömmigkeit.  Kritias  fr. 
2 v.  22  Berglc  (v.ca  t yv  Evasßi'yg  ysixova  2b- 
cpQoavvyv).  Orph.  liymn.  prooem.  v.  14  (xcd  tu 


Euthymos  1438 

Awcaoovvyg  xs  Evoeßi'yg  gey’  ovnctg).  Sie 
besafs  ein  Heiligtum  zu  Philippopolis  in  Syrien: 
Kaibel  epigr.  1055  (=  C.  I.  Gr.  4633.  Lebas 
6,  2015).  Vielleicht  ist  hier  die  römische  Pie- 
tas gemeint.  — 2)  Die  griechische  Übersetzung 
der  römischen  Pietas  (s.  d.).  Vgl.  z.  B.  App. 

b.  civ.  2,  104,  wo  nach  Roscher  in  Fleckeisens 
Jahrbb.  1879  S.  351  Evaißaa  (nicht  svotßtia) 
zu  schreiben  ist.  [Roscher.] 

Euseiros  (Evoeigog) , Vater  des  Terambos 
(s.  d.),  Anton.  Lib.  22.  [Stoll.] 

Eusoros  ( Evoagog , ’EvacoQog),  ' 1)  thraki- 
scher  König,  dessen  Sohn  Akamas  ( Jl . 2,  844) 
im  trojanischen  Kriege  Bundesgenosse  des  Pria- 
mos  war.  II.  6,  8.  Tzetz.  Hom.  112.  Schol. 
Ap.  Rh.  1,  948.  — 2)  Thrakischer  König, 
Vater  der  Ainete , welche  dem  (Thessaler, 
Schol.  Ap.  Rh.)  Aineus  den  Kyzikos  gebar, 
Ap.  Rh.  1,  948  und  Schol.  Bei  Orph.  Arg. 
502  ist  Eusoros  für  Eudoros  und  Ainete  für 
Ainippe  zu  schreiben.  Vgl.  Val.  Flacc.  3,  4. 
Hygin.  f.  16  nennt  Eusoros  Vater  des  Kyzikos. 

[Stoll.] 

Enteiches  (Eutei^s)  , Sohn  des  Hippokoon 
(s.  d.),  des  Königs  in  Sparta,  Apollod.  3,  10,  5, 
wo  manche  Evxvpyg  schreiben.  Allcman  bei 
Cram.  Anecd.  Ox.  1,  159,  2:  Evxtiiy  x’  avccux’ 
’AQryov  (fr.  11  Bergk.);  vgl.  Schol,  II.  16,  57. 

[Stoll.] 

Eutelie  (EvxslCy),  die  Personifikation  der 
Einfachheit,  Sparsamkeit,  welche  als  Tochter 
der  Sophrosyne  bezeichnet  wird.  Grates  phil. 
in  der  Anthol.  Pal.  10,  104  (vgl.  Iuliani  oral. 
6 p.  199).  [Steuding.] 

Euterpe  (Evrignii)  s.  Musen  und  vgl.  Eu- 
turpa. 

Euteucliios  (Evx,£v%iog),  ein  Euböer,  dem 
von  den  Kyklopen  die  ersten  Waffen  (xev%scc) 
verfertigt  worden  waren,  Istros  bei  Schol.  II. 
10,  439.  [Stoll.] 

Eutheuia  (Ev&yvw) , Personifikation  des 
Überflusses  und  der  Fülle,  dargestellt  als  eine 
hingelehnte  Frau,  auf  eine  Sphinx  gestützt, 
Mohn  und  Ähren  in  der  Rechten,  auf  Münzen 
von  Alexandrien  ( Zoega , N.  Aegypt.  10,  1.  G. 
M.  379),  als  eine  Frauenfigur  mit  einer  grofsen 
Schale  auf  dem  Relief  von  Thyrea  (Ann.  dell' 
Inst.  1,  tav.  C 1.  Vgl.  Müller,  Ildb.  d.  Ar  eh 3 
407,  2).  [Roscher.] 

Euthymachos  (Ev&vyct%og) , Teilnehmer  an 
der  Kalydonischen  Eberjagd  auf  der  Francois- 
vase : C.  I.  Gr.  8185  a.  [Roscher.] 

Eutliymia  (Ev&vgia),  Frohsinn,  Fröhlich- 
keit, besonders  beim  Mahle.  Personifikation, 
Pindar.  fr.  127.  Bocclch  (132  Bergk)  bei  Athen. 
5,  p.  191  f.  Eustatli.  Od.  1490,  38.  Gerhard, 
Gr.  Myth.  1 §.466,  3.  614,  5.  Eine  Statue 
derselben  erwähnt  Memn.  fr.  4 in  Phot,  bibl, 

c.  224,  p.  224.  Vgl.  Euthymie.  [Stoll.] 
Euthymie  (Ev&vgiy) , Mainade  auf  einer 

Berliner  Prachtamphora,  abg.  Gerhard,  Apul. 
Vasenb.  15.  G.  I.  Gr.  8399.  Heydemann,  Sat.- 
u.  Bakchennamen  17  u.  40,  der  auf  Mnesitheos 
b.  Athen.  36 AB.  (vergl.  ib.  39 E)  verweist. 
Vgl.  Euthymia.  [Roscher.] 

Euthymos  (Ev&vg og,  Wohlgemut),  ein  He- 
ros aus  dem  unteritalischen  Lokris,  Sohn  des 
Flufsgottes  Kaikinos  (zwischen  dem  Gebiet 


1439  Euturpa 

von  Lokris  und  Rhegion),  welcher  die  Teme- 
säer  von  einem  bösen  Dämon  befreite,  so  dafs 
sie  wieder  „wohlgemut“  sein  konnten.  Dieser 
Dämon  war  die  Seele  des  Polites,  eines  Ge- 
fährten des  Odysseus  ( Od . 10,  224),  den  die 
Bewohner  von  Temesa  bei  einer  Landung  des 
Odysseus  gesteinigt  hatten,  weil  er  in  der 
Trunkenheit  einer  Jungfrau  Gewalt  angethan 
hatte.  Der  zürnende  Geist  des  Getöteten 
wüi-gte  daher  ohn’  Unterlafs  viele  Menschen,  i 
bis  die  Temesäer  ihn  auf  Geheifs  des  Orakels 
dadurch  versöhnten , , dafs  sie  ihm  ein  Heroon 
bauten  und  jährlich  die  schönste  Jungfrau 
übergaben.  Einst  kam  Euthymos  nach  Te- 
mesa, als  eben  wieder  eine  Jungfrau  dem  Dä- 
mon in  den  Tempel  geführt  worden  war;  er 
ging  sie  zu  sehen,  und  da  sie  ihm  versprach, 
sein  Weib  zu  werden,  so  rang  er,  ein  starker 
Faustkämpfer,  um  sie  mit  dem  Dämon  und 
besiegte  ihn.  Der  Dämon  wich  aus  dem  2 
Lande  und  tauchte  ins  Meer;  Euthymos  aber 
heiratete  die  Jungfrau.  Er  erreichte  ein  aufser- 
gewöhnlich  hohes  Alter  und  verschwand  von 
der  Erde,  ohne  eigentlich  zu  sterben.  Die 
Volkssage  hat  mit  ihm  einen  lokrischen  Olym- 
piasieger, einen  Faustkämpfer  aus  der  Zeit  des 
Xerxes,  Sohn  des  Astykles,  vermischt.  Paus. 

6,  6,  2 ff.  Strab.  6,  p.  255.  Aelian.  v.  h.  8,  18. 
Eustath.  Hom.  1409,  13.  Welcher,  Alte  Denivm. 

3,  p.  484.  [Stoll.]  3 

Euturpa  (euturpa),  etruskisierte  Namens- 
form der  Muse  Euterpe  (Evr  sgurj;  s.  Musen), 
auf  einem  Spiegel  von  Bomarzo  im  Vatikani- 
schen Museum,  wo  sie  im  Wettstreite  mit  Th  a- 
myris  (etr.  tpamu)  dargestellt  ist,  im  Hinter- 
gründe Eris  (s.  d.),  seitwärts  Alpnu,  eine 
schmückende  Göttin,  und  ein  Greis  Archaze 
= ’AQHuthog,  die  Örtlichkeit  andeutend;  s. 
Bunsen,  Ann.  1836,  282  ff. ; Monum.  vol.  2, 
tav.  XXVIII;  Mus.  Etr.  Vatic.  I,  tav.  XXV;  4 
Gerhard,  Etr.  Spiegel  4,  58 ff. ; tav.  CCCXX1II; 
Fabretti,  C.  I.  I.  2412;  Corssen,  Spr.  d.  Etr.  1, 
257 ff.;  s.  auch  l)e  Witte,  Nouv.  ann.  1,  507 ff. ; 
Gennarelli,  Giorn.  Arcad.  85,  168  ff.  — - Die 
gleiche  Namensform  Euturpa  zeigt  ein  Spie- 
gel von  Chiusi,  im  Besitze  des  Herrn  Dela- 
touche,  wo  die  Göttin  als  Begleiterin  der  Al- 
tria  (s.  d.)  vorangeht,  während  Thal  na 
(ffalna)  derselben  folgt;  vor  ihr  steht  ein 
Mann,  dessen  Bild  fast  ganz  zerstört  ist,  mit  5 
dem  Namen  Ai  che;  s.  Micali  Monum.  ined. 
123;  tav.  XX,  2;  Braun  und  Welcher,  Ann. 
1843,  356ff. ; 1845,  209;  Gerhard,  Etr.  Spiegel 
3,  185;  tav.  CLXXXVII1 ; Fabretti,  C.  1. 1.  481; 
Corssen , Spr.  d.  Etr.  1,  375  ff.,  nr.  23.  — Mit 
gi-iechischer  Endung  endlich  findet  sich  Eu- 
turpe  neben  Talmithe  (talmiffe)  d.  i.  Pala- 
medes,  Elinai  d.  i.  Helena,  Ziumithe  (ziu- 
miffe)  d.  i.  Diomedes,  und  den  beiden  Atriden 
(etr.  acmemrun  u.  rnnele,  beide  Namen  nur  e 
maugelhaft  lesbar),  auf  einem  Spiegelfragment 
unbekannter  Herkunft,  einst  im  Museum  Bor- 
gia zu  Velletri,  jetzt  vielleicht  im  Museum  zu 
Neapel;  s.  Inghirami  Gail.  Omer.  2,  52 ff. ; tav. 
CXL1,  mit  Kommentar  von  Lanzi;  Gerhard, 
Etr.  Spiegel  3,  tav.  CXCVI;  Fabretti,  C.  J.  I. 
25,  13,  tav.  XLIV  = 2511  (unvollständig, 
nach  De  Witte,  Bullet.  1842,  151).  Hier  ist 


Evan  1440 

die  Bedeutung  der  Muse  zurückgetreten , wie 
vielleicht  schon  auf  dem  chiusinisclien  Spiegel, 
und  die  Göttiu  erscheint  als  Seitenstück  zur 
Helena,  die  bräutlich  verschleiert  ist,  als  Re- 
präsentantin sinnlicher  Schönheit  und  des  Lie- 
besgenusses  (zu  TEgnsd-cu  „sich  freuen“).  Vgl. 
noch  Corssen,  Spr.  d.  Etr.  1,  257;  S.  Bugge , 
Beitr.  1 (Etr.  Forsch,  u.  Stud.  4),  25;  Bezzen- 
berger,  Beitr.  2,  164,  nr.  12.  [Deecke.] 

0 Eutyches  s.  Euteiches.  [Stoll.] 

Eutycliia  (EvzvxCa) , 1)  vielleicht  Begleite- 
rin der  Aphrodite  auf  einem  das  Parisurteil 
darstellenden  Vasengemälde  C.  I.  Gr.  8400. 
Gerhard , Abh.  1,  152  (vgl.  Eudaimonia).  — 2) 
= Tyche:  C.  I.  Gr.  8445.  Vergl.  auch  die 
Gemme  C.  I.  Gr.  7344  mit  der  Inschrift  BONa 
EVTv%lu.  — B)  Griechische  Übersetzung  von 
Felicitas  (s.  d.).  ^Roscher.] 

Euxantios  (Ev^avziog),  Sohn  des  Minos  und 
to  der  Dexithea,  Apollod.  3,  1,  2,  wo  die  falsche 
Lesart  Evlgccvthog  steht  (Et.  M.  p.  394,  34. 
Bekker , Anecd.  p.  830,  25).  Nach  Schol.  Ap. 
Bhod.  1,  185  ist  er  Vater  des  Miletos,  nach 
welchem  die  Stadt  Miletos  benannt  war.  Vgl. 
Preller,  Gr.  Mythol.  2 , 127.  Die  Euxantiden 
scheinen  ein  milesisches  Geschlecht  gewesen  zu 
sein,  Müller  frg.  hist.  gr.  4 p.  334,  1.  [Stoll.] 
Euximus , ein  Gefährte  des  Äneas,  nach 
dessen  Amme  Boia  Baiae  in  Campanien  be- 
0 nannt  worden  sein  soll,  Serv.  Aen.  9,  710. 
Nach  Varro  (Serv.  ib.)  hatte  Baiae  seinen 
Namen  von  dem  dort  begrabenen  Baios,  einem 
Begleiter  des  Odysseus.  Vgl.  Baios.  [Stoll.] 
Euxippe  (Evfymig),  Gemahlin  des  ’Akqou- 
cpsvg,  des  Erbauers  von  Akraiphia,  und  Mutter 
des  DLzcoog  (Steph.  Byz.  s.  v.  ’AnQoucpi'cc) , wel- 
cher jedoch  sonst  als  Sohn  des  Athamas  und 
der  Themisto  bezeichnet  wird.  [Steuding.] 
Evan  (evan),  etruskischer  Name  einer 
.0  Göttin,  die  der  Eos  (Hag)  (s.  d.)  am  näch- 
sten verwandt  scheint.  Sie  findet  sich  zu- 
nächst auf  einem  aus  Gerhards  Sammlung  ins 
Berliner  Antiquarium  übergegangenen  Spiegel 
unbekannter  Herkunft  neben  Tinthn  (tinffn) 
d.  i.  Tithonos,  eingerahmt  von  Thetis  (ffeffis) 
und  einem  Jünglinge,  dessen  undeutlich  ge- 
wordenen Namen  S.  Bugge,  Beitr.  1 (Etr. 
Forsch,  u.  Stud.  4),  34ff.  Tiasii  lesen  möchte 
= *<hQ'LcoGi.og  d.  i.  Achilleus;  s.  Gerhard,  Etr. 
0 Spiegel  3,  217;  tav.  CCXXXII;  Fabretti  C.  1. 1. 
2506;  Corssen,  Spr.  d.  Etr.  1,  260;  820.  — 
Neben  Atunis  d.  i.  Adonis  und  der  Njunphe 
Me  an  erscheint  dieselbe  Göttin  auf  einem 
Spiegel  aus  Corneto  Tarquinii  in  der  Samm- 
lung Marzi,  hier  also  als  Nebenbuhlerin  der 
Turan  d.  i.  Venus,  die  sonst  mit  dem  Atunis 
gepaart  zu  werden  pflegt;  s.  Hclbig , Bullet. 
1878,  84;  Gamurrini,  App.  zu  Fabretti  C.  1. 1. 
770.  — Isoliert  bietet  die  Göttin  ein  Spiegel 
0 aus  Sovana,  von  Herrn  Busatti  an  Gamurrini 
gesandt  (a.  a.  O.  762),  während  über  ihr  vier 
Personen  sich  zeigen,  deren  Namen  leider  er- 
loschen sind:  in  der  Mitte  Herakles  (?)  und 
Minerva,  an  den  Seiten  zwei  Jünglinge.  — 
Mit  diesem  Spiegel  identisch  scheint  Gamurrini, 
App.  643,  ein  angeblich  orvietanischer  Spiegel 
beim  Antiquitätenhändler  Pacini  in  Florenz. 

[Deecke.] 


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